Anders als Maximilien Luce, dem der letzte Pariser Ausstellungsbericht gewidmet war, müssen Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely nicht vorgestellt werden. Die Frage ist hier eher, ob es sich denn lohnt, diese Ausstellung zu besuchen, auch wenn man viele Werke der beiden schon kennt. Für mich gibt es vier Gründe, die dafür sprechen:
Ort der Ausstellung ist das Grand Palais, erbaut für die Weltausstellung von 1900. Nach langen Renovierungsarbeiten wurde es für die Olympischen Spiele 2024 in Paris wieder eröffnet. Die Ausstellung bietet also die Möglichkeit, einen Eindruck von dem „neuen“ Grand Palais zu erhalten. Allerdings findet sie leider nicht im großen zentralen Raum unter der gläsernen Kuppel statt, sondern in einem Seitentrakt.
In der Ausstellung geht es nicht nur um Saint Phalle und Tinguely, sondern auch um den weniger bekannten Pontus Hulten. den ersten Direktor des Centre Pompidou, der die beiden Künstler nach Kräften förderte und dazu beitrug, dass Paris zu einem Zentrum des Arbeitens, Schaffens und der Präsentation von Werken Saint Phalles und Tinguelys wurde. Auch insofern war die Ausstellung -für uns jedenfalls- eine Bereicherung.
Es gibt eine Reihe von Exponaten Niki de Saint Phalles, die man vielleicht schon kennt, aber gerne wieder sieht.
Und es gibt ganz besondere, höchst phantasievolle und mächtige Maschinen und Installationen Tinguelys, die man hier sogar in Betrieb beobachten kann.
Ausschnitt eines Werbeplakats in der Pariser Metro
Ein erster Eindruck vom neuen Grand Palais
Der frisch herausgeputzte Brunnen vor dem Eingang zur Ausstellung
Das neue Foyer mit Boutique und Zugang zu den verschiedenen Ausstellungen
Der Glanz der Belle Époque…
… an dem stellenweise aber noch gearbeitet wird…
Die mächtige Glaskuppel im zentralen Raum des Grand Palais beeindruckt wieder wie ehedem.
Pontus Hulten, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle
Der Schwede Pontus Hulten (1924-2006) war von 1977-1981 der erste Direktor des Musée national d’art moderne im Centre Pompidou, zuvor seit 1958 Direktor des neu geschaffenen Moderne Museet in Stockholm. 1954 hatte er Jean Tinguely in Paris kennengelernt, 1960 auch dessen neue Partnerin Niki de Saint Phalle. Hulten unterstützte und ermutigte die Beiden nach Kräften, kaufte Werke von ihnen, organisierte Ausstellungen: Am spektakulärsten die Stockholmer Ausstellung „Hon- en katedral“- eine riesige, auf dem Rücken liegende Nana, die das Publikum betreten konnte…
Im Grand Palais ist ein kleines Modell dieses skandalträchtigen Werkes ausgestellt. Es wird auch das Plakat einer Niki de Saint Phalle-Ausstellung in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle gezeigt.
Es ist versehen mit einer Widmung für Pontus Hulten: mit großer Zuneigung und Dankbarkeit dafür, dass er sie die letzten 32 Jahre lang unterstützt habe. Besonders hebt sie ihre von Hulten organisierte erste öffentliche Schieß-Aktion in Stockholm hervor. Mit ihren Schießbildern (siehe unten auf dem Plakat: shooting paintings) wurde Niki de Saint Phalle ja berühmt. Und Hulten habe La Hon ausgestellt und wichtige Werke wie den -im Grand Palais gezeigten- King Kong gerettet.
Niki de Saint Phalle: Liebe, Spiel und Gewalt
Hier möchte ich vor allem zwei ausgestellte Werke vorstellen, die mich besonders beeindruckt haben:
Das Künstlerbuch My Love aus dem Jahr 1971 ist ein entzückend illustriertes Leporello, in dem das ganze Spektrum von Niki de Saint Phalles Farben und Formen versammelt sind.
Natürlich denkt man beim Betrachten der Bilder unwillkürlich an ihre Beziehung mit Jean Tingely.
Niki de Saint Phalle und Tingeley hatten sich zwar 1969 getrennt, arbeiteten aber weiter eng zusammen und heirateten 1971, im Erscheinungsjahr von My Love, und übernahmen damit Verantwortung für die Bewahrung des gemeinsamen künstlerischen Erbes.
Diese verspielte leuchtende Figur Niki de Saint Phalles (sans titre, um 1980) gehörte zur privaten Sammlung Hultens. Die vermachte er kurz vor seinem Tod zum Teil dem Moderna Museet, wie diese Figur aus Hultens Badezimmer, und zum Teil dem Centre Pompidou.
Le Monstre de Soisy (um 1966) ist benannt nach Soisy-sur-École (Essonne), wo Niki de Saint Phalle und Jean Tingely ein Haus und Atelier bezogen, nachdem sie ihr Pariser Atelier im Impasse Ronsin verlassen mussten. Später schmückte das Ungeheur den Salon im Haus Pontus Hultens an der Loire, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Kurz vor seinem Tod schenkte er es dem Centre Pompidou.
Monster/Ungeheuer spielen im Werk Niki de Saint Phalles eine große Rolle – auch im My love-Leporello gibt es ein menschenfressendes Ungeheuer, das dort allerdings seine Beute wieder ausspuckt…
In Niki de Saint Phalles monumentalem Werk King Kong (1962) gibt es kein Entrinnen. Es thematisiert den nuklearen Holocaust, das Ende der menschlichen Zivilisation.
Der Name des Ungeheuers, King Kong, verweist auf den Film von 1933 und die mit Hasendraht überzogene Käfig-artige Hochhauskulisse, über die er sich hermacht, auf New York.
Ganz unverkennbar handelt es sich hier um ein Schießbild: Niki de Saint Phalle hatte bei diesen Bildern Farbbeutel unter einem Gipsüberzug angebracht. Beim Beschießen des ursprünglich weißen monochromen Werkes platzten dann die Farbbehälter auf und die Farben liefen über das Relief.
Zusammen mit dem urtümlichen King Kong sind es moderne Flugzeuge und Raketen, die die Stadt angreifen- ein durchaus realistisches Szenario nach der Kubakrise von 1961, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand.
Diesen Bezug stellt Niki de Saint Phalle ganz deutlich her: Integriert in das King Kong-Relief sind die Köpfe/Masken von -männlichen- Staatsmännern wie Nikita Chruschtschow, Fidel Castro und John F. Kennedy, den Protagonisten der Kuba-Krise. Damals wurde der große Krieg gerade noch vermieden, aber beim Betrachten des Werks kommt einem wohl unwillkürlich auch 9/11 in den Sinn, und gerade derzeit werden wir ja Zeugen grauenhafter Kriege mit großen Zerstörungen und unermesslichem menschlichen Leid. Insofern hat Niki de Saint Phalles King Kong eine anhaltende bedrückende Aktualität, und es fällt nicht schwer, sich eine entsprechend erweiterte Reihe von Staatsmänner-Masken vorzustellen …
Niki de Saint Phalle, eher bekannt für ihre lebenslustigen bunten Nanas, betrachtete King Kong als eines ihre wichtigsten Werke. Mit zwei ausdrücklich so bezeichneten Vorarbeite hat sie das große Relief vorbereitet: Mit den heads of state (study for King Kong) und mit dem Tyrannosaurus Rex (study for King Kong).
Die intensive Beschäftigung mit dem Thema der Gewalt, wie sie sich gerade auch in den übermächtigen Gestalten des King Kong und des Tyrannosaurus Rex ausdrückt, hatte für Niki de Saint Phalle auch eine ganz persönliche Dimension: Als Kind wurde sie von ihrem Vater sexuell missbraucht, und so war die Kunst für sie -mit ihren eigenen Worten- „Erlösung und Notwendigkeit.“
Die phantastischen Maschinen von Jean Tinguely
Die Ausstellung bietet einen eindrucksvollen Überblick über das Werk von Jean Tinguely. Dazu gehört auch eine entzückende Hommage an Wassily Kandinsky, die auch aus der Tinguely-Sammlung Hultens stammt.
Jean Tinguely, Méta-Kandinsky I (1956), auch Wundermaschine genannt.
Am eindrucksvollsten in der Ausstellung ist aber wohl für Präsentation großer Maschinen:
Dies ist die eine Ball-Transport- und Wurfmaschine: Rotozaza I aus dem Jahr 1967. Es ist, nach der beigefügten Informationstafel, „eine verschlingende Maschine, die den Produktionsprozess pervertiert, da sie mit Ballons gefüttert wird, die sie wieder ausspuckt. Sie ist spielerischer Ausdruck der Kritik Tinguelys am kapitalistischen System und seines anarchistischen und rebellischen Geistes. Damit richtet sie sich besonders an Kinder, die für Tinguely seine beliebtesten Adressaten (public préféré) waren.“ Leider war diese Maschine nicht in Betrieb: Kinder hätten sicherlich eine große Freude daran gehabt, die Maschine mit den ausgeworfenen Bällen zu füttern…
Dafür allerdings war dieses gewaltige Fahrzeug im Centre Pompidou aufgebaut und auch in regelmäßigen Abständen im Betrieb zu sehen und zu hören:
Auf diesem Foto sieht man Jean Tinguely neben der Maschine (Meta 3, 1970/1971) im gemeinsamen Atelier in Dannemois, Essonne (Foto)
… und hier im Grand Palais.
In regelmäßigen Abständen wird das Ungetüm in Bewegung gesetzt: Ein eindrucksvolles, lautstarkes Schauspiel, das man nicht versäumen sollte.
Im Hintergrund an der Wand eine Vitrine mit Modellen zum Strawinsky-Brunnen. (siehe unten)
End- und wohl auch Höhepunkt der im Grand Palais präsentierten Werke Tinguelys ist seine spektakuläre Hölle (L’enfer, un petit début) aus dem Jahr 1984.
Es ist eine einen ganzen großen Raum ausfüllende Installation aus verschiedensten Materialen und Objekten, die mit mehreren Elektromotoren in Bewegung versetzt werden und auch die verschiedensten Geräusche erzeugen. Das Centre Pompidou kaufte das in immer neuen Variationen verschiedentlich ausgestellte Werk anlässlich einer Retrospektive Tinguelys 1990 auf.
… wasserspeiende Pinguine…
… bunte, blinkende Jahrmarkts-Lampen….
…der präparierte Schädel eines Elches: Wie die Totenschädel Symbole des uns angrinsenden Todes („la mort qui nous fait des grimaces“).
Gemeinsame Projekte: Der Strawinsky-Brunnen und der Cyklop
In Paris und seinem Umland gibt es zwei monumentale gemeinsame Projekte von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely: Den Strawinsky-Brunnen am Centre Pompidou und den Cyklop im Wald bei Milly-la-Forêt.
Der wunderbare Strawinsky-Brunnen aus dem Jahr 1983 spielt in der Ausstellung nur eine Nebenrolle. Das beruht darauf, das Pontus Hulten bei seiner Errichtung keine Rolle gespielt hat. Initiator des Brunnens war Pierre Boulez, der dabei von Claude Pompidou, der Frau des damaligen Premierministers, und von Jacques Chirac, dem damaligen Bürgermeister von Paris, unterstützt wurde. Zunächst ging der Auftrag für den Brunnen allein an Tinguely, der aber darauf bestand, dass auch Niki de Saint Phalle beteiligt wurde.
In der Ausstellung im Grand Palais sind immerhin in einer Vitrine einige Modelle von Brunnenfiguren ausgestellt:
Der „obligatorische“ Totenkopf: Planskizze und Ausführung
Ende der 1960-er Jahre entwickelte Jean Tinguely zusammen mit Niki de Saint Phalle und dem Schweizer Künstler Bernhard Luginbühl den geradezu wahnwitzigen Plan, bei Milly-la-Forêt, am Rande des Waldes von Fontainebleau, insgeheim, abseits der Öffentlichkeit, den monumentalen Kopf ein gewaltigen Monsters, zu errichten. 25 Jahre lang dauerten die Arbeiten, bis das einäuige Ungeheuer, „sicherlich das Werk seines Lebens“ (F. Taillade) fertig war. Insgesamt fünfzehn befreundete Künstler hatten dabei mitgewirkt. Sein Name -nach der Figur in Homers Odyssee: Cyklop.
In den 1980-er Jahren wurde das im Entstehen begriffene Werk Opfer des Vandalismus. Die Künstler schenkten es daraufhin dem französischen Staat, der die Verantwortung für seinen Schutz, seine Fertigstellung und seinen Betrieb der Gesellschaft Le Cyclop übertrug, deren erster Präsident Pontus Hulten war. Nach dem Tod Tinguelys waren es Niki de Saint Phalle und Hulten, die entsprechend den Plänen Tinguelys das Werk vollendeten. 1994 wurde der 22 ½ Meter hohe und 350 Tonnen schwere Koloss von Präsident Mitterand eingeweiht.
In der Ausstellung sind Entwurfszeichnungen Tinguelys zu sehen.
Auch ein Modell des Cyklopen aus Metall und Glas ist ausgestellt.
Vielleicht animiert die Ausstellung dazu, sich den Cyklopen an Ort und Stelle anzusehen. Es ist ein außergewöhnliches Gesamtkunstwerk, das man im Rahmen von Führungen betreten und besteigen kann. Es gibt viel zu entdecken! Und dann setzen sich auch mit ohrenbetäubendem Lärm die Maschinen in Bewegung…
…Ich werde einen ganzen Band brauchen, um die wahre, wundersame, trostlose Geschichte der Errichtung „meines Theaters“ zu erzählen. Gabriel Astruc
Vorwort
Ja, ein ganzes Buch ließe sich zur komplizierten und auch verwirrenden Geschichte des Théâtre des Champs-Élysées schreiben. Hier wollen wir uns nur auf seine Architektur beschränken. Musikgeschichtliche Aspekte werden in diesem Zusammenhang nur gestreift. Auch auf die sicherlich interessante Nutzungsgeschichte nach 1913 können wir nicht eingehen. Sie würde den Rahmen unserer Betrachtung sprengen.
Im ersten Teil werden wir die Konzeption des Theaters bis hin zu seiner Realisierung inmitten des Ringens um eine nationale französische Architektur der Moderne verfolgen und mit seiner zeitgenössischen Rezeption schließen. Im zweiten Teil stellen wir den Bau und seine Dekoration selbst mit besonderem Gewicht auf seine Fassade, sein Foyer und den großen Saal vor. Den Abschluss bildet die eigene Bewertung. (Lesezeit 60 Minuten)
I. Teil: Konzeption des Theaters bis hin zu seiner Realisierung
Alles beginnt mit Gabriel Astruc (1864–1938). Ohne ihn gäbe es das Théâtre des Champs-Élysées nicht. Astruc, Sohn des Großrabbiners von Belgien, ist eine schillernde Persönlichkeit: Stammgast im Bohème-Kabarett Le Chat Noir in Montmarte, Kolumnist, Herausgeber des Musikmagazins Musica, Dramatiker, Booking-Agent und Impresario. Die von ihm 1905 gegründete Société Musicale G. Astruc et Cie organisiert die „Grande Saison de Paris“, die jedes Jahr von April bis Juni eine große Anzahl von Musikveranstaltungen bot, die eine große Vielfalt an Genres, Stilen und Musiktraditionen umfassten und bei denen einige der berühmtesten Künstler aus aller Welt auftraten. Astruc bringt auch Sergei Diaghilevs Ballets Russes und Strawinsky auf die Pariser Bühnen. Und Strawinskys „Sacre du Printemps“-Aufführung im Mai 1913 gerät zum wohl legendärsten aller Theaterskandale, der fast das Ende des gerade erst erbauten Theaters bedeutet hättet.
1906 beginnt der leidenschaftliche Musikliebhaber und Gründer der Société musicale Astruc, unterstützt von Komponisten wie Claude Debussy, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Paul Dukas, seinen Plan zu verwirklichen, in Paris einen philharmonischen Palast zu errichten. Die Ideen hierzu reichen schon auf das Jahr 1902 zurück. In der Musikzeitschrift Musica hatte Charles Joly, enger Freund von Astruc, im Artikel Un Théâtre de musique idéal auf die Notwendigkeit eines neuen Musiktheaters in Paris hingewiesen. Für Joly verkörperten zwei Theater die idealen Bedingungen sowohl für Oper als auch für symphonische Musik, „intelligent gestaltet: das von Bayreuth und das des Prinzregenten in München“.[1a]
Beiden Theatern, Otto Brückwalds von 1872-1875 erbautes Festspielhaus in Bayreuth und das Prinzregententheater Max Littmanns, 1900/01 errichtet, sind die äußerste Zweckmäßigkeit bei von Zuschauerraum und Bühne mit Konzentration auf das aufgeführte Werk gemeinsam. Ein amphitheatralisch ansteigendes Auditorium bietet gute Sicht von allen Plätzen und durch die Einbeziehung eines Proszeniums, das sowohl eine Erweiterung des Bühnenraums zu den Zuschauern hin als auch einen Orchestergraben einschließt, verbessern sich die Sicht- und Hörbarkeit der Sänger.
Astrucs teilt Jolys Wertschätzungen wie auch dessen Bewunderung der Musik Richard Wagners. Später, 1933, in der nationalistisch aufgeheizten Stimmung, muss er sich gegen den Vorwurf verteidigen, er habe das Théâtre des Champs-Élysées gebaut, um „Wagnersche Klänge“ aufzuführen.[2] Astrucs Vorstellungen gehen über die Jolys hinaus. Er strebt danach, die Grande Saison an einem einzigartigen Ort zu veranstalten. Sein Palais Philharmonique soll ein Mehrzwecktheater sein, das wegen der angestrebten Genre- und Stilvielfalt mehrere Säle unterschiedlicher Größe umfassen soll. Frühe Entwürfe des Projekts zeigen, dass das Theater drei Säle umfassen sollte: Der Grande Salle, in dem hauptsächlich Orchestermusik, Oper und Ballett aufgeführt werden sollten, bot Platz für 2500 Zuschauer. Der Salle Moyenne, der für Kammermusik (bis zu 50 Musiker) und Virtuosen bestimmt war, fasste bis zu 1200 Personen. Der Petite Salle schließlich war so konzipiert, dass etwa 800 Personen kleinere Konzerte und Kunstausstellungen genießen konnten.
Herrschte in Paris, wie Astruc und Joly meinten, zu Anfang des 20. Jahrhundert bezogen auf die Vielfalt und Fülle des Musik(theater)programms ein veritabler Mangel an modern ausgestatteten Aufführungsstätten? Die Frage wird kontrovers beantwortet. Leila Zickgraf [3] bejaht diese Frage: Kammermusikkonzerte und Recitals mussten in den Salons der Klavierbauer, wie im La salle Pleyel der Klaviermanufaktur Pleyel, abgehalten bevor sich die Situation durch die Eröffnung der Salle Gaveau etwas verbesserte. Für Symphoniekonzerte war der einzige Saal mit einer guten Akustik die Salle du Conservatoire, ausschließlich für die etwa 24 Konzerte der Société des concerts du Conservatoire pro Jahr reserviert. Andere Säle und Häuser konnte Astruc zu selten anmieten, wie das Théâtre du Châtelet, das Sarah-Bernhardt-Theater oder die Opéra Nationale de Paris.
Cesar A. Leal [4] hingegen meint, dass im gesamten 19. Jahrhundert in den Pariser Theatern große dramatische Werke erfolgreich aufgeführt wurden und sich „während der Grande Saison de Paris vor 1913 …nicht allzu sehr vom Repertoire des Théâtre des Champs-Élysées während seiner Eröffnungssaison unterschieden.“ [5]
Die genannten Konkurrenz-Theater werden, wie wir sehen werden, später noch eine Rolle spielen, als es um die Genehmigung für den Standort von Astruc neuem Theater an den Champs-Élysées geht.
Kapitel II: Das Theater soll an den Champs-Élysées gebaut werden
Astruc hat für sein Musiktheater, das auf den ersten Plänen als Palais philharmonique firmiert, einen prominenten Platz auserkoren: am Standort des ehemaligen, von Jakob Ignaz Hittorff erbauten Sommerzirkus im Carré Marigny an den Champs-Élysées, nahe am Rond Point. Der Zirkus war um 1902 abgerissen worden.
Projekt eines Palais philharmonique im Jardin des Champs-Élysées [[5a]]
Mit dem Bau des Palais philharmonique wird zunächst der Schweizer Architekt Henri Fivaz (1856-1933) beauftragt. Fivaz hatte am Polytechnikum in Zürich studiert. Er hatte sich 1877 in Frankreich niedergelassen. Sein Architekturbüro baute Wohngebäude, das Hotel Bedford und das Restaurant Victoria in Paris, entwarf mehrere Theater-, Kasino- und Hotelprojekte außerhalb von Paris, und war auch international tätig.
Schon am 8. Juni 1906 teilt Astruc der Stadtverwaltung mit, dass die Pläne für das Theater fertig seien: „… Ich habe Herrn Bouvard, dem Leiter der Architekturabteilung der Ville de Paris, im Voraus fünf Pläne des Projekts für den Philharmonie-Palast geschickt, den ich auf dem Gelände des alten Cirque d’Eté errichten möchte.“ [6]
Nicht realisiertes Projekt der Fassade des Théâtre des Champs-Élysées [6a]
Mit „Herrn Bouvard“ ist Joseph-Antoine Bouvard gemeint, der Adolphe Alphand als Direktor der Architektur-, Promenaden- und Gartenbehörde von Paris nachfolgte. In seinem Büro arbeitet auch sein Sohn Roger Bouvard als Architekt. Schon bald wird der junge Roger Bouvard Fivaz zur Seite gestellt. Man kann nur vermuten, dass durch diesen Schachzug, die Genehmigung der Theaterpläne befördert werden soll.
Interessanterweise findet sich auf den Plänen mit dem Datum „April 07“, für das Palais philharmonique im Archiv des Théâtre des Champs-Élysées nur noch der Name „R. Bouvard“, aber nicht ein Einzelplan mit dem Namen Fivaz allein oder mit Fivaz & Bouvard. Nur eine von Astruc präsentierte Zusammenstellung zeigt in drei Grundrissen und einem Längsschnitt von Henri Fivaz die Verteilung der drei Säle. Fivaz tritt schon früh von der Planung zurück oder wird herausgedrängt. Wann dies geschieht (1906 oder 1908), wird unterschiedlich angegeben. Bouvard nimmt die Studien zunächst allein wieder auf. Seine Pläne zeigen einen Bau im Louis-seize-Stil.
Kapitel III: Astrucs „elysischer Traum“ scheitert
Die Gründe sind vielfältig, warum das Projekt an den Champs-Élysées trotz Unterstützung mächtiger Mäzene, bedeutender Musikerpersönlichkeiten und Musikkritikern wichtiger Pariser Zeitschriften scheitert: Künstlerische Veranstaltungsorte wie die Opéra, die Opéra Comique, das Châtelet, das Théâtre Sarah Bernhardt und die Salle Pleyel empfinden Astrucs Projekt, die kulturellen Veranstaltungen der Grande Saison de Paris an einem Ort zu konzentrieren, als finanzielle Bedrohung. Gleiches gilt auch für Konzertveranstalter, für die Astruc mit seinem Musiktheater an diesem exponierten Ort eine unliebsame Konkurrenz darstellt und die deshalb bei der Stadt dagegen opponieren. Wiederstand kommt auch von den Anwohnern, die ein erhöhtes Verkehrsaufkommen durch die Theaterbesucher befürchten. Gegnern des Theaters führen an, dass sein Bau sich negativ auf die „schönste Promenade der Welt“ auswirken würde. Für den Bau müsste man auch „einige der schönsten Bäume der Champs-Élysées zerstören“. [7] Die stärkste Opposition kommt von der Seite des Pariser Stadtrates. „Gegen mich“, schreibt Astruc in seinen Memoiren, „richtet sich der Antisemitismus eines von La Libre Parole [8] unterstützten Stadtrats und die offene Feindseligkeit eines Stadtrichters, eines engen Freundes der Musik, aber eines noch engeren Freundes der Oper.“[9]
Seit Oktober 1907 ruht das Projekt mehr als ein Jahr lang. Im Stadtrat nimmt die Zahl der Gegner zu. Den Schlusspunkt in der Debatte setzt André Hallays, Anwalt, Journalist und Verfechter des französischen Erbes, der Commission du Vieux Paris, mit der Forderung, die Reste des alten Paris zu bewahren, d.h. auch das Gelände des ehemaligen Sommerzirkus nicht wieder zu bebauen. Auch die verspätete Vorlage einiger der angeforderten Finanzunterlagen durch Astruc dient den Gegnern des Projekts als juristisches Argument.
Im Jahr 1909 wird die 1906 an Astruc erteilte Genehmigung zum Bau seines Théâtre des Champs-Elysées am Standort des alten Cirque d’Eté vom Pariser Stadtrat offiziell zurückgezogen. Sein Kommentar im Le Figaro vom 7. Juli 1909: „Gott hat es mir gegeben, Gott hat es mir weggenommen! Die Stadtverwaltung hatte mir die Konzession für das Gelände an den Champs-Elysées versprochen. Der Stadtrat hat sein Versprechen zurückgezogen.“[10]
Kapitel IV: Das Théâtre des Champs-Élysées wird an der Avenue Montaigne gebaut
Der Stadtrat hatte seinen „elysischen Traum“ zunichte gemacht, doch Astruc gibt nicht auf: „Der Zyklon zog vorüber, ich sammelte die zerbrochenen Steine ein, bekam wieder Mut und begann wieder zu bauen.“[11]
Cesar A. Leal kann in seiner Dissertation anhand von Archivmaterial in der Sammlung von Astruc-Papieren zeigen, dass es der Société du Théâtre des Champs-Elysées unter der Leitung von Astruc schon Anfang 1910 gelingt, ein neues Grundstück in der Avenue Montaigne 13-14 für 2.000.000 F zu erwerben. Astruc konnte hierzu die meisten seiner bisherigen Investoren und Unterstützer mobilisieren. Die Situation nach dem Scheitern des Projektes an der Champs-Elysées wird in der Dissertation von Colin Nelson-Dusek [12] ganz anders darstellt und macht die Schwierigkeiten sichtbar, Licht die Geschichte des Theaters zu bringen. Nach Colin Nelson-Dusek sei Astruc seines Postens als Projektleiter enthoben worden, Gabriel Thomas sei zum neuen Leiter des neu organisierten Theaterkomitees gewählt worden und es sei die Entscheidung von Thomas gewesen, den endgültigen Standort in die Avenue Montaigne zu verlegen. Unter seiner Leitung, nach seinem künstlerischen Geschmack sei das Theater erbaut worden. Wie auch immer, Astruc verliert an Einfluss. Thomas, der reiche Finanzier und Kunstmäzen, drängt Astruc mehr und mehr aus der Société heraus.
Geradezu genial ist die Idee, das Theater nach dem ursprünglich geplanten Standort zu benennen. Sie könnte dem Gehirn von Astruc wie dem von Thomas entsprungen sein. Im Namen Théâtre des Champs-Elysées spiegelt sich prestige- und werbewirksam Kosmopolitismus, Eleganz und Kultiviertheit von Paris wieder. „Vielleicht“, so mutmaßt Cesar A. Leal, „stellte die Beibehaltung des Namens den Sieg über die bedrohlichen antisemitischen und politischen Kampagnen verschiedener Pariser Gruppen dar“. [13]
Roger Bouvard übernimmt zunächst allein die Planung für das gesamte Projekt in der Avenue Montaigne. Seine Entwürfe fügen den Bau in Fluchtlinie der bestehenden Bebauung ein und legen die innere Organisation der Räume fest, und finden hier die Zustimmung der Société. Bemängelt aber werden in den von Bouvard im Frühjahr 1910 vorlegten Studien die Ästhetik des Gebäudes und die ungenügende Einbindung des großen Saals in das Gesamtgefüge des Baus. Sie stehen im Widerspruch zur angestrebten Modernität und Funktionalität des Musiktheaters sowie zum Repräsentationsbedürfnis des Pariser Publikums.
Kapitel V: Henry van de Velde wird berufen
Nicola Perscheid – Henry van de Velde 1904
Ob von Gabriel Thomas oder von Gabriel Astruc die Initiative ausging, Henry Van de Velde in die Theaterplanung einzubeziehen, muss angesichts widersprüchlicher Darstellungen[14] offenbleiben. Über den Maler Maurice Denis, der später die Kuppel des großen Saals des Théâtre des Champs-Élysées gestalten wird und sowohl Freund von Thomas wie von Astruc ist, wird Kontakt zu dem belgischen Designer und Architekten Henry van de Velde, dem Direktor der Kunstgewerbeschule in Weimar, aufgenommen. Van de Velde wird im Juni 1910 eingeladen, nach Paris zu kommen.
In seinen unvollendet gebliebenen Memoiren, erschienen unter dem Titel, „Geschichte meines Lebens“: schreibt er: „Die Chance, ein großes Theater zu bauen, lockte mich unwiderstehlich, nachdem zwei Möglichkeiten in Weimar fehlgeschlagen waren und sonst keine Aussicht bestand, meine Pläne und Modelle für ein Theater des neuen psychologischen Dramas zu verwirklichen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich ohne mein Zutun, ja fast gegen meinen Willen zur Mitarbeit an dem Pariser Projekt veranlasst wurde. Es sollte in einem Land verwirklicht werden, von dem ich annehmen musste, dass es weit davon entfernt war, meine Ideen und Neuerungen zu akzeptieren. In dieser Situation begab ich mich auf Einladung von Gabriel Thomas nach Paris.“[15]
Man muss wissen, dass die Memoiren unter dem Eindruck seines Scheiterns in Paris geschrieben wurden und sicherlich begründen sollten, warum dies geschah.
Van de Velde, von der Malerei kommend, ist bislang eher als Produktdesigner und Raumgestalter, weniger als Architekt hervorgetreten. Er ist mit der Programmatik des Deutschen Werkbunds und mit „dessen generellem Ziel, über die ‚Dekoration des Lebens‘ eine ‚harmonische Kultur‘ zu schaffen“, verbunden und geht „weitgehend konform mit dem volkserzieherischen Leitgedanken des Jugendstils. Die Architektur wurde demgemäß als „öffentlicher Dienst“ erachtet, hatte entsprechend in erster Linie soziale und funktionale Aufgaben zu erfüllen.“[16] In diesem Sinne entsprach sie auch Positionen der französischen Art nouveau um 1900.
In Weimar hatte Van de Velde 1903 ein Reformtheater geplant, inspiriert durch ein Gastspiel des Ibsen-Ensembles der Schauspielerin Louise Dumont. Nach dem Vorbild und in Konkurrenz zu Bayreuth plante er ein Mustertheater in den Formen des Jugendstils. Schon hier hatte er versucht die theaterreformatorischen Ideen mit einer emotional wirkenden Raumgestaltung und Linienführung zu verbinden. Er scheiterte an Hofintrigen und am Klassizismus, dem Weimar sich verpflichtet fühlte.
Henry van de Velde: Perspektive des Entwurfs für das Dumont-Theater in Weimar, 1903. [16a]
Seine Beteiligung am Neubau des Weimarer Hoftheaters wusste der verantwortliche Architekten Max Littmann zu verhindern.[17] Erst 1914 wird er auf der Werkbundausstellung in Köln einen eigenen Theaterbau errichten, der aber die Ausstellung nicht überlebt.
Als Van de Velde nach Paris kommt, hat er sich zwar theoretisch mit den Anforderungen eines modernen Theaters und seiner künstlerischen Gestaltung auseinandergesetzt, aber für seine Konstruktion, die für ihn nur einen dienenden, untergeordneten Charakter hat, fehlt ihm die technische Kompetenz. Das wird zu seinem Scheitern auch in Paris betragen.
Weil er in Paris mögliche Konflikte befürchtet, lässt er sich zuvor die Zustimmung von Bouvard zu seiner Mitarbeit zusichern. Am 3. Dezember 1910 unterzeichnet Van de Velde den Vertrag mit der Société als beratender Architekt. Seine Einschätzung von Roger Bouvard, mit dem er zusammenarbeiten soll, spricht Bände: „Während unseres Gespräches hatte ich keinen Augenblick den Eindruck, mit einem Künstler, einem Architekten zu verhandeln, viel eher mit einem Verwaltungsrat oder einem Bankdirektor.[18] Diese Arroganz Bouvards gegenüber wird sich rächen.
Zu Van de Veldes Team gehört Eugène Milon, ein ehemaliger Mitarbeiter von Gustav Eiffel beim Bau des Eiffelturms, da zunächst ein Eisenskelett als tragende Konstruktion für das Theater vorgesehen ist, und Marcel Guilleminault, ein junger Absolvent der École des Beaux-Arts zur Ausarbeitung seiner Skizzen. Die drei reisen durch Deutschland, studieren Anlagen der Zuschauerräume, technischen Ausrüstungen der Bühnen und Beleuchtung nicht nur Bayreuth und München. Van de Velde berät Bouvard nicht nur, wie anfangs von der Baugesellschaft vorgesehen, sondern verändert die Baupläne in Absprache mit seinem Kollegen umfangreich, sodass er schließlich die gesamtgestalterische Leitung des Projekts übertragen bekommt.
Van de Velde wird von Gabriel Thomas massiv unter Druck gesetzt, einen Zuschauerraum zu schaffen, der van de Veldes Überzeugungen diametral entgegengesetzt ist: „Wir verlangten eine Zusammenfassung der Zuschauer und die Konzentration der Blickrichtung auf die Bühne. Alle, die Vertreter der privilegierten Klasse wie die bescheideneren Besucher, sollten in gleicher Weise den szenischen Vorgängen folgen können.“ Thomas hingegen meinte, „dass das französische Publikum keine andere Form des Zuschauerraumes akzeptiere als den Typus italienischer Tradition, der das gesellschaftliche, das mondäne Element eines Theaterabends betonte. Das französische Publikum,…wolle in erster Linie im Theater gesehen werden; er gab zu, dass dadurch ein großer Teil der Zuschauer einer guten Sicht auf die Bühne beraubt würde“.[19]
Stilbildend für den Theatertyp in „italienischer Tradition“ war das Gran Teatro La Fenice in Venedig, das sich nach dem Brand des ersten Theaters 1774 Phoenix-gleich, von 1790-1792 neu erbaut, aus der Asche wieder erhoben hatte.
Da war die große Zeit Venedigs als Handelsmacht vorüber, aber die Stadt war mit dem Karneval, ihren Bällen, Konzerten, Opern und mit der Freizügigkeit der Sitten zum angesagten und eleganten Vergnügungsort Europas geworden. Das glanzvolle Logentheater wurde Zentrum für ein Publikum, das selbst Teil dieser Lustbarkeiten war, von denen es angezogen wurde.
Der Journalist und Kunsthistoriker Jacques Mesnil, der sich kritisch mit dem Théâtre des Champs -Élysées auseinandergesetzt hat, pointiert diese konträren Ansichten von Thomas und Van de Velde zur Aufgabe eines Musiktheaters: „Er [Gabriel Thomas] wollte ein Theater „de bien-être“ (des Wohlbefindens) schaffen, das auch, um es mit den üblichen Worten zu sagen, ein „Tempel der Musik“ sein sollte. Für diejenigen, die verstehen, was damit gemeint ist, gibt es aber einen unüberwindbaren Widerspruch zwischen diesen beiden Ansichten. Ein Tempel der Musik wäre ein Theater im Geiste Bayreuths, wo man kommt, um in ehrfürchtiger und gedämpfter Stille wahren Kunstwerken zu lauschen, die die Aufmerksamkeit des Publikums ganz in Anspruch nehmen. Das Theater „de bien-être“ wäre ein Theater, in dem die internationalen Snobs, auf deren finanzielle Unterstützung man sich sehr freut, die Toiletten ihrer Frauen oder Mätressen vorführen würden.“[20]
Auch der Kunsthistoriker, -kritiker und Museumskurator Paul Jamot, Propagandist des Théâtre des Champs Élysées und von August Perret, meint „Ein Theater ist kein Konferenzraum. Die Show, die wir sehen wollen, findet auf der Bühne statt; aber es gibt auch eine im Saal. … Zumindest in Frankreich wäre es den Frauen und vielen Männern verdorben, wenn wir die besten Chancen, sich zu zeigen und gesehen zu werden, abschaffen würden.“[21]
Van der Velde versucht, den widersprüchlichen Bedürfnissen gerecht zu werden: Anstelle eines rechteckigen Grundrisses für den Saal, der allen Zuschauern ein gutes Sehen und Hören ermöglicht hätte, wählt einen runden Raum in „italienischer Tradition“, um eine maximale dekorative Wirkung zu erzielen.
Henry van de Velde – Ansicht des Raumes, entsprechend dem unausgeführten Entwurf. [21a]
Van de Velde löst dabei die ästhetische Schwierigkeit die Verbindung zwischen dem quadratischen Raum der Bühne und dem runden Zuschauersaal herzustellen, indem er die bogenförmige Verlängerung der Bühnen- und Proszeniumswände den geschwungenen Linien der Balkone des Saals entgegensetzt und dabei sich auf sein Rhythmusgefühl als Zeichner verlässt.
DE L’ENTRÉE SUR SCENE. Skizze zum ‘Théâtre des Champs-Elysées’ in Paris. Abb. aus Henry Van de Velde, Geschichte meines Lebens
Die Gestaltung erfolgt nicht aus konstruktiven Überlegungen, sondern aus einer ästhetischen Sensibilität heraus:
„Die Gesetze und Bedingungen der Schönheit währen ewig – die Verhältnisse der Linien zu einander, der Farben zueinander und des verschiedenen Materials zueinander kann man verschiedenartig empfinden. Aber die Natur dieser Sensibilität bleibt dieselbe. Sie schöpft aus dem Mächtigsten und Reinsten, was in uns ruht – aus der Wollust, mit der wir uns in direkte Verbindung mit dem setzten, was das innerste Wesen aller Dinge ausmacht – mit dem Rhythmus. Durch die Wollust, mit dem wir diese Verhältnisse der Linien, der Farben und des Materials empfinden, sind wir zum Begriff der Schönheit der Architektur gelangt (…).“[22]
Die für offizielle Persönlichkeiten bestimmten Proszeniumslogen lässt er fort. Stattdessen nutzt er die weit vorgezogenen offenen Loggien der Proszenium-Segmente für die Zu- und Ausgänge zu beiden Seiten der Bühne und für die Theaterbesucher, die dort während der Pausen promenieren, in den Zuschauerraum sehen und von dort gesehen werden konnten.
Henry van de Velde et R. Bouvard: Nicht ausgeführter Plan auf der Höhe der ersten Logen (Ende März 1911) .[22a]
Erst jenseits dieser Proszeniums-Segmente soll der eigentliche Zuschauerraum beginnen. Bei weiter nach vorne gezogenen Balkonen und von den höheren Galerien wäre das Sichtfeld auf die Bühne unzureichend gewesen. Diese Form der Balkons und Loggien in van de Veldes Plänen von Dezember 1910 und von März 1911 sollte die Grundlage für die spätere Bauausführung sein.
In genannten Plänen erkennt Christian Freigang [23] auch ein Proszenium, in dem ein Orchestergraben geplant ist und die – in abgedeckter Form – zugleich eine bespielbare Vorderbühne bildet, also ein von Littmann inspiriertes Bühnenmodell.
Kapitel VI: Auguste Perret tritt hinzu
Was nun folgt, entwickelt sich zur Kontroverse über die Urheberschaft des Théâtre des Champs Elysées.
Ursprünglich war, wie gesagt, eine Eisenkonstruktion als Grundgerüst für das Theater vorgesehen. Wegen des dazu hohen finanziellen Aufwandes zieht van de Velde selbst aus Kostengründen eine Konstruktion aus Stahlbeton (béton armé) in Betracht. Sein Freund, der Maler Théo van Rysselberghe weist ihn auf Auguste Perret hin, der sich auf Betonkonstruktionen spezialisiert hat und zusammen mit seinen beiden Brüdern Gustave und Claude die Firma „Perret Frères-Architectes-Constructeurs-Béton Armé“ führt.
Auguste Perret (1874-1954) vor Entwuirfszeichnungen der Kirche von Raincy und des Theaters der Ausstellung von 1925 [23a]
Die Firma Perret geht auf den Steinmetz Claude Marie Perret zurück, der als 20-Jähriger in Paris mit revolutionären Ideen in Berührung kommt. Er schließt sich dem Aufstand der Kommune 1871 an und wird nach dessen Niederschlagung beschuldigt, an der Brandlegung der Tuileries beteiligt gewesen zu sein. Um den Repressionen zu entgehen, flieht er mit seiner Frau nach Brüssel. Hier gründet er seine erste Baufirma, und dort werden seine drei Söhne (Auguste, Gustave und Claude) geboren. Die Firma floriert, doch 1880 nach der Amnestie für die Aufständischen der Kommune, kehrt er nach Paris zurück. In seine Baufirma von 1883 treten nach und nach seine Söhne ein. Das Unternehmen firmiert von 1897-1905unter dem NamenEntreprise Perret et Fils, dann – nach dem Tod des Vaters – von 1905-1954als Entreprise Perret Frères – Architectes – Constructeurs – Béton Armé.
Das Haupt dieser Firma ist Auguste Perret, der wie dann auch sein Bruder Gustave an der École des Beaux-Arts in Paris studierte. Beide wurden von dem Architekten und Architektur-theoretiker Julien Guadet nachhaltig beeinflusst. Nach Guadet sollten sich Respekt vor der Tradition mit einer modernen, rationalistischen Konzeption und Funktion von Gebäuden, neue Materialien und technische Konstruktionen berücksichtigend, verschmelzen.
Ab 1894 ist Auguste Perret im väterlichen Bauunternehmen tätig. Seit 1900 beschäftigt er sich mit Bauten in Eisenbeton und wird zu einem der Pioniere des Stahlbetonbaus (parallel zu François Hennebique und Eugène Freyssinet). In seinem Büro arbeitet zwischen 1908 und 1909 u.a. Le Corbusier (noch unter seinem eigentlichen Namen Charles-Édouard Jeanneret-Gris). Perrets erste Stahlbetonbauten sind 1904 das Wohnhaus 25-2, Rue Franklin, Paris und 1907 die Auto-Garage in der Rue Ponthieu, Paris (nicht mehr erhalten).
Bedeutende Bauten nach dem Théâtre des Champs-Élysées (von 1911-1913) sind 1923 die Pfarrkirche Notre-Dame in Le Raincy, ein dreischiffiger Hallenbau in Sichtbeton unter Verwendung standardisierter Bauelemente, 1924 der „Tour Perret“ in Amiens, das erste Stahlbeton-Hochhaus in Europa, 1932 das Wohngebäude 51-55 rue Raynouard, Paris, 1936 das Mobilier national (staatliches Möbellager für Behörden und Ministerien), Paris und 1939 das Musée des Travaux Publics (heute das Palais d’Iéna) in Paris. Von 1945-1954 war er hauptverantwortlicher Stadtplaner für den Wiederaufbau des von den Alliierten völlig zerstörten Le Havre, das 2005 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde.
Ein Exkurs
Wir unterbrechen hier die Chronologie des Theaterbaus, um in einem Exkurs die Kontroverse um die Urheberschaft am Théâtre des Champs-Élysées und seine architekturgeschichtliche Einordnung zu verstehen. Dazu begeben wir uns in das Frankreich am Ausgang des 19. und in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
Der Weg aus der Krise des Architektenberufs
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zeichnet sich eine Krise des Architektenberufs ab. Nach Auffassung des Architekten und Ingenieurs Emile Trélat, Eleve der École Centrale, der bedeutenden Pariser Ingenieurschule, hatte „der Architekt die Fähigkeit verloren, die Anforderungen einer Epoche zu erfüllen, die ihrerseits dem Architekten das Recht verweigerte, im Namen der Kunst ihr Interpret zu sein. Die Situation sei umso schlimmer, als es keine systematische Ausbildung gebe und die Architekten gezwungen seien, verschiedene Materialien zu verwenden, deren wissenschaftliche Eigenschaften sie nicht kennen würden. Infolgedessen fühlten sie sich den Ingenieuren gegenüber relativ ohnmächtig und unterlegen.“[24] Die Ursache sieht Trélat in einer fehlenden technischen Ausbildung. Wie Eugène Viollet-le-Duc, der 1863 sich vergeblich bemüht hatte, den Ausbildungskanon der École des Beaux-Arts zu reformieren, wandte er sich gegen deren Lehrmonopol. Deshalb gründet Trélat zusammen mit Viollet-le-Duc 1864 die École Spéciale d’Architecture nach dem Vorbild der École Centrale, aus der u.a. Gustave Eiffel hervorging. Die École Spéciale sollte versuchen, ein neues Profil für den Architekten zu definieren, das auf der Aneignung bestimmter Fähigkeiten des Ingenieurs beruhte.
Wenn Architektur als „Kunst der Raumgestaltung“ untrennbar mit der Idee der Konstruktion verbunden ist und ihre Wurzeln im rationalistischen Denken hat, dann musste der Architekt wieder zum Baumeister werden. „Im Sinne dieses rationalistischen Ideals des Baumeisters versuchten die Brüder Perret die Integration von Architektur und Bauwesen: Pläne, Berechnungen, Ausführungen lagen in derselben Hand. Perret beanspruchte ausdrücklich den Titel des Baumeisters, der für ihn die eigentliche Kompetenz des Architekten bedeutete. In einem Interview, das er 1926 der Zeitschrift Comoedia gab, stellte er den offiziellen, an der École des Beaux Arts ausgebildeten Architekten dem Bauarchitekten gegenüber, dessen Ziel nicht so sehr darin bestand, nach Rom, in die Villa Médici, sondern auf die Baustelle, in die Fabrik und in die Werkstatt zu gehen, um die Bedingungen des Bauens zu studieren. Der Architekt ist nicht nur ein Künstler, ein Träumer der Form; die Linien eines Projekts müssen von ihm ausgeführt werden, er muss bauen, konstruieren, erreichen“.[25] Jakob Ignaz Hittorff, der, wie sein Gare du Nord und die kühnen Dachkonstruktionen des Panoramas und der Zirkusbauten zeigen, zugleich Architekt und Ingenieur war, hätte diesen Satz auch unterschreiben können.
Aber die Krise des Architektenberufs lag nicht nur beim Reformunwillen der École des Beaux-Arts, sondern an der zunehmenden Arbeitsteilung in den industriell fortgeschrittenen Ländern. „Die Firma der Gebrüder Perret, die den gesamten Produktionsprozess von der ersten Skizze bis zu den Arbeiten auf der Baustelle kontrollierte, war schon zu einer Ausnahme im französischen Bauwesens des zwanzigsten Jahrhunderts geworden.“ [26]
Nach dem Gesagten wird klar: Mit dem Selbstverständnis von Auguste Perret war beim Bau des Théâtre des Champs-Élysées eine Begrenzung nur auf die technische Seite der Betonkonstruktion nicht zu machen. Er griff mit eigenen Vorstellungen in die archi-tektonische Gestaltung ein, was zwangsläufig zu einem Konflikt mit van de Velde führen musste.
Die Konstruktion einer nationalen architektonischen Identität
Die Forderung nach einer nationalen architektonischen Identität in Frankreich beginnt bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Im Zuge eines wachsenden Nationalismus in Frankreich Anfang des 20. Jahrhundert, nicht nur ausgelöst durch die Niederlage im Krieg 1870/71, sondern auch durch innerfranzösische gesellschaftliche Auseinandersetzungen, richtet sich die Kritik zunächst gegen den art nouveau, den Jugendstil, insbesondere den im deutschen Kunsthandwerk, das als unliebsame Konkurrenz erlebt wird, und weitet sich auch auf die Architektur aus. Ein Wortführer dieser Kritik ist der Kunstschriftsteller André Vera. Eine vollständige Reform der »angewandten« Künste Architektur, Gartenkunst und des Kunsthandwerks, werde sich nur im Zuge der nationalen Erneuerung vollziehen. „Die vorangegangene Epoche sei mit ihrer Betonung des »Gefühls«, von Pazifismus und Sozialismus (…) beherrscht gewesen. Die Regierung habe wegen ihres Antimilitarismus und Atheismus die nationale Tradition nicht bewahrt.“ [27] „Nunmehr aber würden wieder Klarheit, Maß und Harmonie in allen Kompositionen Einzug halten. Gemeinsames Wirken der Künstler würde die frühere individualistische Entäußerung ablösen.“ (André Vera) [28]
„Dem mystisch-irrationalen, geschmackslosen, aber effizient organisierten Deutschen wurden bestimmte nationale Charaktere gegenübergestellt, eben diejenigen von clarté, simplicité und raison. …. So paare sich das herausragende französische Wesensmerkmal, die Vernunft und Logik in der Konstruktion und Wahrnehmung der Umwelt, mit deren gefühlsmäßig erfahrbarer Beseeltheit. Dieser Grundsatz bildet auch das maßgebliche Fundament der späteren Kritik an der Maschinenästhetik der Internationalen Moderne.“[[29]]
In den Auseinandersetzungen um eine nationale architektonische Identität, die die Form eines Kulturkampfes annahmen, schlugen sich also deutliche volkspsychologische Klischees und ein Chauvinismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nieder.
In der Einforderung einer neuen Formensprache mit Vereinfachung und Typisierung historischer Bauformen, hergeleitet aus der französischen Architekturtradition und den genannten französischen Wesensmerkmalen, wird sie zum Modell einer zeitgemäßen nationalen französischen Moderne.
„Nicht mehr der Dekorateur und Skulpteur, sondern der Architekt dominiere nunmehr wie die Baukonzeption. Er lasse Ornament nur als Relief an markanten Stellen zu, komponiere ansonsten durch richtig proportionierte Oberflächen…Der neue Stil sei symmetrisch, ruhig und sichtbar gelassen, im Gegensatz zur Bewegtheit der Fassaden zuvor…Die Abwendung vom internationalistischen Jugendstil werde die besonderen Merkmale der französischen race zum Ausdruck bringen: Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie.“[30]
Dies sei der Kern des zivilisatorischen Wirkens der französischen Nation, das von der griechischen Antike, dann über Rom und seit der Christianisierung im Mittelalter schließlich auf Paris übergegangen sei. „Der griechische Geist, von Logik, Schönheit und Einfachheit geprägt, habe zunächst die orientalischen Barbaren zivilisiert und sei anschließend die Grundlage Europas und insbesondere Frankreichs und Paris geworden… Die erfolgreiche Fortsetzung des uralten antiken Erbes stellt eine essentielle Verpflichtung für die Zukunft und somit einen wesentlichen Bestandteil der nationalen Identität dar.“ [31] Dieser moralisch und historisch vermittelte Zivilisationsauftrag war Grundkonsens innerhalb der katholischen, laizistischen, monarchistischen und demokratischen Lager. In den Bauformen und –motiven Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie einzufordern, stiftete nationale Identität.
Nach dem Großen Krieg wendet sich diese Forderung nach einer nationalen Architektur zunehmend gegen die sog. Internationale Moderne und ihren Protagonisten Le Corbusier. Das aktuelle französische Bauen müsse darauf zielen, Zeitgemäßes mit der Bewahrung nationaler Traditionen zu verbinden. Als Hauptprotagonist dieser Auffassung gilt fast unangefochten der Architekt Auguste Perret (1874-1954), der beansprucht, das moderne Material Eisenbeton in eine schlichte, klassizistische Form zu überführen.
Eine Schlüsselstellung hierin nehmen das 1911-13 vom Atelier Perret ausgeführte Théâtre des Champs-Elysées in Paris und die in seinem Zusammenhang geführten Diskussionen ein.
Kapitel VII: Auguste Perret greift in die architektonische Gestaltung ein und verdrängt van de Velde
Van de Velde lernt Perret am 26. Januar 1911 kennen und lässt Perret drei Tage später seine Pläne zukommen mit der Bitte um einen Kostenvoranschlag für eine Ausführung des Rohbaus in armiertem Beton. Wenige Tage später antwortet Perret, dass man die Ausführung übernehmen wolle und dass mit einer bedeutenden Einsparung gerechnet werden könne.Was jetzt folgt, ist die überaus geschickte Strategie Auguste Perrets, van de Velde aus der Planung des Theaters heraus zu drängen und die Urheberschaft für den Bau zu beanspruchen:
Im März 1911 bittet Perret van de Velde die Stützen der Halle zur besseren Druckverteilung und Tragfähigkeit zu verändern. Van de Velde gibt dieser rein technischen Bemerkung nach, deren Richtigkeit er nicht überprüfen kann, und passt seine Pläne entsprechend der Stahlbetonbauweise an. Diese Verbesserungen finden sich in den von Bouvard und Van de Velde unterzeichneten Plänen vom 30.März 1911. An diesem Tag wird die Firma Perret mit der Ausführung des Rohbaus betraut.
Aus der Sicht des Instituts Auguste Perret wird dieser Vorgang völlig anders dargestellt: Auf der Grundlage von Van de Veldes Plänen sei das Theater in Stahlbeton nicht baubar gewesen und man habe mit der Untersuchung der Struktur des Gebäudes begonnen.
A. et G. Perret 1910-1913. Stahlbeton-Skelett des Théâtre des Champs-Élysées [31a]
In einem Artikel des Institut Auguste Perret liest sich das so [32]: „Innerhalb weniger Tage nach ihrer Beratung entwickelten die Brüder Perret eine innovative Konstruktionsmethode. Sie legten ihren Zirkel, ihre Reißschiene (T-Schiene) und ihr Winkelmaß auf den Entwurf von Bouvard und Van de Velde und begannen, nach dem geeignetsten Gerüstraster zu suchen. Nach mehreren Versuchen entwickelten sie einen Plan, der die großen Räume des Theaters (Empfang, Saal, Bühne) durch ein System aus einem viereckigen Raster und zwei konzentrischen Kreisen (der eine bestimmt die Hülle des Saals, der andere seine Zugänge) miteinander verband. Der Schnittpunkt der Kreise und des Rasters ergab vier Gruppen von Pfosten, die die vier Pylonen der Primärstruktur des Theaters bilden sollten.“
Die Brüder Perret hätten dadurch das vorherige Projekt umgewälzt. Gleichzeitig wird behauptet, dass van de Veldes Plan vom 30. März 1911 ohne Kenntnis des Rahmenplans von Perret und die Lösung mittels der „Pylone“ undenkbar sei.
„Die Herren Perret behaupten“, wie Jacques Mesnil in seiner kritischen Auseinandersetzung [[33]] mit Perret schreibt, „dass die gesamte Konstruktion und alle architektonischen Formen des Theaters aus dem von ihnen angewandten Bausystem hervorgehen.“ Und er zitiert hier aus einem Brief von Auguste Perret vom 8. Oktober 1913: „Sie schreiben uns (es wäre wirklich schwierig, dass es anders sein könnte) die Gruppe der vier Zweiergruppen oder Pylonen im Raum zu.“ Nun, aber es ist vorbei, es ist entschieden, das ganze Theater ist da (sic) … Aus diesen vier Gruppen von zwei symmetrischen Punkten, die auf zwei großen Balken ruhen und zwei Träger stützen, leitet sich die Architektur des gesamten Gebäudes ab.“[34]
„Perret,“ so Christian Freigang, „legitimierte diese Übernahme vor allem mit ästhetischen Argumenten: Sein Betongerüst habe in konsequenter Anwendung rationalistischer Grundsätze eine klassizistisch regelhafte und rektanguläre Komposition zur Folge. (…) Die Bautechnik als entscheidende Determinante, eine streng logische Geometrisierung und die Referenz auf die Tradition ergänzten sich zu einer ästhetischen Werkeinheit, hinter die bloße funktionale Erfordernisse oder subjektiv-sensualistische Wahrnehmungsaspekte zurücktraten. Der décoration wird die construction als essentielle Eigenschaft der neuen klassizistischen Moderne entgegengesetzt.[35]
Perrets Behauptung, sein Konzept bezüglich der Stützenpaare determiniere logisch die gesamte Architektur des Theaters, ist für Jacques Mesnil eine „unglaubliche Verwirrung in den heutigen Kunstbegriffen“: „Das heißt für die Herren Perret, ein Bausystem und ein architektonisches Kunstwerk sind dasselbe! Sie scheinen nicht zu begreifen, dass ein vollkommen solides und robustes Gebäude völlig ohne Schönheit und künstlerischen Wert sein kann. [36]
Van de Velde, der „ausführlich auf die wirkungs-ästhetischen, sensualistischen Qualitäten der äußeren Erscheinung seiner Architektur abhob“ (Christian Freigang), verlor nicht nur zunehmend seine Position als beratender Architekt, auch die Bewertung und Bedeutung seiner Theaterentwürfe wurden herabgewürdigt, obwohl auf formal architektonischer Ebene Perrets Änderungen wenig tiefgreifend waren.
Mit Billigung von Gabriel Thomas und einigen Mitgliedern des Verwaltungsrates der Société du Théâtre des Champs-Elysées hatte sich Auguste Perret über die Fertigung der Beton-Konstruktion hinausgehend auch in die architektonische Gestaltung hineingedrängt. Von seinen Änderungen sollen nur zwei herausgegriffen werden: die des großen Saals und der Fassade.
Der große Saal wird durch Wegfall der Loggien und Verlängerung der Balkone bis zum Bühnenpfeiler verändert. Die Balkonvergrößerung erfolgt auf Kosten der Sichtverhältnisse und der Schönheit der Linienführung und wird von van de Velde in seinen Memoiren so beklagt: „…die Linien der Balkone [waren] in einer Weise verändert, daß jede Spannung verschwunden und dass sie zu weichen, leeren Formgebilden geworden waren, die mühsam bis zum ersten Pfosten des Betonskelettes führten. Die Brüder Perret waren skrupellos vorgegangen. Sie scheuten sich nicht, meinen Entwurf frevlerisch zu verstümmeln, um dadurch die Platzzahl des Theaters – im Programm waren achtzehnhundert Sitze festgelegt – auf zweitausend zu erhöhen! Den Verwaltungsrat hatte Gabriel Thomas dazu gebracht, alles zu torpedieren, woran wir monatelang mit größtem Eifer gearbeitet hatten und was die Grundlage für jedes Theater, welchen Stils auch immer, bleibt: die gute Sicht für jeden Zuschauer.“[37]
A. & G. PERRET- Théâtre des Champs Elysées, Skizze der Halle, nach der Natur gezeichnet [37a ]
Wegen dieser Änderungen ist Leila Zickgraf der Meinung, dass das Théâtre des Champs-Élysées heute weniger als eine Manifestation der Reformforderungen zu betrachten [ist], als vielmehr als ein Rückzug von ihnen.“[38]
Besonders deutlich wird der Eingriff Perrets bei der Fassade. Ihre Gestaltung stellt für den Architekten eine besondere Herausforderung dar, denn sie ist sozusagen das Gesicht des Gebäudes, sie bestimmt sein äußeres Erscheinungsbild, in ihr spiegelt sich der architektonische Stil wider.
Hier beim Théâtre des Champs-Elysées ergab sich ein zweifaches Problem. Erstens konnte die Fassade die innere Konstruktion des Theaters nicht aufnehmen, da ein kleinerer Theatersaal (die Salle de Comédie) oberhalb des Foyers und zwischen großem Saal und Fassade quer zur Hauptachse des Gebäudes eingefügt war. Der mittlere Teil der Fassade fiel somit mit der Seite dieses kleinen Theaters zusammen.
Zweitens musste der Bau und d.h. auch seine Fassade, die auf einer Seite direkt an weitere Häuser angrenzte, in die Fluchtlinie der bestehenden Bebauung und ihrer Geschosshöhe eingefügt werden. Henry van de Velde hat diesen Problemen Rechnung getragen und dem Komitee verschiedene Entwürfe vorgelegt.
Henry van der Velde – Fassade des Théâtre des Champs-Élysées.[38a]
In diesen Fassaden-Entwürfen ist die Grundstruktur der späteren Fassade schon erkennbar, sie unterscheidet sich aber durch die Fortsetzung der Linie der benachbarten Häuser.
„Ende März 1911“, schreibt van de Velde in ‚Geschichte meines Lebens‘, „hatte das Komitee noch keine Entscheidung über die Ausgestaltung der Fassade getroffen. Ich legte im weiteren Verlauf verschiedene Skizzen vor, die nicht angenommen wurden. Mit der Zeit wurde ich mir klar darüber, daß hier ein System vorlag. Die Sache roch nach Intrige.“[39]
Auch ein neuer Entwurf einer steinernen Fassade im Mai 1911 mit einem Aquarell von Emile Antoine Bourdelle, auf dem dieser die Reliefs für den oberen Fries und die jetzt abgesenkten Seitenflügel eingezeichnet hat, wird vom Verwaltungsrat abgelehnt.
Auguste Perret hat zunächst als Fassade einen großen Kasten mit einen blinden Aufsatz entworfen, überragt von einem gebogenen Giebel. Der Entwurf wird vom Bauherrn verworfen.
Perrets Entwurf passt sich dann den letzten Skizzen von Bourdelle an und präsentiert im Juli 1911 zur Überraschung van de Veldes eine Zeichnung der Fassade, die angenommen wird. „Dieses unqualifizierbare Verhalten,“ so van de Velde, „das offenbar mit dem Präsidenten und einigen Mitgliedern des Verwaltungsrates als Komplicen abgesprochen war, machte mich rasend.“[40]
Théâtre des Champs, Fassadenentwurf Auguste Perret – Élévation de la façade principale, solution réalisée selon les esquisses d’Antoine Bourdelle (Rand beschnitten)
Daraufhin verlangt Van de Velde die Auflösung des Vertrags, bleibt aber zunächst noch nominal ‘Architecte Conseil’ (beratender Architekt). Die weitere Entwicklung zeigt, dass Gabriel Thomas seine Zusicherung, keine weiteren wesentlichen architektonischen Änderungen zuzulassen, nicht einhält. Dies führt zum endgültigen Bruch van de Veldes mit der Société du Théâtre des Champs-Elysées.
Kapitel VIII: Die Rezeption des neuen Theaters
Wie nationalistisch und chauvinistisch die damalige Atmosphäre war, zeigte sich daran, dass selbst das nun 1913 fertig gestellte Theater als „architecture germanique“ bezeichnet wurde und wie in der Zeitschrift Le Moniteur zu lesen ist, Kritiker, die „architecture boche“ anprangerten und „dem Gebäude den Spitznamen „zeppelin de l’avenue Montaigne“ gaben. „Glücklicherweise“, heißt es im Le Moniteur, „entdeckten einige aufgeschlossene Menschen den Modernismus und billigten ihn, wie beispielsweise die Zeitschrift ‚Art et Décoration‘, die 1913 schrieb: „Die Arbeit der Architekten und Dekorateure des neuen Theaters zeigt in gewisser Hinsicht, was in unserem Land versucht und erreicht werden kann, wenn die Republik die Renaissance-Rathäuser und neogriechischen Postämter endgültig satt hat.“ [41]
Weitaus wirkungsvoller und nachhaltiger als die Kritiker aus der nationalistischen Ecke und auch die Kritik von Mesnil, der mehr dem Sozialismus und Anarchismus nahe stand, erweist sich das hohe Lied auf Perrets Théâtre des Champs-Elysées, das der Louvre-Abteilungsleiter und Kunstkritiker Paul Jamot, singt:
Perrets Konzept habe sich aus antiken Architekturprinzipien abgeleitet. „Ohne antike Bauten oberflächlich zu imitieren, sei hier analog zum griechischen Bauen die Logik der Konstruktion in eine perfekte ästhetische Form eingebunden, Proportionskanons wirkten, ohne sie überbrachten akademischen Prinzipien zu entlehnen.“[42]
Jamot spannt in seiner Eloge auf das Théâtre des Champs-Elysées den Bogen noch weiter: „…nicht die Vetternwirtschaft eines demokratischen Wettbewerbs [habe] regiert, sondern in erster Linie ein quasi adeliger Mäzen, eben Gabriel Thomas. Erst dadurch sei ermöglicht worden, den Einfluss der schädlichen Jugendstil-Architektur auszuschalten, welche die nationale „Blut- und Geistestradition“ von Einfachheit, Vernunft und Klarheit unterbrochen habe. Im antidemokratischen Lob des heilbringenden Einflusses monarchischer Mäzene und vor allem in der Beschwörung der „Bluts- und Geistestradition“ argumentiert Jamot unmissverständlich aus der Perspektive jener „Konservativen Revolution“, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts formiert und in der Dreyfus-Affäre verstärkt hatte.[43]
Die monarchistische Tendenz entspricht den politischen Zielen von Charles Maurras und seiner politischen Gruppierung Action française, die gerade im Vorfeld des Ersten Weltkriegs mit ihren antirepublikanischen, antiparlamentarischen und antisemitischen Attacken und Aktionen eine erste Hoch-Zeit erlebten. Tatsächlich finden sich sämtliche Protagonisten dieses Theaterbaus – Jamot, Thomas und Denis – in entsprechenden Zirkeln wieder, insbesondere im Umfeld der Zeitschrift L’Occident. „Charakteristika des in der französischen Zivilisation gipfelnden Okzidents seien – so das von ihr propagierte Programm- die ewig unumstößlichen Eigenschaften des „Konstruktiven“, der Dauer, Logik und Eleganz.Kunst sei höchster Ausdruck der Nation, kein republikanisches Propagandainstrument zur Verführung der Massen; entsprechend müssten sich Denken und Religion der Nation in ihren Kunstwerken einfach und logisch manifestieren. (…) Vor diesem Hintergrund gewinnt das Théâtre des Champs-Élysées eine eminente politische Bedeutung als programmatischer Bau einer antidemokratischen modernen Architektur Frankreichs. Architektonische Qualitäten – Proportioniertheit, Logik, Komponiertheit – werden unter den vorgenannten Prämissen zu Abbildern gesellschaftlich-hierarchischer Ideale.“[44]
Der Satz des antiken Grammatikers Terentianus Maurus, „Pro captu lectoris habent sua fata libelli” („Je nach Auffassungsgabe des Lesers haben die Büchlein ihre Schicksale.“) gilt auch, wie wir gesehen haben, für Bauwerke, die je nach Zeit und Umständen unterschiedlich „gelesen“, das heißt verstanden und benutzt werden.
Für die Mehrzahl der heutigen Besucherinnen und Besucher des Théâtre des Champs-Élysées liegen aber die angesprochenen geistigen und politischen Strömungen soweit zurück, dass die architektur-geschichtliche Perspektive hinter der Frage zurücktritt, was den Bau auszeichnet, dass er zur Ikone der französischen Moderne wurde. Die Antwort wollen wir im zweiten Teil unserer Betrachtung geben, die sich mit dem aktuellen Erscheinungsbild beschäftigt.
II. Teil Beschreibung von Bau und Dekoration
Kapitel I: Die äußere Erscheinung
Insbesondere dank der Hauptfassade an der Avenue Montaigne wird das Théâtre des Champs Elysées – bald wegen ihrer schlichten Strenge und Geometrie als Vorläufer des Art déco beschrieben – zur gefeierten Inkunabel der französischen Moderne. Die Fassade gliedert sich in einen nur leicht vorgesetzten, dominierenden Mittelrisalit und abgesenkte Seitenteile. Der linke Seitenteil mit den Zugängen zu den Theaterrestaurants grenzt direkt in gleicher Fluchtlinie an den Gebäuden der Avenue. Der rechte Seitenteil in Form eines Viertel-Zylinders mit drei Eingängen zu den beiden kleinen Theatersälen (Comedie und Studio) geht an der Impasse des Douze Maisons in die Seitenfassade über, die unverhüllt mit der Ziegelfüllung in Betonrahmen die Konstruktion des Gebäudes zeigt.
Théâtre des Champs-Elysées, 2025 Foto: Wolf Jöckel
Die mit hellem Marmor verkleidete Hauptfassade, zeichnet sich durch eine feierliche Gestaltung und Ordnung aus, die in der nächtlichen Beleuchtung besonders zur Geltung kommt.
Foto: Wolf Jöckel
Den zentralen Hauptkörper begrenzen zwei hohe paarige Pilaster-artige Lisenen, die bis zum Gesims reichen und den Rahmen für drei Fensterachsen und die Haupteingänge und insbesondere für die drei Flachrelief-Metopen im Gebälk von Antoine Bourdelle bilden. Die Fensterachsen und Reliefs sind durch Pilaster abgegrenzt, sodass sich eine vorherrsche vertikale Gliederung der Fassade ergibt. Das dreiteilige zentrale Relief mit dem Titel „Meditation des Apollo“ zeigt in der Mitte Apollo mit einer Leier, begleitet von Gloria, der geflügelten Künderin des Ruhms, und die neun Musen, die herbeieilen, um den Gott der Künste zu begrüßen.
Fassade: Bourdelles Apollo-Fries Foto: Wolf Jöckel
Die Fenster und Eingänge an den Seitenteilen zeigen die gleiche Gliederung; die Reliefs sind aber hier direkt oberhalb der Türen angeordnet.
Die Themen der Reliefs sollten dem Betrachter zeigen: Hier im Théâtre des Champs-Elysées, das auch eine Kunstgalerie beherbergte, ist ein Ort der Musen an dem sich Skulptur & Architektur, Musik, Tanz, Tragödie und Komödie versammeln. Die Kunstgalerie wird 1923 in das heutige Studio umgewandelt.
1910 hatte Émile-Antoine Bourdelle (1861-1929), Bildhauer, Maler, Illustrator und Kunst-lehrer, von Thomas den Auftrag für die Gestaltung der Fassade des Théâtre des Champs-Elysées erhalten.
Bourdelle travaillant aux fresques du Théâtre des Champs-Elysées [44a]
Ausgehend von der Erkenntnis, dass ein fehlender Dialog zwischen Architektur und Bildhauerei dazu geführt hatte, dass sich „beide Kunstformen eher abschwächten, als dass sie sich gegenseitig aufwerteten“[45], will er ein Theater schaffen, „das Architektur und Bildhauerei in großem und eindrucksvollem Maßstab miteinander verbindet; ein Theater, das auch als weltliche Kathedrale fungieren sollte. (…) Ebenso wie die Aufführungen auf der Bühne sollten auch die Wandmalereien im Inneren und die Skulpturen außerhalb des Theaters moderne Ästhetik und Theorien widerspiegeln. Das fertige Gebäude sollte zu einem Schaufenster für das klassische Revival der französischen Kunst zu Beginn des 20.Jahrhunderts werden.“[46]
Programmatisch für diese Einbindung der Skulptur in die Architektur ist Bourdelles Metope, die ganz links über einem Seiteneingang des Theaters zu sehen ist und den bezeichneten Titel Sculpture et Architecture trägt. Sie zeigt die Personifizierungen der beiden Bereiche, die nach Bourdelles Ansicht zusammenwirken müssen, um große monumentale Kunst zu schaffen und ist so von einem hohen symbolischen Wert.
Sculpture et Architecture. Links die Personifikation der Skulptur, in ihrer Hand den geflügelten Genius haltend, rechts die der Architektur, die eine Säule oder Stele, Grundelement eines Bauwerks umfasst. Foto: Wolf Jöckel
Die Bas-Reliefs Bourdelles zeichnen sich durch klare, z.T. kräftig betonte, oft auch dynamische Linien und eine Vereinfachung der Form aus. Durchgehend ist die Plastizität reduziert. Bewusst ist das Figurative flach gehalten, damit es mit der Architektur besser harmoniert. Klar sind Einflüsse der von Bourdelle bewunderten archaischen Metopen der griechischen Tempel in Selinunt auf Sizilien, aber auch der griechischen Vasenmalerei erkennbar. Schon 1905 wurde „Bourdelles Werk als „hellenisch“ bezeichnet und speziell mit der antiken griechischen und römischen Skulptur in Verbindung gebracht“.[47]
„Die Marmorverkleidung, die Großflächigkeit, das klare Mauerrelief, die anschaulich gestaltete Tektonik und die diszipliniert der Architektur untergeordneten Reliefs entsprachen der Forderung nach Vereinfachung und Klarheit und dem „purifizierenden griechischen Geist“ (….) Wesentlich für den Erfolg der Theaterfassade war wohl die Art, wie die historischen Referenzen eingesetzt wurden. Die Marmoroberfläche, das Verhältnis von Mauer und Reliefs, die Anordnung des zentralen Fenstertriplets und der Pilaster lassen sich auf Gestaltungsprinzipien der Antike und des französischen 17. und 18. Jahrhunderts zurückführen, ohne dass sie als Stilzitate begriffen werden könnten.“ [48]
Bourdelle war wie Auguste Perret der Ansicht, „dass Skulpturen die flachen Wandflächen nicht durchbrechen, sondern nur dort installiert werden sollten, wo sie nicht von der Architektur ablenken. (…) Die Skulptur trug (…) zur Schönheit und Monumentalität des Theaters bei, ergänzte die geometrischen Formen und schuf eine visuelle Harmonie zwischen Architektur und Skulptur, die beide Medien hervorhob. Durch eine synkretistische Beschwörung heidnischer, griechischer und christlicher Göttergestalten kennzeichnete Bourdelle das Theater als einen besonderen, ja heiligen Ort. “[49]
Die ekstatischen Bewegungen und Gesten auf den Reliefs der Musen, aber auch auf jenen, die die Musik, den Tanz und die Tragödie zum Thema haben, wurden von der von Bourdelle bewunderten Isadora Duncan mit ihrer Wiederbelebung des Tanzes der Antike inspiriert.
In der Tanz-Metope ist links der russische Tänzer Waslaw Nijinsky von den Ballets Russes dargestellt. Nijinsky, bekannt durch seine Auftritte in Stravinskys Le sacre du printemps und seine Rolle eines Fauns in Claude Debussys Nachmittag eines Fauns, umstritten wegen unorthodoxe Choreographie und sexueller Gesten, wurde von Bourdelle bewundert. „Ordnung und Chaos sind laut Bourdelle die beiden Pole, die Duncan und Nijinsky jeweils bewohnen.“[50]
Im Relief der Tragödie werden die Figuren Agamemnon und Iphigenie dargestellt, angeregt von dem Theaterstück Iphégenie à Aulide (Iphigenie in Aulis) seines Freundes Jean Moréas. (Foto: Wolf Jöckel)
Im Relief der Komödie (Foto: Wolf Jöckel) tauschen zwei Frauen lächelnde Masken aus, wobei die Frau rechts den geflügelten Helm des Hermes trägt. Hermes ist aber nicht nur Götterbote, sondern auch Gott der Wissenschaft, eng verbunden mit der Alchemie und Zauberkunst, und damit auch Gott der Magier und Gaukler und selbst ein „schelmischer Tunichtgut“, ein Komödiant.
Insgesamt zeichnet sich die Fassade, von der Auguste Perret behauptete, dass sie die Konstruktion des Gebäudes wiederspiegle, durch eine klare Ordnung und schlichte Eleganz aus. Aber erst Bourdelle macht sie durch die skulpturale Dekoration in Metopen-Form, in der die Figuren hineinkomprimiert sind, sodass sie in den architektonischen Rahmen passen, und mit der Thematik dieser Reliefs zu einem Tempel der Kunst. Hier wurden kompositorische und typologische Grundprinzipien aus dem französischen Klassizismus, hervorgegangen aus der Latinité, der lateinischer Identität, dem griechisch-römischen Erbe, fortgesetzt.
Eine Bausünde oder wie mit Geld alles zu machen ist
Ohne Respekt vor der Integrität des Baus ließ die Caisse des Dépôts et Consignations, seit 1970 Eigentümerin des Theaters, bei der Renovierung des Théâtre des Champs-Elysées Mitte der 1980er Jahre kurzerhand ohne eine Baugenehmigung [51] auf dem Dach des Gebäudes ein verglastes Restaurant setzen. Von der Architektenkammer verklagt, gab der Bauherr nicht zu, die Gedanken und den Stil der Architekten verraten zu haben, und gewann im Wesentlichen den Prozess, der mit einer geringen Geldstrafe endete. Das Restaurant wurde nicht abgerissen. Aus dem ersten Dach-Restaurant, dem Maison Blanche, ist inzwischen ein italienisches Restaurant, das Gigi geworden.
Von der Avenue Montaigne aus ist es nicht zu sehen, wohl aber von den Ufern der Seine aus es ins Auge und sogar „an die Gurgel“, wie der damalige Kulturminister Jack Lang bemerkte.
Dachrestaurant auf dem Théâtre des Champs-Élysées [51a]
Kapitel II: Das Foyer und die Galerie
Im Sinn einer Wiederbelebung von Hellenismus und Klassizismus ist auch das Foyer als Peristyl, d.h. als ein von Kolonnaden umgebender rechteckiger Raum, gestaltet, in dem eine Mezzaningalerie eingefügt ist, die über zwei gegenüberliegende Treppen erreichbar ist. (Foto: Wolf Jöckel)
Foto: Wolf Jöckel
Acht rechteckige Pfeiler und sechzehn Säulen ohne Sockel oder Kapitell bilden die Kolonnade. Die gleiche Strenge und Nüchternheit zeichnet auch die aufliegenden Deckenbalken aus, die quadratische oder rechteckige Felder bilden und ein Muster ergeben, das sich auf den Marmorplatten des Fußbodens widerspiegelt. Trotz der Strenge der reduzierten Formelemente wirkt das Foyer nicht kalt, sondern durchströmt eine Feierlichkeit und Erhabenheit.
Inschrift im Foyer über dem Zugang zum Zuschauerraum:
Le Theâtre des Champs-Élysées. Gegründet von Gabriel Astruc wurde es 1913 von Auguste und Gustave Perret errichtet.
Mit dieser Geometrie und Ausgestaltung folgt auch das Foyer der Konzeption der Vereinfachung der Formen und Typisierung und der Forderung nach Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie als Kennzeichen des modernen nationalen Stils. Auch hier ist die Dekoration im Erdgeschoss des Foyers sehr zurückhaltend.
Nur am Fuß der zur Mezzaningalerie führenden Treppen hat Antoine Bourdelle jeweils ein zweiteiliges Marmor-Bas-Relief-Paar geschaffen:
Foto: Wolf Jöckel
Unter den Bas-Reliefs nackter weiblichen Figuren, Allegorien der „heroischen Seele“ (L’âme héroïque) und der „leidenschaftlichen/pathetischen Seele“ (L’âme passionnée/pathétique) hat Bourdelle jeweils ein kleines Relief mit einem kleinen geflügelten Genius gesetzt, der eine Maske aus dem griechischen Theater in den Armen hält. Die Anspielungen auf das antike Erbe sind unverkennbar.
In der Galerie schmücken eine Reihe von Fresken von Antoine Bourdelle die Wände. Er malte diese Fresken in seinem Atelier nach traditionellem Verfahren auf frischem Mörtel auf den Betonplatten, die Perret ihm geliefert hatte. Sie zeigen Szenen aus der griechischen Mythologie: Pan mit seiner Flöte aus Schilfrohr, der Syrinx verfolgt, Daphne, die sich in einen Lorbeerbaum verwandelt, Psyche, die von Eros entführt wird, hier ist Leda, die die Menschen den Göttern vorführt, Ikarus, der die Flügel, die ihn stürzen ließen, an seine Brust drückt; hier ist Maja, Apollon auf dem Rücken des Pegasus, der seine Leier, d.h. die Musik, die Kunst, auf die Erde bringt; hier ist der Tod des Zentauren, des letzten Lehrers der Helden und hier ist die Delphische Sybille.
Leda und der Schwan. Foto: Wolf Jöckel
In anderen Bildern will Bordelle Adam und Eva und die Geschichte der Menschen nach der der Götter darstellen. Auch hier wird in der Verknüpfung der griechisch-römischen Antike mit dem christlichen Abendland auf die Wurzeln und die Tradition der nationalen Kultur als Bestandteil der französischen kulturellen Identität verwiesen.
Über zwei Treppen von der Galerie aus erreichen die Besucher das Vestibül.
Lalique-Leuchter im Vestibül. Foto: Wolf Jöckel
Auch die bandförmigen, fast monochromen Fresken im Vestibül über den Türen der Logen zum großen Saal stammen von Bourdelle. Sie zeigen einen Bilderzyklus aus mythologischen Figuren mit dem Titel „Les Temps fabuleux“.
Muse und Pegasus – Fresko über der Logentür im Vestibule d’Entrée des Théâtre des Champs-Élysées (Ausschnitt)
Auf einem feinen Grau-Rot, Rot-Grau, in dem nur selten ein paar Nuancen von Gelb und Azur durchscheinen, heben sich die Figuren ab oder verschmelzen in kaum unterschiedlichen Rot- und Grautönen miteinander. Die Fresken gleichen mit ihrer reduzierten Plastizität und ihren dynamischen, kräftigen Linien dem Stil der Bas-Reliefs an der Fassade.
Ganz anders sind die Bilder von Edouard Vuillard, die das Foyer der Comédie schmücken.Édouard Vuillard (1886-1940) stand den Impressionisten nahe und gehörte wie Pierre Bonnard und Maurice Denis der Künstlergruppe Les Nabis an. Mit ihren kräftigeren Farben, einer klareren kompositorischen Struktur und der lebendigen Darstellung von Szenen auf dem Theater unterscheiden sie sich von dem klassizistischen Bilderzyklus Bourdelles.
Théâtre des Champs-Elysées, le foyer de la Comédie, Le Petit Café, par Edouard Vuillard
In Vuillards Bildern sind hier anders als bei anderen Künstlern wie Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Georges Seurat und Paul Signac, die wie Vuillard dem Post-Impressionismus zugeordnet werden, noch keine Tendenzen zur Flächigkeit, Abstraktion, neuen Maltechniken oder Vereinfachung der Formen, erkennbar.
Édouard Vuillard, Le malade imaginaire‘ . Wandbild im Foyer der Comédie des Théâtre des Champs Élysées
Der begrenzte Raum dieses Beitrages lässt keine ausführliche Darstellung der Werke von Jacqueline Marval, Ker-Xavier Roussel und Henri Lebasque zu, die ebenfalls zur Ausstattung des Theaters beigetragen haben. Unter diesen Werken soll aber zumindest der Theater-Vorhang von Ker-Xavier Roussel für die Salle de la Comédie gezeigt werden.
Vorhang des Théatre de la Comédie des Champs-Elysée von Ker-Xavier Roussel
Im „Festzug des Bacchus“ – so der Titel des Vorhangbildes – verschmilzt eine idyllisch- arkadische, mediterrane Landschaft mit mythologischen Figuren: Im Zentrum der in Rot gehüllte Gott des Weines, des Rausches, und der Ekstase, Girlande schwingend und tanzend wie die ihn umgebenden Bacchanten und Bacchantin, in beschwingter, fröhlicher, harmonischer Eintracht mit wilden Tieren. In einer voyeuristischen Szene am Rand des Zuges liegt die nackte schlafende, von einem Faun beobachtete, Diana.
Abgesehen von diesem Bühnenvorhang sind der Saal der Comédie (mit 500 Sitzplätzen) und das noch kleinere Studio (mit 150 Plätzen) architektonisch gesehen eher unbedeutend. Das Studio entstand übrigens erst 1923, als der ganz oben hinter der Fassade gelegene Ausstellungssaal, die Galerie Montaigne, von Louis Jouvet in einen kleinen Theatersaal umgewandelt wurde.
Kapitel III: Der große Saal
Architektonisch und dekorativ ist der große Saal, sieht man von der monumentalen zentralen Leuchte ab, eher ein Kontrapunkt zur Fassade und dem Foyer. Anders als in der Fassade und im Peristyl des Foyers ist hier die Struktur des Baus kaum ablesbar, weil die tragenden Elemente teils verdeckt sind, teils außen liegen. Anstelle der geraden dominieren hier die geschwungenen Linien der freitragenden Balkons – ein Erbe van der Veldes.
Der große Saal des Theaters. Photo: Asseline Stéphane
Bei dem gigantischen Kronleuchter von René Lalique, der schon ins Art-déco weist, bilden die in eine Schmiedeeisenstruktur des Kunstschmieds Perrassy eingefassten Glasplatten einen Strahlenkranz um eine zentrale Wolkenformation.
Foto: Wikipedia
Um den diesen Kronleuchter umgebenden Ring hat Maurice Denis (1870-1943) einen Zyklus allegorischer Gemälde geschaffen, die die Histoire de la Musique präsentieren.
Die Darstellung wurde stark von Paul Marie Théodore Vincent d’Indy, einem französischen Komponisten, Musiktheoretiker, Schüler von César Franck und überzeugter Wagnerianer, beeinflusst.
Die Geschichte der Musik besteht aus vier großen rechteckigen Tafeln: La Danse(Griechischer Tanz), der die Ursprünge der Musik darstellt (der Bühne zugewandt), mit L’Opéra und La Symphonie auf beiden Seiten und, gegenüber dem griechischen Tanz, Le Drame lyrique (daslyrische Drama. Diese großen Tafeln werden durch vier kleinere „Kameen“ mit den Titeln le Chœur, l’Orchestre, la Sonate und l’Orgue getrennt.
Scale Model for the Cupola of the Théâtre des Champs-Elysées; Musée d’Orsay, Paris
Eine eingehende Beschreibung und Analyse von Mauris Denis Werk im Théâtre des Champs-Élysées findet sich bei Rachel Coombes.[[52]] Der Auftrag zur Bemalung der Kuppel an Denis war von Gabriel Thomas ausgegangen. Beide waren nicht nur freundschaftlich verbunden, sondern auch von der gleichen politischen Ideologie durchdrungen, „die auf einer Synthese der katholischen Wurzeln Frankreichs mit Visionen seines griechisch-lateinischen Erbes basierte.“[53]
Angesichts der inneren Zerrissenheit Frankreichs, wie sich in der Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts und bei der Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 zeigte, glaubte Denis mit der Wiederherstellung der Latinité, die in den Zeitschriften L’Ermitage und L’Occident propagiert wurde, die nationale Identität Frankreichs zu erneuern. In der Latinité sah er die Manifestation der (vermeintlich) typisch französischen Tugenden der Einfachheit, Klarheit und der zugrunde liegenden harmonischen Konstruktion. Diese „innige(n) Verbindung zwischen griechischer Form und christlichem Geist“[54] bestimmt auch die Ikonographie der Geschichte der Musik.
Maurice Denis, La Danse, Tafel aus der Geschichte der Musik, und Bronze-Reliefs „Gesang“ und „Tanz“, 1912 [54a]
Denis hilft uns beim Verständnis der vier großen allegorischen Tafeln mit darunter verlaufenden Inschriften. Bei der Tafel La Danse(Griechischer Tanz) heißt es in der Inschrift: «Aux rythmes dionysiaques unissant la Parole d’Orphée, Apollon ordonne les jeux des Grâces et des Muses» (Zu den dionysischen Rhythmen, die das Wort des Orpheus vereinen, ordnet Apollo die Spiele der Grazien und Musen an).
Wir sehen in dieser Szene Apollo im Zentrum einer mediterranen Landschaft, wie er die frei um ihn herum tanzenden Grazien dirigiert. Im Hintergrund ist ein dorischer Tempel auf einem Hügel zu erkennen. Auf der linken Seite der Szene führt Dionysos seine Tänzer, während Orpheus auf der rechten Seite, begleitet von Eurydike, mit seinem Gesang wilde Tiere zähmt – ein Thema, das wir schon in ähnlicher Weise bei Ker-Xavier Roussels Vorhang der Salle de la Comédie gesehen haben.
Einbezogen in dieses Thema sind auch die beiden Flachreliefs aus Bronze, „Gesang“ und „Tanz“ von Denis seitlich der Orgel des großen Saals. „Die Basreliefs von Denis erinnern an Bourdelles stilisierte Steinchoreografie auf der Außenseite des Theaters und sind gleichermaßen von Erkenntnissen beeinflusst, die aus den jüngsten Wiederentdeckungen antiker griechischer Tanzformen stammen.“ [55]
Am Ende der Bilder zur Geschichte der Musik steht das lyrische Drama mit „Wagners Transformation der Symphonie- und Operntraditionen durch ihre Vereinigung.“ [56]
Das lyrische Drama ist voller Anspielungen: Im Zentrum Verweise auf Wagners Opern mit Parsifal und dem Gral, Tristan und Isolde und Brünnhilde auf ihrem Pferd Grane, an den Seiten Hinweise auf die Ballets Russes und auf César Franck und seine Schüler, die Franckisten. Denis schrieb ihnen eine musikalische Renaissance zu, und Vincent d’Indy erkannte in Francks Musik „eine Verschmelzung von Wagnerscher Großartigkeit und französischer Klarheit.“ [57]
Bildunterschrift: «Sur les cimes dans l’angoisse et le rêve, drame lyrique ou poème, la Musique s’efforce vers un pur idéal». „Auf den Gipfeln von Angst und Traum, lyrischem Drama oder Gedicht strebt die Musik nach einem reinen Ideal.“
„Sowohl für Denis als auch für Wagner bedeutete die Erneuerung der Künste nicht nur eine Rückkehr zum Ideal des griechischen Gesamtkunstwerks, sondern auch zu seinen heiligen Ursprüngen, wie sie in der christianisierten Allegorie des Parsifal zum Ausdruck kommen. (…) Die Erhebung des Theatererlebnisses auf eine fast spirituelle Ebene war in den Köpfen von Denis und den französischen Symbolisten eng mit dem spirituellen Ehrgeiz verbunden, den Wagner in Religion und Kunst (1880) als „Pflicht der Kunst zur Rettung der Religion“ ausdrückte. Er argumentierte, dass mit der modernen Säkularisierung der Gesellschaft alle Künste im Niedergang begriffen seien. Allein die Künste hätten die Fähigkeit, religiöse Gefühle zu vermitteln, eine Ansicht, die völlig mit Denis‘ Sinn für künstlerische Absichten übereinstimmte.“ (…) Denis‘ „Traum“, (…) eine „innige Verbindung zwischen griechischer Form und christlichem Geist“ zu schaffen, kommt in der Symbolik des lyrischen Dramas und tatsächlich in der gesamten Erzählung der Geschichte der Musik zum Ausdruck.
Die Tatsache, dass Wagners musikalische Leistungen am „Endpunkt“ der Erzählung platziert werden, untergräbt nicht die Treue zu einer angeblich französischen Ästhetik. Vielmehr sollte damit das Theaterpublikum darauf hingewiesen zu werden, in welche Richtung sich die französische Musik (…) entwickeln sollte und dass die Heimat des französischen Gesamtkunstwerks nun hier, im Théâtre des Champs-Elysées, lag.“[58]
Schlusswort
Das Théâtre des Champs-Élysées – Gemeinschaftswerk und Gesamtkunstwerk
Mit Maurice Denis‘ Geschichte der Musik kehren wir zum Anfang unserer Betrachtung des Théâtre des Champs-Élysées zurück. Hat sich Astrucs Idee eines modernen Musiktheaters erfüllt? Was sein musikalisches Programm anbetrifft, ist diese Frage zu bejahen. Mit „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz eröffnete es am 30. März 1913 seine Pforten. Am 2. April 1913 brachte in einem außergewöhnlichen Konzert die großen Komponisten der Zeit, Vincent d’Indy, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Claude Debussy zusammen. Und am 29. Mai 1913 in einem Ballettabend die Uraufführung von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ statt.
Bei der architektonischen Umsetzung wurde ein Kompromiss gefunden zwischen einem rein auf die Musik ausgerichteten Bau und einem Theater, das auch dem Repräsentationsbedürfnis dem Pariser Publikum genügt. Das Theater ist ein Gemeinschaftswerk: An seiner Gestaltung waren eine ganze Reihe von Personen beteiligt, die die künstlerischen und geistig-politischen Strömungen der Zeit in unterschiedlicher Weise teilten.
Gabriel Astruc konzipierte an prominentem Ort einen Bau mit modernen Einrichtungen, der der angestrebten Genre- und Stilvielfalt der Musik mit mehreren Sälen unterschiedlicher Größe Raum bot und wählte mit Fivaz und Bouvard die ersten Architekten aus. Roger Bouvard entwarf für den neuen Standort an der Avenue Montaigne trotz des begrenzten Volumens die Aufteilung der benötigten Räume. Van de Velde gelang trotz der Kompromisse, die er eingehen musste, mit seinen geschwungenen Balkons des großen Saals eine maximale dekorative Wirkung und mit dem Proszenium ein modernes Bühnenmodell. Auch die Grundzüge der Fassade, zusammen mit Antoine Bourdelle, sowie die Idee den Bau in Stahlbeton auszuführen, gehen auf ihn zurück. Den Brüder Auguste und Gustave Perret schufen eine sinnreiche Konstruktion in béton-armé und durch Reduktion architektonischer Elemente und durch eine strengere Formgebung konnten sie das klassizistische Erbe in ein modernes, ausdrucksstarkes Bauwerk verwandeln, das seine Ära nachhaltig prägte. Und nicht zuletzt in der von Gabriel Thomas zur Gestaltung der Dekoration eingeladenen Künstlergruppe (Antoine Bourdelle, Maurice Denis, Édouard Vuillard, Jacqueline Marval, Ker-Xavier Roussel, Henri Lebasque), die die Thematik der Musen vielfältig variierten, erscheint das Théâtre des Champs-Élysées mit Recht auch als ein Gesamtkunstwerk.
Rachel Coombes: MAURICE DENIS’S THE HISTORY OF MUSIC: ALLEGORISING CULTURAL TRADITION IN EARLY TWENTIETH-CENTURY FRANCE, in: Belonging, Detachment and the Representation of Musical Identities in Visual Culture, 2023, pp. 395-422 (28 pages) https://doi.org/10.2307/jj.5211766.19
Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Interferenzen / Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57 https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/3749/1/Freigang_Nation_Politik_Architektur_2013.pdf
Christian Freigang: Auguste Perret, die Architekturdebatte und die ‚Konservative Revolution‘ in Frankreich 1900–1930, München 2003
Christian Freigang „JULIUS MEIER-GRAEFES ZEITSCHRIFT L’ART DECORATIF Kontinuität und Subversion des Art Nouveau.“ Originalveröffentlichung in: Becker, Ingeborg ; Marchal, Stephanie (Hrsg.): Julius Meier-Graefe : Grenzgänger der Künste, Berlin 2017, S. 214-227; hier S.223.
Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte: Retour à l’ordre und nationale Repräsentativität in der Art déco-Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankreich“. Originalveröffentlichung in: Purchla, Jacek ; Tegethoff, Wolf (Hrsgg.): Nation, style, modernism : [proceedings of the International Conference under the patronage of Comité International d’Histoire de l’Art (CIHA) … ], Krákow 2006, S. 257-274 (CIHA conference papers ; 1)
Christian Hecht: „Ein Streit um die richtige Moderne. Henry van de Velde, Max Littmann und der Bau des Weimarer Hoftheaters“; Zeitschrift für Kunstgeschichte, 69. Bd., H. 3 (2006), pp. 358-392. https://www.jstor.org/stable/20474361
Cesar A. Leal, „RE-THINKING PARIS AT THE FIN-DE-SIÈCLE: A new vision of Parisian musical Culture from the Perspective of Gabriel Astruc (1854-1938)“ (2014) hier: “intelligemment conçus: celui de Bayreuth et celui du Prince Régent a Munich”; S.228-283. University of Kentucky,Theses and Dissertations–Music. 30.https://uknowledge.uky.edu/music_etds/30
[[1a]] Cesar A. Leal, „RE-THINKING PARIS AT THE FIN-DE-SIÈCLE: A new vision of Parisian musical Culture from the Perspective of Gabriel Astruc (1854-1938)“ (2014) hier: “intelligemment conçus: celui de Bayreuth et celui du Prince Régent a Munich”; S.228-283. University of Kentucky,Theses and Dissertations–Music. 30. https://uknowledge.uky.edu/music_etds/30
[[2]] Astruc, Gabriel: Important Typed Letter, defending the ‘Frenchness’ of the Théatre des Champs Elysées
[[5a]] Projet d’un Palais philharmonique (Theatre de musique et salles de concert), Jardin des Champs-Élysées, Henri Fivaz, Théâtre des Champs-Élysées Archives (Ausschnitt)
[[6]] zitiert nach Cesar A. Leal, ebd.
[[6a]] Projet pour le Théâtre des Champs-Élysées (non realisé) Façade principale. Théâtre des Champs-Élysées Archives
[[7]] Cesar A. Leal, ebd.
[[8]] La Libre Parole war eine 1892 von dem Journalisten und Polemiker Édouard Drumont gegründete politische Tageszeitung, die wie kaum eine andere Zeitung dazu beitrug, dass vor und während der Dreyfus-Affäre in Frankreich eine antisemitische Atmosphäre geschaffen wurde. Sie vertrat die Linie eines Antikapitalismus auf der Basis, dass der Kapitalismus von Juden beherrscht sei.
[[9]] Cesar A. Leal, ebd.
[[10]] zitiert nach Cesar A. Leal, ebd.
[[11]] zitiert aus Astrucs Memoiren (Le Pavillon des Fantômes: souverniers) nach Cesar A. Leal, ebd.
[[16]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Interferenzen / Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57
[[16a]] Bildquelle: Stefan Applis on X. JuevesDeArquitectura History of Bauhaus Weimar Kunstgewerbeschule Architecture. Theater Louise Dumont by Henry van der Velde (1902/3) 19. November 2020
[[17]] Umfangreiche Darstellung hierzu bei Christian Hecht: „Ein Streit um die richtige Moderne. Henry van de Velde, Max Littmann und der Bau des Weimarer Hoftheaters“; Zeitschrift für Kunstgeschichte, 69. Bd., H. 3 (2006), pp. 358-392. https://www.jstor.org/stable/20474361
[[18]] Henry Van de Velde ebd.
[[19]] Henry Van de Velde ebd.
[[20]] Jacques Mesnil: Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs; Onze Kunst. Jaargang 13 (1914). [tijdschrift] Onze Kunst. Geïllustreerd maandschrift voor beeldende en decoratieve kunsten. https://www.dbnl.org/tekst/_onz021191401_01/_onz021191401_01_0043.php
[[21]] zitiert nach Jacques Mesnil, ebd.
[[21a]] Abb. aus: Mesnil, Jacques (1872-1940) Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées
[[22]] Henry van der Velde: Der neue Stil; Die neue Rundschau, Sechstes Heft Juni 1906
[[22a]] Henry van de Velde et R. Bouvard: Plan à la hauteur des premières loges. Projet non exécuté.(Fin mars 1911) Abb. aus Jacques Mesnil: Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées (Ausschnitt)
[[23]] Christian Freigang: Auguste Perret, die Architekturdebatte und die ‚Konservative Revolution‘ in Frankreich 1900–1930, München 2003
[[27]] Anmerkung von mir: Hier ist deutlich das Argumentationsmuster der politischen Rechten, d.h. das Lager der Nationalisten, Traditionalisten, ultrakonservativen Katholiken und Monarchisten, gegen die „Dreyfusards“, die Anhänger von Hauptmann Dreyfus, das sind vor allem Personen der politischen Linken (Sozialisten und liberale Republikaner) erkennbar, denen Untergrabung der Autorität der Armee und der staatlichen Ordnung vorgeworfen wurden.
[[28]] Christian Freigang „JULIUS MEIER-GRAEFES ZEITSCHRIFT L’ART DECORATIF Kontinuität und Subversion des Art Nouveau.“ Originalveröffentlichung in: Becker, Ingeborg ; Marchal, Stephanie (Hrsgg.): Julius Meier-Graefe : Grenzgänger der Künste, Berlin 2017, S. 214-227; hier S.223.
[[29]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte: Retour à l’ordre und nationale Repräsentativität in der Art déco-Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankreich“. Originalveröffentlichung in: Purchla, Jacek; Tegethoff, Wolf (Hrsgg.): Nation, style, modernism : [proceedings of the International Conference under the patronage of Comité International d’Histoire de l’Art (CIHA) … ], Krákow 2006, S. 257-274 (CIHA conference papers ; 1)
[[30]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte..“, ebd.
[[31]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte..“, ebd.
[[33]] Jacques Mesnil: Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs. Onze Kunst. Jaargang 13 (1914)– [tijdschrift] Onze Kunst. Geïllustreerd maandschrift voor beeldende en decoratieve kunsten
[[34]] Zitiert nach Jacques Mesnil ebd.
[[35]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Inter-ferenzen/Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57
[[36]] Jacques Mesnil, ebd.
[[37]] Henry Van de Velde Geschichte meines Lebens.
[[37a ]] Abb. aus: Mesnil, Jacques (1872-1940) – Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées – 04a
[[38]] Leila Zickgraf, ebd.
[[38a]] Abb. aus: Jacques Mesnil, Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs
[[39]] Henry Van de Velde Geschichte meines Lebens.
[[52]] Rachel Coombes: MAURICE DENIS’S THE HISTORY OF MUSIC: ALLEGORISING CULTURAL TRADITION IN EARLY TWENTIETH-CENTURY FRANCE, in: Belonging, Detachment and the Representation of Musical Identities in Visual Culture, 2023, pp. 395-422 (28 pages) https://doi.org/10.2307/jj.5211766.19
Im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier standen die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt.
Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Bauten der Familiendynastie in Paris: Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III. auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…
… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]
So entstand « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3] eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]
… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:
Kurt Tucholsky: Park Monceau
Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.
Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.
Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.
Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.
Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.
Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.
Die großen Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die Meniers.
Das Hôtel Menier
Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6] Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden… Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…
Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers. Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]
Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]
Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.
Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit, wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren. Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.
Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva, auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]
Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind. Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.
Hôtel Henri Menier
Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.
Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.
Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.
Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.
Heute ist In dem Gebäude das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11]
Hôtel Henri Menier
8, rue Alfred de Vigny
75008 Paris
Hôtel Gaston Menier
1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).
Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….
… und den Greifen über dem Portal.
Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]
Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.
Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.
Hôtel Gaston Menier
4 avenue Ruysdaël
75008 Paris
Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise
Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs. Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887 der Leichnam des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters dorthin überführt.[13]
Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.
Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen Ms.
Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.
Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten) Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung. Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.
Das sozialreformerische Engagement Meniers
In de Nachrufen der zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden, ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]
Dass Émile Justin Menier hier gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes- hat durchaus seine Berechtigung. Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter, die kostenlose medizinische und auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]
Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris
Menier hat sich als „patron philanthrope“ [16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:
« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]
Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden, sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos. Menier strebte nämlich in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.
Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der republikanischen Linken.
Ein besonderes Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die von den Romanen Balzacs so bekannte Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers besteuert werden. Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise: Si vis pacem, para bellum bzw. des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am 11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….
Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.
Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.
Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.
Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.
Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:
„Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“
Das russische Expeditionskorps in Frankreich
Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]
Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten „tirailleurs sénégalais.“
Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil- wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).
Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht. Auch hier spielte die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten wurde, eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500 überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500 zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen Gebiets teil. Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken zwischen 1300 und 4800… [5]
Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte und in der Roten Armee Karriere machte.[6]
Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.
Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich- einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.
Eine russische Kapelle in der Champagne
In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand, steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.
Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.
Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français, Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.
Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem Denkmal, das ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden. Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die sich auf russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen solchen Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen. Die französische Verwaltung dagegen war der Meinung, dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ». Schließlich wurde aber dann doch dem russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten Denkmals mit dem orthodoxen Kreuz… (6a)
Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:
„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“
Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.
Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)
Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.
Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.
Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen Expeditionskorps gewidmet, „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“
Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.
Die Einweihung des Denkmals in Paris
Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt- 2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.
Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“ („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt- es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“, an Russland- der ersten Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz verkündete.[8]
In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.
„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“
Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:
„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.“
Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau am Quai Branly, eröffnet… (8a)
… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15) Grund dafür sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]
Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11] Ganz entsprechend titelt le Monde: „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen Einflusszone habe entreißen wollen.[12]
In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die Zeitung zitiert einen einflussreichen außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]
Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]
Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen
Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888 in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]
Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]
Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82). Er gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt. „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)
Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]
Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]
Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:
In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)
Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.
„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“
„Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)
Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:
„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“
Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.
Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:
„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)
Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.
„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“
Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.
20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919 in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“, wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.
Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten- auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des Sterbens hin.
Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.
Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg. Eine Kopie der Plastik ist ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.
Praktischer Hinweis:
Musée Zadkine, 100 bis, rue d’Assas 75006 Paris
Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h
Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017
Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.
Anmerkungen:
[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f
[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5
[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.
[13]A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13
[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert, von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend. Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden. (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)
[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine
[16] Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80
Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums. Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig, nun im feindlichen deutschen Lager stand.
Neben dem Eiffelturm, Notre Dame und Sacre Coeur gehört der Arc de Triomphe zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Paris. Immerhin ist er der größte aller Triumphbögen und er ist „dans le monde entier une image symbolique de Paris“ und nicht zuletzt „das berühmteste napoleonische Monument.“[1]
Dass der Arc de Triomphe nicht nur für Paris steht, sondern für ganz Frankreich, haben wir übrigens bei einer Reise auf die Seychellen festgestellt. Dort haben sich die Promoter der französischen Milch neben einer Kuh in den Nationalfarben ausgerechnet den Triumphbogen ausgesucht, um die Herkunft des Produkts augenfällig zu machen.
Der Triumphbogen verdankt seine Prominenz sicherlich vor allem seiner exponierten Lage an der voie Triomphale zwischen dem Louvre und der Place de l‘ Étoile, die inzwischen noch verlängert ist bis zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense mit der anlässlich der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution errichteten Grande Arche.
Dazu kommt die große Rolle, die er bei besonderen Anlässen spielte und noch heute spielt:
Am 14. Dezember 1840 beispielsweise empfingen mehr als 400 000 begeisterte Menschen mit dem Ruf „Vive l’empereur!“ die Asche Napoleons, die auf einem riesigen Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt wurde, bevor sie dann im Invalidendom ihre letzte Ruhe fand.[2]
Am 22. Mai 1885 starb Victor Hugo in seiner Wohnung in der Nähe des Arc de Triomphe. Sein Leichnam wurde auf einem Katafalk von 22 Metern Höhe unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt, bis er am 31. Mai in die Kirche Saint-Geneviève gebracht wurde- die damit endgültig ihre Bestimmung als Pantheon der „großen Männer“ erhielt.
Am 13. und 14. Juli 1919 fand rund um den Arc de Triomphe die Siegesfeier Frankreichs statt. Eine riesige Militärparade, angeführt von 1000 Kriegsversehrten und danach den Marschällen Frankreichs hoch zu Ross, an der Spitze ihrer Truppen, marschierte durch den Arc de Triomphe – was damals noch möglich war, weil das Grab des unbekannten Soldaten und die ewige Flamme unter dem Triumphbogen erst später installiert wurden.
Natürlich nahm auch die französische Luftwaffe an der Parade teil, musste dies aber zum Leidwesen der Piloten wie die Infanterie zu Fuß tun. Eine Gruppe von Piloten entschloss sich deshalb, ohne den Segen oder auch nur die Information ihrer Vorgesetzten eine besondere Demonstration zu veranstalten. Ausgewählt dafür wurde Charles Godefroy, der am 7. August 1919 in einer spektakulären Aktion unter der Öffnung des Triumphbogens hindurch flog. Einige Bildreporter waren informiert, so dass das Geschehen für die Nachwelt festgehalten ist. Die völlig überraschten Fahrgäste in der gerade vorbeifahrenden Trambahn gerieten allerdings in Panik… Aber Frankreich war dann doch so stolz auf seinen tollkühnen Piloten, dass er mit einer einfachen Abmahnung davon kam…
Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 paradierten deutsche Truppen vor dem Arc de Triomphe und Hitler erwies Napoleon im Invalidendom seine Reverenz. Viereinhalb Jahre später war diese Schmach beendet: Am 11. November 1944 fand–nach der Befreiung von Paris und des größten Teils Frankreichs- eine große Militärparade, angeführt von General de Gaulle, Winston Churchill und Anthony Eden, vor dem Arc de Triomphe statt.
Auch heute noch steht der Arc de Triomphe immer wieder und regelmäßig im Zentrum großer Veranstaltungen:
bei Gedenktagen wie dem 8. Mai und dem 11. November, an dem der Staatspräsident unter dem Arc de Triomphe die Flamme des unbekannten Soldaten erneuert.[3]
beim 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wo auf den Champs-Elysées zwischen Arc de Triomphe und der Place de la Concorde die große Militärparade stattfindet, die von der Patrouille de France eröffnet wird. Sie überfliegt den Arc de Triomphe und zeichnet die Farben der Tricolore in den Himmel.
Der Arc de Triomphe ist aber auch Schauplatz anderer Veranstaltungen: Das nachfolgende Foto zeigt eine Demonstration vom 18.3. 2014: Damals wurde an das Ende des Algerien-Krieges durch die Verträge von Évian erinnert. Demonstrationen am Arc de Triomphe sind eher außergewöhnlich, in diesem Fall aber wohl der Tatsache zu verdanken, dass das Ende des Algerienkriegs vor allem de Gaulle zu verdanken ist, nach dem ja auch die Place de l’Étoile benannt ist.
In ganz besonderer Weise zeigte im Januar 2015 Paris seine Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charly Hebdo“.[4]
Und traditionell endet die Tour de France, indem die Fahrer noch mehrmals die Champs Elyssées hinauf- und herunterfahren und dabei den Arc de Triomphe umrunden – eine eher rituelle Veranstaltung, weil der Sieger der Tour schon vorher feststeht.
Lliterarischen und filmischen Ruhm hat der Arc de Triomphe natürlich auch erlangt….[5]
Napoleon wäre sicherlich stolz auf die Prominenz dieses Monuments gewesen, dessen Bau er selbst angestoßen hat. Ziel Napoleons war es, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Schon auf der Überfahrt nach Ägypten 1798 sann er: „Wenn ich Herrscher Frankreichs wäre, dann würde ich aus Paris nicht nur die schönste Stadt machen, die es je gegeben hat, sondern die schönste Stadt, die es jemals geben kann.“ [6]
Zahlreiche monumentale Projekte dienten diesem Ziel:
So der Säulengang vor dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung, südlich der Seine, als dessen Gegenstück die antikisierende Madeleine nördlich der Place de la Concorde fungierte, aus der Napoleon ein Pantheon zum Ruhm seiner Armeen machen wollte[7] : So entstand eine monumentale, die Seine überspannende Nord-Süd- Achse mit der Place de la Concorde als Mittelpunkt.
Das größte urbanistische Projekt der Napoleonzeit war die Ost-West-Verbindung mit der neu angelegten Rue de Rivoli. Bonaparte hatte sich von den Arkaden inspirieren lassen, die er in Norditalien gesehen hatte, und ließ identische Wohn- und Geschäftshäuser mit genau reglementierten Säulengängen anlegen. (Die für Paris eigentlich untypischen Arkaden gab es bis dahin nur rund um die Place Royal/Place des Vosges- einem Projekt Henri Quatres, der sich ebenfalls –wie bei dem pont neuf- von der italienischen Architektur anregen ließ.)
Und immer ging es Napoleon auch um die Verherrlichung seiner Taten und der seiner grande armée. Diesem Zweck diente nicht nur die Madeleine, sondern auch die auf der Place Vendôme errichtete, aus der Bronze erbeuteter Waffen hergestellte und mit seinem Standbild gekrönte Säule.
und natürlich und vor allem dienten die beiden auf der großen Ost-West-Achse gelegenen Triumphbögen dem Ruhm Napoleons und seiner Truppen: der kleine arc de triomphe du Carrousel und der große auf der place de l’Étoile, dessen Vollendung Napoleon aber nicht erlebt hat.
Die Vorliebe Napoleons für die Antike und das imperiale Rom ist bei all diesen Plänen offenkundig: Antike Tempel (für die Attika des Palais Boubon und für die Madeleine), die Trajan-Säule in Rom (für die Vendôme-Säule) und die Triumphbögen des Septimius Severus (für den arc de triomphe de la Carrousel) und des Titus (für den arc de triomphe de l’étoile) sind eindrucksvolle Belege dafür. Diese städtebauliche Vorliebe Napoleons hat auch einen politischen Hintergrund: denn hatte nicht auch Rom sich von einer Republik zu einem Kaiserreich entwickelt, konnte also auch insofern als Vorbild dienen?[8]
Geschichte des Baus
Den Anstoß für den Bau des Arc de Triomphe gab Napoleon im Februar 1806 – auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ursprünglich hatte er dafür den damals noch leeren Platz im Osten von Paris ausersehen, auf dem einmal die Bastille gestanden hatte. Dieser Platz war damals in einem ziemlich lamentablen Zustand. Den Triumphbogen dort zu errichten hätte nicht nur eine erhebliche symbolische Bedeutung gehabt, sondern er hätte auch Katalysator für ein weiteres städtebauliches Großprojekt Napoleons sein sollen: Eine Achse vom Louvre bis zum Bastille-Platz zu schlagen, der dann übrigens auch die Kirche St. Germain l’Auxerrois zum Opfer gefallen wäre. Die mit der Planung beauftragte Architektengruppe plädierte dann aber für die Place de l’Étoile als Standort. Auf dem dortigen Hügel war schon im 18. Jahrhundert ein étoile (Stern) genannter zentraler Platz eingerichtet worden, von dem Wege in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Es waren im 18. Jahrhundert auch schon diverse Pläne entwickelt worden, wie man den Hügel besonders ins Blickfeld rücken könnte. Beispielsweise durch einen riesigen Elefanten: Dessen Bauch sollte Konzert- und Theatersäle enthalten. Der Zugang sollte über eine Treppe erfolgen, die in eines der vier Beine des Elefanten eingebaut war. Im Kopf des Elefanten sollte ein Orchester platziert werden; die Ohren sollten als Lautsprecher dienen und der Rüssel als Fontaine. Diese Pläne wurden allerdings nicht verwirklicht und das Elefantenprojekt wurde eine Zeit lang auf den Bastille-Platz verschoben. So war der étoile frei und wurde dem Kaiser vom Innenminister Champigny auch entsprechend angepriesen: Ein Triumphbogen an dieser Stelle ziehe auf äußerst majestätische Weise den Blick vom kaiserlichen Schloss der Tuilerien auf sich. Der Reisende, der Paris betrete, werde von dem Anblick überwältigt; wer Paris verlasse, behalte so einen unvergesslichen Eindruck und eine Erinnerung an die unvergleichliche Schönheit der Stadt. So bleibe er –auch aus der Ferne- immer mit dem „Triomphateur“ verbunden.[9]
Dieser Argumentation konnte sich der Kaiser nicht verschließen. Am 15. August 1806, dem Tag des kaiserlichen Festes, wurde der Grundstein gelegt. Auch wenn als Vorbild der Titusbogen in Rom diente: Der Triumphbogen Napoleons sollte alle bisherigen Triumphbögen an Größe weit übertreffen und den Ruhm des Kaisers und seiner Truppen eindrucksvoll in Szene setzen.
Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen, bis schließlich 1808 der Architekt Jean-François-Thérèse Chalgrin mit der alleinigen weiteren Planung beauftragt wurde. Zwei Jahre später war zwar der Bau des Triumphbogens noch nicht sehr weit gediehen, aber Chalgrin hatte Gelegenheit, das Ergebnis seiner Planung in voller Größe zu zeigen: Anlässlich der Hochzeit von Napoleon mit Marie-Louise von Habsburg im Jahr 1810 wurde an Ort und Stelle aus Holz und bemaltem Stoff ein Modell des zukünftigen Arc de triomphe errichtet, durch das das kaiserliche Paar mit Gefolge nach Paris einziehen konnte.
Auf der zeitgenössische Abbildung („Das kaiserliche Gefolge verlässt den Arc de Triomphe“[10]) sieht man übrigens rechts und links des Bogens noch die beiden Zollhäuser von Ledoux- Teile der Paris umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux, die 1860 geschleift wurde.[11]
Die weiteren Bauarbeiten ließen allerdings aus nur allzu verständlichen Gründen auf sich warten: Zunächst aufgrund der pausenlosen Kriege und der leeren Staatskassen, dann durch die Rückkehr der Bourbonen: Ihnen galt Napoleon als Emporkömmling, als illegitimer Parvenü, der kein Recht auf einen Arc de Triomphe hatte. Nach der Julirevolution von 1830, also dem Sturz der Bourbonen und der Regierung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe, wurden die Arbeiten am Arc de Triomphe aber wieder aufgenommen und ihr Ende von vielen Zeitgenossen mit Ungeduld erwartet, wie das nachfolgend zitierte Gedicht von Victor Hugo zeigt.
Arc triomphal, la foudre en terrassant ton maître
Semblait avoir frappé ton front encore à naître.
Pour nos exploits nouveaux te voilà relevé!
Car on n’a pas voulu, dans notre illustre Armée,
Qu’il fût de notre renommée
Un monument inachevé !
Dis aux siècles le nom de leur chef magnanime
Qu’on lise sur ton front que nul laurier sublime
A des gloires françaises ne peut se dérober.
Lève-toi jusqu’aux cieux, portique de victoire !
Que le géant de notre gloire
Puisse passer sans s’y courber !
Am 29. Juli 1836 konnte schließlich der Arc de Triomphe von dem damaligen Regierungschef Adolphe Thiers eingeweiht werden.
Die Einweihung fand zwar unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, aber doch in relativ bescheidenem Maße. Louis Philippe fürchtete nämlich nicht nur Attentate, sondern er wollte auch Reibungen mit dem Ausland vermeiden, das sich ja möglicherweise irritiert zeigen könnte durch die Erinnerung an napoleonische Siege, die durch den Arc de Triomphe gefeiert wurden: Siege gegen Österreicher, Deutsche, Osmanen, Italiener, Spanier, Holländer, Russen…
Die wichtigsten Schlachtenorte und Siege sind auf vier Friesen auf den Innenseiten der Pfeiler noch besonders hervorgehoben.
Die Siege der Revolutionsheere im Westen (Belgien) in den Jahren 1792 und 1794:
Die Siege im Süden gegen Österreich: Der Italienfeldzug Napoleons in den Jahren 1796/7 begründete seinen militärischen Ruf und Ruhm. Dementsprechend wird seine Büste auf dem Fries mit einem Lorbeerkranz versehen – Der Podest der Büste ist mit den kaiserlichen Insignien versehen. Kaiser war Bonaparte damals aber noch nicht, sondern erst ein „einfacher“ General. (12a)
Die Siege im Osten: Damit ist der ägyptische Feldzug in den Jahren zwischen 1798 und 1800 gemeint – erkennbar auch an den exotischen Früchten (Datteln, Ananas) und Palmwedeln. Der von Bonaparte hervorragend vermarktete Feldzug – Archeologen waren publikumswirksam „embedded“- steigerte über Frankreich hinaus seinen Ruhm noch weiter – und war eine Grundlage für den erfolgreichen Staatsstreich des 18. Brumaire (9. November 1799), womit sich Napoleon zum Ersten Consul und Alleinherrscher machte. Wenn auf diesem Fries übrigens auch der Name Aboukir aufgeführt ist, dann ist damit sicherlich nicht die vernichtende Niederlage der französischen Flotte durch die von Admiral Nelsen kommandierte englische Flotte bei Aboukir gemeint (an der Napoleon ja auch gar nicht beteiligt war), sondern der ebenfalls nach diesem Ort benannte Sieg Bonapartes gegen die Osmanen ein Jahr später:
Die Siege im Norden (zwischen 1805 und 1809) errang Napoleon, der sich inzwischen zum Kaiser ausgerufen hatte, gegen Österreich, Russland und Preußen. Mit diesen Siegen wurde er Herrscher über den europäischen Kontinent und erreichte den Höhepunkt seiner Macht.
Diese Zurschaustellung französischer Eroberungen mag befremdlich erscheinen. Denn Völker zögern, wie Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“ [12b] Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht verspürt….
Neben den Schlachtenorten sind auch etwa 600 Namen von kaiserlichen Marschällen, Admiralen und Generälen in die Pfeiler des Arc de Triomphe eingraviert. Ursprünglich waren „nur“ 383 Namen ausgewählt worden, aber dann gab es erhebliche Debatten und Beschwerden von Nicht-Berücksichtigten bzw. deren Angehörigen, so dass bis 1895, als die Eingravierungen abgeschlossen wurden, noch etwa 200 Namen hinzukamen…
Und die Opfer? Die gab es unzweifelhaft ja auch. Thierry Lentz, Direktor der Fondation Napoleon, von dem in diesem Punkt kaum Übertreibungen zu erwarten sind, schätzt die Zahl der in den napoleonischen Kriegen umgekommenen französischen Soldaten auf etwa 700 000 – und dazu kommen dann noch erhebliche zivile Opfer und die Opfer unter den –oft sehr unfreiwilligen- ausländischen, überwiegend deutschen, Hilfstruppen Napoleons. Nimmt man die militärischen und zivilen Opfer auf Seiten der Gegner hinzu, bewegen sich die Schätzungen zwischen 3 und 6 Millionen Menschen, die in den napoleonischen Kriegen ihr Leben verloren haben. [13]
Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe durchaus auch: Es sind Feinde, die am Boden liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und der österreichische Erzherzog legt eine Krone auf seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!
Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“ das non plus ultra des Ruhms sei. Und ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14] „Dulce et decorum est pro patria mori“ sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s für’s Vaterland zu sterben“ und noch süßer und ehrenvoller waren natürlich die Siege, deren Orte und Strategen auf dem Arc de Triomphe verewigt wurden.
Der Arc de Triomphe ist monumentaler Ausdruck einer Verherrlichung von Krieg, Eroberung und Heldentod. Da ist es nur allzu verständlich, dass die Linke in der französischen Nationalversammlung 1919 heftig – und vergeblich- gegen den Arc de Triomphe als Ort des Grabmals für den unbekannten Soldaten stritt.[15] Die Verherrlichung von dem auf dem Schlachtfeld erworbenen Ruhm und Heroismus wurde, wie Patrice Gueniffey in einem Aufsatz über das Napoleon-Verständnis von François Furet schrieb, lange als Bestandteil einer Erziehung zu Tugend und Tapferkeit verstanden. Aber, Tatsache oder Wunsch…?: „Toute cette magie guerrière est morte avec les hécatombes du XXe siècle.“[16]
Wenn in den 1830-er Jahren die Siege Napoleons und die Namen seiner Generäle in die Wände des Arc de Triomphe eingemeißelt wurden, so war das Ausdruck einer damals gängigen Idealisierung und Verherrlichung des Kaisers und des heroischen napoleonischen Zeitalters. 1835 erschien das Buch von Alfred de Vigny „Servitude et grandeur militaires“, das noch den Pulverdampf atmen lässt und in dem „die Liebe zu den Waffen“ und der „Traum der Schlachten“ lebendig sind.[17] Der Arc de Triomphe war aber nicht nur Ausdruck einer Nostalgie, sondern er hatte auch einen Aufforderungscharakter: Etwas Glanz von dem Ruhm Napoleons sollte auf das Frankreich des Bürgerkönigs fallen und es sollte sich des napoleonischen Ruhms würdig erweisen.
Die damaligen Möglichkeiten Frankreichs, in die Fußstapfen Napoleons zu treten und sich den „Traum der Schlachten“ zu erfüllen, waren allerdings begrenzt. Immerhin bezeichnete sich der Bürgerkönig Louis Philippe schon mal etwas großmäulig als „Kaiser der Franzosen“ – so jedenfalls 1845 in einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit China, der gerade (Okt/Nov 2016) in einer Ausstellung des Petit Palais zum Thema „L’art de la paix“ gezeigt wird.
Aber wie groß wäre doch der Ruhm des Louis Philipps, wenn es ihm gelänge, die in den 1790-er Jahren eroberten, dann annektierten, aber im Wiener Kongress wieder verlorenen linksrheinischen Gebiete Deutschlands „zurückzugewinnen“, an deren Eroberung schon Ludwig XIV. -eine verbrannte Erde zurücklassend- gescheitert war. Regierungschef Adolphe Thiers, ein großer Bewunderer Napoleons, betrachtete den Rhein als natürliche Ost-Grenze Frankreichs und befand sich damit im Einklang mit der öffentlichen Meinung seines Landes und sogar mit Victor Hugo. Der vertrat nämlich in seinem 1842 veröffentlichten Reisebericht „Le Rhin, récit de voyage“ die Auffassung, man müsse Frankreich zurückgeben, was Gott ihm gegeben habe, („rendre à la France ce que Dieu lui a donné.“), also den Rhein als Grenze. [17a] Und in seinem Arc de Triomphe-Gedicht hatte er ja ausdrücklich festgestellt, der Arc de Triomphe solle nicht nur die Ruhmestaten der napoleonischen Armeen verherrlichen, sondern auch die neuen, noch folgenden (nos exploits nouveaux)… Thiers forderte also in der sogenannten Rheinkrise die Herausgabe der linksrheinischen Gebiete und drohte dem Deutschen Bund mit Krieg. Nach den sogenannten Freiheitskriegen gegen Napoleon war dies ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft. Die Verherrlichung des Eroberers Napoleon war also in den 1830-er Jahren keine ganz harmlose geschichtliche Reminiszenz. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens bemerkenswert, dass bis heute „outre Rhin“ eine übliche französische Bezeichnung für Deutschland ist – so als sei der Rhein tatsächlich durchgängig die deutsch-französische Grenze….
Napoleon als Triumphator
Auf der nach Osten zu den Champs-Elysées ausgerichteten Schauseite des Arc de Triomphe gibt es zwei große Reliefs, die damit besonders hervorgehoben werden: Auf dem linken Pfeiler „der Triumph Napoleons“, rechts „der Auszug der Freiwilligen von 1792“, ein Relief, das im Allgemeinen unter der Bezeichnung „die Marseillaise“ firmiert.
Der triumphierende Napoleon ist mit römischer Tunika bekleidet dargestellt, in seiner rechten Hand hält er ein Schwert. Eine Siegesgöttin bekränzt ihn gerade mit einem Lorbeerkranz. Auf der linken Seite schreibt die Muse der Geschichte die Ruhmestaten Napoleons auf eine Tafel.
Die dargestellte Szene illustriert das Jahr 1810, als sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Nach dem Sieg über Habsburg bei Wagram war Napoleon uneingeschränkter Herrscher über den europäischen Kontinent, die Heirat mit Marie-Louise von Österreich sollte die Annäherung an Habsburg besiegeln- und den ersehnten Nachkommen bringen. Frankreich umfasste damals 130 Departements. 1790, als Frankreich in Departements eingeteilt wurde, waren es 83 gewesen. Zu den 130 Departements gehörten –aus französischer Sicht selbstverständlich- die Departements „Sarre“ (Trèves/Trier), „Roer“ (Aix-la-Chapelle/Aachen) „Mont-Tonnere“ (Donnersberg) mit der Präfektur Mayence/Mainz, Rhin-et-Moselle (Coblence/Koblenz). Und dazu kamen –als annektierte deutsche Territorien- auch die Departements „Bouches-du-Weser“ und „Bouches de l’Elbe“ mit Bremen und Hamburg bzw. natürlich: Brême et Hambourg als Präfekturen und die Departements Ems-Supérieur und Ems-Oriental mit Osnabrück und Aurich als Präfekturen. Diese annektierten Gebiete Deutschlands wurden –wie die weiteren Annexionen – von Napoleon noch nach dem Rückzug aus Russland als untrennbare Bestandteile Frankreichs betrachtet, so dass er Friedensangebote der Alliierten ausschlug, die Frankreich sogar- wenigstens- „seine“ Rheingrenze eingebracht/erhalten hätten. Napoleon und seine Generäle brannten darauf weiterzukämpfen und glaubten noch an den Sieg – une victoire totale (Englund) – es fällt fast schwer, in diesem Zusammenhang nicht das Wort „Endsieg“ zu verwenden…[18]
Die Karte mit den 130 französischen Departements wird in französischen Schulbüchern gerne gezeigt, zum Beispiel hier in dem Lehrbuch Histoire für die seconde, also die vorletzte Klasse des französischen Gymnasiums.[19]
Bemerkenswert ist bei dieser Karte, dass die großen Siege Napoleons mit einem roten Stern eingezeichnet sind: Ulm, Iena, Austerlitz, Wagram und Friedland- Siege, die, wie wir gesehen haben, in den Arc de Triomphe eingemeißelt sind und die auch in der Topographie von Paris eine wichtige Rolle spielen- wie ja auch die Namen der napoleonischen Marschälle. Nicht berücksichtigt ist auf der Karte –und natürlich auch nicht auf dem Arc de Triomphe- die entscheidende Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Mit ihr war ja immerhin der Plan einer Eroberung Großbritanniens gescheitert und die auf dem Arc der Triomphe verzeichneten weiteren Siege waren damit im Grunde nur vergebliche Siege.[20] Aber auf dem Arc de Triomphe ist Napoleon ohne wenn und aber der Sieger und Triumphator, Zweifel und Kritik haben da keinen Platz.
Die Marseillaise: Napoleon als legitimer Erbe der Französischen Revolution?
Auf dem rechten Pfeiler der den Champs-Elysées zugewandten „Schauseite“ des Arc de Triomphe befindet sich die große Plastik des Auszugs der Freiwilligen 1792, im Allgemeinen „Die Marseillaise“ benannt. Gegenstand ist die sogenannte „levée en masse“, die Aushebung von 200 000 Soldaten im Jahre 1792, die von der Gesetzgebenden Versammlung angeordnet wurde, um Frankreich gegen die gegenrevolutionäre Koalition des Auslands zu verteidigen.
Diese levée en masse ermöglichte dem revolutionären Frankreich seinen ersten großen Sieg über eine ausländische Macht: den Sieg über die preußisch-österreichischen Truppen bei Valmy in der Champagne im September 1792. Goethe erlebte im Gefolge des Herzogs von Weimar die sogenannte „Kanonade von Valmy“ mit und berichtete in seiner dreißig Jahre später niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ davon. Am Abend der Niederlage sei er von den bedrückten Landsleuten nach seiner Meinung befragt worden und er habe sie mit den Worten getröstet:
„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“
Goethe hat damit den revolutionären Aufbruch Frankreichs mit einem dem Anlass und dem Autor angemessenen „geflügelten Wort“ auf den Punkt gebracht. Flügel hat auch die Allegorie der Freiheit, die Marianne, im oberen Teil der Plastik- das kompositorische Gegenstück zur Allegorie des Ruhms auf dem linken Pfeiler. Accessoire des Ruhms ist die Trompete, die blanke Waffe die der Freiheit. Ihre wilde Entschlossenheit wird besonders deutlich im Modell des Kopfes, den man in der Attika des Arc de Triomphe aus der Nähe ansehen kann. Eher eine Furie, deren furchterregender Gesichtsausdruck noch gesteigert wird durch die Ungeheuer auf ihrer Jacobinermütze. Sie scheint die in den Kampf Ziehenden anzufeuern mit dem Ruf der Marseillaise: Aux armes citoyens…..
Während die Darstellung des Triumphators Napoleon auf dem linken Pfeiler als zwar handwerklich korrekte, aber eher uninspirierte, seelenlose Darstellung gilt, ist das mit der „Marseillaise“ anders. Sie wird allgemein als künstlerischer Höhepunkt der gesamten plastischen Ausgestaltung des Arc de Triomphe angesehen. Ob sie wirklich „one of best-known sculptures in the world“ ist, kann ich nicht beurteilen, aber sicherlich gehört sie zu den künstlerischen Werken, „qui ont fait la France.“[21]
Das im Arc de Triomphe ausgestellte Modell der Marianne wurde übrigens am 2. Dezember 2018 von gewalttätigen Demonstranten (gilets jaunes) beschädigt. Das wurde in Frankreich als besonderes Sakrileg empfunden – noch nicht einmal die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg hätten Derartiges gewagt….
Schöpfer der „Marseillaise“ vom Arc de Triomphe ist der Bildhauer François Rude, der mit diesem Werk berühmt wurde. Rude war auch ein großer Verehrer Napoleons.
Für das Museum und den Parc Noisot bei Dijon, von einem Mitglied der kaiserlichen Garde geschaffen „à la gloire de Napoléon“ , hat Rude einen auf dem (für ihn natürlich viel zu kleinen) Felsen von St. Helena liegenden lorbeerbekränzten Napoleon geschaffen, der gerade zur Unsterblichkeit erwacht.[22] Und Rude zog nach dem Sturz seines verehrten Kaisers das belgische Exil einem Leben unter dem bourbonischen Restaurations-Regime vor. Damit repräsentieren das Werk Rudes und der Arc de Triomphe den „roman national“, also das historisch gegründete Selbstverständnis des „offiziellen“ Frankreich der 1830- Jahre: Es ging darum, eine Synthese herzustellen zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Kaiserreich Napoleons und um die Selbstdarstellung Louis Philippes als aktuellem Repräsentanten dieser Synthese.
Wenn die Armeen der Revolution und die Grande Armee auf dem Arc de Triomphe also gemeinsam verherrlicht werden und Napoleon als Triumphator gefeiert wird, dem ewiger Ruhm sicher ist, so hat das programmatischen Charakter: Napoleon wird als legitimer Erbe, als „fils de la Révolution“ in Szene gesetzt, so wie auch der Bürgerkönig Louis Philippe als rechtmäßiger Erbe der Französischen Revolution (und des empire) angesehen werden wollte. Dazu passt ja auch das Schicksal der Tricolore, der Fahne der Französischen Revolution: Sie wurde -Symbol der proklamierten Einheit zwischen erster Republik und Empire- von Napoleon übernommen, von den Bourbonen 1814 aber wieder verbannt, bevor sie seit der Julirevolution von 1830 und dem Herrschaftsbeginn Louis Philippes erneut und endgültig zur offiziellen Fahne Frankreichs erhoben wurde.
Die „Marseillaise“ und der triumphierende Napoleon: Diese Kontinuität ist Teil der napoleonischen Legende, an der er selbst kräftig und kontinuierlich gearbeitet hat – bis zu seinem Exil in St. Helena, wo er seine Memoiren diktiert. Napoleon sagte und wiederholte, dass er die Verkörperung der Revolution sei, er stellte sich als Erbe von Aufklärung und Revolution dar, auf die er sich allerdings in sehr strategischer, d.h. opportunistischer und selektiver Weise bezog.[23]
Ob bzw. inwieweit Napoleon tatsächlich legitimer Erbe der Französischen Revolution ist, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Der Streit darüber dauert nun schon mehr als 200 Jahre an. Immerhin gibt es gewichtige Argumente, die gegen die Kontinuität von Republik und Kaiserreich sprechen[24]:
Zuerst und vor allem: Napoleon beseitigt am 9. November 1799, dem 18. Brumaire „mit dem ersten Militärputsch der Moderne“[25] die Republik, macht sich zum Kaiser und etabliert eine Erbmonarchie.
Durch die Heirat mit einer Habsburgerin, Großnichte von Marie-Antoinette, verbindet er sich mit den alten, von der Revolution und anfänglich auch von ihm selbst bekämpften alten Mächten: Er knüpft damit ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Herrscherpaar des Ancien Régime, das von der Revolution guillotiniert worden war.[26]
Die aus Wahlen hervorgegangenen Institutionen werden beseitigt zugunsten eines autoritären Regimes.
Die revolutionäre Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ wird von der Fassade des Pariser Rathauses entfernt.[27]
Napoleon macht seinen Frieden mit der von der Republik bekämpften katholischen Kirche.
Die von der Republik bekämpften Emigranten können im Kaiserreich wieder zurückkehren und werden stillschweigend rehabilitiert.
Die von der Republik abgeschaffte Sklaverei in den französischen Kolonien der Karibik wird wieder eingeführt. (27a)
Die neue republikanische Zeitrechnung wird wieder beseitigt zugunsten des römischen Kalenders.
Freiheiten wie die Pressefreiheit werden eingeschränkt – an ihre Stelle treten Zensur und offizielle Sprachregelungen.[28]
Das Schloss des „Sonnenkönigs“ in Versailles sollte zur Residenz des Kaisers ausgebaut werden.(28a)
Napoleon wünschte sich, neben den französischen Königen in der Basilika von Saint Denis begraben zu werden.
Insofern erscheint die Zusammengehörigkeit von Revolution und Empire, wie sie auf dem Arc de Triomphe präsentiert wird, als eher problematisch.
Es war übrigens Ludwig van Beethoven, der diese Problematik deutlich gesehen hat: Seine dritte Sinfonie, die „Eroica“ war ursprünglich Bonaparte, dem „Befreier Europas“, gewidmet. Beethoven hoffte, dass Napoleon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Leben erfüllen würde – als würdiger Erbe der Französischen Revolution. Aufgrund von Napoleons selbstinszenierter Kaiserkrönung änderte Beethoven den Titel der Sinfonie. Er ersetzte den Triumphmarsch durch einen Trauermarsch und nahm die Widmung an Napoleon mit den Worten zurück: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“.(28b)
Aber natürlich sind die Verdienste Napoleons für Frankreich ganz unbestreitbar: Die Herstellung des sozialen Friedens nach den langen Wirren der Revolutionszeit, die Sanierung der Staatsfinanzen, der Aufbau eines effizienten Staatswesens, der Code Civil, „Prototoyp jedes Bürgerlichen Gesetzbuches“.[29] Diese Verdienste beziehen sich vor allem auf die Phase des Consulats zwischen dem 18. Brumaire und der Etablierung des Kaiserreichs, die man auch die „poule-au-pot“ Phase Napoleons genannt hat – in Anlehnung an den „guten König“ Henri Quatre, der 200 Jahre zuvor jedem Franzosen sein sonntägliches Huhn im Topf versprochen hatte.[30]
Auch in Deutschland hat Napoleon tiefgreifende Reformen angestoßen und einen erheblichen Modernisierungsschub ausgelöst. Er hat, was Friedrich Engels ausdrücklich anerkannte, wesentlich zur Umwandlung der ständisch-agrarischen in eine egalitär-bürgerliche Gesellschaftsordnung in Deutschland beigetragen – ganz direkt in den von Frankreich beherrschten Gebieten, aber auch indirekt: Die „defensiven“ preußischen Reformen wären ohne die vernichtenden Niederlagen Preußens wohl kaum erfolgt. Und die Beseitigung des deutschen territorialen „Flickenteppichs“ wurde ja selbst von dem ansonsten der Restauration verpflichteten Wiener Kongress gut geheißen.
Aber Napoleon war nicht nur grenzüberschreitender Herold der Freiheit und des Fortschritts. Er war auch Eroberer und Unterdrücker. Seine Kriege und Siege überspannten die Ressourcen des Landes- da mussten neue Kriege und Siege her. Die benötigte er auch zur Dotierung der von ihm geschaffenen neuen Führungsschicht und zur Versorgung seiner Familie in bester Tradition des korsischen Klientilismus. So knüpfte er „mit der Eroberung und Unterwerfung fast des gesamten europäischen Kontinents an jene Praktiken an, die seit alters her zu den Zielen oder Folgen von Eroberungszügen gehörten.“[31]„Die imperialistische Besatzungspolitik Napoleons“ – zu der Plünderungen, massive Kontributionen und Zwangsaushebungen gehörten- „bedeutete das Ende des von den Ideen der Revolution gespeisten Kosmopolitismus als normativer politischer Kraft und die Notwendigkeit, die nationale Freiheit gegen den Usurpator zu erkämpfen. Unter Napoleon eskalierte die weltpolitische Mission des revolutionären Frankreichs zur Herrschaft der französischen Nation über die Völker Europas.“[32] Freiheitsliebe und Patriotismus, die den Impetus der „Marseillaise“ begründeten, wendeten sich nun gegen Napoleon. Sein Bild als lorbeerbekränzter Triumphator und legitimer Erbe der Französischen Revolution ist damit, gerade wenn man seine Eroberungspolitik einbezieht, ein einseitiges ideologisches Produkt der 1830-er Jahre, aber auch des bis heute noch andauernden Napoleon-Kults. Allerdings ist es völlig unangemessen und geschichtsblind, die den Kontinent beherrschenden Eroberer Napoleon und Hitler auf eine Stufe zu stellen, wie gerade kürzlich wieder auf einem Buchcover.
Gerade britische Historiker haben öfters solche Parallelen hergestellt, was sicherlich kein Zufall ist. Und der ehemalige Londoner Oberbürgermeister und jetzige britische Außenminister Johnson hat ja sogar Napoleon und Hitler – auf eine Stufe gestellt- bemüht, um den Austritt aus der EU zu begründen.[33]
Wie man die Frage nach dem Zusammenhang von Französischer Revolution und napoleonischer Herrschaft beantwortet, hat übrigens auch politische Relevanz: Immerhin gibt es ja in Frankreich eine bonapartistische Tradition, also eine politische Richtung, die, skeptisch bis feindlich gegenüber den demokratischen Institutionen und Prozeduren, von einem den Volkswillen unmittelbar repräsentierenden „starken Mann“ an der Spitze das Heil erhofft. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., und General Boulanger im 19. und der Marschall Pétain im 20. Jahrhundert waren Adepten eines solchen Bonapartismus. Und bei allen gravierenden Unterschieden: In der die Größe und Unabhängigkeit Frankreichs betonenden Politik de Gaulles und der von ihm geschaffenen „monarchie républicaine“ lassen sich Elemente des Bonapartismus beobachten.[34] Die gibt es nach dem Urteil kundiger Beobachter auch in der aktuellen französischen Politik und ihrem Personal: Für den Journalisten Alain Duhamel ist Nicholas Sarkozy ein Bonapartist und in einer kürzlich von Le Monde publizierten Vorstellung der potentiellen Präsidentschaftskandidaten der französischen Rechten wird Sarkozy als „jacobinischer Bonapartist“ vorgestellt[35], eine interessante und aus Sicht von Le Monde sicherlich nicht sehr schmeichelhafte Ahnenreihe. Es ist dies eine Kombination, in der Elemente der Französischen Revolution und die Herrschaft Napoleons zusammengeführt sind. Und je weitgehender und umfassender man Napoleon als legitimen Erben, als Sohn der Revolution versteht, desto mehr wird man geneigt sein, auch spätere bonapartistische Tendenzen oder Nachfolger gutzuheißen.
Der Blick von oben
Aber kehren wir nach diesem Exkurs zum Arc de Triomphe zurück beziehungsweise klettern wir endlich die Stufen hinauf zu seiner grandiosen Aussichtsplattform. Hier hat man einen wunderbaren Rundblick über die ganze Stadt, auf die Champs Elysées und das Louvre (Foto von Bernd Kursawe)..
und auch auf das Hochhausviertel La Défense und die Grande Arche, unter der genau am Tag der Sommersonnenwende die Sonne untergeht.
Und es gibt in der Attika eine Kamera, die das Geschehen unter dem Arc de Triomphe aufnimmt: So kann man –ohne Ehrengast zu sein- direkt von oben die tägliche Flammen-Zeremonie am Grabmal des unbekannten Soldaten beobachten. Auf dem nachfolgenden, um 18. 20 Uhr aufgenommenen Foto stehen schon die Ehrenformationen bereit und warten, dass der feierliche Akt (um 18.30 Uhr) beginnt.
Nach dem Heruntergehen sollte man sich auf der „Rückseite“ des Triumphbogens das Relief des Friedens ansehen, das es immerhin doch auch gibt. Hier ein Ausschnitt:
„Minerve,casquée et armée de sa lance domine la composition comme déesse de la victoire et inspiratrice des arts et des travaux de la paix.“ [36] Der Frieden, der hier propagiert wird, ist also ein „Siegfrieden“ – so wie ihn Napoleon bis zuletzt immer anstrebte; ein scheinbarer Frieden, der den Keim künftiger Konflikte und Kriege schon in sich trägt.
Praktische Informationen:
Öffnungszeiten:
Vom 1. April bis 30. September täglich von 10 – 23 Uhr
Sonst: täglich von 10 – 22.30 Uhr
Eintrittspreise:
Kostenlos bis zum Alter von 25 Jahren, wenn man aus einem Land der EU kommt.
Sonst: 12 Euro.
Karten kann man sich von der Website des Arc de Triomphe herunterladen und ausdrucken. Sie sind ein Jahr lang gültig. Man muss sich damit nicht in die Schlange vor dem Kartenhäuschen stellen.
Es gibt ein Faltblatt mit Informationen in verschiedenen Sprachen, das man auch auf Deutsch von der website des Arc de Triomphe herunterladen kann
Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).
Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).
In der Buchhandlung des Arc de Triomphe kann man auch viele schöne Napoleon- Devotionalien bewundern und erwerben:
Für 95 Euro gibt eine Figur Napoleons auf dem Schlachtfeld von Jena, 225 Euro kostet Napoleon hoch zu Ross in Berlin….
Und natürlich sollen auch die Kleinen den großen Napoleon kennen und lieben lernen….
[7] Am 2. Dezember 1806 unterzeichnete Napoleon in seinem Lager in Posen (mitten im Krieg gegen Preußen) eine Dekret zur Errichtung eines Tempels zum Ruhm der französischen Armeen: « Le Monument dont l’Empereur vous appelle aujourd’hui à tracer le projet sera le plus auguste, le plus imposant de tous ceux que sa vaste imagination a conçus et que son activité prodigieuse sait faire exécuter. C’est la récompense que le vainqueur des Rois et des Peuples, le fondateur des empires, décerne à son armée victorieuse sous ses ordres et par son génie. La postérité dira : il fit des héros et sut récompenser l’héroïsme. […] À l’intérieur du monument, les noms de tous les combattants d’Ulm, d’Austerlitz et d’Iéna seront inscrits sur des tables de marbre, les noms des morts sur des tables d’or massif, les noms des départements avec le chiffre de leur contingent sur des tables d’argent. »
« Un arc de triomphe y fermerait de la manière la plus majestueuse et la plus pittoresque le superbe point de vue que l’on a du château impérial des Tuileries… Il frapperait d’admiration le voyageur entrant dans Paris… Il imprimerait à celui qui s’éloigne de la capitale un profond souvenir de son incomparable beauté… Quoique éloigné, il serait toujours en face du Triomphateur. Votre Majesté le traverserait en se rendant à la Malmaison, à Saint-Germain, à Saint-Cloud et même à Versailles »
[11] Es sind in Paris noch einige wenige Zollhäuser erhalten, so die Rotonde de la Villette oder die Zollhäuser neben der Place de la Nation. Dazu soll es bei Gelegenheit einen Blogbeitrag geben.
(12a) Auf dem Relief sieht man auch den Namen Arcole – womit die von Bonaparte gewonnene entscheidende Schlacht bei Arcole (bataille de pont d’Arcole) von 1796 gemeint ist. In einem Kommentar des Wirtschaftsteils von Le Monde vom 16. März 2018 habe ich einen Bezug zu dieser Schlacht gefunden. Er zeigt, wie sehr die napoleonischen Schlachten noch heute im allgemeinen Bewusstsein der Franzosen und sogar in der französischen Sprache verankert sind. Es geht um den gescheiterten Versuch einer Unternehmensübernahme durch den französischen Geschäftsmann Bolloré:
Unter der Überschrift „Le retrait du général Bolloré“ heißt es da: „Ce devrait être son pont d’Arcole. Une conquête éclair en terre italienne pour renforcer son pouvoir en France. Cela a toutes les chances de se transformer en bérézina….“ berezina steht dabei für ein totales Scheitern – abgeleitet von der vernichtenden Niederlage Napoleons an der Berezina bei de Rückzug der grande armée aus Russland.
[12b] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276
Auch Victor Hugo betrachtete also den Rhein als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, lehnte aber eine gewaltsame Annexion ab, sondern strebte eine -wie auch immer zu erreichende- Lösung mittels einer friedlichen Verständigung im europäischen Kontext an.
Siehe dazu: Steven Englund, Napoléon, Paris 2004, S. 481/484 und 496
[19] Histoire. Classe de seconde. Paris: Hatier 1990, S. 114
[20]http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html „ les guerres napoléoniennes sont l’épilogue de la nouvelle Guerre de Cent ans qui a opposé depuis la fin du XVIIe siècle la France et l’Angleterre pour la domination mondiale, et que la France devait perdre dès lors que les difficultés financières du règne de Louis XVI, puis la Révolution, l’avaient privée de la marine qui lui eût permis de rivaliser avec les Anglais sur les mers. Napoléon accompagne une défaite inéluctable en lui donnant un tour flamboyant.“
Die Darstellung als Bestandteil der „identité nationale“: http://identitenational.canalblog.com/archives/2008/09/20/10677717.html Das Relief gehört auch zu dem Bildmaterial, das gerne in französischen Geschihtsbüchern verwendet wird. Z.B. Europes d’hier et aujourd’hui. 4ième. Paris: magnard, 1983, S. 177
(28a) s. Gerald van der Kemp und Pierre Lemoine, Versailles et Trianon, 1979, S.20: „1806/1807: Napoléon 1er fait étudier des projects de restauration et d’agrandissement du château dont il compte faire sa résidence. 1810: début d’importants traveaux…“
(28b) http://1.brf.be/sendungen/klassikzeit/667693/ Im Beiheft zur Aufführung der Eroica in der Pariser Philharmonie am 7.12.2016 durch das Orchestre de Paris findet sich die Information, dass Beethoven den ursprünglich zu Ehren Bonapartes geplanten „marche triomphale“ durch den „marche funèbre“ ersetzt habe: „la Troisième Symphonie est donc tout à la fois une oeuvre de protestation contre le despotisme et une sorte de requiem pour l’idéal démocratique bafoué“.
[30] Dazu Laurent Joffrin, Herausgeber von „Liberation“ zu dieser Phase Napoleons: „. S’il était mort en 1805, il serait comme Washington : on trouverait sa statue partout dans Paris ; il aurait sa tête sur les billets. Mais après, il est devenu un peu fou, sa volonté de puissance était sans limite. Il voulait dominer l’Europe parce qu’il avait une capacité militaire supérieure à celle de ses contemporains. Et la France comptait à l’époque un réservoir d’hommes énorme.“http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555
[35] Alain Juppé und Nathalie Kosciusko-Morizet werden dagegen der politischen Familie der „modérés girondins“ zugeordnet. Le Monde 22. Sept. 2016, S.8
(36) Éditions du Patrimoine, L’arc de triomphe de l’Étoile, S. 33
Der 11. November ist in Frankreich ein Feiertag, der an den Waffenstillstand von 1918 erinnert. Die zentralen Feierlichkeiten an diesem Tag finden –natürlich- in Paris statt und folgen einem bestimmten Ritual: Zunächst legt der Staatspräsident ein Blumengebinde in den Farben der Tricolore vor der Statue von Georges Clemenceau an der Place Clemenceau zwischen Grand und Petit Palais nieder. Clemenceau war als französischer Vertreter an der Aushandlung der Waffenstillstandsbedingungen mit Deutschland beteiligt und wurde von seinen Landsleuten als Vater des Sieges gefeiert. Nach dieser ersten Kranzniederlegung fährt der Präsident in Begleitung von Reitern der Garde républicaine in einem offenen Wagen die Champs –Élysées hinauf zum Arc de Triomphe, wo er dem Grab des unbekannten Soldaten seine Ehrerbietung erweist. „Avec sa minute de silence, version laïque de la prière, la sonnerie aux morts et l’appel aux morts, la tombe du Soldat inconnu et la flamme du souvenir deviennent les lieux d’un rituel national patriotique“, wie es in einer Sendung von Karambolage über das Ritual des 11. November heißt. [1]
Vom Freudentag zum Gedenk- und Feiertag
Schon vor dem 11. November 1918 hatte es Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand gegeben – deren Wahrheitsgehalt bei vielen Menschen auch für völlig irreal gehalten wurde: Immerhin schien der Feind ja noch lange nicht besiegt, die Front verlief noch quer durch Ostfrankreich. Als dann am Montag, dem 11. November, der Waffenstillstand offiziell verkündet wurde, verfiel Paris in einen Freudentaumel, den, wie der Historiker Jean-Jacques Becker schrieb, manche Zeitgenossen schon fast als irrsinnig (démente) charakterisierten.[2]
Die erste große Siegesfeier fand zwar am 14. Juli 1919 statt[3], aber dass auch und gerade der 11. November einen gebührenden Platz in der französischen Erinnerungskultur erhalten müsste und würde, war selbstverständlich. Dies geschah in mehreren Schritten:
Am 11. November 1919 wurde zum ersten Mal eine Schweigeminute zur Erinnerung an den Waffenstillstand und die Toten des Krieges eingeführt.
Am 11. November 1920 wird unter dem Arc de Triomphe das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht
Ab 1922 ist der 11. November offizieller Feiertag in Frankreich
Am 11. November 1923 wird zum ersten Mal die ewige Flamme am Grab des unbekannten Soldaten entzündet.
Der Arc de Triomphe als Ort des Grabmals
Die Idee, die Soldaten des „Großen Krieges“ in besonderer Weise zu ehren und einen Ort des Andenkens an sie zu schaffen, entstand in Frankreich schon während des Krieges. Die Frage war allerdings, in welcher Form und an welchem Ort.
Am 20. November 1916 stellte der Präsident der Vereinigung Souvenir français, François Simon, die Frage, warum man denn nicht die Tore des Panthéons öffne für einen der vergessenen Soldaten, die für das Vaterland gefallen seien:
„Pourquoi la France n’ouvrirait-elle pas les portes du Panthéon à l’un de nos compatriotes oubliés, mort bravement pour la patrie ? pour inscription sur la pierre, deux mots : « un soldat » ; deux dates : « 1914-1917 » „[4]
In der Folgezeit werden viele Ideen diskutiert: Vielleicht doch besser ein goldenes Buch mit den Namen aller Opfer des Krieges? – vielleicht eine Kapelle? Die Diskussionen ziehen sich hin bis weit über das Kriegsende hinaus, und es sieht fast so aus, als würde nicht ein unbekannter Soldat beerdigt werden, sondern die Idee überhaupt, ihn in besonderer Weise zu ehren.
Der entscheidende Anstoß kommt dann aus Großbritannien. Dort wird Ende Oktober 1920 beschlossen, die sterblichen Überreste eines unbekannten britischen Soldaten in der Kathedrale von Westminster neben den Gräbern der Monarchen zu bestatten- und zwar am ersten Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November 1920. Frankreich fühlt sich erniedrigt und verraten. „Und was macht Frankreich? Nichts!“ empört sich der Abgeordnete André Paisant in einem Zeitungsartikel.[5] Frankreich mit fast 1,5 Millionen gefallener Soldaten darf doch nicht hinter den Briten zurückstehen! Und das Pantheon kann es als würdevoller Ort mit Westminster ja durchaus aufnehmen! Aber da gibt es zwei Probleme: Am 11. November 1920 ist das Pantheon gewissermaßen schon „ausgebucht“- da soll nämlich dort -anknüpfend an eine feudale Tradition der Totenbestattung- das Herz von Gambetta aufgenommen werden – in der Erinnerung an die 50 Jahre vorher ausgerufene 3. Republik und den Sieg von 1918 gleichermaßen. Zwar könnte man neben dem Herz Gambettas auch den unbekannten Soldaten pantheonisieren, aber dagegen läuft die Rechte Sturm: Für sie ist das Pantheon eher eine entweihte Kirche und eine republikanische Einrichtung. Außerdem sei der unbekannte Soldat kein dem Pantheon angemessener „großer Mann“, sondern „le peuple tout entier„. Die Rechte plädiert also für den Arc de Triomphe, der allerdings von den Linken als kaiserliches Symbol und „trop militaire“ abgelehnt wird.
Am 8. November 1920 debattiert die Nationalversammlung heftig und lautstark über die beiden Alternativen und die Rechte setzt sich durch: Der unbekanne Soldat soll also unter dem Arc de Triomphe seine letzte Ruhestätte erhalten.[6]
Die Auswahl des unbekannten Soldaten
Jetzt gilt es, in kürzester Zeit den unbekannten Soldaten auszuwählen. Der 21-jährige Soldat Auguste Thin erhält den ehrenvollen Auftrag, diese Auswahl vorzunehmen. Dafür werden die Reste von 8 nicht identifizierten, aber eindeutig französischen Soldaten aus 8 französischen Regionen ausgewählt, in denen die schwersten Kämpfe des Weltkriegs stattgefunden hatten. Eigentlich hatte man für die Auswahl 9 Soldaten aus 9 Regionen vorgesehen, aber in einem Fall bot keiner der exhumierten Körper die Garantie, dass es sich auch tatsächlich um einen französischen Kombattanten handelte. Die Särge der 8 Soldaten werden nach Verdun gebracht – für Frankreich Symbol für die Leiden des Krieges und für die Größe des Sieges.[7] Auguste Thin wählt den 6. Sarg aus – weil er zum 6. Korps und zum 123. Regiment (zusammengezählt also auch 6) gehörte.
Der Sarg wird danach zum Bahnhof von Verdun gebracht, so dass er –auf einem fahnengeschmückten Panzer installiert- rechtzeitig zu den Feierlichkeiten des 11. November unter dem Arc de Triomphe eintrifft- zusammen mit dem Herz Gambettas.
Während dies seinen Weg fortsetzt zum Pantheon, werden die sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe bestattet. Darüber eine Granitplatte mit der Inschrift:
„Ici repose un soldat français mort pour la patrie. 1914-1918.
4 septembre 1870, proclamation de la République.
11 novembre 1918: retour de l’Alsacce-Lorraine à la France“
(Hier ruht ein für das Vaterland gefallener französischer Soldat. 1914-1918
4. September 1870, Ausrufung der Republik
11. November 1918: Rückkehr von Elsass-Lothringen nach Frankreich)
Der Maler Ernest Jules Renoux hat den Augenblick der Bestattung des unbekannten Soldaten in einem im Petit Palais ausgestellten Bild verewigt und ihm sakrale Weihe verliehen.
In der Attika des Arc de Triomphe ist die Skulptur eines unbekannten Soldaten ausgestellt mit brozenen Siegespalmen….
Die Flamme der Erinnerung
Sakralen Charakter hat auch die ewige Flamme der Erinnerung, die der damalige Kriegsminister André Maginot „–der „Erfinder“ der sogenannten Maginot-Linie- am 11. November 1923 unter den Klängen des Marche funèbre von Chopin zum ersten Mal entzündet. Der Schriftsteller Roland Dorgelès, 1919 berühmt geworden mit dem Kriegsroman Les Croix de bois, schrieb damals: «ce sera l’enfant de tout un peuple en deuil et chaque mère pourra dire, s’inclinant sur la dalle : “C’est peut-être le mien…”[8]
Seitdem organisiert die Vereinigung „La Flamme sous l’Arc de triomphe“ jeden Abend um 18.30 Uhr eine Zeremonie, während derer nach einem sehr feierlichen Ritual die Flamme mit neuem Leben erfüllt wird. Es lohnt sich, schon gegen 18 Uhr an Einmündung der Champs-Elysées in die Place d’Étoile zu sein- da versammeln sich die Teilnehmer der Zeremonie, die i.a. gerne für Erinnerungsfotos posieren.
An der Zeremonie unter dem Arc de triomphe „patriotische Organisationen“, vor allem natürlich Veteranen, aber auch Vertreter ganz verschiedener Organisationen aus ganz Frankreich und dem Ausland beteiligt – für sie gewissermaßen eine patriotische Wallfahrt.
Es werden Kränze niedergelegt, die Flamme wird symbolisch neu entzündet und zum Abschluss die Marseillaise gespielt und von vielen Anwesenden auch mitgesungen.
„Diese Flamme, mit der die Nation alle diejenigen ehrt, die für Frankreich gestorben sind, brennt ununterbrochen seit dem 11. November 1923“ und zwar selbst während der deutschen Besatzung von Paris.[9]
Die Bodenplatte mit der Inschrift und der ewigen Flamme ist die sogenannte „dalle sacrée“- sie wird also als heilig bezeichnet. Das ist –gerade in einem laizistischen Land- bezeichnend für die religiöse Überhöhung des Patriotismus rund um den Ersten Weltkrieg: Geheiligt war da schon 1914 die von Clemenceau ausgerufene nationale Einheit, die union sacrée. Diese französische Variante des Wilhelminischen „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ wird in Krisensituationen wie den terroristischen Anschlägen in Paris heute noch gerne beschworen.[10] Geheiligt war auch der Nachschubweg nach Verdun, der voie sacré, und für viele Kriegsteilnehmer war auch der Krieg insgesamt geheiligt. Romain Rolland zitiert in Au-dessus de la mêlée den Brief eines Freundes aus dem Jahr 1914:
„Quelle race admirable! Si vous voyiez comme moi notre armée, vous seriez enflammé d’admiration pour ce peuple. C’est un élan de la Marseillaise, un élan heroïque, grave, un peu religieux…. On parlera de nous dans l’histoire. Nous aurons ouvert une ère dans le monde…. La France n’est pas prête de finir. Nous voyons sa résurrection. Toujours la même: Bouvines, croisades, cathédrales, Révolution, toujours les chevaliers du monde, les paladins de Dieu.“
Philippe Contamine bezeichnet in seinem Artikel Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle, der in der Reihe Les Lieux de Mémoire veröffentlicht ist, den Patriotismus, wie er sich hier äußert, geradezu als eine neue Religion:
„La nouvelle religion eut ses mystiques et ses dévots, zélateurs convaicus de l’amour de la patrie dont ils se persuadaient, sans trop de peine, qu’il était un sentiment naturel et éternel. Elle eut aussi ses sceptiques, ses agnostiques, ses athées, ses hérétiques.“[11]
Anhänger eines solchen übersteigerten Patriotismus empfanden sicherlich auch die nachfolgenden Gedanken als häretisch, die einem Besucher des Grabmals des unbekannten Soldaten 1925 durch den Kopf gingen:
„‚Mort pour la patrie‘ steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie. Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“ (11a)
Der das schrieb war der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, ein Häretiker dann natürlich auch für die Nazis, vor denen er sich -wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und andere- gerade noch rechtzeitig durch die Flucht über die Pyrenäen retten konnte. (11b)
Die Demonstration des 11. November 1940: Ein Akt des Widerstands
Die Feiern des 11. November waren allerdings in den 20-er und 30-er Jahren in Frankreich nicht unumstritten. Das Gedenken an die Toten war es weitgehend, auch wenn es Pazifisten gab, die sich –vereint unter dem Slogan „À bas la guerre“ weigerten, an den offiziellen Zeremonien des 11. November teilzunehmen. Vor allem aber versuchten Extremisten von links und rechts dem 11. November einen anderen Sinn zu geben, und nahmen den Feiertag zum Anlass, ihre Ideen zu propagieren: Da ist die 1920 gegründete KPF, die die bourgeoise Republik und den zum Profit der Kapitalisten geführten Krieg unter der Parole „guerre à la guerre“ ablehnten. Und es waren die Vertreter der extremen Rechten, die, Republik, Kapitalismus und Kommunismus bekämpfend, den 11. November nutzten, um ihre Vorstellung eines autoritären, ethnisch reinen und kämpferischen Frankreich zu propagieren- ein Konzept, das dann auch die Neuorientierung des 11. November durch das Regime von Vichy und Pétain prägte: Ihm ging es vor allem um einen „männlichen Heroismus und den Mythos des vergossenen Blutes“: So wurde der 11. November von den Vertretern der „Révolution Nationale“ in einer Weise gefeiert, dass es auch für die deutsche Besatzungsmacht akzeptabel war.[12]
Die „maréchalistische“ Konzeption des 11. November und die Besatzungsmacht wurden aber am 11. November 1940 in Paris herausgefordert:
Mehrere tausend junge Menschen, überwiegend Schüler/innen und Student/innen kamen am 11. November 1940 zum Arc de Triomphe, legten am Grabmal des unbekannten Soldaten Blumen nieder und schmückten sie mit den französischen Nationalfarben. Nach einer gewissen Zeit griffen deutsche Soldaten und französische Polizisten ein und „zerstreuten“ die Menge. Viele Demonstranten wurden verletzt und verhaftet (die Zahlen schwanken zwischen 105 und 143); sie wurden nach wenigen Tagen entlassen.
Es war das erste kollektive Aufbegehren gegen Besatzung und Kollaboration. Vorausgegangen war die Empörung über die Verhaftung des international renommierten Physikprofessors Paul Langevin am 30. Oktober 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Nach einer ersten Protestaktion am 8. November vor dem Collège de France, wo Langevin unterrichtete, wurde die Parole durch Mund-zu-Mund-Propaganda und vereinzelte Flugblätter verbreitet, sich am 11. November am Arc-de-Triomphe zu treffen. Die Behörden hatten dekretiert: „Öffentliche Verwaltungen und Betriebe arbeiten normal; Gedenkzeremonien finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen werden nicht geduldet.“[13]
Es gibt vier Gedenkplaketten, die an diese Demonstration erinnern: eine am 11. November 1954 vom damaligen Staatsspräsidenten René Coty enthüllte Tafel an der Einmündung der Champs-Elysées (Nr. 156) in die Place de l’Étoile.[14]
Die Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 massenhaft vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten demonstrierten, waren die ersten, die dich dem Besatzer widersetzten.
Eine weitere Gedenktafel wurde am 11. November 2010 von Staatspräsident Sarkozy unter dem Arc de Triomphe eingeweiht:
« En hommage aux lycéens et étudiants de France qui défièrent l’armée d’occupation nazie le 11 novembre 1940 au péril de leur vie »[15].
Weitere Gedenktafeln wurde an dem Maison d’Arrêt de la Santé an der Ecke zwischen dem Boulevard Arago und der Rue de la Santé (siehe Bild) und an dem Ort des ehemaligen Gefängnisses Cherche Midi angebracht, in die die verhafteten Studenten und Schüler eingeliefert wurden.
Dass sie schnell wieder entlassen wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass weder die deutschen Besatzungsbehörden noch die Regierung von Vichy wenige Tage nach dem historischen Treffen von Montoire zwischen Hitler und Pétain (24. Oktober 1940) die Politik der Collaboration beeinträchtigt sehen wollten.[16]
Die Feiern des 11. November 1944 und 1945
Am 11. November 1944 – Frankreich war damals noch nicht wieder vollständig befreit- nehmen de Gaulle und Winston Churchill gemeinsam an der Feier des 11. November teil – auch wenn beide ansonsten eher durch „relations tumultueuses“ verbunden waren, wie es selbst auf der offiziellen Website der Organisation heißt, die das Andenken de Gaulles hoch hält.[17] Für Gaullisten und Sozialisten ist diese britische Präsenz bedeutsam, weil für sie damit symbolisiert werden soll, dass die beiden Weltkriege für die demokratischen Werte geführt wurden, die auch von den westlichen Alliierten repräsentiert sind: Hier kündigt sich schon der Kalte Krieg an und der Gegensatz zu den Kommunisten, die den 11. November in eine Linie mit der russischen Revolution rücken. Aber dieser sich ankündigenden Auseinandersetzungen über die Zukunft Frankreichs zum Trotz ist der 11. November 1944 in Paris vor allem ein allgemeines Volksfest, in dessen Mittelpunkt ein fünfstündige Zug von mehr als einer Million Menschen die Champs-Elysées hoch zum Arc de Triomphe ist.[18]
Am 11. November 1945 wird besonders die Résistance geehrt: Die sterblichen Überreste von 15 Männern und Frauen des Widerstands, von Kriegsgefangenen und Deportierten werden an diesem Tag am Arc de Triomphe aufgebahrt, bevor sie dann in der an diesem Tag eröffneten Krypta auf dem Mont Valérien bestattet werden – womit eine Brücke zwischen 1914 und 1945 geschlagen wird, dem, wie de Gaulle es formulierte, 30-jährigen Krieg.[19]
Dass die Auseinandersetzungen zwischen rechts und links auch weiter in die Feierlichkeiten des 11. November hineinwirken, sei nur am Rande vermerkt und an einem Beispiel veranschaulicht: Am 11. November 1971 legen 20 Studenten der École Normale der rue d’Ulm in Paris – dem „Tempel der republikanischen Meritokratie“ – einen Kranz nieder für die normaliens, die (ehemaligen) Angehörigen dieser Eliteschule also, die „victimes des marchands de canons“ geworden seien, und sie singen die Internationale, während ihre rechten Kommilitonen mit der Marseillaise dagegen halten.[20]
Das Gedenken des 11. November verändert sich
Die 1944 und 1945 praktizierte Ausweitung des Gedenkens an die Toten beider Kriege erhält schließlich in einem Gesetz von 2012 offiziellen Charakter:
« Le 11 novembre, jour anniversaire de l’armistice de 1918 et de commémoration annuelle de la victoire et de la Paix, il est rendu hommage à tous les morts pour la France. Cet hommage ne se substitue pas aux autres journées de commémoration nationales.« [21]
Die Karikatur aus der Tageszeitung La Croix vom 9.11. 2011[22] zeigt eine Abordnung vor einem Denkmal für die „tapferen Kämpfer“ des Krieges von 1914/18; und darunter einen Bildschirm mit der Aufschrift
–Algerien und –Libyen
und der Aufforderung, für die weiteren Kriege -und ihre Opfer- auf diesen Bildschirm zu klicken. Damit wird veranschaulicht, dass am 11. November nicht nur der Toten des Großen Kriegs gedacht wird, sondern der Toten aller Kriege, an denen französische Soldaten beteiligt waren und noch sein werden: Dazu gehören dann auch die Toten in den Kolonialkriegen wie den Kriegen in Indochina oder Algerien und es gehören dazu die bei internationalen Kriegseinsätzen wie in Afghanistan, Libyen oder dann auch Mali gefallenen französischen Soldaten. Dass damit eine nicht ganz unproblematische Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege vorgenommen bzw. ihr zumindest Vorschub geleistet wurde, ist kritisch angemerkt worden (zum Beispiel von Rémi Dalisson). Immerhin ist es ja ein deutlicher Unterschied, ob ein Krieg dem Land aufgezwungen wurde (wie der 2. Weltkrieg) oder bewusst und in höchst problematischer Weise betrieben wurde (wie der Kriegseinsatz in Libyen[23]), ob er im Namen der Freiheit geführt wurde (wie der Kampf gegen die deutsche Besatzung) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft, wie der Krieg in Indochina. Aber das scheint im öffentlichen Bewusstsein wohl durchaus vereinbar zu sein, wie das mich sehr irritierende Straßenschild zeigt, auf das ich kürzlich gestoßen bin.
Jedenfalls ist die Erweiterung des Gedenkens inzwischen parteiübergreifend Grundlage der Feiern des 11. November. Immerhin wurde diese Erweiterung von Präsident Giscard d’Estaing initiiert, unter der Präsidentschaft Sarkozys in Gesetzesform gebracht und von Präsident Hollande in seiner ersten 11. November – Rede 2012 zum ersten Mal umgesetzt.
Wenn ausdrücklich von „tous les morts pour la France“ die Rede ist, dann gehören dazu natürlich auch die Kolonialtruppen, die in den Feiern des 11. November lange keine oder eine eher marginale Rolle spielten. Immerhin wurden im Ersten Weltkrieg etwa 700 000 Mann Kolonialtruppen ausgehoben und besonders die sogenannten tirailleurs sénégalais haben in den großen Schlachten des 1. Weltkriegs einen außerordentlich hohen Blutzoll entrichtet. Auch im Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Kolonialsoldaten auf französischer Seite gekämpft und sie wurden bei der großen Truppenparade des 11. November 1944 bejubelt. Aber das Versprechen, den Kolonialsoldaten des Großen Krieges nach Kriegsende die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wurde schnell vergessen und die ihnen gezahlte Rente entsprach nur einem Viertel oder gar einem Zwölftel dessen, was ein Soldat mit französischer Nationalität erhielt.[24] Es hat lange gedauert, bis auch diese Soldaten bei den Feierlichkeiten des 11. November angemessen gewürdigt wurden.[25]
Und es stellt sich, wenn von allen Toten die Rede ist, auch die Frage, ob in das Gedenken nicht auch die französischen Soldaten einbezogen werden müssen, die –unter manchmal heute kaum noch nachvollziehbaren Umständen- demonstrativ und zur Abschreckung erschossen wurden. In der neuen Gedenkstätte von Verdun wird auch an Ihr Schicksal erinnert.[26]
Und ganz aktuell gehören zu allen Kriegstoten auch die Opfer terroristischer Anschläge in Paris, Nizza und andernorts, denn nach offiziellem Verständnis befindet sich Frankreich ja in einem Krieg mit dem Terrorismus – was unter anderem ja auch bedeutet, dass die Nachkommen der Opfer wie Kriegshinterbliebene behandelt werden, also eine vom Staat garantierte entsprechende Unterstützung erhalten. (26a)
Einer Erweiterung des Gedenkens hat auch insofern stattgefunden, dass es nicht mehr ausschließlich/hauptsächlich auf Verdun konzentriert ist: Ein Zeichen dafür ist die am 11. November 2014 eingeweihte internationale Gedenkstätte Notre Dame de Lorette: Dort sind auf einen Ring von 345 Metern Umfang die Namen von 580 000 Soldaten eingraviert, die in Flandern zwischen 1914 und 1918 gefallen sind – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Trennung nach Rang, Religion oder Nationalität.
Besonders Präsident Sarkozy hat den Feiern des 11. November neue Akzente verliehen. In der Zeitung Le Monde wurde sogar von einem Traditionsbruch, einer „rupture“ gesprochen. [27] Vor allem natürlich für die von ihm angestoßene Ausweitung des Gedenkens an alle für Frankreich gestorbenen Franzosen. Dann durch die Einführung einer Rede unter dem Arc de Triomphe: Hatten sich die Präsidenten bis 2007 darauf beschränkt, am Grabmal des unbekannten Soldaten ein Gebinde niederzulegen, nutzt er jetzt diese Gelegenheit für eine große Rede – zentriert um die gemeinsame nationale Erfahrung des Krieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen: wesentliche Bestandteile des französischen „roman national“.
2009 gibt es eine weitere bedeutsame Neuerung: Sarkozy lädt zum 11. November Bundeskanzlerin Merkel ein – gemeinsam verneigen sie sich vor den Opfern der Kriege und beide halten unter dem Arc de Triomphe eine Rede. Sarkozy verbindet darin den gemeinsamen deutsch-französischen Auftritt mit dem Händedruck zwischen Mitterand und Kohl am 22. September 1984 in Verdun/Douaumont.
Bemerkenswert finde ich an seiner Rede besonders zwei Aspekte: einmal das Eingeständnis, dass Versailles nicht geeignet war, nach dem schrecklichen Krieg den Weg in eine friedliche Zukunft zu eröffnen. Allerdings wird das sehr vorsichtig, fast euphemistisch formuliert: Die Sieger hätten sich geweigert, die Gemeinsamkeit des tragischen Schicksals zu sehen, die sie mit den Besiegten verbindet, und es habe ihnen an Großzügigkeit gefehlt[28]: Hier wird immerhin die unnachgiebige Haltung gerade der französischen Nachkriegspolitik in dem Plural „die Sieger“ aufgelöst, und es wäre doch wohl selbstverständlich gewesen und hätte kaum besonderer Großzügigkeit bedurft, -beispielsweise- das demokratisch gewordene Deutschland nach Abschluss des Friedensvertrags in den Völkerbund der Nationen aufzunehmen… Aber dass in einer solchen Rede an diesem Ort überhaupt eingeräumt wird, dass 1918 zwar der Krieg gewonnen, aber danach der Frieden verloren wurde, ist wohl schon etwas Besonderes.
Und wichtig ist m.E. auch der Hinweis Sarkozys, dass 2008 der letzte poilu, der letzte französische Soldat des 1. Weltkriegs, gestorben war. Jetzt sei niemand mehr da, der aus eigenem Erleben und Leiden „Nie mehr das!“ ausrufen könne.
„Avec le dernier poilu, s’est éteint le dernier témoin qui pouvait encore crier avec la force si grande qu’ont les vrais cris de souffrance : « plus jamais cela ! ».
C’est quand tous les témoins ont disparu qu’il faut prendre garde que l’Histoire ne tue pas le souvenir.[29]
In der Tat ist es eine große Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem aber auch für Europa, dass die Kriegserfahrungen der Gründerväter für die Menschen heute kaum noch nachvollziehbar sind, dass der Frieden in unserem Teil Europas so selbstverständlich geworden ist, so dass er als zentrale raison d’être für das vereinte Europa nicht mehr ausreicht. Umso wichtiger ist es deshalb in der Tat, die gemeinsame Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten – aber natürlich und vor allem auch zukunftsweisende und die Lebensqualität der Menschen betreffende, überzeugende Perspektiven für das gemeinsame Europa zu eröffnen.
[4]https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombe_du_Soldat_inconnu_(France) Offenbar ging Simon damals davon aus, dass der Krieg 1917 siegreich beendet sein würde. Souvenir français ist eine 1887 gegründete Einrichtung, die das Andenken an die französischen Soldaten wachhält – zunächst die die des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71
In einem 2016 neu aufgelegten Paris-Reiseführer von Waltraud Pfister-Bläske und norbert Kustos (Bruckmann-Verlag) fand ich übrigens folgende absurde Information: „Unter dem Bogen liegen die Gebeine von fast 10 Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs“. (S.156) Wie eine angeblich profunde Paris-Kennerin so einen offensichtlichen Unsinn schreiben und wie ein Verlag das durchgehen lassen kann, ist mir ein Rätsel.
[7] siehe auch den Beitrag über die neue Gedenkstätte in Verdun auf diesem Blog. Und natürlich immer noch grundlegend: Antoine Prost, Verdun. In: Les lieux de mémoire. Sous la direction de Pierre Nora. II. Nation, Bd 2, S. 111-141
[11] Philippe Contamine, Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle In: Pierre Nora (dir), II, La Nation. Gallimard 1986, p.39 Dort wird auch die Textstelle von Romain Rolland zitiert.
(11a) Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902, München 1990, S. 189/190
[16] „Militärgefängnis Cherche-Midi, 11. November 1940. Hier wurden Schüler und Studenten eingekerkert, die sich nach dem Appell vom 18. Juni 1940 als erste gegen die Besatzer erhoben haben“. Bei dem Appell vom 18. Juni handelt es sich um den berühmten Aufruf de Gaulles zur Fortsetzung des Widerstands. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940
[18] Im Einzelnen: Dalisson, 11 novembre, S. 116f Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in dem Andenkenladen der Monuments nationaux im Arc de Triomphe eine Postkarte von der Parade verkauft wird, die de Gaulle direkt nach der Befreiung von Paris unter dem Arc de Triomphe abgenommen hat, aber keine von der großen Demonstration mit Churchill am 11. November.
[23] Nach einem britischen Parlamentsbericht vom September 2016 war das Frankreich Sarkozys „le principal moteur“ der Militärintervention in Libyen (Mediapart, 15.9.2016). Danach war ein Beweggrund für die Intervention, die Schlagkraft des französischen Militärs –und da vor allem des Kampfflugzeugs Rafale- zu beweisen. Der französische Staat war nämlich eine Verpflichtung zur kontinuierlichen Produktion des Flugzeugs eingegangen, die er aber –allein schon aus finanziellen Gründen- nicht übernehmen konnte. Man war also dringend auf Exportaufträge angewiesen. Und die „démonstration concrète des possibilités du Rafale en conditions de combat réel“ war erfolgreich. Nach der Libyen-Intervention kamen endlich die Aufträge: Quatar, Ägypten und im September 2016 der allgemein bejubelte Großauftrag aus Indien. Insofern hat sich –zynisch formuliert- die Intervention in Libyen für Frankreich gelohnt. (http://www.opex360.com/2016/09/16/rapport-parlementaire-britannique-critique-severement-lintervention-en-libye-de-2011/ )
[26] Zu den drakonischen und z.T. demonstrativen Erschießungen im Ersten Weltkrieg siehe: Nicolas Offenstadt, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914 – 1999) Paris 1999
(26a) http://www.sos-attentats.org/aide-victimes-victime-civile.asp Insofern war es auch folgerichtig, dass die Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Nizza im Hôtel national des Invalides stattfand.
[28] „Cette paix nous n’avons pas su la faire en 1918, non seulement parce que les vainqueurs manquèrent de générosité mais aussi parce qu’ils refusèrent de voir le destin tragique qui les liait aux vaincus et que l’indicible horreur de la guerre venait de révéler.“ http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html
[29]Die Rede von Präsident Sarkozy: http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html (Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin wahrhaftig kein Fan Sarkozys und finde sein Vorhaben, noch einmal französischer Präsident zu werden, geradezu peinlich und politisch schädlich).
Die Entdeckung des Hotel Païva verdanken wir Abercrombie und Fitch. Die eröffneten nämlich 2012 eine Filiale auf den Champs-Elysées, ein mediales und touristisches Ereignis ersten Ranges: Ein nobles Haus mit goldverzierten Türen, muskelbepackten Türstehern, die sich und ihre six-packs bereitwillig mit Besucherinnen ablichten ließen, und Innen eine geheimnisvoll-dunkle erotisch aufgeladene Atmosphäre mit entsprechender Musik und männlich-schwülstigen Wandgemälden, also ein echter Verkaufstempel. Da wird man natürlich neugierig und darf es auch sein, wenn Freunde mit jugendlichem Nachwuchs im Abercrombie und Fitch-Alter in Paris sind. Die Champs-Elysées gehören ja nun nicht gerade zu unseren Lieblingsorten in Paris. Die Warteschlangen waren allerdings fast so lange wie die vor Notre Dame und reichten bis vor die benachbarte Nr. 25. Also bis vor das Hôtel Païva, und wenn ich überhaupt schon einmal an der Nr. 25 vorbeigegangen war, hatte ich weder deren bronzebeschlagenen Eingang noch die reich verzierte Fassade bemerkt. Schließlich ist die auch zurückgesetzt, und davor hat sich die noble Cocktail-Bar Napoleone breit gemacht. Es gibt auch keine der Informationstafeln, wie sie an vielen historisch interessanten Orten von der Pariser Stadtverwaltung platziert sind, und noch nicht einmal ein Schild, das Auskunft geben würde, wer hier residiert.
Hinter diesem geheimnisvollen und eher abweisenden Äußeren stößt man aber –wenn man Glück hat und einem das Tor geöffnet wird- auf einen verborgenen Schatz: Das Hôtel Païva ist das einzige noch erhaltene Stadtpalais aus dem second empire, also der Zeit Napoleons III. vor 1870, auf den Champs-Elysées. Diese hatten noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren eher ländlichen Charakter bewahrt. Die bessere Gesellschaft besuchte einen der im Grünen gelegenen Tanzpaläste wie das Mabille, in dem die Polka und der Cancan erfunden wurden. Und es war eine Promeniermeile, auf der die Kutschen zum Bois de Boulogne fuhren. Im zweiten Kaiserreich entwickelten sich die Champs Elysées dann zum „haut-lieu de la vie élégante parisienne.“ Eine Geldaristokratie von Bankiers und Industriellen errichtete entlang der Avenue luxuriöse Villen im historisierenden Stil. Eine davon, die einzig erhaltene, war das Hôtel Païva, ein wahrhaftiges Märchenschloss, wie man es sich phantastischer kaum ausmalen kann. Ein dreistöckiges Gebäude, unten repräsentative, überreichlich ausgestattete Salons für die Gäste, oben die Privaträume von Hausherr und Hausherrin, ebenfalls vom Feinsten dekoriert, und unter dem Dach –so wie es im Paris des Baron Haussmann üblich wurde- die Räume der Bediensteten.
Der große Saal
Besonders phantastisch ist im oberen Stockwerk das Badezimmer im maurischen Stil:
Von den drei Hähnen der eisernen Badewanne soll einer für Eselsmilch oder Champagner bestimmt gewesen sein.
Und natürlich waren die ursprünglich nicht so schlicht wie auf dem Foto, sondern mit Edelsteinen verziert, vielleicht Türkise oder Rubine, da gibt es unterschiedliche Versionen. Eine weitere, 900 Kilogramm schwere Badewanne war aus einem einzigen Onyx-Block gefertigt. Onyx- der nordafrikanische Marmor- war gerade erst einige Jahre vorher in einem römischen Steinbruch nahe Oran wiederentdeckt worden und wurde im zweiten Kaiserreich Napoleons III. aufgrund seines großen Wertes nur zur Ausschmückung der allerfeinsten Häuser verwendet.
Das Schlafzimmer darf dahinter natürlich nicht zurückstehen. In einer mit einer Geburt der Venus –was sonst?- ausgemalten Nische stand –heute leider nicht mehr- wie ein Altar das extravagante Bett, das ebenfalls das Motiv der aus einer Muschel steigenden Venus aufgreift.
Wie die Badewanne ist auch die grandiose und weltweit wohl einzigartige theatralische Treppe aus Onyx gefertigt, die das Zentrum des weitläufigen Gebäudekomplexes bildet. Nicht nur die Stufen und das Geländer, sondern auch die Wände sind aus Onyx, die Nischen sind geschmückt mit Marmor-Statuen im Stil von Antike und Renaissance…
Der Skupturenschmuck ist bewusst gewählt: Die Statuen stellen Dante, Vergil und Petrarca dar, dazu gibt es die Büste eines römischen Kaisers und ein Medaillon-Relief der schönen Meeresgöttin Amphitrite, die auf einem als Brautwerber ausgesandten Delphin zur Vermählung mit Poseidon reitet: Schönheit, Macht und Kultur sind hier also programmatisch versammelt.
Zu diesem Märchenschloss passt auch das nicht weniger märchenhafte Leben der Frau, die dort residierte und dem Hôtel de Païva ihren Namen gegeben hat. Geboren wurde sie 1819 in Moskau als Esther bzw. Thérèse Lachmann, Tochter des armen, aus Polen stammenden jüdischen Webers Martin Lachmann und seiner Frau Anna Amalie Klein. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie den am Rand des jüdischen Ghettos wohnenden französischen Schneider François Villoing, mit dem sie ein Kind hatte. Thérèse war ausgestattet mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „sensuelle et dangereuse beauté“, ja sogar einer „beauté de diable“. Dass die Schönheit der jungen Dame als gefährlich bezeichnet und sogar mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, lässt ahnen, dass es nicht bei einem trauten Familienleben mit dem Moskauer Schneider bleiben wird: Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit ließ Thérèse Mann und Kind in Moskau zurück und machte sich in Begleitung eines Liebhabers nach Paris, in die Stadt ihrer Träume, auf. In ihrem Tagebuch berichten die Gebrüder Goncourt eine phantastische, romaneske Version dieser Fahrt: Stationen seien Wien und Constantinopel gewesen, wo sich Thérèse habe verkaufen müssen, um ihre Fahrtkosten zu bezahlen. Dort sei sie von Agenten des Sultans entführt und in einem Harem eingeschlossen worden, aus dem sie sich aber habe befreien können. Auf einem Handelsschiff sei sie nach Amsterdam und von dort aus schließlich nach Paris gekommen (AD, 28/29). Hier erwarb sie sich schnell einen hervorragenden Ruf als „lorette“, wie die Pariser Prostituierten damals genannt wurden, weil sie vornehmlich im Umkreis der Kirche Notre-Dame-de-Lorette ihre Dienste anboten. Schließlich wurde sie die Mätresse von Henri Herz, einem international gefeierten Pianisten, Komponisten und innovativen Klavierbauer. Er führte sie in die bessere Pariser Gesellschaft ein und machte sie u.a. mit Liszt, Wagner und Théophile Gautier bekannt, der ihr lebenslanger Freund und Vertrauter wurde. Aber auch die Beziehung zu Herz war nicht von langer Dauer, wofür vor allem ihr Hang zu Luxus und Verschwendung und ihr entsprechend ungehemmter Zugriff auf das Vermögen ihres Liebhabers verantwortlich waren. Verständlicher Weise war seiner Familie diese Liaison ein Dorn im Auge und sie nutzte 1848 die Gelegenheit einer längeren Konzertreise von Henri Herz dazu, Thérèse vor die Tür zu setzen. Krank und mittellos machte sie sich nach London auf, wo sie die Mätresse einiger Lords wurde, aber auch Kontakte zu anderen reichen Männern nicht verschmähte. Eine ihrer Eroberungen war der reiche Bankier Alphonse Gaiffe, von dem sie, wie berichtet wird, 20000 Francs gefordert habe, die sie dann während des Schäferstündchens nach und nach in Flammen aufgehen ließ. Allerdings habe Gaiffe vorgesorgt und sich mit gefälschten Scheinen zum Rendezvous begeben…
Zurück aus London mietete sie eine Wohnung an der Place St. George in einem noblen Stadtpalais, dessen Fassade mit Statuen im Stil von Gotik und Renaissance reich verziert war. Für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich, eine Informationstafel der Stadt Paris informiert aber über die Geschichte dieses Hauses, das bis heute „Hôtel Païva“ heißt – auch wenn es nicht das eigentliche Hôtel dieses Namens ist. Die Place St. George lag in dem Nouvelle Athène genannten aufstrebenden Viertel der Künstler und Intellektuellen (heute 9. Arrondissement), in dem George Sand, Musset, Chopin und die Brüder Goncourt wohnten.
Hier führte Thérèse das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene des second empire, mit vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, zum Teil bis ins Kaiserhaus hinauf. Thérèse muss also eine mysteriöse Aura und Anziehungskraft gehabt haben, um sich solche Männer zu lebenslangen Vertrauten zu machen (AD, S. 67 und 96).
Aber es fehlte ihr immer noch an voller gesellschaftlicher Anerkennung, wie folgende Episode –mit ungesichertem Wahrheitsgehalt- zeigt: Sie habe, noch zu Zeiten ihrer Beziehung zu Henri Herz, diesen zu einer Einladung des Königs Louis-Philippe in die Tuilerien begleitet. Dort sei ihr –obwohl sie allgemein als Madame Herz firmierte- signalisiert worden, dass sie draußen zu bleiben habe: aus Gründen, die „Madame“ gut kennen müsse… (AD, 48). Da traf es sich gut, dass nach der Trennung von Herz und ihrer Rückkehr aus London ein reicher Portugiese der schönen Thérèse verfiel: Der Marquis Albino Francisco de Araújo de Païva. Ob es sich wirklich um einen Adeligen handelte, scheint nicht ganz klar zu sein. Unterschiedlich sind auch die Darstellungen, was seine damalige finanzielle Lage anging: Ob er noch der reiche Erbe des in Macao angehäuften elterlichen Vermögens war oder schon bis zum Hals in Schulden steckte. Auf jeden Fall hatte er –zu Recht oder Unrecht- einen respektablen Namen. Und auf den hatte es Thérèse abgesehen. Da gerade rechtzeitig der Moskauer Schneider verstarb, konnte die verwitwete Madame Villoing am 8. Juni 1851 den portugiesischen Marquis heiraten.
Aber schon am Tag nach der Hochzeit soll die frischgebackene Marquise de Païva ihrem Mann das Kündigungsschreiben ausgehändigt haben: Er habe erreicht, was er wolle und sie zu seiner Frau gemacht. Sie trage jetzt seinen Namen. Also seien sie quitt. Nachdem sie ihren Part ehrenhaft absolviert habe, solle er jetzt nach Portugal zurückkehren, was er auch tat. Mit dem Marquis de Païva nahm es dann ein schlimmes Ende: Wieder in Paris und völlig ruiniert soll er seine Freunde zu einem Gelage ins Maison Dorée eingeladen haben, und dann schoss er sich – und das scheint verbürgt zu sein- eine Kugel in den Kopf…
Ganz anders Thérèse-Pauline-Blanche, wie sie sich jetzt als frischgebackene Marquise von Païva nannte, deren Aufstieg sich unaufhaltsam fortsetzte. Zunächst kaufte sie sich ein Grundstück auf den Champs-Elysées – der Legende nach genau dort, wo sie einmal von einem wenig galanten Liebhaber aus dem Fiaker geworfen worden war. Und mit dem Kauf dieses Grundstücks an den aufstrebenden Champs schuf sie die Voraussetzung, das zu erfüllen, was sie 1848, verlassen von Henri Herz, krank und mittellos, sich und ihrem Vertrauten, dem Schriftsteller Théophile Gautier, geschworen hatte, bevor sie sich nach London aufmachte: „Si j’en reviens, je veux avoir aux Champs-Elysées, le plus bel hôtel de Paris.“ (Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf den Champs-Elysées das schönste Stadtpalais von Paris haben). Für das erträumte Märchenschloss reichte ihr Geld aber dann doch nicht. Und da kommt nun der deutsche Märchenprinz ins Spiel: Der Reichsgraf und spätere Fürst Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel von Donnersmarck, kurz auch: Guido Henckel von Donnersmarck.
Donnersmarck war einer der reichsten Männer seiner Zeit. Von seinem Vater hatte er umfangreichen Grundbesitz in Schlesien und Osteuropa geerbt, dazu zahlreiche Bergwerke und Eisenhütten in Oberschlesien, das sich damals zu einer bedeutenden Bergbauregion entwickelte. Dieses Erbe vermehrte Donnersmarck sehr zielstrebig, wobei er sich als einer der ersten Adligen auch Fremdkapital beschaffte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Belgien. Dem Aufsichtsrat einer seiner Aktiengesellschaften gehörte sogar der Halbbruder von Napoleon III. an. So wird es zu erklären sein, dass Donnersmarcks Wege öfters auch nach Paris führten. Dort –so jedenfalls die anscheinend wahrscheinlichste Version- wurde der Marquise von Païva bei einem Opernbesuch der 25-jährige Guido vorgestellt. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick oder -noch treffender in der französischen Ausdrucksweise: ein coup de foudre, ein amouröser Blitzschlag. Für Guido war die schöne, geistreiche, gesellschaftlich gewandte und geschäftstüchtige Païva ein Geschenk des Himmels. „Sa science amoureuse dans l’intimité“ wird sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Aber sie war für ihn eine Frau ohne Vergangenheit und so redete er sie mit dem Vornamen an, den sie bisher noch nie benutzt hatte: Blanche. Für sie war Guido von Donnersmarck ebenfalls ein Geschenk des Himmels: jung, stattlich, „d’une grande beauté“; eine Erscheinung, die sehr gut in das romantische Milieu des Neuen Athens passte, dabei aber ein Mann von echtem und höchstem Adel und größtem Reichtum. Problematisch war allerdings der große Altersunterschied von 11 Jahren. Aber da wusste die Païva Abhilfe: Sie ließ ihre Geburtsurkunde fälschen: Aus 1819 wurde 1826 (siehe auch die Ahnentafel Anmerkung 4), und da waren es nur noch erträglichere 4 Jahre Unterschied… Aber neu geboren war die Païva seit ihrem Zusammentreffen mit Donnersmarck ja tatsächlich, denn damit endete ihr bisheriges Leben als „Lebedame“ und ein neues Leben an der Seite Donnersmarcks begann für sie. Und zwar wirklich kein schlechtes:
Zunächst kaufte Guido seiner Geliebten als Sommersitz das westlich von Paris gelegene Schloss Pontchartrain, das von keinem Geringeren als dem großen Mansart neu erbaut, von dem Architekten Pierre Manguin renoviert und von Blanche neu eingerichtet wurde und in dessen Park sie nach Herzenslust –zum Befremden ihrer Bediensteten: in Männerkleidung- ausreiten konnte. Das schmiedeeisernen Tor ist mit Krone und den Initialien D und G geschmückt, was zu dem Reichsgrafen Guido von Donnersmarck passen würde. Inzwischen gehört das Schloss irgendeiner anonymen Gesellschaft. Die ist so anonym, das es nicht einmal ein Schild des jetzigen Eigentümers gibt. „On ne visite pas“, wie es auf der homepage des Ortes Pontchartrain heißt, auch wenn das Schloss seine Hauptsehenswürdigkeit ist. Wir mussten also, als wir kürzlich hinfuhren, draußen bleiben, denn über die in Frankreich meistens und hier auch erforderliche Sesam-öffne-dich- Zahlenkombination verfügen wir natürlich nicht. Aber immerhin sprangen zwei Rehe zu unserer Begrüßung über die „Le-Nôtre-Perspektive“. Da hatten wir aber unsere Fotos noch nicht gezückt. Gerne hätten wir natürlich auch einen Blick in den weitläufigen Park hinter dem Schloss geworfen und nachgesehen, ob es die Gewächshäuser noch gibt, in denen auf Anordnung der Païva das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse gedieh, so dass sie auch im Winter ihren Gästen frische Erdbeeren servieren konnte- der Postager du roi Ludwigs XIV. in Versailles lässt grüßen
Aber dann gab es da ja noch das Grundstück auf den Champs Elysées und das Gelübde der Thérèse von 1848, dort das schönste Haus von ganz Paris zu errichten. Und natürlich war es für Guido von Donnersmarck eine Selbstverständlichkeit, seiner Geliebten auch die Erfüllung dieses Gelübdes zu ermöglichen. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit der Planung beauftragt wurde der Architekt Pierre Manguin, der schon Pontchartrin renoviert hatte. Und für die opulente Innenausstattung wurde fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte bzw. kostbar war. “Die größten Künstler der Epoche haben“, wie es in einer Führungsankündigung heißt, „an den vergoldeten Holzschnitzereien, den Skulpturen und Gemälden gearbeitet. Der strahlende Reichtum der Ausstattung, des Marmors, der Bronzen, der Keramiken und Mosaiken haben dieses Hôtel zur Legende gemacht.“ Den Auftrag für das Deckengemälde im große Salon erhielt beispielsweise Paul Baudry, der danach berühmt wurde durch die Ausmalung des Foyers der Opéra Garnier. Und es ist durchaus denkbar, dass Garnier, der zum Bekanntenkreis der Païva gehörte, in ihrem Hôtel Baudry für sich entdeckte.
Als Thema für das Deckengemälde wählte Baudry Der Tag vertreibt die Nacht – und als Modell für die Nacht soll die Païva höchstpersönlich Modell gestanden (oder gelegen) haben; ebenso für die aus blütenweißem Marmor gefertigte Allegorie der Musik auf dem Kamin im großen Salon. Deren Schöpfer war Eugène Delaplanche, ebenfalls ein prominenter Künstler des second empire, der wie Baudry später auch an der Ausgestaltung der Pariser Oper mitwirkte.
Es erscheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass bei der Aufzählung der an der Ausschmückung des Stadtpalais beteiligten Künstler teilweise auch der junge Auguste Rodin genannt wird: Das ist aber sicherlich eine der vielen Ungenauigkeiten und Übertreibungen, auf die man immer wieder stößt, wenn es um die Païva und ihr Märchenschloss geht. Unzweifelhaft beteiligt war dagegen der junge Jules Dalou, der große Bildhauer der Dritten Republik, der unter anderem die repräsentative Figurengruppe auf der Place de la Nation gestaltete.
Hier im Hôtel Païva verdiente er sich seine ersten künstlerischen Sporen und arbeitete am Skulpturenschmuck mit und angeblich soll er sogar das Venus-Muschel-Bett geschaffen haben, das dann von Baudry ausgemalt wurde (AD, 124). Dass auch Rodin genannt wird, hängt vielleicht damit zusammen, dass Dalou mit Rodin sehr eng befreundet war: Rodin hat auch eine Bronzebüste von ihm gestaltet, die im Musée Rodin in Paris zu sehen ist –eine weitere im wunderbaren Musée La Piscine in Roubaix. Und warum hätte nicht auch noch der junge Rodin zur Ausstattung des Hotels Païva beitragen sollen?
Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Manguin und die Païva das Hôtel nicht mit Antiquitäten ausstatteten, sondern durchweg Künstler ihrer Zeit beauftragten: erfahrene und renommierte, gleichzeitig aber auch noch junge, aufstrebende Künstler wie Baudry und Dalou. So konnte das Hôtel de Païva zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk des second empire werden.
Die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt verfolgte den 10 Jahre dauernden Bau mit größtem Interesse, aber auch mit einiger Häme. So bemerkte Le Figaro während derBauarbeiten, auch wenn das Hôtel noch nicht fertiggestellt sei, könne „Madame la Marquise de Païva“ schon einziehen und fügte dann zur Begründung anzüglich hinzu, das Trottoir sei ja schon fertig.
Aber als 1866 das Märchenschloss eingeweiht wurde und Donnersmarck und die Païva zu Tee, Dîners oder Festen einluden, drängelte sich dann doch „tout Paris“: Aus Neugierde auf das Haus, wegen der erlesenen Speisen mit den frischen Zutaten aus Pontchartrain; teilweise sicherlich auch wegen möglicher geschäftlicher oder politischer Kontakte mit Donnersmarck. Vor allem aber kam man wegen der anregenden und unterhaltsamen Hausherrin. Immerhin war die Païva sehr sprachbegabt: Als sie nach Paris kam, sprach sie schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Polnisch; Während der Beziehung zu Herz kamen dann noch das Englische dazu – und natürlich das Klavierspiel. In seinen Mémoires d’un Parisien berichtet Georges Duval, diese „diablesse de femme“ habe die ganze Welt gekannt, alle Bücher und alle Zeitungen gelesen. Sie erzähle Anekdoten aus Polen, russische Aperçus, Londoner Skandale. Sie wisse alles über die Pariser Gesellschaft. Außerdem sei sie eine vollendete Musikerin. Bei seinem Besuch habe sie sich an den Flügel gesetzt und die Ouvertüre von Bellinis Oper Norma mit einer Intensität gespielt, die alle Anwesenden bezaubert habe (AD,130). Der zum engen Freundeskreis der Païva zählende Kunstkritiker Arsène Houssaye war voll des Lobes über die geistvollen Unterhaltungen an ihrer Tafel. Niemand erlaube es sich, die Ohren mit Allgemeinplätzen und Altbekanntem zu belästigen. Langweiler, die da nicht mithalten könnten, hätten die Chance weiterer Einladungen verspielt.[1] Einige Besucher sahen das aber ganz anders wie der Maler Eugène Delacroix, der in seinem Journal festhielt, er habe bei der „fameuse comtesse de Païva“ gespeist. Der ganze fürchterliche Luxus missfalle ihm. Von einem solchen Abend bleibe keine Erinnerung zurück, man sei am folgenden Tag nur schwerer, „voilà tout“ (AD 137). Aber das hinderte ihn durchaus nicht daran wiederzukommen… Und manche Besucher kamen wohl vor allem, um sich hinterher genüsslich die Mäuler zerreißen zu können wie die Gebrüder Goncourt in ihrem Journal: Sie nennen das Haus ein „Louvre du cul“ oder ein „Haus der Prostitution“, das mit einem schlechten Rennaissance-Geschmack völlig überladen sei und nur den Reichtum der Hausherrin in Szene setzen solle. Das Essen sei gut, aber gewönlich, nichts was den Gaumen überraschen würde, was man doch bei einer Courtisane erwarten könne. Den Café habe man im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses eingenommen. Der sei nach dem Muster von Pompei gebaut, wozu die Statue der Aphrodite passt, die Göttin der Schönheit und Liebe, die sich in einer Nische im Spiegel bewundert.
Aber auch das konnte die Goncourts nicht gnädig stimmen: Offensichtlich fühlten sie sich gestört von der Musik des nahe gelegenen Tanzpalastes Mabille; also auch daneben. Die Païva ist und bleibt für die Goncourts eine in die Jahre gekommene Kurtisane, die sie in allen Einzelheiten genüsslich-bösartig beschreiben. Entsprechend war auch die Sicht des Dramatikers Emile Augier, der gebeten wurde, etwas über die allgemein bewunderte Treppe zu schreiben, auf der die Païva ihre Gäste empfing. Der bemerkte nämlich trocken: „So wie die Tugend hat auch das Laster seine Stufen.“[2]
Aber dessen ungeachtet: Aus der kleinen Moskauer Jüdin war „die Königin der Champs-Elysées“ geworden, deren Empfänge legendär waren und die sich mit ihrem lover feiern und bewundern ließ.
Adolphe Joseph Thomas Monticelli: Une soirée chez la Païva
Selbst 50 Jahre später war die Legende des Hotel Païva offenbar noch lebendiger Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Auf der Bühne der Folies Bergères 1923 stellten einige Herren und zahlreiche Damen mit oder ohne Reifrock die inzwischen legendär gewordenen abendlichen Soupers im Hôtel Païva nach.[3]
Der Graf von Donnersmarck ließ sich von allem Gerede und allem Naserümpfen aber nicht beirren: Er genoss ganz offensichtlich das glanzvolle Pariser Leben, um das ihn die mit ihren Kartoffeln und Runkelrüben beschäftigten ostelbischen Standeskollegen sicherlich –wenn auch wohl eher insgeheim- beneideten. Und Guido hielt sich dabei nur an das wunderbare Motto derer von Donnersmarck: Memento vivere! Ein, wie ich finde, ziemlich bemerkenswertes Motto eines streng-protestantischen ostelbischen Adelsgeschlechts. Guido von Donnersmarck vergaß also bei all seinem ganz und gar nicht verstaubten geschäftlichen Engagement, das ihn von der Mehrheit seiner Adelsgenossen ebenfalls völlig unterschied, nicht das Leben: Und das verkörperte für ihn die Païva: Also keine flüchtige Affäre für die Zeiten seiner Aufenthalte in Paris, sondern die Frau seines Lebens. Donnersmarck ließ also seine Beziehungen und seine finanziellen Mittel spielen und erreichte schließlich, dass 1870 vom Heiligen Stuhl die Ehe der Païva mit dem portugiesischen echten oder falschen Marquis annulliert wurde. Dass die Begründung etwas dubios war, spielte dabei keine Rolle. Donnersmarck hatte nun freie Bahn und war 1871 souverän genug, seine Blanche zu heiraten, wobei, wie schon bei der Heirat mit dem portugiesischen Marquis wieder Théophile Gautier der Trauzeuge war. Natürlich war das eigentlich eine Mesalliance, aber die konnte er sich offenbar leisten- und immerhin wurde in den Adelsregistern die Sache ein bisschen aufgehübscht, indem aus dem Vater der Esther/Thérèse/Pauline/Blanche, dem armen Moskauer Weber Lachmann, ein veritabler Tuchfabrikant gemacht wurde.[4] Und in dem zur Heirat ausgestellten Dokument des evangelischen Pastors der église de la Rédemption in Paris, in der die Trauung stattfand, wird aus dem ersten Ehemann der Païva, dem Schneider Villoing, ein Bankier, und aus dem Vater ein „capitaliste“… Das konnte sich immerhin sehen lassen (AD, 161).
1870/1871 war aber nicht nur ein privater Wendepunkt für die Païva und Donnersmarck, sondern es war auch die Zeit des deutsch-französischen Krieges. Und Donnersmarck als ostelbischer Magnat und politisch engagierter Konservativer, gleichzeitig aber auch als Kenner Frankreichs mit vielfältigen Beziehungen zu diesem Land, wurde damit zu einem wichtigen Ansprechpartner Bismarcks. Der sei, so eine der durch das Internet geisternden Behauptungen, sogar sein Cousin gewesen – und die Païva damit durch ihre Heirat mit Donnersmarck die Cousine des Reichskanzlers. Aber das ist eine der vielen sich um die Païva rankenden Legenden. Zutreffend ist jedoch, dass Bismarck Donnersmarck zunächst zum Stadtkommandanten von Metz, dann übergangsweise zum Gouverneur des Bezirks Lothringen ernannte und ihn für die Frankfurter Friedensverhandlungen mit Frankreich engagierte. Dort war Donnermarck –zusammen mit Bismarcks Bankier Bleichröder- vor allem für den wirtschaftlichen Teil des Vertrags zuständig. Dabei habe sich Donnersmarck in Kenntnis des französischen finanziellen Potentials für die Festsetzung einer nicht zu knapp bemessenen Kriegsentschädigung und für deren schnelle Zahlungsabwicklung eingesetzt. Seine Frau habe ihm dabei aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der Pariser Finanzkreise beratend zur Seite gestanden. Als am 10. Mai 1871 im Frankfurter Hotel Zum Schwan der „Frankfurter Friede“ zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde, war Graf Guido von Henckel-Donnersmarck auch dabei. (5)
Nach dem Krieg war die Lage des Paares in einem Klima grassierender Germanophobie allerdings ziemlich prekär. 1872 soll die Païva beispielsweise bei einer Opernaufführung ausgepfiffen worden sein, worauf der französische Ministerpräsident Thiers höchstpersönlich an einem „Sühne-Dîner“ im Hôtel Païva erscheinen sei oder auch –eine andere Version- das Ehepaar Henckel in den Elysée-Palast eingeladen worden sei. Ein weiteres Indiz: 1873 erschien ein Theaterstück von Alexandre Dumas junior La femme de Claude, das nach der französischen Niederlage den patriotischen Geist stärken sollte: Claude ist ein genialer Erfinder und Vertreter der Menschlichkeit, dessen grandiose Kanone Frankreich unbesiegbar machen oder gar jeden neuen Krieg verhindern könnte. Aber hélas! Verheiratet ist er mit Césarine, einer Frau mit höchst dubioser Vergangenheit und ohne jede moralische Skrupel: Sie verrät das Geheimnis der absoluten Waffe an den Feind, und so ist es nur allzu berechtigt, dass Claude ihrem finsteren Treiben ein Ende macht und sie tötet. Die Bezüge zur intriganten und –angeblich- nymphomanen antiken Messalina sind unverkennbar, für die Zeitgenossen aber wohl auch die Bezüge zur Païva. Sie habe ganz unverkennbar Dumas zur Gestaltung seiner verkommenen, landesverräterischen Césarine angeregt, die den Tod verdient habe.[6] In der Tat wurde die Païva –allerdings ohne jede konkrete Grundlage- der Spionage für Deutschland bezichtigt. Nach dem verlorenen Krieg herrschte in Frankreich geradezu eine Spionage-Hysterie: Ein Versuch zur Erklärung der schmählichen Niederlage. Keine guten Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des glanzvollen Lebens zu Zeiten des second empire. Auf Anraten ihres Mannes verließ Blanche also Paris und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Neudeck/Oberschlesien (heute Świerklaniec). Dort hatten sich Henckel von Donnersmarck und die Païva von dem französischen Architekten Lefuel von 1868-1875 ein neues Schloss bauen lassen. Lefuel war im Second Empire u.a. Chefarchitekt des Louvre und zeichnete die Pläne für die beiden zum Tuileriengarten weisenden Seitenflügel des Louvre. Für die Schlossanlage in Neudeck standen Versailles und das Tuilerien-Schloss Pate: gewissermaßen eine Wiedergutmachung für den der „Madame Herz“ noch verwehrten Zugang.
Das neue Schloss, das in den 1960-er Jahren abgetragen wurde, war eine der größten Schloss- und Parkanlagen des Deutschen Reiches. Dort starb die Païva am 21. Januar 1884. Guido liebäugelte wohl damit, das Hôtel als Erinnerung an seine von ihm bis ans Ende leidenschaftlich geliebte Frau von den Champs-Elysées nach Neudeck zu versetzen, was aber unrealistisch war, so dass er es verkaufte.
Nach einigen Irrungen und Wirrungen erstand 1903 der Travellers Club, ein Ableger des gleichnamigen altehrwürdigen und noblen Londoner Clubs, das Anwesen, das heute noch weitgehend im Original erhalten ist und einen einzigartigen Eindruck von den Champs-Elysées des second empire vermittelt. Möchte man nach Lust und Laune Zugang zu dem Märchenschloss haben, muss man nur Mitglied des Clubs werden: Es braucht dazu die Empfehlung von zwei Mitgliedern und die Bewährung in einer Probezeit, nach der die Vollversammlung über die Mitgliedschaft entscheidet. Ganz billig ist die natürlich nicht. Immerhin ist der Club nicht für Krethi und Plethi gedacht, und es müssen immerhin das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und das Personal unterhalten werden, darunter ein veritabler standesgemäß uniformierter Butler.
Einfacher und billiger geht es im Rahmen von Führungen. Die gibt es allerdings nur sonntags vormittags. Die Führungen finden nicht allzu häufig statt, die Gruppengröße ist begrenzt und eine vorherige Reservierung erforderlich. Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch auf jeden Fall. Die 20 Euro (10 Euro Eintritt, 10 E Führungsgebühr) lohnen sich!
Pour en savoir plus:
Janine Alexandre-Debray: La Païva. 1819-1884. Ses amants, ses maris. Paris: Librairie Académique Perrin 1986 (abgekürzt : AD)
[4] Paris 1871 Blanche (1826–84), T d. Tuchfabr. Martin Lachmann u. d. Anna Amalie Klein, 2) Wiesbaden 1887 Katharina (1862–1929), T d. russ. Staatsrats Wassili Alexandrowitsch Slepzow (russ. Adel) u. d. Sophia Filippowa Christianowitsch (russ. Adel) in: http://www.deutsche-biographie.de/sfz29662.html
[5] Bild aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2921, S. 39. Graf Guido ist zweiter von links.