Klimawandel, Kriege und andere Katastrophen: Die Ausstellung Vor dem Sturm / Avant l’orage in der Bourse de Commerce in Paris (2023)

Nach 2021 und 2022 gibt es auch in diesem Jahr wieder eine Ausstellung in der ehemaligen Pariser Handelsbörse.

Außerordentlich ist diese Ausstellung gleich dreifach:

Sie findet statt in einem grandiosen Rund- und Kuppelbau, zunächst ein Getreidelager, dann eine Handelsbörse, gewissermaßen ein Pantheon, das -ganz in der Ideologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts- den Göttern des Kapitalismus und Imperialismus gewidmet war.

Der inzwischen denkmalgeschützte Bau, der neben dem Eiffelturm der französische Beitrag zur gro0en Weltausstellung von 1889 war, wurde in den letzten Jahren von dem japanischen Architekten Tadao Ando aufwändig saniert und zu einem wunderbaren Ausstellungsgebäude umgestaltet. Und das in Nachbarschaft zum Centre Pompidou mitten in Paris.[1]

Blick von der Brasserie Halle aux grains im obersten Stockwerk über das  Dach (canopé) von Les Halles auf die Fassade des Centre Pompidou Foto: Wolf Jöckel

Außerordentlich ist auch der Hausherr, der von der Stadt Paris das Gebäude auf 50 Jahre gepachtet hat, um dort Teile seiner immensen Kunstsammlung zu präsentieren. Es ist der französische Multimilliardär Pinault. Der gebietet, wie sein Intimfeind Bernard Arnault (LVHM), über ein Imperium der Luxusindustrie, und er befindet sich auch auf dem Gebiet der Sammlung und Präsentation von Kunst in einem erbitterten Wettstreit mit Arnault. Während dieser in Frank Gehrys ultramoderner Fondation Louis Vuitton am Rande von Paris eher die klassische Moderne präsentiert, präsentiert nun Pinault in einem im Kern klassischen Bau zeitgenössische Kunst.

Höchst zeitgemäß -und gleichzeitig auch außerordentlich- ist schließlich das Thema der Ausstellung, das -wie man liest-  von Pinault selbst festgelegt wurde. Es geht dabei um den Klimawandel und um drohende Katastrophen;  um zukünftige, aber auch zurückliegende Stürme und die von ihnen verursachten und noch nicht verheilten Wunden wie Tschernobyl und der Vietnam-Krieg…  Der aktuelle Krieg in der Ukraine, auch wenn er nicht direkt thematisiert wird, verleiht der Ausstellung noch zusätzliche Brisanz und Aktualität.

Ausschnitt aus dem großen Gemälde Texas Louise (1971) von Frank Bowling, das die Ausstellung eröffnet. Alle Fotos der Auisstellung -mit Ausnahme der schwarzen Fahne von Edith Dekynth- von F. und W. Jöckel

Der nachfolgende Beitrag ist kein Ausstellungsführer. Die Bilder und kurzen Texte sollen lediglich einige persönliche Eindrücke vermitteln. Wichtige Teile der Ausstellung wie die Videoinstallation  „Tschnernobyl“ und ein Acht-Minuten-Video Hicham Berradas „von  irritierender Schönheit“ (Der Spiegel [2] ) sind nicht berücksichtigt, weil einzelne Fotos ihnen  kaum  gerecht werden können.

Die große  Rotunde, das Zentrum des Baus, bietet den angemessenen Raum für das wohl spektakulärste Werk der Ausstellung: Eine Installation scheinbar wild aufeinandergetürmter gebrochener Eichenbaumstämme und -zweige, die zum Teil am Boden liegen, zum Teil von drei Holzgerüsten gestützt werden.

In dem Gewirr der Stämme, Äste und Gerüste sind Kunstobjekte eingebaut.

Madonna, Deutschland, 14. Jahrhundert

Römische Marmorbüste einer Venus, 1. Jahrhundert nach Christus

Ganz offensichtlich geht es dabei um Verfall, Gewalt, Zerstörung.

Die Installation ist ein Werk des vietnamesisch-dänischen Künstlers Danh Vo. Seine Familie floh mit einem selbstgebauten Boot vor dem Krieg und seinen Folgen aus Vietnam, sie gehörte also zu den sogenannten boat-people. Gerettet wurde die Familie von dem Schiff einer dänischen Reederei- deshalb die dänische Staatsbürgerschaft. Gewalt und Zerstörung gehören damit zu den elementaren Erfahrungen und Themen des Künstlers, der in Kopenhagen und an der Frankfurter Städelschule studierte und inzwischen in Stechlin bei Berlin auf einem großen Bauernhof sein Atelier hat.

Unverkennbar ist auch Danh Vos Auseinandersetzung mit dem Christentum, was auch an diesem Jesus-Torso deutlich wird. Der ist in das Prokrustus-Bett einer Carnation- Milchkiste gezwängt- wobei sich die Assoziation zu In-carnation, also Menschwerdung, aufdrängt. Eine der jungen Kunstführer/innen, die durch die Räume gehen und gerne Informationen zu den Ausstellungsstücken geben, erläuterte uns Hintergründe von Danh Vos Verhältnis zum Christentum: Es habe in seiner Jugend für ihn eine große Rolle gespielt. Das zeigt auch der von Danh Vos Vater in Schönschrift wiedergegebene und an einem Holzgerüst befestigte Brief eines katholischen Priesters, der wegen seiner Missionstätigkeit 1861 zum Tode verurteilt wurde.

Opfer sind auch die Marien- und Christusfiguren in der Installation – so auch der am Holzgerüst befestigte zerstückelte Kruzifix auf dem nachfolgenden Bild.. Aber Danh Vo sei auch selbst zu einem Opfer kirchlicher Gewalt geworden, als er aufgrund seiner Homosexualität ausgegrenzt worden sei.

Dies alles wird präsentiert in einem Raum, in dem der industrielle Fortschritt und der weltumspannende Handel gefeiert werden…. .

…. ebenso wie die (angeblichen) Segnungen des Kolonialismus…

Hier -auf dem großen Wandgemälde unterhalb der Glaskuppel- werden die frisch gefällten Baumstämme im Dienst des Fortschritts zugeschnitten, in der Rotunde sind sie Ausdrucks von Zerstörung und Verfall…

Es gibt aber nicht nur Verfall und Zerstörung in Danh Vos Installation, sondern auch die Kapuzinerkresse -mit lateinischem Namen Tropaeolum- , die im Laufe der Ausstellung das verfallende Holz überwuchern soll und nach der die Installation benannt ist.

Die Tauben auf der Balustrade gehören  übrigens zu den sogenannten in-situ- Ausstellungsstücken, die dort schon seit Eröffnung des Gebäudes sitzen…

Vielleicht wird sogar einmal der Blick auf die imposante gläserne Kuppel von der Kapuzinerkresse überwuchert sein. Diese Kuppel ist ein technisches Meisterwerk, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Mitarbeit des deutsch-französischen Architekten Hittorff gebaut wurde und Ausdruck des damals noch ungebrochenen Fortschrittsglaubens ist.

Und dann gibt es die Fotos von Blumen, die Danh Vo im Blumenladen unter seiner Berliner Wohnung gekauft hat. Dass diese Fotos mit grauen Holzleisten eingerahmt sind, erscheint zunächst nicht weiter bemerkenswert. Aber es ist Holz aus einem amerikanischen Wald, den Craig McNamara bewirtschaftet. Und der ist der Sohn des früheren amerikanischen Secretary of defense und „Architekten des Vietnam-Krieges“ Robert McNamara (Begleitheft). Danh Vo ist inzwischen mit der Familie freundschaftlich verbunden, und die Holzrähmchen lassen sich, so Le Monde, als Beginn einer symbolischen Wiedergutmachung verstehen für die Verwüstungen, die die Amerikaner in Vietnam angerichtet haben.[3] „Ein anderer Weg, im Auge des Zyklons, bleibt noch möglich“ – heißt es dazu in dem Begleitheft der Ausstellung.

In dem Umgang der Rotunde, zwischen der alten Umfassungsmauer und dem neuen Betonring von Tadao Ando,  hat die belgische Künstlerin Edith Dekyndt in den alten Schaukästen für die Weltausstellung verschiedene Objekte ausgestellt, die an den Kolonialismus und seinen Zerfall erinnern wie dieses von Ratten angefressene Tuch aus Indien:

Gezeigt wird auch ihr Video Ombre indigène aus dem Jahr 2014:  Eine im Wind flatternde Fahne aus schwarzen  Haaren.  Dekynth hatte die damals auf einem Felsen von Martinique aufgestellt, wo 1830 ein Schiff mit Sklaven untergegangen war.

Die Fahne mit den schwarzen Haaren ist inzwischen im Iran zu einem Symbol für den Kampf von Frauen für ihre Freiheit geworden.[4]

Plakat in der rue Rollin im 5. Arrondissement. Foto: Irmgard Hafner

In einer der oberen  Galerien  ist die Algenlandschaft von Anicka Yi ausgestellt,  in der mechanische Insekten herumschwirren und -surren…  Vielleicht auch ein Hinweis auf Möglichkeiten des (Über-) lebens für eine immer weiter anwachsende Weltbevölkerung?

Lucas Arruda, Aus der Serie Deserto-Modelo:  Ein kleinformatiges gewaltiges Landschafts-Chaos- Vor oder nach dem Sturm?

Filigrane Objekte von Daniel Steegman Mangrané veranschaulichen „die Fragilität unseres Daseins.“ (Der Spiegel)

An den Wänden Bilder der Serie „Coronation of Sesostris“ von Cy Twombly.

Die Barke des Pharaos auf dem Weg ins Jenseits –

…. und damit zu neuem Leben….

Man darf darin  aber wohl auch -im Kontext dieser Ausstellung- eine Arche Noah sehen….

Zum Schluss  dieses Berichts noch ein Blick in den eindrucksvollen  Raum, der von einem weiteren aus Vietnam stammenden Künstler, Thu Van Tran,  gestaltet wurde.

Die Wände des Raumes sind -in dunklen Farben- von Spuren der Gewalt gezeichnet.

Im Gegensatz dazu die leuchtenden Farben des großen Wandgemäldes Les Couleurs du Gris (hier Ausschnitte). Aber es sind die Farben von Chemikalien wie Agent Orange, mit denen die amerikanische Luftwaffe den vietnamesischen Wald bombardierte. Ein makabrer Regenbogen des Todes.

Aber „die Schönheit der Stürme der Apokalypse“, von der die Zeitung Le Monde in ihrer Ausstellungskritik schreibt, gehört zu den verstörenden Eindrücken des Besuchs dieser Ausstellung.

„Vor dem Sturm“ ist der Titel der Ausstellung. Aber viele Ausstellungsstücke -wie auch die große Installation in der Rotunde-  zeigen eher einen Zustand nach dem Sturm oder das davor und das danach bleiben in der Schwebe, im Ungewissen. Und auch wenn die Stürme vergangenen sind, so sind sie doch gleichzeitig auch die Vorboten von neuen und vielleicht noch gewaltigeren…

Praktische Informationen:

Pinault Collection: 2 Rue de Viarmes, 75001 Paris

Ausstellung bis 11. September 2023

https://www.pinaultcollection.com/fr/boursedecommerce/avant-lorage

Vom 26. April bis zum 22. Mai ist die Rotonde wegen Umbauarbeiten  geschlossen.

Öffnungszeiten Montag- Sonntag 11-19h

Freitags bis 21 Uhr außer vom 26.4. – 22.5.

Kartenreservierung:

Bourse de Commerce – Pinault Collection – Ventes de billets en ligne


[1] Ein Artikel über die Geschichte und Architektur des Bauwerks soll bei Gelegenheit folgen. Luftbild aus: https://www.challenges.fr/patrimoine/arts-et-encheres/a-la-bourse-de-commerce-francois-pinault-imprime-sa-marque-sur-l-art-parisien_764982

[2] Vor dem Sturm. Eine Ausstellung in Paris widmet sich dem Klimawandel auf besondere wie verstörende Weise. Der Spiegel 9/2023 vom 25.2.2023, S. 102

[3] Emmanuelle Lequeux, la beauté des tempêtes de l’apocalypse. À la Bourse de commerce de Paris, „Avant l’orage“ raconte un monde où le dérèglement est devenu la norme. In Le Monde, 14. Februar 2023, S.21

[4] Siehe Ausstellungs-Broschüre. Bild aus: https://www.facebook.com/24hoursart/

Frank Gehrys Fondation Louis Vuitton und eine Ausstellung mit überraschenden Bezügen: Der späte Monet und der abstrakte Expressionismus der Amerikanerin Joan Mitchell

Wieder eine bemerkenswerte Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton: Es geht um das Spätwerk des Impressionisten Claude Monet und die amerikanische Malerin Joan Mitchell. Die wurde kurz vor Monets Tod geboren, hat ausdrücklich auf ihrer Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von dem Werk Monets bestanden. Gleichwohl gibt es faszinierende Bezüge zwischen beiden, denen die Ausstellung nachgeht. Und dies in einem gleichfalls faszinierenden Rahmen, nämlich dem von Frank Gehry entworfenen Ausstellungsgebäude der Fondation Louis Vuitton.

Alle Fotos dieses Beitrags: F. und W. Jöckel
Erste Entwurfszeichnung aus dem Jahr 2014

Gehry träumte davon, ein großartiges Schiff zu entwerfen, und hier konnte er seinen Traum wahr werden lassen: Es entstand ein Bau mit eindrucksvollen, geblähten Segeln aus Glas, den ich zwar einerseits bewundere, aber in mancher Hinsicht auch befremdlich finde.

Zunächst schon deshalb, weil dieses Schiff ja nach offizieller Lesart an einem -übrigens akustisch und optisch sehr eindrucksvollen-  Wasserfall vor Anker gegangen sei.[1]

Aber wie passen zu einem vor Anker gegangenen Schiff die vom Wind geblähten Segel? Diese Kritik mag kleinkariert sein, und sie betrifft ja zunächst lediglich die Schiffsmetapher und nicht den Bau als solchen.  Allerdings haben die sogenannten Segel, wenn ich das richtig sehe, für die Funktion des Gebäudes als Ausstellungsort keine wesentliche Bedeutung. Bei einem Segelschiff ist das ganz anders: Da treiben die Segel das Schiff voran; sie nutzen die Naturkräfte, beuten sie aber nicht aus, sie sind nützlich, ja unabdingbar, und gleichzeitig schön.

Bei Gehrys „magnificent vessel“ mögen die vielgerühmten „gläsernen Segel“ zwar auch ihren ästhetischen Reiz haben, aber sie passen, wie ich finde, nicht mehr in unsere Gegenwart.  Wir wissen doch inzwischen, dass wir haushälterisch mit den knappen Ressourcen unseres Planeten umzugehen haben, und die Tugenden von Sparsamkeit und Bescheidenheit sind wieder aktuell. Von Bescheidenheit kann bei Gehry aber ganz und gar keine Rede sein: Hinter der gläsernen Außenhaut verbirgt sich eine Konstruktion aus Holz und vor allem Stahl, die äußerst aufwändig ist.

Und stellenweise entbehrt sie auch jeder Leichtigkeit und Eleganz.

Insofern sind die verschwenderischen Segel ein grandioser Luxus : Aber das passt zu dem Hausherrn:  Dies ist „Frankreichs Luxuskönig“ Bernhard Arnault, der inzwischen im Rennen um den Titel des reichsten Mannes der Welt vor Elon Musk und dem Amazon-Besitzer Jeff Bezos die Nase vorn hat. [2] Arnault ist Besitzer von LVHM, des weltweit führenden Luxusgüter-Produzenten. Dass er bei der Vermehrung seines Vermögens und mit den von ihm beschäftigten Menschen ziemlich rabiat umgehen konnte, zeigte François Ruffin 2016 mit seinem satirischen Dokumentarfilm „merci patron!“ Aber wenn es um publicity geht, spielt Geld bei Arnault keine Rolle. Das zeigte sich beim Brand von Notre Dame de Paris: Noch während die Kathedrale brannte, spendete Arnaults Unternehmer- und Kunstsammler-Rivale Pinault 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau. Das konnte Arnault nicht auf sich sitzen lassen:  Er zückte umgehend sein Portemonnaie und  legte 200 Millionen auf den Spendentisch. Und auch bei dem Gehry-Bau war Arnault nicht knauserig: Wenn man seinen Reichtum mit Luxusgütern erworben hat, dann muss natürlich auch das Ausstellungsgebäude entsprechend gestaltet sein.

Aber genug gelästert: Der Bau ist -trotz alledem- grandios, und die dort gezeigten Ausstellungen sind es desgleichen. Das gilt auch für die aktuelle Ausstellung, in der das eher weniger bekannte Spätwerk von Monet in Beziehung gesetzt wird zu der ebenfalls eher weniger bekannten amerikanischen Malerin Joan Mitchell. Ich muss jedenfalls gestehen, dass ich noch nicht einmal ihren Namen vorher gehört hatte. Immerhin befand ich mich dabei aber in tröstlicher Gesellschaft mit einer kunstsachverständigen jungen Dame, die sich gegenüber der von ihr durch die Ausstellung geführten Gruppe zu ihrer bisherigen Unwissenheit bezüglich Joan Mitchells bekannte.

Nachfolgend möchte ich anhand einiger Bilder einen Eindruck von dieser Ausstellung vermitteln, dazwischen aber auch von dem Ort, an dem sie präsentiert wird: Beides ist ja nicht voneinander zu trennen: Da die Ausstellungsräume sich über mehrere Stockwerke erstrecken, wird man beim Rundgang immer wieder mit dem Werk Gehrys konfrontiert: Der Ausstellungsort ist auch ein Kunstwerk, ist Ausstellungsstück.

Dazu gehören die in dem Gebäude dauerhaft installierten Kunstwerke.

Kunst am Bau

Die Monumentalskulptur Where the slaves live des Argentiniers Adrian Villar Rojas, 2014. In seiner Form soll sie an eine Wasserzisterne in südlichen Ländern erinnern. Die Außenwände sind zusammengesetzt aus bzw. verziert mit Steinen, Pflanzen  und gefundenen Objekten, wie auch im Untertitel des Werks mitgeteilt wird: Objets trouvés/Found objects.

Neu in der Fondation Louis Vuitton ist das nachfolgend abgebildete, aus 8 Aluminium-Platten zusammengesetzte monumentale Werk von Katharina Grosse. (Canyon 2022, Höhe 14,5 Meter, 3,7 Tonnen).

Sie hat es speziell für diesen Ort konzipiert „in engem Dialog mit dem Gebäude und seinem Architekten“, wie es auf der beigefügten Informationstafel zu lesen ist.  Zu dem stählernen Inneren der gläsernen Segel bietet es -trotz seines großen Gewichts- einen Kontrast von Farbigkeit und Leichtigkeit.

Rolltreppe

Weitere Bilder mit Ausblicken von der Fondation Louis Vuitton am Ende des Beitrags.

Die Ausstellung Monet/Mitchel

In den Werbeplakaten für die Ausstellung wird schon der Ton angeschlagen: Es werden jeweils drei Ausschnitte von Gemälden beider Künstler wiedergegeben, allerdings ohne eine entsprechende Zuordnung. Die Intention dahinter ist deutlich: Der Passant soll auf den ersten Blick nicht erkennen können, welcher Ausschnitt zu Monet und welcher zu Mitchell gehört. Das macht natürlich neugierig: Da ist der berühmte impressionistische Monet, den man ja nun hinreichend kennt -oder zu kennen glaubt- und dazu die viel weniger bekannte  -oder ganz unbekannte- amerikanische Malerin, die ein Jahr vor Monet geboren wurde, die als Vertreterin des sogenannten abstrakten Expressionismus gilt,  der in den USA der Nachkriegszeit die Kunstszene beherrschte und die 1988 über ihr  Verhältnis zu Monet sagte: „Das ist nicht mein Maler. Ich habe Monet niemals besonders geschätzt.“

Aber die Beziehungen sind doch eindeutig; jedenfalls zu dem „späten Monet“, der in der Ausstellung präsentiert wird und der sich in vielen seiner Bilder der letzten Phase der Abstraktion nähert. Stilistisch, farblich, thematisch und in der Auswahl der (großen) Formate gibt es da durchaus Parallelen, wozu auch noch eine räumliche Beziehung kommt: Mitchell besaß ein Haus mit großem Garten  und Atelier in Vétheuil an der Seine, avenue Claude Monet, von wo aus sie  einen  Blick auf das Haus hatte, das Monet von 1878 bis 1881 wohnte, bevor er sich in Giverny niederließ. Da konnte sie dem Vergleich mit dem allgegenwärtigen Monet natürlich nicht ausweichen. Anlässlich ihrer ersten große Retrospektive 1982 im musée d’Art moderne de  la Ville de Paris äußerte sie sich dazu so:

„Früh am  Morgen ist es hier violett: Monet hat das schon gezeigt… Wenn ich morgens hinausgehe, ist es violett… Ich kopiere Monet nicht.“

Aber sie lebt und arbeitet da, wo auch Monet gelebt und gearbeitet hat, und das hat eine prägende  Wirkung auf die Bilder gehabt, die  hier von den beiden gemalt wurden. Und der „späte“ Monet ist so modern, dass Mitchel auch bekannte:

„Ich liebe den Monet des Endes, nicht den seiner Anfänge“.[3]

Nachfolgend werden einige Bilder und Bildausschnitte von Monet und Mitchell nebeneinander präsentiert, die einen Eindruck von den vielfältigen Beziehungen zwischen den Werken beider Künstler vermitteln sollen und vielleicht auch Lust darauf machen, den „Dialog“ zwischen dem alten Claude Monet und der jungen Mitchell am Anfang und Ende des letzten Jahrhunderts näher zu betrachten.

Blick in einen Ausstellungsraum mit Werken von Monet (rechts und links) und Mitchell (Mitte)

Trauerweide und Linde

Claude Monet, Trauerweide. (1921-1922) Musée Marmottant Monet, Paris
Joan Mitchell, Tilleul. 1978 (Privatsammlung)

Blumen am Wasser

Claude Monet, Iris jaunes, 1914-1917. (Musée Marmottan Monet, Paris)
Claude Monet, Les Hémérocalles, 1914-1917 (Musée Marmottan Monet, Paris)
Joan Mitchell, Un jardin pour Audrey, 1975 (Ein Garten für Audrey, Private Sammlung)

Seerosen

Seerosen zu malen wurde bei Monet zu einer Obsession. Ende der 1890-er Jahre, da war er schon 12 Jahre in Giverny und hatte den Garten eingerichtet,  erscheinen sie als Motiv, von 1903 bis 1908 malt er nichts anderes, und sie lassen ihn nicht mehr los bis zu seinem Tod. Insgesamt widmet er ihnen 250 Bilder!

Claude Monet, Nymphéas, 1914-1916  (Ausschnitt)
Claude Monet, Le bassin aux nymphéas, 1918-1919 (Musée Marmottan Monet)
Claude Monet, Nymphéas 1917-1919 (Ausschnitt)
Joan Mitchell,  Row Row, 1982  (Ausschnitt)

Die Fondation Louis Vuitton am Abend

Dekoration im Café/Restaurant der Fondation
Diskothek im Auditorium der Fondation
Der Wasserfall bei Nacht
Am Wasserbecken unterhalb des Wasserfalls
Blick vom Wasserfall ins Auditorium

L’Agapanthe

Das Triptychon L’Agapanthe geht zurück auf das Projekt der sogenannten Grandes Décorations – einer Serie großformatiger Gemälde, die Monet dem französischen Staat schenken wollte. Monet dachte dabei zunächst an einen runden Pavillon im Garten des Hôtel Biron, des heutigen Musée Rodin. Der Staat entschied sich allerdings für die Orangerie, und so blieben einige der dafür vorgesehenen Gemälde wie der Agapanthus-Triptychon und die Glycines im Atelier von Giverny. 1957 wurde das Triptychon von einer amerikanischen Galerie gekauft und dann aufgeteilt und an drei verschiedene amerikanische Museen weiterverkauft.  Jetzt werden sie zum ersten Mal seit 1978 wieder zusammen ausgestellt.

Und Bernard Arnault lässt sich diese einzigartige Gelenheit nicht nehmen, Reklame für seine Produkte zu machen….

Claude Monet, L’Agapanthe, 1915-1926, The Cleveland Museum of Art (Ausschnitt)

Die Bezeichnung „L’Agapanthe“ ist missverständlich. Denn Monet übermalte die ursprüngliche Version der Bilder so oft, dass von diesen Blumen nichts mehr zu sehen ist. Immer mehr entwickelte sich dabei die Malweise von Monet hin zur Abstraktion. Das fällt zusammen mit Monets Augenproblemen, die sich 1923 deutlich verschlechterten. So mag man die Modernität von Monet als geniale Antwort auf seine eingeschränkten körperlichen Möglichkeiten interpretieren – so wie das ja auch bei anderen Malern wie Matisse oder Hans Hartung zu beobachten ist. Den innovativen, ja visionären Charakter der Werke des „späten“ Monet schmälert das aber nicht.[4]

Claude Monet, L’Agapanthe, 1915-1926, The Saint Louis Art Museum (Ausschnitt)
Claude Monet, L’Agapanthe, 1915-1926, The Saint Louis Art Museum (Ausschnitt)
Claude Monet, Glycines 1919-1920 (Ausschnitt)
Joan Mitchell, Edrita Fried 1981 (New York, Joan Mitchell Foundation)

Ausblicke

Blick auf das Geschäftsviertel La Défense (bei Tag)
Blick auf das Geschäftsviertel La Défense (bei Nacht)

La Défense mit der Grande Arche

In der Realität ist er nicht so wackelig….

Praktische Informationen:

Ausstellung Claude Monet-Joan Mitchell. Dialogue et Rétrospective

5. Oktober 2022 bis 27. Februar 2023

Fondation Louis Vuitton

8, avenue du Mahatma Gandhi, Bois de Boulogne

75116 Paris

Erreichbar mit Metro Linie 1 bis Les Sablons. Von dort ausgeschildeter Fußweg von ca 15 Minuten

Öffnungszeiten:

Montag, Mittwoch und  Donnerstag  11h bis 20h. Freitags von 11h bis 21h. Samstag und Sonntag 10h bis 20h. Am ersten  Freitag jeden Monats 11h bis 23h. Dienstags geschlossen. Weihnachtsferien und Februar von 10 bis 20 Uhr.

Reservierung von Eintrittskarten:

https://www.fondationlouisvuitton.fr/fr/programme


Anmerkungen:

[1]  Auf der Informationstafel zur Installation „Canyon“ von Katharina Grosse (siehe unten) wird das Gebäude als „ce navire amarré à une cascade“ bezeichnet.

[2] Siehe: FAZ vom 15. 12.2022: Frankreichs Luxuskönig. Bernard Arnault hat Elon Musk als reichsten Menschen der Welt abgelöst.

Etwa älterer Stand: https://www.manager-magazin.de/lifestyle/bernard-arnault-lvmh-chef-ueberholte-jeff-bezos-in-der-forbes-liste-aber-nur-kurz-a-2c06759e-9b34-4664-abf4-466c45890aaa und https://www.forbes.com/sites/daviddawkins/2021/05/24/bernard-arnault-becomes-worlds-richest-person-as-lvmh-stock-rises/

[3] Zitate aus: Judicaël Lavrador, le face-à-face de deux icônes. Joan Mitchell-Claude Monet: une confrontation pas si abraite. In: Monet Mitchell, Dialogue et rétrospective. Éditions Beaux Arts 2022, S.30f

[4][4] Siehe Stéphane Lambert, Le fabuleux destin du triptyque L’Agapanthe. Un bout d’étang de Giverny outre-Atlantique. In: Monet Mitchell a.a.O., S. 65f