Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert

Deutschland ist, so hat es kürzlich der deutsche Bundespräsident formuliert, ein „Land mit Migrationshintergrund“.[1] Dabei bezog er sich auf die vielen Migranten, die vor allem in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Zu dem Migrationshintergrund Deutschlands gehören aber auch die Deutschen, die ihre Heimat, vor allem im 19. Jahrhundert,  zeitweise oder dauerhaft verlassen haben. Bekannt ist da in erster Linie die massenhafte Auswanderung nach Amerika. Weniger bekannt dagegen ist, dass es auch eine bedeutende deutsche Migration nach Frankreich, vor allem nach Paris, gegeben hat. (Unter deutscher Migration wird hier wie in der zugrunde liegenden Literatur deutschsprachige Migration verstanden).

Auch in der neuen viel gerühmten  Dauerausstellung des Pariser Immigrationsmuseums, des  Musée national de l’histoire de l’immigration[2], im höchst eindrucksvollen Palais de la Porte Dorée ist die deutsche Migration nach Frankreich kaum und die ins Paris des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht präsent. Das mag verständlich sein in Anbetracht wesentlich bedeutenderen Migrationsbewegungen nach Frankreich im Verlauf der neuzeitlichen Geschichte. Man denke nur an die Migranten aus Polen, Portugal, Italien, Nordafrika, den (ehemaligen) Kolonien in Afrika und Südostasien etc.  Insofern ist der nachfolgende Beitrag auch als Ergänzung zu der Ausstellung im Palais de la Porte Dorée zu verstehen.

Foto: Pascal Lemaître

Sitz des Museums ist seit 2007 das ehemalige Hauptgebäude der französischen Kolonialausstellung von 1931, das danach als Kolonialmuseum diente. Es ist ein herausragender Bau des Art Deco-Stils. Auf den Reliefs der Fassade wird dargestellt, wie sehr und auf wie unterschiedliche Weise Frankreich von seinem großen Kolonialreich profitiert habe. In den Wandmalereien im Innern wird Frankreich als segensreiche Kolonialmacht gefeiert [3] Einen besseren Ort für ein Museum der Einwanderung hätte man kaum finden können und einen besseren Zeitpunkt für die Neukonzeption der Ausstellung auch nicht: Ist doch Anfang 2024 in Frankreich ein neues Immigrationsgesetz (loi d’immigration) verabschiedet worden, das 117. seit 1945 (!). Ziel des Gesetzes war es ursprünglich -entsprechend dem Macron’schen Prinzip des en même temps– einerseits „die Einwanderung zu kontrollieren“, andererseits aber auch die „Integration zu verbessern“. Diese zweite Zielsetzung blieb dann allerdings in den parlamentarischen Beratungen und Entscheidungen auf Druck der für eine Parlamentsmehrheit erforderlichen Opposition auf der Strecke. Marine le Pen konnte sich die Hände reiben bzw in der Nationalversammlung zustimmend ihre Hand heben… Erst durch eine Notbremse des Conseil constitutionnel, des französischen Verfassungsgerichts, wurde das Gesetz wieder etwas entschärft. [3a]

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Foto: Wolf Jöckel

Nun aber zu Heinrich Heine, Börne, den deutschen Handwerkern und Dienstmädchen: Deutschsprachige Immigranten bildeten im 19. Jahrhundert über  mehrere Jahrzehnte hinweg die mit Abstand größte Gruppe von Ausländern in Paris. Um 1848 gab es mehr als 80 000 Deutsche, ja sogar an die 100 000, in Paris. Und allein die Anfang 1848 offiziell erfassten 62 000 Deutschen stellten 5 Prozent der Pariser Bevölkerung.[4] 

Die Unterschiede zwischen offiziellen und geschätzten Zahlen beruhen unter anderem darauf, dass weibliche Beschäftigte, Wäscherinnen oder Hausmädchen, in kaum einer Statistik erfasst wurden. Dazu kam, dass nach dem Krieg 1970/1871 deutsche „Gastarbeiter“ sich oft als Schweizer oder Österreicher ausgaben, um nicht Rachegelüsten der durch die Niederlage gedemütigten Franzosen Vorschub zu leisten.[5] Große quantitative Einschnitte der deutschen Migration sind in dem Schaubild deutlich zu erkennen: Zuerst durch die wirtschaftliche und politische Krise der Februar-Revolution von 1848 in Paris und die Märzrevolutionen in Deutschland, die viele Migranten zur Rückkehr in die Heimat veranlassten; dann die Kriege von 1871 und 1914, die eine Ausweisung deutscher Staatsbürger aus Frankreich zur Folge hatten. (Erst 1939 kam es zur massenhaften Internierung von Deutschen, auch derer, die in Frankreich vor der Verfolgung durch die Nazis Schutz gesucht hatten).

Am bekanntesten sind unter den deutschen Paris-Migranten des 19. Jahrhunderts Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller wie Heinrich Heine und Ludwig Börne, für die Paris ein Zufluchtsort vor Verfolgung und Zensur war. Das Gros der deutschen Paris-Migranten bildeten aber Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner und Hausangestellte, meist einfache, arme Leute: eine „vergessene Migration“, wie es Mareike König im Untertitel ihres grundlegenden Sammelbands formulierte.

Nach einem Blick auf die politische und intellektuelle Emigration soll auf diese „vergessene Migration“ eingegangen werden.

Paris als Zentrum politischer Migration aus Deutschland im 19. Jahrhundert

Politisch Verfolgte aus den deutschen Ländern suchten und fanden insbesondere in den 1830er und 1840er Jahren in der französischen Hauptstadt die damals in weiten Teilen Deutschland unterdrückte Freiheit. Es war die Zeit des Vormärz,  der Epoche vor der Revolution von 1848, die in Deutschland von politischer Unterdrückung und Zensur geprägt war, in Frankreich dagegen von einem revolutionären Aufbruch: 1830 wurden in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Zwar blieb Frankreich eine Monarchie, aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern amtierte der neue Regent nicht mehr als König von Frankreich und Navarra, sondern -ein Hinweis auf das neue Prinzip der Volkssouveränität- als König der Franzosen. Die Monarchie Lous-Philippes, so witzelte man in Paris, sei die beste Republik.[6] Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [7] 

Während eines Besuchs auf Helgoland erfuhr Heinrich Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und war außer sich vor Begeisterung: „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [8]

Die Julirevolution von 1830 feierte er mit diesen begeisterten Worten:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“ [9]  

Am 1. Mai 1831 reiste Heine, 33 Jahre alt, nach Paris, wo er, abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg,  bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 blieb. Für Heine war Paris  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ 

Heine sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt. Er reiste ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“. Als er von einer seiner kurzen Reisen in die alte Heimat zurückkehrte, schrieb er:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich an den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzen nichts anderes als ein französisches Deutschland.“ [10]   

Und auch als die Blütenträume der Juli-Revolution verwelkten, gab es in Frankreich immer noch mehr Freiheiten als in anderen europäischen Staaten. Und so konnte Heinrich Heine noch 1844 in seinen Nachtgedanken, als ihn der nächtliche Gedanke an Deutschland um den Schlaf brachte, schreiben: „Gottlob! Durch meine Fenster bricht/Französisch heit’res Tageslicht.“

Der politische Publizist Ludwig Börne aus Frankfurt am Main hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819, während seines ersten Aufenthalts, schrieb er:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“ [11]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz des Bourbonen Karls X. während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur wenige Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert, schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy. Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

Börne, der sich in Paris vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum überzeugten Republikaner wandelte, nahm regen Anteil an den politischen Entwicklungen in Deutschland und  an den Versuchen zur Gründung einer deutschen Oppositionspartei in Paris. Ganz besonders lag ihm die geistige und politische Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich am Herzen. Die deutsch-französische Verständigung war ein zentrales gemeinsames Anliegen der politischen Emigration. Deren Vorteile wurden vor allem in einer fruchtbaren Verbindung von Theorie und Praxis gesehen. Die Idee war einfach: Die philosophisch beschlagenen Deutschen wollten sich den politischen Mut der Franzosen borgen.  „Selbst unsere Philosophie, worin wir jetzt einen Schritt voraus sind“, schrieb Arnold Ruge, neben Karl Marx Mitherausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, „wird nicht eher zur Macht werden, als bis sie in Paris und mit französischem Geiste auftritt.“[12]

Auf spezifische Weise ist die Idee gemeinsamen Handelns der beiden Länder in der hier abgebildeten Lithographie aus dem Jahr 1848 veranschaulicht.

Franzosen und Deutsche an der Spitze der „Universalen, Demokratischen und Sozialen Republik“[13]

Die Völker der ganzen Welt, voran das französische und das deutsche, strömen zu der allegorischen Figur der sich auf die Menschenrechte stützenden Republik. Am Himmel ist als Repräsentant der Brüderlichkeit eine Christusfigur zu erkennen, dazu sind „die geistigen Väter und Schutzheiligen der demokratisch-sozialen Republik“ zu erkennen.

Dass Christus hier -unter dem Banner der Fraternité– der demokratischen Prozession seinen Segen gibt, entsprach auch durchaus dem Denken Börnes: Er war davon überzeugt, dass der Bezug zum Christentum hilfreich dabei sein könnte, auch Arbeiter und Bauern anzusprechen und für eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse zu gewinnen – ganz ähnlich übrigens wie Georg Büchner, dessen revolutionäre Flugschrift Der Hessische Landbote von einem gleichgesinnten Pfarrer mit einer christlichen Terminologie versehen wurde. In diesem Sinne übersetzte Börne auch das Werk des französischen christlichen Sozialisten Lamenais Paroles d’un croyant und verteilte die Übersetzung kostenlos unter den deutschen Arbeitern in Paris. Lamenais war übrigens auch zeitweise Chefredakteur der von französischen und deutschen Demokraten gegründeten kosmopolitischen Tageszeitung Le Monde, die vom November 1836 bis September 1837 in Paris erschien.

Der als Herausgeber genannte Friedrich Ludwig Pistor war ein Rechtsanwalt aus Zweibrücken, der nach mehreren Prozessen im Gefolge des von Metternich im Juni 1832 verfügten Verbots einer freien Presse in Deutschland nach Frankreich floh.

Die Beisetzung Börnes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Sein Grabmal, eine Eloge auf die deutsch-französische Freundschaft, wurde von David d’Angers gestaltet, einem Verehrer Börnes und einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.

Frankreich und Deutschland reichen sich die Hände, in der Mitte die Allegorie der Freiheit. Rechts und links Freiheitsbäume, über Büchern von deutschen und französischen Autoren, die für Börne besonders bedeutsam waren und zur deutsch-französischen Verständigung beigetragen haben.

Prominente Emigranten gab es aber auch in vielen anderen Bereichen, in denen Frankreich damals attraktive Karriereaussichten, Betätigungsfelder und wirtschaftliche Chancen bot.[14] Man denke nur an die Pariser Niederlassung des Frankfurter Bankhauses Rothschild, die unter der Julimonarchie (ab 1830) zum mächtigsten französischen Bankhaus aufstieg, an Diederich Hermes aus Krefeld, der als Thierry Hermès Ahnherr einer Dynastie der französischen Luxusindustrie wurde, an Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, und an den Baumeister Ignaz Hittorff aus Köln, der durch seine zahlreichen prominenten Bauten zwischen 1825 und 1865 das Pariser Stadtbild prägte. Auch Musiker zog es nach Paris: So den aus Köln stammenden Musiker Jakob/Jacques Offenbach, der in Paris zum weltberühmten Operettenkomponisten wurde, an Jakob Liebmann Meyer Beer aus Berlin, der als Giacomo Mayerbeer den Ruf von Paris als internationales Zentrum der Oper festigte, oder auch an Georg(es) Schmitt aus Trier, der in den 1840-er und 1850-er Jahren Titularorganist an Saint-Sulpice mit seiner berühmten Orgel war. Ein hervorragendes Beispiel für die wissenschaftliche Migration ist Alexander von Humboldt, der mit wenigen Unterbrechungen von 1804 bis 1827 in Paris lebte: damals das bedeutendste künstlerische und wissenschaftliche Zentrum der Welt, sozusagen  der „Nabel der Geisteswelt“. Dort fand Alexander von Humboldt alles, was er für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigte. Einen bedeutenden Teil seiner Werke schrieb er auf Französisch. Im Jahre 1818 stellte Wilhelm von Humboldt sogar fest, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden.“ [15]  Ihm folgten zahlreiche andere Wissenschaftler, oft auch  solche, denen als Juden in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere verwehrt wurde.

Die deutschen Kunsttischler im Faubourg Saint-Antoine

Zahlenmäßig bedeutsamer waren allerdings die deutschen Handwerker, die auf ihrer Wanderung in Paris Station machten, sich öfters dort aber auch niederließen.  Nach einer Erhebung der Pariser Handelskammer von 1847 gab es damals allein 37 000 deutsche Schuster, Schneider und Schreiner in Paris.

Der im März 1848 in Paris eingesetzte  Ausschuss für das Schneidergewerbe berichtete, dass zwei von fünft Pariser Schneidern Ausländer waren, in der Mehrzahl Deutsche. In einer zeitgenössischen humoristischen Broschüre mit dem Titel Physiologie des Tailleurs findet sich folgende Passage: „ Was die blasse Hautfarbe des Schneiders … verstärkt, ist die Tatsache, dass er fast immer aus dem Elsass oder aus Deutschland stammt, d.h. aus Landstrichen, deren Bewohner häufig aschblond sind…“ Nicht verwunderlich also, wenn in der Karikatur der Broschüre der Schneidergeselle ausdrücklich als Deutscher gekennzeichnet wird.[16]

Eine besonders große Bedeutung hatten die Kunsttischler (ébénistes), die im Pariser Viertel des Holzhandwerks, dem Faubourg Saint-Antoine, arbeiteten.

Schon im Ancien Régime übte der Faubourg Saint-Antoine eine große Anziehungskraft auf deutsche Handwerker aus.[17] „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädte nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ [18]

In einem Bericht der Evangelischen Kirche Augsburger Konfession zu Paris aus dem Jahr 1863 heißt es: „Das Faubourg Saint-Antoine, das Arbeiterviertel von Paris, wimmelt von Fabriken und Werkstätten jeder Art. Besonders sind es Drechsler, Schreiner, Möbelfabrikanten, welche hier ihren Hauptsitz und Mittelpunkt haben. Jene Pariser Möbel werden hier verfertigt, deren Ruf über ganz Europa geht, deren einzelne einen Wert von bis zu 10, ja 15 000 Franken haben. Alles, von den Mustern bis zur feinsten, kunstvollsten Schnitzarbeit, geht aus diesen weiten, glänzenden Werkstätten hervor. Unsere Deutschen liefern hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag.“[19]

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Ein mechanischer, also verstellbarer Tisch, ein Meisterwerk Oebens aus den Jahren 1761-63, angefertigt für Madame de Pompadour. Aus dem Metropolitan Museum of Arts[20]         

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete auch seine Witwe einen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution 30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres für eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Ende des 18. Jahrhunderts wurde in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourg Saint-Antoine ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen. Ja, in manchen Werkstädten, Hinterhöfen, Unterkünften und Tavernen des Viertels herrschte auch noch im 19. Jahrhundert die deutsche Sprache vor und mancher fühlte sich dort eher in Berlin oder Leipzig als in Paris.[21]

Und schließlich war der Faubourg Saint-Antoine auch eine beliebte Station auf den Wanderung von Handwerksgesellen. Ein Beispiel, von dem ich in meinem Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine als Zentrum der französischen Möbelproduktion berichtet habe, ist der Schweizer Tischler Oskar Bieder, der im Rahmen seiner Gesellenwanderung 1882 bis 1885 bei dem Möbelfabrikanten G. Seuret im Faubourg Saint-Antoine arbeitete, wie sein Gesellenbuch ausweist.

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Foto von Ueli Bieder

Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Foto von Ueli Bieder

Es waren aber nicht nur deutschsprachige Kunsttischler, die vom Faubourg Saint-Antoine angezogen wurden. Norbert Ely, ein Leser dieses Blogs, berichtet von seinem Urgroßvater Heinrich/Henri Ely (1820-1886), der in seiner Heimatstadt Kassel das väterliche Handwerk eines Schuhmachers erlernte und anschließend an der Akademie Kunstmaler studierte. „Im Juni 1848 lehnte er sich anlässlich der Revolution in Kassel offenbar ein bisschen weit aus dem Fenster und ging auf Reisen“, wie es in einer Familienchronik heißt. Dass er im Faubourg Saint-Antoine landete, ist wohl kein Zufall angesichts der dort beheimateten deutschen „Kolonie“ und angesichts des politischen Engagements der Einwohner des Viertels. Heinrich Ely konnte sich also dort gut aufgehoben fühlen. Jedenfalls lebte er sehr bald bei einer jüngeren Witwe namens Cécile Anaïs Fleury (1814-1899) in der Rue du Faubourg Saint-Antoine Nr.235, die ihm 1849 Zwillinge gebar, Henri Julien und Louis Adolphe, also mit französischen Vornamen.  Und auch wenn der Vater -inzwischen mit französisiertem Vornamen Henri- noch jahrelang am lutherischen Bekenntnis festhielt, wurden die Zwillinge in der Église Saint-Marguerite getauft. Vermutlich angeregt von Freunden aus dem Faubourg wurde er Glasmaler, gründete schließlich ein eigenes Atelier in Nantes und dann, zurückgekehrt nach Deutschland, in Kassel. Für Kirchen in der Bretagne, in Weimar und sogar in den USA erhielt er bedeutende Aufträge… Was für eine schöne deutsch-französische Geschichte! 

Natürlich gab es aber auch in diesem Viertel „handwerkliche Kümmerexistenzen“, vor allem Schneider und Schuhmacher, aber überwiegend unterschieden sich die Deutschen des Faubourg Saint-Antoine von den anderen Zuwanderern, wie der Abbé Axinger 1837 berichtete: „Die deutsche oder von deutschem Blut abstammende Bevölkerung dieses Faubourgs unterscheidet sich dadurch von den anderen deutschen Gruppen von Paris, dass sie größtenteils aus Festansässigen (Fabrikanten, Handwerkern etc.) besteht, von denen viele durch Heirat mit Französinnen und langen Aufenthalt in Paris mehr und mehr, in der zweiten und dritten Generation oft schon ganz französisch geworden sind, während unsere Landsleute, wo sie an anderen Stellen kompakter sich zusammendrängen, als Arbeiter oder Tagelöhner mehr wandernd ab- und zuströmend auftreten und darum ihre deutsche Volkstümlichkeit fester bewahren.“[22] Um diese deutschen Gastarbeiter geht es im nachfolgenden Abschnitt.

Ein „Subproletariat auf Zeit“: Das Beispiel der hessischen Straßenkehrer

In den 1830-er und 1840-er Jahren übte Paris auf viele Arbeitssuchende, die in ihrem Heimatdörfern kein Auskommen mehr fanden, eine starke Anziehungskraft aus. Frankreich war damals in der Industrialisierung den deutschen Staaten voraus und hatte großen Arbeitskräftebedarf. Einem Lagebericht der Evangelischen Mission unter der deutschen, nicht ansässigen Bevölkerung in Paris von 1845 zufolge wurde „keine Eisenbahn und kein Kanal gebaut, wo nicht deutsche Tagelöhner und Arbeiter in Masse herbeiströmen; alle Straßen von Deutschland nach Paris sind belebt von deutschen Auswanderern und Reisenden.“[23]  Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der spätere Begründer der Bethelschen Anstalten, der von 1858-1864 die evangelischen Deutschen in Paris geistlich betreute, schrieb in sein Tagebuch: Das waren „zum weitaus größten Teil ganz arme Leute, für welche das deutsche Vaterland keinen Raum mehr hatte und die doch nicht die Mittel besaßen, über das Meer nach Amerika hinüberzuziehen. Sehr viele von diesen Einwanderern kamen aus Hessen, und zwar aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Diese hatten in Sonderheit die Arbeit des Gassenkehrens erwählt und wurden auch hierzu ganz besonders von der Pariser Stadtbehörde angestellt.“[24]

Aber auch wenn man faktisch einem „Subproletariat auf Zeit“ angehörte: Auch dieses Gruppenfoto zeigt in Anordnung, Haltung, Kleidung und Präsentation des Arbeitsmaterials durchaus ein unverkennbares Selbstbewusstsein.

Manche deutsche Migranten betrieben auch „das Handwerk des Lumpensammelns“ (Bodelschwingh), andere  arbeiteten auf den großen Baustellen, die es im Zuge des Haussmann’schen Stadtumbaus überall gab, oder in den Steinbrüchen.  Pariser Unternehmer warben in manchen Gegenden Deutschlands auf der Suche nach billigen Arbeitskräften gezielt deutsche „Gastarbeiter“ an.[25]

Viele der aus Deutschland und speziell aus Hessen kommenden Arbeiter lebten im Norden von Paris, in der Gegend von La Villette.

Die rue bzw. route d’Allemagne/rue Jean Jaurès verläuft unterhalb des bassin de la Villette. Sie hat ihren Anfang bei der Rotonde de la Villette. Nach der rue d’Allemagne war auch die am Anfang der Straße gelegene Metro-Station benannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der kurz vor Beginn des Kriegs ermordete französische Sozialist und Pazifist Jean Jaurès neuer Namensgeber von Metro-Station und Straße.

Die Deutschen von La Villette bildeten dort geradezu eine Kolonie, „la colonie allemande“, über die der zeitweise in Paris lebende liberale Politiker, Publizist und Bankier Ludwig Bamberger in einem von Victor Hugo eingeleiteten prominenten Paris-Führer aus dem Jahr 1867 berichtete: „Hier, wo die Woge zuerst anprallt, werden wir mit unbewaffnetem Auge den gewaltigen Niederschlag erkennen, den sie in kurzer Zeit gebildet hat: eine wahre Anschwemmung deutschen Erdreichs auf französischem Boden. Schon die Straße (…) trägt den Namen der Route d’Allemagne, und in dem ganzen Viertel ringsumher sehen wir die Häuser mit deutschen Namen bedeckt. Gasthäuser, Hotels Garnis, Kaffeehäuser, Läden und Werkstätten sind von den Angehörigen dieser Nation in Anspruch genommen; aber vor allem beherbergt dieser Stadtteil ein deutsches Proletariat, von dem nur wenige Pariser und selbst wenige der dort lebenden Deutschen eine Ahnung haben.“[26]

In seinem Bericht über die deutsche Kolonie in Paris gibt Bamberger einen Einblick in die Arbeits- und Lebensbedingungen der hessischen Straßenkehrer: „Im Winter tragen die Männer einen Pelz von Hundefell; die Frauen und Kinder- denn auch solche sind in der Brigade einrangiert- tragen alte Kaliko-Lumpen und ein rotes oder grünes wollenes Tuch um den Kopf gebunden. (…) Sehr selten nur schlagen sie Wurzeln in Paris. Die, welche nicht in den ersten Monaten sterben -und die Sterblichkeit ist sehr groß unter ihnen- kehren mit ihrem kleinen Sparpfennig in die Heimat zurück. … Das Geheimnis ihres Handwerks liegt denn auch weit mehr in der Kunst, nicht zu verhungern, als in der Kunst Geld zu verdienen. Es wird schwerlich in Paris irgendeine Arbeiterklasse geben, die es im Entbehren so weit gebracht hat.“[27]

Umso bedeutsamer war dann auch der große landsmannschaftliche Zusammenhalt: Vor allem halfen sich die eingewanderten Hessen gegenseitig, Arbeit und Unterkunft zu finden. Und sie blieben in Kontakt mit der Heimat, in die sie ja wieder zurückkehren wollten. In der protestantischen Schule wurden die Kinder nach dem im Großherzogtum Hessen gültigen Lehrplan unterrichtet. Dies war für die deutschen Gastarbeiter besonders wichtig, wie Friedrich von Bodelschwingh notierte: „Da die Auswanderer selbst kein Französisch sprachen, sie auch nach Deutschland zurückzukehren gedachten, wenn sie sich einige Hundert Mark erspart hätten, so war es ihnen schwer, dass ihre Kinder in den französischen Regierungsschulen sehr schnell Französisch, ja, wenn sie klein waren, nur Französisch reden lernten und die Eltern kaum noch verstanden. Darum war die deutsche Schule für sie der Gegenstand ihrer dringendsten Wünsche, und wo solch eine Schule aufgerichtet wurde, da sammelten sich auch die armen deutschen Einwanderer von Paris, indem sie in die Nähe der Schule zogen.“ Das bestätigte 1862 auch der katholische Pater Modeste: „Ich habe oft Eltern gesehen, die nicht mehr mit ihren eigenen Kindern sprechen konnten. Die Mutter sprach deutsch, das Kind französisch. Dadurch wird das Band der Familientradition zerrissen, weil die Eltern, die meist im Erwachsenenalter ihre Heimat verlasssen, nicht im Stande sind, ein fremdes Idiom zu erlernen.“ [28] Und wie hätte ein hessischer Straßenkehrer, dessen Tag vor allem aus sehr viel Arbeit im Kreis von Landsleuten und etwas Schlaf bestand, auch Französisch lernen können – oder müssen? Mit Franzosen kamen die deutschen Gastarbeiter kaum in Berührung, konnten sich also mit einem  armseligen „Kauderwälsch“ begnügen.

Auch wenn dieser deutschen Gastarbeiter ein „Subproletariat auf Zeit“ bildeten. Ihr Schicksal war immerhin weniger schlimm als das ihrer Landsleute aus Nordhessen, die Ende des 18. Jahrhunderts vom eigenen Landesherrn an die Engländern verkauft wurden, um gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner zu kämpfen, so wie das Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel praktiziert hatte.  Denn wenn auch die Arbeit hart war: An den Sonntagen trafen sich die Hessen in den Gastwirtschaften am Rande der Stadt, also den Guinguettes, wo es billigen, steuerfreien Wein gab und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause. [2] Und nach einigen Jahren kehrten sie -inzwischen oft mit einer jungen Frau aus der Heimat verheiratet- wieder mit etwas Geld in ihre Dörfer zurück.

Französische Arbeiter nannten das Viertel, in dem vor dem Krieg 1870/1871 etwa die Hälfte aller in Paris lebenden Deutschen wohnte,  das „petite Allemagne“. Nach der Niederlage von Sedan wurden sie zwar ausgewiesen, aber nach dem Krieg kehrten hessische Straßenkehrer wieder nach Paris zurück: Sie wussten, dass sie gebraucht wurden. Bei ihrer Ausweisung hatten sie schon gleichermaßen zuversichtlich wie verächtlich gemeint: „Sie müssen uns schon wieder holen – dei könne ja nich kehre.“[29]

Die deutschen „Mädchen für alles“

Eine besondere und auch besonders große Gruppe deutscher Migration nach Paris bilden die Dienstmädchen, die „bonnes à tout faire“.[30]  Diese Dienstmädchen bildeten die unterste Stufe des Personals gutbürgerlicher Pariser Familien. Der entsprechende Pariser Arbeitsmarkt war im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs fest in den Händen der deutschen ‚Fräulein‘. Die deutschen Dienstmädchen wurden im Allgemeinen gerne eingestellt. In einem Bericht aus dem Jahr 1862 heißt es: „Man liebt in Paris deutsche Köchinnen und Dienstmädchen. Sie arbeiten mehr und fleißiger, sind solider und ruhiger, redlich, verlässig und einfach und leichter zu befriedigen, als die französischen Demoiselles, die nicht leicht durch einen Dienst sich verpflichten lassen und die Ungebundenheit mehr als gut ist lieben.“ (74)  Dazu kamen dann wohl bei den großbürgerlichen Familien nach der Commune von 1871 auch noch politisch bedingte Vorbehalte gegen potentiell aufrührerische junge Pariserinnen. Bei den braven, anstelligen Mädchen aus Deutschland hatte man da nichts zu befürchten… 

Vor allem für junge Mädchen aus ärmlichen, meist bäuerlichen Verhältnissen war der Dienstmädchenberuf beliebt, „weil es sich um eine unqualifizierte Arbeit handelte, für die keine Ausbildung benötigt wurde. Die jungen Frauen konnten in der Regel sofort mit der Arbeit beginnen. Auch war weder Anfangskapital noch ein Zimmer oder eine eigene Wohnung notwendig, wurden die Mädchen doch bei ihren Dienstherren mit Kost und Logis versorgt.“ (72) Es war zwar ein großes Wagnis, ohne jede Kenntnis der französischen Sprache eine Reise nach Paris und eine Arbeit in der Fremde auf sich zu nehmen, aber es gab dafür doch mehrere gewichtige Gründe: Attraktiv war Paris zunächst einmal wegen der dort gezahlten vergleichsweise hohen Löhne.  Die Löhne für ein Dienstmädchen waren dort fast doppelt so hoch wie in Berlin. So konnten die Mädchen hoffen, mit dem in einigen Jahren angesparten Geld eine Aussteuer zu finanzieren und damit die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Ein zweiter Grund für die Auswanderung nach Paris war das Erlernen der französischen Sprache. Dazu die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher 1908: „Eine Deutsche, die in Paris gedient und dort französisch gelernt hat, erhöht ihren Wert auf dem deutschen Markt beträchtlich“. Das galt nicht nur für den Arbeits-, sondern auch für den Heiratsmarkt, wo „die Feinheiten der Pariser Politesse“ ebenfalls gefragt waren. (74) Drittens schließlich war die Suche nach Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit ein wichtiger Grund für einen Aufenthalt in Paris. Die jungen Frauen wollten der heimatlichen Enge und der elterlichen Autorität entgehen und sich nicht mit einem einheimischen Bauern verheiraten lassen. Begünstigt wurde das Paris-Abenteuer teilweise auch durch bestehende informelle Netzwerke: Im Idealfall traten die Mädchen die Nachfolge einer Schwester oder Freundin an oder kamen auf Empfehlung in einen bekannten Haushalt.  Dies war eine Art der Kettenmigration, die es ja auch heutzutage noch in manchen Bereichen bei uns gibt: Man denke etwa an den Bereich der Seniorenbetreuung durch junge Frauen aus Polen oder an Putzhilfen aus dem Balkan. Für die Mädchen wie auch für die Herrschaften hatte dieses Vermittlungssystem erhebliche Vorteile: Die Mädchen konnten der Schwester oder der Freundin vorab von der Familie und dem Leben in Paris berichten. Auch genossen sie gegenüber den Herrschaften einen gewissen Vertrauensvorschuss. Schließlich war diese Vermittlung für beide Seiten kostenlos. (78)

„Der Aufenthalt in Paris war demnach Befreiung und gleichzeitig Mittel für einen sozialen Aufstieg der jungen Frauen. Paris haftete das Image der Stadt der Mode, der Liebe, der Freiheit und der Kultur an, wo zusätzlich die Löhne hoch waren. Dieser Mythos war dafür verantwortlich, dass trotz der Warnungen der Kirchen, Hilfseinrichtungen und Zeitungen jedes Jahr so viele jungen Frauen nach Paris gingen.“ (74)

Für solche Warnungen gab es durchaus gute Gründe, die vor allem Mädchen betrafen, die sich auf eigene Faust auf den Weg nach Paris machten. Die mussten dort nämlich die teuren Dienste von Vermittlungsagenturen in Anspruch nehmen, die sich allerdings manchmal erheblich in die Länge zogen. „Wie schwer ist es oft, ein Mädchen zu placieren!“ heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1885. „Die Herrschaften machen entsetzlich viel Ansprüche! Bald ist das Mädchen zu jung, bald nicht fein genug, versteht die hiesige Küche nicht, oder kann nicht französisch sprechen.“ (81)

Für junge Frauen, die ohne ein hinreichendes finanzielles Polster nach Paris gekommen waren, konnte eine sich hinziehende Vermittlung zu einem existentiellen Problem werden. Und an den Bahnhöfen warteten auch schon skrupellose und kriminelle Werber, „wie die Jäger auf das Wild“, wie es in einer zeitgenössischen Quelle von 1869 heißt (78),  von denen sie ausgebeutet und manchmal auch in die Prostitution getrieben wurden. Aber selbst bei einer seriösen und erfolgreichen Vermittlung: Eine Garantie für längerfristige Anstellung gab es nicht. Dienstmädchen konnten von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt werden. Und die Hilfsmöglichkeiten der sich allmählich etablierenden, vor allem kirchlicher Netzwerke waren begrenzt.

Ein besonderes Problem war auch die Isolation der Dienstmädchen: Die gutbürgerlichen Familien, die sich ein Dienstmädchen leisten konnten, wohnten überwiegend im Westen von Paris, während die deutschen Arbeiter und Handwerker eher im proletarischen Osten zu Hause waren. Und anders als in Deutschland gab es im Paris des Barons Haussmann eine strenge räumliche Trennung von Herrschaften und Dienstpersonal: Das war in kleinen unbeheizten „bonnes“- Dachkämmerchen untergebracht. Und Freizeit gab es nur einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag…

Trotzdem blieb die Attraktion der „ville lumière“ für junge deutsche Frauen bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen. Während für deutsche Handwerker und Arbeiter mit den Gründerjahren nach dem deutsch-französischen Krieg eine Arbeit in Deutschland eher attraktiver wurde, galt dies -trotz aller Probleme- für die deutschen Dienstmädchen nicht. So erhöhte sich der Frauenanteil an der deutschen Migration nach Paris bis 1914 immer mehr. 

Der Erste Weltkrieg beendete dann abrupt die deutsche Migrationsbewegung nach Paris, bis dann die Verfolgung von Oppositionellen und Juden im Dritten Reich Paris erneut zu einem bedeutenden Ziel von Flüchtlingen machte. Aber das ist eine andere Geschichte….


Anmerkungen

[1] Aufmacher der FAZ vom 9. 11. 2023: Steinmeier nennt Deutschland ein „Land mit Migrationshintergrund“

[2] https://www.histoire-immigration.fr/ Siehe dazu z.B.: Claus Leggewie, Eingewanderte wie wir.Ein grunderneuertes Museum in Paris entprovinzialisiert die Geschichte von Flucht und Migrationsbewegung – und könnte auch der länglichen deutschen Debatte über ein solches Projekt Auftrieb geben. Aus: Frankfurter Rundschau 15.9.2023 und Jörg Häntzschel, Pariser Einwanderungsmuseum: Wie wird man Franzose? Im ehemaligen Pariser Kolonialmuseum setzt sich Frankreich in einer epochalen Ausstellung mit seiner Geschichte als Einwanderungsland auseinander. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. August 2023; https://www.kultur-port.de/blog/kulturmanagement/18287-ein-neues-nationalmuseum-fuer-die-geschichte-der-einwanderung-eroeffnet-im-juni-2023-in-paris.html aaa

[3] https://paris-blog.org/2017/05/10/das-palais-de-la-porte-doree-und-die-kolonialausstellung-von-1931/

[3a] https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/12/20/loi-sur-l-immigration-une-rupture-politique-et-morale_6206843_3232.html und https://www.latribune.fr/economie/france/loi-immigration-de-nombreux-economistes-vent-debout-986412.html s.a. La Croix vom 20.12.2023: Loi immigration : une réforme inédite par son ampleur restrictive; Libération 19.12.2023: La trahison de Macron; Cécile Alduy, sémiologue : « Le discours de LR sur l’immigration est un copier-coller presque complet du RN » Le Monde 28. Mai 2023; Le Monde vom 19.1.2024: Le Rassemblement national savoure sa victoire idéologique…

[4] Schaubild aus: Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 12: Siehe dort auch S. 15: „ Die Schätzungen über die Anzahl der Deutschen oder deutschsprachigen Personen in Paris vor der Revolution von 1848 gehen erheblich auseinander. Die niedrigste Schätzung liegt bei 30 000, die höchste bei über 120 000.“ Einen „Anhaltspunkt liefert eine Untersuchung der Pariser Industrie- und Handelskammer vom 1847. Allein rund 37 000 deutsche Schuhmacher, Schneider und Tischler waren gezählt worden.“  Siehe auch die Angaben bei: Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 200

In seiner politischen Geschichte der Stadt Paris seit der Französischen Revolution spricht Klaus Schüle von bis zu 100 000 Deutschen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris gelebt hätten. Tübingen 2005, S. 264

[5] Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert, S. 21 und

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 201

[6] Jan Gerber, Karl Marx in Paris. München 2018, S.39

[7] Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977, S 175

[8] Brief an Magnus von Moltke, zit. Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005,  S. 210

Zu Heine In Paris siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[9] zit.bei  Marcuse,a.a.O., S. 178

[10] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[11] Dieses und die weiteren Zitate Börnes aus: https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

[12] Jan Gerber, Karl Marx in Paris, S.

[13] Abbildung und erläuternder Text aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 101

[14] Siehe dazu den Überblick von Jacques Grandjonc und Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815 – 1914). In: Deutsche Emigranten in Frankreich / Französische Emigranten in Deutschland,  S. 82-86

[15] Siehe: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/

[16] Text und Bild aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 89/90

[17] Siehe dazu: Der Faubourg Saint-Antoine, Das Viertel des Holzhandwerks  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Siehe dazu auch den Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine im Atlas historique von Paris: https://paris-atlas-historique.fr/42.html

Im September 2024 wird dazu auch eine an der Deutsch-Französischen Hochschule vorgelegte Dissertation von Miriam Schefzyk in Buchform erscheinen: Martin Carlin et les ébénistes allemands à Paris au XVIIIe siècle. https://www.fnac.com/a17946352/Miriam-Schefzyk-Martin-Carlin-et-les-ebenistes-allemands

[18] Siehe: Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102 

[19] Zit. bei Pabst, Subproletariat auf Zeit. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 266/267

[20] https://www.metmuseum.org/art/collection/search/206976

[21] Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010 ;  Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264 und Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 10

[22] Zit. bei Pabst, S. 267

[23] Zit. bei Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264

[24] Zitat und Bild aus Pabst, Subproletariat a.a.O., S. 263/264

Hessen gehörte damals zu den ärmsten Gegenden Deutschlands. Und es waren deshalb ja auch vornehmlich die Fürsten hessischer Kleinstaaten, die Ende des 18. Jahrhunderts Landeskinder als Soldaten an England verkauften, um ihre klammen Finanzen aufzubessern und ihren absolutistischen Luxus zu finanzieren. Der Darmstädter Landgraf (damals noch nicht Großherzog) war da allerdings eine rühmliche Ausnahme.

[25] siehe Mareike König a.a.O., S. 12f, worauf ich mich auch im nachfolgenden Abschnitt beziehe.

[26] Zit. bei Pabst, S. 265

[27] Zit a.a.O., S. 265

[28] Zit. a.a.O., S. 264

[29] Zitat aus Martin Gerhardt, Friedrich von Bodelschwingh 1950, S. 490 in: Mareike König a.a.O., S. 21. 

[30] In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf den Beitrag von Mareike König, ‚Bonnes à tout faire‘: Deutsche Dienstmädchen in Paris um 1900. In: Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 69ff  Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Beitrag.

Literatur:

Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris.  Eine vergessene Migration im 19. Jahrhundert. Pariser Historische Studien Band 66  2003 Oldenbourg Verlag München https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012646/PHS%2066%20-%20koenig_handwerker.pdf

Mareike König, Deutsche Einwanderer in Paris im 19. Jahrhundert. 2012/2023 https://19jhdhip.hypotheses.org/22

Mareike König, Warum Paris? Wirtschaftliche Migration, politisches Exil und der Mythos Paris als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ 2014/2023  https://19jhdhip.hypotheses.org/2097  und https://planet-clio.org/blog/category/deutsche-einwanderer-in-paris/

Migration économique, exil politique et critique sociale: Les Allemands à Paris au XIXème siècle.  In: DeuFraMat (Deutsch-Französische Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht). http://www.deuframat.de/fr/societe/structures-demographiques-migration-minorites/migration-economique-exil-politique-et-critique-sociale-les-allemands-a-paris-au-xixeme-siecle/introduction.html

Louis Bamberger, La colonie allemande. In: Paris Guide par les principaux écrivains et artistes de la France. Introduction par Victor Hugo. Deuxième partie: La vie. Paris 1867, S. 1017 – 1042 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k200160r/f165.item

Klaus Bade (Hrsg), Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992

Étrangers à Paris. In: Commune de Paris 1871. étrangers à Paris (commune1871-rougerie.fr)

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848: L’exemple des Allemands. In: Paris und Berlin in der Revolution 1848/Paris et Berlin dans la révolution de 1848. Hrsg. Von Ilja Mieck, Horst Möller und Jürgen Voss. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995

Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten In Deutschland. 1685-1945. Eine Ausstellung des französischen Außenministeriums in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris 1983. Paris 2. verbesserte Auflage 1984

Ausstellungshinweis

Vom 25. März bis 21. Juni 2025 widmet die Historische Bibliothek der Stadt Paris (BHVP) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut eine Ausstellung der oft übersehenen Geschichte der deutschen Einwanderung in Paris. Der Rundgang beleuchtet die wichtigsten Orte, Berufe und Persönlichkeiten dieser Migration – von den ersten Einwanderern vor der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert zog Paris zahlreiche Deutsche aus politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen an. Neben bekannten Namen wie Heinrich Heine, Alexander von Humboldt, Karl Marx oder Jacques Offenbach prägten vor allem Handwerker, Arbeiter und Dienstboten das Stadtbild.

1848 stellten sie mit über 80.000 Personen die größte Ausländergruppe in der französischen Hauptstadt.

Die Migration war von historischen Umbrüchen geprägt: Während europäische Krisen und die deutsch-französischen Kriege (1870-71, 1914-18, 1939-45) zu Vertreibung und Internierung führten, suchten in den 1930er Jahren zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere Juden, Schutz vor dem Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Einwanderung deutlich ab, doch ihr Einfluss auf die Stadtgeschichte bleibt bis heute spürbar.

Ort: Historische Bibliothek der Stadt Paris, 24 rue Pavée, Paris 4e – alle Infos hier
Zeitraum: 25. März – 21. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10:00–18:00 Uhr
Eintritt frei, aber nur mit Reservierung / Führung  – Reservierungen sind ab dem 31/03/25 möglich


Hier noch ein weiterführender Link zu einem Artikel von Dr. Wolf Jöckel / Paris und Frankreich Blog > „Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert“ der dieses Thema mit interessanten Beispielen weiter vertieft.

Aus: https://www.deutscheinparis.de/ausstellung-les-allemands-de-paris-deutsche-einwanderung-in-paris/

Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel der Revolutionäre

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese  glanzvolle Periode des Viertels.

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://paris-blog.org/?s=Faubourg+Saint+Antoine+Holzhandwerk

Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels:  In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel  eine wesentliche Rolle.

Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.

Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen  der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja  auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:

Émeute qui éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.

Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst  mit in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.

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Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet

Reveillons Manufaktur litt aber  am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das  Überleben der Betriebe zu ermöglichen.  Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie  ein Lauffeuer verbreitete.  So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)

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Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous,  verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude  an und verjagten den Besitzer.

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Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.

In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese  historische Parallele verwiesen.  Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2)  Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.

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Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern

Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.

Hubert Robert

Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür:  Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben.  Die Befreier waren denn auch  etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)

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Und  dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen  Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:

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Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten  Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de  la Bastille einmündet,  sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt.  Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel  auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.

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Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden  eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:

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Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….

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In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.

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Auf  ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe  in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die  auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.

Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem  Batille-Platz dient.

324 Bude Place de la Bastille

Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).

Ein eindrucksvolles Bild  einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich  im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘  bekanntem  Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.

DSC00004 Barbizon 22.4 (17)

In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels,  erinnert.

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Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….

…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass  dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.

Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.

Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren  allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten  vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals  beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.

IMG_3560 Pichio

Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.

Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:

„La barricade était livide dans l’aurore.   Et comme j’arrivais elle fumait encore;

Rey me serra la main et dit:   Baudin est mort.

Il semblait calme et doux comme    Un enfant qui dort;  Ses yeux étaient fermés,

Ses bras pendaient, sa bouche    Souriait d’un sourire héroique     Et farouche.

Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”

Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine  historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:

„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“ 

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01685-fbg-st-antoine-22.jpg.

Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…

Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber  in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:

Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“

Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen  Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen  Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue  Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine  Methode, die Haussmann  auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.

Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.

Schließlich  stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).

Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.

20555-7 Barricade

Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:

C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de  Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la  fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…

Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse  ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la  Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre  les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!

Anmerkungen

(1) Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789. Um 1789.  Zugeschrieben Laurent Guyot    https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-saccage-de-la-folie-titon-pillage-de-la-maison-reveillon-au-faubourg#infos-principales

(2) Eric Vuillard, 14 juillet. Actes Sud 2016, S. 10 (Das erste Kapitel dieses sehr lesenswerten Buches heißt „La folie Titon“.

(3)  Les légendes révolutionaires: Le comte de Lorges http://www.vendeensetchouans.com/archives/2014/07/14/30254227.html

s.a. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6479943r.r=bastille.langFR

Erster Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:

Der Faubourg Saint- Antoine, Das Vierel des Holzhandwerks   https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.

POUR EN SAVOIR PLUS:

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php  (26.4.2020)

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php

Der Faubourg Saint-Antoine (Teil 1): Das Viertel des Holzhandwerks

Als wir 2009 daran gingen, uns –zunächst für ein Jahr- in Paris niederzulassen,  fanden wir eine Wohnung im Faubourg Saint-Antoine, einem uns bis dahin ganz unbekannten Viertel von Paris. Kein Wunder, denn in den meisten –jedenfalls älteren-  Stadtführern ist es überhaupt nicht erwähnt, weist es doch keine besonderen Sehenswürdigkeiten auf, keine spektakulären Bauwerke, kein Museum oder andere Attraktionen. Und um den Ruf des Viertels stand es auch nicht immer zum Besten. So hat Mark Twain  1869 das Viertel als “Gegenstück (zum) prunkvollen Versailles mit seinen Schlössern, seinen Statuen, seinen Gärten und Springbrunnen” wie folgt beschrieben:

„Kleine, enge Straßen; schmutzige Kinder, die sie versperrten; schmierige, schlampige Frauen, die die Kinder einfingen und verprügelten; dreckige Höhlen in den Erdgeschossen, mit Lumpenhandlungen darin (…), weitere dreckige Höhlen, in denen ganze Garnituren von Kleidung aus zweiter und dritter Hand zu Preisen verkauft werden, die jeden Inhaber ruinieren würden, der sein Lager nicht zusammengestohlen hätte; … In diesen kleinen, krummen Straßen bringt man für sieben Dollar einen Mann um und wirft die Leiche in die Seine…  In diesem ganzen Faubourg St. Antoine gehen Elend, Armut, Laster und Verbrechen Hand in Hand, und die Zeugnisse dafür starren einem von allen Seiten ins Gesicht.  (zit. in: dtv Reise Textbuch Paris, 1990, S. 295/296).

Ganz anders das Wochenmagazin Le Point, das  in seiner Ausgabe vom 28. Oktober 2010 das 11. Arrodissement, zu dem ein großer Teil des Faubourgs gehört, mit diesen Worten beschrieb:

„Avec ses nombreux îlots qui ont résisté à la vague haumssmannienne, le 11e est un arrondissement qui a du caractère. Parfois frondeur, souvent héroïque, toujours accueillant, il port sa mixité comme un étendard. … L’arrondissement le plus dense de la capitale, qui abrite 152 000 habitants, continue de séduire. Aux artisans et aux ouvriers qui ont fait sa réputation viennent désormais se joindre des artistes, des intellos et de jeunes couples avec leurs bambins » – und natürlich –wie man ergänzen muss- sogar deutsche Pensionäre!  Wir haben jedenfalls in den  sechs Jahren, die wir im Faubourg wohnten  (von 2009 bis 2015) dieses Viertel immer besser kennen – und schätzen gelernt und es wurde  zu unserer zweiten Heimat.

Im Gegensatz etwa zu den noblen Faubourgs  St.Germain oder St. Honoré im Westen reiht sich am Faubourg St. Antoine kein grandioser Adelspalast an den anderen. Es gibt viele kleine Geschäfte, auch viele sog. Bazare mit billigen Sonderangeboten: Da haben wir zum Beispiel eine elektronische Küchenwaage für 3.50 €  und eine Küchenmaschine für 19.80 € gekauft, auf die es sogar 3 Monate Garantie gab.  Daneben gibt’s das chaotisch vollgeräumte Lädchen mit dem kleinen Chinesen, der das Messingschild (Mme et M. Jöckel) für unsere Wohnungstür hergestellt hat, dann den Blumenladen mit den Sträußen zu 3 € (5 Sträuße zu 10 €!), den nordafrikanischen Metzger, bei dem wir unser Lammfleisch kaufen, der schon in Gelnhausen und Hanau war und dessen Sohn, der ab und zu an der Kasse steht, sich freut, wenn man mit ihm deutsch redet, das er seit vier Jahren auf der Schule lernt. Und  natürlich gibt es das sog. Internet-Café, in dem wir öfters waren, solange wir noch keinen Internet-Anschluss hatten: ein enger Raum vollgestopft mit Telefonkabinen und PCs, in dem meist ein babylonisches Sprachgewirr herrschte und in dem es lebhaft  zuging wie auf einem Marktplatz. Vor allem wenn –wie öfters- die junge Russin da war, die mit ihrem lover  ziemlich laut und schrill „skypte“.

Typisch für das Viertel sind aber vor allem die kleinen Durchgänge und Höfe, in denen „antike“ Möbel  verkauft und manchmal auch noch hergestellt werden. Hier war nämlich früher das Viertel der Handwerker, die die Möbel  für die Adelspaläste im Westen der Stadt, aber auch für den ganzen französischen Adel hergestellt haben, ihre Waren aber auch weiter nach  Europa exportierten.

Dass der Faubourg-St-Antoine das Viertel der Kunst -Tischler wurde, hat natürlich auch historische Ursachen. Das ganze Viertel gehörte nämlich im Mittelalter zu dem Kloster Saint- Antoine- des- champs, und der Faubourg St-Antoine, an dem das Kloster lag,  war ein Teil der wichtigen, breiten Einfallsstraße vom Westen in das Zentrum von Paris, die schon auf die Römer zurückgeht und auf der die Könige –bis hin zu Ludwig XIV- von ihrem Schloss in Vincennes in die Stadt einzogen oder sich bei wichtigen Anlässen vom Volk feiern ließen

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Auf dem Merian-Stich von 1615 erkennt man im Vordergrund die Bastille und  die „place Royalle“, also die heutige place des Vosges. Links im Hintergrund ist das Schloss von Vincennes mit seinen Türmen und der „sainte chapelle“ abgebildet. An der Straße nach Vincennes liegt -in der Mitte des Bildes-  das Kloster S. Antoine des champs mit seinem sehr weitläufigen ummauerten Klosterbezirk. Der spitze Dachreiter auf der Vierung deutet darauf hin, dass es sich um ein zisterziensisches Kloster handeln muss.

In der Tat war St. Antoine des Champs  ein nobles zisterziensisches Damenstift,  das  im Laufe der Jahrhunderte viele Schenkungen und Privilegien erhielt: Zwei davon waren besonders wichtig: 1131 erhielt das Kloster nämlich das Privileg, Schweine zu halten, was gleichzeitig im Stadtgebiet von Paris verboten wurde. Anlass war ein grotesker Unfall von Philipp, dem Lieblingssohn und Mitregenten Ludwigs VI: Im Alter von 15 Jahren ritt er mit seinen Gefolgsleuten in Paris entlang der Seine, als plötzlich ein Schwein seinem Pferd zwischen die Beine lief. Philipp wurde über den Kopf seines Pferdes geschleudert und zog sich so starke Verletzungen zu, dass er am Tag darauf verstarb, ohne vorher das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Das Kloster St. Antoine erhielt nun das Privileg der Schweinehaltung: Die Schweine des Klosters hatten sogar -in 12-er Trupps und mit Glocken um den Hals- Aufenthaltsrecht in den Straßen der Stadt. (1) Dieses Privileg  mehrte erheblich den Wohlstand des Klosters.

Besonders folgenreich war dann ein weiteres Privileg, das das Kloster im Jahr 1471 unter der Regierung Ludwigs XI. erhielt: Damals wurden die im Bereich des Klosters angesiedelten Handwerker von den üblichen Zunftzwängen befreit, ein Privileg, das von Colbert 1657 erneuert wurde.  So entstand im Faubourg Saint-Antoine gewissermaßen eine „marktwirtschaftliche Insel“. Während die „zünftigen“ Schreiner nur Eichenholz verwenden durften, konnten die Werkstätten im Faubourg St-Antoine auch andere Holzarten verwenden, vor allem die Edelhölzer, die ab dem 16. Jahrhundert aus den neu entdeckten Kontinenten nach Europa kamen. Die Kunsttischler des Viertels werden deshalb ja auch ébénistes genannt.  Im Pariser Stadtmuseum (Hotel Carnavalet) sind auch zahlreiche Möbel aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt, von denen ein wesentlicher Anteil sicherlich aus dem Faubourg St. Antoine stammt. Bei einem kleinen Rundgang habe ich –nur stichprobenartig- die Verwendung von 18 verschiedenen Holzarten festgestellt! Dazu kamen dann auch noch andere Materialien wie Bronze, der damals sehr modische japanische Lack, Marmor und verschiedene Farben und Stoffe, die bei der Möbelherstellung verwendet wurden. So entwickelte sich in diesem Viertel eine Vielfalt von kleinen Betrieben rund um die Möbelproduktion.

Hier ein Detail eines im Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ausgestellten Paravent aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit Imitationslack (Vernis Martin) der Familie Martin  hergestellte Arbeit mit chinesischen Motiven.

Eine besondere Anziehungskraft übte der Faubourg Saint-Antoine auch für deutsche Handwerker aus. „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädt nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie  profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden  Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ (Pallach)

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.,  erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Man kann davon ausgehen, dass der elegante kleine Nachttisch auf dem Portrait der Madame de Pompadour von Boucher (Alte Pinakothek München) von Oeben angefertigt wurde. 

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame Du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete seine Witwe einen anderen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution  30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Und so kann Jean-Claude Bourgeois in seinem kleinen Führer durch den Faubourg Saint-Antoine feststellen, am Ende des 18. Jahrhunderts sei in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourgs ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen worden.   „Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres f+r eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten viele der in dem Viertel arbeitenden Handwerker aus Deutschland. Und sie waren auch ein wesentlicher Bestandteil des  revolutionären Potentials des Viertels, wie sich in den Revolutionen von 1830 und 1848 zeigte. (2)

Die meisten der von Oeben und Riesener angefertigten Möbel für den königlichen Hof wurden 1793/94 von den Revolutionären verkauft und sind heute in englischen und amerikanischen Museen ausgestellt. Immerhin existiert noch der berühmte Schreibtisch von Ludwig XV., der von Oeben begonnen und von Riesener vollendet wurde. Er ist heute im Schloss Versailles zu bewundern. 

Bureau du Roi von Oeben und Riesener, Marketerie und Ormolu, 1760-69 von Unbekannt Unbekannt

Seit 2021 gehört ein weiterer Sekretär aus der Gemeinschaftsproduktion von Oeben und Riesener mit wunderbaren Einlegearbeiten wieder zu dem Versailler Mobiliar.

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Sekretär der dauphine Marie-Josèphe de Saxe, 1763-1765

Schöne Möbelstücke von Riesener gibt es auch im sehr empfehlenswerten Museum Nissim Camondo am Monceau-Park zu sehen. Unter anderem diese raffinierte Commode, deren Schubladen durch einen  seitlich verschiebbaren bemalten Lamellen-Vorhang verdeckt sind.

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Kommode von Jean-Henri Riesener 

Eine weitere Riesener-Kommode ist seit Ende 2021 im neu eröffneten Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde zu bewundern. Die gehörte zum ursprünglichen Mobiliar, das aber während der Französischen Revolution zum größten Teil zerstört wurde. 2021 tauchte aber eine Riesener-Kommode wieder auf und wurde von einem Mäzen für 1,2 Millionen Dollar (!) ersteigert, dem Hôtel übergeben und damit wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Heimat der Kommode                                                                                                  

Insgesamt gab es im 18. Jahrhundert  etwa 800 Werkstätten im Faubourg, die mit der Produktion von Luxus-Möbeln beschäftigt waren. Zum Ruhm und Erfolg des Viertels trugen auch neue Möbelstücke bei, die hier erfunden wurden wie die Credenz oder Anrichte und vor allem natürlich die  Kommode. Erfunden wurde sie von André-Charles Boulle im Jahre 1662. Sie ersetzte die  alte Holztruhe, weil sie wesentlich praktischer und bequemer –commode- war, wie Boulles Frau spontan ausrief, als ihr Mann ihr seine Erfindung präsentierte: Mit Hilfe der Schubladen konnte man leichter Ordnung halten als in einer Truhe, und auf der Kommode war auch noch Platz für Vasen, kleine Statuen und andere schöne Dinge nach dem Geschmack der Zeit. Und weil die Befreiung vom Zunftzwang nicht auf Franzosen beschränkt war, entwickelte das Viertel auch eine große Anziehungskraft auf  unternehmungslustige und schöpferische Handwerker: Kunsttischler aus anderen Ländern wie Flandern, den Niederlanden und vor allem Deutschland: Doch zur revolutionären Geschichte des Faubourgs mehr im entsprechenden Folgebeitrag.

Dass gerade der Faubourg Saint- Antoine das Zentrum des Holzhandwerks wurde, beruht natürlich zunächst und vor allem auch auf seiner Lage in der Nähe der Seine-Kais, auf denen das die Seine herabgeflößte Holz gestapelt wurde. Im 16. Jahrhundert, als Paris, die größte damalige Stadt Europas, 300 000 Einwohner hatte, waren die Wälder in der Umgebung nicht mehr in der Lage,  den Bedarf der Stadt an Holz zu decken. Holz wurde vor allem für die Kamine benötigt, aber auch für den Hausbau und für die Herstellung von Möbeln. Die dafür erforderlichen riesigen Mengen an Holz wurden  deshalb aus den noch intakten  Wäldern des Morvan über die Yonne  und die Seine nach Paris geflößt. Zunächst wurden kleine „branches“, Flöße von 4 mal 4,5 m, zusammengebunden, dann, sobald die Breite und Tiefe des Flusses es erlaubten, „coupons“ von 4 branches und schließlich „parts“ aus 9 coupons. Ab Auxerre wurden dann ganze „trains des bois“ von 72 Metern Länge zusammengebunden und in 11 Tagen von 2 „flotteurs“ nach Paris geflößt. Dort wurden die „Holzzüge“ in der Nähe des Faubourg Saint -Antoine angelandet. Holz und Seile wurden verkauft, und die Flößer gingen zu Fuß nach Auxerre zurück, um von dort einen neuen Transport zu übernehmen. Pro Jahr waren das mehrere tausend solcher riesigen Holzzüge,  die letzten im Jahr 1877. Da hatte die Eisenbahn das Flößen als Transportmittel ersetzt.

Zur Produktionspalette des Faubourgs gehörten auch die  Tapeten, die mit speziell angefertigten Holzmodeln bedruckt wurden. Eine der größten europäischen Manufakturen für Tapeten (papier peint) war die königliche Manufaktur Reveillon, die in der Vorgeschichte der Französischen Revolution eine bedeutende  Rolle spielte. (Dazu mehr im nachfolgenden Beitrag über den „revolutionären“ Faubourg Saint-Antoine).  Darüber hinaus wurden  hier auch Spiegel produziert. Im 16. Jahrhundert war deren Herstellung ein venezianisches Geheimnis und Monopol. Ludwig XIV. beauftragte aber 1665 im Zuge seiner merkantilistischen Politik  seinen Finanzminister Colbert, eine königliche Spiegelglas-Manufaktur zu gründen mit dem Ziel, Frankreich von den venezianischen Importen unabhängig zu machen. Diese Manufaktur wurde im Faubourg St. Antoine, in der Rue Reuilly, angesiedelt. Sie erlebte ihre Blütezeit ab 1688, als in Frankreich ein neues Verfahren entwickelt wurde, das die Herstellung besserer und größerer Spiegel ermöglichte. Die königliche Manufaktur im Faubourg St-Antoine erhielt –auch um sie für bürgerliche Investoren interessanter und gewinnträchtiger zu machen- ein Monopol auf dieses Verfahren und dann vor allem den prestigeträchtigen Auftrag zur Ausstattung des Spiegelsaals im Schloss von Versailles. Die Vormacht der Venezianer in der Glas- und Spiegelproduktion war nun gebrochen. Im Jahr 1692 erhielt die königliche Spiegelmanufaktur  den Namen einer Produktionsstätte bei Laon: St. Gobain – inzwischen eines der größten französischen Unternehmen, das immer noch –auch in Deutschland- führend in der Glasproduktion tätig ist. Von dem früheren Standort ist heute allerdings nichts mehr zu sehen, immerhin gibt es davor  eine Erinnerungs-Tafel der Stadt Paris.

Noch 1955 war der Faubourg Saint-Antoine das größte Zentrum der französischen Möbelproduktion. Heute werden nur noch  in wenigen der Höfe in unserem Viertel  Möbel hergestellt bzw. wenigstens repariert, manche Möbelhersteller haben hier aber immerhin noch ihren Sitz oder einen Ausstellungsraum.

Ein schönes Beispiel ist (bzw war bis Ende 2018)  das Maison Stroesser im Cour St-Nicolas zwischen der Avenue Ledru Rollin und der Rue St-Nicolas.

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Gegründet wurde dieser Betrieb von einem elsässischen Handwerker, der nach dem deutsch-franzöischen Krieg 1870/1871 aus dem Elsass emigriert war, um nicht unter preußisch-deutscher Besatzung leben zu müssen.

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Danach gehörte der Betrieb der Familie Lepennec, die -wie wir festgestellt haben- sogar unsere Nachbarn in der Rue Maillard sind. Bevor wir das entdeckten, war ich schon oft bei Spaziergängen mit Paris-Besuchern dort vorbeigegangen, und anfangs hatte ich gedacht, der am Eingang postierte Hund sei aus Porzellan. Er war aber aus Fleisch und Blut und hieß Dagobert.  Die Firma Stroesser bot ein breites, hochwertiges Möbelsortiment an, das vom Patron nach Kundenwünschen entworfen und dann von auswärtigen Unternehmen produziert wurde.

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Es gab aber auch noch eine alte sympathische Werkstatt im Hof, in der Möbel repariert wurden und neue Möbel den letzten Schliff und die gewünschte Politur erhielten.

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Inzwischen (seit Anfang 2019) gibt es das Maison Stroesser und  diese Werkstatt nicht mehr. Wieder ein Stück der alten Ebenisten-Tradition des Faubourg Saint-Antoine, die verschwunden ist.

So wie auch dieser alte Tischler, den ich vor Jahren in einem der Handwerkerhöfe des Viertels  fotografiert habe:

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Er stellte sich in einem an der Eingangstür befestigten Blatt als  ébéniste, also  als Kunsttischler vor, dazu als Hedonist -de pére en fils-  und auch noch als  Ataraxist- eine erstaunliche Bezeichnung bei einem Menschen, der kaum eine klassische Bildung erhalten hat: Die Kombination dieser Selbstetikettierungen verweist auf den griechischen Philosophen Epikur, für den dauerhafte Lust nur der erfahren kann, dessen Verlangen auf das Notwendigste beschränkt ist.

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Das passt auch gut zu dem Eindruck dieser Werkstatt. Als ich das Foto machte, war der hedonistische Tischler allerdings bei einer wenig lustvollen Beschäftigung: Er schrieb gerade die Überweisung für einen Strafzettel wegen falschen Parkens…. Auch den alten Tischler gibt es aber inzwischen nicht mehr…

Wie lebendig und ausstrahlend diese Tradition gewesen ist, hat sich mir übrigens kürzlich (Mai 2018)  wieder eindrucksvoll bestätigt: Ein Schweizer, der auf diesen Beitrag aufmerksam  geworden war, hatte mich kontaktiert und mir von den Beziehungen seiner Familie zum Faubourg Saint-Antoine berichtet. Sein Großvater Oskar Bieder hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar zweimal bei Tischlern im Faubourg Saint-Antoine gearbeitet: Das erste Mal im Rahmen seiner Gesellenwanderung von 1882 bis 1885 bei dem Möbelhersteller G. Seuret, wie sein Wanderbuch ausweist.

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Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt das Selbstbewusstsein und den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Das übertrug dann Oskar Bieder auf die Kunsttischlerei, die er nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete.

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Sie firmierte unter dem dort ungebräuchlichen, aber programmatischen Namen Ébénisterie und wurde zur führenden Kunstschreinerei der Schweiz. Auch Hans Bieder, der Sohn und Nachfolger Oskar Bieders,  verbrachte Lehrjahre in Paris, unter anderem -wie sein Vater- bei der Firma Linke im Faubourg Saint-Antoine. Ich hatte die wunderbare Gelegenheit, mit dem Enkel von Oskar Bieder und dem Neffen von Hans Bieder einen Spaziergang durch das Viertel zu machen, an dessen Ende er mir ein Buch über die Kunstschreinerei Bieder in Liestal schenkte (Liestal 2016), dem die vorstehenden Bilder entnommen sind. Die Firma Linke gibt es allerdings nicht mehr. Allerdings fanden wir in einem alten Verzeichnis der ébénistes des Viertels, das uns der Patron der Maison Stroesser zeigte, noch einen entsprechenden Hinweis…

Doch nach diesem Exkurs zurück bzw. weiter mit unserem Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. Im Cour St. Nicolas hat sich -gegenüber der Werkstatt der Maison Stroesser- inzwischen eine Fahrradmanufaktur eingerichtet. Als ich kürzlich mit Besuchern dort war, machte der Chef gerade über Skype ein Interview mit einer Zeitschrift in Dubai. Aber eine freundliche Dame hat uns etwas herumgeführt und die Finessen der hier hergestellten Fahrräder erläutert. Sie kosten  dann allerdings auch zwischen 9000 und 20000 Euro! Abnehmer gibt es offenbar genug… Und dass die Felgen manchmal aus Holz sind, ist doch immerhin auch ein Anknüpfungspunkt an die handwerkliche Tradition des  Faubourg Saint-Antoine.

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Ein alter Handwerkerhof ist auch der Cour du Bel Air im Faubourg St. Antoine Nr.56, der glücklicherweise immer zugänglich ist.

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Man sollte sich durch das Schild cour privé nicht abschrecken lassen und durch die Toreinfahrt in den begrünten Innenhof gehen. Dort wurde früher das von den Seine-Kais herangebrachte Holz gelagert, das für die Handwerker des Viertels bestimmt war. Heute parken da eher Autos, aber die entsprechenden Begrenzungen lassen sich noch gut erkennen.

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Auf der linken Seite des Hofs fällt zwischen den Pflastersteinen ein großer Steinblock auf: Angeblich soll der den Musketieren, die in einer benachbarten Kaserne untergebracht waren, als Spieltisch gedient haben. In einem Büchlein über „Paris secret et insolite“ (Paris 2012) wird er deshalb auch als „pavé des Mousquetaires“ bezeichnet (S. 147). Legenden sind oft einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden, auch wenn ihr Wahrheitsgehalt ungewiss ist…

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 Lohnend ist auch ein Blick in das schöne alte Treppenhaus G mit seiner unter Denkmalschutz stehenden Holztreppe – und nicht versäumen sollte man es auch, sich den hinteren zweiten Hof anzusehen: Da bekommt man einen Eindruck davon, was man aus solchen alten Gemäuern machen kann, wenn man Geschmack und genug Geld hat. Von dem Holzhandwerk, das hier heimisch war, ist heute nichts mehr zu sehen.

Dafür  hatte sich in dem Hof  (in der linken hinteren Ecke versteckt) ein nobler Couturier niedergelassen, der auf Bestellung und auf Maß sehr feine Damengarderoben vor allem für Kundinnen mit nordafrikanischem „Migrationshintergrund“ anfertigte. Man konnte ihm bei der Arbeit zusehen, zum Beispiel wenn er Pailletten auf einem Abendkleid befestigte, und wenn er nicht unter Zeitdruck war, zeigte er auch gerne Fotos von seinen Kreationen.

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Bei meinem letzten Besuch in dem Hof war die Werkstatt allerdings leergeräumt- schade. Leider gab es  keinen Hinweis, was aus dem Couturier geworden  ist – vielleicht ist er ja in größere Räume umgezogen, denn nach seinen Angaben konnte er in mit seinem ganz speziellen Nischen-Angebot gut leben.

Hochspezialisierte Handwerksbetriebe gibt es im quartier auch in anderen Bereichen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein kleiner unscheinbarer Lederhandwerks-Laden in der abgelegenen  rue Titon, in der es wenig andere Geschäfte und keine „Laufkundschaft“ gibt. Mit ihm habe ich auf etwas kuriose Weise Bekanntschaft gemacht. Bei einem unserer Koffer war eine Naht aufgeplatzt. Ich bin also damit zu einem Schuster, der aber nicht über das erforderliche Werkzeug verfügte und mich an den Laden in der rue Titon verwies. Der Inhaber empfing mich sehr freundlich, sah sich den Schaden an und meinte dann, der Arbeitsaufwand sei zu groß, eine Reparatur lohne sich also nicht. Wenn ich aber wolle, könne ich mich in seine  Werkstatt setzen, er würde mir die erforderlichen Werkzeuge geben und mich einweisen, sodass ich das selbst machen könne. So geschah es dann auch.

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Bei der Arbeit erfuhr ich dann auch etwas, wie er mit einem so abgelegenen Laden überleben kann. Er erzählte mir, dass es sich um einen alteingesessenen Familienbetrieb handele, dass er über spezielle Werkzeuge und ein know-how verfüge, das es sonst kaum noch gäbe. Von großen Modehäusern erhalte er Aufträge für Sonderanfertigunngen für Modenschauen oder haute-couture- Kollektionen. Das werde gut bezahlt und eröffne ihm auch den Zugang zu weiteren Kunden.

Ein lange Zeit ziemlich heruntergekommener und zum Abriss bestimmter alter Handwerkerhof ist der Cour de l’Industrie in der Rue de Montreuil., ein einzigartiges Ensemble.  Dort haben einige Handwerker und Künstler unter ziemlich desolaten Bedingungen überlebt. Aber inzwischen hat die Stadt Paris sich der Höfe- es sind insgesamt drei aufeinander folgende- angenommen, sie unter Denkmalschutz  gestellt und mit großem Aufwand ein Sanierungsprogramm gestartet, das im Februar 2017 abgeschlossen wurde.

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Das Ergebnis ist beeindruckend und zeigt, dass -zumindest mit öffentlicher Hilfe- auch „normale“ Handwerker eine Sanierung „überleben“ können.

Da, wo jetzt das neue  weiße Gebäüde steht, war früher der Platz der Dampfmaschine, die die drei  Höfe mit Strom versorgte. Jetzt sind dort Ateliers für Künstler entstanden.

Und  nochmal zum Vergleich der  vorherige Zustand:

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und nachher:

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Zum Teil sind die alten Handwerkerhöfe im Faubourg  für die Bobos (bourgeois-bohème) edel herausgeputzt. Das ist ein Aspekt des „embourgeoisement“, dem das Viertel seit Jahren unterliegt. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich renovierte „Cour de l’Etoile d’Or“ (Nr. 75) mit der schönen Sonnenuhr von 1757. Der ist  natürlich  mit einer Schließanlage von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Aber  unter der Woche kann man im Allgemeinen das Hoftor öffnen, ohne den Digicode zu kennen.

C Innenhof Etoile d'Or 030

Hof 11.Arr mit Katze 004

Direkt gegenüber diesem Hexenhäuschen  mit Kater (auf dem  Tisch liegend) wurde im ersten Hof des Cour de l’Étoile d’Or  kürzlich übrigens ein hochmodernes und pikfeines Wohnhaus mit einer Wand aus rostbraunem Metall gebaut – ein Kontrast, wie er für das Viertel immer typischer wird.

Und dahinter gibt es dann noch einen zweiten, breiteren Hof. Handwerker findet man dort allerdings nicht mehr, aber im Sommer kann man  in der Mitte des Hofs sogar Tomaten und Kürbisse bewundern.

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Und im alten Treppenhaus findet man noch einen Hinweis auf die guten alten Zeiten der Möbelherstellung.

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Es lohnt sich auch, einen Blick in den ehemaligen Handwerkerhof nebenan zu werfen, den Cour des Shadoks. (No 71).  Dieser frühere Handwerkerhof verdankt seinen Namen Jacques Rouxel, dem Schöpfer der Shadoks, der hier gewohnt hat.

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Zu den kleinen Paradiesen der  sogenannten „Bobos“ gehört auch der  Cour Reuilly.  Den  kann man allerdings nur mit viel Glück  betreten, wenn man von einem  freundlichen Bewohner hereingelassen  wird, oder zusammen mit einem professioneller Führer, der  den Geheimcode kennt.  Hinter einem unscheinbaren Tor öffnet sich eine ganz eigene Welt mit kleinen herausgeputzten Häusern, Weinranken, Edelkatzen….

Cour Reuilly Nr. 18 11e Arr. 004

Cour Reuilly 11e Arr. 014

Sehr malerisch ist auch der Innenhof der Nr. 33, schön begrünt, mit lauschigen, von der Außenwelt abgeschirmten Sitzecken.

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Allerdings muss man auch da  Glück haben, als „normal Sterblicher“ dort hereinzukommen.

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Denen, die draußen vor der Tür bleiben, streckt der Straßenkünstler Gregos höhnisch die Zunge raus….

Sehr gut zu beobachten ist im Cour des Bourgignons  die  enge Nachbarschaft von Arbeit und Wohnen, wie sie im Faubourg üblich war: Im Erdgeschoss befinden sich die Werkstätten, darüber z.T. Lagerräume, während in den oberen Stockwerken die Arbeiter wohnten. Bis hin zur Industrialisierung dienten ja die Werkstätten meistens auch als Wohnräume, wurde  aber Mitte des 19. Jahrhunderts wiurde die hier zu beobachtende  Trennung  von Napoleon III. vorgeschrieben.  Allerdings  -wie die meisten der von oben verordneten sozialen Verbesserungen-   nicht aus reiner Menschenliebe, sondern um nach den Erfahrungen der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 die Arbeiter ruhig zu stellen und außerdem auch noch die teuren Maschinen zu schützen. Heute ist in den ehemaligen  Werkstätten unter anderem eine Design-Ausstellungshalle angesiedelt. An die industrielle Vergangenheit erinnert noch der unter Denkmalschutz stehende Schornstein der Dampfmaschine.

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Jedenfalls lohnt es sich sehr, die Straße Faubourg Saint-Antoine zwischen der Bastille und der métro – Station Faidherbe-Chalgny entlangzubummeln und soweit möglich etwas in die rechts und links gelegenen (ehemaligen) Handwerkerhöfe hineinzusehen. Auf einige der alten Handwerkerhöfe wird man auch durch das cour-Schild mit dem großen F, das für Faubourg steht, hingewiesen. Das sind allerdings eher diejenigen Höfe, in denen noch Handwerksbetriebe oder neue an Publikumsverkehr interessierte Boutiquen angesiedelt sind. Ein schönes Beispsiel ist die  rue de Montreuil Nr. 33, wo der China-Lack- Spezialist Lee stolz darauf hinweist, dass er die renommierte École Boulle absolviert hat.

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Erhalten haben sich vor allem kleine Geschäfte, in denen nachgemachte Möbel aller Stilrichtungen angeboten werden, wie etwas in der Passage du Chantier.

Möbelgeschäft Fgb St.Antoine 001 (18)

Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man auf Schritt und Tritt, dass man sich in dem ehemaligen  Viertel des Holzhandwerks befindet.

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Besonders nobel ist die ehemalige Niederlassung der Holzfirma Boutet aus Vichy in der Rue Faidherbe – im art nouveau-Stil dekoriert.

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Inzwischen ist daraus ein  4-Sterne- Hotel geworden, in dem man luxuriös und stilecht im Faubourg Saint Antoine logieren kann. Kosten pro Nacht: 240 bis 490 Euro. (Stand Juni 2016)

IMG_6951 Boutet

Und es gibt auch noch einige kleine spezialisierte Läden, in denen  alles Mögliche angeboten wird, was für die Herstellung, Reparatur und Erneuerung alter Möbel erforderlich ist. Zum Beispiel das Atelier Lecchi, das vor allem auf die Restaurierung von Lackarbeiten spezialisiert ist (Ecke Rue du Dahomey/Rue St Bernard). Die arg verwitterte passende Bemalung der Außenwände lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob dieses schöne Geschäft noch eine Zukunft hat.

IMG_6958 Laque D´coration

Das gilt auch für die grandiose Quinquaillerie Lejeune in der Rue du Faubourg Saint -Antoine schräg gegenüber der Fontaine de Montreuil.

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Hier habe ich ein Ersatzteil für die „antiken“ Messing-Türgriffe in unserer Wohnung gefunden, das ich schon lange gesucht habe: 2,50 Euro! Aber einfach ist das Geschäft nicht, wie ich von den sympathischen Besitzern erfahren habe: Da die Wohnungen  in Paris meist sehr klein und sehr teuer sind, reicht es bei der Einrichtung oft nur für Massenware  à la Ikea. Dafür braucht man die wunderbaren  Produkte von Lejeune eher nicht.

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Die Tradition des Möbelhandwerks wird auch durch die École Boulle aufrecht erhalten, ein Lycée professionelle des métiers de l’ameublement. Einmal im Jahr öffnet es seine Pforten und zeigt etwas von der Ausbildung und ihren Resultaten.

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Nicht versäumen sollte man es, zum Beispiel am Ende eines Spaziergangs durch den Faubourg Saint-Antoine einen Blick in den malerischen Cour Damoye an der Place de la Bastille zu werfen, der tagsüber zugänglich ist. Dort gab es früher eine außergewöhnliche kleine Kaffeerösterei, die von einer entzückenden alten Dame betrieben wurde.

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Der ausgeschenkte Kaffee war gut und unschlagbar billig und in Anbetracht des  wunderbaren  Ambiente konnte man auch bezüglich der hygienischen Verhältnisse ein Auge zudrücken.  Die alte Dame ist übrigens 2016 in den Ruhestand gegangen. Ein junger Mann hat aber ihre Nachfolge übernommen und das Lädchen im alten Stil  renoviert. Man kann dort wieder selbst gerösteten Kaffee kaufen und auch gleich probieren.

Ein passender Ort für ein Mittagessen im Faubourg Saint-Antoine ist „La Cour du Faubourg“ in der Nr. 27/ 29 der rue du Faubourg Saint-Antoine in der Nähe der Bastille.

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Das Restaurant liegt -zumindest teilweise- in einem überdachten Hof des Viertels.Und die Preise sind ausgesprochen zivil, wenn auch inzwischen ein wenig teurer als auf diesem Preisschild….

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Anmerkungen

(1) http://www.paris-anecdote.fr/Cochons-privilegies.html

(2) „On retrouvera nombre de compagnons et artisans allemands à Paris : en 1830 puis en 1848, ils contribueront grandement à la réputation révolutionnaire des ouvriers du Faubourg Saint-Antoine.“   http://www.histoire-immigration.fr/des-dossiers-thematiques-sur-l-histoire-de-l-immigration/les-pionniers-allemands-1820

 

Zweiter Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine: 

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel der Revolutionäre  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

 

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. 

 

Pour en savoir plus: 

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102  https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012512/document(25).pdf

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handdwerker im Frank