Das Grand Palais wird derzeit aufwändig restauriert, der Figaro spricht sogar von travaux pharaoniques, Arbeiten pharaonischen Ausmaßes. 2024, also rechtzeitig zu den Olympischen Spielen, soll das Bauwerk in neuem Glanz erstrahlen und als einer der Austragungsorte der Olympischen und der Paralympischen Spiele dienen.[1]
Während der Bauarbeiten ist das Grand Palais von einem 900 Meter langen Bauzaun umgeben, auf dem mit einem Comic die bewegte Geschichte des Bauwerks dargestellt ist – eine Art der Nutzung, die auch auf dem Bauzaun um Notre Dame angewendet wurde und wird [2]: Immerhin haben Comics in Frankreich als Ausdrucksform der nationalen Kultur Legitimität erlangt. Sie sind ein etabliertes Kulturgut und gelten als „9. Kunst“.[3]

Der verantwortliche Künstler dieses Werkes ist Nayel Zeaiter, in Frankreich bekannt vor allem wegen seiner auf 100 Tafeln aufgezeichneten „Histoires de France“.[4]

Auch für einen so erfahrene Comic-Spezialisten sind 900 m Bauzaun allerdings eine große Herausforderung. Chris Dercon, bis 2022 Président de la Réunion des musées nationaux – Grand Palais“ und als solcher für die Neukonzeption des Grand Palais und wohl auch für die Auftragsvergabe an Nayel Zeaiter zuständig, schreckte sogar nicht vor einem Vergleich mit dem Teppich von Bayeux zurück.[5] Das ist sicherlich gar zu hoch gegriffen. Zumal man manchmal den Eindruck hat, dass sich Zeyaiter bisweilen arg mühsam etwas einfallen ließ, um diese 900 m auszufüllen. Da geht man dann gerne schnell vorbei – etwa wenn es um die -weit ausgebreitete und etwas herbeigeholte Prometheus-Sage geht oder die „Ahnengalerie“ der französischen Kultusminister. Und der historische Hintergrund wird manchmal recht eigenwillig/lakonisch erläutert. Aber es gibt genug interessante Passagen, und insgesamt entsteht ein umfassendes und abwechslungsreiches Panorama der Geschichte des Grand Palais. Hier nun einige Ausschnitte/Eindrücke:

1897 begannen die Bauarbeiten des Grand Palais. Bis zur Weltausstellung 1900 musste es fertig sein, weil das Grand Palais zusammen mit dem gegenüber liegenden Petit Palais zentraler Ausstellungsort war.


„Es gab einen Hafen gleich nebenan.“
Begünstigt wurden die damaligen Bauarbeiten durch die Nähe zur Seine (unten auf der Skizze). Dort gab es den Hafen de la Conférence. links Grundriss des Grand Palais, rechts des Petit Palais. Diese beiden Gebäude wurden erschlossen durch eine neue Verkehrsachse (heute Avenue Winston Churchill) zwischen der Avenue des Champs Elysées und der ebenfalls neu errichteten Brücke Pont Alexandre III.

Die Bauarbeiten begannen damit, dass 3400 angespitzte Eichenpfähle mit Hilfe einer Dampfmaschine in den Boden gerammt wurden.

Die Baumaterialien wurden vor allem auf der Seine per Schiff und auf Kanälen mit Booten herangeschafft. Dafür gab es Treidelpfade und besonders kräftige Pferderassen, die im 19. Jahrhundert für solche Zwecke gezüchtet wurden. Auf diesem Comic-Bild ist es ein „percheron“, ein Kaltblütler aus dem Perche, einer Gegend nord-westlich von Paris.

Auch Dampflokomotiven kamen zum Einsatz. Auf der Baustelle wurden die Wagen aber auch mit Menschenkraft geschoben.

Hier wird ein Kapitell behauen. Während die Fassade aus Stein gebaut ist, ist besteht die Konstruktion der Ausstellunghalle und der riesigen Kuppel aus Eisen und Glas.

Die Metallteile wurden mit Hilfe von Nieten verbunden. Dafür waren spezielle Facharbeiter, die Riveteurs, zuständig.

An den beiden Ecken der Fassade wurden Statuen errichtet. Hier „Die über die Zwietracht triumphierende Harmonie“. „Man nennt sie ‚die Quadrigen‘, weil es von vier Pferden gezogene Wagen sind.“

Das Grand Palais war dem „Ruhm der französischen Kunst“ gewidmet. Zur Eröffnung wurden zwei große Ausstellungen präsentiert: Die Centennale, eine Retrospektive der französischen Kunst im 19. Jahrhundert, und die Décennale zur französischen Kunst des letzten Jahrzehnts.


Die nächste große Ausstellung war die Exposition internationale des Arts et techniques von 1937. Da gab es Pavillons verschiedener Länder, zum Beispiel die der UdSSR und Nazi-Deutschlands (von Albert Speer entworfen) zwischen Eiffelturm und Palais de Chaillot.

Im östlichen Flügel des Grand Palais wurde anlässlich dieser Ausstellung ein Wissenschaftsmuseum (Le palais de la découverte) eingerichtet.

Zur Ausschmückung des Museums erhielt der Maler Fernand Leger den Auftrag für ein monumentales Wandbild.

Sein Titel: Le Transport des forces. Es ging dabei um die Wasserkraft.

Als einziges der für die Ausstellung geschaffenen Werke Legers ist dieses Wandbild erhalten. Der Vergleich mit dem nachfolgend abgebildeten Original zeigt, wie exakt Nayal Zeaiter den Comic gestaltet hat.[6]

Im neuen Grand Palais soll das Bild Legers 2025 ausgestellt werden.
Das nächste große bewegte Kapitel des Grand Palais ist die Zeit der deutschen Besatzung.

„Die Deutschen hatten 1933 die Nazis gewählt. Sie hatten den Ersten Weltkrieg verloren, also beschlossen sie, einen zweiten anzufangen. …. Im Juni 1940 fällt Deutschland in Frankreich ein. Marschall Pétain wird Regierungschef und schließt am 22. Juni 1940 den Waffenstillstand mit den Deutschen“. (Na ja…. eine etwas problematische, auch inhaltlich nicht ganz korrekte Erläuterung… W.J.)

„Als sich die Deutschen in Paris niederließen, benötigten sie einen Platz, um ihre Lastwagen abzustellen. Also haben sie sie im Grand Palais abgestellt. … Das war praktisch“
„Seit Mai 1941 wurde das Grand Palais wieder wie früher genutzt … Es gab mehrere Ausstellungen unter der Leitung von Jacques de Lesdain, einem Geschäftsmann und Journalisten. … Vom 31. Mai bis zum 31. Oktober fand im Grand Palais die von Lesdain organisierte Ausstellung LA FRANCE EUROPÉENNE statt.“

In der Ausstellung wurde die Besetzung Frankreichs als Teil der Konstruktion Europas präsentiert: Gestern (hier: links) ein von Grenzen durchzogenes Europa, morgen (demain: rechts) ein Europa ohne Grenzen. „Lesdain nahm den Schengen-Raum vorweg, auch wenn sich das alles dann etwas anders als ursprünglich vorgesehen entwickelt hat“. (Glücklicherweise – möchte man da gerne hinzufügen).
Auch Reitturniere und Zirkusveranstaltungen fanden in der Besatzungszeit im Grand Palais statt. Und noch im August 1944, zwei Monate nach der Landung der Alliierten in der Normandie (!), wurde eine neue Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Marschalls Pétain eröffnet: L’âme des camps: Da sollten die Solidarität und Kreativität der französischen Kriegsgefangenen in den deutschen Kriegsgefangenenlagern (Stalags) veranschaulicht werden.

Kurz darauf begann die Befreiung von Paris.

Dabei schoss ein Polizist aus dem im Grand Palais installierten Polizeirevier auf vorbeikommende deutsche Soldaten.


Die gingen zum Gegenangriff über. Im Grand Palais brach ein Feuer aus, unter anderem genährt durch das Futter der Zirkustiere. Das Feuer konnte aber bald gelöscht werden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Avenue Franklin Roosevelt befindet sich übrigens heute der Sitz der Deutschen Botschaft, vor dem in Erinnerung an den Elysée-Vertrag von 1962 60 Jahre deutsch-französischer Freundschaft gefeiert werden…

Nach der Befreiung von Paris fand im Grand Palais eine erneute Ausstellung über französische Soldaten in Kriegsgefangenschaft statt. Diesmal allerdings mit anderer Tendenz: Es ging um das Leiden der gefangenen Franzosen und die Verbrechen der Deutschen.

Der Einfachheit halber wurden auch Stücke aus der vorherigen Ausstellung übernommen, zum Beispiel ein Wachturm. Auch „das war praktisch“.

Nach dem Krieg gab es viele Diskussionen über die Zukunft des Grand Palais. Der große Architekt Le Corbusier schlug sogar vor, einen Teil des alten Paris abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, darunter auch das Grand Palais.[7]

Dazu passt sehr schön das (auf dem Foto etwas verkürzt wiedergegebene) Comic-Schild: Périphérique intérieur mit dem Symbol der monuments historiques. Denn nach den Vorstellungen von Le Corbusier sollte eine Stadtautobahn – im Stil der Pariser Ringautobahn boulevard périphérique– das historische Zentrum von Paris durchschneiden… Mit dem Tod von Le Corbusier wurden diese Pläne aber glücklicherweise ad acta gelegt.

Unter de Gaulles Kulturminister André Malraux wurden im Grand Palais flexibel verwendbare Galerieräume für große Kunstaustellungen eingerichtet. Eröffnet wurden sie 1966 mit einer Picasso-Ausstellung, 1970 folgt eine weitere zu Matisse.

Während einer Antiquitätenmesse stürzte im Juni 1993 ein Niet der Glaskuppel zu Boden. Außer einem Nähkästchen waren keine Opfer zu beklagen, aber die Notwendigkeit einer Renovierung war unabweisbar. Erst 2005 konnte das Grand Palais wieder eröffnet werden, jetzt als Teil der Staatlichen Museen. (Réunion des Musées Nationaux).
Aber der Sanierungsbedarf war doch umfassender:

Ursachen waren große Lasten, die man unter der Kuppel aufgehangen hatte, der Brand von 1944 und das Eindringen von Regenwasser. Dazu kamen Probleme mit den Fundamenten: Es gab Bodenverschiebungen wegen der Nähe zur Seine und morsche Eichenpfähle.

Das Grand Palais musste erneut geschlossen werden. Ein provisorischer Ersatzbau. das Grand Palais Éphémère, wurde auf dem Champ de Mars zwischen Eiffelturm und Militärakademie (École Militaire) errichtet.

2024 wird ein Teil des Grand Palais für die Olympischen und Paralympischen Spiele wieder geöffnet werden.

Ein wesentliches Prinzip der Neugestaltung des Grand Palais wird die Öffnung der verschiedenen Bereiche sein, die von einem zentralen Platz aus für die Besucher zugänglich gemacht werden.

2025 wird dann das Grand Palais insgesamt wieder geöffnet werden. Es soll nach dem Konzept der Verantwortlichen nicht der Präsentation des kulturellen Erbes dienen, sondern ein lebendiger Ort von Ausstellungen sein. Im Mittelpunkt sollen nicht Werke und Wissen stehen, sondern die Öffentlichkeit. Man darf gespannt sein….

Die Quadriga an der place Clemenceau strahlt jedenfalls im Mai 2023 schon in neuem Glanz….
Anmerkungen:
[1] https://www.lefigaro.fr/culture/decouvrez-les-travaux-pharaoniques-du-grand-palais-a-mi-parcours-20220717 und https://www.culture.gouv.fr/en/Actualites/Grand-Palais-une-renovation-architecturale-et-museographique-majeure und https://www.paris2024.org/en/venue/grand-palais/
[2] https://paris-blog.org/2020/10/15/dessine-moi-notre-dame-male-mir-notre-dame-kinderzeichnungen-am-bauzaun/ Derzeit sind auch auf dem Bauzaun von Notre Dame Comics zu sehen, die die Arbeit der Restauratoren erläutern und veranschaulichen: https://blog.restauratoren.de/bauzaun-comics-in-paris/
[3] Siehe: Stefanie Middendorf, Modernitätsoffensiven, Identitätsbehauptungen.„Bandes dessinées“ und die Nationalisierung der Massenkultur in Frankreich. Zeithistorische Forschungen Heft 1/2012 https://zeithistorische-forschungen.de/1-2012/4601
[4] https://www.editions-comprendre.com/travail/histoires-de-france-nayel-zeaiter/
[5] https://swing-feminin.com/de/histoire-du-grand-palais-par-nayel-zeaiter-le-16-septembre-2021/
[6] Xavier-Philippe Guiochon, Fernand Leger: Le transport des forces (2021) https://www.cnap.fr/fernand-leger-le-transport-des-forces-fnac-2015-0477
[7] Siehe dazu auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/04/19/die-seineufer-in-paris-der-schwere-abschied-vom-alp-traum-einer-autogerechten-stadt/
