Das Revolutionsjahr 1793-1794 in Paris:  Eine Ausstellung im Musée Carnavalet, dem Museum der Pariser Stadtgeschichte (Oktober 2024 bis 16. Februar 2025)

Ausstellungsplakat im Innenhof des musée Carnavalet

Das Revolutionsjahr 1793/1794: Die Allianz von Tugend und Terror

Dass das musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, zum ersten Mal einem einzigen Revolutionsjahr eine Ausstellung widmet, hat gute Gründe: Das Jahr II des Revolutionskalenders (September 1793 bis September 1794), ist nach den Worten der Museumsdirektorin Valérie Guillaume das komplexeste der Revolution. In einer Phase größter wirtschaftlicher, sozialer, politischer und militärischer Probleme und Krisen etablierte sich damals in Paris die sogenannte Schreckensherrschaft der Jacobiner, la Terreur, wie sie im Nachhinein genannt wurde: Ein Ausnahmezustand mit unbegrenzter Anwendung revolutionärer Gewalt,  die aber nicht nur der Abwehr der Feinde dienen, sondern auch der Vernunft und der Tugend zum Sieg verhelfen sollte, wie Robespierre es in seiner Rede über die Prinzipien der politischen Moral vom 5. Februar 1794 formulierte.  Absicht der Ausstellungsmacher ist es, nicht nur diese gewalttätige Seite des Revolutionsjahres zu beleuchten, sondern auch die vielfältigen Neuerungen und Errungenschaften dieses Jahres. Dafür werden insgesamt etwa 250 Ausstellungsstücke meist aus den reichhaltigen eigenen Beständen des Museums präsentiert: Gemälde, Skulpturen, dekorative Kunstobjekte, historische Exponate und Objekte der Erinnerung, Tapeten, Plakate, Möbelstücke…. Dazu gibt es jeweils kurze Erläuterungen, aber auch auf einzelne Aspekte intensiver eingehende Videosequenzen. Insgesamt entsteht damit ein sehr anschauliches Bild dieses Pariser Revolutionsjahres.

Nachfolgend einige Eindrücke anhand ausgewählter Ausstellungsstücke.

Das Jahr des Terrors

Die Schreckensherrschaft des année II hat im kollektiven Bewusstsein von Franzosen ihren festen Platz und hat in Paris vielfache Spuren hinterlassen. Sie ist auch in der Ausstellung entsprechend präsent.

Es gibt dazu im musée Carnavalet ein höchst seltenes Ausstellungsstück, nämlich das Eisen einer Guillotine. Die Guillotine galt zwar einerseits als ein Produkt der Aufklärung, nicht nur weil die Todesstrafe, anders als Im Ancien Régime, schnell und ohne vorherige Qualen vollzogen wurde, sondern auch deshalb, weil mit ihrer Einführung verschiedene Methoden der Hinrichtung abgeschafft wurden, die vom Stand der Todeskandidaten abhängig waren: Adlige beispielsweise wurden nicht gehängt, sondern mit dem Schwert enthauptet, wobei allerdings die Geschicklichkeit und Kraft des Henkers eine wesentliche Rolle spielte. So galt die Guillotine bei ihrer Einführung als eine humane und egalitäre Methode zur Vollstreckung eines Todesurteils.  Mit der Ausnahmegesetzgebung vom 10. Juni 1794  allerdings wurde das Fallbeil zu einem Symbol eines willkürlichen „Terreur“, im Widerspruch zu den Idealen von 1789.

Pierre-Antoine Demachy, Eine Hinrichtung place de la Révolution (heute: Place de la Concorde). Um 1793 musée Carnavalet.[1] Foto: Wolf Jöckel

Das Bild zeigt, dass Hinrichtungen damals ein öffentliches Spektakel waren: Es gab ja auch etwas zu sehen: Der Todeskandidat, der auf einem Wagen herangefahren wird, der Weg hinauf auf das Gerüst, vielleicht konnte man auch die letzten Worte des Verurteilten hören und dann, wie Guillotine stolz verkündete: „Das Fallbeil saust hinab wie ein Blitz, der Kopf fliegt davon, das Blut spritzt, der Mensch ist nicht mehr“.[2] Es gab geradezu einen vor allem bei Frauen verbreiteten „Kult der heiligen Guillotine“ (culte de la Sainte guillotine): „Die Frauen bildeten in Paris die Mehrheit der Zuschauer bei den Hinrichtungen von Feinden des Volkes“.[3] Die starke Präsenz von Frauen ist auch auf dieser Abbildung unverkennbar.

Allerdings gab es dann doch Probleme mit den Hinrichtungen auf der place de la Révolution.  Die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. So wurde die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegt, und weil es auch dort Unmut der Anwohner gab, wurde sie letztlich auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Dort wurden die letzten 1306 Opfer des „terreur“ hingerichtet – nach willkürlichen Anklagen, die jeden treffen konnten, und kurzen Prozessen, in denen die Todesstrafe einziges „Strafmaß“ war. Die Opfer wurden in einem nahe gelegenen ehemaligen Kloster in Massengräbern verscharrt, dem heutigen cimetière de Picpus. Dort ist auch der Dichter André Chenier begraben, dessen Portrait in der Ausstellung zu sehen ist.

Joseph-Benoit Suvée, Portrait von André Chenier, gemalt im Gefängnis Saint-Lazare“ am 17. Juli 1794.  (Ausschnitt) Am 25. Juli, zwei Tage vor dem Sturz Robespierres,  wurde Chenier hingerichtet.

Chenier galt nach 1789 als Verkörperung des engagierten Schriftstellers. In einer Ode feierte er 1791 den Ballhausschwur (serment de jeu de paume), den Auftakt zur Französischen Revolution. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., die er verurteilte, geriet er dann in zunehmende Opposition zur revolutionären Entwicklung Frankreichs, was zu seiner Hinrichtung als  angeblicher „Volksfeind“ führte. Das Gemälde Suvées trug dazu bei, das Bild Cheniers als eines für seine politischen Überzeugungen sich opfernden Dichters zu verbreiten.

Grabmal Cheniers auf dem Friedhof de Picpus: „Er diente den Musen, liebte die Weisheit, starb für die Wahrheit“ Foto: Wolf Jöckel

Zur revolutionären Gewalt gehörte auch die systematische Zerstörung von Symbolen des Ancien Régime. In der Ausstellung werden dafür zwei Beispiele angeführt: die Zerstörung der Königsgräber in der der Basilika von Saint Denis und die der Königsfiguren an der Westfassade von Notre-Dame de Paris.

Hubert Robert, La Violation des caveaux des rois à la basilique de Saint-Denis en octobre 1793. Musée Carnavalet

Am 31. Juli 1793 wurde von der Rednertribüne des Nationalkonvents die völlige Zerstörung der „mausolées fastueux“ der französischen Könige in der Basilika von Saint-Denis gefordert. Ein entsprechender Beschluss folgte einen Tag später: „Die in der Kirche von Saint-Denis, in Tempeln und an anderen Stätten auf dem gesamten Gebiet der Republik errichteten Grabmäler und Mausoleen der vormaligen Könige sollen am kommenden 10. August zerstört werden.“ Diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Enthusiasmus aufgenommen, gewissermaßen als Fortsetzung dessen, was mit der Einnahme der Bastille am 14. Juli 1789 begonnen hatte. Dieser Begeisterung schloss sich sogar der Abbé Grégoire an, der als erster den Begriff des Vandalismus für die revolutionäre Zerstörung oder Beschädigung von Kunstwerken geprägt hatte.

Im August 1793 wurden dann 51 Gräber und Grabdenkmäler in der Kirche und der Krypta der Basilika von Saint-Denis zerstört und geplündert. Das Gemälde Hubert Roberts zeigt Arbeiter bei ihrem Werk der Zerstörung in der geöffneten Krypta der Basilika von Saint-Denis. Die Botschaft ist zweideutig: Sie kann als Kritik verstanden werden, aber auch als Versprechen einer neuen Welt, die auf den Ruinen des Ancien Régime entsteht.[4]

Die an der Westfassade von Notre Dame zerstörten Statuen stellten die Könige von Juda dar, die als die Vorfahren von Maria angesehen wurden. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.  Sie führten sich auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen.  Grund genug für die Revolutionäre, sie 1793 zu zerschlagen und als Baumaterial zu verkaufen. So verschwanden sie im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Aber 1977 kamen 21 Königsköpfe bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht. Sie sind heute im Pariser Mittelaltermusem ausgestellt. Einer der Köpfe wurde für die Ausstellung im Musée Carnavalet ausgeliehen.

Die Köpfe der Könige von Juda, aufgenommen im Pariser Mittelaltermuseum musée de Cluny anlässlich eines Konzerts mittelalterlicher Musik.

Ein besonderes Augenmerk lenkt die Ausstellung auf den Prozess und die Verurteilung Marie-Antoinettes, der letzten französischen Königin.

Pierre Bouillon, Prozess gegen Marie-Antoinette (Jugement de Marie-Antoinette) 1794 Musée Carnavalet. Foto: Wolf Jöckel

Auf dieser zeitgenössischen Abbildung wird sie gezeigt bei ihrer Verteidigung vor dem Revolutionstribunal. Links am Tisch sitzt Jacques-René Hébert, Herausgeber des Père Duchesme, des Kampfblatts der radikalen Jacobiner, hier als Substitut des Gemeindeanwalts;  daneben der Ankläger Fouquier-Tinville, der sich selbst als Axt der Revolution bezeichnete. Als Chefankläger des Revolutionstribunals war er an über 2000 Todesurteilen beteiligt.

Hébert hat gerade den ungeheuerlichen Vorwurf des Inzests Marie-Antoinettes mit ihrem 8-jährigen Sohn (dem ehemaligen Thronfolger) vorgebracht. Marie-Antoinette geht darauf zunächst nicht ein. Was dann geschieht, berichtet Stefan Zweig, gestützt auf zeitgenössisches Material, das er ausgiebig in der Pariser Bibliothèque Nationale studiert hatte:

»Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah dies, weil die Natur sich weigert, auf eine solche Beschuldigung gegen eine Mutter etwas zu erwidern. Ich wende mich an alle Mütter, die sich hier befinden mögen.«

Und tatsächlich, ein unterirdisches Brausen, eine starke Bewegung geht durch den Saal. Die Frauen aus dem Volk, die Arbeiterinnen, die Fischweiber, die Trikoteusen halten den Atem an, sie fühlen in geheimnisvoller Verbundenheit: man hat mit dieser einen Frau ihr ganzes Geschlecht beleidigt. Der Präsident schweigt, jener neugierige Geschworene senkt den Blick: der Akzent des schmerzlichen Zornes in der Stimme der verleumdeten Frau hat alle getroffen. Wortlos tritt Hébert von der Schranke zurück, nicht eben stolz auf seine Leistung. Alle spüren, und vielleicht er selbst, seine Anschuldigung hat der Königin gerade in schwerster Stunde zu einem großen moralischen Triumph verholfen. Was sie erniedrigen sollte, hat sie erhöht.“ [5]

Dass Bouillon gerade diese Szene für seine Darstellung ausgewählt hat, zeigt, wie umstritten dieser Prozess war.

Das belegt auch dieses Ausstellungsstück: Teil eines Gürtels, den Marie-Antoinette am ersten Tag ihres Prozesses vor dem Revolutionstribunal getragen haben soll. Solche echten oder nachträglich hergestellten Gegenstände, die der letzten Königin Frankreichs gehört haben (sollen), wurden schließlich wie Reliquien verehrt…

Natalia Kolesnikova / AFP [6]

Bis heute erhitzt das Schicksal Marie-Antoinettes französische Gemüter in höchstem Maße: Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele war ihr eine der szenischen Darstellungen entlang der Seine gewidmet: An der mittelalterlichen Conciergerie, die in der Französischen Revolution als Gefängnis diente und in der auch Marie-Antoinette in den letzten Tagen vor ihrer Hinrichtung gefangen gehalten war.

An der Fassade der Conciergerie erschien eine rot gekleidete Frau, die -wie der Stadtheilige Saint-Denis-  ihren Kopf in den Händen trug. Gepudert und mit exzentrischer Frisur war damit ganz offensichtlich Marie-Antoinette gemeint. Und die sang dann das „Ça ira“ der Sansculotten, das Revolutionslied, in dem den Aristokraten angekündigt wird, sie an den Laternen aufzuhängen.[7]

Dazu der Historiker Emmanuel de Waresquiel, der ein Buch über den Prozess der Marie-Antoinette und kürzlich ein weiteres über die Mythen der Französischen Revolution geschrieben hat:

„Wenn auch die Eröffnungszeremonie in vielerlei Hinsicht poetisch war, widersprach diese Episode der Botschaft der Olympischen Spiele, die die Frauen, die Brüderlichkeit und die universelle Eintracht herausstellen wollten. Man sieht daran, dass die Revolution in unserer Vorstellungswelt immer noch einen zentralen Platz einnimmt.“ [8]

Errungenschaften/Neuerungen des Revolutionsjahres 1793-1794

Den Verantwortlichen für die Eröffnungsfeier wurde oft vorgeworfen, dass durch dieses Bild die Revolution auf den Terreur reduziert worden sei.[9] Der aktuellen Ausstellung im musée Carnevalet kann man diesen Vorwurf freilich nicht machen. Denn den Verantwortlichen kam es darauf an, nicht nur die Schrecken der Justiz, der Gefängnisse und der Hinrichtungen zu zeigen, sondern  auch die großen Veränderungen, die es in dieser Zeit gab: „Diese Periode  erneuert oder gründet Schulen und Museen, schafft den Begriff des Kulturerbes, proklamiert zum ersten Mal die Abschaffung der Sklaverei und etabliert Strukturen der sozialen Unterstützung.“[10]  Dazu kommt gerade in Paris, dass die von der Revolution proklamierte Freiheit des Staatsbürgers auf vielfältige Weise erprobt wird: Durch eine weit verbreitete und rezipierte Presse, durch ein  breites politisches Engagement, auch von Frauen. Und trotz aller Not, trotz äußerer Bedrohung und Unruhen und Aufständen im Innern geht das tägliche Leben in Paris weiter, und es wird sogar gefeiert…

Hier einige Beispiele:

Frauenemanzipation

Möglich war für Frauen neben einer im offiziell bestimmten republikanischen Rahmen bleibenden politischen Betätigung auch eine Arbeit als Künstlerin. Die zentrale Rolle als Mutter durfte dabei aber nicht vernachlässigt werden…

Marie-Nicole Vestier, citoyenne Dumont, L’auteur à ses occupations. (Die Malerin bei ihren Beschäftigungen) 1793. Musée de la Révolution française, Domaine de Vizille

Es gab auch einige wenige Frauen, die -wenn auch nicht unangefochten- am wichtigen Salon de peinture dieses Revolutionsjahres teilnehmen durften. Dazu gehörte auch Jeanne-Louise, genannt Nanine, Vallain. Ihr bekanntestes Werk ist eine Allegorie der Freiheit, ein für diese Zeit charakteristisches Werk, das auch für das Plakat der Ausstellung verwendet wurde. Es soll deshalb nachfolgend etwas genauer betrachtet werden. [11]

Es handelt sich um eine geradezu idealtypische Darstellung der Freiheit: Die in antike Gewänder gekleidete Frauenfigur hält in der Hand eine Pike – die übliche Waffe der Sansculotten. Auf der Pike ist aber nicht -wie öfters in diesen Zeiten- der Kopf eines politischen Gegners aufgespießt, sondern eine Jacobinermütze, die aus der Antike übernommene phrygischen Mütze. Als so genannte Freiheitsmütze wurde sie in der politischen Ikonographie Frankreichs und ganz Europas zum Kennzeichen republikanischer Gesinnung. In der rechten Hand hält sie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, ausgerollt über einem Liktorenbündel: Es handelt sich um ein  zusammengschnürtes Bündel von Stäben mit einem Beil in seiner Mitte.  Im antiken Rom Zeichen der für die Durchsetzung des Rechts zuständigen Liktoren, in der Französischen Revolution Symbol Emblem der französischen Bürger, die die Freiheit verteidigen und  seit dem Sturz der Monarchie Emblem der Republik. Unter dem Fuß der Freiheit Relikte des Ancien Régime: Zerbrochene Ketten und eine auf den Boden geworfene umgestürzte Krone. In den behauenen Stein, auf dem die Figur der Freiheit sitzt, sind -auf der Abbildung nicht zu erkennen- zwei Daten eingraviert: 14. Juli (das Datum des Bastillesturms 1789, der als Beginn der Französischen Revolution gilt) und 10. August (das Datum des Tuileriensturms 1792, der die radikale Phase der Revolution einleitete). Links eine Urne mit der Aufschrift A nos frères morts pour elle: Unseren für die Freiheit gestorbenen Brüdern. An seiner Basis wächst Efeu, ein Zeichen der Treue, und darüber ein Lorbeerbusch, aus dessen Zweigen die Kränze für die Märtyrer der Revolution geflochten werden. Die Pyramide ist ein Symbol eines säkularen geschichtlichen Prozesses, der zu einer -noch nicht abgeschlossenen- weltweiten Verbreitung der Freiheit führen wird.

Dieses Gemälde hing im Versammlungsraum der Jacobiner, bis es nach deren Sturz vom Staat requiriert wurde. Die Jacobiner waren bestrebt, anstelle des Christentums einen Kult der Freiheit zu etablieren: Am 10. November 1793 fand in der ehemaligen Kathedrale Notre-Dame eine Zeremonie statt, während der die Hymne gesungen wurde, die Joseph-Marie Chenier, der Bruder des Dichters André Chenier,  der Freiheit gewidmet hatte. « Toi, sainte Liberté, viens habiter ce temple, sois la déesse des Français ». (Du, heilige Freiheit, ziehe in diesen Tempel ein, sei die Göttin der Franzosen).
Allerdings wurde nach dem Sturz der Monarchie die Kult der Freiheit mehr und mehr ersetzt von dem der Republik in Gestalt der Marianne, die aber ihr Aussehen und ihre Attribute von der Allegorie der Freiheit übernahm

Vallains La Liberté ist eines der wenigen Freiheits-Bilder, das von einer Frau gemalt wurde und das dazu eine außerordentliche Anerkennung erfuhr.

Frauen waren allerdings in den Zeiten der Revolution nicht nur auf künstlerische Aktivitäten beschränkt, sondern sie konnten sich –  in begrenztem Maße auch noch in Zeiten des Terreur- politisch betätigen.

Jean-Baptiste Lesueur; Club patriotique des femmes,  Musée Carnavalet [12]

In diesem Verein patriotischer Frauen, der sich zweimal wöchentlich trifft, wird, so die Erläuterung des Zeichners, die Arbeit der Convention (Debatten, Gesetze) zustimmend oder kritisch erörtert. Außerdem werde Geld für bedürftige patriotische Familien gesammelt. Allerdings wurden die politischen Frauen-Vereinigungen am 30. Oktober 1793 von den jacobinischen Machthabern verboten.[13]

Und zu weit durfte das politische Engagement von Frauen sowieso nicht gehen. Das musste Olympe de Gouges erfahren, die am 14. September 1791 in ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (Déclaration des droits de la femme et des citoyennes) die Gleichstellung von Mann und Frau gefordert hatte – gewidmet Marie-Antoinette, damals noch Königin Frankreichs …

„Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten, auf die Rednertribüne zu steigen.“

Am 3. November 1793 wurde die mutige Vordenkerin der Rechte der Frau von den jakobinischen Machthabern guillotiniert – sie habe vergessen, was sich für ihr Geschlecht ziemt, hieß es. Einen entsprechenden Anklagepunkt gab es kurz zuvor auch schon im Prozess gegen Marie-Antoinette. Nach ihr war Olympe de Gouges die zweite Frau, die auf dem Schafott endete.

                       Titelblatt des Protokolls der Hinrichtung von Olympe de Gouges

2014 hatte der damalige Präsident François Hollande vorgeschlagen, Olympe de Gouges ins Pantheon aufzunehmen und damit die ihr zukommende Würdigung zukommen zu lassen- bisher allerdings ohne Konsequenzen… [14]

4. Februar 1794: Die Abschaffung der Sklaverei

Vor ihrem Kampf für die Rechte der Frauen setzte sich Olympe de Gouges als Schritstellerin und Frau für die Abschaffung der Sklaverei ein.  1784 schrieb sie das erste französische Theaterstück, das die Sklaverei thematisierte,  1787 veröffentlichte sie ihre  Réflexions sur les hommes nègres.[15] Politische Konsequenzen hatte dieses Engagement allerdings nicht. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1791 galt nicht für die Ureinwohner der Kolonien. Erst Aufstände in Guadeloupe und Santo-Domingo führten zu einer Wende. Am 29. August 1793 wurde die Sklaverei in Santo Domingo abgeschafft, das drei Abgeordnete in den Konvent entsandte. Einer davon war der schwarze Jacobiner Jean-Baptiste Belley.[16]

Am 4. Februar 1794 verkündete schließlich der Konvent, dass „die Sklaverei in allen Kolonien abgeschafft“ werde und dass alle Bewohner der Kolonien, unabhängig von ihrer Hautfarbe französische Bürger mit allen Rechten seien. Allerdings wurde dieses Dekret nur in Guadeloupe und Guyana umgesetzt, bevor es 1802 unter Napoleon wieder außer Kraft gesetzt wurde… Belley, inzwischen Chef einer Brigade der Nationalgarde,  wurde 1802 auf Veranlassung Bonapartes gefangen genommen und in die Festung von Belle-Île in der Bretagne deportiert, wo er 1805 starb.[17] 

Charles Thévenin, L’Abolition de l’esclavage proclamée à la Convention, le 16 pluviôse an II (4. Februar 1794 (musée Carnavalet)

Diese zeitgenössische Abbildung der Abstimmung ist, so die beigefügte Informationstafel, eine ideologische Version des Geschehens: „Die von Thévenin gezeichnete Szene spielt sich im Konvent ab. Der Künstler betont die Freude der Zuschauer. Zahlreiche farbige Bürger sind da, die den Weißen ihre Damnkbarkeit ausdrücken. Die Wahrheit ist aber eine ganz andere: Wenn auch die Abstimmung tatsächlich stattfand, so bestätigt sie nur nachträglich die von den Sklaven selbst erkämpfte Beseitigung der Sklaverei. Die Zeichnung hat also keinen dokumentarischen Charakter, sondern ist eher eine die Rolle des Mutterlandes beschönigende Allegorie.“

Pressefreiheit

                                          Anonym: Die Freiheit der Presse. 1792/1794

Die Pressefreiheit in Frankreich ist eine zentrale Errungenschaft der Revolution. 1790 gab es nicht weniger als 335 Zeitungstitel in Paris! 1793 sind es immerhin noch 113, von denen einige erheblichen politischen Einfluss ausüben. So der Ami du peuple (Volksfreund) Marats oder der Père Duchesne von Jacque-René Hébert.[18]

Frontseite der Nr. 25  des Père Duchesne: Die Empörung des Père Duchesne gegen die Unauflöslichkeit der Ehe und sein Gesetzesvorstoß für die Scheidung.“

Die reichsten Presseorgane leisten sich Ausrufer.  Der radikale Père Duchesne  beispielsweise wurde auf der Straße mit dem Satz « Il est bougrement en colère aujourd’hui le père Duchesne! » (Er hat heute wieder eine Scheißwut, der Père Duchesne!) ausgerufen.

Standardisierung der Maße und Gewichte

Eine wichtige Errungenschaft aus der Zeit der Convention war die Vereinheitlichung der Maße und Gewichte. Am 26. März 1791 wurde die Maßeinheit des Meters von der Académie des sciences wissenschaftlich exakt festgelegt. Mit dem Gesetz vom 1. August 1794 wurde die Einführung des neuen Messsystems in ganz Frankreich beschlossen. Bis zum 1. Juli 1794 gab es eine Übergangsfrist für die Anwendung der neuen am Dezimalsystem orientierten Maße und Gewichte. Damit wurde dem bisherigen Chaos verschiedener Maßeinheiten ein Ende bereitet. Vor der Einführung des Meters gab es in Frankreich 70 verschiedene Maßeinheiten!

Das in den Archives nationales aufbewahrte Urmeter

Auf Anordnung der Convention nationale wurden an 17 Stellen in Paris Urmeter (mètre étalon) installiert. Zwei davon gibt es noch, eines gegenüber dem Palais du Luxembourg, das andere am Justizministerium Place Vendôme.

Das Urmeter in der Rue Vaugirard, gegenüber dem Palais du Luxembourg, dem Sitz des Senats, befindet sich noch am ursprünglichen Platz.[19]

Eine Schachtel mit den neu geschaffenen, ebenfalls am Dezimalsystem orientierten Gewichten. Solche im Allgemeinen aus Messing gefertigten Muster des „kilogramme divisé“ dienten dazu, die Bevölkerung mit den neuen Maßeinheiten vertraut zu machen.

1801 absolvierte der badische Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla einen Studienaufenthalt an der neu gegründeten École Polytechnique in Paris. Dabei lernte er die neuen Maßeinheiten kennen. Er war davon so beeindruckt, dass er nach seiner Rückkehr sich für die Einführung entsprechender einheitlicher Maße im neu geschaffenen Großherzogtum Baden einsetzte. Die erfolgte im Jahr 1810. Aber erst 1872, nach der Reichsgründung, wurden in ganz Deutschland vereinheitlichte am Dezimalsystem orientierte Maßeinheiten eingeführt.

Der republikanische Kalender

Philibert Louis Debucourt, Illustration zum „republikanischen Kalender“ im Sitzungssaal des Nationalkonvents, 1793 (Musée Carnavalet)

!794 führte der Nationalkonvent auch einen neuen „republikanischen“ Kalender ein. Die neue Zeitrechnung, also das Jahr I, begann am 22. September 1792, dem Ende der Monarchie. Es blieb bei 12 Monaten, die allerdings neue Namen erhielten. Der Wochenrhythmus wurde an das Dezimalsystem angepasst: Eine revolutionäre Woche bestand danach aus 10 Tagen, von denen einer arbeitsfrei war. Insgesamt gab es jetzt nur noch 41 freie Tage – 36 Sonntage und 5 republikanische Feiertage. Vor 1789 soll es noch 130 freie Tage gegeben haben… [20]

Die allgemeine Schulpflicht

Eine wesentliche Rolle bei der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht in Frankreich hat Condorcet gespielt, der 1792 dem Parlament Grundzüge eines öffentlichen Schulsystems von der Grundschule (école primaire) bis zur wissenschaftlichen Ausbildung präsentierte.[21] Nach zahlreichen Diskussionen und Entwürfen wurde schließlich am 19. Dezember 1793 das Dekret Bouquier beschlossen, das die organisatorischen Rahmenbedingungen der Grundschule festlegte[22]:

  • Mindestens dreijährigen Schulpflicht für Kinder ab dem 6. Lebensjahr
  • Kostenloser Schulbesuch
  • Unterricht durch Grundschullehrer (instituteur, institutrice)
  • Staatliche Besoldung der Lehrkräfte je nach Anzahl der Schüler und nach Geschlecht der Lehrkräfte (männliche Lehrkräfte besser bezahlt als weibliche)
  • Eine Lehrerausbildung war nicht vorgesehen, aber ein Zeugnis republikanischer Gesinnung
  • Inhalte sollten Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen sein, dazu eine moralische Erziehung zur Stärkung des republikanischen Patriotismus. Dieses Ziel hatte angesichts äußerer Bedrohung und innerer Aufstände besondere Bedeutung, was auch die nachfolgende Abbildung illustriert.

Jean-Baptiste Lesueur, Le Serment des enfants. Zwischen 1790 und 1793

Dazu die Erläuterung Lesueurs: „Ein Soldat nimmt in seiner Eigenschaft als Grundschullehrer (instituteur militaire) seinen Schülern den Eid ab, die Feinde Frankreichs zu bekämpfen, wenn sie dafür alt genug sind.“[23]

Louvre: Das erste öffentliche Museum Frankreichs

Hubert Robert, Projet d’aménagement de la Grande Galerie du Louvre. 1796. (Collection musée du Louvre)

Schon vor der Revolution gab es Bestrebungen, ein öffentliches Museum für die Pariser zu schaffen. Ausgerechnet in der Zeit des Terreur kam es dann dazu: Am 10. August 1793 öffnete das Louvre, bis dahin königlicher Palast, seine Pforten mit einer Ausstellung von 537 Gemälden, die überwiegend aus den königlichen Sammlungen und dazu aus beschlagnahmten Werken der Kirche und von Emigranten bestand. Allerdings wurde das Museum 1796 wieder geschlossen, weil das Louvre in seinem damaligen Zustand für Ausstellungszwecke nicht hinreichend geeignet war. Der Maler Hubert Robert stellte auf diesem und anderen Gemälden, wie die Große Galerie des Louvre als Gemäldegalerie einmal aussehen könnte. Entscheidende Neuerung ist dabei die Öffnung der Decke, so dass natürliches Licht die Galerie erhellt.[24]  1801 wurde das Louvre dann dauerhaft als Museum eröffnet, dann als Musée Napoléon. In dem Beaux Arts-Heft zur Ausstellung wird dazu lakonisch bemerkt: „Unter der Leitung von Vivant-Denon, der das Vertrauen Napoleons besaß, hat sich der Umfang der Sammlung ganz erheblich erweitert.“[25]  Ergänzt sei aber, dass diese erstaunliche und gewissermaße selbsttätige Erweiterung der Sammlung auf Raubkunst beruhte, die Vivant Denon in den von Napoleon eroberten Gebieten erbeutet hatte. Glanzvolle 1806/1807 wurden die in Deutschland konfiszierten Kunstwerke in einer glanzvollen Ausstellung im Louvre präsentiert.

Nicht nur Zerstörung: Der Schutz des kulturellen Erbes

Jean Lubin Vauzelle, La Salle d’introduction du musée des Monuments français. 1804 musée Carnavalet[26]

Von dem revolutionären Vandalismus war schon im Zusammenhang mit der Basilika von Saint-Denis und Notre-Dame de Paris die Rede. Allerdings wurden nicht alle Grabdenkmäler von Saint-Denis zerstärt. Es war Alexandre Lenoir, dem Vorsitzenden der Commission des arts, zu verdanken, dass zahlreiche Kunstwerke gerettet wurden. Er lagerte sie im Couvent des Petits-Augustins ein und schuf dort das Musée des Monuments français, das 1795 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Heute ist dort die École des beaux-arts beheimatet.

Die Köpfe fallen, die Not ist groß, aber das Leben geht weiter…

Die wirtschaftliche Lage in Frankreich und vor allem die der Menschen in Paris war im Revolutionsjahr 1793/94 äußerst schwierig. Dafür gab es vielfältige Gründe:  Der Krieg, 14 zur Grenzverteidigung aufgebotene Armeen, also mehr als eine Million Soldaten, die ernährt werden mussten; dazu die Blockade, die Einfuhren von Nahrungsmitteln erschwerte, schlechte  Ernten und nicht zuletzt das fehlende Zutrauen von Bauern und Händlern in das eingeführte Papiergeld, die sogenannten Assignate, die schließlich 99% ihres deklarierten Wertes verloren hatten.

Die herrschenden Jacobiner versuchten gegenzusteuern: Mit dem „Großen Maximum“ oder Maximum général vom 29. September 1793 wurden Höchstpreise für Güter des täglichen Bedarfs (z. B. Brot, das damalige Hauptnahrungsmittel, Öl, Textilstoffe, Kerzen und Feuerholz) festgelegt. Außerdem wurde Ende des Jahres 1793 in ganz Frankreich das sogenannte „pain d’Égalité“ eingeführt, das alllerdings von minderwertiger Qualität war.

Aber trotz großer Not: Das tägliche Leben ging weiter, es wurde auch gefeiert, gesungen und getrunken.

Jean-Baptiste Lesueur, Eine Familie auf dem Weg zur Guinguette. Um 1794 (musée Carnavalet)

Auch in Zeiten großer politischer Umbrüche und wirtschaftlicher Not blieb das französische Savoir-vivre also nicht ganz auf der Strecke, wie die beiden hier abgebildeten Zeichnungen Jean-Baptiste Lesueurs zeigen.

Jean-Baptiste Lesueur, Republikanische Mahlzeit in Paris, 1794. Musée Carnavalet

Auch Cafés hatten weiter Konjunktur und Theater wurde weiter gespielt, auch wenn es Versuche der Zensur durch die Pariser Stadtverwaltung (Commune) gab oder das Madame bzw. Monsieur –auch in klassischen Stücken-  durch das revolutionäre citoyen bzw. citoyenne ersetzt werden musste.[27]

Claude-Louis Desrais, Mode du jour no 5 : le sérail en boutique (Musée Carnavalet)[28]

Und der Garten des Palais- Royal, 1792 revolutionär umbenannt in Palais-Égalité, blieb, wie zu Zeiten des Ancien Régime, ein Garten der Lüste, ein riesiges Bordell unter freiem Himmel mit bis zu 2000 „filles du plaisir“.

Republikanische Feste: Das Fest der Einheit und Unteilbarkeit vom 10. August 1793 und das Fest des Höchsten Wesens vom 10. Juni 1794
Gefeiert wurde natürlich auch, allerdings republikanisch eingehegt: Der populäre Karneval wurde 1790 sicherheitshalber verboten. Veranstaltet wurden dagegen „revolutionäre Feste“- die sich auf Rousseaus Utopie eines Festes beriefen, bei dem Zuschauer zu Akteuren würden, die Trennung zwischen Handelnden und Betrachtenden, zwischen den vous und den nous, also aufgehoben sei: Ausdruck gesellschaftlicher Einheit und Harmonie.[29]

Pierre-Antoine Demachy, La Fête de l’Unité et de la Réunion sur la place de la Révolution. 1793 Musée Carnavalet

Dieses Fest erinnert an das ein Jahr zuvor vollzogene Ende der Monarchie. Zentrales Element dieses Festes ist die Verbrennung von königlichen Emblemen: Es sind vor allem Einrichtungsgegenstände, die vom Volk auf Karren herangefahren werden: Es hat damit, dem Idealbild einer revolutionären  Feier entsprechend, eine aktive Rolle im Geschehen übernommen. Ort des Geschehens ist der Revolutionsplatz (place de la Révolution), vormals place Louis XV, nach dem Ende der Jacobinerherrschaft und bis heute Place de la Concorde. Die königlichen Möbel stammen aus dem Hôtel de la Marine, auf dem Bild Demachys Mitte/halbrechts in seiner ganzen Pracht zu sehen. Das  war der Sitz des für die Möblierung der königlichen Schlösser zuständigen Garde Meuble de la Couronne: Dort lagerte hinlänglich königliches Brennmaterial für das Feuer. Links im Bild die Statue der Liberté, die das zerstörte Standbild von Ludwig XV. ersetzte.  

Demachy stellt einen Augenblick der Freude und des Friedens dar, auch symbolisiert durch die bei der Freiheitsstatue auffliegenden weißen Tauben. Aber verdunkelt wird die Szene durch Schwaden dunklen Rauchs…

Wenige Wochen vor seinem Sturz veranlasste Robespierre in Paris ein spektakuläres Fest zu Ehren des Höchsten Wesens. Die in der Revolution vollzogene radikale Dechristianisierung durfte seiner Meinung nach nicht zum Atheismus führen. Die Anerkennung des Grand Être bzw. Être Suprême, in der aufklärerischen Tradition Schöpfer des Universums, sollte Bindeglied einer neuen Gesellschaft sein. Schon die Präambel der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 hatte sich auf ein „höchstes Wesen“ bezogen. Auf Robespierres Betreiben wurde am 7. Mai 1794  per Dekret der Kult des Höchsten Wesens verbindlich eingeführt und als Feier in die Reihe der nationalen Feste aufgenommen. Mit dem von Jacques Louis David geplanten Fest vom 8. Juni wurde der neue Kult in Paris von Robespierre höchstpersönlich feierlich eingeweiht.

Vue du jardin national et des décorations, le jour de la fête célébrée en l’honneur de l’être suprême (20 prairial an II = 8. Juni 1794) Museum Schloss Versailles [30]

Das Zentrum der Farblithografie bildet die Statue der Weisheit (sagesse) – sie ist umgeben von einer Rauchwolke, Reste eines pyrotechnischen Spektakels, in dessen Verlauf eine leicht entzündliche Statue des Atheismus verbrannte und darunter die von den Strahlen des Himmels erleuchtete Weisheit sichtbar wurde. Rechts die Tribüne für die Abgeordneten des Nationalkonvents. Die dominierenden Farben der Lithografie sind die Nationalfarben blau, weiß und rot.  

Der zweite Teil des Festes fand dann auf dem Marsfeld vor der Kulisse der École militaire statt.  Pierre-Antoine Demachy hat das Ereignis auf einem Ölgemälde festgehalten. [31]

Pierre-Antoine Demachy, Fête de l’Etre suprême au Champ de Mars (20 prairial an II – 8. Juni 1794). 1794, Musée Carnavalet

 Auf einem dort aufgeschütteten Hügel, einem „heiligen Berg“ (montagne sacré)  war ein Freiheitsbaum errichtet, Symbol der Einheit und der allgemeinen revolutionären Gesinnung. Daneben eine römische Säule mit einer fackeltragenden Statue. Insgesamt auch hier eine von David, dem Zeremonienmeister Robespierres, minutiös geplante Veranstaltung, die die Zuschauer, hier allerdings wieder auf eine passive Rolle beschränkt, in ihren Bann ziehen und in ihrer revolutionären Gesinnung bestärken sollte.

Dieses Fest war ein Höhepunkt der letztlich gescheiterten Versuche, nach dem Sturz der Monarchie und dem Kampf gegen das Christentum einen alternativen revolutionären Kult zu etablieren. Schon bald nach dem Fest des höchsten Wesens wurde Robespierre gestürzt und seinerseits guillotiniert: Die Revolution frisst, das bestätigte sich auch hier, ihre Kinder.  Mit dem Ende Robespierres endete nicht nur die jacobinische Schreckensherrschaft, sondern auch eine zentrale Phase der Französischen Revolution, die eindrucksvoll in der Ausstellung im musée Carneavalet anschaulich gemacht wird.

MUSÉE CARNAVALET
Vom 16. Oktober 2024 bis zum 16. Februar 2025
23 rue de Sévigné, 75003 – M° SaintPaul (1)
Von Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr Montags geschlossen
Eintritt: 13 € Freier Eintritt für Jugendliche bis 18 Jahre


Anmerkungen:

[1] Siehe zu diesem Bild auch: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/une-execution-capitale-place-de-la-revolution

[2] Zit. in; Éditions Beaux Arts, Paris 1793/1794. Une année révolutionnaire. Musée Carnavalet- Histoire de Paris. 2024

[3]  Jacques Guilhaumou, Martine Lapied,  L’action politique des femmes pendant la Révolution française  https://shs.hal.science/halshs-00494461/document#:~:text=Elles%20se%20veulent%20citoyennes%20%C3%A0,interdits%20le%2030%20octobre%201793. S. 25

[4] https://histoire-image.org/etudes/vandalisme-revolutionnaire

[5] https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/marieant/chap043.html

[6] Bild aus Marianne  13.8.2024

[7] https://www.youtube.com/watch?v=cJowjYixfEs Dieser Aufzeichnung ist auch die Abbildung entnommen.

[8] Emmanuel de Waresquiel: „La Révolution nous a légué und culture politique de l’affrontement“. In Le Monde, 24. September 2024.

Emmanuel de Waresquiel, Juger la reine. 14,15,16 octobre 1793. Paris: Tallandier 2016

[9] Z.B. Loris Chavanette, Avec l’image de Marie-Antoinette décapitée, la cérémonie d’ouverture des JO a réduit la Révolution à la Terreur. In: Le Figaro 29. Juli 2024

[10] Interview mit Valérie Guillaume, Direktorin des musée Carnavalet. In: Beaux Arts, Paris 1793-1794, S. 4

[11] In der nachfolgenden Passage beziehe ich mich im Wesentlichen auf:  Mehdi Korchane, La Liberté  (2008) https://histoire-image.org/etudes/liberte

[12] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Lesueur_-_Club_Patriotique_de_Femmes.jpg

[13] Jacques Guilhaumou, Martine Lapied,   L’action politique des femmes pendant la Révolution française. 14. Mai 2020  https://shs.hal.science/halshs-00494461/document#:~:text=Elles%20se%20veulent%20citoyennes%20%C3%A0,interdits%20le%2030%20octobre%201793.

[14] Siehe: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[15] Siehe zum Beispiel: https://www.theatre-odeon.eu/fr/decembre-1789-olympe-de-gouges-impose-la-question-de-lesclavage-au-theatre-de-la-nation

[16] Bild aus: https://www.dailyartmagazine.com/jean-baptiste-belley-french-black-deputy/

[17] https://histoire-image.org/etudes/jean-baptiste-belley-depute-saint-domingue-convention

[18] https://gallica.bnf.fr/essentiels/repere/liberte-presse-revolution

[19] https://www.pariszigzag.fr/insolite/lieux-insolites/savez-vous-a-quoi-servait-cet-etalon-original-rue-de-vaugirard#google_vignette

[20] https://fr.wikipedia.org/wiki/P%C3%A9riode_1790-1798_du_Carnaval_de_Paris#:~:text=Le%20Carnaval%20de%20Paris%20est%20interdit%20en%201790%20pour%20des,suivi%20d’un%20jour%20ch%C3%B4m%C3%A9.

[21]  Rapport et projet de décret relatifs à l’organisation générale de l’instruction publique

Présentation à l’Assemblée législative : 20 et 21 avril 1792   https://www.assemblee-nationale.fr/histoire/7ed.asp

[22] Siehe René Grevet,  L’avènement de l’école contemporaine en France. Kapitel 2, S. 59ff:  Le temps des lois scolaires (1793-1815 https://books.openedition.org/septentrion/51810 

[23] Beaux Arts, Paris 1793-1794, S. 29

[24] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hubert_Robert_-  _Projet_d%27am%C3%A9nagement_de_la_Grande_Galerie_du_Louvre_%281796%29.JPG

Ein Museum mit Oberlichtsälen wurde schon Mitte des 18. Jahrhundert in Kassel gebaut. Es gehörte zu den deutschen Museen, in denen sich Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, reichlich bediente.

[25] Beaux Arts, Paris 1793-1794, S. 38

[26] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/la-salle-d-introduction-du-musee-des-monuments-francais#infos-principales

[27] Siehe: Bruno Fuligni et al: Se distraire malgré tout: Les têtes tombent, mais la fête fontinue

[28] Siehe dazu: Catherine Authier, Les marchandes d’amour du Palais-Royal (2016)

Date de publication : Janvier 2016 https://histoire-image.org/etudes/marchandes-amour-palais-royal

[29] Rousseau, Lettre à d’Alembert sur les spectacles. Siehe dazu: Guillaume Mazeau, La Révolution, les fêtes et leurs images. Spectacles publics et représentation politique (Paris, 1789-1799) https://journals.openedition.org/imagesrevues/4390

Jacques Guilhaumou, Nous, vous, tous: La fête de l’union du 10 août 1793. https://www.persee.fr/doc/mots_0243-6450_1985_num_10_1_1186

und Mona Ozouf, La fête révolutionnaire, Paris, Gallimard, 1976.

[30]Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Kult_des_h%C3%B6chsten_Wesens#:~:text=%E2%80%9C)%20Am%208.,zentrale%20Rolle%20in%20diesem%20Ereignis. Dazu: Luce-Marie ALBIGÈS, « La Fête de l’Etre suprême, 20 prairial an II (8 juin 1794) », Histoire par l’image  https://histoire-image.org/etudes/fete-etre-supreme-20-prairial-ii-8-juin-1794

[31] Charlotte DENOËL, « Fête de l’Etre suprême au Champ de Mars (20 prairial an II – 8 juin 1794) », Histoire par l’image  https://histoire-image.org/etudes/fete-etre-supreme-champ-mars-20-prairial-ii-8-juin-1794

Wohnen, wo einmal die Guillotine stand: La Grande et la Petite Roquette

In diesem Beitrag geht es um die Geschichte unseres Viertels, das nach der Straße benannt ist, die es durchquert, der Rue de la Roquette. Und diesen Namen trugen auch die großen Gefängnisse, die hier einmal standen. In ihnen spiegeln sich 100 Jahre französischer Geschichte, spektakuläre Hinrichtungen wurden hier vollzogen, an die heute noch die  Fundamente der Guillotine erinnern….  

Der Eingang unserer neuen Wohnung liegt in der Rue Maillard.  Namensgeber der Straße, in der unsere frühere Wohnung lag, war der französische General Chancy aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871. Der Name Rue Maillard weckt dagegen angenehmere Assoziationen: Gleich nach Verbreitung unserer neuen Adresse wurden wir auf Louis Camille Maillard aufmerksam gemacht, den Entdecker der nach ihm benannten chemischen Reaktion, die u.a. dafür sorgt, dass ein Braten bei entsprechender Zubereitung eine leckere Bräunung und ein geschmackvolles Aroma erhält. Also Bratenduft statt Pulverdampf.

Allerdings kommen dann doch noch weniger angenehme Assoziationen hinzu, wenn man sich etwas  näher mit unserem  neuen Viertel beschäftigt: Nämlich der Knall des Fallbeils, der Guillotine, die hier einmal stand. Darauf wird man hingewiesen, wenn man von der Rue de la Roquette in die Rue du Croix Faubin einbiegt, an der unsere Wohnung liegt. Dort steht eine der Erinnerungstafeln „Histoire de Paris“, mit denen Passanten auf die historische Vergangenheit eines Ortes und –soweit vorhanden- entsprechende sichtbare Spuren hingewiesen werden, an denen sie sonst vielleicht eher achtlos vorübergegangen wären. So sicherlich an diesem Ort: Denn hingewiesen wird auf fünf eher  unscheinbare Steinplatten (aus Granit), die vom Asphalt der Straße ausgespart sind. Es sind, wie die Tafel erläutert, die Fundamente einer Guillotine, die hier –bei Bedarf- aufgebaut wurde, um den Aufprall des Fallbeils aufzuhalten.[1]

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Die Guillotine  gehörte zu dem Gefängnis La Grande Roquette, das -1836 errichtet- auf diesem Areal stand und in dem zu Zwangsarbeit Verteilte gefangen gehalten wurden, die auf ihren Abtransport in die Strafkolonien von Ĭle  de Ré, nach Neu-Kaledonien  oder nach Cayenne warteten- dahin also, wo der Pfeffer wächst… Und zum Tode Verurteilte warteten dort auf die Guillotine.  Im Volksmund hieß das Gefängnis  „Abbaye des Cinq-Pierres“ – eine Anspielung auf die fünf Steine des Fundaments der Guillotine und auf ein Kloster, das sich an gleicher Stelle befunden hatte, bis es zur Zeit der Französischen Revolution aufgelöst wurde.

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Nach der Angabe im unteren Teil der städtischen Erinnerungstafel wurden über 200 Todesurteile mit der hier aufgestellten Guillotine öffentlich vollstreckt.[2]  Obwohl die Hinrichtungen im Allgemeinen in aller Frühe vollzogen wurden, kamen immer Schaulustige zu der am Eingang des Gefängnisses gelegenen Place de la Roquette, um dem „Schauspiel“ beizuwohnen. (1a)

Wie populär solche  Hinrichtungen waren, wird auch daran deutlich, dass der durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec bekannte Kabarettist Aristide Bruant hat die letzten Momente eines Gefangenen der Roquette auf seine Weise besungen hat. Sein Publikum muss das wohl lustig gefunden haben:

220px-Lautrec_ambassadeurs,_aristide_bruant_(poster)_1892

Tout ça, vois-tu, ça n’me fait rien

C’qui m’paralyse

C’est qu’i faut qu’on coupe, avant l’mien,

L’col de ma ch’mise;

En pensant au froid des ciseaux,

A la toilette,

J’ai peur d’avoir froid dans les os,

A la Roquette.

Aussi j’vas m’raidi pour marcher

Sans qu’ça m’émeuve,

C’est pas moi que j’voudrais flancher

Devant la veuve;

J’veux pas qu’on dis’que j’ai l’trac

De la lunette,

Avant d’éternuer dans l’sac,

A la Roquette.“

Die Grande Roquette war –wie bei einem Bauwerk dieser Art nicht anders zu erwarten-  Schauplatz spektakulärer und tragischer Ereignisse. Die Erinnerungstafel verweist ausdrücklich auf die Exekution der beiden Anarchisten Auguste Vaillant und Emile Henry. Auguste Vaillant hatte 1893 von der Zuschauertribune der Assemblée Nationale eine Bombe auf die dort versammelten Parlamentarier geworfen, wobei 50 Menschen verletzt wurden. Vaillant wurde am 5. Februar 1894 vor der Roquette guillotiniert- mit den letzten Worten: „Es lebe die Anarchie! Mein Tod wird gerächt“.[3]

220px-Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre Auguste Vaillant

Die Rache ließ auch nicht lange auf sich warten. Am 12. Februar 1794 verübte der Anarchist Emile Henry einen Anschlag auf das Café Terminus im Gare St. Lazare, bei dem 20 Besucher verletzt wurden, einer davon tödlich. Der Prozess gegen Henry erregte erhebliches Aufsehen wegen des unerschrockenen Auftretens des jungen hochgebildeten Anarchisten und der sozialkritischen Rechtfertigung seiner Tat. Auf den Vorwurf des Richters, er habe einen Anschlag auf Unschuldige verübt, antwortete er: „Il n’y a pas de bourgeois innocents“. Die Erklärung, die er vor Gericht abgab, wurde berühmt.[4]

Am 21. Mai 1894 wurde Henry vor der Roquette guillotiniert- im Beisein übrigens  von Georges Clemenceau und Maurice Barrès- beide alles andere als Sympathisanten des Anarchismus, die aber von dem Schicksal des jungen Manns angerührt waren.

Nicht hingewiesen wird auf der städtischen Hinweistafel auf zwei Ereignisse, die die Grande Roquette in ganz  besonderem  Maße in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückten und dazu –wenn auch in verschiedener Weise- zu ihrer  Bedeutsamkeit beitrugen, und zwar die Hinrichtung des Mörders Troppmann 1870 und die Geiselerschießung der Commune 1871.

Die Hinrichtung Troppmanns

Die Hinrichtung des Mörders Troppmann in der Roquette am 19. Januar 1870 war ein außerordentlich spektakuläres Ereignis.  Troppmann hatte aus Geldgier 8 Mitglieder einer Familie nach und nach auf sehr heimtückische Weise umgebracht.

Von der Entdeckung der Leichen über die Jagd nach dem Täter bis hin zum Prozess und der Hinrichtung verfolgten Moritatensänger und insbesondere die noch junge  Presse den Fall.  Besonders hervor tat sich das 1863 gegründete Le Petit Journal. Dieses konnte die Auflage von dem ersten Bericht über diesen Mord am 23. September von 357.000, drei Tage später auf 403.950, am Tag der Hinrichtung Troppmanns bis auf 594.000 Exemplare steigern. Das Blatt versorgte seine Leser hierbei mit Details; beispielsweise dass Troppmann angeblich seinen Bruder um Blausäure und Äther gebeten habe, um seine Wärter zu vergiften und dass er versucht habe seinen Henker zu beißen. Der mediale  Erfolg der Troppmann-Berichterstattung war Wasser auf die Mühlen der Sensationspresse und trug generell  zur bevorzugten Behandlung der „faits divers“ in den Massenmedien bei, die ja gerade in Frankreich besonders auffällig ist: Noch heute beginnen die Nachrichtensendungen in den großen französischen Fernsehprogrammen, selbst in dem öffentlich-rechtlichen TV 2, sehr oft mit einer ausführlichen Berichterstattung über solche „faits divers“, einen Mord in der Provinz, einen plötzlichen Wintereinbruch in den französischen Alpen oder einer Warnung vor einem Stauwochenende, bevor dann auch das politische Tagesgeschehen –mehr oder eher weniger- zu seinem Recht kommt.

Welches Aufsehen der Fall Troppmann in Frankreich erregte, beschreibt übrigens kein Geringerer als Iwan Turgenew in seinem ausführlichen, zeitnah verfassten Bericht L’exécution de Troppmann, der in der Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe mündet- wie sie damals von vielen aufgeklärten Geistern –in Frankreich etwa von Victor Hugo und später dann im Zusammenhang mit der Hinrichtung Henrys auch von Clemenceau- erhoben wurde. Turgenew hielt sich 1870 in Paris auf und wurde eingeladen, als einer der wenigen „Ehrengäste“ der Hinrichtung des Mörders aus nächster Nähe beizuwohnen.  Schon Tage davor seien in allen Schaufenstern Fotos von Troppmann ausgestellt worden und Tausende von Schaulustigen seien jede Nacht zur Roquette gekommen, um nicht den Aufbau der Guillotine zu versäumen. Die damals äußerst spannungsreiche und bewegte politische Situation in Frankreich (kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges) sei demgegenüber völlig in den Hintergrund des öffentlichen Interesses geraten.

70536893 Execution de Troppmann

Die Nacht vor der Hinrichtung mussten die privilegierten Zuschauer im Zimmer des Gefängnisdirektors verbringen, weil befürchtet wurde, dass am nächsten Morgen die erwarteten Massen der Schaulustigen den Zutritt zur Roquette unmöglich machen würden. So kann Turgenew aus nächster Nähe den Aufbau der Guillotine beobachten, dem Henker die Hand schütteln –nach Troppmann immerhin die wichtigste Figur des bevorstehenden Spektakels-  und die zahlreiche Post betrachten, die Troppmann von allen Seiten erhalten, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte- auch nicht die Billets von Frauen, denen teilweise Blumen wie Margueriten und Immortellen beigegeben worden waren. Schon mitten in der Nacht versammelten sich, wie die Polizei dem Gefängnisdirektor berichtete,  über 25 000 Schaulustige vor dem mit der Überschrift „Dépot des Condamnés“ versehenen Eingang der Roquette.

grande roquette portail

Turgenew beschreibt anschaulich, was von dieser erwartungsvollen Menschenmenge an das Ohr der Ehrengäste im Gefängnis dringt:

„Ce brouhaha m’étonnait par sa ressemblance avec les mugissements lointains du flux et du reflux de la mer, le même crescendo Wagnérien infini qui ne monte pas régulièrement, mais avec de grands chuchotements et des déversements gigantesques. Les notes aiguës des voix des femmes et des enfants jaillissaient comme des éclaboussures fines sur le bourdonnement colossal. La puissance brutale d’une force de la nature se montrait dans tout cela. Tantôt elle s’apaise pour un instant comme si elle était couchée et ramassée… et la voilà encore qui grandit, s’enfle et gronde comme toute prête à s’élancer et à tout déchirer, qui recule encore et peu à peu se calme, puis de nouveau grandit… et cela n’a pas de fin. Que veut dire ce bruit ? pensai-je. Impatience ? Joie ? Haine ?… Non, il ne sert d’écho à aucun sentiment individuel humain. Tout simplement le bruit et le brouhaha de la nature.“

„Tout d’un coup, lentement, comme une gueule, s’ouvrirent les deux battants des portes accompagnés en même temps d’un grand rugissement de la foule réjouie, satisfaite. Soudain, le monstre de la guillotine nous regarda avec ses deux poteaux noirs et le couperet suspendu.

Als Troppmann aufs Schaffott geführt wird:  Totenstille unter den  vielen Tausenden Zuschauern:

„J’eus le temps de remarquer qu’à l’apparition de Troppmann le bruit de la foule se tut comme un monstre qui s’endort. Un silence sans respiration.“

Dann die Vollstreckung des Urteils:

„Enfin retentit un bruit léger de bois qui se heurtent. C’était la chute de la lunette supérieure avec la découpure transversale pour laisser passer le tranchant, la lunette qui prend le cou du criminel et rend sa tête immobile ; puis quelque chose gronda sourdement, roula et éructa comme si un grand animal eût craché. Je ne puis trouver une comparaison plus exacte.

Tout se couvrit d’un brouillard.“

Und danach?

„Je me sentais très fatigué, et je n’étais pas le seul. Tous paraissaient épuisés, quoique tous, apparemment, se sentissent mieux, comme si leurs épaules fussent débarrassées d’un grand poids.

Mais personne de nous, absolument personne, n’avait l’air d’un homme qui a assisté à l’exécution d’un acte de justice sociale. Chacun tâchait de se détourner de cette idée et de rejeter la responsabilité de cet assassinat. … Nous parlions de la barbarie inepte et superflue de toute cette procédure du moyen-âge, grâce à laquelle l’agonie d’un criminel dure trente minutes, de six heures vingt-huit à sept heures….., du dégoût de tous ces travestissements, de cette coupe de cheveux, des voyages par les escaliers et les corridors…..

De quel droit fait-on tout cela ? Comment soutenir cette routine révoltante ? La peine de mort elle-même pouvait-elle être justifiée ?“

 Turgenew sieht keinerlei –wie auch immer gearteten- Nutzen, den eine solche „Nacht der Schlaflosigkeit, der Trunkenheit und der Perversion“ auf die Zuschauer haben  könnte. Und er zieht aus all dem den Schluss, dass die Todesstrafe unabweisbar auf der Tagesordnung der humanité contemporaine stehe. Er hoffe, dass er mit seinem Bericht einen Beitrag zu ihrer Abschaffung, mindestens jedoch zur Beendigung ihrer öffentlichen Zurschaustellung leisten würde.[5]

 Allerdings  hat es noch fast 70 Jahre gedauert, bis in Frankreich auf das Schauspiel öffentlicher Hinrichtungen verzichtet wurde: Am 17. Juni 1939 wurde der Deutsche Eugen Weidmann, der in Frankreich 6 Menschen ermordet hatte, vor 10000 Schaulustigen in Versailles hingerichtet. Dabei kam es zu volksfestartigen Szenen, Champagnerkorken knallten, Frauen tauchten ihre Taschentücher in das Blut des mit Clark Gable verglichenen Frauenhelden.[6] Danach verzichtete man in Frankreich auf weitere Spektakel dieser Art. Aber die Guillotine blieb weiter in Betrieb, auch in der Roquette: So wurde am 30. Juli 1943 die Engelmacherin („faiseuse d’ange“) Marie-Louise Giraudin  in der Petite Roquette guillotiniert. Das Regime des Marschalls Pétin hatte am 15. Februar 1942 die Abtreitung per Gesetz als „Verbrechen gegen die Staatssicherheit“ erklärt. Es wurde hier exekutiert, nachdem Pétin ein Gnadengesuch Giraudins abgelehnt hatte. [6a]

Aber es dauerte dann noch einmal fast 40 Jahre, bis  in Frankreich –mit der Lex Badinter von 1981- die Todesstrafe endlich abgeschafft wurde. In Russland –Turgenjew richtete sich mit seinem Text ja in erster Linie an eine russische Leserschaft- geschah das erst 2009- und in vielen anderen Ländern hat sich –nicht einmal in diesem Punkt- die „humanité contemporaine“ immer noch nicht durchgesetzt…

Die Geiselerschießung in der Roquette 1871

Ein besonders tragisches Ereignis war sicherlich die Erschießung von sechs Geiseln durch die Commune in der Grande Roquette. Sie fand statt am 24. Mai 1871, während der blutigen Niederschlagung der Commune in der semaine sanglante[7], durch die Versaillais, also die Truppen der nach Versailles geflüchteten Regierung unter Adolphe Thiers.

Grundlage der Geiselerschießung war ein Dekret der Commune vom 5. April 1871, dem gemäß alle mit der Regierung in Versailles zusammenarbeitenden Personen Geiseln des Volks von Paris seien. Jede Erschießung von Kriegsgefangenen oder Anhängern der sich als  rechtmäßige  Regierung betrachtenden Commune habe die Erschießung einer dreifachen Anzahl von Geiseln zur Folge- ein auch in den Reihen der Commune und ihrer Sympathisanten umstrittenes Dekret.[8] Allerdings handelte es sich bei der Geiselerschießung in der Roquette um keine automatische  Replik auf die unbeschreiblichen und massenhaften Gräueltaten der Versailler in der semaine sanglante. Die Commune hatte nämlich zunächst angeboten, den von ihr festgehaltenen Erzbischof von Paris, Mgr Darboy, gegen den von den Versaillern gefangenen gehaltenen Revolutionär Auguste Blanqui auszutauschen. Und als dieses Angebot unbeantwortet blieb, schlug die Commune sogar vor, im Gegenzug zur Befreiung Blanquis alle von ihr festgehaltenen 64 Geiseln freizulassen. Blanqui war seit der Revolution von 1830 eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung in Frankreich. Mehrfach wurde er wegen  seiner revolutionären Aktivitäten und Überzeugungen verhaftet. So auch im März 1871 auf Befehl von Adolphe Thiers, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte und der deshalb auch unter gar keinen Umständen auf das Angebot der Commune eingehen wollte. Sein Sekretär kommentiert das zynisch: « Les otages ! Les otages, tant pis pour eux ! »[9]

So werden am 24. Mai in der Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter der Pariser Erzbischof, erschossen.

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Gedenktafel in der Kirche La Madeleine für den Priester J.G. Deguerry, der zu den am 24. Mai 1871 erschossenen Geiseln gehörte.

Dass Blanqui auch heute noch Verehrer hat, zeigt sein Grab mit der von Dalou geschaffenen eindrucksvollen Bronzefigur auf dem Père Lachaise. (91. Division)[10]

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Die Geiselerschießung vom 24. Mai war ein wesentliches  Element in der 1871 einsetzenden groß angelegten Diffamierungskampagne der Commune und ihrer „Verbrechen“, bei der die junge Fotografie systematisch eingesetzt wurde. Fotos vom zerstörten Pariser Rathaus oder der umgestürzten Vendôme-Säule gehörten dazu.[11] Und die Erschießung der Geiseln in der Roquette wurde propagandistisch nachgestellt, fotografiert und verbreitet. Das hatte gleichzeitig auch die Funktion, von dem systematischen Terror der eigenen Seite –mit etwa 30 000 Opfern- abzulenken.

Crimes de la Commune              

 „Crimes de la Commune : Assassinat des otages dans la prison de la Roquette“

 Die Zelle, in der Erzbischof Darboy seine letzten Tage auf dieser Welt verbracht hatte, wurde übrigens beim Abriss der Grande Roquette Stein für Stein abgetragen und in der Krypta des Priesterseminars Saint Sulpice von Issy-les-Moulinaux wieder aufgebaut- zusammen  mit einem  Stück der Mauer, vor der die sechs Geiseln erschossen wurden.[12]

Allerdings haben die Sieger nach Niederschlagung der Commune in der sogenannten „semaine sanglante„, der blutigen  Woche, mit aller Brutalität zurückgeschlagen. Dabei hat wiederum die Grande Roquette eine Rolle gespielt, wie  Prosper Lissagaray in seiner „Geschichte der Commune von 1871“  (es 577, S. 362) berichtet:

Nach beendigtem Kampfe verwandelte sich die Armee in ein ungeheures Executions-Peleton. Am Sonntag wurden mehr als 5000 Gefangene, die in der Umgegend des Père La Chaise aufgegriffen waren, in das Gefängniß la Roquette geführt. Ein Bataillonschef stand am Eingang und musterte die Gefangenen, ohne an einen  Einzigen  eine Frage  zu stellen, indem er nur „rechts“ oder „links“ sagte. Die zur Linken wurden sogleich erschossen. Man leerte ihnen die Taschen, lehnte  sie an eine Mauer und machte sie nieder. Der Mauer gegenüber hielten zwei oder drei Pfaffen  sich die Breviere vor die Nase und murmelten die Gebete der Sterbenden.“

Die Petite Roquette

Auf der anderen Seite der Rue de la Roquette gibt es den Square de  la Roquette, eine kleine hübsche Parkanlage mit einem Springbrunnen, Blumen, Bänken, Spiel- und (in Paris eher selten) Bolz- und Basketballplätzen  für Jugendliche. Davor sogar auch noch einen Boule-Platz, der allerdings von den zahlreichen Hunden des Viertels eher anderweitig genutzt wird.

Dass man sich auch hier auf geschichtsträchtigem Grund befindet, ist noch deutlicher als auf der anderen Seite der Straße: Da gibt es unübersehbar das übliche grüne Schild der Parkverwaltung, das am Eingang aller Pariser Grünanlagen über den Namen  und die Geschichte des Ortes informiert. So auch hier:

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Der Name der Anlage (und der Straße) sei abgeleitet von einer Pflanze, die zwischen den Steinen des Klosters wuchs,  das  sich hier befunden  habe : die roquette, lateinisch eruca, italienisch rucola, die im Mittelalter schon als Salatpflanze genutzt wurde, dann in Vergessenheit geriet und inzwischen wieder über Italien ihren Weg in die deutsche Küche gefunden hat.[13]  1836 habe ein Gefängnis für Frauen, Kinder und junge Straftäter das Kloster ersetzt, dessen Bau sich an der Festungsarchitektur orientiert habe. In der Tat erinnert das Gefängnis, wie der Plan seines Architekten Louis- Hippolyte Lebas zeigt, in seinen Ausmaßen und seinem Grundriss an eine Festungsanlage Vaubans.(13a)

Lebas war damals ein prominenter Architekt, der gerade die Pariser Kirche Notre-Dame de la Lorette im 9. Arrondissement fertiggestellt hatte. Bei seinem Gefängnisentwurf bezog er sich aber weniger auf Vauban, sondern auf das Modell  des britischen Philosophen Jeremy Bentham  und verwirklichte damit ein für Frankreich damals avantgardistisches Projekt.[14] Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept zum Bau von Fabriken und Gefängnissen, das eine möglichst effektive Überwachung und Kontrolle der Arbeiter bzw. Gefangenen ermöglichen sollte, das sogenannte Panopticon.  Von einem zentralen Ort sollten danach alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden. Im Mittelpunkt eines nach dem Panopticon-Prinzip konzipierten Gefängnisses steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in der sogenannten Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen die Gefangenen nicht, ob sie gerade überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter  Überwachungsdruck  regelkonform verhalten (also abweichendes  Verhalten vermeiden, da sie immer davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, sei sehr günstig.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Wirkung des Panopticons als „Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen“ beschrieben, „der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.“ (Frankfurt 1977, S. 258)  Er sieht hier das „kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage“ (253), in der die  Machtausübung immer weniger auf die Ausübung körperlicher Gewalt angewiesen ist. Insofern stehe das Panopticon für das  Herrschaftsprinzip liberaler Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt.

Nach dem Panopticon-Prinzip wurden im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zahlreiche Gefängnisse errichtet- in Deutschland z.B. das ursprünglich als preußisches Mustergefängnis gebaute, aber besonders im Dritten Reich berüchtigte Gefängnis in Berlin-Moabit. Auch das Kölner Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz wurde in den 1830-er Jahren als Panopticum-Bau errichtet. .[14a]

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Und in Frankreich war es eben das mächtige sechseckige La Roquette, das in Abgrenzung zu der für die Schwerverbrecher bestimmten Grande Roquette auf der anderen Straßenseite Petite Roquette genannt wurde, weil es für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 20 Jahren und für Frauen  bestimmt war. Eine Zeit seines jungen Lebens verbrachte hier übrigens in den 1920-er Jahren ein aus schwierigsten Verhältnissen stammender  15- jähriger Jugendlicher- Beginn einer langen Gefängnis-Odyssee: Es war Jean Genet- der mit dem 1942 im Gefängnis geschriebenen eindrucksvollen Gedicht „Le Condamné à mort“ (Der zum Tode Verurteilte) seine literarische Karriere begann.[15]

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Der Eingang zur Petite Roquette

Alle Gefangenen in der Petite Roquette wurden isoliert und voneinander fern gehalten- selbst bei dem überwachten einstündigen täglichen Aufenthalt im Freien, der in getrennten Pferchen stattfand, oder bei einem Besuch des Erzbischofs (s. Anm. 11). Die entsprechenden zeitgenössischen Bilder aus der Petite Roquette lassen für mich Assoziationen an schlimmste Massentierhaltung aufkommen.

La petite Roquette

Die von totaler Isolation und Überwachung geprägten Haftbedingungen waren schon damals nicht unumstritten: Kaiserin Eugénie, die durchaus  sozial engagierte Frau Napoleons III., war bei einem Besuch in der Petite Roquette offenbar ziemlich entsetzt und forderte einen alternativen Strafvollzug für Jugendliche. Es wurden dann zwar auch landwirtschaftliche Kolonien eingerichtet, in denen jugendliche Strafgefangene arbeiten und auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden sollten, aber die Petite Roquette blieb doch auch weiterhin zumindest eine obligatorische Durchgangsstation.

Nachdem 1939 öffentliche Hinrichtungen in Frankreich verboten worden waren, wurde die  Petite Roquette als Ort künftiger Hinrichtungen von Frauen  in Paris bestimmt. Zweimal wurde dieses Gesetz dann angewendet: Am 6. Februar 1942 wurde Georgette Monnerot hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hatte, am 30. Juli 1943 Marie-Louise Giraud wegen der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen– da sind wir in der Ära Vichys und Pétains.

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1974 wurde das Gefängnis abgerissen, um das weitläufige Gelände freundlicheren Verwendungen zuzuführen. Erhalten wurden aber die beiden Eingangstore des Gefängnisses, durch die man nun die neue Park- und Freizeitanlage betritt. An dem linken der beiden  Eingangstore weist eine Erinnerungstafel darauf hin, dass hier zwischen dem 18. Juni 1940, dem berühmten Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand,  bis zum 28. August 1944, der Befreiung von Paris, 4000 Mitglieder der Résistance inhaftiert waren.

Während bei den an allen Schulen angebrachten Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Occupation immer auch auf die Rolle der französischen Polizei hingewiesen wird[16], werden hier zwar die Opfer, aber nicht die Täter und ihre Helfer benannt. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“[17] ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Durant la Seconde Guerre mondiale, 4000 femmes sont emprisonnées à la Roquette par la police française pour faits de résistance.“ Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie ja auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand.[18] Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

Unter den inhaftierten Frauen waren übrigens auch Ausländerinnen, die wegen ihrer antifaschistischen Überzeugung verhaftet worden  waren. So auch die deutsch-tschechische Literatin Lenka Reinerová, in deren Biographie sich die Tragik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll niederschlägt: Zu ihren Freunden der Zwischenkriegszeit in Prag gehörten Franz Werfel, Egon Erwin Kisch und Max Brod, der Herausgeber der Werke von Franz Kafka. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag Flucht nach Frankreich, dort ein halbes Jahr Einzelhaft in der Petite Roquette, danach in einem Frauenlager der Vichy-Zone interniert, Flucht über Casablanca nach Mexiko, wo sie das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera  und natürlich die ebenfalls nach Mexiko emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers trifft. 1948 Rückkehr nach Prag, wo ihr im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“ der Prozess gemacht wird. Erst 1964 rehabilitiert, wird sie  nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der KPC ausgeschlossen.  2008 starb sie – die letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur.[19]

Während die Petite Roquette erst 1974 abgerissen wurde, was das auf der anderen Seite mit der Grande Roquette schon 1900 geschehen. Da platzte Paris aus allen Nähten, die Grande Roquette wurde abgerissen, das Gelände zwischen der Rue de la Roquette, der Rue de la Folie Régnault und der Rue la Vacquerie wurde durch kleine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen in sechs Rechtecke eingeteilt, die nach und nach mit 6- bis 7-stöckigen Häusern bebaut wurden. In einem davon wohnen wir jetzt..

Anmerkungen

[1] Die Angaben für das Gewicht des Fallbeils schwanken zwischen 7 und 200 kg (Turgenew). Übrigens werden auch heute noch Guillotines hergestellt- mit denen allerdings nicht mehr Köpfe abgeschnitten werden, sondern Baguette-Rohlinge aus der Teigmasse: http://rinaldin.it/fra/Cat_fra/34_Guillotines.pdf

(1a) Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/histoire-insolite-paris/une-guillotine-a-paris

[2] Nach Wikipedia waren es 69: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnisse_von_La_Roquette

[3](http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Vaillant)

[4] Zitiert in : http://fr.wikipedia.org/wiki/Émile_Henry_(anarchiste) 

[5] http://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Tourgueniev%20-%20L’Execution%20de%20Troppmann.htm

[6] http://www.welt.de/geschichte/article129139943/Letzte-oeffentliche-Hinrichtung-in-Frankreich.html

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69859512/frankreich-deutscher-serienmoerder-wurde-1939-enthauptet.html

[6aégime de Vichy : quand l’extrême droite était au pouvoir. In: Geo histoire vom 17.6.2024

[7] Siehe dazu Bericht 15: 140 Jahre Commune

[8] Z.B. auch von Victor Hugo in seinem Gedicht Pas  de représailles (In: L’Année terrible, 1871)

[9] http://www.histoire-image.org/pleincadre/index.php?i=71

[10] Zu Dalou s. den 33. Bericht über das Hotel Païva. Zum Père Lachaise vielleicht später einmal mehr.

[11] In der aktuellen großen  Monet-Ausstellung im Frankfurter Staedel-Museum werden entsprechende Fotos von Jules Andrieu und Franck gezeigt.

[12] http://www.sulpissy.info/spip.php?

[13] Ein freundlicher Leser des Berichts hat mich darauf hingewiesen, dass die Rauke sogar im Hessenpark im Taunus  angebaut und gezeigt wird. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola

(13a) Die Federzeichnung aus den 1830-er Jahren ist auch zu sehen in der Dauerausstellung der Architekturgeschichte von Paris im Pavillon d’Arsénal in Paris

[14] Anaïs Guérin, La Petite Roquette, la  double vie d’une prison Parisienne,  1836 – 1974. 2013

[14a] Vielen Dank, Ulrich Schläger, für diesen Hinweis!

[15] Vollständige französische Version und englische Übersetzung:  http://www.sptzr.net/Translations/prisoner.htm  Auf youtube gibt es eine eindrucksvolle (gekürzte) Chanson-Version von Marc Ogeret

Nachfolgendes Bild vom Eingang der Petite Roquette aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=6008082149278211&set=pb.100044544064752.-2207520000&locale=fr_FR

Einen Bericht über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten in der Grande Roquette gibt es übrigens auch von Jules  Valls in seinem Le Tableau de Paris, 1882/1883

[16] Siehe dazu den Blog-Beitrag über Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1) 

[17] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[18] Die Gestapo hatte in Paris ein  eigenes Gefängnis, das Cherche-midi im Boulevard Raspail, das  allerdings nicht der Internierung diente, sondern dem Verhör und damit natürlich auch der Folter.

[19] Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt haben 1982 im Spiegel (30.9.2002) ein sehr lesenswertes Interview mit Lenka Rainerowa  veröffentlicht.   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25327110.html