Eine Magierin des Lichts: Anna – Eva Bergman im Musée d’Art Moderne von Paris (März bis Juli 2023)

Ganz unbekannt war uns die Malerin Anna – Eva Bergman nicht, seit wir im letzten Jahr das wunderbare Haus und Atelier besuchten, das Hans Hartung und sie sich gemeinsam in einem alten Olivenhain auf der Höhe über Antibes gebaut hatten, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachten.

Das Musée d’Art Moderne in Paris bietet nun aber eine Gesamtschau des Werks von Bergman, die über die begrenzten Ausstellungsmöglichkeiten von Antibes weit hinausgeht. Sie zeigt nicht nur eher unbekannte Seiten der Künstlerin, sondern insgesamt ein „grandioses Werk“, wie Bettina Wohlfahrt in ihrem FAZ-Beitrag über die Ausstellung schreibt.[1] Und man fragt sich mit anderen Ausstellungsbesuchern und Kunstkritikern, wieso Bergman „heute leider etwas in Vergessenheit geraten ist.“[2]  

Aufschlussreich finde ich in diesem Zusammenhang die Gegenüberstellung des Bildes Carboneras von Bergman und eines Bildes aus der Serie Black on grey von Mark Rothko, des bekannten Vertreters des abstrakten Expressionismus, die sich im Begleitheft von Beaux Arts zur Ausstellung findet.[3]

Mark Rothko, ohne Titel[4]

Anna-Eva Bergman, Carboneras[5]

Die Ähnlichkeit beider Werke ist deutlich, aber auch nicht erstaunlich, bewunderte Bergman doch Rothko sehr. Sie kannten sich gut, waren 1959 auf der zweiten Kasseler Dokumenta vertreten, ja es gab zwischen den beiden „eine Seelenverwandtschaft“.[6]  Erstaunlich war für mich allerdings, dass -anders als zunächst unwillkürlich unterstellt-  das Bild von Bergman aus dem Jahr 1963 stammt, das von Rothko aus den Jahren 1969/1970…

Bemerkenswert finde ich dann aber auch den Unterschied: Bei dem unter Depressionen leidenden Rothko, der 1970 selbst sein Leben beendete, lastet das Dunkle auf dem Hellen, bei Bergman nimmt das Dunkle zwar den größeren Raum ein, aber es dominiert die alles überstrahlende Helligkeit: Das verweist auf die Bedeutung, die die Natur des hohen Nordens in dem Werk der gebürtigen Norwegerin spielt. Ich sehe darin aber auch den Ausdruck ihrer kämpferischen optimistischen Lebenseinstellung, die sie trotz ihrer schweren chronischen Erkrankung mit und in ihrer Kunst bewahrte.

Im Folgenden werden einige Bilder gezeigt, die wir in der Ausstellung fotografiert haben. Es soll damit ein Eindruck von der Entwicklung Bergmans vermittelt werden und von ihrem Gesamtwerk. Ich bin, wie schon öfters auf diesem Blog vermerkt, kein Kunsthistoriker: Die Auswahl folgt also allein persönlichem Interesse und persönlichen Vorlieben. Vielleicht regt der Beitrag auch dazu an, die Ausstellung zu besuchen: Fotos -und noch dazu die eines Hobby-Fotografen-  können nur einen sehr unvollkommenen Eindruck der Bilder Bergmans und ihrer Ästhetik vermitteln: Gerade die Verwendung von Metallfolien (Gold, Silber, Kupfer…) verleiht ihren Bildern ein inneres Leben, verlangen die direkte Betrachtung. Die Möglichkeit dazu besteht noch bis zum 16. Juli.

Selbstportrait (ca 1946). Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von F. und W. Jöckel

Bevor Bergman sich der Malerei und der abstrakten Kunst zuwandte, hat sie 25 Jahre lang als Zeichnerin und Karikaturistin gearbeitet. Auch politische Themen interessierten sie.  

Thema dieser vermutlich aus dem Jahr 1933 stammenden Zeichnung sind die nationalsozialistische Gleichschaltung und die Bereitwilligkeit der meisten Deutschen zur Anpassung.

Hier eine Karikatur General Francos aus dem Jahr 1935. Dass sie ihn zeichnet, zeigt nicht nur ihr politisches Interesse, sondern hat auch persönliche Gründe: 1932/1934 hatte sie mit Hans Hartung auf den Balearen (Menorca) gelebt, wo General Franco damals Militärkommandeur war,  bevor er zum Generalstabschef, Putschisten und Diktator wurde.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 20230330_l1550728-768x576-1-2.jpg

Bild aus: http://menschmaus.eu/anna-eva-bergman-retrospective-unique/

Zu diesem „Ich will!“, das Anna – Eva Bergman 1938 in ihrer norwegischen Muttersprache in ein Notizbuch schreibt, Bettina Wohlfahrth am 24.4.2023 in der FAZ:

„Es ist ein entschlossener Ausruf, mit dem sie sich wie in einen Kampf stürzt und
selbst Kraft zuruft, um die innere Suche nach ihrem künstlerischen Ausdruck ernsthafter denn
je aufzunehmen. Ein Jahr zuvor hatte sie sich von Hans Hartung getrennt. Sie hatte den
angehenden Maler 1929 in Paris kennengelernt, gerade zwanzig Jahre alt. Die beiden heirateten
nur drei Monate später. Dass Bergman der Beziehung ein Ende setzte, hatte vor allem mit
diesem „Ich will“ zu tun. Im Trennungsbrief, den sie aus Italien nach Paris schickt, schreibt sie in
einem fast perfekten Deutsch, dass sie frei sein müsse und Zeit brauche, um allein ihrer Arbeit
nachgehen zu können. Der Brief ist in der Ausstellung zu sehen, es ist ein bewegendes
Dokument. Bergman war klar geworden, dass sie im Schatten von Hartung nicht zu ihrer Kunst
kommen würde, dass sie von „Hauspflichten und anderen Sorgen“ aufgerieben würde. Nach der
Trennung führte sie energisch ihre, den Ausstellungstitel gebende „Voyage vers l’intérieur“ fort:
Die Reise einer tief erstrebten, existenziellen Suche nach der Essenz dessen, was sie ausdrücken
wollte. In den Fünfzigerjahren trafen sich die beiden Künstler in Paris wieder. Bergman hatte
unterdessen ihren Weg gefunden und den künstlerischen Durchbruch erreicht. Sie heirateten
zum zweiten Mal.“

Solitude- das Haus (1947)

Bergman auf dem Weg zur abstrakten Kunst: „Blaue Träume“ von 1951. Die Nähe zu Klee und Kandinsky ist unverkennbar. Dazu Bergman: „Das Zick-Zack symbolisiert das Leben, die Energie (…) Der Rhythmus in einem Bild spielt dieselbe Rolle wie in der Musik“.[7]

Dieses 1950 entstandene Bild ist das erste, bei dem Bergman ein Metallblatt verwendet. Die Technik, mit Blättern aus Gold, Silber, Kupfer und weiteren Metallen zu arbeiten, wurde von ihr systematisch entwickelt und zu einem Kennzeichen ihres abstrakten Werkes. In dessen Zentrum stehen die Natur und der Kosmos. Menschen kommen darin nicht vor -höchstens einmal, wie im nachfolgenden Bild, ein von Menschen gemachtes Produkt: eine Mauer.

No 18-1964 Die Mauer. Anders als Hartung gibt sie ihren Bildern aber neben der Nummerierung und der Jahreszahl auch einen Titel.

Zur Verwendung von Metallblättern, und vor allem des Goldes, wurde Bergman angeregt durch die mittelalterlichen Altäre in norwegischen Kirchen und durch die byzantinische Kunst, die sie in Italien kennenlernte. (Begleittext der Ausstellung). Bei Bergman dient das Gold aber nicht religiösen Zwecken oder -wie später- der Überhöhung absoluter Herrschaft, sondern bei ihr sind es Natur und Kosmos, deren Schönheit mit Hilfe von Metallen und Licht gefeiert werden.

No 26 – 1962 Le Feu (Das Feuer)

Anna – Eva Bergman: „Durch die Verwendung von Metallen erzielen meine Leinwände, ohne auf den Einsatz perspektivischer Kunstgriffe zurückzugreifen, völlig neue visuelle Effekte: Die verschiedenen Raumebenen werden entweder nebeneinander angeordnet oder sie überlagern sich. Die sich stufenweise überlagernden Ebenen erzeugen manchmal Spiegelungen. Dies ist ein Effekt, den der Betrachter selbst dadurch hervorrufen kann, dass er sich vor der Leinwand bewegt und dabei sogar den Rhythmus seiner Bewegungen verändert.“ [8]

Silberkrebs 1955

Crête de montagne. 1971

Dieses Bild wurde auch für die Ausstellungs-Werbung verwendet.

Detail

Foto von Bergman in ihrem Atelier

Gleichzeitig entwickelte Bergman ein „Vokabular“ von Grundformen wie hier eine Pyramide (No 73 – 1958 Pyramide)

 „Der große Berg“ von 1957 in Gestalt eines Kegels

Und vor allem ist es der Kreis, den sie immer wieder in ihren Werken thematisiert wie im  Grand rond/großer Kreis von 1968

Der Kreis ist ein Symbol der Vollkommenheit, der Harmonie. Er verweist auf den Kosmos und kann auch eine metaphysische Bedeutung haben wie in den großen Fensterrosen mittelalterlicher Kathedralen.

In dem Bild von 1969  Eine andere Erde, ein anderer Mond lässt Bergman bewusst offen, ob der glänzende Kreis die Erde oder den Mond meint, ob die Erde vom Mond oder der Mond von der Erde aus gesehen wird. Es ist, wie es in dem Livret contempler heißt, eine makellos weiße Scheibe, seidig und weich. In der Tat Stoff zur Meditation.

Wandteppich Demi-terre (1974-1975): Einer von mehreren Wandteppichen,  die von der Manufacture des Gobelins in Paris und der von Beauvais nach Entwürfen von Bergman hergestellt wurde: Hier ein Blick von einem anderen Stern auf die untergehende Erde….

Anna-Eva Bergman: „Man kann keine große Kunst schaffen, wenn sie nicht im Einklang ist mit dem Universum, das uns umgibt.“[9]

No 57 – 1978  Montagne en une ligne/Berg in einer Linie

Zu diesem minimalistischen Bild einer „abstrakten Landschaft“ Eva-Maria Bergman: „Gibt es etwas Schöneres als eine reine und sensible Linie? Die Linie ist das unabdingbare Skelett der Malerei“.[10]

Die Natur des Nordens …

Der hohe Norden, seine Natur und Geologie, haben die 1909 in Schweden geborene Anna – Eva Bergman immer fasziniert.

No 32 – 1951 Fragmente einer Insel in Norwegen

1949, 1950 und 1951 verbringt sie ihre Sommer im Süden Norwegens, wo sie die Serie der Fragmente einer Insel Norwegens malt, wo das oben abgebildete erste Bild entsteht, bei dem sie ein goldenes Metallblatt verwendet, und wo sie ihren ersten größeren Auftrag erhält, die Dekoration eines Hotels in Südnorwegen.

Foto (Wandbild der Ausstellung)

Aus der Steinesammlung Bergmans: Alles Mineralische faszinierte sie.

G 12 – 1953 Vier Steine (Lithographie)

No 2 -1966 Winter-Horizont des Nordens (Ausschnitt)

No 1 – 1967 Fjord  (Ausschnitt)

No 21 – 1981 Berggipfel II

Über eine Reise zu den Lofoten schreibt Anna- Eva Bergman: „Inseln, auf denen sich Granitfelsen erhoben, die aussahen wie auf dem Wasser errichtete Skulpturen. Es war zauberhaft.“[11]

links: No 13- 1976  Zwei Nunataks; rechts: No 25- 1981 See II

Nachfolgend zwei weitere Aufnahmen der beiden Nunataks (Felsformationen auf dem Eis) – unserem Lieblingsbild der Ausstellung. Daran wird vielleicht auch ein wenig deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung je nach Standort des Betrachters ist.

No 13- 1976  Zwei Nunataks

No 13- 1976  Zwei Nunataks  (Ausschnitt)

„Ich träume von der Finmark und vom nördlichen Norwegen. La lumière ici-bas me rend extatique.“ 12]

und die Natur des Südens

Cap d’Antibes 1974 (Acrylfarbe mit einem Blatt oxydierten Kupfers)

1973 bezogen Bergman und Hartung das selbst entworfene Haus und Atelier in dem Olivenhain über Antibes. Nachdem Bergman ihren eigenen Weg gefunden hatte, näherten sich die beiden wieder an, trennten sich von ihren jeweiligen zweiten Ehepartnern und heirateten 1957 erneut, 28 Jahre nach ihrer ersten Hochzeit. 

Tronc d’olivier I 1977

Vague I 1974

No 67 – 1966 Großer Ozean

Der Horizont

Der Horizont spielt im Werk Bergmans eine große Rolle. In ihren eigenen Worten: „Jenseits der Grenze des Horizonts befindet sich ein Bereich, der, auch wenn er für Menschen physisch nicht erreichbar ist, doch existiert und erfahren werden kann. Vielleicht muss man ihn sich aneignen wie eine ‚pure expérience de la  Nature‘, etwas Atmosphärisches, Irrationales wie die Metaphysik oder das Absolute.“[13]

Finmark, Winter-Horizont des Nordens (1966) ist ein monumentales Werk (150 mal 300 cm). Der Titel bezieht sich auf die langen, dunklen Winternächte des hohen Nordens, der untere Teil des Bildes, aus goldenen und silbernen Metallblättern, weckt Assoziationen an eine gefrorene, vereiste Winterlandschaft. Manon Lancelot weist im Sonderheft Beaux Arts (S. 54) auf die leichte Biegung des Horizonts hin. „Diese leichte Biegung kann auch den Eindruck des Flugs eines Raumschiffs über einen entfernten Himmelskörper vermitteln. Das Werk ist drei Jahre vor der Expedition von Apollo X entstanden, der die Künstlerin begeisterte. Mit Finmark hat sie fast die Bilder der ersten Schritte auf dem Mond vorweggenommen.“

No 16 – 1986

No 8- 1969 Großer blauer Horizont

Abschließend noch einmal Anna-Eva Bergman zu dem, was ihr der Horizont bedeutete: „Ewigkeit, das Unendliche, Übergang zum Unbekannten. Der Horizont ist die Grenze der menschlichen Erfahrung … Jenseits der Grenze des Horizonts befindet sich ein Bereich, der, auch wenn er für den Menschen unerreichbar ist, existiert und erfahren werden kann.“ (Begleittext der Ausstellung)

1987 starb Anna-Eva Bergman.  In ihrem Todesjahr thematisierte sie noch einmal den „Übergang zum Unbekannten“:  

No 20- 1987 (Acryl, Modellierpaste und Metallblatt)

Anna-Eva Bergman – Voyage vers l’intérieur: Musée d’Art Moderne de Paris 31. März – 16. Juli 2023
11 avenue du Président Wilson 
75116 Paris

Métro:  9  – Alma-Marceau oder Iéna

https://www.mam.paris.fr/fr/expositions/exposition-anna-eva-bergman

Öffnungszeiten:   Dienstag bis Sonntag  10h  – 18h,  Donnerstag bis 21h30


In der Ausstellung gibt es/gab es die Möglichkeit, auf einem Bildschirm mit Hilfe eines entsprechenden Programms selbst kleine Bilder im Stile Bergmans zu entwerfen. In der Tat sind ihre Bilder dazu angetan, die eigene Phantasie und Kreativität anzuregen.

Eine Möglichkeit dazu sind auch Fotos, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen. Bergman und Hartung haben übrigens eine ungeheure Menge an Fotos gemacht und von ihnen Anregungen für ihre Bilder erhalten.

Meer im Abendlicht. F. Jöckel

Anmerkungen

[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung-der-malerin-anna-eva-bergman-im-pariser-petit-palais-18842731.html

[2] https://arcimboldisworld.com/2023/05/01/anna-eva-bergmann-voyage-vers-linterieur-musee-dart-moderne-de-paris/

Catherine Gonnard spricht im Bergman-Sonderheft von Beaux Arts von einer reconnaissance tardive. (S. 61)

[3] Beaux Arts, Anna-Eva Bergman. Voyage vers l’intérieur. 2023, S.36/37

[4] https://www.moma.org/collection/works/79611?installation_image_index=1

[5] https://www.arteinformado.com/galeria/anna-eva-bergman/n-6-1963-carboneras-28426

[6] Emmanuelle Lequeux, Une parenté d’âme. In: Beaux Arts, S.36

[7] Livret contemler zur Ausstellung, S.5

[8] Livret contempler, S.9 „Par l’utilisation de métaux, mes toiles, sans user cependant du recours à des artifices de perspective, bénéficent d’effets visuels parfaitement inédits: les différents niveaux spatiaux tantôt se juxtaposent ou se superposent, formant des structures que s’échelonnent en gradins, tantôt se reflètent. Effet que le spectateur est en mesure de provoquer en bougeant devant la toile en changeant même le rythme de ses mouvements.

[9] Zit. im Sonderheft Beaux Arts, S. 35

[10] Livret contempler, S.23

[11] Zit. von Emmanuelle Lequeux, Les paysages norvégiens pour inspiration. Un monde solaire et minéral. In Beaux Arts, Bergman, S. 30

[12] Zit. Beaux Arts, Bergman, S. 45

[13] Zit. Sonderheft Beaux Arts S. 54

Hans Hartung und die Fondation Hartung-Bergman in Antibes: Das südfranzösische Idyll eines außerordentlichen Künstlerpaares

Auf den Maler Hans Hartung wurden wir aufmerksam anlässlich der ihm gewidmeten großen Ausstellung 2019/2020 im Musée d’Art Moderne de Paris.[1]

Alle Ausstellungsfotos: Wolf Jöckel

Aufgefallen ist uns vor allem, welche Bedeutung die Farbe Schwarz im Werk Hartungs hat. In seinem Selbstportrait schreibt er, er möge das Schwarz: „Es ist zweifellos meine Lieblingsfarbe. Ein absolutes, kaltes, tiefes, intensives Schwarz.“ (S. 186).

T 1963- E 45

Das erinnerte uns an Pierre Soulages, in dessen Werk ja die Farbe Schwarz in unterschiedlichen Facetten dominiert und dessen großformatige Arbeiten wir in den Museen von Rodez und Montpellier bewundert haben.[2] Und auch Hartung hat die großen Formate geliebt und genutzt. In seinem Selbstportrait spricht er von dem „Bedürfnis, große Bilder zu malen.“

„Ich bin davon überzeugt, dass in der abstrakten Kunst den Dimensionen eines Bildes eine außerordentliche Bedeutung zukommt. … Ein Strich, der quer über eine zwei Meter hohe Leinwand verläuft, drückt Gewalt, Energie und Stärke aus. Ist er nur zehn Zentimeter lang, ist er bedeutungslos. Eine Wut, ein Aufbegehren, eine Begeisterung, eine Leidenschaft von zwanzig Zentimetern, das erscheint lächerlich“. (S. 191)

Und wie bei Soulages gibt es auch bei Hartung keine Titel für seine Werke, sondern nur Nummern. Auch dazu Hartung:
„Von Anfang an habe ich meinen Bildern niemals Titel gegeben, sondern Nummern. Denn ich möchte den Betrachter nicht beeinflussen. … Man muss ihnen (den Leuten W.J.) ihre Freiheit lassen. Völlige Freiheit.“ (S. 79)

In der Tat verband Hartung seit 1947 nicht nur eine künstlerische Nähe, sondern auch eine bis zu seinem Tod fortdauernde Freundschaft mit dem 15 Jahre jüngeren Pierre Soulages.[3] 

Hartungs Werk ist von einer großen Experimentierfreude und Variabilität geprägt. Immer wieder erschloss er sich neue Gestaltungsmöglichkeiten. Man hat sogar von einer „kopernikanischen Wende“ seines Schaffensprozesses gesprochen, in der die Farbe „zur Triebkraft seines grandiosen Spätwerks wird.“[4]

Es waren aber nicht nur die Bilder, die für uns Anlass waren, uns näher mit Hartung zu beschäftigen, sondern auch seine ganz besondere deutsch- französische Lebensgeschichte, die sicherlich auch eine Grundlage für die Freundschaft mit Soulages war.

Geboren wurde Hartung 1904 in Leipzig. Sein Selbstportrait von 1922, das seinen festen Platz in Antibes hat, zeigt einen jungen Mann, der selbstbewusst, fast von höherer Warte aus, auf den Betrachter und die Welt blickt.

Schon als Kind schien ihm klar zu sein, dass er sich mit der Malerei ausdrücken konnte, dass er Ängste damit in etwas anderes verwandeln konnte. Als Sechsjähriger habe er sich mit dem Malen „von der Angst befreit“. Vor Gewittern zum Beispiel. Ans offene Fenster sei er gelaufen, um „die zuckenden Blitze im Fluge“ einzufangen.  „Noch vor dem Donnerschlag mussten sie auf dem Blatt sein, so beschwor ich den Blitz. Mir konnte nichts geschehen, wenn mein Strich so schnell wie der Blitz war.“  Er füllte ganze Schulhefte mit den Zeichnungen von Gewitterblitzen. “Blitzbücher” nannte sie sein Vater.[5]

1955 Tusche auf Papier 19 x 12,5 cm

Und schon seit 1926 hatte er eine enge Beziehung zu Frankreich. Damals fand eine internationale Ausstellung in Dresden statt, bei der er die französische Malerei kennenlernte:

Daraufhin unternahm ich mehrere Reisen durch Frankreich, und die Vielfalt der Landschaften, die Schönheit und das Klima Südfrankreichs haben mich überwältigt. Es war nicht allein die Malerei, sondern auch die Architektur -die romanische, gotische, die der Loire-Schlösser, der kleinen Dorfkirchen und der Festungen von Vauban- und eine gewisse Art zu leben, die mich faszinierten, ganz zu schweigen von der Küche und den Weinen aus Bordeaux. Hinzu kam die ungeheure Anziehung, die Paris als kulturelles Zentrum auf mich ausübte, mit seinem internationalen Leben, mit Montmartre -Josephine Baker nicht zu vergessen!- und dem außergewöhnlichen Leben, das sich damals zu seiner großen Zeit am Montparnasse abspielte“.[6]

 1926 setzte er seine künstlerische Ausbildung in Paris fort, 1935 ging er dorthin ins Exil, weil das Leben im Nazideutschland für ihn unerträglich und als Maler unmöglich war. Die Nazis entzogen ihm denn auch die deutsche Staatsbürgerschaft und machten ihn zum Staatenlosen.  Nach Ausbruch des Krieges meldete sich Hartung zur Fremdenlegion, die einzige Möglichkeit, seiner Internierung als „feindlicher Ausländer“ ein Ende zu machen. Als Legionär war Hartung -zusammen mit anderen Nazigegnern und Juden, die in der Legion dienten, in Nordafrika stationiert. Die Stimmung war sehr gut, wie er später berichtete, zumal er als Maler zur Ausgestaltung des Speisesaals abgestellt wurde.   Nach dem Waffenstillstand 1940 wurde er entlassen, ohne je einen Feind gesehen zu haben.[7]

Hartung als Fremdenlegionär in Nordafrika

Danach wurde Hartung demobilisiert und kam im unbesetzten Teil Frankreichs unter. Aber im November 1942 besetzte die Wehrmacht auch diesen Teil Frankreichs. Zunächst versuchte Hartung noch, heimlich dort weiterzuleben, doch dann erschien es ihm ratsam, sich in Nordafrika in Sicherheit zu bringen. Das gelang aber nicht, und wieder war die erneute Verpflichtung zur Fremdenlegion die einzige Möglichkeit, Internierung und Gefängnis zu verhindern und stattdessen gegen das faschistische Deutschland zu kämpfen, für das er Scham empfand: Das sei für ihn „eine moralische Frage“ gewesen.  „Ich fühlte mich ein wenig verantwortlich. ‚Verantwortlich‘ ist nicht genau das richtige Wort, aber auf jeden Fall sehr betroffen.“[8] Unter dem Namen Pierre Berton nahm Hartung im November 1944 als Sanitäter an den Kämpfen im Elsass teil. In seinem Lebensbericht schreibt er: „Die Kämpfe waren (…) sehr hart, und wie immer stand die Legion in vorderster Linie. Man schickte die Legion voraus, sobald es offensichtlich war, dass es große Verluste geben würde.“  Bei einem solchen -und dazu auch noch sinnlosen- Einsatz wurde Hartung verwundet: Ein Bein musste amputiert werden. Immerhin entging er, wie er lakonisch bemerkt, auf diese Weise einem vielleicht sogar lebenslangen Dienst in der Fremdenlegion und konnte wieder seiner Bestimmung als Maler folgen.[9] Allerdings verlor er bei dem Transport in das Krankenhaus von Toulouse sein Gepäck mit allen Zeichnungen, die seit Spanien entstanden waren. Das traf ihn fast noch mehr als der Verlust des Beins. 1946 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft und wurde in die Ehrenlegion aufgenommen. 1947 präsentierte die Pariser Galerie Lydia Conti Hans Hartung in ihrer Eröffnungs- Ausstellung, der junge Alain Resnais drehte dazu einen Kurzfilm über den Maler: Beginn eines grandiosen Aufstiegs, markiert von internationalen Ausstellungen und Preisen.

Zu der Ausstellung des Musée d’Art Moderne gehörte auch ein Foto mit entsprechender Erläuterung von Haus und Atelier in Antibes, in dem Hans Hartung zusammen mit seiner Frau Anna-Eva Bergman von 1973 bis zu seinem Tod 1989 lebte und arbeitete. Inzwischen ist es für die Öffentlichkeit zugänglich. Grund genug also für einen Besuch.

Das Anwesen liegt oberhalb von Antibes an einer langen Einbahnstraße. Da wir unserem Navi nicht recht vertrauten, baten wir mehrere Anwohner um Auskunft, die aber nur ratlos mit dem Kopf schüttelten:  Erstaunlicher Weise hatte keiner von ihnen etwas von der Fondation Hartung-Bergman  gehört…  Offenbar also ein echter „Geheimtipp“….

Die Fondation Hartung-Bergman in Antibes

In seinem Selbstportrait beschreibt Hans Hartung das Haus in Antibes so:

„Es ist weiß und umschließt zwei Patios, die mich an das Atrium Romanum erinnern, das mir seit meiner Schulzeit nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist, und dem ich in Italien und Südspanien wieder begegnet bin. Ein Patio mit freiem Himmel, aber rundum geschlossen, der andere nach Süden hin geöffnet; die Mauern des Gebäudes sind von einfachen Öffnungen durchbrochen; das ganze liegt inmitten eines Olivenhains. Zusammen mit Anna-Eva habe ich dafür die Pläne bis ins kleinste Detail gezeichnet.“ (S. 173)

Das Haus ist auch eine Reminiszenz an die frühe Ehezeit des Paares Hartung-Bergman auf Menorca Anfang der 1930-er Jahre. Dort hatte sich das junge Paar ein Haus auf den Felsen gebaut: „Es war ein großer, weißer Block, sehr schlicht, an der Höhe eines Hügels gebaut, mit weiter Sicht über Meer und Insel.“ (S. 71). Damit erinnerte es an die Häuser der spanischen Fischer:  schlichte weiße Würfel mit in die Breite gezogenen Fenstern. … Es war purer Minimalismus und wilde Romantik. Aber das Idyll währte nur kurz: Hartung und Bergman wurden von den spanischen Behörden der Spionage verdächtigt und mussten Fornells verlassen. Das Haus wurde im spanischen Bürgerkrieg zerstört.[10]

Das Haus auf Menorca[11]

Der Bau der Anlage in dem Olivenhain oberhalb von Antibes dauerte insgesamt sechs Jahre – eine Kraftprobe für Hartung und Bergman, bis endlich das Haus so geworden war, „wie wir es uns erträumt hatten.“ (Selbstportrait, S. 175).  Von 1973 bis zu ihrem Tod (Bergman 1987, Hartung 1989) lebten und arbeiteten die beiden Künstler hier.

„1994 gingen die Gebäude an die Fondation Hartung-Bergman über. Sie wurde zum Erhalt des Werks beider Künstler gegründet. Die Stiftung verfügt nicht nur über den größten Bestand an Originalwerken von Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, sondern ebenso über ein bedeutendes Archiv in Form von Werkkatalogen, Skizzen, Fotografien und Notizbüchern, sowie der beachtlichen Privatbibliothek der Künstler. Bisher war es jedoch nur Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern oder auf Anfrage auch kleinen Gruppen von Privatpersonen gewährt, diesen Schatz sowie die Original-Ateliers der Künstler in Augenschein zu nehmen.“[12]  Seit 2022 sind nun auch individuelle Besuche möglich.  

Bilder und Texte zu den wichtigsten Lebensstationen der Künstler sind in dem neuen turmähnlichen Eingangsgebäude angebracht, das sich nahtlos in die Ursprungsarchitektur einfügt und als erste Station auf dem Rundgang dient.

Danach gelangt man in den Olivenhain mit den teilweise zweihundert Jahre alten Bäumen. Die Fotos von der Fondation: F. und W. Jöckel

Im Schatten der alten Bäume gibt es Sitzgelegenheiten und einen kleinen Stand mit Getränken und mittags auch mit landestypischen Spezialitäten. Ein wunderbarer Ort der Ruhe und der Einstimmung in den genius loci.

Und dann geht es zum Herzstück der Fondation: den ehemaligen Ateliers der Künstler, die teilweise zu Ausstellungsräumen umgestaltet wurden.

Immer wieder gibt es dort Ausblicke nach draußen: „Die Fenster sind meine Bilder“, schreibt Hartung. „Durch sie zeichnet sich eine unbewegliche Landschaft ab, doch mit einem ständig sich wandelnden Himmel, der durch die silbernen Blätter der Olivenbäume schimmert.“ (Selbstportrait, S. 176)

Im ersten Gebäude befinden sich die ehemaligen Arbeitsräume von Anna-Eva Bergman. Hartung hatte die junge Norwegerin 1929 in Paris auf einem Fest der Skandinavier kennengelernt.

„Auf diesem Ball habe ich mich heftig gelangweilt, weil ich die Sprache der Tänzerinnen nicht verstand. Bis ein zierliches jungen Mädchen mit großen, blauen Augen auftauchte. Sie war zwanzig Jahre alt, hieß Anna-Eva Bergman und sprach fließend deutsch. Ich wich den ganzen Abend nicht mehr von der Seite. Das war am 9. Mai 1929. Am 11. Mai, als wir uns zum zweiten Mal sahen, gestanden wir es uns gegenseitig: wir hatten uns ineinander verliebt. Am 25. Mai bei einem Ausflug nach Versailles kam es durch die Sonne, die zarten Kräuter, den Duft der Liebesgeschichten von einst, der immer noch in dieser Welt der Spiegelgläser und des Reichtums des Palastes schwebt, zu dem, was kommen musste: wir beschlossen, zu heiraten!“ (S.63)

Allerdings wurde die Ehe 1938 wieder geschieden. Einer der Gründe für Bergmans Trennung von Hartung war die Erkenntnis, dass sie sich nur allein, in völliger Unabhängigkeit künstlerisch entwickeln könnte.[13]  1939 heiratete Hartung die Tochter des spanischen Künstlers Julio Gonzáles, in dessen Haus und Atelier bei Paris er damals lebte und arbeitete. 1952 nahmen aber Hans Hartung und Eva-Maria Bergman ihre Beziehung wieder auf. Sie trennten sich von ihren jeweiligen Ehepartnern, vermählten sich 1957 erneut und blieben bis zu ihrem Tod zusammen.

Im ehemaligen Atelier von Anna-Eva Bergman kann man einige ihrer eindrucksvollen Bilder betrachten und bewundern.

 Die teils mehrere Meter oder nur handgroßen Gemälde im minimalistisch abstrakten Stil bestechen durch ihre ungeheure Leuchtkraft, die etwas Sakrales hat. Von Horizonten erzählen sie, von den Felsen und vom Licht der norwegischen Landschaften, von den Himmelskörpern und dem Universum.  Die norwegische Malerin – immer auf der Suche nach Licht – entwickelte eine ganz eigene Technik, indem sie Blattsilber oder Blattgold auf mit Acrylfarbe bearbeitete Leinwände auftrug und dann die metallisierte Fläche mit Ritzungen und Übermalungen bearbeitete.[14]

Anna-Eva Bergman, Cap d’Antibes 1974  (Acrylfarbe und oxydiertes Kupferblatt auf Leinwand)

Anna-Eva Bergman, La nuit 1959 (Ölfarbe und Metallblatt auf Leinwand)

Anna-Eva Bergman N°42A-1966 Oxydation A (1966)  32×49,5 cm

Von 31. März bis 16. Juli 2023 wird im Musée d’Art moderne de Paris die erste große Retrospektive präsentiert, die Anna-Eva Bergmann gewidmet ist. In der Ankündigung der Ausstellung wird sie als eine „Schlüsselfigur der Nachkriegsmalerei“ bezeichnet, als „freie und visionäre Künstlerin“, und ihr Werk als eine eindrucksvolle Hommage an die Schönheit der Natur, an die Landschaften des Nordens und des Mittelmeers.[15]  Zu dieser Ausstellung ist auch ein Blog-Bericht geplant.

Ausstellungsplakat in einer Pariser Metro-Station

Im „Heiligtum der Fondation“

Neben den Ausstellungsräumen Bergmans befindet sich das Atelier Hartungs mit seinen Nebenräumen, die jetzt für Ausstellungen genutzt werden. Anhand selten gezeigter Werke, wie dem Selbstporträt von 1922, lässt sich dort der Weg des Künstlers von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion nachvollziehen.

T 1956-26 (1956) 122 x 180 cm

Hier sind natürlich auch „die ausgefächerten, aus der Ferne an Palmenblätter erinnernden dunklen Formkonstellationen“ zu sehen, „die seine Arbeiten der 1950-er Jahre beherrschen und die zu einer ikonischen Formel für sein Werk wurden.“[16]

T1958-3 (1958)  92 x 73 cm (Ölfarbe auf Leinwand)

Diese großen Gemälde haben unverkennbar ihren Ursprung in kleineren Tuschezeichnungen. Diese Skizzen waren in den langen Jahren großer Armut für Hartung die einzige Möglichkeit künstlerischer Arbeit. In seinem Selbstportrait berichtet er von dem Besuch im Atelier eines englischen oder amerikanischen Malers in Paris, der ihm von Freunden empfohlen worden war:

„Er besaß ein riesiges Atelier mit ausgezeichneten Lichtverhältnissen. Der ganze Boden war übersät mit angefangenen, halbfertigen und sogar fertigen Bildern; überall verstreut lagen Farbtuben – vertrocknet, aufgeplatzt, zerquetscht, eine unglaubliche Vergeudung. Und ich, er ich nach dem letzten kleinsten Tropfen Farbe in meinen Tuben suchte, stand fassungslos, mit einem  Würgen im Hals, vor solcher Verschwendung. Ich stammelte schnell ein paar höfliche Worte und sah zu, dass ich von dort fortkam, damit man mir meine Entrüstung und Verzweiflung nicht anmerkte.“ (S.92)

Als Hans Hartung dann genug Geld für den Kauf von Leinwänden und Farben hatte, folgte er dem Rat eines Freundes, seinen Skizzen treu zu bleiben und sie -auch das Zufällige und Unvorhergesehene- auf die Leinwand zu übertragen. „Ihm habe ich zu verdanken, dass ich trotz meiner Armut über die ganze Zeit meiner düsteren Jahre hinweg eine gewisse Anzahl von Bildern ausführen konnte, ohne Gefahr zu laufen, die Hälfte davon zu verderben.“ Das, was so spontan und „gestisch“ erscheint, ist also oft – und oft auch zum Missfallen eines Teils der internationalen Kunstkritik-  das Ergebnis einer peniblen maßstabsgetreuen Übertragungstechnik.[17] Die große Bedeutung der Skizzen für sein Schaffen macht insofern auch verständlich, warum ihn der kriegsbedingte Verlust von in mehreren Jahren entstandenen Skizzen so sehr traf.

Direkt-spontan waren aber sicherlich diese Kieselsteine bemalt, die in der Stiftung ausgestellt sind.  In den 1950-er Jahren hatte Hartung an der Côte d’Azur „die unbekannte Welt der verzauberten Kieselsteine“ entdeckt, die er sammelte und im Stil dieser Jahre verzierte.  (Selbstportrait, S. 176).

Und „schließlich steht man im Heiligtum der Fondation: das vollkommen intakte Atelier, in dem Hartung bis zu seinem Tod arbeitete. Sein Rollstuhl steht vor einem Gemälde, daneben, fein säuberlich geordnet, für ihn angefertigte Pinsel, Bürsten, und die Sprühflasche, mit der er seine großformatigen Bilder direkt auf die Leinwand spritzte. Durch die Boxen tönt Bach, die Wände sind mit mehreren Schichten Farbspritzern bedeckt: Das Atelier wird sie (sic!) Teil eines Gesamtkunstwerks. Es fühlt sich so authentisch an, als würde Hartung gleich selbst erscheinen, um dem Gemälde auf der Leinwand noch schnell den letzten Schliff zu verleihen. Nirgends kann man dem Schaffensprozess von Hartung so nahe kommen, wie in diesem Raum, in dem absolut alles von der ungebrochenen Inspiration des Künstlers zeugt.“ [18]

Fotos des Ateliers: F. und W. Jöckel

Besonders auffällig und beeindruckend ist das gewaltige Arsenal an ungewöhnlichen Malerutensilien- Stahlbürsten, Gummipeitschen, Reisigbesen und Farbwalzen.

Dazu experimentierte Hartung auch mit Druckluftaggregaten: Zunächst mit einem umgebauten Staubsauger, dann mit einer Spritzpumpe, wie man sie auch im Garten verwendet, und schließlich einer Farbspritzpistole.

Die Wirksamkeit dieser technischen Hilfsmittel lässt sich an den zahllosen, nie übermalten Farbspritzern ablesen. „Als Zeichen eines ziemlichen Streuverlustes bedecken sie Boden und Wände, und man kann sich gut vorstellen, wie die Produktion seiner Arbeiten in dieser Alchimistenküche vonstattenging.“[19]

…. „Augenzeugen berichten von den Farbkaskaden, die auf die Bildern herabregneten, und von der Schnelligkeit, in der sich die Gestaltungsprozesse gerade in seinen letzten Lebensjahren vollzogen. 1988 entstehen in kurzer Taktung 216 Gemälde, 1989 (in Hartungs Todesjahr, W.J.) gar 360.“  Malen war also für Hartung nicht nur Experiment, sondern, wie Bettina Wohlfahrt ihren Bericht über die Ausstellung im Musée d’Art Moderne überschrieb, „das beste Mittel, um den Tod zu besiegen“.[20] Natürlich wird Hartung letztendlich dem Tod nicht entgehen, aber es ist doch eindrucksvoll, wie er nach den künstlerischen und körperlichen Verlusten der Kriegszeit mit großer Energie, Neugier und  Kreativität weiterarbeitet, ja sich in seinem Alter neu erfindet – ähnlich wie der Matisse der Scherenschnitte oder der späte Monet.[21]  Mit  den neuen Techniken gibt es keinen direkten Kontakt mehr zwischen der Hand des Künstlers und der Leinwand: Dies bedeutet auch ein Loslassen, eine Vorbereitung auf den Tod:  „Peindre pour apprendre, pour nous apprendre à mourir.“[22]  

Hartungs neue und experimentelle Mal- und Arbeitsweise bedeutete auch den radikalen „Abschied von jener ‚zeichnerischen‘ Geste, die lange ein Markenzeichen seiner Kunst war, ihn künstlerisch aber auch festgelegt hatte.“[23] Dieses Markenzeichen verlor Mitte der 1960-er Jahre auf dem Kunstmarkt immer mehr an Wert zugunsten der konsum- und medienfreundlichen Pop-Art eines Warhol und Lichtenstein. Nach und nach büßte Hartung den Nimbus des Avantgardisten ein und wurde in den Augen der Kunstkritik und der informierten Öffentlichkeit zum ‚Klassiker‘, zu einer nicht mehr künstlerischen, sondern nur noch kunsthistorischen Größe.

Insofern ist der Wechsel an die Côte d’Azur „auch als eine Art Rückzug zu werten. Er bot allerdings die Chance, sich künstlerisch neu zu definieren, eine Chance, die Hartung eindrucksvoll zu nutzen wusste.“ In seinen letzten Lebensjahrzehnten gelang es sich, sich „vom Mythos der eigenen Person zu lösen und in seinem selbst gewählten Exil eine neue Freiheit zu erlangen.“

T 1989-N10, 73 x 92 cm:  Das letzte Bild Hartungs (Fondation Hartung-Bergman)

Das Spätwerk Hartungs ist von einem Paradox geprägt: sein Leben wird immer mühseliger, seit dem Sommer 1987 ist er Witwer, seine Gesundheit ist angegriffen – „und dennoch bringt er eruptive Werke hervor.“[24] Seine letzte Arbeitssitzung fand am 16. November 1989 statt, 3 Wochen später, am 7. Dezember starb er.

Das Schwimmbad

Die Wohnräume des Künstlerpaares sind nicht zugänglich. Es ist aber möglich, bei einem Besuch der Fondation auch einen Blick auf den Swimmingpool Hartungs zu werfen, der im Herzen der weitläufigen Anlage liegt.

Zu Lebzeiten Hartungs war das Wasser sommers wie winters auf 35 Grad aufgeheizt und Hartung zog dort allmorgendlich seine Bahnen. „Umgeben von der blockhaften Architektur seines Anwesens ermöglichte es dem durch eine Kriegsverletzung behinderten Künstler das Eintauchen in eine amorphe Welt, die ihre Analogie in der dampfenden und sprühenden Bildsprache seines informellen Spätwerks findet.“[25]

Hans Hartung: Schwimmbad (Foto, Ausschnitt)

Bettina Wohlfarth schreibt in ihrem Artikel über die Hartung-Ausstellung im Musée d’Art Moderne (FAZ vom 20.10.2019): “Hans Hartungs intensives Schaffen mit fünfzehntausend Werken hat seinem Nachleben nicht nur gutgetan. (…) Es ist an der Zeit, dem deutsch-französischen Maler einer expressiven, lyrischen Abstraktion auf den Grund zu gehen, und seine wie besessene Suche nach der Emotion von Licht, Farbe und der malerischen Geste in den kunsthistorischen Kontext des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen.”

Verwendete Literatur:

Hans Hartung, Selbstportrait. Zusammengestellt und bearbeitet von Monique Lefebvre. Schriftenreihe der Akademie der Künste Band 14. Berlin 1981k

Hans Hartung. La fabrique du geste. Musée d’Art Moderne de Paris. Beaux Arts 2019

Hans Hartung. Malerei als Experiment. Werke 1962-1989. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bonn 2018

Simone Hoffmann, Eine langersehnte Eröffnung.  Fondation Hartung-Bergman in Antibes.. 17.5.2022  https://www.monopol-magazin.de/eine-langersehnte-eroeffnung-fondation-hartung-bergman-antibes

Beau Geste. Hans Hartung. Peintre et légionnaire. Paris: Gallimard/Fondation Hartung-Bergman  2016

Christoph Schreier, Das Bild als Ereignis- Hans Hartungs späte Gemälde. In: Hans Hartung. Malerei als Experiment. Werke 1962-1989. Katalog der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn 2018

Bettina Wohlfahrth, Künstler-Ehepaar in Antibes: Mit Malpistole und Spritzgerät. FAZ 7.8. 2022https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/villa-der-kuenstler-hans-hartung-und-anna-eva-bergman-in-antibes-18224290.html

Bettina Wohlfahrth, Hans Hartung in Paris: Das beste Mittel, um den Tod zu besiegen. FAZ 20.110.2019  Hans-Hartung-Retrospektive im Pariser Museum für moderne Kunst (faz.net)


Anmerkungen

[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/hans-hartung-retrospektive-im-pariser-museum-fuer-moderne-kunst-16439874.html

[2] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/04/01/der-maler-pierre-soulages-in-rodez-und-in-conques/ und https://paris-blog.org/2021/06/24/das-musee-fabre-in-montpellier-soulages-courbet-houdon-und/

[3] https://fresques.ina.fr/soulages/fiche-media/Soulag00044/pierre-soulages-et-hans-hartung.html In seinem Selbstportrait spricht auch umgekehrt Hartung von Pierre Soulages als seinem Freund. (S. 163)

[4] Schreier, S. 13

[5] Petruschkis Fahrt ins Blaue – Kapitel 7 – Hans Hartung, vom Kind zum Mann Blitze bannend — PETRUSCHKI .

[6] Selbstportrait S. 161. Zur Faszination, die Josephine Baker ausübte, siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

[7] Siehe dazu:  C’était un peu une question morale…. 18 février 1981. Entretien de Hans Hartung avec Laurence Bertrand Dorléac. In: Hans Hartung, peintre et légionnaire, S. 98ff.  Nachfolgendes Foto aus: https://www.legion-etrangere.com/mdl/page.php?id=507&titre=Hartung-de-tous-les-combats

[8] Hans Hartung im Gespräch mit Laurence Bertrand Dorléac. a.a.O., S. 106. In dem Gespräch spricht Hartung sogar vor einer Wahl, die er gehabt habe: nämlich einer Einladung nach New York zu folgen oder in der Legion gegen die Nazis zu kämpfen. Allerdings scheint es so zu sein, dass es diese Alternative für ihn gar nicht gab, sondern dass er erst nach dem Krieg davon erfuhr, dass es die hätte geben können. A.a.O., S. 106, Anm. 10

[9] Lebensbericht, S. 126/7.  Siehe dazu auch: Alexis Neviaski, Le légionnaire Hans Hartung …. dit Pierre Berton. In: Hans Hartung, peintre et légionnaire, S. 34 ff. Dort wird Hartung eher als heroisches Mitglied der Fremdenlegion präsentiert und seine Kritik an der Legion heruntergespielt. 1989 wurde Hartung sogar von der Legion als „un légionnaire exemplaire et représentatif“ herausgestellt. (a.a.O., S. 47)

[10]  Selbstportrait S. 173 und  https://www.monopol-magazin.de/eine-langersehnte-eroeffnung-fondation-hartung-bergman-antibes

[11] http://www.c-bentocompany.es/215844931?i=101634420

[12] https://www.monopol-magazin.de/eine-langersehnte-eroeffnung-fondation-hartung-bergman-antibes

[13]Bettina Wohlfahrt, Mit Malpistole und Bürste. FAZ 6. August 2022 https://www.maxhetzler.com/files/8616/6144/2895/08062022_Hartung_Frankfurter_Allgemeine_Zeitung.pdf

[14] https://www.monopol-magazin.de/eine-langersehnte-eroeffnung-fondation-hartung-bergman-antibes

und Bettina Wohlfahrt, Mit Malpistole und Bürste, FAZ 6.8.2022 https://www.maxhetzler.com/files/8616/6144/2895/08062022_Hartung_Frankfurter_Allgemeine_Zeitung.pdf

[15] https://www.mam.paris.fr/fr/expositions/exposition-anna-eva-bergman Siehe auch:  https://www.lemonde.fr/culture/article/2023/04/02/au-musee-d-art-moderne-de-paris-anna-eva-bergman-celebre-la-nature-brute_6167983_3246.html

[17] Selbstportrait, S. 86. Siehe dazu auch Judicaël Lavrador, Geste libre et pure expressivité? In: Hans Hartung, La fabrique du geste, S. 21

[18] https://www.monopol-magazin.de/eine-langersehnte-eroeffnung-fondation-hartung-bergman-antibes

[19] Schreier, S. 13/14, auch nachfolgendes Zitat.

[20] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/hans-hartung-retrospektive-im-pariser-museum-fuer-moderne-kunst-16439874-p2.html

[21] Zum „neuen“ späten Monet siehe den Bericht über die Monet/Mitchell-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton: https://paris-blog.org/2022/11/01/frank-gehrys-fondation-louis-vuitton-und-eine-ausstellung-mit-uberraschenden-bezugen-der-spate-monet-und-der-abstrakte-expressionismus-der-amerikanerin-joan-mitchell/

[22] Pierre Wat, Vaporisation du moi. In: Hans Hartung, peintre et légionnaire, S. 112

[23] Schreier, S. 13, auch die nachfolgenden Passagen sind wörtlich bzw. sinngemäß von dort übernommen.

[24] Hans Hartung, Malerei als Experiment, S. 107

[25] Schreier, S. 12