Am 11.8.2022 ist der Karikaturist und Zeichner Jean-Jacques Sempé kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben: Für mich Anlass, einen Blick auf zwei -mir besonders liebe- seiner wunderbaren Paris-Zeichnungen zu werfen und dann sein großes Wandbild in der rue Froissard im 3. Arrondissement vorzustellen.
Es gibt ein Bild, das, wie Andreas Platthaus in seinem Nachruf in der FAZ vom 12.8. schreibt, die Kunst von Sempé auf den Punkt bringt. „eine Ansicht von Saint-Sulpice, nur wenige Fußminuten entfernt von seinem Appartement, aber nicht der monumentalen Kirche mit ihrem weltberühmten Delacroix-Altarbild des mit dem Engel ringenden Jakob, sondern des baumbestandenen Vorplatzes, um den Passanten und Motorradfahrer kreisen – ‚Paris comme elle faut‘. Und ganz oben überm Häuserrand der Platzbebauung reckt sich auf dem halbmetergroßen Blatt die moderne Tour Montparnasse in den Himmel. Dieses Hochhaus empfand Sempé als Gruß seiner ersten an die zweite Lieblingsstadt, an New York.“[1]
Der Platz, von dem aus diese Perspektive sich öffnet, ist -etwas erhöht- das Café de la Mairie. Dort sitzen wir gerne nach einem Chorkonzert, an dem ich -wie zuletzt ein paar Tage vor dem Tod Sempés- teilnehmen durfte. In diesem Café hatte sich auch der französische Schriftsteller Georges Perec niedergelassen, um ein kleines außergewöhnliches Büchlein über diesen Platz zu schreiben: tentative d’épuisement d’un lieu parisien. An drei aufeinander folgenden Tagen hatte Perec alles aufgeschrieben, was er beobachtete: gewöhnliche, eigentliche unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Der volle Bus Nummer 96, der vorbei fährt, ein Mann, der die Kirche verlässt, das Geräusch der vom Wind bewegten Blätter, die Tauben auf dem Platz, zwei kleine Hunde „genre Milou“- (der Hund Tintins) – und so weiter- auf 41 Seiten: „Die tausend unbeachteten kleinen Details, die das Leben in einer großen Stadt ausmachen“, wie es auf dem Klappentext des Buches heißt. Dort wird eine Parallele zu den Beobachtungen Monets an der Kathedrale von Rouen hergestellt: „un regard, une perception humaine, unique, vibrante, impressioniste, variable“. Passt das nicht auch zu Sempé?[2]
Eine andere Zeichnung mit einem für uns ganz persönlichem Bezug ist diese Ansicht auf die typischen Pariser Zinkdächer mit ihren kleinen tönernen Kaminschloten.[3] Es gibt sogar Bemühungen die „toits de Paris“ in das immaterielle UNESCO-Welterbe aufzunehmen. Sempé wirft aber einen ganz besonderen und für ihn charakteristischen Blick darauf. Da haben es sich zwei auf dem Dach -über einem der typischen Dachfenster, den sogenannten œils de bœuf, gemütlich gemacht und genießen die Sonne… Wäre da nicht die Frau oben in einem der früher für die Hausangestellten bestimmten bonne-Zimmer unter dem Dach, die gerade ihr Spülwasser in den Ausguss schüttet. Und wäre da nicht das Leck in der Dachrinne…. Wie treffend! Wir können davon ein Lied singen: In unserem kleinen Appartement unter den Dächern von Paris haben wir schon zweimal einen Wasserschaden gehabt wegen eines Lecks im Zinkdach. Beim zweiten Mal habe ich den von der Hausverwaltung zur Reparatur engagierten Dachdecker (couvreur-zingueur) etwas entnervt gefragt, ob wir denn nun damit rechnen könnten, von weiteren Wasserschäden verschont zu bleiben. Da zuckte er nur mit seinen Achseln: Wer könne das schon wissen… les toits de Paris…
Aber nun zum Wandbild Sempés in der rue Froissard im 3. Arrondissement von Paris:
Foto: Wolf Jöckel, September 2022
Als dieses Wandbild entstand -eingeweiht wurde es im Februar 2019- war Sempé schon 86 Jahre alt, also etwas zu alt dafür, ein solches monumentales Wandbild zu erstellen, das bis auf eine Höhe von 10 Meter heranreicht. Die Aufgabe wurde also Jean-Marie Havan übertragen, einem Maler mit 40-jähriger Berufserfahrung.[4] Der erzählt:
„Seit meiner Jugend war ich ein Fan von Sempé. Also war ich glücklich über diesen Auftrag. Meine größte Angst war, es könne ihm nicht gefallen. Ich habe deshalb zuerst lange und ausführlich seine Art zu zeichnen und zu malen studiert und eine ganze Reihe von Kopien der originalen Zeichnung angefertigt, bevor ich mich an die Arbeit gemacht habe.“
Eine besondere Schwierigkeit bestand darin, dass dieses Original 50 mal 30 cm maß, die Mauer aber 4,5 mal 6,5 Meter, die kleine Zeichnung musste also entsprechend vergrößert werden, dabei aber ihren ursprünglichen Charakter bewahren.
Jean-Marie Havan bei der Arbeit auf dem vierstöckigen Gerüst [5]
Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass es sich bei dem Original um ein Aquarell handelte und Havan versuchen musste, auch diese Technik auf die Hauswand zu übertragen. Dazu kam, dass diese Wand nicht ganz glatt war, was entsprechende Anpassungen erforderlich machte.
200 Stunden arbeitete Havan an seinem Werk. Sempé hat ihn dabei besucht. Er sei zufrieden gewesen gewesen und und habe dem Bild seinen Segen gegeben, so dass es auch mit seinem Signum versehen werden konnte.
Foto: Wolf Jöckel, September 2022
Dass Sempé gerade dieses Motiv für das Pariser Wandbild ausgewählt hat, ist sicherlich seiner großen Leidenschaft, dem Fahrradfahren, zu verdanken. In seinem Leben und Werk spielt das Fahrrad ja eine bedeutende Rolle. Für Sempé war das Fahrradfahren „ein einfaches Mittel, frei zu sein. Du nimmst deine Hände vom Lenker und kannst fahren, wohin du willst.“[6]
Freiheit auf dem Fahrrad: Sempé-Münze von 2014
Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, hat dieses Thema bei der Einweihung des Wandbildes natürlich gerne aufgenommen, will sie doch -mit einer bei französischen Politikern verbreiteten Großmäuligkeit- Paris zur „capitale mondiale du vélo“, zur „Welthauptstadt des Fahrrads“, machen. In ihrer Rede betonte sie deshalb auch die Rolle des Fahrrads für die Stadt Paris, wo die Abhängigkeit vom Auto geringer sei als anderswo, und sie rühmte dann auch gleich ihre (in der Tat beeindruckende) Bilanz bei der Schaffung von Fahrradwegen in der Stadt.[7]
Aber es geht bei der Zeichnung/dem Wandbild ja nicht einfach nur um ein Lob des Fahrradfahrens, sondern es geht auch um (fehlende) Kommunikation: Die Fahrradfahrerin und der Fahrradfahrer fahren aneinander vorbei. Sie fahren zwar aus unterschiedlichen Richtungen kommend genau aufeinander zu, aber dann biegt der jeweilige Weg ab, sie sehen sich nicht an, fahren in entgegengesetzter Richtung weiter… Das ist Sempé…
Foto: Wolf Jöckel, 14. September 2022
Und das ist sein petit Nicolas, sein kleiner Nick. Der wurde -vermutlich von Jean-Marie Havan- nach dem Tod Sempés dem Wandbild hinzugefügt und weint seinem Schöpfer eine Träne nach. Eine schönere und anrührendere Würdigung Sempés kann es kaum geben.
Anmerkungen:
[1]Andreas Platthaus, Frankreich für die ganze Welt. Er liebte das Leben, und weil er das zeichnete, wurde er zurückgeliebt: Zum Tod des Jahrhundertcartoonisten Jean-Jacques Sempé. In: FAZ vom 12.8.2022
Im November 2014 haben wir eine neue Wohnung im 11. Arrondissement bezogen. Sie ist sehr klein, und manche Freunde fragen sich, wie wir es auf so engem Raum zusammen aushalten. Aber dafür gibt es eine kleine Terrasse, von der aus man einen schönen Blick auf Paris hat. Leider wurde ein Teil des Panoramas in den 1970-er Jahren durch einen massiven 08/15- Wohnblock verstellt, so dass wir vom Eiffelturm nur noch nachts die kreisenden Lichtstrahlen sehen, aber es gibt immerhin doch noch genug zu sehen:
Die Dächer von Paris „les toits de Paris“ , der Turm des Gare de Lyon und die Hochäuser des „Chinesenviertels“ im 13. Arrondissement
Hier noch einmal im Februar 2018- einem für Paris außergewöhnlich schneereichen Monat. Die „Dächer von Paris“ wurden übrigens im Dezember 2024 ins immaterielle Welterbe der UNESCO aufgenommen. Sie sind ja seit dem umfassenden Stadtumbau des 19. Jahrhunderts überwiegend mit Zink gedeckt. Fast 80% der Parise Dächer sind mit Zinkblechen bedeckt, sodass eine von der UNESCO gewürdigte „einzigartige Stadtlandschaft“ entsteht. Anerkannt werden damit von der UNESCO das Wissen und die Fähigkeiten der Zinkdachdecker, Vertretern einer traditionellen Handwerkerkunst. (FAZ vom 6.12.2014 und https://www.rheinzink.de/journal/trends/pariser-daecher-unesco-kulturerbe/ ).
Im Rahmen des Wiederaufbaus von Notre-Dame nach dem schrecklichen Brand von 2019 wurde auch die Arbeit dieser Dachdecker präsentiert, wobei allerdings die Dächer der Kathedrale nicht mit Zink, sondern dem länger haltbaren Blei gedeckt waren und -trotz der Umweltproblematik- auch wieder mit Blei gedeckt sind.
Die Dächer von Paris eignen sich auch als Ambiente für Modefotografie. Delphine Bürkli, Bürgermeisterin des neunten Pariser Arrondissements, die die UNESCO-Bewerbung für die Dächer von Paris betrieben hat: „Paris ohne seine Dächer ist wie Paris ohne seinen Eiffelturm“….
La Défense (ohne Fotobearbeitung!)
Die Türme und der Dachreiter von Notre Dame, dazwischen ein Turm von Saint Sulpice und links die Kuppel von St Paul
Notre Dame im Farbenspiel des Sonnenuntergangs ist immer faszinierend:
Sonnenuntgergang über den Türmen von Notre Dame März 2023 – noch Baustelle und ohne neuen Dachreiter
Hier noch einmal das abendliche Panorama – wie es vorher war- rmit dem Fesselballon vom Parc André Citroen
Der Wohnblock, der uns den Blick auf den Eiffelturm versperrt, ist uns natürlich ein großes Ärgernis (dazu auch noch ein Kasten ohne den geringsten architektonischen Anspruch), wenn dann aber der Rauch im Schein der untergehenden Sonne glüht, ist das ein kleiner, aber auch schnell vergänglicher Trost.
Die Bibliothèque Nationale in der Abendsonne
Seit 2021 gibt es im Osten von Paris eine neue Attraktion: Das schräge Hochhaus des französischen Star-Architekten Jean Nouvel. Allerdings finde ich den Bau eher etwas effekthascherisch. Ich finde jedenfalls, dass er keine Bereicherung der Pariser Silhouette ist. Aber wer weiß….
Hier wird die Silhouette im Westen bereichert durch einen Kran in den Farben der Tricolore. Das ist Frankreich! Kann man sich in Deutschland einen schwarz-rot-gold angemalten Kran vorstellen?
Am 14. Juli kann man die Militärflugzeuge sehen, die an der großen Militärparade auf den Champs Elysées teilgenommen haben
Hier ist es ein Tankflugzeug mit Begleitung beim Anflug auf die Militärparade vom 14. Juli 2024.
In der Mitte -unübersehbar-der Tour Montparnasse, links die Julisäule auf der Place de la Bastille mit dem bei Sonne leuchtenden goldenen Génie de la Liberté und dahinter die Kuppel des Pantheons, hier noch während der Restaurierungsarbeiten mit Kran
Nachts sieht das etwa so aus- jetzt ist die Kuppel renoviert und nachts beleuchtet:
Hier ist der Tour Montparnasse blau beleuchtet, manchmal aber auch rot.
Das große Feuerwerk am Eiffelturm am 14. Juli können wir leider von unserer Terrasse nicht sehen – das verhindert der Wohnblock der 70-er Jahre, der uns den Blick versperrt. Aber dafür bekommen wir etwas mit von dem jährlichen Riesenfeuerwerk der Domaine de St. Cloud. (https://www.le-grand-feu.com/)
Es ist nach Angaben der Veranstalter „das größte Feuerwerk Europas“ und dauert zwei Stunden.
Auch wenn St. Cloud im Westen der Stadt liegt – 25 km von uns entfernt- kann man doch etwas von dem Spektakel sehen.
Manchmal ist der Blick auf die Stadt ziemlich getrübt, wie im März 2016:
Da konnte man die Kuppel des Pantheons nur noch erahnen, der Tour Montparnasse war völlig im Dunst verschwunden. Ursache war die massive Feinstaubbelastung -verursacht vor allem durch die in Frankreich mehrheitlich benutzten Dieselfahrzeuge und eine längere ungünstige Wetterlage. Am 16.3. soll Paris sogar -nach Information von Les Echos vom 19.3.2016- weltweit die Stadt mit der größten Luftverschmutzung gewesen sein. Nach langem Hinhalten sah sich sogar die „Umweltministerin“ genötigt, endlich der von der Stadt Paris geforderten Einführung von Verkehrsbeschränkungen zuzustimmen.
Sehr gefreut haben wir uns im Frühjahr 2016 allerdings über das „Starenbalett“, das wir von unserer Terrasse aus beobachten konnten. Die abendlichen Flugvorführungen der Starenschwärme waren ein grandioses Schauspiel. (Siehe dazu den Blogbeitrag „Die Stare vor unserem Fenster: deutsch-französische Sichtweisen“ vom Juni 2016 /Wir in Paris: https://paris-blog.org/2016/06/24/unsere-freunde-die-stare/ ) Die deutsch-französischen Sichtweisen, von denen im Titel des Blogbeitrags die Rede ist, könnten übrigens, wie ich zu meiner Überraschung festgestellt habe, kaum unterschiedlicher sein: des einen Freund ist des anderen Feind…
Seitlicher Blick auf den Square de la Roquette mit den beiden Torhäusern des ehemaligen Frauengefängnisses „La petite Roquette“ – Wir wohnen da, wo einmal das Gefängnis der Männer und der zum Tode Verurteilten stand… Man kann sogar (allerdings nicht auf diesem Bild) die meist zugeparkten fünf Basaltplatten erkennen, auf denen die Guillontine aufgebaut wurde. (siehe dazu den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand, La Grande et La Petite Roquette)
Zwei Häuser weiter wurde inzwischen ein Studentenwohnheim eingerichtet. Dazu gehört auch ein komfortabler Dachgarten mit Plastikcouchs und drei kapitalen Olivenbäumen, die mit einem Kran hochgehievt wurden. Die Studenten lieben offensichtlich -wie wir- den freien Blick und den hat man vor allem von den beiden Ausgängen der Aufzugsschächte.
Manchmal wird auch etwas gefeiert, aber das hält sich eher in Grenzen. Manche Bewohner/innen unseres immeuble oder der benachbarten -Wohnblocks sind da wesentlich rücksichtsloser. Trotzdem haben wir es aber noch nie erlebt, dass die Polizei wegen ruhestörenden Lärms eingeschritten wäre. Seit 2023 sieht man dort allerdings keine Studenten mehr, auch um die Olivenbäume scheint sich niemand mehr zu kümmern. Vielleicht gab es doch Proteste von Anwohnern?
Angestellte des benachbarten Verlags So Press spielen in der Mittagspause Fußball: Die Spieler, die den Kreis bilden, müssen sich den Ball so zuspielen, dass der Spieler in der Mitte ihn nicht berühren kann. Ich beobachte das sehr gerne, weil sie das auch sehr gut machen. Der Verlag, ein erfolgreiches Start-up, hat seinen Sitz im Erdgeschoss des gegenüber liegenden Wohnblocks. Es ist, wie Le Monde schreibt, „un ancien théâtre du 11e arrondissement de Paris, quartier branché de la capitale.“ (Le Monde, 6.3.2018, médias & pixels, S. 8) Manchmal wird dort auch gefeiert, natürlich bei geöffneten Fenstern. Aber das muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man in einem „trendigen Viertel“ lebt.
Und manchmal gibts auch Musik, dann freuen sich nicht nur die jungen Leute des Verlags, sondern auch die Bewohner der Häuser daneben und gegenüber, die dann auch nicht mit Trinkgeld geizen, das der Trompetenspieler zugeworfen bekommt.
Hier dient die Straßenecke leider als Müllabladeplatz. Müll und Dreck sind in Paris -gerade auch in unserem 11. Arrondissement- ein sehr wichtiges kommunalpolitisches Thema. Aber wirklich gebessert hat sich nach unseren Beobachtungen leider wenig. Immerhin: Als ich einem bei der Mairie unseres Arrondissements angerufen und mich über den vor unserer Haustür verstreuten Abfall beklagt habe, wurde ich durchaus Ernst genommen: Einen Tag später war ein Reinigungstrupp da.
Die Straßenecke diesmal ohne Fußballspieler, aber mit einer Mülltonne, die die jungen Fußballer ab und zu für Zielübungen verwenden; und mit Markierungen für die zu erwartenden Verlegungen neuer Leitungen- eine besonders Art der Street-art…
… wie auch diese Maus am Haus gegenüber….
Nach abgeschlossener Leitungsverlegung werden die Gehsteige wieder asphaltiert. Das machen Arbeiter mit einem schwarzafrikanischen Migrationshintergrund.
Immerhin haben hier die Arbeiter genügend Platz zwischen zwei geparkten Autos hindurchzulaufen. Das ist etwas Besonderes, denn meistens sind die Autos Stoßstange an Stoßstange geparkt. Einmal hörten wir drunten ein lautes Krachen und Lachen: Wir liefen auf die Terrasse und sahen, wie zwei junge Männer gerade dabei waren, einen kleinen Lieferwagen in eine enge Parklücke zu manövrieren. Dabei rammten sie jeweils das davor- und das dahinter geparkte Auto, um die Parklücke so zu erweitern, dass für ihr Auto genügend Platz war. Und jedes Mal, wenn es dabei krachte, war die Freude groß.
Dieses Bild ist in der Nacht vom 2. auf den 3. April 2020 aufgenommen, also während des Corona-Virus- Ausgangssperre. So viele freie Parkplätze gibt es da noch nicht einmal während der Sommerferien, wenn viele Pariser ausgeflogen sind. Aber kurz vor Beginn der Ausgangssperre haben ja etwa 1 Million Menschen des Großraums Paris fluchtartig die Stadt verlassen und sich in ihre Ferienhäuser auf dem Land abgesetzt – ein Prozess, der sogar mit dem gewaltigen Exodus vieler Pariser 1940 beim Anrücken der deutschen Wehrmacht verglichen wurde: Also freie Parkplätze in Hülle und Fülle.
Abends Punkt 8 Uhr wird es aber in der Zeit des Corona-Virus- confinements in der Straße lebendig. Da gehen viele Fenster auf und es wird laut Beifall geklascht für das medizinische Personal, das in Frankreich, und gerade auch in der wesentlich betroffenen Region Île-de-France an „vorderster Front“ bei der Bewältigung der Krise steht. Der militärische Ausdruck nimmt die offizielle und weit verbreitete -aber auch mit Recht kritisierte- Terminologie auf: Danach befindet sich Frankreich im Kriegszustand und es wird die „union sacrée“ aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs beschworen. Das Klatschen und Topfschlagen ist aber eine schöne und auch nachbarschaftliche Geste, an der wir uns gerne beteiligen. Da winkt man sich auch untereinander zu und kommt- wenn auch über die Straße hinweg- mit Leuten in Kontakt, die man bisher noch nie wahrgenommen hat. (5. April 2020)
Und in Zeiten der massiven Ausgangsbeschränkungen (confinement) ist es natürlich ein Glück, wenn man -wie wir- eine kleine Terrasse hat oder wenigstens -wie die junge Dame im Haus gegenüber- wenigstens ein winziges Balkönchen- das normalerweise nur -wenn überhaupt- für ein paar Blumentöpfe verwendet wird.
Arbeiten an der Fassade gegenüber (November 2023)
Manchmal haben wir auch auswärtigen Besuch auf unserer Terrasse:
Vögel sitzen auch gerne auf dem (für uns ärgerlichen) Funkmast gegenüber. Im Oktober 2021 haben wir dort zum ersten Mal auch einen Papagei gesehen. Der kam vermutlich vom Père Lachaise, wo er inzwischen heimisch ist.
Ganz selten gibt es auch mal Schnee auf der Terrasse, wie im Februar 2018:
Aber dann ist der Frühling umso willkommener.
….. auch abends, wenn man schon draußen sitzen kann…
Wenn man aufs Dach steigt, hat man eine besonders schöne Aussicht: sogar die Sptze des Eiffelturms und vor allem das Panorama von Montmartre mit der Kirche Sacre Coeur (im Morgendunst)
… und seitlich sieht man die Kirchen Notre Dame du Perpetuel Secours am Boulevard de Ménilmontant und Notre Dame de la Croix in Ménilmontant.
Aber um diese Blicke genießen zu können, müssen schon Handwerker da sein, die auf dem Dach zu tun haben. Bei den Reparatur-anfälligen Pariser Zink-Dächern kann das allerdings öfters mal vorkommen…. Diese Zink-Dächer sind zwar -seit dem Stadtumbau des Barons Haussmann- typisch für die Pariser Bauten, aber im Blick auf die Klimaveränderungen und die ansteigenden Temperaturen gerade auch in einer so eng bebauten Stadt wie Paris, eher problematisch. Ein französischer Experte für klimagerechtes Bauen und Fan des Barons sieht in diesem Bereich jedenfalls Veränderungsbedarf und schlägt vor, die Zink-Dächer weiß anzustreichen. (Le Parisien vom 31.3.2023)….. Das werden wir aber wohl kaum noch erleben, dass es so weit kommt. In unserem Immeuble -wie in vielen anderen- ist man ja immer noch nicht so weit, die Heizkosten entsprechend dem individuellen Verbrauch abzurechnen….
Allerdings ist jetzt (September 2023) vorgesehen, dass das Dach unseres immeuble erneuert werden soll- es gab viele Infiltrationen -auch bei uns- und Reparaturen waren an der Tagesordnung. Im Haus nebenan ist man schon so weit:
Die Technik ist übrigens die gleiche wie bei Notre Dame, dessen Dach gerade nach dem großen Brand neu gebaut wird – nur dass bei Notre Dame statt Zink Blei verwendet wird, das wesentlich haltbarer ist…
Hier ist Notre Dame noch ohne Dachreiter und mit Notdach:
Und schade ist, dass die Türme von Notre Dame nachts nicht mehr angestrahlt sind. Dabei wäre das doch ein trotziger Ausdruck der Zuversicht: Wir lassen uns nicht unterkriegen!
Statt des Dachreiters gibt es seit Dezember 2019 einen riesigen Kran, der zunächst zur Beseitigung des im Brand zerstörten Gerüsts benötigt wird. Man ist also immer noch mit Aufräumungs- und Sicherungsmaßnahmen beschäftigt. Dass, wie von Macron vollmundig angekündigt, Notre Dame schon 2024 zu den Olympischen Spielen wieder in neuem Glanz erstrahlen wird, ist da kaum vorstellbar…. Nach Stand der Dinge (Sept 2023) soll zu den Olympischen Spielen zwar schon der Dachreiter fertiggestellt sein, die offizielle Eröffnung der Kathedrale ist allerdings erst für den 8. Dezember 2024 vorgesehen.
Es geht voran! Der weiße Riesenkran ist für die neue Dachkonstruktion zuständig. Es ist auch schon die hölzerne Pyramide über der Vierung erkennbar, auf der noch in diesem Jahr (2023) der neue/alte Dachreiter errichtet werden soll. (Foto aufgenommen am 27.7.2023)
Das Dach unseres immeuble wird erneuert – erste Etappe ist die Errichtung eines Gerüsts. Die Arbeiter stammen -wie nach unseren Beobachtungen die meisten Gerüstbauer in Paris- aus Afrika, „unsere“ aus Zaire. Sie sind sehr freundlich und freuen sich, wenn man ihnen einen Kaffee anbietet. Hoffentlich sind es keine sans papiers, die entsprechend ausgebeutet werden!
Blick auf die Stadt durch die Baugerüste und den Schutzvlies. Der Dachreiter von Notre-Dame ist fertig, aber der große Kran bleibt und die Kirche wird noch lange eine Baustelle sein.
Hier der Blick auf eine neue Baustelle: Es ist der Tour Triangle am Pariser Messegelände, dessen Bau lange umstritten war: Es gab Bedenken, ob ein solcher zunächst fast ausschließlich für Büro geplanter Bau aufgrund der Veränderung der Arbeitswelt (homeoffice) noch erforderlich sei. Das wurde insofern berücksichtigt, als nun auch eine gemischte, teilweise (1/3) auch für die Öffentlichkeit zugängliche Nutzung vorgesehen ist. Und dann gab es Warnungen der UNESCO vor dem Bau dieses und weiterer Wolkenkratzer, da Paris eine der seltenen erhaltenen horizontalen Städte sei. Auch das wurde insofern berücksichtigt, als die ursprünglich vorgesehene Höhe von 200 Metern auf 180 Meter (44 Stockwerke) reduziert wurde. Damit wird er aber immer noch das dritthöchste Gebäude in der Stadt Paris sein nach dem Eiffelturm (330 Meter) und dem Tour Montparnasse (210 Meter, mit geplanter Aufstockung 228 Meter). Entworfen wurde der Bau von der Schweizer Agentur Herzog & de Meuron, die auch die Elbphilharmonie in Hamburg geplant haben. Für uns ist das ein weiterer „Hingucker“ von unserer Terrasse.
Aber nicht nur das Dach wird erneuert, sondern auch unserer Terrasse. Deren Umrandung muss im Rahmen der Dacherneuerung ersetzt werden, und zwar -natürlich- mit Zink.
Die Arbeiten mit dem Zink sind ziemlich aufwändig und erfordern viel handwerkliches Wissen und Geschick. Der verantwortliche couvreur heißt Michel und ist ein sehr freundlicher Mensch und ein sehr stolzer Handwerker.
Er ist auch zuständig für die Erneuerung des Terrassenbodens. Der war mit Bleiplatten bedeckt, die ziemlich marode waren. Also haben wir uns entschlossen, den Boden, für den wir zuständig sind, auf eigene Kosten zu erneuern. Und diese Erneuerung muss wieder mit Bleiplatten erfolgen. Das ist nicht nur sehr teuer, sondern sehr aufwändig, weil die Umweltauflagen gerade nach dem Brand von Notre-Dame noch einmal deutlich erhöht wurden. So darf das alte Blei nicht durch das Haus entsorgt werden, sondern nur nach außen- über das Gerüst… Aber Michel ist von den Vorzügen des Bleibodens voll überzeugt. Für die nächsten 100 Jahre hätten wir jetzt Ruhe….