Dieses Bild kennt wohl fast jeder, der in Frankreich zur Schule gegangen ist: Ludwig XIV. im Krönungsornat: Der Sonnenkönig, der Frankreich 52 Jahre, länger als jeder andere, regierte, in dessen Glanz sich die „Grande Nation“ bis heute noch gerne sonnt; mit Napoleon und de Gaulle der bekannteste Franzose. Franzose? Was denn sonst? Da kann es doch nicht den geringsten Zweifel geben. Oder vielleicht doch? „Verrückt, alle diese Ausländer, die die Geschichte Frankreichs gemacht haben.“ Ludwig XIV, ein Ausländer?! Das kann doch nicht wahr sein! Aber immerhin: „Mutter spanisch, Großmutter österreichisch“. Die Botschaft: Selbst der Sonnenkönig hatte einen Migrationshintergrund! [1]
Natürlich ist das eine Provokation und soll es auch sein.. Denn es handelt sich um das Werbeplakat für die neue Dauerausstellung des Musée national de l’histoire de l’immigration in Paris, die nach dreijähriger Unterbrechung im Juni 2023 eröffnet wurde. Es will ein spannendes modernes „musée pour tout le monde“ (Museum für alle) sein: Immerhin sei die Immigration integrativer Bestandteil der französischen Geschichte und immerhin sei, wie die Ausstellungsmacher betonen, jeder 3. Franzose Einwanderer oder Kind bzw. Enkelkind von Einwanderern.[1a] Besonders junge Menschen fühlen sich angezogen, die auf der Suche nach mehr Wissen über ihre Migrationsgeschichte sind. Und dies an einem Ort, der selbst schon Geschichte geschrieben hat, da das Gebäude zur Kolonialausstellung 1931 errichtet wurde.
Allerdings betritt der Besucher den monumentalen Art-déco-Bau nicht mehr über den großen von Löwen flankierten Eingang wie früher. Jetzt nähert man sich bescheiden von der Gartenseite auf einem kleinen Weg, vorbei an erläuternden Tafeln zur Geschichte des Palais de la Porte dorée und einem Schwimmer:
Er verweist auf die mörderische Fluchtroute über das Mittelmeer.
Angelangt an den Reliefs der Außenfassaden unter den Kolonaden, gibt es Erstaunliches zu sehen. Ganz ohne Scham werden die angeeigneten Rohstoffe aus den Kolonien präsentiert, die ausgebeuteten Menschen werden rassistisch oder idealisiert dargestellt, die indigenen Frauen barbusig, was uns heute unangenehm berührt.
Fast 100 Jahre liegen zwischen diesen herrschaftlichen Darstellungen einer Kolonialmacht und dem neuen innovativen Konzept der 2023 eröffneten Dauerausstellung. Sie macht mit motivierenden pädagogischen und didaktischen Mitteln das Leben und Leiden von Migranten erfahrbar, die oft aus diesen ehemaligen Kolonien Frankreichs kamen und kommen.
Portugiesische Einwanderer am gare d’Austerlitz 1956
Im Treppenaufgang wird der Besucher von assoziativ an der Wand aufgereihten dokumentarischen Bildern und Stichpunkten empfangen wie : papiers / famille / accueil / frontière /attente / séparation / asile / refuge / hospitalité / passage / langage / fuir / danger /partir / avenir / horizon, die alle einzeln zum Nachdenken anregen. Im Treppenabgang sind Sätze, aus verschiedenen kleinen Schuhen geformt, an die Wand geklebt. Einer heißt „où aller?
In der Ausstellung werden aber auch große Erfolge von Einwanderern (z.B. Fußballspieler Zidane) herausgestellt.
Denn zur Konzeption des Museums gehört es, die positiven Seiten der Migration zu betonen. Dies ist gerade in einer Zeit bedeutsam, in der im politischen Diskurs die Xenophobie Konjunktur hat und in der viele Einwanderer Diskriminierung erfahren. [1b] Bezeichnend dafür ist das im Dezember 2023 beschlossene neue Einwanderungsgesetz. Es sieht derart massive Einschränkungen der Migration vor, dass sogar der Rassemblement National Marine Le Pens darin seine Forderungen berücksichtigt sah und ihm zustimmte. [2]
Zu der -im demonstrativen Gegensatz zum politischen Umfeld- positiven Sicht auf die Migration in der neuen Dauerausstellung passt die Herausstellung der Einwanderung von Polen, die nach dem 1. WK in Folge des Männermangels sehr zahlreich nach Frankreich zogen, um in den Minen zu arbeiten, ebenso der Polinnen, die mit ihnen kamen und sich in Haushalten oder Fabriken verdingten. Auch die Migranten aus Italien, Portugal, Spanien, Osteuropa oder Armenien werden gewürdigt: Angesichts der bevorstehenden Pantheonisierung der Widerstandskämpfer Missak und Mélinée Manouchian (mehr dazu im nächsten Blog-Beitrag) sind die Flucht von Armeniern vor dem Völkermord und ihre Aufnahme in Frankreich derzeit ja besonders im Blickpunkt. Eine aktuelle Sonderausstellung gilt der asiatischen Zuwanderung. Dazu gehörten auch die vielen Chinesen, die im Ersten Weltkrieg nach Frankreich geholt wurden, um die Männer an der Front zu ersetzen.[3]
Historisch beginnt die Ausstellung mit dem Jahr 1685, das eine doppelte Bedeutung hat: Es ist das Jahr des Edikts von Fontainebleau Ludwigs XIV., in dem die von Heinrich IV. im Edikt von Nantes verfügte Religionsfreiheit in Frankreich zurückgenommen wurde. Damals waren es also Franzosen, die ihr Land verlasssen mussten, Migranten waren. Und 1885 ist das Jahr des Code noir, der gesetzlichen Grundlage für die Sklaverei in den französischen Besitzungen: Ein Hinweis auf die lange Geschichte von Diskriminierung. Und dies ist gerade ein Merkmal der neuen Dauerausstellung: Hatte sie bisher ihren Schwerpunkt auf die Geschichte der Einwanderung aus Europa seit dem 19. Jahrhundert gelegt, so bezieht sie jetzt die nach Überzeugung der Ausstellungsmacher fundamentale koloniale Dimension der Einwanderung nach Frankreich ein. [3a]
Die Sklaverei in den Kolonien unter dem Ancien régime wird unter anderem illustriert mit dem Portrait eines jungen Sklaven, das Hyacinthe Rigaud, bekannt vor allem durch das anfangs abgebildete Portrait Ludwigs XIV., um 1710/1720 malte.
Der aus Afrika verschleppte junge Mann könnte ein Prinz sein, trüge er nicht die eiserne Schelle um den Hals. [4] Es ist ein Domestik in einem vornehmen Pariser Haushalt, wo man gerne farbige junge Mädchen und Jungen hielt – mit einem Statut zwischen Objekt, Haustier (animal de compagnie) und lebendem Schmuckstück, wie es auf der beigefügten Informationstafel heißt.
Thematisiert wird auch die vorübergehende Abschaffung der Sklaverei im Geiste der Französischen Revolution, ihre Wiedereinführung unter Napoleon und schließlich ihre endgültige Beseitigung 1848.
Alphonse Garreau, Allegorie der Abschaffung der Sklaverei in der Kolonie La Réunion am 20. Dezember 1848 (um 1849)
Dann das Thema Glaubensflüchtlinge. Die Vertreibung der protestantischen Hugenotten aus dem katholischen Frankreich und ihre Neuansiedlung wird anhand einer Karte gezeigt und mit Dokumenten belegt. Die große Bedeutung der Hugenotten für Deutschland, insbesondere für Preußen, ist legendär. Ein Beispiel für gelungene Integration, die von den Ausstellern hervorgehoben wird. Leider keine Erwähnung findet die Vertreibung der Waldenser, einer kleineren Protestantengruppe aus dem Lubéron und Piemont, die sich z.B. im hessischen Raum ansiedelten. In dieser Zeit boten protestantische deutsche Fürsten den Verfolgten Zuflucht.[5]
Trugen die französischen Hugenotten erheblich zur wirtschaftlichen Dynamik in Deutschland bei, so gilt das umgekehrt auch für die deutschen Weinhändler, die Ende des 18. Jahrhunderts nach Frankreich kamen und vor allem das internationale Renommee des Champagners wesentlich beförderten. Zahlreiche bedeutende Champagner-Häuser tragen seitdem deutsche Namen, so das Haus Heidsieck, das 1785 von dem aus Westfalen stammenden Florenz-Ludwig/Florens-Louis Heidsieck gegründet wurde.[6] Die positive Rolle der Migration, Leitidee der neuen Dauerausstellung, wird so historisch untermauert.
Lié-Louis Périn-Salbreux, Portrait de Madame Walbaum-Heidsieck, 1817
Im 19. Jahrhundert suchten viele deutsche Intellektuelle in Paris ein neues Betätigungsfeld, da die Meinungsfreiheit in der Heimat eingeschränkt war. Hier sind Heinrich Heine und Ludwig Börne zu nennen. Leider bleibt diese Migration ebenso unerwähnt wie die der deutschen Dienstmädchen und hessischen Straßenkehrer in Paris, die allerdings wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten kamen. [7]
Für das Schicksal deutscher Exilanten, die vor dem Naziregime nach Frankreich flohen, steht die Schreibmaschine des Sozialdemokraten Heinrich Kraft.
Der floh unter dem Druck der Nazis 1933 zunächst in das Saargebiet, 1935 nach Frankreich. Nach dem Kriegsausbruch 1939 wurde er als „Angehöriger einer feindlichen Macht“ interniert. Da ging es ihm so wie auch den anderen Flüchtlingen aus Deutschland: „Sieben Jahre lang spielten wir die lächerliche Rolle von Leuten, die versuchten, Franzosen zu sein- oder zumindest zukünftige Staatsbürger; aber bei Kriegsausbruch wurden wir trotzdem als ‚boches‘ interniert“, schrieb Hanna Arendt. [8]
Nach seiner Freilassung 1940 engagierte sich Heinrich Kraft mit seinen Kindern und seinem französischen Schwiegersohn in der Résistance. 1943 wurde er von der französischen Polizei verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert, gefoltert und umgebracht.
Anderen gelang mit Hilfe des amerikanischen Generalkonsuls Varian Fry die Flucht über die Pyrenäen oder, wie Anna Seghers oder dem Maler Moîse Kisling, über den Hafen von Marseille.
Moîse Kisling, Der Hafen von Marseille, um 1940
Auf einer interaktiven Karte zu Herkunftsländern von Migranten werden Stephane Hessel als résistant und die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld mit Bildern und kurzen Biografien vorgestellt.
So viel zur deutsch-französischen Migration in dem Kontext der Ausstellung.
Wichtiges und bis heute belastendes Thema für Frankreich ist dann natürlich das ausführlich behandelte Algerien mit dem erbärmlichen Leben der algerischen Arbeiter und Familien der Nachkriegszeit in den “bidonvilles“ …
…. bis hin zu ihrer Integration in die französische Arbeiterbewegung und die französische Gesellschaft.
Um die geht es auch bei den „sans-papiers“, deren Schicksale und Kampf um Gleichstellung dargestellt sind – ein gerade besonders aktuelles Thema angesichts der vielen illegalen Beschäftigten auf den Olympiabaustellen [9] und dem neuen restriktiven französischen Einwanderungsgesetz (loi d’immigration).
Das Thema Diskriminierung wird durch Umfragen und Statistiken anschaulich.
Hier gibt es zum Thema Vorurteile gegen Roms (Die Roms sind Diebe) einen zum Hören und zum Nachdenken anregenden Diskussionsbeitrag.
Am Ende der Ausstellung kommen in kurzen Video-Sequenzen jugendliche Migranten der 2. bzw. 3. Generation zu Wort und berichten aus ihren Alltagserfahrungen.
Diese Zeugnisse, auch über Benachteiligung und Unrecht, sind sehr berührend.
Die Geschichte der Migration ist, das will diese Ausstellung deutlich machen, auch eine Geschichte der Diskriminierung. Und die schlug manchmal sogar in blanke Gewalt aus der Bevölkerung oder seitens des Staates um, wie das Massaker an italienischen Salinenarbeitern in Aigues-Mortes 1893 oder die Polizeigewalt gegen algerische Demonstranten 1961 zeigen.[10]
„Frankreich erscheint“, wie Claus Leggewie in seiner Ausstellungskritik schreibt, „hier in seiner ganzen Ambivalenz, als Hort des Universalismus wie als Treibhaus schlimmster Fremden- und Menschenfeindlichkeit. … ’Manque de bras!‘ (Unterbeschäftigung) lautete der Hilferuf seit den 1880er Jahren. Die französische Sonderstellung besteht darin, dass im Gesamtverlauf der Industrialisierung kontinuierliche Importe von Arbeitskraft willkommen waren, gegen die dann in Phasen der Rezession und vor der Reinheitsfantasie der „Français de souche“ regelmäßig Aversionen aufkamen. Die Stilisierung zum Ursprungsland der Menschenrechte, das großzügig Asyl und mit dem Jus soli allen auf französischem Boden Geborenen die Staatsangehörigkeit bietet, kontrastiert stets mit drastischen Praktiken der Ausbürgerung und Diskriminierung.“ [11]
Aber insgesamt wurden vor allem die Migrantenströme des 19. und 20. Jahrhunderts aus Europa gut aufgenommen und allmählich zu einem integralen und bereichernden Bestandteil der französischen Bevölkerung. Mit der massiven Migration der letzten Jahrzehnte vor allem aus den ehemaligen Kolonien ist das anders. Und da steht der Diskriminierung auf der einen Seite teilweise auf der anderen Seite eine Ablehnung von Integration und eine Herausbildung von Parallelgesellschaften entgegen. Das näher zu betrachten würde jedoch die positive Darstellungsintention der Ausstellung in Frage stellen, die sich als Gegengewicht zur gängigen Kritik an Migranten und Migration versteht. Dass entsprechende Reaktionen da nicht ausbleiben, liegt auf der Hand: Der „roman national“ werde durch ein „multikulturelles Märchen“ ersetzt. Die Ausstellung sei eine Provokation: einseitig, polemisch, wissenschaftlich unhaltbar – auch wenn der Vorsitzende des für die Ausstellung verantwortlichen wissenschaftlichen Beirats, Patrick Boucheron, Historiker am hochangesehenen Collège de France ist. [12]
Die Vision eines gelungenen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen veranschaulicht eine Installation des chinesischen Künstlers Chen Zen, die in einer aktuellen Sonderausstellung über Migrationserfahrungen von 10 chinesischen Künstlern präsentiert wird: [13] ein großer runder Tisch, um den herum ganz viele unterschiedliche Stühle gruppiert sind.
Die Installation kann auch als Antwort auf manche Kritiker der Ausstellung verstanden werden: Die Ahnen der Franzosen sind nicht nur, wie der frühere Präsident Sarkozy proklamierte, die Gallier. Und zu dem sogenannten „roman national“ Frankreichs haben viele Menschen aus anderen Ländern und Kulturen beigetragen und ihn so bereichert. Gut also, dass der Tisch in der Mitte erweitert wurde, um für alle Stühle Platz zu schaffen….
Das Museum bietet vielfältige interessante Zugangsmöglichkeiten, bessonders für junge Besucher.
Es gibt ein „studio de musique“ mit 6 playlists zum Anklicken und gemütlichen Sitzgelegenheiten zum Hören. Sitzen können sogar ganze Gruppen auch im „petit amphi“ und dort Filme sehen.
Dieser Raum ist nach Anmeldung auch reservierbar. Eine große Zahl an selbst aktivierbaren Bildschirmen erlaubt es, bestimme Themen zu vertiefen wie z.B. das „droit du sol“, das in Frankreich (wenn auch nach dem neuen Einwanderungsgesetz nur noch mit Einschränkungen) gilt im Gegensatz zum „droit du sang“ in Deutschland.
Wer will, kann sich im Vorfeld über die umfangreiche Ausstellung insgesamt informieren um einen Gesamteindruck zu gewinnen. Es bietet sich aber auch an, bestimmte Schwerpunkte herauszusuchen, um sie genauer zu betrachten.
Von der Ausstellung im ersten Stock lässt sich in die zentrale Halle in der Mitte des Gebäudes blicken. Dieses Forum wirkt mit seinen den französischen Kolonialismus verherrlichenden Fresken sehr exotisch und durch seine Größe wie ein Tempel. In der Außenhalle davor befindet sich ein kleines Café-Restaurant, das zur Pause einlädt – auch draußen unter der sonnigen Terrasse direkt neben der kolonialen Fassade, die auf dieser Seite eher Flora und Fauna zum Inhalt hat, wie zum Beispiel ein grimmiges Krokodil. Im Sommer sind auf der unteren großen Terrasse sogar Tische und Stühle aufgestellt und es findet dort die Bewirtung statt. Der Zugang dorthin sowie in das Gebäude ist frei und die Räume offen für alle unabhängig vom Ausstellungsbesuch. Also jeder ist eingeladen zu kommen und sich ein Bild von der Pracht des Baus machen und von dem zentralen Forum und den beiden kolonialen Salons, die kostenlos zu sehen sind.
Neben einem Rundgang die Ausstellung oder unabhängig davon lohnt auch ein Besuch des Aquariums im Kellergeschoss – auch ein Relikt aus der Zeit der Kolonialausstellung und ein Muss für alle kids.
Besonders beliebt bei ihnen ist dort die Möglichkeit einer interaktiven virtuellen Begegnung mit Walen. (Une plongée interactive avec les baleines)
Aber auch der Lac Daumesnil im Bois de Vincennes direkt gegenüber ist eine Attraktion. Hier kann man spazieren gehen, ein Ruderboot mieten, auf der Insel den Aussichtstempel oder das Gartenrestaurant besuchen oder auch einfach nur Picknick am See machen.
Der Lac Domesnil mit dem Tempel. Im Hintergrund der Affenfelsen des Zoos.
Vielleicht hat man sogar Glück und die große Pagode am See, die auch noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammt, ist zugänglich.
Auf jeden Fall eine interessante und erholsame Tages-Alternative zum Eiffelturm-Tourismus- gerade auch für und mit Kindern und Jugendlichen.
Text und Bilder, soweit nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel (Dezember 2023)
Zur neuen Dauerausstellung aus deutscher Sicht siehe: Claus Leggewie, Eingewanderte wie wir. Ein grunderneuertes Museum in Paris entprovinzialisiert die Geschichte von Flucht und Migrationsbewegung – und könnte auch der länglichen deutschen Debatte über ein solches Projekt Auftrieb geben. Frankfurter Rundschau 15.09.2023, Seite 24 und Jörg Häntzschel, Wie wird man Franzose? Im ehemaligen Pariser Kolonialmuseum setzt sich Frankreich in einer epochalen Ausstellung mit seiner Geschichte als Einwanderungsland auseinander. Süddeutsche Zeitung 18.8.2023
[2] Das Gesetz sah ursprünglich vor, „die Einwanderung zu begrenzen und die Integration zu verbessern“. (contrôler l’immigration, améliorer l’intégration). Für eine parlamentarische Mehrheit war aber die Zustimmung der konservativen Opposition (LR) erforderlich, die hier weitgehend Positionen des rechtsradikalen RN übernahm. Laut Leitartikel von Le Monde vom 20.12.2023 ein poltischer und moralischer Dammbruch und eine „ideologischer Sieg“ von Marine Le Pen- auch insofern als eine Abschottungs-Ideologie über wirtschaftliche Vernunft gesiegt hat. https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/12/20/loi-sur-l-immigration-une-rupture-politique-et-morale_6206843_3232.html und https://www.latribune.fr/economie/france/loi-immigration-de-nombreux-economistes-vent-debout-986412.html s.a. La Croix vom 20.12.2023: Loi immigration : une réforme inédite par son ampleur restrictive; Libération 19.12.2023: La trahison de Macron; Cécile Alduy, sémiologue : « Le discours de LR sur l’immigration est un copier-coller presque complet du RN » Le Monde 28. Mai 2023
[3a]« Le parcours précédent, très marqué notamment par le travail de Gérard Noiriel, était centré sur l’histoire de l’immigration européenne, qu’il faisait démarrer au XIXe siècle, explique Camille Schmoll, géographe à l’EHESS et membre du comité scientifique. La dimension coloniale dans toute la question migratoire est pourtant fondamentale, même si on ne peut pas limiter l’histoire de l’immigration à celle-ci. .https://www.lequotidiendelart.com/articles/23989-le-mus%C3%A9e-national-de-l-histoire-de-l-immigration-tente-de-faire-sa-mue.html
[4] Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung a.a.O.
„Zum ersten Mal seit seiner Eröffnung präsentiert das Musée du Quai Branly seine Gemälde-Kollektion: 200 bisher noch nie gezeigte Werke zeigen den Blick abendländischer Künstler auf exotische Gesellschaften und Völker. Matisse, Gauguin, Emile Bernard,… die Ausstellung stellt die Reisen und Begegnungen europäischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts in den Vordergrund.“[1]
So eine offiziöse Präsentation der Ausstellung „Peintures des lointains“, die noch bis Januar 2019 im Musée du quai Branly Jacques Chirac in Paris zu sehen ist. Der Titel dieser Ausstellung hat einige Kritik provoziert: Es handele sich, so Le Monde, um eine schamhafte Umschreibung dessen, was eigentlich « Exotisme et colonialisme dans la peinture française » heißen müsse.[2] Die Zeitung La Croix spricht schlicht von der „kolonialen Malerei“, die hier ausgestellt werde, Paris Match von einer Eloge des Kolonialismus, was aber so nicht genannt werden dürfe.[3]
Bemerkenswert an der offiziellen Präsentation der Ausstellung ist in diesem Zusammenhang ja auch das für das Plakat ausgewählte Indianer-Motiv von George Catlin, das keinen Bezug zum französischen Kolonialismus hat.
Und bemerkenswert ist die Betonung der Prominenz: Matisse, Gauguin, Bernard – wobei gerade Matisse und Gauguin eher marginal vertreten sind. Denn Schwerpunkt der Ausstellung sind Bilder, die die Gebäude der Kolonialausstellung von 1931 schmückten. Ziel war es damals, die Exotik und den Reichtum der Kolonien und ihren Nutzen für das Mutterland zu propagieren, und zwar mittels eines spezifischen „style coloniale“, wie er ja auch das Palais de la Porte Dorée prägt, das damalige zentrale Ausstellungsgebäude und heutige Museum für die Geschichte der Einwanderung.[4]
Wenn in der anfänglich wiedergegebenen Ausstellungsankündigung mitgeteilt wird, es handele sich um eine Präsentation noch nie gezeigter Bilder, ist das also nicht ganz zutreffend. Sie wurden ja tatsächlich und sehr demonstrativ während der Kolonialausstellung von 1931 ausgestellt und auch danach teilweise gezeigt. Allerdings verschwanden sie 1960 im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung der ehemaligen Kolonien in dem Depot des damaligen Kolonialmuseums, als das das Palais de la Porte Dorée damals fungierte. Danach wurden einzelne Bilder nur noch in wenigen speziellen Ausstellungen präsentiert. Der Bestand schmorte also mehr als ein halbes Jahrhundert im „Fegefeuer“, wie La Croix schreibt.[5]
Dass jetzt die Zeit des „Fegefeuers“ beendet ist, hängt sicherlich mit dem geänderten politischen Kontext zusammen. Die Entkolonialisierung des französischen empire ist nach der Entscheidung der Bevölkerung von Neu-Kaledonien beim Mutterland zu bleiben, abgeschlossen. [6] Und die Zeiten sind vorbei, in denen ein Innenminister und Präsident Sarkozy die Segnungen des französischen Kolonialismus rühmte und eine entsprechende Behandlung des Themas im Unterricht forderte. Präsident Macron hat dagegen ausdrücklich den Kolonialismus als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Es habe –hier bezieht er sich auf Algerien- schreckliche Grausamkeiten gegeben, Folter, Barbarei. Der Kolonialismus sei ein Akt der Herrschaft, der Nicht-Anerkennung der Autonomie eines Volkes. Aber –und jetzt folgt eine typischer Macron’sche Wendung: gleichzeitig – „en même temps“ – habe es auch Aspekte der Zivilisation gegeben und deshalb dürfe man nicht in eine „culture de la culpabilisation“ verfallen, die nicht zukunftsträchtig sei.[7]
Deshalb kann man also jetzt im Musée du quai Branly die Ausstellung sehen, die für Paris Match die amüsanteste, bunteste und „la plus sexy“ des Jahres in der Stadt ist. Und jeder kann –wie er will- sich an den Farben und dem Licht ferner Länder oder an einer idealisierten Exotik ferner Kulturen erfreuen, die –soweit es sie je gab- längst von Kolonialismus und Globalisierung überrollt wurde. Vielleicht werden einige wenige auch noch nostalgischen Gefühlen nachhängen, vergangener grandeur nachtrauern und in den Bildern Belege finden für das bewundernswerte zivilisatorische Wirken Frankreichs in der Welt. Und es wird sicherlich auch Betrachter geben –zu denen ich gehöre- für die viele der ausgestellten Bilder nicht nur -zum Teil sehr ansehnliche- Werke der Kunst sind, sondern auch Ausdruck der ideologischen Verklärung einer teilweise völlig anderen Realität, die aber bewusst ausgeblendet wird.
Es ist den Verantwortlichen des Musée Branly zugute zu halten, dass zwar der Titel der Ausstellung eher unverbindlich ist. In den schriftlichen und mündlichen Informationstexten zu den Bildern, dem Katalog und den pädagogischen Materialien allerdings, die das Museum zur Verfügung stellt, ist ein kritischer Ansatz durchgängig und unübersehbar. Darauf werde ich mich denn auch in der nachfolgenden Darstellung teilweise stützen.[8]
Das französische Kolonialreich und sein Nutzen für das Mutterland
Die Kolonialausstellung von 1931 hatte zwar einen internationalen Anspruch und es beteiligten sich auch Belgien, Italien, Portugal und die Niederlande (aber nicht Großbritannien) mit Beiträgen aus ihrem Kolonialreich, aber im Zentrum stand das französische Empire: Mit 12 Millionen Quadratkilometern war seine Fläche zwanzigmal so groß wie die des Mutterlands.[9] Stolz wurde das weltumspannende Kolonialreich auf einem Ausstellungsplakat mit dem Titel „La plus grande France“ präsentiert:
Frankreich im Zentrum der Karte ist von einer Tricolore umgeben und ist gewissermaßen die Sonne, deren Licht (eine Anspielung auf die Aufklärung, die Zeit der lumières) die französischen Besitzungen erleuchtet: Wie der Begleittext stolz verkündet, bringt Frankreich ja den 60 Millionen Eingeborenen seines Kolonialreichs Frieden und die Segnungen der Zivilisation. Und das Alles mit einem nur geringen Aufwand, nämlich 76900 Männern.[10]
Die Ausstellung war sozusagen ein koloniales Disney-Land, das dazu dienen sollte, durch eine spektakuläre Präsentation von Exotik „eine Politik der kolonialen Expansion“ zu befördern.[11] Der Erfolg blieb auch nicht aus, was unter anderem an den Besucherzahlen (8 Millionen und 11 Millionen verkaufte Eintrittskarten) abzulesen ist. Der Historiker Michel Pierre bilanziert, die Kolonialausstellung habe eine Mehrheit der Franzosen nachdrücklich von der Bedeutung des Kolonialreichs für die Aufrechterhaltung der grandeur de la France überzeugt.[12]
Dazu trugen auch die großformatigen Bilder von Georges Michel, genannt Géo Michel, bei.[13] Sie wurden von den Organisatoren der Kolonialausstellung bestellt und waren für das Palais de la Porte Dorée bestimmt, das danach als Kolonialmuseum diente – 1935 umbenannt in musée de la France d’Outre-mer und 1960 in musée des Arts Africains et Océaniens. Im Palais de la Porte Dorée wurde ausführlich der Beitrag der Kolonien zum Wohlstand des Mutterlands präsentiert. Die Bilder von Géo Michel veranschaulichten die vielfältigen Güter, die Frankreich aus seinen Kolonien bezog:
Diese sind jeweils zusätzlich mit goldenen Lettern in die bildlichen Darstellungen eingefügt: hier –neben vielen anderen- Ananas und Kakao, Nüsse und Zuckerrohr.
Auf einem anderen Bild wurden die mineralischen Rohstoffe der Kolonien und ihr Abbau gezeigt, hier die Kohle:
Mit diesen repräsentativen Bildern wird im Innern des Palais de la Porte Dorée aufgegriffen und wiederholt, was schon auf den großformatigen Reliefs der Fassade präsentiert wurde[14]:
Die Kolonien, so die unübersehbare Botschaft, leisten einen außerordentlich vielfältigen und wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Mutterlands.
Die „zivilisatorische Mission Frankreichs“ in seinen Kolonien ….
Die großen Gemälde Géo Michels sind Beispiele der kolonialen Propaganda: Sie stellen die Kolonien als einen Garten Eden dar. Es gibt keine Spur von Mühe und Anstrengung – und schon gar nicht von Zwang. Es reicht, die überquellenden Gaben der Natur zum Nutzen des Mutterlandes einzusammeln.[15]
Michel Georges Dreyfus, genannt Géo Michel, Principales productions d’origine végétale
Eine Idealisierung des Kolonialismus findet sich auch in den ebenso monumentalen Bildern von André Herivaut, zum Beispiel dem „Officier topographe“. Im Zentrum steht ein Offizier in blütendweißem Tropenanzug, der durch einen Theodolit sieht, neben ihm ein weiterer Offizier mit Fernrohr. Um die beiden herum sind dunkelhäutige Arbeiter beschäftigt, ebenfalls in makellosem Weiß, in Posen von Gärtnern bei einer geruhsamen Gartenarbeit.
Das Bild gehört zu einer Serie von drei Bildern, zu denen auch noch der „Officier constructeur“ und der „Officier administrateur“ gehören.
„L’Officier administrateur“
Alle Bilder wurden für die Kolonialausstellung von 1931 in Auftrag gegeben. Herivaux hatte davor schon im Auftrag des Kolonialministeriums Reisen nach Afrika und Indochina unternommen und mehrere Preise für koloniale Malerei erhalten. Man konnte also sicher sein, dass er eine beschönigende Vision der zivilisatorischen Mission des kolonialen Frankreichs präsentieren würde.[16]
„L’Officier constructeur“
Dieser Bilder ergänzen und variieren die Botschaft der Fresken auf den Wänden der großen Halle des Palais de la Porte Dorée. Auch dort wird das zivilisatorische Wirken Frankreichs in seinen Kolonien gerühmt – hier die medizinische Versorgung der Eingeborenen.
Eine zusätzliche Facette der kolonialen Mission Frankreichs veranschaulicht Herivaut in seinem ebenfalls 1931 ausgestellten Bild „Le Moniteur d’éducation physique“. Hier befinden wir uns in den indochinesischen Kolonialbesitzungen Frankreichs: Ein Offizier erläutert gerade einem lokalen Würdenträger die segensreichen Wirkungen der Körperertüchtigung, die daneben dann auch militärisch korrekt unter der Fahne der Tricolore praktiziert wird.
Ein weiteres für die koloniale Malerei typisches Exponat der Ausstellung ist das Bild von Louis Jean Beaupuy „Der Generalgouverneur und Madame Renard in M’Pila (einem heutigen Vorort von Brazzaville. W.J.) in Französisch- Äquatorialafrika.“ Ursprünglicher Titel: „Die Verteilung von Stoffen an die Eingeborenen“ (1936). Der Gouverneur mit Tropenhelm ist umringt von der Dorfbevölkerung und blickt wohlwollend auf seine elegant gekleidete Frau, die freundlich lächelnd mit wohltätigen Werken beschäftigt ist. „Die Szene ist von einer kolonialen Perspektive geprägt: Sie vermittelt eine reduzierte Vision der anonym dargestellten Kolonisierten, denen der Kolonialherr seine Wohltätigkeit erweist,“ wie es in dem beigefügten Begleittext heißt[17] Dargestellt ist in der Tat eine Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten, ähnlich übrigens der auf dem Bild Louis Hersents, das den König Ludwig XVI. zeigt, wie er im Winter 1788 Almosen an die Armen verteilt- also kurz vor der Revolution… Aber diese Assoziation wollte Beaupuy sicherlich nicht nahe legen…
In den Bildern von Géo Michel, André Herivaux und Louis Jean Beaupuy präsentiert sich der französische Kolonialismus so, wie ihn nach dem Willen seiner Apologeten die französische Bevölkerung sehen sollte: Einerseits erweist sich Frankreich als hochherzig gegenüber den Eingeborenen, die es auf dem Weg zur Zivilisation anführt, und andererseits hat es dafür auch Anteil an den Schätzen der Kolonien, die ihm von deren Bewohnern freundlich übereignet werden.
… versus die zeitgenössische Kolonialismuskritik
Damit entwirft die koloniale Malerei ein idealisiertes Gegenbild zur Kolonialismus-Kritik, die gerade Ende der 1920-er Jahre unübersehbar wurde.[18]
Zunächst und vor allem ist hier André Gides Reisebericht Voyage au Congo zu nennen, der 1927 veröffentlicht wurde.[19] Die Kongoreise ist Joseph Conrad gewidmet, spricht aber –im Gegensatz zu Conrad- auch Missstände an, die dem aufmerksamen Beobachter ins Auge fallen. Überall fehle es –anders als von der kolonialen Propaganda verbreitet- an Medikamenten, was die Ausbreitung selbst solcher Krankheiten begünstige, derer man mit Leichtigkeit Herr werden könne. Gide schildert grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen, Kinderverschleppung und Ausbeutung, vor allem in den Kautschukplantagen. Gide beobachtet, dass oft die Bevölkerung von Dörfern, die er besucht, die Flucht ergreift aus Angst, zur Zwangsarbeit verschleppt zu werden. Keineswegs kritisiert er prinzipiell den Kolonialismus, aber das profitgierige Verhalten großer Kapitalgesellschaften und das Wegsehen oder gar das Einverständnis staatlicher Verwaltungen .
In Schutz nimmt er die Eingeborenen gegen rassistische Vorurteile:
„Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt.“ [20]
Der Text erregte einiges Aufsehen, erzielte aber wenig Wirkung, zumal die verantwortlichen Ministerien alles dazu taten, die Kritik Gides unter den Teppich zu kehren.
Ein Jahr später allerdings, also 1928, bestätigte der Journalist Albert Londres Gides Beobachtungen, als er im „Petit Parisien“ in einer Fortsetzungsserie einen Reisebericht mit dem Titel „Vier Monate unter unseren Schwarzen Afrikas“ veröffentlichte. Ein Jahr später erschien dieser Bericht unter dem Titel „Terre d’ébène“ in Buchform. Londres beschreibt darin die grauenhaften Bedingungen, unter denen eine Eisenbahnlinie in der französischen Kongo-Kolonie gebaut wurde. 17 000 Arbeiter, die in ihren Dörfern zusammengetrieben und unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, kamen dabei ums Leben.[21]
Und 1930 erschien bei Gallimard, immerhin einem der renommiertesten Verlagshäuser Frankreichs, Paul Monets Buch „Les Jauniers“ mit dem Untertitel „histoire vraie“ , um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Roman, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. [22]
Monet übte –ebenso wenig wie Gide und Londres- grundsätzliche Kritik am Kolonialismus. Indochina, um das es in seinem Buch geht, habe durch die französische Kolonialherrschaft einen wunderbaren Veränderungsprozess vollzogen: Habe es vorher aus überwiegend von Mücken und wilden Tieren besiedelten Wäldern bestanden, so jetzt aus fruchtbaren Reisfeldern und Plantagen. Die eindrucksvollen Villen einheimischer Plantagenbesitzer erstreckten sich über weite Landstriche, die vorher von der Malaria geprägt gewesen seien. [23] Umso härter kritisiert Monet allerdings die teilweise unmenschliche Behandlung von Eingeborenen durch die sogenannten „jauniers“ – dem Pendant der afrikanischen Sklavenhändler, den „négriers“. Solche Menschenhändler, „marchands d’hommes“ hatten in den 1920-er Jahren Konjunktur, als im Zuge der Kautschuk-Spekulation große Kapitalgesellschaften in Indochina riesige Plantagen anlegten, deren einziger Zweck die Gewinnmaximierung war. Für die Bewirtschaftung dieser Plantagen benötigte man zahlreiche Arbeitskräfte, die es vor Ort nicht gab. Die unmenschliche „Rekrutierung“ und Behandlung dieser Arbeitskräfte wird von Monet kritisiert, wobei er auch die staatlichen Instanzen nicht ausspart, die meist über die „esclavage temporaire“ hinwegsähen, die im Allgemeinen allerdings eine lebenslange Sklaverei sei. [24]
Der exotische Reiz der Kolonien
Die Apologeten der Kolonialpolitik begegneten dieser Kritik auf dreifache Weise:
Indem sie den materiellen Nutzen der Kolonien für das Mutterland herausstellten. Bis auf den heutigen Tag ist das ja ein zentrales und meist ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, zwischen wirtschaftlichen Vorteilen und der Verletzung von Menschenrechten abzuwägen.
Indem die zivilisatorische Mission, die „vocation civilisatrice“ Frankreichs betont wurde[25]: So konnte sich Frankreich in der Tradition von Aufklärung und Französischer Revolution als Agent weltweiten Fortschritts verstehen. Der Kolonialismus erhielt damit die höheren ideologischen Weihen.
Indem die Exotik und Vielfalt der Kolonien präsentiert wurde. Dies konnte dazu beitragen, eine emotionale Beziehung der Bevölkerung zu den Kolonien zu fördern. Aber die Exotik konnte noch mehr leisten: nämlich die zivilisatorische Distanz zum Mutterland zu veranschaulichen und so den Bestand des Kolonialreichs auf absehbare Zeit zu legitimieren.
Gemälde hatten einen bedeutenden Anteil daran, den exotischen Reiz der Kolonien zu befördern. Dies war ein wesentliches Element der Kolonialausstellung von 1931 und der Gemäldesammlung des Kolonialmuseums bzw. des Museums der überseeischen Territorien. Zur Steigerung der Attraktion dienten natürlich schon damals die großen Namen: Gauguin war 1931 mit insgesamt 13 Bildern vertreten, Emile Bernard ebenfalls mit mehreren Arbeiten: War in den Augen Gauguins Tahiti ein paradiesischer Ort, so für Bernard das arabische Viertel von Kairo. Und natürlich durfte auch Delacroix nicht fehlen: Alle wurden von der kolonialen Propaganda benutzt, um den Reiz der Exotik zu befördern und das emotionale Band zwischen Mutterland und Kolonialreich zu festigen.
Kann man bei manchen Bildern und Malern sicherlich von einer eher unfreiwilligen „Instrumentalisierung der Kunst durch das koloniale System“ sprechen[26], so haben sich andere freiwillig instrumentalisieren lassen: Immerhin vergab der französische Staat großzügige Stipendien an Maler für Reisen in die Kolonien, es gab für die dort gemalten Bilder zahlreiche Wettbewerbe und Preise und für die Künstler Karrieremöglichkeiten an Kunsthochschulen im Mutterland oder im Kolonialreich (Indochina, Algier, Tunis, Madagaskar etc).
Im Folgenden werden einige Bilder aus der Ausstellung im Musée Branly vorgestellt, die einen Eindruck von der Spannweite und der Vielfalt der Malerei des französischen Kolonialismus vermitteln sollen und insbesondere von dem durch diese Malerei zur Schau gestellten exotischen Reiz des Kolonialreichs. Oft wird dabei auch das ethnographische Interesse deutlich, manchmal sind die Bilder aber auch Ausdruck der damals üblichen Ideologie von der Ungleichheit der Rassen und d.h. auch der Überlegenheit der „weißen Rasse“.
Guyane: Gaston Vincke, Village Wayana (1932). Die Eingeborenen dieses Dorfes hatten sich mit einer roten Farbe überzogen, um sich vor den Fliegen zu schützen. Für einen Maler natürlich ein wunderbares Motiv. Ihm kam es beim Betreten des Ortes vor, schrieb er, „dans un pays de flammes“ zu kommen.
Martinique: Jean Baldoui, Le Flamboyant 1930
Indochina: Marie Antoinette Boullard-Devé, Ausschnitte eines 40 Meter langen Frieses für den Indochina- Pavillon der Kolonialausstellung von 1931. Gezeigt werden sollten verschiedene Bevölkerungstypen der Kolonie.
Vietnam: Lucien Lièvre, die Halong-Bucht (um 1930
Südostasien: Jean Dunand, Tigre à l’affût (1930). Hier handelt es sich um eine für den Art-déco-Stil typische Lackarbeit, die neben anderen zur Ausschmückung des Palais de la Porte Dorée bestimmt war.
Insel La Reunion: Marcel Mouillot, Le Circe de Cilaos. Um 1930.
Jeanne Thil war eine „peintre-voyageuse“, eine Reise-Malerin, die mit staatlichen Stipendien mehrere Reisen in die französischen Kolonien unternehmen konnte. Sie erhielt zahlreiche Aufträge für Ausstellungen und zur Ausschmückung von Rathäusern und Schiffen (z.B. den Überseedampfer Île-de-France). Die beiden hier gezeigten Bilder wurden für die koloniale Weltausstellung in Brüssel 1935 angefertigt. [27]
Neukaledonien: Paul Mascart, Case kanak. (Anfang der 1930-er Jahre)[28]
Tahiti: Paul Gauguin, Mahna no varua ino (Der Teufel spricht), etwa 1891
Gauguin feiert in seinen Südsee-Bildern das Ideal einer ursprünglichen Kultur – die es ihm erlaubte, seine pädophilen Neigungen rücksichtslos auszuleben – insofern sind seine Bilder auch eine spezifische Variante kolonialer Malerei. Seine in der Ausstellung gezeigten Holzschnitte gehören -mehr als seine Bilder- zur „Welt der Nacht“.
Ein Schwerpunkt der kolonialen Malerei war natürlich Nordafrika. Seit dem Ägypten-Feldzug Napoleons gab es ja eine regelrechte Ägyptomanie in Frankreich. Napoleon gelang zwar nicht die Eroberung Ägyptens, aber ab 1830 verleibte Frankreich Algerien, Tunesien und Marokko seinem Kolonialreich ein. Exotik, Licht und Farben Nordafrikas hatten für viele Male eine hohe Anziehungskraft, was auch in der Ausstellung im Musée Branly deutlich wird.
So etwa in dem Bild Èmile Bernards mit dem Titel „Die Weinenden von Kairo“ oder auch „arabisches Fest“ (1894). Bernard lebte viele Jahre in Kairo, dessen afrikanisches Viertel für ihn ein paradiesischer Ort war- ähnlich wie Tahiti für Gauguin.
Auch André Sureda lebte mehrere Jahre in Nordafrika, wo er zwischen 1910 und 1920 das Bild eines arabischen Festes bei Tlemcen malte. Gegenstand ist die festliche Prozession zum Grab eines Marabouts. [29]
Jules Migonney war einer der ersten Stipendiaten der Villa Abd-el-Tif in Algier, wo von 1907 bis 1961 –also kurz vor der algerischen Unabhängigkeit- Maler und Bildhauer mindestens ein Jahr lang auf Staatskosten arbeiten konnten. Ein von ihm vielfach variiertes Motiv war das der arabischen „Odaliske“ (1912-1914), das sich auch bei anderen Künstlern höchster Beliebtheit erfreute.
1912 reiste der Maler Charles Camoin nach Marokko, wo er seinen Freund Henri Matissse traf. Er blieb dort drei Monate und malte dieses Bild des Strands von Tanger. Die Assoziation an die Tunisreise von Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet liegt da wohl nahe.
Sicherlich wird man solche Werke nicht pauschal einer propagandistischen Zwecken dienenden „kolonialen Malerei“ zuordnen dürfen. Aber sie wurden doch in einem entsprechenden musealen Zusammenhang präsentiert, wodurch sie gewissermaßen ihre künstlerische Unschuld verloren.
In der Kolonialausstellung von 1931 wurde jedenfalls in mehreren Sälen des Kolonialmuseums die Eroberung der Kolonien und vor allem Nordafrikas mit Waffen und Bildern veranschaulicht und gerühmt. Dazu gehörte auch das speziell für die Kolonialausstellung gemalte Bild Paul Dupuys, das die Unterwerfung des Rebellenführers Sidi M’Ha Ahansali vor dem französischen Oberst Naugès im Jahr 1923 zeigt.
An die Anfänge der Eroberung Nordafrikas erinnert ein Bild von Horace Vernet, der von König Louis Philippe nach Algerien geschickt wurde, um mit Stift und Pinsel das Eroberungswerk der Franzosen zu veranschaulichen und zu glorifizieren [30] – eine frühe Form des „embedded journalism“. Vernet zeigt die Eroberung des Lagers des Aufstandsführers Abd-el-Kader im Jahr 1843, eine entscheidende Phase der Eroberung Algeriens. Im Musée Branly ist nur ein kleiner Teilentwurf zu sehen, das monumentale über 20 Meter lange Panorama in der aktuellen Ausstellung über Louis Philippe im Schloss von Versailles…. [31] – ein weiteres interessantes Angebot für Liebhaber der Geschichte und der Kunst.
Praktische Informationen zur Ausstellung im Musée Branly
musée du quai Branly- Jacques Chirac
37, quai Branly
75007 Paris
Bis 3. Februar 2019
Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch und Sonntag 11 – 19 Uhr
Donnerstag, Freitag und Samstag 11- 21 Uhr
Broschüre zur Ausstellung: connaissance des arts, hors- série: Peintures des lointains. La collection du musée du quai Branly- Jacques Chirac. 9,50 €
[11] Steve Ungar, « La France impériale exposée en 1931 : une apothéose », in Pascal Blanchard et Sandrine Lemaire (sous dir.), Culture coloniale. La France conquise par son empire, 1871-1931, Paris, éditions Autrement, 2003, pp. 201 – 202 (Aus: Dossier péd. S. 32/33)
[13] Fast alle nachfolgenden Fotos sind –soweit nicht anders angegeben- im Rahmen der Ausstellung aufgenommen. Es handelt sich dabei fast durchweg um Bildausschnitte.
Un seulesclavesurlaterresuffitpourdéshonorerlalibertédetousleshommes. Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862
Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]
Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen Seiten wird darin dargestellt, wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert wird.
Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.
An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.
So etwa in dem eindrucksvollen „Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]
In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]
Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann. Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden, stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.
Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei. Auch da werden Namen von Schiffen genannt: zum Beispiel La Grande Flor, die 1724 von Bordeaux nach Angola ausgelaufen ist und von dort 506 Sklaven nach Martinique transportierte, von wo aus sie dann sicherlich mit Zucker und Rum beladen nach Bordeaux zurückkehrte: Dies ein Beispiel für den klassischen Dreieckshandel dieser Zeit.
Dass die eine Präsentation des Themas im Rahmen eines traditionellen Museums nicht mit dem auch die Sinne ansprechenden Mémorial von Nantes mithalten kann, ist selbstverständlich. Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.
Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten Karte waren zu meiner großen Überraschung auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet… Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…
Denn in der Tat: Die Häfen der Hanse waren an dem Sklavenhandel nicht beteiligt. Das ist eine einschlägig bekannte Tatsache, wie auch die nachfolgende Darstellung zeigt (Aus: M. Dorigny/B. Gainot, Atlas des esclavages. Autrement 2006, S. 24) :
Man wird hier kaum von einem Versehen oder gar von Unkenntnis ausgehen können. Eher von einer Tendenz der Verallgemeinerung, durch die die eigene Rolle relativiert wird. Von Kindern ist das ja hinreichend bekannt: „Ja, aber die anderen haben doch auch…“ Und gerade in Deutschland ist ein relativierender Umgang mit den Verbrechen des Dritten Reichs ein leider bekanntes Phänomen.
Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten Sklavenhandel und Sklaverei in Frankreich ausdrücklich als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5] 2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“ Für Chirac gehörte es zur „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“. In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6] Am 10. Mai findet jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.
Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre fortdauernde Existenz in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (7)
Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.
2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emmanuel Macron.
Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[8] Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.
Die aktuelle Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?
Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der Französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten Häfen noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt, und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[9]
Im Zuge der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, dem Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France, mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [10] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein juristisches Monster (monstre juridique), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei festlegte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die Compagnie des Indes occidentales gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie et la pratique au plus haut niveau.“ Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannte Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt, das geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.
In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf, die Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen. Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[11] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[12] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es ziemlich unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der in Europa die Versklavung von Afrikanern allgemein als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Allerdings diente dieser Rahmen kaum dazu, den Sklavenhaltern und Sklaven feste Regeln und Verpflichtungen aufzuerlegen und damit gleichzeitig Exzesse der Sklaverei zu verhindern. Der code noir war also nicht, wie auch behauptet wurde, ein Werk der Menschlichkeit: Die Schwarzen waren danach ein „bien meublé“, über das die Sklavenhalter verfügen konnten, und der code noir erlaubte die schlimmsten Misshandlungen. Immerhin war die Sklaverei auf französischem Boden schon seit einem Dekret Ludwigs X. von 1315 verboten. Die Verurteilung von Sklaverei war also nicht erst eine Erfindung von Aufklärern und Revolutionären. (13)
Allerdings war den großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen. Während Dänemark 1803 als erstes Land den Sklavenhandel verbot und Großbritannien 1807, wurde er in Frankreich erst 1831 verboten. Und während Großbritannien 1833 die Sklaverei verbot, geschah dies in Frankreich erst 1848. Da wurde der -abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- bis dahin gültige code noir beseitigt.[14] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.
Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es, von Extremfällen wie Richepanse abgesehen, nicht darum gehen könne, kompromittierende Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[15] Ähnlich formuliert es auch Benoît Hopquin in einer Stellungnahme in Le Monde vom 24./25. September 2017. Wenn man die Geschichte „en noir et blanc“ zeichne, könne man auch nicht bei Colbert stehen bleiben. Dann seien auch Victor Hugo, Jules Ferry, Léon Blum und andere an der Reihe, die den Kolonialismus mit teilweise rassistischem Zungenschlag verteidigt hätten.
Ein weiteres gemeinsames Fazit der Diskussion ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben, und ganz allgemein diejenigen „Noirs de France“ ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, die -oft in Vergessenheit geraten- Frankreich zu dem gemacht hätten, was es heute ist. (16)
Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Paris
Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.
Der wohl bedeutendste entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [17]
Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée
Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische Selbstverständnis propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [18] Dazu gehörte auch die Sklavenbefreiung- womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.
So wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien, auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[19]
Ein weiteres ähnliches Reklameschild befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement. Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett. Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.; oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie. [20]
Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert. Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[21]
Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum. Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu aufgefordert werden, alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei Colbert- offenbar einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete. (21)
Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (22) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe. Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.
Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur“ und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn um eine emanzipatorische Darstellung handelt.
Trotzdem hat im Stadtrat von Paris eine Mehrheit für die Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei besser, der Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“. In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen – aus Angst, wie er es ausdrückte, vor einer eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[23] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann…. (24)
In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[25] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“ Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.
Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer, allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [26] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas überhastet auf die Tagesordnung gebracht.
Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise
Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[27]
Es handelt sich tatsächlich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert, den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste: Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere im musée d’Orsay.[28] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten – darunter auch Ludwig Börne, für den er ein wunderschönes Grabmal ebenfalls auf dem Père Lachaise gestaltet hat, mit dem die deutsch-französische Freundschaft gefeiert wird. (29) Zu den „großen Männern“ gehörte für David d’Angers aber offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[30] dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten- aufständischen Spanier ums Leben kam.[31]
Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.
Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“ die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[32] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….
Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.
Das Denkmal Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem der Académie française. Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme, das Testament des jungen Gobert: Seinen Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (33). Das haben also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene Erbe auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht, das nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.
Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben
In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.
„Der schwarze Spartacus“ Toussaint Louverture wurde 1794 einer der ersten farbigen Generäle der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [34]
Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[35]
Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:
Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt, „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden. Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt. Offenbar ist da keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt- keinen Falls ein sehr angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit. Und in vier Jahren hätte man doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können! Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[36]
Immerhin gibt es seit 2009 eine in die Wand der Krypta des Pantheons eingravierte Inschrift, die seinen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei würdigt. Und -Nachtrag 2018: Toussaint-Louverture gehört auch zu den Persönlichkeiten, die im Rahmen einer Kooperation des Pantheons mit dem Street-Art-Künstler C 215 in der Umgebung des Pantheons porträtiert wurde.
Das Portrait befindet sich (von Juli bis September 2018) an der Ecke zwischen der rue Cloövis und der rue Descartes im 5. Arrondissement
Nun weiter zu der schon seit 1996 nach Louis Delgrès benannten Straße im 20. Arrondissement.[37]
Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man dem Internet entnehmen kann, durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial) zur Erinnerung an Delgrès aufgestellt.[38]
In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“ und sie zitierte seine von den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution geprägte Proklamation „à l’univers entier“. Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten. Angesichts der feindlichen Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“ (vivre libre ou mourir) am 28. Mai 1802 in die Luft.
Als ich nach dem Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier ein trauriger Widerspruch zwischen offiziellen Proklamationen und der Realität.
Immerhin gibt es im Pantheon auch zur Erinnerung an Louis Delgrès eine Wandinschrift. [39]
Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt
Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.
Das Denkmal für General Dumas
Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.
Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen und dessen Sklavin in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen. In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus. 1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [40]
Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:
« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ».
Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin im Faubourg-Saint-Antoine.[41]
Der Ort, wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Montechristo“ und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (42)
An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.
Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon
Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.
Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:
„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [43]
Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….
Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[44]
Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde. Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde…. Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.
Ein Blick auf die näheren Umstände der Sklavenbefreiung von 1848 mag das erklären. Denn, wie Thomas Piketty in seinem Buch über „Kapital und Ideologie“ (München 2020) darlegt, das von einer Kommission der Nationalversammlung unter der Leitung von Schoelcher erarbeitete Dekret zur Abschaffung der Sklaverei entsprach in hohem Maße den Interessen der Plantagenbesitzer: Sie erhielten nämlich Entschädigungszahlungen, was zwar Schoelcher nicht guthieß, ohne die allerdings unter den damaligen Bedingungen das Dekret nicht durchsetzbar gewesen wäre. Piketty führt dazu weiter aus:
„Neben der Entschädigung beinhalteten die Dekrete zur Abschaffung der Sklaverei vom 27. April 1848 Artikel, um ‚der Landstreicherei und Bettelei entgegenzutreten und in den Kolonien disziplinierende Arbeitsstätten zu eröffnen‘ mit dem Ziel, den Pflanzern billige Arbeitskräfte zuzuführen. Mit anderen Worten: Für die Sklaven war nicht nur keinerlei Entschädigung oder irgendein Zugang zu Landbesitz vorgesehen; Schoelchers Emanzipation ging zudem mit Zahlungen an die Eigentümer und einem Regiment des faktischen Arbeitszwangs einher, das es ermöglichte, die ehemaligen Sklaven unter der Kontrolle der Pflanzer und der staatlichen Obrigkeit zu halten.“ (S. 287)
Das ist gewissermaßen die andere Seite der Medaille, und insofern ist es auch verständlich, dass Schoelcher sowohl auf der Ehrentafel des Palais de la Porte Dorée als auch im republikanischen Pantheon vertreten ist, in dem „die großen Männer“ geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (45)
1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde nämlich beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierenden Männern (und Frauen) Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese Weise geehrt wurde.
Das hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?
Der Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contrescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum des Sklavenhandels, der Sklaverei und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[46]
Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde 1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [47]
Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird. Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel, der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.
Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind. Zunächst (2010) hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM)“ zu installieren und auf diese Weise „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[48]
Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [49] Die Keimzelle einer 2016 von François Hollande angeregten Fondation pour la mémoire de l’esclavage hat dort übrigens schon ihren Sitz.[50] Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration.
Den Abschluss dieses Textes soll ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.
Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei
Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit? Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei? Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden solle.
Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewänder zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.
Nachtrag zum 27. April 2018, dem 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei
Am 27. April 2018 wurde in Frankreich vielfach an den 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien erinnert. Präsident Macron legte im Pantheon Blumen am Grab Victor Schoelchers nieder.
Und Arte produzierte aus diesem Anlass einen vierteiligen Film: „Les Routes de l’esclavage. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle“. (Albin Michel/Arte Editions, 19,50€ und als Film: Arte, 2 DVD)
Im „Figaro“ wurden am 27. April in der Rubrik „entre guillemets“ („in Anführungsstrichen“) diese Worte Victor Schoelchers zitiert:
„Disons-nous et disons à nos enfants que tant qu’il restera un esclave sur la surface de la Terre, l’asservissement de cet homme est une injure permanente faite à la race humaine tout entiere“ (Le Figaro, 27.4.2018, S. 19)
Catherine Coquery-Vidrovitch wies am 5. Mai 2018 in einem Beitrag für Le Monde darauf hin, dass es auch nach dem Verbot der Sklaverei von 1848 in Frankreich auch danach noch Formen der Sklaverei in der verschleierten Form der Zwangsarbeit gab. Noch Ende des 19. Jahrhunderts hätten Briten und Franzosen mit leseunkundigen Schwarafrikanern Verträge geschlossen, die sie verpflichteten, drei Jahre lang in ehemaligen „colonies esclavagistes“ zu arbeiten und ihre Rückfahrt nach Afrika selbst zu bezahlen. Da das praktisch unmöglich gewesen sei, hätten die meisten nicht in ihre Heimat zurückkehren können.
Am 27. April 2018 sendete France 2 in seinen 8-Uhr-Nachrichten einen Beitrag über Sklaverei im Frankreich unserer Tage aus und dabei wurden nicht nur erschreckende Zahlen/Schätzungen genannt, sondern auch zwei Beispiele: Eine Frau, die -systematisch entrechtet und gedemütigt- jahrelang ohne Kontakt zur Außenwelt als Haushaltssklavin gehalten wurde, und ein junger Mann aus Ägypten, der einem „passeur“ 5000 Euro bezahlt hatte, um nach Frankreich zu kommen. Dort wurden ihm die Papiere weggenommen und er musste mehrere Monate unter unsäglichen Bedingungen sieben Tage die Woche als Illegaler auf einem Bau arbeiten, bis eine Hilfsorganisation auf ihn aufmerksam wurde.
Einen Überblick über aktuelle Formen der Sklaverei und des Menschenhandels mit zahlreichen Literaturhinweisen bietet das Buch von Lothar Franz: Sklaverei und moderner Menschenhandel- Schrei nach Freiheit und Gerechtigkeit. Stuttgart 2017, auf das mich Leser dieses Blogs aufmerksam gemacht haben.
Die von Schoelcher gebrandmarkte „Beleidigung der menschlichen Rasse“ durch auch nur einen einzigen Sklaven auf dieser Erde gibt es also nach wie vor, und zwar gewissermaßen vor unserer Haustüre…
Nachtrag August 2020
Nach antirassistischen Protesten hat die Zerstörung und Beschädigung von Denkmälern und Statuen aus der Kolonialzeit die Diskussionen über eine angemessene Erinnerungskultur neu entfacht – gerade auch in Frankreich.
Dazu Auszüge aus dem Artikel Postkolonialer Bildersturm von Ortwin Ziemer und Séverine Maillot, erschienen am 20. August 2020 in der sehr empfehlenswerten online-Zeitschrift dokdoc.eu: https://dokdoc.eu/politik/5869/postkolonialer-bildersturm/
Die Frage stellt sich nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd Ende Mai 2020 in Minneapolis, und nicht nur in den USA: Wie soll man mit Zeugnissen der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus umgehen, die von der französischen Regierung 2001 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurden?
Soll man Statuen, die an Gouverneure, Minister oder Entscheidungsträger aus der Kolonialzeit erinnern, einfach vom Sockel stoßen? Sie beschmieren? Sie verhüllen? Nach dem Fall der Mauer geschah dies in Ostdeutschland und -europa mit vielen Lenin- und Stalin-Denkmälern. In Frankreich gab es zuletzt während der großen revolutionären Umwälzungen im 18. und 19. Jahrhundert ein größeres Ausmaß an historischer Bilderstürmerei – bis die Debatte nun wieder neu aufflammte.
Dem Denkmal von Jean-Baptiste Colbert vor der Pariser Nationalversammlung, Premierminister (1661–1683) unter Ludwig XIV., widerfuhr am 23. Juni das gleiche Schicksal. Négrophobie d’Etat (Negerfeindlichkeit von Staats wegen) stand darauf in knallroten Lettern zu lesen. Colbert war der eigentliche Begründer der französischen Seemacht, unverzichtbar beim Ausbau des künftigen Kolonialreiches, und gilt zudem als Autor des Code Noir (1685) zur Regelung des Umgangs mit schwarzen Sklaven. Er zog zwar juristisch der Willkür der Sklavenbesitzer gewisse Grenzen, bezeichnete aber die Sklaven zugleich ausdrücklich als rechtlos und ahndete wiederholte Fluchtversuche mit Verstümmelung oder der Todesstrafe.
(…)
Hybride Foren
Der Sorbonne-Historiker Nicolas Offenstadt, einer der anerkanntesten Spezialisten für Fragen des öffentlichen Gedenkens in Frankreich, plädiert dafür zu unterscheiden, warum, von wem und in welchem Kontext einerseits eine Statue ursprünglich errichtet worden ist und was sie auf der anderen Seite beispielsweise heute für diejenigen darstellt, für die „die Sklaverei etwas sehr Persönliches und eng mit der eigenen Erinnerung verwoben ist, eine Empfindsamkeit also, die andere Menschen nicht haben.“
Für ihn ist ein Gradmesser für die demokratische Vitalität einer Gesellschaft, auf welche Weise sie kollektiv darüber entscheidet, was sie von der Vergangenheit zurückbehalten und fördern möchte. Zwecks dieser nötigen Debatte spricht er sich für „hybride Foren“ aus, „Orte, wo der Historiker die nötigen Kenntnisse zur Verfügung stellt und der Bürger sodann seinen Standpunkt zum Ausdruck bringen kann.“
Offenstadt bringt alternative Lösungen ins Gespräch, damit Geschichte nicht umgeschrieben oder gar neu erfunden wird. Sie bestehen zum Beispiel darin, Erklärungstafeln anzubringen, künstlerische Darstellungen der historischen Zusammenhänge wie etwa Gegendenkmäler zuzulassen oder auch Statuen, die der öffentlichen Meinung nicht mehr haltbar erscheinen, in Museen unterzubringen, wo die Begleitumstände sowohl ihrer Errichtung als auch ihrer Demontage vom Besucher digital und interaktiv abgefragt werden können. Es müsse verhindert werden, historisches Faktenwissen und die Emotionen durcheinanderzubringen, die durch das heutige Empfinden der Vergangenheit und die emotionsgeladenen Gegensätze ausgelöst werden, die bei der Interpretation von Denkmälern legitimerweise und unvermeidbar aufeinanderprallen.
Daher sei es unumgänglich, die Zivilgesellschaft an der Entscheidung zu beteiligen, welche historischen Ereignisse oder Persönlichkeiten im öffentlichen Raum unter welchen Kriterien in Szene gesetzt werden sollen, denn „man muss Geschichte im Kopf der Zeitgenossen arbeiten lassen, um ihr Erstarren zu verhindern.“
Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen. Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.
[11] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.
(13) siehe Benoît Hopquin, L’histoire en noir et blanc. Le Monde 24./25. September 2017, S. 31
[14] Zu den verschiedenen Phasen der Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei siehe: Catherine Coquery-Vidrovitch in: Le Monde 5. Mai 2018 und dieselbe: Les Routes de l’esclavage.. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle. Paris 2018
(16) Hopquin a.a.O. siehe Anm. 11a. Hopquin verweist in seiner Stellungnahme übrigens auch auf sein 2009 erschienenes Buch „Les Noirs qui on fait la France“, in dem er die Portraits von solchen schwarzen „héros“ gezeichnet hat, die „pourraient utilement nourrir nos panthéons universels“.
[17] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931
(24) Zur weiteren Geschichte der Auseinandersetzung um den von der place de Pontrescarpe verbannten „nègre joyeux“ siehe den Artikel von Didier Rykner aus der Tribune de l’Art vom 7. Januar 2020: Enseigne „Au Nègre Joyeux“: la Mairie de Paris réarrange l’histoire à ca façon.
In Frankfurt am Main gibt es derzeit (März 2018) eine ähnliche Auseinandersetzung. Da gibt es eine Mohrenapotheke und in der Großen Friedberger Straße 8 ein Haus mit der traditionellen Bezeichnung „zum Mohren“, Sitz der „Zeil-Apotheke zum Mohren“. Nach Auffassung der Kommunalen Ausländervertretung der Stadt sollen aber diese von ihr als rassistisch empfundenen Bezeichnungen „aus dem Stadtbild verschwinden.“ Das würde bedeuten, dass der in die Fassade eingemeißelte Name des unter Denkmalschutz stehenden Hauses beseitigt werden müsste. Ein CDU-Abgeordneter des Stadtparlaments hatte allerdings gewagt darauf hinzuweisen, dass der Name „Mohr“ abgeleitet sei von dem Wort „Maure“. Und der „sei in traditionellen Apothekennamen häufig zu finden, weil das pharmazeutische Wissen des Morgenlandes dem des Abendlandes jahrhundertelang überlegen gewesen 8:::). Die Apotheker hätten mit der Bezeichnung und entsprechenden Darstellungen für die Fortschrittlichkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte geworben. ‚Mohr‘ sei deshalb nicht abwertend, sondern anerkennend zu verstehen.“ Für die Hüter der political correctness sind solche Feststellungen aber eher Ausdruck mangelnder Sensibilität, wenn nicht gar eines (mehr oder weniger ausgeprägten) Rassismus. Also soll, wie die FAZ einen Beitrag über diese Auseinandersetzung überschrieb, der Mohr gehen. (FAZ, 1.3.2018 Seite 35) Das Frankfurter Stadtparlament hat über dieses Thema heftig debattiert, aber immerhin darauf verzichtet, Namensänderungen vorzuschreiben. Unter der Überschrift „Die Mohren-Apotheke gehört zu Frankfurt“ kommentierte in der FAZ Werner d’Inka, immerhin ein Herausgeber der Zeitung, am 4.3.2018: „Darf eine Pharmazie „Mohren-Apotheke“ heißen? Darüber wird in Frankfurt gestritten. Der sprachhygienische Furor ist lehrreich. Denn er zeigt, wie man Zeitgenossen, denen Rassismus fern ist, in die Arme der AfD treibt.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Wie der FAZ (Rhein-Main Ausgabe) vom 24.8.2020 zu entnehmen ist, sind auch andere „Mohren-Apotheken“ mit Angriffen von Anti-Rassismus-Gruppen konfrontiert.
[30] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.
Zum Grabmal Goberts gibt es ein Kapitel in dem neu erschienenen Büchlein von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem bemerkenswerten Titel: Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017
[32]„Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“
(33) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian. (siehe Anmerkung 25)
[34]https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture. Zu Toussaint siehe die Biographie (Flammarion 2021) von Sudhir Hazareesingh. Den Beinamen „le Spartacus noir“ erhielt Toussaint schon zu seinen Lebzeiten im Buch des abbé Raynal l’Histoire philosophique des deux Indes (1770).
Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965
(42) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.
Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher, den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.
1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.
Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]
Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey, und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal: insgesamt eines der schönsten Bauwerke im Stil des Art déco in Paris. (1a)
Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.
Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.
Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.
Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur gewürdigt.
Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte. Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)
Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur. Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet: Frieden (La Paix zu ihrer Rechten), Freiheit (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4] Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.
Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.
Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]
Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6] Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern Breite.
Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.
Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.
Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“. Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei. Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%. (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.
Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.
Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….
Die Statue der Athena
Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.
Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt, sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée. In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel; darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.
Das Denkmal für die Mission Marchand
Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan, zurückziehen.
Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…
Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus
Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.
Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.
Die Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus
Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus- koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:
„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“
Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten Weltkrieg, im Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“ In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant, im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.
Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde, ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.
Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton, veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen gefördert habe.
Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum
Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]
Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.
Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten- Häusern von Stammeshäuptlingen der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.
Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.
Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12] An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.
Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.
Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements
In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.
Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.
Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.
Ausblick:
Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.
Praktische Hinweise:
Musée national de l’histoire de immigration
Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.
Adresse des Palais de la Porte Dorée:
293, avenue Daumesnil 75012 Paris
Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h
Samstag und Sonntag 10h bis 19h
Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei schönem Wetter unter den Arkaden:
Di und Mi 11-17h
Sa und So 11-18.30
Es gibt außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen der Migration spezialisierte Médiathèque Abdelmalek Sayad.
(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in: http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337
[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7
Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf
Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.
Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt
Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie