Der Bahnhof von Bobigny, seit 2023 Erinnerungsort der Deportation von Juden nach Auschwitz

Am 18. Juli 2023 wurde der ehemalige Bahnhof von Bobigny als Mahnmal für die Deportation von Juden aus Frankreich offiziell eingeweiht.

80 Jahre vorher hatte der erste Konvoi den Bahnhof Bobigny in Richtung Auschwitz verlassen.

Knapp die Hälfte der Deportierten dieses Konvois wurde nach der Ankunft im Lager sofort in den Gaskammern ermordet, nur von 73 Deportierten weiß man, dass sie die Hölle von Auschwitz überlebten. Zusammengestellt wurden die für die jeweiligen Konvois bestimmten Juden im Durchgangslager von Drancy (ein Blog-Beitrag dazu ist geplant) , das über keinen eigenen Bahnanschluss verfügte. Die Juden wurden also zunächst in Bussen des Pariser Verkehrsbetriebs zum Bahnhof Bourget-Drancy  gebracht; ab Juli 1943 diente der Bahnhof Bobigny als Ausgangspunkt für die Transporte.

Der Bahnhof bestand aus zwei Teilen, einem Abfertigungsgebäude für Fahrgäste und einem Güterbahnhof. Der Fahrgastbetrieb war aber schon vor Beginn des 2. Weltkriegs eingestellt worden. Im Bahnhofsgebäude waren einige für die Deportationen abgestellte Bahnbedienstete mit ihren Familien untergebracht, im Erdgeschoss war Raum für die deutschen Soldaten, die die „Verladung“ der aus Drancy Ankommenden in die Wagen organisierten und überwachten.  Es gab also keine unerwünschten Beobachter.

Dies ist der Fahrgastbahnhof aus den 1920-er Jahren, aufgenommen von der Avenue Henri Barbusse. Rechts verlaufen die Gleise der Grande Ceinture. Der Güterbahnhof befand sich auf der anderen Seite des Gebäudes und hatte einen eigenen Gleisanschluss.  Foto Wolf Jöckel, Januar 2011

Nach dem Krieg diente der Güterbahnhof als Industriestandort und Lager für Eisenschrott. Die besondere Vergangenheit des Bahngeländes war nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.

Bild aus einer Fotoausstellung von Sylla Grinberg „Von Bobigny nach Auschwitz“, die 2011 auf dem Gelände des Bahnhofs gezeigt wurde.

Diese Zeit des Vergessens dauerte bis 1987. Damals teilte die SNCF der Stadt Bobigny mit, dass sie den Abriss des Fahrgastgebäudes beabsichtige. [1]  Bürgermeister war damals Georges Valbon,  gleichzeitig auch Präsident des conseil général des Departements Seine-Saint-Denis. Valbon war die historische Bedeutung des Bahnhofs bewusst, wobei man damals sogar fälschlicherweise davon ausging, dass vom Fahrgastgebäude aus die zur Deportation bestimmten Juden in die Züge verladen worden seien. Um das Ansinnen der SNCF abzuwenden, wandte sich Valbon an den damaligen Premierminister Jacques Chirac und schlug ihm die Einrichtung eines Museums der Deportation auf dem ehemaligen Bahngelände vor. Immerhin hatte Chirac eine besondere Sensibilität, was die Erinnerungspolitik an den Holocaust angeht.[2] 1988 erklärte sich dann die SNCF bereit, ihre Abriss-Absicht „zu überdenken“. Aber es dauerte noch bis 2005, bis endlich– vier Jahre nach dem Lager von Drancy-  die Anlage  unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das Gelände wurde von Eisenschrott und Überwachsung befreit, die Bohlen der Eisenbahnschienen freigelegt und einige Informationstafeln angebracht.[3]

Am 25. Januar 2011 übertrug die SNCF in einer öffentlichkeitswirksamen Feierstunde das ihr gehörende Gelände an die Stadt Bobigny, und es wurde vereinbart, die Anlage zu einem „Haut Lieu du Souvenir de la Déportation“ zu entwickeln.

Aufräumarbeiten nach der Feierstunde. Foto: Wolf Jöckel Januar 2011

Die SNCF übergab damals das Bahngelände an die Stadt und verpflichtete sich, die marode große Lagerhalle zu renovieren, an der die Deportationszüge abfuhren.

Immerhin ist der Bahnhof von Bobigny der einzige und bedeutendste noch existierende Ort in Frankreich, der an die Deportation von Juden erinnert. In 13 Monaten, vom Juli 1943 bis zum 17. August 1944- wenige Tage vor der Befreiung von Paris- wurden von hier aus 22 407 Männer, Frauen und Kinder in plombierten Viehwagen im Rahmen der sog. „Endlösung“ nach Osten, vor allem in das Todeslager von Auschwitz-Birkenau, transportiert.

Bis 2023 war das Gelände allerdings abgesperrt und meist unzugänglich. Ein Zutritt war nur im Rahmen von vereinbarten Führungen möglich. Der zögerliche Umgang mit der angemessenen Würdigung des Ortes hat vielfältige Gründe. Ganz generell hat die Bedeutung des Völkermords an den Juden erst spät im öffentlichen Bewusstsein einen gebührenden Platz erhalten. In Frankreich kam dazu, dass General de Gaulle nach dem Krieg von einem einzigen Frankreich sprach, das Widerstand gegen die deutschen Besatzer geleistet habe. Die französischen Polizisten, die Internierungslager bewachten und die den Nazis die von ihnen verhafteten Juden auslieferten, passten ebenso wenig in das Bild des im Widerstand geeinten Volkes wie die Deportationszüge, die aus Wagons der SNCF zusammengestellt waren.

Claude Tartas, der als kleiner Junge mit seinen Eltern in dem Fahrgastgebäude wohnte, berichtet:

„Vom Fenster unserer Wohnung sah ich die Busse, die die Juden die Rampe hinunter zur Lagerhalle fuhren (…) Am Tag vor der Abfahrt eines Konvois wurde Bahnpersonal von den Deutschen requiriert, um bestimmte Arbeiten zu verrichten: Die Wagen zu rangieren, die Öffnungen mit Stacheldraht zu verschließen, einen Wasserbehälter in die Mitte der Wagen zu stellen etc.“ (Broschüre, S. 6)

Und es war auch französisches Bahnpersonal, das die Konvois bis zur deutschen Grenze fuhr. Dass die französische Polizei Handlanger der nationalsozialistischen Judenverfolgung war, konnte aber nicht auf Dauer verdrängt werden: 1967 wurde das Buch von Claude Lévy und Paul Tillard über die große Pariser Judenrazzia La grande rafle du Vel d’Hiv“ veröffentlicht, in dem zum ersten Mal in großer Breite und Eindringlichkeit die Mitverantwortung der Regierung von Vichy und die Beteiligung der französischen Polizei dargestellt wurde. Der Zeichner Cabu von Charlie Hebdo hatte dazu eindringliche Zeichnungen beigesteuert. Und es gab einige Jahre später den spektakulären Fall des Maurice Papon: Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter über die Bahnhöfe Bourget-Drancy und Bobigny nach Auschwitz deportiert wurden. Papon machte nach dem Krieg mit ausdrücklicher Billigung de Gaulles weiter Karriere, wurde Pariser Polizeichef und sogar Minister, bis 1981 die satirische Wochenzeitschrift Le Canard enchaîné seine unheilvolle Vergangenheit aufdeckte.  

Bei der französischen Staatsbahn dauerte die Konfrontation mit der dunklen Seite ihrer Geschichte länger: Die cheminots, die Bahnbediensteten, hatten ja das von Kommunisten, Sozialisten und Gaullisten gemeinsam gepflegte Renommee, gewissermaßen die „Speersitze der Résistance“ gewesen zu sein.[4] Der Mythos eines kollektiven  Widerstands der cheminots entstand schon direkt nach dem Krieg, wobei der Film „La Bataille du Rail“ von 1946 eine wesentliche Rolle spielte. Initiiert wurde er, wesentlich geförderdert von der Direktion des Unternehmens, von der Widerstandsbewegung innerhalb der SNCF. Der Film erhielt auf dem ersten Festival von Cannes die Goldene Palme, der Regisseur  wurde ebenfalls preisgekrönt.[5]

Erst 2011 gestand Guillaume Pepy, der damalige Vorstandsvorsitzende der SNCF zu, dass sein Unternehmen, wenn auch gezwungenermaßen, ein Rad in der nationalsozialistischen Maschinerie der Vernichtung gewesen sei.[6] Nachgeholfen hat dabei wohl auch die Drohung, ohne ein solches Schuldeingeständnis von lukrativen amerikanischen Aufträgen für Schnellzugverbindungen von vornherein ausgeschlossen zu werden…[7]

Das neue Mahnmal

Das im Juli 2023 offiziell eingeweihte Mahnmal ist kein traditionelles geschlossenes Museum. Es umfasst das ehemalige Bahngelände, auf dem so weit wie möglich Spuren der Deportationszeit bewahrt sind und auf dem an mehreren Stationen anschaulich und eindrücklich Informationen vermittelt werden.

Eingangspavillon mit Infotafeln

Hier ein Luftbild des Lagers von Drancy, der cité de la Muette. Es handelte sich eigentlich um ein innovatives Projekt des sozialen Wohnungsbaus, das, kurz vor seiner Fertigstellung Ende der 1930-er Jahre, als Internierungslager genutzt wurde: Von der Französischen Republik für republikanische Spanienflüchtlinge und nach Kriegsbeginn für deutsche Staatsbürger, also vor allem Menschen, die wegen Verfolgung aus politischen oder rassistischen Gründen aus Nazi-Deutschland geflüchtet waren, nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht zunächst  für französische und britische Kriegsgefangene und schließlich als Zwischenstation und Sammellager für Juden, bevor sie im Zuge der „Endlösung“ in die Vernichtungslager transportiert wurden.

Diese Infotafel zeigt die Lage des Ínternierungslagers Drancy, das rot markiert ist, und der Bahnhöfe Bourget-Drancy (links oben auf dem Plan) und Bobigny (Mitte links). Beide Bahnhöfe lagen in der Nähe des Lagers und gehörten zur „Grande ceinture“, einer – im Gegensatz zur Petite Ceinture-  Paris in weitem Bogen umrundenden Eisenbahnlinie, so dass die Transporte – ohne Paris zu berühren- direkt nach Osten dirigiert werden konnten. Der Bahnhof Bobigny hatte dazu den Vorteil, dass er fast völlig von der Umwelt isoliert war. Deshalb wurde er von Alois Brunner, dem SS-Hauptsturmführer und Eichmann-Vertrauten, der im Juli 1943 das Kommando in Drancy übernahm, zum Ausgangspunkt der Transporte in die Vernichtungslager bestimmt.

Der Weg zum Güterbahnhof und zum Fahrgastgebäude

Die Rampe, die die Deportationsbusse zu den bereitgestellten Zügen hinunterfuhren, gibt es nicht mehr. Dafür wurde jetzt ein leicht zick-zack-förmiger Weg angelegt, der von mächtigen Holzpfählen gesäumt ist: Darauf kurze Sätze von Deportierten, auch Botschaften, die sie aus den Fenstern der Viehwagen geworfen haben.

Lastwagen warten darauf, uns zum Bahnhof von Bobigny zu fahren.

Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise

Heute Morgen bin ich nach Osten abgereist. Lebewohl! Auf Wiedersehen vielleicht

Wenn es los geht, sagten die Älteren, gehe es nach Pitchipol. (Pitchipol bedeutet etwas sehr weit Entferntes, Unbekanntes). Simone Lagrange, Konvoi 76 vom 30. Juni 1944.

An der Wand des Fahrgastgebäudes befinden sich zwei Erinnerungstafeln: Die obere erinnert an die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder von den Bahnhöfen Bobigny und Bourget. Sie stammt aus dem Jahr 1993. Initiator der Tafel war der damalige Bürgermeister von Bobigny Georges Valbon. In einer Zeit, in der die Zukunft des Bahngeländes noch völlig ungewiss war, hatte diese Plakette eine eminente politische Bedeutung.

Die kleinere untere Erinnerungstafel erinnert an den Konvoi 73, den einzigen Konvoi, der nur aus Männern bestand und nicht Auschwitz als Ziel hatte, sondern Kaunas in Litauen und Talinn in Estland, was lange nicht bekannt war. Familien und Freunde dieses Konvois gründeten schließlich einen Verein, um die Geschichte des Konvois zu erforschen und an Jüngere weiterzugeben. Dieser Verein stiftete die Plakette und organisierte vor dem Fahrgastgebäude Gedenktage.

Die Mauer

Vor dieser Mauer verliefen die -heute freigelegten- Gleise, auf denen die Deportationszüge bereitgestellt wurden.  Heute befindet sich davor eine Plattform, die den Maßen eines der für die Deportation benutzten Wagons entspricht. Dort können an Gedenktagen Blumen abgelegt werden.

Darüber ein Ausspruch, der Paul Eluard zugeschrieben wird:   

Si l’écho de leurs voix faiblit, nour périrons

Wenn das Echo ihrer Stimmen schwindet, werden wir zugrunde gehen

Davor liegen noch die alten Pflastersteine, über die die Deportierten gegangen sind, bevor sie in die Wagons einstiegen. (Die glatten Steine auf der rechten Seite bestehen aus durchgeschnittenen alten Pflastersteinen).

Aufschriften auf dem vor dem Lager Drancy aufgestellten Wagon: 8 Pferde oder 40 Menschen. Meistens wurden allerdings wesentlich mehr Deportierte in den Wagen zusammengepfercht.

Wenn man in Bobigny aus den Bussen von Drancy aussteigt, gibt es keine französischen Polizisten mehr. Ich höre Schreie, Befehle, Gebrüll. Wir werden gewaltsam zusammengedrängt. Dann werden wir zum Bahnsteig geschoben. Ich sehe den Güterzug und denke naiv, dass er abfährt und ein anderer Zug für uns eintrifft. Aber wir werden wieder zu den Wagons gedrängt: Schnell! Es ist das erste Wort, das ich auf Deutsch lerne. (…)

Die Wagons werden verriegelt.. Die Nacht bricht herein und ich habe keine Angst. Ich denke, dass wir auf den Feldern oder in der Fabrik arbeiten können. Mein kleiner Neffe ist 14 Jahre alt, aber er sieht aus wie ein junger Mann, er ist stark und weiß sich zu helfen. Was meinen Vater angeht, er kann mit einer Nähmaschine umgehen, ich versichere ihm: „Sie stecken dich in die Werkstatt!“ Wie hätte ich daran zweifeln können?“

Ginette Kolinka wurde mit ihrem Bruder, ihrem Vater und ihrem Neffen von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert.[8]

Fotos: Wolf Jöckel, November 2017

Dies ist ein Wagon, wie er für die Deportationen verwendet wurde. Er steht in Drancy zwischen dem früheren Lager und der Außenstelle des Mémorial de la Shoah. Es gab wohl auch Überlegungen, den Wagon in den neuen Erinnerungsort in Bobigny zu überführen, wohin er eigentlich besser passen würde, die allerdings nicht umgesetzt wurden.

Ein Wagon wird von einem Wehrmachtssoldaten verschlossen und verriegelt. Ein französischer Gendarm schaut zu. Eine Zeichnung von Cabu aus dem Jahr 1967 [9]

Ida Grinspan, deportiert am 10. Februar 1944 mit dem Konvoi 68:

Der kleine, altmodische Bahnhof Bobigny war unser letztes Bild einer zivilisierten Welt (…) Die Hölle beginnt mit der absoluten Enge des Wagens, dessen einziges Oberlicht ein dünnes, maschenförmiges Rechteck zum Winterhimmel öffnet. Man hat es schon oft gesagt: Nichts zum Ausstrecken auf dem Boden, kaum genug Platz, um auf ein paar Strohballen zu sitzen. In der Mitte des Wagens ein Eimer Wasser, der bald leer sein wird, und ein Eimer als Toilette, der schnell voll ist.[10]

Die Lagerhalle

Ein Güterbahnhof als Ausgangspunkt für die Judentransporte entsprach völlig der nationalsozialistischen Rassenideologie. Jetzt soll die Lagerhalle als Ort für Konferenzen, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und andere künstlerische Aktivitäten genutzt werden.

An der weißen Tafel auf der von hier aus sichtbaren Seitenwand sind Briefe und Botschaften von Deportierten wiedergegeben.

„Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise. Männer-Frauen-Kinder. Alles durcheinander, Als Wegzehrung zwei  Eimer Wasser und Brote. 40 Menschen in plombierten Viehwagen, die Fenster mit Stacheldraht versperrt.   Aus dem Zug geworfene Nachricht von Jacques Baltar – Konvoi Nr. 57 vom 18. Juli 1943

Die Stelen

Eine lange Reihe von Stelen aus Stahl erinnert an alle Konvois, die in Frankreich zusammengestellt wurden. Eingezeichnet sind die Nummer des jeweiligen Konvois, sein Datum, die Zahl der Deportierten, wobei die Kinder gesondert aufgeführt sind, Ausgangs- und Endpunkt des Konvois, meist auch der Anteil der bei der Ankunft des Konvois sofort Ermordeten und die Zahl der (wenigen) Überlebenden.[11]

Öfters gibt es auch noch zusätzliche Informationen:

Die Deportierten des Konvoi 10 vom 24. Juli 1942 waren ausschließlich ausländische Juden, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten und die bei der großen Judenrazzia des Wintervelodroms (Vel‘ d’Hiv) vom 16./17. Juli 1942 ergriffen worden waren. Zum ersten Mal bestand dieser Konvoi mehrheitlich aus Frauen. Nur 6 Überlebende des Konvois sind bekannt.

Im August 1942 wurden besonders viele Kinder der Razzia des Wintervelodroms deportiert und es wird damit an ein für Frankreich besonders schmerzliches Kapitel seiner Geschichte erinnert. Es war ja die französische Verwaltung, die diese Razzia vorbereitete, und es waren französische Gendarmen, die sie durchführten. Wurden zunächst die von der deutschen Besatzungsmacht angeforderten arbeitsfähigen Männer und Frauen deportiert, so jetzt auf ausdrücklichen Wunsch der Vichy-Regierung auch die Kinder.

Die ersten Stelen für die Konvois aus Le Bourget sind diagonal aufgestellt, die Stelen für die nachfolgenden 21 Konvois aus Bobigny direkt dem Betrachter zugewandt. Dazwischen ist eine „Lücke“ – einen Konvoi 56 gab es nicht.  

Der Konvoi 77 ist der letzte große Konvoi aus Bobigny.  Es ist ein besonders großer Konvoi, was bedeutet, dass die Deportierten noch weniger Platz in den Viehwagen hatten: Die im Bahnhof bereit gestellten Züge hatten immer die gleiche Anzahl Wagen.

 Bemerkenswert ist auch die große Anzahl von Kindern: Alois Brunner machte besonders Jagd auf sie. Am bekanntesten sind die Kinder von Izieu, die überwiegend mit dem Konvoi 71 nach Auschwitz deportiert wurden.

Bemerkenswert ist schließlich das Datum dieses Konvois: Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Genau am 31. Juli, als der Konvoi 77 Bobigny verließ, durchbrachen die alliierten Truppen bei Avranches die deutsche Verteidigungsfront. Der Weg nach Süden und Osten war damit frei. Aber auch in den Wochen der erbitterten Kämpfe in der Normandie wurden die Konvois mit großer Intensität fortgesetzt; anders als 1942/1943: Damals gab es eine Unterbrechung – die einzige in der frenetischen Abfolge der Konvois, und zwar zwischen den Konvois 45 (11.11.1942) und 46 (9.2.1943). Grund war die Besetzung des Vichy-Territoriums durch die damit beschäftigten deutschen Truppen im November 1942. Im Sommer 1944, als der „Endsieg“ in weite Ferne gerückt war,  hatte die Exekution der „Endlösung“  Priorität…

Sammelpunkt für die zur Deportation bestimmten Juden war das Lager Drancy. Es gab noch andere Sammellager wie Pithiviers oder Beaune-La-Rolande, aber der Weg zur Deportation führte über Drancy. Und von dort aus nach Bourget oder Bobigny, wo die Züge nach Auschwitz abfuhren.[12]

Erinnerungsplakette im Gare de l’Est in Paris. Foto: Wolf Jöckel

Von 1942 bis 1944 wurden 70 000 Juden aus Frankreich, davon 11 000 Kinder, aus den Bahnhöfen Drancy, Bobigny, Compiègne, Pithiviers und Beaune-la-Rolande in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Nur 2500 von ihnen überlebten. Vergessen wir das niemals! Die Söhne und Töchter der aus Frankreich deportierten Juden.

Der Weg von Bobigny nach Auschwitz

Abfahrt Paris Bobigny

Nach 6 Stunden 30 Minuten: Bar-le-Duc

Nach 10 Stunden Metz

Nach 13.30 Stunden Saarbrücken

Nach 19 Stunden 40 Minuten Frankfurt

Nach 30 Stunden 35 Minuten Engelsdorf bei Leipzig

Nach 33 Stunden 50 Minuten Dresden

Nach 37 Stunden 50 Minuten Görlitz

Nach 51 Stunden 35 Minuten Kattowitz

Nach 53 Stunden

Ankunft Auschwitz-Birkenau

Dies ist die Stele für den allerletzten Konvoi aus Bobigny. Er verließ Bobigny am 17. August, eine Woche vor der Befreiung von Paris. Zu diesem Konvoi gehörten der Kommandant von Drancy Alois Brunner und weiteres deutsches Militärpersonal – sicherlich nicht in Viehwagons untergebracht. Die Deportierten des Konvois sollten im Bedarfsfall als Geiseln verwendet werden.

Brunner gelang die Flucht, er tauchte zunächst in Ägypten, dann in Syrien unter, wo er unter dem Präsidenten Hafez-el-Assad, dem Vater des heutigen syrischen Machthabers, als Berater beim Aufbau eines Repressionsapparates fungierte. Beate und Serge Klarsfeld machten sich auf seine Suche, konnten aber nicht erreichen, dass Brunner  -wie Eichmann- zur Rechenschaft gezogen wurde.[13] Brunner starb 2001 in einem syrischen Versteck, bis zum Schluss fest davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Der Point X

Der Point Z markiert die Einmündung der Gleise des Güterbahnhofs in die Grande Ceinture und -über den Knotenpunkt Noisy le Sec- in die Vernichtungslager führende Bahnlinie nach Osten. 

Foto: Wolf Jöckel Januar 2011

Simone Veil, die spätere französische Gesundheits- und Sozialministerin und Präsidentin des Europäischen Parlamens,  wurde am 13. April 1944 im Alter von 16 Jahren mit ihrer Mutter und ihrer Schwester mit dem Konvoi 71 von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Aus ihrer Autobiographie:

Am 13. April wurden wir um fünf Uhr morgens verladen für eine neue Etappe dieses anscheinend endlosen Abstiegs in die Hölle. Busse brachten uns zum Bahnhof Bobigny, wo wir in Viehwaggons steigen mussten, die einen sofort nach Osten losfahrenden Konvoi bildeten. Da es weder zu kalt noch zu heiß war, wurde der Albtraum nicht zur Tragödie. (…) Die Reise dauerte zweieinhalb Tage; vom 13. April im Morgengrauen bis zum Abend des 15. in Auschwitz-Birkenau. Dies ist eines der Daten, die ich nie vergessen werde, zusammen mit dem meiner Rückkehr nach Frankreich, dem 23. Mai 1945. Sie sind Meilensteine ​​in meinem Leben. (…) Sie bleiben mit meinem tiefsten Inneren verbunden, wie die eintätowierte Nummer 78651 auf der Haut meines linken Arms.[14]

Praktische Informationen

La gare déportation de Bobigny, lieu de mémoire
151 avenue Henri Barbusse
93000 BOBIGNY

Zugang mit öffentlichen Verkehrsmitteln:

Métro Linie 5 bis Station Pablo Picasso, umsteigen in Straßenbahn T 1 Richtung les Courtilles  bis Station Escadrille Normandie-Niemen. Von dort aus kurzer Fußweg auf der avenue Henri Barbusse

Oder:

Métro Linie 5 bis Porte de Pantin. Von dort Bus 152 in Richtung Bondy Jouhaux-Blum bis Haltestelle gare/Bahnhof (Grande ceinture)

Öffnungszeiten:

Mittwochs bis sonntags von 9.30 bis 12.30h und von 14 bis 17 h

Informationstafeln in französischer und englischer Sprache.


Anmerkungen

[1] Siehe die Broschüre „L’ancienne gare de Bobigny, un lieu de la Déportation des internés du camp de Drancy. L’histoire, passée, présente et à venir d’un site. Herausgegeben von der Stadt Bobigny. Ohne Jahresangabe.  Ich erhielt 2011 bei einem Besuch des Bahngeländes eine noch nicht endgültige Version der Broschüre – damals noch mit zahlreichen Fehlern bei deutschen Ausdrücken. In der Broschüre gibt es eine ausführliche Zeittafel, in der die Zeit von 1946-1987 mit der Überschrift „L’oubli“ versehen ist. Ich hatte im Januar 2011 Gelegenheit, das Gelände mit Anne Bourgon zu besuchen. Anne Bourgon war zwischen 2007 und 2015 seitens der Stadt Bobigny für die „réhabilitation de cette friche ferrovieaire“ zuständig. ( Siehe das Interview mit Anne Bourgon in Libération vom 27. Januar 2023:  la gare de déportation de Bobigny est «un espace vide qui parle de l’absence et il ne fallait surtout pas le remplir»

[2] https://paris-blog.org/2022/07/09/vor-80-jahren-die-grose-razzia-des-wintervelodroms-vel-dhiv/  Siehe auch:  https://books.openedition.org/editionsmsh/3600?lang=de

[3] Siehe dazu: Frédérique Pelletier, Le long chemin vers un lieu de mémoire. In: Ancienne gare de déportation de Bobigny. Un mémorial à ciel ouvert. Bobigny 2023. Diese Broschüre liegt im Eingangspavillion aus. Weiterhin als Broschüre zitiert.

[4] Siehe Sébastien Albertelli,  Les cheminots, fers de lance de la Résistance française et acteurs majeurs de la Libération. In:  Jean Lopez und Olivier Wieviorka (Hrsg), Les mythes de la Seconde Guerre mondiale (2018), S. 113 bis 124  

[5] https://www.lexpress.fr/economie/sncf-1940-1944-conte-enquete-sur-un-mythe-francais_1428784.html

[6]https://www.google.com/search?q=https%3A%2F%2Fwww.lemonde.fr%2Fsociete%2Farticle%2F2011%2F01%2F25%2Fbobigny-la-sncf-doit-s-expliquer-sur-son-role-dans-la-shoah_  „Guillaume Pepy, a reconnu que son entreprise, bien que „contrainte, réquisitionnée“, fut „un rouage de la machine nazie d’extermination“.

[7] La SNCF s’excuse pour son rôle dans la déportation. L’entreprise a exprimé „peine et regret“ alors qu’elle était menacée d’être évincée d’un appel d’offres américain. https://www.lexpress.fr/societe/la-sncf-s-excuse-pour-son-role-dans-la-deportation_936096.html

[8] Auszug aus ihrem Buch Retour à Birkenaus, Grasset 2019. Zitiert in der Broschüre, S. 8

[9] Le „convoi des femmes“: Pithiviers, le 3 août 1942/Der „Konvoi der Frauen“: Pithiviers, 3. August 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967  Siehe: https://paris-blog.org/2022/07/17/zeichnungen-der-razzia-des-vel-dhiv-von-cabu-eine-ausstellung-im-memorial-de-la-shoah-in-paris/ 

[10] Zitiert in Un mémorial à ciel ouvert, S. 7

[11] Eine genaue Auflistung aller Konvois mit näheren Informationen bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Convois_de_la_d%C3%A9portation_des_Juifs_de_France

[12] Nachfolgendes Bild: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/286742-ile-de-france-le-memorial-de-l-ancienne-gare-de-deportation-de-bobigny-ouvre-ses-portes

[13] Siehe dazu: Beate et Serge Klarsfeld, Mémoires. Flammarion 2015. S. 475f: Sur la piste  de Alois Brunner und S, 521/522: Contre Brunner, de New York à Berlin-Est. Und: S. 531-535: Derniers rebondissements dans l’affaire Brunner.

[14] Aus: Simone Veil, Une vie. 2007. Zit. Broschüre, S. 7, Übersetzung W.J.

Vor 80 Jahren:  Die große Razzia des Wintervelodroms (Vel d’Hiv), die „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“

Am 16./17. Juli 1942 wurden in Paris etwa 13 000 Juden – Männer, Frauen und Kinder-  in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Wohnungen verhaftet. Alleinstehende wurden in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht.  Die Familien, insgesamt etwa 8000 Personen, davon über 4000 Kinder, wurden in einer Radrennbahn in der Nähe des Eiffelturms (dem Vel d’Hiv) interniert und dort mehrere Tage unter unsäglichen Bedingungen festgehalten. Danach wurden sie in zwei Internierungslager südlich von Paris verbracht, schließlich nach Auschwitz deportiert und -mit wenigen Ausnahmen- ermordet.[1]  

Diese groß angelegte Razzia, für die sich in Frankreich das Kürzel „Vel d‘ Hiv“ eingebürgert hat, ist ein schmerzhaftes Datum für Frankreich, „eine der dunkelsten Seiten unserer Geschichte“, wie es in einer Stellungnahme des Pariser Mémorial de la Shoah heißt.[2]

Dies aus mehreren Gründen:

  • Nirgendwo wurden zwischen 1941 und 1943 so viele Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in so kurzer Zeit verhaftet wie im Juli 1942 in Paris.[3]
  • Die Initiative für diese Razzia kam von den Nazis. Durchgeführt wurde sie aber von französischen Behörden. Etwa 4500 französische Polizisten waren dabei im Einsatz. Kein einziger deutscher Soldat wurde dafür benötigt[4] , auch kein Gestapo- oder SS-Mann.   
  • Die Initiative allerdings, auch Kinder von 2 bis 16 Jahren zu verhaften und zu deportieren, kam von französischer Seite – ungeachtet dessen, dass fast alle dieser Kinder dank des droit de sol, des Geburtsortsprinzips, die französische Staatsbürgerschaft besaßen.
  • Bei der Durchführung der Razzia spielte das damalige Pariser Transportunternehmen STCRP eine wesentliche Rolle. Es stellte etwa 50 „Busse der Schande“ zur Verfügung – ein wesentlicher Grund dafür, dass nach dem Krieg der Name des öffentlichen Unternehmens in RATP verändert wurde.[5]
  • Eine unheilvolle Rolle bei der Deportation spielte auch die französische Staatsbahn. Sie transportierte die verhafteten Juden in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers und von dort -auf dem Weg in die Todeslager- nach Drancy.[6]  

Anlässlich des 80. Jahrestages wird in Frankreich mit einer Fülle von Veranstaltungen, politischen Kundgebungen, Ausstellungen und Berichten an diese große Razzia, „ein französisches Verbrechen“,[7] erinnert.

Gegenstand dieses Beitrags ist die Vorstellung von zwei Orten, die bei der Razzia des Vel d‘Hiv eine wesentliche Rolle gespielt haben:

  • Das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, als Beispiel für eines der „centres de rassemblement“,  in die die verhafteten Juden zunächst verbracht wurden.
  • Dann selbstverständlich das Wintervelodrom, das der Razzia vom 16./17. Juli 1942 seinen Namen gegeben hat.  

Zwei weitere Orte sollen in einem späteren Beitrag folgen:

  • Das Internierungslager Drancy, in das ein Teil der damals Verhafteten eingeliefert wurde und das als letzter Sammelpunkt für die Deportationen diente
  • Der Bahnhof von Bobigny, wo die Fahrt der Zugkonvois nach Auschwitz begann. Allein während des Jahres 1942 transportierten 42 Zugkonvois die meisten der im Juli in Paris verhafteten 13 000 Juden in die Vernichtungslager. Dazu kamen weitere 10 500 aus dem noch nicht von der Wehrmacht besetzten Südfrankreich, die den Nazis von der Kollaborationsregierung des Marschalls Pétain ausgeliefert wurden.[8]

  1. Das Gymnase Japy

Das Gymnase Japy ist eine Sporthalle im 11. Arrondissement. Gebaut wurde sie 1870 zunächst als Markthalle, diente aber auch als Versammlungsort.

Foto: Wolf Jöckel

Im Dezember 1899 trafen sich dort 800 Delegierte der verschiedenen sozialistischen Richtungen, um eine einheitliche sozialistische Partei zu gründen. Teilnehmer des Kongresses von Japy waren unter anderem Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, Jean Jaurès, der am Vorabend des 1. Weltkriegs ermordete Pazifist und charismatische Führer der französischen Sozialisten, und  Aristide Briand, der spätere Ministerpräsident, Außenminister und -zusammen mit Gustav Stresemann- Motor der deutsch-französischen Verständigung in den 1920-er Jahren. Der Kongress von Japy war eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Gründung einer einheitlichen sozialistischen Partei in Frankreich (SFIO).

Ausgerechnet dieser vom Geist des Humanismus und der Menschenrechte geprägte Ort spielte eine große Rolle im Prozess der Verfolgung und Vernichtung Pariser Juden.

Daran erinnern zwei große Tafeln, die neben dem Eingang angebracht sind.

Foto: Wolf Jöckel

Auf ihnen wird an drei Razzien erinnert: An die Razzia vom 14. Mai 1941 auf der einen Tafel, an die Razzien vom 20. August 1941 und vom 16. Juli 1942 auf der anderen, nachfolgend abgebildeten.

Zur Erinnerung an die Kinder, Frauen und Männer des 11. Arrondissements, die am 20. August 1941 sowie am 16. Juli 1942 hier zu Tausenden versammelt wurden. Ihr Bestimmungsort war das Vernichtungslager Auschwitz, weil sie Juden waren.[9] Foto: Wolf Jöckel

Die Razzia des Vel d’Hiv war also nicht die erste Razzia in Paris. Den Anfang machte die sogenannte Razzia „du billet vert“ vom 14. Mai 1941: Da wurden 6494 aus Österreich, der Tschechoslowakei, vor allem aber aus Polen stammende männliche Juden im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, „eingeladen“, sich zur Überprüfung ihrer Situation an  einem  angegebenen Ort, unter anderem dem Gymnase Japy, einzufinden.

Herr Pinkus Eizenberg wird aufgefordert, persönlich in Begleitung eines Mitglieds der Familie oder eines Freundes am 14. Mai 1941 um 7 Uhr vormittags im Gymnase 2, rue Japy zur Überprüfung seiner Situation zu erscheinen. Sie werden gebeten, ein Ausweispapier mitzubringen. Wer nicht zur angegebenen Zeit erscheint, hat mit strengsten Sanktionen zu rechnen.

Diese „Einladung“ bzw. Aufforderung war ein raffiniertes Täuschungsmanöver. Denn es ging nicht um Überprüfung, sondern Verhaftung.  Und die Begleiter waren dazu bestimmt, Koffer mit Habseligkeiten für die im Gymnase Japy Festgehaltenen herbeizuschaffen. Schwerpunkt der Aktion waren das 11. und das  20. Arrondissement  mit ca. 600 bzw. 550 verhafteten ausländischen oder staatenlosen Juden, während das Viertel der alteingesessenen französischen Juden im Marais mit unter 300 verhafteten Juden eher weniger betroffen war.[10] Die insgesamt etwa 3700 verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande in der sogenannten  „freien  Zone“ Frankreichs interniert, die meisten ein Jahr später deportiert und ermordet. 

Der Protest gegen diese erste Judenrazzia war selbst von Seiten der jüdischen Gemeinde eher verhalten: Sie betraf ja „nur“ „indésirables“, unerwünschte Personen, wie es in der damaligen Terminologie hieß. Und es ging offiziell um einen „Arbeitseinsatz“ der Verhafteten.   In der Bevölkerung wurde, jedenfalls nach einem Stimmungsbericht der Pariser Préfecture de Police, höchstens kritisiert, dass jetzt Frankreich für die Frauen und Kinder der internierten Juden aufkommen müsse. Da hätte man doch besser gleich alle internieren sollen „ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht.“ [11]

Die Razzia vom 20. August 1941 betraf ausschließlich das 11. Arrondissement, wo besonders viele nach Frankreich emigrierte Juden lebten. Das Viertel wurde mitsamt seiner Metrostationen abgeriegelt, die Passanten wurden kontrolliert, Polizisten suchten Juden in ihren Wohnungen. 3000 der 5800 gesuchten Juden wurden aufgespürt,  zunächst in das neu eingerichtete Lager Drancy im nördlichen Umland von Paris gebracht und später ebenfalls deportiert und ermordet. Etwa 1500 von ihnen waren zwar „naturalisiert“, hatten also die französische Staatsangehörigkeit erhalten. Ihre Verhaftung und Deportation verstieß damit gegen den mit Hitler-Deutschland abgeschlossenen Waffenstillstandsvertrag, aber das kümmerte das Regime von Vichy nicht.[12]

Am 16./17. Juli 1942 folgte dann „la rafle monstre“, die Vel d’Hiv-Razzia,  die größte aller Razzien. Auch hier wieder spielte das Gymnase Japy eine entscheidende Rolle als ein erster Sammelpunkt (centre de rassemblement). Bevor nämlich die festgenommenen Juden -diesmal Männer, Frauen und Kinder- entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiv transportiert wurden, fand hier eine Selektion (tri) statt: Grundlage der Razzia war eine Volkszählung von 1940, bei der Informationen über die Juden erfasst wurden. Die auf dieser Grundlage erstellte Liste der zu verhaftenden Juden enthielt allerdings keine speziellen Angaben, die mögliche Ausnahmen von einer Verhaftung betrafen. Dazu gehörten beispielsweise Personen mit nichtjüdischem Ehepartner oder einer offiziellen Anerkennung als Mitglied des französischen Judentums durch die „Union générale des Israélites de France“. Ebenso wurden Frauen mit Kindern unter zwei Jahren oder am Ende ihrer Schwangerschaft  -zunächst- von weiterer Verfolgung verschont. Dies galt auch für Frauen, deren Mann Kriegsgefangener war.[13]

Entsprechende Angaben mussten natürlich oft aufwändig überprüft werden, sodass die Prozedur in den centres de rassemblement wie dem Gymnase Japy sich entsprechend hinzog und eine chaotische, explosive Atmosphäre herrschte. Zumal es hier ganz offensichtlich noch eine letzte Möglichkeit gab, dem zu erwartenden schlimmen Schicksal zu entgehen oder es zumindest den Kindern zu ersparen. So entschied beispielsweise der Verantwortliche im Gymnase Japy, drei kleine Kinder gehen zu lassen, die von der nicht verhafteten Großmutter betreut werden konnten. Der 17-jährige Bruder allerdings musste bleiben, obwohl er französischer Staatsbürger war…  Viele Kinder weinten, Mütter rissen sich die an sie klammernden Kinder vom Leib, um sie wenigstens zu retten. Und dann warteten draußen die Busse, die die Familien bzw. Frauen mit Kindern ins Vel d’Hiv brachten, die anderen in das Lager Drancy. Und schließlich wartete auf alle der Tod in den Gaskammern von Auschwitz.

Bilder davon gibt es nicht. Immerhin hat aber ein deutscher Soldat, Mitglied der Propaganda-Kompanie der Wehrmacht, Fotos von der Razzia des billet vert gemacht, die kürzlich entdeckt wurden und Grundlage einer Ausstellung an den Wänden des Gymnase Japy zum 80. Jahrestag dieser Razzia waren.

Fotos: Wolf Jöckel
Le Gymnase Japy: Ort der Verhaftung          Die Trennung der Familien
Transport der Verhafteten zum Gare d’Austerlitz. Foto: Wolf Jöckel
Am gare d’Austerlitz:  rechts Theodor Dannecker, Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris,  der Initiator der Razzia. ©Mémorial de la Shoah

Am Tag danach: Die verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande von französischen Gendarmen bewacht.

©Mémorial de la Shoah

Solche Bilder waren in Frankreich lange tabu, wofür der Umgang mit Alain Resnais 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung ein anschauliches Beispiel ist. Der Film wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, fiel dann aber der Zensur zum Opfer: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden– selbst dort übrigens ohne képi.  Die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[14]

2. Das Wintervelodrom/ Vel d’Hiv, der zentrale Ort der „rafle monstre“

Das Wintervelodrom wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut für Radrennen, vor allem die populären 6-Tage-Rennen von Paris, danach umgebaut zu einem Palais des Sports. 1959 wurde es abgerissen. Auf dem Platz, wo es einmal stand, erinnert heute ein Mahnmal an die „Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unter der De-facto-Autorität der sogenannten ‚Regierung des État français‘ von 1940-1944 begangen wurden.“  

Das Denkmal auf der Place des Martyrs Juifs du Vélodrome d’Hiver, Quai de Grenelle, 15. Arrondissement. Die gewölbte Bodenplatte erinnert an die Piste der Radrennbahn. Fotos: Wolf Jöckel

Die große Razzia des Vel d’Hiv wurde minutiös vorbereitet. Vorgegeben wurde von dem Vertreter Himmlers in Paris, dem SS-General Carl Oberg, das Ziel von 40 000 zu verhaftenden Juden im arbeitsfähigen Alter. Der französische Regierungschef hatte dagegen keine Einwendungen. Wenn Frankreich von unerwünschten ausländischen Juden befreit werde, habe das nur Vorteile.[15] Außerdem war Vichy gerade damals an einer engen Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland interessiert: Im Sommer 1942 feierte die Wehrmacht in Nordafrika und an der Ostfront ihre letzten großen Siege und die Regierung des État français wollte sich mit dem voraussichtlichen Sieger zum eigenen Vorteil arrangieren. So war es ganz in ihrem Sinne, die volle Verantwortung für die konkrete Vorbereitung und Durchführung der Razzia  zu übernehmen und ebenso für  die Auswahl der zu Verhaftenden: Juden aus Polen, der Sowjetunion, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, für Laval „Abfall“ (déchets), den die Deutschen selbst in Frankreich abgeladen hätten. Federführend waren dabei René Bousquet, Chef der französischen Polizei, und Louis Darquier de Pellepoix, Vorsitzender des Generalkommissariats für Judenfragen unter dem Vichy-Regime. Auch von deutscher Seite war das französische Engagement höchst willkommen, weil die deutsche militärische und administrative Präsenz in Frankreich  damals aufgrund der Anforderungen des Krieges im Osten relativ gering war.

Entschieden wurde, die zu Verhaftenden nicht mehr zu einer angeblichen Überprüfung der Personalien „einzuladen“ wie bei der Razzia du billet vert.  Auf ein solches Täuschungsmanöver wäre 1942 wohl kaum noch jemand hereingefallen. Stattdessen wurden die zur Deportation bestimmten Menschen bei „Nacht und Nebel“ in ihren Wohnungen aufgesucht und festgenommen, und zwar von jeweils 2 Polizeibeamten, einem in Uniform und einem in Zivilkleidung. Die beiden sollten sich nicht kennen, um so zu verhindern, dass unter Umständen die Aktion im stillschweigenden Einverständnis miteinander vertrauter Kollegen unterlaufen werden könnte. Denn dass die Mission nicht einfach werden würde, war auch der Polizeiführung klar: Diesmal sollten ja nicht nur Männer verhaftet werden -von denen viele schon längst seit den Razzien das Jahres 1941 interniert waren-  sondern auch Frauen und Kinder. Jedes Polizei-Tandem erhielt eine Liste mit Adressen, die sie aufzusuchen, und mit den entsprechenden Namen von Juden, die sie zu verhaften und zu einem ersten Sammelpunkt zu bringen hatten, zum Beispiel wieder das Gymnase Japy.  Zur Deportation bestimmte Einzelpersonen wurden dort eingeteilt für einen Weitertransport mit Bussen in das Lager Drancy, Frauen bzw. Familien mit Kindern ins Wintervelodrom.

So bürokratisch penibel die Aktion vorbereitet worden war, die Unterbringung von mehreren tausend Menschen im Wintervelodrom über einen Zeitraum von sechs Tagen war völlig unorganisiert.  Im Inneren des Vel d’Hiv war die Glasabdeckung abgedichtet und blau gestrichen worden, um den Verdunkelungsvorschriften zu entsprechen, wodurch die Temperaturen in der Sommerhitze rasch anstiegen. Tausende von Menschen waren dicht gedrängt in der Halle zusammengepfercht, saßen auf den Tribünenplätzen oder eng an eng auf den Betonstufen.  Für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten war nicht gesorgt.  Am schlimmsten waren aber nach übereinstimmenden Angaben von Überlebenden die sanitären Einrichtungen. Ein großer Teil der Toiletten war abgeriegelt, weil sie Fenster zur Straße hin hatten. Die Wartezeit für eine der viel zu wenigen Toiletten betrug eine bis über zwei Stunden. Nach kurzer Zeit aber funktionierten sie überhaupt nicht mehr, die Wasserversorgung brach zusammen. Da den Gefangenen außer dem Roten Kreuz und den Quäkern niemand Nahrung und Wasser zur Verfügung stellte, verschlechterten sich die Lebensbedingungen im Inneren rasch. Die Gefahr von Seuchen war erheblich, zumal auch viele Menschen mit ansteckenden Krankheiten eingeliefert waren und eine medizinische Versorgung ebenfalls völlig unzureichend war: „Ein Schauspiel menschlichen Elends“, wie Robert O. Paxton in seinem Buch über das Frankreich von Vichy schrieb.[16]

© Mémorial de la Shoah / coll. BHVP[17]

Bilder dieses „Hölle der Pariser Juden“[18] gibt es nicht. Weder die deutschen Initiatoren noch die französischen Exekutoren der Razzia hatten ein Interesse daran, entsprechende Bilder zu verbreiten.

Es existiert nur dieses eine, 1990 zufällig von Serge Klarsfeld entdeckte Foto. Es zeigt, vermutlich am Nachmittag des 16. Juli 1942 aufgenommen, mehrere Busse mit abgedeckten Fenstern, die gerade Juden zum Vel d’Hiv gebracht haben. Der Name Vel d’Hiv ist auf der Glasfront über dem Eingang zu erkennen. Das Foto war bestimmt für eine Veröffentlichung in der Collaborations-Zeitung Paris-Midi, mit folgender Erläuterung:

Gestern wurden am frühen Vormittag ausländische Juden aufgefordert, in bereitstehende Autobusse zu steigen, die sie zu einem neuen Bestimmungsort brachten: der Arbeit zweifellos…..

Auf der Rückseite ist von der deutschen Zensur vermerkt , dass das Foto nicht veröffentlicht werden darf: Gesperrt/interdiction

Es gibt aber Bilder, die der 2015 bei dem islamistischen Terroranschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordete Zeichner Cabu 1967 zur Illustration des Textes von Claude Lévy und Paul Tillard angefertigt hat. Sie werden derzeit (bis zum 7. November 2022) im Mémorial  de la Shoah in Paris  gezeigt.[19]

Ausschnitt einer Zeichnung von Cabu. Foto Wolf Jöckel

Und es gibt Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden und Briefe und Nachrichten, die aus dem Vel d’Hiv oder den Lagern an die Außenwelt gelangten.[20]

Nachfolgend möchte ich Annette Muller, „la petite fille du Vel d’Hiv“,  zu Wort kommen lassen, die nach dem Krieg ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat.  Ihre Eltern stammten aus Galizien und waren auf der Suche  nach einem besseren Leben 1929 nach Frankreich emigriert. Vier Kinder wurden dort geboren, Henri, Jean, Annette und Michel, alle französische Staatsbürger. Die Mutter und die Kinder werden am 16. Juli verhaftet. Da es Gerüchte von einem bevorstehenden „grande rafle“ gab, hatte sich der Vater in Sicherheit gebracht. Rachel, die Mutter, hatte versucht,  auch die Kinder in Sicherheit zu bringen, aber vergeblich. Auch die Concierge lehnte es ab, die Kinder für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am Tag nach der Razzia plünderte sie die Wohnung der Mullers und ließ nichts übrig; außer einem Foto, aufgenommen 1940 von einem deutschen Soldaten, der sich damals mit der Familie, vor allem dem kleinen Michel, angefreundet hatte.[21]

© Radio France – Archive familiale[22]

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli werden Mutter und Kinder verhaftet.

„Plötzlich hörte ich fürchterliche Schläge gegen die Tür. Mit klopfendem Herzen standen wir auf. Das Hämmern erschütterte die Tür und hallte durch das Haus. Es traf mich hart in meinem Herzen, in meinem Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper. Zwei Männer traten in das Zimmer, groß, mit beigen Mänteln. ‚Beeilt Euch, zieht Euch an‘, befahlen sie. ‚Wir nehmen Euch mit‘. Plötzlich sah ich, wie meine Mutter sich auf die Knie warf, die Beine der beigen Männer umklammerte, schluchzte, flehte. ‚Nehmen Sie mich mit, aber ich bitte Sie, nehmen Sie nicht meine Kinder.‘  Sie stießen sie mit den Füßen weg. Ich betrachtete meine Mutter. Ich schämte mich. Meine Mutter! So schön, so groß, so stark. Meine Mutter, die sang und lachte, und nun lag sie auf dem Boden, weinend und die beigen Männer anflehend….“

Für Annette tut sich dann ganz unerwartet eine Möglichkeit zur Flucht auf: Die Mutter besteht darauf, sie noch zu kämmen. Aber es findet sich kein Kamm. Da bietet einer der Polizisten an, Annette könne ja nebenan im Kurzwarenladen einen Kamm kaufen. „Er sah mir fest in die Augen: ‚Du kommst aber sofort wieder zurück‘“. Annette geht auf die Straße, sieht die Juden,  die abgeführt werden. „Leute an den Fenstern sahen zu, einige klatschten laut Beifall. Die alte Ladenbesitzerin forderte mich auf, mich zu retten. ‚Geh nicht zurück nach Hause.‘ Aber wohin sollte ich gehen. Ich bezahlte, nahm meinen Kamm und rannte zurück zu meiner Mutter und meinen Brüdern.“

Im „centre de tri“ des Viertels, dem Bellevilloise, gelingt es der Mutter, die beiden älteren Söhne einer Nachbarin anzuvertrauen, die als Frau eines Kriegsgefangenen unter die Ausnahmeregelung fällt und die die beiden Buben als ihre Kinder ausgibt.[23]

Danach werden Rachel, Annette und Michel  mit einem Autobus in das Vel d’Hiv gebracht. Die ersten Eindrücke der Kinder: Michel ist beeindruckt von dem Eiffelturm, den er bisher nur von Ménilmontant aus ganz klein gesehen hatte. „Je l’avais jamais vue aussi grande, c’était immense“. Und Annette findet, dass der Eingang zum Vel d’Hiv dem des Cirque d’Hiver ähnelt, wo sie ein Jahr zuvor mit ihrer Mutter Schneewittchen und die sieben Zwerge gesehen hatte…

Dann innen:

„Wir waren auf den Stufen untergekommen, dicht an dicht mit anderen Leuten, den Kopf auf die Kleiderbündel oder Koffer gestützt. Unten, bei den Kabinen, sah man wild gestikulierende Menschen. Man hörte ein Stimmengewirr … und sah das ununterbrochene,  chaotische Hin und Her der Menschenmassen auf den Stufen. Und mitten in diesem Lärm wurden den ganzen Tag mit Lautsprechern Namen gerufen. Man sagte, das würde die bevorstehende Freilassung bedeuten. ‚Wir sind Franzosen, man kann uns nicht hier behalten‘, und sie waren voller Hoffnung, den Hals zu den ohrenbetäubenden Lautsprechern gereckt.“ …

 „Michel und ich wollten zu den Toiletten gehen. Aber es war unmöglich hinzukommen und wir mussten uns, wie die anderen auch, da erleichtern, wo wir waren. Alles war voll mit Pisse und Scheiße. Ich hatte Kopfweh, alles drehte sich, die Schreie, die grellen herunterhängenden Lampen, die Lautsprecher, der Gestank, die erdrückende Hitze.“ ….

„Es gab nichts mehr zu essen und zu trinken. Eines Tages kamen Frauen mit einem blauen Schleier um den Kopf und verteilten Essen. Inmitten von Schreien und de la bousculade gab man uns eine Madeleine und eine Sardine in Tomatensoße. Ich knabberte an der gewölbten Spitze der Madeleine und ließ die zuckerhaltigen Krümel langsam in meinem Mund zergehen. Ich aß die Sardine, indem ich zuerst die Tomatensoße ableckte. Das war wunderbar. Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas anderes im Vel d’Hiv gegessen zu haben. Nichts anderes. Danach hatten wir großen Durst. Die Lippen und die Zunge waren ausgetrocknet, aber es gab nichts zu trinken.“

Immerhin gab es einige Feuerwehrleute, die Mitleid mit den Eingeschlossenen hatten, und sie mit ihren Spritzen abkühlten und mit Wasser versorgten.

Schließlich wird Annette Muller mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in das Internierungslager Beaune-la-Rolande gebracht. Ihrem Vater gelingt es, mit Geld und guten Beziehungen die Befreiung Annettes und ihres Bruders zu erwirken, die dann von Ordensschwestern in Sicherheit gebracht und geschützt werden. Sie gehören zu den wenigen Kindern, die die Hölle des Vel d’Hiv und der Lager überlebt haben.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus rue de l’avenir Nummer 3 im 20. Arrondissement an Rachel Muller und ihre vier Kinder, die am 16. Juli 1942 von der französischen Polizei verhaftet wurden. Für Rachel Muller führte die „Straße der Zukunft“ in den Tod: Sie wurde von ihren Kindern getrennt, deportiert und in Auschwitz ermordet.[24]

Trotz der intensiven Vorbereitung und engmaschigen  Durchführung war die Razzia des Veld d’Hiv nicht so „erfolgreich“, wie es die deutschen Initiatoren und ihre französischen Handlanger erwartet hatten.[25] Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 12 884 Personen verhaftet: 8 833 Personen über 16 Jahre (5 802 männlich, 3031 weiblich), dazu 4051 Kinder. Die „Erfolgsquote“ der Operation betrug damit etwa ein Drittel bezogen auf die Ziele.[26] (Kaum vorstellbar, wie die ohnehin schon katastrophalen Bedingungen im Vel d’Hiv gewesen wären, hätte man so viele Menschen wie geplant verhaftet und dort eingeschlossen!).  Dass immerhin etwa zwei Drittel der zur Verhaftung vorgesehenen Juden ihrem vorgesehenen Schicksal (jedenfalls vorerst) entgehen konnten, hat wohl ganz vielfältige Gründe: Vor allem führte die große Zahl der bei der Aktion involvierten Personen dazu, dass da und dort auch gezielt Informationen weitergegeben wurden [26a] oder Gerüchte durchsickerten. Das kann auch eine Erklärung dafür sein, dass weniger Männer gefasst wurden als Frauen -abgesehen davon, dass viele Männer ja schon bei den Razzien von 1941 verhaftet worden waren: Dass diesmal auch Frauen  und Kinder betroffen sein könnten, konnten sich die meisten wohl nicht vorstellen. Eine wichtige Rolle spielte auch das unterschiedliche Engagement der Polizei-Tandems. Da gab es besonders ehrgeizige und von ihrer Mission überzeugte, aber auch andere, die mal „ein Auge zudrückten“.  Die konnten zwar auch nicht am Ende „mit leeren Händen“ vor ihren Vorgesetzten erscheinen; wenn sie aber schon einige Verhaftungen vorgenommen hatten, gab es einen gewissen Spielraum für Menschlichkeit.

Die fanatischen Agenten der „Endlösung“ konnten sich mit dem für sie enttäuschenden Ergebnis natürlich nicht zufriedengeben: Nach dem 16. Juli gab es deshalb noch 15 weitere Verhaftungsaktionen der Pariser Polizei, die letzte am 3./4. Februar 1944. Da wurden dann auch in kriegswichtigen Betrieben arbeitende Juden nicht mehr ausgespart. Am 31. Juli 1944, fast 8 Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, verließ der letzte große Konvoi nach Auschwitz, der 77., den Bahnhof von Bobigny: Da hatte die Exekution der „Endlösung“  Vorrang vor dem schon längst illusionären Glauben an den „Endsieg“.

Die Razzia des Vel d’Hiv und der schwierige Umgang mit der französischen Verantwortung

Frankreich hat sich allerdings sehr schwer getan mit diesem „Symbol des Dramas der Juden während der Besatzung“. „Il a pendant longtemps été tenu à l’écart du récit national“, wie die Zeitung La Croix anlässlich des 80. Jahrestages schreibt.[27]. Vor allem wegen der entscheidenden Rolle der französischen Polizei und wegen der auf französische Initiative zurückgehenden Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen, gewissermaßen einem  Akt vorauseilenden Gehorsams. Die Nazis hatten ja  zunächst gefordert, dass Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verhaftet werden  sollten. Die französische Regierung war aber daran interessiert, dass auch die Kinder der zu Verhaftenden einbezogen  werden sollten. Der Pariser Juden-Jäger Theodor Dannecker fasste die Position des Vichy-Regierungschefs Laval in den schrecklichen Worten „Les enfants aussi“ (Auch die Kinder!) zusammen. Auf dieser Linie lag auch der berüchtigte Satz des Schriftstellers Robert Brasillach vom Juli 1942: «Débarrassez-nous des juifs en bloc, et surtout n’oubliez pas les petits». (Schafft uns die Juden vom Hals, ausnahmslos, und vor allem vergesst nicht die Kleinen).

Die französische Regierung und auch die Polizei als die Exekutanten der Razzia sahen viele Vorteile in der Einbeziehung von Kindern:

  • Auf diese Weise erhöhten sich die Chancen, die Bilanz der Razzia zu „verbessern“ und den deutschen Vorgaben von 40 000 zu verhaftenden Juden näher zu kommen.
  • Der Chef der Vichy-Polizei, René Bousquet, wollte unbedingt einen kirchlichen Protest vermeiden. Er versprach deshalb dem Pariser Erzbischof und Vichy-Sympathisanten Suhard, die Familien gemeinsam zu verhaften und zu deportieren.
  • Die Trennung der Familien sollte besser nicht unter den Augen der Pariser Öffentlichkeit stattfinden. Die Razzia sollte so den zynischen Anschein einer „déportation familiale“ erhalten. Für die Kinder war damit allerdings ein sonst vielleicht noch möglicher Ausweg versperrt.

Heute erinnert ein in der Nähe der Metro-Station Bir-Hakeim gelegener Garten auf dem Gelände des ehemaligen Wintervelodroms ( 7 rue Nélaton) an die Kinder des Vel d’Hiv.

 Er wurde 2017 aus Anlass des 75. Jahrestags der Razzia auf Initiative von Serge Klarsfeld und der jüdischen Gemeinde geschaffen.

Auf einer Mauer der Erinnerung sind die Namen und das Alter der damals verhafteten und dann deportierten Kinder verzeichnet. Nur sechs dieser Kinder und Jugendlichen haben überlebt.[28]

Für das nach dem Krieg gepflegte Idealbild eines weitgehend im Widerstand geeinten Frankreich waren der originäre Antisemitismus des Vichy-Regimes und die bereitwillige Beteiligung französischer Behörden und vor allem der Polizei an den Judenpogromen eine schwer erträgliche Provokation. In Geschichtsdarstellungen und Schulbüchern der Nachkriegszeit wurde deshalb gerne die Razzia des Vel d’Hiv als eine Aktion der „autorités nazis“ dargestellt und die Rolle der französischen Polizei  verschwiegen.[29]

1946 war am Vélodrome d’Hiver eine Gedenktafel angebracht worden zur Erinnerung an die jüdischen Männer,  Frauen und Kinder, die am 16. Juli 1942 hier „auf Befehl der Nazi-Besatzer“ (sur l’ordre  de l’occupant nazi) versammelt und festgehalten wurden, bevor sie „voneinander getrennt nach Deutschland in die Vernichtungslager deportiert wurden.“

Die Stunde war noch nicht gekommen, so dazu Laurent Joly (S. 305), öffentlich die französischen Komplizen der großen Razzia anzuprangern. Da wären unweigerlich die Pariser Polizisten ins Blickfeld geraten, die doch als „Helden“ der Befreiung gefeiert wurden.

1967 erschien das Buch über „La Grande Rafle du Vel d’Hiv“ von Claude Lévy und Paul Tillard, das nach den Worten von Laurent Joly wie eine Bombe einschlug – zumal gerade 1966 der 50. Jahrestag der Schlacht von Verdun begangen wurde und der 15. Jahrestag des Todes von Marschall Pétain, des „Siegers von Verdun“. [29a]

Das Buch spielte eine herausragende Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung der historischen Verantwortung von Vichy für die Deportation von Juden. Danach konnte die Mitverantwortung von Vichy für die Deportationen nicht mehr geleugnet werden. Allerdings wurde diese Auseinandersetzung bald von der 1968-er Revolte in den Hintergrund gedrängt.

Als Anette Muller 1976 eine erste Kurzfassung ihrer Erinnerungen an verschiedene Verlage schickte, erhielt sie nur Absagen. Tenor: „Ça n’intéresse personne“- das interessiert doch niemanden.  Man habe damals, wie sie 2010 bei der Vorstellung ihres nun endlich publizierten Buches im Mémorial de la Shoah bitter bemerkte, nur von der Résistance gesprochen.  („On ne parlait que de la résistance“.)   Davon, dass sie am 16. Juli 1942 von französischen Gendarmen verhaftet wurde, habe man eher nicht sprechen wollen….

Erst 1995, am 53. Jahrestag der Razzia des Wintervelodroms, erkannte der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden an, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede,  vergleichbar vielleicht am ehesten mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau.[30]

Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das  Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“[31]), auch gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe.  Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden,  eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime  nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in  London ansässige Exil-Regierung des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des  50. Jahrestags der Razzia des Vel d‘Hiv, hatte Mitterrand in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“ Die Republik, so die damals gängige Überzeugung, sei das erste Opfer von Vichy gewesen, trage deshalb keinerlei Verantwortung.[32]

Die gegensätzlichen Positionen zur Vel d’Hiv-Razzia bestehen bis heute weiter. Präsident Macron hat sich dabei sehr eindeutig in die Reihe seiner Vorgänger Chirac und Hollande gestellt, die ohne wenn und aber die Verantwortung Frankreichs betont haben. In seiner ersten Rede als neu gewählter Präsident zum Jahrestag der Razzia stellte er 2017 fest, es sei Frankreich gewesen, das die Razzia und die nachfolgenden Deportationen organisiert habe und damit Verantwortung trage für den Tod der meisten damals aus ihrem Leben gerissenen Menschen.[33]

Emmanuel Macron am 16. Juli 2017 vor der Erinnerungstafel für die Opfer der Razzia.  10, boulevard de Grenelle. ©Sipa[34]  
Am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13152 Juden in Paris und Umgebung verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet. In dem Wintervelodrom, das hier stand, wurden 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer auf Befehl der Nazi-Besatzer von der Polizei der Vichy-Regierung unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Dank denen, die versucht haben, ihnen zu helfen.
Foto: Wolf Jöckel

Die extreme Rechte beharrt aber darauf, dass Frankreich keine Verantwortung für die Razzia habe. Zemmour,  rechtsradikaler Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2022, stellte im Dezember 2021 fest, Frankreich habe „keinerlei Verantwortung für die Razzia des Vel d’Hiv“. Und er vertrat die alte These der Pétainisten von der angeblichen Schutzschildrolle des État français von Vichy[35]:  Ihm sei es zu verdanken, dass die überwiegende Mehrheit der französischen Juden gerettet worden sei – im Gegensatz zu anderen besetzten Ländern wie Belgien, Holland, Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Deutschland. Für Zemmour ist die Rede von Jacques Chirac ein Fehler gewesen.[36]  Und Marine Le Pen beruft sich süffisant auf François Mitterrand und andere Politiker von links und rechts, die wie sie keinen Anlass sehen, dass sich Frankreich zu entschuldigen habe. In diese Kerbe hieb übrigens 2017 auch Jean-Luc Mélenchon in seiner Kritik an der Rede Macrons: Mit seiner Anerkennung der Verantwortlichkeit Frankreichs für die Razzia des Vel d’Hiv habe dieser in einer „maximalen Intensität“ eine Schwelle überschritten. „Vichy ce n’est pas la France“ und Frankreich sei nichts anderes als seine Republik. Die Jerusalem Post titelte damals, Extremisten von rechts und links würden gemeinsam die Geschichte deformieren…[37]

Laurent Jolys große, aktuelle und überaus empfehlenswerte Monographie über „La Rafle du Vel d’Hiv“ endet mit den Worten:

„Quatre-vingts ans après, la grande rafle résonne toujours douloureusement comme l’un des événements les plus terribles et les plus difficiles à apréhender de notre  histoire contemporaine.“ (S. 311) [38]

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Benutzte/Weiterführende Literatur:

Philippe Burrin,  La France à l’heure allemande (1940-1944). Paris: Seuil

Jacques Semelin,  Das Überleben von Juden in Frankreich 1940-1944. Mit einem Vorwort von Serge Klarsfeld. Aus dem Französischen übersetzt von  Susanne Witteck. (Siehe dazu das Interview mit Jacques Semelin: https://www.sciencespo.fr/research/cogito/home/la-survie-des-juifs-en-france-1940-1944/ )

Serge Klarsfeld, Vichy- Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, Band 1: 1942; Band 2: 1943-1944. Paris 1983 und 1985  (Diese Bücher sind eine nach wie vor grundlegende Pionierarbeit über „die Rolle von Vichy bei der Endlösung der Judenfrage in Frankreich“.)

Kersten Knipp, Tortur im Vel d’Hiv. Die große Pariser Razzia vom Juli 1942. In: ders, Paris unterm Hakenkreuz. wbg 2020, S. 222ff

Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1945. Paris: Édition du Seuil 1973 (Es war ein amerikanischer Historiker, der es zum ersten Mal den originären Antisemitismus von Vichy  ins Blickfeld rückte).

Annette Müller, La petite fille du Vel d’Hiv. Paris: Hachette 2012. Livre de Poche Jeunesse

Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942.  Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung.  Siehe dazu auch: « La Rafle du Vel d’Hiv. Paris, juillet 1942 », de Laurent Joly : une magistrale lecture des événements (lemonde.fr) und: Marc Zitzmann, Gefordert waren Erwachsene, doch auch Kinder wurden deportiert. Judenverfolgung im besetzten Paris: Laurent Jolys umfassende Darstellung der Refle du Vel d’Hiv ergänzt und korrigiert ältere Beschreibungen. In: FAZ vom 16. Juli 2022, S. 10

Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020. Siehe dazu: Joly S. 16/17 und 308

Zur französischen Judenpolitik Vichys siehe: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2012_3_3_bruttmann.pdf


Anmerkungen

[1]  Bei Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 11 finden sich folgende genaue Angaben: Danach wurden 12 884 Personen am 16./17. Juli verhaftet. 4900 wurden direkt in das Internierungslager Drancy gebracht, 8000 ins Wintervelodrom. Entsprechende Zahlenangaben in einer Information des Mémorial de la Shoah (Rundmail vom  18.5.2022)  Der im Titel verwendete Ausdruck ist übernommen von: https://www.deutschlandfunk.de/ein-dunkles-kapitel-franzoesischer-geschichte-100.html Dort ist allerdings fälschlicherweise nur von „über 1200“ verhafteten Juden die Rede.

Der Ausdruck „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“ stammt von dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy/Tillard, „La grande rafle du Vel d’Hiv“ von 1967. Die entsprechende Abbildung unten im Text.

[2] Rundmail des Mémorial de la Shoah vom 18.5.2022; entsprechend Serge Klarsfeld im Vorwort zu Anette Muller, La petite fille du Vel d’Hiv, Éditions Cercil 2009:  „La page la plus noire de  l’histoire de France“

[3] Siehe Laurent Joly S. 13

[4] So u.a.  1997 der damalige französische Ministerpräsident Lionel Jospin. https://information.tv5monde.com/info/vel-d-hiv-le-temoignage-d-une-enfant-rescapee-3612

[5] Jean-Marie Dubois und Malka Marcovich,  Les bus de la honte. Éditions Tallandier, 2016

[6] Siehe dazu z.B. Jochen Guckes, Le rôle des chemins de fer dans la déportation des Juifs de France

In:  Revue d’Histoire de la Shoah 1999/1 (N° 165), S. 29 bis 110  https://www.cairn.info/revue-revue-d-histoire-de-la-shoah1-1999-1-page-29.htm

[7] Als „un crime français“ wird die Razzia im Titel einer 8-teiligen Serie von France culture bezeichnet. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

https://www.la-croix.com/France/rafle-vel-dhiv-programme-commemorations-80e-anniversaire-juifs-shoah-2022-07-15-1201225008

[8] In Bobigny wird derzeit daran gearbeitet, das weitgehend noch im ursprünglichen Zustand erhaltene Gelände des Bahnhofs zu einem lieu de  mémoire zu gestalten, das seinem historischen und symbolischen Wert entspricht.

[9] Zu den Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939 -1945 im Allgemeinen und denen im 11. Arrondissement im Besonderen siehe  den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

[10] Die Regierung Daladier hatte 1938 die gesetzliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass eingebürgerten Juden die französische Staatsangehörigkeit entzogen werden konnte, wovon Vichy dann ausgiebig Gebrauch machte.

[11] Siehe dazu: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz, S. 19 etc  

[12] Zu beiden Razzien siehe Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 40ff

Dazu kam dann noch die sogenannte „rafle des notables“ vom 12. Dezember 1941, als 743 jüdische Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle in einer Aktion von Gestapo und französischer Polizei verhaftet wurden. Die meisten wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

[13] Das offizielle Rundschreiben der Préfecture de Police vom 13. Juli 1942  mit der Angabe aller zu verhaftenden Personen und allen Ausnahmen: https://www.maitre-eolas.fr/public/Circulaire_rafle.PDF

[14] Henry Rousso, Le syndrome de Vichy Paris: Éditions du Seuil 1987, S.244/245

[15] Zur Vorbereitung der Razzia siehe Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 53f

[16]Ce spectacle de la misère humaine“  – verbunden mit folgendem Zusatz: „ contre quoi s’insurge formellement la hiérarchie catholique“. La France de Vichy, S. 178. Auf die Rolle der katholischen Kirche einzugehen würde hier allerdings zu weit führen.

[17] Bildquelle und Interpretation: Alexandre Sumpf, « Le Vel d’Hiv, invisible et inoubliable », Histoire par l’image.  Februar 2022 https://histoire-image.org/etudes/vel-hiv-invisible-inoubliable  

[18] Schlagzeile der Zeitschrift Le Nouveau Candide, die 1967 Auszüge des Buches von Levy und Tillard veröffentlichte.

[19] https://1942.memorialdelashoah.org/exposition-cabu-dessins-de-la-rafle-du-vel-dhiv.html?

Siehe dazu auch: Frédéric Potet, La rafle du Vél d’Hiv vue à travers la plume de Cabu. In: Le Monde, 3./4. Juli 2022

[20] Sie die aktuelle Ausstellung in der Außenstelle Drancy des Mémorial de la Shoah: C’est demain que nous partons. Lettres d’internés, du Vel d’Hiv à Auschwitz. (27. März bis 22. Dezember 2022). https://expo-lettresdinternes-veldhiv-auschwitz.memorialdelashoah.org/

Siehe auch die Serie von France culture: La rafle du Vel d’Hiv, récits d’un crime français

https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

[21] Annette Muller, La petite-fille du Vel d’Hiv, S. 65ff  und: https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-nuits-de-france-culture/annette-muller-j-ai-vu-ma-mere-se-jeter-aux-pieds-des-policiers-pleurer-supplier-qu-on-laisse-ses-enfants-1948380

[22] Bild aus:  https://www.radiofrance.fr/franceculture/la-rafle-du-vel-d-hiv-racontee-par-annette-muller-deportee-a-9-ans-4443255

[23] Siehe den Bericht von Michel Muller, dem Bruder Annettes https://www.challenges.fr/ap/la-rafle-du-vel-d-hiv-dans-les-yeux-d-un-enfant-juif_276113

[24] Les Enfants de Paris, S. 1048 http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=22335&id_type_entite=6

[25] Siehe dazu den Abschnitt „Résultat médiocre“ bei Lévy/Tillard, S. 99ff

[26] Daten und ihre Interpretation bei Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 153 ff

[26a] Siehe zum Beispiele: Benoît Hopquin, Le policier a dit à ma mère: „Ne dormez pas chez vous, il y aura une rafle demain.“ Le Monde 9. Juli 2022

[27] Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 17; Margot Barberousse, Rafle du Vel d’Hiv, les chemins de la mémoire. In: La Croix vom 15.7.2022

[28] https://www.paris.fr/lieux/jardin-memorial-des-enfants-du-vel-d-hiv-19791

Derzeit gibt es im Mémorial de la Shoah Paris und im Marais-Viertel eine Ausstellung des Straßenkünstlers C 215 mit Portraits ermordeter jüdischer Kinder: https://www.memorialdelashoah.org/evenements-expositions/expositions/expositions-temporaires/exposition-11-400-enfants-portraits-par-c215.html/c215

[29] Siehe dazu auch das von Claude Lévy nach dem Tod von Paul Tillard geschriebene Kapitel „du Vel d’Hiv à la Shoah“, S. 214 ff. Lévy nennt dort als Beispiel die Gedenktafel an einer Schule in Saint-Ouen, wo an die 600 Einwohner der Stadt erinnert wird, die am 16. Juli 1942 „par les troupes allemandes d’occupation“ verhaftet worden seien. (S.219)

[29a] Siehe dazu auch das Interview mit Laurent Joly in Le Monde vom 17. Januar 2025. „Dans Le Savoir des victimes Laurent Joly retrace la lente constitution de la vérité sur la Shoah et, en France, sur le rôle de Vichy, à travers le parcours de quelques historiens tenaces.“ Laurent Joly, Le Savoir des victimes. Comment on a écrit l’histoire de Vichy et du génocide des juifs de 1945 à nos jours. Grasset 2025

[30] Bild aus: https://www.europe1.fr/politique/discours-du-veldhiv-de-jacques-chirac-ce-jour-la-les-vannes-se-sont-ouvertes-temoigne-une-rescapee-3921937

[31]  Wortlaut der Rede: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2014/03/27/25001-20140327ARTFIG00092-le-discours-de-jacques-chirac-au-vel-d-hiv-en-1995.php

Bilddokument: https://www.youtube.com/watch?v=uzyW53KsZF4

[32]https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article108367331/Ein-Verbrechen-in-und-von-Frankreich.html

Laurent Joly zitiert folgende Aussage von Mitterand: „Non, non. La République n’a rien à voir avec cela. Et j’estime moi, en mon âme et conscience, que la France non plus n’en est pas responsable, que ce sont des minorités activistes qui on saisi l’occasion de la  défaite pour s’emparer du pouvoir et qui sont  comptables de ces crimes-là, pas la République, pas la France. Et donc, je ne ferai pas d’excuses au nom de la France.“ (S. 309)

Siehe dazu auch:  https://www.franceculture.fr/emissions/robert-badinter-se-raconte-dans-memorables/robert-badinter-1315

[33] Vél‘ d’Hiv‘ : Macron dans les pas de Chirac (lefigaro.fr)

[34] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

[35] siehe Paxton, La France de Vichy, S. 338/9

[36] Zitate aus:  Le Parisien vom 10. Dezember 2021 und aus: https://twitter.com/franceinter/status/1490594446114709514?lang=de  (7.2.2022) Zu Zemmours Umdeutung der Geschichte siehe:  Laurent Joly, La falsification de l’Histoire: Eric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs Paris: Grasset 2022 und: Zemmour contre  l’histoire. Paris: Gallimard 2022

[37] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

https://www.jpost.com/edition-francaise/politique/quand-les-deux-extr%C3%AAmes-de-droite-comme-de-gauche-d%C3%A9forment-lhistoire-509802 Kurz davor allerdings hatte Melenchon noch eine andere Position vertreten, indem er -in seiner Kritik an Marine Le Pen- kurz und bündig festgestellt hatte, Frankreich habe sich schuldig gemacht, nicht aber die Republik…. („La République française n’est pas coupable mais la France l’est“)    Siehe u.a.: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2017/07/18/25001-20170718ARTFIG00260-sur-la-rafle-du-vel-d-hiv-les-contradictions-de-jean-luc-melenchon.php  

[38] Ein trauriges Beispiel für die Debattenkultur aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv Razzia ist ein Tweet der LFI-Fraktionsvorsitzenden in der Assemblée Nationale:

« Il y a 80 ans, les collaborationnistes du régime de Vichy ont organisé la rafle du Vél‘ d’Hiv. Ne pas oublier ces crimes, aujourd’hui plus que jamais, avec un président de la République qui rend honneur à Pétain et 89 députés RN », a écrit Mathilde Panot sur Twitter, samedi 16 juillet. En 2018, Emmanuel Macron avait qualifié le maréchal Pétain de ‚grand soldat‘ durant la Première Guerre mondiale, avant qu’il de ‚conduise des choix funestes‘.“ Le Point vom 17.7.2022

Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 in Paris/Enfants de Paris 1939-1945

In diesem Beitrag wird ein außergewöhnliches und wunderbares Buch vorgestellt, in dem alle Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 fotografisch festgehalten sind. Seit wir vor zehn Jahren eine Wohnung in Paris bezogen haben, interessiere ich mich für diese Erinnerungstafeln. Sie gehören gewissermaßen zu unserem Pariser Alltag. Ich möchte deshalb zunächst einige plaques commémoratives vorstellen, denen wir fast täglich begegnen. Im zweiten Teil geht es dann um Philippe Apeloigs 2018 erschienenes Buch über „Die Kinder von Paris 1939-1945“

Alltägliche Begegnungen

Wer als Flaneur durch Paris geht, wird immer wieder Erinnerungstafeln (plaques commémoratives) bemerken, die an Hauswänden befestigt sind. In manchen Gegenden –zum Beispiel auf der Ile St Louis- sind fast an allen Häusern solche Tafeln befestigt: Sie erinnern an prominente Personen, die in diesem Haus geboren wurden, gelebt haben oder gestorben sind.

Besonders häufig sind aber solche Tafeln, die sich auf die Zeit von 1939 bis 1945 beziehen.  Sie erinnern an die Besatzung von Paris durch deutsche Truppen, an die vielen Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Nazis und für die Befreiung der Stadt und Frankreichs verloren haben und vor allem an die vielen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns.

Allein in der unmittelbaren Umgebung unserer Wohnung im 11. Arrondissement gibt es eine Fülle solcher Erinnerungstafeln, von denen hier  einige vorgestellt werden sollen.

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Zum Beispiel in der Rue de la Folie Regnault diese Tafel für ein Paar, das gegen die nationalsozialistischen Besatzer gekämpft hat. Hier gehen oder fahren wir auf dem Weg in den Supermarkt oder ins Schwimmbad fast täglich vorbei.  Die beiden Personen, denen diese Tafel gewidmet ist,  waren Mitglieder der F.T.P.F., der Francs-tireurs et partisans, einer kommunistischen Widerstandsorganisation. Marcel André Berthelot wurde am 26. Februar 1943 „von den Nazis“ erschossen. Mit der Formel „mort pour la France“ werden traditionell die in den Kriegen gefallenen französischen Soldaten geehrt, hier also auch ein Mitglied der „Freischärler und Partisanen“. Berthelots Partnerin Yvette Semard konnte „aus den Lagern von Vichy“, dem Kollaborations-Regime, entkommen, in denen sie interniert war.

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Regelmäßig gehen wir auch zum Bäcker in der rue Léon-Frot oder fahren mit unseren Fahrrädern durch die Straße. An der Hauswand der Nummer  55 erinnert eine Tafel an den  kommunistischen Lokalpolitiker Léon Frot, der in diesem Haus gewohnt hat und nach dem auch die Straße benannt ist.

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Er wurde am 15. November 1939 verhaftet, also nach Kriegsbeginn, aber vor der Niederlage, als das Land noch eine Demokratie war. Die Frage, die sich hier stellt, nämlich warum er  verhaftet wurde, beantwortet die Tafel nicht, aber man findet die Antwort bei Wikipedia:  Léon Frot wurde „wegen kommunistischer Propaganda“ verhaftet und  zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.[1] Wikipedia erklärt auch, wie es zu der Erschießung durch „die Deutschen“ am 13. Januar 1942 in Clairvaux kam: Dort war das Gefängnis, in dem Léon Frot gefangen war; und erschossen wurde er als Geisel. Geiselerschießungen waren ein von den deutschen Truppen vielfach angewandtes, im totalen Widerspruch zum Kriegsvölkerrecht stehendes Mittel, auf Aktionen der Résistance zu reagieren.

An den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer erinnert auch die nachfolgend abgebildete Gedenktafel am Eingang zur „Square de la Roquette“, einer kleinen Grün- und Freizeitanlage in der Rue de la Roquette. Befestigt ist diese Tafel an einem der beiden Torhäuser des ehemaligen Gefängnisses „Petite Roquette“, das bis 1974 hier stand. Die Torhäuser können wir übrigens von der kleinen Terrasse unserer Pariser Wohnung sehen… [2] Die Petite Roquette war eine im 19. Jahrhundert errichtete monumentale Gefängnisanlage, die nach dem Panopticon-Prinzip konstruiert war.[3] In diesem Gefängnis wurden, wie die Tafel mitteilt, vom Appell des Generals de Gaulle vom 18. Juni 1940, also dem Aufruf zum Widerstand, und der Befreiung von Paris am 25. August 1944 4000 résistantes eingekerkert, „weil sie gegen den Besatzer gekämpft hatten“. Vielleicht gehörte zu ihnen auch Yvette Senard, von der oben schon die Rede war…

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Hier fällt auf, dass zwar die Opfer,  nicht aber die Täter und ihre Helfer benannt werden. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“ ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Roquette 4000 Frauen wegen Widerstandshandlungen von der französischen Polizei gefangen gehalten“.[4] Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand. Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

In der Nähe unserer Wohnung liegt das Lycée Voltaire, in dem donnerstags die Proben des Chors Tempestuoso stattfinden, an dessen Konzerten ich öfters als Gast teilnehmen darf. Und davor nehme ich natürlich an der einen oder anderen Probe im Lycée Voltaire teil. Einer der Höfe des weitläufigen Gymnasiums erinnert an den Lehrer Raymond Travers. Er war Leutnant der F.F.I., der Forces françaises de l’intérieur, eines im Februar 1944 vollzogenen Zusammenschlusses verschiedener Gruppen des Widerstands. Am 23. August 1944 wurde Raymond Travers  im Kampf „auf dem Feld der Ehre“ getötet.

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Raymond Travers war Deutschlehrer, also ein Freund Deutschlands und ein Liebhaber der deutschen Sprache. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein, wie die Nazis „la langue de Goethe“, wie es in Frankreich gerne heißt, durch ihre „Lingua Tertii Imperii“ (Victor Klemperer) verunstalteten, wie sie die kulturelle Elite des Landes verfolgten und vertrieben, wie sie Europa mit Krieg überzogen und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschten. Und wenn er sich den Untergrundkämpfern, dem Maquis, anschloss, dann wohl nicht nur, um sein Land und seine Freiheit zu verteidigen, sondern auch, um das andere Deutschland, das er  seinen Schülerinnen und Schülern nahe gebracht hatte, vor der völligen Vernichtung zu bewahren.

In der schon erwähnten rue Léon – Frot  befindet sich auch der Eingang  zum collège Alain Fournier, neben dem eine Erinnerungstafel aus schwarzem Marmor angebracht ist.

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Sie erinnert an „die Schüler dieser Schule, die von 1942 bis 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren, unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Todeslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals.“[5]  Betroffen macht die Zahl von über 1200 Kindern des Arrondissements, die deportiert und getötet wurden. Sie weist darauf hin, dass das 11. Arrondissement eine starke jüdische Präsenz aufwies (und zum Teil auch noch heute aufweist). Und bemerkenswert ist, dass die Regierung von Vichy auf der gleichen Stufe wie die „Nazi-Barbarei“  als  Täter genannt wird. In der Tat war ja die Regierung des État français ein willfähriger Helfer bei der Shoah, teilweise –gerade im Falle der Kinder- sogar ein Antreiber.

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Allerdings hat erst 1995  der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannt, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Chirac hielt diese Rede anlässlich des  53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris über 10 000 Juden verhaftet, von denen die meisten tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht wurden, der ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.[6]

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An die Razzia des Wintervelodroms erinnert auch eine Gedenktafel am Gymnase Japy, an dem wir immer auf dem Weg zum marché d’Aligre vorbeikommen, wo wir Obst und Gemüse einkaufen.

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Auf dieser Erinnerungstafel wird nicht nur der 16. Juli 1942, das Datum der rafle du Vel d’Hiv, genannt, sondern auch der 20. August 1941: Damals fand eine weniger bekannte Razzia speziell im 11. Arrondissement statt. Beide Male diente das Gymnase Japy als einer der ersten Sammelpunkte. [7]

Besonders anrührend ist die Erinnerungstafel an die 1200 Kinder des Arrondissements, die „von der Polizei der Regierung von Vichy, Komplize des Besatzers“ verhaftet und dann deportiert und umgebracht wurden.[8] Die Tafel befindet sich im jardin de la Folie –  Titon, einer kleinen vielbesuchten Grünanlage direkt gegenüber dem Haus, in dem wir während der ersten Jahre unseres Paris-Aufenthalts wohnten. Man steht fassungslos da, wenn man, wie die Tafel den Passanten auffordert, das Alter und die Namen der Kinder liest.

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Als ich im Juni 2019 dieses Foto machte, kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der auf einer Bank neben der Erinnerungstafel saß. Eines der dort genannten Kinder sei sein Bruder. Die Familie stamme aus Polen, sei aber wegen des dortigen Antisemitismus nach Ungarn geflüchtet. „Das war keine gute Entscheidung“, dann nach Frankreich:  „Das war auch keine gute Entscheidung“. Immerhin habe die Familie vorsichtshalber ihren Namen –Cohen-  geändert. Das habe einem Teil der Familie das Leben gerettet. Allerdings sei der Großvater weiter als Rabbiner tätig gewesen. Deshalb sei ein anderer Teil der Familie deportiert und umgebracht worden…

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Solche Begegnungen werden, je weiter die Zeit fortschreitet, immer seltener. Zeitzeugenberichte wie die Dr. Adlers, von dem an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet wird [8a], werden bald nicht mehr möglich sein. Umso dringlicher stellt sich da die Frage, wie die Erinnerung wachgehalten werden kann. Und daran, dass sie wachgehalten werden muss, kann es keinen Zweifel geben, wenn man das „Nie wieder!“ Ernst nimmt. Stolpersteine, wie sie in Deutschland und anderswo installiert werden, oder die in Frankreich üblichen plaques commémoratives sind da ein wichtiges Medium.

„Enfants de Paris 1939-1945“- Eine Buchempfehlung

Genau zur richtigen Zeit also ist da ein wunderbares Buch erschienen, das die Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945  präsentiert. (Gallimard, 2018,  ISBN 978-2-07-278285-5 45 Euro)

Alle Personen, um die es bei ihnen geht, waren in irgendeiner Weise mit Paris verbunden, sie sind dort geboren, haben dort eine Zeit lang gelebt, sind dort gestorben oder umgebracht worden. Insofern sind sie „Kinder von Paris“ – entsprechend den „enfants de la patrie“ der Marseillaise. Und oft sind es ja tatsächlich Kinder, denen Erinnerungstafeln gewidmet sind. [8b]

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Das Buch liegt schwer und grau in der Hand – es wiegt fast 3 Kilogramm! Also gewissermaßen ein Buch in der Form eines Stolpersteins. Und wenn man dieses Buch öffnet, findet man auf über 1100 Seiten eine Bild- Enzyklopädie aller Pariser Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945, geordnet nach Arrondissements vom 1. bis zum 20.  und da jeweils nach Stadtvierteln.  Auf jeder Seite ist eine Erinnerungstafel abgebildet, darunter ist in kleiner Schrift angegeben, wo sie sich befindet; manchmal sind es auch zwei oder mehr Fotos auf einer Seite, in wenigen Fällen reicht ein Foto über zwei Seiten- immer jedenfalls werden die Abschnitte der einzelnen Arrondissement mit einem doppelseitigen Foto einer Schule und der dazugehörigen Erinnerungsplakette abgeschlossen. Ich verstehe das als Ausdruck des Wunsches, die Erinnerung bei den nachfolgenden Generationen wachzuhalten.

Philippe Apeloig hat kürzlich in einem Gespräch darauf hingewiesen, dass es in Paris kein „monument aux morts“ für die Opfer aus dieser Zeit gibt – sieht man einmal von den eindrucksvollen Namenslisten der jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns auf den Mauern im Hof des Mémorial de la Shoah im Pariser Marais ab. Insofern handelt es sich gewissermaßen um ein „monument éclaté“ – um einen über ganz Paris verstreuten, sich aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzenden Ort der Erinnerung. [8c]

Auch die (nicht nur) in Deutschland sehr verbreiteten Stolpersteine sind ein monument éclaté. Sie sind in die Bürgersteige vor Häusern eingelassen, in denen Menschen wohnten, bevor sie von den Nazis vertrieben, deportiert und umgebracht wurden. Im Unterschied zu den plaques commémoratives handelt es sich aber um standardisierte Produkte, sowohl was die Inschriften als auch die Gestaltung angeht. – was allerdings ihre Bedeutung keineswegs mindert. [9]

Ganz anders die plaques commémoratives. Das wird beim Gang durch die Straßen von Paris, erst recht aber schon beim ersten Durchblättern von Apeloigs Buch deutlich: Es handelt es sich nämlich um einen  Kunstband[10]:  Die Fotografien veranschaulichen die unglaubliche Vielfalt der Erinnerungstafeln, ihrer künstlerischen Gestaltung, ihrer Texte und der Orte, an denen sie angebracht sind. Die Fotos lassen meist ein Stück weit ihr Umfeld, ihren architektonischen Kontext, erkennen oder auch nur erahnen. Aus der Beschaffenheit der Mauern ist es fast schon möglich, auf die Arrondissements zu schließen, in denen sie angebracht sind, worauf Apeloig in seinem Vorwort aufmerksam macht (53): Behauene Steine (pierres de taille) und Sauberkeit verweisen eher auf den noblen Pariser Westen, abgeblätterte, altersschwache Fassaden und Graffitis eher auf den ärmeren Pariser Osten. Und natürlich ist bei den Erinnerungsplaketten auch die traditionelle politische Ost-West-Spaltung von Paris abzulesen. Plaketten für kommunistische Widerstandskämpfer wird man -wie schon die obigen Beispiele andeuten- eher in den östlichen Arrondissements finden als in den westlichen.  Die Ost-West-Spaltung der Pariser Stadtgeografie lässt sich also auch an den plaques commémoratives ablesen.

Bei den neueren, von offiziellen Institutionen angebrachten Plaketten gibt es allerdings keine Unterschiede: Da glänzt der schwarze Marmor und die goldenen Buchstaben leuchten im 16. wie im 20. Arrondissement.

Angebracht sind die Plaketten an ganz verschiedenen Orten: in Bahnhöfen, Schulen, Rathäusern, Polizeirevieren, Ministerien, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, manchmal auch im Innern; vor allem aber findet man sie an Hausfassaden, meist im oberen Abschnitt des Erdgeschosses angebracht, so dass sie für den aufmerksamen Passanten sichtbar sind, andererseits aber auch vor Beschädigungen und Schmierereien etwas geschützt sind. Allerdings gibt es die, wie die Abbildungen zeigen, gleichwohl…

Die meisten Tafeln erinnern an Opfer der Kämpfe um die Befreiung von Paris, den „glorreichen“ – aber auch sehr blutigen- „ journées de la Libération“ (607).  Das ist an den vielen Todesdaten zwischen dem 19. und dem 25. August, dem Tag der  Kapitulation des deutschen Kommandanten von „Groß-Paris“, von Choltitz, zu erkennen:

  • Tombé pour la libération de Paris August 1944 (193)  Anm: Die Zahlen in Klammer sind Seitenangaben)
  • Fusillé par les Allemands 20. August 1944 (975)
  • Tombé le 21 août 1944 au cours de la Libération de Paris (914)
  • A été tué à la Barricade August 1944 (273)
  • Blessé mortellement pendant les Combats de la Libération August 1944 (968)
  •  Tombé glorieusement le 25 août 1944 – und die zahlreichen anderen Erinnerungstafeln an die Opfer dieses Tages in der rue de Rivoli, an der Ecke zur Place de la Concorde (102, 103, 104)

Die Namen der Toten, Jem Harrix, Fernand Mazuoyer, René Vinchon, Georges Lafont  und die vieler anderer  sind wohl in keinem Lexikon verzeichnet, manchmal fehlen sie auch ganz:

  • Trois Français (409)
  • Plusieurs soldats français (415)
  • Des patriotes (525)
  • Un unconnu (574)

Aber auch für diese anonymen Opfer der Befreiung gibt es so einen Ort der Erinnerung.

An ein besonderes Ereignis des 25. August 1944 erinnert übrigens eine in 300 Metern Höhe angebrachte Plakette: Damals hissten im noch besetzten Paris Feuerwehrleute auf dem Eiffelturm die Trikolore (47, 402).  Einen Tag später wurde die Kapitulation von Paris vom französischen General Leclerc de Hauteclocque im Billardsaal der Polizeipräfektur im 4. Arrondissement entgegengenommen. Die entsprechende Erinnerungstafel ist natürlich in dem Buch abgebildet (228). Vermittelt hatte diese Kapitulation der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling. „Er arbeitete unermüdlich daran, Paris vor der Zerstörung zu retten, von der die Stadt bedroht war“, wie es auf einer Tafel an dem Haus heißt, in dem Nordling tätig war (451). „Paris schuldet ihm ewige Dankbarkeit“ steht auf einer Tafel, die die Bedeutung Nordlings würdigt,  an dem Platz Raoul-Nordling im 11. Arrondissement.

An die Befreiung von Paris erinnert auch die „voie de la Libération“ die von der porte d’Italie bis zum Pariser Rathaus reicht und mit 11  Medaillons aus Bronze markiert ist. Sie erinnern an die nach ihrem Kommandeur  Colonne Dronne benannte Einheit der Division Leclerc, die als erste in Paris einrückte und hauptsächlich aus  spanischen Republikanern zusammengesetzt war. (190, 216, 662,663,664,665 666)

Aber natürlich war der Kampf gegen die Besatzer, zu dem General de Gaulle in seinem berühmten „Appell“ schon am 18. Juni 1940 aufgerufen hatte,  nicht nur auf den August 1944 beschränkt. Das erste zivile Opfer dieses Kampfes war der Ingenieur Jacques Bonsergent, an den eine Pariser Métro-Station  und dort entsprechende Tafeln auf beiden Seiten der Bahnsteige erinnern. (495).

Und danach- und bis zum Ende des Krieges- gab es eine Vielzahl von Opfern der Nazi-Herrschaft, an die erinnert wird:

Prominente wie der Dichter Robert Desnos (582), Marc Bloch (344), Pierre Brossolette (380, 825, 829, 867) oder Geneviève de Gaulle Anthonioz (333) und Jean Zay (369), die 2015  ins Pantheon aufgenommen wurden[11], vor allem aber die vielen Unbekannten wie

  • André Chassagne, mort pour que vive la France, fusillé par les Allemands le 6 octobre 1943 au Mont Valérien (1053)
  • Serge Grivillers, torturé de pendu par les Nazis le 21 juillet 1944 (970)
  • René Chollet, patriote et résistant, fusillé par les Hitlériens en 1943 (469)
  • Angèle Mercier, déportée à Auschwitz (991)
  • Jean Verrier, mort en déportation à Buchenwald (587)
  • Raoul Naudet, déporté et exterminé au camp de Mauthausen (149)
  • Marcel, Lucien et André Engros, fusillés par les occupants hitlériens (206)

und viele andere….

Interessant ist dabei auch, wie sich das Vokabular für die Täter ändert.  Kann man auf einer  –wohl noch frühen- Plakette  lesen: „fusillés par les boches“ (988), so sind es dann die kollektiv-schuldigen Deutschen, also „les Allemands“ (z.B. auf einer am 2.2.1947 angebrachten Plakette, 989),  und schließlich eingegrenzter und präziser Les Nazis, les Hitlériens, la Barbarie Nazi.

Dass so oft „les Allemands“ als Täter genannt werden, weist darauf hin dass in Frankreich lange kaum zur Kenntnis genommen wurde, dass es auch in Deutschland –und nicht erst 1944 sozusagen in letzter Minute- Widerstand gegen das NS-Regime gab. Dabei war gerade Frankreich das Land, das vielen geflüchteten und vertriebenen Nazi-Gegnern Zuflucht bot, und Paris war die Stadt, wo die verschiedenen Strömungen des Widerstands versuchten, eine gemeinsame Front gegen das Nazi-Regime aufzubauen.[12]

Neben „den Deutschen“ und den Nazis oder Besatzern erscheinen auch Vichy und seine berüchtigten Milizen als Täter:

  • Assassiné par la Gestapo française (1052)
  • A été assssiné par la Milice (271)
  • Assassinée par les agents de Vichy (996)
  • Tombé sous les balles des policiers français de la brigade speciale (sic) au service de l’ennemi (445)

Gründe für diese Taten waren für die Nazis und ihre Helfer nicht nur der bewaffnete Kampf, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:

  • Déportée comme otage, assassinée au camp de Bergen-Belsen (1060)
  • Ont hébergé et protegé des aviateurs alliés (99)
  • Arrêtés en 1943 par la Gestapo pour l’aide apportée aux juifs et morts en déportation (800)

Es gab aber auch Opfer des Krieges, die nicht mit dem Widerstand und seiner Repression zu tun haben:

  • Malheureuses victimes du bombardement de La Plaine 21. Avril 1944 (956 und ähnlich 649): Das waren „unglückliche Opfer“ der alliierten Bombenangriffe, mit denen die Landung vom 6. Juni vorbereitet wurden.  Sie waren Anlass für den letzten Besuch von Pétain in Paris, wo er eine Messe in Notre-Dame besuchte und von eine großen Menschenmenge bejubelt wurde…. Im Pariser Stadtmuseum Hôtel Carnavalet wird daran erinnert. [12a]
  • À la mémoire des victimes du bombardement allemand du 26 août 1944 (918)

Die Nationalität der Opfer wird nur in den seltensten Fällen genannt, und wenn, dann natürlich bei ausländischen Kämpfern gegen die Nazi-Besatzer. Die kamen, wie die Erinnerungstafeln andeuten,  aus vielen verschiedenen Ländern wie  Polen (88, 291, 384),  Großbritannien (89),  Armenien (153, 924),  Spanien (190, 361, 662, 663, 664, 665, 666, 986), Ungarn (243),  Bessarabien (267), Jugoslawien (323),  USA  (443, 842, 954),  Nord-Afrika (621),  Luxemburg (494). (Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Auch ein (ehemaliger) Deutscher ist dabei, der nach der Flucht aus Deutschland französischer Staatsbürger geworden war und 1939 französischer Soldat wurde:

Es ist Wolfgang Döblin, Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin: „mathématicien, précurseur du calcul des probabilités, est mort pour la France à Housseras (Vosges) le 21 juni 1940 à l’âge de 25 ans. Titulaire de la Médaille Militaire et de la Croix de Guerre“. (713)

2007 wurde die Erinnerungstafel für Alfred Döblin, Autor des von den Nazis verbrannten Romans „Berlin Alexanderplatz“,  und seinen Sohn am square Henri-Delormel im 14. Arrondissement enthüllt, da also, wo Döblin und seine Familie von 1934 bis 1939 gewohnt hatten. „Fuyant le nazisme l’écrivain allemand Alfred Döblin 1878 – 1957  s’installa avec sa famille dans cet immeuble“ …“ [13]

Mich berührt es, wenn ich auf den Erinnerungstafeln für Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten und gegen ihn gekämpft haben, auch die verschiedenen Herkunftsländer angegeben sind; und wenn –spätestens seit der Vel d’Hiv- Rede Chiracs- der französische „nationale Roman“ und damit auch die plaques commémoratives differenzierter geworden sind: Damit tragen die Pariser Erinnerungstafeln auch zu dem bei, was Aleida Assmann eine „europäische Gedächtniskultur“ nennt.[14]

Manchmal wird auch die religiöse Zugehörigkeit auf den Tafeln angegeben: Das waren dann  katholische Christen wie der Abbé Jean Courcel (95), evangelische Christen wie Paul Vergara, pasteur à l’Oratoire du Louvre und Marcelle Guillemot, médailles des Justes des Nations (125), Moslems., d.h.  muslimische Soldaten, die für die Befreiung Frankreichs gekämpft haben und gefallen sind (264/5) – und das waren außerordentlich viele, deren Bedeutung aber lange eher minimiert oder gar verschwiegen wurde. Dabei stellten sie bei der Landung in der Provence am 15. August 1944 mehr als die Hälfte der Truppen! [15] Und es waren natürlich Juden, denn die waren ja insgesamt durch den Faschismus existentiell bedroht, wobei man da allerdings die Religionszugehörigkeit auf den Tafeln manchmal nur anhand der Namen vermuten kann:

  • David Liberman, fusillé par les Allemands le 16 septembre 1941. Mort pour la France (151)
  • Renée Lévy, membre de la Résistance, décapité à Cologne le 31 août 1943 (172 und 173)
  • Samuel Tyszelman, fusillé par les Allemands le 19 août 1941 (169)

… oder man weiß es, wie bei den Mitgliedern der Gruppe „Affiche Rouge“, aufgrund der denunziatorischen und rassistischen nationalsozialistischen Propaganda (153) oder –wie im Falle des zu dieser Gruppen gehörenden Marcel Rajman- aufgrund des stolzen Hinweises auf einen „héros juif de la résistance“ (554)

Juden sind es auch, unter denen die meisten Opfer zu beklagen sind, worauf neben den Tafeln an den Schulen und den Stelen für die umgebrachten Kinder in allen Arrondissements viele andere Erinnerungstafeln hinweisen.

  • 122 Bewohner, darunter 40 kleine Kinder, des Hauses 10-12, rue des deux-ponts im 4. Arrondissement (219 und 220)
  • À la mémoire de tous les habitants de cet immeuble (67, rue de la Roquette) disparus durant la tragédie de 1939 à 1945. (586)
  • En mémoire des hommes, femmes et enfants du 12ème Arrondissement qui parce que nés juifs, ont été arrétés et regroupés ici (…) par des policiers français lors des rafles de 1942 à 1944 (602)
  • Eliaz Zajdner, Ancien Résistant, déporté à Auschwitz par les nazis en Mai 1944 avec ses trois Fils. Albert âgé de 21 ans, Salomon et Bernard âgés de 15 ans. Morts dans dans le bloc des expériences (211) Diese Kinder fielen also offensichtlich den schrecklichen Menschenversuchen des KZ- Arztes Mengele zum Opfer.[16]

Aus dieser sehr selektiven Übersicht wird wohl schon die unglaubliche Vielfalt der plaque commémoratives zur Zeit 1939- 1945 deutlich. Dazu kommt aber noch ihre unterschiedliche Gestaltung- abgesehen von den genormten Erinnerungstafeln an den Schulen. Manchmal sind die Tafeln mit zusätzlichen Zeichen versehen wie dem Davidstern, oder dem christlichen oder öfters: dem lothringischen Kreuz als dem Symbol der Londoner Exil-Regierung de Gaulles und ihrer Streitkräfte. Dazu kommen oft die Farben der Tricolore oder das Logo des Betriebs oder der Einrichtung, in dem/der die jeweilige Person tätig war. Geschmückt sind die Plaketten manchmal auch mit Lorbeerzweigen, Portraits oder Orden. Und für zusätzliche Farbe sorgen bisweilen die –wenn auch oft verwelkten- Blumen, die zu besonderen Jahrestagen wie dem 27. Januar, dem  8. Mai, dem 25. August oder dem 11. November  von der Stadtverwaltung in die dafür vorgesehenen Ringe gesteckt werden, die sich meistens unterhalb der Plaketten befinden. (s. z.B. 511, 584, 737)

Und dann gibt es ja noch die verschiedenen Materialien und Formen der Tafeln und die Typografie- die vielfältige Gestaltung der Schrift. Philippe Apeloig weist in seinem Vorwort ausdrücklich auf die ästhetische Qualität der Erinnerungstafeln hin und auf den außerordentlichen Reichtum ihres „graphischen Vokabulars.“ Insgesamt bildeten sie einen eigentümlichen Katalog typografischer Kreationen dar, „un véritable hommage aux dessinateurs de lettres.“ (49/50) Das besondere Interesse des Autors an der Typografie wird schon beim Aufschlagen des Buches deutlich: Die ersten und die letzen inneren Umschlagseiten –es sind immerhin insgesamt 24!-  zeigen Ausschnitte von Plaketten und veranschaulichen deren typografischen Reichtum, den Philippe Apeloig, selbst Grafiker und Typograf, besonders herausstellt und zu würdigen weiß.

Aber natürlich geht es Apeloig um mehr als die ästhetische Qualität und Vielfalt der Tafeln. Denn die sind ja Mittel zum Zweck, sie dienen der Erinnerung. Und auch zu ihr hat Philippe Apeloig einen sehr persönlichen Bezug: Sein Großvater Szmul Icek Rozenberg, geboren in Kazimierz in Polen, war 1930 – wie zwei Jahre zuvor sein Bruder Joseph-  nach Frankreich ins „Land der Menschenrechte“ ausgewandert. Das Leben dort schien, wenn auch nicht völlig glücklich, doch wenigstens –anders als in Polen- schlicht und einfach möglich zu sein. Beide Brüder fanden Arbeit und Wohnung im Faubourg-Saint-Antoine, dem damaligen Zentrum der französischen Möbelproduktion.[17] Szmul machte sich schließlich selbstständig und spezialisierte sich auf die Kopie alter Stilmöbel.  Nach Ausbruch des Krieges engagierte er sich als „volontaire juif“ in der Fremdenlegion, kam allerdings nicht zum Einsatz. Nach dem Waffenstillstand und der Besetzung eines großen Teils Frankreichs durch deutsche Truppen siedelte die Familie nach Châteaumeillant in der von Vichy kontrollierten sogenannten freien Zone über. Die Einwohner von Châteaumeillant hatten etwa 40 jüdische Familien aufgenommen, um sie vor Verfolgung zu schützen. Angesichts des Vichy’schen Antisemitismus waren Juden aber auch dort nicht in absoluter Sicherheit. Der Ortspolizist allerdings warnte sie vor bevorstehenden Verhaftungen, so dass die Miliz meist unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Trotz aller Gefahren überlebten der Großvater, seine Frau Golda und seine drei Kinder und konnten 1945 wieder nach Paris zurückkehren, wo der Großvater 1947 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.  Sein Bruder Joseph allerdings und seine Frau, die in Paris geblieben waren, wurden deportiert und in Auschwitz ermordet.

Im November 2004 wurde auf Initiative von Philippes Mutter Ida eine Erinnerungsplakette an der alten Markthalle von Châteaumeillant installiert- ein Dank an die Einwohner des Ortes, die –trotz aller damit verbundener Risiken-  Juden aufnahmen und sie vor Verhaftung und Deportation retteten. Es ist dies die erste in dem Buch abgebildete plaque commémorative (S. 39). Bei der Enthüllung hatte die Mutter in einer Rede ihre Kinder aufgefordert, die Arbeit der Erinnerung fortzusetzen. Philippe Apeloig hat dies in einzigartiger Weise befolgt. Entstanden ist ein Werk über einen ganz besonderen Erinnerungsort, einen „lieux de mémoire“, der allerdings in dem großen Kompendium Pierre Noras nicht berücksichtigt ist.[18]

Am 24. Juni 2022 wird in Châteaumeillant (département du Cher) am Rathausplatz eine plaque commémorative zu Ehren der „Justes“ des Ortes enthüllt:  Châteaumeillant wurde von Yad Vashem in Jerusalem der Titel „Ville Juste parmi les nations“ verliehen. So hat die private Initiative von Philippe Apeloigs Mutter eine offizielle Bestätigung, ja Krönung, erhalten.

Auch das wunderbare Buch ihres  Sohnes hat zahlreiche Ehrungen und Bestätigungen erhalten:

Die Academie Française verleiht in jedem Jahr den Prix Thiers für das beste historische Buch. Dieser Preis ist benannt nach Adolphe Thiers, Autor historischer Werke über die Französische Revolution, das Konsulat und das Kaiserreich, Mitglied der Akademie seit 1834 und Politiker: von 1871 bis 1873 war er erster Präsident der 3. Republik.  Ich bin zwar kein Fan von Thiers –vor allem aufgrund seines in der Rheinkrise von 1840 aggressiv vertretenen Anspruchs Frankreichs auf die deutschen linksrheinischen Gebiete, seiner Rolle bei der Niederschlagung der Commune und  seines  provokativ-bombastischen Grabmals auf dem Père Lachaise[19];  aber den nach ihm benannten Preis zu erhalten, ist natürlich eine ganz außerordentliche Auszeichnung. 2019  hat das hier besprochene Buch „Enfants de Paris, 1939-1944“ diesen Preis erhalten.[20] Eine Entscheidung, zu der man die Academie Française und natürlich auch den Autor des Buches, Philippe Apeloig, nur beglückwünschen kann. Félicitations!

Und auch in den Medien ist die Resonanz groß. Dazu nur drei Beispiele:

Die Projektion der plaques commémoratives auf die Mauern des Pantheons

Eine ganz besondere  Würdigung der Arbeit von Philippe Apeloig  stellte die Projektion der in seinem Buch versammelten Erinnerungstafeln auf die Außenmauern des Pantheons dar. Diese Aktion war geplant für den 8. und den 9. Mai 2020.  Die beiden Daten haben eine hohe symbolische Bedeutung: Der 8. Mai 2020 markiert den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, auf den sich die plaques commémoratives für die enfants de Paris ja auch beziehen. Der 9. Mai ist der Europatag und in diesem Jahr der 70. Jahrestag der déclaration Schumann. Der damalige französische Außenminister Maurice Schuman schlug am 9. Mai 1950 die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vor, eine der europäischen Institutionen, die schließlich zur Bildung der heutigen Europäischen Union führten.

Mit der Projektion der plaques commémoratives an diesen beiden Tagen (bzw. Abenden) sollte nicht nur der Opfer des Weltkrieges, des nationalsozialistischen Rassismus und der Männer und Frauen des Widerstands gedacht, sondern auch das vereinte Europa gefeiert werde, das aus den Trümmern des Krieges entstanden ist: eine ganz wunderbare Verbindung.  Die sollte auch optisch zum Ausdruck gebracht werden durch die Beleuchtung des Portikus in den Farben der Trikolore am 8. Mai, während am 9. Mai der Portikus in der blauen Farbe Europas leuchten sollte.

Aufgrund der Corona-Pandemie musste allerdings die Installation verschoben werden. Sie fand dann schließlich am 16., 17. und 18. September  2021 statt. Philippe Apeloig dazu:

„Cette installation au Panthéon, qui a eu lieu en septembre 2021 à l’occasion des journées européennes du patrimoine, confirme que ces plaques appartiennent au patrimoine architectural parce qu’elles se fondent dans les murs des immeubles, au patrimoine de la mémoire, au patrimoine juif aussi bien sûr. Cette installation donnait une  dimension émotionelle énorme à ce monument qui est le cimetière des grands hommes et femmes de la nation. Soudain, les noms d’anonymes étaient projetés sur les murs, s’affichaient et s’effacaient en  grand format, donnant presque l’impression que le monument respirait au rythme de la révélation des images sur les murs du Panthéon.“ [21]

Siehe dazu auch den speziellen Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/05/01/zwei-besondere-jahrestage-der-8-und-9-mai-2020-und-das-pantheon-projekt-vom-18-und-19-september/

——–

Den Abbildungen der Plaketten in „Enfants de Paris“ ist ein Essay von Danièle Cohn vorangestellt, die wie Philippe Apeloig  einen eigenen familiären Bezug zu den plaques commémoratives hat: Die Geschichte  ihres Großvater Wilhelm Friedmann, eines österreichischen Intellektuellen. Bevor er das erhoffte Visum in die USA erhielt, wurde er von den Nazis verhaftet  und nahm sich „als freier Mann“ selbst das Leben (62/63).  Die Tafel in einem kleinen Ort der Pyrenäen, die an ihn erinnert, ist in dem sensiblen Text Danièle Cohns abgebildet. Die Überschrift des Essays:  „Voir et écouter les murs„, was als Einladung zum Umgang mit den Erinnerungstafeln verstanden werden kann.  Der Text schließt mit den Worten, die ich zum Abschluss dieses Textes zitieren möchte:

Les hommes et les femmes abattus, déportés n’ont pas laissé de trace dans un ‚ici‘. La chute des corps atteints par une balle ennemie n’a pas laissé d’empreinte, c’est l’inquiétude de ceux qui ont survécu, puis la force du souvenir des vivants qui en ont inventé la trace, et ceci vaudrait plus encore pour les corps brûlés dans les camps: pas d’image, pas de marque matérielle, et la tâche des plaques devient alors de tracer au sens littéral du trait, de l’incision, de l’inscription pour que nous soyons marqués, et à la fin heureux d’avoir eu la chance de l’être.“ (S. 70)

Dieser Text wurde am 25. August 2019, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Paris, in den Blog eingestellt, im Mai 2022 wurde er bearbeitet/aktualisiert.  Wolf Jöckel  D 61440 Oberursel/ F 75011 Paris

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/L%C3%A9on_Frot

[2] Siehe den Blog-Beitrag: Über den Dächern von Paris: Blicke von unserer Terrasse.             https://paris-blog.org/2016/03/31/sonnenuntergang-in-paris/

[3] Siehe den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand. https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

[4] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[5] Solche Tafeln gibt es an allen Pariser Schulen. Sie wurden mit Unterstützung der Stadt Paris von der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs déportés  (AMEJD) angebracht. Eine Aufstellung findet sich bei Apeloig, Enfants de Paris, S. 1101-1103

[6]https://fr.wikisource.org/wiki/Discours_prononc%C3%A9_lors_des_comm%C3%A9morations_de_la_Rafle_du_Vel%E2%80%99_d%E2%80%99Hiv%E2%80%99

Inzwischen gibt es eine Fülle von Literatur zur rafle du Vel d’Hiv. Hervorheben möchte ich hier nur die folgende Veröffentlichung, nicht nur weil Paul Tillard der Vater einer guten Pariser Freundin ist, sondern weil es sich auch um eine ganz frühe Veröffentlichung zum Thema handelt: Claude Lévy et Paul Tillard (préf. Joseph Kessel), La Grande rafle du Vel d’Hiv : 16 juillet 1942, Paris, Éditions Robert Laffont, 1967 ; rééd. Tallandier, coll. « Texto », 2010

Kurzinformation unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-in-paris-die-razzia-im-wintervelodrom.871.de.html?dram:article_id=391170

https://de.wikipedia.org/wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%E2%80%99Hiver

siehe auch die Erinnerungsplakette am ehemaligen Velodrom d’Hiver bei Apeloig, 815

[7] http://www.genami.org/culture/rafle-paris-20-aout-1941.php

https://blogs.mediapart.fr/albert-herszkowicz/blog/230811/memoire-la-rafle-meconnue-du-20-aout-1941-paris

[8] Ähnliche Tafeln  (stèles) gibt es in jedem Arrondissement. Initiator ist auch hier die AMEJD. Eine Zusammenstellung findet sich bei Apeloig, Les Enfants de Paris, S. 1092 f.

[8a] siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/06/02/von-frankfurt-nach-paris-und-zurueck-die-stolpersteine-in-der-westendstrasse/

[8b]  Philippe Apeloig hat den Titel des Buches ausdrücklich auch deshalb gewählt, „weil die meisten aufgeführten Personen unglaublich jung waren“.  siehe: Xavier de Jarcy,  Le Paris de 1939-1945 raconté par ses plaques commémoratives. Télérama vom 9.1.2019. Jarcy berichtet in dem Text über einen Rundgang mit Philippe Apeloig vom Faubourg- Saint-Antoine zum Marais.

[8c] Philippe Apeloig, plaques commémoratives. Un monument éclaté. In: Tenou’a, hors série 2022, S. 28-33

[9]  Zu den Stolpersteinen siehe die Blog-Beiträge: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. https://paris-blog.org/2016/06/02/von-frankfurt-nach-paris-und-zurueck-die-stolpersteine-in-der-westendstrasse/ und:  https://paris-blog.org/2016/12/18/stolpersteine-in-frankfurt-am-main-eine-buchempfehlung/

Allein in Berlin wurden bisher 9512 Stolpersteine verlegt. (Stand Mai 2022) Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Berlin#:~:text=Insgesamt%20wurden%20in%20Berlin%20(Stand,76%20von%2096%20Berliner%20Ortsteilen.

In Frankreich werden inzwischen auch Stolpersteine installiert. Allerdings sind sie viel weniger verbreitet und es gibt auch prominente Kritik daran. So von Serge Klarsfeld:  „J’étais contre les Stolpersteine, parce qu’il n’y a pas de marque des respect à marcher sur de petites plaques qui signalent que des gens on été arrêtés. Il faudrait mettre des plaques sur tous les immeubles.“ In: Tenu’a. hors série 2022, S. 10

[10] Dies jedenfalls war die erklärte Absicht Apeloigs bzw das Resultat der äußerst aufwändigen Bemühung, die bis dahin nicht katalogisierten plaques commémoratives systematisch zu erfassen und zu fotografieren. . Siehe sein Interview mit Norbert Czarny, Plaques sensibles. https://www.en-attendant-nadeau.fr/2019/01/01/plaques-sensibles-apeloig/ und das Interview mit Élie Papiernik in Tenu’a, hors série 2022, S. 31: „Le résultat, pour moi, était de faire un livre d’art.“

[11] Siehe den Blog-Beitrag: Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[12] Die Deutsche Botschaft Paris hat deshalb 2015 die Herausgabe eines Buches über den deutschen Widerstand gefördert (Vorwort der damaligen Botschafterin Frau Wasum-Rainer), mit der ausdrücklichen Begründung, dass der deutsche Widerstand gegen das Hitlerregime in Frankreich wenig bekannt sei: Philippe Meyer, Ils étaient des Allemands contre Hitler. Editions L’Âge d’Homme.

Über deutsche Antifaschisten, die auf Seiten der französischen résistance gekämpft haben: https://www.reseau-canope.fr/cndpfileadmin/pour-memoire/le-50e-anniversaire-du-traite-de-lelysee-et-les-relations-franco-allemandes/le-temps-des-ennemis-hereditaires/les-resistants-allemands-en-france/

[12a]  Siehe: https://paris-blog.org/2021/11/03/le-musee-carnavalet-das-museum-der-pariser-stadtgeschichte-ist-wieder-eroffnet-ein-erster-rundgang/  AAA

[13] Die schöne Rede, die der Professor für vergleichende Literatur Lionel Richard bei der Enthüllung der Tafel hielt, ist abgedruckt unter:  http://www.alfred-doblin.com/hommages-et-critiques/ecrivain-xx-siecle-pantheon/ Zu Wolfgang Döblin siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_D%C3%B6blin Dort wird als Datum der Enthüllung 2006 angegeben.

[14] Aleida Assmann, Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur? Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd 161. 2012

[15] https://www.lepoint.fr/afrique/debarquement-de-provence-les-soldats-venus-d-afrique-en-premiere-ligne-14-08-2019-2329922_3826.php

[16] Siehe dazu das preisgekrönte Buch von Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau-Verlag 2018

[17] Siehe den Blog-Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks. https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[18] Eine Aufstellung aller Erinnerungsorte, die in den 7 von Nora herausgegebenen Bänden behandelt werden, findet sich bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Lieu_de_m%C3%A9moire

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[20] http://www.academie-francaise.fr/prix-thiers

[21] Philippe Apoloig zum Abschluss seines Interviews mit Élie Papiernik in: Tenu’a, hors série 2022, S. 33: