Umstrittene Fenster: Die Entwürfe der neuen Notre-Dame-Fenster, ausgestellt im Grand Palais

Kaum war der schreckliche Brand von Notre-Dame im April 2019 gelöscht, entbrannte eine kurze heftige Debatte zwischen den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, den Anciens, und den Modernes, die für einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit plädierten. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine moderne „geste architecturale“ vorstellen können. Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“.  Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Erst er habe, so hymnische Stimmen nach dem Brand, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk, gemacht.[1]

Bei der Rekonstruktion wurde also auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Symbol der getreuen „résurrection“ der  Kathedrale ist der mächtige  Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt.  Und dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der 12 von Viollet-le-Duc entworfenen.  

Eines der von Viollet-le-Duc entworfenen Fenster im südlichen Seitenschiff (Foto: Wolf Jöckel, Januar 2026)[2]

Das Domkapitel von Notre-Dame mit dem Pariser Erzbischof Ulrich sah aber im Brand und dem Wiederaufbau die Chance, die Kirche auch für moderne Kunst zu öffnen.

Schöne Beispiele dafür sind in den nördlichen Seitenkappellen der Kathedrale die modernen Wandteppiche, die die historischen Mays-Gemälde ergänzen. Hier zwei Teppiche mit Motiven von Matisse.

Dazu gab es aber auch von kirchlicher Seite den Wunsch, die Kathedrale mit einigen modernen Glasfenstern auszustatten. Viele Epochen, so der Pariser Erzbischof, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe. Als Ort wurden sechs Seitenkapellen im südlichen Querschiff ausersehen, deren vom Brand nicht beschädigte Fenster Viollet-le-Duc entworfen hatte.

Die Idee der sechs modernen Fenster wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.

Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf der 6 zeitgenössischen Fenster ausgeschrieben. Natürlich sollten die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige. Und es sollte sich, das war der Wunsch der Kirche, um figurative Darstellungen zum Pfingstwunder handeln.

Gegen dieses Vorhaben gab es erheblichen Widerstand. Eine französische Petition zur Bewahrung der Kirchenfenster sammelte fast 300 000 Unterschriften. Man habe, so heißt es darin,  keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden. Außerdem, so die Petition und weitere Kritiker in ihrem Gefolge, würden moderne Fenster „vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören.“[3]

Ein weiteres Glasfenster Viollet-le-Ducs im südlichen Seitenschiff, das durch ein modernes Fenster ersetzt werden soll.

Präsident Macron versuchte die Wogen zu glätten, indem er ankündigte, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner, der Initiator der Petition, hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen „das Projekt Macrons“ vorgehen: Da wird die Verantwortung für das umstrittene Projekt nicht der Kirche, sondern dem in Frankreich ungeliebten Präsidenten zugeschrieben: Vielleicht sind manche Unterschriften diesem geschickten Schachzug zu verdanken…

Trotz alledem: Im Dezember 2024 verkündete die für den Wiederaufbau Notre-Dames und für die Auswahl der neuen Fenster verantwortliche Institution Rebâtir Notre-Dame de Paris das Ergebnis des ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Jury unter der Leitung von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, wählte aus 110 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Claire Tabouret aus. Sie hatte ihr Konzept in Zusammenarbeit mit dem renommierten Glasatelier Simon-Marq aus Reims entwickelt. Die 1981 in Südfrankreich geborene und seit 2015 in Los Angeles lebende Künstlerin ist in Deutschland eher unbekannt.[4] Vor allem in den USA und in Frankreich, wo sie u.a. von der Fondation Pinault gefördert wird, hat sie aber durch zahlreiche Ausstellungen und Werke in renommierten Museen und Galerien einen festen Platz im künstlerischen Leben.

Eindrucksvoll ist ihre Serie L’île, mit der sie das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer thematisiert.[5]

Vor allem ist sie bekannt für ihre teilweise verstörenden Bilder von Kindern und Jugendlichen in meist leuchtenden Farben.

Aus einer Ausstellung im Palais Idéal du Facteur Cheval 2024[6]

Seit Dezember 2025 und bis zum 15. März 2026 sind Tabourets Entwürfe für die neuen Glasfenster von Notre-Dame nun im Grand Palais zu sehen. Tabouret reizte diese Aufgabe besonderes angesichts der polemischen Begleitmusik des von ihr grundsätzlich begrüßten Projekts. Frankreich habe ein besonderes Verhältnis zur Geschichte, das manchmal zu einer Gefahr des Immobilismus führe. Sie wolle dazu beitragen, das Erbe lebendig zu erhalten. Außerdem habe sie die vom Pariser Erzbischof Ulrich vorgegebene Pfingstthematik besonders angesprochen. Pfingsten stehe für die Idee des harmonischen Zusammenlebens von Menschen, trotz aller Unterschiede. „Eine wesentliche Botschaft der Toleranz in einer von Kriegen und Trennungen geprägten Epoche.“ [7]  Ein figuratives Kunstwerk könne „von Menschen aus verschiedenen Kulturen ohne Erklärung oder Bezeichnung verstanden werden.“[8]

  Claire Tabouret in ihrem Atelier mit Entwürfen für die neuen Glasfenster von Notre-Dame[9]

Die sechs Entwürfe entsprechen in der Größe (7 Meter Höhe) und Form (jeweils 4 Lanzettfenster, ein 6-er Pass und zwei 4-er Pässe) den originalen Fenstern. Sie sind in der Galerie des Grand Palais nebeneinander ausgestellt.

Vor den Fenster-Entwürfen ist jeweils eine Bank aufgestellt, beschriftet mit einem dazu passenden Bibelzitat aus der Pfingstgeschichte und dahinter Vitrinen und an der Wand befestigte Materialen und Vorarbeiten zu den jeweiligen Fenstern.

Ornamentales Detail eines Vorentwurfs

Das erste für die  Kapelle Saint-Joseph bestimmte Fenster zeigt die versammelten Apostel. Auf der Bank davor ein Satz aus der biblischen Apostelgeschichte:  Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.

Das zweite und das dritte Fenster veranschaulichen den Sturm, von dem die Apostelgeschichte berichtet:   Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 

Das dritte, für die Kapelle Saint-Vincent-de-Paul bestimmte Fenster

Das zentrale Fenster ist der Schilderung des Pfingstwunders gewidmet. Dies wird in der Apostelgeschichte so beschrieben: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“  Dies stellt Tabouret in ihrem vierten Fenster dar.

                                                                     Zwei der zwölf Feuerzungen

Dieses Fenster ist besonders hervorgehoben durch seinen Ort, nämlich die der Pariser Schutzheiligen Sainte-Geneviève gewidmete Kapelle. Und es ist zusätzlich und vor allem von Tabouret hervorgehoben durch die zentrale Gestalt der Maria, der Namensgeberin der Kathedrale, die Tabouret in die Pfingstgeschichte einfügt.

„Maria erscheint körperlich und ekstatisch, das Haar offen, das Gewand blau. Ein zeitgenössischer Blick auf eine uralte Geschichte.“[10]  Maria, so Tabouret, sei üblicherweise schamhaft und in sich gekehrt dargestellt. Bei ihr dagegen steht sie aufrecht, den Betrachtern zugewandt, in einer sehr expressiven Haltung, die Arme zum Himmel gestreckt, die Augen gerötet  durch den Tod ihres Sohns, die Haare kämpferisch gelöst (les cheveux en bataille).[11]

Diese Mariendarstellung wird denn auch als Motiv für das Ausstellungsplakat verwendet.

Den Titel der Ausstellung „D’un seul souffle“ (Mit einem Atemzug) hat Tabouret, wie sie sagt, mit einem das Projekt begleitenden Mitglied der Pariser Diözese gefunden: „Ich suchte nach einem Titel, der eine kollektive Handlung suggeriert, und dieser war genau richtig: Über den Atem des Glases und den Atem des Windes hinaus, der in einem der Verse erwähnt wird“ beziehe sich der Titel der Ausstellung auch auf den „Atem des Lebens, der uns alle vereint, unabhängig von unserer Kultur oder unserem Glauben.“[12]

Darum geht es dann  auch besonders in den letzten beiden Fenstern entsprechend den Worten der Apostelgeschichte: Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.[13] 

Detail aus dem 5. Fenster für die Kapelle Saint-Denys

Sie zeige hier, so Tabouret, Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die im Gebet vereint sind, um Pfingsten zu feiern. In Zeiten wie unseren, die von Krieg, extremer Spaltung und Spannung geprägt sind, sei es „eine wunderbare Geste der Hoffnung“, durch die Kunst die Einheit der Menschen durch das Thema Pfingsten zu fördern.[14]  

Ausschnitt aus dem abschließenden sechsten Fenster in der Kapelle Saint-Paul-Chen

Die Beurteilung der Entwürfe Tabourets könnte, was zu erwarten war, unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es, etwa im Katalog der Ausstellung,  hymnische Darstellungen von kirchlicher Seite und von Seiten der für den Wettbewerb und die Auswahl Tabourets Verantwortlichen. Und es gibt andererseits -beispielsweise- einen Verriss, wie er radikaler und heftiger kaum sein könnte, nämlich von Stefan Trinks in der FAZ vom 10.12.2025 unter dem Titel: Oh Herr, lass Kunst regnen! Nicht nur sei generell der Ersatz der Fenster Viollet-le-Ducs „eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung“, sondern vor allem auch die Auswahl der stillosen Entwürfe Tabourets. Künstlerisch funktioniere auf ihren Fenstern „gar nichts“. Die Flammen des Heiligen Geistes ergössen sich „in einem absurd scheußlichen Hustensaftrosa“ auf die „unausgeschlafen“ aussehenden und „geradezu bedröhnt“ wirkenden Jünger.

Der Boden sei „wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval“ bestreut und könne „genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen“…. Da kann der Autor dieser vernichtenden Kritik nicht nachvollziehen, dass die sonst so peniblen Denkmalpfleger der UNESCO hier keinen Einspruch erhoben haben…

Mein Blick auf die Fenster ist anders: Auch als ein der Kirche fernstehender Mensch kann ich der in den Fenstern zum Ausdruck gebrachten Utopie menschlicher Einheit einiges abgewinnen, so wie ich auch Schillers/Beethovens „Alle Menschen werden Brüder“ immer mit großer Anteilnahme singe oder höre. Und künstlerisch überzeugen mich die beiden Fenster, die den vom Himmel kommenden Sturm darstellen.

               Ausschnitt aus dem zweiten Fenster, das den vom Himmel  kommenden Sturm illustriert.

Man hat da auf Monet verwiesen, und Tabouret hat selbst berichtet, wie sehr seine Bilder sie schon als kleines Kind beindruckten.

Ausschnitt aus dem dritten Fenster

Bei dem im Sturm gebeugten Baum des dritten Fensters hat man auch auf van Gogh verwiesen, was kritisch aber auch anerkennend gemeint sein kann. Ich sehe das eher als Verweis auf die künstlerische Tradition, auf die sich jedes moderne Kunstwerk bezieht, als Qualitätsnachweis.

Trinks allerdings nennt den „dräuenden Gewitterhimmel“ in einem Atemzug mit dem „Apostel-Ringelreihen“ davor. Immerhin gesteht er am Ende dann doch zu, dass jeder ja sich selbst „vor Ort seine Meinung bilden“ könne. In diesem Punkt kann ich ihm zustimmen. Und dazu ist noch bis zum 15. März im Grand Palais Gelegenheit und ab Ende des Jahres dann auch in Notre-Dame selbst. Dann wird man vielleicht auch sehen, ob die Fenster Tabourets wirklich brachial das „fein austarierte Lichtspiel“ der Kirche zer-stören oder sich nicht vielmehr „harmonisch in die gotische Ästhetik der Kirche“ einfügen,  sie durch ihr neues Licht bereichern und zu einem Dialog zwischen Tradition und Innovation anregen.[15]


Anmerkungen

[1] Zum aktuellen und historischen Streit um die Kirchenfenster von Notre-Dame siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2024/12/16/der-streit-um-die-kirchenfenster-von-notre-dame-de-paris-la-querelle-des-vitraux-1935ff-und-2023-ff/

[2] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Titelbild ist ein Detail eines Vorentwurfs zum dritten Fenster, das den vom Himmel kommenden Sturm darstellt.

[3] Stefan Trinks, Oh Herr, lass Kunst regnen! Für Notre-Dame, stillos: Die Fensterentwürfe Claire Tabourets sind jetzt im Pariser Grand Palais ausgestellt. In: FAZ vom 10.12.2025, wortgleich übernommen in: https://www.domradio.de/artikel/paris-zeigt-entwuerfe-fuer-neue-fenster-von-notre-dame  vom 11.12.2025

[4] Nach der Homepage von Claire Tabouret gab es bisher noch keine Ausstellung ihrer Werke in Deutschland und noch keine Arbeiten von ihr wurden von renommierten deutschen Museen gekauft. https://www.clairetabouret.com/

[5] Bild aus: https://crennjulie.com/2012/01/14/claire-tabouret-lile/

[6] Bild aus: https://www.clairetabouret.com/en/presentation-vues-d-expositions/  Nachfolgendes Bild (Ausschnitt) aus: https://www.alternatif-art.com/claire-tabouret-lartiste-qui-illuminera-notre-dame-de-paris/

[7] Claire Tabouret in einem Gespräch mit Virginie Huet. In: connaissance des arts. Hors-série, Claire Tabouret, D’un seul souffle, S. 6

[8] https://www.waz.de/kultur/article410664347/heftig-umstritten-paris-zeigt-entwuerfe-fuer-neue-fenster-in-notre-dame.html

[9] https://www.deutschlandfunkkultur.de/entwuerfe-fuer-neue-notre-dame-fenster-sind-zu-sehen-100.html

[10] So gleichlautend in: https://www.n-tv.de/panorama/Paris-zeigt-neue-Fenster-fuer-Notre-Dame-id30122549.html    https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2025/12/neue-entwuerfe-fuer-umstrittene-notre-dame-fenster

[11] Zit. in: connaisssance des arts a.a.O., S. 31

[12] Zit. a.a.O., S. 9

[13] https://www.bibleserver.com/EU/Apostelgeschichte2

[14] https://www.european-circle.de/die-franzoesische-malerin-claire-tabouret-entwirft-die-buntglasfenster-von-notre-dame/

[15] Stefan Trinks a.a.O. und https://www.alternatif-art.com/claire-tabouret-lartiste-qui-illuminera-notre-dame-de-paris/

Weitere Blog-Beiträge zu Notre-Dame

Notre-Dame öffnet die Türen: Erste Eindrücke – eine Bilderstrecke

Alle Fotos dieses Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel, aufgenommen am 14.1.2025


Zur Vermeidung längerer Wartezeiten empfiehlt es sich, ab jeweils zwei Tage vor einem geplanten Besuch kostenlose Zugangskarten zu reservieren: https://www.notredamedeparis.fr/visiter/reserver/ (FR/EN)

Allerdings sind die Kontrollen am Eingang der Kathedrale sehr locker, so dass die Wartenden in beträchtlichen Tempo eingelassen werden. Man sollte sich also -auch wenn man keine Karte hat- von der langen Warteschlange nicht abschrecken lassen. (Anm. Februar 2025)

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Frühere Beiträge zu Notre-Dame:

Der Streit um die Kirchenfenster von Notre-Dame de Paris (La querelle des vitraux) 1935ff und 2023 ff

Seit dem 8. Dezember 2024 ist Notre-Dame de Paris, 5 Jahre nach dem verheerenden Brand, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich und erstrahlt in neuem Glanz: Da wird gerne von renaissance, miracle (Wunder) oder gar von einer résurrection (Wiederauferstehung) gesprochen.[1]

Die Kathedrale wurde umfassend renoviert, die Inneneinrichtung modernisiert, die Bausubstanz aber wieder in den Zustand vor dem 15. April 2019 zurückversetzt, gewissermaßen so, als habe der Brand nie stattgefunden. Präsident Macron als Repräsentant des für das Bauwerk zuständigen Staates hätte sich durchaus eine „geste architecturale“ vorstellen können, also einen Wiederaufbau im Geiste unserer Zeit. [2] Beschlossen wurde dann aber eine Rekonstruktion „à l’identique“, wozu vielleicht auch der von Macron selbst erzeugte 5-Jahres-Zeitdruck beigetragen hat. Die wiederaufgebaute Kathedrale entspricht damit im Wesentlichen wieder dem grundlegenden Werk Viollet-le-Ducs, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem damals arg heruntergekommenen Bau eine idealtypische gotische Kathedrale formte. Symbol dieser ersten „résurrection“ ist der mächtige Dachreiter, der 2019 bei dem Brand einknickte und das Dach der Kirche durchschlug. Auch dieser Dachreiter mit dem Abbild Viollet-le-Ducs wurde exakt wiederhergestellt: Die kurze Debatte zwischen den Anciens, den Vertretern eines getreuen Wiederaufbaus, und den Modernes, Vertretern einer wie auch immer gestalteten und ggf. an den Brand erinnernden Einbeziehung neuerer Elemente war damit beendet, noch ehe sie recht begonnen hatte.

Statue des Heiligen Thomas vom Dachreiter mit dem Abbild Viollet-le-Ducs[3]

Die entscheidende Rolle Viollet-le-Ducs für Notre-Dame wurde gerade nach dem Brand der Kathedrale immer wieder hervorgehoben.  Erst er habe, so wurde da sogar hymnisch festgestellt, aus Notre-Dame ein „chef-d’oeuvre“, ein Meisterwerk gemacht. [4] Dabei nahm sich der Architekt einige Freiheiten und stattete die Kirche mit Elementen aus, die es vorher in dieser Form noch nie gegeben hatte. Dazu gehört vor allem der mächtige Dachreiter, der seit Viollet-le-Duc und jetzt wieder nach dem Brand die Silhouette der Kathedrale prägt.

Blick von unserer Terrasse auf Notre-Dame (2.12.2024 – links die Kuppel von Saint-Paul, rechts neben dem hoch aufragenden Dachreiter einer der Türme von Saint-Sulpice)

Der aktuelle Fensterstreit von Notre-Dame

Die eminente Rolle Viollet-le-Ducs für Notre-Dame erklärt die Heftigkeit, mit der aktuell die Auseinandersetzung um neue Kirchenfenster in der Kathedrale geführt wird. Diese Auseinanderesetzung, für die Worte wie Streit oder sogar Kampf verwendet werden, beendet eine Phase des Wiederaufbaus, die von einer weitgehenden nationalen Geschlossenheit geprägt war. Philipp Jost, der Nachfolger des verunglückten Generals Gorgelin als Chef der Rekonstruktions-Arbeiten an Notre-Dame, verwendete dafür sogar den Begriff der „union sacrée“, (geheiligte Einheit), der im Ersten Weltkrieg geprägt wurde, um die nationale Einheit im Kampf gegen das Deutsche Reich zu beschwören. [5] Gegenstand der aktuellen Auseinandersetzung sind die Fenster in sechs der sieben südlichen Seitenkapellen.

Diese ornamentalen Fenster – insgesamt gibt es davon zwölf, hier eines der Kapelle Saint-Éloi auf der rechten Seite[6]– waren im Zuge der Restaurierung von Viollet-le-Duc entworfen und von verschiedenen Ateliers ausgeführt worden: Von den mittelalterlichen Glasfenstern waren im 19. Jahrhundert nur noch die großen Fensterrosen im Westen, Süden und Norden übrig geblieben: Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der lumières (Aufklärung), hatten die Kanoniker es für notwendig befunden, die farbigen mittealterlichen Glasfenster des Kirchenschiffs durch helle, lichtdurchlässigere Scheiben zu ersetzen – aus heutiger Sicht ein vorrevolutionärer Vandalismus…

Bei der Rekonstruktion nach dem Brand wurde auf jedwede zeitgenössische Veränderung und Neuerung des Baus verzichtet. Dies gilt auch für die Fenster, einschließlich der Viollet-le-Ducs. Aber es gab und gibt trotzdem auch das Projekt moderner Fenster- eine ziemlich verwickelte Geschichte, die nach Le Monde gut und gern den Stoff für ein Theaterstück bietet. [7] Teile der Geistlichkeit sehen im Brand von Notre-Dame die Chance, die Kirche für moderne Kunst und eben auch für moderne Glasfenster zu öffnen. Viele Epochen, so Erzbischof Ulrich, hätten in der Kathedrale ihre Spuren hinterlassen: „Es gibt in Notre-Dame Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, dem 17., dem 19. und dem 20, warum nicht auch auch aus dem 21.“, der Epoche also, die „die verwundete Kathedrale“ restauriert habe Die Idee wurde von Präsident Macron begeistert aufgenommen. Nach der Wiedereröffnung solle -wenigstens mit den sechs Fenstern -von insgesamt 120- das 21. Jahrhundert (la marque du XXIe siècle) in die Kathedrale einziehen. Viollet-le-Duc sei 29 Jahre alt gewesen, als er den Dachreiter von Notre-Dame entworfen habe, Renzo Piano, der Architekt des Beaubourg/Centre Pompidou, 33. Man müsse auch Vertrauen in die (jungen) Künstler unserer Zeit haben.

Am 8 Dezember 2023, ein Jahr vor der Wiedereröffnung von Notre-Dame, kündigte Präsident Macron an, es werde ein Wettbewerb für den Entwurf von 6 zeitgenössischen Fenstern ausgeschrieben. Natürlich sollen die Fenster von französischen Ateliers hergestellt werden, made in France oblige.[8] Und es soll sich um figurative Darstellungen handeln.[9] Deshalb war auch eine der südlichen Seitenkapellen ausgenommen, weil es dort schon eine figürliche Darstellung gibt, nämlich die der Wurzel Jesse/des Jessebaums.

Die ausdrückliche Beschränkung der Ausschreibung auf figürliche Darstellungen war ein Wunsch von kirchlicher Seite. So wunderbare Glasfenster wie die von Pierre Soulages in Conques

Fotos: Wolf Jöckel

…. von Gerhard Richter im Kölner Dom oder die von Imi Knoebel in der Kathedrale von Reims sind damit ausgeschlossen.

Insofern ist auch die nachfolgend abgebildete Gegenüberstellung, wie sie am 7.12. 2024 von franceinfo:culture veröffentlicht wurde, irreführend. [10] 

Der Widerstand gegen neue Fenster in Notre-Dame war und ist aber erheblich. Eine breite Oppositionsfront von „klerikalen Traditionalisten und antiklerikalen Bewahrern des Alten“ (Le Monde) versuchte schon im Anfangsstadium der Diskussionen das Projekt zu blockieren. So die damalige Kultusministerin Roselyn Bachelot unter Verweis auf die Charta von Venedig. Diese 1964 auf einem Kongress internationaler Denkmalschützer verabschiedete Resolution sieht vor, dass bei der Restaurierung von Gebäuden der letzte bekannte Stand maßgeblich sei. Allerdings hat diese Charta keinen rechtsverbindlichen Charakter, wie Nicolas Dohrmann von der Cité du vitrail in Troyes betont. Es drohten also keine Sanktionen, wenn einige Fenster von Notre-Dame ausgewechselt würden. [11] 

Im Juli 2024 lehnte dann aber die Commission nationale du patrimoine et de l’architecture (CNPA), die allerdings nur konsultative Befugnisse hat, das Projekt ab. Selbst der Rektor der Kathedrale distanzierte sich vorsichtig von der Initiative des Erzbischofs, indem er feststellte, es handele sich um ein Projekt des Staates.[12] Staat und Kirche scheinen sich da jeweils etwas schamhaft hinter der anderen Seite zu verstecken: Umgekehrt hatte Präsident Macron nämlich schon früh gefordert, die Kirche müsse für die zeitgenössischen Fenster die Patenschaft übernehmen. Wenn er sich da zu weit aus dem Fenster lehne, habe das Projekt keine Chance…

Wie heftig die aktuelle querelle beziehungsweise bataille des vitraux ist, zeigt auch dieses In den sozialen Medien kursierende Bild: Es handelt sich angeblich um ein für Notre-Dame ausgewähltes Glasfenster: natürlich völliger Unsinn – eine reine Erfindung! [13]

Es gibt in den sozialen Medien auch mit Künstlicher Intelligenz -bzw. in diesem Fall eher: unkünstlerischer Dummheit- erstellte Bilder angeblicher zukünftiger Fenster, mit denen Macron sich verewigen wolle… [14]

„Unsinnig“ und „Irrsinn“ sind Prädikate, die nicht nur für solche Machwerke gelten, sondern auch von durchaus seriöser Seite für das Projekt der neuen Fenster verwendet wurden. In einem Beitrag für die FAZ vom 9. Dezember 2024 rühmt Marc Zitzmann die neu renovierten Seitenkapellen: Sie „entfalten eine Strahlkraft sondergleichen- ihr bloßer Anblick sollte die Unsinnigkeit des Vorstoßes von Macron und Ulrich vor Augen führen, Kirchenfenster von Viollet-le-Duc durch zeitgenössische Kreationen ersetzen zu lassen.“ Die für „diesen Irrsinn“ erforderlichen Gelder sollten besser dafür verwendet werden, den nach dem Krieg von „Vandalen im Klerikergewand“ zerstörten Wanddekor Viollet-le-Ducs wiederherzustellen.

Und dann gibt es eine Petition auf change.org, initiiert von dem streitbaren Kunsthistoriker und Herausgeber der Zeitschrift La Tribune de l’Art Didier Rykner [15]  mit der Forderung, die von Viollet-le-Duc inspirierten Fenster nicht zu ersetzen. Die Petition richtet sich vor allem an bzw gegen Präsident Macron. Niemand habe ihn autorisiert, solche wesentlichen Veränderungen in der Kathedrale vorzunehmen, die ihm nicht gehöre. Etwas mehr Bescheidenheit sei da angebracht, umso mehr,  als der Staat doch eine wesentliche Verantwortung für den Brand und seine katastrophalen Folgen trage. Die Petition bezieht sich dabei indirekt auf Rykners Buch „Notre-Dame, une affaire d’état“ (Paris 2023), in dem im Einzelnen die Versäumnisse aufgelistet werden, die zu dem Brand, zu seiner schnellen Ausbreitung und zu den Problemen bei seiner Bekämpfung geführt haben. Auffällig ist übrigens, dass von den Gegnern moderner Glasfenster gerne Präsident Macron als Spiritus rector angesprochen wird: Der stark geschwächte und unpopuläre Präsident eignet sich das natürlich besser als der Erzbischof…

In der Petition wird ausdrücklich festgestellt, man habe keine grundsätzlichen Einwände gegen Elemente moderner Kunst in historischen Bauwerken. Bei Notre-Dame sollten aber Fenster ersetzt werden, die genauso unter Denkmalschutz stünden wie der gesamte Bau. Die Fenster hätten immerhin den Brand überstanden, seien danach aber, wie die gesamte Kathedrale, mit Spendengeldern restauriert worden.

Restauration eines der Fenster von Viollet-le-Duc. Aus einer Werbeanzeige von L’Oréal (Le Monde vom 1./2. Dezember 2024: l’Oréal sei glücklich, dazu beigetragen zu haben, dass Notre-Dame wieder seinen Glanz erhalten habe…)

Die Befürworter neuer Glasfenster hätten offensichtlich nichts mitbekommen von der neu gewonnenen großen Wertschätzung Viollet-le-Ducs durch die Kunst- und Architekturgeschichte. [15a]

Präsident Macron hatte allerdings angekündigt, die Fenster Viollet-le-Ducs, die durch neue Kreationen ersetzt würden, in das geplante Notre-Dame-Museum (musée de l’œuvre de Notre-Dame de Paris) im Hôtel Dieu neben der Kathedrale zu überführen. Das sei aber, so die Petition, nur ein schwacher Trost und auch kaum vollständig umsetzbar. Didier Rykner hat jedenfalls weiteren entschiedenen Widerstand angekündigt. Gegebenenfalls werde man auch mit juristischen Mitteln gegen das Projekt Macrons vorgehen. [16]

Dass ca 250 000 Personen diese Petition unterschrieben haben, konnte aber am Gang der Dinge nichts ändern; auch die nicht Ablehnung des Projekts durch die Denkmalschutzkommission, deren Votum Staat und Kirche hier offenbar zum ersten Mal nicht folgten. Es gab 110 Bewerbungen von Künstlern, von denen acht von einer Jury unter Vorsitz von Bernard Blistène, dem ehemaligen Leiter des Centre Pompidou, für die „Endrunde“ ausgewählt wurden. Am 21. November begutachtete die « commission artistique » die vorgelegten Entwürfe. Nach den von Didier Rykner weitergegebenen Informationen „aus gut unterrichteten Kreisen“ konnte allerdings keiner von ihnen voll überzeugen, offenbar auch nicht der von Daniel Buren, dem angeblichen „Favoriten“ Macrons. [17] Monseigneur Ulrich hat also darauf verzichtet, so wie ursprünglich vorgesehen, am 8. Dezember einen Preisträger bekanntzugeben und seine Entwürfe vorzustellen. Dadurch wäre sicherlich ein Schatten auf die feierliche Eröffnung von Notre-Dame gefallen. Der Fensterstreit ist damit erst einmal vertagt. Fortsetzung folgt…. Ende offen….

Der historische Bilderstreit von 1935 ff

Der aktuelle Bilderstreit ist geradezu die Neuauflage der Auseinandersetzung um ein früheres, ebenfalls hochumstrittenes Projekt, neue Glasfenster in Notre-Dame zu installieren, une histoire qui se répète (Le Monde). Entstanden ist das frühere Projekt anlässlich der Internationalen Ausstellung von 1937 in Paris. Zu ihr gehörte auch ein kirchlicher Pavillon, der mit modernen Glasfenstern ausgestattet werden sollte. Die zwölf dafür ausgewählten Glaskünstler waren aber daran interessiert, die von ihnen geschaffenen Fenster nach der Ausstellung auch dauerhaft zu präsentieren. Sie wandten sich also an die commission des monuments historique, die im Grundsatz bereit war, die zwölf Glasfenster im Kirchenschiff von Notre-Dame zu installieren – anstelle der auch dort angebrachten ornamentalen Glasfenster Viollet-le-Ducs. Allerdings entbrannte darüber ein sehr heftiger Streit, der in einer Ausstellung der Cité du Vitrail in Troyes thematisiert wird.[18]

Anlass dieser Ausstellung ist allerdings nicht der aktuelle Fensterstreit von Notre-Dame, sondern die Wiederentdeckung von 7 der in Vergessenheit geratenen Fenster im Jahr 2019 in einem abgelegenen Winkel von Notre-Dame.

Dargestellt sind auf den Fenstern, in Absprache mit der Kirche und mit wohlwollender Zustimmung des damaligen Erzbischofs von Paris, zwölf mit Paris besonders verbundene Heilige. Einige davon wurden inzwischen restauriert und unter Denkmalschutz gestellt.[19]

Dies sind von Jacques le Chevallier entworfene Glasfenster mit den Heiligenfiguren von Saint Marcel und Sainte-Geneviève (um 1937). Die Stadtheilige ist erkennbar an dem Schiff, das auch -zusammen mit dem Wahlspruch fluctuat nec mergitur–  das Wappen der Stadt bildet. Saint Marcel gilt als 9. Bischof von Paris. Mit Hilfe seines Bischofsstabs, den er in seinen Händen hält, soll er, so die Legende, einen furchtbaren Drachen gezähmt haben, der zu seiner Zeit die Stadt in Angst und Schrecken versetzt habe.

Über den Lanzettfenstern mit den beiden Heiligen ein Rundfenster mit dem Lamm Gottes und den Symbolen der vier Apostel, ebenfalls von Jacques le Chevallier.  Zwei Lanzettfenster und ein Rundfenster bildeten jeweils zusammen eine von einem Künstler gestaltete Einheit.

Jean-Hébert Stevens, Kirchenfenster für den heiligen Martin (um 1937), an den in Paris in vielfältiger Weise erinnert wird: Es gibt die rue Saint-Martin, eine der ältesten der Stadt, den Canal Saint-Martin, die porte Saint-Martin…  Das Boot zu Füßen des Heiligen bezieht sich auf eine Legende, nach der Martin einen fürchterlichen Sturm beruhigt haben soll.

Saint Louis und Saint Yves [20]

Nach dem Ende der Ausstellung wurden die Fenster 1938 provisorisch in Notre-Dame installiert, was eine heftige Auseinandersetzung auslöste: Die sogenannte querelle des vitraux, die auch als Titel der Ausstellung firmiert. Im Figaro schrieb Raymond Lecuyer am 22. April 1939, es sei doch bemerkenswert, dass in der Pariser Öffentlichkeit in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise und der Gefahr eines Krieges noch ein solcher Kunststreit ausgetragen werde. Und dieser Streit wurde von beiden Seiten, den Anciens und den Modernes, mit großer Erbitterung geführt.

Einige in der Ausstellung präsentierte Beispiele:

Die Harmonie des Raumes werde, so Christian Megret in Le Jour,  durch die unruhigen, oft ätzenden Farbtöne und die heftigen, krampfhaften Formen gestört.

Alles zusammen ergebe, so Achille Carlier in Les Pierre de France,  eine Kakophonie, ähnlich einer Jazzband, die von einem total betrunkenen Chef dirigiert werde.

Dagegen der Möbeldesigner und Architekt Robert Mallet-Stevens,  prominenter Vertreter der Moderne der 1920-er und 1930-er Jahre: „Modern zu sein, auf der Höhe der Zeit zu sein, erschien, zumal in Frankreich, schon immer als kriminell.“

Die Erbitterung der Auseinandersetzung mag erstaunlich erscheinen, weil es sich um figurative und eher an der klassischen Moderne orientierte Entwürfe handelte. Sie ist aber vor allem damit zu erklären, weil es nicht nur um die konkreten zwölf neuen Fenster ging, sondern vor allem, weil es sich um einen Grundsatzstreit handelte, der auch noch eines der bedeutendsten und prominentesten Bauwerke Frankreichs betraf: Zum ersten Mal wurde hier darüber diskutiert und gestritten, inwieweit moderne Kunst ihren Platz in historischen Bauwerken haben dürfe bzw.solle.

Da fragte beispielsweise Christian Megret in Le Jour vom 27. Februar 1939, warum die modernen Glaskünstler sich nicht mit dem ihnen angebotenen Rahmen moderner Kirchen zufriedengeben könnten.

Die Gegenposition vertrat niemand Geringeres als der damalige Erzbischof von Paris, Kardinal Verdier im Figaro vom 23. Dezember 1938: Eine Kathedrale, und gerade ein nationales Heiligtum wie Notre-Dame von Paris, sei kein Grab und kein Museum. Verdier war ein entschiedener Befürworter der Einbeziehung moderner Kunst in historische Kirchengebäude und er engagierte sich persönlich für die vorgesehenen neuen Kirchenfenster von Notre-Dame.

Zur endgültigen Installierung der Fenster kam es nicht. Die provisorisch eingebauten neuen Fenster wurden nach Kriegsausbruch abgenommen, teilweise den Glaskünstlern zurückgegeben, teilweise in Kisten verstaut und in der Kirche gelagert… Es  wird auch nicht mehr erwogen, die wiederentdeckten und restaurierten Fenster nun doch noch in Notre Dame zu installieren. Dagegen sprechen offenbar auch ästhetische Bedenken. Vor allem wird da auf  die fehlende Homogenität der von 12  verschiedenen Künstlern geschaffenen Fenster verwiesen.[21]

Heute ist immerhin unumstritten, dass jedes Jahrhundert in historischen Bauwerken, auch in Kirchen, seine Spuren hinterlassen hat und dass es keinen Grund gibt, warum dieser Prozess ständiger Erneuerung in unserer Zeit nicht fortgesetzt werden solle. Es gibt hervorragende Beispiele dafür, dass die moderne Kunst, auch nicht-abstrakte, sakrale Bauten bereichern kann.

Fenster im Chor der Kathedrale von Reims von Marc Chagall aus dem Jahr 1972. Foto: Wolf Jöckel

Das wird ja auch von den Gegnern eines Einbaus neuer Fenster in den Seitenkapellen von Notre-Dame nicht bestritten. Und vermutlich werden sich die Wogen der Empörung und der Kritik an zeitgenössischen Kreationen in Notre-Dame allmählich glätten, wenn es sie denn doch einmal geben wird. Und dann werden sie vielleicht allmählich zum integralen und selbstverständlichen Bestandteil der Kathedrale werden, so wie auch der mächtige Dachreiter oder die Chimären,  auch wenn die „nur“ höchst eigenwillige Zutaten des 19. Jahrhunderts sind.

Aktualisierung 18.12.2024

Am 18.12. wurde vom Élysée bekannt gegeben, wer für die neuen Fenster von Notre-Dame ausgewählt wurde: Es sind Claire Tabouret zusammen mit dem Atelier Simon-Marq. Die Entwürfe sollen am 18.12. nachmittags vorgestellt werden. Dazu die Presseerklärung des Élysée:

„Die von Claire Tabouret und dem Atelier Simon-Marq gebildete Arbeitsgemeinschaft erhält den Zuschlag für die Gestaltung neuer Glasfenster in sechs Kapellen des südlichen Seitenschiffs des Kirchenschiffs.

Nach Abschluss der zweiten Phase der von der Kulturministerin im März 2024 eingeleiteten Konsultation zur Schaffung zeitgenössischer Glasmalereien für die Kathedrale Notre-Dame de Paris in sechs Kapellen des südlichen Seitenschiffs wurden die am 4. November von den ausgewählten Bewerbern eingereichten Entwürfe vom Kunstausschuss unter dem Vorsitz von Herrn Bernard Blistène geprüft.

Nach einer Anhörung der Kandidaten und der Unterstreichung der sehr hohen Qualität der Projekte gab das Kunstkomitee der Bewerbung der Gruppe Claire Tabouret und der Werkstätten des Glasbläsermeisters Simon-Marq den Vorzug.

Der Präsident der Republik und der Erzbischof von Paris wurden konsultiert und gaben eine positive Stellungnahme zu dieser Wahl ab. Sie waren der Ansicht, dass der Vorschlag ihren Absichten voll und ganz entsprach und den Anforderungen der Kathedrale entsprach, sowohl aufgrund der hohen künstlerischen Qualität des Vorschlags und seiner architektonischen Einfügung – insbesondere seiner Übereinstimmung mit dem Glasfenster, das den Baum Jesse (1864) darstellt und in einer der Kapellen des Seitenschiffs vorhanden ist und an seinem Platz bleibt – als auch aufgrund der Einhaltung des von der Diözese Paris gewählten Bildprogramms zum Pfingstfest. Diese Kreation stellt eine Fläche von 121 m2 der 2500 m2 Glasfenster aus dem Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert dar, die es in der Kathedrale gibt. Diese Wahl und die Fortführung des Projekts sind ein Zeichen für die Unterstützung des Staates für das künstlerische Schaffen und das Vertrauen, das einer anerkannten Künstlerin entgegengebracht wird.

Ab der Auftragsvergabe durch die öffentliche Einrichtung Rebâtir Notre-Dame de Paris sind sechs Monate für die Planung und etwa eineinhalb Jahre für die Umsetzung vorgesehen. Das Projekt wird der Commission nationale de l’architecture et du patrimoine zur Einholung ihrer Stellungnahme im Laufe des Frühjahrs 2025 vorgelegt, sobald der Stand der Studien dies zulässt.

Die Buntglasfenster sollen Ende 2026 eingebaut werden. Sie werden etwa 5% der Fläche der über 120 Glasfenster ausmachen, die in der Kathedrale vorhanden sind und aus dem 12. bis 20. Jahrhundert stammen.“ (Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Claire Tabouret. Links der Entwurf für eines der Fenster von Notre-Dame

Auf der Pressekonferenz präsentierte Claire Tabouret einige maßstabsgetreue Skizzen von 2 m Höhe, um einen Einblick in das Projekt zu geben. „Es wird sich um ein figuratives Kunstwerk handeln, damit es ohne Erklärung von Menschen aus verschiedenen Kulturen verstanden werden kann“, fügte die Künstlerin hinzu. In der Kapelle Saint-Joseph wird Claire Tabouret zum Beispiel Figuren darstellen, die in einem Gebetskreis angeordnet sind, um die physische und spirituelle Dimension des Begriffs „Innenraum“ zu verdeutlichen. Außerdem wird sie die Grisaille-Motive der Kirchenfenster von Viollet-le-Duc aufgreifen, um sich in die Geschichte von Notre-Dame einzufügen. [22]

Die Kritik ließ aber auch nicht lange auf sich warten. Selbstverständlich war es wieder Didier Rykner, der sich als einer der ersten in seiner tribune de l’art zu Wort meldete. Präsident Macron habe zwar nicht gewagt, Daniel Buren, seinen Favoriten, durchzusetzen, aber Buren oder Tabouret mache sowieso keinen Unterschied: „Lors de la présentation, Claire Tabouret a affirmé vouloir « faire dans ses vitraux un hommage à Viollet-le-Duc ». Soit c’est de l’ironie, soit ça y ressemble. Celle qui accepte de remplacer ces vitraux, les condamnant à l’obscurité des caisses, prétend vouloir leur rendre hommage. On croit rêver.“ Rykner führt außerdem die großen Kosten für die Entfernung der alten Fenster Viollet-le-Ducs und die Herstellung und den Einbau der neuen Fenster ins Feld. Außerdem sei das von Macron versprochene Notre-Dame Museum nicht in Sicht. „Bref, le président de la République persiste dans sa volonté de vandaliser Notre-Dame, mais hésite à créer le musée qu’elle mérite.“ Rykners Kritik ist und bleibt damit grundsätzlicher Natur, auf das konkrete Projekt Tabourets geht er nicht ein. [23]

Fenster von Viollet-le-Duc in Notre-Dame. Foto: Le Monde 18.12.2024

Anders der Kunsthistoriker Pierre Tecqui, der in der Zeitschrift La Vie vom 19.12. das hohe Lied der Künstlerin Claire Tabourets singt. Sie sei eine großartige Künstlerin („une grande artiste“) und habe einen wesentlichen Beitrag geleistet, der gegenständlichen Malerei wieder Raum und Anerkennung zu verschaffen. Es sei Aufgabe der Kirche, sich für die moderne Kunst zu öffnen und zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen wie Claire Tabouret Aufträge zu verschaffen. Ihr Projekt für Notre-Dame könne durchaus „hervorragend“ sein, aber -und hier folgt Tecqui der Argumentation Rykners- die Entscheidung für die moderne Kunst dürfe niemals auf Kosten der alten gehen. Das sei aber bei Notre-Dame der Fall. Also lehne er aus ethischen Gründen die Entfernung der alten Fenster Viollet-le-Ducs und den neuer Fenster grundsätzlich ab.

Aber das sind jetzt eher Nachhutgefechte. La querelle des vitraux mag weitergehen, die bataille des vitraux ist entschieden und beendet. Daran werden auch die von Rykner avisierten rechtlichen Schritte kaum etwas ändern…


Anmerkungen:

[1] Z.B . https://www.beauxarts.com/produit/notre-dame-de-paris-les-secrets-dune-resurrection/

[2] Réouverture de Notre-Dame de Paris : cette décision qui a fâché l’Elysée, une femme influente en dit plus (10.12.2024) Bei der hier angesprochenen einflussreichen Dame handelt es sich um Roselyne Bachelot. Als Kultusministerin zur Zeit des Brandes vertrat sie ganz entschieden die Position einer unveränderten Rekonstruktion von Notre-Dame.

[3] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2023/12/08/die-renaissance-einer-ikone-noch-ein-jahr-bis-zur-wiedereroffnung-von-notre-dame-de-paris-8-12-2023-8-12-2024/

[4] https://www.geo.fr/histoire/notre-dame-de-paris-viollet-le-duc-larchitecte-qui-fit-de-la-cathedrale-un-chef-doeuvre-195296

[5] Philippe Jost : « Pour Notre-Dame de Paris, l’union sacrée l’a emporté »

[6] Ausgeführt 1865 von Alfred Gérente nach einem Entwurf von Viollet-le-Duc. Bild aus: https://www.latribunedelart.com/spip.php?page=docbig&id_document=69245&id_article=11801&lang=fr#album-a11801-r11801-article11801

[7] Im zweiten Teil der Serie über den „roman de Notre-Dame“ geht es unter anderem auch um den aktuellen Fensterstreit. Laurent Carpentier, Notre-Dame des polémiques. Le Monde vom 4. 12. 2024

[8] Der Wettbewerb soll offenbar auch dazu dienen, den französischen Ateliers einen prestigeträchtigen Auftrag zukommen zu lassen und sie damit gegen das Vordringen der deutschen Konkurrenz zu stärken. Die von Pierre Soulages für Conques entworfenen Fenster wurden z.B. von einem deutschen Atelier hergestellt. Übrigens wurden auch nach dem Brand 4 Fenster von Notre-Dame in Köln restauriert.

[9] https://www.lemonde.fr/politique/article/2023/12/08/notre-dame-de-paris-emmanuel-macron-annonce-le-lancement-d-un-concours-de-vitraux-contemporains-et-la-creation-d-un-musee_6204625_823448.html

[10] Bild aus:   https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/reouverture/deux-legitimites-s-affrontent-les-futurs-vitraux-contemporains-de-notre-dame-de-paris-ravivent-une-vieille-querelle-de-clocher_6908729.html#xtor=CS2-765-

[11] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2024/08/01/les-vitraux-de-notre-dame-de-paris-rejouent-la-bataille-des-anciens-et-des-modernes_6263614_4500055.html  und https://www.lefigaro.fr/culture/patrimoine/les-vitraux-contemporains-pris-dans-la-tourmente-des-legislatives-20240625

[12] Pierre Godon, „Deux légitimités s’affrontent“ : les futurs vitraux contemporains de Notre-Dame de Paris ravivent une vieille querelle de clocher. https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/reouverture/deux-legitimites-s-affrontent-les-futurs-vitraux-contemporains-de-notre-dame-de-paris-ravivent-une-vieille-querelle-de-clocher_6908729.html#xtor=CS2-765-

[13] Alexandra Maubec,  Faktencheck vom 2. Oktober 2024

[14] Bild aus: https://www.20minutes.fr/societe/4124495-20241202-dame-paris-non-emmanuel-macron-va-etre-represente-vitraux-cathedrale

[15] https://www.change.org/p/conservons-%C3%A0-notre-dame-de-paris-les-vitraux-de-viollet-le-duc

s.a.: https://www.latribunedelart.com/la-cnpa-dit-non-au-projet-d-enlevement-des-vitraux-de-viollet-le-duc?lang=fr

Zu Rykner siehe:Marc Zitzmann, „La Tribune de l’Art“ im Netz:Die „Kampfartikel“ sind das Beste. FAZ vom 15.4.2023

[15a] Nos élites politiques et médiatiques actuelles n’ont visiblement pas eu connaissance de la réévaluation de Viollet-le-Duc par l’histoire de l’art et de l’architecture. Maryvonne de Saint-Pulgent dans son livre La Gloire de Notre-Dame : la foi et le pouvoir (Paris: Gallimard 2023)

Siehe auch: Xavier de Jarcy, Les vitraux d’Eugène Viollet-le-Duc et Jean-Baptiste Lassus, construits lors de la restauration de la cathédrale entre 1855 et 1865 dont les deux architectes étaient en charge. Photo Manuel Cohen/Aurimages. In: Télérama vom 6.11.2024

[16] Le point sur l’affaire des vitraux de Notre-Dame – La Tribune de l’Art Zum geplanten Museum siehe: https://www.la-croix.com/culture/le-musee-de-notre-dame-de-paris-se-reve-en-grand-20240529

[17] Buren war 2021 von Präsident Macron eingeladen worden, für zwei Jahre die Fenster des Wintergartens im Élysée-Palast mit farbigen Folien umzugestalten. Buren wählte dafür die Farben der Tricolore. Bekannt ist Buren vor allem durch die Säulen im Ehrenhof des Palais Royal.

[18] Siehe: Éditions Beaux Arts, Notre-Dame de Paris. La querelle des vitraux 1935-1965. Cité du Vitrail 2024

[19] Zu ihnen gehört auch das Titelbild dieses Blog-Beitrags: Es stellt den Heiligen François de Sales dar, gestaltet von Paul Louzier (um 1937)

[20] Bild aus: Polémique sur les vitrauxx contemporains de Notre-Dame-de Paris, une histoire qui se répète. In: Le Monde vom 16.4.2024

[21] Marie-Hélène Didier, Nous comprenons désormais les critiques de 1935. In: Beaux Arts, Notre-Dame de  Paris, S. 4

[22] Nach: https://www.aquarelleparis.fr/blog/notre-dame-de-paris-les-vitraux-contemporains-de-la-cathedrale-seront-finalement-realises-par-lartiste-claire-tabouret/

[23] https://www.latribunedelart.com/notre-dame-claire-tabouret-choisie-pour-s-asseoir-sur-le-code-du-patrimoine?lang=fr

Frühere Beiträge zu Notre-Dame

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs

In der Nacht, als Notre – Dame brannte, habe ich in diesen Blog eine Reihe von Bildern eingestellt, die wir in den letzten Jahren von dieser wunderbaren Kirche aufgenommen hatten:

Notre-Dame wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird.  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Inzwischen ist das Ausmaß der Schäden deutlicher, die ersten Sicherungsmaßnahmen sind schon unternommen worden.

DSC04033 ND nach dem Brand 1.5 (2)

Aufnahme vom Quai de Montebello aus  (1.5.2019)

Sicherlich wird es aber noch viele Debatten über das Konzept für den Wiederaufbau geben. Soll die Kirche genau so wieder entstehen, wie sie vor dem Brand aussah,  nur –wie Präsident Macron es versprach- noch viel schöner als vorher, oder sollen die Wunden sichtbar bleiben und auch Neues an die Stelle des unwiederbringlich Zerstörten treten?  Auch über die zeitlichen Perspektiven eines Wiederaufbaus gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Macron hat da etwas vollmundig einen Zeitrahmen von 5 Jahren vorgegeben, was aber vielfach als völlig unrealistisch bezeichnet wird. Geld für den Wiederaufbau steht immerhin aufgrund der phänomenalen  Spendenbereitschaft hinreichend zur Verfügung. Über die gibt es inzwischen übrigens heftige Diskussionen in Frankreich.

DSC04072 Finanzierung ND Mai 2019

Plakat einer Aids-Hilfsorganisation in der rue de la Roquette mit Anspielung auf den Brand von Notre-Dame („Wir brennen schon seit 30 Jahren“).

Innerhalb von zehn Tagen gab es mehr als 1 Milliarde Euro an Zusagen, mehr als für den Wiederaufbau erforderlich. (Le Monde, 30.4.). Da ist sicherlich bei manchen Großspendern auch Prestige im Spiel, die hohen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten solcher Spenden in Frankreich werden auch ihren Anteil haben; aber vor allem sind es doch sicherlich die große Bestürzung über den Brand und die schrecklichen Bilder des brennenden Dachstuhls, des berühmten „Waldes“ von Notre-Dame aus Jahrhunderte-alten Eichenbalken,  des einstürzenden Dachreiters und des verwüsteten Innenraums, die Menschen dazu veranlasst haben mögen,  einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Reaktion auf den Brand entsprach ja genau dem, was der französische Anthropologe Daniel Fabre eine „émotion patrimoniale“ genannt hatte, eine kollektive Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Verlusts eines als unersetzbar geltenden, emotional hochbesetzten kulturellen Erbes.[1] Und dass es sich bei Notre-Dame um einen kollektiven Verlust (une perte collective) handelt, darüber gibt  es  einen allgemeinen Konsens zwischen Politikern unterschiedlichster Couleur, zwischen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen oder Journalisten aller Medien und allen internationalen Kommentatoren des Brandes. Einhellig betont wird die  herausragenden Bedeutung der Kathedrale Notre-Dame: Für die Christen, für die Menschheit insgesamt, vor allem aber für Frankreich.

In seiner Fernsehansprache vom 16. April bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame als „le lieu où nous avons vécu tous nos grands moments“, Notre-Dame sei „notre histoire…. notre imaginaire“; die Präsidentin der Region Île de France, Valérie Précresse (Les Républicains) nannte Notre-Dame „die Seele Frankreichs [2], der Leitartikler der Zeitung Sud-Ouest „le cœur brûlé de la France[3]. Für den Chef von La France Insoumise, Jean- Luc Melenchon,  ist Notre-Dame seit mehr als 1000 Jahren (!) „le métronome des Français[4],  die Zeitung  Libération  nennt Notre-Dame „die Kirche der Nation“ und bezeichnet sie in ihrer Sonderausgabe vom 17. 4. als „Notre –  Dame du peuple“[5]. In einer Sendung von France Culture wurde Notre-Dame sogar in den Rang einer „Gottheit“ erhoben.[6] Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht war die Titelseite der  Sonderausgabe von Le Monde vom 17. April: Neben dem halbseitigen Bild der brennenden Kathedrale die überschrift  „Notre-Dame, notre histoire“….

Le Monde 17.4.DSC03968

… und Plantu, der Karikaturist der Zeitung, steuerte darunter eine Zeichnung bei. Auf der ist die weinende Marianne zu sehen, die eine Tricolore mit dem Bild der brennenden Kirche trägt.. Die Identifikation der Kirche mit der Nation ist so zum Ausdruck gebracht.  Und die  die Fensterrose ersetzende Weltkugel auf der Fassade bezeichnet die weltweite Ausstrahlung des Bauwerks.

Le Monde 17.4. DSC03969

Ich wüsste nicht, welches Bauwerk in Deutschland einen ähnlichen Status für sich in Anspruch nehmen könnte. Vielleicht am ehesten noch die Dresdener Frauenkirche als Symbol der Verwüstungen durch die alliierten Bombardements im Zweiten Weltkrieg  oder die 2004 ausgebrannte Anna-Amalia-Bibliothek als Symbol des kulturellen Erbes der Weimarer Klassik. Aber eine mit Notre-Dame vergleichbare „emotion patrimoniale“ hat es da doch wohl nicht gegeben. Sicherlich hat das etwas zu tun mit der spezifischen deutschen Geschichte und ihren Brüchen und dem historisch gewachsenen Föderalismus, während der traditionelle französische Zentralismus auf dem Platz vor der Kirche „seine materielle Ausprägung“ gefunden hat.

006

Da ist nämlich eine Rosette in den Boden eingelassen, von deren Mittelpunkt aus in alle Himmelsrichtungen die Distanzen der Städte und Dörfer bis an die Ränder des Landes gemessen werden.

Point Zero des Routes de France

Notre-Dame ist also in der Tat Zentrum  von Paris, der „Hauptstadt der Welt“, dazu mit etwa 13 Millionen Besuchern im Jahr der meistbesuchte kulturelle Ort von Paris, ja von Frankreich, sie ist „das Herzstück ganz Frankreichs“[7], ein „lieu symbolique“ der Geschichte des Landes.

Der Sender France Culture hat nach dem Brand unter der Überschrift „11 große Daten einer Geschichte Frankreichs“ eine Reihe von Ereignissen aus der Geschichte von Notre-Dame zusammengestellt, die  die Bedeutung der Kirche für Frankreich belegen sollen:

  • 1163: Beginn des Baus durch Maurice de Sully
  • 1239: Saint Louis deponiert in Notre-Dame die Dornenkrone, die nach christlicher Überlieferung Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.
  • 1302: König Philippe le Bel beruft die ersten Generalstände des Königreichs nach Notre-Dame ein: Das Kirchenschiff ist damals der größte überdachte Raum, der zur Verfügung steht.
  • 1594: Endgültiger Übertritt Heinrichs IV. zum Katholizismus (seine Heirat mit Marguerite von Valois 1572, am Vorabend der Bartholomäusnacht, hatte ebenfalls in Notre-Dame stattgefunden.
  • 1792: Schließung der Kathedrale
  • 1804: Die Krönung Napoleons (le sacre de Napoléon)
  • 1844: Beginn der Renovierungsarbeiten durch die Architekten Jean-Baptiste-Antoine Lassus und Eugène Viollet-Le-Duc
  • 1918: Ende des „Großen Kriegs“ mit einer Feier in Notre-Dame am 17. November
  • 1944: Befreiung von Paris mit einer Feier in Notre-Dame am 26. August
  • 1970ff : Beisetzungen des Generals de Gaulle, von François Mauriac und danach weiterer  Persönlichkeiten, so der ehemaligen Präsidenten Georges Pompidou 1974 und François Mitterrand 1996. Dessen Beisetzungsfeierlichkeit in Notre-Dame sei übrigens, wie die Zeitung Les Echos damals schreib, bestimmt gewesen von den Emotionen des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, eines der engsten Freunde Mitterands, der seine Tränen nicht habe zurückhalten können.[8] Insofern ist Notre-Dame in gewisser Weise auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft.
  • Und (vorläufig) letztes Datum natürlich: Der Brand vom 14./15. April 2019[9]

Allerdings war die große Bedeutung und Wertschätzung von Notre-Dame nicht immer so eindeutig. Das soll an einigen nachfolgend skizzierten und zum Teil auch in der gerade vorgestellten high-light- Liste enthaltenen Ereignissen verdeutlicht werden:

  • So wird in dieser Liste die Übergabe der Dornenkrone an die Kirche genannt. In der Tat hatte Ludwig IX. (der Heilige) die Krone dem byzantinischen Kaiser abgekauft, um seinen Status als christlicher König gegenüber dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu untermauern. Allerdings war für die Aufnahme der Dornenkrone (und anderer Reliquien) die Sainte-Chapelle bestimmt, die aber erst zehn Jahre später fertig gestellt war und der sie dann auch übergeben wurde.  Und in der Sainte-Chapelle  blieb sie dann auch bis zur Französischen Revolution. Notre-Dame diente also zunächst nur als provisorischer Lagerort und  die Dornenkrone wurde erst von Kaiser Napoleon wieder Notre-Dame übergeben – und 2019 gerettet. Allerdings war die von Ludwig dem Heiligen erworbene Reliquie  1793 verschwunden, als der Schatz der Sainte-Chapelle eingeschmolzen wurde, um den Koalitionskrieg zu finanzieren. Sie wurde aber, mit den Worten des Historikers Yann Potin, „neu geschaffen“, bzw. nach kirchlicher Lesart wie durch ein Wunder  von einem Geistlichen der Kathedrale aufgefunden und konnte so schließlich wieder in den Besitz von Notre Dame gelangen.
  • Erst 1622 wurde Paris Bischofssitz. Notre-Dame erhielt also erst 459 Jahre nach ihrer Gründung, nach mehr als  der Hälfte ihrer bisherigen Geschichte, den Rang einer Kathedrale. Bis dahin unterstand das Bistum Paris dem Erzbischof von Sens. Und die Erzbischöfe von Sens ließen sich in Paris in der Nähe der Seine ein wunderbares Palais errichten, das Hôtel de Sens, das im 15. Jahrhundert „als eines der schönsten Häuser von Paris“ galt[10] und den geistlichen Herrschaftsanspruch der Erzbischöfe von Sens über Paris unübersehbar machte.
  • Zu Beginn  der Französischen Revolution stellte sich der Klerus auf die Seite der Revolution:  Am 13. Juli 1790 wurde z.B. der Jahrestag des Sturms auf die Bastille mit einem feierlichen Te Deum gefeiert, am 25. September 1792 feierte ein weiteres Te Deum die vier Tage vorher ausgerufene Republik. Dennoch wurde im November 1792  Notre-Dame  geschlossen, „der Beginn ihrer Leidenszeit“.[11] Die mussten zwar auch andere Kirchen damals durchmachen, aber Notre-Dame traf es, ebenso wie  St. Denis, wo die Königsgräber geschändet wurden, besonders hart, was man  vielleicht  als  Beleg für die inzwischen erlangte Bedeutung der Kathedrale verstehen kann. Schlimm war vor allem das Jahr 1793, in dem ja auch die Schreckensherrschaft Robbespierres begann.  Nach einem Zwischenspiel als „Tempel der Vernunft“ diente das Gebäude als Lagerhalle (immerhin!) für Wein, bis es 1802 wieder in den Schoß der Kirche zurückkehrte. 1793 wurde die Kathedrale  geplündert, und während die Guillotine die massenhaften Todesurteile des Revolutionstribunals exekutierte, wurden auch die  Statuen der  Portalgewände geköpft und  die 28 Statuen der Königsgalerie  gleich ganz herabgestürzt,  galten sie doch als Verkörperung von Religion und Feudalismus zugleich: Sie stellten nämlich die biblische Ahnenreihe von Jesus dar, die Könige von Israel und Juda also. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der nach dem Sieg Philipp Augustes über den englischen König 1214 bestätigte Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert.   Sie führten sich also auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Da sie ziemlich mächtig waren – immerhin 3,50 m hoch- wurden sie bzw. ihre Trümmer von den Revolutionären als Baumaterial verkauft und verschwanden im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Noch 1974 beklagte der französische Kunsthistoriker und Notre-Dame-Spezialist Erlande-Brandenbourg den unschätzbaren Verlust der Statuen. Aber  1977  kamen 21 Königsköpfe  bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht- eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte. Nicht nur weil die Königsgalerie die älteste ihrer Art ist und als Vorbild für die Kathedralen von Chartres, Reims und Amiens diente, sondern auch wegen der äußerst kunstreichen Gestaltung von Details wie den Kronen oder den Locken und  wegen der vielfältigen erhaltenen farblichen Reste: Rot für die Lippen, rosa für die Backen,  blau-grau für die Haare und den Bart, schwarz oder grün für die Pupillen… Die Königsköpfe aus dem 13. Jahrhundert kann man  inzwischen im Musée Cluny bewundern- in einem stimmungsvollen Raum der alten römischen Thermen, die Teil des Museums sind.

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  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum „empereur“/Kaiser und danach seine Frau Josephine zur Kaiserin, was natürlich in keiner Zusammenstellung der Geschichte Notre-Dames fehlen darf.  Man mag auch das als Beweis für die Bedeutung der Kirche ansehen, allerdings gab es keine Alternative: Saint Denis war die Grabkirche der Bourbonen, also als Krönungsort ungeeignet, die ehemalige Kirche Sainte- Geneviève schied auch aus, weil sie inzwischen als nationale Ruhmeshalle, als Pantheon,  fungierte, während die Wahl von Reims, der Krönungskirche der französischen Könige, ein antirevolutionärer Affront gewesen wäre. Um die Abkehr vom ancien régime (und seinen Weltherrschaftsanspruch) zu dokumentieren, wählte Napoleon ja auch den an Karl den Großen anknüpfenden Titel eines Kaisers und deshalb auch die Wahl der historisch unbelasteten  Kirche Notre-Dame. Nach den Verwüstungen der Revolutionsjahre war die Kirche allerdings in einem derart maroden Zustand und die Gotik derart verpönt, dass mit Hilfe von Tüchern und falschem Marmor eine Theaterkulisse geschaffen wurde, die die gotischen Strukturen (bis hin ins 33 Meter hohe Gewölbe) und das herunter gekommene Ambiente verhüllte und die Kirche dem Zeitgeschmack und dem Repräsentationsbedürfnis Napoleons anpasste.

1920px-Jacques-Louis_David,_The_Coronation_of_Napoleon_editDas berühmte monumentale Gemälde (6 mal 10 m),  das Napoleon bei seinem Hofmaler David  in  Auftrag  gegeben hatte[12], zeigt also den für das Ereignis  hergestellten  Theaterdekor, nichts aber von der gotischen Kathedrale, in der die  Zeremonie  stattfand. Das Bild ist im Louvre zu sehen.

  • In der Liste der großen historischen Ereignisse von Notre-Dame ist natürlich der November 1918 enthalten. Da fand in Notre-  Dame ein großes Te Deum statt: Mit einer Messe sollte Gott für den Sieg im Ersten Weltkrieg gedankt und dessen Ende gefeiert werden.[13]

1211711-rv_74130-28jpg Liberation 15.4.

        Die Feier des Te Deums in Notre-Dame vom 16. November 1918

Da war Notre-Dame also tatsächlich „die Kirche der Nation“. Allerdings nicht ganz: Der gefeierte „Tiger“  Clemenceau, damals Ministerpräsident (président du Conseil), weigerte sich, in Anbetracht der in Frankreich strikten Trennung von Kirche und Staat („par respect de la séparation des pouvoirs“) an der Zeremonie teilzunehmen. Staatspräsident Poincaré verzichtete deshalb ebenfalls auf seine Teilnahme. Immerhin kamen die beiden dann überein, dass ihre Frauen bei dem Te deum anwesend sein sollten/durften.

Am 26. August 1944  wurde anlässlich der Befreiung von Paris erneut ein Dankgottesdienst in Notre- Dame zelebriert. Nach einer Militärparade auf den Champs – Elysées zog  de Gaulles  in die Kirche ein. Dabei gab es noch vereinzelt Schüsse von faschistischen Kollaborateuren, die sich verzweifelt gegen den Lauf der Geschichte stemmten. De Gaulle aber, Teil seines Heldenepos, soll einer der wenigen gewesen sein, die nicht Deckung suchten, sondern aufrecht und langsamen Schrittes die Kirche betrat. Begleitet wurde de Gaulle beim Einzug in Notre-Dame von Führern der Résistance,  Vertretern des „Freien Frankreichs“ und dem Chef der 2. Französischen Panzerdivision Leclerc.  Eine zu  dessen Truppe gehörende, aus spanischen Freiwilligen bestehende Panzereinheit war als erste in Paris eingerückt. An der Feier, die mangels Strom und Orgel nur 15 Minuten dauerte, nahm allerdings  kein einziger geistlicher Würdenträger  teil.  Man hat sie deshalb etwas kühn mit der Selbstkrönung Napoleons 1804 verglichen. Zuzustimmen ist aber sicherlich dem Chefredakteur von Libération  Joffrin, der sie als Apotheose der Befreiung von Paris bezeichnete.[14]

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 Waren es also beim Te Deum von 1918 die staatlichen Repräsentanten, die in Notre- Dame fehlten, so waren es hier – in ihrem eigenen Hause! –  die Vertreter der kirchlichen Hierarchie: Die Feier in Notre-Dame vom 26. August 1944  und ihre Begleitumstände  waren Ausdruck der Spaltung und Zerrissenheit Frankreichs in der Stunde der Befreiung.

Das Fernbleiben einer Seite war diesmal allerdings, anders als 1918, keine freiwillige Entscheidung.  Während in Notre-Dame nämlich das Te Deum gefeiert wurde, stand der Kardinal und Erzbischof von Paris Suhard in seinem Bischofspalais unter Hausarrest. Der hatte nämlich genau vier Monate vorher, am 26. April 1944, den Marschall Pétain in seiner Kathedrale empfangen. Damals fand  ein Gottesdienst zu Ehren von Franzosen statt, die bei den die Landung in der Normandie vorbereitenden alliierten Bombenangriffen getötet worden waren.[15]

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Und davor war Pétain auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville von einer begeisterten Menschenmenge gefeiert worden.

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Kardial Suhard, der dem Chef des Kollaborations-Regimes von Vichy mit dem Empfang in Notre-Dame die kirchliche Weihe verlieh, hatte darüber hinaus im Februar 1944 eine Erklärung der französischen Bischofskonferenz unterstützt, in der Aufrufe zur Gewalt und „Akte des Terrorismus“ verurteilt worden waren. De Gaulle in London und die bewaffnete Résistance im Innern waren damit als terroristisch qualifiziert worden. Und noch am 2. Juli, also vier Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, nahm Suhard  an dem Staatsbegräbnis für Philippe Henriot, den „Goebbels von Vichy“, in Notre-Dame teil. Französische Milizionäre trugen den Sarg mit den sterblichen Überresten Henriots, der von der anwesenden Menge mit dem Nazigruß empfangen wurde,  in die Kathedrale. Anwesend waren auch Laval,  der Regierungschef Vichys, und der deutsche Botschafter in Paris Abetz.  Henriot war von Mitgliedern der Résistance erschossen worden.[16]

Dass unter diesen Umständen de Gaulle auf die Anwesenheit Suhards bei dem Te deum vom 25. August 1944 verzichtete, ist nur allzu verständlich- die Zeremonie war insofern „le parfait effacement“ des petainistischen Te Deums vom 26. April.  In seinen Memoiren beteuerte de Gaulle allerdings, er von seiner Seite habe nichts mit der „Verbannung“ Suhards zu tun gehabt.[17] Aber als er die Memoiren schrieb, war Frankreich in seinem Selbstverständnis schon lange ein einiges Volk von Widerstandskämpfern geworden und an die dunkle Zeit der Kollaboration  wurde möglichst nicht mehr erinnert.

So war denn auch Kardinal Suhard bei dem Sieges- und Dankesgottesdienst vom 9.Mai 1945 wieder auf freiem Fuß und konnte  als Hausherr von Notre Dame auftreten, als wäre nichts gewesen. Und der Domorganist Léonce de Saint-Martin, ebenfalls der Nähe zum Petain-Regime verdächtig und beim Einzug de Gaulles in Notre-Dame vom  26. August 1944 noch abwesend, konnte jetzt sein bombastisches Te Deum de la victoire durch das Kirchenschiff von Notre-Dame brausen lassen und danach natürlich noch die Marseillaise. Die war auch schon während der Revolutionszeit in Notre-Dame erklungen,  wie ja überhaupt die Orgel wohl nur aufgrund „der Interpretation patriotischer Musik“ von den Revolutions-Vandalen verschont worden war. Die selbstverständliche Intonation der Nationalhymne  mag bemerkenswert erscheinen in einem Land, in dem die strikte Trennung von  Kirche und Staat zu den Grundlagen des Gemeinwesens gehört. In Notre-Dame, der „Kirche der Nation“, ist das aber anders.  Der Schriftsteller François Mauriac, geriet jedenfalls  bei dieser Marseilleise „für die Engel und die Heiligen“   ins Schwärmen:  “ Lorsque, aux grandes orgues, la Marseillaise éclata, une Marseillaise pour les anges et pour les saints, transposée sur le plan de l’éternel, j’eus le sentiment profond que, de cette expérience universelle, une part concernait la France… “ [18]

Victor Hugo, der Retter von Notre-Dame

Notre- Dame war hier also tatsächlich das politische und spirituelle Zentrum Frankreichs und all die anfangs zitierten Zuschreibungen hatten in  diesem Moment ihre Berechtigung. Dass Notre-Dame tatsächlich das Zentrum, das Herz Frankreichs geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst von Victor Hugo, und das Jahr 1831 darf eigentlich in keiner Zusammenstellung der wesentlichen Daten von Notre-Dame fehlen. Denn in diesem Jahr erschien sein historischer Roman „Notre-Dame de Paris-1492“. Die Bedeutung dieses Buches für die Kathedrale ist kaum zu überschätzen. Denn damals war sie so heruntergekommen, dass schon erörtert wurde, sie abzureißen, so wie ja auch schon andere wunderbare gotische Kirchen abgerissen worden waren: 1797 das Kloster Saint-Antoine-des-Champs, das dem Faubourg Saint-Antoine seinen Namen gegeben hatte[19];  und im gleichen Jahr die Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, von der nur der Turm Saint-Jacques im 4. Arrondissement übrig geblieben ist. Dabei handelte es sich gar nicht so sehr um Taten eines revolutionären Vandalismus –andere Kirchen wurden ja wie Notre-Dame zu „Tempeln der Vernunft“ umfunktioniert, sondern die Gotik galt damals –wie der Name schon ausdrückt- als ein barbarischer Baustil und Ausdruck des „finsteren Mittelalters“, und dementsprechend ging man auch mit ihren Bauten um. Victor Hugo hat das in seinem Buch angeprangert:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt…. Zuletzt haben sich ihrer  die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ (S. 152/3).

Das sei, wie Hugo in Anspielung auf eine Fabel de La Fontaines schreibt, der Fußtritt des Esels gegen den sterbenden Löwen gewesen. Mitbeteiligt war bei Notre-Dame übrigens auch der große Soufflot, der Erbauer des Pantheons, der 1711 im Auftrag des Domkapitels den Mittelpfosten und den Türsturz des Hauptportals beseitigte, um bei Prozessionen Platz für den Baldachin zu schaffen!

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Das Mittelportal von Notre-Dame vor der Restaurierung. Daguerreotypie von 1841[20]

Auch die  Zerstörung der riesigen Christophorus-Statue auf der rechten Seite des Mittelschiffs prangert Hugo an- dort, wo in seinem Roman an einem schönen Sonntag nach der Messe der kleine Quasimodo und spätere Glöckner von Notre-Dame –benannt nach dem Tag seiner Aussetzung- niedergelegt wurde:  gewissermaßen die „Babyklappe“ des Mittelalters. Und natürlich beklagt Victor Hugo die Zerstörung der leuchtenden gotischen Glasfenster in Mittelschiff und Chor, die im Zeitalter des Barock durch „weiße kalte Fenster“ ersetzt wurden, was man heute kaum noch nachvollziehen kann. Dazu kamen dann die Zerstörungen während der Französischen Revolution: neben den Statuen der Fassade auch noch der Dachreiter aus dem 13. Jahrhundert auf der Vierung, der Kreuzung von Mittel- und Querschiff,  der dann im 19. Jahrhundert durch den neuen hohen Dachreiter ersetzt wurde, der bei dem Brand umgestürzt ist.

Höchste Zeit also, dass Victor Hugo  den  Verächtern der Gotik mit ihren Abrissbirnen den Krieg erklärte: So 1832 in einem in der Revue des deux mondes veröffentlichten Pamphlet mit dem Titel Guerre aux démolisseurs“. Und schon 1825 hatte der junge Victor Hugo einen Text „sur la destruction des monuments en France“ verfasst, in dem er den Anspruch der Öffentlichkeit auf die Bewahrung des kulturellen Erbes formulierte: „Il faut arrêter le marteau qui mutile la face du pays.“  Und weiter: „Il y a deux choses dans un édifice, son usage et sa beauté: son usage appartient au propriétaire, sa beauté à tout le monde, à vous, à moi, à nous“.[21]

Notre-Dame de Paris war zwar damals für Victor Hugo  immer noch „ein majestätisches und erhabenes Bauwerk“, das sich „im Altern schön erhalten“ habe (S.149).  Aber die Kathedrale war auf dem besten Wege, zu einem „schweren Gerippe“ bzw. einer „düsteren Ruine“ zu  verkommen, wie der Dichter Gérard de Nerval in seinem Gedicht  Notre-Dame de Paris von 1835 schrieb.

Victor Hugo trug vor allem mit seinem einzigartigen historischen Roman, in dem er ein Gebäude gewissermaßen zur Romanfigur machte, entscheidend dazu bei, nicht nur der todwunden Notre-Dame „den Fußtritt des Esels“ zu ersparen, sondern insgesamt der Gotik auch in Frankreich wieder Wert und Würde zuzuerkennen.  In Deutschland hatte schon 1773 der junge Goethe als Student in Straßburg das Genie des Straßburger Dombaumeisters Erwin von Steinbach gepriesen,  und 1823 war in Köln eine Dombauhütte zur Erhaltung und Vollendung des Doms eingerichtet worden. Der Weiterbau des im Mittelalter unvollendeten Kölner Doms wurde als Symbol für den zu schaffenden deutschen Nationalstaat gesehen, erfolgte aber auch im vergleichenden Blick auf Frankreich. Und umgekehrt hätten Hugo und andere französische Schriftsteller „vielleicht nicht so für ihre Gotik gekämpft, hätte nicht der junge Goethe als Student in Straßburg die Gotik als deutschen Stil gefeiert.“[22] Während Goethe in der Tat und  fälschlicherweise davon ausgegangen war, bei der Gotik handele es sich um eine „deutsche Baukunst“, so konnte man in Frankreich schon mit einigem Recht die Entstehung der Gotik als  Ausdruck des „génie français“ oder der „âme française“ verstehen.  Die Wiege der Gotik ist eindeutig die Ile de France, die königliche Krondomäne, wo der neue Stil den königlichen Herrschaftsanspruch und den sich allmählich herausbildenden Status von Paris als Hauptstadt Frankreichs untermauern sollte (Sohn, S. 185).  Und immerhin übertraf, wie Statistiker errechnet haben, das Volumen der für die gotischen Kathedralen Frankreichs verwendeten Steine das der ägyptischen Pyramiden! So wurde die Gotik im 19. Jahrhundert zur nationalen französischen Architektur par excellence erhoben, die sich wie die Ideen der Französischen Revolution über ganz Europa hinweg verbreitet hätten. Und nun war auch die Zeit gekommen, dass  die Architekten Viollet-le-Duc und Lassus  die heruntergekommene Kathedrale im Sinne ihres idealisierten Gotik-Bildes restaurierten und ihr neuen Glanz verliehen.

Victor Hugos Loblied der Westfassade von Notre-Dame

Diese Restaurierung betraf nicht nur, aber vor allem die Fassade, die unter den Zerstörungen durch Soufflot und die revolutionären Bilderstürmer besonders gelitten hatte und deren Schönheit bis ins 19. Jahrhundert kaum zur Geltung kommen konnte: Da war der Blick auf die Fassade der Kathedrale nämlich nur sehr eingeschränkt möglich, weil der Vorplatz der Kirche eng bebaut war. Der französische Name für diesen Platz ist übrigens Parvis, eine Ableitung von „Paradies“ – in der mittelalterlichen Architektur der Vorhof einer Kirche, der bereits zu deren Friedensbereich gehörte und damit Flüchtlingen Asyl gewährte. In Paris,  im Mittelalter die bevölkerungsreichste Stadt Europas, war der Baugrund schon damals eine Kostbarkeit. Also wurde das „Paradies“, wie die Cité insgesamt, eng bebaut. Im 19. Jahrhundert wurde dann der Vorplatz geräumt, der Blick auf die Fassade erweitert. Heute erinnern noch die auf dem Pflaster nachgezeichneten Umrisse an die frühere Bebauung, deren Fundamente man in der „Crypte archéologique du Parvis Notre-Dame“ besichtigen kann.

Die Fassade von Notre-Dame ist nirgends so wunderbar beschrieben  wie von Victor Hugo:

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reichgezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zur Seite stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fenstersturz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliade und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte: kurz, eine menschliche Schöpfung, die reich und machtvoll ist wie die göttliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz ‚Vielheit und Einheit‘ entlehnt zu haben scheint. …

Notre-Dame ist ein Bauwerk der Übergangszeit. Der sächsische Baumeister hatte gerade die ersten Pfeiler des Schiffes aufgerichtet, als mit den heimkehrenden Kreuzfahrern der Spitzbogen kam und sich siegreich auf die schweren romanischen Kapitelle setzte, die bestimmt waren, nur den einfachen Rundbogen zu tragen. Der Spitzbogen, der fortan alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch nicht in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Filialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben. …

Diese Übergangsbauten sind für den Künstler, den Altertumsforscher und den Historiker gleich anziehend. Gleich den zyklopischen Mauern, den ägyptischen Pyramiden und den riesigen indischen Tempeln zeigen sie, wie ursprünglich die Baukunst ist; sie beweisen, dass ihre großen Werke weniger individuelle als soziale Schöpfungen sind, von arbeitenden Völkern geboren, nicht von genialen Männern erdacht, ein Niederschlag von Nationen, eine von Jahrhunderten angehäufte Masse…  Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Oft wandelt sich die Kunst, während sie noch im Entstehen sind; die Arbeit wird im Sinn der neuen Zeit friedlich weitergeführt. Die verwandelte Kunst übernimmt das Werk, wie sie es findet, überkleidet es, passt sich ihm an, führt es nach ihren Empfindungen weiter und bemüht sich, es zu vollenden. Das vollzieht sich ohne Störung, ohne Anstrengung, ohne Rückfall, nach stillen, natürlichen Gesetzen. Der einzelne Mensch und der Künstler verschwinden vor diesen Riesenwerken, die keines Schöpfers Namen tragen; der menschliche Geist in seiner Gesamtheit prägt sich in ihnen aus. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer.“ (Hugo, Der Glöckner, S. 149f)

Dass Victor Hugo „die ruhige Größe des Ganzen“ rühmt, kommt nicht von ungefähr: Denn der Kubus der Fassade ist exakt im Seitenverhältnis von 2: 3 proportioniert. Und diese Proportion findet sich auch in der Musik. Nach der Harmonielehre des  Kirchenvaters Augustinus  erklingen schwingende Saiten in musikalischen Intervallen, wenn ihre Länge zueinander einfachen Zahlenverhältnissen entspricht- und das Verhältnis 2: 3 entspricht der musikalischen Quint. Indem die Architektur solche auf musikalischen Konsonanzen beruhende Proportionen aufgreift, spiegelt sie –nach dem Ideal des Augustinus- die von Gott geschaffene Harmonie des Universums wider. Dass die beiden Türme keine Spitzen haben, entspricht damit diesem Streben nach harmonischer Proportionierung. Es ging also sowohl in der Architektur wie auch in der Musik um himmlische Maßstäbe. Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man denn auch nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Wenn die Romantiker von der Architektur als Stein gewordene Musik sprachen: An der Fassade von Notre Dame ist das zu beobachten und zu bewundern.[23]

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Auch im Einzelnen ist die  Fassade in ihrer Ausgewogenheit von horizontaler und vertikaler Gliederung  ein Inbegriff von Harmonie und –wie alles in der mittelalterlichen Baukunst-  voller Symbolik: Vertikal gibt es drei Teile – entsprechend dem Mittelschiff und den beiden Seitenschiffen – mit den dazugehörigen Portalen, womit  die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist symbolisiert, gleichzeitig aber auch an die Tradition römischer Triumphbögen angeknüpft wird. Horizontal ist die Fassade vierfach gegliedert. Victor Hugo spricht zwar in seiner Fassadenbeschreibung von fünf Geschossen,  aber die mittelalterlichen Baumeister zählten –da sind sich die Kunsthistoriker einig- vier Geschosse, rechneten also die Türme nicht mit: Ganz unten die Portalzone, dann die Königsgalerie, danach der Abschnitt mit der  großen  Fensterrose und schließlich die luftig-elegante Arkadengalerie. Die vierfache horizontale Gliederung hat natürlich auch ihre symbolische Bedeutung: Die Zahl 4 steht im Mittelalter für die weltliche Materie, die Schöpfung. Und bezogen darauf hat die Zahl eine vielfache Bedeutung: Es gibt die vier Jahreszeiten, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter des Menschen und schließlich  auch Pest, Krieg, Not und Tod als die vier Vorboten der Apokalypse.  Wir befinden uns ja im Westen, der  dem Leben,  dem weltlichen Bereich zugewandten Seite der Kathedrale, wo sich auch der königliche Palast befand. Im Zentrum der Fassade mit der dreifachen –geistlichen- und der vierfachen –weltlichen- Gliederung thront gewissermaßen die große Fensterrose: Ihr Rund  steht für die Zahl 1, also für Gott, und sie symbolisiert die Harmonie der Schöpfung, den Kosmos: Im Mittelalter wird Gott ja auch oft  als Baumeister und Weltenschöpfer mit einem Zirkel dargestellt. Und wo bleibt Maria, der die Kathedrale geweiht ist? Ihre Statue  mit dem Jesuskind auf dem Arm steht auf der Königsgalerie, eingerahmt von zwei kerzentragenden Engeln, inmitten einer –dreifachen- Figurengruppe also. Und  die Köpfe von Maria und dem Jesuskind reichen –blickt man, sich der Fassade nähernd, nach oben-  genau ins Zentrum der Fensterrose

Die Statuen der jetzigen Königsgalerie sind dagegen Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts und entstanden während der Restaurierung der Kathedrale. Angeblich nutzte einer der beiden Restaurations-Architekten, Lassus,  die Gelegenheit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und sich in  der 8. Statue der Königsgalerie von links portraitieren zu lassen. Sein bekannterer und bedeutenderer Partner, Viollet-le-Duc, ließ sich jedenfalls in der Figurengruppe um den von ihm konzipierten neuen spitzen Dachreiter als Heiliger Thomas, den Patron der Architekten, portraitieren. Diese Figur hat übrigens den Brand überstanden, weil sie kurz davor im Zuge der Renovierungsarbeiten schon demontiert worden war.

Ich  weiß nicht,  wie Victor Hugo die Restaurierungen Viollet-le-Ducs beurteilte. Ich vermute aber, dass er sie begrüßte, weil sie eine teilweise Wiedergutmachung dessen waren, was der Kathedrale im Lauf ihrer Geschichte zugefügt worden war. Ob er allerdings mit der Malraux’schen Fassadensäuberung einverstanden gewesen wäre, bezweifle ich eher, denn für Victor Hugo hatte die Patina, die sich in Jahrhunderten über die Fassade gelegt hatte, durchaus ihren Reiz. Sie entschädigte ihn sogar für den Verlust der 11 Stufen, die die Kathedrale „einst über den Erdboden erhoben…. Die elf Stufen hat die Zeit getilgt, die das Niveau der Stadt allmählich, aber unaufhaltsam erhöht. Aber wenn sie auch der steigenden Flut des Pariser Pflasters erlaubte, diese Stufen zu verschlingen, so hat sie doch der Kirche vielleicht mehr gegeben als genommen; denn die Zeit hat die Fassade mit der dunklen Färbung der Jahrhunderte überzogen, die den Bauwerken im Alter die höchste Schönheit verleiht.“ (Der Glöckner, S. 150/151)

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Karikatur von Henri Meyer: Le Géant. 1868

Victor Hugo hat der Kathedrale Notre- Dame ihre Würde zurückgegeben. Vor allem aber hat er durch die Handlung und die Figuren seines Romans dem Bau aus Stein Leben verliehen:  Durch den bösartigen, lüsternen Kleriker Frollo, die schöne Esmeralda, den unglücklichen Liebhaber und Dichter Gringoire, den verwachsenen Glöckner von Notre-Dame, der der deutschen Übersetzung des Buches den Namen gegeben hat, und durch das bunte Pariser Volk des 15. Jahrhunderts. Dadurch erst wurde Notre-Dame zu dem nationalen Symbol, als das es anlässlich des Brandes wieder gefeiert wurde. Victor Hugo hat Notre-Dame erhöht und Notre-Dame  hat auch seinen Poeten erhöht.  In vielen Karikaturen des 19. Jahrhunderts wurde diese Verbindung herausgestellt, die umso näher lag, als die Fassade auch –wie auf der Karikatur Henri Meyers zu sehen, als ein großes H lesbar ist.

Glücklicherweise wurden die Fassade und die beiden Glockentürme nicht durch den Brand beschädigt. Und hoffentlich werden sie auch während und trotz der Renovierungsarbeiten wieder beleuchtet. Die nachts angestrahlten Türme der „alten Dame“ gehörten zu unserem Pariser Leben. Wenn  nach Mitternacht die Lichter ausgingen, sagten wir: Jetzt ist Notre-Dame schlafen gegangen,  und wir wussten, dass es allmählich auch für uns Zeit wird….

Anmerkungen:

[1] Notre-Dame, une émotion patrimoniale. Gespräch mit Nathalie Heinrich, In: La vie des idées vom 19. April 2019   https://laviedesidees.fr/spip.php?page=article&id_article=4394ion

[2] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[3]  SUD-OUEST Mardi 16 avril 2019 Editorial de Yves Harté

[4] https://www.lemonde.fr/societe/video/2019/04/16/incendie-de-notre-dame-de-paris-les-reactions-des-personnalites-politiques_5450991_3224.html

[5] Entsprechend auch Bruno Frappat in La Croix vom 18.4.: Notre-Dame de tous

https://www.la-croix.com/Debats/Chroniques/Notre-Dame-tous-2019-04-18-1201016601

und Joseph Haniman in der SZ vom 16.4.2019: ein „Bauwerk des Volks für das Volk

[6]   „une divinité“  https://www.franceculture.fr/emissions/la-nuit-revee-de/lieux-de-memoire-notre-dame-de-paris

[7] Joseph Haniman in der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2019  https://www.sueddeutsche.de/kultur/notre-dame-brandkatastrophe-kulturelle-bedeutung-1.4412258

[8] https://www.lesechos.fr/1996/01/obseques-de-mitterrand-ceremonie-privee-hommage-public-emotion-populaire-827719

[9] https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/incendie-de-notre-dame-de-paris/notre-dame-de-paris-onze-grandes-dates-d-une-histoire-de-france_3401071.html

Eine andere –und natürlich ähnliche- Liste bei: https://ca.france.fr/fr/paris/liste/notre-dame-de-paris-en-10-dates-marquantes

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Sens

[11] Siehe dazu:  Jean Leflon, Notre-Dame de Paris pendant la Révolution. In: Revue d’histoire de l’Église de France, 174/ 1964, S. 109-124   https://www.persee.fr/doc/rhef_0300-9505_1964_num_50_147_1732

[12] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[13] http://lhistoireenrafale.lunion.fr/2018/11/15/16-novembre-1918-le-gouvernement-absent-du-te-deum-a-notre-dame/  Foto: Photo parue dans le journal Excelsior pour la célébration du Te Deum, le 17 novembre 1918.  (Photo Roger-Viollet)  Aus Libération vom 15.4.2019

[14] Laurent Joffrin in Libération vom 15.4.2019: https://www.liberation.fr/france/2019/04/15/de-la-reine-margot-a-la-liberation-notre-dame-ou-l-eglise-de-la-nation_1721585 https://www.larep.fr/paris-75000/faits-divers/couronne-d-epines-tunique-de-saint-louis-les-tresors-de-notre-dame-de-paris_13541387/

Bild aus: https://www.la-croix.com/Religion/Actualite/70-ans-apres-Notre-Dame-commemore-la-liberation-de-Paris-2014-08-24-1196122. Siehe auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002786

[15] https://jeune-nation.com/culture/emmanuel-suhard-5-avril-1874-30-mai-1949.html Ein zeitgenössischer Wochenschaubericht zu dem Besuch Petains in Paris:  https://www.youtube.com/watch?v=508EWo

In der Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 17. Februar 1944 werden  « les appels à la violence et les actes de terrorisme, qui déchirent aujourd’hui le pays, provoquent l’assassinat des personnes et le pillage des demeures » verurteilt. https://fr.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Suhard

Zu den alliierten Bombenangriffen auf französische Ziele siehe auch den Blog-Artikel: Normandie (2): Schattenseiten der Vergangenheit. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/890

[16]il mena la guerre des ondes et la propagande pétainiste de telle façon qu’on le comparait à Goebbels“. https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1897.html s. auch: https://www.ina.fr/video/AFE86002764

[17]  Frédéric Le Moigne, 1944-1951 : Les deux corps de Notre-Dame de Paris. https://www.cairn.info/revue-vingtieme-siecle-revue-d-histoire-2003-2-page-75.htm#

Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in zwei einschlägigen Veröffentlichungen zu Vichy von Suhard nicht die Rede ist: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Édition du Seuil 1972 und Henry Rousso Le syndrom de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1990

[18] In: Le Figaro, 10. Mai 1945. Zit. In: http://www.musimem.com/st-martin.htm

[19]  Siehe dazu den Blog-Text über den Faubourg Saint-Antoine: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32

[20] Aus einer Ausstellung im Pantheon 2013

[21] Zitiert in Le Monde vom 17.4. 2019, S. 12: Une cathédrale dans l’histoire.

[22]  Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.4.2019, S. 15

[23] Siehe dazu das Buch von Fernand Schwarz und den Artikel von Helmut Mauró, Himmlische Maßstäbe. Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. In: Süddeutsche Zeitung, 18./19. April, S. 14

Verwendete Literatur:

Mgr Joseph Doré, Mgr André Vingt-Trois et Collectif: Notre-Dame de Paris. Paris 2012

Alain Erlande-Brandenbourg, Notre Dame de Paris. In: Pierre Nora (Hrsg), Lieux de mémoire, Bd. III

Éternelle Notre-Dame. Le Parisien. Hors-Série. April 2019

Le Figaro hors série: 1163-2013. Notre-Dame. Une histoire de France. 2013

Victor Hugo: Notre Dame de Paris 1482. Neuausgabe Paris: Éditions Gallimard 2009  Deutsche Ausgabe: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch,  Berlin 2010

Notre-Dame, notre histoire. Édition spéciale von Le Monde, 17.4. 2019

Potin, Yann, Comment Notre-Dame est devenue un monument national. Interview mit Julia Bellot und Olivier Thomas. In: L’Histoire vom 19. April 2019  https://www.lhistoire.fr/entretien/comment-notre-dame-est-devenue-un-monument-national

Schwarz, Fernand: Symbolique des Cathedrales. Les Éditions du Palais 2012

Sohn,  Andreas: Von der Residenz zur Hauptstadt. Paris im hohen Mittelalter. Ostfildern 2012

Zwei Neuerscheinungen zu Notre-Dame:

Thomas W. Gaethgens, Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale.  München: C.H.Beck 2020

Alexandre Gady, Notre-Dame de Paris – La fabrique d’un chef-d’oeuvre. Paris 2021