Vor 80 Jahren:  Die große Razzia des Wintervelodroms (Vel d’Hiv), die „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“

Am 16./17. Juli 1942 wurden in Paris etwa 13 000 Juden – Männer, Frauen und Kinder-  in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Wohnungen verhaftet. Alleinstehende wurden in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht.  Die Familien, insgesamt etwa 8000 Personen, davon über 4000 Kinder, wurden in einer Radrennbahn in der Nähe des Eiffelturms (dem Vel d’Hiv) interniert und dort mehrere Tage unter unsäglichen Bedingungen festgehalten. Danach wurden sie in zwei Internierungslager südlich von Paris verbracht, schließlich nach Auschwitz deportiert und -mit wenigen Ausnahmen- ermordet.[1]  

Diese groß angelegte Razzia, für die sich in Frankreich das Kürzel „Vel d‘ Hiv“ eingebürgert hat, ist ein schmerzhaftes Datum für Frankreich, „eine der dunkelsten Seiten unserer Geschichte“, wie es in einer Stellungnahme des Pariser Mémorial de la Shoah heißt.[2]

Dies aus mehreren Gründen:

  • Nirgendwo wurden zwischen 1941 und 1943 so viele Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in so kurzer Zeit verhaftet wie im Juli 1942 in Paris.[3]
  • Die Initiative für diese Razzia kam von den Nazis. Durchgeführt wurde sie aber von französischen Behörden. Etwa 4500 französische Polizisten waren dabei im Einsatz. Kein einziger deutscher Soldat wurde dafür benötigt[4] , auch kein Gestapo- oder SS-Mann.   
  • Die Initiative allerdings, auch Kinder von 2 bis 16 Jahren zu verhaften und zu deportieren, kam von französischer Seite – ungeachtet dessen, dass fast alle dieser Kinder dank des droit de sol, des Geburtsortsprinzips, die französische Staatsbürgerschaft besaßen.
  • Bei der Durchführung der Razzia spielte das damalige Pariser Transportunternehmen STCRP eine wesentliche Rolle. Es stellte etwa 50 „Busse der Schande“ zur Verfügung – ein wesentlicher Grund dafür, dass nach dem Krieg der Name des öffentlichen Unternehmens in RATP verändert wurde.[5]
  • Eine unheilvolle Rolle bei der Deportation spielte auch die französische Staatsbahn. Sie transportierte die verhafteten Juden in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers und von dort -auf dem Weg in die Todeslager- nach Drancy.[6]  

Anlässlich des 80. Jahrestages wird in Frankreich mit einer Fülle von Veranstaltungen, politischen Kundgebungen, Ausstellungen und Berichten an diese große Razzia, „ein französisches Verbrechen“,[7] erinnert.

Gegenstand dieses Beitrags ist die Vorstellung von zwei Orten, die bei der Razzia des Vel d‘Hiv eine wesentliche Rolle gespielt haben:

  • Das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, als Beispiel für eines der „centres de rassemblement“,  in die die verhafteten Juden zunächst verbracht wurden.
  • Dann selbstverständlich das Wintervelodrom, das der Razzia vom 16./17. Juli 1942 seinen Namen gegeben hat.  

Zwei weitere Orte sollen in einem späteren Beitrag folgen:

  • Das Internierungslager Drancy, in das ein Teil der damals Verhafteten eingeliefert wurde und das als letzter Sammelpunkt für die Deportationen diente
  • Der Bahnhof von Bobigny, wo die Fahrt der Zugkonvois nach Auschwitz begann. Allein während des Jahres 1942 transportierten 42 Zugkonvois die meisten der im Juli in Paris verhafteten 13 000 Juden in die Vernichtungslager. Dazu kamen weitere 10 500 aus dem noch nicht von der Wehrmacht besetzten Südfrankreich, die den Nazis von der Kollaborationsregierung des Marschalls Pétain ausgeliefert wurden.[8]

  1. Das Gymnase Japy

Das Gymnase Japy ist eine Sporthalle im 11. Arrondissement. Gebaut wurde sie 1870 zunächst als Markthalle, diente aber auch als Versammlungsort.

Foto: Wolf Jöckel

Im Dezember 1899 trafen sich dort 800 Delegierte der verschiedenen sozialistischen Richtungen, um eine einheitliche sozialistische Partei zu gründen. Teilnehmer des Kongresses von Japy waren unter anderem Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, Jean Jaurès, der am Vorabend des 1. Weltkriegs ermordete Pazifist und charismatische Führer der französischen Sozialisten, und  Aristide Briand, der spätere Ministerpräsident, Außenminister und -zusammen mit Gustav Stresemann- Motor der deutsch-französischen Verständigung in den 1920-er Jahren. Der Kongress von Japy war eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Gründung einer einheitlichen sozialistischen Partei in Frankreich (SFIO).

Ausgerechnet dieser vom Geist des Humanismus und der Menschenrechte geprägte Ort spielte eine große Rolle im Prozess der Verfolgung und Vernichtung Pariser Juden.

Daran erinnern zwei große Tafeln, die neben dem Eingang angebracht sind.

Foto: Wolf Jöckel

Auf ihnen wird an drei Razzien erinnert: An die Razzia vom 14. Mai 1941 auf der einen Tafel, an die Razzien vom 20. August 1941 und vom 16. Juli 1942 auf der anderen, nachfolgend abgebildeten.

Zur Erinnerung an die Kinder, Frauen und Männer des 11. Arrondissements, die am 20. August 1941 sowie am 16. Juli 1942 hier zu Tausenden versammelt wurden. Ihr Bestimmungsort war das Vernichtungslager Auschwitz, weil sie Juden waren.[9] Foto: Wolf Jöckel

Die Razzia des Vel d’Hiv war also nicht die erste Razzia in Paris. Den Anfang machte die sogenannte Razzia „du billet vert“ vom 14. Mai 1941: Da wurden 6494 aus Österreich, der Tschechoslowakei, vor allem aber aus Polen stammende männliche Juden im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, „eingeladen“, sich zur Überprüfung ihrer Situation an  einem  angegebenen Ort, unter anderem dem Gymnase Japy, einzufinden.

Herr Pinkus Eizenberg wird aufgefordert, persönlich in Begleitung eines Mitglieds der Familie oder eines Freundes am 14. Mai 1941 um 7 Uhr vormittags im Gymnase 2, rue Japy zur Überprüfung seiner Situation zu erscheinen. Sie werden gebeten, ein Ausweispapier mitzubringen. Wer nicht zur angegebenen Zeit erscheint, hat mit strengsten Sanktionen zu rechnen.

Diese „Einladung“ bzw. Aufforderung war ein raffiniertes Täuschungsmanöver. Denn es ging nicht um Überprüfung, sondern Verhaftung.  Und die Begleiter waren dazu bestimmt, Koffer mit Habseligkeiten für die im Gymnase Japy Festgehaltenen herbeizuschaffen. Schwerpunkt der Aktion waren das 11. und das  20. Arrondissement  mit ca. 600 bzw. 550 verhafteten ausländischen oder staatenlosen Juden, während das Viertel der alteingesessenen französischen Juden im Marais mit unter 300 verhafteten Juden eher weniger betroffen war.[10] Die insgesamt etwa 3700 verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande in der sogenannten  „freien  Zone“ Frankreichs interniert, die meisten ein Jahr später deportiert und ermordet. 

Der Protest gegen diese erste Judenrazzia war selbst von Seiten der jüdischen Gemeinde eher verhalten: Sie betraf ja „nur“ „indésirables“, unerwünschte Personen, wie es in der damaligen Terminologie hieß. Und es ging offiziell um einen „Arbeitseinsatz“ der Verhafteten.   In der Bevölkerung wurde, jedenfalls nach einem Stimmungsbericht der Pariser Préfecture de Police, höchstens kritisiert, dass jetzt Frankreich für die Frauen und Kinder der internierten Juden aufkommen müsse. Da hätte man doch besser gleich alle internieren sollen „ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht.“ [11]

Die Razzia vom 20. August 1941 betraf ausschließlich das 11. Arrondissement, wo besonders viele nach Frankreich emigrierte Juden lebten. Das Viertel wurde mitsamt seiner Metrostationen abgeriegelt, die Passanten wurden kontrolliert, Polizisten suchten Juden in ihren Wohnungen. 3000 der 5800 gesuchten Juden wurden aufgespürt,  zunächst in das neu eingerichtete Lager Drancy im nördlichen Umland von Paris gebracht und später ebenfalls deportiert und ermordet. Etwa 1500 von ihnen waren zwar „naturalisiert“, hatten also die französische Staatsangehörigkeit erhalten. Ihre Verhaftung und Deportation verstieß damit gegen den mit Hitler-Deutschland abgeschlossenen Waffenstillstandsvertrag, aber das kümmerte das Regime von Vichy nicht.[12]

Am 16./17. Juli 1942 folgte dann „la rafle monstre“, die Vel d’Hiv-Razzia,  die größte aller Razzien. Auch hier wieder spielte das Gymnase Japy eine entscheidende Rolle als ein erster Sammelpunkt (centre de rassemblement). Bevor nämlich die festgenommenen Juden -diesmal Männer, Frauen und Kinder- entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiv transportiert wurden, fand hier eine Selektion (tri) statt: Grundlage der Razzia war eine Volkszählung von 1940, bei der Informationen über die Juden erfasst wurden. Die auf dieser Grundlage erstellte Liste der zu verhaftenden Juden enthielt allerdings keine speziellen Angaben, die mögliche Ausnahmen von einer Verhaftung betrafen. Dazu gehörten beispielsweise Personen mit nichtjüdischem Ehepartner oder einer offiziellen Anerkennung als Mitglied des französischen Judentums durch die „Union générale des Israélites de France“. Ebenso wurden Frauen mit Kindern unter zwei Jahren oder am Ende ihrer Schwangerschaft  -zunächst- von weiterer Verfolgung verschont. Dies galt auch für Frauen, deren Mann Kriegsgefangener war.[13]

Entsprechende Angaben mussten natürlich oft aufwändig überprüft werden, sodass die Prozedur in den centres de rassemblement wie dem Gymnase Japy sich entsprechend hinzog und eine chaotische, explosive Atmosphäre herrschte. Zumal es hier ganz offensichtlich noch eine letzte Möglichkeit gab, dem zu erwartenden schlimmen Schicksal zu entgehen oder es zumindest den Kindern zu ersparen. So entschied beispielsweise der Verantwortliche im Gymnase Japy, drei kleine Kinder gehen zu lassen, die von der nicht verhafteten Großmutter betreut werden konnten. Der 17-jährige Bruder allerdings musste bleiben, obwohl er französischer Staatsbürger war…  Viele Kinder weinten, Mütter rissen sich die an sie klammernden Kinder vom Leib, um sie wenigstens zu retten. Und dann warteten draußen die Busse, die die Familien bzw. Frauen mit Kindern ins Vel d’Hiv brachten, die anderen in das Lager Drancy. Und schließlich wartete auf alle der Tod in den Gaskammern von Auschwitz.

Bilder davon gibt es nicht. Immerhin hat aber ein deutscher Soldat, Mitglied der Propaganda-Kompanie der Wehrmacht, Fotos von der Razzia des billet vert gemacht, die kürzlich entdeckt wurden und Grundlage einer Ausstellung an den Wänden des Gymnase Japy zum 80. Jahrestag dieser Razzia waren.

Fotos: Wolf Jöckel
Le Gymnase Japy: Ort der Verhaftung          Die Trennung der Familien
Transport der Verhafteten zum Gare d’Austerlitz. Foto: Wolf Jöckel
Am gare d’Austerlitz:  rechts Theodor Dannecker, Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris,  der Initiator der Razzia. ©Mémorial de la Shoah

Am Tag danach: Die verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande von französischen Gendarmen bewacht.

©Mémorial de la Shoah

Solche Bilder waren in Frankreich lange tabu, wofür der Umgang mit Alain Resnais 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung ein anschauliches Beispiel ist. Der Film wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, fiel dann aber der Zensur zum Opfer: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden– selbst dort übrigens ohne képi.  Die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[14]

2. Das Wintervelodrom/ Vel d’Hiv, der zentrale Ort der „rafle monstre“

Das Wintervelodrom wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut für Radrennen, vor allem die populären 6-Tage-Rennen von Paris, danach umgebaut zu einem Palais des Sports. 1959 wurde es abgerissen. Auf dem Platz, wo es einmal stand, erinnert heute ein Mahnmal an die „Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unter der De-facto-Autorität der sogenannten ‚Regierung des État français‘ von 1940-1944 begangen wurden.“  

Das Denkmal auf der Place des Martyrs Juifs du Vélodrome d’Hiver, Quai de Grenelle, 15. Arrondissement. Die gewölbte Bodenplatte erinnert an die Piste der Radrennbahn. Fotos: Wolf Jöckel

Die große Razzia des Vel d’Hiv wurde minutiös vorbereitet. Vorgegeben wurde von dem Vertreter Himmlers in Paris, dem SS-General Carl Oberg, das Ziel von 40 000 zu verhaftenden Juden im arbeitsfähigen Alter. Der französische Regierungschef hatte dagegen keine Einwendungen. Wenn Frankreich von unerwünschten ausländischen Juden befreit werde, habe das nur Vorteile.[15] Außerdem war Vichy gerade damals an einer engen Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland interessiert: Im Sommer 1942 feierte die Wehrmacht in Nordafrika und an der Ostfront ihre letzten großen Siege und die Regierung des État français wollte sich mit dem voraussichtlichen Sieger zum eigenen Vorteil arrangieren. So war es ganz in ihrem Sinne, die volle Verantwortung für die konkrete Vorbereitung und Durchführung der Razzia  zu übernehmen und ebenso für  die Auswahl der zu Verhaftenden: Juden aus Polen, der Sowjetunion, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, für Laval „Abfall“ (déchets), den die Deutschen selbst in Frankreich abgeladen hätten. Federführend waren dabei René Bousquet, Chef der französischen Polizei, und Louis Darquier de Pellepoix, Vorsitzender des Generalkommissariats für Judenfragen unter dem Vichy-Regime. Auch von deutscher Seite war das französische Engagement höchst willkommen, weil die deutsche militärische und administrative Präsenz in Frankreich  damals aufgrund der Anforderungen des Krieges im Osten relativ gering war.

Entschieden wurde, die zu Verhaftenden nicht mehr zu einer angeblichen Überprüfung der Personalien „einzuladen“ wie bei der Razzia des billet vert.  Auf ein solches Täuschungsmanöver wäre 1942 wohl kaum noch jemand hereingefallen. Stattdessen wurden die zur Deportation bestimmten Menschen bei „Nacht und Nebel“ in ihren Wohnungen aufgesucht und festgenommen, und zwar von jeweils 2 Polizeibeamten, einem in Uniform und einem in Zivilkleidung. Die beiden sollten sich nicht kennen, um so zu verhindern, dass unter Umständen die Aktion im stillschweigenden Einverständnis miteinander vertrauter Kollegen unterlaufen werden könnte. Denn dass die Mission nicht einfach werden würde, war auch der Polizeiführung klar: Diesmal sollten ja nicht nur Männer verhaftet werden -von denen viele schon längst seit den Razzien das Jahres 1941 interniert waren-  sondern auch Frauen und Kinder. Jedes Polizei-Tandem erhielt eine Liste mit Adressen, die sie aufzusuchen, und mit den entsprechenden Namen von Juden, die sie zu verhaften und zu einem ersten Sammelpunkt zu bringen hatten, zum Beispiel wieder das Gymnase Japy.  Zur Deportation bestimmte Einzelpersonen wurden dort eingeteilt für einen Weitertransport mit Bussen in das Lager Drancy, Frauen bzw. Familien mit Kindern ins Wintervelodrom.

So bürokratisch penibel die Aktion vorbereitet worden war, die Unterbringung von mehreren tausend Menschen im Wintervelodrom über einen Zeitraum von sechs Tagen war völlig unorganisiert.  Im Inneren des Vel d’Hiv war die Glasabdeckung abgedichtet und blau gestrichen worden, um den Verdunkelungsvorschriften zu entsprechen, wodurch die Temperaturen in der Sommerhitze rasch anstiegen. Tausende von Menschen waren dicht gedrängt in der Halle zusammengepfercht, saßen auf den Tribünenplätzen oder eng an eng auf den Betonstufen.  Für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten war nicht gesorgt.  Am schlimmsten waren aber nach übereinstimmenden Angaben von Überlebenden die sanitären Einrichtungen. Ein großer Teil der Toiletten war abgeriegelt, weil sie Fenster zur Straße hin hatten. Die Wartezeit für eine der viel zu wenigen Toiletten betrug eine bis über zwei Stunden. Nach kurzer Zeit aber funktionierten sie überhaupt nicht mehr, die Wasserversorgung brach zusammen. Da den Gefangenen außer dem Roten Kreuz und den Quäkern niemand Nahrung und Wasser zur Verfügung stellte, verschlechterten sich die Lebensbedingungen im Inneren rasch. Die Gefahr von Seuchen war erheblich, zumal auch viele Menschen mit ansteckenden Krankheiten eingeliefert waren und eine medizinische Versorgung ebenfalls völlig unzureichend war: „Ein Schauspiel menschlichen Elends“, wie Robert O. Paxton in seinem Buch über das Frankreich von Vichy schrieb.[16]

© Mémorial de la Shoah / coll. BHVP[17]

Bilder dieses „Hölle der Pariser Juden“[18] gibt es nicht. Weder die deutschen Initiatoren noch die französischen Exekutoren der Razzia hatten ein Interesse daran, entsprechende Bilder zu verbreiten.

Es existiert nur dieses eine, 1990 zufällig von Serge Klarsfeld entdeckte Foto. Es zeigt, vermutlich am Nachmittag des 16. Juli 1942 aufgenommen, mehrere Busse mit abgedeckten Fenstern, die gerade Juden zum Vel d’Hiv gebracht haben. Der Name Vel d’Hiv ist auf der Glasfront über dem Eingang zu erkennen. Das Foto war bestimmt für eine Veröffentlichung in der Collaborations-Zeitung Paris-Midi, mit folgender Erläuterung:

Gestern wurden am frühen Vormittag ausländische Juden aufgefordert, in bereitstehende Autobusse zu steigen, die sie zu einem neuen Bestimmungsort brachten: der Arbeit zweifellos…..

Auf der Rückseite ist von der deutschen Zensur vermerkt , dass das Foto nicht veröffentlicht werden darf: Gesperrt/interdiction

Es gibt aber Bilder, die der 2015 bei dem islamistischen Terroranschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordete Zeichner Cabu 1967 zur Illustration des Textes von Claude Lévy und Paul Tillard angefertigt hat. Sie werden derzeit (bis zum 7. November 2022) im Mémorial  de la Shoah in Paris  gezeigt.[19]

Ausschnitt einer Zeichnung von Cabu. Foto Wolf Jöckel

Und es gibt Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden und Briefe und Nachrichten, die aus dem Vel d’Hiv oder den Lagern an die Außenwelt gelangten.[20]

Nachfolgend möchte ich Annette Muller, „la petite fille du Vel d’Hiv“,  zu Wort kommen lassen, die nach dem Krieg ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat.  Ihre Eltern stammten aus Galizien und waren auf der Suche  nach einem besseren Leben 1929 nach Frankreich emigriert. Vier Kinder wurden dort geboren, Henri, Jean, Annette und Michel, alle französische Staatsbürger. Die Mutter und die Kinder werden am 16. Juli verhaftet. Da es Gerüchte von einem bevorstehenden „grande rafle“ gab, hatte sich der Vater in Sicherheit gebracht. Rachel, die Mutter, hatte versucht,  auch die Kinder in Sicherheit zu bringen, aber vergeblich. Auch die Concierge lehnte es ab, die Kinder für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am Tag nach der Razzia plünderte sie die Wohnung der Mullers und ließ nichts übrig; außer einem Foto, aufgenommen 1940 von einem deutschen Soldaten, der sich damals mit der Familie, vor allem dem kleinen Michel, angefreundet hatte.[21]

© Radio France – Archive familiale[22]

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli werden Mutter und Kinder verhaftet.

„Plötzlich hörte ich fürchterliche Schläge gegen die Tür. Mit klopfendem Herzen standen wir auf. Das Hämmern erschütterte die Tür und hallte durch das Haus. Es traf mich hart in meinem Herzen, in meinem Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper. Zwei Männer traten in das Zimmer, groß, mit beigen Mänteln. ‚Beeilt Euch, zieht Euch an‘, befahlen sie. ‚Wir nehmen Euch mit‘. Plötzlich sah ich, wie meine Mutter sich auf die Knie warf, die Beine der beigen Männer umklammerte, schluchzte, flehte. ‚Nehmen Sie mich mit, aber ich bitte Sie, nehmen Sie nicht meine Kinder.‘  Sie stießen sie mit den Füßen weg. Ich betrachtete meine Mutter. Ich schämte mich. Meine Mutter! So schön, so groß, so stark. Meine Mutter, die sang und lachte, und nun lag sie auf dem Boden, weinend und die beigen Männer anflehend….“

Für Annette tut sich dann ganz unerwartet eine Möglichkeit zur Flucht auf: Die Mutter besteht darauf, sie noch zu kämmen. Aber es findet sich kein Kamm. Da bietet einer der Polizisten an, Annette könne ja nebenan im Kurzwarenladen einen Kamm kaufen. „Er sah mir fest in die Augen: ‚Du kommst aber sofort wieder zurück‘“. Annette geht auf die Straße, sieht die Juden,  die abgeführt werden. „Leute an den Fenstern sahen zu, einige klatschten laut Beifall. Die alte Ladenbesitzerin forderte mich auf, mich zu retten. ‚Geh nicht zurück nach Hause.‘ Aber wohin sollte ich gehen. Ich bezahlte, nahm meinen Kamm und rannte zurück zu meiner Mutter und meinen Brüdern.“

Im „centre de tri“ des Viertels, dem Bellevilloise, gelingt es der Mutter, die beiden älteren Söhne einer Nachbarin anzuvertrauen, die als Frau eines Kriegsgefangenen unter die Ausnahmeregelung fällt und die die beiden Buben als ihre Kinder ausgibt.[23]

Danach werden Rachel, Annette und Michel  mit einem Autobus in das Vel d’Hiv gebracht. Die ersten Eindrücke der Kinder: Michel ist beeindruckt von dem Eiffelturm, den er bisher nur von Ménilmontant aus ganz klein gesehen hatte. „Je l’avais jamais vue aussi grande, c’était immense“. Und Annette findet, dass der Eingang zum Vel d’Hiv dem des Cirque d’Hiver ähnelt, wo sie ein Jahr zuvor mit ihrer Mutter Schneewittchen und die sieben Zwerge gesehen hatte…

Dann innen:

„Wir waren auf den Stufen untergekommen, dicht an dicht mit anderen Leuten, den Kopf auf die Kleiderbündel oder Koffer gestützt. Unten, bei den Kabinen, sah man wild gestikulierende Menschen. Man hörte ein Stimmengewirr … und sah das ununterbrochene,  chaotische Hin und Her der Menschenmassen auf den Stufen. Und mitten in diesem Lärm wurden den ganzen Tag mit Lautsprechern Namen gerufen. Man sagte, das würde die bevorstehende Freilassung bedeuten. ‚Wir sind Franzosen, man kann uns nicht hier behalten‘, und sie waren voller Hoffnung, den Hals zu den ohrenbetäubenden Lautsprechern gereckt.“ …

 „Michel und ich wollten zu den Toiletten gehen. Aber es war unmöglich hinzukommen und wir mussten uns, wie die anderen auch, da erleichtern, wo wir waren. Alles war voll mit Pisse und Scheiße. Ich hatte Kopfweh, alles drehte sich, die Schreie, die grellen herunterhängenden Lampen, die Lautsprecher, der Gestank, die erdrückende Hitze.“ ….

„Es gab nichts mehr zu essen und zu trinken. Eines Tages kamen Frauen mit einem blauen Schleier um den Kopf und verteilten Essen. Inmitten von Schreien und de la bousculade gab man uns eine Madeleine und eine Sardine in Tomatensoße. Ich knabberte an der gewölbten Spitze der Madeleine und ließ die zuckerhaltigen Krümel langsam in meinem Mund zergehen. Ich aß die Sardine, indem ich zuerst die Tomatensoße ableckte. Das war wunderbar. Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas anderes im Vel d’Hiv gegessen zu haben. Nichts anderes. Danach hatten wir großen Durst. Die Lippen und die Zunge waren ausgetrocknet, aber es gab nichts zu trinken.“

Immerhin gab es einige Feuerwehrleute, die Mitleid mit den Eingeschlossenen hatten, und sie mit ihren Spritzen abkühlten und mit Wasser versorgten.

Schließlich wird Annette Muller mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in das Internierungslager Beaune-la-Rolande gebracht. Ihrem Vater gelingt es, mit Geld und guten Beziehungen die Befreiung Annettes und ihres Bruders zu erwirken, die dann von Ordensschwestern in Sicherheit gebracht und geschützt werden. Sie gehören zu den wenigen Kindern, die die Hölle des Vel d’Hiv und der Lager überlebt haben.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus rue de l’avenir Nummer 3 im 20. Arrondissement an Rachel Muller und ihre vier Kinder, die am 16. Juli 1942 von der französischen Polizei verhaftet wurden. Für Rachel Muller führte die „Straße der Zukunft“ in den Tod: Sie wurde von ihren Kindern getrennt, deportiert und in Auschwitz ermordet.[24]

Trotz der intensiven Vorbereitung und engmaschigen  Durchführung war die Razzia des Veld d’Hiv nicht so „erfolgreich“, wie es die deutschen Initiatoren und ihre französischen Handlanger erwartet hatten.[25] Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 12 884 Personen verhaftet: 8 833 Personen über 16 Jahre (5 802 männlich, 3031 weiblich), dazu 4051 Kinder. Die „Erfolgsquote“ der Operation betrug damit etwa ein Drittel bezogen auf die Ziele.[26] (Kaum vorstellbar, wie die ohnehin schon katastrophalen Bedingungen im Vel d’Hiv gewesen wären, hätte man so viele Menschen wie geplant verhaftet und dort eingeschlossen!).  Dass immerhin etwa zwei Drittel der zur Verhaftung vorgesehenen Juden ihrem vorgesehenen Schicksal (jedenfalls vorerst) entgehen konnten, hat wohl ganz vielfältige Gründe: Vor allem führte die große Zahl der bei der Aktion involvierten Personen dazu, dass da und dort auch gezielt Informationen weitergegeben wurden [26a] oder Gerüchte durchsickerten. Das kann auch eine Erklärung dafür sein, dass weniger Männer gefasst wurden als Frauen -abgesehen davon, dass viele Männer ja schon bei den Razzien von 1941 verhaftet worden waren: Dass diesmal auch Frauen  und Kinder betroffen sein könnten, konnten sich die meisten wohl nicht vorstellen. Eine wichtige Rolle spielte auch das unterschiedliche Engagement der Polizei-Tandems. Da gab es besonders ehrgeizige und von ihrer Mission überzeugte, aber auch andere, die mal „ein Auge zudrückten“.  Die konnten zwar auch nicht am Ende „mit leeren Händen“ vor ihren Vorgesetzten erscheinen; wenn sie aber schon einige Verhaftungen vorgenommen hatten, gab es einen gewissen Spielraum für Menschlichkeit.

Die fanatischen Agenten der „Endlösung“ konnten sich mit dem für sie enttäuschenden Ergebnis natürlich nicht zufriedengeben: Nach dem 16. Juli gab es deshalb noch 15 weitere Verhaftungsaktionen der Pariser Polizei, die letzte am 3./4. Februar 1944. Da wurden dann auch in kriegswichtigen Betrieben arbeitende Juden nicht mehr ausgespart. Am 31. Juli 1944, fast 8 Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, verließ der letzte große Konvoi nach Auschwitz, der 77., den Bahnhof von Bobigny: Da hatte die Exekution der „Endlösung“  Vorrang vor dem schon längst illusionären Glauben an den „Endsieg“.

Die Razzia des Vel d’Hiv und der schwierige Umgang mit der französischen Verantwortung

Frankreich hat sich allerdings sehr schwer getan mit diesem „Symbol des Dramas der Juden während der Besatzung“. „Il a pendant longtemps été tenu à l’écart du récit national“, wie die Zeitung La Croix anlässlich des 80. Jahrestages schreibt.[27]. Vor allem wegen der entscheidenden Rolle der französischen Polizei und wegen der auf französische Initiative zurückgehenden Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen, gewissermaßen einem  Akt vorauseilenden Gehorsams. Die Nazis hatten ja  zunächst gefordert, dass Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verhaftet werden  sollten. Die französische Regierung war aber daran interessiert, dass auch die Kinder der zu Verhaftenden einbezogen  werden sollten. Der Pariser Juden-Jäger Theodor Dannecker fasste die Position des Vichy-Regierungschefs Laval in den schrecklichen Worten „Les enfants aussi“ (Auch die Kinder!) zusammen. Auf dieser Linie lag auch der berüchtigte Satz des Schriftstellers Robert Brasillach vom Juli 1942: «Débarrassez-nous des juifs en bloc, et surtout n’oubliez pas les petits». (Schafft uns die Juden vom Hals, ausnahmslos, und vor allem vergesst nicht die Kleinen).

Die französische Regierung und auch die Polizei als die Exekutanten der Razzia sahen viele Vorteile in der Einbeziehung von Kindern:

  • Auf diese Weise erhöhten sich die Chancen, die Bilanz der Razzia zu „verbessern“ und den deutschen Vorgaben von 40 000 zu verhaftenden Juden näher zu kommen.
  • Der Chef der Vichy-Polizei, René Bousquet, wollte unbedingt einen kirchlichen Protest vermeiden. Er versprach deshalb dem Pariser Erzbischof und Vichy-Sympathisanten Suhard, die Familien gemeinsam zu verhaften und zu deportieren.
  • Die Trennung der Familien sollte besser nicht unter den Augen der Pariser Öffentlichkeit stattfinden. Die Razzia sollte so den zynischen Anschein einer „déportation familiale“ erhalten. Für die Kinder war damit allerdings ein sonst vielleicht noch möglicher Ausweg versperrt.

Heute erinnert ein Garten auf dem Gelände des ehemaligen Wintervelodroms ( 7 rue Nélaton) an die Kinder des Vel d’Hiv.

 Er wurde 2017 aus Anlass des 75. Jahrestags der Razzia auf Initiative von Serge Klarsfeld und der jüdischen Gemeinde geschaffen.

Auf einer Mauer der Erinnerung sind die Namen und das Alter der damals verhafteten und dann deportierten Kinder verzeichnet. Nur sechs dieser Kinder und Jugendlichen haben überlebt.[28]

Für das nach dem Krieg gepflegte Idealbild eines weitgehend im Widerstand geeinten Frankreich waren der originäre Antisemitismus des Vichy-Regimes und die bereitwillige Beteiligung französischer Behörden und vor allem der Polizei an den Judenpogromen eine schwer erträgliche Provokation. In Geschichtsdarstellungen und Schulbüchern der Nachkriegszeit wurde deshalb gerne die Razzia des Vel d’Hiv als eine Aktion der „autorités nazis“ dargestellt und die Rolle der französischen Polizei  verschwiegen.[29]

1946 war am Vélodrome d’Hiver eine Gedenktafel angebracht worden zur Erinnerung an die jüdischen Männer,  Frauen und Kinder, die am 16. Juli 1942 hier „auf Befehl der Nazi-Besatzer“ (sur l’ordre  de l’occupant nazi) versammelt und festgehalten wurden, bevor sie „voneinander getrennt nach Deutschland in die Vernichtungslager deportiert wurden.“

Die Stunde war noch nicht gekommen, so dazu Laurent Joly (S. 305), öffentlich die französischen Komplizen der großen Razzia anzuprangern. Da wären unweigerlich die Pariser Polizisten ins Blickfeld geraten, die doch als „Helden“ der Befreiung gefeiert wurden.

1967 erschien das Buch über „La Grande Rafle du Vel d’Hiv“ von Claude Lévy und Paul Tillard, das nach den Worten von Laurent Joly wie eine Bombe einschlug.

Die Bartholomäusnacht der Pariser Juden. Banderole der Originalausgabe des Buches von Lévy und Tillard

Das Buch spielte eine herausragende Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung der historischen Verantwortung von Vichy für die Deportation von Juden, wurde dann aber bald von der Revolte von 1968 in den Hintergrund gedrängt.

Als Anette Muller 1976 eine erste Kurzfassung ihrer Erinnerungen an verschiedene Verlage schickte, erhielt sie nur Absagen. Tenor: „Ça n’intéresse personne“- das interessiert doch niemanden.  Man habe damals, wie sie 2010 bei der Vorstellung ihres nun endlich publizierten Buches im Mémorial de la Shoah bitter bemerkte, nur von der Résistance gesprochen.  („On ne parlait que de la résistance“.)   Davon, dass sie am 16. Juli 1942 von französischen Gendarmen verhaftet wurde, habe man eher nicht sprechen wollen….

Erst 1995, am 53. Jahrestag der Razzia des Wintervelodroms, erkannte der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden an, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede,  vergleichbar vielleicht am ehesten mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau.[30]

Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das  Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“[31]), auch gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe.  Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden,  eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime  nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in  London ansässige Exil-Regierung des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des  50. Jahrestags der Razzia des Vel d‘Hiv, hatte Mitterrand in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“ Die Republik, so die damals gängige Überzeugung, sei das erste Opfer von Vichy gewesen, trage deshalb keinerlei Verantwortung.[32]

Die gegensätzlichen Positionen zur Vel d’Hiv-Razzia bestehen bis heute weiter. Präsident Macron hat sich dabei sehr eindeutig in die Reihe seiner Vorgänger Chirac und Hollande gestellt, die ohne wenn und aber die Verantwortung Frankreichs betont haben. In seiner ersten Rede als neu gewählter Präsident zum Jahrestag der Razzia stellte er 2017 fest, es sei Frankreich gewesen, das die Razzia und die nachfolgenden Deportationen organisiert habe und damit Verantwortung trage für den Tod der meisten damals aus ihrem Leben gerissenen Menschen.[33]

Emmanuel Macron am 16. Juli 2017 vor der Erinnerungstafel für die Opfer der Razzia.  10, boulevard de Grenelle. ©Sipa[34]  
Am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13152 Juden in Paris und Umgebung verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet. In dem Wintervelodrom, das hier stand, wurden 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer auf Befehl der Nazi-Besatzer von der Polizei der Vichy-Regierung unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Dank denen, die versucht haben, ihnen zu helfen.
Foto: Wolf Jöckel

Die extreme Rechte beharrt aber darauf, dass Frankreich keine Verantwortung für die Razzia habe. Zemmour,  rechtsradikaler Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2022, stellte im Dezember 2021 fest, Frankreich habe „keinerlei Verantwortung für die Razzia des Vel d’Hiv“. Und er vertrat die alte These der Pétainisten von der angeblichen Schutzschildrolle des État français von Vichy[35]:  Ihm sei es zu verdanken, dass die überwiegende Mehrheit der französischen Juden gerettet worden sei – im Gegensatz zu anderen besetzten Ländern wie Belgien, Holland, Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Deutschland. Für Zemmour ist die Rede von Jacques Chirac ein Fehler gewesen.[36]  Und Marine Le Pen beruft sich süffisant auf François Mitterrand und andere Politiker von links und rechts, die wie sie keinen Anlass sehen, dass sich Frankreich zu entschuldigen habe. In diese Kerbe hieb übrigens 2017 auch Jean-Luc Mélenchon in seiner Kritik an der Rede Macrons: Mit seiner Anerkennung der Verantwortlichkeit Frankreichs für die Razzia des Vel d’Hiv habe dieser in einer „maximalen Intensität“ eine Schwelle überschritten. „Vichy ce n’est pas la France“ und Frankreich sei nichts anderes als seine Republik. Die Jerusalem Post titelte damals, Extremisten von rechts und links würden gemeinsam die Geschichte deformieren…[37]

Laurent Jolys große, aktuelle und überaus empfehlenswerte Monographie über „La Rafle du Vel d’Hiv“ endet mit den Worten:

„Quatre-vingts ans après, la grande rafle résonne toujours douloureusement comme l’un des événements les plus terribles et les plus difficiles à apréhender de notre  histoire contemporaine.“ (S. 311) [38]

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Benutzte/Weiterführende Literatur:

Philippe Burrin,  La France à l’heure allemande (1940-1944). Paris: Seuil

Jacques Semelin,  Das Überleben von Juden in Frankreich 1940-1944. Mit einem Vorwort von Serge Klarsfeld. Aus dem Französischen übersetzt von  Susanne Witteck. (Siehe dazu das Interview mit Jacques Semelin: https://www.sciencespo.fr/research/cogito/home/la-survie-des-juifs-en-france-1940-1944/ )

Serge Klarsfeld, Vichy- Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, Band 1: 1942; Band 2: 1943-1944. Paris 1983 und 1985  (Diese Bücher sind eine nach wie vor grundlegende Pionierarbeit über „die Rolle von Vichy bei der Endlösung der Judenfrage in Frankreich“.)

Kersten Knipp, Tortur im Vel d’Hiv. Die große Pariser Razzia vom Juli 1942. In: ders, Paris unterm Hakenkreuz. wbg 2020, S. 222ff

Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1945. Paris: Édition du Seuil 1973 (Es war ein amerikanischer Historiker, der es zum ersten Mal den originären Antisemitismus von Vichy  ins Blickfeld rückte).

Annette Müller, La petite fille du Vel d’Hiv. Paris: Hachette 2012. Livre de Poche Jeunesse

Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942.  Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung.  Siehe dazu auch: « La Rafle du Vel d’Hiv. Paris, juillet 1942 », de Laurent Joly : une magistrale lecture des événements (lemonde.fr) und: Marc Zitzmann, Gefordert waren Erwachsene, doch auch Kinder wurden deportiert. Judenverfolgung im besetzten Paris: Laurent Jolys umfassende Darstellung der Refle du Vel d’Hiv ergänzt und korrigiert ältere Beschreibungen. In: FAZ vom 16. Juli 2022, S. 10

Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020. Siehe dazu: Joly S. 16/17 und 308

Zur französischen Judenpolitik Vichys siehe: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2012_3_3_bruttmann.pdf


Anmerkungen

[1]  Bei Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 11 finden sich folgende genaue Angaben: Danach wurden 12 884 Personen am 16./17. Juli verhaftet. 4900 wurden direkt in das Internierungslager Drancy gebracht, 8000 ins Wintervelodrom. Entsprechende Zahlenangaben in einer Information des Mémorial de la Shoah (Rundmail vom  18.5.2022)  Der im Titel verwendete Ausdruck ist übernommen von: https://www.deutschlandfunk.de/ein-dunkles-kapitel-franzoesischer-geschichte-100.html Dort ist allerdings fälschlicherweise nur von „über 1200“ verhafteten Juden die Rede.

Der Ausdruck „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“ stammt von dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy/Tillard, „La grande rafle du Vel d’Hiv“ von 1967. Die entsprechende Abbildung unten im Text.

[2] Rundmail des Mémorial de la Shoah vom 18.5.2022; entsprechend Serge Klarsfeld im Vorwort zu Anette Muller, La petite fille du Vel d’Hiv, Éditions Cercil 2009:  „La page la plus noire de  l’histoire de France“

[3] Siehe Laurent Joly S. 13

[4] So u.a.  1997 der damalige französische Ministerpräsident Lionel Jospin. https://information.tv5monde.com/info/vel-d-hiv-le-temoignage-d-une-enfant-rescapee-3612

[5] Jean-Marie Dubois und Malka Marcovich,  Les bus de la honte. Éditions Tallandier, 2016

[6] Siehe dazu z.B. Jochen Guckes, Le rôle des chemins de fer dans la déportation des Juifs de France

In:  Revue d’Histoire de la Shoah 1999/1 (N° 165), S. 29 bis 110  https://www.cairn.info/revue-revue-d-histoire-de-la-shoah1-1999-1-page-29.htm

[7] Als „un crime français“ wird die Razzia im Titel einer 8-teiligen Serie von France culture bezeichnet. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

https://www.la-croix.com/France/rafle-vel-dhiv-programme-commemorations-80e-anniversaire-juifs-shoah-2022-07-15-1201225008

[8] In Bobigny wird derzeit daran gearbeitet, das weitgehend noch im ursprünglichen Zustand erhaltene Gelände des Bahnhofs zu einem lieu de  mémoire zu gestalten, das seinem historischen und symbolischen Wert entspricht.

[9] Zu den Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939 -1945 im Allgemeinen und denen im 11. Arrondissement im Besonderen siehe  den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

[10] Die Regierung Daladier hatte 1938 die gesetzliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass eingebürgerten Juden die französische Staatsangehörigkeit entzogen werden konnte, wovon Vichy dann ausgiebig Gebrauch machte.

[11] Siehe dazu: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz, S. 19 etc  

[12] Zu beiden Razzien siehe Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 40ff

Dazu kam dann noch die sogenannte „rafle des notables“ vom 12. Dezember 1941, als 743 jüdische Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle in einer Aktion von Gestapo und französischer Polizei verhaftet wurden. Die meisten wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

[13] Das offizielle Rundschreiben der Préfecture de Police vom 13. Juli 1942  mit der Angabe aller zu verhaftenden Personen und allen Ausnahmen: https://www.maitre-eolas.fr/public/Circulaire_rafle.PDF

[14] Henry Rousso, Le syndrome de Vichy Paris: Éditions du Seuil 1987, S.244/245

[15] Zur Vorbereitung der Razzia siehe Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 53f

[16]Ce spectacle de la misère humaine“  – verbunden mit folgendem Zusatz: „ contre quoi s’insurge formellement la hiérarchie catholique“. La France de Vichy, S. 178. Auf die Rolle der katholischen Kirche einzugehen würde hier allerdings zu weit führen.

[17] Bildquelle und Interpretation: Alexandre Sumpf, « Le Vel d’Hiv, invisible et inoubliable », Histoire par l’image.  Februar 2022 https://histoire-image.org/etudes/vel-hiv-invisible-inoubliable  

[18] Schlagzeile der Zeitschrift Le Nouveau Candide, die 1967 Auszüge des Buches von Levy und Tillard veröffentlichte.

[19] https://1942.memorialdelashoah.org/exposition-cabu-dessins-de-la-rafle-du-vel-dhiv.html?

Siehe dazu auch: Frédéric Potet, La rafle du Vél d’Hiv vue à travers la plume de Cabu. In: Le Monde, 3./4. Juli 2022

[20] Sie die aktuelle Ausstellung in der Außenstelle Drancy des Mémorial de la Shoah: C’est demain que nous partons. Lettres d’internés, du Vel d’Hiv à Auschwitz. (27. März bis 22. Dezember 2022). https://expo-lettresdinternes-veldhiv-auschwitz.memorialdelashoah.org/

Siehe auch die Serie von France culture: La rafle du Vel d’Hiv, récits d’un crime français

https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-la-rafle-du-vel-d-hiv-recits-d-un-crime-francais

[21] Annette Muller, La petite-fille du Vel d’Hiv, S. 65ff  und: https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-nuits-de-france-culture/annette-muller-j-ai-vu-ma-mere-se-jeter-aux-pieds-des-policiers-pleurer-supplier-qu-on-laisse-ses-enfants-1948380

[22] Bild aus:  https://www.radiofrance.fr/franceculture/la-rafle-du-vel-d-hiv-racontee-par-annette-muller-deportee-a-9-ans-4443255

[23] Siehe den Bericht von Michel Muller, dem Bruder Annettes https://www.challenges.fr/ap/la-rafle-du-vel-d-hiv-dans-les-yeux-d-un-enfant-juif_276113

[24] Les Enfants de Paris, S. 1048 http://a06.apps.paris.fr/a06/jsp/site/plugins/odjcp/DoDownload.jsp?id_entite=22335&id_type_entite=6

[25] Siehe dazu den Abschnitt „Résultat médiocre“ bei Lévy/Tillard, S. 99ff

[26] Daten und ihre Interpretation bei Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 153 ff

[26a] Siehe zum Beispiele: Benoît Hopquin, Le policier a dit à ma mère: „Ne dormez pas chez vous, il y aura une rafle demain.“ Le Monde 9. Juli 2022

[27] Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 17; Margot Barberousse, Rafle du Vel d’Hiv, les chemins de la mémoire. In: La Croix vom 15.7.2022

[28] https://www.paris.fr/lieux/jardin-memorial-des-enfants-du-vel-d-hiv-19791

Derzeit gibt es im Mémorial de la Shoah Paris und im Marais-Viertel eine Ausstellung des Straßenkünstlers C 215 mit Portraits ermordeter jüdischer Kinder: https://www.memorialdelashoah.org/evenements-expositions/expositions/expositions-temporaires/exposition-11-400-enfants-portraits-par-c215.html/c215

[29] Siehe dazu auch das von Claude Lévy nach dem Tod von Paul Tillard geschriebene Kapitel „du Vel d’Hiv à la Shoah“, S. 214 ff. Lévy nennt dort als Beispiel die Gedenktafel an einer Schule in Saint-Ouen, wo an die 600 Einwohner der Stadt erinnert wird, die am 16. Juli 1942 „par les troupes allemandes d’occupation“ verhaftet worden seien. (S.219)

[30] Bild aus: https://www.europe1.fr/politique/discours-du-veldhiv-de-jacques-chirac-ce-jour-la-les-vannes-se-sont-ouvertes-temoigne-une-rescapee-3921937

[31]  Wortlaut der Rede: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2014/03/27/25001-20140327ARTFIG00092-le-discours-de-jacques-chirac-au-vel-d-hiv-en-1995.php

Bilddokument: https://www.youtube.com/watch?v=uzyW53KsZF4

[32]https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article108367331/Ein-Verbrechen-in-und-von-Frankreich.html

Laurent Joly zitiert folgende Aussage von Mitterand: „Non, non. La République n’a rien à voir avec cela. Et j’estime moi, en mon âme et conscience, que la France non plus n’en est pas responsable, que ce sont des minorités activistes qui on saisi l’occasion de la  défaite pour s’emparer du pouvoir et qui sont  comptables de ces crimes-là, pas la République, pas la France. Et donc, je ne ferai pas d’excuses au nom de la France.“ (S. 309)

Siehe dazu auch:  https://www.franceculture.fr/emissions/robert-badinter-se-raconte-dans-memorables/robert-badinter-1315

[33] Vél‘ d’Hiv‘ : Macron dans les pas de Chirac (lefigaro.fr)

[34] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

[35] siehe Paxton, La France de Vichy, S. 338/9

[36] Zitate aus:  Le Parisien vom 10. Dezember 2021 und aus: https://twitter.com/franceinter/status/1490594446114709514?lang=de  (7.2.2022) Zu Zemmours Umdeutung der Geschichte siehe:  Laurent Joly, La falsification de l’Histoire: Eric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs Paris: Grasset 2022 und: Zemmour contre  l’histoire. Paris: Gallimard 2022

[37] Le discours de Macron au Vel d’Hiv critiqué par Mélenchon et par l’extrême droite (lejdd.fr)

https://www.jpost.com/edition-francaise/politique/quand-les-deux-extr%C3%AAmes-de-droite-comme-de-gauche-d%C3%A9forment-lhistoire-509802 Kurz davor allerdings hatte Melenchon noch eine andere Position vertreten, indem er -in seiner Kritik an Marine Le Pen- kurz und bündig festgestellt hatte, Frankreich habe sich schuldig gemacht, nicht aber die Republik…. („La République française n’est pas coupable mais la France l’est“)    Siehe u.a.: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2017/07/18/25001-20170718ARTFIG00260-sur-la-rafle-du-vel-d-hiv-les-contradictions-de-jean-luc-melenchon.php  

[38] Ein trauriges Beispiel für die Debattenkultur aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv Razzia ist ein Tweet der LFI-Fraktionsvorsitzenden in der Assemblée Nationale:

« Il y a 80 ans, les collaborationnistes du régime de Vichy ont organisé la rafle du Vél‘ d’Hiv. Ne pas oublier ces crimes, aujourd’hui plus que jamais, avec un président de la République qui rend honneur à Pétain et 89 députés RN », a écrit Mathilde Panot sur Twitter, samedi 16 juillet. En 2018, Emmanuel Macron avait qualifié le maréchal Pétain de ‚grand soldat‘ durant la Première Guerre mondiale, avant qu’il de ‚conduise des choix funestes‘.“ Le Point vom 17.7.2022

Die Ausstellung „Notre – Dame de Paris“ im Collège des Bernardins, einem zisterziensischen Kleinod in Paris

Die Ausstellung Notre – Dame de Paris ist aus drei Gründen interessant:

  • Wegen ihres Themas: Notre-Dame de Paris ist ja seit dem schlimmen Brand vom April 2019 eine Baustelle. Es gibt immer wieder Berichte über den Stand der Restaurierung. Hier wird nun systematisch über die Geschichte und Bedeutung des Bauwerks, den Brand und den Fortgang der Bauarbeiten berichtet.
  • Interessant ist die Ausstellung auch wegen ihres -für mich neuen- virtuellen Charakters.
  • Und schließlich findet die Ausstellung an einem ganz außerordentlichen, aber wenig bekanntem Ort statt, nämlich in dem Refektorium und der Sakristei des ehemaligen Zisterzienser- Kollegs in Paris.
Werbeplakat in einer Metrostation. Foto: Wolf Jöckel

Eine virtuelle, interaktive Präsentation

Angekündigt werden in der Werbung „850 Jahre Geschichte in Ihren Händen“. Was das bedeutet, wurde mir erst klar, als ich dort war. Man erhält nämlich beim Eintritt ein Tablet und darin ist sozusagen die Ausstellung enthalten.

Foto: Wolf Jöckel

Es gibt also nur ganz wenige Ausstellungobjekte, die man betrachten kann. So zum Beispiel eine Nachbildung der Stygra, der berühmtesten der im 19. Jahrhundert von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc entworfenen und auf den Türmen der Kathedrale postierten Chimären.

Foto: Wolf Jöckel

Ausgestellt ist auch die Kopie eines Wasserspeiers (gargouille), die von Schülern des Lycée des Métiers du Bâtiment de Felletin (Creuse) angefertigt wurde.

Fotos: Wolf Jöckel

Davon abgesehen findet die Ausstellung aber virtuell statt. Die Besucher sind also alle damit beschäftigt, auf ihr Tablet (histopad) zu sehen bzw. damit herumzuhantieren.

Fotos: Wolf Jöckel

Gerade für Kinder und Jugendliche offensichtlich ein animierendes Angebot.

Es gibt aber durchaus einen Rundgang, dem man folgen kann. Orientierung bieten große Plakate, die auf die einzelnen Themenbereiche hinweisen. Hier zum Beispiel der Ausschnitt eines Plakats zum Thema Baugeschichte:

Fotos: Wolf Jöckel

Vor den Plakaten gibt es dann ein kleines Podest mit einem Bild, das man mit seinem Tablet scannen kann.

Und dann öffnet sich auf dem Tablet das entsprechende Ausstellungsangebot und man kann sehr lebendig und anschaulich durch die Baugeschichte der Kathedrale navigieren.

Hier der Abschnitt zum Thema Steinbruch: Gezeigt werden die Arbeiten im Steinbruch und der Abtransport der gehauenen Steine mit Schiffen. Die bewegen sich natürlich auch und bei den Pferden am Rand bewegt sich sogar der Schweif…

Insgesamt gibt es 21 solcher Stationen. Natürlich ist eine davon auch dem Brand von Notre-Dame gewidmet.  

Fotos: Wolf Jöckel

Da kann man mithilfe einer 3 D- Animation  ganz genau den zeitlichen Verlauf des Brandes verfolgen.[1] Aber auch Fotos und Videos der Katastrophe kann man aufrufen oder etwa, wie die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz ausgerüstet waren.

Etwas ruhiger geht es in der alten Sakristei des ehemaligen Collège zu: Thema dort sind die Kirchenfenster von Notre-Dame und ihre Restaurierung.

Fotos: Wolf Jöckel
Foto: Wolf Jöckel

Hier wird deutlich, welche immense Arbeit erforderlich ist, Notre-Dame wieder im alten/neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Und man erhält detaillierte Informationen über den Stand der Arbeiten an der noch sicherlich für zwei weitere Jahre  nicht zugänglichen Kathedrale.

Man kann sich damit begnügen, einen groben Überblick über das reichhaltige Angebot der Ausstellung zu bekommen, man kann sich aber auch auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Ziel der Ausstellungsmacher vom französischen Start-up Histovery ist es ja  gerade, jeden Besucher in einem „environnement interactif“  zum „acteur de sa visite“ zu machen, der dabei auf unterhaltsame Weise informiert wird.[2] Das ist ganz offensichtlich gelungen. Und hinzugefügt sei auch noch, dass  diese Informationen, gestützt auf eine fachkundige Beratung, auf gesicherter wissenschaftlicher Grundlage beruhen.

Das Collège des Bernardins, ein zisterziensisches Kleinod

Foto: Wolf Jöckel

Das Collège des Bernardins gehört zu den eher weniger bekannten Sehenswürdigkeiten von Paris. In einer Zusammenstellung der „Monuments méconnus“ in Paris und der Region Île-de-France steht es sogar an erster Stelle. Es sei außergewöhnlich, heißt es da, dass ein so schönes und seltenes Bauwerk selbst vielen Parisern fast unbekannt sei.[3] Das ist 1975 geschrieben und es mag heute, auch wenn sich seitdem viel verändert hat, immer noch gelten. Sicherlich gilt aber nach wie vor, ja umso mehr, dass es ein außerordentlich schönes und seltenes Bauwerk ist.

Foto: Wolf Jöckel

Selten ist es insofern, als es sich um eines der wenigen -wenigstens noch teilweise- erhaltenen mittelalterlichen Collèges im Quartier Latin handelt. Es gab dort einmal etwa etwa 60 solcher Kollegs, die der Ausbildung von Geistlichen dienten. Manche waren Gründungen von frommen Einzelpersonen. So das Collège des Robert de Sorbon, Beichtvater des Königs Ludwig IX/Saint Louis. Der Name der Pariser Universität geht auf dieses Collège zurück.  Andere waren bestimmten Nationalitäten zugeordnet wie das auf Initiative eines schottischen Königs gegründete Collegium Scotium oder das -allerdings erst zu Beginn der Neuzeit entstandene- wunderbare Collège  des Irlandais. Die meisten waren aber Gründungen von Religionsgemeinschaften. So das Collège des Cordeliers der Franziskaner oder eben das Collège der Zisterzienser, das Collège der Bernardins, benannt nach dem Reformator des Zisterzienserordens Bernhard von  Clairvaux.  Gegründet wurde es 1245, gewissermaßen als Nachzügler. Denn um Gott nahe zu sein und um optimale Voraussetzungen für ein einfaches Leben mit Beten und Arbeiten (ora et labora) zu schaffen, wurden die Klöster der Zisterzienser an weltabgewandten und noch unerschlossenen Orten errichtet. Allerdings zeigte es sich, dass der Orden Anstrengungen unternehmen musste,  um die Ausbildung der Novicen zu verbessern – auch um gewissermaßen attraktiv zu bleiben und konkurrenzfähig etwa mit den  Bettelorden (wie den Franziskanern), die sich in den Städten installiert hatten. Das Collège des Bernardins diente der Ausbildung von jungen Zisterzienser- Mönchen. Im 14. Jahrhundert wurden alle Klöster des Ordens verpflichtet, Studenten in das Collège nach Paris zu schicken, womit die Unterhaltung und Erweiterung der Anlage gesichert war:  Bei den Restaurierungsarbeiten wurde in der Sakristei der Grabstein des Mönches Günter aus Thüringen gefunden.[4]

Auch die Lehrer kamen nicht nur aus französischen Klöstern, sondern auch aus England, Flandern, Spanien und dem Kloster Eberbach im Rheingau. Es war also ein Ort des Studiums, der allerdings gleichzeitig klösterlichen Charakter hatte. Der diente auch dazu, die Novicen von den drei berüchtigten Versuchungen der Stadt, den Frauen, dem Spiel und dem Alkohol,  abzuschotten. Das gelang allerdings nicht immer: Die Novicen waren ja nicht nur Geistliche, sondern auch Studenten, die am turbulenten Leben  des Quartier Latin teilnahmen. In den Chroniken wird berichtet, dass 1339 einige junge Zisterzienser nachts in Zivil und bewaffnet das Studentenviertel unsicher machten, so dass sie verhaftet und ins Gefängnis Châtelet verbracht wurden.

Entsprechend der Funktion des Collège wurde zuerst ein Gebäude für die Mönchsstudenten errichtet. Es ist der einzige Bau, der von der ursprünglichen weitläufigen Anlage noch erhalten ist: 75 Meter lang und 15 Meter breit.[5] Er verfügte über einen Gewölbekeller und zwei Etagen. Im Kellergeschoss lagerten Vorräte, es diente aber auch als Schreibstube (Scriptorium).[6]

Foto: Wilmotte & Associés

Das Erdgeschoss wurde vielfältig genutzt: als Küche, Speisesaal, Kapitelsaal und Unterrichtstrakt. Heute wird es meist insgesamt als Refectorium bezeichnet.

Blick in das Refectorium. Da dort derzeit die Notre-Dame-Ausstellung stattfindet, handelt es sich hier um ein schon älteres Foto aus dem Jahr 2011. © Wolf Jöckel

Im Obergeschoss lagen die Schlafsäle (dormitorium) und die Räume für die Oberen. Es wird heute für Veranstaltungen wie Vorträge und Konzerte genutzt.

Foto: Wolf Jöckel

Die Konstruktion entspricht der zisterziensischen Tradition: von großer Klarheit, Bescheidenheit, aber durchaus auch Eleganz geprägt, aufs Wesentliche konzentriert. Es ist eine große, innere Ruhe ausströmende Architektur.

Hier einige weitere Eindrücke:

Fotos: Wolf Jöckel

                                                             Foto: Annie Didier 2019[7] 

Foto: Wolf Jöckel

Zwischen Verfall und neuem Glanz

Dass das Collège des Bernardins sich heute so wunderbar präsentiert, wäre noch vor einem Viertel Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Denn die Französische Revolution hatte in sehr brutaler Weise die 500-jährige Geschichte des Collège beendet. 1791 war es verstaatlicht worden. Damals gab es nur noch 6 Mönche. Es wurde nun ein Gefängnis und 1792 ein Schauplatz der sogenannten Septembermorde: Eine aufgehetzte Masse ermordete die im Gefängnis einsitzenden Galeerensträflinge, weil sie angeblich versteckte Mönche seien.  1797 wurde die zum Collège gehörende gotische Kirche zerstört: Ein Akt des Vandalismus im Sinne des antireligiösen revolutionären Furors, aber auch der damals verbreiteten Geringschätzung der Gotik. Ihr fielen in dieser Zeit -auch in Paris-  einzigartige mittelalterliche Kunstschätze zum Opfer. Das Refektorium entging diesem Schicksal, weil es seit seiner Verstaatlichung von der öffentlichen Hand vielfältig genutzt wurde. Seit 1845 und bis in die 1990-er Jahre war der Bau eine Kaserne der Pariser Feuerwehr.. Das sogenannte Refektorium war -wie schon zu Zeiten des Collèges- in verschiedene Parzellen unterteilt und diente als Garage, als Erholungs- und Tischtennisraum für die Feuerwehrleute, als Büro und Depot. 

„Les Bernardins“ als Feuerwehrkaserne. Ausschnitt aus einem historischen Foto[8]

Das Ende der Leidenszeit und die Renaissance des Collège begann 2001, als das Erzbistum Paris mit öffentlicher Unterstützung den Bau erwarb, um darin ein katholisches Kulturzentrum zu errichten und so an seine ursprüngliche Funktion anzuknüpfen.

Die Restaurierung bedeutete allerdings eine große Herausforderung, weil das Gebäude durch die vielfältigen Nutzungen, aber auch schon durch seine Lage auf einem morastigen Untergrund in der Nähe der Seine sehr gelitten hatte: Als das Collège gegründet wurde, waren in der dichtbevölkerten Stadt kaum noch Bauplätze vorhanden. Der Gründer des Collège, der Abt von Clairvaux Étienne de Lexington, musste also mit einem hochwassergefährdeten Gelände in der Nähe der Seine vorlieb nehmen. Das Gebäude wurde denn auch von wiederholten heftigen Hochwassern heimgesucht, so dass man das sowieso nicht sinnvoll nutzbare Untergeschoss bis zum Gewölbe mit Erde auffüllte, um die Standfestigkeit des Baus zu sichern. Im Zuge der Restaurierung wurde der Keller freigelegt und die Zwischenwände im Refektorium wurden beseitigt. Erst dadurch entstand der großartige Raumeindruck, den wir heute bewundern können.[9]

Eine ganz besondere Gelegenheit dafür war die nuit blanche 2017, als im Refektorium des Collège  eine grandiose Lichtinstallation stattfand, die auch viele junge Menschen anzog.[10]

Fotos: Wolf Jöckel

Die gotische Architektur wurde da verfremdet, aber doch auch im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt: Ein offener und weltoffener Raum.

Foto: Wolf Jöckel

Victor Hugo schrieb in seinem Roman „Notre-Dame de Paris“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Glöckner von Notre Dame“, über den Umgang mit der Gotik:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt….

Ein Beispiel dafür ist auch das Collège des Bernardins. Victor Hugo weiter:

Zuletzt haben sich ihrer die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ [11]

Für das Refektorium aber, das die Verblendeten in der Französischen Revolution verschont hatten, gilt das nicht: Sein innerer Zusammenhang und seine Schönheit kommen gerade erst durch seine Rehabilitierung wunderbar zur Geltung.

Praktische Informationen:

Adresse: 20 Rue de Poissy, 75005 Paris

Der Besuch des Collège des Bernardins ist derzeit nur im Rahmen der Ausstellung und ihres Begleitprogramms möglich. Die allgemeine Neueröffnung ist für 2024 geplant.

Dauer der Ausstellung: 7. April bis 17. Juli 2022

Öffnungszeiten:

  • Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag 10-18 Uhr
  • Donnerstag und Sonntag 14-18 Uhr 
  • Dienstag 10-21.30 Uhr

Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos und erfolgt selbstständig. Auf den histopads kann man unter 12 verschiedenen Sprachen wählen, natürlich auch Deutsch. Sie werden am Beginn der Ausstellung verteilt.

Da nur eine begrenzte Zahl von histopads verfügbar ist, empfiehlt sich die Anmeldung für ein bestimmtes Zeitfenster: https://billetterie1.collegedesbernardins.fr/spectacle?id_spectacle=742&lng=1

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Weitere Blog-Texte zu Notre-Dame de Paris:

Notre- Dame de Paris wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird:  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Dessine-moi Notre-Dame/male mir Notre-Dame: Kinderzeichnungen am Bauzaun. https://paris-blog.org/2020/10/15/dessine-moi-notre-dame-male-mir-notre-dame-kinderzeichnungen-am-bauzaun/


Anmerkungen

1] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/250210-notre-dame-de-paris-la-grande-exposition-immersive-en-realite-augmentee-au-college-des-bernardins

[2] https://www.la-croix.com/Culture/Exposition-College-Bernardins-Notre-Dame-renait-ecrans-2022-04-07-1201209114

[3] Henri-Paul Eydoux, Les monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris: Librairie Académique 1975, S. 13

[4] Nachfolgendes Bild aus: Le Collège des Bernardins. Hors-Serie de Connaissance des Arts, Paris 2008, S. 12

[5] Angabe aus http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf S. 7  

[6] Bild aus: Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés

[7] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187147-d5607109-Reviews-College_des_Bernardins-Paris_Ile_de_France

[8] Bild aus: Ministère de la Culture, la plateforme ouverte du patrimoine  Ensemble sur la rue (culture.gouv.fr)

[9] Zur Restaurierung siehe: http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf und Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés. Das Architekturbüro  Wilmotte aus dem Faubourg Saint Antoine hat in Paris auch schon andere historische Bauten sehr erfolgreich restauriert, so das Hotel Lutetia und die Mutualité. Siehe: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und https://paris-blog.org/2018/09/01/das-haus-der-mutualite-in-paris-und-der-internationale-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-1935/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2019/12/02/die-nuit-blanche-das-lichter-und-kunstfest-von-paris/

[11] Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch, Berlin 2010, S. 152/3  Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Zum Tod von Miss.Tic, der Pariser „princesse du graffiti“

Am 22. Mai 2022 ist Miss.Tic, die Pariser „Graffiti-Prinzessin“, im Alter von 66 Jahren einem Krebsleiden erlegen.[1] „Tant de tristesse“, schrieb ihr Street-Art-Kollege Jef Aérosol dazu, und diese Traurigkeit teilt er sicherlich mit vielen anderen, auch mit mir. Denn seit wir (2009) Paris als unseren (zweiten) Wohnsitz gewählt haben, sind wir Miss.Tic immer wieder begegnet: Zunächst stießen wir ganz zufällig auf ihre Schablonenbilder mit den meist sehr attraktiven Frauen und den dazu gehörenden witzigen, zum Nachdenken anregenden, poetischen und wortspielerischen kleinen Texten. Das hat uns neugierig gemacht, zumal der charakteristische Dreiklang von Bild, Text und Signatur in der Graffiti-Szene wohl einzigartig ist. Wir haben uns dann immer sehr gefreut, wenn wir ein (für uns) neues Werk von ihr entdeckt haben.   

Und das war gar nicht so schwer. Denn in dem 11. Arrondissement von Paris, wo wir wohnen, hat Miss.Tic viele Spuren hinterlassen. Hier einige Beispiele:

Madame träumt,  Monsieur schnarcht  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2014
Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2017
Es rächt sich, die Zeit totzuschlagen. Ecke rue Faidherbe/rue J.Macé. 11. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel, 2021
Frau der Feder / Ihre Flügel tauchen in das Tintenfass der Welt.  Frauenbuchhandlung Violette et Co,  rue de Charonne,  Foto: Wolf Jöckel, 2021

An der Gestaltung der Signatur kann man die Schablonentechnik Miss.Tics gut erkennen: Sie verwendete immer die gleiche Schablonen-Vorlage, in der ihre Signatur ausgeschnitten war.  Mit einer Farbpistole wurde der Name dann -und wurden auch die Texte und Figuren- auf die vorgesehene Stelle gesprüht. Dabei sind farbliche Nuancen und Variationen durchaus möglich.

Miss.Tic: „Die Schablonentechnik bot mir die Chance, alleine und schnell zu arbeiten. Außerdem ließen sich die Bilder reproduzieren. Leicht, praktisch und speedy, das passende Medium für die Straße eben ….“

Und dazu kamen dann noch die Texte. Dazu noch einmal Miss.Tic:

„Als ich auf der Straße arbeitete, wurde mir rasch klar: Ein Text hat umso größere Chancen, in den Köpfen der Betrachter hängen zu bleiben, je kürzer er ist. Diese Erkenntnis radikalisiert meine Sprache. Und das radikalisierte Wort findet einen kongenialen Partner in der Schablonenform, die zu einfachen und klaren Linien zwingt.“[2]

Der Name, mit dem diese Werke signiert sind, ist ein Künstlername.

Er ist abgleitet aus einem älteren Comic. Dort gibt es Miss Tick, „eine kleine durchgeknallte Hexe, die um jeden Preis versucht, ihrem Onkel Dagobert seine Geldgier auszutreiben und ihm etwas zu stibitzen, jedoch ohne Erfolg.“  Für Miss. Tic, von der dieses Zitat  stammt, war es „aber auch wichtig, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass es eine Frau ist, die sich da in dieser vollkommen maskulinen Welt der Street Art zu Wort meldet, eine Frau, die der Autor all dieser Graffitis ist, die man da auf den Mauern von Paris aufblitzen sah.“[3] Allerdings  hat Miss. Tic  auf das k verzichtet, und das passt, wie die Zeitung Le Monde in ihrem Nachruf schreibt,  gut: Miss. Tic sorge mit ihren Schablonenbildern für kurze, überraschende Momente, denen man auf den Straßen begegne.[4]

Ihren wirklichen Namen hat Miss. Tic nie verwendet. Wenige sehr mit ihr vertraute Menschen wussten ihren Vornamen (Radhia) und durften sie damit ansprechen.  Nur die Steuerbehörde und die Polizei würden ihre wahre Identität kennen, sagte sie einmal.[5] Auch dazu passt der Künstlername Miss Tic, der im Französischen das Adjektiv mystisch/geheimnisvoll ergibt.

Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)[6]

Gewissermaßen geboren wurde Miss.Tic 1985. Da entstand dieser Name, der ein erstes auf eine Wand gesprühtes Autoportrait signierte: Ein junges Mädchen, die Hände auf den Knien, in schwarz und weiß, mit dem beigefügten Text:

„J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coeurs“  (Ich wappne mich mit Mauerkunst, um mit Herzensworten zu bombardieren) [7]

Aller Anfang war aber auch bei ihr schwer. Street Art war noch nicht -wie heute- integraler, anerkannter, ja geförderter Bestandteil der (Pariser) Stadtlandschaft. Die Street-Artisten waren nachts unterwegs und wiederholt hatte Miss.Tic dabei Probleme mit Hausbesitzern und der Polizei. 1999 wurde sie nach einem längeren Verfahren wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Franc Geldstrafe verurteilt – ein Schicksal, das sie mit anderen -heute prominenten- Streetart-Künstlern wie zum Beispiel dem Invader teilte.[8] Wenige Jahre später hätte sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen können. Da arbeitete sie für Zeitschriften, für prominente Auftraggeber wie Louis Vuitton, machte Werbung, wurde in vielen Ausstellungen präsentiert -beispielsweise 2011 im Institut Français in Berlin. Arbeiten von ihr wurden sogar -was jetzt gerne hervorgehoben wird- vom renommierten Victoria and Albert Museum in London gekauft.[9]

2007 erhielt sie den Auftrag von Claude Chabrol, das Plakat für den Film La fille coupée en deux zu entwerfen.[10] Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang ihren Slogan von Miss.Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2012

Auch wenn da das Signum Miss.Tic fehlte, wird jedem mit der Pariser Stadtlandschaft und Street-Art-Szene einigermaßen vertrautem Menschen klar gewesen sein, wer hier am Werk gewesen ist. Und der Slogan passte hervorragend zu Miss.Tic: Denn frei zu bleiben war für sie ein zentrales Element ihres Lebensentwurfs.

Sogar die französische Post würdigte Miss.Tic: Auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss.Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv und ihrer unverkennbaren Schrift und Signatur.

Foto: Wolf Jöckel, September 2013

Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss. Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen. Die Briefmarke gehörte zu einer ganzen Miss. Tic-Serie, die 2011 zum internationalen Tag der Frau von der französischen Post herausgegeben wurde.

Und 2013 gewann Miss. Tic einen Wettbewerb zur Gestaltung der Wagen einer neuen Straßenbahnlinie in Montpellier, die 2025 in Betrieb gehen soll. Inzwischen wurde Miss.Tic allerdings von dem langjährigen Bürgermeister von Montpellier, Philippe Saurel, „ausgebremst“  und es soll  einen erneuten Wettbewerb für die Gestaltung der Wagen geben… [11]

Copyright : yellow window – Miss. Tic[12]

Der Wandel von einer nächtlichen Street-Art-Aktivistin am Rande der Illegalität zu einer anerkannten und gefragten Künstlerin beruhte wesentlich auf der Erfahrung mit der Anklage und Verurteilung wegen ihrer nächtlichen Sprayaktionen an privaten und öffentlichen Wänden. Bei einer Fortsetzung dieser Aktionen musste sie von nun an als Wiederholungstäterin mit einer Gefängnisstrafe rechnen, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Bewährung: Die französische Justiz ist in diesem Bereich alles andere als zurückhaltend…  Dazu Miss.Tic: „Ich habe deshalb die Strategie gewechselt. … Seit 2000 sind alle meine Aktionen legal und von den Besitzern der Mauern, auf die ich male, autorisiert. Wenn ich allerdings eine Erlaubnis erhalte, verlange ich, dass ich freie Hand (carte blanche) habe bei der Gestaltung.“[13]

Ein Markstein der neuen Strategie war das Projekt Muses et Hommes (2000). Miss.Tic erhielt nach Verhandlungen mit dem Rathaus des 20. Arrondissements von Paris, mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern die Erlaubnis, 20 Schablonenbilder (pochoirs) als Auftragsprojekt anbringen zu dürfen. Als Vorlagen dienten Werke aus dem Louvre und dem Musée d’Orsay, denen sie Texte in ihrer typischen graphischen und inhaltlichen Handschrift beifügte.

Hier die Mona Lisa mit der Aufschrift: Um zu lächeln/muss man viel geweint haben.[14]

 In der rue de la Forge Royale (einer kleine Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine) im 11. Arrondissement gibt es das Atelier Elio,  das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt. Dort hängt ein Bild von Miss.Tic an der Eingangstür. Es ist verglast und eingerahmt.

Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen   Fotos: Wolf Jöckel, Dezember 2017

Die freundliche Besitzerin des Ladens erklärte mir, wie sie zu der Arbeit von Miss.Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Dieses Bild ist, wie ich meine, aus zwei Gründen besonders bemerkenswert: Einmal wegen der Katze, die hier abgebildet ist. Denn Miss.Tic liebte Katzen sehr, was gerade in dieser kleinen Straße anschaulich wird, wo noch zwei weitere Katzenbilder von Miss.Tic zu sehen sind.

Je ne brise pas que les coeurs (Ich breche nicht nur Herzen) gehört zu Miss.Tics Lieblingssprüchen.[15] Er passt ja auch gut zu dieser nonkonformistischen Künstlerin: Miss.Tic „ne brise pas que les cœurs, les codes aussi.“[16]  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2011

Es gibt in der Straße sogar das Bild einer Katze als einziges Motiv, ohne weibliche Begleitung! Das ist völlig außergewöhnlich, aber es unterstreicht die Bedeutung der Katzen für Miss.Tic. Und die Katze, die eingelassen werden möchte, weist auch darauf hin, warum: Die Katzen brauchen ihre UnOn abhängigkeit, aber auch Wärme, Nähe und Zuwendung….

Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln. Foto: Wolf Jöckel, November 2012

Bei diesem Vergleich denke ich an den schönen Satz von Jacques Prévert, mit dem Miss.Tic ja übrigens auch schon verglichen wurde: „Wenn ich die Katzen den Hunden vorziehe, dann deshalb, weil es keine Polizeikatzen gibt.“[17] Das hätte auch von Miss.Tic sein können…. 

Dass das Bild von Miss.Tic in der rue de la Forge Royale verglast ist, dient sicherlich nicht nur Werbezwecken des Ateliers Elio, sondern auch seinem Schutz. Denn die provokativen Schablonenbilder von Miss.Tic sind oft Ziel von Schmierereien.

So wie hier, an der Ecke rue Chanzy/ rue Faidherbe im 11. Arrondissement. (Foto: Wolf Jöckel 2021). Da wurden Frauen aufgefordert, ihren Mann zu „delokalisieren“, was sich vermutlich auf die in Frankreich sehr intensive Thematisierung von häuslicher Gewalt gegen Frauen bezieht. Dass diese Botschaft über einem Briefkasten hängt, ist wohl auch kein Zufall: In den kann gewissermaßen gleich das „Kündigungsschreiben“ eingeworfen werden.[18]

Ein Ziel von Vandalismus war auch dieses Bild von Miss.Tic in der rue Faidherbe im 11. Arrondissement.

Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé. (Ein Übermaß an Alkohol ist gefährlich für die Gesundheit)  Foto: Wolf Jöckel, 18.8.2014

Im April 2019 war das Bild allerdings verschwunden.  Es war, wie mir ein Angestellter des marokkanischen Traiteurs erklärte, beschmiert worden. Miss Tic werde es aber „demnächst“ erneuern.

Und tatsächlich: Seit Oktober 2019 gibt es dort wieder „eine neue Miss.Tic“ – diesmal vorsichtshalber geschützt mit einer Folie.

Ich fliehe nicht, ich entferne mich

Und gleich daneben kann man noch eine alte nordafrikanische Holztür bewundern.

Die Frauen von Miss.Tic sind, das ist wohl schon aus den bisherigen Abbildungen deutlich geworden, selbstbewusst, sie sind es, die über ihr Leben bestimmen. Nicht nachvollziehen kann ich die Charakterisierung der Schablonenabbildungen von Miss.Tic, wie sie in einem Bericht über Pariser Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln in der Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 2020 zu lesen war. Da ist nämlich von Frauen „als Sexobjekte(n) mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen“ die Rede. (FR 1. Juli 2020).

Das passt zu einer Richtung feministischer Kritik an Miss.Tic, die auch von Fadela Amara, einer Mitgründerin der französischen  feministischen Gruppe Ni Putes Ni Soumises vertreten wird, aber nicht unwidersprochen geblieben ist.[19]

Foto: Wolf Jöckel, Passage L’Homme,  Faubourg Saint-Antoine, Juni 2012

Dass die Frauen in den pochoirs von Miss.Tic meist höchst attraktiv sind, beruht auch darauf, dass die Vorlagen aus Frauenzeitschriften stammen, die aber von ihr verfremdet werden.

Miss.Tic dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren.“[20]

Allerdings sind die schönen Frauen von Miss.Tic alles andere als Sexobjekte, sondern sie sind es, die über ihr  Leben und damit auch über ihre Sexualität bestimmen. „Verboten“ steht auf dem Bild der (nur noch teilweise sichtbaren) Frau, die mit einer Hand ihr Geschlecht bedeckt. Da denke ich an Boticellis „Geburt der Venus“ und an den Slogan „Nein bedeutet Nein“ der aktuellen feministischen Kampagnen. Ein Lieblingssatz von Miss.Tic, den man auf vielen ihrer Bilder findet, heißt: „Fais de moi, ce que je veux“Mach mit mir, was ich will. Bei ihr sind eindeutig die Frauen das „starke Geschlecht“.

rue Buffon, September 2022 Der Mann ist ein Wolf für den Mann und nervig für die Frau

Männer spielen bei Miss Tic eine marginale Rolle bzw. sie fungieren als Mittel zum Zweck weiblicher Lust. Da hätten wohl eher Männer Anlass zu Kritik an den ihnen zugeschriebenen Rollen….

Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion (Butte aux Cailles)  Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

Hier hat der Mann das Nachsehen und rauft sich die Haare. Dem Nächsten wird es wohl kaum besser ergehen….

Foto: Wolf Jöckel  2020

Und hier fordert Miss.Tic zum Ungehorsam auf, zum Widerstand gegen die Unterwerfung (soumission). „Ein erniedrigendes Bild der Frau“, das man ihr unterstellt hat[21], sieht doch wohl anders aus.

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?   Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

An einem Restaurant auf der Butte aux Cailles (13. Arrondissement) findet sich diese ironische Botschaft von Miss.Tic.  Sie hatte ja am Beginn ihrer Graffitti-Karriere angekündigt, die Mauern mit mots cœurs bomardieren/besprayen zu wollen. In den mots cœurs klingt aber auch das moquer der Spottdrossel (merle moqueur) an. Die ist auf der Butte aux Cailles, dem Ort dieses Bildes, ja besonders präsent: Die merle moqueur gehört zu les temps des cerises, der Hymne der Pariser Commune, die auf der Butte aux Cailles besonders populär war und ist. Es gibt dort auch eine merle moqueur-Kneipe.[22] Und ich denke, dass dieses pochoir ein schönes Beispiel für den Spott, den Humor und die Ironie ist, die auch viele Arbeiten von Miss.Tic kennzeichnen.

Auf der Butte aux Cailles hatte Miss.Tic  auch ihr Atelier, wo eines ihrer wohl letzten Fotos entstand[23]:

Und wer auf einem begrenzten Raum eine große Zahl von pochoirs von Miss.Tic sehen möchte, dem kann ich nur einen Spaziergang über dieses sympathische kleinstädtische Viertel von Paris empfehlen.

Hier einigee (weitere) Beispiele:

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung. An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012
Mit der Liebe geht die Zeit schnell vorbei. Mit der Zeit kommt die Liebe seltener vorbei.  Butte aux Cailles, Dezember 2012. Foto: Wolf Jöckel
Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018
LP/Stéphane Duprat Le Parisien 28.5.2022 Butte aux Cailles, rue Jonas: statt port du voile interdit (Ganzkörperverschleierung verboten): Tragen des Verstandes ist verpflichend

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss.Tic auf die Anschläge vom 13. November 2015.  Denn Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern: den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss.Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen! Das für Miss.Tic eher ungewöhnliche intensive Rot darf wohl als besonderer Akzent verstanden werden, der deutlich macht, wie wichtig ihr diese Botschaft war.

Und  zum Schluss noch ein Bild, dessen Aussage mit einem ungewöhnlichen Grün unterstrichen wird:

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus (rue du moulin des prés, Butte aux Cailles) Foto: Wolf Jöckel, Mai  2017

Miss.Tic verstand sich als „Poetin der städtischen Kunst“. Für sie war die Poesie mehr als ein Luxus, sie war ihr Lebenselexir. Und sie hat auf den Wänden von Paris die Poesie straßentauglich gemacht.[24] Das ist ihr großes Verdienst und das wird uns von nun an sehr fehlen. 

——

Eingestellt in https://paris-blog.org/ am 1. Juni 2022, dem Tag der Beerdigung von Miss.Tic auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Zum Weiterlesen:

Miss.Tic in Paris. Paris Musées 2005

Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hrsg. Jorinthe Reznikoff und KP Flügel. Hamburg: Edition Nautilus 2010

Christophe Genin, Miss.Tic, femme de l’être (édition revue et augmentée)  Bruxelles:  Les Impressions Nouvelles  2014

Collectif, Miss Tic: Histoires de rencontres.  Mit einem Vorwort von Miss.Tic. 2019


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen:

[1] Der Ausdruck princesse du graffiti stammt aus Le Monde vom 17. September 2002: Dominique le Guilledoux,  Miss-Tic, princesse du graffiti. In ihrem Nachruf auf Miss.Tic hat Le Monde diesen Ausdruck wieder aufgenommen. (22. Mai 2022).

Miss.Tic, princesse du graffiti, est morte à l’âge de 66 ans (lemonde.fr)

Im Februar 2019 hatte ich schon einmal im Rahmen einer kleinen Serie über Street-Art in Paris einen Beitrag über Miss.Tic (zusammen mit Monsieur Chat und Fred le Chevalier) in diesen Blog eingestellt: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/  Bei dem jetzigen Beitrag handelt es sich um eine wesentliche Erweiterung des damaligen Beitrags.

[2] Bomb it, Miss.Tic!, S. 44

[3] https://picsou.fandom.com/fr/wiki/Miss_Tick_De_Sortil%C3%A8ge Zitat von Miss Tic aus: https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236

[4] https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/05/22/miss-tic-princesse-du-graffiti-est-morte-a-l-age-de-66-ans_6127219_3382.html

[5] Il n’y a plus que le fisc et les flics qui connaissent ma véritable identité.

https://www.dicocitations.com/reference_citation/118527/_Miss_Tic_tatoueuse_de_villes_Veronique_Cauhape_Le_Monde_16_avril_2009.php  „Von Anfang an habe ich mich Miss.Tic genannt. Niemand nennt mich mehr mit meinem richtigen Namen. Nur die Bullen und der Fiskus kennen ihn.“  In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 72

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Miss.Tic_2012.jpg

[7] Die Übersetzung ist schwierig, weil in dem Text ein doppeltes Wortspiel enthalten ist: art mur ist die Mauer-Kunst, es klingt darin aber -gerade im Zusammenhang mit enfiler/überziehen auch armour/Rüstung an. Und das passt insofern, als es sich bei dem, was sie nun tut, um eine durchaus gefahrvolle Aktion handelt. Denn bombarder ist eine Übernahme des englischen to bomb, also bombardieren, womit in der Graffiti-Sprache auch das (i.a. illegale) Sprayen bezeichnet wird. Die Farbdose, mit der gesprüht wird, ist die bomb. Bei den mots coeurs/den Herz-Wörtern klingen die moqueurs/die Spötter an.

In dem Buch von Jorinde Reznikoff/KP Flügel wird der Satz wie folgt übersetzt:  Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘  (Bezogen auf Christophe Genin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39.) Diese -sicherlich nicht von Genin stammende- deutsche Version wird auch von Wikipedia übernommen. Dass da Spötter bombardiert werden,  finde ich allerdings wenig überzeugend. (Allerdings ist der Bezug zu dem moqueur sicherlich nicht zufällig. Mehr dazu weiter unten in dem Beitrag). Ich versuchte es zunächst so:

Ich wappne mich mit Mauerkunst, um Herzensworte auf die Wände zu sprayen.  Pierre Sommet, den ich dazu konsultierte, überzeugte mich aber, es bei dem bombardieren zu belassen: „Ich würde ungern auf das Verb bombardieren verzichten. Meiner Meinung nach zieht die engagierte Künstlerin in die Schlacht und hofft, dass die Botschaft ihrer Graffiti-Kunst wie eine Bombe einschlägt, also eine nachhaltige Wirkung erzielt, wobei diese „Bombe“ eigentlich als humanitäre Waffe eingesetzt wird, denn sie besteht aus warmherzigen Worten.“ Merci, Monsieur Sommet!

Bild aus: http://missticinparis.com/archives/pochoirs-des-rues/

[8] Siehe: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[9] Siehe den Blog-Beitrag von Gabriele Kalmbach: https://gabrielekalmbach.de/street-art-in-paris-miss-tic/

[10] https://www.cineimage.ch/film/fillecoupeeendeux/lbox_ver_artw_1.html

[11] Siehe: https://www.francebleu.fr/infos/transports/connait-le-trace-definitif-de-la-ligne-5-du-tramway-a-montpellier-1550232989

[12] https://tramwaydemontpellier.net/2013/10/18/18-octobre-2013-design-de-la-ligne-5-la-gagnante-est-miss-tic/#jp-carousel-2852 https://www.midilibre.fr/2013/10/18/montpellier-un-design-tout-en-rupture-pour-la-ligne-5-du-tramway,771549.php

[13] https://www.instant-city.com/misstic-habille-les-murs-et-deshabille-son-ame/

[14] Bild aus: https://www.artshebdomedias.com/agenda/miss-tic-muses-hommes/

[15] https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236  (In einem Interview aus dem Jahr 2011)

[16] https://www.beauxarts.com/videos/miss-tic-le-desir-de-desirer-toujours-et-encore/

[17] Si je préfère les chats aux chiens, – C‘est qu’il n’y a pas de chats policiers

Zu Miss.Tic und Prévert siehe Jacques Dubois in seinem Mediapart-Artikel von 2015 über die „femme capitale“: „Miss.Tic au total nous apparaît en grande artiste mi-populaire et mi-intellectuelle, quelque part entre Jacques Prévert et Ferré.“  https://blogs.mediapart.fr/edition/bookclub/article/220115/misstic-femme-capitale

[18] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die féminicides: https://paris-blog.org/2019/11/17/stop-feminicide-schluss-mit-den-frauenmorden-aktuelle-aktionen-in-frankreich/

[19] Siehe z.B. Maxi Leinkauf, Bombig. In: der Freitag, 6.5.2011   https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/bombig

[20] Bomb it, Miss.Tic!, S. 9

[21] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Miss.Tic  Abschnitt Abschnitt Miss.Tic und der Feminismus

[22] Zum Viertel Butte aux Cailles siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/07/01/la-butte-aux-cailles-ein-kleinstaedtisches-idyll-in-paris/ Zu Les temps des cerises und der Spottdrossel siehe: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[23] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=563751535116620&set=a.213809903444120

[24] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.street-art-kuenstlerin-tot-miss-tic-machte-poesie-strassentauglich.77b5de73-fb2f-4e0f-b917-26677946ed3a.html

Weitere Blog-Texte zur Street-Art in Paris:

https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/
https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/
https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/
https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/
https://paris-blog.org/2020/04/08/street-art-in-paris-5-gare-du-nord-quai-36/
https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/
https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

Der 2. Mai 2022, der Tag danach: Boulevard Voltaire/Paris 11ème.

Ich muss gestehen, dass ich den diesjährigen 1. Mai ganz unpolitisch verbracht habe: Nämlich mit einer Radtour ins Pariser Umland, um ein kleines privates Museum am Canal de l’Ourcq zu besuchen, das schon lange auf meiner „Wunschliste“ steht. Es hat aber nur ab und zu geöffnet – diesmal gerade am 1. Mai…

Dass es nun trotzdem diesen ganz ungeplanten und spontan erstellten Blog-Text zum 1. bzw. genauer: zum 2. Mai gibt, hat seinen Grund in diesem Zettel:

Ich entdeckte ihn zufällig am 2. Mai nachmittags an einer Immobilien-Agentur im Boulevard Voltaire: „Ihre Agentur bleibt geöffnet „noch mehr als gewöhnlich“.

Der Text sprach mich unmittelbar an. Er hing an der Fassade der Agentur, die völlig offen war:  Glas an der Schauseite gab es nicht, auch nicht in der Tür, durch die man treten konnte, ohne sie zu öffnen. Die Agentur war also in der Tat „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet – eine auch noch in  Anführungsstriche gesetzte und an dieser Stelle geradezu surrealistische Information….  

Drinnen saß ein junges Paar auf einer Couch – offensichtlich die Betreiber dieser Agentur. Der junge Mann wurde auf mich aufmerksam, trat vor bzw. durch die Tür und wir kamen ins Gespräch. Er war noch sichtlich erschüttert von dem, was sich tags zuvor abgespielt haben musste: Die massive Fensterfront der Agentur war völlig zerstört worden, was nur mit größter Gewaltanwendung und nur mit einigem Zeitaufwand möglich sei. Die Polizei habe nicht eingegriffen, was er aber im Prinzip richtig fand: Besser nur Sachschäden als Verletzte oder gar Tote….  Der bzw. die Vandalen hätten sich sogar noch die Zeit genommen, eine Informationstafel im Innern in ihrem Sinne umzugestalten: Statt des Angebots einer kostenlosen Bewertung von Immobilien der Aufruf zu Streik und die Proklamation von Anarchie.

Er habe ja viel Verständnis für die verbreitete Unzufriedenheit, wofür er das Wort „colère“ /Wut verwendete. Damit wird derzeit gerne die Befindlichkeit vieler Franzosen bezeichnet, und auch politische Aktivisten benutzen das Wort ausgiebig, um ihre Aktionen zu begründen.  Das aber, was da am 1. Mai geschehen sei, habe -so der junge Mann- nichts mehr mit einer verständlichen, legitimen Meinungsäußerung zu tun. Einige Randalierer hätten die Demonstration genutzt, um im Boulevard eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Darüber werde jetzt nur noch berichtet und gesprochen und nicht über die berechtigten Anliegen friedlicher Demonstranten. So war es denn ja auch.[1]

Und dann erklärte er mir die Anführungsstriche auf dem Zettel: Dass die Agentur „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet sei.  Dieser Ausdruck stamme aus London aus der Zeit des deutschen Bombardements der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Als er merkte, wie mich dieser Bezug berührte, empfahl er mir zum Abschied, mich doch etwas umzusehen. Auch wenn schon viel aufgeräumt worden sei – wie in seiner Agentur- würde ich da immer noch einen Eindruck von dem bekommen, was sich tags zuvor abgespielt habe.

Da wir Freunde erwarteten, hatte ich nur ganz wenig Zeit. Aber die 15 Minuten, die mir noch blieben, nutzte ich, um in der Umgebung der Agentur im Boulevard Voltaire Fotos zu machen. Hier einige Eindrücke:

Die Immobilien-Agentur la forêt

Am ärgsten betroffen waren vor allem Bankfilialen.

Werbung sei ein Akt der Gewalt. Sie zu zerstören ein Akt der Therapie.

Und darunter: „ein Reicher, eine Kugel, Gerechtigkeit“

„Das ist explodiert“

Dieser Geldautomat wurde vermutlich schon vorsorglich vernagelt. „Warum versteckst du dich?“  – Aber statt der Verbform von „cacher“ (sich verstecken) wird das englische Wort für Bargeld verwendet (cash)….

Die dazu passenden politischen Botschaften gibt es auch:

Der Kapitalismus als Ursprung des Zorns (la colère)

Gestern die Fensterscheibe, heute die Mauer, morgen Macron

Zwischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen: Wählen tötet

Die Jugend hat nichts mehr zu verlieren. Ihr habt uns unsere Zukunft gestohlen, wir zerstören eure Gegenwart.  Dem hat jemand hinzugefügt: Pardon, aber was tun?

Niederlassung der AXA-Versicherung im Boulevard Voltaire. Dort haben wir unsere staatlich vorgeschriebene Wohnungsversicherung abgeschlossen und sind wegen wiederholter -in Pariser Altbauten üblicher- Wasserschäden gut bekannt.  Hier haben die Vandalen nicht nur Schaufenster und Tür zerstört, sondern auch den Innenraum mit den Einrichtungsgegenständen verwüstet. Die Angestellten waren aber schon wieder notdürftig bei der Arbeit und freuten sich über mein „bon courage!“. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie gut versichert sind….

Der Boulevard Voltaire war deshalb besonders von den Zerstörungen betroffen, weil dies die klassische Demonstrationsroute zwischen der place de la Nation und der place de la République ist. Betroffen waren nicht nur Bankfilialen und Immobilienagenturen, sondern zum Beispiel auch diese Zeitarbeits-Agentur, die mit einer entsprechenden Aufschrift versehen wurde:

Schluss mit der Arbeit! (cramer = abfackeln, anzünden). In Brand gesteckt wurden am 1. Mai auch wieder einige Autos, die unvorsichtigerweise an der Demonstrationsmeile abgestellt waren. Aber auf dem kleinen von mir beobachteten Teilstück des Boulevard Voltaire war davon am 2. Mai nachmittags nichts (mehr) zu sehen.

Unübersehbar war dieser Bio-Laden. Der Pfeil (Bio für alle) zeigt auf die (zerstörte) Tür. Der Laden wurde am 1. Mai -entsprechend dieser Aufforderung- geplündert. Und dazu folgende Aufschrift:

Die Milliarden der Reichen sollen die Bio-Lebensmittel bezahlen. Dann wird sich der Zorn (natürlich auch hier: la colère) legen. Bio-Lebensmittel zugänglich für jedermann. Es lebe der freie Preis. Offenbar soll wohl jeder den Preis entrichten, den er bezahlen kann bzw. will. Die, die das Geschäft plünderten, gehörten offensichtlich zu denen, die nichts bezahlen wollten…

Hier mal ein Maiplakat der Gewerkschaft CGT mit der Aufforderung, sich für die Löhne, die Beschäftigung und den Frieden in der Welt zu engagieren.

75% der Franzosen sind der Meinung, dass ihre Kaufkraft sinkt. Sie haben 100% Recht. Mit der CGT für bessere Löhne

Ein Stopp-Schild für Le Pen: immerhin stehen jetzt Parlamentswahlen bevor.

Besonders schlimm und traurig, dass auch öffentliche Güter wie hier die Metro-Station Voltaire der Linie 9 verwüstet wurden.

Die Informationstafel mit dem Stadt- und Metro-Plan von Paris war stark beschädigt und abgeknickt. Sie wurde am nächsten Tag abmontiert. Dahinter der Zeitungskiosk…

… und daneben der Aufruf zur Erhaltung der öffentlichen Dienstleistungen….

Hart getroffen hat es auch den Zeitungskiosk: Das seien Verrückte gewesen, sagte der Zeitungshändler. Immerhin saß er aber am 3. Mai schon wieder in seinem notdürftig zusammengeflickten Kiosk, zeigte mir aber auf seinem Handy gerne Bilder vom Werk der „casseurs“.   Aber bei McDonald’s an der Ecke sei es noch schlimmer: Die ganze Einrichtung verwüstet. Man könne dort nicht mehr sitzen, es gäbe jetzt nur Straßenverkauf und die Schaufenster blieben wohl noch -in Erwartung möglicher weiterer Ausschreitungen- bis über den 8. Mai verrammelt.  2020, bei der großen Demonstration gegen die damals geplante Rentenreform waren die Fenster der  McDonald’s Filiale an der place Voltaire noch mit hunderten kleinen politischen Aufklebern beklebt worden. Das war damals sogar eine Attraktion gewesen und hatte etwas von Aktionskunst.[2]

Jetzt nur noch blinde Zerstörung. Es habe ausgesehen, als sei eine Bombe eingeschlagen, sagte der Zeitungsverkäufer.  Da sind wir wieder bei den Bomben wie am Anfang dieses kleinen Rundgangs….

Der abschließende Kurzkommentar des Zeitungshändlers: Le monde à l’envers…  Verkehrte Welt

Beeindruckend war aber auch, mit welcher Geschwindigkeit und Professionalität schon am 2. Mai die ärgsten Schäden beseitigt wurden oder sogar schon beseitigt worden waren.

Agentur der Versicherungsgesellschaft MAIF, Place Voltaire
Verpiss dich/fick dich MAIF! Es lebe die Demonstration

… und wie auch unter diesen teilweise extremen Bedingungen „business as usual“ praktiziert wurde. Das schien entsprechend eingespielt zu sein. Und es gab ja in der Vergangenheit schon genug Gelegenheiten, entsprechende Erfahrungen zu sammeln…

Trotz alledem also: Wir haben geöffnet oder mit einem schon klassischen Frankfurter Zitat: Lebbe geht weider… la vie continue…

Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. https://www.leparisien.fr/faits-divers/1er-mai-vitrines-cassees-pompier-agresse-de-violents-heurts-en-marge-du-defile-a-paris-01-05-2022-VE7X5EONU5FD7MVDEIRPE2DHEE.php und https://www.lemonde.fr/politique/live/2022/05/01/1er-mai-en-direct-cortege-dense-a-paris-heurts-et-degradation-en-marge-de-la-manifestation_6124336_823448.html und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/a-paris-tensions-et-debordements-en-marge-de-la-manifestation-du-1er-mai-20220501

[2] Siehe: https://paris-blog.org/2020/02/10/aktionskunst-im-rentenstreik-mcdo-paris-place-voltaire-6-2-2020/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Naturparadies aus Menschenhand: Das Europareservat Kühkopf am Rhein

Dieser Bericht fällt etwas aus dem Rahmen dieses Blogs: Denn der Gegenstand hat -wenn überhaupt- nur marginal etwas mit Frankreich zu tun. Er schließt sich aber an den vorausgegangenen Blog-Text über den „Rheindompteur“ Tulla in Paris an:

https://paris-blog.org/2022/04/14/johann-gottfried-tulla-der-rheindompteur-in-paris/

Die Kühkopf- Insel verdankt verdankt ja ihre Entstehung der von dem badischen Wasserbauingenieur Tulla am Oberrhein begonnenen und dann von seinem Freund Kröncke im hessischen Bereich fortgesetzten „Rectification“ des Rheins: Begrenzt wird der Kühkopf seitdem von dem Altrhein, einer großen ehemaligen Rheinschlinge, und dem durch einen Rheindurchstich entstandenen Neurhein. Gezeigt werden soll an diesem Beispiel, dass diese Rheinbegradigungen nicht nur ursprüngliche Naturlandschaften zerstört, sondern auch natürliche Lebensräume erhalten oder sogar neu geschaffen haben.

Ein naheliegendes Beispiel dafür wäre sicherlich auch der Taubergießen gewesen, der „Amazonas am Oberrhein“, zumal es sich dabei auch um ein deutsch-französisches Projekt handelt. Denn das auf badischer Seite gelegene Naturreservat gehört zum Teil elsässischen Gemeinden auf der anderen Rheinseite: Ein Relikt aus der Zeit vor der Tulla‘schen Rheinbegradigung.[1]

Die Entscheidung für den Kühkopf hat ganz persönliche Gründe: Es gibt in dieser Gegend familiäre Wurzeln. Meine Mutter erzählte manchmal, wie sie in der Notzeit nach dem Weltkrieg mit Hilfe eines alten Bekannten auf den Kühkopf übersetzte -damals gab es noch keine Brücke über den Altrhein- um dort heimlich Kartoffeln und Runkelrüben auszugraben. Und ich erinnere mich noch an den ersten Familienurlaub am Kühkopf- vor allem an die Myriaden von Stechmücken, die einen vor allem bei Einbruch der Dunkelheit überfielen.  Dann hatten wir einen Grundschullehrer, mit dem wir zur Vogelbeobachtung auf den Kühkopf fuhren- da war es vor allem die große Reiherkolonie, die uns beeindruckte. Für den Jugendlichen war es dann ein aufregendes Abenteuer mit einem Freund, dessen Vater ein Auto besaß, zum Kühkopf zu fahren und im Rhein zu schwimmen: Es gab damals noch Schlepper, die mehrere tief im Wasser liegende Lastkähne langsam stromaufwärts zogen. Da konnte man vorsichtig an den letzten Kahn heranschwimmen und sich auf die Reling hieven. Nach einiger Zeit sprang man dann wieder ab und ließ sich von der Strömung zurücktreiben. Und natürlich war es auch immer ein aufregendes Abenteuer, auf die andere Seite des Rheins zu schwimmen- auch wenn man dann mehrere hundert Meter mit nackten Füßen etwas mühsam stromaufwärts laufen musste, wollte man wieder an seinem Ausgangspunkt ankommen. Von gefährlichen Strudeln im Rhein wussten wir damals noch nichts, und selbst wenn: Es hätte uns sicherlich nicht von der Rheinüberquerung abgehalten…. Mein erstes etwas linkisches „Rendezvous“ fand auch auf dem Kühkopf statt: Mit einem Mädchen, das ich in einem kleinen Ort im Ried kennengelernt hatte, wo ich mir während der Ferien in einem Tiefbauunternehmen als Hilfsarbeiter etwas Geld verdiente.  Später war immer wieder der Kühkopf das Ziel, um mit Kindern und Freunden am Strand des Neurheins Feste zu feiern oder auch, um Bärlauch zu sammeln oder einfach nur die Natur zu genießen. Und inzwischen kann man dank der verbesserten Wasserqualität auch wie früher wieder einigermaßen unbedenklich im Rhein baden.

Wie der Kühkopf zur Insel wurde

Betrachtet man die historische Karte von 1735, so ist deutlich die ausgeprägte Rheinschleife zwischen Gernsheim und Oppenheim zu erkennen.[2] Der Flurname der so gebildeten Halbinsel ist abgeleitet von ihrer ungefähren Kopfform und dem mittelhochdeutschen Wort für König: künec. Denn das Land gehörte ursprünglich zu dem kaiserlichen Bannforst Dreieich. Und allmählich schliff sich der Künec-Kopf ab zu Kühkopf.

Der Kühkopf hat eine gewisse historische Bekanntheit, weil dort während des 30-jährigen Krieges,  am 7. Dezember 1631, der schwedische König Gustav Adolf den Rhein überquerte und auf der anderen Rheinseite die dort verschanzten Spanier in die Flucht schlug.[3]

Der Rheinübergang war ein äußerst schwieriges und gefährliches Unternehmen. Immerhin war der Fluss dort etwa 300 Meter breit und hatte eine hohe Fließgeschwindigkeit. Der Übergang gelang, weil man mit Hilfe von gefundenen Booten und in der Nacht herbeigeschafften Scheunentoren eine Pontonbrücke baute. „Mehrere Nachen wurden mit Seilen nebeneinander gebunden und ebenfalls vertäut. Hierzu konnten die Finnen im schwedischen Heer ihre Erfahrung im Bau von Flößen aus ihrer Heimat mitbringen. Solche improvisierten Wasserfahrzeuge waren durch die Tragkraft der Kähne dann auch in der Lage, schweres Gerät und Pferde zu transportieren.“[4]

Zur Erinnerung an diesen Rheinübergang wurde 1632 noch vor dem Tod des Königs auf dessen Geheiß die auf vier Kanonenkugeln postierte sogenannte Schwedensäule errichtet.[5]

Foto: Wolf Jöckel

Auf dem historischen Plan ist die „Schwedische Säule“ ausdrücklich -auf der rechten äußeren Seite der Rheinschleife- markiert und mit einem entsprechenden Symbol gekennzeichnet. Hier eine historische Darstellung des imposanten Bauwerks aus dem Jahr 1642 :

„Abbildung der Seülen so ihr M. / dem Konig in Schweden an dem/ ort da er über Rehin gesetzt, / zu gedechtnus aufgericht worden“. [6]

In seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ hob Friedrich Schiller 1792 den Rheinübergang Gustav Adolfs hervor. „Ein marmorner Löwe auf einer hohen Säule, in der rechten Hand ein bloßes Schwert, auf dem Kopf eine Sturmhaube tragend, zeigte noch siebenzig Jahre nachher dem Wanderer die Stelle, wo der unsterbliche König den Hauptstrom Germaniens passierte.“ Allerdings kann Schiller wohl kaum vor Ort gewesen sein- sonst hätte er nicht von einem marmornen Löwen gesprochen- der Löwe oben auf der Schwedensäule war und ist nämlich aus Sandstein.[7] Er zeigt mit seinem Schwert in Richtung des Schlachtfeldes auf dem Kühkopf. Der Ort, an dem die Kämpfe im Dezember 1631 ausgetragen wurden, trägt heute noch den Namen “Schwedenkirchhof”. 

© Hans-Jürgen Pilgerstorfer 

Allerdings befindet sich die Schwedensäule heute nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standort. Sie wurde im 18. Jahrhundert wegen drohender Unterspülung durch das wiederholte Hochwasser landeinwärts versetzt.

Blick auf die Schwedensäule vom Kühkopf aus. Foto: Wolf Jöckel

Dass die Rheinschleife um den Kühkopf – die größte des Flusses  überhaupt-  sich den „Rheindompteuren“  Tulla und Kröncke für eine Rheinbegradigung geradezu aufdrängte, zeigt ein Blick auf die Karte.  Allerdings gab es schon früher Pläne, die Rheinschleife abzuschneiden und den Kühkopf zur Insel zu machen.  Und das hat etwas mit Frankreich zu tun : Während der Koalitionskriege 1794 bis 1797 mit dem revolutionären Frankreich sollte nämlich ein zu schaffender Durchstich den Rhein als Frontlinie begradigen.  Auf dem zur Insel werdenden Kühkopf, also zwischen den Festungen Mainz und Mannheim, war ein starker Stützpunkt vorgesehen, der ein Vordringen der Franzosen verhindern sollte. Der Kriegsverlauf machte diese Pläne dann entbehrlich. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 wurde die Provinz Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen angegliedert. Somit wurde ein Durchstich, der nun nicht mehr militärische Gründe hatte, allein hessische Angelegenheit.

Der zuständige Oberbaudirektor Dr. Claus Kröncke machte sich für die Rheinbegradigung stark. Mit ihr sollten die gewaltigen Überschwemmungen, die damals die Uferlandschaften auf beiden Seiten des Rheins heimsuchten, verhindert werden. Dazu kamen die Vorteile für die Rheinschifffahrt. Die Schiffe wurden damals stromaufwärts getreidelt, also mit Pferden den Strom hinaufgezogen. Unter den Hochwassern litten allerdings die Treidelpfade, die ständig erneuert oder sogar verlegt werden mussten. Und selbst auf der Kühkopf-Rheinschlinge mussten die Pferde beim Treideln mehrfach die Seite des Flusses wechseln, was äußerst zeitaufwändig war. Durch den geplanten Durchstich wurde die Schifffahrt zwischen Mainz und Mannheim wesentlich verkürzt und erleichtert. Dazu kamen gesundheitliche Gründe: Der Kühkopf und seine Umgebung waren, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, „ein Paradies mit Leichengestalten bevölkert“, weil dort „das Fieber, das entzündlicher Art ist“, die Malaria also, noch weit verbreitet war.[8]  Trotz dieser Argumente lehnte die für die Finanzierung zuständige zweite hessische Kammer des Großherzogtums Darmstadt 1824, 1825 und 1826 den Durchstich ab. Vor allem wegen der dafür erforderlichen  Geldmittel, aber auch wegen lokaler Widerstände: Immerhin gerieten die an der Rheinschleife gelegenen Orte Stockstadt und Erfelden mit dem Durchstich ins Abseits, und manche Bauern wurden durch ihn von ihren Feldern auf dem Kühkopf abgeschnitten oder verloren die auf dem Gelände des neuen Rhein-Betts gelegenen Besitzungen ganz.  Johann Gottfried Tulla riet deshalb seinem Freund Kröncke, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Kröncke publizierte also 1826 die Denkschrift „Über die Durchgrabung der Erdzunge am Geyer“ [8a] und hatte Erfolg:  Nach mehreren öffentlichen Diskussionen genehmigte der hessische Landtag im Frühjahr 1827 einstimmig die Mittel zur Ausführung des Durchstichs.

Karte von 1826 mit dem Verlauf des geplanten Rhein- Durchstichs.[9] Eingezeichnet ist auch das ehemalige Bett des Rheins mit einer weiteren Rheinschlinge bei Eich: Der naturbelassene Rhein hatte sich immer wieder ein neues Bett gesucht…


Am 31. März 1828 konnte Kröncke mit der praktischen Arbeit beginnen. Geschickt bezog er, wie vorher schon Tulla bei den Begradigungen des Oberrheins,  die Erosionskraft des Flusses in das Werk ein: Er ließ lediglich einen gut 16 Meter breiten und 3625 m langen Graben ausheben. Den vertiefte der Strom selbst, verbreiterte den Durchstich auf 308 Meter und schuf den Durchbruch von insgesamt fünfeinhalb Kilometern. Der Rheinlauf war  dadurch um fast 10 Kilometer verkürzt worden, was für die Schiffe eine erhebliche Zeitersparnis bedeutete: Stromabwärts 4-6 Stunden, stromaufwärts eine ganze Tagesreise weniger. Und die Anwohner waren von nun an vom unheilvollen Hochwasser und von der Malaria befreit. Nicht zu vergessen die Freude für die Steuerzahler: Die Kosten der Baumaßnahme waren deutlich geringer als von Dr. Kröncke selbst veranschlagt – ziemlich außergewöhnlich bei einem solch umfangreichen und komplexen Vorhaben. Da gibt es genug andere Beispiele….

Kein Wunder also, dass man Dr. Kröncke schon zu seinen Lebzeiten in Groß-Rohrheim ein Denkmal setzte- den von dem Darmstädter Hofbildhauer Philipp Johann Joseph Scholl geschaffenen Kröncke-Stein.

„Die Gemeinde Großrohrheim/Zur dankbaren  Erinnerung/der/Segensreichen Wirksamkeit/des Großh. Hess./ OBERBAUDIRECTORS/ KRÖNKE“ Foto: © Armin Kübelbeck[10] 

Auch auf dem Kühkopf erinnert man an Kröncke: Kurz vor seiner Einmündung in den Neurhein weitet sich der Altrhein und es gibt noch einen zusätzlichen Altrheinarm: den Krönkesarm mit der Krönkesinsel.

Hier wie auf dem Denkmal wird der Name übrigens ohne das „c“ geschrieben.

Blick auf Krönkesarm  und Krönkesinsel  Foto: Wolf Jöckel, April 2022

Der Kühkopf als herrschaftliches Jagdrevier

Gerade als Insel bot der Kühkopf natürlich beste Voraussetzungen als Jagdrevier. Der Wormser Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, ein begeisterter Jäger, hatte dort 1888 den Hof Guntershausen erworben (bis dahin Schmittshausen genannt) und seinen Landbesitz auf dem Kühkopf durch den Ankauf einer Vielzahl von Parzellen erweitert. Er bemühte sich auch, das Jagdrevier interessant zu machen, vor allem durch die Pflege von Fasanen und der damals noch dort verbreiteten wilden Truthähne. Unter den herrschaftlichen Jagden, die in dieser Zeit öfters auf dem Kühkopf veranstaltet wurden, ragt die mit dem Zaren Nikolaus II. am 3. November 1903 heraus.[11] Nikolaus war damals mit seiner Frau zu Besuch in Darmstadt: Die Zarin Alexandra Feodorowna war nämlich eine geborene Prinzessin von Hessen und bei Rhein, und es gab darüber hinaus auch weitere familiäre Beziehungen zwischen dem Zarenhaus und der großherzoglichen Familie und entsprechende gegenseitige Besuche.[12] Das Gruppenbild zeigt den Großherzog Ernst Ludwig mit seinen drei Schwestern und Schwägern am 8. Oktober 1903 [13]:

von links:  Ernst Ludwig, Zarin Alexandra Feodorowna und Zar Nikolaus II.; Prinzessin Irene Luise Maria Anna  und Prinz Heinrich von Preußen; Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna (geborene Elisabeth von Hessen-Darmstadt)  und Großfürst Sergei Alexandrowitsch Romanow; Prinzessin Victoria Alberta Elisabeth Mathilde Marie und Prinz Ludwig Alexander von Battenberg

An der Jagdgesellschaft vom 3. Oktober nahmen neben dem Zarenpaar und dem Großherzog auch Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Wilhelms II., teil: eine wahrhaft noble Jagdpartie. Es handelte sich um eine Treibjagd, in die der ganze Kühkopf einbezogen war.  

Hier ein Bild des Zaren während der Kühkopf-Jagd im Ansitz mit seiner Frau.[14] Die Jagdausbeute war erheblich. Geschossen wurden: 67 wilde Truthähne, 1 Königsfasan, 1 Schnepfe, 158 Fasanenhähne, 5 Fasanenhennen, 23 Hasen, 69 Kaninchen und 2 Raubvögel.[15] Bemerkenswert ist, dass Hirsche, Rehe oder Wildschweine nicht zur Jagdbeute gehörten: Ich vermute, dass die damals auf dem weitgehend noch landwirtschaftlich genutzten und waldarmen Kühkopf eher nicht verbreitet waren.

Hier ein Gruppenfoto der um die erlegten Tiere gruppierten Jagdgesellschaft.[16] In der Mitte Zar Nikolaus II. mit den Händen im Muff, rechts neben ihm der Gastgeber Freiherr von Heyl zu Herrnheim. Die zweite Person links neben dem Zaren, ebenfalls mit den Händen im Muff, ist der Großherzog Ernst Ludwig.

Der Kühkopf wird Naturschutzgebiet

Seit 1952 sind der Kühkopf und die im Norden angrenzende Knoblochsaue Naturschutzgebiet. Mit einer Fläche von 2.370 ha ist es das weitaus größte Naturschutzgebiet Hessens.  Der Kühkopf selbst ist etwa 1700 ha groß. Davon werden 100 bis 350 ha von Flachwasserbereichen bedeckt, 150 ha von Röhricht und 620 ha von Auwald.

Dem fast 24 Quadratkilometer großen Auenschutzgebiet mit der Rheininsel Kühkopf und der Knoblochsaue wurde durch die Deutsche Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz e.V. 1983 das Prädikat „Europareservat“ verliehen. Es ist Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und hat mit seiner ökologischen Bedeutung europäischen Rang. Nachdem im Frühjahr 1983 wieder die Hochwasserdämme brachen und das komplette Gebiet des Kühkopfs überflutet wurde, wurden die Dämme nicht mehr instandgesetzt. Dadurch sind mehr als 1.000 ha Aue wieder an das natürliche Abflussgeschehen des Rheins angeschlossen. Die in Teilarealen noch betriebene intensive Landwirtschaft wurde damals aufgegeben – begünstigt durch den Umstand, dass die Familie von Heyl ihren Landbesitz auf dem Kühkopf und das Gut Guntershausen schon 1961 an das Land Hessen verkauft hatte.  Im Zentralbereich der Insel und auf der Knoblochsaue werden aber noch 400 ha extensiv als Grünland genutzt. Auch die umfangreichen Streuobstbestände des Schutzgebietes werden erhalten und gepflegt. Das sind vor allem Apfelbäume, die auf dem Kühkopf eine lange Tradition haben: Früher gab es noch am südlichen Altrheinarm den alten  „Äppeldamm“, dessen Bäume aber inzwischen weitgehend abgestorben und überwuchert sind. Aber dafür gibt es jetzt den Apfelbaum-Lehrpfad (auf der Karte: Nr. 4, Weißstorchweg) mit einer Vielzahl von Apfelbaum-Sorten. 

200 ha im Jahre 1983 aufgegebene Ackerflächen wurden weitgehend sich selbst überlassen. Dort erobert der Hartholzauwald sein Territorium zurück. Auch die Pflege der Deichsysteme auf der Insel wurde 1983 eingestellt, so dass sich seitdem wieder eine natürliche Hochwasserdynamik entwickeln kann.  2005 endete schließlich die Forstwirtschaft im gesamten Schutzgebiet.

Eingestellt wurde auch die Erdölförderung auf dem Kühkopf, an die noch die Pferdekopf- Pumpe bei Stockstadt erinnert, die als Industriedenkmal erhalten ist.  

Foto: Wolf Jöckel

Sie gehörte zu dem seit 1952 erschlossenen Erdölfeld bei Stockstadt. Insgesamt 47 Bohrungen zur Erschließung des Feldes wurden vorgenommen und bis 1994 mehr als 1 Million Tonnen Erdöl gefördert. Heute dienen die leergepumpten Kavernen als Erdgasspeicher.[17]

Die Auenlandschaft des Kühkopfs

Die Landschaft des Rieds und damit auch des Kühkopfs ist literarisch gestaltet worden in dem Roman „Gang durch das Ried“ von Elisabeth Langgässer. Als junge Lehrerin an der Volksschule in Griesheim bei Darmstadt entdeckte und erkundete sie das Ried und den Kühkopf mit dem Fahrrad. 1936 erhielt sie als „Halbjüdin“ Publikationsverbot. Der im gleichen Jahr erschienene Ried-Roman ist ihr letztes Werk, das im „Dritten Reich“ noch erscheinen durfte. 1950 starb sie und erhielt ein Jahr später den Georg-Büchner-Preis, den bedeutendsten deutschen Literaturpreis.

Im Naturschutzgebiet Knoblochsaue gibt es -ausgehend vom Parkplatz Knoblochsaue- einen Elisabeth-Langgässer-Wanderweg.

Auf einer Informationstafel wird folgende Passage aus dem „Gang durch das Ried“ wiedergegeben:

„Die Erde ist fett, die Erde ist lehmig und hängt sich an die Räder, der Himmel sehr hoch, nur schwach bewölkt und entleert von den Durchzugsvögeln. (…) Es geht nach Südwesten, wenn nicht der Horizont wäre, könnte man endlos weit sehen. Nur im Osten führt eine blaue Welle von Waldbergen ihren Geländestrom bald höher, bald tiefer dahin. Man sieht sie von allen Riedorten  aus: den Frankenstein und den Felsenberg mit seiner handvoll Häusern, den Malchen- schneidest du ihn heraus, so denkst du, es ist der Vesuv. Und wer oben steht, dort auf den Höhenwegen, dem zeigt sich das Land wie ein Teller, auf dem man Kresse gesät hat, beworfen mit unregelmäßigen Dörfern aus einer Spielzeugschachtel. Es sind Backsteinbauten, mit Ziegeln  bedeckt, mitten drin ist der Kirchturm, daneben das Schulhaus, von Dorf zu Dorf läuft ein schnurgerader Weg, der von hohen Pappeln besäumt wird. An manchen Stellen blitzt Wasser auf, das sind die großen Tümpel, die Löcher, wo Torfstücke ausgetrocknet und Weidenzweige gehauen werden, um Kiepen und Körbe zu flechten. Wie von dem Glasbläser hingezogen schlingt sich der Altrhein durch die Gebüsche. Jetzt teilt er sich und umarmt eine Aue, jetzt wieder und wieder eine; seine Strömung geht langsam, langsamer, leiser; gleich wird er einschlafen, auslaufen, …“ (Aus dem Roman „Gang durch das Ried“. Erstveröffentlichung 1936)

Die Auenlandschaft des Kühkopfs ist außerordentlich vielfältig: Es gibt viel Wasser, nicht nur den  Alt- und den Neurhein, sondern dazu auch noch andere stille Arme des Rheins, Tümpel und Wasserlöcher, es gibt Röhricht, Wiesen mit Sommerblumen, Orchideen und Herbstzeitlosen, Apfelbäume, Urwald mit armdicken Lianen, Weich- und Hartholzauen….

Hier einige Eindrücke: 

Der Altrhein bei Stockstadt (oben) und beim Forsthaus Knoblochsaue (unten) Fotos: Wolf Jöckel

Bärlauchblüte in der Knoblochsaue.  Sie trägt den Namen der Familie von Knobloch, der das Gebiet Ende des 15. Jahrhunderts gehörte. Fotos: Wolf Jöckel

Heuernte Fotos: Frauke und Wolf Jöckel

Urwald auf dem Kühkopf Fotos: Wolf Jöckel
Armdicke Lianen

Misteln sind auf dem Kühkopf weit verbreitet. Es sind Parasiten, die besonders häufig Pappeln, aber auch Apfelbäumen besiedeln. Fotos: Wolf Jöckel

Dort allerdings sind sie wenig willkommen, denn sie gefährden seltene Apfelbaum-Sorten, die Teil des Biotops sind.

„Kopfweiden“ sind Zeugen vergangener Nutzungsformen. Es sind Silberweiden, deren Regenerationskraft früher vielfach genutzt wurde.  Weidenruten in geflochtener Form fanden bei der Ufersicherung am Rhein, dem sogenannten Faschinenbau, Verwendung. Einjährige Weidentriebe dienten den Korbmachern als Ausgangsmaterial.[18]  Fotos: Wolf Jöckel

Ganze Kopfweidenwälder wurden früher am Rhein angepflanzt. Auf dem Kühkopf sollen sie erhalten werden.

Im September blühen auf den Wiesen des Kühkopfs die Herbstzeitlosen Foto: Wolf Jöckel

Altarm des Rheins am Schusterwörth in der Knoblochsaue. Foto: Frauke Jöckel

Der Kühkopf: Ein Paradies für Tiere

Das Natursschutzgebiet Kühkopf ist vor allem ein Vogelparadies.  Auf dem Parkplatz an der Stockstädter Brücke werden wir meist schon von dem Gesang einer Nachtigall empfangen. Und wenn wir dann mit den Fahrrädern an der alten Ölpumpe vorbeifahren und links in den Apfel-Lehrpfad Richtung Neurhein einbiegen (Karte Weg Nummer 4), freuen wir uns schon auf das Zwitschern einer Goldammer.

Foto: Wolf Jöckel

Sie sitzt meist ganz oben auf einem der alten Bäume, ist deshalb auch gut zu erkennen und zu bewundern. Ihren typischen Gesang trägt sie nicht nur im Frühjahr vor, sondern auch den ganzen Sommer und Herbst. Und abends auf dem Weg zurück ruft es „Kuckuck, Kuckuck“ aus dem Wald.  Kuckuck und Nachtigall zeigen sich zwar nicht, ihr Ruf und Gesang ist aber nicht zu überhören. Auf dem Weg zurück vom Neurhein an der Knoblochsaue zum Parkplatz sind es oft sogar mehrere Nachtigallen, die versteckt in dem buschigen Gehölz ein mehrstimmiges Konzert anstimmen. Da bleiben wir gerne ruhig stehen und freuen uns über den schönen Abschluss eines Tages im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue.

Der Symbolvogel des Kühkopfs ist der Schwarzmilan.[19]

© Herbert Zettl

In Deutschland vom Aussterben bedroht, hat er im Europareservat – im Auwald des Kühkopfs – Überlebenschancen gefunden. Nirgendwo sonst in Mitteleuropa siedeln und brüten so viele Milane wie hier. Elisabeth Langgässer hat dem Milan in ihrem Ried-Roman diese poetische Passage gewidmet:

„Sie fuhren die Wasser- und Weidenschleife in großem Bogen entlang, im Westen schwärmte ein Vogelheer über dem Altrhein hoch, es waren Milane und Krähen; wenn die Krähe stürzte, stieg der Milan mit hellem Schrei noch ein Stück in die Höhe, der Raubvogel über der Bettelliese und zeichnete große Spiralen an den geläuterten Himmel, die, wenn sie vollendet waren, wie eine Kielspur noch weiter zu strömen und nur langsam zu schwinden schienen…“[20]

© Andrea’s Kreativwerkstatt [21]

Hier das schöne Foto eines Schwarzspechts. Die Spechte finden in den alten Bäumen und Baumruinen des Kühkopfs ideale Höhlen und Brutstätten.

Schwarzstörche im Flug über den Kühkopf © Andrea’s Kreativwerkstatt

Wasservögel sind in dem Europareservat natürlich besonders reichhaltig vertreten.  Für seine Reiherkolonie, die inzwischen etwa 180 Paare umfasst, war und ist der Kühkopf besonders bekannt.[22]

Hier ein Graureiher, aufgenommen von dem Beobachtungsstand am Krönkesarm. Foto: Frauke Jöckel

Seltener zu beobachten ist der Silberreiher.

© Andrea’s Kreativwerkstatt

„Noch vor zehn, 20 Jahren war ein Silberreiher in unserer Region eine Sensation, die Vogelliebhaber in Scharen anlockte“, berichtet Ralph Baumgärtel, der Revierförster im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue und Leiter des dortigen Umweltbildungszentrums.  Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, erzählt er, sei das für lange Zeit letzte Brut-Exemplar auf der Königsinsel am Rhein abgeschossen worden: Wegen der langen Schmuckfedern auf dem Rücken der Vögel, die bei den Damen als Hutschmuck en vogue waren, sei die Art fast ausgerottet worden. Und obwohl die Reiher-Jagd verboten wurde, ließ sich bis Anfang der sechziger Jahre keines der Tiere mehr in Hessen blicken.

Mittlerweile allerdings freut sich der Revierförster über regelmäßige Besuche der eleganten weißen Schreitvögel. Gelegentlich sind sie sogar in kleinen Trupps unterwegs. „Die ersten sind bei uns in den neunziger Jahren zugewandert“, erläutert Baumgärtel. Davor pilgerten Vogelfreunde und Fotografen aus ganz Mitteleuropa zum Neusiedler See an der österreichisch-ungarischen Grenze, um die Tiere zu beobachten.[23]

© Andrea’s Kreativwerkstatt

Ein noch seltenerer Gast ist der Löffler, der  hier einmal auf der „Durchreise“ von seinem Winterquartier im Mittelmeerraum zurück zum Wattenmeer auf dem Kühkopf Station machte.

Und es gibt sogar recht stattliche Schildkröten in dem Naturschutzgebiet.

Europäische Sumpfschildkröten am Schusterwörth in der Knoblochsaue. Es ist die einzige heimische Wasserschildkrötenart in Deutschland Foto: Wolf Jöckel

Rehe, Füchse und Wildschweine sind inzwischen auf dem Kühkopf auch reichlich vertreten.

© Andrea’s Kreativwerkstatt

Besonders gute Orte für Tierbeobachtungen sind die Aussichtsplattformen am nördlichen Altrheinarm (Karte Weg Nummer 3). Von dort wurde auch diese Wildschweinfamilie aufgenommen.

© Andrea’s Kreativwerkstatt

Wie an der Nordsee: Der Rheinstrand

Sowohl am Kühkopf-Neurhein als auch an der Knoblochsaue gibt es ausgesprochen schöne und -wenn der Rhein nicht gerade Hochwasser hat- auch breite Strände.

Die hat Alexander Jürgs in dem „Familien-Tipp“ der FAZ vom 29. April 2021 sogar als „Traum“ gefeiert.  „Man kann dort im Sand buddeln, Muscheln sammeln, Steine übers Wasser springen lassen und in der Sonne dösen… Also: Schuhe aus, Hose hochgekrempelt, rein ins Wasser ….“ Es fühle sich zwar nicht nach Rimini an, aber „nach Nordseeinsel“…

Fotos: Wolf Jöckel

Muscheln gibt es mehr als genug. Das ist vor allem die Grobgerippte Körbchenmuschel, deren Schalen stellenweise Spülsäume wie am Meeresstrand bilden.[24]

Wurzeln der Silberpappeln am Strand – ein wenig Mangroven-feeling. Fotos: Wolf Jöckel

Rheinstrand mit Blick auf die Oppenheimer Landskron

Vögel kann man hier natürlich auch beobachten….

…. wie diese Bachstelze und die Kormorane, denen man beim Fischen zusehen kann. Fotos: Wolf Jöckel

…. und danach beim  Sonnen….

Das Hofgut Guntershausen und Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf

Sehr empfehlenswert ist auch ein Besuch des in der Nähe der Stockstädter Altrheinbrücke gelegenen Hofguts Guntershausen. Foto: Wolf Jöckel

Es handelt sich um einen früher landwirtschaftlich genutzten und denkmalgeschützten Gebäudekomplex, für den eine neue Verwendung gesucht wurde, nachdem die intensive Landwirtschaft auf dem Kühkopf 1983 aufgegeben wurde. Seit 2014 findet sich dort das Umweltbildungszentrum „Schatzinsel Kühkopf“ mit drei Dauerausstellungen, Wechselausstellungen, Seminarräumen, Werkstätten und einem angeschlossenem Verwaltungstrakt.

Die drei Dauerausstellungen zur Kultur und Geschichte der Auenlandschaft werden im Nordflügel des Gutes präsentiert, dem ehemaligen weiträumigen Stall, der aus einem Untergeschoss mit Kreuzgewölben und einem Obergeschoss besteht.

Am „Grünen Tisch“ können die Besucher an der Planung des Rheindurchstichs von 1829 teilhaben. Schon damals wurden Großprojekte heiß diskutiert und ihre Folgen wirken bis heute. Projizierte Karten zeigen die Landschaftsveränderungen am Kühkopf quasi im Zeitraffer. Auf Monitoren kommen verschiedene Akteure wie der damalige Großherzog oder die örtliche Bevölkerung zu Wort und Flussbaumeister Kröncke erläutert seine Planungen: Geschichte wird lebendig.[25]

Insgesamt gibt es sehr viele anschauliche und pädagogisch aufbereitete Informationen über die Auenlandschaft des Kühkopfs und ihre ökologische Bedeutung.

Hier der Eingang zum Ausstellungsraum über Fische und andere Lebewesen in den Gewässern des Naturschutzgebiet Kühkopfs, den „Schätzen im Fluss“.

Zu den Schätzen des Kühkopfs gehört allerdings wohl kaum die berühmt-berüchtigte Rheinschnake, die in der Ausstellung auch entsprechend in Szene gesetzt ist.

Foto: Frauke Jöckel

Für die Bewohner und Besucher des Rieds war die äußerst anpassungsfähige Schnake eine große Belästigung. „Bis zu 1000 Angriffe pro Mensch und Minute wurden schon gezählt“.[26] Inzwischen wird die Schnake mit dem selektiv wirkenden „Bacillus thuringiensis israelensis“ (BTI) bekämpft, aber als wichtiger Bestandteil des Lebensraums soll sie durchaus ihren Platz behalten.  Bei optimalen Entwicklungsbedingungen können trotz der erlaubten Bekämpfung die Schnaken vor allem im Frühsommer „den Naturgenuss erheblich beeinträchtigen“, worauf die Homepage des Umweltbildungszentrums vorsorglich hinweist.[27]

Allerdings gilt das weniger am Rheinstrand und vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs. Wenn man sich da entsprechend anzieht und mit einem geeigneten Mittel die freien Körperpartien schützt, sollten die Schnaken auch im Sommer kein Hinderungsgrund für einen Besuch des Kühkopfs sein. Er ist immer ein lohnendes Ziel. Das bestätigten auch die Störche, die auf dem Dach des  Hofguts vernehmlich klapperten, als wir kürzlich die schöne, anschauliche Ausstellung verließen. Foto: Frauke Jöckel


Öffnungszeiten:
April bis Oktober Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr; November bis März Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr;
Samstag, Sonntag und Feiertag 9 bis 17 Uhr; Montag Ruhetag sowie am 24. und 31. Dezember


Anmerkungen:

[1] Siehe: https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpf/abt5/ref56/naturschutzgebiete/naturschutzgebiet-taubergiessen/

[2] Historische Rheinlaufkarte aus dem Verlag der Homännischen Erben anno 1735 (Ausschnitt)

https://www.kuehkopf.de/geschichte.html

[3] Siehe dazu auch: Ludwig  Bechstein, Die Schwedensäule. In: Deutsches Sagenbuch. Leipzig 1853 http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/Sagen/Deutsches+Sagenbuch/49.+Schwedens%C3%A4ule+bei+Oppenheim

[4] Hans Pehle, Der Rheinübergang des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Ein Ereignis im Dreißigjährigen Krieg 1631. Riedstadt: Forum Verlag 2005, Seite 97/98

[5] Schwedensäule. Dankaerts, Historis 1642   https://de.wikipedia.org/wiki/Schwedens%C3%A4ule

http://docplayer.org/109583804-Die-schwedensaeule-im-kreis-gross-gerau.html

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwedens%C3%A4ule#/media/Datei:Dankaerts-Historis-9315.tif

[7] Hans Pehle, Der Rheinübergang des schwedischen Königs Gustav II. Adolf. Riedstadt: Forum-Verlag 2005, S. 87  Bild aus: https://www.fotocommunity.de/photo/schwedensaeule-hans-juergen-pilgerstorfer/36764516

[8] Gemeinde Guntersblum (Hrsg), 150 Jahre Rheindurchstich Kühkopf. Eine geschichtliche Darstellung des Rheindurchstichs und der Insel Kühkopf.

[8a] Siehe dazu: Gerold Bielohlawek-Hübel, Wie der Kühkopf entstand : (Krönckebuch) ; das Werk des Großherzoglichen Darmstädter Wasserbaudirektors Claus Kröncke mit Auszügen aus seinem Buch „Über die Durchgrabung der Erdzunge am Geyer“ (Anno 1826) Riedstadt: Forum 2004

[9] Karte aus: 150 Jahre Rheindurchstich Kühkopf, S. 11

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Kr%C3%B6ncke#/media/Datei:Kroenke_Denkmal_01.jpg

[11] Dazu: Jörg Hartung und Otto Kraus, Der Zarenbesuch auf dem Kühkopf. Eine Dokumentation zum Jagdausflug des Zaren Nikolaus II. von Russland auf dem Kühkopf am 3. November 1903. Forum Verlag Riedstadt 2004

[12] Siehe Hartung/Kraus, S. 30/31. Zarenbesuche bei der hessischen Verwandtschaft sind in den Jahren 1891,1894, 1896, 1897, 1899, 1903 und 1910 nachzuweisen. Die Großmutter von Zar Nikolaus II. war übrigens auch eine hessische Prinzessin, Marie von Hessen und bei Rhein.

[13] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Hessen-Darmstadt_(1864%E2%80%931918)#/media/Datei:Gruppenbild_1903.jpg

[14] Bild aus: https://hofgut-guntershausen.de/hofgutnachmittag-der-jagdausflug-des-zaren-auf-den-kuehkopf-2

[15] Der Zarenbesuch auf dem Kühkopf, S. 55

[16] Bild aus der Ausstellung des Umweltbildungszentrums Schatzinsel Kühkopf. Erläuterungen dazu bei Hartung/Kraus, S. 56

[17] https://wirtschaft.hessen.de/sites/wirtschaft.hessen.de/files/2021-12/Energiemonitoringbericht_2021_web.pdf Seite 85

[18] https://schatzinsel-kuehkopf.hessen.de/kopfweiden

[19] https://schatzinsel-kuehkopf.hessen.de/schutzgebiet/weiterf%C3%BChrende-informationen/arten/v%C3%B6gel

[20] Elisabeth Langgässer, Gang durch das Ried. Roman. FFM/Berlin/Wien: Ullstein 1981 (Ullstein-Buch Nr. 37025, S. 118/119

[21] Nachfolgend sind einige außerordentlich schöne Fotos von Andrea’s Kreativwerkstatt abgebildet. Mit ihnen hat es folgende Bewandtnis: Im letzten Herbst haben wir bei einem Ausflug auf den Kühkopf an einem Beobachtungsstand die Bekanntschaft mit Andrea gemacht. Sie war uns aufgefallen wegen ihrer bemerkenswerten Fotoausrüstung. Also sprach ich sie an, um sie auf die Wildschweinfamilie aufmerksam zu machen, die wir gerade beobachtet hatten. Daraufhin zeigte sie uns die Fotos, die sie schon vor uns aufgenommen hatte- eines davon ist nachfolgend zu sehen. Wir kamen ins Gespräch, sie erzählte von ihrem Hobby, auf dem Kühkopf, in dessen Nähe sie wohne, Tierfotos zu machen. Ich berichtete ihr von meinem Vorhaben, einen Blog-Artikel über den Kühkopf zu schreiben und fragte sie, ob sie vielleicht dazu einige Tierbilder beisteuern könnte. Sie war damit einverstanden und schickte mir kurz danach u.a. die nachfolgend in den Beitrag aufgenommenen Bilder. Bei der Arbeit an diesem Beitrag hätte ich sie gerne noch einmal kontaktiert, hatte aber leider ihre e-mail Adresse nicht gespeichert. Aber vielleicht ermöglicht es dieser Beitrag ja, den Kontakt zu erneuern. Das würde mich sehr freuen.

[22] Zu den Reihern auf dem  Kühkopf siehe auch: https://www.zobodat.at/pdf/JBer-Vogelkdl-Beobachtungsstat-Untermain_7_0019-0051.pdf 

[23] . https://www.echo-online.de/lokales/kreis-gross-gerau/stockstadt/exotischer-gast-kommt-regelmassig_17721760

[24] https://rheinstation.uni-koeln.de/tiere-im-rhein/muscheln-und-schnecken-im-rhein

[25] https://schatzinsel-kuehkopf.hessen.de/bildungszentrum/ausstellungen

[26] Schautafel der Ausstellung

[27] Homepage des Naturschutzzentrums: https://schatzinsel-kuehkopf.hessen.de/bildergalerien/juni

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Johann Gottfried Tulla, der Rheindompteur, in Paris

1824 richtete der badische Lokaldichter Dillmann die nachfolgende etwas ungelenke Huldigung an Johann Gottfried Tulla:

„Lob und Dank sei diesem Mann, der durch seinen weisen Plan,

den er nun zu Ende gebracht, uns vom Rhein hat freigemacht.“[1]

Damit rühmte er das Lebenswerk seines Landsmanns, des badischen Wasserbauingenieurs Johann Gottfried Tulla, den damals noch wilden, ungebändigten Rheinstroms zu „bändigen“. Ein Chronist des 19. Jahrhunderts schrieb über den Fluss, er sei „der schreckliche Feind, der nicht nachlässt zu toben, bis er nicht Land und Leute verdorben hat.“[2]

Um dem abzuhelfen, entwarf Tulla den umfassenden Plan einer „Rectification“ des Flusses. Damit sollten die ständigen Gefahren heftiger Hochwasser beseitigt, das natürliche Überschwemmungsgebiet des Rheins landwirtschaftlich und städtebaulich nutzbar gemacht und  am Oberrhein damals noch verbreitete Krankheiten wie Malaria und Typhus bekämpft werden. Die Begradigung und damit auch Verkürzung des Flusses sollte zudem die bessere Nutzung des Rheins als Wasserstraße ermöglichen.

Allerdings gab es auch Widerstand gegen Tullas Pläne: Bauern, die durch die von Tulla geplanten Durchstiche des Rheins ihr angestammtes Land verloren, beschimpften und bedrohten die Bauarbeiter und Ingenieure, sodass sogar das Militär zu deren Schutz eingesetzt werden musste.  Heute sind es vor allem ökologische Argumente, die gegen Tullas fortschrittsgläubiges Eingreifen in die Natur vorgebracht werden, wobei nicht alle Probleme des Rheins – wie zum Beispiel die industriebedingte Wasserverschmutzung- auf Tulla zurückzuführen sind.

Das Wirken Tullas und seine Bewertung erhielten in den letzten Jahren besondere mediale Aufmerksamkeit: 2017 jährte sich der Beginn der Rheinbegradigung zum 200. Mal,  2020  Tullas Geburtstag zum 250. Mal:  Anlässe für Presseberichte, einen Arte-Film und auch ein Buch über

„Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion.“[3]

Gegenstand des nachfolgenden Berichts ist allerdings nicht eine umfassende Darstellung und Würdigung des Tulla’schen Wirkens. Passend zu einem Paris- und Frankreich-Blog geht es hier um die Bedeutung, die Paris für Tulla hatte. Und diese Bedeutung ist sehr erheblich und vielfältig:

  • Tulla hat sich an der École polytechnique in Paris fortgebildet und dort wichtige Impulse für seine weitere Arbeit erhalten.
  • In Paris hat er seine erste große Denkschrift über die „Rectification“ des Rheins erstellt.
  • Die damals in Paris eingeführte nationale Maßeinheit des Meters hat Tulla angeregt, auch in seinem Heimatland Baden ein auf dem Dezimalsystem basierendes einheitliches Längenmaß einzuführen.
  • Es war auch in Paris, wo er sich -letztendlich allerdings erfolglos- von einem international bekannten Spezialisten für Blasenleiden hat behandeln lassen.
  • Im Zuge dieser Behandlung ist Tulla in Paris gestorben und auf dem Friedhof von Montmartre beigesetzt worden.
Der Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla in badischer Offiziersuniform[4]

Studium an der École Polytechnique

Tulla wurde vor allem an der Bergakademie im sächsischen Freiberg ausgebildet, wo er von 1794 bis 1796 studierte. Danach erhielt er eine Anstellung im badischen Staatsdienst und spezialisierte sich auf den am Rhein besonders wichtigen Bereich des Flussbaus. In diesem Zusammenhang wurde  er 1801 nach Paris beordert. Die Rheinbegradigung war das größte damalige Bauprojekt Europas, ja „die gesamte Begradigung des Oberrheins gilt bis heute als größte, je vom Menschen erbrachte Erdbewegung in Mitteleuropa“! [4a] Und es war ein grenzüberschreitendes Projekt, das nicht nur Baden, Hessen und die zu Bayern gehörende Pfalz betraf, sondern auch Frankreich. Tulla sollte also seine Sprachkenntnisse verbessern, um sich  mit  den  französischen  Kollegen  adäquat auseinandersetzen zu können. Und er sollte an der von Napoleon gegründeten Pariser  École polytechnique, der besten damaligen naturwissenschaftlichen Hochschule Frankreichs, das französische Ingenieurwesen kennenlernen.[5]

Portal des ursprünglichen Sitzes der École Polytechnique placette Jacqueline-de-Romilly (Paris, 5e)  Foto: Wolf Jöckel

Tulla war einer der ersten Auslandsstudenten an der Ecole Polytechnique, zusammen mit dem Naturforscher Alexander von Humboldt und dem italienischen Physiker Alessandro Volta.

Pavillon Joffre am traditionellen Sitz der École Polytechnique (Paris, 5. Arrondissement) mit dem Leitspruch Pour la Patrie, les Sciences et la Gloire. (Für das Vaterland, die Wissenschaften und den Ruhm)

Den Vorlesungen an der École Polytechnique konnte Tulla aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse zur bedingt folgen. Aber er verinnerlichte das an der Pariser Hochschule praktizierte System der Verbindung von Theorie und Praxis, das er später als Vorbild für die von ihm gegründete Karlsruher Ingenieurschule -dem Vorläufer des heutigen Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)- nutzte.

Relief am Portal der École Polytechnique  Foto: Wolf Jöckel

An der École Polytechnique begegnete Tulla auch Gaspard Monge, dem damals europaweit bekannten Autor der darstellenden Geometrie und einem der Gründungsväter der Schule.  Angeregt durch seine Pariser Studien übertrug Tulla die mathematischen Regeln auf die Konstruktion von Uferbestigungen (Faschinenbau).  

Johann Gottfried Tulla nutzte für die Vermessungsarbeiten am Rhein die modernsten Messgeräte seiner Zeit. Steffen Schroeder als Tulla im Arte-Film „Der Flussbaumeister. Wie Tulla den Rhein begradigte“  © Foto: arte

Die Einführung eines einheitlichen Maßes in Baden nach französischem Vorbild

Tullas Plan einer Rectification des Rheins hatte eine neue Vermessung und genaue Kartographierung des Landes zur Voraussetzung.  Das war insofern ein Problem, als durch die napoleonischen Neuordnungen Baden um ein Vielfaches erweitert wurde und die verschiedenen Landesteile des neugeschaffenen Großherzogtums unterschiedliche Maßeinheiten hatten. Da gab es – um nur einige zu nennen- den badischen, Mannheimer, rheinländischen, Nürnberger und bayerischen Fuß, den Röttler und den Badenweiler und Hochberger Juchert.. [5a] Deren Vereinheitlichung war unerlässlich und Frankreich diente dabei Tulla als Vorbild.

Dort hatte es nämlich bis zur Revolution von 1789 ebenfalls eine Vielzahl unterschiedlicher Maße und Gewichte gegeben- eine Handel und Gewerbe beeinträchtigende Begleiterscheinung des Feudalsystems. In den Beschwerdeheften (Cahiers de Doléances) für die Abgeordneten der Generalstände von 1789 spielte dieses Thema eine wesentliche Rolle. Die Nationalversammlung nahm denn auch eine Vereinheitlichung als wesentlichen Beitrag zur nationalen Einheit in Angriff. Entsprechend dem universalistischen Geist der Aufklärungsphilosophie, die ja auch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte prägte, sollte das neue System allerdings nicht nur für das revolutionäre Frankreich, sondern für alle Länder und Zeiten („à tous les temps, à tous les peuples“) Bestand haben.

Mit Gesetz vom 7. April 1795 (18 germinal an III) wurde eine einheitliche Maßeinheit für ganz Frankreich eingeführt, das mètre étalon. 1796/97 wurden solche von Chalgrin, dem späteren Architekten des Arc de Triomphe, entworfenen Urmeter im ganzen Land an einer Vielzahl von  öffentlichen Orten installiert.[6] In Paris waren es ursprünglich 16 Urmeter, von denen zwei erhalten sind. Das eine befindet sich noch am ursprünglichen Ort in der rue Vaugirard Nummer 36 gegenüber dem Palais du Luxembourg.

Foto: Wolf Jöckel

Das zweite noch erhaltene ist  -vermutlich seit 1848-  am Sitz des Justizministeriums an der Place Vendôme Nummer 13 installiert.[7]

Foto: Wolf Jöckel

Auf diesem Urmeter ist gut zu erkennen, dass es sich bei der neuen Maßeinheit um ein Dezimalsystem handelt, eine revolutionäre Neuerung.  

Ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Paris wurde der mittlerweile 34­-Jährige zum Oberingenieur ernannt. Es wurden ihm die seinem Rang entsprechenden Aufgaben übertragen. Dazu gehörte auch die Mitarbeit im Gremium zur Vereinheitlichung der Maße und Gewichte im Großherzogtum Baden. Dabei gab es zwei Leitlinien: Das bisher gebräuchliche Doudezimalsystem sollte durch das in Frankreich etablierte Dezimalsystem ersetzt werden, das gerade für die Ingenieure und damit auch die Rheinkorrektur ein erheblicher Fortschritt war. Auch der Meter als Maßeinheit nach französischem Vorbild bot sich an. Allerdings „war die Nachahmung des französischen Vorbildes politisch unerwünscht. Tulla umging die politische Hürde, indem er das neue badische Maß am Meter ausrichtete, diesen jedoch nicht einfach übernahm.“[8] Die neue badische Ruthe, eingeteilt in zehn Fuß, entsprach drei französischen Metern und der neue badische Fuß, eingeteilt in 10 Zoll- entsprach dementsprechend drei französischen Dezimetern.[9]

 Jetzt mussten allerdings die neuen Maße und Gewichte der Bevölkerung vermittelt werden. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte Johann Peter Hebel mit seiner Kalendergeschichte „Des Adjunkts Standrede über das neue Maß und Gewicht“ aus dem Jahr 1812. Der Beamten-Gehilfe steht in einem Wirtshaus auf einem Stuhl und erläutert sehr anschaulich den Anwesenden die Vorteile des neuen Systems:

Erstlich, so war’s bisher in jeder Herrschaft, in jedem Städtlein anders, andre Ellen, andre Schoppen, andre Simri oder Sester, anderes Gewicht. Jetzt wird alles gleich von Überlingen oder Konstanz an, am großen See, bis nach Lörrach im Wiesenkreis und von da durch das ganze Land hinab bis nach Wertheim im Frankenland. Niemand kann mehr irregeführt werden, wie bisher, wenn er an einen fremden Ort kommt und fragt: „Wie teuer die Elle Tuch, oder der Vierling Käs?“ Der Wirt sagt: „So und so viel.“ Wenn er nun meint, hier sei der Käs wohlfeil, und sagt: „Wißt Ihr was? bringt mir lieber ein halbes Pfund“, so bekommt er leichteres Gewicht, und der Käs ist teurer als daheim. Das geht in Zukunft nicht mehr an. Ja es kann alsdann jeder Händler durch das ganze Land seine Elle und seinen Pfundstein selber mit sich führen, ist er in Überlingen probat, so ist er’s auch in Wertheim. [10]

Besonders schön auch die volkstümliche Begründung für die Einführung des Dezimalsystems:

Der große Vorteil aber, der durch die neue Einteilung der Maße gewonnen wird, zeigt sich im Rechnen, weil alles in 10 Teile geht, und keine ungeraden Zahlen oder Brüche im Multiplizieren oder Dividieren zu fürchten sind. Als nämlich noch keine Rechnungstafeln, kein Einmaleins, kein Schulmeister und kein Herr Provisor im Land war, zählten unsere Uraltem an den Fingern. Einmal 10, zweimal 10, dreimal 10; – bis auf zehnmal zehn usw. Daher entstanden die Hauptzahlen 10, 20, 30 und bis auf 100. Item 10 mal 100 ist tausend;
10 mal 1000 ist 10 000 und so weiter. Demnach so ist diese Rechnungsart die natürlichste und ist dem Menschen schon im Mutterleib mit seinen Fingern angewachsen und angeboren und unsere Alten haben’s wohl verstanden mit ihren 3 alten Zahlen, als da sind I und V und X. Solches kommt auch von den Fingern her.

Allerdings dauerte es noch bis 1827, bis das neue System im ganzen Großherzogtum Baden eingeführt war.

Vielleicht trug auch die Erfahrung des revolutionären Frankreichs dazu bei, dass sich Tulla für die Abschaffung der Frondienste einsetzte. Schon 1807, bald nach seiner Rückkehr aus Paris, verfasste er eine Denkschrift, in der er vorrechnete, „dass im Frondienst erstellte Flussbauten um ein Fünftel teurer wären als die im Taglohn ausgeführten Arbeiten. Die Abneigung der zum Frondienst Verpflichteten führe zu unzureichender Arbeitsleistung. In Vorträgen warb Tulla für seine Ansichten, was schließlich zum Erfolg führte.“  In einem Erlass vom14. Mai 1816 wurden in Baden die Flussbaufronden aufgehoben und durch ein vom Land aufgebrachtes Flussbaugeld ersetzt.[11]

1827 Ernennung zum Offizier der französischen Ehrenlegion

Am 21. August 1827 wurde „Jean Godefroi“ Tulla zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Gerade für einen Ausländer war dies eine besondere Ehre,  wurden mit der Ehrenlegion doch besondere Verdienste für die Nation  (services éminents à la Nation) gewürdigt. Aber die Rheinkorrektur war ja nicht nur für die angrenzenden deutschen Staaten, sondern auch für das zu Frankreich gehörende Elsass von besonderer Bedeutung. Anlass der Würdigung war der Abschluss eines Grenzvertrags zwischen Baden und Frankreich: Im Zuge der Rheinregulierung musste ja die Grenze neu festgelegt werden, und dies war auch dauerhaft möglich, weil der Lauf des Rheins jetzt den Plänen der Wasserbau-Ingenieure, vor allem Tullas, folgte und nicht mehr den Launen der Natur.

Verleihungsurkunde der Ehrenlegion für Tulla,  colonel,  Directeur des Ponts et Chaussees du Grand-Duché de Bade vom 21. August 1827[12]

Die Ehrenlegion war 1802 von Napoleon, damals 1. Konsul, gegründet worden, wurde aber nach seinem Sturz von dem Bourbonen-König Ludwig  XVIII. weitergeführt. Jetzt allerdings als königlicher Orden. Da wurde dann natürlich das Bild Napoleons ersetzt durch das des ersten Bourbonen-Königs Heinrich IV. bzw. der napoleonische Adler durch die Bourbonen-Lilien.[13]

In der relativ friedlichen Restaurations-Zeit wurden immer mehr bedeutende Zivilisten mit der Ehrenlegion ausgezeichnet, darunter Victor Hugo (im Alter von 23 Jahren!), Lamartine, Chateaubriand und Jean-François Champollion, dem die Entzifferung der ersten Hieroglyphen gelang: Da befand sich Tulla also in bester Gesellschaft.

Auf dem oben abgebildeten Portrait Tullas – hier ein entsprechender Ausschnitt- ist der Orden der Ehrenlegion gut zu erkennen: Er hängt neben dem ganz links befestigten badischen Verdienstorden (dem Orden des Zähringer Löwen), der Tulla noch einen Monat vor seinem Tod von seinem Landesherren verliehen worden war. Die Erfahrung habe „die Richtigkeit Ihrer Vorschläge wegen der Rheinrectification“ bewiesen.[14]  Ganz rechts hängt der Verdienstorden der Bayerischen Krone, halbrechts der russische Orden des Heiligen Wladimir. Den hatte er 1814 erhalten, weil er mit vom ihm geleiteten Straßenbaumaßnahmen den Übergang der im Kampf gegen Napoleon verbündeten Armeen, also auch der russischen, über den Rhein südlich von Straßburg  erleichtert hatte.[15]  

Behandlung bei Dr. Civiale im hôpital Necker und Tod in Paris

Tulla hatte schon seit seinem Pariser Studienaufenthalt mit gesundheitlichen Beschwerden zu tun. Ende der 1820-er Jahre verschlechterte sich aber sein Gesundheitszustand zunehmend. Auch eine längere Arbeitspause und ein Kuraufenthalt konnten daran nichts ändern. Als Ursache  seiner vielfältigen  Beschwerden wurden schließlich Blasensteine  festgestellt und er wurde 1827 zur Behandlung an den damals besten urologischen Facharzt Jean Civiale nach Paris überwiesen. Der arbeitete an dem 1778 gegründeten und sehr fortschrittlichen hôpital Necker: Es war das erste Pariser Krankenhaus, in dem jeder Patient ein eigenes Bett zur Verfügung hatte.[16]

Eingang des Krankenhauses, rue de Sèvres, 15. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel

Civiale hatte eine neue Methode der Beseitigung von Blasensteinen erfunden:  Es handelte sich um eine nicht-invasive bzw. minimal-invasive Technik der Lithotripsie, bei der die Blasensteine in der Harnblase durch ein spezielles durch die Harnröhre eingeführtes Instrument zertrümmert wurden. Civiale war die international anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet: 1827 hatte er ein Buch über seine Methode veröffentlicht, das zum Standardwerk  wurde,  1826 und 1827 war er für seine Erfindung und die Vielzahl der mit ihr praktizierten erfolgreichen Operationen (insgesamt etwa 1500) vom Institut royal de France ausgezeichnet worden. [17] Auch aus dem Ausland kamen Patienten nach Paris, um von ihm operiert zu werden. So auch der Astronom Franz Xaver von Zach, Lehrer des Mathematikers Gauß und Alexander von Humboldts, der in einem Brief aus Paris schrieb:

„Ein neuer Beweis, wenn es noch einen bedarf, dass Civiale’s Methode unfehlbar, und unübertreffbar ist, bewährt sich nun abermal, an den Baadischen Ingieurs-Obrist Tulla aus Carlsruhe, welcher auf mein Anrathen und Zureden hierher gekommen ist, um sich von Civiale operieren zu lassen. Er ist mein Nachbar, und logirt in einer Stube neben mir.“

Die ersten Behandlungen zur Zertrümmerung der Steine seien sehr erfolgreich gewesen, bald werde Tulla wieder „ganz hergestellt“ sein. Auch Tulla selbst war sehr überzeugt von der Methode Civiales. Er schickte Operationsbestecke in die Heimat, „dass man nicht genöthigt werden wird nach Paris zu gehen um sich von den Steinen befreyen zu lassen.“ Anfang Februar 1827 schrieb er in einem Brief:

„Ich sehe nun dem Ende meiner Kur getrost entgegen und hoffe, dass solches in künftiger Woche erfolgen dürfte. Nach Beendigung meiner Kur werde ich noch 4 Wochen  hier verbleiben und dann meine Rückreise antreten.“

Dann allerdings verschlechterte sich Tullas Gesundheitszustand und er verstarb am 27. März 1828. „Um den Verdacht, der Tod wäre als Folge der Blasenoperationen aufgetreten, auszuräumen, obduzierte Civiale den Leichnam Tullas und stellte krampfhafte Erstickungsanfälle als Todesursache fest.“ Diese Diagnose übernahm dann auch Philipp Jacob Scheffel in seinem Nekrolog auf Tulla. [18] Durch das Internet geistert auch die Version, Tulla sei der Malariakrankheit erlegen – so sogar in einem professoralen Fachbeitrag des Universitätsklinikums Heidelberg![19]  Es wäre ja auch in der Tat eine Ironie des Schicksals, wenn Tulla gerade an der Krankheit gestorben wäre, die er mit seinem Lebensprojekt bekämpfen wollte.[20]

Heute ist das hôpital Necker eine Kinderklinik. Dazu passend der von Keith Haring bemalte Turm.  Foto: Wolf Jöckel

Das Grabmal auf dem Friedhof von Montmartre 

Tulla wurde auf dem Friedhof Montmartre in Paris beigesetzt und seine Grabstelle kaufte die badische Landesregierung „auf ewig“. Sie liegt, problemlos zu finden, in der ersten Gräberlinie der Avenue Berlioz, an der Ecke der 26. Division. Ganz in der Nähe übrigens, ebenfalls an der Avenue Berlioz, in der 27. Division liegt übrigens das Grab von Heinrich Heine. [20a]

Foto: Wolf Jöckel

Inzwischen steht das Grabmal nicht mehr so frei wie auf der zeitgenössischen Abbildung[21] und die Inschrift auf der Schauseite ist stark verwittert.

Foto: Wolf Jöckel

Nachfolgend der Text der Würdigung auf der Schauseite. Es werden Tullas Rang (Oberst), seine -in französischer Terminologie bezeichnete Funktion (Generaldirektor „der Brücken und Straßen“, was aber in Baden auch den Wasserbau einschloss), seine vier Orden und die Geburts- und Sterbedaten mit den entsprechenden Orten genannt:

JEAN GODEFROY TULLA,

colonel, directeur général / des ponts et chaussées / du grand-duché de bade,

chevalier de l’ordre grand-ducal / du lion de zaehringen / officier de l’ordre royal de la légion-d’honneur,

chevalier de l’ordre impérial de st wladimir de russie/ et de l’ordre royal de la couronne de bavière,

né a carlsruhe le 20 mars 1770

décédé à Paris le 27 mars 1828.[22]

Auf der Rückseite des Grabmals wird mitgeteilt, dass es von den badischen Freunden Tullas errichtet worden sei, um seine „Talente, Redlichkeit und Verdienste“ zu würdigen.

Hommage / rendu à la mémoire / des talents, de la probité  / et du mérite / du défunt / par ses amis/

dans le grand-duché de bade. Foto: Wolf Jöckel

Foto: Wolf Jöckel

Das Relief auf dem Grabstein zeigt einen Plan mit einem wild mäandernden Rheinabschnitt und dem begradigten „Neurhein“. Dabei soll es sich um das „Altriper Eck“ handeln, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip südlich von Mannheim.[23] Es war der letzte Abschnitt der von Tulla geplanten Rheinkorrektur zwischen Basel und Mannheim mit seinen insgesamt 18 Durchtrennungen von Rheinschlingen. Erst 1865, also 40 Jahre nach Tullas ersten Plänen, fand hier der erste Spatenstich statt und erst 1874 war das Werk vollendet: Also gewissermaßen Tullas Vermächtnis.[24]

In einem nachfolgenden Beitrag wird es um das zwischen Mainz und Mannheim gelegene Naturschutzgebiet „Kühkopf“ gehen: Die „Rectificationen“ des Rheins haben nicht nur natürliche Lebensräume zerstört, sondern auch Inseln der ursprünglichen Rheinauen wie den „Kühkopf“ geschaffen.

Literatur

Johann Gottfried Tulla, Ueber die Rektifikation des Rheins: von seinem Austritt aus der Schweitz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogthum Hessen. Karlsruhe: Müller 1825  https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/titleinfo/5654478

Franz Littmann, Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion. Neulingen: J.S. Klotz Verlagshaus 2020

Norbert Rösch, Die Rheinbegradigung durch Johann Gottfried Tulla.   
zfv – Zeitschrift für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement  4/2009    

Philipp Jakob Scheffel, Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla: gestorben in Paris am 27. März 1828. Karlsruhe 1830  Inhouse-Digitalisierung / Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla (blb-karlsruhe.de)

Nicolle Zerratin und Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla. Beiträge zur Stadtgeschichte, Rastatt 2015


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen

[1] Zitiert in: Johann Gottfried Tulla. 20.3.1770 – 27.3.1828  Ansprachen und Vorträge zur Gedenkfeier und Internationalen Fachtagung über Flußregulierungen aus Anlaß des 200. Geburtstages. Karlsruhe 9.-11.1970. Karlsruhe 1970

Beitragsbild: Grabinschrift mit französischen Vornamen vom Friedhof Montmartre. Foto: Wolf Jöckel

[2] https://www.planet-schule.de/wissenspool/lebensraeume-im-fluss/inhalt/hintergrund/mensch-und-fluss/rheinbegradigung-i.html

[3] Franz Littmann, Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion. Neulingen: J.S. Klotz Verlagshaus 2020

Der Flussbaumeister. Wie Tulla den Rhein begradigte. Arte August 2021

[4] Bild aus: https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/stadtmuseum/tulla.de

  Stadtarchiv Karlsruhe 8PBS III 1880

[4a] Informationstafel Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf

[5] Norbert Rösch, Die Rheinbegradigung durch Johann Gottfried Tulla.  Zfv
zfv – Zeitschrift für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement  4/2009  134. Jahrgang, S. 242–248

[5a] Eberhard Henze, Technik und Humanität. Johann Gottfried Tulla. Mannheim 1989, S. 16

[6] https://metrologie.entreprises.gouv.fr/fr/la-metrologie/point-d-histoire/histoire-du-metre

[7] http://www.justice.gouv.fr/histoire-et-patrimoine-10050/le-metre-etalon-de-la-place-vendome-restaure-et-reinstalle-33912.html  

[8] Zarratin, S. 16 und Littmann, S. 24

[9] In Hessen übrigens hatte man die politischen Vorbehalte gegenüber dem französischen Maßsystem offenbar nicht: Da entschied der Darmstädter Großherzog „dass das ganze französische Maß und Gewicht System hier eingeführt werden soll, und dass dazu die genauest abgegliechenen Exemplare jetzt aus Paris verschickt sind.“Siehe Zarratin, S. 16/17. Zitiert aus einem Brief von Carl Kroencke, dem Wasserbauingenieur im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Kroencke setzte in Hessen die von Tulla in Baden begonnene Rheinbegradigung fort.

[10] Text und Bild aus: http:/hausen.pcom.de/jphebel/geschichten/ajunkt_standrede_ma%C3%9F_gewicht.htm

[11]  Zerratin/Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla,  S.18

[12] https://www.leonore.archives-nationales.culture.gouv.fr/ui/  und https://www.leonore.archives-nationales.culture.gouv.fr/ui/notice/363977

[13] https://www.proantic.com/display.php?id=229038

[14] Aus der Begründung der Ordensverleihung. Zitiert bei Zerratin/ Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla. S. 28/29

[15] Dieser Orden wurde auch oft an Ausländer -vor allem Preußen- verliehen. Im Verzeichnis der Träger des Ordens von Wikipedia ist Tulla allerdings nicht enthalten. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kategorie:Tr%C3%A4ger_des_Ordens_des_Heiligen_Wladimir&pageuntil=Strantz%2C+Gustav+Adolf+von%0AGustav+Adolf+von+Strantz#mw-pages

[16] https://histoire.inserm.fr/les-lieux/hopital-necker-enfants-malades 30. 8. 2019

[17] Von der Lithotritie oder Zerreibung des Steines in der Blase. Dr. Giviale Paris 1827.

Im Nouveau Dictionnaire de Médecine, Chirurgie etc (2. Band, Paris 1826) wird auf die Publikationen Civiales und seine Auszeichnungen und Erfolge verwiesen.

[18] Zerratin/ Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla, S. 26. Dort auch die Zitate von Zach und Tulla.

Philipp Jakob Scheffel, Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla, S. 19

[19]  Kommt die Malaria zurück in den Rhein-Neckar-Raum? – Klinikticker Online   

[20] Ironie du sort, l’ingénieur allemand succombe en 1828 à l’un des ennemis qu’il combattait : le paludisme.   https://www.telepro.be/decouverte/lhomme-qui-raccourcit-le-rhin.html

[20a] Siehe den Blog-Beitrag zu Heine: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[21] Les principaux monuments funéraires/Tulla – Wikisource

[22]  Grabinschriften weitgehend übernommen aus: https://fr.wikisource.org/wiki/Les_principaux_monuments_fun%C3%A9raires/Tulla  

[23] https://wiki.edu.vn/wiki64/2022/02/13/johann-gottfried-tulla-wikipedia/  

[24] http://www.hgv-altrip.de/index.php/heimat-und-geschichte/alle-beitraege/1109-die-kuerzeste-und-schwierigste-korrektur-des-rheins.html

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Naturparadies aus Menschenhand: Das Europareservat Kühkopf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst.

Anlass für diesen Beitrag ist Luise Straus-Ernsts „Zauberkreis Paris“, ein kürzlich zum ersten Mal in Buchform veröffentlichter „Roman aus dem Exil“.  Der Text wurde 1934/1935 in der Exilzeitung „Pariser Tageblatt“ in 38 Folgen als Fortsetzungsroman veröffentlicht und ist jetzt auch einem breiten Leserkreis zugänglich:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Dass jetzt der „Zauberkreis Paris“ Thema eines Beitrags auf diesem Blog ist, hat mehrere Gründe:

  • Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs. (Siehe unten die entsprechende Zusammenstellung). Insofern ergänzt und bereichert der nachfolgende Beitrag diesen Themenbereich.
  • Der Roman spiegelt die Faszination wider, die die Stadt Paris auf viele Emigranten ausübte.
  • Er beleuchtet aber auch in aller Deutlichkeit die Probleme, die gerade weniger prominente Emigranten hatten, dort Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz aufzubauen.
  • Er ist auch die Geschichte der Emanzipation einer Frau, die gezwungenermaßen ihren eigenen Weg sucht und findet.
  • Und es ist schließlich ein Roman mit vielfachen autobiographischen Bezügen, geschrieben von einer faszinierenden Frau, die als „Notre Dame de Dada“ und erste Frau des Malers Max Ernst in Köln lebte, dann als Jüdin zunächst in Paris, dann in Südfrankreich Zuflucht suchte, aber kurz vor der Befreiung Frankreichs noch verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

In dem Roman gehören der kommunistisch orientierte Journalist Peter Krimmer und die aus einer jüdischen Familie abstammende Ulla  Frankfurter  zu den deutschen Flüchtlingen,  die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme  „in hellen Scharen nach Paris hereinströmten“ (Traumland Paris, S. 28). Paris übt auf sie eine unvergleichliche Faszination aus:

„Dieses Mal allerdings ging man anders an diese unendliche Stadt Paris heran als bisher in karg bemessenen Ferienwochen. Museen und Ausstellungen, Schlösser und Bibliotheken – dies alles eilte nicht, das blieb ja, dazu kam man immer noch. Dinge, zu denen früher nie Zeit gewesen war, sollten nun endlich an die Reihe kommen. – In Parks zu sitzen und die Stunden verrinnen zu fühlen, umstrahlt von dem unvergleichlichen Licht des Luxembourg-Gartens oder eingefriedet von dem koketten Ruinenzauber des Parc Monceau oder im heiteren Entzücken der Vorstadtromantik in den Buttes-Chaumont. – das war etwas! — “ (Traumland, S. 24/25).  Und dann gibt es ja noch die Rue Mouffetard, die Seine-Quais mit den Bouqinistes und den Clochards,  den Flohmarkt, das Judenviertel oder einen Bal-musette: Fast macht das den Eindruck, als habe Luise Straus-Ernst den deutschen Neuankömmlingen in Paris einige- in das Traumland-Bild passende-  touristische Tipps für die Erkundung der Stadt geben wollen.

Und dazu gibt es noch praktische Hinweise auf französische Besonderheiten. Das passte zu der redaktionellen Linie des Pariser Tageblatts, das sich bemühte, seinen Leserinnen und Lesern Orientierungshilfe im fremden und ungewohnten Pariser Alltag zu geben. [1]

So schreibt Peter in einem Brief an die noch nicht nach Paris emigrierte Ulla:

„Ich sitze hier sozusagen mitten auf der Straße, an einem runden Tischchen, auf dem Kaffee in einem Glase steht, ja, wirklich in einem Glas mit Fuß auf einem kleinen Teller, der den Preis des Getränks gleich aufgedruckt trägt. Wenn es mir Spaß mache, den ganzen Nachmittag und Abend vor diesem einzigen Glas  zu sitzen, wird mich niemand daran hindern, kein Kellner mich schief ansehen. Wenn es mir aber einfallen sollte fortzugehen, dann kann ich das ebenso unbelästigt tun. Ich lege die aufgedruckte Summe und ein kleines Trinkgeld auf den Teller und verschwinde. Niemand außer dem Kellner, den es angeht, wird es sich einfallen lassen, dieses Geld wegzunehmen.“ (Zauberkreis Paris, S. 40)

Und als dann auch Ulla in Paris angekommen ist, wird über deren Café-Erfahrungen berichtet:

„Sie frühstückte auf der Terrasse eines kleinen Cafés an der nächsten Ecke und freute sich am Sonnenschein, bemerkte allerdings zu spät, dass die meisten Leute ihren Café crème und ihre Croissants im Stehen an der Bar einnahmen. Das würde sie von morgen auch tun. Diese eilige eigentlich gar nicht pariserische Art, eine Mahlzeit einzunehmen, gefiel ihr. Übrigens war es auf diese Weise ja auch billiger, und darauf würde man sehr zu achten haben.“ (Zauberkreis Paris, S. 68)

Die Pariser Cafés hatten, das wird hier deutlich, eine eminente Bedeutung gerade für die Emigranten. Denn die meisten wohnten beengt und wenig komfortabel. Man vermochte es also nicht, „die kahlen Wände und kümmerlichen Draperien der Hotelzimmer mit dem Rauschen der Wasserleitungen auf die Dauer zu ertragen.“ (Traumland Paris, S.29). Da waren die Cafés ein willkommener Ausweichort und auch ein wichtiger Treffpunkt: für „Ärzte, Anwälte, Kaufleute“ eher die Cafés der Champs-Élysées, für die ärmeren Intellektuellen die Cafés von Montparnasse. „Von den Cafés beider Gegenden erzählte man den gleichen Witz, es habe sich dort -im Dôme [2] oder im Colisée- ein Franzose erschossen, aus Heimweh.“ (Zauberkreis Paris, S. 30)

Luise Straus-Ernst schildert in ihrem Roman am Beispiel der beiden Protagonisten aber auch die Schwierigkeiten und Nöte der deutschen Emigranten in Paris. Da gibt es Komitees, „die sich zu rascher Hilfeleistung überall aufgetan hatten.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Das wichtigste Flüchtlingskomitee war das Comité national de secours aux refugiés allemands victimes de l’antisemitisme, das mit französischen, amerikanischen und englischen Spendengeldern finanziert wurde.[3] Vielleicht war es dieses Komitee, von dem in dem Roman die Rede ist:

 „Peter hatte in den ersten Tagen eine solche Stelle aufgesucht in der vagen Hoffnung, man werde ihm hier eine Arbeitsmöglichkeit nachweisen. Aber für die Kenntnisse, die er angegeben hatte, gab es keinerlei Verwendung. Ein Uhrmacher wurde gesucht, mehrere Sattler. Eine wohlmeinende Komiteedame machte auf einen Schriftsetzerposten bei einem hebräisch gedruckten Blatt aufmerksam und war beinahe gekränkt, als Peter ihr den Unterschied zwischen Schriftsetzer und Schriftsteller klarzumachen suchte.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Bei seinen Versuchen, Beiträge in der französischen Presse unterzubringen, wird er auf vielfache Weise hingehalten:

„Dies alles war nicht einmal Bosheit oder Schikane. Es waren die Höflichkeitsformen eines fremden Landes, an die man sich gewöhnt hatte. Man sagte hier niemals: Nein. Man lehnte nichts ab. Man half sich eben mit mehr oder weniger vagen Versprechungen und dachte gar nicht daran, jemals beim Wort genommen zu werden.“ (Traumland Paris, S. 32/33). Das ist übrigens genau der Hinweis, den uns vor Jahren bei unserer Installation in Paris ein schon lange dort lebender deutscher Freund gegeben hatte. Und seitdem haben wir eine ganze Reihe von entsprechenden eigenen Erfahrungen gemacht….

Dies gilt auch für Ulla, aber sie ist bereit, jede Stelle anzunehmen; und für Frauen, die als Sekretärinnen und Kindermädchen zu verwenden waren, findet sich eher eine Stelle als für junge Männer. Da sie aber keine offizielle Arbeitserlaubnis besitzt, sind das meistens nur kurzfristige Beschäftigungen. (Zauberkreis Paris, S. 120)

Einmal findet sie „eine Ferienvertretung für die Stenotypistin eines großen Herrenmodenhauses“, eine „angenehme und gut bezahlte Tätigkeit“:

„Die Vertretung hatte einen Monat dauern sollen, bot also für die derzeitigen Verhältnisse eine geradezu fantastische Sicherheit. Aber am fünften oder sechsten Tag fragte der Bürovorsteher Ulla  nach ihrer Arbeitskarte. Sie besaß natürlich keine, war erstaunt, dass sie selbst für eine so vorübergehende Beschäftigung verlangt würde. Nun, die Chefs hatten keine Lust, sich für die Gutmütigkeit, mit der sie einen Flüchtling beschäftigten, auch noch strafbar zu machen. Am Abend wurde Ulla ausgezahlt und brauchte nicht mehr wiederzukommen.“ (Zauberkreis Paris, S. 91/93)

Aber Ulla gibt nicht auf, anders als viele Männer, die -im früheren Leben erfolgreiche und respektierte Persönlichkeiten- den sozialen Abstieg im Exil nicht bewältigen können. Zu ihnen gehört auch der ehemals so erfolgreiche Journalist Peter Krimmer, der in Paris nicht Fuß fassen kann, durch eine mysteriöse Russin in eine Spionageaffäre hineingerät und schließlich Selbstmord begeht.

In der Dreieckskonstellation von Peter Krimmer, der verführerischen Russin Borja Toronoff und Ulla Frankfurter hat Luise Straus-Ernst die offenbar unbewältigte Urszene ihres Lebens wiederholt: Die Verbindung von Max Ernst mit Gala Éluard, an der ihre Ehe gescheitert war.[4]

Luise Straus-Ernst hatte Max Ernst 1913 beim gemeinsamen Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bonn kennengelernt. Während Max Ernst nach dem Kriegsdienst sein Studium abbrach, um im Kreis des rheinischen Expressionismus um August Macke als freier Künstler zu arbeiten, wurde Luise als eine der ersten Frauen 1917 promoviert, arbeitete am Kölner Wallraf-Richartz-Museum  und übernahm 1919 sogar für ein Jahr dessen kommissarische Leitung, die sie allerdings aufgab, weil sie als Frau nicht die geringste Chance hatte, dauerhaft diese Stellung zu behalten.[5]

Hanns Bolz, Bildnis Louise Straus-Ernst. Vor 1918[6]

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spielte sie in der dadaistischen Szene von Köln eine wesentliche Rolle. Max Ernst bezeichnete sie als „Amanda von Duldgedalzen, genannt die dadaistische Rosa Bonheur“ (Name einer emanzipierten französischen Tiermalerin des 19. Jahrhunderts [6a]), ihre Biographin Eva Weissweiler nannte sie die „Notre Dame de Dada“.

Zwischen der Kölner und der Pariser Dadaisten-Szene gab es enge Verbindungen: Im November 1921 besuchte Paul Éluard mit seiner russischen Frau Gala das Ehepaar Ernst in Köln. Es begann eine enge Zusammenarbeit zwischen dem französischen Lyriker und dem deutschen Maler. Und es begann eine Liebesbeziehung zwischen Gala Éluard und Max Ernst, der schließlich nach Paris übersiedelte, um in einer offenen Dreiecksbeziehung/ménage à trois mit dem Ehepaar Éluard zusammenzuleben.[7]

Für Luise Straus-Ernst war das ein entscheidender -und traumatischer- Wendepunkt ihres Lebens.  In der Beziehung mit Max Ernst hatte sie „freiwillig und freudig jedes eigene Leben“ aufgegeben. Sie brach den Verkehr mit Freundinnen ab, die Max Ernst nicht mochte. Sie las nur Bücher, die er liebte, sie war „eine abgeschwächte Wiederholung seines eigenen Wesens.“ (Nomadengut, S. 222).   Nachdem sich Max Ernst von ihr getrennt hatte, musste sie sich von nun an, wie die Ulla in ihrem Roman, „tapfer und unabhängig durchs Leben“ schlagen, wie sie selbst in ihrer Autobiographie schreibt. (Nomadengut, S. 211). Und dies mit Erfolg:  In den 20-er Jahren in Köln erreichte Luise Straus-Ernst eine völlig eigenständige Position als Journalistin, vor allem als Kunstkritikerin. Sie spricht in ihren Lebenserinnerungen von einer sehr erfolgreichen Zeit:

„Es war mein ganzes schönes Leben der letzten zehn Jahre, dieses unabhängige Leben voll Arbeit und Erfolg, das ich mir leidenschaftlich und bewusst erkämpft hatte.“  (Nomadengut, S. 226)

Das Exil beendet dieses schöne Leben. Es war eine Trennung nicht nur von der geliebten rheinischen Heimat, sondern auch von ihrem Sohn Jimmy, den sie in der Obhut ihrer Eltern zurückließ.

August Sander, Mutter und Sohn. Luise Straus-Ernst mit Sohn Jimmy. Köln 1928. Die Portraitaufnahme ist Teil von Sanders 1929 publiziertem Photoportrait Deutschlands: Antlitz der Zeit. 60 Fotos deutscher Menschen[8]

Paris hatte für Luise Straus-Ernst „von jeher einen Zauberklang gehabt“, war für sie eine „Wunderstadt“. Mit der Übersiedlung in „das ersehnte Paris“[9]  veränderte sie auch ihren Vornamen: Nicht mehr Luise, sondern Louise oder Lou, eine programmatische Anpassung an die neue Situation. Die Wirklichkeit hält allerdings diesem Idealbild nicht stand. Dem Leben fehlte, wie sie in „Nomadengut“ schreibt, „die Heiterkeit, die Paris bei vorübergehenden Aufenthalten so reichlich geboten hatte.“ Paris sei „eher eine traurige Stadt geworden.“  Sie kommt zunächst in einem kleinen Hotel in der Nähe des Triumphbogens unter: „Das Zimmer war kahl und unpraktisch. Aus dem Fenster sah ich nur hässliche Fassaden, nicht einmal ein Stückchen Himmel.“[10]  Da es ihr – wie Ulla Frankfurter in „Zauberkreis Paris“-  nicht gelang, eine Arbeitskarte zu bekommen, musste sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten, mit Nachhilfeunterricht, Übersetzungen, Schreibarbeiten, Buchhaltung, Museumsführungen, ja sogar Babysitting. Sie konnte aber auch unter verschiedenen Pseudonymen journalistische Arbeiten in den Tageszeitungen der Pariser Emigration, insbesondere aber auch in Schweizer Zeitungen veröffentlichen.

Luise  Straus-Ernst. Paris, um 1936[11]

Bis 1939 lebte sie in verschiedenen kleinen Hotels, unter anderem in einem in der rue Toullier Nummer 11 unweit der Sorbonne, in dem auch Rilke während seiner frühen Parisbesuche gewohnt und seinen „Malte Laurids Brigge“ geschrieben hatte.[12] Ihr Lebensgefährte war damals Fritz Neugass, Kunsthistoriker und Journalist wie sie, der seit 1926 in Paris lebte und erfolgreicher Korrespondent deutscher, seit 1933 dann aber auch englischer, amerikanischer, französischer und Schweizer Zeitungen war. Gemeinsam führten sie das Leben von Bohemiens und Nomaden. Dazu gehörte im Frühjahr 1936 eine mehrmonatige Reise nach Oberitalien, Griechenland und in die Türkei. Den Sommer und Herbst 1938 verbrachten die beiden „an der Mittelmeerküste in Cannes, als wären sie wohlhabende Touristen auf Erholungsreise. Den weltpolitischen Ernst scheint Luise Straus aber noch immer nicht recht wahrhaben zu wollen.“[13]  Anders ihr Sohn Jimmy, der im Mai 1938 nach USA emigrierte. Auf seine Bitte, mit ihm auszureisen, was damals noch möglich gewesen wäre, antwortete sie:

„Wir haben die Vernunft und die Moral auf unserer Seite, und die sind stärker als marschierende Stiefel und hysterische Ausbrüche.“[14]

Dazu kamen Befürchtungen über Amerika, wie sie damals bei Emigranten weit verbreitet waren:

„Was wird mit der Sprache? …. Wer wird meine Arbeiten veröffentlichen? …. Amerika ist etwas für junge Leute, die Städte sind so unpersönlich, und das hochgepuschte Tempo des täglichen Lebens… und es ist so groß, es ist so groß“.[15]

Auch spätere Versuche, sie zur Ausreise zu bewegen, scheitern an ihrer moralisch-politischen Halsstarrigkeit und ihrem unerschütterlichen Optimismus. „Wir glaubten nicht an eine Katastrophe, wollten nicht daran glauben“, schrieb sie. Und selbst wenn Hitler einen Krieg begönne: Er könne ihn nicht gewinnen: „Wenn er so etwas versucht, wird er sehr schnell erledigt sein, und ich will da sein, wenn es passiert.“[16]

Hier wiederholt sich der illusionäre Optimismus, den Luise Straus-Ernst schon im Januar 1933 hatte, als sie, wie ihr Sohn berichtet, davon ausging, dass Hitler bei der nächsten Reichstagswahl durchfallen werde. Nur deshalb habe Hindenburg Hitler zum Reichskanzler gemacht. „Diese Fanatiker fliegen auf die Straße. Da sind sie hergekommen und da gehören sie auch wieder hin.“[17]

Optimistisch endet auch der „Zauberkreis Paris“.  Ulla lernt schließlich den auch aus Deutschland geflohenen jungen Handwerker Hans Remagen kennen, „zu dem sich eine geschwisterliche Freundschaft entwickelt. Hans vermittelt Ulla am Ende auch an eine Landkommune, wo sie Arbeit findet, aber noch mehr: Kameradschaftlichkeit und ein Gegenkonzept zu den zwar gut gemeinten, aber letztlich perspektivlosen Hilfsangeboten der karikativen Einrichtungen. In der Landkommune, die mit dem Ziel der autonomen Eigenversorgung funktioniert, darüber hinaus eine Nische in der Ökonomie des Gastlandes zu nutzen versucht (nämlich die Produktion von Holzspielzeug nach der Tradition des Erzgebirges) wird ein Gegenentwurf zur harten Realität des Exils im Moloch der Großstadt gezeichnet…“[18]

Lutz Winckler hat in diesem Romanende den Ausdruck unaufgearbeiteter Verdrängungen der Autorin gesehen. Am Ende bleibe „eine infantilisierte Heldin zurück, die sich als geschlechtsloses Wesen …. in die patriarchalische Großfamilie des Handwerkerkollektivs einordnet“.[19]  Armin Strohmeyr sieht in seinem Nachwort zum Roman in dessen Ende dagegen eine keineswegs illusionäre Utopie einer „Hilfe durch Selbsthilfe“.

Wie auch immer: Die Realität zerstörte alle Hoffnungen und Gegenentwürfe.  Als Hitler seinen Krieg begann, wurde Luise Straus-Ernst wie die meisten anderen in Frankreich lebenden „feindlichen Ausländer“ interniert -auch wenn sie Flüchtlinge und ausgewiesene Antifaschisten waren. Luise Straus-Ernst wird -auf eigene Kosten- in das Frauenlager Gurs am Fuß der Pyrenäen verfrachtet.  

Das Lager von Gurs. Es bestand aus 382 primi­tivs­ten, etwa 125 m² großen Baracken, in denen jeweils bis zu 60 Personen unter­ge­bracht waren. Es war im Frühjahr 1939 zur Inter­nie­rung der aus Spanien geflohenen Soldaten der Republi­ka­ni­schen Armee und der Freiwil­li­gen der Inter­na­tio­na­len Brigaden auf sumpfigem Gelände errichtet worden.

In „Nomadengut“ schreibt Louise Straus-Ernst dazu:

„… als wir dann auf Lastwagen, stehend wie Vieh, durch eine abendliche Pyrenäenlandschaft gefahren wurden, als plötzlich vor uns in einer großen Ebene die Hunderte von Holzbaracken im dünnen Licht vieler Lampen sichtbar wurden, da sank mir doch das Herz. Es war noch nicht ganz dunkel, als wir durch die Lagerstraße fuhren. Überall drängten sich Frauen ans Gitter, bekannte Gesichter unter ihnen, um uns zu winken, etwas zuzurufen, wurden aber rasch von ihren Aufseherinnen in die Baracken getrieben. Wie Tiere in einem Käfig.

Die Baracken waren unbeschreiblich schmutzig, die hygienischen Einrichtungen in einem Zustand, den niemand in unserem Zeitalter für möglich halten würde. Doch da eine Gruppe junger Lothringerinnen tüchtig zugriff, so war bald ein erträglicher Zustand geschaffen. Sofern man es erträglich nennen will, auf einem dünnen Strohsack am Boden zu schlafen, sich, angesichts der internierten Spanier, die ständig vorüber kamen, unter freiem Himmel zu waschen, nach jedem kleinen Regen bis über die Knöchel im Schlamm einzusinken.“[20]

Allerdings  konnte Luise Straus-Ernst schon nach wenigen Wochen dank der Intervention ihres Lebensgefährten Fritz Neugass wieder das Lager verlassen: Neugass war im November 1939 in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert worden, wo er auch Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever und … Max Ernst traf.[21] Da er sich als Arbeitssoldat der französischen Armee verpflichtete, wurde er aber entlassen und in Manosque im südfranzösischen Lubéron stationiert, wo  er die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Jean Giono machte.  Manosque lag nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich in der unbesetzten Zone Frankreichs, schien also ein sicherer Zufluchtsort zu sein.  Dorthin folgte also Luise Straus-Ernst Neugass und arbeitete als Sekretärin und Übersetzerin für Jean Giono.

Über ihn schrieb Luise Straus-Ernst:

„Einen einzigen Menschen kenne ich hier, um den es sich lohnt. Die seltenen Gespräche mit ihm ersetzen mir alles andere- der Dichter Jean Giono.- Als ich ihn das erste Mal aufsuchte, war ich voll Skepsis. Bisher war ich immer enttäuscht worden, wenn ich die Bekanntschaft von Menschen machte, die einen Namen hatten, die ‚arriviert‘ waren. (…) Aber hier bin ich endlich einmal angenehm enttäuscht worden. Ich fand einen großzügigen, hilfsbereiten, weltoffenen Menschen, einen Menschen der versteht.“ (Nomadengut, S. 238)

Aber dann greift das politische Geschehen mitleidlos in das Leben von Luise Straus-Ernst ein und zerstört die letzte Zuflucht Manosque: Am 3. September 1943 kündigt Italien das Bündnis mit Deutschland. Die Italiener, die keine antisemitische Rassenideologie im nationalsozialistischen Ausmaß verfolgen, verlassen Manosque. Die Gestapo zieht ein und mit ihr die Angst.[22]

„… ich habe Angst, seit Monaten schon, eine ganz gemeine Angst. Verfolgt werden ist kein Spaß. Und es wird immer schlimmer statt besser. Wie wird es enden? Ja, was ist denn bis jetzt geschehen? Eigentlich nichts. Ich lebe sozusagen friedlich in einer kleinen provençalischen Stadt in einem Hotel, in einem sogar geheizten Zimmer, bekomme gutes Essen; und ich kann es ohne besondere Sorge bezahlen. Früher hätte ich das wahrscheinlich ideal gefunden.

Nun gibt es eben etwas, was man ‚Ausweisung‘ nennt, nicht nur aus irgendeiner Stadt, was fast jedem Fremden im neuen Frankreich irgendwann einmal geschieht, sondern: des Landes verwiesen. Kein Mensch sagt einem, warum. Man hat friedlich gelebt, hat dieses Land wie eine zweite Heimat geliebt. Aber wer fragt danach?

 Es gibt also diese Besuche von Gendarmen, die sich mit leiser Stimme nach meiner Abreise erkundigen und mit einem halb grausamen, halb entschuldigenden Lächeln von ‚Verhaftung‘ und ‚Konzentrationslager‘ murmeln.  Auch das wäre mit dem Visum für Amerika in sicherer Aussicht gar nicht so schlimm. Doch durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg ist alles verzögert, in Frage gestellt und die Wahrscheinlichkeit, in irgendeinem schmutzigen Winkel vor Kälte und Hunger zu verfaulen, sehr groß geworden.“[23]

Am 28. April 1944 ist es soweit: Louise Straus-Ernst wird in dem Hôtel du Nord in Manosque verhaftet.  Der von ihr so verehrte Jean Giono vermerkt dazu lapidar in seinem Journal:

„Heute Nacht hat man Madame Ernst in ihrem Hotel verhaftet. Hier ist gestern scheinbar auch ein Jude mit Maschinengewehrfeuer getötet worden. Grau schimmerndes Wetter. Frühling. In Richtung Rhone ist der Himmel zwielichtig.“[24]

 Über Marseille wird Luise Straus-Ernst in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht.

Blick auf die heutige Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Drancy. Foto: Wolf Jöckel
Zellenangabe für Louise Straus-Ernst, Drancy Mai 1944[25]

Am 30. Juni 1944, da waren die Alliierten schon in der Normandie gelandet und das Ende des Krieges war in greifbare Nähe gerückt, werden 1156 Insassen des Lagers mit Autobussen zum Bahnhof Bobigny transportiert und dort in bereitstehende Güterwagen verladen. Vier Tage später, am 4. Juli 1944, erreicht der Zug Auschwitz. Bei der Selektion an der berüchtigten Rampe wird die schwer erkrankte Luise Straus-Ernst mit 534 anderen Menschen des Transports sofort in die Gaskammern getrieben und umgebracht.[26]

Heute erinnert noch ein Stolperstein in der Kölner Emmastraße 27 an Luise Straus-Ernst.[27]

In Manosque ist eine Straße nach ihr benannt. Und auf dem jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd gibt es einen Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab.[28]

Und jetzt endlich ist der „Zauberkreis Paris“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er entwirft nicht nur ein Bild der deutsche Emigration in Paris, sondern trägt auch dazu bei, die Erinnerung an Luise Straus-Ernst, diese außerordentliche Frau, wachzuhalten, in deren Leben und Tod sich ein tragisches Stück deutscher Geschichte spiegelt: Vom kulturellen Aufbruch der 1920-er Jahre hin zum Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Deutschlands. Beides hat sie intensiv gelebt und erlitten.

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Literatur:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Louise Straus-Ernst, Nomadengut. Materialien zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben  von Ulrich Krempel. (Mit einem Nachwort von Ulrich Krempel: Lou Straus-Ernst: Ein Leben- revidiert).  Sprengel-Museum Hannover 1999

Annette Bußmann, Luise Straus-Ernst. In: Frauen Biographieforschung  (mit ausführlicher Bibliographie) https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-straus-ernst/

A. Krätz, Luise Straus-Ernst – das bewegte Leben einer Kölnerin  https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=2021_10

Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst – das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016

Lutz Winkler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris. Erfahrung und Mythos der „großen Stadt“.  In: Frauen und Exil. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Exilforschung Band 11 1993.  München: edition text + kritik

Verpasster Frühling. Leben und Sterben der Luise Straus-Ernst. Ein Feature von Eva Weissweiler.  © Westdeutscher Rundfunk Köln 2017  https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/luise-straus-ernst-116.pdf

Sollst je du sollst du Schwänin auf dem Ozean : Hommage an Lou Straus-Ernst ; 1893 Köln – 1944 Auschwitz / von Ute Remus. Es sprechen Ute Remus u.a. Realisation Joachim Schmidt v. Schwind. CD und Booklet Köln 2003


Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs . Siehe dazu die Beiträge über Heinrich Heine und Ludwig Börne, die im 19. Jahrhundert in Paris Zuflucht vor der Repression im Deutschland des Vormärz gesucht haben.

Und dann war es der Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn und  Unterdrückung Andersdenkender Menschen ins Exil trieben. Und das bevorzugte Land, in dem sie Schutz suchten, war wiederum Frankreich.

Anmerkungen

[1] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 89

[2] Die Liste prominenter internationaler Stammgäste des Dôme ist lang. Dazu gehörten auch Wilhelm Uhde,  Otto Freundlich und Max Ernst…

[3] Weissweiler, S. 240

[4] Lutz Winkler, Seite 89f

[5] Siehe: Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 98/100

[6] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst

[6a] Zu Rosa Bonheur siehe z.B. Franz Zelger, „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“ In: Neue Züricher Zeitung vom 16.3.2022

[7] Siehe dazu auch: Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939. FFM: S. Fischer 2021, S. 60f

[8] Bild aus: Nomadengut, S. 135 (auch Umschlagfoto des Buchs) und Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 59

[9] Nomadengut, S. 137/138

[10] Nomadengut, S. 142/143/144

[11] Bild aus: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/luise-straus/DE-2086/lido/57c95809e63620.22455007 Auch in: Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 177

[12] Louise Straus-Ernst, Nomadengut, S. 147; siehe auch: Winckler, S. 89.  Es gibt dort auch eine Erinnerungsplakette für Rilke https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plaque_Rainer_Maria_Rilke,_11_rue_Toullier,_Paris_5e.jpg

[13] Strohmeyr, Nachwort zu „Traumland Paris“, S. 172/174 Zur Beziehung mit Fritz Neugass siehe Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 250f

[14] Aus: Nomadengut, S. 235

[15] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 176

[16] Aus: Nomadengut, S. 236/237

[17] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 105

[18] Armin Strohmeyr, Nachwort zu „Zauberkreis Paris“, S. 169

[19] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 91/92

[20] Nomadengut, S. 200/201.

[21] Siehe: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[22] Strohmeyer, Nachwort a.a.O., S. 180/181

[23] Aus: Nomadengut, S. 211

[24] Zit.Strohmeyer, Nachwort a.a.o., S. 181

[25] Bild aus: Nomadengut, S. 209

[26] Strohmeyr, Nachwort „Zauberkreis Paris“, S. 181/182

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolpersteine_K%C3%B6ln,_Dr._Louise_Straus-Ernst_(Emmastra%C3%9Fe_27).jpg  © 1971markus@wikipedia.de /

[28] Luise Straus-Ernst – Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab im Jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd (Flur 8 Nr.1-3)  https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst#/media/Datei:Luise_Straus-Ernst_-_Familiengrab.jpg

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Johann Gottfried Tulla, der „Rheindompteur“, in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Am 17. November 2021 fand im Pariser Hôtel de la Marine die glanzvolle Vernissage der Ausstellung „Schätze der Sammlung Al-Thani“ statt. Der Besitzer der Sammlung, „His Highness/Son Altesse Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani“, Mitglied des das Scheichtum Katar regierenden Herrscherhauses, konnte zusammen mit seinem Bruder, dem Prinzen Suhaim Al Thani, eine illustre Schar von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kunstbetrieb und Adel begrüßen. Versammelt war da ein Querschnitt dessen, was der französische Adel auch gut 200 Jahre nach der Französischen Revolution noch zu bieten hat: ein duc, eine  princesse, ein comte samt comtesse, ein marquis…

„Son Altesse le prince Hamad Al Thani“  – im ersten Saal der Ausstellung- standesgemäß postiert vor dem aus Jaspis geschnittenen Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten. © German Larkin[1]

Und das Ganze wurde auch medial entsprechend in Szene gesetzt.[2] Beispielsweise durch ein ganzes Dossier der Pariser Tageszeitung Le Figaro, die gar nicht genug hymnische Beschreibungen für das Projekt und den Sammler mit seinem „goût princier“ finden konnte.  Scheich Hamad Al Thani wird da als einer der wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammler unserer Zeit gerühmt, der seit seiner frühesten Jugend „in der Kultur gebadet“ habe, die Ausstellung als eine einzigartige und geradezu unglaubliche Zusammenstellung des „génie humain“.[3]

Solche Lobeshymnen und der breite ihnen zugestandene Raum mögen ja ihre Berechtigung haben. Aber vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zu dem reichhaltigen Pariser Immobilienbesitz der Al Thani-Dynastie auch der Sitz des Figaro gehört. Und Besitzer der Zeitung ist der Rüstungskonzern Dassault. Der produziert das Kampfflugzeug Rafale. Und wer war  dessen erster, in Frankreich sehnlichst erwarteter und hymnisch begrüßter ausländische Käufer? Dreimal darf man raten-…. Es war Katar…[4]  Nachtigall, ick hör dir trapsen würde da der Berliner sagen.

Das Beispiel Figaro ist exemplarisch für die eminente Rolle, die Katar in und für Frankreich spielt: Das kleine Land am Persischen Golf ist nämlich ein Hauptkunde der französischen Rüstungsindustrie, die neben der Luxusgüterindustrie eine der Säulen des französischen Exports ist.[5] Und Katar gehört zu den großen Investoren in Frankreich, und zwar vor allem im Immobilienbereich, wo katarische Investitionen auch noch ausdrücklich steuerlich begünstigt sind. Einige der besten Pariser Adressen gehören inzwischen Katar: darunter sind mehrere Nobelhotels und das von Le Vau gebaute und von Le Brun ausgestaltete berühmte Stadtpalais Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis.[6]

Courtesy of Simon Upton/The Interior Archive [7]  

Hier posiert Seine Hoheit im prunkvollen Ambiente des Herkulessaals, einem Vorläufer und Vorbild des Spiegelsaals von Versailles. Besichtigen kann man dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kleinod allerdings nicht – nicht einmal an den Tagen des offenen Denkmals. [7a]

Aber das ist noch nicht alles [8]: Katar hat auch in der französischen Industrie erhebliche Anteile erworben (z.B. Total, Veolia, Vinci) und ist -wohl das spektakulärste Engagement- Besitzer des Fußballvereins Paris Saint Germain (PSG), in der Sport-Presse gerne auch „der Scheich-Club“ genannt.  Der kann sich dank des katarischen Geldsegens auf dem Spielermarkt nach Belieben -und allen fairness-Regeln zum Trotz- bedienen, zuletzt mit Superstar Messi, der mit seinen beiden Stürmerkollegen Neymar und Mbappé das teuerste Sturm-Trio der Welt bildet. Frankreich hat sich da denn auch entsprechend erkenntlich gezeigt und durch seine Lobbyarbeit wesentlich dazu beigetragen, dass Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen bekam.[9] Und auch wenn es um die Menschenrechte in Katar nicht zum Besten steht[10]: Angesichts der katarischen Großzügigkeit zeigt sich das Land, das sich rühmt, Mutterland der Menschenrechte zu sein, eben auch entsprechend großzügig….

Denn großzügig ist die katarische Herrscherfamilie in der Tat: Diese wunderbare Kommode ersteigerte die Al Thani Collection Foundation 2021 für 1,2 Millionen Dollar und schenkte sie dem Centre des monuments nationaux.

Das ist die für das Hôtel de Marine zuständige Institution, und dort hatte die Kommode vor der Französischen Revolution gestanden. Entworfen wurde sie von dem aus Deutschland stammenden Kunsttischler Jean-Henri (Johann Heinrich) Riesener, einem der bedeutendsten Ebenisten des Ancien Régime.[11]

Diese Schenkung diente gewissermaßen als Türöffner Al Thanis für das  Hôtel  de la Marine, in dem die Schatzkammer der Scheichs 2021 ihren angemessenen Platz erhalten hat.

Blick von der place de la concorde auf das Hôtel de la Marine. Im Hintergrund die Fassade der Kirche La Madeleine.[12]

Im Ancien Régime, also vor der Französischen Revolution, war das Hôtel de la Marine Sitz der königlichen Intendanz für das Mobiliar („Garde-meuble de la Couronne“). Die war zuständig für die Anschaffung und Instandhaltung des Mobiliars der zahlreichen königlichen Residenzen. Außerdem kümmerte sie sich um die Aufbewahrung der königlichen Sammlungen, die Waffen, Stoffe, Wandteppiche, Bronzeskulpturen und schließlich sogar der Kronjuwelen. Nach der Revolution war das Gebäude für 228 Jahre Sitz des Marineministeriums – deshalb auch sein Name- bevor es dem Centre des monuments nationaux übergeben wurde.

Blick von der Bel Étage des Hôtel de la Marine auf die Place de la Concorde. Auf der anderen Seite der Seine die Fassade des Palais Bourbon, Sitz der französischen Nationalversammlung, und die Kuppel des Invalidendoms. Foto Wolf Jöckel [13]

Die Renovierung des riesigen Gebäudes mit seiner breiten Fensterfront zum Platz, dem ägyptischen Obelisken und den vergoldeten Gittern des königlichen Tuilerien-Parks kostete offiziell 130 Millionen Euro, mehr als der Staat ausgeben wollte. Daher unterzeichnete die Verwaltung der staatlichen Denkmalbauten ein sogenanntes „Mäzenaten-Übereinkommen“ mit der Fondation Collection Al Thani, die 20 Millionen Euro in Raten beisteuert, was ihr das Anrecht auf die 20-jährige Nutzung von 400 Quadratmeter Räumlichkeiten garantiert. Das entspricht einem garantierten Fixpreis von 208 Euro pro Quadratmeter – für Pariser Verhältnisse ein absoluter Freundschaftspreis: Für eine popelige Hinterhof- Gewerbeimmobilie in unserem 11. Arrondissement werden beispielsweise aktuell über 500 Euro pro Quadratmeter verlangt- selbstverständlich ohne 20-jähriger Preisgarantie. Immerhin finanziert die Al Thani Collection das Bewachungspersonal, und die Eintrittsgelder für den gemeinsamen Besuch des Hôtel de la Marine und der Sammlung kommen allein dem Centre des monuments nationaux zugute. [14] So kann nun die Al Thani-Stiftung einen Teil ihrer erlesenen Kunstsammlung in einem ebenso erlesenen Ambiente präsentieren: Wie einst die Herrscher der Renaissance und des Absolutismus ihren Reichtum und ihre Macht, aber auch ihren Kunstsinn in ihren Schatzkammern zur Schau stellten, so wird diese Tradition jetzt von der Al Thani-Dynastie fortgesetzt. Und die nutzt die Kunst systematisch, um das unter Vorwürfen der Terrorfinanzierung und der unmenschlichen Behandlung von ausländischen Arbeitskräften leidende Image des Landes zu verbessern.[15] Die Hauptstadt Doha propagiert demgegenüber das Bild einer weltoffenen modernen Stadt als Weltzentrum der Wissenschaft und der Kunst. Und dafür ist das Beste und Teuerste gerade gut genug: Nicht weniger als 11 Träger des Pritzker-Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt, haben an der Entwicklung der Stadt gearbeitet. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel plante den spektakulären Bau des Nationalmuseums, Ieoh Ming Pei,  der Grand Seigneur der Museumsbaukunst und Schöpfer der Louvre-Pyramide, ein Schatzhaus am Meer auf einer künstlich angelegten Halbinsel für das  Museum für islamische Kunst.[16]

Und diese Museen sollen natürlich auch entsprechend mit Inhalt gefüllt werden. Seit Anfang der 90er Jahre kauft und ersteigert die Herrscherfamilie fast schon obsessiv Kunst. Zunächst waren es Manuskripte, Bronzefiguren und Teppiche aus den islamischen Ländern, später Klassiker der Moderne. Im Jahr 2012 erwarb Katar in New York bei Sotheby’s eine Version von Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar, drei Jahre später ein Gemälde des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Dahinter steckt vor allem Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.“[17] Der Vetter des Emirs von Katar, Scheich Saoud Al Thani, galt um die Jahrtausendwende als „größter Kunstkäufer der Welt“.

Und dann gibt es ja auch noch die inzwischen etwa 6000 Stücke umfassende Sammlung von Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani. Seit sieben Jahren zeigt er seine Sammlung, zunächst in New York, dann in Paris, Peking, Venedig, Kyoto, Fontainebleau. Jetzt hat er in Paris ein Schaufenster eröffnet, in dem Teile der Ausstellung präsentiert werden. „Das Motto des über Milliarden verfügenden Scheichs war offensichtlich: nur das Beste vom Besten. Er ließ sich von erstklassigen Kennern beraten, kaufte auf Auktionen und in den anerkannten Galerien in New York, London und Paris.“  Nur wenige Sammler, so wird im Begleitheft der Ausstellung festgestellt, können sich einer derartigen Fülle von Meisterwerken rühmen.  In Paris zeigt Al Thani 120 Preziosen, wobei die oft winzige Dimension der Stücke frappierend ist:  Kunsthandwerk von höchster technischer Vollkommenheit, aus den wertvollsten Materialien; denn, wie der Chef-Konservator der Sammlung, Amin Jaffer, feststellt: „Seine Hoheit sucht vor allem seltene Materialien wie harte und kostbare Steine“, also Jade, Rohkristall, Edelsteine, Perlen, gefasst in Gold und Silber.[18] 

Kein Wunder, dass man, was Sammelleidenschaft, die finanziellen Ressourcen, aber auch Kunstverstand angeht, die Al Thani-Dynastie mit den Medici im Florenz des 16. Jahrhunderts verglichen hat.[19]

Die „Zaubergrotte des Ali Baba“

Die vier Räume der Ausstellung dienten im Ancien Régime der Aufbewahrung von Teppichen. Sie waren also, anders als die aufwändig gestalteten und entsprechend renovierten Repräsentationsräume des Hôtel de la Marine ohne Dekor, was dem japanischen Innenarchitekten der Räume (Tsuyoshi Tane Architects)  die entsprechende Freiheit der Gestaltung gab.

Und die nutzte er auf fulminante Weise: Betritt man die Ausstellung, befindet man sich in einem kleinen goldschimmernden Raum, man wähnt sich, wie die Frankfurter Rundschau begeistert schrieb, „in der Zaubergrotte des Ali Baba“[20]: Von der Decke bis zum Boden sind tausende von funkelnden goldenen Sternen -vielleicht aber auch Blüten, Blätter oder Flügel- gespannt. Dazwischen sind im Kreis schmale Vitrinen aufgestellt, die jeweils nur einem Kunstwerk als Bühne dienen: Die grandiose Inszenierung einer Schatzkammer.

Nachfolgend eine kleine Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Kostbarkeiten.  Hier ist es eine kleine Marmor-Figur aus Kleinasien (3300-2500 vor Christus), gleichzeitig entstanden und eng verwandt mit den Idolen der Zykladen-Kunst. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Fruchtbarkeits-Idol, das schließlich als Grabbeigabe diente. Der Blick der Figur ist nach oben gerichtet, weshalb man ihr den Namen Contemplatice d’étoiles (Stargazer) gegeben hat- und in diesem Raum gibt es ja nun genug Sterne zum Betrachten…

Insgesamt sind in dieser ersten Galerie sieben kleine Figuren ausgestellt, die dem universalistischen Ansatz der Sammlung entsprechen: Werke, die verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Zeiten entstammen, aber sie auch überspannen: Könnte die etwa 5000 Jahre alte Sternenbetrachterin nicht auch von einem modernen Bildhauer wie Jean/Hans Arp gemacht sein oder ihm als Anregung gedient haben?

Dies ist der Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten (XVIII. Dynastie, um 1473-1292 vor Chr.) Ursprünglich gehörten zu der Figur noch eine Krone und ein Bart. Der Kopf ist aus einem Jaspis-Stein von außerordentlich klarer roter Farbe geschnitten, Symbol für das Leben. Vielleicht handelte es sich um eine Figur der Königin Hatschepsut, deren Gesichtszüge auch dem heutigen Schönheitsideal entsprechen.[21]  Dass sich Scheich Al Thani bei der Eröffnung der Ausstellung vor der Vitrine mit dieser Figur hat ablichten lassen, ist wohl kaum ein Zufall.

Eine besondere Kostbarkeit ist auch diese kleine, nur 12 cm hohe Maya-Maske aus dem nördlichen Zentralamerika. Entstanden ist sie zwischen 200 und 600 nach Christus. Auffällig ist dabei neben den verwendeten Edelsteinen die Mütze  in Form eines Jaguars, ein Tier, das bei den Mayas für das Jenseits, den Krieg, das Opfer und hohen Rang stand. Vermutlich gehörte sie einem  hohen Würdenträger, der sie bei Zeremonien trug und die dann als Begleiter für den Weg ins Jenseits und als Garantie für ein ewiges Leben diente.[22]

Diese aus Elfenbein geschnitzte Maske gehörte der Königin-Mutter Idia aus dem Königreich Benin. Ida war auch eine große Heerführerin und sicherte so die Herrschaft ihres Sohnes gegen Gegner im Inneren wie Äußeren. Dabei waren ihre magischen Kräfte und ihr Wissen über Medizin ebenso wichtig wie ihr politischer Rat.  Die großen, leicht hervortretenden Augen sind typisch für die Darstellung von Ahnen. Getragen wurde die Maske während bedeutender Zeremonien am Königshof.[23] Es gibt nur vier weitere vergleichbare Masken. Sie wurden als Ahnenobjekte über Jahrhunderte geehrt und gehütet. In der beigefügten Information erfährt man -hier wie auch sonst- nichts über die Provenienz. Vermutlich wurde sie bei der Eroberung des Königspalastes von englischen Kolonialtruppen erbeutet und dann auf dem Kunstmarkt verkauft. Man darf gespannt sein, wie es Scheich Al Thani mit der Rückgabe sogenannter „Beutekunst“ hält….

Dieser kleine entzückende Bär aus vergoldeter Bronze stammt aus China (Han-Dynastie, 206 vor bis 25 nach Chr.). Es soll sich um ein Gewicht zur Befestigung von Teppichen oder Bambusmöbeln gehandelt haben, aber natürlich hat die Wahl des Bären auch eine symbolische Bedeutung und steht für Tapferkeit, Kraft und Männlichkeit. Der Kriegsgott Chiyou wurde damals mit dem Kopf eines Bären dargestellt.

Ein weiteres Tier, das in dieser ersten Schatzgalerie einen Ehrenplatz hat, ist diese goldene Saiga-Antilope.

Es handelt sich um einen sogenannten Rhyton, ein in den antiken Zivilisationen von Mesopotamien und des Mittelmeers verwendetes Trinkgefäß für festliche und religiöse Anlässe. In seiner Präsentation der Ausstellung versäumt der „Figaro“ es nicht, darauf hinzuweisen, dass es nur noch drei weitere  entsprechende Rhyta dieser Art gibt: In einem privaten Museum in Japan, dem Metropolitan Museum in New York und  der Ermitage in Sankt Petersburg.[24]

Galerie der Köpfe

In der zweiten, in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Galerie werden die Skulpturen von elf Köpfen präsentiert, auch diese verschiedenen Kulturen und Zeiten zugehörig.[25]

Dies ist eine Maya-Maske aus Guatemala (200-600 nach Chr.)[26]. Sie ist hergestellt aus Jade, Obsidian und den Schalen der Stachelauster, die  in Lateinamerika wegen ihres hohen symbolischen Wertes auch oro rojo („rotes Gold“) genannt wird.

Der Kopf einer altägyptischen Prinzessin aus Amarna (18. Dynastie, 1351-1334 vor Christus). Amarna war die von Pharao Echnaton -verheiratet mit Nofretete-  gegründete neue Hauptstadt, in der die Kunst eine beispiellose Blüte  erlebte, die mit den traditionellen, erstarrten Formen brach. Der in der Ausstellung gezeigte Kopf ist mit seiner vermutlich spirituell bedingten expressionistischen Übersteigerung und Verzerrung typisch für die Amarna-Kunst.  

Dies ist eine Büste des römischen Kaisers Hadrian.[27] Das Chalzedon-Haupt stammt höchstwahrscheinlich aus der süditalienischen Hofwerkstatt Friedrichs II. von Hohenstaufen, der 1220 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Friedrich sah sich als Nachfolger der römischen Kaiser und der Antike. Hadrian, der das römische Reich konsolidierte und  -wie Friedrich II.- ein besonderer Förderer der Kultur war, eignete sich ganz besonders als Anknüpfungspunkt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Kopf in einer italienischen Werkstatt einen Torso aus vergoldetem Silber, dessen prachtvolle Ausarbeitung den hohen Wert offenbart, der diesem Stück beigemessen wurde.

Dieser schmale, verlängerte Kopf aus Gabun (19. Jahrhundert) gehörte dem Pariser Kunsthändler Charles Ratton, einem Freund von Amadeo Modigliani. Solche Werke afrikanischer Kunst übten einen erheblichen Einfluss auf den modernen Zeichner und Bildhauer aus.

Islamische Kunst

Die dritte Galerie ist der islamischen Kunst gewidmet.  Gezeigt werden -passend zur Aura der Schatztruhe- Geschmeide, Edelsteine, Ringe, Schwerter, Ornamente, Kleider, ein kunstvolles Astrolabium und kalligraphische Handschriften des Korans. Und auch hier gilt der universalistische Ansatz der Ausstellung, indem Werke aus verschiedenen Zeitaltern und Weltgegenden zusammen präsentiert werden: Denn der Islam verbreitete sich ja in großer Geschwindigkeit über Asien (Anatolien, Naher Osten, Persien, Indien, China), Nordafrika bis nach Andalusien.

Hier eine Seite des Korans von Taschkent, auch Blauer Koran genannt (Ausschnitt): Durch die kunstvolle Kalligraphie und das dafür verwendete Gold wird die Bedeutung des Textes hervorgehoben. (Herkunft aus Südspanien, Nordafrika oder Irak, 9.-10. Jahrhundert nach Chr.

Miniatur aus einer afghanischen Handschrift, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Der Prophet Mohammed besucht das Haus Abrahams im Paradies (Ausschnitt). Während sich die europäischen Herrscher gerne mit Skulpturen und Bildern umgaben, sammelten islamische Herrscher bevorzugt kostbare Handschriften und Miniaturen, deren Meister -wie hier (Mitte unten)- durchaus auch ihre Werke signierten.

Astrolabium Iran 1705-1706. Dieses äußerst kunstvolle Ausstellungsstück verweist auf die Bedeutung, die die Naturwissenschaften in der damaligen Welt des Islam hatten.

Dieser mit Edelsteinen besetzt Vogel gehörte möglicherweise zu dem Thron der Maharadschas von Hyderabat (Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert). Vielleicht war er aber von Anfang an als Geschenk gedacht. Überall, wo die Al Thani-Sammlung dieses Stück bisher ausgestellt habe , sei es -so der Figaro überschwänglich, als ein Wunder (pure merveille) bestaunt worden.[28] Jetzt also im Hôtel de  la Marine….

Die Preziosengalerie

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Galerie von kleinen, aber feinen Kunstschätzen – wiederum aus verschiedenen Zeiten und Regionen. Und natürlich wurden sie aus kostbaren Materialien wie Gold und Silber hergestellt.  Auch hier einige Beispiele:

Goldener Anhänger. 4,3 x 4,2 cm. Östliches Mittelmeer 4500-3500 vor Chr.  

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Auch diese Mondsichel ist aus Gold. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Irlands oder Großbritanniens und ist ca 2000 vor Christus entstanden.

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Goldener Becher aus dem Iran (1100-900 vor Chr.)
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Goldene Brosche aus den hellenistischen Griechenland. Ca 300 vor Chr.[29]  Gerade angesichts der Dimension von nur 2,9 mal 3,8 cm handelt es sich um ein Werk von unglaublicher Feinheit

Dieses fein ziselierte Trinkgefäß (Rhyton) aus Gold und Silber stammt aus dem hellenistischen Einflussbereich (ca 100 vor bis ca 100 nach Chr.)

Teller aus dem Iran (Epoche der Sassaniden 300-500 nach Chr.) Gold und Silber.[30] Die Sassaniden beherrschten in dieser Zeit in großes Reich, das enge Handelsbeziehungen mit der griechisch-römischen Welt im Westen und China im Osten hatte. Auf diesem Teller sieht man den König Shapur II., der gerade seinen Bogen spannt, um ein weiteres Tier zu erlegen.

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Dieser goldene Reiter stammt aus Tibet (Dynastie Yarlung, 600-800 nach Chr.)

Ausblick

Die Collection Al Thani umfasst 5000 bis 6000 Objekte. Die derzeit in Paris ausgestellten Schatzstücke tragen Inventarnummern unter 900. Scheich Hamad kann dementsprechend den Besuchern in den kommenden 20 Jahren noch viele neue Augenfreuden gönnen. Dass die Ausstellung dem höheren Ruhm des katarischen Herrscherhauses dient oder -modern ausgedrückt- Ausdruck von soft power ist, wird man dabei in Kauf nehmen müssen.

Gerade wir Deutschen haben derzeit allen Anlass, mit Katar pfleglich umzugehen. Denn sollte es zum „Gas-Armageddon“ (FAZ 2.2.2022) kommen und Putin die Gaslieferungen nach Westeuropa stoppen oder sollte die deutsche Regierung den Forderungen nach „Frieren für den Frieden“ oder „Frieren für die Freiheit“ nachkommen, dann muss man hoffen, dass Katar uns mit seinem Flüssig-Gas ein wenig aus der Patsche hilft.

Und vielleicht richtet die Collection Al Thani dann sogar einmal eine Dependance im Berliner Humboldt-Forum ein….

Nachwort 19.3.20200: Wirtschaftsminister Habeck ist gerade mit einer Wirtschaftsdelegation in Katar, um die Möglichkeiten der Lieferung von Flüssiggas zu eruieren. Dass es es da Reibungen mit der von den Grünen proklamierten Werteorientierung der Politik gibt, wird angesichts der aktuellen Lage wohl in Kauf genommen…. (Siehe FAZ 18.3.: Mission Gassicherheit: Habeck reist nach Doha)

Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.


Anmerkungen

[1] https://www.pointdevue.fr/society/soirees/le-vernissage-de-la-collection-al-thani-a-lhotel-de-la-marine

[2] Siehe Libération vom 29.11.2021:   „D’une campagne d’affichage massive à deux reportages dans des médias  chantant les louanges d’un cheikh «grand expert, curieux, érudit, voyageur», via une fête organisée in situ pour le gotha, aucun détail logistique et com n’avait été négligé pour le lancement parisien de l’exposition «Trésors de la collection Al-Thani». 

[3] https://www.lefigaro.fr/culture/le-cheikh-hamad-un-amateur-d-art-au-gout-princier-20211116

https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-une-promenade-intime-imaginee-pour-la-delectation-et-la-meditation-sur-le-monde-20211117

[4] Das Rafale-Projekt war auf ausländische Abnehmer angewiesen, um finanziell tragfähig zu sein. Ohne solche Bestellungen hätte der französische Staat mit Milliarden-Subventionen die Lücke füllen müssen.

https://www.leparisien.fr/international/rafale-le-contrat-avec-le-qatar-pour-la-vente-de-24-chasseurs-est-effectif-17-12-2015-5381257.php

[5] https://www.franceinter.fr/monde/ventes-d-armes-qatar-belgique-et-arabie-saoudite-sont-les-plus-gros-clients-de-la-france-en-2018    Aus aktuellem Anlass dazu doch noch eine Anmerkung: Deutschland exportierte 2021 Rüstungsgüter im Wert von 9 Mrd Euro, Frankreich für 28 Mrd. Euro.  Frankreich, das im Gesamtexport weit abgeschlagen hinter der Spitzengruppe mit China, USA und Deutschland liegt, liegt dagegen bei den Waffenexporten auf dem dritten Platz vor Deutschland. Und während in Deutschland Waffenexporte immer wieder Anlass zu politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie in Frankreich Anlass zu allgemeinem Stolz. Die Zeitung La Tribune z.B. sprach in Bezug auf die französischen Waffenexporte 2021 von „l‘année fabuleuse de la France.“ Frankreich liefert auch -anders als Deutschland- Waffen an kriegführende Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien. Vor allem aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Position zu Waffenexporten sind gemeinsame deutsch-französische Rüstungsprojekte denn auch äußerst kompliziert, wenn nicht ausgeschlossen.

[6] https://www.nouvelobs.com/galeries-photos/economie/20151002.OBS6974/photos-tout-ce-que-possede-deja-le-qatar-a-paris.html#modal-msg Zum Hôtel Lambert siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/dossier/splendeurs-de-la-collection-al-thani

[7a] Inzwischen hat die Herrscherfamlie Al Thani das hôtel Lambert wieder verkauft. Unter dem neuen Besitzer soll darin eine Kulturstiftung untergebracht werden. Vielleicht wird dann das Kleinod endlich zugänglich. Die noble Einrichtung allerdings wurde von den Al Thanis versteigert. Siehe: Bettina Wohlfahrt, Ein Palais für den Scheich: Sonnenköniglich. In FAZ vom 2.10.2022 https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/auktion-bei-sotheby-s-paris-sammlung-der-familie-al-thani-im-hotel-lambert-18355523.html

[8] Siehe dazu z.B. Régis Soubrouillard,  Quand le Qatar achetait la France.   Outre-Terre 2012/3-4 (n° 33-34), pages 517 à 521  https://www.cairn.info/revue-outre-terre4-2012-3-page-517.htm https://www.journaldunet.com/economie/magazine/1104695-les-investissements-du-qatar-en-france.amphtml/ 

https://photo.capital.fr/ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-17024#ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-303408

[9] https://www.liberation.fr/sports/2019/06/18/enquetes-sur-la-corruption-dans-le-sport-le-qatar-en-premiere-ligne_1734691/

[10] Zur Situation derMenschenrechte in Quatar  siehe taz vom 20.11.21 Menschenrechte im WM-Land: Nichts ist gut in Katar  Die Fußball-WM 2022 könne helfen, das Emirat Katar zu liberalisieren, hieß es einmal. Doch die Menschenrechtslage wurde immer prekärer. https://taz.de/Menschenrechte-im-WM-Land/!5814345/

Zu Frauenrechten in Quatar siehe zum Beispiel: https://www.hrw.org/de/news/2021/03/29/katar-maennliche-vormundschaft-schraenkt-frauenrechte-stark-ein

[11] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/L-Hotel-de-la-Marine/Le-Garde-Meuble-de-la-Couronne/commode-riesener# Zu Riesener siehe auch den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine 1: Das Viertel des Holzhandwerks https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[12] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation

[13] Dieses Bild und die weiteren Abbildungen -wenn nicht anders angegeben- von Wolf Jöckel

[14] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris Für das Vergleichsbeispiel siehe  https://www.kyero.com/de/property/11239554-gewerbeimmobilie-mieten-paris (Stand 26.1.2022)

[15] https://www.sueddeutsche.de/sport/wm-katar-terror-geldwaesche-1.5506874?reduced=true

[16] https://www.dbz.de/artikel/dbz_Das_Schatzhaus_im_Meer_Museum_fuer_Islamische_Kunst_71151.html

https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Nationalmuseum-Katar-Ateliers-Jean-Nouvel-3371758.html

[17] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-fussball-hotels-und-nun-kunst-katar-leistet-sich-paris-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190104-99-430576

[18]  Bérénice Geoffroy Schneiter, Un rêve de musée universelle. In: connaissance des arts. Hors-série. La Collection Al Thani à l’hôtel de la marine. 2021, S. 27; Interview mit Amin Jaffer a.a.O., S. 10 und https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris

[19] Siehe: https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/saoud-al-thani-wie-falkenauge-die-kunstsammlungen-von-katar-aufbaute/26797922.html?ticket=ST-501534-kFbObjRKUCmJvlHWOYCa-ap3  und https://de.wikibrief.org/wiki/Collecting_practices_of_the_Al-Thani_Family

[20] https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[21] https://www.numero.com/fr/art/tresors-collection-al-thani-hotel-la-marine-paris-cheikh-hamad-ben-abdullah-al-thani-qatar

[22] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

[23] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/objekt/maske_12578

[24] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117  Als Herkunftsort wird dort aber -anders als auf der der Vitrine beigefügten Informationstafel –  das zentralasia tische Sassaniden-Reich angegeben

[25] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/264978-les-tresors-de-la-collection-al-thani-l-exposition-a-l-hotel-de-la-marine

[26]  Bild:© Marc Domage/Al Thani Collection  https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[27] Bild und wesentlich auch Text  aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation/Elements-Collection-Al-Thani/Repertoire-Highlights-Collection/Bueste-von-Kaiser-Hadrian

[28] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117

[29] Bild:  https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/les-mille-et-une-merveilles-de-la-collection-al-thani-a-paris-11166359/

[30] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

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Nach 60 Jahren noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 (Ici on noie les Algériens) und vom 8. Februar 1962 (Charonne)

Die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 war eine nuit noire in der französischen Geschichte der Nachkriegszeit[1] und der 8. Februar 1962 war ein schwarzer Tag. An beiden Tagen gab es im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg große Demonstrationen in Paris, die zahlreiche Opfer forderten. Die Erinnerung daran ist immer noch lebendig.

Was geschah damals?

Am Abend des 17. Oktober 1961 protestierten ungefähr 30.000 Algerier vor allem aus den Pariser Vorstädten gegen die –allein sie betreffende- nächtliche Ausgangssperre mit einer friedlichen -aber nicht genehmigten-  Demonstration, zu der die Untergrundorganisation der FLN (Front de libération nationale) aufgerufen hatte.  Die Polizei reagierte mit äußerster Härte. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet- die Zahlenangaben schwanken zwischen einigen Dutzenden und über 200 Opfern.[2] Über 10.000 Demonstranten wurden festgenommen und zum Teil mehrere Tage lang in „centres d’internement“  festgehalten. Dort kam es zu weiteren gewalttätigen Übergriffen einer durch Falschmeldungen aufgehetzten Polizei.  Noch Tage nach der „nuit noire“ wurden in der Seine schwimmende Leichen gefunden. Einige Demonstranten waren auf der Flucht vor der Polizei vom Pont St-Michel in die Seine gesprungen und dort ertrunken, andere wurden einfach in den Fluss geworfen, um die offiziellen Todes-Statistiken niedrig zu halten.

Nach dem Urteil der britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster handelt es sich um das brutalste staatliche  Vorgehen gegen eine Demonstration im Westeuropa der Nachkriegszeit.[3]  

Eine scharfe Pressezensur wurde verhängt und auch weitgehend befolgt, durch die das Ausmaß dessen, was in dieser Nacht geschah, nicht ans Licht kommen sollte. Viele Zeitungen beschränkten sich auf die Wiedergabe der offiziellen Polizeiberichte. Immerhin: Ein -natürlich schnell beseitigtes- Graffiti am Seineufer wies unübersehbar auf die Ereignisse der Nacht hin: Ici on noie les Algériens – hier ertränkt man die Algerier.[4]

Quai de Conti, 6. November 1961 © Jean Texier / L’Humanité [5]

Am 24. Oktober 1961 erschien in der Tageszeitung Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congrès eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

Karikatur des Le-Monde Karikaturisten  Plantu Dezember 1997[6]

Aber erst 2001 wurde –gegen den Widerstand der rechten Parteien- vom damaligen Pariser Bürgermeister Delanoë eine Gedenktafel am Pont-St-Michel (Quai du Marché – Neuf) eingeweiht: „Zur Erinnerung an die zahlreichen Algerier, die bei der blutigen Unterdrückung der friedlichen Demonstration vom 17. Oktober 1961 getötet wurden.“ Ich wollte“, stellte dazu der Pariser Bürgermeister fest, „dass für dieses Verbrechen, das von offiziellen Stellen Frankreichs gedeckt oder beschlossen wurde, wenigstens die französische Hauptstadt Verantwortung übernimmt“.[7]

Foto: Wolf Jöckel, aufgenommen 2011, am 50. Jahrestag des 17.10.1961

Diese Gedenktafel wurde 2019 von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo durch eine künstlerisch gestaltete Stele ergänzt, um dem Gedenken an die Opfer mehr Sichtbarkeit zu verleihen.[8]

Bild: Wolf Jöckel 9.2.2022

In Frankreich hat man sich allerdings schwer getan mit dieser „schwarzen Nacht“.  Lange Zeit wurde der 17. Oktober 1961 verdrängt, die Erinnerung daran bewusst ausgelöscht, wie die beiden Le Monde-Journalisten Frédéric Bobin et Antoine Flandrin in einem aktuellen Podcast feststellen.[9]

Ein Grund für das große französische Interesse an einer solchen Verdrängung:  Der für das brutale Vorgehen der Pariser Polizei 1961 (und dann auch noch 1962) Verantwortliche war Maurice Papon. Als Präfekt ordnete er am 17.10. 1961 ein hartes Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten an. Zu Unrecht machte er die friedlich demonstrierenden Algerier für die blutige Eskalation der Demonstration verantwortlich: Sie hätten das Feuer auf die Polizei eröffnet. Allerdings hat damals kein einziger Polizist Schussverletzungen erlitten und erst recht wurde keiner getötet. Demgegenüber spielte Papon die Zahl der Opfer herunter und trug massiv dazu bei –auch mit Hilfe der herrschenden Pressezensur- dass es zu keiner Aufklärung des Ablaufs der Ereignisse kam und zu keiner einzigen Bestrafung eines Polizisten. Papon allerdings wurde in einem Brief des damaligen Ministerpräsidenten Michel Debré ausdrücklich gelobt: Der Präfekt habe Führungsstärke und Organisationstalent bewiesen und auf hervorragende Weise eine schwierige und oft delikate Aufgabe („une mission souvent délicate et difficile“) zu bewältigen gewusst. So von den politisch Verantwortlichen bestärkt, war es am 8. Februar 1962 wieder Papon, der den Befehl zum folgenschweren Vorgehen gegen die Demonstranten gab.[10]

Führungsstärke und Organisationstalent hatte Maurice Papon auch schon vorher hinreichend bewiesen. Er war nämlich im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Der Busfahrer auf der oben abgebildeten Karikatur von Plantu war also niemand anderes als Papon.

Allerdings gehörte er –wie der oberste Polizeichef von Vichy, René Bousquet, zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur Résistance knüpften. Daher konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen: Als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, danach als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 auch noch in zwei Regierungen als Minister. Das endete erst am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné die Rolle Papons bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben, und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

Insofern hat die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 eine dreifache Brisanz:

  • Es geht einmal um ein Ereignis, das inzwischen vielfach als „Massaker“ bezeichnet und als Verbrechen eingestuft wird. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass es sich nicht „einfach“ um vereinzelte oder auch kollektive polizeiliche Übergriffe handelte, sondern dass es institutionelle/staatliche Verantwortlichkeiten gab – auf jeden Fall die des Polizeipräfekten Papon. In Frage steht aber auch die (zumindest politische) Verantwortung des damaligen Innenministers Roger Frey, eines entschiedenen Gegners einer Loslösung Algeriens vom „Mutterland“, und des Premierministers Michel Debré.   
  • Es geht dabei weiterhin um die Rolle der Collaboration mit dem Nazi-Regime und ihre Beteiligung an der Shoah – eine Frage, die derzeit in Anbetracht der revisionistischen Thesen des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour besonders aktuell ist: Für Zemmour war das Collaborations-Regime des Marschalls Pétains nicht Handlanger der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, sondern ein Schutzschild französischer Juden, die vor Deportation und Ermordung gerettet worden seien. Der Polizeipräfekt von 1961, Papon, ist ein Beleg dafür, dass damit die Geschichte auf den Kopf gestellt wird.
  • Brisant ist die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 schließlich auch im Kontext der französisch-algerischen Beziehungen. Emmanuel Macron hatte 2017 als Kandidat für die damalige Präsidentschaftswahl in einem Aufsehen erregenden Interview während eines Besuchs in Algier den französischen Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und eine wahrhafte Barbarei bezeichnet und dazu aufgefordert, davor nicht die Augen zu verschließen- eine Stellungnahme, die ihn, nach dem Úrteil von Michaela Wiegel „beinahe die Wahl gekostet“ hätte. [11] Als Präsident hatte Macron die  Verbesserung der Beziehung zu Algerien und einen versöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit (die „réconciliation des mémoires“)  zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit erklärt.[12] Er beauftragte den aus Algerien stammenden Historiker Benjamin Stora, Vorschläge zu unterbreiten, wie -gerade im Blick auf Kolonialismus und Algerien-Krieg- die Verständigung zwischen dem französischen und algerischen Volk gefördert werden könnte.

Stora unterbreitete im Januar 2021 einen Katalog von 22 Maßnahmen, wozu auch die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 gehörte.[13] Wie schwer dieser Prozess einer réconciliation des mémoires allerdings ist, wird an der erbitterten rechten Kritik deutlich: Man müsse endlich aufhören, sich ständig für seine (insgesamt doch glanzvolle) Geschichte zu entschuldigen, auf die man stolz sein könne, forderten unisono Vertreter der Rechten (Michel  Barnier, Eric Ciotti, Valérie Pecresse) und der Ultrarechten (Marine Le Pen).[14] Und zu dem Frankreich, auf das die Franzosen stolz sein könnten, gehört für den Präsidentschaftskandidaten Zemmour (dem immerhin -ebenso wie Le Pen-  derzeit 14 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme geben wollen) sogar der Marschall Pétain…

Insofern hat der Versuch einer réconciliation des mémoires auch noch eine brisante innenpolitische Dimension. Die den Algerienkrieg betreffenden Trennlinien verlaufen nicht nur zwischen Frankreich und Algerien, sondern sie gehen auch durch die französische Gesellschaft – man denke nur an die aus Algerien vertriebenen Franzosen, die pieds noirs, oder an die algerischen Hilfskräfte der Franzosen in Algerien, die Harkis…

2021©Jean-Claude Coutausse pour Le Monde. Macron ehrt die Opfer des 17. Oktober 1961 (Colombes, Hauts-de-Seine, 16. Oktober).  Im Hintergrund die Brücke von Bezons. Auch dort wurden Demonstranten von der Polizei in die Seine geworfen. [15]

Insofern wurde mit besonderer Spannung erwartet, wie Macron 2021 an den 17. Oktober 1961 erinnern würde. In seiner Stellungnahme beschrieb Macron in aller Deutlichkeit, was damals geschah.  Die Repression der Demonstration sei brutal und blutig gewesen. Fast 12 000 Algerier seien verhaftet worden. Neben vielen Verletzten habe es Dutzende von Toten gegeben, die in die Seine geworfen worden seien. Viele Familien hätten nie die sterblichen Überreste der damals Verschwundenen wiedergefunden. [16] Es handele sich um Verbrechen, die nicht entschuldigt werden könnten. („crimes inexcusables“). Neu waren dabei, gegenüber den Stellungnahmen seines Vorgängers François Hollande, nicht nur die deutlichen Qualifizierungen der damaligen Repression, sondern vor allem, dass mit Macron ein Staatspräsident persönlich einen Kranz an einem Ort des damaligen Geschehens niederlegte. Und neu war auch, dass Macron einen Verantwortlichen benannte, nämlich Maurice Papon. Nach den Worten Benjamin Storas hat damit zum ersten Mal ein Staatspräsident eine staatliche Verantwortung an dem verbrecherischen Massaker anerkannt. Allerdings wurde -nicht nur aus dem linken Spektrum- Kritik laut. Macron sei auf halbem Weg stehen geblieben. In der Erklärung des Elysée seien das Wort Polizei  und Titel und Funktion Papons („préfet de police“)  nicht vorgekommen, der doch immerhin trotz seiner Vergangenheit als Kollaborateur von de  Gaulle ausgewählt worden sei und danach auch noch eine steile Karriere gemacht habe.[17]

Aber dann folgte ja noch der zweite Akt des Dramas, der 8. Februar 1962, in Frankreich bekannt unter dem Kürzel Métro Charonne oder einfach nur Charonne

Was war damals geschehen? Seit März 1961 verübte die Untergrundorganisation OAS (Organisation de l’Armée Secrète) eine Serie von Anschlägen, um die Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens zu torpedieren: Am 31. März wurde der Bürgermeister von Evian ermordet, in dessen  Stadt die Verhandlungen stattfanden. Es folgten Anschläge auf Personen und Einrichtungen, die das Projekt einer Unabhängigkeit Algeriens unterstützten.  Am 7. Februar 1962 verübte die OAS eine neue Serie von Anschlägen, unter anderem auf die Wohnung von André Malraux, dem damaligen Kultusminister, wobei ein vierjähriges Mädchen sein Augenlicht verlor, was besondere Empörung auslöste. Ihr Ziel erreichten diese Anschläge allerdings nicht: Eher beschleunigten sie den Abschluss der Verhandlungen. Am 18. März 1962 wurde in Evian die Loslösung Algeriens vom „Mutterland“ Frankreich vereinbart.

Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements,                                                   erstellt von dem Comité d’Histoire de la Ville de Paris[18]   Bild: Wolf Jöckel 8.2.2022  

Als Reaktion auf die Anschläge der OAS riefen verschiedene linke Organisationen, vor allem die Gewerkschaften CGT, CFDT und UNEF und die Parteien PCF und PSU, für den 8. Februar 1962 zu einer Demonstration gegen den OAS-Terror und für die Unabhängigkeit Algeriens auf, die allerdings von Papon, nach wie vor Polizeipräfekt, verboten wurde. Allerdings hatten die Organisatoren die Hoffnung, dass angesichts der Umstände die Polizei nicht einschreiten würde. Denn immerhin standen die Verhandlungen von Evian kurz vor dem Abschluss, so dass eine Demonstration für den Friedensvertrag und gegen den OAS-Terror durchaus im Sinne der Regierung hätte sein können.[19] Zumal die OAS ja nicht nur de Gaulles Vertrauten Malraux zum Ziel ihrer Anschläge auserwählt hatte, sondern auch den Staatspräsidenten selbst, auf den am 8. September 1961 bei Pont-sur-Seine ein Anschlag verübt wurde.

Es kam allerdings anders. De  Gaulle, der Innenminister Frey und der Polizeipräfekt Papon wollten um jeden Preis die staatliche Autorität durchsetzen und der politischen Linken keine  Gelegenheit geben, ihre Macht zu demonstrieren. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als sei die Unabhängigkeit Algeriens auf „Druck der Straße“ erfolgt.  An der Metro-Station Charonne im 11. Arrondissement wurden die friedlich demonstrierenden Menschen gewaltsam eingekesselt. Mit ihren bidules, hölzernen Schlagstöcken, schlugen Polizisten auf die Demonstranten ein.  Die versuchten in Not und Panik, sich in die Metro-Station zu retten, deren Gitter aber heruntergelassen waren. 9 Menschen starben an den Folgen schwerer Kopfverletzungen oder erstickten, darunter Anne Godeau (24 Jahre, Postangestellte) und Édouard Lemarchand (40 Jahre, Angestellter bei der Humanité).

Das Foto zeigt sie auf dem Demonstrationszug vom 8.2.1962. Eine Stunde später waren sie tot.[20]

Am 13. Februar 1962 beteiligten sich etwa 500 000 Menschen (L‘Humanité sprach von 1 000 000, Le Figaro von 150 000)  an einem feierlichen Trauermarsch zum Friedhof Père Lachaise, wo die „Opfer von Charonne“ gegenüber der Mur des Fédérés, also der Opfer der Pariser Commune von 1871, bestattet wurden.[21]

Grabmal der Charonne-Opfer auf dem Père Lachaise. 97. Division. Auf der Grabplatte spiegelt sich das Denkmal für die Opfer des KZ Ravensbrück. Foto: Wolf Jöckel

Dieses Foto habe ich am 10. Februar 2022 aufgenommen. Das Gebinde hatte der Pariser Polizeipräfekt Didier Lallement im Namen des Staatspräsidenten deponiert, wie das Tricolore-Band ausweist. Dies war, wie auch Macrons Gedenken an die Opfer des 17. Oktober 1961, eine absolute Neuerung: Nicht allein, dass Macron damit den Opfern und ihren Familien seine Ehrerbietung erwies,[22] sondern auch insofern, als durch die Präsenz des Polizeipräfekten die damalige Verantwortung der Pariser Polizei anerkannt wurde. 

Bis es dazu kam, war es allerdings ein weiter Weg. Denn wie nach dem 17. Oktober wurden auch hier die Tatsachen zunächst entweder verschwiegen oder verdreht.

Aus der Ausstellung 11. Arrondissement

So berichtete der Figaro am 9. Februar, „groupes de choc“, also (bewaffnete) Sturmtruppen 23], hätten das Demonstrationsverbot durchbrochen und Demonstranten seien in die von „Agenten der Subversion“ gelegte Falle geraten. Die Rede war lediglich von zwei toten Demonstranten. Der Ministerpräsident beglückwünschte einige Tage später Maurice Papon für sein entschlossenes Vorgehen und 1966 wurde eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg stehenden Handlungen beschlossen.

Aber natürlich gelang es nicht, die Erinnerung an den 8. Februar auszulöschen. Die Kommunistische Partei Frankreichs und die kommunistische Gewerkschaft CGT brachten in der Metro-Station eine Erinnerungstafel für „die Opfer der Repression“ an. Sie waren alle Mitglieder der CGT und mit einer Ausnahme auch der KPF.

Gedenktafel in der Metrostation Charonne, 11. Arrondissement: „Hier sind am 8. Februar 1962 während einer Demonstration für den Frieden in Algerien neun Arbeiterinnen und Arbeiter, von denen der jüngste 16 Jahre alt war, als Opfer der Unterdrückung gestorben.“ Foto Wolf Jöckel

Jedes Jahr werden dort am 8. Februar von verschiedenen Organisationen und Institutionen Blumen niedergelegt. Foto: Wolf Jöckel 8. Februar 2022

Ein Plakat der École des beaux-arts aus dem Jahr 1968[24]. Es zeigt, dass in der französischen Studentenbewegung die Erinnerung an Charonne noch lebendig war.  Roger Frey, 1962 Innenminister, wird hier als „Mörder von Charonne“ titutliert. Aus der Ausstellung 11. Arrondissement.  Foto: Wolf Jöckel

1975 entstand Renauds bitteres Lied „Hexagone“, in dessen Februar-Strophe er an die damals weitgehend verdrängte Niederschlagung der Demonstration vom 8. Februar 1962 erinnert:

Im Februar fällt es nicht schwer, / sich an Charonne zu erinnern,

die vereidigten Schläger (Gendarmen), / die ihr Werk perfekt ausführten.

Frankreich ist ein Bullenstaat ….

Um die öffentliche Ordnung durchzusetzen, / Morden sie ungestraft.[25]

Am 45. Jahrestag des Massakers, am 8. Februar 2007, erhielt der Ort des Geschehens, die Kreuzung zwischen dem Boulevard Voltaire und der Rue de Charonne,  auf Beschluss des Pariser Stadtrats den Namen „Place du 8 Février 1962“, sieben Jahre später die Metro-Station Charonne den entsprechenden Zusatz.

Platz des 8. Februar 1962. Datum der Demonstration gegen den Algerienkrieg, wo neun Demonstranten an der Metro-Station Charonne den Tod fanden.
Foto: Wolf Jöckel  8.2.2012

Am 50. Jahrestag des Massakers hielt der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë eine Rede an der Place du 8 Février 1962, die mich sehr beeindruckte. Er knüpfte dabei sinngemäß an das an, was Robert Badinter, dessen Name mit der Abschaffung der Todesstrafe verbunden ist,  1990 feststellte:

„Es ist eine beklagenswerte Haltung für eine große Demokratie, sich nicht den Schwächen ihrer Geschichte zuzuwenden… Erwachsen zu sein bedeutet, seinen Schwächen ins Auge zu sehen, um ihnen nicht erneut zu erliegen“.[26]  Und Delanoë führte in seiner Rede den Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos als Vorbild an für einen verantwortungsvollen Umgang mit den dunklen Seiten der Vergangenheit eines Landes.

Eine solche Geste ist allerdings in Frankreich in Bezug auf den Algerienkrieg kaum vorstellbar.

Kundgebung am 8. Februar 2022, Place du 8 février 1962. Auf der Tribüne von links nach rechts: Der sozialistische Bürgermeister des 11. Arrondissements François Vauglin (mit der Tricolore-Schärpe), der Vorsitzende der KPF und Präsidentschaftskandidat Fabien Roussel, der Präsident der Association nationale pour la protection de la mémoire des victimes de l’OAS, Jean-François Gavoury (am Mikrophon), der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, und  Henri Cukierman, Vorsitzender des comité Vérité et justice pour Charonne. Foto: Wolf Jöckel

Auf der Kundgebung vom 8. Februar 2022 wurde denn auch kritisiert, dass Macron in seiner Erinnerungspolitik auf halbem Weg stehen geblieben sei und das Charonne-Massaker nicht als „crime d’État“ anerkannt habe. In der Tat lässt sich Präsident Macron bei seinen erinnerungspolitischen Gesten und Schritten auch von politischem Kalkül leiten – das ist von ihm, gerade auch kurz vor den Präsidentschaftswahlen, nicht anders zu erwarten.[27]  Macron hat aber unbestreitbar während seines Quinquennats wichtige Beiträge zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ geleistet. Dazu gehören die offizielle Anerkennung der systematisch von der französischen Armee im Algerienkrieg angewendeten Folter[28]  und seine Entschuldigung gegenüber den Harkis, den algerischen Hilfskräften der französischen Armee, die Frankreich den Repressalien der siegreichen FLN überlassen hat,  soweit sie nicht nach Frankreich überführt und dort unter unwürdigen Bedingungen behandelt wurden –  nach Le Monde „eine der beschämendsten Seiten der Geschichte unseres Landes“.[29] Und dazu gehört auch der– im Vergleich zu seinen Vorgängern viel prononciertere Umgang Macrons mit den Massakern vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962. Aber sicherlich ist es noch ein weiter Weg zu einer réconciliation des mémoires, soweit die überhaupt je möglich ist. Das zeigt auch das nachfolgend abgebildete handbeschriebene Blatt, das an einer Schautafel der Ausstellung des 11. Arrondissements von Paris befestigt war.

Foto: Wolf Jöckel 6.2.2022

Vor 65 Jahren wurde mein Vater in Algerien (der Kabylei) wie viele andere von der französischen Armee verhaftet, gefoltert und exekutiert. Er war in der Blüte seiner Jahre, gerade 24 Jahre alt, so dass er keine Gelegenheit hatte mir noch Brüder und Schwestern zu machen. Ehre all denen, die für die Freiheit kämpfen. Es leben die zwei Länder, Frankreich und Algerien…


Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.

Anmerkungen

[1] So der Titel eines französischen  Fernsehfilms von 2005 über die damaligen Ereignisse, wieder ausgestrahlt von France 3 am 17.10.2010.  Bild aus: https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/france-culture-passe-le-bac-33-reviser-lepreuve-dhistoire-avec-la-fabrique

Zum Thema dieses Beitrags siehe auch: Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

[2]  „La vérité mettra des années pour s’imposer : 200 manifestants au moins tués „à chaud“ comme „à froid (Gaston Deferre); avec une imprécision du nombre à elle seule révélatrice de la logique de guerre dans laquelle on s’inscrit.“ Danielle Tartakowsky, Les manifestations de rue en France 1918-1968. Éditions de la Sorbonne. https://books.openedition.org/psorbonne/62457?lang=de

Die bis heute noch nicht geklärte Opferzahl beruht vor allem darauf, dass  der Zugang zu den Archiven lange Zeit mit dem Verweis auf die nationale Sicherheit bis 2021 blockiert war und -so der Historiker  Gilles Manceron- immer noch behindert wird. Siehe dazu: https://www.la-croix.com/France-ouvre-archives-judiciaires-policieres-Algerie-2021-12-23-1301191586

[3]  Jim House/Neil MacMaster, Les Algériens, la terreur d’État et la mémoire. Neuauflage Paris: Gallimard 2021: „la répression d’Etat la plus violente qu’ait jamais provoquée une manifestation de rue en Europe occidentale dans l’histoire contemporaine“  

Zur Vorgeschichte und zum Ablauf des Massakers vom 17. Oktober 1961 siehe auch: Nina Pauer, Europa und die Frage der Gewalt- die bundesrepublikanische Resonanz auf den Algerienkrieg am Beispiel des Massakers vom 17. Oktober 1961 in Paris.  In: Dietmar Hüser, Frankreichs Empire schlägt zurück. Kassel university press 2010, S. 157ff  978-3-89958-902-3.volltext.frei.pdf (uni-kassel.de)

[4] So auch der Titel eines Dokumentarfilms, der aus Anlass des 50. Jahrestages der Nuit noire in die Kinos kam. Das Bild wurde vielfach veröffentlicht, z.B. https://france3-regions.francetvinfo.fr/auvergne-rhone-alpes/isere/grenoble/on-noie-algeriens-soiree-cine-conference-au-melies-grenoble-1735831.html

[5] Bild aus: Histoire d’une photo : „Ici on noie des Algériens” (1961) – Ép. 3/3 – France Culture passe le bac !

[6] https://histoirecoloniale.net/Papon-et-la-justice.html

[7] https://www.liberation.fr/societe/2001/10/18/a-la-memoire-des-algeriens_380833/

[8] Siehe: https://www.rtl.fr/actu/politique/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-du-17-octobre-1961-7799268720  17.10.2019   und https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-de-la-repression-du-17-octobre-1961-6569414

[9] Podcast. Massacre du 17 octobre 1961 : la fin d’un long silence ? (lemonde.fr Oktober 2021): „ L’histoire du 17 octobre 1961 est celle d’un massacre sciemment oublié, effacé.“  Siehe auch Interview mit dem Historiker Gilles Manceron, Autor von: La triple occultation d’un massacre. In: Le 17 octobre des Algériens (2011) https://www.lemonde.fr/societe/article/2011/10/17/17-octobre-1961-ce-massacre-a-ete-occulte-de-la-memoire-collective_1586418_3224.html Danach hatte nicht nur der für „den Pogrom“ verantwortliche „pouvoir gaulliste“ Interesse an der Verdrängung, sondern auch die französische Linke, „ambiguë sur l’indépendance algérienne“. Und zum Dritten auch die damalige provisorische algerische  Regierung, weil der französische Ableger der FLN eine Konkurrenz darstellte, die nach der Erlangung der Unabhängigkeit ausgeschaltet wurde. https://www.cairn.info/le-17-octobre-des-algeriens–9782707171177-page-111.htm

[10] Sonderausgabe Charonne der Humanité vom 8.2.2012

[11] Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

Dazu z.B. auch: Emmanuel Macron qualifie la colonisation française de „crime contre l’humanité“ – L’Express (lexpress.fr) und https://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/la-colonisation-crime-contre-l-humanite-macron-sous-le-feu-des-critiques_1879756.html

[12] Kritisch dazu: Sylvie Thénault; Sur la guerre d’Algérie parler de ‚réconciliation‘ n’a pas de sens. In: Le Monde. 6.2.2021 und in: Le Monde, Le bilan du monde, édition 2022, S. 217

[13] https://www.lemonde.fr/afrique/article/2020/07/24/emmanuel-macron-confie-a-l-historien-benjamin-stora-une-mission-sur-la-memoire-de-la-colonisation-et-de-la-guerre-d-algerie_6047236_3212.html und Emmanuel Macron fait de la guerre d’Algérie le défi mémoriel de son quinquennat (lemonde.fr)  Zusammenfassung der 22 Empfehlungen  Storas: https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/01/20/france-algerie-les-22-recommandations-du-rapport-stora_6066931_3212.html 

[14] Le Monde 19. Oktober 2021: Droite et extême droite condamnent la „repentance“ du chef de l’Etat. Marine Le Pen comme Michel Barnier ou Valérie Pecresse ont estimé que la France devait cesser de s’excuser à propos de la guerre d’Algérie.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Beschädigung der Statue des Emirs Abdelkader in Amboise Anfang Februar 2022. Abdelkader war ein Held des algerischen Widerstands gegen die französische Eroberung im 19. Jahrhundert. Nach seiner Gefangennahme wurde er im Schloss von Amboise festgesetzt und entwickelte sich dort zu einem „Pionier des Dialogs zwischen den Religionen“, wie Le Monde schrieb. Kurz, eine Figur der französisch-algerischen Freundschaft.“ (A Amboise, vandalisme contre la statue de l’émir Abdelkader. Le Monde, 8.2.2022). Die Errichtung einer solchen Statue gehörte zu den von Benjamin Stora unterbreiteten Vorschlägen zur réconciliation des mémoires.

[15] Bild und Information aus: Le Monde 19. Oktober 2021

[16] „La répression fut brutale, violente, sanglante. Près de 12 000 Algériens furent arrêtés et transférés dans des centres de tri au Stade de Coubertin, au Palais des sports et dans d’autres lieux. Outre de nombreux blessés, plusieurs dizaines furent tués, leurs corps jetés dans la Seine. De nombreuses familles n’ont jamais retrouvé la dépouille de leurs proches, disparus cette nuit-là.“ Zit. In: https://www.leparisien.fr/politique/algeriens-tues-a-paris-le-17-octobre-1961-pourquoi-ils-attendaient-plus-de-macron-17-10-2021-5CY5GNMKXBA7FJXPCWHVHKO6CM.php?xtor=EREC-109&utm_medium=email&utm_source=internal&utm_campaign=newsletter_politique

[17] Siehe z.B. https://www.bfmtv.com/politique/les-propos-de-macron-sur-le-massacre-du-17-octobre-1961-fustiges-de-toute-part_AN-202110170218.html  Auch Le Monde spricht in einem Artikel über Macrons Gedenken an den 17. Oktober 1961 von einem „demi-pas“ des Präsidenten. (Le Monde, Dienstag, 19. Oktober 2021). Entsprechend auch Rachid Benzine, Les hommages  à Samuel Paty et aux manifestants algériens ne sauraient masquer le malaise de nos institutions. In: Le Monde, 20. Oktober 2021

[18] Siehe: https://storymaps.arcgis.com/stories/2df2cacd2d50414183c9021ac4af91ab

[19] Der Historiker Pierre Vidal-Naquet: „C’est le comble de l’absurde. On a du mal à comprendre cette violence de la police alors que le gouvernement est en pleine négociation avec les représentants algériens pour un accord de paix signé un mois plus tard.“ Zit von L’Humanité und Le Monde 8.2.2022 https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/08/paris-commemore-les-60-ans-de-la-repression-meurtriere-d-une-manifestation-contre-la-guerre-d-algerie-au-metro-charonne_6112781_3224.html

[20] Das Foto gehört zu der Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements. Siehe dazu auch: https://mairie11.paris.fr/pages/il-y-a-60-ans-la-manifestation-de-charonne-20333

[21]   Filmbericht aus dem französischen Fernsehen vom 14.2.1962. Dokumentation INA  https://enseignants.lumni.fr/fiche-media/00000000082/les-obseques-des-victimes-de-charonne.html Dort auch ein erläutender von Philippe Tétart, Les obsèques des victimes de Charonne. Contexte historique. Publication: 2003

Zur Mur des Fédérés siehe den Blog Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[22] Aus der Stellungnahme des Präsidenten:  „Soixante ans après cette tragédie, je rends hommage à la mémoire des victimes et de leurs familles“. Zit. https://www.lefigaro.fr/flash-actu/metro-charonne-emmanuel-macron-rend-hommage-aux-victimes-une-premiere-20220208

[23] https://www.cairn.info/revue-historique-2014-1-page-143.htm#:~:text=Car%20si%20la%20guerre%20d,les%20forces%20de%20l’ordre.

[24] Zu den 1968 in der École des beaux-arts  in Paris hergestellten Plakaten  siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[25] Übersetzung und Original: https://songtexte-ubersetzung.com/renaud-renaud-sechan-hexagone/

 Ils sont pas lourds en février, / à se souvenir de Charonne,

des matraqueurs assermentés /qui fignolèrent leur besogne.

La France est un pays de flics ….

Pour faire règner l’ordre public / Ils assassinent impunément

Ihren ausführlichen Artikel über den 8. Februar 1962 hat l’Humanité mit den Gedichtzeilen Renauds überschrieben: Ils sont pas lourds, en février, à se souvenir de Charonne

[26] „C’est une attitude déplorable pour une grande démocratie de ne pas se pencher sur les faiblesses de son histoire… Etre adulte, c’est regarder en face aussi ses faiblesses, pour ne pas y retomber. «

[27] Insofern ist Macron auch nicht dem Vorschlag Storas gefolgt, die französische Rechtsanwältin Gisèle Halimi zu pantheonisieren. Sie war Rechtsanwältin und Anwältin der Unabhängigkeit Algeriens. Ihre Pantheonisierung hätte in Frankreich eher Gräben aufgeworfen und nicht zu einer  réconciliation des mémoires beigetragen.  https://www.sudouest.fr/politique/entree-au-pantheon-de-gisele-halimi-pourquoi-emmanuel-macron-envisagerait-de-dire-non-2672066.php  Statt  dessen hat sich Macron für die Pantheonisierung von Josephine Baker entschieden. Siehe  dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

[28] Anerkennung des Mathematikers Maurice Audin als Folteropfer der französischen Armee: https://www.liberation.fr/france/2018/09/13/mort-de-maurice-audin-macron-reconnait-la-torture_1678582/ 

Anerkennung des Rechtsanwalts Ali Boumendjel als Folteropfer:  https://www.franceculture.fr/emissions/lesprit-public/france-algerie-emmanuel-macron-et-la-reconciliation-des-memoires

Allgemein zur Folter als offiziellem Instrument der französischen Armee im „gegen-revolutionären Krieg“:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Torture_pendant_la_guerre_d%27Alg%C3%A9rie 

[29] Leitartikel von Le Monde vom 21.9.2021. https://www.lemonde.fr/idees/article/2021/09/21/harkis-un-pardon-justifie-au-nom-de-la-france_6095428_3232.html  Mit dieser Entschuldigung ging Macron noch weit über die die Harkis betreffenden Vorschläge Benjamin Storas hinaus. Siehe: France Culture, 26.1.2021:  Le sort des harkis et de leurs descendants dans le rapport de Benjamin Stora fait réagir https://www.franceculture.fr/emissions/le-journal-de-lhistoire/le-journal-de-lhistoire-du-mardi-26-janvier-2021

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Ausschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Sammlung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Roncesvalles/Roncevaux – Der Mythos lebt … Ein Gastbeitrag von Ortwin Ziemer

Wenn sich in seiner Sprache und seinem kulturellen Erbe die Seele eines Volkes spiegelt, so trifft dies sicherlich ganz besonders auf seine Sagen und Legenden zu, und zwar in ganz speziellem Maße, wenn diese von markanten Orten verkörpert werden. Mythen, zunächst meist mündlich und erst später schriftlich überliefert, verketten erzählerisch bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten und verdichten sich im kollektiven Bewusstsein mehr und mehr zu oft identitätsstiftenden Orientierungspunkten bezüglich der nationalen Vergangenheit. Der eigentliche, ursprüngliche Gegenstand des Mythos wächst dabei meistens über dessen anfängliche Dimension hinaus und fast immer ist der historische Kern nicht mehr eindeutig nachweisbar bzw. nicht mehr klar zu identifizieren. Am Beispiel der Schlacht von Roncesvalles (15. August 778) und des rund zweieinhalb Jahrhunderte später darüber entstandenen Rolandsliedes, das im 19. Jhd. zum französischen Nationalepos wurde, zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie stark die Geschichte in solchen Mythen in ideologisierter Form reflektiert wird. Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des vielleicht berühmtesten Versepos des Mittelalters vor Ort und in ganz Europa gibt noch heute interessante Aufschlüsse über religiöse, politische und geostrategische Vorstellungen, Ideen und Konzepte und den Zeitgeist, sowohl, was die Epoche der zugrundliegenden Ereignisse als auch die Entstehungsperiode des literarischen Werkes selbst betrifft. Gerade in diesem Kontext ist es für die Besucher unserer Tage interessant, welche Spuren davon in der kleinen Pyrenäengemeinde (frz. Roncevaux), die heute auf der spanischen Seite der Grenze in der Provinz Navarra liegt, noch heute sichtbar sind und was sie zu berichten haben.

Wenn man sich heutzutage der kleinen Ortschaft rund um das Kollegiatsstift Santa-Maria-la-Real (frühes 13. Jhd.) nähert, scheint auf den ersten Blick kaum noch etwas daran zu erinnern, dass hier einst eine der denkwürdigsten Schlachten der gesamten Regierungszeit Karls des Großen geschlagen wurde: Nach der erfolglosen Belagerung Saragossas im Rahmen seines Feldzugs gegen die als Mauren oder Sarazenen bezeichneten moslemischen Araber, die damals einen Großteil der iberischen Halbinsel besetzt hielten (Kalifat von Cordoba), hatte der Frankenkönig, der zu diesem Moment wohl gemerkt noch keinen Kaisertitel trug, auf dem Rückzug Pamplona, die Hauptstadt der  – nota bene – christlichen Basken verwüstet. Auf Rache sinnend, legten sich diese daraufhin bei Roncesvalles in einen Hinterhalt, ließen den Hauptteil des Frankenheeres wohlwissend abziehen und metzelten anschließend, aufgrund ihrer Ortskenntnis und zahlenmäßigen Überlegenheit auf der engen Passhöhe klar im Vorteil, die gesamte Nachhut Karls nieder. Dabei fand auch deren Anführer, der Markgraf Roland, den Tod. Mehr ist aus den wenigen Quellen, namentlich der „Vita Caroli Magni“ (ca. 830) von Karls Biograf Einhard, zu der historischen Begebenheit, die dem um 1100 entstandenen altfranzösischen Rolandslied zugrunde liegt, nicht bekannt oder belegt.

Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, im Hintergrund die Kollegiatskirche Santa-Maria-la-Real

Mehr als ein Vierteljahrtausend später, zur Entstehungszeit des Epos im späten 11. Jhd., erklären mehrere zeitgeschichtliche Faktoren die Umdeutungen der Schlacht von Roncesvalles bei der Abfassung des Rolandsliedes: Auf fränkischer Seite wurde diese Schlacht wenngleich nicht als Sieg überliefert, so jedoch zu einem christlichen Martyrium stilisiert. Sowohl Karl als auch Roland selbst werden zu christlichen Märtyrern, die beinahe wider besseres Wissen leidend in den Tod gehen (Roland) bzw. dem Unheil fast bewusst seinen Lauf lassen (Karl der Große). Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Motivparallele zwischen den zwölf Paladinen Karls, die die von Roland geführte, fränkische Nachhut begleiten und wie er aufgeopfert werden, und den zwölf christlichen Aposteln, die Jesus Christus auf seinem Leidensweg zur Seite stehen. Karls Feldzug ins islamisch beherrschte Spanien, bei dem er ebenfalls gegen „ungläubige Heiden“ kämpfte, wird auf diese Weise quasi mit dem zeitlich der Entstehung des Epos sehr nahen Ersten Kreuzzug (1096-1099) gleichgesetzt, zu dessen ideologisch-propagandistischer Rechtfertigung und Verbrämung das Werk somit beitrug. Eine auffallende Ähnlichkeit springt vor diesem Hintergrund auch zur Tafelrunde des Sagenkreises um König Artus ins Auge, die ebenfalls zwölf Mitglieder hatte und wie auch das Rolandslied christlich-höfische Ideale propagierte.

In Spanien werden Karl der Große und Roland zur selben Zeit als Akteure der Reconquista dargestellt, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel, deren erste Versuche ebenfalls bereits im 8. Jhd. begannen und die zur Entstehungszeit des Rolandsliedes und bereits seit der Jahrtausendwende vom christlich gebliebenen Nordspanien aus verstärkt vorangetrieben wurde. Das Rolandslied wurde auch dort reichlich rezipiert, was sicherlich auch ganz im Sinne von König Sancho VII. von Navarra, genannt dem Starken, gewesen sein dürfte, der im Bündnis mit Kastilien, Aragon und Portugal in der Schlacht von Las Navas de Tolosa (1212) die Truppen des Almohaden-Kalifen Muhammad an-Nasir besiegte und damit die islamische Vorherrschaft in al-Andalus bereits empfindlich schwächte. Der siegreiche Sancho ließ die bereits zu Beginn des 12. Jhd. erbaute Kollegiatskirche in Roncesvalles zu ihrer bis heute erhaltenen Form ausbauen und liegt dort seit der Überführung seiner Gebeine mehrere Jahre nach seinem Tod im Jahre 1234 prunkvoll begraben.

 Im vergangenen Jahr wurde der 800. Jahrestag der Weihung des Gotteshauses mit Festakt und Sonderausstellung begangen. Noch immer ist im der Klosteranlage angeschlossenen Museum neben anderen legendären Kuriositäten das sog. Schachbrett Karls des Großen zu bewundern, auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass Karl daran tatsächlich mit dem Verräter Ganelon eine Partie des königlichen Spiels absolviert haben dürfte, als der verzweifelte Hilferuf auf Rolands Olifant an seine Ohren drang.

Aber solche Ausschmückungen sind eben sowohl für die Heldenepen selbst als auch für die entsprechenden Requisiten typisch. Die örtliche Nähe zum 1978 errichteten Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, in Sichtweite vor der Stiftskirche, die das Grabmal Sanchos VII. beherbergt, wirkt da rückblickend fast wie ein verschmitztes Augenzwinkern der Geschichte.

Schließlich spielte der Stoff des Rolandsliedes, ganz in der Tradition der mittelalterlichen Heldenepik der Chansons de geste stehend, gerade auch in den Stationen entlang des Jakobspfades eine wichtige Rolle, wo sie oft zur Erbauung und Unterhaltung der Pilger deklamiert oder auch gesungen wurden.

Dies dürfte insbesondere im Pilgerhospiz zu Roncesvalles der Fall gewesen sein, wo in Form des mühevollen Aufstiegs zum Ibañeta-Pass drei der vier wichtigsten Pilgerwege nach Santiago de Compostela seit ca. 1050 vereint die Pyrenäen überqueren. Ein massiver, rohbehauener Gedenkstein mit der schlichten Inschrift „Roldan“ (der spanischen Variante des Namens Roland) und der Jahreszahl der Schlacht (778) grüßt seit 1967 von der einsamen Passhöhe weit ins Land und hält die Erinnerung wach, fern wie ein Mythos …

Biographische Notiz: Ortwin Ziemer arbeitet seit 22 Jahren als Deutschlehrer auf La Réunion und unterrichtet dort vor allem Geschichte und Geografie bilingual in Abibac- und Europaklassen. Seine Interessen gelten dabei vor allem der europäischen Einigung (dabei speziell dem Platz der
Überseegebiete in diesem Prozess) sowie der Rolle des kulturellen Erbes in den deutsch-
französischen Beziehungen, hier nicht zuletzt den oft etwas unerwarteten Hintertreppen der
Geschichte.

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962 in Paris

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Sammlung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles