Das Museum Capodimonte aus Neapel mit Apollo und Marsyas als Gast im Louvre (Juni 2023 bis Januar 2024)

Das Museum Capodimonte in Neapel hat während seiner Renovierung etwa 60 Werke aus seinen Beständen, vor allem Gemälde, an das Louvre ausgeliehen. Sie sind bis 8. Januar 2024 dort zu sehen.[1]

Die Ausstellung ist -für uns etwas verwirrend- auf drei auseinander liegende Räume in verschiedenen Stockwerken aufgeteilt, was allerdings den Vorteil hat, dass man auf diese Weise Teile des Louvre kennenlernt, die man bei den klassischen Rundgängen eher verpasst.

Der erste Teil veranschaulicht die Blütezeit vor allem des bourbonischen Neapels. Die spanischen Bourbonen, seit 1735 Herrscher über Neapel und Siziilien, gründeten 1738 das Museum Capodimonte und statteten es mit Werken der berühmten Sammlung Farnese aus. (Sully-Flügel, Level 1)

Dieses Gemälde (Ausschnitt) von Antonio Joli aus dem Jahr 1759 zeigt die Abfahrt von Karl VII. von Neapel und Sizilien, dem Gründer des Museums, nach Spanien, wo er als Karl III. den Königsthron bestieg. Im Hintergrund der Vesuv.

Hervorragend bestückt ist die Auswahl von Zeichnungen aus dem großen Bestand des Capodimonte, die in der Salle de la Chapelle (Sully-Flügel, Level 2) gezeigt werden.

Raphael: Kopf eines jungen Mannes

Die Große Galerie des Louvre, der wohl berühmteste Museumssaal der Welt, ist der angemessene Ort für den Höhepunkt der Ausstellung. Die Große Galerie beherbergt dauerhaft eine erlesene Sammlung italienischer Kunst. Die stammt vor allem aus dem Italienfeldzug Napoleons, der gleichzeitig von einem systematischen Kunstraub begleitet war, vor dem kein italienisches Museum und keine Kirche sicher waren. Dass die Große Galerie im Denon-Flügel des Louvre liegt, passt insofern hervorragend, als es Vivant Denon war, der Napoleon auf seinen Kriegszügen begleitete und die gewünschten Kunstwerke für das 1793 vom Königsschloss zum Universalmuseum umgewandelte Louvre auswählte. [2]  Allzu gerne hätten die Franzosen auch die gesamte Sammlung des Capodimonte beschlagnahmt, als sie Neapel 1798 einnahmen. Aber die wichtigsten Kunstwerke waren rechtzeitig nach Sizilien in Sicherheit gebracht worden, das die Franzosen nie erobern konnten. Aber jetzt sind die Meisterwerke italienischer Malerei aus dem Louvre und dem Capodimonte in einem wahren Gipfeltreffen in der Grande Galerie vereint und gemeinsam zu bewundern.[3]

Hier zunächst drei in der Grande Galerie ausgestellte Gemälde aus Neapel:

Caravagio, Die Geißelung, 1607  (Ausschnitt).

Caravaggio hielt sich 1606/07 in Neapel auf, damals -weit vor Rom- die größte Stadt Italiens und ein bedeutendes Kunstzentrum. Es war für ihn eine höchst erfolgreiche Zeit, denn er erhielt viele ehrenvolle Aufträge, so von der Kirche San Domenico Maggiore für dieses für seine revolutionäre Malweise typische Gemälde.[4]

Francesco Guarino, Die heilige Agatha (1637-1640).

Das Bild gehört zu den am weitesten verbreiteten des neapolitanischen 17. Jahrhunderts. Es zeigt die heilige Agatha, deren Brüste amputiert wurden, weil sie sich dem Götzendienst verweigert hatte. Guarino hat das vorsichtig mit den Blutflecken auf dem weißen Hemd angedeutet.

Guido Reni, Atalante und Hippomenes (1615-1618).

Dieses Gemälde zeigt einen von Ovid in seinen Metamorphosen behandelten Wettkampf: Die schöne Atalante „mit beflügeltem Schritt“ ließ jeden Freier, der sie begehrte, ein Wettrennen gegen sich bestreiten. Gewönne der Freier- was noch nie geschah- so würde sie ihn zum Mann nehmen, verlor er aber, tötete sie ihn. Hippomenes gelang es, mit Hilfe der Venus zu gewinnen: Er erhielt von der Göttin der Liebe drei goldene Äpfel, die er fallen ließ, als ihn seine Kräfte verließen. Atalante, unter dem Bann der Venus, musste sie aufheben, verlor dabei aber viel Zeit.  So siegte Hippomenes; Atalante aber verschmerzte die Niederlage: Immerhin gewann sie mit Hippomenes einen Urenkel Neptuns und einen schönen Jüngling, in den sie sich ja auch schon bei der ersten Begegnung „von Verlangen ergriffen“ verliebt hatte. Da hatte die Göttin der Liebe ein gutes Werk getan…[5]

Und ganz in der Nähe von Guido Renis Bild hängen zwei weitere Gemälde  aus Neapel, bei denen es, ebenfalls angeregt von Ovids Metamorphosen, ebenfalls um einen mythologischen Wettkampf geht, nämlich um den zwischen dem Gott Apollo und dem Satyr Marsyas. Aber es ist -anders als bei Guido Reni- kein Wettkampf, bei dem am Ende beide Kontrahenten gemeinsam strahlende Sieger sind, sondern es ist ein Duell auf Leben und Tod, das mit dem Tod des Satyrs endet. Der Wettkampf zwischen Apoll und Marsyas hat Künstler immer wieder angeregt und in der Kulturgeschichte vielfältige Deutungen hervorgebracht. Ich beschränke mich hier auf eine Betrachtung beider Gemälde und auf eine Darstellung meiner subjektiven Sicht, Empfindungen und Assoziationen.

Es ist ein Schreckensszenarium, das der neapolitanische Maler Jusepe de Ribera 1637 gemalt hat. Caravaggios Einfluss scheint unverkennbar zu sein.   

Das Grauen spiegelt sich allein schon in den Gesichtern und Gesten der Beobachter, aber es zeigt sich auch ganz unmittelbar und in aller Drastik im schmerzverzerrten Gesicht des mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden liegenden gefesselten Marsyas, der hier geradezu wie ein christlicher Märtyrer dargestellt wird. Man hat in diesem Zusammenhang auf den Bezug zu der Kreuzigung des Petrus von Michelangelo hingewiesen. Und auch Caravaggio hat ja die Kreuzigung des Petrus in ihrer ganzen Brutalität gemalt. Auch der Stein (griechisch: petrus) rechts unten im Gemäde de Riberas deutet auf den christilichen Zusammenhang hin. [6]

Entsetzlich ist in der Tat, was da geschieht, nämlich die Häutung des Marsyas durch Apoll.  Und die ist, wie der farbliche Unterschied zwischen dem dunklen Kopf des Satyrs und seinem schon enthäuteten Körper zeigt, weit fortgeschritten.

Der Maler bezog sich hier auf die Beschreibung der Szene in Ovids Metamorphosen:

Warum entziehst du mich“, schrie er „mir selber?

„Ach, mich gereut’s. Soviel ist ja nicht an der Flöte gelegen.“

Während er schreit, ist die Haut ihm über die Glieder gezogen.

Wunden bedecken ihn ganz, und das Blut strömt über und über.

Offen und bloß sind die Nerven zu sehn; die zuckenden Adern

Schlagen, der Hülle beraubt, und die wallend bewegten Geweide

Konnte man zählen genau und der Brust durchscheinende Fasern.

Tränen vergossen des Hains Gottheiten, die ländlichen Faune,

Satyrn, die Brüder, um ihn und der schon ruhmreiche Olympos

Samt dem Nymphengeschlecht, und wer nur dort im Gebirge

Weidete wolliges Vieh und hörnergewaffnete Rinder.

Die von Ovid hier genannte Flöte verweist auf den Grund der grausamen Behandlung des Marsyas, „der, auf tritonischem Rohr (einer Doppelflöte)  dem Spross  der Latona (also Apoll) erlegen, Züchtigung litt.“[7]

Als „Naturtalent und Wunderknabe im Flötenspiel“ hatte Marsyas den Neid des Apollo erregt, der siegesgewiss die Herausforderung des Satyrs annimmt. Es kommt zum musikalischen Duell zwischen Marsyas mit der Doppelflöte und Apollo mit seiner Leier (kithara). Vereinbart wird, dass der Sieger mit dem Unterlegenen nach Belieben verfahren darf. Apoll gewinnt (natürlich), aber nur, weil er während des Wettkampfs die Regeln ändert: Er verlangt und setzt durch, dass zu dem Spiel des Instruments auch gesungen werden kann. Damit ist der Vorteil des Marsyas mehr als ausgeglichen. Apoll wird von den als Schiedsrichterinnen fungierenden Musen zum Sieger erklärt, und der rächt die Hybris des Marsyas, ihn, den Gott der Musik und Sohn des Zeus, herausgefordert zu haben, mit höchster Brutalität. Er hängt Marsyas an einer Fichte auf und zieht ihm bei lebendigem Leib die Haut vom Leib. [8]

Bei de Ribera ist Marsyas nicht an dem Baum aufgehangen, sondern er liegt am Boden: Der Sieger oben, geradezu in himmlischen Sphären schwebend mit wehendem Umhang, der Besiegte gefesselt am Boden. Und ausgerechnet an einer Fichte! Das war der heilige Baum der Kybele, als deren Begleiter Marsyas durch Phrygien gezogen war. Eine zusätzliche Demütigung und Auskostung des -zumal noch mit zweifelhaften Mitteln errungenen- Sieges!

Der Wettkampf zwischen Apoll und Marsyas hat eine Vorgeschichte, und die wird am besten und schönsten im Frankfurter Antikenmuseum Liebieghaus veranschaulicht. [9]

Dort steht eine wunderbare marmorne Statue der mädchenhaften Göttin Athena. Es handelt sich um eine römische Kopie -die besterhaltene-  des von dem frühklassischen griechischen Bildhauer Myron geschaffenen und nicht erhaltenen Originals. Myron hatte mit der Statue des Diskuswerfers die wohl bekannteste Figur der griechisch-römischen Antike geschaffen. Seine Athena, erkennbar an dem locker aufgesetzten Helm, blickt hinter sich auf den Boden. Dort liegt die von ihr erfundene Doppelflöte (aulos), die sie gerade weggeworfen hat: Sie hatte sich zwar am Klang des Instruments erfreut, war aber bei einem Bankett auf dem Olymp von den Göttern verspottet worden, weil die aufgeblähten Backen ihr Gesicht verunstalteten. An einem See betrachtete Athena ihr Spiegelbild im Wasser. Sie fand, dass die anderen Götter sie zu Recht verspotteten, verfluchte die Flöte und schleuderte sie so heftig zu Boden, dass sie in zwei Teile zersprang.

Die Skulptur der Göttin Athena war zusammen mit der Figur des Marsyas in Bronze gegossen auf der Athener Akropolis ausgestellt worden- eine besondere Ehre. Im Garten des Liebieghauses ist die auf der Grundlage der erhaltenen römischen Kopien nachgebildete Szene zu sehen. Da ist Marsyas gerade dabei, die von Athena weggeworfene Flöte aufzuheben, was ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Aber zurück zu de Ribera: Verstörend ist an seinem Gemälde vor allem, auf welche Weise der Lorber-bekränzte Gott seine Rache exekutiert: Ruhig und in sich ruhend, als würde er auf seiner Kithara spielen, und wie abgehoben von den Qualen des Marsyas, zieht er diesem eigenhändig die Haut vom Leibe. Sein Folterwerkzeug, ein Messer, steckt noch oberhalb der offenen Wunde in der Rinde des Baums. Ich muss da unwillkürlich an SS-Schergen wie Rudolf Höss, den Kommandanten von Auschwitz, denken, die seelenruhig ihre grauenhafte Pflicht taten und danach  als liebevolle und sanfte Väter begleitet von klassischer Musik in den Schoß der Familie zurückkehrten; auf dem Nachttisch vielleicht ein mit der Haut der Ermordeten bezogener Lampenschirm. Bei de Ribera hängt, so sehe ich das, die abgezogene Haut noch zum Trocknen an der Fichte, an der Marsyas festgebunden ist… [10]

Neben dem Gemälde de Riberas ist im Louvre ein weiteres Exponat aus Neapel ausgestellt , das die Häutung des Marsyas durch Apoll zeigt. Es ist mehr als zwanzig Jahre später von dem neapolitanischen Maler Luca Giordano gemalt und offensichtlich eine Hommage an de Ribera.

Auch hier spiegelt das Entsetzen des aus dem  Hintergrund zusehenden Satyrs die Brutalität der Szene. Und dabei sind es doch – das vom Maler angedeutete Reh weist darauf hin- friedliche Wesen.

Der zweite Satyr kann gar nicht zusehen, was da Apoll, mit dem rechten Fuß auf den wehrlos am Boden liegenden Marsyas tretend, einem der Ihren antut.

Die vom Schmerz verzerrte Faust des Marsyas

Apoll aber ist hier nicht gemalt als ein scheinbar Unbeteiligter, sondern eher als Getriebener.  Er hat sein Instrument – bei de Ribera und Giordano ist es eine Geige- auf den Boden gelegt: Jetzt werden gewissermaßen andere Saiten aufgezogen: Statt der Saiten des Instruments nun Seil und Strick. Und Apoll kann mit größter Konzentration und Intensität seine Rache vollziehen.

Welche Sichtweise auf Apoll es in beiden Gemälden auch gibt: Seine grausame Rache an Marsyas scheint so gar nicht zu dem strahlenden Gott der Musik, zu dem „Gott der sittlichen Reinheit und Mäßigung“ zu passen. Aber auch das ist Apoll. Und insofern war es nur allzu treffend, dass Ludwig XIV. Apoll zu seinem göttlichen Pendant erwählt hat. Dessen Gestalt und Mythos prägen ja die Gärten und Statuen von Versailles und seine Feste. Und da sind es nicht nur der Sonnengott und der Gott der Künste, die gefeiert und in Szene gesetzt werden, sondern auch der grausame, rächende Apollo [11] – so wie auch Ludwig XIV. nicht nur der strahlende Sonnenkönig war, sondern auch ein unerbittlicher, grausamer Herrscher. Man denke nur an das Schicksal von Ludwigs Finanzminister Fouquet, dessen Macht und Einfluss so groß wurden, dass er selbst den Sonnenkönig in den Schatten zu stellen drohte. Das kulminierte dann in dem berühmten glanzvollen Fest, das Fouquet am 17. August 1661 auf seinem Schloss in Vaux-le-Vicomte dem König und 6000 geladenen Gästen gab. Und wie reagiert der König? Nicht anders als Apoll gegenüber Marsyas! Er zieht Fouquet -natürlich- nicht die Haut ab, aber er lässt ihn verhaften und macht ihm den Prozess,  und als das Urteil nicht so ausfällt, wie es der König wünscht, macht er zum einzigen Mal in der französischen Geschichte von dem königlichen Begnadigungsrecht so Gebrauch, dass er ein Urteil nicht mildert, sondern verschärft: Fouquet verschwindet für den  Rest seines Lebens in einem Kerker. Da nützte es gar nichts, dass er anbot, sein Schloss dem König zu schenken, um seine Haut zu retten, genauso wenig wie es Marsyas half, dass er seinen Frevel bereute. Und der Sonnenkönig kostete seinen Sieg aus, indem er das geniale künstlerische Dreigestirn Le Vau, Le Brun und Le Nôtre, das für seinen Herausforderer gearbeitet hatte, engagierte, um in Versailles ein Schloss zu bauen, das Vaux-le-Vicomte noch übertreffen sollte.

Die Capodimonte-Ausstellung im Louvre präsentiert auf eindrucksvolle und verstörende Weise den Mythos von Apollo und Marsyas. Und sie ist Anlass, sich der überzeitlichen Bedeutung und Aktualität dieses Mythos bewusst zu werden: Ganz aktuell auch wieder, wie der Umgang der russischen Autoritäten mit Regimekritikern wie Alexei Navalny zeigt.

Wenn dann die Ausstellung beendet ist, bleiben Apoll und Marsyas auch weiter im Louvre präsent:  

Foto: Rotraut Grün-Wenkel

Dort gibt es nämlich in der Antikenabteilung eine spätantike Marmordarstellung des an einen Baum gefesselten, gehäuteten und leidenden Marsyas. (Sully-Flügel, Saal 348)[12]

Und es gibt – als passenden Kontrast- den im Auftrag Ludwigs XIV. von Le Vau und Le Brun gestalteten auftrumpfend prachtvollen Apollo-Saal [13], die sogenannte Kleine Galerie, die man auf dem Weg durch die Capodimonte-Ausstellung passiert…


Anmerkungen

[1] https://presse.louvre.fr/naples-a-parisle-louvre-invite-le-musee-de-capodimonte/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von F. und W. Jöckel

[2] Zu dem napoleonischen Kunstraub und Vivant Denon siehe die Blog-Beiträge https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

[3] Siehe: Andreas Platthaus, Gipfeltreffen in der Großen Galerie. FAZ vom 28.6.2023  https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/der-louvre-entleiht-meisterwerke-aus-neapel-18993784.html

[4] http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2016/07/in-der-hand-der-folterknechte.html

[5] P. Ovidius Naso, Metamorphosen. Epos in 15 Büchern. Übersetzt und Herausgegeben von Hermann Breitenbach.  Reclam Universal-Bibliothek Nr. 356  Buch 10, 559ff (S.338f)

[6] Olivier Chiquet,, Le mythe d’Apollon et Marsyas dans la peinture italienne (XVIe – début XVIIe siècles): la focalisation sur l’épisode de l’´corchement du satyre. In: Interfaces 37/2016 Le mythe d’Apollon et Marsyas dans la peinture italienne (XVIe – début XVIIe siècles) : la focalisation sur l’épisode de l’écorchement du satyre (openedition.org)

[7] Ovid, Metamorphosen. 6. Buch, 382-400  https://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php#Marsyas

[8] https://www.liebieghaus.de/de/antike/athena-des-myron   und: Olivier Chiquet, Le mythe d’Apollon et Marsyas a.a.O.

[9] Bild aus: https://www.liebieghaus.de/de/antike/athena-des-myron

[10] de Ribera hat noch eine zweite Version der Szene gemalt, die in Brüssel (Musées Royaux des Beaux-Arts) zu sehen ist. Dort ist recht eindeutig erkennbar, dass es sich bei dem, was da an dem Baum aufgehangen ist, um die Flöte des Marsyas handelt. Da hängt also nicht Marsyas entsprechend der mythologischen Überlieferung am Baum, dafür aber stellvertrend seine Flöte. In dem Capodimonte-Gemälde Riberas ist diese Zuordnung zwar sicherlich auch gemeint, aber nicht ganz so deutlich ausgeführt. Ich erlaube mir als gewissermaßen naivem zeitgenössischem Betrachter eine andere Sichtweise.

[11] Siehe den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/ und Gérard Sabatier, Versailles ou la digrâce d’Apollon. Presses universitaires de Rennes. https://books.openedition.org/pur/155555?lang=de#  

[12] Nachfolgendes Bild aus: http://www.lankaart.org/article-la-suplice-de-marsyas-64792301.html

[13] Bild aus: https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010115716

200 Jahre Canal de l’Ourcq. Ein Ausflug in die Randzonen von Paris: Von der wirtschaftlichen Verkehrsader zum angesagten Ort für Wohnen und Freizeit

2022 feierte der Canal de l’Ourcq, eine Wasserstraße im Nordosten von Paris, seinen 200. Geburtstag. Der Kanal hatte im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung für die Versorgung der Stadt Paris mit frischem Wasser und als Verkehrsader. Vor allem die Erschließung neuer effizienterer Transporte auf Straße und Schiene führte dann zum Bedeutungsverlust des nun von Bauruinen, Industriebrachen und Behelfsunterkünften gesäumten Kanals, bis er in den letzten Jahren eine neue Blütezeit als angesagter Ort für Wohnen, Kultur und Erholung im Grünen erlebte.    

Aber eine grüne Lunge der Region ist der Kanal eher (noch) nicht. Sein Reiz für einen Besucher der Stadt liegt vor allem darin, dass er die verschiedenen Schichten der Peripherie von Paris durchschneidet und sichtbar macht: Industrieanlagen,  Infrastruktureinrichtungen,  Natur und Landwirtschaft, kleine Vorortsiedlungen, und dass die Veränderungen, die sich da vollzogen haben und noch vollziehen, sehr anschaulich werden. Dazu gehören auch soziale Probleme der Stadt, die seit dem großen Stadtumbau des Barons Haussmann „intra muros“ eher und gerne -im wahrsten Sinne des Wortes- verdrängt und in die Peripherie ausgelagert werden. Insofern ist ein Ausflug entlang des Kanals -am besten mit dem Fahrrad-  eine abwechslungsreiche Ergänzung eines Paris-Aufenthaltes.

Die Ursprünge des Kanals reichen zurück bis ins Jahr 1802. Mit einem Dekret vom 29 floréal an X  (19 mai 1802) dekretierte nämlich Bonaparte, das Flüsschen Ourcq im Nordosten von Paris zu kanalisieren und umzuleiten, vor allem um Paris mit zusätzlichem frischem Wasser zu versorgen. Im 18. Jahrhunderts war Wasser ein nur in sehr begrenztem Maße verfügbares, kostbares Gut in Paris: Die Pariser hatten damals durchschnittlich nur 15 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung, heutzutage verbraucht ein Pariser achtmal, der durchschnittliche Franzose sogar zehnmal so viel![1] Um der Wasserknappheit abzuhelfen, verfügte Napoleon 1806 den Bau von 15 neuen Brunnen. Den zusätzlichen Wasserverbrauch sollte der Canal de l’Ourcq sicherstellen, der ein großes Wasserbecken bei dem Dörfchen Villette mit frischem Wasser alimentieren sollte. Der spektakulärste der von Napoleon geplanten Brunnen war ein -allerdings nicht verwirklichter- monumentaler begehbarer Elefanten-Brunnen auf dem Bastille-Platz.

Für dessen Grundsteinlegung sah Napoleon den 2. Dezember 1808 vor, den Jahrestag seiner Krönung und auch des Sieges von Austerlitz. An diesem Tag sollte der Deich geöffnet werden, der bis dahin das Bassin de la Villette abschloss, und die Ankunft des Ourcq- Wassers in Paris gefeiert werden.[2]

Gebaut wurde der Kanal ausgehend von Paris/dem Bassin de la Villette. Allerdings hatte der Architekt in den damaligen Kriegszeiten Schwierigkeiten, genug Arbeitskräfte für den Bau des Kanals zu bekommen.  Um das große Werk rechtzeitig zum 2. Dezember 1808 fertigzustellen, wurden deshalb auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt. Die waren 1806 im Vierten Koalitionskrieg bei der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt in die Hände der siegreichen Franzosen gefallen.[3]

Der Kanal sollte aber nicht nur die Wasserversorgung der Stadt verbessern, sondern auch dem Transport von Getreide, Zuckerrüben und Holz aus dem nordöstlichen Umland von Paris dienen und dessen wirtschaftliche Erschließung fördern. Indem zusätzliches Wasser des Flüsschens Beuvronne in den Kanal eingeleitet wurde, konnten ab 1813 auf einem ersten Teilstück des Kanals Boote mit niedrigem Tiefgang verwendet werden.  

Dieser Teller aus Sèvres-Porzellan zeigt den Warenverkehr auf dem Kanal de l’Ourcq. Er gehörte zu dem kaiserlichen Tafelgeschirr des Schlosses von Fontainebleau, auf dem die Großtaten Napoleons präsentiert wurden: Der Bau des Kanals gehörte im damaligen Verständnis also auch dazu.[4]

Auf dieser historischen Karte ist zu erkennen, dass der Kanal de l’Ourcq zu einem umfangreichen Kanalsystem gehört:  dem Kanal Saint- Denis, der, abzweigend vom Kanal de l’Ourcq,  in nordwestlicher Richtung verläuft und westlich von Saint Denis in die Seine einmündet, und dem Kanal Saint-Martin, der gewissermaßen die Verlängerung des Kanals de l’Ourcq auf Pariser Gebiet darstellt: Er durchquert den Osten der Stadt und mündet hinter dem port de l’Arsenal in die Seine. Dieses zusammenhängende Kanalsystem entstand in den 1820-er Jahren: 1821 wurde der Kanal Saint-Denis eingeweiht, 1822 der bis kurz vor Meaux verlängerte Kanal de l’Ourcq und 1825 der Kanal Saint-Martin, was eine erhebliche Verkürzung des Schifffahrtswegs auf der Seine bedeutete.[5]

Das wirtschaftliche Potential dieses Kanalsystems wurde allerdings erst seit den 1860-er Jahren genutzt: Damals wurden im Zuge des Stadtumbaus des Baron Haussmann die Pariser Schlachthäuser an die Peripherie der Stadt nach Villette verlegt: Durch die Einführung von Kühlanlagen war das möglich geworden. Außerdem wurde der in Dürrezeiten trocken fallende Kanal de l’Ourcq durch Pumpwerke mit zusätzlichem Wasser der Marne versorgt.[6] Damit war auch ein ausreichender Wasserstand für den Schiffsverkehr auf dem Kanal Saint-Denis und dem Kanal Saint-Martin gewährleistet. In den 1880-er Jahren wurde das 700 Meter lange Bassin de la Villette auf 80 Meter Breite erweitert und auf 3.20 Meter vertieft, das Kanalsystem wurde für Lastkähne von 1000 Tonnen tauglich gemacht und ein zusätzliches Hafenbecken in Pantin gebaut. Dies war die Blütezeit des Kanals de l’Ourcq und des Pariser Kanalsystems: Im Nordosten der Stadt war ein großer Hafen entstanden, einer der größten Frankreichs.

Heute hat der Kanal de l’Ourq nur noch eine marginale wirtschaftliche Bedeutung und nur noch sehr selten sieht man Lastkähne auf dem Kanal.

Immerhin wird das Wasser des Kanals noch heute für die Straßenreinigung und die Bewässerung der Pariser Grünanlagen genutzt.

Heute sind es eher Paddelboote, die den Kanal befahren.

Und die ehemaligen Treidelpfade (chemins de halage) am Rand des Kanals sind ein Eldorado für Jogger und Fahrradfahrer (auch wenn Fahrräder offiziell nur auf den speziellen asphaltierten Fahrradwegen zugelassen sind).

Ein Ausflug entlang des Kanals

Etwas von den früheren Glanzzeiten des Kanals de l’Ourcq kann man noch auf einer Wanderung oder einer kleinen Radtour spüren. Sie beginnt in Paris am Ende des Kanals und führt über 13 km auf befestigten Wegen zu dem Parc forestier de Sevran, in dem einmal eine Munitionsfabrik lag: Ein Ausflug, der keine großen Anforderungen stellt, aber sehr interessante Einblicke in das Pariser Umland, also das, was heute „Grand Paris“ genannt wird, ermöglicht. Ist man mit dem Fahrrad unterwegs, bietet sich das Fahrrad auch für den Rückweg an, für Fußgänger gibt es die Möglichkeit, mit dem RER nach Paris zurückzufahren.

Der Ausflug beginnt an dem 1808 gebauten Bassin de la Villette, der größten künstlichen Wasserfläche von Paris.  Auf dem blauen Schild wird über die Entfernung zu verschiedenen Orten entlang des Kanals informiert und rechts oben sieht man ein passendes Mosaik des Street Art-Künstlers Invader.

Das Bassin de la Villette ist ausgerichtet zur Rotonde de la Villette, einem repräsentativen Bau der alten Zollmauer von Paris.

Sie ist eine der vier noch erhaltenen Durchgänge und Zollstationen, die vor der Französischen Revolution von dem Architekten Ledoux im klassizistischen Stil entworfen wurden. Heute wird der Bau von einer Bar genutzt.[8]

Im Sommer kann man vor Beginn des Ausflugs im Bassin de la Villette ein erfrischendes Bad nehmen, so wie das auch ab 2025 in der Seine möglich sein soll.

Es gibt einen durchgängigen Fahrradweg entlang des Kanals, der sehr gut ausgebaut und beschildert ist. Ab und zu werden aber auch Fahrten mit dem Schiff angeboten – mit der Möglichkeit, seine Fahrräder für die Rückfahrt mitzunehmen. Das haben wir auch schon genutzt. Deshalb sind einige der Bilder auch vom Schiff aus aufgenommen.

Am Ende des Bassins beginnt der eigentliche Kanal. Dazwischen liegt der Pont de Crimée, die letzte und einzige Hubbrücke (pont levant) von Paris. Gebaut wurde sie anlässlich der Erweiterung des Bassin de la Villette 1884/1885.

Hier versammeln sich gerne Schaulustige, vor allem wenn die Hubbrücke geöffnet wird, um ein Schiff durchzulassen. Aber auch für Fotoshootings wird die Brücke offenbar genutzt…

Nach einer kurzen Fahrt bzw. einem kurzen Gang entlang des Kanals erreicht man das Gelände der ehemaligen Schlachthöfe, die 100 Jahre lang dieses Viertel prägten. Vor allem in der Zeit des großen Haussmann’schen Stadtumbaus lebten hier Arbeiter der benachbarten großen Steinbrüche von Buttes-Chaumont und der Schlachthöfe. Dazu kamen auch Menschen, die durch den Stadtumbau ihre Wohnungen verloren und an die Peripherie gedrängt wurden.

Foto: Wolf Jöckel, Juli 2018

Solche an den Rand gedrängte Menschen gibt es auch heute noch im Umland von Paris und oft auch entlang des Kanals.

Foto: Wolf Jöckel, Januar 2022

Das sind meist Flüchtlinge oder Roma, die sich dort eine Zeitlang behelfsmäßig niederlassen, bevor sie von der Polizei vertrieben werden und sich dann einen neuen Ort suchen müssen, bis sich dieses grausame Katz und Maus- Spiel wieder und wieder fortsetzt…  

Heute ist auf dem ehemaligen Schlachthofgelände eine futuristisch gestaltete Grünfläche entstanden mit Spazierwegen entlang des Kanals.  Zu dem Parc de la Villette gehören die von Jean Nouvel konzipierte Philharmonie de Paris, die Cité de la Musique, das Conservatoire National Supérieur de Musique, außerdem das interaktive Wissenschaftsmuseum Cité des sciences et de l’industrie.

Die Philharmonie von Paris (https://www.jeanmariehubert.fr/philharmonie-de-paris/)

An das Villette des 19. Jahrhunderts erinnert noch die Grande Halle: Sie wurde 1865 im Auftrag des Baron Haussmann errichtet als – in Nachbarschaft der Schlachthöfe gelegener- größter Viehmarkt Frankreichs. Nicht weniger als 4600 Rinder konnten hier täglich ihren Besitzer wechseln. Heute dient die Halle als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konzerte.

Der große Löwenbrunnen aus dem Jahr 1867 diente als noble Tränke für die Tiere, bevor sie in die Schlachthöfe geführt wurden….

Kurz danach taucht die imposante Silhouette der alten Mühle von Pantin auf.

Die Grands Moulins de Pantin gehörten im 19. Jahrhundert zu den großen Weizenmühlen, die die Versorgung der Stadt Paris mit Mehl sicherstellten. Die Lage zwischen dem Kanal und der Eisenbahnlinie war ideal für den Transport des Getreides aus der großen, fruchtbaren Ebene von Brie im Osten des Pariser Beckens.

Das heutige Gebäude stammt aus den 1920-er Jahren. 2003 wurde die Mühle stillgelegt und das Gebäude sehr behutsam rehabilitiert und unter Bewahrung der alten Strukturen in Büros für die Bank BNP-Parisbas umgewandelt.[11]

Die Grands Moulins de Pantin sind übrigens auch ein schönes Ausflugsziel mit einem der elektrisch betriebenen Boote, die man am Bassin de la Villette mieten kann. Hier eines links im Bild.[12] 

Wenn man etwas Glück hat, kann man dabei auch Kormorane beim Fischen beobachten.

Nachdem man in Pantin auf die linke Seite des Kanals gewechselt ist, kommt auf der rechten Seite der mächtige Bau der Magasins généraux von Pantin in den Blick.

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Es handelt sich um ein großes Lagerhaus, das  1931 an dem kurz davor fertig gestellten großen Hafenbecken von Pantin errichtet wurde. In erster Linie wurden dort sogenannte Kolonialwaren, Alkohol, Getreide und Mehl, die für die Stadt Paris bestimmt waren, gespeichert. Damals konnten  die größten damaligen Binnenschiffe Pantin über die Seine und den Kanal Saint-Denis erreichen und hier ihre Ladung löschen. Aber 70 Jahre später, 2001, hatte der „Speicher von Paris“ (le grenier de Paris) ausgedient.

Street-Art-Künstler nutzten den leerstehenden Bau. Über und über wurde er mit Graffitis besprüht  und so schließlich zu einer „cathédrale du graff“  und einer touristischen Attraktion.[13]

Unverkennbar ist hier (erstes Stockwerk rechts) der grinsende Kater von Monsieur Chat, einem der prominenten Street-Art-Künstler von Paris.[14]

Bilder aus dem Jahr 2012 von F. Jöckel

Jetzt ist auch diese Bauruine wieder rehabilitiert, aber es sind nicht traditionelle Büros dort installiert, sondern ein Kulturzentrum mit einem reichhaltigen Angebot und dazu Dock B, eine Begegnungs- und Arbeitsstätte mit Restaurant und einer Strand-Bar direkt am Kanal – betrieben von dem alternativen Kulturzentrum La Bellevilloise aus Belleville. Mit ihren verschiedenen Leben markieren die Magasins généraux die industrielle und künstlerische Geschichte von Paris.[15]

Für Graffiti-Künstler gibt es aber noch genug Betätigungsfelder auf diesem Abschnitt des Kanals.  

Fresko am Kanal de l’Ourcq in Pantin. Foto: Wolf Jöckel

Fotos: Wolf Jöckel, Juli 2018

Besonders beliebt ist eine lange Mauer, an der man fast immer Graffiti-Künstler bei der Arbeit beobachten kann.

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Hier, zwischen Pantin und Bondy, sind die Ränder des Kanals noch immer von wirtschaftlichen Aktivitäten geprägt, um die der Fahrra- bzw. Gehweg teilweise einen Bogen machen muss- eine wenig attraktive Passage des Ausflugs.

Foto: Wolf Jöckel Mai 2022

Das Schiff, das an dem Betonwerk von Bondy angelegt hat, wurde aus Solidarität mit der Ukraine umgetauft.  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Danach aber ändert sich das Bild und die Ränder des Kanals sind von einer intensiven Bautätigkeit geprägt: Am Kanal zu wohnen ist offenbar sehr attraktiv. Paris dagegen verliert seit einigen Jahren an Einwohnern. Und es gibt sogar einige weniger attraktive Arrondissements, in denen die durchschnittlichen Kaufpreise für Wohnungen etwas zurückgehen und die Marke von 10 000 Euro pro Quadratmeter etwas unterschritten haben. Aber das sind ja immer noch astronomische Preise, die die meisten Menschen nicht bezahlen können.

Foto: Wolf Jöckel, Juli 2018

Da kann gerade für Familien ein Reihenhäuschen am Kanal durchaus eine Alternative sein…

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

…. Oder eine der vielen hier entstehenden Wohnungen, die im Rahme einer langfristig geplanten ZAC (Zone d’Aménagement Concertée) errichtet werden. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass durch einen hohen Prozentsatz an Sozialwohnungen der Prozess sozialer Verdrängung sich nicht im Umland von Paris ungebremst fortsetzt. Und ökologische Aspekte spielen in einem solchen „Ecoquartier“ natürlich auch eine große Rolle. Nicht zu vergessen die gute Anbindung an Paris mit dem RER, der S-Bahn. Als Bauland dienen „friches industrielles“, also das brach liegende Gelände nicht mehr genutzter Industrieanlagen. So erhält der Kanal ein völlig neues, freundlicheres Gesicht.[16]

Im weiteren Verlauf unserer Kanalfahrt ändert sich das Bild erneut: Der Kanal verengt sich, hat nur noch eine Tiefe von 85 cm.

Für den Warenverkehr wurden deshalb hier spezielle Boote verwendet, die sogenannten flutes d’Ourq. Die hatten nicht nur den entsprechenden geringen Tiefgang, sondern sie konnten in beiden Richtungen fahren. Da war nötig, weil er enge Kanal nur ganz wenige Ausbuchtungen zum Wenden hat.

Gesäumt ist der Kanal hier von älteren Vorstadthäusern.

An den Rändern ist Platz für etwas Natur.

Der Kanal ist jetzt streckenweise von dicht aneinander gereihten Pappeln gesäumt.

Foto: Wolf Jöckel

Die wurden früher bei der Geburt eines Kindes gepflanzt und bei der Heirat zu deren Finanzierung gefällt, wie uns der Führer einer Bootsfahrt auf dem Kanal erläuterte. Heutzutage werde die Tradition der Pappelanpflanzungen fortgesetzt, allerdings jetzt nicht mehr für Hochzeitszwecke.

Bei Sevran kommt man an einer Schleuse vorbei (bzw. passiert sie, wenn man mit dem Boot unterwegs ist). Sie wurde gebaut, um den Kanal bis zur Marne schiffbar zu machen. Die geplante Verbindung wurde aber allerdings nie fertiggestellt.

Foto: Wolf Jöckel

Der Park der Poudrerie von Sevran

Danach ist man auch gleich am Ziel des Ausflugs angekommen, dem Park der ehemaligen Munitionsfabrik (Poudrerie) von Sevran.

Foto: Wolf Jöckel

Es handelt sich um ein großes Waldstück, in dem einmal eine der 12 zur Zeit Napoleons III. in Frankreich errichteten Munitionsfabriken stand.

Informationstafel des Parks

Es gibt noch einiges, was an die Vergangenheit dieses Parks erinnert:

Zum Beispiel die Schienen, die das Gelände durchziehen…

… oder Überreste der ehemaligen Produktionsstätten

…. oder die Wälle (merlons), die bei der Explosion einer Produktionsstätte den Schaden begrenzen sollten. So wurden 1910 bei der Explosion von zwei Tonnen Sprengstoff zwar mehrere Gebäude beschädigt und die Detonation war noch in einem Umkreis von mehr als 20 Kilometern zu spüren, aber es wurde nur ein Arbeiter verletzt.  

Über solche Bögen, die an vielen Wegen des Parks stehen, liefen einmal Stromleitungen zu den im Gelände verteilten Pulverfabriken.

Die über das Gelände verteilten Teiche dienten als Wasserreservoire für die Bekämpfung von Bränden.

Im Mittelpunkt der Produktionsanlagen steht der Pavillon Gustave Maurouard, das Hauptgebäude der Poudrerie mit Uhr- und Glockenturm. Hier standen früher die Maschinen, die die Energie für die gesamte Anlage erzeugten. Heute ist dort (zeitweise) eine kleine Bar geöffnet. Die Wiese davor ist ideal für Picknick und Spiele.

Das Museum

Das kleine Museum der Poudrerie ist nur sehr unregelmäßig zugänglich. Wenn sich die Möglichkeit dazu bietet, lohnt sich sein Besuch durchaus.

Foto: Wolf Jöckel

Man erfährt dort einiges über die Geschichte der Anlage, über ihre Funktionsweise und die dort hergestellten Produkte – zunächst Munition für Jagdwaffen, später auch für militärische Zwecke.

Ausgestellt sind z.B. Architekturskizzen aus der Entstehungszeit der Poudrerie….

…. für die Produktion verwendete Maschinen wie diese aus einer sächsischen Maschinenbaufabrik….

…. und Werbung für die in der Poudrerie hergestellten Produkte.

Vor der Maschinenhalle steht der Prototyp einer deutschen Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie stammt aus Peenemünde, das  seit 1945 zu der russische besetzten Zone Deutschlands gehörte. Aber offensichtlich wurde die Rakete den Franzosen überlassen, die sie im Laboratorium der Poudrerie von Sevran untersuchten.

Foto: Wolf Jöckel

Praktische Informationen:

Hinweg auf der rechten Seite des Bassin de la Villette (Quai de la Loire), in Pantin auf die andere Seite des Kanals wechseln (Passerelle de l’hôtel de ville) Richtung Claye-Souilly, in Bondy wechselt man vor dem Zementwerk Cemex wieder auf die rechte Seite, auf der auch der Park der Poudrerie liegt.

Für Hin- und Rückfahrt mit dem Fahrrad sollte man etwa 4 Stunden einplanen.

Öffnungszeiten  des Museums: sehr unregelmäßig. Siehe: http://www.apfp.fr/le%20musee.htm

Am einfachsten und wohl auch besten ist aber der Rückweg mit dem Fahrrad, der gegen Abend neue Perspektiven eröffnet.

Verleihstationen für Fahrräder gibt es in Paris flächendeckend, aber auch viele Fahrradgeschäfte, die Fahrräder tageweise oder halbtäglich verleihen.

Die Rückfahrt ist auch möglich mit dem RER B. Die Bahnhöfe Vers-Galant und Sevran-Livry  liegen auf der anderen Seite des Kanals auf der Höhe des Parks. Möchte man noch ein Stück weiter am Kanal entlangfahren, bietet sich der Bahnhof von Villeparisis/Mitry le Neuf für die Rückfahrt an.  Die Mitnahme von Fahrrädern ist kostenlos, allerdings nur in bestimmten Zeitfenstern erlaubt: montags bis freitags zwischen 9.30 bis 16.30 Uhr und nach 19.30 Uhr. Samstags, sonntags und an Feiertagen ohne Einschränkung.  Siehe ratp.fr

In den Sommermonaten werden öfters an Sonntagen im Park der Poudrerie Bälle veranstaltet. Im August 2023 am 13. und 27. August von 16 bis 18 Uhr

siehe: https://www.tourisme93.com/ete-du-canal/l-ete-au-parc-de-la-poudrerie.html    aaa

Auf dieser Website werden auch Kanufahrten von der Poudrerie nach Paris angeboten!

Die Grands Moulins de Pantin im Abendlicht. Foto: Wolf Jöckel

La Géode in der Cité des Sciences et de l’Industrie im Park de la Villette. In der riesigen Halbkugel aus Stahl spiegelt sich der Park de la Villette. Foto: Wolf Jöckel

Die Hubbrücke ist auch bzw. gerade bei abendlicher Beleuchtung sehr sehenswert… Foto: Wolf Jöckel


Anmerkungen

[1] https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/combien-deau-consomme-un-parisien-chaque-jour#:~:text=En%20effet%2C%20un%20Parisien%20ne,de%20150%20litres%20par%20jour.

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2022/02/02/der-elefant-der-bastille/

[3] Histoire du canal de l’Ourcq (aufildelourcq.org) In manchen Texten über den Kanal ist auch von österreichischen Kriegsgefangenen als Arbeitskräften die Rede.

[4] Siehe: https://paris-blog.org/2021/12/01/mit-dem-verein-weimarer-dreieck-auf-den-spuren-napoleons-in-fontainebleau/

[5] Karte aus: https://paris-atlas-historique.fr/resources/canal+de+l$27Ourcq.jpg

Zur Geschichte des Kanals siehe auch: https://www.paris.fr/pages/10-choses-a-savoir-sur-le-canal-de-l-ourcq-19869

[6] Siehe:  Visite usine élévatoire de Trilbardou (exploreparis.com)

[8] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/ und https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/

[11] https://www.tourisme93.com/document.php?pagendx=84&engine_zoom=PcuIDFC930001340

[12] https://www.marindeaudouce.fr/canal-de-l-ourcq/

[13] https://magasinsgeneraux.com/fr/histoire-du-lieu

[14] https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[15] https://magasinsgeneraux.com/fr/histoire-du-lieu

[16]  Zur Entwicklung des Kanals und seines Umfelds siehe: https://www.apur.org/sites/default/files/documents/Ourcq_tome1.pdf