„Rue de Stratford-on-Odéon“ – oder die späte Ehrung der Adrienne Monnier. Ein Gastbeitrag von Klaus Lintemeier

In unzähligen Anekdoten kann man viel über Shakespeare and Company und Sylvia Beach in Erfahrung bringen. In Vergessenheit geraten ist aber die eigentliche Gründerin der Geschäftsidee einer Buchhandlung mit Leihbibliothek: Adrienne Monnier.

Heute ist ihr Name kaum noch bekannt und ihre Buchhandlung ist schon lange aus der Erinnerung verschwunden. Dennoch spielte Adrienne Monnier in vielerlei Hinsicht eine wesentliche Rolle für das Quartier de l’Odéon und für die Welt der Literatur in Paris.

Am 15. Dezember 1915 eröffnete Adrienne Monnier in der Rue de l’Odéon Nummer 7 eine neuartige Buchhandlung mit Leihbücherei, „La Maison des Amis des Livres“, die zum beliebtesten Treffpunkt des literarischen Paris werden sollte. Mitten im ersten Weltkrieg bewies Adrienne Monnier Mut und Pioniergeist.

Abbildung 1: Adrienne Monnier vor ihrem Buchladen mit Leihbibliothek „La Maison des Amis des Livres“ (1915)

Monniers Buchladen wurde zu einem Lieblingsort für viele Schriftsteller und Poeten: Colette, Walter Benjamin, Louis Aragon, André Breton, Jacques Prévert, André Gide, Paul Valéry, Simone de Beauvoir, Blaise Cendrars, Nathalie Sarraute und Guillaume Apollinaire, der von der Front zurückkehrte, gehörten zu den ersten Kunden des Buchladens.

Der Buchladen, der in kurzer Zeit zu einer festen Größe für das literarische Paris geworden war, war zugleich der Geburtsort für neue Ideen: Adrienne Monnier war eine der ersten, die Zusammenkünfte von Schriftstellern und Lesern organisierte und damit das literarische Ereignis der öffentlichen Lesung, wie wir es heute kennen, begründete.

Eine weitere Innovation war ein Abonnement, das an das der heutigen Bibliotheken erinnert. Da Adrienne Monnier der Meinung war, dass es viel besser sei, ein Buch zu lesen, bevor man sich zum Kauf entschließt, verlieh sie Bücher an Leser, die ein Jahresabonnement abgeschlossen hatten. Die öffentlichen Veranstaltungen und das Ausleihsystem machten den Erfolg der Buchhandlung in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aus.

Adrienne Monnier beriet ihre Freundin und spätere Weggefährtin Sylvia Beach, als diese 1919 Shakespeare and Company eröffnete. Allerdings eröffnete Sylvia Beach am 19. November 1919 Shakespeare and Company als angelsächsisches Pendant zur Buchhandlung von Adrienne Monnier zuerst in der Rue Dupuytren Nummer 8!

Abbildung 2: Wegbeschreibung zu den Buchhandlungen „La Maison des Amis des Livres“ und „Shakespeare and Company“ sowie Preisliste

Abbildung 3: James Joyce und Sylvia Beach vor Shakespare and Company in der Rue Dupuytren Nr 8

In der Gründungsbuchhandlung verkehrte auch James Joyce, bevor Sylvia Beach die Buchhandlung am 27. Juli 1921 in größere Räumlichkeiten in der Rue de l’Odéon Nummer 12 verlegte, direkt gegenüber von La Maison des Amis des Livres: Die l’Odéonie war geboren.

Zwischen den beiden gegenüberliegenden Buchhandlungen entstand in der Zeit zwischen den Kriegen ein Raum für den Austausch neuartiger Ideen und für die Verteidigung der modernen Literatur, in dem sich James Joyce, Sherwood Anderson, Thornton Wilder, John Dos Passos, André Maurois, T.S. Elliot, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und viele andere trafen.

Fast dreißig Jahre lang bildete die l’Odéonie mit ihren Treffen, öffentlichen Lesungen, Ausstellungen und Musikabenden einen der aktivsten Brennpunkte des kulturellen Lebens der Zwischenkriegszeit. Mit der Veröffentlichung von James Joyces „Ulysses“ 1922 und der französischen Übersetzung 1929 wurden Adrienne Monnier und insbesondere Sylvia Beach über die Grenzen Frankreichs weltweit bekannt.

James Joyce gab deshalb auch der Rue de l’Odéon am linken Ufer von Paris den wertschätzenden Spitznamen „Rue de Stratford-on-Odéon“: Die Straße war endgültig zum literarischen Zentrum von Paris aufgestiegen.  

Abbildung 4: Rue de l’Odéon Nummer 12 mit Gedenktafel für Sylvia Beach und Shakespeare and Company

Weil das nirgendwo so klar steht: Auch wenn Sylvia Beach in ihrer Rolle als Verlegerin berühmt geworden ist, die Wegbereiterin des literarischen Paris war Adrienne Monnier, ihr gebührt Anerkennung und Ruhm.

Anfang der 2000er Jahre schrieb Laure Murat, die Biografin von Adrienne Monnier, „Passage de l’Odéon“, ein Buch über Adrienne Monnier und ihre amerikanische Lebensgefährtin Sylvia Beach. Dabei stellte sie fest, dass zwar eine Gedenktafel die frühere Buchhandlung Shakespeare and Company ziert, dass aber nichts dergleichen für Adrienne Monnier existiert. In der Rue de l’Odéon Nummer 7 ist heute ein Friseursalon. Die Erinnerung an das Zentrum des literarischen Lebens in Paris in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen drohte zu verblassen.

Es dauerte siebzehn Jahre, bis der Pariser Stadtrat auf Antrag von Laure Murat am 17. November 2020 für die Anbringung einer Gedenktafel an der Stelle der ehemaligen Buchhandlung zu Ehren von Adrienne Monnier stimmte.

Am 10. September 2021 wurde in einer Cérémonie de dévoilement de la plaque en hommage à ADRIENNE MONNIER die Gedenktafel enthüllt. Damit wurde die Geschichte dieser mutigen Buchhändlerin, die eine wesentliche Rolle im literarischen Leben der Zwischenkriegszeit spielte, aus der Unsichtbarkeit geholt.

Abbildung 5: Enthüllung der Gedenktafel an Adrienne Monnier am 10. September 2021 in der Rue de l’Odéon Nummer 7

Abb. 6 Gedenktafel in der Rue de l’Odéon Nummer 7

 Adrienne Monnier hat hier 1915 das Haus der Bücherfreunde gegründet, eine Buchhandlung und Leihbibliothek. Sie hat hier Apollinaire, die Surrealisten, Gide, Claudel, Colette und Violette Leduc empfangen. Sie hat die erste französische Übersetzung des Ulysses von James Joys herausgegeben.

Ich möchte mit Auszügen aus einem Gedicht von Jacques Prévert schließen, einer Liebeserklärung an Adrienne Monnier und ihre Buchhandlung. Prévert und seine Freunde hatten dort 1924 die neue Revue „La Révolution surréaliste“ kennengelernt und so den Surrealismus für sich entdeckt, dessen 100. „Geburtstag“ 2024 gefeiert wird.

La boutique d’Adrienne

Les Amis des Livres. Une boutique, un petit magasin, une baraque foraine, un temple, un igloo, les coulisses d’un théâtre, un musée de cire et de rêves, un salon de lecture et parfois une librairie toute simple avec des livres à vendre ou à louer et à rendre et des clients, les amis des livres, venus pour les feuilleter, les acheter, les emporter. Et les lire. (…)  Adrienne, avant de fermer boutique, toute seule avec ses livres, comme on sourit aux anges, leur souriait. Les livres, comme de bons diables, lui rendaient son sourire. Elle gardait ce sourire et s’en allait. Et ce sourire éclairait toute la rue, la rue de l’Odéon, la rue d’Adrienne Monnier.

Deutsche Übersetzung: Les Amis des Livres, die Bücherfreunde. Eine Boutique, ein kleiner Laden, eine Jahrmarktsbude, ein Tempel, ein Iglu, die Kulissen eines Theaters, ein Museum aus Wachs und Träumen, ein Lesesalon und manchmal eine ganz einfache Buchhandlung mit Büchern zum Verkauf oder zum Verleih und zur Rückgabe und Kunden – die Freunde der Bücher, die gekommen sind, um in ihnen zu blättern, sie zu kaufen, sie mitzunehmen – sie zu lesen. (…) Adrienne lächelte, bevor sie den Laden schloss, ganz allein mit ihren Büchern, so wie man mit Engeln lächelt und ihnen zulächelt. Die Bücher, wie gute Teufel, erwiderten ihr Lächeln. Sie behielt dieses Lächeln und verschwand. Und dieses Lächeln erhellte die ganze Straße, die Rue de l’Odéon, die Rue d’Adrienne Monnier. (Übersetzung von Klaus Lintemeier)

Literatur:

Buchner, Carl H. (2023): Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon: Schriften 1917–1953. Erinnerungen der legendären Pariser Buchhändlerin Taschenbuch. – herausgegeben von Carl H. Bugner. – Insel Verlag.

Monnier, Adrienne (2009): Rue de l’Odéon. – Édition Albin Michel.

Murat, Laure (2024): Passage de l’Odéon: Sylvia Beach, Adrienne Monnier et la vie littéraire à Paris dans l’entre-deux-guerres. – Gallimard.

Inzwischen ist der Beitrag auch auf dem neuen Blog von Klaus und Ruth Lintemeier erschienen: https://www.paris-magie.de/  – ein engagiertes und professionell gemachtes Projekt zweier Menschen, die von Paris begeistert sind und andere daran teilhaben lassen. Ein Gewinn für Paris-Freundinnen und -Freunde!  Viel Erfolg dabei!/bon courage!  Wolf Jöckel

9 Gedanken zu “„Rue de Stratford-on-Odéon“ – oder die späte Ehrung der Adrienne Monnier. Ein Gastbeitrag von Klaus Lintemeier

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous

    Ergänzung zu meinem Kommentar:

    Als 1933 die Zensur von Ulysses in den USA aufgehoben wurde, muss Sylvia Beach verbittert feststellen, dass sie nicht als Verlegerin akzeptiert wird und findet offensichtlich keine Unterstützung durch James Joyce. Die Abb. 3 (James Joyce und Sylvia Beach vor Shakespare and Company in der Rue Dupuytren Nr 8) im notwendigen und verdienstvollen Text von Klaus Lintemeier zeigt für mich, wer hier der Herr und wer der Knecht ist. Literarischer Glanz und misogyner, hierarchisierenden Geschlechtshabitus, viel Glanz, aber auch viel Schatten, wie leider so oft.

    Ulrich Schläger

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  2. Avatar von Unbekannt Anonymous

    Am 2. Februar 1922 erscheint in Paris die Originalausgabe James Joyces Ulysses, herausgegeben  von Sylvia Beachs Buchhandlung Shakespeare & Company. Die unermüdliche, selbstlose und aufopferungsvolle Tätigkeit der Herausgeberin gegen alle Widerstände steht im Kontrast zum selbstsüchtigen und geradezu ausbeu-terischen Verhalten des Autors. Hinter der literarischen Bedeutung des Ulysses treten völlig die Zumutungen von Joyce gegenüber Sylvia Beach zurück, auf die ich mit Auszügen aus einem Text von Marilou Clair: Sylvia Beach & Adrienne Monnier : un couple de femmes libraires au coeur du Paris littéraire de l’entre-deux guerres; Hypotheses, publié 15/03/24, https://bmd.hypotheses.org/7182,verweisen aufmerksam machen möchte:  „Sylvia Beach wird Joyce viele Jahre widmen und die Rollen der Redakteurin, Sekretärin, Kranken-schwester, Bänkerin übernehmen … Sie kümmert sich um seine Korrespondenz, zieht in den Krieg gegen die Raubkopien von Ulysses, die in den Vereinigten Staaten im Umlauf sind…“

     »Ich war bereit, alles für Joyce zu tun, was ich konnte; aber ich wollte meine Wochenenden so verbringen, wie ich wollte, und jeden Samstag musste ich mich heftig mit ihm über meine Abreise aufs Land streiten. Wenn Adrienne mich nicht auf ihre Seite gezogen hätte, hätte ich mich nie befreien können. Als der Samstag näher rückte, dachte Joyce immer wieder über so viele zusätzliche Aufgaben nach, die er von mir erledigen lassen wollte, dass es aussah, als würde er das Spiel gewinnen.«

    „Abgesehen von der Freude, Teil dieses außergewöhnlichen literarischen Abenteuers zu sein, scheinen die Vorteile, die Sylvia Beach aus dieser Zusammenarbeit zieht, die sie völlig in Anspruch nimmt, eher dürftig. Damit Joyce und ihre Familie über Wasser bleiben können, bringt sie finanzielle Opfer: »Manche Leute haben sich vielleicht vorgestellt, dass ich mit Ulysses viel Geld verdient habe. Aber Joyce muss einen Magneten in seiner Tasche gehabt haben, der ihn völlig anzog. […] Vom ersten Moment an war mir klar, dass die Arbeit mit oder für James Joyce mir viel Freude bereiten würde – unendliche Freude, aber dass alle Gewinne ihm zugute kommen würden: das ganze Geld, das aus seinem Buch kam – und ich Ich habe dafür gesorgt. Ich konnte nur sicherstellen, dass meine Buchladenkasse nicht völlig „leergepumpt“ wurde.«

    Tatsächlich lebt Joyce trotz der großen Geldsummen, die Harriet Weaver ihm regelmäßig [aus Amerika, Am. US]schickt, weit über seine Verhältnisse und verlässt sich darauf, dass Sylvia Beach ihm aus der Patsche hilft. Adrienne Monnier und Sylvia Beach leben ihrerseits sehr bescheiden.

    Im Jahr 1936 gründete André Gide ein Unterstützungskomitee, um die Schließung von Shakespeare and Company zu verhindern. Sylvia Beach ist gezwungen, von Joyce angebotene Manuskripte zu verkaufen, um ihre Kassen aufzufüllen.“

    Als 1933 die Zensur von Ulysses in den USA aufgehoben wurde, muss Sylvia Beach verbittert feststellen, dass sie nicht als Verlegerin akzeptiert wird und findet offensichtlich keine Unterstützung durch James Joyce. Die Abb. 3 (James Joyce und Sylvia Beach vor Shakespare and Company in der Rue Dupuytren Nr 8) zeigt für mich, wer hier der Herr und wer der Knecht ist. Literarischer Glanz und misogyner, hierarchisierenden Geschlechtshabitus, viel Glanz, aber auch viel Schatten, wie leider so oft.

    Ulrich Schläger

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  3. Avatar von rundeg butterynacho5ed01ce372

    Wie es der Zufall diktierte, las ich an ebendem Tag, als dieser Blogeintrag erschien, das (kurze) Kapitel über Shakespeare & Company in Hemingway‘s „A Moveable Feast“. Ein wunderbares Zusammentreffen…

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