Vom 18. Februar bis 25. Mai 2025 wird im Picasso-Museum Paris die Ausstellung „Entartete Kunst – Der Prozess der modernen Kunst unter dem Nationalsozialismus“ präsentiert.[1]

Diese Ausstellung ist aus mehreren Gründen besonders sehenswert:
- Es ist -abgesehen von einer kleinen Präsentation im Goethe-Institut Paris- die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankreich.
- Sie findet im Picasso-Museum statt und hat dort zu Recht ihren, wenn auch etwas beengten, Platz: „Der Maler von Guernica verkörperte in den 1930er Jahren auf emblematische Weise die Figur des sogenannten „entarteten“ Künstlers „, wie das Museum betont.[2] Und die Präsentation der Ausstellung im Picasso-Museum eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, auch die wunderbare Sammlung von Werken Picassos in dem ebenso wunderbaren Ambiente des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hôtel Salé im Pariser Marais-Viertel anzusehen.
- Es werden in der Ausstellung auch Werke gezeigt, die erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind, zum Beispiel aus der lange als zerstört angenommenen Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt.
- Die Ausstellung findet in einer Zeit statt, in der es in Deutschland wieder Stimmen gibt, die bedenklich an den Kampf der Nazis gegen die avantgardistische Kunst erinnern. So bezeichnete die AfD- Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt im Oktober 2024 das Bauhaus als einen „Irrtum der Moderne“. Es habe eine „globalistische Uniformität“ erzeugt. Damit gehe die AfD, so die damalige Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, „mit erschreckend ähnlichen Argumenten und Formulierungen wie einst die NSDAP“ gegen das Erbe des Bauhauses heute vor. [3] Und in den USA gibt es beängstigende Tendenzen, neben Presse, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft auch die Kultur gleichzuschalten. Es ist bezeichnend, dass zum Beispiel die Zeitung Le Monde für die aktuellen Entwicklungen in den USA das Verb „metre au pas“ verwendet, das bisher eher für die nationalsozialistische Politik der „Gleichschaltung“ nach der „Machtergreifung“ reserviert war. Insofern hat eine Ausstellung über „Entartete“ Kunst derzeit leider eine „brennende Aktualität“ (France Culture). [4]

Im ersten Ausstellungsraum sind vier Skulptur-Fragmente ausgestellt. Sie gehörten zu den Exponaten der Nazi-Ausstellung „entarteter“ Kunst (München 1937) und wurden 2010 bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Trasse in Berlin entdeckt.

Emy Roeder (1890-1971), Schwangere, 1918
Dahinter sind in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 1400 Künstlerinnen und Künstlern aufgeführt, die von den Nazis verfemt, verfolgt oder umgebracht wurden.

Marg Moll (1984-1977), Tänzerin (um 1930)
Einige Namen sind schwarz hervorgehoben: Es sind die der 37 Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung im Picasso-Museum mit ca 60 Werken vertreten sind.
Insgesamt waren es 16558 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die auf der von den Nazis erstellten Liste der entarteten Kunst aufgeführt waren: Deutsche Museen waren schon vor dem Ersten Weltkrieg und danach in den „goldenen 20-er Jahren“ des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Präsentation avantgardistischer Kunst. „Welches französische Museum“, so fragt Le Monde in seinem Ausstellungsbericht, „konnte sich vor 1947 rühmen, einen Picasso zu besitzen?“. In Deutschland gab es dagegen mehrere… Die Nazi-Ausstellung von 1937 war deshalb auch die bedeutendste Präsentation avantgardistischer Kunst ihrer Zeit, allerdings veranstaltet und mit entsprechenden propagandistischen Mitteln präsentiert zum Zwecke ihrer Denunzierung. [5]
Umso bedeutender ist der von den Nazis verursachte große Verlust von Kunstwerken, vor allem für die deutsche Museumslandschaft. Das wird auch deutlich, wenn man auf die den ausgestellten Objekten beigefügten Informationstäfelchen schaut: Manche Werke wurden zwar nach dem Krieg wieder von deutschen Museen erworben, viele aber sind jetzt in der Schweiz zu sehen: Dort wurden im Auftrag der Nazis Kunstwerke versteigert, um so zur Finanzierung der Kriegsvorbereitung beizutragen. Und der Schweiz/dem Kunstmuseum Bern vermachte Cornelius Gurlitt auch die als verschollen gegoltene große Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand[6]. Manche Werke sind jetzt auch in Belgien zu sehen: Belgische Kunstfreunde hatten in der Schweiz Kunstwerke ersteigert: Sie hatten sich vorher abgesprochen, sich nicht gegenseitig zu überbieten. Und natürlich haben die USA , wo die finanziellen Mittel für die Ersteigerung von Kunstwerken ja reichlich vorhanden waren, von dem Kunstausverkauf der Nazis profitiert.
Nachfolgend nun eine Bilderstrecke zur Ausstellung. Sie soll einen kleinen Eindruck von der Breite, der Qualität und der Bedeutung der von den Nazis verfemten Kunst vermitteln und damit natürlich auch zum Besuch der Ausstellung anregen.

Das für das Ausstellungsplakat ausgewählte Gemälde: Georg Grosz (1893-1959), Metropolis, 1916/17. (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Rosa Straße mit Auto, 1913 (The Museum of Modern Art, New York

Paul Klee (1879-1940), Sumpflegende, 1919 (Lenbachhaus München)

Max Pechstein (1881-1955), Stilleben: Südseefigur und Blumen 1917 (Kunsthalle Mannheim). Die Kunsthalle Mannheim war in den 1920-er Jahren eine der fortschrittlichsten Ausstellungshäuser.

Ludwig Meidner (1884-1966), Die Verzückung Pauli. Aquarell 1919 (Privatsammlung Karlsruhe)

Erich Heckel (1883-1970), Vorberge 1923. Museum für Kunst und Kultur, Münster

Vassily Kandinsky (1866-1944), Landschaft mit Fabrikschornstein, 1910 (Solomon R. Guggenheim Museum, New York)

El Lissitzky (1890-1941), Proun 2, Constuction, 1920 (Philadelphia Museum of Art)

Ernst Barlach (1870-1938), Frierendes Mädchen, 1917 (Ernst Barlach Haus, Hamburg)

Alexej von Jawlensky (1864-1941), Variation: Strenger Winter (Kunstmuseum Basel)

Joachim Ringelnatz (1883-1934), 11 Uhr nachts, 1930 (Pinakothek der Moderne, München)

Georg Grosz (1893-1959) Abends, (Ausschnitt, Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

Otto Dix (1891-1969), Gasmaske, 1916 (Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

„Bleiben wir, was wir sind. Es lebe die Entartung!“ Otto Dix 1936
Jedes dieser „entarteten“ Kunstwerke und natürlich auch jeder Künstler, der sie geschaffen hat, hat eine ganz besondere Geschichte, die man erzählen könnte. Hier wenigstens ein besonderer Blick auf fünf in der Ausstellung vertretene Künstler:
Karl Hofer

Karl Hofer (1878-1955), Freundinnen. 1923/24 (erworben 1924 von der Hamburger Kunsthalle, die damals auch zu den fortschrittlichsten Ausstellungshäusern Deutschlands gehörte; von den Nazis konfisziert 1937, zurückgekauft von der Hamburger Kunsthalle 1947)
Diesem Bild ist in der Ausstellung folgende Erläuterung beigefügt: „Das Gemälde Freundinnen entwirft das Bild einer verletzlichen und brüderlichen Humanität in einer von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägten düsteren Umgebung. Beurlaubt von seiner Stellung als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Berlin, wurde er im Sommer endgültig seines Postens enthoben. 10 Werke des Künstlers, darunter dieses Gemälde, wurden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. 1938 wurde Hofer aus der Kunstkammer des Reichs ausgeschlossen, weil seine Frau Jüdin war. Das bedeutete das Verbot, Werke auszustellen und zu verkaufen. Nach der Scheidung von seiner Frau 1939 wurde er wieder in die Kunstkammer aufgenommen. Mathilde Hofer wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“
Emil Nolde:

Emil Nolde, (1932 – 1956), Begegnung am Strand, 1909 (Stiftung Seebüll, Neukirchen)

Emil Nolde, (1932 – 1956), Hülltoft Hof, 1932.
Dieses Gemälde war noch 1934 von einem Sammler der Hamburger Kunsthalle geschenkt worden, die auch zu den fortschrittlichsten Museen Deutschlands gehörte. 1937 wurde das Bild von den Nazis konfisziert, nach dem Krieg dem Sammler zurückgegeben, dessen Erben es 2002 erneut der Hamburger Kunsthalle schenkten. Der Expressionist Nolde ist der wohl berühmteste „entartete Künstler”: von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt und derartig prominent in der Propagandaausstellung ‚Entartete Kunst’ zur Schau gestellt.[7] Lange lebte die Legende von Nolde als unschuldigem Opfer der NS-Kunstpolitik. Nolde war allerdíngs Parteimitglied, vehementer Antisemit und sogar Denunziant, und er verlor bis zum Kriegsende nicht den Glauben an das nationalsozialistische Regime. Wiederholt bekannte er sich in Briefen an Goebbels zum NS-Regime. Dass auch dieses wunderbare Gemälde zu den in München ausgestellten „entarteten“ Werken gehört, ist nur schwer nachzuvollziehen, und es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, wie hohe Kunst und niederste politische Gesinnung und Verhaltensweisen Hand in Hand gehen können.
Georg Schrimpf

Georg Schrimpf (1889-1938), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1926 (Museum Ludwig Köln)
Im Julie 1937 wurden 5 Werke von Georg Schrimpf von den Nazis konfisziert, darunter auch diese Gemälde aus der Kunsthalle Mannheim. Der „Fall Schrimpf“ ist insofern besonders interessant, weil der die Meinungsverschiedenheiten deutlich macht, die es auch innerhalb der Nazi-Hierarchie bezüglich der Definition „entarteter“ Kunst gab. Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, gehörte nämlich zu den Sammlern von Werken Schrimpfs. Er forderte deshalb auch, dass der Name von der Liste „entarteter“ Künstler gestrichen werden solle. Goebbels lehnt das ab. Wenn er jeden aus der Ausstellung nehme, für den sich jemand einsetze, könne er gleich ganz zumachen… [8]
Pablo Picasso

Pablo Picasso (1881-1973), La Famille Soler (Ausschnitt), 1903 (Musée des Beaux-Arts Lüttich)
Dieses Gemälde Picassos wurde 1913/14 von dem Kölner Museum erworben, 1937 von den Nazis konfisziert und in Luzern versteigert. Die Stadt Lüttich erwarb das Bild mit acht anderen von den Nazis versteigerten Bildern, von Marc Chagall, Paul Gauguin und Franz Marc.
Picasso war seit „Guernica“ eine Ikone des antifaschistischen Kampfes. Gleichwohl konnte er auch während der Herrschaft Vichys und der deutschen Besatzung unbehelligt in Paris leben. Es gab zwar keine öffentliche Ausstellung seiner Bilder, aber er konnte in seinem Atelier in der rue des Grands-Augustins unter dem wachsam-wohlwollenden Auge der Besatzer höchst produktiv weiterarbeiten und erhielt dafür auch die erforderlichen Ressourcen.[9] Ein Beispiel dafür, dass in Paris auch unter nationalsozialistischer Herrschaft -jedenfalls für Nicht-Juden- ein Maß an künstlerischer Freiheit existierte, das im Dritten Reich selbst völlig undenkbar war.
Otto Freundlich

Otto Freundlich (1878-1943), Hommage aux peuples de couleurs, 1935 (Centre Pompidou)
Otto Freundlich ist eine ganz außerordentliche Künstlerpersönlichkeit.[10] Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris und war ein Pionier der abstrakten Kunst. In Montmartre war er Nachbar Picassos, mit dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war.

Brief an Picasso aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber 1925 endgültig in Paris nieder. Während im Deutschland der Weimarer Republik seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten. Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner Werke für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte Freundlich perfekt in das Feindbild der Nazis. Versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen denunzieren ihn Nachbarn und die französische Gendarmerie liefert ihn an die Nazis aus. Mit einem Konvoi vom Bahnhof Bobigny wird er desportiert[11] und am 9. März 1943 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.

Im Picasso-Museum wird auch der Führer zur Ausstellung „Entartete“ Kunst von 1937 gezeigt. Dort ist allerdings „Kunst“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich ja nach Auffassung von Goebbels und der Nazi-Doktrin nicht um Kunst handelte. Auf der Titelseite ist eine ironisch L’homme nouveau (der neue Mensch). betitelte Skulptur von Otto Freundlich abgebildet. Ich sehe darin eine Karikatur des skrupellosen Machtmenschen, wie er gerade wieder weltweit Konjunktur hat.
[1] Ausstellungskatalog: L’exposition « L’art „dégénéré“. Le procès de l’art moderne sous le nazisme », organisée par le Musée national Picasso-Paris, explore et met en perspective l’attaque méthodique du régime nazi contre l’art moderne. 39 Euro
https://expo.paris/exposition/l-art-degenere-musee-picasso-2025 Siehe auch: La revanche des artistes „dégénerés“. France culture 20.3.2025
Alle Bilder des Beitrags habe ich in der Ausstellung aufgenommen. Da es sehr voll und eng war, musste ich manchmal die Seiten etwas begradigen.
[2] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/321702-exposition-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-photos
[3] https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/bauhaus-afd-kulturkampf-100.html In der Sendung von France Culture vom 20.3. wird zur Erläuterung der Aktualität der Ausstellung darauf hingewiesen . Schon im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wurde 2021 gefordert, „nur solche Kunst zu fördern, die ihrer eigenen deutschen Kultur bejahend gegenübersteht.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/afd-kritik-bauhaus-dessau-kultur-100.html
[4] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/international/article/2025/03/15/donald-trump-met-les-juges-sous-pression_6581191_3210.htmlFrance Culture in einer Sendung über die Ausstellung. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-midis-de-culture/critique-expo-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-3077095
Der Figaro bezieht die auch von ihm gesehene Aktualität der Ausstellung in der sowjetischen Kulturdoktrin mit ihrer Gegenüberstellung traditioneller russischer Werte und westlicher Dekadenz/“dégénérance. «Dégénérescence», c’est exactement de cela que Vladimir Poutine noux taxe, nous autres Occidentaux. Eh bien, « restons donc ce que nous sommes. Vive la dégénérescence ! » lui aurait lancé le peintre Otto Dix. Le Figaro, 7. März 2025
[5] Harry Bellet, Au Musée Picasso, l’art honni des nazis. In: Le Monde 18. Februar 2025
[6] https://gurlitt.kunstmuseumbern.ch/de/static/background/
[7] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus/
[8] Siehe Le Monde, 18.2. 25
[9] https://atlantico.fr/article/decryptage/-les-artistes-en-france-sous-l-occupation–le-drole-de-diner-entre-picasso-la-bete-rouge-des-nazis-et-werner-lange-le-nazi-
[10] Siehe den Blog-Beitrag zu Otto Freundlich: https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/
[11] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2023/09/01/der-bahnhof-von-bobigny-seit-2023-erinnerungsort-der-deportation-von-juden-nach-auschwitz/
Zum Picasso-Museum siehe auch diesen Blog-Beitrag: