Bild des Monats Mai 2025:  10 Jahre Pariser Philharmonie

WF Jöckel

Die Pariser Philharmonie feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubliläum: Ein von Jean Nouvel entworfener grandioser Bau, um den es viele Auseinandersetzungen gab. Da ging es zunächst um den Ort: nicht im Zentrum von Paris, da wo das kulturelle Leben sich traditionell abspielt, sondern am nord-östlichen Rand der Stadt, direkt neben der Autobahn (Periphérique), auf dem früheren Gelände der Schlachthöfe. Dann die galoppierenden Kostenüberschreitungen: Zunächst waren 200 Millionen eingeplant, es gab aber Probleme bei der Bauausführung, mit den beteiligten Unternehmen, Verzögerungen, die Inflation… Zum Trost wird jetzt im Rückblick auf die exorbitanten Kostensteigerungen bei der Elbphilharmonie verwiesen (von 77 auf 789 Millionen). In Paris aber zog der Staat bei 386 Millionen die Notbremse. Unter anderem soll darunter die Ausführung der Fassade mit ihren ca 300 000 auffliegenden, den großen Aufbruch der Kultur symbolisierenden Vögeln gelitten haben. Für „naive“ Besucher wie wir ist das allerdings nicht erkennbar.

Nouvel war aber tief gekränkt, boykottierte sogar das offizielle Eröffnungskonzert am 14. Januar 2015.  Inzwischen ist die Philharmonie aber ein fester und allseits akzeptierter Bestandteil des Pariser kulturellen Lebens, und Jean Nouvel hat seinen Frieden mit dem Bau geschlossen.

Wir sind der Philharmonie in vielfacher Weise verbunden: In unserer ersten Pariser Wohnung hatten wir einen jungen griechischen Architekten als Nachbarn, der im Büro von Jean Nouvel arbeitete und an den Planungen für die Philharmonie beteiligt war. Er erzählte beispielsweise, dass Jean Nouvel, der sich in erster Linie als Künstler sah,  gerne am späten Nachmittag mit wehendem Schal und einem Bündel Zeichnungen vorbeirauschte, kurz seine neuen Ideen präsentierte und sich dann mit dem Auftrag an sein Team verabschiedete, bis zum nächsten Tag konkrete Ausführungspläne zu erarbeiten…

Das Ergebnis ist jedenfalls grandios; ästhetisch und akustisch – u.a. dank der charakteristischen „Wolkenreflektoren“ an der Decke des großen Saals.

Wir haben schon viele wunderbare Konzerte in der Philharmonie erlebt, unter anderem mit Daniel Barenboim. Der war in seinen jungen Jahren musikalischer Leiter des Orchestre de Paris. 2018 zelebrierte er in der Philharmonie den gesamten Zyklus von Beethovens Klaviersonaten. In dem Großen Saal mit seinen 2400 Plätzen hat man selbst von den entferntesten Plätzen den Eindruck, ganz nahe dabei zu sein.

Konzert Brad Mehldau in der Philharmonie im Januar 2025

Und Preise und Programm passen zu dem Anspruch der Philharmonie, ein Ort nicht nur für die traditionellen Konzertbesucher zu sein, sondern sich für alle Menschen zu öffnen, unabhängig von Alter, Herkunft, sozialem Milieu, kultureller Prägung … Das scheint zu funktionieren, wie wir in diesem Jahr wieder bei dem Konzert mit Brad Mehldau gesehen haben. Unsere schöne Alte Oper in Frankfurt, gebaut nach dem Vorbild des Pariser Opernhauses, sieht dagegen ziemlich alt aus…

3 Gedanken zu “Bild des Monats Mai 2025:  10 Jahre Pariser Philharmonie

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous

    Lieber Herr Jöckel,

    noch eine Ergänzung zu meinem Kommentar zur Pariser Philharmonie. Eine Bauzeit von nicht einmal 3 Jahren wie beim Théâtre des Champs-Élysées ist heute garnicht mehr möglich, weil zu viele staatliche/kommunale Ämter involviert sind, inklusive deren Einflussmöglichkeiten. Und im Übrigen: Bei Kultur-Bauten wie Theater, Konzert- oder Operhäusern werden wahrscheinlich aus politischen Gründen die Entstehungskosten grundsätzlich zu niedrig angesetzt, damit die Vorhaben bei der Bevölkerung nicht sogleich auf Ablehnung stoßen.

    Ulrich Schläger

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    1. Lieber Herr Schläger, immerhin sind die Kostensteigerungen inzwischen bei der Pariser Philharmonie kein Thema mehr und bei der Elbphilharmonie auch nicht. Die Bauten sprechen für sich und haben eine große Ausstrahlung, Hoffentlich wird das auch bei dem Frankfurter Neubauprojekt so sein! Wolf Jöckel

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  2. Avatar von Unbekannt Anonymous

    Lieber Herr Jöckel,
    in der Bauwelt 5, 2015 war ein offener Brief vom 14. Januar 2015 von Jean Nouvel zu lesen, warum er an der Eröffnung der Pariser Philharmonie nicht teilnimmt. Ich zitiere:
    „In vielen Zeitungsartikeln und Fernsehberichten wird ein direkter Zusammenhang zwischen der Kostenüberschreitung beim Bau der Pariser Philharmonie und mir unterstellten Modifikationen des Projekts behauptet. Diese Vorwürfe sind unbegründet und mir persönlich und dem Büro Jean Nouvel in hohem Maße abträglich. Ich werde diese unwahren, diffamierenden und herabsetzenden Schreibereien und Kommentare über mich nicht dulden.
    Ich versichere, dass ich in keinem einzigen Fall der Auslöser irgendeiner Kostenüberschreitung in diesem Projekt gewesen bin. Der öffentliche Bericht des Rechnungshofs vom Februar 2012 beschreibt vielmehr die „schlechte Steuerung“ und die „vielen Verzögerungen im Zusammenhang mit dem Hin und Her der staatlichen Entscheidungen“, die „ganz offensichtlich Einfluss auf die Kosten der Baumaßnahme genommen haben“. Der veröffentlichte Bericht des französischen Senats vom 17. Oktober 2012 beschwört die „schon vor der Auslobung des Wettbewerbs unterschätzten Kosten“ und benennt die Hauptursachen der Kostenüberschreitung, die nichts mit mir zu tun haben. Genannt werden zum Beispiel „Spesen des Auftraggebers“, „Ausgaben für die Erstausstattung“, Ausgaben für die „Anbindung der Baustelle“, „Gebühren/Honorarzahlungen“, „Versicherungen“, „Steuern“, “„Nachwirkungen von Preisänderungen“, „chaotische“ Ausschreibungsverfahren „unter rechtlich zweifelhaften Bedingungen“, die „nicht gerade eine Senkung der Kosten begünstigten“. Und nicht zuletzt wurde das Programm für die Philharmonie de Paris um zusätzliche Flächen erweitert.
    Heute eröffnet die Philharmonie de Paris. Zu früh. Das Gebäude ist nicht fertig. Eine akustische Erprobung des Konzertsaals hat es nicht gegeben. Der Zeitplan erlaubte es nicht, die grundlegenden architektonischen und technischen Notwendigkeiten zu befolgen – trotz aller Warnungen, die ich seit 2013 ausgesprochen habe. Im September 2013 erklärte Pierre Boulez in der französischen Ausgabe der Vanity Fair: „Der Konzertsaal muss erst im Rohzustand durch Orchester überprüft werden, um seine Akustik zu optimieren. Es ist sinnlos, zu früh zu eröffnen. Im Frühjahr 2015 – zu Ende der Saison – könnten sogar die besten Orchester der Welt zu außergewöhnlichen Konzerten bei geringerem finanziellem Aufwand zu diesem Zweck hergeholt werden. Ganz regulär würde die Spielzeit dann im September mit dem Orchestre de Paris beginnen.“ Lassen Sie uns heute, nur Stunden vor der Eröffnung, zusammen mit Pierre Boulez erklären, dass die Philharmonie noch „en rodage“ ist, erst noch eingefahren wird. Im Herbst dieses Jahres ist sie wirklich fertiggestellt, und dann ist der richtige Zeitpunkt für eine Einweihung in Harmonie und Würde gekommen.“
    Mein Kommentar: Die Gründe, die Nouvel für die Kostensteigerung anführt, sind 1:1 dieselben wie bei der Kölner Oper. Dass Nouvel dafür verantwortlich gemacht wird, ist infam. Auch die zuvorige Prüfung der Akustik ist einleuchtet und für die Funktion des Baus unabdingbar. Ich wäre auch nicht gekommen.
    Herzlichen Gruß aus Köln
    Ulrich Schläger

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