
Paris: Da denkt man an den Eiffelturm, den Arc de Triomphe, Notre-Dame, Sacré-Coeur … Auf diesem Plakat, aufgenommen am 19.10.2025, stellt sich Paris aber ganz anders dar: und zwar als eine „grüne Stadt“! Das mag überraschen, ist doch Paris die am dichtesten besiedelte Stadt Europas und weltweit immerhin noch auf Platz 7! Pro Quadratkilometer drängen sich hier über 20 000 Einwohner – im Vergleich dazu: In London sind es gut 5000 Menschen, in Berlin etwas über 4000 [1]…
Paris ist reich an schönen, ja berühmten Gärten und Parks, man denke nur an den jardin du Luxembourg, den Tuileriengarten, den Garten des Palais Royal, den Park Monceau oder den Parc des buttes Chaumont, um nur einige zu nennen. Im 19. Jahrhundert begab sich die französische Hauptstadt ja sogar in eine Art Wettbewerb mit London um den Status einer europäischen Gartenhauptstadt.[2] Aber trotzdem und insgesamt gibt es in Paris einen „grausamen Mangel an Grünflächen“, wie es der Parisien 2023 formulierte. Grausam (cruel) ist dieser Mangel gerade im Blick auf den schon in vollem Gange befindlichen Klimawandel. Und dessen Folgen sind in Paris besonders spürbar. Dazu tragen auch die typischen Zinkdächer bei. Die sind zwar charakteristisch für das Stadtbild und gehören zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO, heizen die Stadt aber bei starker Sonneneinstrahlung weiter auf. Die Zinkdächer können bei 40 Grad Außentemperatur bis zu 85 Grad heiß werden.[3] So ist Paris, um noch einmal den Parisien zu zitieren, „diejenige europäische Stadt, in der das Risiko, an Hitzefolgen zu sterben, am größten ist“.[4]
Dass es dringend notwendig ist, die Stadt an den Klimawandel anzupassen und so ihre Lebensqualität zu bewahren, ist weitgehend unbestritten. So überboten sich bei der letzten Kommunalwahl 2020 die Kandidatinnen und Kandidaten geradezu mit ehrgeizigen Programmen, Paris zu „vegetalisieren“ und mit sechsstelligen Zahlen der zu pflanzenden Bäume: Anne Hidalgo und ihre Sozialisten nannten 170 000 als Ziel – allerdings eine auch symbolische Zahl: Für jeden in der neuen Wahlperiode erwarteten Neugeborenen sollte gewissermaßen ein Baum gepflanzt werden. [5] Nach der „revolution du vélo“, der mit großer Energie vorangetriebenen Verkehrswende, wurde nun auch die „Revolution der Natur in der Stadt“ ausgerufen. Grünanlagen zu schaffen sei notwendig, um angesichts des Klimawandels auch in Zukunft wohnliche Lebensbedingungen in der Stadt zu sichern.[6]
Dass Hidalgo die Wahl gewann und in den letzten Jahren Paris von einer rotgrünen Koalition regiert wird, beruht aber wohl auch darauf, dass man ihr am ehesten zutraute, den ökologischen Umbau der Stadt mit Energie und Konsequenz voranzutreiben. Die schon von ihrem Vorgänger Delanoë eingeleitete Aufhebung der Autostraßen auf den Tiefkais der Seine war da ein eindrucksvoller Beleg: Zunächst höchst umstritten, heute allgemein anerkannt und unumkehrbar.
Ein wesentliches Element des Stadtpolitik von Anne Hidalgos ist die Zurückdrängung des städtischen Autoverkehrs: Seit 2020 wurden mehr als 10 000 Autoabstellplätze aufgehoben, zahlreiche Straßen wurden begrünt.[7] Diese Politik wurde im Laufe der Zeit noch forciert: Im städtischen Budget für das Jahr 2025 stehen Mittel für die Umwandlung von 120 Straßen zur Verfügung.

Und im März 2025 stimmten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt in einer «votation citoyenne“ der Begrünung und Verkehrsberuhigung weiterer 500 Straßen zu. Wir sind immer wieder von Neuem beeindruckt von der Geschwindigkeit und der Konsequenz dieses Veränderungsprozesses, den wir auch in unserem Pariser Umfeld miterleben.
Zu den besonders auffälligen und ehrgeizigen Programmpunkten des Umbauprogramms gehörte die Einrichtung von 3 sogenannten „Stadtwäldern“, forêts urbaines, in der Stadt. Der Parisien hielt in seiner Ausgabe vom 25.1.2023 dies für „ein unerfüllbares Versprechen“, une promesse intenable. Das Versprechen wurde aber gehalten. 2025 gibt es in Paris drei „Stadtwälder“: Die place de Catalogne in der Nähe des Bahnhofs Montparnasse, der bois de Charonne an der petite ceinture und der Platz vor dem Pariser Rathaus. Auch wenn das eher Wäldchen sind: Es sind Begrünungen von bisher versiegelten Flächen. Und dass dazu auch der prominente Platz vor dem Pariser Rathaus gehört, demonstriert den Stellenwert, den die derzeitige Stadtregierung dem ökologischen Umbau beimisst.
Place de Catalogne
Der erste der der neuen „Stadtwälder“ wurde auf der place de Catalogne im 14. Arrondissement angelegt. Dies war bis vor kurzem ein völlig versiegelter „mineralischer“ kreisrunder Platz. Angelegt wurde er in den 1980-er Jahren und umgeben von neoklassizistischen Gebäuden des postmodernen Architekten Ricardo Bofill. [8]

Die Mitte des Platzes bildete von 1985 bis 2022 der Brunnen „Le Creuset du Temps“, ein Werk des polnischen Bildhauers Shamaï Haber (1922–1995), der ihn „den umgedrehten Brunnen“ nannte. Das Wasser erweckte die Illusion, als würde es zum höchsten Rand einer schrägen, kreisförmigen Platte aus dunklem Granit fließen. Allerdings gab es bald technische Probleme und seit Anfang der 2000-er Jahre war er nicht mehr in Betrieb. Schon 2018 beklagte eine Stadtverordnete aus dem 14. Arrondissement, der Brunnen sei in seinem aktuellen Zustand „ganz grau, unpersönlich, ohne Wasser, weitläufig, nutzlos“ und erfülle „den ganzen Platz und die Umgebung mit einer immensen Traurigkeit.“[9]
Unter Beteiligung der Anwohner wurde schließlich eine Neuanlage des Platzes beschlossen und der Brunnen- wenn auch gegen den Willen der Erben des Künstlers- 2022 von der Stadt Paris abgerissen. Bei der Planung des neuen Platzes standen drei Ziele im Vordergrund:
- Eine weitgehende Begrünung des Platzes
- Eine drastische Reduzierung des bis dahin dominanten Autoverkehrs zugunsten von Fußgängern und Radfahrern
- Die Schaffung von Ruhe- und Erholungszonen für die Anwohner[10]


25. Januar 2023: Die alten, breiten Fahrbahnen um den Platz werden aufgerissen. © LP/Paul Abran[11]
Und im Winter 2023/2024 wurde der größte Teil des Platzes in eine Grünfläche umgewandelt (Plan 1).

Es wurden insgesamt 470 Bäume gepflanzt: 270 große und mittlere, 200 kleinere von 2-4 Jahren.[12] Bei den gepflanzten Bäumen dominieren einheimische Arten wie Hainbuchen und Eichen. Es wurden auch Arten eingeführt, die dem Klimawandel besser widerstehen, wie Steineichen, Mooseichen und Montpellier-Ahorne.

Durch die Verwendung verschiedener Vegetationsschichten, darunter große und kleine Bäume sowie Sträucher und Bodendecker, soll ein vollständiges Ökosystem entstehen, das die biologische Vielfalt fördert.

Ein Wald in Entwicklung. Er benötigt Zeit, Ruhe und Schutz
Die Stadt erhofft sich von der Maßnahme eine Verringerung des Hitze-Insel-Effekts um bis zu vier Grad Celsius.

Ruhezone im neuen Stadtwäldchen. Der Weg ist nach Shamaï Haber, dem Schöpfer des Brunnens, benannt.

Granitplatten am Rand des Wegs erinnern an ihn und sein Schaffen.
Die Anwohner des Platzes -zum großen Teil Mieter von Sozialwohnungen (HLM)- können sich über Ruhe, Schatten, viel Grün und bei Hitze auch über etwas kühlendes Nass freuen.

©Guillaume Bontemps/paris.fr
Der Bois de Charonne
Der zweite Pariser forêt urbaine ist der im September 2024 eingeweihte Bois de Charonne im 20. Arrondissement. Er liegt an der ehemaligen Pariser Ringbahnlinie, der petite ceinture.[13] Die wurde zu militärischen und wirtschaftlichen Zwecken 1852-1869, im 2. Kaiserreich Napoleons III., entlang des Pariser Festungsgürtels gebaut. 1934 wurde der Personenverkehr auf der petite ceinture eingestellt, in den 1990er Jahren auch der letzte Güterverkehr. Seitdem gibt es eine ganze Reihe von ehemaligen Teilstrecken, die als Spazierwege und Naherholungsgebiete eingerichtet wurden. Zu dieser Rückeroberung der petite ceinture gehört auch der neue Bois de Charonne. Er wurde auf einer 3,5 Hektar großen Brachfläche der ehemaligen Ringbahn eingerichtet, die vollständig bepflanzt werden konnte: So entstand mit über 7500 neuen Bäumen der mit Abstand größte neue Pariser „Stadtwald“.[14]

Aufgang zum Bois de Charonne vom Eingang 105 cours de Vincennes aus




Freigelegte und überwucherte Bahngleise der Petite Ceinture


Plan des Bois de Charonne. Er geht über in den Park des alten Bahnhofs Charonne. Dort gibt es einen großen Spielplatz, kleine Wasserbecken mit Seerosen, einen Springbrunnen, Liegewiesen… [15]

Blick von den alten Gleisen stadteinwärts…

Blick vom Bois de Charonne auf den Spielplatz

Ein schöner Waldweg vom Bois de Charonne zum Jardin de la Gare de Charonne
Hotel de Ville
„Unglaublich, aber wahr“[16]: Seit Juni 2025 gibt es auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus einen dritten „Stadtwald“. Er ist zwar von seiner Fläche her der kleinste der bisherigen Stadtwälder, aber dafür hat er einen höchst prominenten Platz. Die Stadtverwaltung zeigt damit demonstrativ, welche Bedeutung sie der „Begrünung“ (vegetalisation“) beimisst.[17]
Die Herausforderungen bei der Schaffung dieses „forêt urbaine“ waren besonders groß. Unter dem Platz befindet sich nämlich eine Tiefgarage, und zwischen deren Decke und dem Niveau des Vorplatzes waren es nur 1,50 Meter. Die Pflanzflächen wurden deshalb um 50 cm erhöht, um auch einen Lebensraum für größere Bäume zu schaffen.

Und anders als bei den beiden ersten „Stadtwäldern“ wollte man an diesem prononcierten Ort nicht erst einen „Wald im Werden“ schaffen, sondern es sollte von Anfang an ein „richtiger“ Wald sein, der es mit der umliegenden Bebauung und damit auch der Fassade des Pariser Rathauses „aufnehmen“ kann.

Die größten der auf dem Vorplatz gepflanzten Bäume sind 10 Meter hoch, die kleineren 6 Meter. In den holländischen und deutschen Baumschulen, aus denen sie stammen, wurden sie sorgsam für ihren Einsatz vorbereitet: Bis zu sieben Mal wurden sie umgepflanzt, um ein genügendes Baumwachstum bei reduziertem Volumen der Wurzelballen zu erreichen.[18]


Ausgewählt wurden heimische und exotische Baumarten, die am besten den Herausforderungen des städtischen Umfelds und des Klimawandels standhalten können.

Vor allem geht es natürlich darum, hier im Zentrum der Stadt einen ruhigen, Schatten spendenden Ort für die Menschen zu schaffen.

Auch für besonders heiße Tage ist vorgesorgt. Im Hintergrund des Wasser-Zerstäubers der Tour Saint-Jacques.
Die Mitte des Rathausvorplatzes ist nicht begrünt: Dort ist/bleibt also ein freier Platz, auf dem im Sommer beispielsweise ein Volleyball-Feld installiert wurde.

Foto: Ville de Paris
Es gibt auch Tische und Bänke: Gelegenheit für ein Picknick…

… und natürlich ist da auch Raum für Kundgebungen.

Im August haben hier wohnsitzlose, auf der Straße lebende Migranten/Asylbewerber, vor allem Familien aus Afrika, eine Woche lang lautstark auf dem Rathausvorplatz auf ihre Lage aufmerksam gemacht. Dann wurde die Demonstration von der Polizei aufgelöst. [19]
Ausblick:
Ein vierter forêt urbaine entsteht gerade auf der place du Colonel Fabien zwischen dem 10. und dem 19. Arrondissement. [20]

Der neue Platz wird gut 14000 qm2 groß sein. Es wird reduzierte Fahrstreifen für Autos geben, aber breite Fahrradwege und einen Bereich für Fußgänger. 1760 qm2 Grünstreifen werden bzw. sind schon angelegt, dazu werden 78 kleine und 43 große Bäume neu gepflanzt.

Und so soll es einmal aussehen. (Animation der Stadt Paris) Die Einweihung ist für Anfang 2026 vorgesehen.
Anmerkungen:
[1] Die Angaben zu Paris variieren und verbessern sich tendenziell auch etwas, weil die Einwohnerzahl der Stadt in den letzten Jahren tendenziell leicht sinkt. Einwohnerzahl Paris: Entwicklung und aktuelle Trends | Rhein-Main Kurier 10.11.2024: 21.067 Einwohnern pro Quadratkilometer.
En 1921, Paris est à son maximum, à un peu moins de 3 millions de résidents. La densité de la population est alors équivalente à celle que connaît aujourd’hui Calcutta, en Inde. (Le Monde)
[2] Hans von Trotha, Deutschlandfunk 11.8.2024 Natur in der Stadt: Die Gärten von Paris
[3] https://fr.euronews.com/green/2024/11/23/a-paris-comment-eviter-que-les-toits-historiques-en-zinc-ne-creent-un-effet-de-four und
Frankfurter Rundschau vom 3.7.2025
[4] https://www.leparisien.fr/paris-75/urbanisme-a-paris-en-seize-ans-les-espaces-verts-ont-augmente-de-036-m2-par-habitant-03-06-2023-O6X4YYQJANHSZK5WBGRBD7AKUY.php
[5] So der Pariser Umweltdezernent Christophe Najdovski zit. in Le Monde vom 23.3.2025 Zwischen 2020 und 2024 wurden immerhin insgesamt 113 000 Bäume im Rahmen des Plan Arbres gepflanzt. https://www.geo.fr/environnement/le-bois-de-charonne-deuxieme-foret-urbaine-de-paris-inauguree-par-anne-hidalgo-222134
[6] „révolution de la place de la nature dans la ville“ https://www.lejournaldugrandparis.fr/le-bois-de-charonne-2e-foret-urbaine-de-la-capitale-a-ete-inaugure/
[7] Der Figaro nennt die Zahl 197: https://www.lefigaro.fr/conjoncture/vegetaliser-et-pietonniser-500-nouvelles-rues-en-3-ans-le-defi-tres-onereux-de-la-ville-de-paris-20250322 Le Monde nennt als Zahl 300:
https://www.lemonde.fr/politique/article/2025/03/23/a-paris-derriere-la-promesse-de-170-000-plantations-d-arbres-une-realite-plus-contrastee_6584824_823448.html?lmd_medium=email&lmd_campaign=trf_newsletters_lmfr&lmd_creation=a_la_une&lmd_send_date=20250323&lmd_email_link=a-la-une-articles-H2_titre_3&M_BT=54358834090766
[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_de_Catalogne_(Paris)#/media/Fichier:Place_Catalogne,_Paris.JPG
[9] https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-la-place-de-catalogne-est-elle-punie-11-11-2018-7940175.php
[10] Nachfolgender Plan aus: Kamil Bialas, Stadtwald statt Beton. So wurde der Place Catalunya in Paris zum Leben erweckt
[11] https://www.leparisien.fr/paris-75/planter-des-forets-urbaines-a-paris-la-promesse-intenable-25-01-2023-SCDD3SAKVJHOJHAUYGEJAZTB3A.php
[12] https://www.paris.fr/pages/foret-urbaine-place-de-catalogne-la-concertation-est-lancee-19389
[13] Siehe dazu auch die Bilderstrecke von Hermann Kollmar und Herbert Boll auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2023/07/13/la-petite-ceinture-die-pariser-ringbahntrasse-eine-bilderstrecke-von-hermann-kollmar-und-herbert-boll/
[14] https://www.geo.fr/environnement/le-bois-de-charonne-deuxieme-foret-urbaine-de-paris-inauguree-par-anne-hidalgo-222134
[15] https://mapcarta.com/W954861500
[16] https://parissecret.com/foret-urbaine-parvis-hotel-de-ville/
[17] Nachfolgende Luftaufnahme (sicherlich bearbeitet) aus: https://parisfutur.com/projets/projet-de-4-forets-urbaines-dans-paris/
[18] https://www.paris.fr/pages/foret-urbaine-de-l-hotel-de-ville-la-plantation-a-commence-ce-qu-il-faut-savoir-29934
[19] Des migrants installés devant l’Hôtel de ville de Paris évacués. Sur l’ordre de la Préfecture de Paris, 200 personnes ont dû quitter le parvis de la mairie, principalement des femmes et des enfants. Le Monde vom 14. August 2025
[20] https://www.paris.fr/pages/une-foret-urbaine-pour-la-place-du-colonel-fabien-30045 vom 22.9.2025 Dort auch die nachfolgend abgebildete Fotomontage
E
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Hier der Kommentar von Rotraut Grün-Wenkel:
Die neuen Wälder von Paris haben mich richtig begeistert. Wenn man die Sommertemperaturen um 4 Grad senken könnte, wäre das doch genial. Und überhaupt diese Idee politisch umzusetzen, macht ganz euphorisch.
Ich stelle mir vor, wie ihr neugierig aufmerksam durch Paris flaniert und davor oder danach recherchiert. Chapeau!!
Liebe Grüße Rotraut
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