Fast wie Gott in Frankreich: Ludwigslust, „das Versailles des Nordens“

Ein Schloss, irgendwo in Mecklenburg, als Gegenstand eines Beitrags auf diesem „Paris- und Frankreich-Blog“: Das hätte ich selbst nicht erwartet, als wir in Ludwigslust eine Pause auf unserem Weg nach Schwerin einlegten. Aber dann wurde schnell deutlich, wie intensiv die Bezüge zu Frankreich und auch zu bisherigen Artikeln in diesem Blog sind:

  • Da gibt es den Wunsch eines Mecklenburgischen Herzogs, sich eine Residenz nach Versailler Vorbild zu bauen, wofür er zunächst auch einen französischen Architekten engagierte. Man bezeichnet denn auch gerne Ludwigslust als „Versailles des Nordens“ oder als „mecklenburgisches Versailles“.[1]
  • Die Residenz sollte -wie Versailles- architektonischer Ausdruck absoluter Herrschaft sein.
  • Es gab -wie in Versailles- aber auch das Problem der Wasserversorgung, weil der Platz diesbezüglich für ein Klein-Versailles nicht geeignet war, was entsprechende wasserbauliche Maßnahmen erforderte.
  • Frappierend dann vor allem der Rundgang durch die Räume des Schlosses, in denen Teile der Kunstsammlung der Herzöge ausgestellt sind: Da hat man fast den Eindruck, sich in einem  französischen Museum zu befinden: Porzellan aus Sèvres, eine ganze Reihe von Büsten von Houdon, die es mit den Exponaten in „seinem“  Museum in Montpellier durchaus aufnehmen können; desgleichen eine eindrucksvolle Sammlung von Gemälden des Hofmalers Ludwigs XV., Jean-Baptiste Oudry, dem Portraitisten der Tiere in der Menagerie Ludwigs XIV., die es in dieser Menge und Qualität nirgendwo sonst gibt.
  • Und dann stößt man darauf, dass Franzosen an den Kunstschätzen der Mecklenburger Herzöge auch Gefallen gefunden haben: Ganz konkret Napoleons Kunsträuber Vivant Denon, der sich da nach Belieben bediente und jede Menge Gemälde für das Musée Napoléon (Louvre) und Preziosen für die Kaiserin Josephine konfiszierte…

Bezüge zu Frankreich und zu bisherigen Blog-Beiträgen gibt es also genug. Aber es gibt auch deutliche Unterschiede: Nicht nur dass es in Ludwigslust kein Schlosstheater gibt, weil das für den pietistischen Schlossherrn Friedrich des Teufels war; auch das in Versailles so beliebte Kartenspiel war in Ludwigslust Tabu. Der wichtigste Unterschied allerdings: Während in Versailles echtes Gold glänzte, war das in Ludwigslust anders.  Die Mecklenburger Herzöge befanden sich seit jeher in finanziellen Nöten, ein bisschen Versailles-Glanz wollten sie aber schon haben:  Also Pappmaché und Farbe statt Gold, Bronze und andere teuren Materialien. In Ludwigslust ist also nicht alles Gold, was glänzt…

Hier nun im Einzelnen mehr über Ludwigslust und seinen Bezug zu Frankreich:

  1. Das mecklenburgische Versailles

In der Nähe des Dorfes Klenow südlich von Schwerin mit seinen umfangreichen Wald- und Wildbeständen gab es seit 1735 ein kleines Jagdschloss der Mecklenburgischen Herzöge. 1748 berief Herzog Christian Ludwig II. den französischen Architekten Jean Laurent Legeay als Hofbaumeister. Legay wurde beauftragt, das Jagdschloss fürstlichen Repräsentationsansprüchen entsprechend auszubauen. Es erhielt nun auch einen angemessenen Namen: Ludwigslust.  Der englische Reisende Thomas Nugent schrieb 1766 in seiner „Reise durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg“, am Schloss gäbe es „nicht die mindeste  Pracht“, aber es falle „doch von außen ganz artig in die Augen.“ Allerdings seien das Schloss und seine  Zimmer „für die Durchlauchten  Herrschaften“ viel zu klein. „Der Herzog wird also an diesem seinen Lieblingsort bald einen prächtigen Palast bauen lassen.“[2]  Herzog war inzwischen -seit 1756-  Friedrich, der Sohn Christian Ludwigs II. Friedrich hatte pietistische Neigungen und es zog ihn vom weltlichen Schwerin in die Stille und Einsamkeit von Ludwigslust. Für eine dauerhafte Hofhaltung war das Jagdschlösschen allerdings nicht geeignet. Also erhielt Legeay den Auftrag für eine Grundrissgestaltung der künftigen Residenz. Friedrich war als Kronprinz auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa in Frankreich gewesen und von Versailles tief beeindruckt. Die meisten anderen deutschen Fürstenhäuser hatten ja schon Versailles nachgeeifert, selbst die mecklenburgische Verwandtschaft in Neustrelitz hatte schon eine imposante neue Residenz, da konnte und wollte selbst der sparsam-pietistische Friedrich nicht nachstehen und ein französischer Architekt war genau der Richtige.  Legeay war allerdings inzwischen schon in preußische Dienste übergewechselt und von Friedrich dem Großen für die Bauplanung von Potsdam zuständig. Für ein dauerhaftes Engagement in Ludwigslust stand er also nicht zur Verfügung. Also behalf sich Friedrich mit seinem Hofbildhauer Johann Joachim Busch, der schon mit Legay beim Ausbau des Jagdschlosses zusammengearbeitet hatte und auch auf dessen Pläne für die Grundstruktur des Schlossbezirks zurückgreifen konnte: eine deutlich billigere Alternative.

Grundstruktur der auf dem Reißbrett geplanten Residenz Ludwigslust ist die Nord-Süd-Achse, die Schloss (in der Mitte des Kartenausschnitts) und Hofkirche (im Kartenausschnitt unten) verbindet und nach Norden als Hofdamenallee durch den Schlosspark führt.

Blick vom Portikus des Schlosses auf das Standbild Friedrichs und über die Kaskade auf die Kirche

Die zuerst gebaute Hofkirche ist imgrunde ein einfacher Saalbau, dem aber eine tempelartige breite Fassade vorgesetzt ist. Ihre Einpassung in die Nord-Süd-Achse ist zwar ein Bruch mit der eigentlich gebotenen Ausrichtung einer Kirche nach Osten. Aber diese Verbindung zwischen Schloss und Kirche ist Ausdruck des Gottesgnadentums, das Friedrich für sich beanspruchte.   

Um den Kirchplatz herum entstanden streng symmetrisch angeordnet eingeschossige Fachwerkhäuser mit einheitlichen Grundrissen für Dienerschaft und Handwerker. 

Bedienstetenhäuser am Kirchplatz

Etwas gediegener, ja nobler geht es in der Schloßstraße zu, die, wie der Name schon andeutet, zum Schlossplatz hinführt. Die Bebauung ist auch hier symmetrisch gegliedert: Die Straße selbst bildet die Symmetrieachse für die einzelnen Häuser, die für den Hofstaat und den Adel bestimmt waren. Jedes Haus entspricht seinem Gegenüber in Breite, Höhe und Form. Jeweils vier der unverputzten Backsteinhäuser sind unter einem Dach zusammengefasst, daran schließt sich ein freier Platz mit einem einzelnen etwas zurückgesetzten Haus an. Diese Anordnung wiederholt sich mehrmals. Außergewöhnlich ist auch die Straßenbreite von 35 Metern: Damit kann die Ludwigsluster Schloßstraße durchaus mit den Pariser Boulevards mithalten. Der Boulevard Haussmann zum Beispiel hat „nur“ eine Breite von 30-33 Metern!

Wohngebäude am Anfang der Schloßstraße. Im Vordergrund eine Vase des Hofbildhauers Kaplunger auf der Schlossbrücke.

Das Schloss wurde dreigeschossig errichtet mit einem Mezzanin und einer hohen Attika.[3]

Die Hauptfassade des Schlosses mit einem betonten Mittelbau und einem Portikus.

Der Mittelbau auf der Gartenseite springt weit vor und wird eingerahmt von zwei Seitenflügeln. Für den Bau wurde der kostengünstige landestypische Backstein verwendet. Die dekorativen Fassaden sind allerdings mit Sandstein verkleidet, der aus Pirna/Sachsen importiert wurde.

Blick auf das Schloss von der Gartenseite.

Die Schlosskapelle im Erdgeschoss des Mittelbaus wurde später in einen Jagdsaal umgewandelt und dient heute als Café. Blickfang ist ein außergewöhnlicher Leuchter aus Geweihen des nordamerikanischen Weißedelhirsches.

Seine Herkunft ist nicht exakt bestimmbar. „Es ist aber durchaus möglich, dass einzelne Geweihe oder der Leuchter als Geschenk nach Ludwigslust kamen, hatte doch Herzog Friedrich (der sogenannte Fromme W.J.) 3000 mecklenburgische Soldaten für 50 000 Taler an den britischen König, Georg III., verkauft. Nur wenige Soldaten kehrten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach Mecklenburg zurück.“[4]

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die Vermietung bzw. der Verkauf von Landeskindern an England zur Bekämpfung der nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner war damals eine weit verbreitete Praxis von Fürsten deutscher Kleinstaaten, deren Luxusansprüche ihre finanziellen Ressourcen weit überstiegen. Aber selbst mit dem Soldatenhandel war das mecklenburgische Klein-Versailles nicht finanzierbar, zumal nach dem Siebenjährigen Krieg die Staatskassen leer waren. Der Verkauf von Holz und Sand reichte  bei weitem nicht. Trotzdem gelang es Friedrich, im Zentrum seines neuen Schlosses einen über zweistöckigen prächtigen „Golden Saal“ einzurichten: Er braucht einen Vergleich mit französischen Pendants nicht zu scheuen.[5] Wie war das möglich?

Des Rätsels Lösung: Papiermaché.  Mitte des Jahrhunderts bot Friedrichs Lakai Johann Georg Bachmann an, Papiermaché als Gestaltungsmaterial einzusetzen. Friedrich nahm das gerne auf, und es wurde in Ludwigslust eine entsprechende Manufaktur, die herzogliche Carton-Fabrique,  eingerichtet: Mit großen Mengen von Papierschnipseln, die aus den herzoglichen Aktenbeständen bezogen wurden, und Materialien wie Weingeist, Gips, Mehlkleister und Knochenleim  gelang die Imitation fast aller Materialien. Die genaue Rezeptur nahm Bachmann mit ins Grab. Und in der Manufaktur wurde durch strenge Kontrollen, Arbeitsteilung und die Androhung von Strafen dafür gesorgt, dass nichts nach draußen drang. Das Geheimnis des Ludwigsluster Cartons wurde also ähnlich gehütet wie das des Porzellans in Meißen oder der Versailler Spiegelgläser in Paris.

Immerhin stellte Papiermaché ein preiswertes Äquivalent für Marmor, Stein, Ton oder Holz dar. Der gesamte Raumschmuck des Goldenen Saals bis hin zu den Wandleuchtern besteht aus diesem Material.

Auch die prächtigen korinthischen Kapitelle im Goldenen Saal -er wird gerade renoviert: Papiermaché. (Foto: Juli 2024 Wolf Jöckel)

Das Motto: Mehr Schein als Sein gilt auch für die Hofkirche. Auch dort wurde Papiermaché reichlich verwendet.

Wandverzierungen….

…  Schmuck der herzoglichen Loge und Kassettendecke: alles Papiermaché.

Und das wunderbare Altarbild, mit 350 m2 das größte Europas, besteht aus Papiermaché-Platten.

Bei näherem Hinsehen ist das deutlich zu erkennen:

Dem Maler dieser entzückenden ländlichen Szenerie wurde es allerdings von seinem knauserigen Landesherrn wenig gedankt. So ersetzte er -etwas versteckt- seine Malersignatur durch eine arme Kirchenmaus…

Aber die Verwendung von Papiermaché beschränkte sich nicht nur auf die Ausstattung von Schloss und Kirche. Auch Kopien antiker Statuen wurden in der Carton-Fabrique hergestellt und zum Verkauf angeboten. Besonderer Beliebtheit erfreute sich etwa die Venus Medici nach dem Original in den Uffizien von Florenz.

Venus Medici aus Papiermaché, um 1790 [6]

Bachmann gelang es sogar, das Papiermaché wetterfest zu machen. Die 16 Büsten römischer Kaiser im sogenannten Kaisersaal des Schlossparks wurden also auch aus Papiermaché gefertigt. Sie haben dort immerhin 100 Jahre überdauert. Dann wurden die Büsten durch Schmuckvasen ersetzt, die es auch heute noch bzw. wieder gibt.

Johann Dietrich Findorff, „Der Kaisersaal im Park von Ludwigslust“  1767  (Ausschnitt)[7]

Vorbild des Kaisersaals von Ludwigslust war übrigens ausnahmsweise einmal nicht Versailles, sondern das Galerie-Gebäude von Schloss Herrenhausen bei Hannover. [7a]

Hannover-Herrenhausen Galeriegebäude, Innenansicht der Galerie, Kupferstich, um 1725, gestochen von Joost van Sasse, nach Zeichnung von Johann Jacob Müller

Wasser für Ludwigslust: Kanal und Kaskade

Wie Versailles geht auch Ludwigslust aus einem früheren Jagdschloss hervor. Und wie in Versailles bedeutete diese völlig neue Verwendung auch in Ludwigslust, dass erheblich größere Mengen an Wasser gebraucht wurden: Für eine große Zahl von nun dauerhaft hier ansässigen Menschen und für die Wasserspiele, die zu den unabdingbaren Elementen einer (spät-)barocken Residenz gehörten. Sowohl in Versailles als auch in Ludwigslust fehlte es aber vor Ort an entsprechenden Ressourcen. In Versailles war die Wasserversorgung ein massives Dauerproblem, in Ludwigslust wurde noch vor dem Bau des Schlosses  von 1756 bis 1760 ein etwa 28 Kilometer langer Kanal angelegt.

Der Kanal im Schlosspark von Ludwigslust

Hauptattraktion der Wasserspiele ist die am Schlossplatz gelegene große Kaskade aus Granitblöcken. Geschmückt ist sie mit drei Sandstein-Figurengruppen.

In der Mitte rahmen Allegorien der Flussgötter von Stör und Rögnitz, den beiden Flüsschen, die den Kanal speisen, das mecklenburgische Wappen ein.

Das Reh hinter dem Flussgott weist auf den Ursprung von Ludwigslust hin und den Reichtum an Wild in der Gegend, die das Flüsschen durchquert. Das kennt man auch von den entsprechenden Beigaben der Fluss-Skulpturen im Park von Versailles (Parterre d’Eau) – allerdings geht es da nicht um Stör und Rögnitz, sondern um Flüsse wie Seine und Marne, Rhône, Loire und Dordogne…[8]

Das gibt es nicht einmal in Versailles: das „ägyptische“ Friedhofstor

Ganz ungewöhnlich ist in mancherlei Hinsicht der Gottesacker von Ludwigslust. Zunächst wegen seiner Lage: Friedrich ließ nämlich den Friedhof der Residenz nicht, wie damals üblich, direkt bei der Kirche anlegen, sondern von ihr entfernt, wenn auch durch eine Blickachse mit ihr verbunden. Das hatte gemäß damaliger neuester Reformbestrebungen medizinische/hygienische Gründe. Der Ludwigsluster Friedhof ist damit einer der frühesten „Modellfriedhöfe“ des 18. Jahrhunderts. In Versailles dauerte es dagegen noch ein gutes Jahrzehnt, bis der König in einer „Erklärung über die Bestattungen“ vom 10. März 1776 ein grundsätzliches Verbot von Gräbern in der Nähe von Kirchen und Wohnungen erließ, womit Versailles in Frankreich zu den Vorreitern gehörte. In Paris wurde der großes Friedhof der Innocents erst 1786 geschlossen und erst während der Französischen Revolution wurde die Neuanlage von Friedhöfen extra muros, also außerhalb der Stadtgrenzen, für die Toten der Stadt beschlossen.

Ganz außergewöhnlich war (und ist) aber auch der Eingang zu diesem Friedhof. Er hat nämlich die Form von Pylonen, wie sie als Eingang zu Tempelanlagen im alten Ägypten üblich waren. Damit fiel „ägyptischer Herrscherglanz“ auf die Ludwigsluster Begräbnisstätte, die so mit Kirche und Schloss einen einzigartigen Dreiklang bildet. Und apropos Klang: Die Residenzkirche hatte ja keinen Glockenturm- der hätte zu der klassischen Fassade nicht gepasst. Also hatte Friedrichs Hofbaumeister Busch die findige Idee, die Kirchenglocken im oberen Teil der beiden Pylone zu installieren…

Und wie kam der heimische Steinmetz Busch, zum Hofbaumeister avanciert, zu den ägyptischen Pylonen? So wie er sein architektonisches Wissen aus der einschlägigen französischen Fachliteratur bezog, die Friedrich aus Frankreich mitgebracht hatte, so waren es in diesem Fall aller Wahrscheinlichkeit nach die Reiseberichte eines englischen Gelehrten und eines dänischen Marineoffiziers, die als Anregung dienten. Diese Berichte wurden Mitte des 18. Jahrhunderts mit Skzizzen der Tempelanlagen von Karnak und Luxor publiziert und sicherlich bei Hofe mit großem Interesse aufgenommen. Busch plante sogar, „die neue Kirche in Gestalt einer Pyramide zu erbauen, eine Entwurfsidee, die dann aber als zu gewagt ausgeschlossen wurde. Doch zumindest die Gestaltung des Friedhofs sollte an die Monumentalarchitektur dieses neu entdeckten altägyptischen Totenkultes erinnern.“[8a] Da kann Versailles einmal nicht mithalten: Es gab zwar dort schon früher Bezüge zum alten Ägypten, also noch vor der Ägyptomanie einer Marie Antoinette oder der napoleonischen Ära: zum Beispiel die beiden Sphingen am Parterre du Midi hinter dem Eingang zum Park, und Sphingen gab es auch in Paris, z.B. am Louvre, dem königlichen Schloss. Vielleicht haben auch die als Anregung gedient, mit einfachsten Mitteln, zunächst aus Holz, dann aus Back- und Feldsteinen, einen monumentalen „ägyptischen“ Bau zu errichten und damit wenigstens insofern dem bewunderten und natürlich völlig unerreichbaren Versailles doch Paroli zu bieten…

https://sculptures-jardins.chateauversailles.fr/notice/notice.php?id=207#hn

Auch das gehört zu Ludwigslust: Der Ehrenfriedhof für KZ-Opfer

Es gibt in Ludwigslust aber nicht nur diesen alten Gottesacker mit seinem „ägyptischen“ Eingang, sondern noch eine weitere Grabstätte, und zwar einen Ehrenfriedhof zwischen Kirche und Schloss.

Mahnmal des Ludwigsluster Künstlers Herbert Bartholomäus, 1951 (Wikipedia)

Auf ihm sind 200 Tote des Konzentrationslagers Wöbbelin bei Ludwigslust bestattet. Wöbbelin war ab Februar 1945 ein Außenenlager des KZ Neuengamme und diente ab Mitte April als Auffanglager für Transporte aus anderen Konzentrationslagern. In den zehn Wochen seiner Existenz starben von 5000 Häftlingen aus 25 Nationen etwa 1000 an katastrophalen hygienischen Verhältnissen, Hunger und Krankheiten.

Foto: Wolf Jöckel

Als US-Soldaten am 2. Mai das Lagergelände entdeckten, fanden sie mehr als 500 Tote auf dem Lagergelände. 200 von ihnen sind in einfachen namenlosen Gräbern hier bestattet.

Foto: Wolf Jöckel

Oudrys Galerie der Tiere

Nun aber ins Schloss, und dort zunächst in die Gemäldegalerie. Die gehörte zu einer standesgemäßen Residenz dieser Zeit, also gibt es sie auch in Ludwigslust, und nach erfolgter Renovierung sogar wieder im ursprünglichen Zustand, also  mit traditioneller Raumaustattung (natürlich aus Papiermaché) und Aufhängung. [9] Die Mecklenburger Herzöge interessierten sich besonders für holländische/flämische Malerie, die in der Galerie denn auch reichlich vertreten ist.

© Staatliches Museum Schwerin. Foto: Detlev Klose

Den einzigartigen Schwerpunkt der Sammlung bilden aber Werke des französischen Malers Jean-Baptiste Oudry. Oudry war ein international geschätzter Maler zur Zeit Ludwigs XV. Er erhielt Aufträge nicht nur vom französischen König, sondern auch vom russischen Zaren Peter dem Großen und der schwedischen Königin.  Vor allem als Maler von Tieren und Jagdszenen hatte er sich einen Namen gemacht hat. Aber auch als Direktor der Teppich-Manufaktur von Beauvais, der er viele Vorlagen lieferte, hatte  er großen Einfluss.[10]  Das Staatliche Museum Schwerin besitzt „mit 34 Gemälden und 43 Handzeichnungen die umfangreichste Oudry-Kollektion überhaupt.“[11]

Was hat es mit dieser besonderen Beziehung des Schweriner Hofes zu  Oudry auf sich? Ludwig XIV. hatte sich im Park von Versailles eine Menagerie mit seltenen Tieren eingerichtet, um auch auf diese Weise seine absolute Macht zu demonstrieren – was dann von anderen Fürsten nachgeahmt wurde. Die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin konnten sich aber derart aufwändige Einrichtungen nicht leisten. „Sie taten das Nächstbeste“, und ich zitiere nachfolgend aus dem wunderbaren Buch: Oudrys gemalte Menagerie, „sie kauften Portraits jener Tiere, die in der berühmten  Versailler Menagerie gehalten  wurden. Dieser Bilder waren zudem ursprünglich als Geschenk für König Ludwig XV. in Auftrag gegeben und von einem berühmten Tiermaler geschaffen worden, der für den französischen König arbeitete und auch in Deutschland bekannt war – Jean-Baptiste Oudry.“ [12]

Oudry hatte eine seit langem bestehende Beziehung zu den Herzögen von Schwerin – Herzog Christian Ludwig kaufte 1732 für sein Jagdschlösschen Ludwigslust die ersten Bilder des französischen Tiermalers. 1738 kam Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg, der Erbauer der Residenz Ludwigslust, auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa selbstverständlich auch nach Paris, wo er Oudry kennenlernte. Danach reiste er nach Angers weiter, wo er ein Jahr lang die dortige Ritterschule besuchte. Danach kam Friedrich wieder nach Paris und blieb auch dort ein Jahr. Oudry zeigte dem jungen Prinzen die Stadt, nahm ihn mit zu Künstlerateliers, zeigte ihm die Sorbonne  und die Gobelin-Tapisseriemanufaktur und malte sein offizielles Portrait. Ursprünglich plante Christian Ludwig, dass sein Sohn von dem angesehensten Maler in Paris, Hyacinthe Rigaud, portraitiert werde, dem Portraitisten des Sonnenkönigs.  Aber der verlangte zu viel für seine Bilder, während Oudry ein kostengünstigeres Angebot machte. Am 18. Mai 1739 berichtet Friedrich seinem Vater, dass sein Bildnis fertig und „wie alle Leute sagen sehr wohl getroffen“ sei.[13] Friedrich ist, passend zu seiner Ausbildung auf der Ritterschule in Angers, in Ritterrüstung dargestellt.

Oudry, Bildnis Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg 1739 (Ausschnitt)[14]

1750 kam Friedrich erneut nach Paris, diesmal mit seiner Frau und Schwester. Er besuchte Oudry in seinem Atelier. Dort sah er eine Serie von Tierbildern, die Oudry in der Versailler Menagerie gemalt hatte, die „Menagerie-Serie“, und erreichte, dass ihm sein Vater schließlich das erforderliche Honorar nach Paris überwies. Oudry hatte die großformatigen Bilder im Auftrag des Leibarztes Ludwigs XV., La Peyronie, gemalt.  Nach dem Tod Peyronies waren sie im Atelier Oudrys verblieben. [15]

Der Erwerb dieses Tierzyklus beruht wohl auf einer „Kombination aus Geldmangel und bereits bestehender Beziehung zu Oudry. …. Die Tatsache, dass dieser Zyklus anfänglich für den französischen König bestimmt war, machte ihn umso attraktiver. Durch den Kauf der Bilder befriedigten die Herzöge von Schwerin mehrere Bedürfnisse und Ambitionen gleichzeitig: Sie folgtem dem Vorbild des französischen Hofes, indem sie ihre Gemäldegalerie erweiterten; sie förderten den gleichen Maler und stellten die gleichen exotischen Tiere zur Schau. So erzeugten sie fürstlichen Glanz und das für einen Bruchteil der Kosten, die der Besitz seltener lebendiger Tiere verursacht hätte. Natürlich waren gemalte Tiere nicht ganz so wunderbar, aufregend und beeindruckend wie lebende, aber durch Oudrys Gemälde wurden sie lebendig. Seine Tierportraits erlaubten den Herzögen  von Mecklenburg, die lange Geschichte der fürstlichen Tiersammlungen fortzuführen, die Macht, kultivierte Bildung und Herrschaft über Natur und Länder symbolisierten.“[16]

Vier dieser Portraits werden nachfolgend vorgestellt.

Foto: Wikipedia

Dass die Tiere in den Gemälden Oudrys lebendig wurden, zeigt das Bild dieses Leoparden, der gerade sein Pendant, eine Leopardin, anfaucht und zu beeindrucken sucht. Oudry gelingt es, die Kraft und Energie des Tieres anschaulich zu machen: Der Schweif, in voller Bewegung, scheint geradezu die Bildfläche zu durchbrechen. In seinen Bildern entsteht eine „intime Nähe zu exotischen, gefährlichen Tieren, die normalerweise durch Zäune, Glasgehege, Wassergräben, Menschenmengen verhindert wird.“ [17] Der gemalte Leopard Oudrys ist sicherlich eindrucksvoller als ein in einem engen Menagerie-Gehege eigesperrtes lebendes (und wohl auch leidendes) Tier.

Foto: Wolf Jöckel

Ganz anders als die wilde Raubkatze portraitiert Oudry die Antilope, die zu den ersten Bildern seiner Menagerie-Serie gehört. Es ist eine in Vorderindien beheimatete Hirschziegenantilope. Ruhig und anmutig schaut sie in die weite Gebirgslandschaft. „Oudrys Darstellung der Antilope entspricht der eines Fürsten, der sich gelassen und selbstverständlich vor seinem Land portraitieren lässt.“[18]

Der Kasuar ist sicherlich der exotischste Vogel der Menagerie, den Oudry portraitierte.[19] Es handelt sich um einen vor allem in Neuguinea verbreiteten Laufvogel, der um 1600 zum ersten Mal von der holländischen Ostindischen Kompanie nach Europa eingeführt wurde. 1671 konnte dann auch der Sonnenkönig eines der seltenen Exemplare den Besuchern seiner Menagerie vorführen.[20] Oudrys Kasuar wurde 1745 im Salon ausgestellt und wie folgt beschreiben.: „Er hat weder Zunge noch Schwanz noch Flügel; er verschlingt ungerührt alles, was man ihm gibt, sogar bis hin zur glühendsten Kohle, er zerschlägt das Bein eines Mannes mit seiner Klaue.“[21]  Dass der hauptsächlich von Früchten lebende Kasuar glühendste Kohle verschlingt, ist sicherlich effekthascherischer Unsinn, gefährlich werden kann er mit seinen dolchartigen Krallen aber durchaus.[22]  Und so verleiht Oudry dem Vogel durch eine leichte Untersicht „einen monumentalen und auch bedrohlichen Charakter.“[23]

Foto: Wolf Jöckel

Oudrys Portrait eines – heute in freier Wildbahn ausgestorbenen- Atlaslöwen ist mit seiner Größe von 307×258 cm nach dem Rhinozeros  „Clara“ vom Schweriner Schloss das zweitgrößte Gemälde der mecklenburgischen Oudry-Sammlung und das größte in Ludwigslust. Um die ungewöhnlichen Maße unterzubringen, benutzte der Maler zwei zusammengenähte Leinwandbahnen. Löwen gehörten schon seit jeher als Symbol der Stärke und des Stolzes zur Grundausstattung adliger Menagerien.[24] Selbstverständlich war für sie auch ein Platz in der Versailler Menagerie eingerichtet. Oudry portraitierte den Löwen als mächtigen Herrscher des Tierreichs und damit gewissermaßen als tierisches Pendant des Selbstbildes eines absoluten Herrschers, dem zu unterwerfen man wohl beraten ist…    

Oudry lieferte übrigens nicht nur Tierbilder nach Schwerin bzw. Ludwigslust, sondern er fungierte auch als Agent bei der Bestellung französischer Produkte für die herzogliche Residenz. Dazu gehörten beispielsweise Bücher, Kupferstiche, aber auch Möbel, feines Geschirr, Küchenutensilien, Toilettenartikel und Seidenstrümpfe für die Prinzessin. Sogar eine „chaise percée de commodité“, also ein Nachtstuhl, wurden mit Oudrys Vermittlung nach Mecklenburg expediert. Oudry wurde auch engagiert bei der Beschaffung von Gipsabgüssen antiker Figuren. Das stellte ihn allerdings vor unerwartete Probleme, weil der strenggläubig Protestant Christian Ludwig II. und erst recht sein pietistischer Sohn Friedrich, auch „der Fromme“genannt, keine nackten Statuen zu sehen und erst recht nicht zu kaufen wünschten. Da half es auch nicht, dass Oudry darauf hinwies, König Ludwig XV. habe „immer nur schöne nackte Figuren der Antike zu Studienzwecken … gießen lassen.“ [24a] Herzog Friedrich hätte sich wohl im Grabe umgedreht, wenn er mitbekommen hätte, dass bald nach seinem Tod die -natürlich- nackte Venus in seiner Papiermaché-Manufaktur hergestellt und ein Verkaufsschlager werden würde….

Die Portraitbüsten von Jean-Antoine Houdon

Jean-Antoine Houdon war einer der bedeutendsten Bildhauer des 18. Jahrhunderts, für manche Kenner wie Kornelia von Bersworth-Wallrabe, die langjährige Direktorin der Schweriner Museen, sogar der bedeutendste. Houdon wird gerne als Bildhauer der Aufklärung bezeichnet,  weil er eindrucksvolle Standbilder und Büsten der großen Gestalten dieser Zeit wie Voltaire, Diderot und Rousseau schuf. Unser Bild des verschmitzt lächelnden Voltaire, wie wir es etwa aus dem Pantheon oder der Bibliothèque Nationale kennen, wurde von Houdon geprägt. Die Portraitbüsten Houdons waren auch international gefragt –in Russland, wo er eine Büste Katharinas der Großen anfertigte, selbst in den USA, in die er eingeladen wurde, um George Washington zu portraitieren. Auch an deutschen Residenzen war Houdon gefragt; vor allem in Gotha/Thüringen. Dort war Houdon sogar zweimal zu Gast, 1771 und 1773, um über Aufträge zu verhandeln und Mitglieder des herzoglichen Hauses zu porträtieren. Bei dieser Gelegenheit traf natürlich auch die Tochter des Gothaer Herzogs, Louise von Sachen-Gotha- Roda, den Bildhauer.[25] Kein Wunder also, dass sie 1882, inzwischen verheiratet mit dem Mecklenburger Erbprinzen Friedrich Franz, auf dessen Grand Tour nach Holland, England und Frankreich dem Atelier Houdons in Paris einen Besuch abstatteten. Ein Begleiter des Erbprinzenpaar schrieb dazu:

Wir „gingen gemeinsam zu M. de Houdon, dem berühmten Bildhauer , der noch dazu gerade  eine hervorragende Statue für die Wandelhalle der neuen Comédie Française vollendet hatte“ (also ganz offensichtlich die berühmte Statue des auf einem Imperatorensessel  thronenden Voltaire). „Die  Hoheiten sahen dort mehrere Büsten ihnen bekannter Personen und waren derart überrascht über deren Ähnlichkeit, dass sie sich sofort entschlossen, die ihren (Büsten) ebenfalls anfertigen zu lassen.“[26]

Hier links die Büsten der Erbprinzession Louise und rechts des Erbprinzen Friedrich Franz. Bei Gelegenheit dieses Besuches bestellte das Paar auch gleich noch weitere Büsten, so dass das Staatliche Museum Schwerin heute über einen Sammlungsbestand von 15 Portraitbüsten verfügt, „Stücke von höchster Qualität und Seltenheit“, die zwischen 1770 und 1792 angefertigt wurden und  „einen repräsentativen Einblick in sein Werk“ geben.[27]  Mehrere davon sind in Ludwigslust ausgestellt.

Da gibt es -natürlich- eine Büste des alten Voltaire. Kurz vor dessen Tod am 30. Mai 1878 in einer Modellsitzung geformt und nach Voltaires Tod anhand der von Houdon abgenommenen Totenmaske überarbeitet. Voltaire ist hier mit seinem typischen ironisch-verschmitzten Lächeln mit Perücke dargestellt.

Houdon stellte auch Büsten „klassischer“ Franzosen dar. So die von Molière als jungem Mann – auf dem ersten Bild dieses Abschnitts links hinter dem Erbprinzen- und die des Fabeldichters Jean de la Fontaine.

Aus dem Bildnis de la Fontaines spricht „die Weisheit und Gebrechlichkeit des Alters. … Die bei Houdon übliche Ausbohrung der Iris intensiviert den lebendigen Ausdruck des Dargestellten.“[28] De la Fontaines passt auch insofern gut in die Schweriner Sammlung, weil seine Fabeln von Jean Baptiste Oudry illustriert wurden. Insofern gibt es eine Beziehung zwischen den beiden Schweriner „Schwergewichten“, Oudry und Houdon.

Chr.W.Gluck (Ausschnitt). Foto: Wolf Jöckel

Die (nicht nur für mich) beeindruckendste der Ludwigsluster Büsten Houdons ist die des Komponisten Christoph Willibald Gluck aus dem Jahr 1775. (Im obigen Bild der vier Büsten neben Moliere und zwischen dem Erbprinzenpaar). Es ist auch die, die den Ruhm des jungen Bildhauers begründete. Gluck lebte und wirkte damals in Paris. Er revolutionierte die zeitgenössische Opernpraxis, indem er für eine an den Ideen der Aufklärung orientierte Reform eintrat. 1774 fanden in Paris triumphale (Ur-) aufführungen seiner Opern „Iphigenie in Aulis“ und „Orpheus und Euridike“  statt. „Jean-Antoine Houdon zeigt den enthusiastisch Gefeierten ohne Perücke, mit ungeordnetem Haar und leicht geöffneten Mund in einem kühnen strahlenden Antlitz. Houdon wagt es, die Pockennarben nicht zu vertuschen, sondern sie mittels skizzenhafter Behandlung von Gewandung und Haar unlösbar in den Gesamteindruck einzubinden.“ Die wahrhafte Wiedergabe des Menschen markieren den Triumph der Persönlichkeit über die Konvention:[29]  Ein impressionistisch-gegenständliches Bildnis, das man mit Rodin in Verbindung gebracht hat und das Houdon den Rang eines Vorläufers der modernen Plastik verliehen hat.[30]

Die Schweriner Herzöge hatten allerdings nicht genug Geld, um -wie Katharina  die Große- ihre Houdon-Plastiken aus Marmor anfertigen zu lassen, oder gar in Bronze gießen zu lassen. Es handelt sich um Versionen in Gips bzw. Terracotta, was allerdings ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Auch für die berühmteste Statue Houdons, die sog. Frierende, La Frileuse, reichte das Geld offenbar nicht. Diese Statue ist eigentlich die Allegorie des Winters in einer Reihe der vier Jahreszeiten. Ursprünglich stand neben dem frierenden jungen Mädchen eine vom Frost gesprengte Vase, was aber auch zu anderen Deutungen Anlass gab: Die zerbrochene Vase -wie der zerbrochene Krug bei Kleist- als Symbol der verlorenen Jungfräulichkeit. In späteren Versionen verzichtete Houdon auf die Vase, so dass die Statue ganz unschuldig ihren erotischen Reiz entfalten kann: ein junges Mädchen mit einem um Kopf und Oberkörper geschlungenenTuch nur halbwegs verhüllt: „Schönheit pur“.[31]

Da hatte man in Schwerin eine geniale Idee: Nur drei  Jahre nachdem Houdon von der Statue einen Bronzeabguss gefertigt hatte (1787), wurde die Figur in das Sortiment der Ludwigsluster Cartonfabrik aufgenommen, was auch in dem in adligen Kreisen weit verbreiteten Intelligenzblatt des Luxus und der Moden annonciert wurde: „Eine weibl. Nackte Fig. So aus dem Bade kömt“. Dank der verwandtschaftlichen Beziehung der Mecklenburger Herzöge gelangten auch Papiermaché-Versionen der Frierenden nach Weimar und Gotha, aber auch in Frankreich, Holland und den USA gibt es  entsprechende Exemplare…[32]

Auch in Mecklenburg: Der napoleonische Kunstraub

In der Ludwigsluster Gemäldegalerie hängt auch ein Bild des niederländischen Malers Abraham Hondius aus dem Jahr 1670: Hunde jagen einen Schwan aus seinem Nest. Niederländische Malerei war in der Gemäldesammlung der Schweriner Herzöge reichlich vertreten. Friedrichs Vater und Friedrich selbst hatten nämlich auf ihrer Grand Tour, die auch eine Einkaufstour für Kunst war, in Holland große Bestände niederländischer Gemälde erworben. [33] Auf die hatte es Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, besonders abgesehen, als er im März 1807, kurz nach der preußischen Niederlage bei Schwerin und der Besetzung der Stadt durch französischen Truppen, die Bestände der herzoglichen Kunstsammlung besichtigte. Und er wurde fündig: Insgesamt 209 Gemälde, über 106 kunsthandwerkliche Objekte, dazu chinesische Vasen und Manuskripte wählte er aus, die nach Frankreich überführt wurden; für das im Louvre eingerichtete musée Napoléon und andere Museen; aber auch die anspruchsvolle Kaiserin Joséphine, „S.M. l’Imperatrice“ wurde bedacht.  Zum Beispiel wählte Denon kostbare Elfenbeinschnitzereien für sie aus. Am Jahrestag der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wurde im Musée Napoléon (dem späteren Louvre-Museum) eine große Ausstellung der Raubkunst eröffnet, damit „die Franzosen, indem sie das ruhmreich vom Feinde Erbeutete bewundern, gleichzeitig ihren ehrenden Respekt und ihre Dankbarkeiit an den Helden richten können, dem der Sieg die Werke zu Füße legte.“[34] Von den 209 erbeuteten Schweriner Gemälden wurden etwa 70 bei dieser Ausstellung präsentiert. Nach der Niederlage Napoleons mussten die konfiszierten Werke weitgehend wieder zurückgegeben werden, auch das entzückende Gemälde Hondius‘.

Ein Objekt der Raubkunst war übrigens auch Oudrys oben abgebildetes Portrait des Erbprinzen Friedrich. Es „gelangte 1806 unter Napoleon nach Frankreich“, wie es im Schweriner Katalog der Werke Oudrys und Houdons in einer Fußnote rücksichtsvoll umschrieben wird. Als einziges Schweriner Beutekunst- Gemälde kehrte es 1815 nicht wieder nach Schwerin zurück und befindet sich noch heute im Louvre. Im aktuellen Katalog des Pariser Museums wird angegeben, das Bild sei „1755 auf der Nachlassauktion Oudrys in Paris“ erworben worden…[35] 

Literatur

Jean-Baptiste Oudry/Jean-Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung. Sammlung Staatliches Museum Schwerin.  Katalog der gleichnamigen Ausstellung vom 26. Mai bis zum 20. August 2000

Kornelia von Berwordt-Wallrabe (Hrsg), Oudrys gemalt Menagerie. Portraits von exotischen Tieren im Europa des 18. Jahrhunderts. Staatliches Museum Schwerin/Deutscher Kunstverlag 2008

Eva Firzlaff, Barockes Kunstwerk Schloss Ludwigslust. Paradebeispiel für Papiermaché.  https://www.deutschlandfunk.de/barockes-kunstwerk-schloss-ludwigslust-paradebeispiel-fuer-100.html

Thorsten Knuth, Kunstraub/Raubkunst. Fälle der Provenienzforschung in den Schweriner Museen. 2014Staatliches Museum Schwerin/Ludwigslust/Güstrow

Jörg-Peter Krohn, Schloss Ludwigslust. Großer DKV-Kunstführer. Berlin/München 2016

Norbert Leithold „Ludwigsluster Papiermaché“ Tauchaer Verlag, Leipzig 2024

Hilke Maunder, So viel Frankreich steckt in Schwerin. https://meinfrankreich.com/schwerin/ Dies ist eines der interessanten und kurzweiligen 26 Städteportraits aus: So viel Frankreich steckt in Deutschland. Magenta-Verlag Kempen 2020. [36]

Christiane Rossner, Kaum zu glauben: alles Pappe! Schloss Ludwigslust hat sich ein prachtvolles Denkmal aus Papiermaché gesetzt. In: Monumente April/2012  https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2012/2/kaum-zu-glauben-alles-pappe.php


Anmerkungen

[1]Siehe zum Beispiel:  https://de.storiamundi.com/98/schloss-ludwigslust-das-versailles-des-nordens

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigslust

https://www.magazin-forum.de/de/das-mecklenburgische-versailles

„Das kleine Versailles des Nordens“: https://museen.de/museum-schloss-ludwigslust.html

[2] Zit. Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 7

[3] Nachfolgendes Bild aus: https://www.magazin-forum.de/de/das-mecklenburgische-versailles

[4]  Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 30

[5] https://gutshaeuser.de/de/schloesser/schloss_ludwigslust

[6] Bild aus: Staatliches Museum Schwerin, Schloss Ludwigslust. 1997, S. 43

[7] Die Grafik gehört zu einer Sammlung von acht Abbildungen aus dem Park von Ludwigslust. Ursprüngliche Beschriftung: Der Keyser Saal, in den Holtz von Ludwigslust. La Salle des Empereurs, dans le Bois de Ludwigslust. https://nat.museum-digital.de/object/833703?navlang=de

Bild aus: https://www.svz.de/lokales/ludwigslust/artikel/zwischen-steinerner-bruecke-und-moench-40327339

[7a] Ich danke Herrn Ulrich Schläger für diesen Hinweis und für die Zusendung der Herrenhausen-Abbildung. Er bezieht sich dabei auf die Arbeit von Ellen Suchezky »Die Abguss-Sammlungen von Düsseldorf und Göttingen im 18. Jahrhundert  – Zur Rezeption antiker Kunst zwischen Absolutismus und Aufklärung«; de Gryter, Berlin/Bosten, 2019; hier S. 219 ff, insbes. S. 222 & 223.

[8] https://www.histoires-de-paris.fr/statues-fleuves-versailles/

[8a] Aus der neben dem Friedhofseingang angebrachten Informationstafel. Dort auch die Radierung von Findorff, die den 1765 errichteten ersten hölzernen Bau zeigt.

[9] https://www.ndr.de/ratgeber/reise/mecklenburg/Schloss-Ludwigslust-Eine-Reise-ins-Barock,ludwigslust163.html

[10] Siehe https://www.getty.edu/art/collection/person/103JYQ

[11] Staatliches Museum Schwerin, Schloss Ludwigslust. 1997, S. 38

[12] Oudrys gemalte Menagerie, S. 71

[13] Zit. Aus: Jean-Baptiste Oudry/Jean Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung, S. 32

[14] Aus: Jean-Baptiste Oudry/Jean Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung, S. 32

[15] Siehe: Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 50

[16] Oudys gemalte Menagerie, S. 73

[17] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 123

[18] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 140

[19] https://www.meisterdrucke.fr/fine-art-prints/Jean-Baptiste-Oudry/544486/Casoar.html

[20] Siehe: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/

[21] Zit. Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S.144

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuare

[23] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 144

[24] Oudrys gemalte Menagerie, Tafel 12

[24a] Zitiert Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung

[25] Thüringer Landesmuseum Heidecksburg,  Jean Antoine Houdon: Louise von Mecklenburg-Schwerin, geb. Herzogin von Sachsen-Gotha. 1782   https://nat.museum-digital.de/object/15310?navlang=de

[26] Zit. Vermächtnis der Aufklärung, S. 191 Nachfolgendes Bild: https://www.pinterest.de/pin/93660867237446432/

[27] (Krohn, Schloss LudwWir igslust, S. 51)

[28] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 188

[29] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 174

[30] Günter Baumann, Der Aufklärer Jean-Antoine Houdon als Vorläufer der modernen Plastik – Eine kleine Bücherschau https://www.portalkunstgeschichte.de/meldung/der_aufklaerer_jean_antoine_houd-3445.html

Rodin war ein großer Bewunderer der Portraitkunst Houdons. Siehe: https://www.musee-rodin.fr/ressources/processus-de-creation/portraits-sculptes

[31] Bild aus: https://www.portalkunstgeschichte.de/meldung/der_aufklaerer_jean_antoine_houd-3445.html

Zitat aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Houdon_Frileuse_Ludwigslust.jpg

[32] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 200

[33] Everhard Korthals Altes, The Art Tour of Friedrich of Mecklenburg-Schwerin. Netherlands Quarterly for the History of Art. 31,3 (2004/2005, S. 216ff

[34] Zit. Kunstraub/Raubkunst, S. 50

[35] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, Fußnote 5, S. 33

[36] Dazu eine kleine aktuelle Ergänzung: Maunder schreibt in ihrem Beitrag über Schwerin: „Zu den wenigen Franzosen, die in Schwerin leben, gehört Pierre Congard. Der Bretone, der 1993 Brest gegen Schwerin tauschte, begeistert seitdem die Mecklenburger für den asiatischen Kampfsport Aikido.“ Inzwischen hat das Schweriner Staatsstheater sogar eine französische Operndirektorin, Judith Lebiez! Vive l’amitié franco-allemande!

Die verlängerte Metro-Linie 14 von Saint-Denis zum Flughafen Orly: technische, architektonische, künstlerische Superlative und städtebauliche und soziale Veränderungen

Die Verlängerung einer schon bestehenden Pariser Metro-Linie als Gegenstand eines Blog-Beitrags? Das mag auf den ersten Blick erstaunlich, wenn nicht gar befremdlich erscheinen. Bei näherem Hinsehen wird die Bedeutung dieses Ereignisses aber deutlich.

Immerhin handelt es sich um einen ersten fertig gestellten Teil des Grand Paris Express (GPE), eines gigantischen Projekts der Verkehrs-Infrastruktur:  eine groß angelegte Erweiterung des Metro-Netzes von Paris und seinem Umland: Die Länge der Metro-Linien wird verdoppelt und Paris erhält damit -nach Moskau- das zweitgrößte U-Bahn-Netz Europas.  Und dieser GPE ist ein wesentlicher Bestandteil des städtebaulichen Entwicklungsprojekts Grand Paris, das dazu beitragen soll, die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Paris als einer Weltmetropole zu behaupten und zu stärken; für seine Betreiber ein Projekt, „pour la grandeur de la France“, wie Le Monde schreibt.[1] Auf die nationale Dimension deutet schon hin, dass Präsident Macron, der derzeit beschäftigt genug ist, am 24. Juni 2024 höchstpersönlich die Verlängerung der Metro-Linie 14 eingeweiht hat.

Hier ein Netzplan des zukünftigen GPE. Seine Funktion ist es, das Pariser Umland, die banlieu, besser an das Zentrum der Stadt anzuschließen (Verlängerung der Metro-Linie 14), schnelle Verbindungen zu den Flughäfen Orly im Süden und Charles de Gaulle im Norden zu schaffen (Metro 14 und neue Metro 17) und die Paris umgebenden Departements, die sogenannte petite und grande couronne, miteinander zu verbinden (neue Metro-Linien 15,16 und 18).

Im April 2009 hatte der damalige Staatspräsident Sarkozy dieses gigantische Projekt lanciert. Und eigentlich war geplant, diese „Jahrhundertbaustelle“ [2] bis zu den Olympischen Spielen fertigzustellen. Das ist aber nicht gelungen. „Statt spätestens in diesem Sommer können die Metrolinien 15, 16 und 17 nun erst in den kommenden Jahren in Betrieb genommen werden. Wie so oft bei staatlichen Bauprojekten kam es zu größeren Verzögerungen, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie.“[3]

Immerhin ist jetzt die Verlängerung der schon existierenden Metro-Linie 14 in Betrieb genommen worden, eine Metro der Superlative:

  • Es ist eine automatisierte Metro ohne Fahrer, und dies schon seit der Eröffnung des ersten Teilstücks 1998, damals eine revolutionäre Neuerung.[4]   
  • Mit 28 km Länge ist die 14 jetzt die längste Metro-Linie des Pariser U-Bahnnetzes.
  • Die Züge der 14 erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von 80 km, auch die Durchschnittsgeschwindigkeit ist deutlich höher als die der anderen Metros.
  • In Spitzenzeiten kann alle 85 Sekunden ein Zug eingesetzt werden. (Davon kann man -beispielsweise- selbst im noblen Umland von Frankfurt nur träumen.)
  • Alle Bahnhöfe der M 14 sind -im Gegensatz zu den meisten alten Pariser Metro-Stationen- für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich.
  • Da es sich um eine direkte Verbindung zwischen dem nördlichen Umland (département Seine-Saint-Denis) und den südlich von Paris gelegenen Departements handelt, die damit an Pariser Verkehrsknotenpunkte wie Gare de Lyon, Châtelet und Saint-Lazare angeschlossen werden, wird die Linie 14 auch als „Rückgrat“ des GPE bezeichnet.[5]
  • Zum ersten Mal erhält mit Orly einer der Pariser Flugplätze eine schnelle, direkte Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs an die Pariser Innenstadt.

Plakat in einer Metro-Station. Juli 2024 Foto: Wolf Jöckel

Nachfolgend

  • sollen einige der architektonisch und künstlerisch bemerkenswerten neuen Metro-Stationen bzw. -Bahnhöfe vorgestellt werden.
  • Es soll deutlich werden, dass die neuen Bahnhöfe auch als Zentren der Stadtentwicklung dienen und das Gesicht des Pariser Umlandes nachhaltig verändern sollen
  • Abschließend soll aber auch ein Blick auf die „naufragés du Grand Paris Express“ geworfen werden, also diejenigen, die nicht von den Segnungen des GPE profitieren, sondern zu den Leidtragenden gehören. 

Die neuen Bahnhöfe der Metro-Linie 14

Durch die Verlängerung der Linie 14 entstehen insgesamt acht neue Bahnhöfe.[6] Die Bezeichnung Bahnhof (gare) steht im Gegensatz zu den bisherigen Metro- Stationen, deren unterirdisch gelegene Eingangsbereiche durch manchmal sehr schmale Zugänge (bouches) erreicht werden. Die Eingangsbereiche der neuen Stationen liegen -wie bei Bahnhöfen üblich- ebenerdig. Sie sind auch nicht, wie die Metro-Stationen, serienmäßig gebaut, sondern sie sind individuell geplant und gestaltet, und zwar nicht nur von jeweils dafür ausgewählten Architekten, sondern auch von Künstlern. Dies wird auch für die anderen Bahnhöfe des GPE gelten. Damit knüpft man in gewisser Weise an die Tradition der ersten Metro-Linien an, die von Hector Guimard im vegetalen Stil des art nouveau (Jugendstil) gestaltet wurden. Die Zusammenarbeit von Künstlern und Architekten ist ein anspruchsvolles und sicherlich auch kostspieliges Verfahren, das sich aber aus den hohen an den GPE gestellten Ansprüchen ergibt: Da geht es nicht nur um Zweckmäßigkeit, sondern um Prestige, Glanz und eben „grandeur“. Der GPE soll einmal nach den Worten eines Verantwortlichen wie ein Museum zeitgenössischer Kunst sein. „Im Laufe einer Woche wird sein Besucheraufkommen so hoch sein wie die des Louvre in einem Jahr“. Und gegen kritische Einwände, die es offensichtlich auch gab: „Wenn man Skulpturen in der Station Louvre-Rivoli präsentiert oder wenn der Künstler Jean-Michel Othoniel seinen Kiosk an der Station Palais-Royal errichtet, stellt das niemand in Frage.“ Auch die banlieue habe das Recht auf Kunst. [7]  Nach den Worten von Eva Jospin, die an der Gestaltung eines Bahnhofs der Linie 14 beteiligt war, handelt es sich hier um das „größte öffentliche Kunstprojekt in Europa„.[8]

 Die Fahrten mit der Metro 14 und den weiteren des GPE sollen zum Erlebnis werden, es soll sichtbar und erfahrbar werden, dass man in einer Weltmetropole unterwegs ist.

Gebohrt wurden die Tunnel der neuen Strecke übrigens von Tunnelvortriebsmaschinen der Firma Heerenknecht aus dem Schwarzwald.

Eine Tunnelvortriebsmaschine auf dem Gebiet des zukünftigen Bahnhofs Villejuif — Institut Gustave-Roussy [9]

Saint Denis – Pleyel

Modell des Bahnhofs. Credit: Société du Grand Paris / Kengo Kuma Associates

Der Bahnhof Saint Denis-Pleyel ist die neue nördliche Endstation der Metro 14. Er wird einer der größten Verkehrsknotenpunkte des Pariser öffentlichen Nahverkehrs werden, wenn die Metro-Linien 15, 16 und 17 fertiggestellt sein werden.

Der neue Bahnhof, der Ihnen Grand Paris öffnet. Plakat am Bahnhofsvorplatz. Foto: Wolf Jöckel

Dann werden 250 000 Fahrgäste pro Tag an dem „künftigen Châtelet  im Norden von Paris“[10] erwartet. Der Bahnhof ist damit der größte aller neuen Bahnhöfe des GPE-Systems, aber auch der teuerste (ca 200 Millionen Euro Baukosten).

Foto: Wolf Jöckel

Als Architekt des Bahnhofs wurde der Japaner Kengo Kuma ausgewählt, der gerade anlässlich seines 70. Geburtstages vielfach gewürdigt wurde.[11] In Deutschland ist er bekannt durch das Toilettenhäuschen aus Wim Wenders Film „Perfect Days“ und durch das japanische Nationalstadion, das er für die Olympischen Spiele in Tokio entworfen hat. Das passt auch insofern, als der Bahnhof Saint Denis- Pleyel eine zentrale Bedeutung für die im Departement Seine- Saint- Denis gelegenen Wettkampfstätten und Einrichtungen für die Olympischen Spiele von Paris hat. Kuma, der vorzugsweise als Materialien Holz und Glas einsetzt, hat ästhetisch spektakuläre Bauten geplant, und so kann auch auf der Website des GPE stolz verkündet werden, bei dem Bahnhof von Saint Denis – Pleyel handele es sich um „einen der schönsten Bahnhöfe der Welt.“ Nach Auffassung der Pariser FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel handelt es sich immerhin um den „wohl schönsten Bahnhof der Hauptstadtregion.“ [12]

Foto: Wolf Jöckel

Hier ihre Einschätzung: „Der Bahnhof hat … viel edles Holz vorzuweisen. … Der japanische Architekt Kengo Kuma hat das Tageslicht geschickt in den tiefsten Metroschacht geholt, der im untersten der neun Stockwerke liegt. Licht und Holz, so lautet die Zauberformel dieses Bahnhofs, der noch ein Restaurant und eine Dachterrasse erhalten soll. Der kürzlich verstorbene französische Stararchitekt Roland Castro forderte, dass man der Banlieue endlich großartige Bauwerke schenken sollte. Kuma hat das vollbracht.“

Die Konzeption und der Bau des Bahnhofs stellten auch höchste technische Ansprüche. Immerhin werden sich hier einmal die drei Metro-Linien 14, 15 und 16/17 kreuzen Die Verbindung zwischen den neun Ebenen des Bahnhofs wird durch 56 Rolltreppen hergestellt und durch 14 Aufzüge, um den Bahnhof auch für Personen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich zu machen – Einrichtungen, die es bei vielen der alten Pariser Metro-Stationen nicht gibt.[13]

Für das Kunstprojekt des Bahnhofs war zunächst der Sänger Stromae ausgewählt, der zusammen mit seinem Bruder und Kengo Kuma einen aufgehangenen  Baum über den Rolltreppen installieren wollte, eines der spektakulärsten künstlerischen Projekte des GPE.[14]

Es wurde dann allerdings Ende 2022 aus technischen Gründen und wegen Sicherheitsrisiken fallen gelassen. Stattdessen hat Prune Nourry „eine ‚Armee‘ von 108 Venus-Figuren entworfen, die von den ersten Frauendarstellungen im Paläolithikum inspiriert sind“.  Es gibt 8 verschiedene Formen und ein Farbspektrum von 13  verschiedenen aus den lokalen Erdschichten gewonnenen Farben von schwarz, über braun bis rot . Jede Figur ist damit einzigartig.  Sie sollen damit „die Diversität und den Reichtum der Region symbolisieren.“[15]

Foto: Wolf Jöckel

Die Venus-Figuren werden in der zentralen Eingangshalle des Bahnhofs an den Wänden befestigt werden. Da gibt es sicherlich keinerlei Gefahr, dass sie den Reisenden auf den Kopf fallen. Ob sie ihnen gefallen, ist aber eine andere Frage…

Bis es soweit ist, vermitteln schon Bilder auf dem Bahnsteig  der M 14 einen Eindruck der Geschichte und Gegenwart von Saint-Denis:

Ein Kutsche mit königlichem Sarg auf dem Weg in die Basilika, der Grabstätte der Bourbonen. Links Kinder beim Schulausflug.

Arbeiter des „roten“ 93 beim Streik. Die Firma Mazeran et Sabrou war ursprünglich eine Produktionsstätte für Kessel und Dampfmaschinen, später eine Druckerei, in der u.a. die Zeitung Le Monde gedruckt wurde.

Das „neue“ Saint-Denis…

Am Rand des gepflasterten Bahnhofsvorplatzes fällt ein etwas außergewöhnlicher Baum auf, der dort frisch aufgestellt wurde.

Foto: Wolf Jöckel

Es handelt sich um eine Paulownia Tomentosa, einen Blauglockenbaum, der vor jeden neuen Bahnhof des GPE gepflanzt werden soll: Es ist ein schnell wachsender, schattenspendender Baum, der als einziger Baum unserer Breiten blaue Blüten hat. Sein ursprünglicher botanischer Name war Paulownia Imperialis, Kaiserbaum – benannt nach dem russischen Zaren Paul I. – ein nobles Gewächs also, das die Bedeutung der Natur bei der Stadtplanung symbolisieren soll.[16]

Die Bahnhöfe der südlichen Verlängerung der M 14

Im Süden des an der Station Olympiades endenden bisherigen Teilstücks der M 14 wurden (bzw. werden noch) an der Verlängerung nach Orly sieben neue Bahnhöfe gebaut.

Maison Blanche

Dies ist der erste Bahnhof der südlichen Verlängerung der M 14. Er liegt an der Avenue d’Italie und damit als einziger des neuen GPE-Netzes auf Pariser Gebiet. Das bisherige Teilstück der M 14 gehört weiter zum Netz des klassischen Betreibers der Pariser Metro RATP. Entworfen wurde der Bahnhof von dem Architekten-Büro Groupe-6.  

Einer der drei Eingänge der neuen Station.[17]  Wie bei allen neuen Bahnhöfen wurde auch hier Wert darauf gelegt, die Zugänge und die Eingangshallen möglichst offen und hell zu gestalten. Damit grenzt man sich deutlich ab von den früheren eher engen Metro-Zugängen, die in einen nur künstlich beleuchteten und meist auch engen Eingangsbereich mit Schalter, Fahrscheinautomaten und Durchgängen zu den Bahnsteigen führen. Hier gibt es Großzügigkeit, Helle und Transparenz.

Hôpital-Bicêtre

Dieser Bahnhof zeichnet sich durch zwei besondere „Hingucker“ aus:

Außen ist es die Fassadengestaltung der Künstlerin Eva Jospin, die für ihre aus Karton gefertigten Waldlandschaften und Naturbilder bekannt ist. [18] 

Es ist ein Werk von etwa 7 Metern Höhe und 106 qm2. Die zunächst aus Kartonschichten gefertigten Modelle wurden in Beton gegossen. Man kann dabei an die zahlreichen Steinbrüche im Untergrund von Paris und seinem Umland denken, aber auch an die tiefen Schächte und Tunnel, die für die „Jahrhundertbaustelle“ des GPE gegraben wurden.

Darauf ranken ebenfalls nach Kartonmodellen gefertigten Lianen oder Wurzeln aus Bronze.

Hingucker innen ist die Decke des Eingangsbereichs: Es handelt sich um eine Konstruktion aus Holz, die in dem Raum ein Spiel von Licht und Schatten erzeugt; vielleicht, wie in der Presse zu lesen war, eine Anleihe bei den Maschrabiyas, den ornamentalen Gittern der islamischen Architektur…[19]

©Gilbert Lasne / RATP[20]

Villejuif Institut Gustave Roussy

Dieser Bahnhof wurde von einem der bekanntesten Architekten Frankreichs entworfen: Dominique Perrault. Er entwarf nicht nur die Bibliothèque François Mitterrand mit ihren charakteristischen vier Ecktürmen in der Form aufgeschlagener Bücher, sondern auch den Masterplan für das olympische Dorf von Paris.[21]

© Dominique Perrault Architecture

Allerdings ist der Bahnhof noch nicht betriebsbereit. Er wird erst Ende 2024 fertig sein.[22]

L’Haÿ-les-Roses und der Bahnhof von Chevilly

Die beiden Bahnhöfe wurden gemeinsam von dem Architekten Franklin Azzi und dem Studio Nonatrak gebaut und gestaltet.

Die horizontalen Lichterbänder (Ocean) von Nonatak im Bahnhof von L’Haÿ-les-Roses.[23]

Auch im Bahnhof von Chevilly sind es horizontale Lichterbänder vom Studio Nonatak, die die Fahrgäste auf ihrem Weg zu den Bahnsteigen begleiten.[24]

La gare Thiais-Orly

„Eine Decke aus Kreuzrippengewölben begleitet Reisende auf ihrem Weg durch den Bahnhof Thiais – Orly.“ Betont die Architektur den Raum, so hat der Künstler Lyes Hammadouche in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Valode & Pistre vier Satellitenskulpturen in der Haupthalle geschaffen. Sie beschreiben eine Umdrehung pro Minute und unterstreichen damit „auf subtile Weise den Lauf der Zeit auf dem Bahnhofsgelände“.[25]

Aéroport d’Orly

Am südlichen Endpunkt der verlängerten M 14, am Bahnhof Flughafen Orly hat der portugiesische Künstler Alexandre Farto, genannt VHILs, ein monumentales Werk geschaffen. Der Künstlername deutet darauf hin, dass Farto seine Ursprünge in der Street-Art hat. So hat er auch zu der Open-Air-Galerie großer Formate im 13. Arrondissement von Paris beigetragen. Und in der aktuellen Street-Art- Ausstellung „We are here“ im Petit Palais ist ebenfalls ein Werk von ihm zu sehen. Diesmal hat er aber nicht, wie in vielen seiner Werke, ein Gesicht in den Verputz einer Wand eingeritzt, sondern er hat aus 11 132 typisch portugiesischen Kacheln (azulejos) ein 7 Meter hohes und 35 Meter breites Wandbild geschaffen: Strates urbaines.  Gesichter und Bauwerke von Paris sind hier dargestellt und miteinander verbunden: Schichten einer Stadt.[26]  Es ist ein sehr französisches und ein sehr portugiesisches Werk – naheliegend also, dass es der portugiesische Ministerpräsident anlässlich seines Staatsbesuchs in Frankreich zusammen mit Präsident Macron besichtigt hat.[27]

Detail des Wandbildes: ein Auge

Die Bahnhöfe als Zentren neuer Quartiere: städtebauliche und soziale Veränderungen

Die Bahnhöfe des GPE sind nicht nur geplant als architektonisch und künstlerisch ausgezeichnete Bauten des RATP, des Pariser ÖPNV, sondern sie sind auch konzipiert als Leuchtturmprojekte, die auf ihre Umgebung ausstrahlen sollen. Planung und Bau neuer Bahnhöfe gehen vielfach einher mit städtebaulichen Entwicklungsprojekten ihrer Umgebung, ja ganzer Stadtviertel der jeweiligen Orte. So soll beispielsweise in Kremlin-Bicêtre rund um den Bahnhof das neue hochwertige Ökoquartier Entrée de Ville Sud-Ouest entstehen.[28]

Neben dem neuen Bahnhof Georges Roussy entsteht gerade der Campus Grand Parc, ein in Bezug auf Energieverbrauch und nachhaltiges Bauen vorbildliches neues Stadtviertel. Dazu gehören Geschäfte, Restaurants, Büros, Coworking-Bereiche, die erforderliche Infrastruktur und 3300 Wohnungen,  davon 36% Sozialwohnungen.[29]

Und am Bahnhof von Thiais-Orly wird ein „Tempel des e-sports“ entstehen[30], ein Bau der neuen Zeit also: Der e-Sport hat immerhin gerade olympische Weihen erhalten. Er soll entsprechend einer Entscheidung des IOC ab 2025 für 12 Jahre regelmäßig entsprechende Spiele im Zeichen der olympischen Ringe erhalten –  in Saudi-Arabien.[31] Pecunia non olet, Geld stinkt nicht, sagten schon die alten  Römer…

Die städtebaulichen Entwicklungsprojekte rund um die neuen Bahnhöfe des GPE dienen oft auch ganz explizit dazu, die Bevölkerungsstruktur in manchen Vorstädten zu verändern. Die Gemeinde L’Haÿ-les-Roses mit ihrem neuen M 14- Bahnhof ist dafür ein Beispiel, das Anne Clerval und Laura Wojcik in ihrem Buch über „die Schiffbrüchigen des Grand Paris Express“ anführen. Die Gemeinde wird seit 2015 von einem den rechten Republikanern angehörenden Bürgermeister regiert.  Der sieht den Anschluss an den GPE als Chance, die Sozialstruktur der Gemeinde zu verändern und so ihre Attraktion zu erhöhen. Dass in einem Problemviertel 200 Sozialwohnungen beseitigt wurden, dient für ihn diesem Zweck: „Das Projekt des Bahnhofs erforderte diese Zerstörung nicht, aber es hat es uns ermöglicht, ehrgeiziger zu sein und mit einer echten Umstrukturierung der Viertel attraktiver zu werden.“ Um problematische Stadtviertel lebenswerter zu machen, sei eine soziale Durchmischung („mixité sociale“) erforderlich.[32]

Die größten städtebaulichen Veränderungen im Bereich der neuen M 14- Bahnhöfe gibt es in Saint-Denis. Dort ist es allerdings nicht der neue große Bahnhof Saint-Denis-Pleyel, der den Anstoß zu Veränderungen gibt, sondern es waren die Olympischen Spiele. Denn wichtige Zentren wie das als Olympiastadion dienende  Stade de France, das neue olympische Schwimmstadion und das Olympische Dorf liegen in dem an Paris angrenzenden Departement Seine-Saint- Denis, dem Departement 93: Es ist das ärmste der kontinentalen/metropolitanen Departements Frankreichs, das immer wieder durch Gewaltausbrüche, Drogenhandel, Kriminalität, Ohnmacht staatlicher Autorität und infrastrukturelle Verwahrlosung von sich reden macht: Inbegriff des banlieue-Schreckbildes. Das Zentrum der Olympischen  Spiele gerade  dort zu positionieren, soll den „berüchtigsten Vorort Frankreichs“ nachhaltig verändern. Dies bezieht sich vor allem auf das olympische „Dorf“ -eher eine Aneinanderreihung von  mehrstöckigen Wohnblöcken am Ufer der Seine. [33]

Photo courtesy of Elise Robaglia/Potion Médiathique/Dominique Perrault Architecte/ADAGP

Nach den Spielen wird daraus ein neues Quartier mit 2800 Wohnungen, davon 20-25% Sozialwohnungen, werden. „Wir haben das Ganze vom Ende her gedacht und aus einer Industriebrache einen neuen Wohnbezirk mit Grünflächen am Ufer der Seine gemacht“, sagt Dominique Perrault, der den Masterplan des Viertels konzipiert hat. [34] Auch von den neu errichteten und renovierten Sportstätten soll das 93, im Bereich der sportlichen Infrastruktur auf dem  drittletzten Platz aller französischen Departements, profitieren. [35]

Was hier stattfindet, ist wohl ein Musterbeispiel für die sogenannte Gentrifzierung: Ein Stadtteil wird durch Umbau, Neubau und verbesserte Infrastruktur aufgewertet und er zieht damit einkommensstärkere  Bevölkerungsschichten an. Der sozialistische Präsident des Departements, Stéphane Troussel, und der für Stadtentwicklung zuständige sozialistische Stadtrat (adjoint au maire) von Saint-Denis streben eine stärkere „mixité sociale“ an. Troussel „hofft auf soziale Durchmischung durch die neuen Eigentümer.“ Das sei angesichts von 52% Sozialwohnungen in der Stadt auch sinnvoll und gerechtfertigt. [36]

Gerade auch in unmittelbarer Nähe des neuen Bahnhofs Saint-Denis-Pleyel sind die Veränderungen nur allzu deutlich: Der alte Tour Pleyel, früher ein Bürohochhaus, beherbergt sein Juni 2024 ein Luxushotel mit Bar und Schwimmbad auf dem Dach. Der Besitzer des kleinen Tabac-Ladens gegenüber plant entsprechend: „Ich freue mich schon auf etwas Neues, auf neue Kundschaft, eine hochwertige Dekoration, nicht mehr die altmodischen Tische. Und das Glas (Wein) wird dann 10 Euro kosten und nicht mehr 5.“ Die Stadtverwaltung spricht in perfekter Marketing-Manier von einem „hub de hospitalité“ und einem „entertainment district“ in Bahnhofs-Nähe. [36a]

Diese „städtbauliche Revolution“ im Gefolge der Olympischen Spiele und des neuen Bahnhofs wird oft mit Superlativen beschrieben und bewertet: Es gehe um eine nachhaltigere und lebenswertere Stadt, die den Bedürfnissen der Bewohner der Île de France entspreche.[37] Dass es dabei aber auch Verlierer geben wird, ist wohl kaum zu bestreiten. Anne Clervel und Laura Wojcik bezeichnen sie als die Schiffbrüchigen, die „naufragés du Grand Paris Express“.[38] Schon als 2020 Saint Ouen an die Metro 14 angeschlossen wurde, haben sich dort die Mietpreise drastisch erhöht: Eine entsprechend massive Gentrifikation sei die Folge gewesen, wie Marc Perelman, Architekt und emeritierter Professor an der Universität Paris-Nanterre, feststellt. In Saint Denis spiele sich ein ähnlicher Prozess ab. Die 75 % der nur über den „freien“ Markt zugänglichen Wohnungen des olympischen Dorfs seien für die einheimische Bevölkerung kaum noch zugänglich. Hier entstehe ein „ghetto des riches“.[39] Nachdenklich macht in diesem Zusammenhang jedenfalls das Verhältnis von Zahl der Wohnungen zur vorgesehenen Anzahl der darin wohnenden Menschen, nämlich 2800 zu 6000. Für kinderreiche, einkommensschwache Familien des Departements ist da offensichtlich kein Platz vorgesehen. 

 Ganz anders und voller Enthusiasmus äußert sich Dominique Perrault, der Meisterplaner des olympischen Dorfs:

Paris ist gerade dabei, mit fast zwölf Millionen Einwohnern zur größten Stadt Europas zu werden, zu einer europäischen Metropole. Ich glaube, der Snobismus ist nicht mehr zeitgemäß. Am nördlichen Rand von Paris, und nicht nur da, entstehen zurzeit ganze Viertel neu. Unternehmen verlegen ihren Sitz dorthin, Universitäten ziehen in die Vorstädte. In fünf bis zehn Jahren wird es dort ganz anders aussehen als heute. Schon heute sind die Realitäten dort sehr unterschiedliche, nicht alle Vororte sind arm.“

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und damit auch des GPE, hat für ihn in diesem Prozess eine wesentliche Bedeutung:

„In den kommenden zehn Jahren wird es allein 160 neue Bahnhöfe in den Vororten um Paris geben, darunter 70 neue Metro-Bahnhöfe, die die Bewohner dort schneller mit dem Zentrum verbinden, aber auch mit anderen Vororten rund um Paris. Man wird die Stadt nicht wie heute immer durchqueren müssen, um von A nach B zu kommen, sie wird weniger Bedeutung haben als zuvor. Ein funktionierendes Transportwesen ist ein zentraler Faktor für die Entwicklung urbaner Zentren.( …)

Diese Transformation wird sich nicht in wenigen Monaten vollziehen, sie wird Jahre brauchen. Aber sie wird Realität werden. Dass in den Vororten viele Menschen so jung sind, ist auch eine enorme Chance. Im Département Seine Saint-Denis gibt es die meisten Unternehmensgründungen in der gesamten Île-de-France. Viele ehrgeizige Bürgermeister in den Vororten wollen eine andere Zukunft für ihre Bewohner. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Vokabel »banlieue« in wenigen Jahren nicht mehr existieren wird.“[40]

Auch als städtebaulicher Laie ist es aber doch wohl legitim, da seine Zweifel anzumelden. Wird es -selbst in einigen Jahren- die Bannmeilen, die Anne Weber in ihren Streifzügen durch das Departement 93 so eindringlich beschreibt[41], wirklich nicht mehr geben? Nicht mehr die Cités mit ihren heruntergekommenen Wohntürmen, nicht mehr die Abfallberge, nicht mehr die Roma-Siedlung mit ihren Wellblech- und Plastikplanen-Baracken, nicht mehr die Zeltlager der Migranten, nicht mehr die „chouffeurs“, die Späher, die an den Straßenecken für die Drogenhändler Schmiere stehen… ??? Und werden die Obdachlosen nicht wieder zurückkommen, die man jetzt aus Paris entfernt hat, um keinen Schatten auf die glanzvollen Olympischen Spiele zu werfen? Und wenn Perrault auf den hohen Anteil junger Menschen im Departement hinweist: In der Tat ist das 93 das „jüngste Departement“ Frankreichs. Aber abgesehen davon, dass für Kinder und Jugendliche in „seinem“ olympischen Dorf kaum Platz vorgesehen ist:  Die Schulen des Departements sind in einem beklagenswerten Zustand, die im Allgemeinen dorthin zwangsversetzten Lehrkräfte versuchen meist so schnell wie möglich wieder wegzukommen, die Unterrichtsbedingungen sind so miserabel, dass es immer wieder zu Streiks von Lehrkräften kommt.[42] Aber immerhin können sie und ihre Schüler/innen  jetzt in 40 Minuten mit der Metro 14 den Flughaften Orly erreichen…

Zu Beginn ihres Buches über die Naufragés du Grand Paris Express zitieren die Autorinnen den Mieter einer Sozialwohnung in L’Haÿ-les-Roses aus dem Jahr 2018: Er wohnte damals in der Nähe des geplanten Bahnhofs und wartete auf seine Umsiedlung:

„Sie fragen mich, was ich von Grand Paris denke? Das ist gut! Für die anderen! Das ist, wie wenn Sie mich nach dem guten Wetter in Nizza fragten. Ich antworte Ihnen: Ich bin zufrieden… für die Einwohner von Nizza. Grand Paris ist gut für die anderen, für uns ist es eine Form des Ausschlusses, uns wegzujagen…“[43] Was hier angesprochen wird, ist das, was Soziologen die soziale Zentrifuge nennen („centrifugeuse sociale“).[44] Die Verbesserung der Infrastruktur, des Transports und der Einrichtungen führt zu einer Erhöhung von Wohnungspreisen und Mieten: Alteingesessene Gruppen der Bevölkerung werden da nicht mehr mithalten können und an die weitere Peripherie gedrängt werden. Die soziale Zentrifuge gibt es in Paris seit der Zeit des Barons Haussmann, und derzeit hat sie mit dem Bau des GPE, mit der Metro 14 und den schicken „ecoquartiers“ rund um die neuen Bahnhöfe offensichtlich ihre Geschwindigkeit erhöht… Da mögen entsprechend der Vision Perraults manche alte banlieues verschwinden, aber es werden, so vermute ich, andere bleiben und weiter draußen neue entstehen… Vielleicht wird dann einmal die Metro 14 noch weiter nach Norden verlängert werden (müssen) …


[1] Sur le site de la préfecture de région Ile-de-France, le Grand Paris est présenté comme une « opportunité majeure pour le développement régional et la croissance nationale, facteur d’expansion de ses entreprises et gage de prospérité pour ses habitants » qui doit « renforcer l’attractivité et la compétitivité d’une métropole de stature mondiale ». Oliver Razemon in Le Monde 1.10.2020 https://www.lemonde.fr/blog/transports/2020/10/01/le-grand-paris-pour-la-grandeur-de-la-france/

Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Das „Titelbild“ ist ein Ausschnitt aus dem Plakat für eine Ausstellung über die Geschichte der Pariser Metro und die Zukunft des Grand Paris Express, die von November 2023 bis Juni 2024 in der Pariser Cité de l’Architecture et du Patrimoine stattfand.

[2] „chantier du siècle“  https://www.socialmag.news/25/07/2022/limpact-social-majeur-des-chantiers-du-grand-paris-express/

[3] Niklas Záboji, Olympische Hoffnungen. Die Olympischen Spiele sollen die klimafreundliche und soziale Transformation von Paris beschleunigen. Der Erfolg ist ungewiss: Viele wurde nicht rechtzeitig fertig, anderes ist ein Tropfen auf den heißen Stein. In: FAZ 27. Juli 2027 – mit einem eindrucksvollen Foto des neuen Metro-Bahnhofs Thiais-Orly.

[4]  Die erste Metro ohne Fahrer war allerdings nicht die Pariser M 14, auch wenn das teilweise behauptet wird. So beispielsweise noch kürzlich im Le Parisien:  „le premier métro automatique mondial sans machiniste dans le wagon de tête“ ! https://www.leparisien.fr/info-paris-ile-de-france-oise/transports/la-ligne-14-du-metro-tout-juste-prolongee-mais-deja-jugee-revolutionnaire-lors-de-son-inauguration-en-1998-24-06-2024- 4 Die erste automatisierte Metro-Linie weltweit war die 1983 in Lille: https://www.francebleu.fr/infos/transports/lille-il-y-a-40-ans-la-mise-en-service-du-premier-metro-autonome-au-monde-5701520

[5] https://www.bfmtv.com/paris/prolongement-de-la-ligne-14-les-chiffres-de-la-colonne-vertebrale-du-metro-parisien_AV-202406240965.html

[6] https://www.grandparisexpress.fr/actualites/14-images-nouvelles-gares-ligne-14

[7] Xavier de Jarcy  Futures gares du métro : “Le Grand Paris Express sera comme un musée”. Télérama, 3.1.2024  Futures gares du métro : “Le Grand Paris Express sera comme un musée” (telerama.fr)

[8] Zitiert in: https://www.sortiraparis.com/de/nachricht/in-paris/articles/315299-verlangerung-der-linie-14-wir-waren-bei-der-enthullung-des-bahnhofs-hopital-bicetre-dabei-unsere-fotos

Entsprechend  auch Pierre-Emmanuel Bécherand, der für die Kunstinstallationen des GPE Verantwortliche: Es handele sich um „ le plus grand parcours d’oeuvres d’art public contemporain“. https://www.lesechos.fr/pme-regions/ile-de-france/jr-stromae-vihls-ces-artistes-qui-embelliront-les-gares-du-grand-paris-express-1161822

[9] https://prolongementligne14-orly.fr/le-creusement-du-tunnel  Siehe auch: https://meinfrankreich.com/grand-paris-express-die-supermetro-fuer-paris/

[10] Ligne 14 : on a visité la gare de Saint-Denis-Pleyel, le « futur Châtelet » au nord de Paris – Le Parisien

[11] Siehe FAZ vom 8. August 2024: Vom Holzbau ohne Ökokitsch. Der Tsunami hat ihn bekehrt: Der japanische Architekt Kengo Kuma wird 70 Jahre alt.

[12] „Une signature internationale pour l’une des plus belles gares au monde“ https://www.grandparisexpress.fr/actualites/attendant-24-juin-24-infos-sur-gare-saint-denis-pleyel

Michaela Wiegel, Plötzlich lächelt Paris. Frankreich erlebt sein Sommermärchen. Olympia verwandelt die Hauptstadt zum Besseren – wohl auch über die Dauer der Spiele hinaus. FAZ 10. August 2024

Website Kengo Kuma: https://kkaa.co.jp/en/

[13] Nachfolgendes Bild aus: https://www.leaceramiche.de/projekte/gare-saint-denis-grand-paris-express

[14] Dazu und nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/info-paris-ile-de-france-oise/transports/gare-de-saint-denis-pleyel-pourquoi-loeuvre-dart-de-stromae-na-pas-pu-voir-le-jour-24-06-2024-N6VFXFHLANF57K3TMBOV7AFR5E.php

[15] Aus einer Informationstafel der oben genannten Metro-Ausstellung. Dort ist auch das nachfolgende Bild entstanden. Siehe auch: https://www.artdugrandparis.fr/gare-de-saint-denis-pleyel-prune-nourry-kengo-kuma

[16] https://www.grandparisexpress.fr/actualites/attendant-24-juin-24-infos-sur-gare-saint-denis-pleyel

[17]  Bild aus: https://prolongementligne14-orly.fr/gares/gare-maison-blanche  © Groupe-6 

[18] Zu Eva Jospin siehe den Blog-Beiträg über ihre Ausstellung in der Orangerie von Versailles:

Siehe auch: https://www.arte.tv/de/videos/050046-011-A/eva-jospin/

[19] La station Kremlin-Bicêtre Hôpital sera surplombée d’un moucharabieh, qui fera des jeux de lumière dans la salle d’accueil des voyageurs. https://www.20minutes.fr/paris/3304627-20220609-ratp-voici-quoi-va-ressembler-gare-kremlin-bicetre-ligne-14

[20] https://actu.fr/ile-de-france/le-kremlin-bicetre_94043/ratp-prolongement-de-la-ligne-14-du-metro-la-nouvelle-station-du-kremlin-bicetre-se-devoile_61232463.html

[21] Nachfolgendes Bild aus: https://prolongementligne14-orly.fr/gares/gare-villejuif-gustave-roussy

[22] Nachfolgendes Bild aus: https://www.grandparisexpress.fr/actualites/villejuif-gustave-roussy-plongee-au-coeur-dune-gare-emblematique

[23] Bild aus: https://www.grandparisexpress.fr/actualites/14-images-nouvelles-gares-ligne-14

[24] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/culture/arts-expos/architecture/stromae-jr-buren-pistoletto-decouvrez-les-projets-artistiques-et-architecturaux-des-gares-du-futur-grand-paris-express_3850201.html

[25] Zitate und voriges Bild aus: Gare de Thiais-Orly – Lyes Hammadouche & Denis Valode | L’Art du Grand Paris

Nachfolgendes Bild aus: https://www.artdugrandparis.fr/gare-de-thiais-orly-lyes-hammadouche-denis-valode#slideshow-popin

[26] Bild aus: Gare Aéroport d’Orly – Vhils & François Tamisier et Bernard Baret | L’Art du Grand Paris

Siehe auch: https://www.grandparisexpress.fr/actualites/14-images-nouvelles-gares-ligne-14

[27] https://www.euractiv.de/section/europa-kompakt/news/portugiesischer-premierminister-will-beziehungen-zu-frankreich-staerken/ 

Nachfolgendes Bild ist ein Ausschnitt aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1010807600411026&set=pcb.1010807653744354

[28] Siehe den Plan local d’urbanisme der Stadt Axe 1, 1:  Promouvoir autour de la gare Kremlin-Bicêtre Hôpital un urbanisme qualitatif et innovant en entrée de ville bhttps://www.kremlinbicetre.fr/app/uploads/2021/11/2_KB_PLU_PADD_approuve.pdf

[29] Bild und Informationen aus: https://www.grandparisexpress.fr/actualites/villejuif-gustave-roussy-plongee-au-coeur-dune-gare-emblematique

[30]  Le temple de l’e-sport élira domicile à Thiais | Citoyens.com

[31] https://www.zdf.de/nachrichten/sport/olympia-2024-e-sport-spiele-2025-saudi-arabien-ioc-100.html  (23.7.2024)

[32] Anne Clerval und Laura Wojcik, Les naufragés du Grand Paris Express. Éditions La Découverte. Paris 2024, S. 164/165. Dies ist nur ein Beispiel von mehreren, die die beiden Autorinnen im Kapitel über „une politique de peuplement“ aufführen. 

[33] Nachfolgendes Bild aus: https://www.dezeen.com/2024/07/30/paris-olympic-village-dominique-perrault-interview-olympic-impact/

[34] https://olympics.com/fr/paris-2024/les-jeux/village   

https://www.welt.de/kultur/plus252666578/Olympia-Architekt-Perrault-Der-Begriff-Banlieue-wird-bald-nicht-mehr-existieren.html

https://www.spiegel.de/ausland/architekt-dominique-perrault-ueber-paris-die-banlieue-wird-es-bald-nicht-mehr-geben-a-54a64b86-a42b-42b0-9c2b-54f01cde667d

https://www.welt.de/politik/ausland/article250133938/Paris-2024-Der-beruechtigtste-Vorort-Frankreichs-ist-das-Herz-der-Olympischen-Spiele.html

Nachfolgendes Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Village_olympique_de_Saint-Denis#/media/Fichier:Village_olympique_de_Saint-Denis_-22-08-2023_(04).jpg

[35] https://wwwD.leparisien.fr/jo-paris-2024/heritage-olympique/cest-en-seine-saint-denis-quon-jugera-lheritage-des-jeux-03-04-2024-LZKHFO5RPVFCFC7AWMOQCK4MLA.php

[36] https://site.ldh-france.org/troyes-et-aube/une-centrifugeuse-sociale-en-seine-saint-denis-les-jeux-olympiques-accelerent-la-gentrification/  und FAZ vom 10. August 2024. Das angestrebte Mischungsverhältnis der „mixité sociale“ ist allerdings sicherlich je nach politischem Standort und Interessenlage unterschiedlich. Im noblen Neuilly-sur-Seine mit seinen 5% Sozialwohnungen  hat man sicherlich ein anderes Verständnis der mixité sociale als in Seine-Saint-Denis…

[36a] Siehe: Émelie Cazi und Véronique Chocron, Autour du village olympique, une révolution urbaine accélerée. Reportage. In: Le Monde 12. September 2024, S. 14/15

[37] Siehe die hymnische Darstellung in: https://www.socialmag.news/25/07/2022/limpact-social-majeur-des-chantiers-du-grand-paris-express/

[38] Anne Clervel/Laura Wojcik, Les naufragés du Grand Paris Express. Éditions La Découverte Paris 2024

[39]  Si à terme, 25 % devraient être des logements sociaux, la majorité sera sur le marché privé. « Ces logements ne seront pas accessibles à la population locale, regrette Marc Perelman, architecte et professeur émérite à l’université Paris-Nanterre pour qui ce quartier deviendra un « ghetto de riches ». https://www.nouvelobs.com/sport/20240715.OBS91144/une-centrifugeuse-sociale-en-seine-saint-denis-les-jeux-olympiques-accelerent-la-gentrification.html

[40] Interview von Britta Sandberg mit Dominique Perrault, Eine Weltstadt im Aufbruch. In: Der Spiegel vom 11.10.2023 

[41] Anne Weber, Bannmeilen. Ein Roman in Streifzügen. Berlin: Mathes & Seitz 2024

[42] https://www.huffingtonpost.fr/life/article/en-seine-saint-denis-ces-enseignants-temoignent-de-la-vetuste-des-etablissements-scolaires_230703.html (4.3.2024)

https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2024/04/22/les-problemes-de-l-enseignement-en-seine-saint-denis-en-chiffres_6229161_4355770.html  (22.4.2024)

https://www.publicsenat.fr/actualites/education/derriere-la-greve-des-profs-en-seine-saint-denis-un-ras-le-bol-general-contre-un-sentiment-de-relegation (22.4.2024)

[43] Les naufragés du Grand Paris Express, S. 7

[44] „Sur le plan social, le GPE sera tout sauf bénéfique : il fera tourner à plein régime la « centrifugeuse sociale » en même temps qu’il aggravera l’étalement urbain.“  Leserzuschrifthttps://www.socialmag.news/25/07/2022/limpact-social-majeur-des-chantiers-du-grand-paris-express/  Siehe zur Kritik im EinzelnenLes écueils du Grand Paris Express – Métropolitiques (metropolitiques.eu)

Infinite woman: Eine Ausstellung der Fondation Carmignac auf der Insel Porquerolles (Jahresausstellung 2024)

Eine Ausstellung der Fondation Carmignac auf Porquerolles zu besuchen, ist für uns immer eine große Freude:

Die Bootsfahrt von der presqu’île de Giens nach Porquerolles…

Die wunderbare Lage der Villa inmitten von Olivenbäumen und Weinbergen mit Blick auf das Meer…

 © Fondation Carmignac Foto: Johan Glorennec

….die freundliche Begrüßung am Eingang mit einem für jede Ausstellung neu konzipierten Getränk…

… der große Garten mit seinen Kunstwerken und alten Olivenbäumen (und neben einem feinen Restaurant auch einem foodtruck mit Tischen, Bänken und Liegestühlen mit Blick auf die drei Alchimisten von Jaume Plensa) …

… das Wiedersehen mit wunderbaren Kunstwerken, die dauerhaft im Ausstellungsgebäude ihren Platz haben wie der hundert Fische-Brunnen von Bruce Neuman…

…. oder das grandiose Unterwasserpanorama von Miquel Barceló…

Und besonders freut man sich, wenn man Tony Matellis allen Widrigkeiten trotzendes Pflänzchen findet, das sich jedes Jahr eine neue Ritze zwischen Wand und Boden gesucht hat.

Tony Matelli, Weed 389 (2017) 

Und natürlich ist man gespannt auf die Ausstellung mit ihrem vieldeutigen und vielversprechenden Namen: The Infinite Woman und dabei besonders auf die Gestaltung des grandiosen zentralen Raums, der beleuchtet wird von dem Sonnenlicht, das sich in der Wasserfläche über dem Glasdach bricht. Dieser Raum lädt dazu ein, sozusagen die Quintessenz der jeweiligen Ausstellungen zu präsentieren: 

Bei der Jahresaussstellung 2021, in der es um Leben und Tod ging, war es das Skelett eines Wals, das aber gleichzeitig die Grundlage für neues Leben ist.

Bei der Odysseus- Jahresausstellung 2022 war es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Diesmal füllt eine große Spinne von Louise Bourgeois den Raum mächtig aus.

Einerseits ist dieses Werk eine Hommage an ihre Mutter, die in Paris als Restauratorin von Tapisserien arbeitete, und so, wie die Spinnen, immer wieder Gewebe erneuerte. Daran beziehen sich die Nadeln in einem der Spinnenbeine.

Andererseits ist die Spinne für Louise Bourgeois ein übergeordnetes Symbol für die unendliche Geschichte des Lebens, dessen Prinzip es ist, sich immer wieder zu erneuern: das ist ebenso tröstlich wie auch bedrohlich, denn es gibt keine Möglichkeit, diesem ewigen Zyklus zu entkommen.[1]

Der Aspekt des Bedrohlichen wird in der Ausstellung unmittelbar erfahrbar: Der Besucher kann den Raum zwischen den Spinnenbeinen durchqueren, auch unter dem schweren Körper der Spinne stehen  bleiben, der über einem schwebt – ich musste da unwillkürlich an die Drohnen der aktuellen Kriege denken…

Und bedrohlich erscheinen auch die spitzen Spinnenbeine, vor allem das eine als Haken geformte …

In der Konzeption der Ausstellung ist die Spinne aber zuallererst „ein Symbol weiblicher Kreativität“, indem sie mit ihrem eigenen Körper einen Faden spinnt. Platziert in der zentralen Galerie der Villa Carmignac wird sie damit zu einer „Schlüsselfigur der Ausstellung:  Sie spinnt ein Netz von Geschichten, deren Protagonisten die Frauen sind.“[2]

Die die Spinne umgebenden offenen Wände sind, eine Auftragsarbeit der Fondation Carmignac für diese Ausstellung, von der schottischen Künstlerin France-Lise McGuns mit bunten Fresken in Pastellfarben bemalt. Es sind Darstellungen befreiter und ineinander verwobener Frauen,  die „sich auf die Malerei der Renaissance, die Antike sowie die Popkultur“ beziehen und „sich mit Sexualität, Ekstase, Verlangen und Mutterschaft auseinandersetzen.“ Insgesamt ergibt sich „so ein prächtiges Gesamtporträt emanzipierter, fröhlicher und erotischer Frauen.“[3]

Hier sieht man die Spiegelung der Wasserfläche auf dem Glasdach über der zentralen Ausstellungsgalerie. Das macht die Fresken McGuns noch lebendiger. Naheliegend also, sie als Motiv für das Ausstellungsplakat und den Katalog zu verwenden.

Vom darüber liegenden Erdgeschoss aus kann man -durch die Wasserfläche hindurch- auch einen ersten sonnenglitzernden Blick auf die Fresken und auf den weiblichen Torso werfen, der -ähnlich der antiken Karyatiden- zumindest ein Stück weit einen der Pfeiler ersetzt: Die Frau als Trägerin schwerer Last – eine Facette des Spinnennetzes von Geschichten, das die Ausstellung präsentiert.

Der Titel der Ausstellung  Infinite Woman verweist nach den Worten der Kuratorin auf „Vorstellungen von Vielfalt und Pluralität und argumentiert auf einfache, aber eindrucksvolle Weise, dass die Kategorie „Frau“ jenseits jeder Definition liegt und immer Komplexität verkörpert. …  Der Titel stellt auch strenge Definitionen von Geschlechterkategorien in Frage und plädiert dafür, die Definition von „Frau“ um neue Möglichkeiten zu erweitern. “ [4]  Die Infrage-Stellung traditionelle Rollenmuster und sexueller Normen ist ein eindeutiger Schwerpunkt der Ausstellung, das schöpferische Potential von Frauen wird eindrucksvoll vor Augen geführt. Es sind also vor allem Künstlerinnen, die in der Ausstellung präsentiert werden. 

Die im Titel der Ausstellung proklamierte Grenzenlosigkeit setzt allerdings voraus, dass vorhandene Fesseln gesprengt, und Grenzen überwunden werden müssen. Dementsprechend werden mehrere Arbeiten präsentiert, die sich mit Fesseln und Grenzen beschäftigen.

Ein Beispiel dafür ist das nachfolgende, in der Ausstellung präsentierte Gemälde Giving Birth to a Mortar, eine Arbeit der aus dem Irak stammenden und in Amerika lebenden Künstlerin  Hayv Kahraman aus dem Jahr 2021.

Man hat die Arbeiten Karamans als Orte des Widerstands gegen Unterdrückung, vor allem der Unterdrückung von Frauen, beschrieben. [5] Hier zeigt sie zwei Frauen, die in einem Netz von Tauen gefangen sind, die aus männlichen Geschlechtsteilen zusammengesetzt zu sein scheinen. [6] Eine Frau mit einem Heiligenschein-ähnlichen Kopftuch bringt gerade eine Granate zur Welt – die andere assistiert. Das Bild thematisiert damit die Unterdrückung von Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft und ihre tragische Rolle in Kriegen: Ohne es zu wollen, werden Frauen Teil der Kriegsmaschinerie.

Um den Kampf gegen staatliche oder religiöse Bevormundung geht es in Roy Lichtensteins Bild Refections on Jessica Helms aus dem Jahr 1990.

Das Bild bezieht sich auf damalige Bestrebungen des ultrakonservativen amerikanischen Politikers Jesse Helms, im Namen der Moral Kunstwerke zu zensieren.  Dazu im Katalog der Ausstellung: 

„Der Körper der Frauenfigur in Reflexions on Jessica Helms wird seiner Sexualität beraubt und verweist damit auf die Zensur des erotischen Vergnügens von Frauen“.  Bemerkenswert übrigens, dass bei Lichtenstein nicht nur, wie bei der klassischen Venus pudica, auf die er sich mit seiner Darstellung direkt bezieht, Schoß und Brüste bedeckt sind, sondern auch der Kopf. Auch auf ihn zielt die angestrebte Zensur…

Aus einem muslimisch geprägten Land, nämlich Ägypten, stammt auch die Künstlerin der beiden nachfolgend abgebildeten Arbeiten.

Der Titel dieses Geflechts aus bunten Fäden Les Grand Nymphéas bezieht sich auf das Seerosen-Panorama Monets in Paris, aber auch  auf die Nymphen der antiken Sagenwelt.[7] Um solche jugendlichen Mädchengestalten in dem Fädengewirr zu entdecken, muss man allerdings näher herangehen und sehr genau hinsehen.

Ich sehe in diesen „Nymphen“ auch eine Metapher der verborgenen, verschleierten Existenz von Frauen in Ländern wie -nicht nur- Iran und Afghanistan und den Ausdruck des Traums ihrer Befreiung von staatlicher und religiöser Bevormundung … 

Auf die aktuelle internationale Me too-Bewegung gegen die Tabuisierung männlicher Gewalt gegen Frauen bezieht sich die nachfolgende Arbeit von Ghada Amer. Ihr Ausgangspunkt ist ein Zitat aus der Schrift der feministischen afro-amerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde:  The Transformation of Silence into Language and Action aus dem Jahr 1977:

„My silences had not protected me. Your silence will not protect you [8]

Diese Worte sind nach dem Verständnis der Ausstellungsmacherinnen ein Protest gegen „die anhaltende Ausbeutung von Frauen“; dass die Worte nur schwer lesbar sind, verstehen sie als Anklage gegen die Unterdrückung jeglicher Sichtbarmachung dieser Ausbeutung. Im aktuellen Kontext von MeToo und der Aufhebung des für alle amerikanischen Bundesstaaten geltenden Rechts von Frauen auf Schwangerschaftsabbruch, sei die Arbeit von Amer ein Aufruf, gemeinsam die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die nach wie vor Frauen in der ganzen Welt zugefügt werden.

Vor allem aber werden in dieser Ausstellung Frauen in vielfältigen Formen der Grenzenlosigkeit gezeigt. Da gibt es eher traditionelle Darstellungen wie die verspielte Frau Picassos:

Pablo Picasso, femme nue couchée jouant avec un chat, 1964 (Ausschnitt)   

…die verführerische Frau Roy Lichtensteins:

… Judy Chicagos an Courbets „Ursprung der Welt“ erinnernde Darstellung der schöpferischen Kraft der Frau:

Judy Chicago, Childbirth in America: Crowning Quilt 7/9, 1982

Laure Prouvosts aktuelle Version von Hokusais The Dream of  the Fisherman’s Wife aus dem Jahr 1814 [9]– eine Glasmalerei, wie man sie von Kirchenfenstern kennt, aber keineswegs heilig und züchtig:

 Laure Prouvost (Frankreich), Holding as one stain glass fragments, 2020

… die kriegerischen Sirenen der Unterwasserwelt Chioma Ebinamas:

Während sich zwei noch -links unten- die Haare frisieren, attackieren die anderen ein Pferd mit weißer Mähne und weißem Schweif: das Pferd des Südstaatengenerals Robert E. Lee…

Chioma Ebinama (USA), Piscean Dream IV,  2024

… das bedrohliche Mischwesen der Rumänin Andra Ursuţa:

Andra Ursuţa, Predators ‘R Us. 2020

Und dann gibt auch Werke, die sich mit der Auflösung traditioneller Geschlechterzuschreibungen auseinandersetzen. So die Joan (Jeanne, Johanna) von Martine Gutierrez, einer „nonbinären transgender-Frau indianischer Abstammung.“[10]  In ihrer Serie Anti-Icon: Apokalypsis verkörpert die Künstlerin herausragende „gender-fluid – Frauen der Geschichte oder Mythologie“, die die traditionellen Definitionen von Geschlechterrollen infrage gestellt haben. Dazu gehört die Göttin Aphrodite, Inbegriff von Weiblichkeit und Schönheit, von der es aber in der griechischen Mythologie auch eine männliche Variante gibt…

Martine Gutierrez (USA), Joan, 2021

Hier verkörpert Gutierrez die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc. Für die Kuratorin Alona  Pardo ist das ein Schlüsselwerk dieser Ausstellung, geht es ihr doch besonders darum, „den Archetypus der Venus-Figur zu dekonstruieren.“  Joan ist dargestellt „als trans und nichtbinäre Kriegerin mit einem Holzschwert und vergoldetem Torso, so als verleihe die nichtbinäre Geschlechtsidentität ihr übermenschliche Kräfte“.[11]

Um die Dekonstruktion der klassischen Venus-Figur geht es auch im Video A Dream of Wholeness in Parts des Kanadiers Sin Wai Kin (2021):

„In Sins komplexem Film A Dream of Wholeness in Parts spielt der Künstler drei Charaktere, darunter das Universum und beide Seiten einer Figur namens The Construct, um Ideen der Transformation zu erforschen; und um Genres und Kategorien queer zu machen und gleichzeitig einen Raum für die Vorstellung verschiedener Welten und neuer Seinsweisen zu schaffen. Sin verwandelt sich und spielt die Rolle der Göttin Venus – Inbegriff übertriebener westlicher Weiblichkeit – mit übergroßen Latexbrüsten und einem gerippten Korsett … Die kanonische Figur der Venus infrage stellend und überschreitend (queering), taucht Sin aus dem Ozean auf – ein kraftvolles Symbol für die Fluidität der Geschlechter.“[12]

Dazu passt  Botticellis kanonische Venus- Figur über dem Sofa.

Eine Variante der „schaumgeborenen Venus“ schwebt gleich im Eingangsbereich über der Wandcollage von Mary Beth Edelson.

Mary Beth Edelson (USA), Selected Wall Collages  (1972-2011)   

Es ist eine geflügelte Venus mit Krallen, Schere und Messern….

Dies ist die „black Venus“ der malawischen Künstlerin Billie Zangewa (2010)- ein Selbstportrait, das sich überlebensgroß über ihrer Wahlheimat Johannesburg erhebt. Um ihren Körper hat sie ein Banner geschlungen: Surrender whole-heartedly to your complexity, eine Bekenntnis zu weiblichem Selbstbewusstsein und feministischer Politik, wie es im Begleittext heißt.

Zangewa nannte ihr Bild The Rebirth of the Black Venus. Damit bezieht sie sich auf die sogenannte black Venus oder Hottentottenvenus Sarah Baartman, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa, zuletzt in Paris, Aufsehen erregte und einem voyeuristischen und rassistischen Publikum als Attraktion präsentiert wurde. Und selbstverständlich bedeutet das Bild einer schwarzen Venus auch eine Dekonstruktion der klassischen weißen Venus-Figur, wie sie vor allem auch von Botticelli geprägt wurde.

Scheinbar ganz „un-dekonstruiert“ werden die Besucher am Eingang zur Ausstellung aber von Botticellis wunderbarer Madonna mit Kind empfangen, deren Anmut und Schönheit man bewundern kann.

Sandro Botticelli (1445-1510),  La Vierge à la Grenade (Die Jungfrau mit dem Granatapfel)  Collection Carmignac

Aber dann liest man (vielleicht) die Information der Ausstellungmacherinnen:  

Der Archetyp der Jungfrau Maria, der historisch die Form der Madonna mit Kind annahm, war der Ausgangspunkt unzähliger ikonischer Meisterwerke. Hier wird sie als idealisierte Frau dargestellt, die „vom Mann unberührt“ ist und gleichzeitig die sogenannten Eigenschaften natürlicher Mutterschaft verkörpert. Die paradoxe Figur der Jungfrau Mutter ist in Grün gehüllt dargestellt, fügt sich nahtlos in ihre natürliche Umgebung ein und hält einen blutroten Granatapfel in der Hand, ein Symbol für Sexualität, Fruchtbarkeit und Tod, das außerhalb ihrer eigenen körperlichen Erfahrung liegt. Ihrer sexuellen Handlungsfähigkeit beraubt und ihren Blick abgewandt, verstärkt Botticellis Madonna mit ihrem nach unten gerichteten Gesicht die traditionellen Machtdynamiken dominanter Männlichkeit und unterwürfiger Weiblichkeit, die unsere westlichen patriarchalen Repräsentationssysteme prägen.[13] 

Muss ich jetzt in mich gehen? … mich meiner Naivität schämen, obwohl ich doch die Ideologiekritik zwar nicht mit der Muttermilch, aber mit der Frankfurter Schule Horkheimers und Adornos aufgesogen habe? Vielleicht würden mir die Carmignacs aber -nicht nur wegen meines Alters- mildernde Umstände zubilligen. Als Edouard Carmignac vor vielen Jahren den Botticelli für seine Sammlung erwarb, hat er wohl kaum an die traditionellen Machtdynamiken dominanter Männlichkeit gedacht. Und wenn er in dem Vorwort zum Katalog bekennt, er würde das Bild mitnehmen, wenn er für immer auf eine Insel ginge, dann wohl kaum, um so stets das Schreckbild unterwürfiger Weiblichkeit vor Augen zu haben.

In ihrem Vorwort verweisen die Carmignacs auf die verschiedenen Bewegungen des Feminismus in unseren Gesellschaften, die das Bild der Weiblichkeit reicher und komplexer gemacht hätten. Das veranschaulicht die Ausstellung in vielfältiger und anregender Weise, und so verlasse ich sie ohne schlechtes Gewissen, aber bereichert und mit Spannung und Vorfreude auf die Neuauflage im kommenden Jahr.

Infinite Woman?

von Frauke Jöckel

Infinite Woman ist der anspruchsvolle Titel der Ausstellung, die vor allem die Werke von Künstlerinnen vorstellt. Den Saal The Sweetest Taboo sollen Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen betreten. „Avertissement“: weibliche Sexualität! Eine Klitoris war bereits zuvor deutlich abgebildet, aber in ästhetisch stilisierter Form, wie sie sich angenehm betrachten lässt.

Marion Verboom (Frankreich), Clito, 2022

Aber hier im Taboo-Raum gibt es provozierend konkrete Versionen, die verstörend wirken wie die Pussy Donation Box der irakischen Künstlerin Hayv Kahraman.

Hayv Kahraman (Irak), Pussy Donation Box, 2018

Eine gewisse Scheu zu fotografieren entsteht, bzw. der Drang, schnell weiterzugehen oder nicht so genau hinzuschauen. Aber die Thematik des weiblichen Orgasmus steht im Raum mit Arbeiten von Künstlern wie Egon Schiele und anderen, die Frauen mit der Hand am Geschlecht zeigen. Und dann gibt es die Installation der amerikanischen Künstlerin Inannone. Sie zeigt den Kopf einer masturbierenden Frau, deren Körper in einem kunstvoll bemalten und mit Texten versehenen Kasten versteckt und mit lustvollem Stöhnen per Video endlos zu sehen und zu hören ist.

Dorothy Iannone (USA), I Was Thinking Of You II, 1975-2005

Das löst Betroffenheit beim Betrachtenden aus, Abwehr und Ablehnung oder gar ein Sich-Mokieren bei einigen Männern. Denn es geht um ein heikles Thema: Die sexuelle Befriedigung der Frau. Dies anzusprechen ist ein Verdienst der Ausstellung und ein Beitrag dazu, die Grenzen der Weiblichkeit zu erweitern, die schon in diesem Punkt beginnen: Infinite Woman!


Anmerkungen

[1] https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/louise-bourgeois

Alle Fotos des Beitrags -mit Ausnahme des Luftbilds der Villa Carmignac- von Frauke und Wolf Jöckel

[2] Beigefügter Informationstext. Entsprechend Katalog und Pressemappe.

[3] Beigefügter Informationstext.

[4] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0    

[5] https://www.deuxiemepage.fr/2020/07/23/hayv-kahraman-portrait/ : Hayv Kahraman, la peinture comme lieu de résistance face à l’oppression und Briser le silence des violences subies par les femmes

[6] In dem Begleittext wird nur ganz allgemein von einem „résau dense de cordons“ gesprochen.

[7] Siehe Begleittext und Presse-Info.

[8] https://electricliterature.com/wp-content/uploads/2017/12/silenceintoaction.pdf

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Dream_of_the_Fisherman%27s_Wife

[10] Zitate aus dem Begleittext

[11] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0 

Das Bild der Joan dient als einzige Illustration zum Interview mit Alona Pardo.

[12] a.a.O.

[13] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0 

Weitere Blog-Beiträge zu Porquerolles und zur Villa Carmignac:

Im Reich der Sinne, Illusionen und Sensationen: Hittorffs Vergnügungsbauten – eine Synthese von Klassik und Kirmes. Von Ulrich Schläger

Einen besser geeigneten Architekten für die Umgestaltung des Parks an den Champs-Élysées als den aus Köln stammenden Jakob Ignaz Hittorff  konnte der Préfet de la Seine Claude-Philibert Barthelot Rambuteau nicht finden, als er ihn 1835 beauftragt, „de créer en faveur de la population un vaste lieu de repos et d’amusement (zu Gunsten der Bevölkerung einen großen Ort der Erholung und Unterhaltung zu schaffen).“ [1]

Abb. 1 : Jakob Ignaz Hittorf, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1835 (Bild beschnitten), Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Obwohl erst 43 Jahre alt, bringt Hittorff beste Voraussetzungen für die Gestaltung des Vergnügungszentrums mit:

  • seine Ausbildung bei Charles Percier und François Joseph Bélanger,
  • seine Tätigkeit als Architekt der Menus Plaisirs du Roi,
  • seine Forschungen zur Farbigkeit in der Baukunst der Antike,
  • seine Fähigkeit, neue Materialen und Technologien in seine Bauten zu integrieren,
  • seine effiziente Arbeitsweise, die schnelles und kostengünstiges Bauen ermöglichte.

Von Charles Percier an der Académie des beaux-arts wird er nicht nur von der klassizistischen Baukunst geprägt, Percier ist auch ein Meister der Farbgestaltung und -komposition. Zusammen mit Pierre-François-Léonard Fontaine ist er ein Hauptvertreter einer Strömung des Klassizismus unter Napoléon Bonaparte, des Empirestils, der Bauten und Räume von außerordentlicher Eleganz, Pracht und Anziehungskraft schuf. Ein hervorragendes Beispiel ist das  Palais Beauharnais,  mit dessen Erhaltung Hittorff beauftragt wurde.

Warum ist das hier hervorzuheben? Weil es bei dem Vergnügungszentrum um Attraktivität und Erregung der Sinne geht. Weil es gilt, durch Mittel der Architektur und Kunst prachtvolle, heitere Gegenbilder zum Grau des Alltages zu kreieren.

Um Rambuteaus Auftrag einzulösen, kann Hittorff  auch auf Erfahrungen im Bauatelier seines zweiten Lehrers, François Joseph Bélanger, zurückgreifen. Hier erlernt er nicht nur die praktischen Tätigkeiten eines Architekten. Bélanger war schon vor der Französischen Revolution Chef der Menus Plaisirs du Roi und als solcher für die Ausgestaltung  höfischer Feste und Zeremonien verantwortlich. Bei der Wiedereinsetzung der Bourbonen nach der Niederlage Napoleons hatte Bélanger dieses Amt rückerlangt.  Hittorff wirkt 1814 in Bélangers Team bei den Empfangsbauten für Ludwig XVIII mit – dazu gehörte die Nachbildung der Reiterstatue Henri Quatres auf dem pont neuf, eine Tätigkeit, die den späterer Zugang zu Charles X., Louis Philippe und Napoléon III. befördert. 1818, bereits mit dem Titel »Architecte de la ville de Paris et du Gouvernement« geehrt, folgt Hittorff nach Bélangers Tod diesem im Alter von 26 Jahren im Amt als Chef der Menus Plaisirs du Roi nach, in Zusammenarbeit mit seinem Freund Jean François Joseph Lecointe.

Deren Zeichnungen und Skizzen zeigen die Vielfalt ihrer Aufgaben, u.a. die Dekorationen in Notre Dame für die Vermählung des Herzogs von Berry und die Taufe des Herzogs von Bordeaux sowie die Gestaltung der Krönungsfeier für Charles X. in der Kathedrale von Reims. Neben den Dekorationen obliegen ihnen die Überwachung der Arbeiten, Einholung von Kostenvoranschlägen, Kontrolle der Herstellung, Lieferung und Installation, Verwaltung der Objekte, Organisation der Zeremonien.

Abb. 2: Jakob Ignaz Hittorff, dekorativer Aufbau der Vorhalle von Notre-Dame anlässlich der Taufe des Herzogs von Bordeaux,

Dies ist erwähnenswert, weil neben der Kreativität, neben der Entfaltung von Glanz, Macht und Größe auch Hittorffs Organisationsvermögen bei der Realisierung der Vergnügungsbauten gefragt ist und eine gleichwertige Rolle spielt.

Die Fähigkeit, Bauten und Räume mit aufsehenerregender Farbgestaltung zu erschaffen, hatte Hittorff schon mit der Restauration der Salle Favart, der Umgestaltung des Théâtre de l’Ambigu-Comique (zusammen mit Lecointe) und dem Bau der Kirche  Saint-Vincent-de-Paul (in der Nachfolge von Jean-Baptiste Lepère) sowie in der Stadtgestaltung mit der Place de la Concorde (ab 1833) bewiesen. Sie beruhte auch, wie wir später sehen, auf der intensiven Auseinandersetzung mit der Farbigkeit in der antiken Baukunst. Darüber sammelt Hittorff als Schüler und Assistent Bélangers Erfahrungen im Bau mit neuen Materialen wie Glas und Eisen bei der Konstruktion der Kuppel der  Halle au Blé und späteren Bourse de Commerce, heute Ausstellungsort der Pinault Collection. Er lernte Baustellen zu leiten, schnell sowie kostengünstig zu bauen, unabdingbare Voraussetzungen im Umgang mit den am Profit orientierten Investoren der Vergnügungsbauten.

Einige von Hittorffs Vergnügungsbauten an den Champs-Élysées, insbesondere das Panorama und der Sommerzirkus, sind leider verschwunden oder durch Um- und Anbauten verändert,  was am transienten Charakter dieser Bauten lag, die den Gesetzen des sich wandelnden Publikumsgeschmacks und der Rentabilität unterworfen waren. Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Projekte Hittorff an den Champs-Élysées geplant und ausgeführt hatte und was davon heute noch zu sehen ist.  

Abb. 3 : Vergnügungsviertel zwischen der Place de la Concorde und dem Rond-point des Champs-Élysées

Vergnügung und gesellschaftlicher Wandel

Die Transformation der Champs-Élysées zwischen Place de la Concorde und Rond-point in ein Zentrum vielfältiger Amüsements unter maßgeblicher Beteiligung Hittorffs ist der Höhepunkt einer bereits im letzten Viertel des 18. Jahrhundert anwachsenden Freizeit- und Vergnügungskultur. Sie sollte nicht nur durch eine große Anzahl der Attraktionen, sondern auch durch die Vielfalt der Angebote beeindrucken und so ein Massenpublikum befriedigen (und befrieden). 

Diese Transformation entwickelt sich einerseits als Folge des sozialen Wandels nach 1789 unter dem Banner der liberté und egalité, andererseits auch im Gefolge der einsetzenden industriellen Revolution, der damit verbundenen rasanten Zunahme der Bevölkerung in Paris und der Veränderung der Gesellschaftsstruktur. Die genannten Umwälzungen ermöglichten immer breiteren gesellschaftlichen Schichten, an diversen Vergnügungen teilzunehmen,  weil sie, wenn auch in unterschiedlichem Maß, über die erforderlichen finanziellen Mittel und Mußestunden verfügten. Eine Vergnügungskultur für eine breite Bevölkerungsmasse führte zwangsläufig zu einer Verlagerung  aus den geschlossenen Räumen der Salons und Theater hin zu öffentlichen Orten.

Die genannten politischen und wirtschaftlichen Veränderungen hatten aber nicht in allen gesellschaftlichen Schichten zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen geführt. Die Situation der beständig wachsenden städtischen Lohnarbeiterschaft, die von Armut, schlechten Wohnverhältnissen, niedrigen Löhnen, langer Arbeitszeit und sozialer Unsicherheit gekennzeichnet war, sorgte für reichlich politischen Sprengstoff und führte zu wiederholten Unruhen und Aufständen.

Entsprechend unterschiedlich waren die Motivationen, die hinter der Anlage eines Vergnügungsviertels entlang der Champs-Élysées und anderen Orten standen: Die privaten Investoren bedienten den Wunsch eines immer breiteren diversen Publikums nach vielfältigen Zerstreuungen und Attraktionen aus Gewinnstreben.

Die städtischen Raumplanungen waren noch von politischen Unruhen der ersten Jahre der Julimonarchie geprägt, der sogenannten „epoche des émeutes“ (Victor Hugo). „Raumplanung war hier gleichsam Sozialpolitik, wie sie ganz auf der Linie des Präfekten Rambuteau lag, der die städtischen Verschönerungsmaßnahmen in den Dienst politischer Kalmierung gestellt sehen wollte.“[2]

Zunächst entstanden während der Julimonarchie entlang der Boulevards Montparnasse, des Capucines und des Italiens neben Theatern neuartige Unterhaltungsstätten, wie Panoramen, Neo-, Dio- und Georamen [3] sowie Tivoligärten, die mit Restaurants, Kaffee- und Konzerthäusern, Limonadiers und Spielklubs verbunden waren. Paris erlebte einen „Strukturwandel der Öffentlichkeit vom Elitepublikum des ancien régime zum sozial diversifizierten Publikums des 19. Jahrhunderts“ [4] und stieg durch seine Vergnügungsviertel zusammen mit den Boulevards und Passagen zu einer vielfach gerühmten „Kapitale der Flanerie und des Amüsements“ [5] auf.

Hittorffs Vergnügungspark an den Champs-Élysées

Mit der Transformation des Parks der Champs-Élysées in einen Vergnügungspark unter der Regentschaft von Louis-Philippe verfolgt sein Präfekt Rambuteau im Sinn einer Panem-et-circenes-Strategie eine Ablenkung von sozialen Konflikten, aber auch eine große Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme, die dem sozialen Frieden dienen soll.

Abb. 4: Hittorff, Jakob Ignaz, Projekt für Verschönerungsarbeiten an den Champs-Elysées, Grundriss, 3. Zustand

Hittorffs Bebauungsplan von 1835 sieht u.a. Kaffeehäuser, ein Estaminet (eine Kombination von Café, Kneipe und Restaurant), eine Konditorei, drei Restaurants, einen Ballsaal mit Café, ein Lesekabinett, eine öffentliche Toilette, ein Konzertpavillon, einen Ausstellungs- oder Theatersaal und einen Zirkus vor.

Zu Hittorffs Aufgaben gehören die Verhandlungen mit den Investoren und Betreibern der Vergnügungsbauten, die Zuweisung der Standorte der Bauten und deren Gestaltung sowie die Raumgestaltung des Parks selbst. Die meisten Gebäude-Pläne entstehen in Hittorffs Baubüro oder werden von ihm bewilligt, wenn sie sich in sein Gesamtkonzept einfügen. Die Schaubilder zu den Bauten, adressiert an die Investoren, sind mit Hinweisen auf kurze  Bauzeiten,  günstige Baukosten, schnelle Amortisation und hohe Gewinnspanne versehen und sind auch als Werbeprospekte zu verstehen. Hittorff ist sich des Warencharakters seiner Bauten genau bewusst. Das Vergnügungszentrum wird im Verlauf der nächsten beiden Jahrzehnte immer wieder den Bedürfnissen des Publikums nach neuen Attraktionen und den Wünschen der Investoren nach Gewinnoptimierung amgepasst: Alle Parkbauten waren Spekulationsobjekte privaten Kapitals. „Der Reiz des Neuen ließ schnell nach und mit ihm die erwirtschaftete Rendite“… „Permanenter Attraktionswechsel hielt das Schwungrad der Rentabilität in Gang.“ [6] Alte Gebäude werden abgerissen, und neue treten im Wechsel an ihre Stelle. „In diesem bunten Panorama von Schaulustbarkeiten gehörte es zu den Aufgaben des Architekten, zumindest baulich, jenes Übel fernzuhalten, das die Unterhaltungsindustrie am meisten fürchtet, die Langeweile.“ [7]

Hittorffs Tätigkeit beschränkt sich nicht auf die Bauplanungen: In den Carrés der Champs-Élysées wird der alte Baumbestand durchforstet, neue Bäume werden gepflanzt,  Rasenstücke mit Fliederbüschen und Rhododendren sowie mit wechselnden Blumenbeeten werden angelegt. Mehrere Fontänen, inspiriert von Hittorffs Italienreise,  schmücken die Carrés. [7a]

Abb. 5: Fontaine du Cirque ou des Quatre-Saisons.[8]

Vier von ihnen gleichen sich in der Grundform mit einer runden Brunnenschale auf einem polygonalen Sockel inmitten eines Bassins an der Basis; drei von ihnen unterscheiden sich in den Skulpturen über der Brunnenschale: Im Carré Marigny, bei der oben abgebildeten Fontaine du Cirque, auch Brunnen der vier Jahreszeiten genannt, wird eine obere Schale des Brunnens von vier Knaben getragen, die die Jahreszeiten symbolisieren, ein Werk von Jean-Auguste Barre.

Abb. 6 : Fontaine de Diane Chasseresse, par Louis Desprez                             

Bei der Fontaine de Diane Chasseresse im Carré Ledoyen steht auf der Schale die Jagdgöttin Diana, geschaffen von Louis Desprez, und im Carré des Ambassadeurs bekrönt die Liebesgöttin Venus von Francisque Duret die Fontaine des Ambassadeurs (deshalb auch auch Fontaine de Venus genannt).

Abb. 7 : Fontaine de Venus, par Francisque Duret

Abb 8: Fontaine de la Grille du Coq 

Nur die Fontaine de la Grille du Coq hat selbst keine Skulptur. Dafür kann man die schönen Meeresmotive bewundern, mit denen Hittorff -wie auch auf der Place de la Concorde- seine Brunnen ausgestattet hat. Und sein Name ist auch in den Sockel des Brunnens eingraviert. (Abb. 9)

Benannt ist der Brunnen nach dem Hahn auf dem Tor des unweit gelegenen Parks des Élysée-Palastes (Abb. 10)

Für alle Schichten der Gesellschaft und für alle Altersstufen wurden Attraktionen aufgebaut: Bunt bemalte Karussells mit Pferden für die Herren und Kutschen für die Damen drehten sich im Kreis zu Klängen der Jahrmarktsorgel. An den Abenden verbreiteten vergoldete Kandelaber über Plätze und Alleen »eine taghelle phantastische« Beleuchtung“[9] und luden zum abendlichen Prominieren, zu einem Konzert rund um einen Musikpavillon oder zum Tanz in einem der Ballsäle im Park. 

Abb. 11 : Herbst-Nachmittag im Carré Marigny mit Karussels, der Fontaine des Quatre-Saisons und dem Restaurant Le Laurent

Abb. 12: Die Terrasse des Laurent heute

Hittorffs gärtnerische Parkanlage selbst bleibt zwei Jahrzehnte unverändert. Erst unter Haussmann wird sie von Adolphe Alphand im englischen Stil umgewandelt.

Bei den Restaurants und Café-concerts zeigt sich die Anpassungsfähigkeit Hittorffs an den Trend des gehobenen Publikumsgeschmacks. 1841 waren das Café des Ambassadeurs und das Café Morel von Hittorff umgebaut und in ein Café-Concert umgewandelt worden.

Abb. 13 : Rechts das Café des Ambassadeurs, links das Zwillingsgebäude, das Café Morel an den Champs-Élysées

Diese Café-concerts waren in den 1840er Jahren aus den  Café-chantants hervorgegangen. Sie waren deutlich größer, eleganter in der Ausstattung und hatten eine größere Bühne, anfangs für Gesangsdarbietungen und andere musikalische Unterhaltungen, später auch für Varieté-Künstler. Die Café-chantants und Café-concerts waren ein beliebtes Sujet von Künstlern wie Edgar Degas.

Abb. 14 : Edgar-Degas- Au Cafe-Concert; Washington, National Gallery of Art

Die Gäste konnten rauchen, trinken, teilweise auch speisen und wandten sich dabei einem Bühnenprogramm zu, das zwischen Chansons, Couplets, Kleinkunst und Akrobatik wechselte – meist begleitet von einem kleinen Orchester.

Hittorffs Cafés und Restaurants waren ein- oder zweistöckige Bauten  mit Kolonaden, farbig getönten dorischen und ionischen Säulen, auch Karyatiden, bunt bemalten Tür- und Fensterrahmen, Gesimsen und Friesen: schönste Beispiele einer Anspielung auf die polychrome antike Architektur.

Abb. 15 : Pavillon Morel und Pavillon Varin an der Champs-Élysée (Alcazar d’Été und Café des Ambassadeurs).

 Abb. 16 : Pavillon Gabriel im Carré des Ambassadeurs heute

Abb 17: Fries und korinthisches Kapitell vom Pavillon Gabriel

Dazu gehörte auch das Café du Cirque (später Restaurant Marigny, heute Le Laurent genannt) im Carré Marigny und der Pavillon Ledoyen im Carré Ledoyen. Das Café des Ambassadeurs wurde 1926 abgerissen. Heute ist hier das Théâtre de la Ville – Espace Pierre-Cardin). Das Café Morel hieß später Alcazar d’été, jetzt Pavillon Gabriel im Carré des Ambassadeurs.

Auch wenn diese Bauwerke, wie die Café und Restaurants,  heute durch Um- und Anbauten verändert oder nur als Zeichnung erhalten sind (Bedürfnisanstalt!), geben sie uns mit ihren Anleihen aus der Antike und ihrer dezenten Farbigkeit noch eine Vorstellung ihres Charmes und ihrer Heiterkeit.

Abb. 18: Hittorff, Jakob Ignaz, Entwurf für eine Bedürfnisanstalt auf der Champs-Elysées

Abb. 19 : Le Laurent am Carré Marigny

Abb. 20 : Pavillon Ledoyen im Carré Ledoyen mit seinen Karyatiden

Abb. 21: Ledoyen, Detail mit Karyatide

Von der Fülle der vielen kleinen Bauten wie Marionettentheater, Schießstände, Limonaden- oder Milchbuden, Blumen- oder Bäckerstände, Musikpavillons, Karussells bis hin zu den Toilettenhäusern, alle in polychromer Fassung und teilweise im klassischen Gewand, ist kaum etwas erhalten.

Abb. 22 : Eugene Charles François Guerard, Guignols an den Champs-Élysées

Völlig verschwunden ist das für Charles Auguste Guérin 1844 aus Holz erbaute Géorama im Carré Ledoyen, das eine von innen zu betretende Erdkugel beherbergte. Vorbild war das Géorama, das Charles-Antoine Delanglard im Mai 1825 in der Rue de la Paix / Ecke Boulevard de Capucines eröffnet hatte, aber schon 1832 wieder seine Tore schloss.

Abb. 23 : Vue extérieure du Géorama des Champs-Élysées, 1846  

Abb. 24 : Vue intérieur du Géorama des Champs-Élysées

Auch der Salle Lacaze,  benannt nach einem Magier, der hier seine Kunststücke zeigte, ist verschwunden. Das Etablissement, auch als „Château d’Enfer“ (Schloss der Unterwelt) bekannt, war 1849-1850 nach Plänen Hittorffs, aber nicht unter seiner Leitung, zu einem kleinen Theater umgebaut worden. Anlässlich der Weltausstellung von 1855 gestaltete Hittorff für den ebenfalls aus Köln stammenden Jacques Offenbach den Bau zum Théâtre des Bouffes-Parisiens um.  

Abb. 25 : Salle Lacaze, par A. Provost, Musee Carnavalet

Der Bau wurde 1881 abgerissen und durch ein vom Architekten Charles Garnier entworfenes Panorama ersetzt. Dieses wiederum wandelte Édouard Niemans in ein Theater um, das 1896  unter dem Namen Folies-Marigny eröffnet wurde. Heute trägt es den Namen Théâtre Marigny.

Von allen Schöpfungen Hittorffs  an den Champs-Elysées waren die  Rotunde des Panoramas und der Sommerzirkus, der Cirque d’Été, auch unter den Namen Cirque des Champs-Elysées, Cirque de l’Impératrice, Cirque National des Champs-Elysées bekannt, die bedeutsamsten. Auch diese beiden  Bauwerke sind schon längst verschwunden und uns nur in Berichten, Zeichnungen bzw. Photographien erhalten.

Der Sommerzirkus, der Cirque d’Été, und der später am Boulevard des Filles-du-Calvaire erbaute Winterzirkus, der Cirque d’Hiver, der uns als einziger großer Vergnügungsbau Hittorffs erhalten geblieben ist, werden in einem nachfolgenden eigenen Beitrag gewürdigt.

Die Rotunde des Panoramas

Mit dem Begriff Panorama, zusammengesetzt aus dem griechischen ‚pan‘ (= alles) und ‚hòrama‘ (= sehen),  bezeichnet man sowohl eine landschaftliche Darstellung, die einen 360°- Ausblick wiedergibt, als auch die Einheit von Panoramagebäude und der darin ausgestellten Rundleinwand, eine künstlerische und technische Innovation im Ausgang des 18. Jahrhunderts. „Dass das Panorama zuerst als technisch-naturwissenschaftliche Erfindung angesehen wurde“ [10] , zeigt seine Patentierung 1787 durch den irischen Maler Robert Barker, der 1792 das erste Panorama in London eröffnete. Die Panorama-Bauten wurden die großen Illusionsmaschinen des 19. Jahrhundert für ein Massenpublikum.

Abb. 26 : Schnitt durch das Panorama

Zeichnung mit einer Beschreibung durch alphabetische Markierungen. A: Eingang und Kasse; B: dunkler Zugangskorridor; C: Aussichtsplattform; D: Sichtkegel des Betrachters; E: Zylindrische Leinwand; F: Falsches Terrain; G: Trompe l’oeil oder auf die Leinwand gemalte Szene.

Die Charakteristika des Panorama-Baus waren:

  • die hermetische Abschirmung gegen Reize außerhalb des Gebäudes,
  • der dunkle Zugangskorridor, der das Bewusstsein der Besucher, illusorischen Stimuli ausgesetzt zu sein, in den Hintergrund treten ließ,
  • das mit großer Sorgfalt gefertigte, die Augen täuschende (Trompe l’oeil), dreidimensional wirkende zylindrische Panoramagemälde,
  • das  sogenannte „falsche Terrain“, d.h. der visuelle Übergang zwischen Betrachter und gemalter Leinwand mit seinen realen, auf das gemalte Thema bezogenen Gegenständen,
  • die ausgeklügelte Blickführung von der Aussichtsplattform mit Baldachin und Balustrade, die nur den Blick auf das Terrain und das Bild zuließ und so die Wahrnehmung reglementierte und kanalisierte,
  • die hinreichende Größe der Plattform als Aktionsraum, da das Rundbild einen beweglichen Betrachter verlangte, dem sich durch wechselnden Standort die Inszenierung sukzessiv erschloss.

Hierdurch wurde ein Grad der illusionistischen Täuschung erreicht, bei der die erkennbare Grenze zwischen künstlerischem Bild und Wirklichkeit verschwamm oder gänzlich verschwand. Die virtuelle Umgebung wurde als real empfunden und führte zur Illusion, spektakuläre Ereignisse mitzuerleben, inmitten großartiger Landschaften und Städte zu stehen oder an Reisen in ferne Länder teilzunehmen.

 „Ein Kriegsveteran soll vor einem Panorama des Malers Langlois begeistert in die Runde gerufen haben: ‚Das ist die Stelle, wo eine Kartätsche mein rechtes Bein zerschmetterte‘; eine um ihre Frisur besorgte Dame spannte ‚vor einem Gewitter‘ ihren Regenschirm auf; ein beträchtlicher Neufundländer war nur mühsam daran zu hindern, im gemalten Wasser ein Bad zu nehmen; energische Offiziere zogen im Angesicht des Feindes reihenweise die Degen. Und die englische Königin Charlotte soll während ihres Besuches in einem    Panorama Robert Barkers, das die russische Flotte vor Spithead auffahren ließ, tatsächlich seekrank (das heißt: seh-krank) geworden sein.“ [11]

Heute, wo es die Technologie dem Benutzer nicht nur ermöglicht, in eine virtuelle Realität einzutauchen, sondern auch mit ihr zu interagieren (Stichwort Virtual-Reality-Head-Set), lässt sich das Panorama-Konzept als die Frühform eines immersive virtual environment,  eines Eintauchen in eine virtuelle Umgebung, beschreiben.

„Die Anziehungskraft der Rotunden hängt mit der Bereitschaft der Besucher zusammen, das Interaktionsangebot anzunehmen. Der Effekt hängt nicht nur mit der illusionistischen Machart zusammen, sondern auch mit erlernten Rezeptionsweisen: Bilder als Abbilder der Wirklichkeit zu erkennen und (vor allem) zu akzeptieren. … Das Wissen um ästhetische Differenz zwischen Wirklichkeit und ihrer Darstellung ist sogar ein Hauptgrund für das Vergnügen, mit dem illusionistische Darstellungen betrachtet wurden und werden.“ [12] Das gilt auch für das Virtual-Reality-Head-Set.

Erste Panoramen in Paris

Der amerikanische Erfinder Robert Fulton erwarb von Barker 1799 das Importpatent für Paris, das er wenig später an seinen Landsmann James Thayer verkaufte. Zwei Rotunden wurden von Thayer, anfangs wohl zusammen mit Fulton, der aber bald nach Amerika zurückkehrte,  in einem Teil des Gartens des ehemaligen Kapuziner-Konvents, im Jardin d’Apollon, errichtet. Hier wurden eine Ansicht von Paris und die Einnahme und Belagerung von Toulon, später weitere Ansichten, u.a. von Lyon und Rom gezeigt, gemalt von Pierre Prévost. Ende 1802 entstand eine dritte Rotunde im Jardin des Capucines, Boulevard de la Chausée d’Antin.

Nur von den beiden Panoramen, die Thayer im Bereich des Hôtel de Montmorency-Luxembourg und dessen Garten zusammen mit einer Passage am Boulevard Montmartre erbauen ließ, gibt es noch Darstellungen. Die schlichten Rotunden mit 14 m Durchmesser und 7 m Höhe, in denen Ansichten von London, Neapel, Amsterdam und Rom zu sehen waren, wurden  1831 abgerissen, erhalten blieb die Passage des Panoramas.

Abb. 27 : Théâtre des Variétés et le passage des Panoramas, Boulevard Montmartre, um 1825

Nach dem Tode von Pierre Prévost 1823 wurde Jean-Charles Langlois zu einem der wichtigsten französischen Vertreter des Grenres der Panoramamalerei und zum Bauherrn weiterer Panorama-Rotunden. Langlois, Eleve de l’X (d.h. der École Polytechnique),  Offizier der kaiserlichen Garde, wurde bei  Waterloo schwer verwundet, schied  im Rang eines Obersts aus und studierte in der Zeit der Restauration Kunst. Berühmt wurde er wegen seiner riesigen 360°-Panorama-Gemälde, die er in drei verschiedenen Einrichtungen zeigte. Das erste Panorama ließ Langlois in der Rue des Marais-du-Temple errichten, eine Rotunde mit einem Durchmesser von 35 Metern und einer Höhe von 12 Metern. Waren die ersten Themen noch den Siegen der Bourbonen gewidmet (Navarino und Algier), so folgten bei dem überzeugten Bonapartisten die Siege Napoleons I. (u.a. die Schlacht bei Moskau, die Schlacht bei den Pyramiden) und die Siege Napoleons III. (die Einnahme von Sewastopol und die Schlacht von Solferino). Alle diese Panoramen hielten die Erinnerung an die militärische Größe Frankreichs wach.

Hittorffs Panorama

1838 beabsichtigte Langlois den Bau eines weiteren Panoramas im aufstrebenden Vergnügungsviertel an den Champs-Élysées. Sein Unternehmungsgeist deckte sich dabei mit den Vorstellungen des Präfekten Rambuteau.  Langlois pachtete ein Gelände im Carré du Rond Point, und Hittorff, der sich schon längere Zeit mit diesem Thema beschäftigt und eine Reise nach England zum Studium derartiger Bauten unternommen hatte, erhielt den Auftrag. Hier zeigt sich wiederum, wie intensiv er sich auf seine Bauaufgaben vorbereitete. Wir hatten diese Arbeitsweise beim Gare du Nord gesehen, wo er zuvor die Eisenbahnhöfe in England studierte.

Der Bau hatte eine Höhe von fünfzehn und einen Durchmesser von vierzig Metern mit einer kegelförmigen Überdachung, war also wesentlich größer als die bisherigen Panoramabauten. Das eigentliche zylindrische Panorama wurde kostengünstig aus Holz errichtet und mit einem steinernen dreistöckigen geschlossenen Arkadenring eingefasst.

Abb. 28: Hittorff, Jakob Ignaz, Champs Élysées, Grand Carré, Panoramarotunde.

Über die Dachlaterne wurde das Rundbild beleuchtet. Ohne innere Stützen, die ihre Schatten auf das Panoramabild geworfen hätten, entwarf Hittorf eine kühne Dachkonstruktion. Der hölzerne Dachstuhl hing an zwölf schmiedeeisernen Zugbändern, die zum Abfangen der großen Last über gusseiserne Standsäulen geführt wurden und im umgebenden Säulenlauf des massiven steinernen Arkadenringes verankert waren.

Abb. 29 : Abb. aus Description de la Rotonde des Panoramas. (Ausschnitt)., Jacques-Ignace Hittorff, 1842

Durch diese geniale Konstruktion konnte die Dachlast, ohne einen seitlichen Druck auf die Außenwände auszuüben, senkrecht abgeleitet werden. Wir sehen hier eine ebenso hohe Ingenieurskunst, wie bei dem Lesesaal des Architekten Henri Labrouste in der Pariser Bibliothèque Nationale und seinem von Sigfried Giedion gelobten dünnen Tonnengewölbe in der Bibliothèque Geneviève. Hier wie dort ruht die Konstruktion, ohne Seitenschub, im eigenen Gleichgewicht. „Ein solch schwebendes Gleichgewicht zu erreichen, wurde eine Hauptaufgabe der Ingenieure in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“[13]  Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Hittorff diese Konstruktion nicht verbirgt: „Hittorff zeigte hier ganz bewusst nach außen die Konstruktion, ja er ordnete die Form dem Material und dem Konstruktionsprinzip unter. In seiner Zeit eine völlig neue Verfahrensweise.“ [14] Erst Jahre später wird man am Pariser Warenhaus La Samaritaine  die Zurschaustellung des konstruktiven Tragwerk-Systems an den Gebäudeaußenseiten sehen- und wieder Jahre später besonders eindrucksvoll am Centre Pompidou.

Der dreigeschossige steinerne Ring mit seiner polychrom bemalten Außenfassade folgte in seiner Anordnung und seinen Elementen der Tradition der klassischen Baukunst: eine Arkade mit dorischen Pilastern, die das erste und zweite, Rundbogenfenster, die das dritte Geschoss umschlossen. Von den ursprünglich geplanten vier einander gegenüberliegenden Eingängen mit vorgelagerten Balkonen, die auf Säulen-gestützten Rundbögen ruhten, wurde nur ein Eingang realisiert. Die im klassizistischen Stil gestaltete Außenfassade und die Konstruktionsform eines antiken Zeltdaches, das an die Aufhängung des Velums im Colosseum erinnert, verliehen dem Bau eine besondere Pracht. „Seine Kühnheit erregte wohl allgemeines Aufsehen, aber auch die Bedenken der um die Sicherheit der Besucher besorgten Behörden“ [15], die Hittorff aber zerstreuen konnte.

1839 wurde die Rotunde mit dem Panoramabild des brennenden Moskaus von Langlois eingeweiht. Das originale Panoramabild blieb nicht erhalten. Ein Gemälde von Langlois im  Musée des Beaux-Arts de Caen gibt uns eine Vorstellung von der Wirkung auf das Publikum, das von der Plattform in der Mitte des Baus „das schaurig-schöne Schauspiel des Brandes von Moskau“ [16] erlebte.

Abb. 30: Jean-Charles Langlois, Der Brand von Moskau, Napoleon verlässt den Kreml

Das Panorama-Gebäude wurde 1855 in die Gebäude der Weltausstellung integriert und als Ausstellungshalle genutzt.  Im folgenden Jahr, beim Durchbruch der heutigen Avenue Franklin Roosevelt zur Avenue Winston Churchill, wurde der Bau abgerissen und 1858 durch ein Panorama von Gabriel Davioud ersetzt, das später zum Palais de Glace, dem Eispalast, und dann zum Théâtre du Rond-Point umgebaut wurde.

Die große Zeit der Panoramen, die schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert abflaute, erlebte  in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts noch einmal einen Höhepunkt. Die Themen waren jetzt nicht mehr Natur-, Landschafts- und Städtedarstellungen, sondern historische Bilder, insbesondere Schlachtendarstellungen – im Kontext zu den nationalistischen, chauvinistischen und kolonialistischen Tendenzen dieser Zeit. Sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite entstanden nach 1871 Panoramen, um die siegreichen deutschen Truppen auf der einen und den heldenhaften Widerstand der unterliegenden Franzosen auf der anderen Seite zu feiern und den Geist der Revanche wachzuhalten.  In Paris wurde zu diesem Zweck 1882  in einer Seitenstraße der Champs Elysées ein Panorama national genannter Bau errichtet. [17]

Die Panoramen waren, wie Franz Becker [18] schreibt, „keineswegs nur Elemente des großstädtischen Vergnügungsbetriebes, […] Sie waren Stätten eines nationalen Erinnerungskultes.“ Becker spricht vom „Doppelgesicht“ des Panoramas, „weil es gleichzeitig Massenmedium und Erinnerungsort war, […] Die neuere Forschung hat betont, in welch hohem Maße die modernen Nationalstaaten nicht nur faktisch, sondern auch kollektivpsychologisch »Kriegsgeburten« sind. Das Panorama identifizierte die Nation mit ihrem Schlachtenschicksal, und es präsentierte seine Botschaft gleichzeitig in einer Form, die so populär und eingängig war, dass sie auch die breite Mittelschicht, ja sogar die Unterschicht erreichte.“

Als „die Bilder laufen lernten“, d.h. mit dem Kino, hatte die Stunde der Panoramen geschlagen. Sie verschwanden bis auf ganz wenige Ausnahmen als Unterhaltungsmedium für das Massen-publikum. Dass sie aber auch im Zeitalter der neuen Medien noch aktuell und attraktiv sein können, zeigt der Erfolg des Pergamon-Panoramas in Berlin.[19]

In einem weiteren Teil zu Hittorffs Vergnügungsbauten werden wir uns seinen Zirkusbauwerken, dem verschwundenen Sommerzirkus an den Champs-Élysées und dem noch erhaltenen Winterzirkus (cirque d’hiver) am Boulevard der Filles du Calvaire zuwenden.

Ulrich Schläger

Aktuelles zur Orientierung und Anregung

von Wolf Jöckel

Abschließend zur Orientierung und als Anregung eine aktuelle Karte der jardins des Champs-Élysées zwischen dem Rond point des Champs-Élysée und der place de la Concorde (Abb.31). Für die Hittorff’schen Vergnügungsbauten relevant sind

  • das Carré Marigny links oben mit dem Le Laurent, der Fontaine du Cirque/des quatres saisons, dazu dem Théâtre Marigny
  • rechts davon das Carré de L’Élysée mit der Fontaine de la Grille du Coq; ganz rechts, angrenzend an die Place de la Concorde das Carré des Ambassadeurs mit dem Pavillon Gabriel und der Fontaine des Ambassadeurs/Fontaine de Venus
  • zwischen der avenue des Champs-Élysées und der Seine das Carré Ledoyen mit dem Ledoyen und der Fontaine de Diana.

Dazu gibt es noch viel mehr zu sehen und zu entdecken!

Beispielsweise die Gedenktafel für Ödon von Horvath am Théâtre Marigny (Abb.32):

Ödön von Horvath, deutschsprachiger Dramatiker und Schriftsteller, geboren 1901, gestorben am 1. Juni 1938 gegenüber dem Marigny-Theater, erschlagen von dem Ast eines Kastanienbaums, der bei einem Sturm abgebrochen war. Hommage von seinem Verleger Thomas Sessler Verlag, Wien, 3. Juni 1998[20]

Horvath, dessen Bücher 1933 in München von den Nazis verbrannt wurden, hatte 1933 zunächst Deutschland, 1938 nach dem „Anschluss“ auch Österreich verlassen, aber die Hoffnung nicht aufgegeben, wie das Gedicht zeigt, das man, auf eine Zigarettenschachtel notiert, in der Manteltasche des Toten fand:

Was falsch ist, wird verkommen / Obwohl es heut regiert
Was echt ist, das soll kommen / Obwohl es heut krepiert.

Im Carré de l’Élysée gibt es ein schönes Denkmal von Georges Jeanclos für den Widerstandskämpfer Jean Moulin aus dem Jahr 1984 (Abb.33):

Es besteht aus 5 Bronze-Stelen, von denen eine das Portrait Jeans Moulins trägt. [21]

Im Carré Ledoyen hinter dem Petit Palais steht der poppig-bunte Blumentstrauß von Jeff Koons (Abb.34):

Koons hat seinen -sehr umstrittenen- Blumenstrauß 2019 der Stadt Paris geschenkt aus Anlass der islamistischen Anschläge vom 13. November 2015 (u.a. im Bataclan), bei denen 130 Menschen ermordet wurden.

Abb. 35: Alison Saar: Salon (2024)

Die Frau mit der olympischen Flamme ist Teil einer größeren Werkgruppe der kalifornischen Künstlerin Alison Saar. Traditionell erhält die Stadt, die die Olympischen Spiele ausrichtet, vom IOC ein Kunstwerk als Geschenk, das von einem Künstler/einer Künstlerin aus der Stadt der nachfolgenden olympischen Spiele konzipiert wird. Saar will mit ihrem Werk die Weltoffenheit und integrative Kraft der olympischen Idee zum Ausdruck bringen. Neben der Frauenfigur ein israelischer Junge, mit dem und dessen Eltern ich ins Gespräch kam, als ich die Plastik aufnehmen wollte.

Das ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was die Gärten der Champs-Élysées zu bieten haben. Ein Spaziergang mit offenen Augen -nicht nur- auf den Spuren von Ignaz Hittorff lohnt sich also sehr! Wolf Jöckel


Anmerkungen:

[1] zitiert nach Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968

[2] Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022, hier S.244

[3]Das Panorama ist ein Rundbau, eine Rotunde, in dem sich auf einer Leinwand eineperspektivische Darstellung von Landschaften oder Ereignissen in Form eines 360°Rundbildes befindet, die von einer Plattform im Zentrum zu sehen ist und den Eindruck vermittelt, real inmitten einer Landschaft oder eines Geschehens zu stehen. Varianten ohne eine 360°-Sicht, dafür mit beweglichen Bildstreifen oder Längenbilder werden im deutschsprachigen Raum als Cyclorama bezeichnet. Beim Cyclorama wurde eine Leinwand an den Besuchern vorbeigezogen und damit beispielsweise eine Eisenbahn- oder Schifffahrt simuliert. Das Neorama (griech.) bezeichnet eine Variante des Panoramas, bei welcher man, im Unterschied zum Diorama, von der Mitte eines Raumes aus ein Rundgemälde sieht, das das Innere eines Gebäudes darstellt. Ein Neorama kann von Figuren belebt und wechselnd illuminiert werden. Das erste Neorama war 1827 in Paris zu sehen und zeigte das Innere der Peterskirche in Rom, in einem eigens dazu errichteten Gebäude. Ein Diorama war ursprünglich eine von Louis Daguerre erfundene abgedunkelte Schaubühne mit halbdurch-sichtigem, beidseitig unterschiedlich bemaltem Prospekt. Durch wechselnde Beleuchtung von Vorder- und Rückseite konnten Bewegungen und Tageszeiten effektvoll simuliert werden. Georama ist ein großer, hohler, innen begehbarer Globus, welcher auf der inneren Fläche Darstellungen der Kontinente, Meere, Gebirge, Flüsse etc. enthält, die man vom Mittelpunkt aus überschaut.

Eine besondere Panorama-Variante waren die um 1800 äußerst beliebten Panorama-Tapeten. Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[4] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.233

[5] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.233

[6] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.242

[7] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.246

[7a] Zu Hittorffs Brunnen s.a. Auguste Barre, Bassins et fontaines des jardins des Champs-Élysées. In: Jacques Barozzi, Paris de fontaine en fontaine. Parigramme 2010, S.67

[8] Siehe auch: https://www.histoires-de-paris.fr/fontaines-jardins-champs-elysees/

[9] Karl Hammer, ebda.

[10] Gabriele Schmid:  Illusionsräume – Mesdags Panorama, Monets Seerosen,  Boissonnets Hologramme und Kirchen der Gebrüder Asam, Konstruktionen und Vermittlungsstrategien; Inauguraldissertation, Berlin, 1999.

[11] zitiert nach Felix Luderer. Ein Blog: Das Panorama als Massenmedium https://felixluderer.wordpress.com/2017/11/14/massenmedium-panorama/

[12] Gabriele Schmid, ebd.

[13] Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel :  Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition,   Harvard University Press

[14] Karl Hammer, ebd.

[15] Karl Hammer, ebd.

[16] Karl Hammer, ebd.

[17] Siehe dazu den Abschnitt „Die Schlacht von Champigny als Gegenstand deutscher und französischer Panoramen“ in:: https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

s.a. https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/tableaux/le-panorama-de-la-bataille-de-champigny-18811882/#:~:text=Le%20panorama%20fut%20inaugur%C3%A9e%20%C3%A0,le%20glas%20de%20son%20existence.

[18] Frank Becker: Augen-Blicke der Größe. Das Panorama als nationaler Erlebnisraum nach dem Krieg von 1870/71; Text aus:Jörg Requate: Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft, Walter de Gruyter, 24.10.2013

[19] https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/pergamonmuseum-das-panorama/home/

[20] Mehr zu Ödön von Horvath siehe: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-oedoen-von-horvath-sonnenuntergang-100.html#:~:text=%C3%96d%C3%B6n%20von%20Horv%C3%A1th-,Sonnenuntergang%20im%20Wienerwald,Person%20in%20der%20NS%2DDiktatur. Bei google-maps ist die Gedenktafel übrigens eine „hommage à Thomas Sessler“…

[21] https://paris1900.lartnouveau.com/paris08/jardins_champs_elysees/monument_jean_moulin.htm

Literatur :

Abbildungsverzeichnis:

Abb.1: Jakob Ignaz Hittorf, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1835 (Bild beschnitten), Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Abb.2: Hittorff – Notre Dame, Taufe des Herzogs von Bordeaux, dekorativer Aufbau der Vorhalle, 19. Jh. WRM & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. H. u. L. 174. Rhein.Bildarchiv Köln

Abb.3: Vergnügungsviertel zwischen Place de la Concorde und Rond-point an den Champs-Élysées Marie-Hilaire Guesnu, Le nouveau Paris.  Panorama-Plan, donnant avec l’aspect général de la ville, ses monuments, boulevards, jardins &a (Detail) Bildquelle : Musée Carnavalet, Histoire de Paris

Abb.4: Jakob Ignaz Hittorff, Projekt für Verschönerungsarbeiten an den Champs-Élysées. Grundriss, 3. Zustand. (Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud; Rheinisches Bildarchiv, rba coo5341, April 1835 Das Bild ist im Rheinischen Bildarchiv seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend publiziert. Das wurde bei der obigen Abbildung korrigiert. Der Rond-Point zeigt nur einen zentralen Brunnen und nicht 6 Brunnen wie bei der später entstanden Vogelansicht des Vergnügungsviertels von Marie-Hilaire Guesnu (Abb.3).

Abb.5: Fontaine du Cirque, ou des Quatre-Saisons. Foto: Wolf Jöckel

Abb.6 : Fontaine de Diane Chasseresse, par Louis Desprez. Foto: Wolf Jöckel                           

Abb.7 : Fontaine de Venus, par Francisque Duret. Foto: Wolf Jöckel

Abb 8: Fontaine de la Grille du Coq. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 9: Hittorffs Name auf dem Schaft des Brunnens. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 10: Grille du Coq – Eingang zum Garten des Élysée-Palasts. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 11 : Herbst-Nachmittag im Carré Marigny mit Karussels, der Fontaine des Quatre-Saisons und dem Restaurant Le Laurent (Dimanche d’automne aux Champs-Elysées au 19e siècle); Bildquelle (MeisterDrucke-921553)

Abb.12: Die Terrasse de Laurent heute. Foto: Wolf Jöckel (2024)

Abb.13 : Rechts das Café des Ambassadeurs, links das Zwillingsgebäude, das Café Morel an den Champs-Élysées,  Bild von A. Provost, Musée Carnavalet (Auschnitt).

Abb.14: Edgar Degas: Au Cafe-Concert; Washington, National Gallery of Art

Abb. 15 : Pavillon Morel und Pavillon Varin an der Champs-Élysée (Alcazar d’Été und Café des Ambassadeurs). Teilansicht der Hauptfassade mit Angaben über den polychromen Dekor (1842). Abb. aus: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungs-katalog. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21. Januar bis 22. März 1987, S.208, Kat.-Nr. 248 

Abb. 16 : Pavillon Gabriel heute. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 17: Fries und korinthisches Kapitell vom Pavillon Gabriel. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 18: Entwurf für eine Bedürfnisanstalt auf den Champs-Élysées; Köln, Wallraf-Richartz-Museum, (Ausschnitt), in: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungskatalog. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21. Januar bis 22. März 1987, S.208, Kat.-Nr. 248

Abb.19 : Le Laurent am Carré Marigny. Foto: Wolf Jöckel

Abb.20 : Pavillon Ledoyen mit seinen Karyatiden. Foto: Wolf Jöckel (2024)

Abb. 21: Pavilllon Ledoyen, Detail mit Karyatide

Abb.22 : Eugene Charles Francois Guerard – guignols Champs-Élysées (Meister-Drucke)

Abb.23 : Vue extérieure du Géorama des Champs-Élysées, Abb. aus Le Géorama des Champs-Élysées,  L’Illustration, Journal universel, n° 166, vol. VII, 2 mai 1846 – BnF,                  

Abb.24: Vue intérieur du Géorama des Champs-Élysées ; Abb. 17 aus Le Géorama des Champs-Élysées,  L’Illustration, Journal universel, n° 166, vol. VII, 2 mai 1846 – BnF, département des Estampes et de la Photographie

Abb.25: Salle Lacaze, par A. Provost, Musee Carnavalet

Abb.26: Schnitt durch das Panorama; Abb. aus: Laurent Lescop. Panoramas oubliés : restitution et simulation visuelle. Cahier Louis-Lumière, 2016, Archéologie de l’audiovisuel, 10

Abb.27: Théâtre des Variétés et le passage des Panoramas, Boulevard Montmartre, vers 1825 (Musée Carnavalet)

Abb.28: Hittorff, Jakob Ignaz, Champs Elysées, Grand Carré, Panoramarotunde., Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Ch. 686a. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c004790

Abb.29: Schnitt und Grundriss des Panoramas aus : Description de la Rotonde des Panoramas.., Jacques-Ignace Hittorff, 1842

Abb.30: Jean-Charles Langlois, L’incendie de Moscou, Napoléon quittant le Kremlin ; Musée des Beaux-Arts de Caen, M. Seyve photographe.

Abb. 31: Karte der jardins des Champs-Élysées. https://fr.wikipedia.org/wiki/Jardins_des_Champs-%C3%89lys%C3%A9es

Abb. 32: Gedenktafel für Ödon von Horvath am Théâtre Marigny. Foto: Wolf Jöckel

Abb.33: Denkmal für Jean Moulin. Foto: Wolf Jöckel

Abb.34: Jeff Koons, Bouquet de Tulipes. Foto Wolf Jöckel. Siehe dazu: https://www.beauxarts.com/grand-format/pourquoi-les-tulipes-de-jeff-koons-irritent-elles-autant/

Abb. 35: Alison Saar: Salon (2024). Foto: Wolf Jöckel. Siehe dazu: https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/l-info-culturelle-reportages-enquetes-analyses/sculpture-olympique-de-paris-2024-d-alison-saar-d-une-fonderie-auvergnate-aux-jardins-des-champs-elysees-5547090

Weitere Beiträge Ulrich Schlägers über Hittorff und Paris:

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles (Juni bis September 2024)

Dekorative Naturphantasien

Im gewaltigen Raum des Orangeriegewöbles eröffnet sich eine überwältigende Fülle phantasievoll gestalteter Naturräume, ohne Abbildung real existierender Pflanzen – wie im schönen Frankfurter Paradiesgärtlein – oder von Tieren oder gar Menschen. Von Menschenhand sind lediglich angedeutete Bogenstrukturen, eine Grotte, ein Brunnen als Bezüge zum Ausstellungsthema. Und ein Sakralbau – eine Kirche mit der Kuppel einer Moschee? Alle Darstellungen bleiben Abstraktionen von uns bekannter Natur. Keine Exotik à la le Douanier Rousseau.  Bäume, Blumen, Gräser kommen uns heimisch vor, auch ohne konkrete Zuordnung. Ihre Transformation ins Abstrakte erhöht den Reiz des Zauberhaften, des Geheimnisvollen, Magischen. Es lohnt sich, langsam an den Wänden entlangzugehen.  Dabei fallen immer wieder lockende kleine Ausschnitte sozusagen in Postkartengröße ins Auge. Auf diese Weise sieht man auch genauer die reiche Detailarbeit, mit der die Stoffe bestickt sind. Die äußerst minutiöse und vielfältige Sticktechnik überrascht wie die zarten Naturfarben, die überwiegen. Besonders viel Schwung entsteht allerdings durch die Strichelung – die an van Gogh erinnert -für einen bewegten Hintergrund. Sehr gelungen die Lösung, sprudelndes herunterstürzendes Wasser mit freihängenden weißen Fäden lebendig zu machen – passend zu den gleichzeitig gezeigten Wasserspielen im Schlosspark. Die Ausstellung ist eine Einladung, die Stickerei mit all ihren Details in Ruhe zu betrachten und sich daran zu erfreuen.[1] Frauke Jöckel

Ein Ausstellungsbericht

Vom 18. Juni bis zum 29. September 2024 ist in der Orangerie des Versailler Schlosses Eva Jospins monumentales Werk „Chambre de soie“ (Ein Zimmer aus Seide) ausgestellt.

Für Eva Jospin ist dies eine ganz neue Facette ihres Werks. Denn das von ihr üblicherweise verwendete Material ist nicht Seide, sondern Wellpappe, die sie mit Messer, Schere und Kleister schneidet und in Schichten verklebt, so dass phantasievolle Naturlandschaften und Architekturen entstehen.

Panorama d'Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris)

©  Jean-Pierre Dalbéra [2]

Dies ist eine für Jospins Arbeiten charakteristische, aus Karton gefertigte Waldlandschaft. Sie befand sich im Innern eines 2016 im cour carrée des Louvre aufgestellten Panoramas: Innen die Natur, außen Metall und in dessen Spiegelung die umgebende Architektur des Louvre-Innenhofs.

Außenansicht des Panoramabaus mit der Spiegelung der Architektur des Louvre-Innenhofs                ©  Jean-Pierre Dalbéra [3]

Diese Installation war der künstlerische Durchbruch Eva Jospins, deren Status als Tochter des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten und unglücklichen Präsidentschaftskandidaten von 2002 anscheinend ihrer Karriere eher hinderlich war. Seit der Louvre-Installation hat sie aber ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb. Beispielsweise erhielt sie den Auftrag, einen der neuen Bahnhöfe des Grand Paris Express künstlerisch zu gestalten.

Fassade des Bahnhofs Hôpital Bicêtre der neuen verlängerten Metro- Linie 14- aufgenommen an einem regnerischen Tag… (Beton-Abguss des Wellpappe-Modells mit Wurzeln/Lianen aus Bronze)

Mit dem Seidenzimmer knüpft Eva Jospin an die Panorama-Installation von 2016 an – allerdings mit gänzlich anderem Material und in linearer Form.

Inspiriert wurde sie bei beiden Projekten von den großen Panoramen des 19. Jahrhunderts[4], bei dem neuen Werk aber auch von dem Seerosen-Panorama Monets im Pariser Musée de l’Orangerie, das sie vor Beginn der Arbeit an dem Seidenzimmer intensiv studiert habe.

Auch insofern bietet die imposante Architektur der Versailler Orangerie für Jospins Stickerei von 107 Länge und mehr als 350 qm2 einen wunderbaren Rahmen.

Den Blick von der Schlossterrasse (Parterre de l’Orangerie) auf den darunter liegenden Garten der Orangerie kann man kaum verfehlen, wenn man den Schlosspark betritt.

Er hat zu allen Jahreszeiten seine Reize.

Im Gewölbe darunter werden im Winter etwa 1500 kälteempfindlichen Gewächse wie Palmen und natürlich Orangen- und Zitronenbäume untergestellt.[5]

Es ist ein grandioser Raum….

… hier der Eingang für die Bäume:

… und hier der für die Besucher der Ausstellung:

…. alles überwacht von Berninis Sonnenkönig hoch zu Ross.

Im Sommer ist dort Platz für Ausstellungen – diesmal für das von Eva Jospin entworfene gestickte Natur- und Architekturpanorama.

Es geht zurück auf die von Dior beauftragte Ausschmückung einer Modenschau im Musée Rodin im Juli 2021.  Sie fand in einem Pavillon statt, dessen Wände U-förmig mit der Stickerei Jospins bedeckt waren- deshalb auch der Name „chambre de soie“.  Darin war Platz für den Laufsteg der Mannequins und die Plätze der ausgewählten erlauchten Gäste.[6]

Hergestellt wurde die Traumlandschaft nach detaillierten Entwürfen und Angaben Jospins von 320 Stickerinnen der Ateliers Chanakya in Bombay und der zusammen mit Dior gegründeten Chanakya School of Craft: In Europa hätte es wohl kaum das know how für ein solches monumentales Projekt gegeben, und wenn, dann wohl auch nur zu selbst die Möglichkeiten von Dior überschreitenden Kosten. Dior sieht in der Schule aber vor allem ein feministisches Entwicklungsprojekt: Stickerei sei in Indien traditionell den Männern vorbehalten und jetzt erhielten gerade Frauen eine handwerkliche Stickerei-Ausbildung auf höchstem Niveau.[7]  Auftraggeber und Abnehmer ihrer Arbeiten sind inzwischen zahlreiche Modehäuser aus aller  Welt.

Die Kunstfertigkeit der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sich die Stickerei aus der Nähe betrachtet: Auf die seidene Grundlage wurden Fäden aus Jute, Seide und  Baumwelle gestickt, mit 150 verschiedenen Stichtechniken und mehr als 400 Nuancen aus Naturfarben! Dazu Eva Jospin: „Wenn man die unglaublichen Details aus der Nähe sieht, wird deutlich, dass es Werke gibt, die nicht virtuell sein  können, sondern leben müssen.“[8]

Nach der Modenschau im musée Rodin war Jospins Werk eine Woche lang dort für die Öffentlichkeit zugänglich und verschwand dann in den Magazinen von Dior: Ein wahnwitziger Aufwand für imgrunde nur wenige Stunden.

Als Parallele sieht Jospin hier den gewaltigen Aufwand, den Fürsten der Renaissance und vor allem des Barock für festliche  Ereignisse und Stunden betrieben haben:

„Architekturen, die von transalpinen Künstlern wie Leonardo da Vinci für festliche Ereignisse geschaffen wurden, wurden an allen europäischen Höfen aus Anlass von Hochzeiten, Geburtstagen und Krönungsfeierlichkeiten aufgegriffen. Heutzutage erinnern Modenschauen an diese Art von kurzlebigen Ereignissen: Sie erfordern Monate von Vorbereitung für einige Stunden der Präsentation. Die Kunst und die Mode sind historisch verwandt. Ein fruchtbarer Austausch: Ich hätte sonst niemals so viele finanzielle Mittel und ein so außerordentliches Maß an handwerklicher Kompetenz zusammenbringen können, die notwendig waren, um dieses Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ [9]

Eva Jospin vor ihrem chambre de soie in der Orangerie von Versailles © Château de Versailles / T. Garnier)[10]

Gerade im Zeitalter Ludwigs XIV. spielten aufwändige Feste mit ephemeren Aufbauten eine zentrale Rolle als Repräsentationsmittel von Herrschaft.[11] Auch insofern ist Versailles ein passender Ort für die Ausstellung des monumentalen und vielleicht auch ephemeren Werks von Eva Jospin.

Eva Jospin hat aus Anlass der Ausstellung ihr Panorama erweitert und durch zusätzliche Bildtafeln einen direkten Bezug zu Versailles hergestellt. Da gibt es -ziemlich unverkennbar- die  berühmte, aber nicht mehr erhaltene Thetis-Grotte aus dem Park

Die Grotte de Téthys. Kupferstich von Gabriel Perelle (1604-1677)[12] 

Ganz deutlich ist auch der Hinweis auf das -ebenfalls nicht mehr erhaltene- Labyrinth von Versailles.[13]

Ein Brunnen im verschwundenen Labyrinth: Der Uhu und die Vögel. Kupferstich von Sébastien Leclerc (1637-1714)

Auch einen Hinweis auf die kunstvolle Umrandung des bosquet de l’Encelade kann man in dem Versailler chambre de soie finden.

Aber immer hat man bei der Betrachtung des Seidenzimmers Jospins den Eindruck, dass die Natur stärker ist als das von Menschen Geschaffene – manchmal drängen sich da Assoziationen zu Stätten wie Angkor Wat auf, wo die Natur allmählich die Architektur überwuchert: Eine der Inspirationsquellen Jospins ist nicht von ungefähr der Maler Hubert Robert, der sich um 1800 vor allem als „peintre de ruines“, als Ruinenmaler, einen Namen machte. Insofern darf man das Panorama, vor dem zunächst die bildhübschen Mannequins entlangschritten und posierten, auch als ein Momento mori betrachten…

Das in der Orangerie von Versailles ausgestellte Werk Eva Jospins lädt zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Assoziieren, zum Meditieren. Es wäre schön, wenn es nach dem Ende der Ausstellung nicht endgültig in den Magazinen von Dior verschwinden und verstauben würde…

Praktische Informationen:

Eva Jospin: Versailles. Ausstellung in der Orangerie des Schlosses. 18. Juni bis 29. September 2024

Täglich außer montags 9.00 – 18.30 Uhr

Eintritt mit einem Schlossticket (21 Euro) oder einer Eintrittskarte für die Grands Eaux (10.50) oder die Grands Eaux Nocturnes (32 Euro). Daten für die Grands Eaux siehe: https://www.chateauversailles.fr/preparer-ma-visite/billets-tarifs


Ein Kommentar von Ulrich Schläger:

Danke für die beeindruckenden Impressionen über die wunderschönen Werke von Eva Jospin und die Verweise auf die Inspirationen durch Le Nôtre. Hoffen wir, dass Jospins Phantasien zu  Le Nôtres Gartenkunst  nicht in den Magazinen von Dior verschwinden und zu einem der vielen ephemeren Kunstwerke werden,  die für immer unseren Augen entschwinden und die für uns nur ein kurzer glückhafter Moment waren. Man möchte Jospins Kunst zurufen:  Verweile doch, du bist so schön!  Doch: »Glück, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverlässigst Ephemere ist das Glück.« (Melanie Unseld: Reizvolles Verschwinden, mdw-WebMagazin, 28. 02.2022)

Zu Eva Jospin siehe auch folgende Blog-Beiträge:

Anmerkungen:

[1] Alle Bilder dieses Berichts stammen, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) L’Intérieur du Panorama

[3]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) Außenansicht des Panoramas

Siehe dazu: panorama d‘ eva jospin (bilingue): AU MUSEE DU LOUVRE. Beaux Arts- Éditions 2016  von Daria de Beauvais u.a.

[4] Zu den Panoramen siehe den Blog- Beitrag über Hittorffs Vergnügungsbauten in den Jardins des Champs-Élysées: https://paris-blog.org/2024/09/10/im-reich-der-sinne-illusionen-und-sensationen-hittorffs-vergnugungsbauten-eine-synthese-von-klassik-und-kirmes-von-ulrich-schlager/

S.a. die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/ und https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://en.chateauversailles.fr/private-hire-orangery

[6] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[7] Nachfolgendes Bild aus https://chanakya.school/about/index.php. Infos aus: https://chanakya.school/collaborations/eva-jospin.php und https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[8] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[9] Laurent Boudier, Continuer so travail sur soie. In: Télérama Sortir 3884 vom 19.6.2024

[10] Eva Jospin devant sa Chambre de soie dans l’orangerie du château de Versailles. Photo service de presse. © Château de Versailles / T. Garnier)

[11] Siehe: Christian Quaeitzsch, Ephemere Kunst am Hofe des Sonnenkönigs changement und mouvement als Repräsentationsmittel von Herrschaft.  https://www.archimaera.de/article/view/30/28 Siehe auch: https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/3d0e56c9-ac99-4aa0-9c3c-1f8fa3d1641b-chateau-versailles/article/9215bad8-2854-4746-a0a5-5deed28fb3e0-fetes-louis-xiv-versailles

Unter den Bourbonen gab es die für die Festorganisation zuständigen Menus-Plaisirs du Roi, an deren Spitze bei Ludwig XIV. der Komponist Lully stand, im 19. Jahrhundert der Architekt Hittorff

[12] Intérieur de la Grotte de Téthys, jardins de Versailles, vue par A. Perelle – André Le Nôtre (andrelenotre.com)

[13] Nachfolgendes Bild aus: https://ateliers.grandpalaisrmn.fr/fr/estampes/KM002927

 Zum Labyrinth von Versailles siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/ und https://paris-blog.org/2023/01/15/der-saal-der-hoquetons-im-schloss-von-versailles-le-brun-le-notre-und-die-fontanen-des-verschwundenen-labyrinths/

Weitere Blog-Beiträge zu Versailles:

We are here: Eine Street-Art-Ausstellung im Pariser Petit Palais – Juni 2024 bis Januar 2025. (Street-Art in Paris 9)

„Das Petit Palais freut sich sehr, die erste Ausstellung urbaner Kunst dieser Größenordnung in einer öffentlichen Einrichtung zu veranstalten, die für alle zugänglich und völlig kostenlos ist. Ihr Ziel ist es, Kultur getreu den Prinzipien der Street-art mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen.“

Mit diesen Worten hat Annick Lemoine, die Leiterin des Petit Palais, die Ausstellung „We are here“ angekündigt, die vom 12. Juni bis zum 19. Januar 2025 im Petit Palais präsentiert wird. (Das ursprünglich vorgesehene Schlussdatum des 17. November 2024 wurde entsprechend verlängert). Das Vorhaben, „Kultur mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen“, wird in dieser Ausstellung auf besondere, bisher wohl auch einzigartige Weise umgesetzt: Die Werke der Street-Art werden nämlich nicht in den gesonderten -und kostenpflichtigen- Ausstellungsräumen des Petit Palais präsentiert, sondern sie sind integriert in die frei zugängliche Dauerausstellung des städtischen Museums. Es gibt ein Neben- und Miteinander von Museumsstücken -vor allem des 19. Jahrhunderts- und Werken der Street-Art. Viele der aktuellen Werke wurden speziell für diesen Anlass und auch für einen ganz bestimmten Ort im Petit Palais konzipiert. So beziehen sich Alt und Neu, Kunst und Raum oft aufeinander, und es entstehen neue interessante, oft überraschende Perspektiven. Auf französischen Weinflaschen findet sich manchmal eine uns immer wieder erheiternde Information, wozu dieser Wein besonders gut passt: „il se marie bien avec…“ Dieser schöne Ausdruck passt meines Achtens gerade auch für die Verbindung, die im Petit Palais zwischen alter und neuer Kunst hergestellt wird.

Die künstlerische Leitung der Ausstellung obliegt der auf Street-Art spezialisierten Pariser Galerie Itinerrance. Sie hat auch die open-air-Ausstellung großer Street-Art-Formate im 13. Arrondissement initiiert und organisiert. Das erklärt wohl auch, dass viele der dort vertretenen Street-Art-Künstler für die Petit-Palais-Ausstellung Werke beigesteuert haben.

Der Name der Ausstellung „We are Here“ verwendet nach den Worten der Ausstellungmacher einen Slogan, der in vielen historischen und aktuellen Kontexten wie den Kämpfen um Bürgerrechte in den USA verwendet wurde. Er unterstreiche den Anspruch der Street-Art-Bewegung auf Sichtbarkeit und Legitimität.

So wird die Ausstellung auch demonstrativ mit einer riesigen geflügelten Spray-Dose von D*Face, eröffnet, die in der großen Eingangshalle des Petit Palais platziert ist.

Flügeln, gewissermaßen Markenzeichen von D*Face, begegnet man danach auch bei anderen Ausstellungsstücken. So bei der Serie von Schmetterlingsflügeln Flutterdies & Splutterdies, für die D*Face alte Gebrauchsmaterialien wie Autotüren, Reklameschilder, Werbeplakate etc verwendet und dann weiterbearbeitet hat.

In der Schönheit und Kurzlebigkeit der Schmetterlinge sieht D*Face eine Paralle zur ephemeren Stree-Art.

…. mit Blick auf das Grand Palais….

Hier hat D*Face eine Statue von Denis Puech aus dem Jahr 1902 mit Kopfhörern und Flügeln ausgestattet. Puech hatte der Statue den Titel „La Pensée“ gegeben. Ob die mediale Berieselung via Kopfhörer jetzt das Nachdenken ersetzt hat?

Auch Beethoven hat in der Ausstellung Flügel erhalten.

Ich könnte mir vorstellen, dass Beethoven diese Büste und der Ort ihrer Aufstellung – unter einem Portrait Benjamin Franklins aus dem Jahr 1778 und zusammen mit einer älteren Houdon-Büste Voltaires im gleichen Raum-  durchaus gefallen hätte. Ihnen hat er gewiss nicht die Zunge herausgestreckt…

Eine prominente Rolle in der Ausstellung spielen auch Arbeiten von Shepard Fairey (Obey) – dem die Galerie Itinerrance gerade ein solo-Ausstellung widmet. [1]

Hier sein Bild „Peace and Justice Lotos Woman“ (2024):

Dazu Shepard Fairey:  „Das Bild Peace and Justice Lotos Woman ist vom Jugendstil (art nouveau) beeinflusst, dem vorherrschenden Stil, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Petit Palais gebaut wurde. Der Frieden ist ein zentrales Thema meiner Arbeit. Ich habe dazu während des Irak-Krieges viele Stile und Motive ausprobiert, auch den Jugendstil. Blumen sind ein häufiges Symbol in meinen Arbeiten. Sie repräsentieren positive Ideale wie die Gerechtigkeit und  die Harmonie mit der Natur. Die Verwendung stilisierter Blüten und Blätter im Jugendstil hat meine Ästhetik wesentlich beeinflusst.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung).

Von Fairey stammt auch das große Wandbild am Stravinsky-Brunnen in Paris, dessen Verwandtschaft mit der Lotusfrau unschwer zu erkennen ist.

Shepard Farey (Obey),  AK-47 Lotus: Die Blume im Gewehrlauf als Bild und Plastik

Dieses Bild Shepard Faireys ist insofern besonders bemerkenswert, als es sich auf ein Ausstellungsobjekt des Petit Palais bezieht, nämlich die Frau mit dem Affen von Camille Alaphilippe aus dem Jahr 1908.[2]

Fairey hat, wie er dazu erläutert, die nachdenkliche Haltung der Frau in sein Bild übernommen, auch das dekorative Motiv der Kleidung, aber er hat die weiße Frau von 1908 durch eine farbige Frau von 2024 ersetzt. Who is Put on a Pedestal? (Wer wird auf den Sockel gestellt?) hat er das Bild genannt. Zwar habe es in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen und Verbesserungen gegeben, was die Gleichheit der Geschlechter und der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe angehe. Aber es bleibe immer noch viel zu tun. Darauf wolle er mit seinem Bild aufmerksam machen. 

Umweltthemen spielen bei Shepard Fairey eine zentrale Rolle und er hat dazu in Paris auch schon monumentale Arbeiten angefertigt. So das große Wandgemälde Delicate Balance in der rue Jeanne d’Arc im 13. Arrondissement oder seine  Installation Earth Crisis unter dem Eiffelturm während der Pariser Uno-Klimakonferenz COP 21.

Für die Ausstellung im Petit Palais hat Fairey zu diesem Thema das Bild Bliss at the Cliff’s Edge (2024)  beigesteuert:

Dazu Shepard Fairey:  „Dieses Bild ist eine moderne Sicht einer romantischen Landschaft des 19. Jahrhunderts, wo die Badenden eine spektakuläre Umgebung genießen.  Die industrielle Revolution und die Entdeckung des Erdöls als Energiequelle bewirkten praktische Fortschritte wie eine Zunahme der Freizeit für viele Menschen. Damals sah man nur die Vorteile dieser Neuerungen. Heute ist sich die Wissenschaft einig: Die Verschmutzung durch Öl, Gas und Kohle schädigt unseren Planeten, sie führt zu Klimaerwärmung und extremen Wetterphänomenen. Wir stehen, bezogen auf die Verhinderung der Katastrophe, am Abgrund. Die Techniken sind vorhanden, aber es fehlt am Willen der Völker, die Zukunft der Erde und unserer Kinder vor die Bequemlichkeit und den Profit zu stellen.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ein Werk Shepard Faireys ist auch die berühmte weinende Marianne. Fairey hatte nach den islamistischen Anschlägen von 2015 der Stadt Paris ein großes Marianne-Wandgemälde im 13. Arrondissement geschenkt, eine Hommage an die Ideale der Französischen Revolution, deren Devise  Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die französische Symbolfigur einrahmt.  

Im Dezember 2020 übermalte in einer Aufsehen-erregenden nächtlichen Aktion eine anonyme Gruppe diese Devise und ließ Marianne blutige Tränen weinen.Die Aktion verstand sich als Protest gegen die verschärften französischen Sicherheitsgesetze, die unter der Präsidentschaft Macrons als Reaktion auf den islamistischen Terror eingeführt wurden.

Fairey/Obey reagierte durchaus verständnisvoll auf diese spektakuläre Aktion: Er sei auf der Seite derer, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehrten, vor allem wenn es sich um Menschenrechte handele. Als er seine Marianne wieder in den ursprünglichen Zustand versetzte, fügte er gleichwohl eine (dezente) rote Träne hinzu. Und die ist auch auf dem in der Ausstellung präsentierten Plakat zu sehen.

Dies ist -ganz unverkennbar- eine Installation von Seth, der wie Fairey zu den prominentesten Pariser Street-Art-Künstlern gehört. Der „Turm von Babel“ (2018/2024) besteht aus einem Stapel von Büchern.

Dazu Seth: „Ich liebe die Bücher, sie sind eine Möglichkeit, andere Leben auszuprobieren, andere Universen. Als Kind habe ich ganz viel gelesen. Die Bücher haben mich reisen und unglaubliche Abenteuer erleben lassen und sie ermöglichten es mir, dem Grau zu entfliehen. Mit der Vervielfachung der Bildschirme liest man heute immer weniger. Die Bilder werden aber nie ganz die Worte ersetzen können. Bücher öffnen Türen zu Welten der Phantasie. Sie sind Notausgänge, die uns die Flucht aus dem Alltag ermöglichen.“  (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ganz oben auf dem Bücherstapel sitzt ein kleiner Junge, der mit seinem Kopf in bunte Phatasiewelten eintaucht – ein bei Seth häufiges Motiv, wie auch das nachfolgende, im gleichen Raum der Ausstellung präsentierte Bild zeigt.

In einem Großformat Seths am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement ist es ein kleiner neugieriger Junge, „der auf die andere Seite der Mauer blickt“  und  „mit Licht und Farbe die umliegenden Häuser bestrahlt. Die Macht der Vorstellung verändert unsere Umgebung.“ (Seth)

Das Bild weibliche Gottheit in Gold von Hush (2024) hängt neben dem Portrait de Madame Edgard Stern von Charles Auguste Emile Durant aus dem Jahr 1889. Durant war der Maler par excellence der eleganten Pariserin seiner Zeit.

Einen Kontrapunkt dazu setzt der portugiesische Künstler Vhils mit seiner Arbeit und den Austellungsstücken im Petit Palais, auf die er sich bezieht.

Bekannt ist Vhils durch seine in den Verputz von Wänden gekratzten Arbeiten, etwa auf einer Gartenhütte im Park der Villa Carmignac auf Porquerolles. Im Petit Palais hat er Werbeplakate zusammengeklebt und darauf das Portrait einer verhärmten Frau eingeritzt. Das bezieht sich auf Sans asyle, das Bild einer wohnsitzlosen erschöpften Mutter mit ihren Kindern von Fernand Pelez aus dem Jahr 1883. [3]

Hinter dem kleinen Jungen mit zerrissenen Hosen sind Fetzen von Plakaten zu erkennen, die für ein großes Fest (Grande Fête) werben: Extreme Armut ist die Kehrseite einer Belle Époque des Luxus und der Feste, die Pelez in seinen Bildern zeigt. Angeregt durch die grand-fête-Plakate auf diesem Bild stellte Vhls ein Konvolut von Werbeplakaten zusammen und ritzte darauf das -nur schwer erkennbare- Portrait der Mutter ein: „Die im Dunkeln sieht man nicht“ (Brecht) – eine Botschaft, die gerade zur Zeit der Olympischen Spiele Bedeutung hat, wo Wohnsitzlose, Bettler, Drogenabhängige und andere aus Paris verbannt werden, um keinen Schatten auf das olympische Fest zu werfen. [4]

Portugiese ist auch der Street-Artist Add Fuel. Mit einer Serie von großen, aus kleinen Keramikplatten zusammengesetzten Formaten (Multilogue) hat er das Treppenhaus des Petit Palais mit dem feinen Jugendstil-Geländer und der Couronne de la nuit aus buntem Murano-Glas von Jean-Michel Othoniel weiter ausgeschmückt. Insgesamt entsteht so eine „visuelle Sinfonie“, wie es im Begleittext heißt. Die Verwendung von Keramik und die dominante Farbe Blau sind typisch für Add Fuel, der auch zwei Häuserfassaden am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement gestaltet hat.

Dieses kalligraphische Bild (Acrylfarben 2024)ist ein Werk von El Seed, einem franco-tunesischen Künstler. Er verwendet die arabische Kalligraphie „um Botschaften des Friedens und der Einheit zu verbreiten  und die Gemeinsamkeit der Menscheit auszudrücken.“  (Wikipedia)  In der Pariser Cité universitaire hat er auf diese Weise auch die Fassade des Maison de Tunisie gestaltet.[5]

Ein Blickfang und im wahrsten Sinne des Wortes ein Höhepunkt der Ausstellung ist das Bild dieser monumentalen Madonna – es hat mit seinem Rahmen eine Höhe von 7 Metern-  des peruanischen Street-Art-Künstlers Inti – aufgestellt hinter dem Entwurf eines Grabmals für den 1851 auf einer Barrikade des Faubourg Saint-Antoine erschossenen Armenarzt und Republikaner Baudin. [6]

Sein Titel, bei diesem Motiv überraschend und verstörend, ist Encomendacion, also Befehl. Was es damit auf sich hat, erklärt Inti: In der Zeit der spanischen Kolonisation Südamerikas erhielten viele einheimische Künstler den Auftrag beziehungsweise Befehl, auf der Grundlage von damals weit verbreiteten schwarz-weißen Grafiken der Kolonialmacht Bilder für die neu errichteten Kirchen zu malen. Auf diese Weise sollte das Christentum im Einklang mit der  ikonographischen Tradition  von Kirche und Krone verbreitet werden. Inti zitiert aus einem solchen Vertrag:

„Am 5. Tag des Dezembers des Jahres 1583 hat er sich verpflichtet, ein Altarbild für die Kirche Notre-Dame de la  Solitude in Cuzco zu malen, mit Ölfarben und doppeltem goldenen Rahmen, entsprechend einer ihm übergebenen Abbildung ohne jede Veränderungen.“ Intis Madonnenbild hat dementsprechend einen breiten goldenen Rahmen. Und goldfarben ist auch der Heiligenschein Marias.

Foto: Frauke Jöckel

Aber die Gier der Eroberer nach Edelmetallen hatte einen hohen menschlichen Preis: Das macht Inti deutlich mit Totenkopfornamenten auf dem goldenen Rahmen. Und er hat sich eine Freiheit genommen, die die damaligen indigenen Künstler nicht hatten:

Da huldigen barocke Engelchen der Maria…

… daneben und darunter verweisen die Totenschädel auf die vielen Opfer von Eroberung, Ausplünderung und Zwangsmissionierung.  

In ihren Händen trägt Maria nicht das Jesuskind, sondern einen als Schale dienenden Totenschädel. Man kann spekulieren, was darin enthalten ist bzw. was die dort enthaltenen Dinge bedeuten. Eindeutig ist allerdings der Patronengürtel, den Maria um die Schultern trägt…

Foto: Frauke Jöckel

Welch ein Kontrast zu der Jungfrau mit Engeln (1900) des zu seiner Zeit sehr geschätzten französischen Malers William Bouguereau, die neben der antikolonialistischen Maria Intis hängt!

Ganz bewusst platziert ist auch das Bild Conor Harringtons „Down with the king“ – nämlich in einem Raum mit Gemälden, die die Volksbewegungen von 1789 bis 1830 in Frankreich verherrlichen.

Harrington präsentiert, unverkennbar, einen allerdings verfremdeten französischen König: ausgestattet und umgeben von aktuellen Insignien und Gegenständen wie Billardstock, Lautsprecher, Schlagzeug und Fernseher. Auf dem erscheint der französische Fußball-Star Mbappé bei der Feier der Fußballweltmeisterschaft 2018. Dazu Harrington: „Indem es historische Motive mit Symbolen heutiger Kommunikation und Macht verbindet, wirft mein Bild die Frage nach den Formen der Macht in unserer heutigen Kultur auf und wer es verdient, gefeiert zu werden.“ Das Bild hängt beziehungsreich über dem Entwurf eines Denkmals für einen französischen Marschall aus den Jahren 1861/64. [7]

Nicht fehlen darf in einer solchen Ausstellung natürlich der Invader, der gerade dabei ist, in den Ausstellungsräumen des Petit Palais zu landen.

Vor allem den nachfolgenden großen Saal des Petit Palais hat er eingenommen, in dem, anders als in den anderen „gemischten“ Räumen, dicht an dicht Street-Art-Bilder präsentiert werden.

Hier nur einige Beispiele:

Maye

Shoof

California blink 182

Shepard Farey/Obey

BTOY: Josephine Baker

Yrak

Pantonio

Ad fuel und Jana & JS

Mariusc Waras

Seth

… bis zum nächsten Mal im Petit Palais…

Praktische Informationen:

We are here. Ausstellung im Petit Palais vom 12. Juni 2024 bis zum 17. November 2024

Avenue Winston Churchill 75008 Paris

https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/we-are-here   

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr (Mögliche Änderungen wegen der Olympischen Spiele: siehe Website)

freier Eintritt


[1] https://www.sortiraparis.com/en/what-to-visit-in-paris/exhibit-museum/articles/192431-shepard-fairey-aka-obey-swan-song-exhibition-at-galerie-itinerrance-in-paris

[2] Siehe dazu: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/la-femme-au-singe#infos-principales  

[3] https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/fernand-pelez  Nachfolgendes Bild (Sans asyle, 1883) aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/sans-asile#infos-principales

[4] Siehe zum Beispiel https://www.france24.com/fr/sports/20240613-ile-de-france-avant-jo-paris-2024-%C3%A9vacuation-sans-abri-amplifi%C3%A9e-jeux-olympiques (13.6.2024)

Des migrants et sans-abris expulsés pour faire place aux Jeux olympiques de Paris. Radio Canada 19.7.2024 https://www.youtube.com/watch?v=YZK0ncI-7CA

Siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2024/04/01/wimmelbild-und-suchspiel-das-offizielle-olympiaplakat-paris-2024-was-zu-sehen-ist-und-was-nicht/

[5] https://street-art-avenue.com/2013/12/el-seed-maison-de-tunisie-paris-5971

[6] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/monument-funeraire-d-alphonse-baudin-detail-d-aime-millet-petit-palais-galerie#infos-principales

Zu Baudin siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] https://www.petitpalais.paris.fr/oeuvre/esquisse-pour-un-monument-au-marechal-moncey  

Weitere Blog-Beiträge zur Pariser Street-Art:

Die Fontaine des Innocents, ein Kleinod der Renaissance im Zentrum von Paris: frisch renoviert und mit einer Ausstellung im Musée Carnavalet gewürdigt

2023/2024 wurde die wunderbare Fontaine des Innocents im Viertel der Pariser Hallen zwischen dem Centre Pompidou und dem Verkehrs- und Einkaufszentrum Les Halles renoviert.  Seit Ende Juni 2024 erstrahlt sie nun wieder in neuem Glanz.[1]

Der Brunnen steht auf der kleinen etwas abseits der Menschenströme gelegenen place Joachim du Bellay. Dort kann man sich an den Brunnenrand setzen, dem plätschernden Wasser zuhören….

Fotos: Wolf Jöckel

….oder sich in den Schatten der den Brunnen umgebenden Bäume setzen und den plastischen Schmuck des Brunnens, vor allem die acht graziösen Nymphen, bewundern.

Fotos: Wolf Jöckel

Aus Anlass der Renovierung widmet das Musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, bis zum 25.08.2024 der Fontaine des Innocents eine kleine, aber feine Ausstellung.[2]

Aus mehreren Gründen lohnt es sich, die Fontaine des Innocents etwas genauer zu betrachten:

  • Ihr Schöpfer, Jean Goujon, war einer der bedeutendsten Bildhauer der französischen Renaissance
  • Seit dem 18. Jahrhundert galt der Brunnen als eine der wesentlichen Pariser Sehenswürdigkeiten
  • Die von Goujon geschaffenen Skulpturen haben eine große Ausstrahlung gehabt und spätere Künstler nachhaltig beeinflusst
  • Der Brunnen hat eine höchst wechselhafte Geschichte, in der sich die radikale Transformation des Pariser Zentrums spiegelt
  • Zusammen mit der benachbarten Fontaine Stravinsky erstrahlen jetzt zwei der schönsten Pariser Brunnen, einer der ältesten[3] und einer der jüngsten, in neuem Glanz und lohnen einen Besuch.

Jean Goujon: Der Einzug der Renaissance nach Paris

1544 erhält der aus den Normandie stammende Bildhauer Jean Goujon seinen ersten Auftrag in Paris, und dies ist auch gleich ein sehr bedeutsamer: Es geht um den Lettner der direkt neben dem Louvre gelegenen Kirche Saint Germain l’Auxerrois. Der Lettner trennte den der Geistlichkeit vorbehaltenen Chor der Kirche von dem Langhaus, zu dem die „normalen“  Gläubigen Zugang hatten.  Auf der für sie sichtbaren Seite des Lettners gestaltete Goujon fünf Reliefs: die vier Evangelisten und eine Beweinung Christi.[4]

Der vom Kreuz genommene Jesus ist modelliert wie ein Olympionike der griechischen Kunst. Dass die Antike hier Pate gestanden hat, ist wohl offenkundig. Foto: Wolf Jöckel

Noch deutlicher wird dies bei der zweiten großen Pariser Arbeit Goujon, die im Zusammenhang steht mit der Umgestaltung des Louvre. Die ursprüngliche Festungsanlage mit einem großen Bergfried soll unter König François I zu einem königlichen Palast nach italienischem Vorbild umgestaltet werden: Eine Mammutaufgabe! 1846 erhält der Architekt Pierre Lescot den entsprechenden Auftrag, und wie schon bei dem Lettner von Saint Germain l’Auxerrois zieht er Jean Goujon als Bildhauer heran. Zentrum der unter seinem Sohn Henri II fortgesetzten und fertiggestellten Arbeiten ist der riesige königliche Ballsaal, mit dem die Renaissance in Paris ihren Einzug hält. Unverkennbar ist das an der Tribüne für die Musiker, die von vier Karyatiden, Säulen in Gestalt weiblicher Figuren, getragen werden- ein Werk Jean Goujons. Vorbild waren dabei die Karyatiden des Erechteion-Tempels auf der Akropolis und -in deren Nachfolge- die des Augustus-Forums in Rom.[5]

Dieser Saal wird schnell zum Zentrum des neuen königlichen Palasts: Am 18. August 1572, kurz vor der Bartholomäusnacht, wird hier die Hochzeit des jungen Henri von Navarra, des späteren Königs Henri Quatre, mit Marguerite de Valois gefeiert[6] – und 1658 tritt hier um ersten Mal Molière vor Henri Quatres Enkel Ludwig XIV. auf ….

Heute sind im Karyatiden-Saal des Louvre antike Kunstwerke ausgestellt. (Sully-Flügel, Saal 348)[7] 

Die Fontaine des Innocents : Brunnen und royale Ehrentribüne

1548 beginnt der Bau eines neuen Brunnens, der das Stadtviertel rund um Kirche und Friedhof der Innocents (benannt nach den ermordeten Kindern von Bethlehem) mit Wasser versorgen soll. Es ist wieder ein prestigeträchtiger Auftrag für Jean Goujon, vermutlich wieder in Verbindung mit dem Architekten Pierre Lescot. Der Brunnen liegt an dem Weg zwischen der Basilika von Saint-Denis und dem königlichen Palast. Als König Henri II mit seiner Frau Katharina von Medici 1549 in Paris einzieht, kommt er mit seinem Gefolge an der neuen Fontaine des Innocents vorbei. Und der neue Brunnen ist für solche festlichen Ereignisse speziell ausgerichtet.[8]

Es war nämlich nur der untere Teil des an einer Straßenecke gelegenen Baus, der als Brunnen diente. Darüber aber – und weit raumgreifender- erhob sich eine Loggia nach italienischem Vorbild, die man über eine Treppe erreichte; ein hervorragender Logenplatz für die Beobachtung des Einzugs Henris II. und späterer Festlichkeiten. 

Zeitgenössischer Stich der beiden Fassaden des Brunnens von JacquesAndrouet du Cerceau(1511?-1586)[9]

Dass der Brunnen zu Ehren von Henri II errichtet wurde, hat Gujon entsprechend in Stein gemeißelt.  

Foto: Wolf Jöckel

Der Figurenschmuck Jean Goujons

In einer ersten zeitgenössischen Würdigung wird der Bau als „einzigartiges Werk“ gewürdigt, „aus gutem weißen Stein, überaus sorgfältig ausgeführt und durch Figuren bereichert.“ [9a] Der Figurenschmuck Jean Goujons hatte als gemeinsamen Nenner das Wasser: Muscheln, Delphine, Nymphen, Tritone und andere mythologische Meeresbewohner- möglicherweise das erste Beispiel einer Darstellung mythologischer Figuren im öffentlichen Raum Frankreichs.[10] Wegen der Nymphen-Reliefs Jean Goujons, die den Brunnen schmücken, wurde die Fontaine des Innocents auch Fontaine des Nymphes genannt.

Die drei unteren horizontalen Reliefs, heute in der Ausstellung und dann im Louvre zu bewundern, verherrlichen die Ozeane: Das verdeutlichen die wilden Geschöpfe, auf denen kleine Genien reiten:

Alle Fotos des Figurenschmucks: Wolf Jöckel

Ein kleiner Genius mit Fischen auf einem Hippokamp

Ein anderer reitet auf einem Meeresdrachen[11]

Aber es gibt auch elegante liegende Nymphen…

….und eine Nymphe und einen Triton beim Liebesspiel

Die zwischen den Arkaden platzierten aufrecht stehenden Nymphen repräsentieren Flüsse.

Aus den Kannen, die sie tragen, fließt das Wasser.

Eine der Nymphen hält ein Ruder in der Hand:

Der Brunnen als Pariser Sehenswürdigkeit

Aufgrund seiner exponierten Lage, seiner Doppelfunktion als Brunnen und Tribüne, und vor allem seiner außergewöhnlichen und modernen Gestaltung und eleganten Ausschmückung wurde der Brunnen bald zu einer Attraktion der Stadt und auch in Reiseführern entsprechend gewürdigt.

Ein Reiseführer aus dem Jahr 1752: Beschreibung der Stadt Paris und all dessen, was sie an Bemerkenswertem enthält.

In diesem Gemälde hat der berühmte „Ruinenmaler“  Hubert Robert 1789  in freier Anordnung bedeutende Pariser Bauwerke zusammengestellt, zu denen auch die einige Jahre zuvor umgestaltete Fontaine des Innocents gehört.[12] Rechts daneben die Medici-Säule (heute an der Bourse de Commerce/Sammlung Pinault), links die zu Ehren Ludwigs XIV. errichtete porte Saint-Denis. Bei dem Reiterstandbild in der Mitte handelt es sich wohl um eine Darstellung der -noch nicht gestürzten- Statue Ludwigs XIV. hoch zu Ross auf der Place Vendôme. Dahinter der Louvre und die Kirche Sainte-Geneviève (das spätere Pantheon), die 1789 noch das höchste Bauwerk der Stadt war. Bemerkenswert übrigens, dass die -damals allerdings arg heruntergekommene und als gotisches Bauwerk wenig renommierte- Kathedrale Notre-Dame von Robert nicht berücksichtigt wurde.[13]

Die Ausstrahlungskraft der Skulpturen

Der Skulpturenschmuck Jean Goujons hat viele spätere Künstler nachhaltig beeinflusst. Hier einige Beispiele:

Im Hof des in den 1620-er Jahren im Marais errichteten Hôtel de Sully sind an den Wänden der Seitenflügel allegorische Darstellungen der vier Elemente zu sehen. Die Allegorie des Wassers, zu deren Füßen ein Delphin schwimmt, ist ganz offenkundig von der Fontaine des Innocents beeinflusst, erreicht aber bei weitem nicht die Eleganz der Goujon’schen Nymphen.

Foto: Wolf Jöckel

In der Carnavalet-Ausstellung ist auch ein Relief von David d’Angers ausgestellt: die hingelagerte Nymphe Tetis, die ihrem Sohn Achill, dem Helden von Troja, gerade einen von Hephaistos geschmiedeten Helm reicht.

Foto: Wolf Jöckel

In der beigefügten Informationstafel wird ausdrücklich auf den Einfluss der Reliefs Jean Goujons von der Fontaine des Innocents hingewiesen.  Dies gilt auch für das Gemälde Ingres‘ „La Source“ (Die Quelle) aus dem Jahr 1856. Wie bei der Allegorie des Wassers im Hôtel de Sully entspricht die Haltung des Armes der einer Nymphe Goujons, die Ingres, so die beigefügte Informationstafel,  schon 1806 gezeichnet hatte.[14]

Dass das Motiv der Quellnymphe bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat, bestätigt übrigens der Invader mit seinem entsprechenden Mosaik in Montauban, dem Geburtsort Ingres‘.[15]

Die Transformationen des Brunnens und seiner Umgebung

1756 wurden in Paris Bestattungen im Stadtgebiet (intra muros) untersagt. Der Friedhof der Innocents wurde also aufgehoben, die Überreste der dort Beerdigten geborgen und in die Katakomben überführt, die Kirche zerstört. Der frei gewordene Platz diente seit 1785 als Obst- und Gemüsemarkt.

Da inzwischen der Brunnen aber als bedeutendes Kunstwerk allgemein anerkannt war, blieb er erhalten und inmitten des neuen Marktes, der „place du marché des Innocents“, neu aufgestellt. Entsprechend dieser zentralen Lage erhielt er die Gestalt eines Pavillons mit einem quadratischen Grundriss. Dafür schuf Augustin Pajou drei neue Nymphen-Reliefs, die sich an den Vorbildern Goujons orientierten. Der ursprüngliche Sockel wurde durch eine Reihe übereinander angeordneter Becken ersetzt, die dazu dienen, das Wasser aufzufangen, das aus einem Bronzebecken in der Mitte des Pavillons entspringt.

Der Brunnen ist jetzt Zentrum eines belebten Viertels. Hier wurde am 18. September 1791 die neue Verfassung proklamiert, die Frankreich in eine (kurzlebige)  konstitutionelle Monarchie verwandelte.

Radierung von Pierre-Gabriel Berthault [16]

Durch den Anschluss des Brunnens an den neuen Canal de l’Ourcq 1808 erhöhte sich das Wasseraufkommen erheblich: ein Segen für den Markt, eine drohende Katastrophe für die liegenden Nymphen der Reliefs Goujons, die deshalb ins Louvre überführt wurden.

John Jamas Chalon, Le Marché et la Fontaine des Innocents (1822). Musée Carnavalet

50 Jahre später: erneute Veränderung. Im Zuge des Stadtumbaus des Barons Haussmann verschwindet der Markt mit seinen offenen Marktständen und es entstehen die Markthallen Baltards aus Eisen und Glas, von Zola in seinem Roman Le Ventre de  Paris (1873) wegen ihrer Modernität gerühmt.  Auf dem früheren Marktgelände entsteht 1860 ein neuer kleiner Platz, la place Joachim-du-Bellay, mit der -erneut versetzten- fontaine des Innocents in seinem Mittelpunkt. Dabei wird auch der Sockel des Brunnen-Pavillons neu gestaltet.

René Giton, Blick auf den square des Innocents 1947

Die letzte große Veränderung vollzieht sich dann Anfang der 1970-er Jahre mit der Verlegung des Großmarkts nach Rungis und der Zerstörung der Pavillons von Baltard. Es entsteht das riesige unterirdische Einkaufszentrum Forum des Halles und die ebenso riesige neue unterirdische RER-Bahnstation Châtelet-Les Halles mit dem geschwungenen Canopée-Dach. Diesen Bauarbeiten fallen die Bäume um den Brunnen zum Opfer, er selbst bleibt an seinem Platz, weil er eine nochmalige Versetzung wohl schwerlich überlebt hätte. Der Platz um den Brunnen wird nun betoniert, es entsteht eine neuer „place minérale“.

Dieser Platz ist nun im Zuge der Renovierung des Brunnens und im Einklang mit einer klimagerechten Stadtplanung, die sich die Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf ihre Fahnen geschrieben hat, neu angelegt und begrünt worden. Und nachdem die Baugerüste entfernt und die Zäune gefallen sind, erstrahlt einer der älteste monumentalen Brunnen von Paris nun wieder in wohl verdientem neuen Glanz.

Foto: Wolf Jöckel

Und von hier aus sind es nur wenige Schritte zu einem der neuesten Brunnen von Paris, der ebenfalls kürzlich renovierten fontaine Stravinsky von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou…

Foto: Wolf Jöckel


Anmerkungen:

[1] https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-des-innocents-est-l-une-des-plus-anciennes-de-la-capitale-26746

[2] https://www.carnavalet.paris.fr/expositions/la-fontaine-des-innocents-0

Siehe auch: Helmut Mayer, Der Nymphen bewegte Geschichte. Die Fontaine des Innocents im Quartier Les Halles ist der älteste monumentale Brunnen von Paris. Anlässlich seiner gerade abgeschlossenen Restaurierung zeichnet eine Ausstellung im Musée Carnavalet seine Geschichte nach. In: FAZ vom 30. Juli 2024

[3] Laut Le Parisien vom 22. November 2022 sogar la plus ancienne fontaine de Paris  https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-avec-la-restauration-de-la-fontaine-des-innocents-cest-toute-la-place-joachim-du-bellay-qui-va-revivre-22-11-2022-SY4J2X4TDJEPRGYL4VZERX6PQE.php

[4] Zum Leben und zur Bedeutung Goujons siehe

Bedeutung Jean Goujons  https://museeprotestant.org/notice/jean-goujon-c-1510-1567/

[5]  https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

Bild aus: https://www.meisterdrucke.lu/fine-art-prints/Jean-Goujon/948146/Architecture-Renaissance-%3A-le-balcon-des-Cariatides.-Sculpture-en-pierre-de-Jean-Goujon-%281510-1567%29-XVIe-si%C3%A8cle-Paris%2C-Mus%C3%A9e-du-Louvre.html  

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Mariage_d%27Henri_IV_dans_la_salle_des_Caryatides.jpg  Leider gibt es dort keine weiteren Angaben zu dem Bild  (Maler, Datierung, Aufbewahrungsort). Ich habe es trotzdem wegen seiner Anschaulichkeit verwendet. s.a. https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/257930-ephemeride-du-18-aout-a-paris-le-mariage-d-henri-iv-a-notre-dame-de-paris

[7] Bild aus: https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fontaine_des_Innocents#/media/Fichier:Fontaine_des_Innocents2.jpg  Ebenfalls präsentiert während der Bauarbeiten des Brunnens auf dem Bauzaun.

[9] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b525039123

[9a] Zit. von Helmut Mayer in FAZ vom 30. Juli 2024

[10] Informationstafel zu den Reliefs im Louvre

[11] https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010091945

[12] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Hubert_Robert_-_The_Monuments_of_Paris_-_1789.jpg

[13] In der Nachfolge Roberts hat Pierre François Léonard Fontaine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „die bemerkenswertesten (historischen) Bauwerke von Paris“ in einer Zeichnung dargestellt. Auch da ist die Fontaine des Innocents berücksichtigt – und Notre Dame, inzwischen dank Victor Hugo rehabilitiert und geadelt- überragt jetzt sogar das Pantheon. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b530829625/f1.item 

[14] Eine entsprechende Abbildung bei: https://www.meisterdrucke.fr/fine-art-prints/Jean-Auguste-Dominique-Ingres/1099855/Une-nymphe-%28graphite-sur-papier%29-%28pour-la-paire-voir-283230%29.html

[15]Bild aus:  http://solexine.over-blog.fr/2017/10/montauban-sur-les-traces-de-space-invader.html

[16] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Proclamation_de_la_Constitution,_place_du_March%C3%A9_des_Innocents.jpg#:~:text=Fran%C3%A7ais%20%3A%20Proclamation%20de%20la%20Constitution,et%20non%20le%2014%20septembre.  Anders als auf der Radierung angegeben, fand die Verfassungsproklamation am 18. September statt.

Das Feuerwerk zum 14. Juli 2024 in Paris im Zeichen der Olympischen Spiele

Wie immer fand auch diesmal das traditionelle Pariser Feuerwerk zum Nationalfeiertag am Eiffelturm statt. Während sonst aber hunderttausende Schaulustige das Feuerwerk vom Marsfeld oder dem Trocadero betrachten konnten, war das diesmal wegen der Aufbauten für die Olympischen Spiele nicht möglich.

Wir hatten aber Gelegenheit, das Feuerwerk bei Freunden von einer Dachterrasse in Montparnasse betrachten zu können. Hier einige Eindrücke.

Der Eiffelturm mit den ölympischen Ringen im Abendlicht: Bald wird das Feuerwerk beginnen.

Jetzt ist es soweit: Am Fuß des Eiffelturms wird das Wappen der Stadt Paris in den Himmel gezeichnet: Ein Schiff auf den Wellen mit der Devise: Fluctuat nec mergitur/Sie schwankt, aber geht nicht unter. .

Von unserem Platz in Montparnasse aus ist die Schrift allerdings nur leicht verdeckt und seitenverkehrt zu sehen: Das Feuerwerk ist traditionell nach Nord-West zum Trocadero ausgerichtet.

Das Feuerwerk steht diesmal ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Hier wird eine Läuferin mit der olympischen Fackel in den Himmel gezeichnet: Die ist seit dem 8. Mai auf einer tour de France und kam rechtzeitig zum Nationalfeiertag in Paris an. Am 15. Juli wird die doppelte Judo-Olympiasiegerin Clarisse Agbégnénou die Fackel bis auf die Spitze des Eiffelturms tragen.

Die Schuhe der Auserwählten, die die olympische Fackel durch Frankreich tragen durften…

Die Figuren wurden mit Hilfe von 1100 Dronen in den nächtlichen Himmel gezeichnet. Eine spektakuläre Neuerung beim Pariser Feuerwerk.

Olympische Sportarten: Im Handball gehören die Franzosen zu den Favoriten.

Etwas bleu-blanc-rouge darf gegen Ende natürlich auch nicht fehlen….

Zum krönenden Abschluss werden die olympischen Ringe in den Himmel geschrieben- am Anfang sogar farbig – allerdings aus unserer Sicht natürlich wieder seitenverkehrt.

Nach 20 Minuten Ende und Beifallklatschen. Es hat sich einmal mehr bestätigt, dass es in Frankreich seit Ludwig XIV. wahre Meister der Feuerwerkskunst gibt. Jetzt kann man den Franzosen und uns allen nur noch einen friedlichen, erfolgreichen und schönen Verlauf der Olympischen Spiele wünschen!

Ein“verwandter“ Beitrag zum 14. Juli aus dem Jahr 2020:

und zwei Beiträge zu den Olympischen Spielen in Paris:

Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert

Deutschland ist, so hat es kürzlich der deutsche Bundespräsident formuliert, ein „Land mit Migrationshintergrund“.[1] Dabei bezog er sich auf die vielen Migranten, die vor allem in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Zu dem Migrationshintergrund Deutschlands gehören aber auch die Deutschen, die ihre Heimat, vor allem im 19. Jahrhundert,  zeitweise oder dauerhaft verlassen haben. Bekannt ist da in erster Linie die massenhafte Auswanderung nach Amerika. Weniger bekannt dagegen ist, dass es auch eine bedeutende deutsche Migration nach Frankreich, vor allem nach Paris, gegeben hat. (Unter deutscher Migration wird hier wie in der zugrunde liegenden Literatur deutschsprachige Migration verstanden).

Auch in der neuen viel gerühmten  Dauerausstellung des Pariser Immigrationsmuseums, des  Musée national de l’histoire de l’immigration[2], im höchst eindrucksvollen Palais de la Porte Dorée ist die deutsche Migration nach Frankreich kaum und die ins Paris des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht präsent. Das mag verständlich sein in Anbetracht wesentlich bedeutenderen Migrationsbewegungen nach Frankreich im Verlauf der neuzeitlichen Geschichte. Man denke nur an die Migranten aus Polen, Portugal, Italien, Nordafrika, den (ehemaligen) Kolonien in Afrika und Südostasien etc.  Insofern ist der nachfolgende Beitrag auch als Ergänzung zu der Ausstellung im Palais de la Porte Dorée zu verstehen.

Foto: Pascal Lemaître

Sitz des Museums ist seit 2007 das ehemalige Hauptgebäude der französischen Kolonialausstellung von 1931, das danach als Kolonialmuseum diente. Es ist ein herausragender Bau des Art Deco-Stils. Auf den Reliefs der Fassade wird dargestellt, wie sehr und auf wie unterschiedliche Weise Frankreich von seinem großen Kolonialreich profitiert habe. In den Wandmalereien im Innern wird Frankreich als segensreiche Kolonialmacht gefeiert [3] Einen besseren Ort für ein Museum der Einwanderung hätte man kaum finden können und einen besseren Zeitpunkt für die Neukonzeption der Ausstellung auch nicht: Ist doch Anfang 2024 in Frankreich ein neues Immigrationsgesetz (loi d’immigration) verabschiedet worden, das 117. seit 1945 (!). Ziel des Gesetzes war es ursprünglich -entsprechend dem Macron’schen Prinzip des en même temps– einerseits „die Einwanderung zu kontrollieren“, andererseits aber auch die „Integration zu verbessern“. Diese zweite Zielsetzung blieb dann allerdings in den parlamentarischen Beratungen und Entscheidungen auf Druck der für eine Parlamentsmehrheit erforderlichen Opposition auf der Strecke. Marine le Pen konnte sich die Hände reiben bzw in der Nationalversammlung zustimmend ihre Hand heben… Erst durch eine Notbremse des Conseil constitutionnel, des französischen Verfassungsgerichts, wurde das Gesetz wieder etwas entschärft. [3a]

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Foto: Wolf Jöckel

Nun aber zu Heinrich Heine, Börne, den deutschen Handwerkern und Dienstmädchen: Deutschsprachige Immigranten bildeten im 19. Jahrhundert über  mehrere Jahrzehnte hinweg die mit Abstand größte Gruppe von Ausländern in Paris. Um 1848 gab es mehr als 80 000 Deutsche, ja sogar an die 100 000, in Paris. Und allein die Anfang 1848 offiziell erfassten 62 000 Deutschen stellten 5 Prozent der Pariser Bevölkerung.[4] 

Die Unterschiede zwischen offiziellen und geschätzten Zahlen beruhen unter anderem darauf, dass weibliche Beschäftigte, Wäscherinnen oder Hausmädchen, in kaum einer Statistik erfasst wurden. Dazu kam, dass nach dem Krieg 1970/1871 deutsche „Gastarbeiter“ sich oft als Schweizer oder Österreicher ausgaben, um nicht Rachegelüsten der durch die Niederlage gedemütigten Franzosen Vorschub zu leisten.[5] Große quantitative Einschnitte der deutschen Migration sind in dem Schaubild deutlich zu erkennen: Zuerst durch die wirtschaftliche und politische Krise der Februar-Revolution von 1848 in Paris und die Märzrevolutionen in Deutschland, die viele Migranten zur Rückkehr in die Heimat veranlassten; dann die Kriege von 1871 und 1914, die eine Ausweisung deutscher Staatsbürger aus Frankreich zur Folge hatten. (Erst 1939 kam es zur massenhaften Internierung von Deutschen, auch derer, die in Frankreich vor der Verfolgung durch die Nazis Schutz gesucht hatten).

Am bekanntesten sind unter den deutschen Paris-Migranten des 19. Jahrhunderts Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller wie Heinrich Heine und Ludwig Börne, für die Paris ein Zufluchtsort vor Verfolgung und Zensur war. Das Gros der deutschen Paris-Migranten bildeten aber Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner und Hausangestellte, meist einfache, arme Leute: eine „vergessene Migration“, wie es Mareike König im Untertitel ihres grundlegenden Sammelbands formulierte.

Nach einem Blick auf die politische und intellektuelle Emigration soll auf diese „vergessene Migration“ eingegangen werden.

Paris als Zentrum politischer Migration aus Deutschland im 19. Jahrhundert

Politisch Verfolgte aus den deutschen Ländern suchten und fanden insbesondere in den 1830er und 1840er Jahren in der französischen Hauptstadt die damals in weiten Teilen Deutschland unterdrückte Freiheit. Es war die Zeit des Vormärz,  der Epoche vor der Revolution von 1848, die in Deutschland von politischer Unterdrückung und Zensur geprägt war, in Frankreich dagegen von einem revolutionären Aufbruch: 1830 wurden in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Zwar blieb Frankreich eine Monarchie, aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern amtierte der neue Regent nicht mehr als König von Frankreich und Navarra, sondern -ein Hinweis auf das neue Prinzip der Volkssouveränität- als König der Franzosen. Die Monarchie Lous-Philippes, so witzelte man in Paris, sei die beste Republik.[6] Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [7] 

Während eines Besuchs auf Helgoland erfuhr Heinrich Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und war außer sich vor Begeisterung: „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [8]

Die Julirevolution von 1830 feierte er mit diesen begeisterten Worten:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“ [9]  

Am 1. Mai 1831 reiste Heine, 33 Jahre alt, nach Paris, wo er, abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg,  bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 blieb. Für Heine war Paris  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ 

Heine sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt. Er reiste ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“. Als er von einer seiner kurzen Reisen in die alte Heimat zurückkehrte, schrieb er:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich an den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzen nichts anderes als ein französisches Deutschland.“ [10]   

Und auch als die Blütenträume der Juli-Revolution verwelkten, gab es in Frankreich immer noch mehr Freiheiten als in anderen europäischen Staaten. Und so konnte Heinrich Heine noch 1844 in seinen Nachtgedanken, als ihn der nächtliche Gedanke an Deutschland um den Schlaf brachte, schreiben: „Gottlob! Durch meine Fenster bricht/Französisch heit’res Tageslicht.“

Der politische Publizist Ludwig Börne aus Frankfurt am Main hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819, während seines ersten Aufenthalts, schrieb er:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“ [11]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz des Bourbonen Karls X. während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur wenige Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert, schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy. Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

Börne, der sich in Paris vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum überzeugten Republikaner wandelte, nahm regen Anteil an den politischen Entwicklungen in Deutschland und  an den Versuchen zur Gründung einer deutschen Oppositionspartei in Paris. Ganz besonders lag ihm die geistige und politische Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich am Herzen. Die deutsch-französische Verständigung war ein zentrales gemeinsames Anliegen der politischen Emigration. Deren Vorteile wurden vor allem in einer fruchtbaren Verbindung von Theorie und Praxis gesehen. Die Idee war einfach: Die philosophisch beschlagenen Deutschen wollten sich den politischen Mut der Franzosen borgen.  „Selbst unsere Philosophie, worin wir jetzt einen Schritt voraus sind“, schrieb Arnold Ruge, neben Karl Marx Mitherausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, „wird nicht eher zur Macht werden, als bis sie in Paris und mit französischem Geiste auftritt.“[12]

Auf spezifische Weise ist die Idee gemeinsamen Handelns der beiden Länder in der hier abgebildeten Lithographie aus dem Jahr 1848 veranschaulicht.

Franzosen und Deutsche an der Spitze der „Universalen, Demokratischen und Sozialen Republik“[13]

Die Völker der ganzen Welt, voran das französische und das deutsche, strömen zu der allegorischen Figur der sich auf die Menschenrechte stützenden Republik. Am Himmel ist als Repräsentant der Brüderlichkeit eine Christusfigur zu erkennen, dazu sind „die geistigen Väter und Schutzheiligen der demokratisch-sozialen Republik“ zu erkennen.

Dass Christus hier -unter dem Banner der Fraternité– der demokratischen Prozession seinen Segen gibt, entsprach auch durchaus dem Denken Börnes: Er war davon überzeugt, dass der Bezug zum Christentum hilfreich dabei sein könnte, auch Arbeiter und Bauern anzusprechen und für eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse zu gewinnen – ganz ähnlich übrigens wie Georg Büchner, dessen revolutionäre Flugschrift Der Hessische Landbote von einem gleichgesinnten Pfarrer mit einer christlichen Terminologie versehen wurde. In diesem Sinne übersetzte Börne auch das Werk des französischen christlichen Sozialisten Lamenais Paroles d’un croyant und verteilte die Übersetzung kostenlos unter den deutschen Arbeitern in Paris. Lamenais war übrigens auch zeitweise Chefredakteur der von französischen und deutschen Demokraten gegründeten kosmopolitischen Tageszeitung Le Monde, die vom November 1836 bis September 1837 in Paris erschien.

Der als Herausgeber genannte Friedrich Ludwig Pistor war ein Rechtsanwalt aus Zweibrücken, der nach mehreren Prozessen im Gefolge des von Metternich im Juni 1832 verfügten Verbots einer freien Presse in Deutschland nach Frankreich floh.

Die Beisetzung Börnes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Sein Grabmal, eine Eloge auf die deutsch-französische Freundschaft, wurde von David d’Angers gestaltet, einem Verehrer Börnes und einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.

Frankreich und Deutschland reichen sich die Hände, in der Mitte die Allegorie der Freiheit. Rechts und links Freiheitsbäume, über Büchern von deutschen und französischen Autoren, die für Börne besonders bedeutsam waren und zur deutsch-französischen Verständigung beigetragen haben.

Prominente Emigranten gab es aber auch in vielen anderen Bereichen, in denen Frankreich damals attraktive Karriereaussichten, Betätigungsfelder und wirtschaftliche Chancen bot.[14] Man denke nur an die Pariser Niederlassung des Frankfurter Bankhauses Rothschild, die unter der Julimonarchie (ab 1830) zum mächtigsten französischen Bankhaus aufstieg, an Diederich Hermes aus Krefeld, der als Thierry Hermès Ahnherr einer Dynastie der französischen Luxusindustrie wurde, an Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, und an den Baumeister Ignaz Hittorff aus Köln, der durch seine zahlreichen prominenten Bauten zwischen 1825 und 1865 das Pariser Stadtbild prägte. Auch Musiker zog es nach Paris: So den aus Köln stammenden Musiker Jakob/Jacques Offenbach, der in Paris zum weltberühmten Operettenkomponisten wurde, an Jakob Liebmann Meyer Beer aus Berlin, der als Giacomo Mayerbeer den Ruf von Paris als internationales Zentrum der Oper festigte, oder auch an Georg(es) Schmitt aus Trier, der in den 1840-er und 1850-er Jahren Titularorganist an Saint-Sulpice mit seiner berühmten Orgel war. Ein hervorragendes Beispiel für die wissenschaftliche Migration ist Alexander von Humboldt, der mit wenigen Unterbrechungen von 1804 bis 1827 in Paris lebte: damals das bedeutendste künstlerische und wissenschaftliche Zentrum der Welt, sozusagen  der „Nabel der Geisteswelt“. Dort fand Alexander von Humboldt alles, was er für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigte. Einen bedeutenden Teil seiner Werke schrieb er auf Französisch. Im Jahre 1818 stellte Wilhelm von Humboldt sogar fest, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden.“ [15]  Ihm folgten zahlreiche andere Wissenschaftler, oft auch  solche, denen als Juden in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere verwehrt wurde.

Die deutschen Kunsttischler im Faubourg Saint-Antoine

Zahlenmäßig bedeutsamer waren allerdings die deutschen Handwerker, die auf ihrer Wanderung in Paris Station machten, sich öfters dort aber auch niederließen.  Nach einer Erhebung der Pariser Handelskammer von 1847 gab es damals allein 37 000 deutsche Schuster, Schneider und Schreiner in Paris.

Der im März 1848 in Paris eingesetzte  Ausschuss für das Schneidergewerbe berichtete, dass zwei von fünft Pariser Schneidern Ausländer waren, in der Mehrzahl Deutsche. In einer zeitgenössischen humoristischen Broschüre mit dem Titel Physiologie des Tailleurs findet sich folgende Passage: „ Was die blasse Hautfarbe des Schneiders … verstärkt, ist die Tatsache, dass er fast immer aus dem Elsass oder aus Deutschland stammt, d.h. aus Landstrichen, deren Bewohner häufig aschblond sind…“ Nicht verwunderlich also, wenn in der Karikatur der Broschüre der Schneidergeselle ausdrücklich als Deutscher gekennzeichnet wird.[16]

Eine besonders große Bedeutung hatten die Kunsttischler (ébénistes), die im Pariser Viertel des Holzhandwerks, dem Faubourg Saint-Antoine, arbeiteten.

Schon im Ancien Régime übte der Faubourg Saint-Antoine eine große Anziehungskraft auf deutsche Handwerker aus.[17] „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädte nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ [18]

In einem Bericht der Evangelischen Kirche Augsburger Konfession zu Paris aus dem Jahr 1863 heißt es: „Das Faubourg Saint-Antoine, das Arbeiterviertel von Paris, wimmelt von Fabriken und Werkstätten jeder Art. Besonders sind es Drechsler, Schreiner, Möbelfabrikanten, welche hier ihren Hauptsitz und Mittelpunkt haben. Jene Pariser Möbel werden hier verfertigt, deren Ruf über ganz Europa geht, deren einzelne einen Wert von bis zu 10, ja 15 000 Franken haben. Alles, von den Mustern bis zur feinsten, kunstvollsten Schnitzarbeit, geht aus diesen weiten, glänzenden Werkstätten hervor. Unsere Deutschen liefern hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag.“[19]

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Ein mechanischer, also verstellbarer Tisch, ein Meisterwerk Oebens aus den Jahren 1761-63, angefertigt für Madame de Pompadour. Aus dem Metropolitan Museum of Arts[20]         

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete auch seine Witwe einen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution 30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres für eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Ende des 18. Jahrhunderts wurde in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourg Saint-Antoine ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen. Ja, in manchen Werkstädten, Hinterhöfen, Unterkünften und Tavernen des Viertels herrschte auch noch im 19. Jahrhundert die deutsche Sprache vor und mancher fühlte sich dort eher in Berlin oder Leipzig als in Paris.[21]

Und schließlich war der Faubourg Saint-Antoine auch eine beliebte Station auf den Wanderung von Handwerksgesellen. Ein Beispiel, von dem ich in meinem Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine als Zentrum der französischen Möbelproduktion berichtet habe, ist der Schweizer Tischler Oskar Bieder, der im Rahmen seiner Gesellenwanderung 1882 bis 1885 bei dem Möbelfabrikanten G. Seuret im Faubourg Saint-Antoine arbeitete, wie sein Gesellenbuch ausweist.

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Foto von Ueli Bieder

Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Foto von Ueli Bieder

Es waren aber nicht nur deutschsprachige Kunsttischler, die vom Faubourg Saint-Antoine angezogen wurden. Norbert Ely, ein Leser dieses Blogs, berichtet von seinem Urgroßvater Heinrich/Henri Ely (1820-1886), der in seiner Heimatstadt Kassel das väterliche Handwerk eines Schuhmachers erlernte und anschließend an der Akademie Kunstmaler studierte. „Im Juni 1848 lehnte er sich anlässlich der Revolution in Kassel offenbar ein bisschen weit aus dem Fenster und ging auf Reisen“, wie es in einer Familienchronik heißt. Dass er im Faubourg Saint-Antoine landete, ist wohl kein Zufall angesichts der dort beheimateten deutschen „Kolonie“ und angesichts des politischen Engagements der Einwohner des Viertels. Heinrich Ely konnte sich also dort gut aufgehoben fühlen. Jedenfalls lebte er sehr bald bei einer jüngeren Witwe namens Cécile Anaïs Fleury (1814-1899) in der Rue du Faubourg Saint-Antoine Nr.235, die ihm 1849 Zwillinge gebar, Henri Julien und Louis Adolphe, also mit französischen Vornamen.  Und auch wenn der Vater -inzwischen mit französisiertem Vornamen Henri- noch jahrelang am lutherischen Bekenntnis festhielt, wurden die Zwillinge in der Église Saint-Marguerite getauft. Vermutlich angeregt von Freunden aus dem Faubourg wurde er Glasmaler, gründete schließlich ein eigenes Atelier in Nantes und dann, zurückgekehrt nach Deutschland, in Kassel. Für Kirchen in der Bretagne, in Weimar und sogar in den USA erhielt er bedeutende Aufträge… Was für eine schöne deutsch-französische Geschichte! 

Natürlich gab es aber auch in diesem Viertel „handwerkliche Kümmerexistenzen“, vor allem Schneider und Schuhmacher, aber überwiegend unterschieden sich die Deutschen des Faubourg Saint-Antoine von den anderen Zuwanderern, wie der Abbé Axinger 1837 berichtete: „Die deutsche oder von deutschem Blut abstammende Bevölkerung dieses Faubourgs unterscheidet sich dadurch von den anderen deutschen Gruppen von Paris, dass sie größtenteils aus Festansässigen (Fabrikanten, Handwerkern etc.) besteht, von denen viele durch Heirat mit Französinnen und langen Aufenthalt in Paris mehr und mehr, in der zweiten und dritten Generation oft schon ganz französisch geworden sind, während unsere Landsleute, wo sie an anderen Stellen kompakter sich zusammendrängen, als Arbeiter oder Tagelöhner mehr wandernd ab- und zuströmend auftreten und darum ihre deutsche Volkstümlichkeit fester bewahren.“[22] Um diese deutschen Gastarbeiter geht es im nachfolgenden Abschnitt.

Ein „Subproletariat auf Zeit“: Das Beispiel der hessischen Straßenkehrer

In den 1830-er und 1840-er Jahren übte Paris auf viele Arbeitssuchende, die in ihrem Heimatdörfern kein Auskommen mehr fanden, eine starke Anziehungskraft aus. Frankreich war damals in der Industrialisierung den deutschen Staaten voraus und hatte großen Arbeitskräftebedarf. Einem Lagebericht der Evangelischen Mission unter der deutschen, nicht ansässigen Bevölkerung in Paris von 1845 zufolge wurde „keine Eisenbahn und kein Kanal gebaut, wo nicht deutsche Tagelöhner und Arbeiter in Masse herbeiströmen; alle Straßen von Deutschland nach Paris sind belebt von deutschen Auswanderern und Reisenden.“[23]  Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der spätere Begründer der Bethelschen Anstalten, der von 1858-1864 die evangelischen Deutschen in Paris geistlich betreute, schrieb in sein Tagebuch: Das waren „zum weitaus größten Teil ganz arme Leute, für welche das deutsche Vaterland keinen Raum mehr hatte und die doch nicht die Mittel besaßen, über das Meer nach Amerika hinüberzuziehen. Sehr viele von diesen Einwanderern kamen aus Hessen, und zwar aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Diese hatten in Sonderheit die Arbeit des Gassenkehrens erwählt und wurden auch hierzu ganz besonders von der Pariser Stadtbehörde angestellt.“[24]

Aber auch wenn man faktisch einem „Subproletariat auf Zeit“ angehörte: Auch dieses Gruppenfoto zeigt in Anordnung, Haltung, Kleidung und Präsentation des Arbeitsmaterials durchaus ein unverkennbares Selbstbewusstsein.

Manche deutsche Migranten betrieben auch „das Handwerk des Lumpensammelns“ (Bodelschwingh), andere  arbeiteten auf den großen Baustellen, die es im Zuge des Haussmann’schen Stadtumbaus überall gab, oder in den Steinbrüchen.  Pariser Unternehmer warben in manchen Gegenden Deutschlands auf der Suche nach billigen Arbeitskräften gezielt deutsche „Gastarbeiter“ an.[25]

Viele der aus Deutschland und speziell aus Hessen kommenden Arbeiter lebten im Norden von Paris, in der Gegend von La Villette.

Die rue bzw. route d’Allemagne/rue Jean Jaurès verläuft unterhalb des bassin de la Villette. Sie hat ihren Anfang bei der Rotonde de la Villette. Nach der rue d’Allemagne war auch die am Anfang der Straße gelegene Metro-Station benannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der kurz vor Beginn des Kriegs ermordete französische Sozialist und Pazifist Jean Jaurès neuer Namensgeber von Metro-Station und Straße.

Die Deutschen von La Villette bildeten dort geradezu eine Kolonie, „la colonie allemande“, über die der zeitweise in Paris lebende liberale Politiker, Publizist und Bankier Ludwig Bamberger in einem von Victor Hugo eingeleiteten prominenten Paris-Führer aus dem Jahr 1867 berichtete: „Hier, wo die Woge zuerst anprallt, werden wir mit unbewaffnetem Auge den gewaltigen Niederschlag erkennen, den sie in kurzer Zeit gebildet hat: eine wahre Anschwemmung deutschen Erdreichs auf französischem Boden. Schon die Straße (…) trägt den Namen der Route d’Allemagne, und in dem ganzen Viertel ringsumher sehen wir die Häuser mit deutschen Namen bedeckt. Gasthäuser, Hotels Garnis, Kaffeehäuser, Läden und Werkstätten sind von den Angehörigen dieser Nation in Anspruch genommen; aber vor allem beherbergt dieser Stadtteil ein deutsches Proletariat, von dem nur wenige Pariser und selbst wenige der dort lebenden Deutschen eine Ahnung haben.“[26]

In seinem Bericht über die deutsche Kolonie in Paris gibt Bamberger einen Einblick in die Arbeits- und Lebensbedingungen der hessischen Straßenkehrer: „Im Winter tragen die Männer einen Pelz von Hundefell; die Frauen und Kinder- denn auch solche sind in der Brigade einrangiert- tragen alte Kaliko-Lumpen und ein rotes oder grünes wollenes Tuch um den Kopf gebunden. (…) Sehr selten nur schlagen sie Wurzeln in Paris. Die, welche nicht in den ersten Monaten sterben -und die Sterblichkeit ist sehr groß unter ihnen- kehren mit ihrem kleinen Sparpfennig in die Heimat zurück. … Das Geheimnis ihres Handwerks liegt denn auch weit mehr in der Kunst, nicht zu verhungern, als in der Kunst Geld zu verdienen. Es wird schwerlich in Paris irgendeine Arbeiterklasse geben, die es im Entbehren so weit gebracht hat.“[27]

Umso bedeutsamer war dann auch der große landsmannschaftliche Zusammenhalt: Vor allem halfen sich die eingewanderten Hessen gegenseitig, Arbeit und Unterkunft zu finden. Und sie blieben in Kontakt mit der Heimat, in die sie ja wieder zurückkehren wollten. In der protestantischen Schule wurden die Kinder nach dem im Großherzogtum Hessen gültigen Lehrplan unterrichtet. Dies war für die deutschen Gastarbeiter besonders wichtig, wie Friedrich von Bodelschwingh notierte: „Da die Auswanderer selbst kein Französisch sprachen, sie auch nach Deutschland zurückzukehren gedachten, wenn sie sich einige Hundert Mark erspart hätten, so war es ihnen schwer, dass ihre Kinder in den französischen Regierungsschulen sehr schnell Französisch, ja, wenn sie klein waren, nur Französisch reden lernten und die Eltern kaum noch verstanden. Darum war die deutsche Schule für sie der Gegenstand ihrer dringendsten Wünsche, und wo solch eine Schule aufgerichtet wurde, da sammelten sich auch die armen deutschen Einwanderer von Paris, indem sie in die Nähe der Schule zogen.“ Das bestätigte 1862 auch der katholische Pater Modeste: „Ich habe oft Eltern gesehen, die nicht mehr mit ihren eigenen Kindern sprechen konnten. Die Mutter sprach deutsch, das Kind französisch. Dadurch wird das Band der Familientradition zerrissen, weil die Eltern, die meist im Erwachsenenalter ihre Heimat verlasssen, nicht im Stande sind, ein fremdes Idiom zu erlernen.“ [28] Und wie hätte ein hessischer Straßenkehrer, dessen Tag vor allem aus sehr viel Arbeit im Kreis von Landsleuten und etwas Schlaf bestand, auch Französisch lernen können – oder müssen? Mit Franzosen kamen die deutschen Gastarbeiter kaum in Berührung, konnten sich also mit einem  armseligen „Kauderwälsch“ begnügen.

Auch wenn dieser deutschen Gastarbeiter ein „Subproletariat auf Zeit“ bildeten. Ihr Schicksal war immerhin weniger schlimm als das ihrer Landsleute aus Nordhessen, die Ende des 18. Jahrhunderts vom eigenen Landesherrn an die Engländern verkauft wurden, um gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner zu kämpfen, so wie das Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel praktiziert hatte.  Denn wenn auch die Arbeit hart war: An den Sonntagen trafen sich die Hessen in den Gastwirtschaften am Rande der Stadt, also den Guinguettes, wo es billigen, steuerfreien Wein gab und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause. [2] Und nach einigen Jahren kehrten sie -inzwischen oft mit einer jungen Frau aus der Heimat verheiratet- wieder mit etwas Geld in ihre Dörfer zurück.

Französische Arbeiter nannten das Viertel, in dem vor dem Krieg 1870/1871 etwa die Hälfte aller in Paris lebenden Deutschen wohnte,  das „petite Allemagne“. Nach der Niederlage von Sedan wurden sie zwar ausgewiesen, aber nach dem Krieg kehrten hessische Straßenkehrer wieder nach Paris zurück: Sie wussten, dass sie gebraucht wurden. Bei ihrer Ausweisung hatten sie schon gleichermaßen zuversichtlich wie verächtlich gemeint: „Sie müssen uns schon wieder holen – dei könne ja nich kehre.“[29]

Die deutschen „Mädchen für alles“

Eine besondere und auch besonders große Gruppe deutscher Migration nach Paris bilden die Dienstmädchen, die „bonnes à tout faire“.[30]  Diese Dienstmädchen bildeten die unterste Stufe des Personals gutbürgerlicher Pariser Familien. Der entsprechende Pariser Arbeitsmarkt war im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs fest in den Händen der deutschen ‚Fräulein‘. Die deutschen Dienstmädchen wurden im Allgemeinen gerne eingestellt. In einem Bericht aus dem Jahr 1862 heißt es: „Man liebt in Paris deutsche Köchinnen und Dienstmädchen. Sie arbeiten mehr und fleißiger, sind solider und ruhiger, redlich, verlässig und einfach und leichter zu befriedigen, als die französischen Demoiselles, die nicht leicht durch einen Dienst sich verpflichten lassen und die Ungebundenheit mehr als gut ist lieben.“ (74)  Dazu kamen dann wohl bei den großbürgerlichen Familien nach der Commune von 1871 auch noch politisch bedingte Vorbehalte gegen potentiell aufrührerische junge Pariserinnen. Bei den braven, anstelligen Mädchen aus Deutschland hatte man da nichts zu befürchten… 

Vor allem für junge Mädchen aus ärmlichen, meist bäuerlichen Verhältnissen war der Dienstmädchenberuf beliebt, „weil es sich um eine unqualifizierte Arbeit handelte, für die keine Ausbildung benötigt wurde. Die jungen Frauen konnten in der Regel sofort mit der Arbeit beginnen. Auch war weder Anfangskapital noch ein Zimmer oder eine eigene Wohnung notwendig, wurden die Mädchen doch bei ihren Dienstherren mit Kost und Logis versorgt.“ (72) Es war zwar ein großes Wagnis, ohne jede Kenntnis der französischen Sprache eine Reise nach Paris und eine Arbeit in der Fremde auf sich zu nehmen, aber es gab dafür doch mehrere gewichtige Gründe: Attraktiv war Paris zunächst einmal wegen der dort gezahlten vergleichsweise hohen Löhne.  Die Löhne für ein Dienstmädchen waren dort fast doppelt so hoch wie in Berlin. So konnten die Mädchen hoffen, mit dem in einigen Jahren angesparten Geld eine Aussteuer zu finanzieren und damit die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Ein zweiter Grund für die Auswanderung nach Paris war das Erlernen der französischen Sprache. Dazu die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher 1908: „Eine Deutsche, die in Paris gedient und dort französisch gelernt hat, erhöht ihren Wert auf dem deutschen Markt beträchtlich“. Das galt nicht nur für den Arbeits-, sondern auch für den Heiratsmarkt, wo „die Feinheiten der Pariser Politesse“ ebenfalls gefragt waren. (74) Drittens schließlich war die Suche nach Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit ein wichtiger Grund für einen Aufenthalt in Paris. Die jungen Frauen wollten der heimatlichen Enge und der elterlichen Autorität entgehen und sich nicht mit einem einheimischen Bauern verheiraten lassen. Begünstigt wurde das Paris-Abenteuer teilweise auch durch bestehende informelle Netzwerke: Im Idealfall traten die Mädchen die Nachfolge einer Schwester oder Freundin an oder kamen auf Empfehlung in einen bekannten Haushalt.  Dies war eine Art der Kettenmigration, die es ja auch heutzutage noch in manchen Bereichen bei uns gibt: Man denke etwa an den Bereich der Seniorenbetreuung durch junge Frauen aus Polen oder an Putzhilfen aus dem Balkan. Für die Mädchen wie auch für die Herrschaften hatte dieses Vermittlungssystem erhebliche Vorteile: Die Mädchen konnten der Schwester oder der Freundin vorab von der Familie und dem Leben in Paris berichten. Auch genossen sie gegenüber den Herrschaften einen gewissen Vertrauensvorschuss. Schließlich war diese Vermittlung für beide Seiten kostenlos. (78)

„Der Aufenthalt in Paris war demnach Befreiung und gleichzeitig Mittel für einen sozialen Aufstieg der jungen Frauen. Paris haftete das Image der Stadt der Mode, der Liebe, der Freiheit und der Kultur an, wo zusätzlich die Löhne hoch waren. Dieser Mythos war dafür verantwortlich, dass trotz der Warnungen der Kirchen, Hilfseinrichtungen und Zeitungen jedes Jahr so viele jungen Frauen nach Paris gingen.“ (74)

Für solche Warnungen gab es durchaus gute Gründe, die vor allem Mädchen betrafen, die sich auf eigene Faust auf den Weg nach Paris machten. Die mussten dort nämlich die teuren Dienste von Vermittlungsagenturen in Anspruch nehmen, die sich allerdings manchmal erheblich in die Länge zogen. „Wie schwer ist es oft, ein Mädchen zu placieren!“ heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1885. „Die Herrschaften machen entsetzlich viel Ansprüche! Bald ist das Mädchen zu jung, bald nicht fein genug, versteht die hiesige Küche nicht, oder kann nicht französisch sprechen.“ (81)

Für junge Frauen, die ohne ein hinreichendes finanzielles Polster nach Paris gekommen waren, konnte eine sich hinziehende Vermittlung zu einem existentiellen Problem werden. Und an den Bahnhöfen warteten auch schon skrupellose und kriminelle Werber, „wie die Jäger auf das Wild“, wie es in einer zeitgenössischen Quelle von 1869 heißt (78),  von denen sie ausgebeutet und manchmal auch in die Prostitution getrieben wurden. Aber selbst bei einer seriösen und erfolgreichen Vermittlung: Eine Garantie für längerfristige Anstellung gab es nicht. Dienstmädchen konnten von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt werden. Und die Hilfsmöglichkeiten der sich allmählich etablierenden, vor allem kirchlicher Netzwerke waren begrenzt.

Ein besonderes Problem war auch die Isolation der Dienstmädchen: Die gutbürgerlichen Familien, die sich ein Dienstmädchen leisten konnten, wohnten überwiegend im Westen von Paris, während die deutschen Arbeiter und Handwerker eher im proletarischen Osten zu Hause waren. Und anders als in Deutschland gab es im Paris des Barons Haussmann eine strenge räumliche Trennung von Herrschaften und Dienstpersonal: Das war in kleinen unbeheizten „bonnes“- Dachkämmerchen untergebracht. Und Freizeit gab es nur einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag…

Trotzdem blieb die Attraktion der „ville lumière“ für junge deutsche Frauen bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen. Während für deutsche Handwerker und Arbeiter mit den Gründerjahren nach dem deutsch-französischen Krieg eine Arbeit in Deutschland eher attraktiver wurde, galt dies -trotz aller Probleme- für die deutschen Dienstmädchen nicht. So erhöhte sich der Frauenanteil an der deutschen Migration nach Paris bis 1914 immer mehr. 

Der Erste Weltkrieg beendete dann abrupt die deutsche Migrationsbewegung nach Paris, bis dann die Verfolgung von Oppositionellen und Juden im Dritten Reich Paris erneut zu einem bedeutenden Ziel von Flüchtlingen machte. Aber das ist eine andere Geschichte….


Anmerkungen

[1] Aufmacher der FAZ vom 9. 11. 2023: Steinmeier nennt Deutschland ein „Land mit Migrationshintergrund“

[2] https://www.histoire-immigration.fr/ Siehe dazu z.B.: Claus Leggewie, Eingewanderte wie wir.Ein grunderneuertes Museum in Paris entprovinzialisiert die Geschichte von Flucht und Migrationsbewegung – und könnte auch der länglichen deutschen Debatte über ein solches Projekt Auftrieb geben. Aus: Frankfurter Rundschau 15.9.2023 und Jörg Häntzschel, Pariser Einwanderungsmuseum: Wie wird man Franzose? Im ehemaligen Pariser Kolonialmuseum setzt sich Frankreich in einer epochalen Ausstellung mit seiner Geschichte als Einwanderungsland auseinander. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. August 2023; https://www.kultur-port.de/blog/kulturmanagement/18287-ein-neues-nationalmuseum-fuer-die-geschichte-der-einwanderung-eroeffnet-im-juni-2023-in-paris.html aaa

[3] https://paris-blog.org/2017/05/10/das-palais-de-la-porte-doree-und-die-kolonialausstellung-von-1931/

[3a] https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/12/20/loi-sur-l-immigration-une-rupture-politique-et-morale_6206843_3232.html und https://www.latribune.fr/economie/france/loi-immigration-de-nombreux-economistes-vent-debout-986412.html s.a. La Croix vom 20.12.2023: Loi immigration : une réforme inédite par son ampleur restrictive; Libération 19.12.2023: La trahison de Macron; Cécile Alduy, sémiologue : « Le discours de LR sur l’immigration est un copier-coller presque complet du RN » Le Monde 28. Mai 2023; Le Monde vom 19.1.2024: Le Rassemblement national savoure sa victoire idéologique…

[4] Schaubild aus: Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 12: Siehe dort auch S. 15: „ Die Schätzungen über die Anzahl der Deutschen oder deutschsprachigen Personen in Paris vor der Revolution von 1848 gehen erheblich auseinander. Die niedrigste Schätzung liegt bei 30 000, die höchste bei über 120 000.“ Einen „Anhaltspunkt liefert eine Untersuchung der Pariser Industrie- und Handelskammer vom 1847. Allein rund 37 000 deutsche Schuhmacher, Schneider und Tischler waren gezählt worden.“  Siehe auch die Angaben bei: Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 200

In seiner politischen Geschichte der Stadt Paris seit der Französischen Revolution spricht Klaus Schüle von bis zu 100 000 Deutschen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris gelebt hätten. Tübingen 2005, S. 264

[5] Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert, S. 21 und

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 201

[6] Jan Gerber, Karl Marx in Paris. München 2018, S.39

[7] Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977, S 175

[8] Brief an Magnus von Moltke, zit. Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005,  S. 210

Zu Heine In Paris siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[9] zit.bei  Marcuse,a.a.O., S. 178

[10] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[11] Dieses und die weiteren Zitate Börnes aus: https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

[12] Jan Gerber, Karl Marx in Paris, S.

[13] Abbildung und erläuternder Text aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 101

[14] Siehe dazu den Überblick von Jacques Grandjonc und Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815 – 1914). In: Deutsche Emigranten in Frankreich / Französische Emigranten in Deutschland,  S. 82-86

[15] Siehe: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/

[16] Text und Bild aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 89/90

[17] Siehe dazu: Der Faubourg Saint-Antoine, Das Viertel des Holzhandwerks  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Siehe dazu auch den Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine im Atlas historique von Paris: https://paris-atlas-historique.fr/42.html

Im September 2024 wird dazu auch eine an der Deutsch-Französischen Hochschule vorgelegte Dissertation von Miriam Schefzyk in Buchform erscheinen: Martin Carlin et les ébénistes allemands à Paris au XVIIIe siècle. https://www.fnac.com/a17946352/Miriam-Schefzyk-Martin-Carlin-et-les-ebenistes-allemands

[18] Siehe: Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102 

[19] Zit. bei Pabst, Subproletariat auf Zeit. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 266/267

[20] https://www.metmuseum.org/art/collection/search/206976

[21] Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010 ;  Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264 und Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 10

[22] Zit. bei Pabst, S. 267

[23] Zit. bei Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264

[24] Zitat und Bild aus Pabst, Subproletariat a.a.O., S. 263/264

Hessen gehörte damals zu den ärmsten Gegenden Deutschlands. Und es waren deshalb ja auch vornehmlich die Fürsten hessischer Kleinstaaten, die Ende des 18. Jahrhunderts Landeskinder als Soldaten an England verkauften, um ihre klammen Finanzen aufzubessern und ihren absolutistischen Luxus zu finanzieren. Der Darmstädter Landgraf (damals noch nicht Großherzog) war da allerdings eine rühmliche Ausnahme.

[25] siehe Mareike König a.a.O., S. 12f, worauf ich mich auch im nachfolgenden Abschnitt beziehe.

[26] Zit. bei Pabst, S. 265

[27] Zit a.a.O., S. 265

[28] Zit. a.a.O., S. 264

[29] Zitat aus Martin Gerhardt, Friedrich von Bodelschwingh 1950, S. 490 in: Mareike König a.a.O., S. 21. 

[30] In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf den Beitrag von Mareike König, ‚Bonnes à tout faire‘: Deutsche Dienstmädchen in Paris um 1900. In: Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 69ff  Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Beitrag.

Literatur:

Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris.  Eine vergessene Migration im 19. Jahrhundert. Pariser Historische Studien Band 66  2003 Oldenbourg Verlag München https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012646/PHS%2066%20-%20koenig_handwerker.pdf

Mareike König, Deutsche Einwanderer in Paris im 19. Jahrhundert. 2012/2023 https://19jhdhip.hypotheses.org/22

Mareike König, Warum Paris? Wirtschaftliche Migration, politisches Exil und der Mythos Paris als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ 2014/2023  https://19jhdhip.hypotheses.org/2097  und https://planet-clio.org/blog/category/deutsche-einwanderer-in-paris/

Migration économique, exil politique et critique sociale: Les Allemands à Paris au XIXème siècle.  In: DeuFraMat (Deutsch-Französische Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht). http://www.deuframat.de/fr/societe/structures-demographiques-migration-minorites/migration-economique-exil-politique-et-critique-sociale-les-allemands-a-paris-au-xixeme-siecle/introduction.html

Louis Bamberger, La colonie allemande. In: Paris Guide par les principaux écrivains et artistes de la France. Introduction par Victor Hugo. Deuxième partie: La vie. Paris 1867, S. 1017 – 1042 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k200160r/f165.item

Klaus Bade (Hrsg), Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992

Étrangers à Paris. In: Commune de Paris 1871. étrangers à Paris (commune1871-rougerie.fr)

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848: L’exemple des Allemands. In: Paris und Berlin in der Revolution 1848/Paris et Berlin dans la révolution de 1848. Hrsg. Von Ilja Mieck, Horst Möller und Jürgen Voss. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995

Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten In Deutschland. 1685-1945. Eine Ausstellung des französischen Außenministeriums in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris 1983. Paris 2. verbesserte Auflage 1984

Ausstellungshinweis

Vom 25. März bis 21. Juni 2025 widmet die Historische Bibliothek der Stadt Paris (BHVP) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut eine Ausstellung der oft übersehenen Geschichte der deutschen Einwanderung in Paris. Der Rundgang beleuchtet die wichtigsten Orte, Berufe und Persönlichkeiten dieser Migration – von den ersten Einwanderern vor der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert zog Paris zahlreiche Deutsche aus politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen an. Neben bekannten Namen wie Heinrich Heine, Alexander von Humboldt, Karl Marx oder Jacques Offenbach prägten vor allem Handwerker, Arbeiter und Dienstboten das Stadtbild.

1848 stellten sie mit über 80.000 Personen die größte Ausländergruppe in der französischen Hauptstadt.

Die Migration war von historischen Umbrüchen geprägt: Während europäische Krisen und die deutsch-französischen Kriege (1870-71, 1914-18, 1939-45) zu Vertreibung und Internierung führten, suchten in den 1930er Jahren zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere Juden, Schutz vor dem Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Einwanderung deutlich ab, doch ihr Einfluss auf die Stadtgeschichte bleibt bis heute spürbar.

Ort: Historische Bibliothek der Stadt Paris, 24 rue Pavée, Paris 4e – alle Infos hier
Zeitraum: 25. März – 21. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10:00–18:00 Uhr
Eintritt frei, aber nur mit Reservierung / Führung  – Reservierungen sind ab dem 31/03/25 möglich


Hier noch ein weiterführender Link zu einem Artikel von Dr. Wolf Jöckel / Paris und Frankreich Blog > „Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert“ der dieses Thema mit interessanten Beispielen weiter vertieft.

Aus: https://www.deutscheinparis.de/ausstellung-les-allemands-de-paris-deutsche-einwanderung-in-paris/

Die Mays von Notre-Dame de Paris (Eine Ausstellung in der Galerie des Gobelins 2023/2024)

Dies ist ein um das Jahr 1780 entstandenes anonymes Gemälde: Ein Blick vom Hauptschiff der Kirche in den Chor und das nördliche Querschiff von Notre-Dame. Es vermittelt einen Eindruck vom damaligen Zustand der Kirche und ihrer Ausstattung. Auffällig ist besonders der aus teilweise vergoldetem Schmiedeeisen hergestellte Lettner, der den für die Domherren reservierten Chor der Kirche von ihren anderen, den Gläubigen und Besuchern zugänglichen Teilen trennt. An dem großen Pfeiler in der Mitte erkennt man einen Marienaltar mit einer Statue, der man wundersame Kräfte zuschrieb. Seit 1855 steht dort auf Veranlassung Viollet-le-Ducs die berühmte mittelalterliche Statue der Maria mit Jesuskind, die den Brand von 2019 unbeschadet überstanden hat. Zwischen den Pfeilern des Langhauses und des nördlichen Querschiffs hängen monumentale Gemälde. Mit ihnen wurde die Kirche nach den Religionskriegen ausgestattet, um ihr im Zuge der Gegenreformation mehr Glanz zu verleihen und um den Gläubigen die biblische Geschichte und das Leben, Leiden und den himmlischen Lohn von Heiligen anschaulich zu machen.

Die beiden großen Gemälde links im Hauptschiff sind sogar identifiziert worden. Es handelt sich um Christus und die Samariterin von Louis de Boullogne, das May-Gemälde von 1695, und Christus heilt einen Epileptiker von Bon Boullogne, das May-Gemälde von 1678. [1a]

Bon Boullogne,  La guérison du paralytique à Bethesda

Was hat es mit diesen May-Gemälden auf sich? Die Tradition der Mays geht zurück auf das Jahr 1449. Es handelte sich um eine jeweils zum 1. Mai eines Jahres überreichte Opfergabe der Pariser Goldschmiede an Maria als der Schutzheiligen von Notre-Dame: Der Monat Mai gilt nämlich in der christlichen Tradition als der Monat Marias.[1b] Die Tradition dieser Opfergaben reichte bis in die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts. Die Formen dieser Gaben änderten sich allerdings im Lauf der Jahre. 1630 engagierte sich die Goldschmiedegilde, als May jedes Jahr ein großformatiges Gemälde von ca 3,4 m Höhe und 2,75 m Breite zu stiften. Die Bilder sollten eine Szene aus dem Leben der Apostel darstellen und im Kirchenraum von Notre-Dame zwischen den Pfeilern aufgehangen werden- so wie das auf dem oben abgebildeten Gemälde ja auch zu sehen ist.[1]

Die Gilde der Goldschmiede wurde geleitet von vier jeweils für zwei Jahre gewählten Meistern. Die beiden zuletzt Gewählten waren für das nächste May-Gemälde zuständig: Thematik, Auswahl und Beauftragung des Künstlers, Übernahme der Kosten…Das war natürlich eine prestigeträchtige Angelegenheit, und manche Auftraggeber nutzten durch die Beauftragung prominenter Maler die Gelegenheit, ihren Rang und Reichtum zur Schau zu stellen. Insgesamt entstanden so 76 großformatige Bilder, die die Kathedrale schmückten: Man hat sie deshalb auch „das erste Museum französischer Malerei“ genannt.[2] Bewundert im 18. Jahrhundert, wurden die Mays während der Französischen Revolution aus der Kirche entfernt: In einem Tempel der Vernunft waren sie fehl am Platz… Immerhin fielen sie nicht dem revolutionären Vandalismus zum Opfer wie die Königsköpfe der Fassade, sondern wurden überwiegend in Museen eingelagert, zum Teil auch verkauft. Die beiden im oben abgebildeten Gemälde identifizierten May-Gemälde beispielsweise befinden sich heute in einem englischen Schloss und -wie mehrere andere Mays- im Depot des Museums von Arras. Einige kehrten wieder in die Kirche zurück, nachdem Napoleon 1801 ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen hatte. Auch Gemälde, die die napoleonischen Truppen bei ihrem Italienfeldzug erbeutet hatten, schmückten nun die Kirche. Aber dann kam Viollet-le-Duc, dessen Rekonstruktion von Notre-Dame sich am Idealbild einer gotischen Kathedrale orientierte, und dazu passten die barocken Gemälde nicht. Also wurden sie 1862 erneut aus der Kirche entfernt und dem Louvre übergeben. Im 20. Jahrhundert aber begann man sich wieder für die Mays zu interessieren, 52 davon konnte man noch identifizieren und 13 fanden wieder ihren Platz in Notre-Dame – allerdings nicht mehr zwischen den Pfeilern des Hauptschiffs, sondern etwas versteckt und verdunkelt in Seitenkapellen.  Dort überlebten sie den Brand von 2019. Die Jahre der Rekonstruktion der Kathedrale wurden genutzt, um sie, zusammen mit anderen Gemälden der Kirche, zu restaurieren. Bevor sie Ende 2024 wieder an ihre angestammten Plätze zurückkehren, sind sie nun als ein einzigartiges Ensemble der französischen Malerei des 17. Jahrhunderts in den Ausstellungsräumen der Galerie des Gobelins aus der Nähe zu betrachten.

Nachfolgend werden einige der dort ausgestellten Mays etwas näher präsentiert. Vielleicht regen sie zu einem Ausstellungsbesuch an, vielleicht aber auch dazu, nach der Neueröffnung von Notre-Dame auch einen Blick auf die dort ausgestellten Gemälde zu werfen.

May von 1634

Foto: Wolf Jöckel

Jacques Blanchards May-Gemälde von 1634 veranschaulicht das Thema Pfingsten: Feuerzungen, Symbole für den Geist Gottes, wehen vom Himmel herab.  

Die Ankunft des Heiligen Geistes von Jacques Blanchard  (Höhe 3,40m x Breite 2,45m)[3] 

Der Text der Apostelgeschichte berichtet, dass die zwölf Jünger und Maria zusammenkommen, als ein Hauch wie ein Windstoß das Haus erfüllt und Feuerzungen erscheinen. „Dann erschienen ihnen Zungen, von denen man sagen würde, sie seien aus Feuer, und sie wurden geteilt, und auf jedem von ihnen ruhte eine. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt: Sie begannen in anderen Sprachen zu reden, und jeder redete gemäß der Gabe des Geistes. » (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 1-4)

Foto: Wolf Jöckel

May von 1637

Laurent de La Hyre (1606-1656) hat als May des Jahres 1637 eine dramatische Szene gemalt: Die Bekehrung des  Paulus: Auf dem Weg nach Damaskus erscheint dem römischen Offizier Saul die visionäre Lichtgestalt des auferstandenen Christus. Der Verfolger von Christen wird als Paulus „Apostel der Völker“.

Laurent de la Hyre hatte bereits das May-Bild des Jahres 1635 gemalt. Das war derart erfolgreich gewesen, dass er zwei  Jahre später  einen erneuten May-Auftrag erhielt und das sogenannte Damaskus-Erlebnis des Paulus malte.[4]

Foto: Wolf Jöckel

Das Bild ist diagonal aufgeteilt: Unten der römische Offizier Saul mit seinem Gefolge. Er liegt mit seinem Pferd am Boden, geblendet vom Licht. Ein Begleiter versucht ihn aufzurichten, ein anderer ergreift panisch die Flucht.

Foto: Wolf Jöckel

Oben die Lichtgestalt des von Engeln begleiteten Jesus, der den zu Boden Gestürzten anruft: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

Die beiden Bildausschnitte habe ich in der Ausstellung aufgenommen, die Gesamtansicht ist ein älteres Foto von Wikipedia. Die Unterschiede sind deutlich: Die durch den Staub der Jahrhunderte verblasste Lichterscheinung des Jesus, die den Christenverfolger für mehrere Tage blendet, hat den ursprünglichen Glanz zurückerhalten. Und dieser Glanz fällt auch auf Saulus, der dadurch zum Paulus wird.  So wird man auch die Kathedrale von Notre-Dame insgesamt nach der Wiedereröffnung am 8. Dezember 2024 in neuem Licht, ja Glanz, erleben…

May von 1639

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Thema dieses Mays ist die Begegnung des Apostels Petrus mit dem römischen Centurio Kornelius. Dem erschien, wie die Apostelgeschichte berichtet, ein Engel Gottes, der ihm den Auftrag gab,  Petrus in Caesarea treffen: „Als nun Petrus ankam, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich ehrfürchtig vor ihm nieder/ Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch.“[5]  Und Kornelius lässt sich als einer der ersten nach dem Tod Jesu von Petrus taufen. Auch hier ist der Unterschied zwischen der alten Gesamtdarstellung und dem Ausschnitt aus dem restaurierten Gemälde sehr deutlich und eindrucksvoll.

Das Gemälde vor dem Brand an seinem angestammten Platz in Notre-Dame [6]

Die großen Säulen im Hintergrund „erinnern an die Pfeiler der Kathedrale. Es handelt sich um eine symbolische Verbindung zwischen der Vergangenheit, in der sich das Geschehen vollzieht, und dem gegenwärtigen Ort, in dem sich die Gläubigen befinden.“[7]

Der Maler, Aubin Vouet (1595-1641), ist heute eher in Vergessenheit geraten. Damals allerdings war er ein äußerst geschätzter Maler großer Formate mit religiösen und mythologischen Motiven. Geschult an Caravaggio, dessen Bilder er bei einem Aufenthalt  in Rom sah, setzte er effektvoll starke Lichteffekte, lebhafte Farben und wallende, die Darstellungen rhythmisierende Gewänder ein. Von seiner damaligen Popularität spricht die Tatsache, dass er 1632 als einer der Ersten für ein May-Gemälde ausgewählt wurde und dass er nach dem Gemälde von 1639 auch gleich noch den Auftrag für das darauffolgende Jahr erhielt, den er kurz vor seinem frühen Tod noch ausführen konnte.

May von 1643

Ausschnittsbilder: Fotos: Wolf Jöckel

Auf dem May-Gemälde von 1643 geht es, wie das Detail des gefährlich seine Zähne fletschenden und nicht angeketteten Hundes zeigt, um Gewalt….

Dargestellt ist Die Kreuzigung des heiligen Petrus, (Höhe 3,59m x Breite 2,59m), gemalt von Sébastien Bourdon (1616-1671) 

Bourdon bezieht sich dabei auf die Legenda aurea. Dies ist eine von dem Dominikaner Jacobus de Voragine wahrscheinlich in den Jahren um 1264 auf Lateinisch verfasste Sammlung von ursprünglich 182 Traktaten zu den Kirchenfesten. Vor allem sind darin Lebensgeschichten Heiliger und Heiligenlegenden enthalten.[8]

In Kapitel 89 wird dort berichtet, dass Petrus im Angesicht des Kreuzes verlangt habe, kopfüber gekreuzigt zu werden, da er nicht würdig sei, auf die gleiche Art und Weise wie Jesus zu sterben.

Der himmlische Lohn wartet immerhin schon auf ihn…. (Foto: Wolf Jöckel)

May von 1647

Auch im May von 1647 überbringt ein Engel mit nach oben gerecktem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger himmlischen Lohn. Denn auch in diesem Bild geht es um einen Apostel, der, gekreuzigt wie Petrus, für seinen Glauben stirbt, und deshalb zum Heiligen wird.[9]

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Gemalt hat das Bild Charles Le Brun (1619-1690), einer der bedeutendsten französischen Maler des 17. Jahrhunderts. Er gehörte mit dem Gartenarchitekten Le Nôtre und dem Architekten Le Vau zu dem genialen Dreigestirn, das zunächst das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte konzipierte und dann vom Sonnenkönig für Versailles engagiert wurde. Le Brun wurde offizieller Hofmaler Ludwigs XIV. und dazu auch noch Direktor der Gobelin-Manufaktur. Einen prominenteren May-Maler konnten die damals verantwortlichen Goldschmiedemeister nicht finden.

Dargestellt ist eine komplexe Handlung: Soldaten reißen Andreas seine Kleider vom Leib und binden ihn an ein X-förmiges Kreuz, das deshalb auch Andreas-Kreuz genannt wird; und sie zerstreuen Menschen, die Sympathie mit Andreas zeigen.  

Und von oben sieht der römische  Statthalter Aegeas dem Geschehen zu. Er hatte  Andreas zum Tode verurteilt, weil der seine Frau zum Christentum bekehrt hatte. (Bei der Rückkehr von der Hinrichtung soll Aegeas allerdings zur Strafe dem Wahnsinn verfallen sein…)

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Der Kern der Geschichte ist von Le Brun deutlich hervorgehoben: Das Martyrium des Andreas und der ihm winkende himmlische Lohn sind vom Licht erhellt, Apostel und Engel durch ihre Blicke verbunden. So können auch die Betrachter des oben zwischen den Pfeilern aufgehängten Bildes seine Botschaft unschwer erkennen. Auch hier wieder ist der Unterschied zwischen alter Version (Engel) und neuer (Apostel) deutlich erkennbar.

May von 1651

Le Brun erhielt auch den Auftrag für das May-Gemälde von 1651. Thema ist diesmal die Steinigung des heiligen Stefanus (St. Etienne)  H 4,00m x B 3,12m.[10]  

Stefanus gilt als der erste christliche Märtyrer. Wegen Gotteslästerung wird er zum Tode verurteilt und gesteinigt.[11] Auch dies ist eine Szene größter Brutalität. Drei muskulöse Männer vollziehen die Steinigung. Alte, Frauen und Kinder beobachten die Szene, ein Junge -oder vielleicht sogar ein Mädchen?- assistiert und bringt Steine herbei.

Fotos: Wolf Jöckel

Auch dieses Gemälde ist deutlich zweigeteilt. Unten mit ausgebreiteten Armen Stefanus, den Blick, entsprechend den Worten der Apostelgeschichte, nach oben gerichtet:

Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.[12]

Und so sieht auch der Betrachter in den offenen Himmel: Gottvater und Jesus, ein strahlend schöner Jüngling, winken dem Märtyer zu, und Engelchen halten schon die Symbole des himmlischen Lohns, Krone und Palmwedel, bereit…

Das Gemälde wurde in der chapelle saint Éloi aufgehangen, dem Heiligen der Goldschmiede, die die Mays von Notre-Dame finanzierten: Zeichen der besonderen Wertschätzung für den königlichen Hofmaler Le Brun.

Die anderen Mays allerdings hatten ihren Platz in dem Haupt- und dem Querschiff der Kirche.

Dieses Gemälde von Jean-François Depelchin aus dem Jahr 1789 vermittelt einen Eindruck vom Innenraum der Kirche mit den dort präsentierten Mays.[13]  Schon vor dem Brand der Kirche gab es Überlegungen, ob die noch existierenden Mays nicht wieder im Kirchenraum aufgehangen werden sollten. Das wurde aber verworfen. So werden die 13 Mays, die es vor dem Brand noch in den Seitenkapellen der Kathedralen gab, wohl wieder dorthin zurückkehren – restauriert und voraussichtlich besser präsentiert als bisher.

Derzeit sind die restaurierten Mays  -zusammen mit anderen Gemälden und Wandteppichen aus Notre-Dame- noch aus nächster Nähe zu betrachten, und zwar bis zum 21. Juli 2024  in der Galerie des Gobelins in Paris. Man hätte keinen geeigneteren Ort für diese Ausstellung finden können. Immerhin war Le Brun, der selbst, wie wir gesehen haben, zwei Mays gemalt hat, erster Direktor der Manufacture des Gobelins; Außerdem werden in der Ausstellung auch Wandteppiche/gobelins präsentiert, die im 17. Jahrhundert für den Chor von Notre-Dame hergestellt, im 18. Jahrhundert allerdings an die Kathedrale von Straßburg verkauft wurden.

Praktische Informationen

Galerie des Gobelins, 42 avenue des Gobelins, 75013 Paris
Metro : Gobelins (ligne 7)

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag  11 bis 18 Uhr


Anmerkungen

[1] Zu den Mays von Notre-Dame siehe auch: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/ und  https://notre-dame-de-paris.culture.gouv.fr/fr/le-grand-decor-de-notre-dame-les-tableaux

[1a] Abgebildet ist hier ein vorbereitendes kleineres Gemälde von Bon Boullogne. Dabei handelt es sich um ein übliches Verfahren: Vorab wurden Skizzen und auch solche kleineren Gemälde angefertigt, bevor dann der endgültige Auftrag für ein großformatiges May-Gemälde erteilt wurde. Der abgebildete Entwurf wurde 2020 bei Sotheby’s vom Museum in Bayonne ersteigert. http://www.lecurieuxdesarts.fr/2020/12/une-peinture-de-bon-boullogne-pour-le-musee-bonnat-helleu-de-bayonne.html

[1b] https://eglise.catholique.fr/approfondir-sa-foi/connaitre-et-aimer-dieu/marie/499023-mois-de-marie-coutume-recente/

[2]  L’Objet d’Art 575, Februar 2021 Les MAYS de Notre-Dame

Ein Übersicht über alle noch identifizierbaren Mays:  https://en.wikipedia.org/wiki/May_(painting)

https://www.faton.fr/lobjet-dart/numero-575/mays-notre-dame/lectures-choisies.53004.php#article_53004

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:La_Descente_du_Saint-Esprit,_par_Jacques_Blanchard.jpg

[4] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-conversion-de-saint-paul/

[5] Apostelgeschichte 10, 25 und 26  https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/apg10.html

[6] Bild aus: https://www.barnebys.de/blog/ausstellung-mit-restaurierten-notre-dame-kunstwerken-startet-in-kurze

[7] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-centurion-corneille-aux-pieds-de-saint-pierre/

[8] Jacobus de Voragine, Legenda aurea: Heiligenlegenden Manesse Bibliothek der Weltliteratur,

Nachfolgendes Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Bourdon,_S%C3%A9bastien_-_Le_crucifiement_de_Saint_Pierre_-_1643.JPG

[9] Vorstehende Abbildung (Engel) und Erläuterungen zu dem Gemälde aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

[10] Nachfolgendes Bild und nähere Informationen dazu bei: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

[11] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Le_Brun_Saint_Etienne_may.jpg

[12] https://www.bibleserver.com/EU/Apostelgeschichte7

Nachfolgendes Bild aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/#

[13] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/vue-interieure-de-notre-dame-en-1789#infos-principales

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