Dünkirchen, Hochburg des Karnevals in Frankreich

Autor des nachfolgenden Beitrags ist Pierre Sommet, ehemaliger Fachbereichsleiter Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld, Buchautor und Verfasser zahlreicher Lernmaterialien für den Französisch-Unterricht in der Erwachsenenbildung: Le Blog de Pierre Sommet

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Pierre Sommet bekannt durch seinen Beitrag über die Veuve Cliquot, „die ungekrönte Königin von Reims“, durch seine amüsante Präsentation deutsch-französischer Redewendungen und durch seine Forschungen zu Thierry Hermès, dem Gründer des für seine Luxusaccessoires berühmten Pariser Modehauses. Thierry Hermès wurde 1801 (schon mit obligatorischem französischem Vornamen, aber noch ohne Akzent) in dem damals von Frankreich annektierten Krefeld geboren, dem Wohnort Pierre Sommets und seit 1974 offizielle Partnerstadt Dünkirchens. Anlässlich des 50. Jubiläums dieser Partnerschaft entstand der nachfolgende Artikel, der zum ersten Mal im Oktober 2024 im Krefelder Jahrbuch Die Heimat erschienen ist. Ich freue mich, dass Pierre Sommet ihn, passend zur aktuellen Karnevalssaison, nun auch an dieser Stelle veröffentlicht. Wolf Jöckel

Abb 1: Das Plakat des nordfranzösischen Künstlers Aket, eine Kombination aus Kubismus und Street Art

Les Gens du Nord ont dans leurs yeux le bleu qui manque à leur décor.
Les Gens du Nord ont dans le cœur le soleil qu’ils n’ont pas dehors.

Die Menschen aus dem Norden haben in ihren Augen, das Blau, das ihrem Himmel fehlt. Die Menschen aus dem Norden haben im Herzen die Sonne, die draußen nicht scheint. Aus Les Gens du Nord, Chanson von Enrico Macias

Dünkirchen, Dunkerque, die nördlichste Hafenstadt Frankreichs, heute vorwiegend industriell, ursprünglich ein Fischerdorf in Flandern mit einer „Kirche in den Dünen“, lebte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fischfang und von der Fischverarbeitung. Die Dünkirchener, les Dunkerquois: gens du Nord, gens de mer, Menschen aus dem Norden, Seeleute. Und wie feiert man das neue Jahr in der Partnerstadt? Mag der Himmel so grau wie der Alltag sein, das Meer übellaunig und eiskalt, mehrere Hunderte sogenannte Givrés (Durchgeknallte) treffen sich zum traditionellen Bad der Durchgeknallten am Neujahrstag am langen Sandstrand von Dünkirchen. Ein Abhärtungstraining der besonderen Art für manche Karnevalisten, die kostümiert in die Wellen springen.

Für Niederrheiner, erdverbundene Menschen, gens de terre, (und nicht nur für sie! W.J.) ist der Dünkirchener Karneval ein gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. Die Ursprünge des bunten Treibens in der Korsarenstadt liegen im 17. und im 18. Jahrhundert. Damals boten die Reeder den Seeleuten ihrer Fangflotte mit ihrem Heuervertrag ein Festessen, „Foye“ genannt, und die Hälfte ihrer Heuer als Handgeld vor der gefährlichen sechsmonatigen Reise Anfang März zu den isländischen Kabeljau-Fanggründen. Die Fischer feierten den letzten Tag an Land mit ausgiebigem Alkoholkonsum. Dies war die Geburt der ersten „Visscherbende“ (flämisch für Fischerbanden) des Dünkirchener Karnevals.

Abb 2: Kräftige Karnevalisten der Fischerbande in der ersten Reihe © Ville de Dunkerque

Am ersten Tag der sog. Drei Fröhlichen (Les Trois Joyeuses) im Februar gibt heute die Fischerbande (La Bande des Pêcheurs) den Ton an, bereits im Januar, denn der Dünkirchener Karneval dauert… drei Monate. Es finden unzählige Bälle und Kinderbälle (bals enfantins) in Dünkirchen und in der ganzen Region statt, zum Beispiel im malerischen Städtchen Bergues, Drehort des Kultfilms „Willkommen bei den Sch’tis“ (Bienvenue chez les Ch’tis).

Nordsee, Mordsee

Grund zur Freude hatten die Fischer damals nicht. Sie schufteten frierend in sechzehnstündigen Schichten an der Reling ihrer offenen Boote, mussten mit langen Angelschnüren bis zu vierzig Kilo wiegende Kabeljaus aus dem eisigen Nordatlantik ziehen. Entlang der Klippen der Insel aus Eis (Île de Glace) fehlte jegliche Küstenbefeuerung, Zerschellungsgefahr drohte, der Ozean wurde beim stürmischen Wetter zum Raubtier. Die Krallen des Wassers umklammerten manches Boot und rissen es in die Tiefe. Das Meer ist nachtragend. Wer sich an seinen Schätzen vergreift, kann dabei sein Leben verlieren. Und dann blieben an Land untröstliche Frauen und Kinder zurück. Der Mensch, ein fragiler Spielball der Natur.

Ein Straßenkarneval zum Mitmachen

Den ersten Höhepunkt des Karnevals bildet der Ball der Schwarzen Katze (Le Bal du Chat Noir) im Kursaal, von Monsieur le Maire, Jean Bodart, offiziell eröffnet. Im Saal toben 8.000 fantasievoll kostümierte Menschen und singen Karnevalslieder. Auf das beste Kostüm, in Dünkirchener Mundart clet’che genannt, wird sehr viel Wert gelegt. Küsschen (bises), in Frankreich ohnehin ein alltäglicher Brauch unter Freunden, werden verteilt.

Der Dünkirchener Karneval ist vor allem ein Straßenkarneval zum Mitmachen. On fait carnaval, sagen die Dünkirchener. Im Gegensatz zu seinem eleganten, spektakulären, weltberühmten Pendant in Nizza, wo man Eintritt für einen Tribünenplatz zahlt, sind hier im hohen Norden keine kunstvoll dekorierten Prunkwagen, kein Blumenkorso zu bewundern. Es werden weder Blumen noch Kamelle in die Menge geworfen, Prunksitzungen sind unbekannt, die Obrigkeit wird nicht verspottet, man verspottet sich selbst. Hauptsache, die sozialen Schranken fallen. Hier ist der enthemmte Mensch das Spektakel. Selbstverständlich verkleidet sich auch der engagierte Bürgermeister. Allerdings sorgt das Leitbild der Karnevalisten (La Charte des carnavaleux) für die Einhaltung von Regeln. Sich amüsieren und nichts kaputtmachen, lautet die Devise.

Die carnavaleux, auch masquelours genannt, sind entfesselt. Geschminkt, oft als matantes, also als Frauen mit Perücken, Pelzmänteln, grellen Federboas und ausladenden Dekolletés verkleidet, tragen sie bunte Regenschirme mit überlangem Stiel und ziehen in Banden durch die windgepeitschten Straßen. Eine feuchtfröhliche Solidargemeinschaft. Geselligkeit (convivialité) und Gastfreundlichkeit (hospitalité) werden großgeschrieben, es wird gerne geteilt und auch für Bedürftige gespendet. Und so richten viele Dünkirchener in ihren Wohnungen sogenannte Kapellen (chapelles) ein. In diesen befreundeten Häusern (maisons amies) werden die umherziehenden Narren aufgenommen und mit Karnevalsbier, Frikadellen, deftigen flamiches au maroilles (Flammkuchen mit der kräftigen Käsesorte maroilles), Zwiebelsuppe (soupe à l’oignon) sowie Rollmöpsen als Heilmittel gegen den Kater, die gefürchtete  „Holzfresse“ (gueule de bois) bewirtet.

Während der Trois Joyeuses herrscht in der Hafenstadt der Ausnahmezustand. Der Karnevalsumzug (la Bande), wird von einem hochgewachsenen Tambourmajor in napoleonischer Uniform angeführt und von der Musikkapelle (la clique) begleitet. Hinter den Querpfeifern, den Blechbläsern und Trommlern, die alle Öljacken  tragen, haken sich muskulöse carnavaleux in der ehrenvollen ersten Reihe unter und bilden über die ganze Straßenbreite eine Menschenkette als Schutzschild für die Musiker. Der Tambourmajor fungiert als Zeremonienmeister, bestimmt die Strecke und die Musik. Ab und zu hebt er seinen Stab, der Zug hält an, die Querpfeifer hören auf zu spielen, die Blechinstrumente ertönen. Es ist für die carnavaleux hinter der ersten Reihe das Signal für einen Radau (chahut).Ausgelassen und lärmend springen sie in die Luft, drängen nach vorne. Die „Kleiderschränke“ (armoires à glace) der ersten Reihe müssen jetzt Schwerstarbeit leisten, um den Druck der nachschiebenden Massen aufzuhalten. Fällt jemand in der Menschenkette, wird ihm schnell auf die Beine geholfen, das Risiko, zertreten zu werden, wäre zu groß. Apropos „groß“: Überragend im wahrsten Sinne des Wortes ist der Riese Reuze, die Darstellung eines skandinavischen Kriegers, von seiner vierköpfigen Familie und zwei Wachen begleitet. Auch in anderen nordfranzösischen Städten wie Arras, Cassel und Douai wird bei Umzügen die spektakuläre Tradition der bis zu neun Meter hohen „Giganten“ aus (Korb)weide und Holz gepflegt.

Drei verrückte Tage. 50.000 Menschen auf den Straßen. Pfeift der Wind, pfeifen die Karnevalisten darauf, brüllt der Wind, wird er niedergebrüllt. Das Dünkirchener Karnevalsbier fließt reichlich. Wer Zuviel trinkt, ist im Dünkirchener Platt, wie in Deutschland, blau (bleu), und wer sich allzu sehr betrinkt, ist in dieser Hafenstadt erwartungsgemäß bleu marine, und nicht etwa schwarz (noir), wie in den anderen Regionen Frankreichs. Trotz der Charte des carnavaleux führt der Verlust der Selbstkontrolle manchmal leider zu unschönen Szenen, die wie in Deutschland der eigentlichen Intention des Karnevals widersprechen, also sich befreit, aber respektvoll zu amüsieren.

Die Banden aus den Stadtvierteln veranstalten einen Höllenlärm, schmettern oftmals anzügliche Karnevalslieder, aber auch solche berührenden von ihren Vorfahren, wie „Putain d‘Islande“, wortwörtlich „Hure von Island“, im Sinne von „Verfluchtes Island“.

Putain d‘Islande

Depuis trois jours, t’es déguisé, t’es maquillé et t’as picolé.
Te voilà à cette heure sur le point de partir.
Cap sur l’Islande.

Mort aux flétans !
Tu vas laisser femme et enfants
Et peut-être mourir, là-bas sur les bancs
Pour des morues ou des harengs.
Va! Dans la bande, pense qu’au présent.

Verfluchtes Island

Seit drei Tagen bist du kostümiert, bist geschminkt und hast gebechert.
Und da stehst du nun, bereits aufzubrechen:
Auf nach Island.
Tod dem Heilbutt!
Du lässt Frau und Kinder zurück,
und wirst vielleicht sterben, da oben auf den Sandbänken
für Kabeljau oder Heringe.
Doch los! In der Karnevalsbande gilt nur das Jetzt.

Übersetzung: Walter Weitz

Um 17 Uhr fordern die carnavaleux vor dem imposanten Hôtel de Ville im neoflämischen Stil lautstark die „Freilassung“ der Heringe: Libérez les harengs!

Der Heringswurf (le jet de harengs Abb 3 © Ville de Dunkerque) ist der Clou des volkstümlichen Karnevals. Vom Balkon des Rathauses werfen der Bürgermeister und die Ratsherren kiloweise in Zellophan verpackte geräucherte Heringe (harengs fumés) in das farbenfrohe Menschenmeer. Auch einen Hummer aus Plastik. Wer diesen ergattert, kann ihn in einem Fischladen gegen einen echten Hummer umtauschen. Die kostbare Trophäe wird allerdings meist behalten.

Mit dem allerletzten Tanz (le rigodon final) enden die jecken Tage unter freiem Himmel. Am Abend versammeln sich die carnavaleux auf dem Platz Jean-Bart vor dem Denkmal des Korsars und berühmtesten Sohnes der Stadt. (Abb 4 aus Wikipedia)

Wie durch ein Wunder überstand das Werk von David d’Angers aus dem Jahr 1845 den Bombenhagel und die fast vollständige Zerstörung von Dünkirchen Ende Mai 1940. Dünkirchen und Krefeld, zwei vernarbte Städte. Umso wichtiger deren Partnerschaft.

Erst 1662 ging Dünkirchen endgültig an Frankreich. Aufgrund ihrer strategischen Lage gehörte die begehrte Hafenstadt früher abwechselnd Flandern, Burgund, den spanischen Niederlanden und sogar vier Jahre lang von 1658 bis 1662 England. Wie kam es dazu? Als vertragsgemäße Belohnung für den gemeinsamen Sieg am 14. Juni 1658 über die lästigen Spanier bei der Bataille des Dunes (Schlacht in den Dünen), übergab Ludwig XIV. am Abend des 25. Juni das damals spanische Städtchen seinem Cousin, Charles II. von England. Und so mussten die verwirrten Dünkirchener an einem einzigen Tag gleich dreimal die Staatsangehörigkeit wechseln. Binnen 24 Stunden war Dünkirchen spanisch, französisch und schließlich englisch. Diese einmalige Episode ging als folle journée (verrückter Tag) in die Geschichte ein. Als Charles II. 1662 dringend Geld für die leeren Staatskassen brauchte, konnte der Sonnenkönig Dünkirchen für nur fünf Millionen livres, heute 200 Millionen Euro, zurückkaufen.

Als Kind war der Korsar Jean Bart, eigentlich Jan Baert, ein Flame. In einer Ballade von Theodor Storm wird er als Jan und nicht Jean gewürdigt:

Und als es mit England kommt zum Krieg,
Wo Jan Bart erscheint, erscheint der Sieg.
Wie stolz der britische Banner auch weht
Jan Bart ist Herr und fegt die See.

Unter Ludwig XIV. agierte der Korsar in Diensten der Krone. Seine Mannschaft überfiel mit kleinen wendigen Schiffen die großen englischen und niederländischen Flotten. Trumpf im sogenannten Laufkrieg (guerre de course) waren Schnelligkeit, Verwegenheit und Überraschungseffekt. Am 29. Juni 1694 errang Jean Bart mit einem Geschwader von sieben Schiffen einen glänzenden Sieg in der Schlacht bei Texel. Er durchbrach die englische Blockade und brachte einen Konvoi von Handelsschiffen voll mit Getreide in das hungernde Frankreich. In den Adelsstand erhoben, wurde Jean Bart zwei Jahre später zum Großadmiral ernannt. Er wurde reich. In jeder Hinsicht ein Riese. Der 2,05 Meter große Hüne starb 1702 an den Folgen einer Rippenfellentzündung in seiner Heimatstadt, wo man heute seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Kirche Saint-Eloi besichtigen kann.

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Dünkirchener verehren Jean Bart. Am ersten Abend der Trois Joyeuses in der zweiten Februarwoche begeben sich die Karnevalisten zum Platz Jean-Bart, knien vor der Statue des illustren Freibeuters und schmettern mit gen Himmel erhobenen Armen inbrünstig bis tief in die Nacht hinein die Kantate (la Cantate) an Jean Bart:

Jean Bart, salut, salut à ta mémoire.
De tes exploits tu remplis l’univers.
Ton seul aspect commandait la victoire.
Et sans rival tu régnas sur les mers.

Jean Bart, sei gegrüßt, ein Gruß zu deinem Andenken.
Deine Taten füllten das Erdenrund.
Sein bloßer Anblick brachte den Sieg.
Und keiner herrschte wie du über die Meere.

Übersetzung: Walter Weitz

Die mitreißende Hommage der carnavaleux lässt den furchtlosen Helden aus Bronze sichtlich kalt. Er ist ganz andere stürmische Zeiten gewöhnt. In stolzer Pose, einen Degen in der rechten Hand haltend, ist Jean Bart im Begriff ein Schiff zu entern. Wahrlich kein Spaßvogel. Ein Kämpferherz und ein feiner Stratege. Die Feinde Frankreichs hat er stets zum Narren gehalten.

Und die Dünkirchener Narren sind seine besten Freunde.

Abb.5: Bis tief in die Nacht singen die Karnevalisten die Kantate an Jean Bart © Ville de Dunkerque

Und hier die Daten des diesjährigen Karnevals von Dünkirchen:

https://evasion.lenord.fr/fr/les-dates-du-carnaval-de-dunkerque-2025

Schriftenverzeichnis

Maunder, Hilke: Dunkerque: der nachhaltige Wandel
https://meinfrankreich.com/dunkerque_nachhaltigkeit/
(abgerufen am 24.01.2024)

Mörsdorf, Markus: Reise Know-How. Reiseführer Nordfrankreich; Bielefeld 2024

Online-Quellen zum Weiterlesen

Dünkirchen Tourismus: Bienvenue à Dunkerque
https://www.duenkirchen-tourismus.com
Touristenführer 2023-2024 in deutscher Sprache

Le Guide Carnaval
PDF in französischer und in englischer Sprache zum Download. Schön illustriert und ausführlich. https://www.dunkerque-tourisme.fr/decouvrir/top-10-des-evenements/le-carnaval-de-dunkerque/

Dünkirchen Die Partnerstadt 
https://www.krefeld.de/de/oberbuergermeister/duenkirchen/
Im Serviceportal der Stadt Krefeld. Mit Nachrichten aus dem Pressearchiv rund um die Städtepartnerschaft mit Dünkirchen

Dünkirchen Guide: alle Infos zu Sehenswürdigkeiten, Aktivitäten & weitere Tipps
https://reisetopia.de/guides/city-guide-duenkirchen/ (abgerufen am 24. Januar 2024)

YouTube: Les Gens du Nord
Auf YouTube ist das Chanson Les Gens du Nord von Enrico Macias zu hören. Darüber hinaus gibt es mehrere Videos über Le Bain des Givrés (Das Bad der Durchgeknallten)
https://www.youtube.com/watch?v=9OnLqQukV9M Carnaval de Nice – Site officiel
Informationen in französischer und in englischer Sprache
https://www.nicecarnaval.com

Pariser Metro: Werbung zum Valentinstag

In zahlreichen Pariser Metro-Stationen gibt es derzeit bemerkenswerte große Plakate zum Valentinstag:

Weitere Versionen haben wir auf unseren Metro-Fahrten durch Paris nicht entdeckt…

Klaus Lintemeier hat noch ein viertes Plakat der aktuellen Valentinstag-Serie entdeckt und dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt:

Merci!

Das war genau die Variante, die wir eigentlich erwartet und nicht entdeckt hatten….

Gruß zum neuen Jahr

Vor einem Jahr habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Daraus ist leider nichts geworden- eher im Gegenteil. Ein kleines Symbol der Hoffnung und Zuversicht gab es immerhin: Am 8. Dezember, fünf Jahre nach dem verheerenden Brand, ist Notre-Dame wiedereröffnet worden, „in aller Pracht und Schönheit“, vielleicht sogar noch prächtiger als zuvor (Gero von Randow).

Foto vom 21.12.2024

Seit dem Brand gab es insgesamt neun Beiträge zu Notre-Dame, zuletzt zwei im Dezember. Vielleicht werden noch weitere folgen. Aber zunächst gibt es viele andere Projekte für das nächste Jahr:

  • Zum 100. Geburtstag des Surrealismus: Eine Ausstellung über eher unbekannte Facetten des Werks von Jacques Prévert im Musée de Montmartre
  • Die beiden Zirkusbauten von Hittorff in Paris (vor allem der cirque d’hiver)
  • „Fort mit dir nach Paris“: Mozarts Aufenthalte in Paris. Vom gehätschelten Wunderkind zum gedemütigten Außenseiter
  • Dünkirchen, die Hochburg des französischen Karnevals
  • Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
  • Le Corbusier II: Villa Savoye und Plan Voisin, viel Licht und viel Schatten
  • Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Liebe, Macht und Tod
  • Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
  • Malmaison: „Das allerliebste Landhaus“ Napoleons und Josephines
  • Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel
  • „Kathedralen des Handels“: Die großen Kaufhäuser von Paris
  • Das Palais Idéal du Facteur Cheval in Hauterives/Drôme
  • und natürlich die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über Courbet in Ornans und das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte

Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Insgesamt jedenfalls entwickelt sich der Blog weiter sehr positiv: Mehr Abonnenten, mehr Besucher, 30 neue Beiträge im letzten Jahr (eigentlich hätten es höchstens 24 sein sollen…), davon auch einige schöne Gastbeiträge, für die der Blog immer offen ist. Das soll sich auch im neuen Jahr so fortsetzen.

Außerdem wird es ein 2025 ein neues Format geben: Nämlich ein „Bild des Monats“ (was vielleicht auch einmal zwei oder drei sein können). Wir finden in Paris und Frankreich oft schöne Fotomotive, die aber nicht zu einem geplanten Blog-Beitrag passen. Für solche Bilder soll nun auch Platz auf dem Blog sein – eine hoffentlich schöne Ergänzung und vielleicht auch ein kleiner Ausgleich zu den ja oft sehr ausführlichen Blog-Beiträgen…

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles (Juni bis September 2024)

Dekorative Naturphantasien

Im gewaltigen Raum des Orangeriegewöbles eröffnet sich eine überwältigende Fülle phantasievoll gestalteter Naturräume, ohne Abbildung real existierender Pflanzen – wie im schönen Frankfurter Paradiesgärtlein – oder von Tieren oder gar Menschen. Von Menschenhand sind lediglich angedeutete Bogenstrukturen, eine Grotte, ein Brunnen als Bezüge zum Ausstellungsthema. Und ein Sakralbau – eine Kirche mit der Kuppel einer Moschee? Alle Darstellungen bleiben Abstraktionen von uns bekannter Natur. Keine Exotik à la le Douanier Rousseau.  Bäume, Blumen, Gräser kommen uns heimisch vor, auch ohne konkrete Zuordnung. Ihre Transformation ins Abstrakte erhöht den Reiz des Zauberhaften, des Geheimnisvollen, Magischen. Es lohnt sich, langsam an den Wänden entlangzugehen.  Dabei fallen immer wieder lockende kleine Ausschnitte sozusagen in Postkartengröße ins Auge. Auf diese Weise sieht man auch genauer die reiche Detailarbeit, mit der die Stoffe bestickt sind. Die äußerst minutiöse und vielfältige Sticktechnik überrascht wie die zarten Naturfarben, die überwiegen. Besonders viel Schwung entsteht allerdings durch die Strichelung – die an van Gogh erinnert -für einen bewegten Hintergrund. Sehr gelungen die Lösung, sprudelndes herunterstürzendes Wasser mit freihängenden weißen Fäden lebendig zu machen – passend zu den gleichzeitig gezeigten Wasserspielen im Schlosspark. Die Ausstellung ist eine Einladung, die Stickerei mit all ihren Details in Ruhe zu betrachten und sich daran zu erfreuen.[1] Frauke Jöckel

Ein Ausstellungsbericht

Vom 18. Juni bis zum 29. September 2024 ist in der Orangerie des Versailler Schlosses Eva Jospins monumentales Werk „Chambre de soie“ (Ein Zimmer aus Seide) ausgestellt.

Für Eva Jospin ist dies eine ganz neue Facette ihres Werks. Denn das von ihr üblicherweise verwendete Material ist nicht Seide, sondern Wellpappe, die sie mit Messer, Schere und Kleister schneidet und in Schichten verklebt, so dass phantasievolle Naturlandschaften und Architekturen entstehen.

Panorama d'Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris)

©  Jean-Pierre Dalbéra [2]

Dies ist eine für Jospins Arbeiten charakteristische, aus Karton gefertigte Waldlandschaft. Sie befand sich im Innern eines 2016 im cour carrée des Louvre aufgestellten Panoramas: Innen die Natur, außen Metall und in dessen Spiegelung die umgebende Architektur des Louvre-Innenhofs.

Außenansicht des Panoramabaus mit der Spiegelung der Architektur des Louvre-Innenhofs                ©  Jean-Pierre Dalbéra [3]

Diese Installation war der künstlerische Durchbruch Eva Jospins, deren Status als Tochter des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten und unglücklichen Präsidentschaftskandidaten von 2002 anscheinend ihrer Karriere eher hinderlich war. Seit der Louvre-Installation hat sie aber ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb. Beispielsweise erhielt sie den Auftrag, einen der neuen Bahnhöfe des Grand Paris Express künstlerisch zu gestalten.

Fassade des Bahnhofs Hôpital Bicêtre der neuen verlängerten Metro- Linie 14- aufgenommen an einem regnerischen Tag… (Beton-Abguss des Wellpappe-Modells mit Wurzeln/Lianen aus Bronze)

Mit dem Seidenzimmer knüpft Eva Jospin an die Panorama-Installation von 2016 an – allerdings mit gänzlich anderem Material und in linearer Form.

Inspiriert wurde sie bei beiden Projekten von den großen Panoramen des 19. Jahrhunderts[4], bei dem neuen Werk aber auch von dem Seerosen-Panorama Monets im Pariser Musée de l’Orangerie, das sie vor Beginn der Arbeit an dem Seidenzimmer intensiv studiert habe.

Auch insofern bietet die imposante Architektur der Versailler Orangerie für Jospins Stickerei von 107 Länge und mehr als 350 qm2 einen wunderbaren Rahmen.

Den Blick von der Schlossterrasse (Parterre de l’Orangerie) auf den darunter liegenden Garten der Orangerie kann man kaum verfehlen, wenn man den Schlosspark betritt.

Er hat zu allen Jahreszeiten seine Reize.

Im Gewölbe darunter werden im Winter etwa 1500 kälteempfindlichen Gewächse wie Palmen und natürlich Orangen- und Zitronenbäume untergestellt.[5]

Es ist ein grandioser Raum….

… hier der Eingang für die Bäume:

… und hier der für die Besucher der Ausstellung:

…. alles überwacht von Berninis Sonnenkönig hoch zu Ross.

Im Sommer ist dort Platz für Ausstellungen – diesmal für das von Eva Jospin entworfene gestickte Natur- und Architekturpanorama.

Es geht zurück auf die von Dior beauftragte Ausschmückung einer Modenschau im Musée Rodin im Juli 2021.  Sie fand in einem Pavillon statt, dessen Wände U-förmig mit der Stickerei Jospins bedeckt waren- deshalb auch der Name „chambre de soie“.  Darin war Platz für den Laufsteg der Mannequins und die Plätze der ausgewählten erlauchten Gäste.[6]

Hergestellt wurde die Traumlandschaft nach detaillierten Entwürfen und Angaben Jospins von 320 Stickerinnen der Ateliers Chanakya in Bombay und der zusammen mit Dior gegründeten Chanakya School of Craft: In Europa hätte es wohl kaum das know how für ein solches monumentales Projekt gegeben, und wenn, dann wohl auch nur zu selbst die Möglichkeiten von Dior überschreitenden Kosten. Dior sieht in der Schule aber vor allem ein feministisches Entwicklungsprojekt: Stickerei sei in Indien traditionell den Männern vorbehalten und jetzt erhielten gerade Frauen eine handwerkliche Stickerei-Ausbildung auf höchstem Niveau.[7]  Auftraggeber und Abnehmer ihrer Arbeiten sind inzwischen zahlreiche Modehäuser aus aller  Welt.

Die Kunstfertigkeit der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sich die Stickerei aus der Nähe betrachtet: Auf die seidene Grundlage wurden Fäden aus Jute, Seide und  Baumwelle gestickt, mit 150 verschiedenen Stichtechniken und mehr als 400 Nuancen aus Naturfarben! Dazu Eva Jospin: „Wenn man die unglaublichen Details aus der Nähe sieht, wird deutlich, dass es Werke gibt, die nicht virtuell sein  können, sondern leben müssen.“[8]

Nach der Modenschau im musée Rodin war Jospins Werk eine Woche lang dort für die Öffentlichkeit zugänglich und verschwand dann in den Magazinen von Dior: Ein wahnwitziger Aufwand für imgrunde nur wenige Stunden.

Als Parallele sieht Jospin hier den gewaltigen Aufwand, den Fürsten der Renaissance und vor allem des Barock für festliche  Ereignisse und Stunden betrieben haben:

„Architekturen, die von transalpinen Künstlern wie Leonardo da Vinci für festliche Ereignisse geschaffen wurden, wurden an allen europäischen Höfen aus Anlass von Hochzeiten, Geburtstagen und Krönungsfeierlichkeiten aufgegriffen. Heutzutage erinnern Modenschauen an diese Art von kurzlebigen Ereignissen: Sie erfordern Monate von Vorbereitung für einige Stunden der Präsentation. Die Kunst und die Mode sind historisch verwandt. Ein fruchtbarer Austausch: Ich hätte sonst niemals so viele finanzielle Mittel und ein so außerordentliches Maß an handwerklicher Kompetenz zusammenbringen können, die notwendig waren, um dieses Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ [9]

Eva Jospin vor ihrem chambre de soie in der Orangerie von Versailles © Château de Versailles / T. Garnier)[10]

Gerade im Zeitalter Ludwigs XIV. spielten aufwändige Feste mit ephemeren Aufbauten eine zentrale Rolle als Repräsentationsmittel von Herrschaft.[11] Auch insofern ist Versailles ein passender Ort für die Ausstellung des monumentalen und vielleicht auch ephemeren Werks von Eva Jospin.

Eva Jospin hat aus Anlass der Ausstellung ihr Panorama erweitert und durch zusätzliche Bildtafeln einen direkten Bezug zu Versailles hergestellt. Da gibt es -ziemlich unverkennbar- die  berühmte, aber nicht mehr erhaltene Thetis-Grotte aus dem Park

Die Grotte de Téthys. Kupferstich von Gabriel Perelle (1604-1677)[12] 

Ganz deutlich ist auch der Hinweis auf das -ebenfalls nicht mehr erhaltene- Labyrinth von Versailles.[13]

Ein Brunnen im verschwundenen Labyrinth: Der Uhu und die Vögel. Kupferstich von Sébastien Leclerc (1637-1714)

Auch einen Hinweis auf die kunstvolle Umrandung des bosquet de l’Encelade kann man in dem Versailler chambre de soie finden.

Aber immer hat man bei der Betrachtung des Seidenzimmers Jospins den Eindruck, dass die Natur stärker ist als das von Menschen Geschaffene – manchmal drängen sich da Assoziationen zu Stätten wie Angkor Wat auf, wo die Natur allmählich die Architektur überwuchert: Eine der Inspirationsquellen Jospins ist nicht von ungefähr der Maler Hubert Robert, der sich um 1800 vor allem als „peintre de ruines“, als Ruinenmaler, einen Namen machte. Insofern darf man das Panorama, vor dem zunächst die bildhübschen Mannequins entlangschritten und posierten, auch als ein Momento mori betrachten…

Das in der Orangerie von Versailles ausgestellte Werk Eva Jospins lädt zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Assoziieren, zum Meditieren. Es wäre schön, wenn es nach dem Ende der Ausstellung nicht endgültig in den Magazinen von Dior verschwinden und verstauben würde…

Praktische Informationen:

Eva Jospin: Versailles. Ausstellung in der Orangerie des Schlosses. 18. Juni bis 29. September 2024

Täglich außer montags 9.00 – 18.30 Uhr

Eintritt mit einem Schlossticket (21 Euro) oder einer Eintrittskarte für die Grands Eaux (10.50) oder die Grands Eaux Nocturnes (32 Euro). Daten für die Grands Eaux siehe: https://www.chateauversailles.fr/preparer-ma-visite/billets-tarifs


Ein Kommentar von Ulrich Schläger:

Danke für die beeindruckenden Impressionen über die wunderschönen Werke von Eva Jospin und die Verweise auf die Inspirationen durch Le Nôtre. Hoffen wir, dass Jospins Phantasien zu  Le Nôtres Gartenkunst  nicht in den Magazinen von Dior verschwinden und zu einem der vielen ephemeren Kunstwerke werden,  die für immer unseren Augen entschwinden und die für uns nur ein kurzer glückhafter Moment waren. Man möchte Jospins Kunst zurufen:  Verweile doch, du bist so schön!  Doch: »Glück, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverlässigst Ephemere ist das Glück.« (Melanie Unseld: Reizvolles Verschwinden, mdw-WebMagazin, 28. 02.2022)

Zu Eva Jospin siehe auch folgende Blog-Beiträge:

Anmerkungen:

[1] Alle Bilder dieses Berichts stammen, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) L’Intérieur du Panorama

[3]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) Außenansicht des Panoramas

Siehe dazu: panorama d‘ eva jospin (bilingue): AU MUSEE DU LOUVRE. Beaux Arts- Éditions 2016  von Daria de Beauvais u.a.

[4] Zu den Panoramen siehe den Blog- Beitrag über Hittorffs Vergnügungsbauten in den Jardins des Champs-Élysées: https://paris-blog.org/2024/09/10/im-reich-der-sinne-illusionen-und-sensationen-hittorffs-vergnugungsbauten-eine-synthese-von-klassik-und-kirmes-von-ulrich-schlager/

S.a. die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/ und https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://en.chateauversailles.fr/private-hire-orangery

[6] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[7] Nachfolgendes Bild aus https://chanakya.school/about/index.php. Infos aus: https://chanakya.school/collaborations/eva-jospin.php und https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[8] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[9] Laurent Boudier, Continuer so travail sur soie. In: Télérama Sortir 3884 vom 19.6.2024

[10] Eva Jospin devant sa Chambre de soie dans l’orangerie du château de Versailles. Photo service de presse. © Château de Versailles / T. Garnier)

[11] Siehe: Christian Quaeitzsch, Ephemere Kunst am Hofe des Sonnenkönigs changement und mouvement als Repräsentationsmittel von Herrschaft.  https://www.archimaera.de/article/view/30/28 Siehe auch: https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/3d0e56c9-ac99-4aa0-9c3c-1f8fa3d1641b-chateau-versailles/article/9215bad8-2854-4746-a0a5-5deed28fb3e0-fetes-louis-xiv-versailles

Unter den Bourbonen gab es die für die Festorganisation zuständigen Menus-Plaisirs du Roi, an deren Spitze bei Ludwig XIV. der Komponist Lully stand, im 19. Jahrhundert der Architekt Hittorff

[12] Intérieur de la Grotte de Téthys, jardins de Versailles, vue par A. Perelle – André Le Nôtre (andrelenotre.com)

[13] Nachfolgendes Bild aus: https://ateliers.grandpalaisrmn.fr/fr/estampes/KM002927

 Zum Labyrinth von Versailles siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/ und https://paris-blog.org/2023/01/15/der-saal-der-hoquetons-im-schloss-von-versailles-le-brun-le-notre-und-die-fontanen-des-verschwundenen-labyrinths/

Weitere Blog-Beiträge zu Versailles:

Die alte Bibliothèque Nationale im Herzen von Paris: Ein „Muss“ für Bücher- und Kunstfreundinnen und -freunde

Die französische Nationalbibliothek, eine der größten der Welt, hat mehrere Standorte. Der größte und spektakulärste ist der 1996 eingeweihte Neubau im 13. Arrondissement am Ufer der Seine. Ein geradezu pharaonisches Projekt mit vier um einen tief gelegenen Wald gruppierten hohen Ecktürmen in der Form aufgeschlagener Bücher, mit dem sich der damalige französische Präsident François Mitterrand ein -entsprechend auch nach ihm benanntes- Denkmal gesetzt hat.

Blick von unserer Pariser Wohnung auf die BnF/Site François Mitterrand in der Abendsonne[1]

Der älteste und ursprüngliche Standort der BnF ist der Site Richelieu.[2] Dorthin verlegte Colbert ab 1666 die Bestände der königlichen Bibliothek. Die war zunächst eine Sammlung von Handschriften. Mit dem Buchdruck und entsprechend dem schon 1537 eingeführten dépot légal diente sie dazu,  alle neu erschienenen Bücher aufzubewahren, und nicht zuletzt sollte sie durch eine massive Ausweitung der Sammlung von Schriften und Medaillen den Ruhm des „Sonnenkönigs“ vermehren. 1721/1722 konnte die Bibliothek das benachbarte Palais des Kardinals Mazarin beziehen, deren Galerie -etwa 40 Jahre vor dem Spiegelsaal von Versailles gebaut- ein außerordentliches barockes Glanzstück der BnF ist. 

La galerie Mazarin © Guillaume Murat / BnF

Aber auch danach hatte die Bibliothek einen ständig wachsenden Raumbedarf. Im zweiten Kaiserreich Napoleons III. erfolgte eine umfassende Erweiterung und Modernisierung, deren architektonischer Höhepunkt ein großer neuer Lesesaal, die nach ihrem Architekten benannte Salle Labrouste, ist.

In den letzten Jahren erfolgte dann eine umfangreiche Renovierung, und seit 2022  ist der alte Bau der Bibliothèque Nationale/site Richelieu (BnF) im Zentrum von Paris wieder zugänglich. Ich möchte nachfolgend zu einem Rundgang einladen und damit auch Lust auf einen eigenen Besuch machen.  Auch wenn man nicht vorhat, die Bibliothek als Leser zu nutzen, ist es doch möglich und äußerst lohnend, den architektonisch reichen Bau, vor allem die beiden monumentalen Lesesäle, zu bewundern. Und dazu ist die BnF nicht nur eine äußerst reichhaltige Bibliothek, sondern zu ihr gehört auch ein an einzigartigen Exponaten reiches Museum, das in einem glanzvollen historischen Ambiente untergebracht ist.

Als Besucher oder gar Nutzer der Bibliothek befindet man sich -gerade auch aus deutscher Sicht- in bester, prominenter Gesellschaft.  Rainer Maria Rilke, Paris eng verbunden, schreibt in seinem „Malte Laurids Brigge“:

“Bibliothèque Nationale. Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen.”[3]

Auch Stefan Zweig benutzte bei den Vorarbeiten zu seinen historischen Monografien intensiv die Bibliothèque Nationale. Er wählte dafür sogar gezielt Wohnorte in der Nähe der Bibliothek: So 1912 und öfters danach das Hotel Beaujolais mit Ausblick auf die Gärten des Palais Royal, In seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ blickt Zweig mit wehmütiger Begeisterung auf das „Paris der ewigen Jugend“ und die Aufenthalte im Hotel Beaujolais zurück:

„In diesem historischen Geviert des Palais Royal hatten die Dichter, die Staatsmänner des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts gewohnt, quer gegenüber war das Haus, wo Balzac und Victor Hugo so oft die hundert engen Stufen bis zur Mansarde der von mir so geliebten Dichterin Marceline Desbordes-Valmore emporgestiegen waren, dort leuchtete marmorn die Stelle, wo Camille Desmoulins das Volk zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, dort war der gedeckte Gang, wo der arme kleine Leutnant Bonaparte sich unter den promenierenden, nicht sehr tugendhaften Damen eine Gönnerin gesucht. Die Geschichte Frankreichs sprach hier aus jedem Stein; außerdem lag nur eine Straße weit die Nationalbibliothek, wo ich meine Vormittage verbrachte…“[4]

Auch für Joseph Roth und Walter Benjamin war die Bibliothèque Nationale gewissermaßen das zweite Zuhause, vor allem, als im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr für sie war. Gisèle Freund, die für ihre berühmten Künstlerportraits immer charakteristische Orte und Posen wählte,  hat für ihr Foto Walter Benjamins einen Lesesaal der Bibliothèque  Nationale gewählt.[5] Ganze Tage verbrachte er dort, sammelte in mikroskopisch kleiner Schrift Tausende von Notizen und Zitaten. Das Buch seines Lebens wäre es geworden: das „Passagenwerk“.[6] 

Ein Rundgang durch die BnF/Richelieu

Der Eingang in das große Areal der Bibliothek ist in der rue Vivienne Nummer 5.  Man betritt zuerst einen großen Garten, den Jardin Vivienne, der im Zuge der Renovierung neu angelegt wurde und -wie die Bibliothek insgesamt- allgemein zugänglich ist.

Der Papyrusgarten

Angepflanzt sind dort -passend zur Bestimmung des Ortes- vor allem Pflanzen, deren Fasern zu Herstellung von Schreibunterlagen wie Papier genutzt werden können.

Der ovale Lesesaal         

Gleich neben dem Foyer liegt die „salle ovale“, der große ovale Lesesaal. Konzipiert wurde er Ende des 19. Jahrhunderts, aber erst Mitte der 1930-er Jahre fertiggestellt.

Vor allem beeindruckt er durch seine Größe und Form. In zwanzig Metern Höhe befindet sich das ovale Glasdach, von runden gläsernen Öffnungen umgeben; dazwischen die Namen  von Städten, die für die Weltkultur bedeutsam waren und sind.

…zwischen Ninive und Alexandria: Berlin!

Es gibt dort 160 Leseplätze und eine Präsenzbibliothek von  20 000 Büchern. Zunächst war dieser Lesesaal für Forscher bestimmt, seit der Neueröffnung 2022 allerdings wurde das Konzept der Bibliothek radikal geändert und der ovale Lesesaal für Jedermann geöffnet.[7]

Neben den Leseplätzen mit den charakteristischen hellblauen Tischlämpchen gibt es direkt hinter dem Eingang auch gemütliche Sessel zum Sitzen und Schmökern. Angesprochen sind hier vor allem Kinder und Jugendliche, für die in großen runden Boxen Bilderbücher und die in Frankreich hochgeschätzten Comics (BD) zum Lesen und Betrachten einladen. 

Das Herz Voltaires

Im Salon d’honneur zwischen dem ovalen Lesesaal und dem Cour d’honneur steht eine Statue Voltaires.

Es ist die ursprüngliche Gipsversion der Skulptur des Bildhauers Jean-Antoine Houdon.

Es gibt mehrere Versionen dieser Skulptur, u.a. einen Bronze-Abguss  im Foyer der Comédie Française und ein Exemplar aus Terrakotta im Musée Fabre in Montpellier. Die Skulptur in der BnF weist aber eine Besonderheit auf.

In dem Podest, auf dem die Skulptur steht, befindet sich nämlich ein Fach mit dem Herz Voltaires. Wie das kam, soll hier kurz berichtet werden.[8]

Am 30. Mai 1778 starb Voltaire  in Paris bei seinem Freund, dem Marquis de Villette. Der beauftragte einen Apotheker, eine Autopsie vorzunehmen, den Leichnam einzubalsamieren und für ihn das Herz zu entnehmen. Der Leichnam wurde dann in der Abtei von Scellières bei Troyes bestattet, deren Abt ein Neffe Voltaires war, und am 11. Juli 1791 ins Pantheon überführt.  Siehe dazu den entsprechenden Blogbeitrag.

Der Voltaire-Raum im Schloss von Fernay[9] An der Wand Portraits seiner Bewunderer

Für das Herz richtete Villette im Schloss von Fernay, wo Voltaire seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, einen der Verehrung des großen Mannes dienenden Raum ein: In einer Nische ruhte das Herz unter einem Baldachin und auf einem Kissen. 1885 aber musste Villette das Schloss schon wieder verkaufen und das Herz Voltaires in sein Stammschloss überführen. Dort ruhte es bis 1864, als es auf Befehl Napoleons III. der Bibliothèque nationale -bzw. damals impériale- übergeben wurde.

Der Architekt Henri  Labrouste, der damals die Bibliothek erweiterte und erneuerte, baute für das Herz und die Statue Houdons sogar einen speziellen noblen Ort, die Rotonde Voltaire[10], die dann aber für andere Zwecke genutzt wurde. So verstaubte die Statue im Depot der Bibliothek, bis sie 1924  im Salon d`honneur ihren jetzigen würdigen Platz fand.

„Der schönste Lesesaal der Welt“: Die salle Labrouste

Dieser in den 1860-er Jahren errichtete eindrucksvolle Lesesaal gehört nach dem Urteil der Neuen Züricher Zeitung zu den „Weltwundern unter den Bibliotheksbauten“, ja er wurde von ihr sogar zum schönsten Lesesaal der Welt gekürt.[11]  Benannt ist er nach seinem Erbauer, dem Architekten Henri Labrouste, einem „Pionier des Eisenbaus“, von dem auch die  Bibliothek Sainte-Geneviève neben dem Pantheon stammt. Die beiden Bibliotheksbauten Labroustes sind insofern revolutionär, als hier die konstitutiven gusseisernen Strukturen nicht nur sichtbar sind, sondern sogar die Ästhetik der Bauten wesentlich mitbestimmen. Von anderen Architekten dieser Zeit wie Gottfried Semper wurde das höchstens für Zweckbauten wie Bahnhöfe akzeptiert.[12]

Die Schlankheit und große Tragfähigkeit der gusseisernen Stützen ermöglichte die Konstruktion eines durch viele Glaskuppeln lichtdurchfluteten hellen Raums. In einer Zeit, in der es noch keine elektrische Beleuchtung gab, war dies ein unschätzbarer Gewinn für die Ästhetik und Funktionalität des Raums.

Die charakteristischen Tischlampen an jedem Leseplatz gibt es aber natürlich auch.

Zu der opulenten Ausstattung des Saales gehören auch Medaillons bedeutender Schriftsteller aus Frankreich (u.a. natürlich Molière) , Italien (Dante) , England (Shakespeare), Spanien (Cervantes) … Ein Vertreter der deutschen Sprache, in Frankreich gerne langue de Goethe genannt, ist allerdings nicht dabei…  Immerhin -wenigstens!- eine einzige Frau, nämlich die berühmte Briefschreiberin Madame de Sévigné, von der wir viel Interessantes und auch Amüsantes über die Zeit Ludwigs XIV. erfahren können. (Ein Blog-Bericht über sie, die in Paris geboren wurde und lange dort wohnte, ist geplant)

Der Lesesaal ist heute Zentrum und Schmuckstück des Institut nationale d’histoire de l’art (INHA), der weltweit größten kunstgeschichtlichen und archäologischen Bibliothek. Er ist -anders als die salle ovale- nicht für ein breites Publikum geöffnet. Vom Eingangsbereich aus ist es allerdings möglich, einen Blick in den Lesesaal zu werfen. An den jährlich im September stattfindenden Europäischen Tagen des Kulturerbes (journées européennes du patrimoine) ist er allerdings auch für die Öffentlichkeit frei zugänglich.

Das Museum

Die BnF war von Anfang an nicht nur eine Bibliothek, sondern gleichzeitig auch ein Museum. Ein Jahr nach Einrichtung der königlichen Bibliothek in der rue Vivienne installierte Colbert dort auch die königliche Kunstsammlung, le cabinet du Roy, die bis dahin im Louvre, dem königlichen Schloss, ihren Platz hatte. Nach einem Zwischenspiel in Versailles kehrte die Kunstsammlung an ihren früheren Platz zurück und wurde 1743/44, damals das einzige Museum der Stadt, für die Öffentlichkeit geöffnet.

Die neue elegante Treppe in der Hall d’Honneur, über die man in die Museumsräume im ersten Stock gelangt. Guillaume Murat BnF

Der Saal der Säulen, in dem Kunstwerke aus kostbaren Materialien und verschiedenen Zeitaltern ausgestellt sind.[13]

Dieser Frauenkopf aus Marmor ist die römische Kopie eines griechischen Originals aus den Jahren um 450 vor Christus. Entsprechend der Beschriftung soll es sich um die griechische Dichterin Sappho handeln, die traditionell mit einem um die Haare geschlungenen Band dargestellt wurde.

Dieser goldene Teller (Ausschnitt) stammt aus dem Römischen Reich (4.-5. Jahrhundert). Weil das Löwenmotiv in der Mitte sich auch in karthagischen Münzen findet, hat man den Teller im 18. Jahrhundert „Schild des Hannibal“ genannt.

Ein Prunkstück des Museums ist der Schatz von Berthouville. 1830 fand ein Landwirt in seinem Acker in Villeret, einem Weiler bei Berthouville in der Normandie, einen Schatz mit 69 silbernen Gegenständen, vor allem Trinkgefäße mit historischen und mythologischen, griechischen Motiven, gefertigt aus getriebenem, vergoldetem und ziseliertem Silber. Sie gehörten zu einem Tempel, der dem Mercurius von Canetonum geweiht war. Canetonum war der römische Name von Villeret. [14]   

Der Mercurius von Cantenonum aus dem Schatz von Berthouville

Im anschließenden Saal (salle de Luynes)  wird die Kunstsammlung päsentiert, die der Herzog von Luynes 1862 dem Staat schenkte. Dazu gehörte eine wertvolle Sammlung griechischer Vasen, die hier präsentiert werden….

… und auch der Torso einer dem Wasser entsteigenden Venus, einer Venus Anadyomene.

Der folgende Saal, das Cabinet des Médailles, trägt den Namen des abbé Barthélémy, einem Verwalter der königlichen Kunstsammlung.  Etwa 600 000 Münzen und Medaillen werden in der BnF aufbewahrt, einige davon sind hier ausgestellt.

Ein besonders schönes Stück ist diese Medaille Ludwigs XIV.:

Der König ist als Kriegsherr dargestellt, mit einer zeitgenössischen Rüstung und Seidenkravatte. Die Aufschrift: „Ludovicus Magnus Fran(ciae) et Nav(arrae) Rex P(ater)P(atriae)“, also Ludwig der Große, König von Frankreich und Navarra, Vater des Vaterlandes“. Pater Patriae war ein römischer Ehrentitel, den bereits der römische Kaiser Augustus trug.

Die Medaille stammt aus dem Jahr 1672, also den frühen Jahren des Königs, und sie ist mit schweren goldenen Ketten ausgestattet, so dass sie um den Hals getragen werden konnte und sollte.

Bestimmt war sie für einen elsässischen Adligen, Theobald von Reinach-Hirtzbach, vermutlich als Dank für dessen Rolle bei der mit dubiosen juristischen Mitteln, Bestechung, Erpressung und militärischer Gewalt vollzogenen Annexion des Elsass.[15]

Seit der Renovierung der BnF ist auch der Salon Louis XV, der reich ausgestattete ursprüngliche Raum des cabinet du Roi, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die Galerie Mazarin

1721/1722 wurde in dem Stadtpalais des Kardinals Mazarin die königliche Bibliothek installiert. In der Galerie hatte der Kardinal Kostbarkeiten seiner Kunstsammlung ausgestellt. Daran knüpft die BnF 300 Jahre später wieder an: In einem ersten kleinen Teil der Galerie werden nun dauerhaft Preziosen der Nationalbibliothek präsentiert, die aus den Kirchenschätzen der Abtei von Saint-Denis und der Sainte-Chapelle stammen.

So diese Kamee des Augustus, hergestellt zur dessen Lebzeiten in Rom und im 14. Jahrhundert in Paris verziert mit einem Kranz von Edelsteinen und Perlen.

Diese Kamee aus dem Kirchenschatz der Sainte-Chapelle ist das größte erhaltene Exemplar aus römischer Zeit. Entstanden ist es zur Zeit des Kaisers Tiberius um 23 nach Christus. Abgebildet sind 24 Figuren, die in fünf Schichten in einen einzigen Sardonyx-Stein geschnitten sind.

Man vermutet, dass der Heilige Ludwig die Kamee 1247 auf seinem Kreuzzug vom byzantinischen Kaiser als Geschenk erhalten hat. Wegen ihrer Größe und Schönheit wird der Stein auch „die Große  Kamee Frankreichs“ genannt.

Abgebildet sind drei Welten: In der Mitte Kaiser Tiberius und seine möglichen Nachfolger; unten die Besiegten, Parther und Germanen; und oben der Olymp mit den um  Augustus gruppierten  Welt der toten Heroen. Rechts  sieht man auf einem geflügelten  Pferd Germanicus, der von Augustus zum Nachfolger des Tiberius bestimmt worden war,  aber vor diesem starb.

Hier der Ausschnitt einer großen Schale aus dem spätantiken Sassanidenreich (Iran). In der Mitte ein König dieses zweiten großpersischen Reichs. Wegen der Schönheit und Kostbarkeit der Schale wurde sie im 13. Jahrhundert von den Chronisten von Saint- Denis dem König Salomon zugeschrieben.

Diese Schachfiguren aus Elfenbein gehören zu dem sogenannten Schachspiel Karls des Großen, einem der ältesten der westlichen Welt. Hergestellt wurden sie in Süditalien (Salerno) Ende des 11. Jahrhunderts, gelangten dann -wann und wie auch immer- in den Schatz der königlichen Abtei von Saint-Denis. In der Französischen Revolution wurden die 16 noch erhaltenen Stücke der Bibliothek Nationale übereignet.[16]

Die Zuschreibung der Schachfiguren beruht auf einer seit dem 14. Jahrhundert verbreiteten Legende: Danach soll der Kalif Harun-al-Raschid das Spiel Karl dem Großen zu seiner Krönung im Jahr 800 geschenkt haben. Der historische Hintergrund dieser Legende ist sicherlich der Elefant Abul Abbas, den der Kalif von Bagdad Karl dem Großen schenkte. Durch den legendären Bezug zu Karl dem Großen und dem Kalifen von Tausendundeiner Nacht wurde das Schachspiel entscheidend aufgewertet und erhielt gewissermaßen den einer sonst nur einer kostbaren Reliquie zukommenden Status.  Wie dieses Schachspiel und die davor abgebildete, dem König Salomon zugeschriebene Schale zeigen, besaß die Abtei von Saint-Denis ganz offensichtlich die Fähigkeit, ihren Schätzen durch eine geschickte Legendenbildung außerordentlichen Glanz zu verleihen.

Die Galerie Mazarin, die man danach in ihrer vollen Pracht bewundern kann,  wurde gebaut von François Mansard, dem „Architekten des Königs“, also dem für alle offiziellen Bauvorhaben Ludwigs XIII. und des jungen Ludwigs XIV. zuständigen Architekten. Für die Ausmalung engagierte Mazarin den italienischen Maler Giovanni Francesco Romanelli, der 1646/47 das Gewölbe mit von der griechisch-römischen Mythologie inspiriertes Fresken ausmalte. Ins Zentrum platzierte er die Darstellung des die Giganten züchtigenden Zeus.

Mazarin war damals Premierminister des noch unmündigen jungen Ludwigs XIV. und kurz danach begann offiziell die Fronde, der Aufstand gegen dessen Herrschaft. Der Aufstand wurde schließlich mit Mazarins Hilfe niedergeschlagen.

So kann man das zentrale Fresko der Galerie als eine vorausschauende Darstellung der Auseinandersetzung des künftigen Sonnenkönigs (Zeus) mit dem aufständischen Hochadel (Giganten) deuten. Vielleicht kann man darin sogar eine Warnung vor der sich abzeichnenden Auseinandersetzung sehen.

Eine zentrale Rolle in den weiteren Fresken spielt Apollo, der ja gewissermaßen der „Patengott“ Ludwigs XIV. war.

Hier ist der junge Gott der Musik umgeben von den ihn anhimmelnden Musen. Der Bezug zu Raphaëls Fresko Parnass in den Stanzen des Vatikans liegt nahe. Bei Romanelli kommt allerdings die Überreichung des Lorbeerkranzes hinzu, und da denke ich an Apolls Wettstreit mit Marsyas und die grauenhafte Rache des von den Musen zum Sieger erklärten Gottes.

Auch auf diesem Fresko wird ein Lorbeerkranz überreicht, und zwar von dem Königssohn Paris: Aphrodite geht aus dem Schönheitswettbewerb der drei Göttinnen als Siegerin hervor. Seit der Restauration in den Jahren 2018 und 2019 kann man die authentische Schönheit der Aphrodite/Venus übrigens erkennen und bewundern, denn vorher waren ihre Brüste und ihr Rücken (ebenso bei ihrer Mitbewerberin Juno) mit zarten Schleiern (voiles de pudeur) bedeckt…

Darunter Plakate des Mai 1968: Im zentralen Raum der Galerie Mazarin gibt die BnF in Wechselausstellungen einen Einblick in die ihre reichen und vielfältigen Bestände. Hier einige weitere- gerade aus deutscher Sicht besonders interessante-  Beispiele der im September 2023 präsentierten Auswahl:

Dies ist eine Seite der 1687 herausgegebenen Erstausgabe von Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“, seinem Hauptwerk. Das Buch gehörte seit 1715 dem Kölner Jesuitenkolleg, 1794 allerdings auch zu den von der französischen Revolutionsarmee erbeuteten Raubkunst. (An eine Restitution ist -das darf man ironisch wohl anmerken- natürlich nicht gedacht…)

Ob es sich auch bei diesem Fragment von Beethovens Autograph aus dem Finale der 9. Sinfonie um Raubkunst handelt, wird in der beigefügten Information nicht angegeben, dafür allerdings, dass es bis 1912 dem Sammler Charles Malherbe gehörte. Den hätten „les autorités allemandes“ wiederholt gefragt, was das Exemplar denn koste, und er habe geantwortet: „L’Alsace et la Lorraine“…

Zum versöhnlichen deutsch-französischen Schluss dieses Blatt der von Albert Stapfer ins Französische übersetzten Ausgabe von Goethes „Faust“ aus dem Jahr 1828. Eugène Delacroix steuerte dazu 17 Lithographien bei – mit seiner machtvollen Dramatik und der Atmosphäre eines phantastischen Mittelalters ein wahrhaftes Manifest der romantischen Bewegung und  ein „chef-d’œuvre de la lithographie“, wie es in der beigefügten Informationstafel heißt. Hier ein Blatt mit dem französisch übersetzten Faust- Zitat:

„Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern/Und hüte mich mit ihm zu brechen./Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,/so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.“

In Frankreich allerdings war die Rezeption ablehnend. Delacroix erinnerte sich noch 1862, dass seine Illustrationen Karikaturen hervorriefen, die ihn „als eine der Hauptstützen der Schule des Häßlichen hinstellten“. Goethe allerdings, der die kunstkritische Auseinandersetzung um Delacroix kannte, würdigte dessen künstlerische Originalität und Modernität und sprach anerkennend von den Faust-Illustrationen als „einem wunderlichen Erzeugniß zwischen Himmel und Erde,  Möglichem und Unmöglichem, Rohstem  und Zartestem“, in dem die Phantasie „ihr verwegenes Spiel treiben“ könne…[17] Damit endet dieser Rundgang durch die Bibliothèque nationale/Richelieu, die natürlich noch über viele weitere Schätze verfügt und die es verdient, in einen Paris-Besuch von Kunst- und Bücherfreunden einbezogen zu werden.

… Zumal derzeit – noch bis zum 16. Juni 2024- in der Bibliothek eine neue Ausstellung über die Anfänge der Renaissance zu sehen und zu bewundern ist…. [18]

Die Bibliothèque Nationale in der rue Vivienne, die prachtvolle Galerie Vivienne, die place des Victoires und zum Abschluss der Garten des Palais Royal: ein wunderbares Programm für einen Tag in Paris!


Anmerkungen

[1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2] Siehe dazu auch: connaissance des arts. Hors-série: BnF/Richelieur. Bibliothèque et Musée. Paris 2022;

Bruno Blasselle und Gennaro Toscano, Histoire de la Bibliothèque nationale de France. Hrsg. von der BnF 2022;

Gennaro Toscano (Hrsg), 100 chefs-d’œuvre de la Bibliothèque nationale de France. BnF 2022;

Aurélien Conraux, Anne-Sophie Haquin und Christine Menguin, Richelie. Quatre siècles d’histoire architecturale aus cœur de Paris. BnF und INHA, 2017

[3] https://www.projekt-gutenberg.org/rilke/maltelau/maltelau.html

[4] https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/weltgest/chap006.html

[5] Bild aus: https://www.photo.rmn.fr/archive/12-547646-2C6NU08YHTA0.html

s.a. https://www.centrepompidou.fr/en/ressources/oeuvre/cjkqnx

[6] https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophische-orte-walter-benjamin-in-paris-100.html

[7] https://www.bnf.fr/fr/la-salle-ovale und https://www.paris.fr/pages/entierement-renove-le-site-richelieu-de-la-bnf-accueille-a-nouveau-son-public-21961

[8] Fabien Aguglia, Le cœur de Voltaire. Le Blog Gallica. 30.5. 2019

https://gallica.bnf.fr/blog/30052019/le-coeur-de-voltaire?mode=desktop

[9] Chambre du Coeur de Voltaire : gravure de François Denis Née d’après un dessin de Duché, fin du XVIIIe siècle. Bild aus: https://gallica.bnf.fr/blog/30052019/le-coeur-de-voltaire?mode=desktop

[10] Bild aus: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-alte-pariser-nationalbibliothek-regale-unter-reifroecken-ld.139550

[11] Mark Zitzmann, Der schönste Lesesaal der Welt. In: NZZ vom 13.1.2017 https://www.nzz.ch/feuilleton/die-alte-pariser-nationalbibliothek-regale-unter-reifroecken-ld.139550

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Labrouste  Den Lesesaal Labrouste

[13] Salle des Colonnes  https://www.bnf.fr/fr/agenda/richelieu-le-reveil-reouverture#image-a4b

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Schatz_von_Berthouville

[15] Im kleinen Begleittext zu der Medaille heißt es dazu: „La fin du 17e  siècle marque en effet l’achèvement de la conquête de cette province, où l’autorité française peine à s’imposer.“  Da  waren solche Geschenke sicherlich nützlich…

[16] https://essentiels.bnf.fr/fr/focus/101d859f-570b-483f-ae84-218babc65c2b-voyages-et-histoires-jeu-dit-de-charlemagne

[17] http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/johann-wolfgang-von-goethe/faust-und-gretchen-illustrationen/eugene-delacroix-faust-illustrationen.html

[18] L’invention de la Renaissance. L’humaniste, le prince et l’artiste https://www.bnf.fr/fr/agenda/linvention-de-la-renaissance

Gare du Nord – Hittorffs Triumphbau des Fortschritts. Ein Beitrag von Ulrich Schläger

„Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.  […] In vierthalb Stunden reist man jetzt nach Orleans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee“, schreibt Heinrich Heine am 5. Mai 1843 anlässlich der Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen nach Orléans und Rouen.[1]

Heute, wo wir in nicht einmal 10 Stunden von Frankfurt nach Peking fliegen können, vermögen wir uns kaum noch vorzustellen, was die Eisenbahn im 19. Jahrhundert bedeutete. Sie beschleunigte den Transport von Menschen und Gütern in einem nie gekannten Tempo. Die Entfernungen schrumpften zusammen, die Zeit triumphierte über den Raum.

An die neuen Technologien der Fortbewegung (Eisenbahn & Dampfschifffahrt) wurden Hoffnungen geknüpft, die uns heute, wo wir es besser wissen, euphorisch, wunderlich, zum Teil bizarr, ja absurd erscheinen.

Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson sah 1844 die neue Technologie »im Begriff, den Traum der Verfassungsväter einer von Partikularismen befreiten Republik zu verwirklichen. Nun – rund vier Jahrzehnte vor Einführung einer einheitlichen Zonenzeit für die nordamerikanischen Eisenbahnen – schien die Harmonisierung des Kontinents in greifbare Nähe gerückt zu sein. Emerson verglich die neuen Verkehrsmittel mit einer Webmaschine: „Wir beobachten nicht bloß die Auslöschung der Distanz. Gleich dem Schiffchen beim Webstuhl, so gleiten auch unsere Lokomotiven und Kursschiffe täglich über die Tausende von Fäden, die unsere Nation und Arbeit sind, und verwandeln sie in ein einziges Gewebe. Jede Stunde steigert sich dieser Vorgang der Assimilation und bannt damit die Gefahr, dass lokale Besonderheiten und Feindschaften überleben können.“[2]  Wie illusorisch diese Hoffnung war, zeigte der Amerikanische Bürgerkrieg zwanzig Jahre später.

Der viermalige britische Premierminister William Ewart Gladstone schrieb der Eisenbahn beinahe magische Kräfte zu. In einer Rede vor Bahnangestellten formulierte er die Utopie einer Gesellschaft, die, indem sie sich einem einzigen Rhythmus fügt, den Schritt zur eigentlichen Moderne erst recht eigentlich vollzieht. „Während wir uns früher ständig mit der Gefahr der Unordnung konfrontiert sahen, verfügen wir heute über ein Instrument, das nichts anderes als ein geordnetes Leben zulässt (Applaus) – ein Leben, das dem alten monastischen System durchaus ähnelt, in dem alles dem Rhythmus der Uhr und der Kirchenglocke unterlag. Diese feste Ordnung bildet die Seele . . . des riesigen Eisenbahnnetzes, das unser Land nach allen Richtungen überzieht (Applaus).“«[3]

»Für den englischen Eisenbahnexperten Edward Foxwell waren die spätviktorianischen Bahnhöfe Orte der Hoffnung. […] Ähnlich wie Gladstone sah er in der Eisenbahn jene Kraft, die die verwirrende Vielzahl menschlicher Rhythmen miteinander versöhnen sollte. So verband sich auch bei ihm die Erfahrung der Beschleunigung mit der Sehnsucht nach der großen symphonischen Gemeinschaft.« [[4]] Auch diese Hoffnung erfüllte sich, wie die großen Weltkriege zeigten, nicht.

Eines aber ist sicher: Mit dem Ausbau des Schienennetzes wird die Eisenbahn weltweit zu einem der wichtigsten Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung, auch des Tourismus.

Nicht lange nach Heines Imaginationen kann die Pariserin früh morgens am Gare du Nord einen der „trains de plaisir“ zu den Stränden von Dünkirchen oder Saint-Quentin-Plage nehmen, sich in ihrer neusten Standmode präsentieren und spät abends nach Paris zurückzukehren, kurz „une journée à la mer“ (einen Tag am Meer) verbringen. Zweifellos eine Bereicherung des Freizeitvergnügens. Für einen Tag zur Ruhe und Erholung in die Wälder von Compiègne flüchten oder den Nervenkitzel auf der Pferderennbahn in Chantilly suchen: mit der Eisenbahn kein Problem.

Reklameplakat der Nordeisenbahn von Ferdinand Bac, 1897[5]

Die Eisenbahn wird zum Symbol des Fortschrittes, und die Bahnhöfe, zumal der großen Städte, sind ihre Kathedralen.

Allein in Paris entstehen bis 1900 sieben Bahnhöfe. Der erste ist la Gare Saint-Lazare. Der Impressionist Claude Monet ist von ihm fasziniert; er malt ihn zwölfmal!

Claude Monet (1877) – Gare Saint Lazare (Musée d’Orsay)

Es folgen 1840 Gare d’Austerlitz und der erste Gare Montparnasse unter dem Namen Gare de l’Ouest. Schon ein Jahr später beginnt der Bau des ersten Nordbahnhofs. Er wird 1846/47 fertiggestellt und trägt die Bezeichnung Embarcadère du Chemin de Fer du Nord. 1850 kommen Gare de l’Est, 1855 Gare de Lyon und schließlich Gare d’Orsay anlässlich der Weltausstellung von 1900 hinzu.

Alter Nordbahnhof (Embarcadère du Chemin de Fer du Nord) in Paris im „Orangerie-Baustil“ (nach der Orangerie von Versailles). Im Hintergrund ist auf dem Montmartre-Hügel der optische Telegraf von Claude Chappe mit seinen schwenkbaren Signalarmen zur Zeichenübermittlung zu sehen.

Die rasche Ausbreitung des Bahnstreckennetzes mit steigendem Verkehrsaufkommen erfordert, dass der Gare de l’Ouest 1848 bis 1852 durch einen größeren Bahnhof ersetzt werden muss. Und auch der erste Gare du Nord erweist sich angesichts der zunehmenden Zahl der Reisenden von 1.500.000 im Jahr 1858 auf 2.100.000 im Jahr 1863 bald als zu klein, sodass er 1860 abgerissen wird, um einem größerer Neubau Platz zu machen.

Das französische Eisenbahnnetz von 1837 bis 1870

Die Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer du Nord mit Baron James Mayer de Rothschild an der Spitze hatte 1857 die Genehmigung zum Bau eines neuen Bahnhofes an gleicher Stelle auf einem größeren Gelände erhalten. Die Planungsarbeiten für den neuen Bahnhof beginnen 1858 vor dem Hintergrund der großen Haussmannschen Transformation und des Wirtschaftsbooms in der Hauptstadt. Die Architekten der Compagnie des Chemins de Fer du Nord, Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet, erstellen erste Studien für einen U-förmigen Kopfbahnhof, in der damaligen Zeit eine häufige Bahnhofs-form. Damit ist ein Problem vorprogrammiert, denn eingezwängt in diese Gebäudeanordnung lässt sich bei steigendem Verkehrsaufkommen die Zahl der Bahnsteige und Geleise nur begrenzt erweitern, was zu wiederholten Umbauten führen wird.

Die Hauptfassade soll an der Place Roubaix (heute Place Napoleon III) als Eingang für die Vorortpassagiere und das Bahnpersonal liegen, während der Zugang zu den Fernzügen über die Seitenfassade erfolgt, wobei die Abfahrten auf der Westseite und die Ankünfte auf der Ostseite liegen. Da diese Räumlichkeiten nicht die gleichen Zuweisungen und Bedürfnisse haben, kann der Gebäudekomplex nicht symmetrisch sein. Die ersten Entwürfe überzeugen die städtischen Behörden allerdings nicht.

Hittorffs letztes großes Werk

Hittorff wird 1861 von James de Rothschild beim Bau des Bahnhofes hinzugezogen. Er steht vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits soll er ein Gebäude errichten, das dem Repräsentationsbedürfnis der Eisenbahngesellschaft entspricht: Der Bahnhof wird sich, wie Hittorff schreibt,  „den Blicken der Öffentlichkeit mit dem Charakter seiner Bestimmung präsentieren. Man kann mit einer imposanten Wirkung rechnen, die auf die Größe des Bahnhofs zurückzuführen ist, und die Fassadengestaltung wird seine immense Ausdehnung verdeutlichen.“ [6]

Andererseits ist neueste Technologie gefordert: Das Empfangsgebäude soll mit einer Halle verbunden sein, die dem großen Raumbedarf mit möglichst vielen Gleisanlagen und dem dazugehörigen Equipment gerecht wird.

Hittorff bereitet sich auf die für ihn neue Aufgabe mit einer Reise nach England, das Mutterland der Eisenbahn, vor. Dort standen nicht nur dank innovativer Verfahren bei der Eisenverhüttung Guss- und Schmiedeeisen in größeren Mengen und besserer Qualität zur Verfügung, sondern es wurden auch schon früher als auf dem Kontinent Konstruktionen aus Eisen, Stahl und Glas errichtet, insbesondere auch imposante Bahnhofshallen.

In Vorbereitung auf den Bau der Halle für die Gleisanlagen des Gare du Nord dürfte Hittorff sicherlich bei seiner Englandreise Joseph Paxtons Crystal Palace, vor allem aber Ingenieursbauten mit weit gespannten Tragwerken wie Londons Paddington-Station und Bristol Temple Meads-Station, beide von Isambard Kingdom Brunei, und Lewis Cubitts Kings Cross-Station und andere technische Bauten studiert haben.

Bahnhof Kings Cross. Photo Hugh Llewelyn. Creative Commons

Die ersten Entwürfe für den Gare du Nord sehen noch einen gemeinsamen Gebäudekomplex für die Verwaltung und den Bahnbetrieb vor. Es erweist sich aber als schwierig, beide Bereiche in einem repräsentativen Bau zu vereinigen. Der größere Platzbedarf für die Bahnanlagen infolge des gestiegenen Verkehrsaufkommens führt schließlich in der weiteren Planung zur Trennung von Verwaltung und Bahnbereich.

Hittorff gelingt es, die Asymmetrie der Baumassen aufgrund des unterschiedlichen Raumbedarfs für die Abfahrt- und Ankunftszone des Bahnhofs durch eine triumphale Prunkfassade mit klassischer symmetrischer Proportion zu verdecken.

Abb. 7: Hittorff (Bleistiftzeichnung) – Endgültiger Entwurf für Gare du Nord 1861 Perspektivische Außenansicht[7]     

Die Arbeiten Hittorffs werden 1866 fertiggestellt. Der Bahnhof wird aber schon 1864 in Betrieb genommen. Das äußere, von Hittorff geschaffene Erscheinungsbild hat sich seither nicht verändert. Später mussten aus besagten Gründen an seiner Ostseite neuere Teile hinzugefügt werden.

Die Verpflichtung von Hittorff, einem der bedeutendsten Pariser Architekten seiner Zeit, ist eine Prestigesache für die Eisenbahngesellschaft und wichtig für den Bahnhof selbst, der nicht allein durch seine Monumentalität beeindrucken soll. Er soll eine Demonstration des weitgespannten Schienennetzwerkes sein und durch seine künstlerische Gestaltung unter den anderen Bahnhöfen der Metropolen herausragen und neue Maßstäbe setzen.

Der nur schmale Fassadenbau verschafft, ohne Treppen zu überwinden, einen direkten Zugang zu den Zügen. Vom Vorplatz mit den Droschken bis zu den Zuggleisen sind es nur wenige Schritte. Aber mehr als diese auf die Funktion des Bauwerks gerichtete Gestaltung ist das Gebäude vor allem ein Repräsentationsbau der Compagnie des chemins de fer du Nord und ein Monument des technischen Fortschritts.

Die Fassade des Empfangsbaus

Wie Thomas von Joest in seinem Betrag über den Gare du Nord nachweist [[8]], kann die Gestaltung der Fassade nicht als alleiniges Werk von Hittorff betrachtet werden. Wesentliche Vorarbeiten zur Grundstruktur der Hauptfassade wurden bereits vom Baubüro der Eisenbahngesellschaft unter der Leitung der Architekten Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet geleistet, wie sich anhand der in den Archiven der staatlichen französische Eisenbahngesellschaft S.N.C.F. (Société nationale des chemins de fer français) befindlichen Zeichnungen belegen lässt.

„Wenn wir auch“, so Thomas von Joest, „Hittorf nicht das   Verdienst zuschreiben können, das Grundkonzept der Fassade kreiert zu haben, so haben wir doch ihre ausgereifte Gestaltung, die die Gliederung des Bauwerkes deutlich zu erkennen gibt, der Erfahrung des Baumeisters und seinem Sinn für Proportionen zu verdanken.“ [[9]]

Die imperiale 180 m lange neoklassizistischen Fassade gliedert sich in einen zentralen riesigen Giebel, der die Konturen der dahinter liegenden Haupthalle aufnimmt und in dessen Mitte sich ein großes Bogenfenster befindet, das von zwei kleineren Glasbögen flankiert wird.

Der zentrale Giebel wird eingerahmt von zweigeschossigen Flügeln, hinter denen sich die Seitenhallen befinden und iegbelständigen Pavillons, ebenfalls mit verglasten Bögen, die beiderseits die Fassade abschließen.

Riesige ionische Pilaster als ornamentaler Schmuck erstrecken sich über zwei Geschosse des zentralen Giebels und der Pavillons. Sie kontrastieren mit der Reihung kannelierter Säulen mit dorischem Kapitell für die Untergeschosse des zentralen Giebel-Teils und der Pavillons sowie für die beiden Geschosse der Seitenflügel.

Das Ensemble wird vervollständigt durch 23 weiblichen Figuren mit einer Mauerkrone auf ihren Häuptern als Sinnbild der Stadtgöttinnen. Sie sind die Personifikationen internationaler und französischer Städte, die von der Nordbahn bedient werden. Dreizehn der besten Künstler Frankreichs werden damit beauftragt. Ein großer Teil von ihnen hatte bereits an der Oper Garnier in Paris gearbeitet.

Abb. 10: Zentraler Giebel der Fassade.[10]

Am Eingang wird der Besucher seit 2015  von dem geflügelten Bären (angel bear) Richard Texiers begrüßt.

Foto: Wolf Jöckel

Die Figuren auf dem Dachfirst versinnbildlichen Paris – im Zentrum und an der Spitze – und die ausländischen Städte (von links nach rechts): Frankfurt und Amsterdam, Warschau und Brüssel,  London und Wien, Berlin und Köln (Cologne).

Die Allegorien von Berlin und Köln. Foto: Wolf Jöckel

Die Statuen im unteren Teil der Fassade repräsentieren die französischen Städte (von links nach rechts): Boulogne und Compiègne, Saint-Quentin und Cambrai, Beauvais und Lille, Amiens und Rouen, Arras und Laon, Calais und Valenciennes, Douai und Dünkirchen.

 Abb. 13: Allegorien der Städte Beauvais, Lille, Amiens, Rouen, Arras  und Laon[11]

Der Empfangsbau wird so zu einem Ort, an dem sich die Nähe mit der Aura der Ferne versieht. Pilaster, Säulen, Statuen und Fensterachsen lockern die langgestreckte Fassade vielfältig durch eine vorherrschend vertikale Gliederung stark auf und erinnern mit ihren vor- und zurückspringenden Partien an eine scena, den Kulissenbau im griechischen Theater. 

In der Gestaltung des Fassadenbaus zeigt sich Hittorff mit seinen Anleihen an klassizistische Elemente in der Tradition der École des beaux arts, die dem Bauwerk über seine Funktion hinaus vor allem Schönheit und Bedeutung geben soll.

Es ist Hittorff mit der Fassade gelungen, die Funktion des Gebäudes ins Macht- und Bedeutungsvolle zu steigern und die Form der dahinter liegenden Halle zum Ausdruck zu bringen.   

Die Konstruktion der Bahnsteighalle

Das 19. Jahrhundert war nicht nur das „Zeitalter des Kampfs der Stile“, „in dem die romantische Kraft der Gotik mit der machtvollen klassischen Tradition rang“, es war „ebenso sehr das Zeitalter des Eisens“[12], das sich nicht nur auf Ingenieurbauwerke wie Eisenbahnstrecken, Brücken, Markthallen, Fabriken, Gewächshäuser u.a.m. beschränkte, sondern Einzug hielt in die Architektur, samt den Vorzügen des Einsatzes standardisierter Bauteile.

Erste Erfahrungen mit der Eisenarchitektur hatte Hittorff als angehender Architekt beim Bau der Metall-Kuppel der Halle au Blé gesammelt.[13]

Abb. 14 : Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Dieser 1783 errichtete große Rundbau, heute ein Kunsttempel der Pinault-Sammlung,  diente als Speicher- und Handelsplatz für Getreide. Die über dem offenen Hof der Kornhalle errichtete Holzkuppel war 1802 abgebrannt und sollte nun durch eine Eisenkuppel ersetzt werden., die erste in der Geschichte der Architektur.[14] Als Commis aux attachments et aux écritures, also Mitarbeiter bei der Dokumentation der Arbeitsvorgänge, skizzierte der junge Hittorff die Entwicklung des Baus. [15]

Hittorff bleibt von seinen Erfahrungen mit der Halle au Blé und der Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Architekten Bélanger geprägt. Das Interesse an Eisen in der Architektur zieht sich durch sein gesamtes Werk. Das zeigen auch seine Entwürfe für einen Industriepalast (1852) und einen Palast für die Weltausstellung (1854).

Die Konstruktionszeichnungen in den Archiven der S.N.C.F. und der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Zürich belegen, dass die Entwürfe für den Dachverband der Bahnsteighalle mit seinem Trägersystem und den Stützpfeilern mit ihren Kapitellen im Baubüro von Jakob Ignaz Hittorff, unterstützt von seinem Sohn Charles, entstanden.

Abb. 24: Die zentrale Einfahrthalle der Gare du Nord. Foto: Wolf Jöckel

Die von Hittorff und seinem Planungsbüro in Zusammenarbeit mit den Eisenbahnarchitekten entworfene Eisenbahnhalle aus Eisen und Glas ist strukturell von den sie umgebenden Steinfassaden getrennt. Ihr Grundriss ist der einer dreischiffigen Basilika mit einem mittleren Teil von 180 Meter Länge und den beiden Flügeln von jeweils 200 Meter Länge.

Foto: Wolf Jöckel

Die Eisenkonstruktion, die das 180 m lange Dach der Haupthalle trägt, überspannt eine Gesamtbreite von 72 m und ermöglicht durch eine optimale Reduktion der Stützelemente die großflächige Einrichtung der Gleise und Bahnsteige.

Abb, 26: Dachträgersystem und Säulen. Bildquelle : Vide en ville; https://videenville.paris › galeries

Zur Überdachung der Halle mit ihrer großen Spannweite wählt Hittorff die Träger-Konstruktion vom Polonceau-Typ. Das Dach der Haupthalle ruht über Stützkonsolen auf nur zwei Reihen von 38 m hohen korinthischen Säulen aus Gusseisen.

Die Säulen werden in Schottland hergestellt, dem einzigen Land zu dieser Zeit, in dem es eine Gießerei gab, die so große Säulen herstellen konnte. Zur Kontrolle der Gussteile schickt Hittorff seinen Sohn Charles nach Glasgow. Auch alle Teile der Dachkonstruktion (Sparren, Druckstützen, Zugbänder, Glas- und Zinkplatten) werden vorgefertigt und können vor Ort schnell durch Bolzen, Steckelemente und Schrauben miteinander verbunden werden. Das beschleunigt den Bau der Halle entscheidend und kommt dem zunehmenden Diktat der Wirtschaftlichkeit des Bauens entgegen.

Gussteile für die Halle des Gare du Nord in der Gießerei in Glasgow.) Aufschrift auf der Rückseite: „To Mr. Hittorff, architect, Paris, from Mr. Gromlay, Glasgow 1862“ [16]

Foto: Wolf Jöckel

Das Trägersystems der unterspannten Dachsparren war eine Erfindung des Eisenbahningenieurs Barthélemy Camille Polonceau, der dieses System erstmals 1838 bei den Dächern für die Bahnhöfe der Eisenbahn von Paris nach Versailles anwandte.[17]

Dieses Trägersystem ermöglichte große Öffnungen im Dach zum Lichteinfall, ohne die Stabilität des Gebäudes zu gefährden. Ein Vorteil war auch, dass kein Seitenschub auf die Wände der Seitenflügel ausgeübt wurde.  Die Stützkonsolen, Streben, Druckstangen- und Zugsbänder waren fast nicht wahrnehmbar, so dass sich ein Eindruck großer Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit ergab.

Abb. 28: Paris Nord – 28. Juni 1960 – Innenansicht mit der Architektur des Glasdachs und der Leichtigkeit des Polonceau-Systems (SNCF-Archiv) [18]

Mit dem Einsatz von Eisen und Glas wurden eine Reihe von Prozessen in Gang gesetzt, die nicht nur eine neue architektonische Ästhetik, neue räumliche Wahrnehmungen erzeugte und ein neues Bauen und einen neuen Baustil hervorbrachte, sondern auch die bisherigen Traditionen in Frage stellte und neue Sehweisen postulierte.

Abb. 31: Glas-Eisen-Konstruktion an der Ausfahrt der Halle. Foto: Wolf Jöckel

„Mit den neuen Materialien, die mit der Industrialisierung entwickelt wurden, vor allem mit Joseph Paxtons legendärem Kristallpalast für die erste Weltausstellung 1851 in London, wurden Hoffnungen auf eine alle materielle Schwere überwindenden Architektur aus neuen Baustoffen geschürt. Das Schrumpfen der Materialmassen im Verhältnis zum umbauten architektonischen Raum durch Eisenkonstruktionen einerseits, die optische Entgrenzung durch Glas andererseits, ließen sich in der Rezeption zur Überwindung der Schwerkraft stilisieren.“[19]

Die Entwicklung des Eisens als konstruktives Material und der Erfindung der Skelettkonstruktion führte zu einer Auflösung und Entmaterialisierung der Außenwand und ihrer Entbindung von ihrer tragenden Funktion. Eine völlige Auslöschung der Wand war dann später beim Eiffelturm zu sehen, der mit seiner Absage an die bisherige Steinbauweise heftige Kontroversen auslöste.

Um die Formlosigkeit und Strenge der reinen Eisenkonstruktion abzufedern, und den bisherigen Sehgewohnheiten entgegenzukommen, wurde der neoklassizistische Stil als ästhetische Strategie eingesetzt.  Dabei wird die „technische Reproduzierbarkeit“ gerade für Produkte aus Gusseisen ausgeschöpft: eiserne Säulen, Träger und Konsolen können samt ihrer Ornamente, anders als in Stein, schnell, preiswert und in großer Zahl hergestellt werden. [20]

Auch Henri Labroustes nutzt bei der Bibliothèque Sainte-Geneviève und dem Lesesaal der Bibliothèque Nationale[21] das Gusseisen bei der Ornamentierung der freiliegenden Metallstrukturen.

Labroustes Bibliothèque Sainte-Geneviève. Bildquelle : Revue générale de l’architecture et des travaux publics. 11.1853 (beschnitten)

Labroustes Lesesaal der Bibliothèque Nationale. Foto: Wolf Jöckel

Und auch Victor Baltard, der Schöpfer der revolutionären Markthallen, ist »zutiefst in der akademischen Tradition der École des beaux-arts verwurzelt, in der ausgebildet zu sein bis ins späteste 19. Jahrhundert unabdingbar war für eine halbwegs anständige Laufbahn in Frankreich. Baltard […] löste sich selbst nie von dieser Tradition, sondern integrierte die industriell produzierten Materialien in den ästhetischen Kanon der akademischen Baukunst. In einem Brief mokiert er sich 1863 über „die Begeisterung des Publikums für Metallkonstruktionen“.«[22]

Auch Hittorff gestaltet die augenfälligsten Elemente der Eisenkonstruktion, die Säulen der Halle, mit besonderer Sorgfalt. Hittorff hat – wie Labrouste  und Baltard – das Eisen in die klassizistische Architektur der École des Beaux-Arts eingebürgert.

Foto: Wolf Jöckel

Wiewohl die neuen Montage- und Konstruktionstechniken in Hittorffs Entwürfen einen festen Platz einnahmen, blieb die klassisch akademische Tradition ein unangefochtener Bezugspunkt.“ Die Inklusion von Technik ist „ein Schachzug ganz im Sinne der Gebietssicherung.“ [23]  

Die Öffnung gegenüber dem Eisen lässt sich insofern als eine Strategie entziffern, als Hittorff das industrielle Material durch seine Kreuzung mit dem akademischen Kanon auf das Feld der Architektur zurechtbog, ohne dabei eine Polarität zwischen dem und dem anderen aufbrechen zu lassen. Ein einprägsames Beispiel stellt Hittorffs korinthischer Kapitell-Entwurf für die gusseisernen, kolumnisierten Stützen der Einfahrtshalle der Gare du Nord dar.

Abb 37: Detail eines Kompositkapitells. Foto: Wolf Jöckel

Sie tragen statt eines Gebälks einen hohen Gitterbinder, der zwischen den horizontalen und vertikalen Tragelementen vermittelt. An diesem Baudetail wird anschaulich, was die Architektur des 19. Jahrhundert insgesamt kennzeichnet: Sie konnte das Neue bejahen, ohne das Alte zu verwerfen. Mehr noch sprengten Kreuzungen und Kreolisierungen von Klassik und Technik jene Grenzen, an denen sonst neue Formen und neue kulturelle Semantiken scheitern. Bei aller Fixierung auf die klassische Kunstdoktrin eignete der Beau-Arts-Architektur im Zeitalter von Technik- und Industrie ein symptomatischer Hybridcharakter, der den Regelkodex beibehielt und doch zugleich produktiv unterwanderte. Anders als in der postmodernen Architektur ging es nicht um Spiel und Ironie, d.h. die Aufkündigung autoritativer Denksysteme und Entwurfstraditionen, sondern um die Hybriden als eine ernstzunehmende Alternative zu reiner Stein- oder Eisenarchitektur.“ [24]

Die Rezeption von Hittorffs Gare du Nord

Charles Rivière – Gare du Chemin de Fer du Nord (Ausschnitt)[25]

Der neue Bahnhof gefiel nicht jedem. Die Reaktionen gingen weit auseinander. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc, bekannt durch seine Vorliebe für die Gotik, den von ihm entworfenen Dachreiter der Kathedrale Notre Dame in Paris und die Restaurierung mittelalterlicher Bauwerke nach seinen idealistischen Vorstellungen von mittelalterlicher Architektur, schmähte die Fassade im Stil à la Grèce:

Der neue Nordbahnhof ist vielleicht der gröbste Fehler, den die von der Akademie gelehrten exklusiven Doktrinen verursacht haben.[26]

Noch weiter geht Jacob Burckhardt in einem Brief an seinen Freund, den Architekten Max Alioth in Basel, vom 01.08.1879:  „Die Fassade der Gare du Nord in Paris ist und bleibt ein Scandal; die ionischen Pilaster von verschiedener Größe, die Dachschrägen welche von den Aufsätzen der kleinern zu denjenigen der großem emporsteigen, und die großen Bogenfenster welche hopopop in die dazwischen liegenden Mauerflächen einschneiden, machen zusammen eine der größten architectonischen Infamien unseres Jahrhunderts aus, was doch etwas sagen will“. [27]

Anatole de Baudot (1834-1915), Architekt, Denkmalpfleger, Architekturhistoriker, ein Schüler von Viollet-le-Duc und Labrouste, später ein glühender Verfechter des strukturellen Rationalismus, lobte zwar die Eisenbahnhalle: „…jedes Element dieser Struktur hat seine genau festgelegte Funktion, keines ist unnütz; in einem Wort: das Werk ist rational…“[28]. Er kritisiert aber schonungslos die Fassade, die nicht rational, nicht zweckmäßig sei; alles „scheint hier der Phantasie entsprungen zu sein, alles wird einem bestimmten Architekturtypus untergeordnet und nach einem dekorativen Prinzip ausgeschmückt, das sich für eine Anwendung in einem Bahnhof angeblich besonders eignen soll.“[29]

Radikaler als bei de Baudet erteilt der englische Kunstkritikers  John Ruskin (1819-1900) dem Eklektizismus mit seinen Ornamenten, noch Folge ununterbrochener alter Traditionen, eine Absage, weil er die „necessities“ verhülle, und er lehnt die künstlerischen Verzierungen der Eisenbahnstationen ab: „not to decorate things belonging to active life“ und „not to mix ornament with business“.[30] Hier kündigen sich schon das Diktum von Adolf Loos (1870-1933) „Ornament und Verbrechen“ und die berühmte Formel der modernen Architektur „form follows function” von Louis H. Sullivan (1856-1924) an, der seinen Partner Dankmar Adler zitiert, der diesen Imperativ seinerseits sinngemäß von Henri Labrouste übernommen hatte.

Wie wir sehen, kam die Kritik an Hittorffs Monumentalbau aus ganz unterschiedlichen Seiten: die einen (Viollet-le-Duc und Burckhardt) schmähten ihn, weil sein Werk nicht dem Kanon der traditionellen Architektur entsprach, während andere (de Baudot) seinen Fassadenbau als unangemessen für die Bauaufgabe verwarfen.

Noch deutlicher ist der Architekturhistoriker Sigfried Giedion, der sich zwar nicht ausdrücklich auf den Gare du Nord bezieht, aber an der Sterilität und Unbeweglichkeit der École des beaux-arts und an der eklektischen Architektur vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Kritik übt und ihr „eine ständig wachsende Isolierung der Künste vom Leben“ vorwirft.[31]

Die Architektur, hier ist die der École des beaux-arts gemeint, sei hinter den aktuellen Neuerungen und Entwicklungen sowohl in der Technik als auch in der Kunst zurückgeblieben und habe zu einer Spaltung zwischen Architektur und Technik, zwischen Architekten und Ingenieur, geführt. Sie habe die Verbindung zwischen den Methoden des Denkens [die Naturwissenschaften; die Methode des Ingenieurs] und den Methoden des Fühlens [die Kunst und Architektur] unterbrochen. „Die Naturwissenschaften – das sogenannte Denken – hätten im 19. Jahrhundert einen enormen Fortschritt erzielt und den wahren Zeitgeist erreicht, während Kunst und Architektur – das sogenannte Fühlen – dies nicht vermochten.“[32]

1877 stellte die Akademie eine Preisfrage über ‚L’union ou la seperation des ingenieurs et des architectes‘ (Die Vereinigung oder Trennung von Ingenieuren und Architekten). Davioud, der Architekt des Trocadéro, gewann den Preis mit folgender Antwort: „Die Vereinigung zwischen Architekten und Ingenieur muss untrennbar sein. Die Lösung wird erst dann wirklich, vollständig, fruchtbar sein, wenn Architekt und Ingenieur, Künstler und Wissenschaftler, in einer Person vereint sind … Wir leben seit langem in der einfältigen Überzeugung, dass die Kunst eine Wesenheit sei, die sich von allen anderen Formen der menschlichen Intelligenz unterscheide, durchaus unabhängig habe sie ihre Quellen und ihre einzige Geburtsstätte in der kapriziösen Phantasie der Künstlerpersönlichkeit.“«[33]

Auch wenn dem vielleicht nicht alle zustimmen, lässt sich von Hittorff sagen, dass er beide in sich vereint hat, den Architekten und den Ingenieur. Aber er agierte nicht im luftleeren Raum. Er konnte nicht allein bei seinen Bauaufgaben entscheiden und er war neben seinen eigenen Vorstellungen auch von jenen anderer beeinflusst, ja auch abhängig.

Thomas von Joest ist zuzustimmen, wenn er schreibt, „Hittorff aus seinen Säulen und Kapitellen einen Vorwurf zu machen, ist Böswilligkeit“.[34] Die Auftraggeber von Hittorff wussten ja, dass er „im Jahre 1861 immer noch dem Geist und den Prinzipien der Baukunst seiner Jugendzeit verhaftet“[35] war. Zu ergänzen ist, dass der Bauherr, die Eisenbahngesellschaft, gerade diesen Architekturstil wünschte.

Spätere Urteile berücksichtigen eben diese Zeitumstände: Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat der Gare du Nord keine größeren Veränderungen erfahren und ist ein großartiges Zeugnis des Selbstbewusstseins und des Erfindungsreichtums des Eisenbahnzeitalters.“ [36]  

Hittorfs Gare du Nord zeigt auf brillante Weise, wie eine Sprache, die sich letztlich an der römischen und griechischen Architektur orientierte, einem großen Eisenbahnterminal in einer Großstadt einen seiner Zeit „angemessenen monumentalen Akzent verleihen konnte“.[37]

Der Gare du Nord stellt sich den Anforderungen

Ohne die Grundstrukturen von Fassade und Halle wesentlich zu verändern, war es immer wieder gelungen, den Bahnhof den Erfordernissen der Zeit anzupassen und Hittorffs Erbe zu bewahren. Anstelle der ursprünglich 8 Geleise, konnten 1884 13 Geleise untergebracht werden, durch eine seitliche Erweiterung nach außen wurde 1889 die Zahl der Geleise zunächst auf 18 und durch eine zweite Erweiterung 1900 auf 28 Gleise erhöht.

Gare du Nord/Ostseite: rechts ist -hinter dem Olympiade-Plakat- die Glas-Eisen-Konstruktion der Bahnsteige der Vorortzüge,  der „Grande Banlieue“, zu sehen. Foto: Wolf Jöckel (Januar 2024)

1977 bis 1982 erfolgt der Ausbau des unterirdischen Bahnhofs. Ein Jahrhundertereignis war 1994 nach Fertigstellung des Kanaltunnels zwischen Dover und Calais die Ankunft des ersten „Eurostar“, der Paris in nur 2 Stunden mit London verbindet. Zuvor dauerte die Fahrt, bei günstigen Wetterbedingungen für die Fähre auf dem Ärmelkanal, sieben Stunden.

Nach Renovierung des Bahnhofsinneren dominieren mit täglich mehrfachen Hin- und Rückfahrten  der „Eurostar“ nach London, der „Thalys“ nach Brüssel, mit Verlängerungen nach Köln oder Amsterdam und die TGVs nach Lille den Fernverkehr.

2001 wurden der hässliche Beton-Parkhaus-Bau, der 1973 an die Stelle der alte Glas-Eisen-Konstruktion für die Bahnsteige der „Grand Banlieue“ bzw der „gare Transilien“ errichtet worden war, abgerissen, eine der alten Hallen restauriert, die andere zerstörte Halle wieder aufgebaut und der Eingangsbereich durch einen leichten Glasbau ersetzt.

Die Geschichte des Bahnhofes ist damit noch lange nicht zu Ende. Bis 2030 wird ein Anstieg der Reisenden von derzeit 700000 auf 900000 erwartet. Schon jetzt ist der Bahnhof, der verkehrsreichste Europas,  überlastet.

Die Auseinandersetzung um das Zukunftsprojekt StatioNord (2019-2021) zeigte zum einen, dass Hittorffs Gare du Nord nichts von seiner Bedeutung verloren hat, und zum anderen, wie leidenschaftlich um den Bahnhof der Zukunft gerungen wird.

„Unverschämt“, „absurd“ und „inakzeptabel“ – das waren nur einige der Adjektive, mit denen ein Architektenkollektiv mit Jean Nouvel, Roland Castro und Dominique Perrault die neuen Pläne für den Gare du Nord anprangerten.[38] Stadtplaner und Gewerkschafter schlossen sich dem Protest an. Die Vorwürfe reichten von einer Kommerzialisierung des Bahnhofes zu einem Shoppingcenter, einer Entstellung von Hittorffs Meisterwerk, einer zusätzlichen Belastung des Quartiers durch Einkaufsverkehr bis hin zu einer Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz des benachbarten Einzelhandels. Inzwischen ist das schon genehmigte große Projekt wegen aus dem Ruder laufender Kosten- und Zeitperspektiven abgesagt und bis 2024 wurden und werden noch, vor allem im Blick auf die Olympischen Spiele, nur kleinere Änderungen vorgenommen.[39]  

Epilog

Heute ist die Eisenbahn nicht mehr Gegenstand gesellschaftlicher Verklärung und Hoffnung.  Die Bahnhöfe sind längst nicht mehr Orte feierlicher Empfänge und Verabschiedungen hoch-gestellter Personen; nur der Ausdruck „Gäste mit großem Bahnhof begrüßen“ erinnert noch daran. Nicht selten sind die Bahnhöfe zu Hinterhöfen, Rotlicht- und Rauschgiftbezirken herabgesunken und das Reisen mit der Eisenbahn hat mitunter gegenüber Automobil und Flugzeug „den Rang der Drittklassigkeit“[[40]] bekommen.

Wenn sich alle, die Gesellschaft, die Politik und die Eisenbahngesellschaften, auf unsere Umwelt und unser historisches Erbe besinnen,  dann bleiben uns die Bahnhöfe als „die räumliche Inszenierung der Sehnsucht nach der Ferne wie des Heimwehs“[41], als bedeutende Denkmäler der Architektur- und Ingenieurbaukunst erhalten und werden wieder zu attraktiven urbanen Zentren.

Hoffen wir, dass nicht nur die Reisenden aus Köln, der Geburtsstadt Hittorffs, die mit dem Zug Paris am Gare du Nord erreichen, noch lange sein letztes großes Alterswerk mit seinem grandiosen Eklektizismus bewundern können, bei dem sich prunkvolle Architektur in theatralische Effekte hüllt und sich klassische Baukunst mit Eisenarchitektur vermischt.

Literatur:

  • Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135
  • Andrew Ayers: The Architecture of Paris: An Architectural Guide. Edition Axel Menges, 2004; hier: 10.7  Gare du Nord, Place Napoléon III; Jakob Ignaz Hittorff, Lejeune and léon Ohnet.
  • A.D. Astinus: Die neun größten Bahnhöfe der Architekturgeschichte: Die ganze Welt der Bahnhöfe – Von der Grand Central Station bis zur London Waterloo Station. neobooks, 09.12.2015 – 55 Seiten
  • Karlheinz Stierle: Paris denken – Penser Paris: Deutsch-französische Annäherungen. Suhrkamp Verlag, 2021
  • Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023
  • Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
  • Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister  1792 – 1867. Stuttgart 1968
  • Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der  Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.
  • La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com  
  • Mathias Küster: Stahltragwerke im Industriebau in der historischen Entwicklung; Bachelor Thesis, Hoch-schule Neubrandenburg – Fachbereich Bauingenieurwesen. https://digibib.hs-nb.de/file/dbhsnb_derivate_0000000604/Bachelorarbeit-Kuester-2010.pdf
  • Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023
  • Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002
  • Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de  
  • Oliver Lanz: Das Zeitalter des Eisens; http://www.oliverlanz.com  
  • Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013
  • Train Consultant Clive Lamming. La gare du Nord : monument historique mais grande gare européenne. https://trainconsultant.com  
  • SKRIPTUM BAUGESCHICHTE. Studienjahr 2021/22, Departement Architektur, ETZ Zürich. Prof. Dr.-Ing. Stefan M. Holzer, Professur Bauforschung und Konstruktionsgeschichte.
  • Anne Ridao-Tardif, “La préservation du patrimoine architectural lors des restructurations de la gare du Nord et de la gare Saint-Lazare (1990-2010)”, Revue d’histoire des chemins de fer, 54 | 2020, 131-149.
  • Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel :  Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition,   Harvard University Press
  • Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingénieurs et architectes suisses, Band (Jahr): 112 (1986), Heft 24
  • Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. Ankara, September 2008
  • Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964
  • Michael Kiene, 1792-1867, Hommage für Hittorff Bilder, Bücher und Würdigungen, ed. Christiane Hoffrath and Michael Kiene, 2020 https://www.academia.edu/41396599/1792_1867_HOMMAGE_F%C3%9CR_HITTORFF?email_work_card=view-paper

Anmerkungen:

[1] Heinrich Heine in „Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben,  Zweiter Teil“,  LVII, hier S.337-338, in: Heinrich Heine – Sämtliche Werke, Band IV; Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997

Titelbild des Beitrags:  Gare du Nord, place Napoléon III, façade principale. Musée Carnavalet, Histoire de Paris. Kaum ein Bild erfasst mehr die Dimensionen von Hittorfs Bau als diese Fotografie von Archille Quinet von 1868.

[2] Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023 und Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002  Prof.Dr. Oliver Zimmer ist Sanderson Fellow in Modern History, der University of Oxford.

[3] Oliver Zimmer ebd.

[4] Oliver Zimmer ebd.

[5] Bildquelle : Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com › la-gare-du-nord. Textquelle : La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Clive Lamming ist ein französischer Historiker, der vor allem für seine zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich der Eisenbahn bekannt ist.

[6]Elle s’offrira au regard du public avec caractère de sa destination. On peut d’ailleurs compter, sur un effet imposant, dû à la grandeur de la gare dont les dispositions de la façde feront comprendre l’immense étendue ! “

Zitiert nach Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister  1792 – 1867. Hammer zitiert aus den Arch. Nat., Archives de la Compagnie du chemin de fer du Nord, 48 AQ 13, Procès-Verbaux du Conseil d’Administration, Séance vom 11.5.1860

[7] Wallraf-Richartz-Museum Köln G.N. 278

[8] Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der  Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.

[9] Thomas von Joest, ebd., S.288 f.

[10] Paris, France. 30/09/2021. Gare du nord. Photography Maxime Gruss. Bildquelle: Paris 1900. L’art nouveau ; https://paris1900.lartnouveau.com

[11] © Yves Talensac / Photononstop https://www.lepoint.fr/societe/gare-du-nord-un-projet-indecent-et-inacceptable-03-09-2019-2333317_23.php

[12] Oliver Lanz: Das Zeitalter des Eisens; http://www.oliverlanz.com  2011/09

[13] Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

[14] Sophie Flouquet, un monument réinventé. In: Éditions BeauxArts, Bourse de Commerce/Pinault Collection. 2021, S. 66

[[15]] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135

[16] (Bildquelle: Wallraf-Richartz-Museum, Köln

[17] Abb.28:  aus: Mathias Küster: Stahltragwerke im  Industriebau in der historischen Entwicklung; Bachelor Thesis, Hochschule Neubrandenburg – Fachbereich Bauingenieurwesen. Urn:nbn:de:gbv: 519-thesis 210-0146-1. Abb. von mir modifiziert.

[18] Les quais de la gare de Paris-Nord, SARDO Centre national des archives historiques SNCF)

[19] [[19]] Monika Wagner – Materialien des ‚Immateriellen‘. Debatten um Baustoffe der Moderne. Hornemann Institut, E-Publication, Tagungsbeitrag

[20] Karlheinz Stierle: Paris denken – Penser Paris: Deutsch-französische Annäherungen. Suhrkamp Verlag, 2021

[21] Zur Bibliothèque Nationale wird es demnächst einen Blog-Beitrag geben.

[22] Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de › themen › Zwischen-Ingenieurskonstruktion… ; Schulz bezieht sich auf die Ausstellung im Musée d’Orsay: „Victor Baltard (1805-1874). Le fer et le pinceau (Eisen und Pinsel)“, October 16th, 2012 to January 13th, 2013)

[23 Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022

[24] Salvatore Pisani, ebd., S. 230-231

[25] http://palaisdecompiegne.fr/un-palais-trois-musees/le-musee-national-de-la-voiture

Château de Compiègne – Le musée national de la voiture

[26] „La nouvelle gare du Nord est peut-être l’erreur la plus grossière qu’aient fait commettre les doctrines exclusives professées par l’Académie.“  Zitiert nach: Gare du Nord1861-1866, Paris – Jacques-Ignace Hittorff; Cité de l’architecture & du patrimoine. https://www.citedelarchitecture.fr › documents

[27] Zitiert nach: Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023

[28] zitiert nach Thomas von Joest, ebd., S.290

[29] zitiert nach Thomas von Joest, ebd., S.290

[30] zitiert nach Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964

[31] Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel :  Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition,   Harvard University Press

[32] Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. September 2008

[33] zitiert nach: Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel :  Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition,   Harvard University Press; siehe auch: Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingenieurs et architectes suisses n“ 24 20 novembre 1986

[34]  zitiert nach Thomas von Joest, ebd., S.291

[35] zitiert nach Thomas von Joest, ebd., S.291

[36] Andrew Ayers: The Architecture of Paris: An Architectural Guide; Edition Axel Menges, 2004, hier S. 182

[37] Encyclopædia Britannica: Classicism, 1830–1930

[38] Bild aus: https://www.archpaper.com/2019/09/gare-du-nord-expansion-questions-modern-train-station/ Kritik siehe:  https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/09/03/le-projet-de-transformation-de-la-gare-du-nord-est-inacceptable_5505639_3232.html

[39] https://www.lemoniteur.fr/article/la-gare-du-nord-met-le-cap-sur-2024.2194032

[40] Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013

[41] Renaissance der Bahnhöfe, ebd.

Weitere Beiträge zu Hittorff in Paris:

Wimmelbild und Suchspiel: Das offizielle Olympiaplakat Paris 2024.  Was zu sehen ist und was nicht….

Anfang März 2024 präsentierte das Organisationskomitee das offizielle Plakat für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Paris.

Im März wurden die beiden Hälften des Plakats -jeweils kurz und alternierend mit anderer Werbung- auf Plakatwänden der Stadt präsentiert.

Die linke Seite bezieht sich auf die Olympischen Spiele (26. Juli bis 11. August),  die rechte -hier gerade auf der Plakatwand zu sehen- auf die Paralympischen Spiele (28. August bis 8. September). Es handelt sich um eine „poetisch-futuristische Darstellung“ (Libération) mit etwa 40 000 Figuren und 47 Wettbewerben, also, ganz anders als die bisherigen offiziellen Olympiaplakate, um ein echtes Wimmelbild.[1]  

Unschwer zu erkennen ist das olympische Logo, und zwar gleich zweimal: auf der linken, olympischen, wie auf der rechten, paralympischen Seite.

Ganz deutlich in der Mitte des Plakats ist auch das olympische Maskottchen zu erkennen.

Es heißt Phryge, in Anlehnung an die phrygischen Mützen aus der Zeit der Französischen Revolution, denen das Maskottchen nachempfunden ist. Die phrygische Mütze gehört zu den Symbolen der Französischen Republik, auch Marianne trägt eine. So sollen Name und Design des blau-weiß-roten Maskottchens mit seinen Sportschuhen das sportbegeisterte Frankreich und seine Spiele repräsentieren.[2]

Das rote Maskottchen ist passender Weise über dem Obelisken auf der place de la Concorde positioniert, wo der letzte französische König Ludwig XVI. und seine Frau Marie-Antoinette guillotiniert wurden… Soll das an die Köpfe enthaupteter tatsächlicher oder angeblicher Feinde der Republik erinnern, die während der Französischen Revolution auf Piken aufgespießt  und triumphierend durch die Straßen getragen wurden? Wohl kaum! Das würde doch nicht zu dem unbeschwerten olympischen Jahrmarktstreiben des Plakats passen. Honni soit, qui mal y pense… Auf der place de la Concorde ist eine große Zuschauertribüne aufgebaut: Auf dem Platz werden ja mehrere neue olympische Straßensportarten ausgetragen: Breakdance, BMX, Skateboard, 3×3-Basketball 

Die olympische Flamme selbst fehlt noch auf dem Plakat. Denn wo die nach dem Fackellauf durch Frankreich letztendlich aufgestellt werden soll, ist noch nicht bekannt. Thomas Bach, der Präsident des IOC, hat in einem Interview mit Le Monde (19.3.2024) versichert, es werde sich um einen würdigen und bedeutsamen Platz handeln, aber den wolle/könne er noch nicht verraten.  Also ist auf dem Plakat nur eine noch nicht erleuchtete Fackel zu sehen. Sie ist im Hafen von Marseille postiert, wo sie am 8. Mai ankommen und dann einen Parcours durch ganz Frankreich bis nach Paris absolvieren wird.

Über den Hafen und die Fackel fliegt die Patrouille Frankreichs – hier allerdings nur mit 8 statt der obligatorischen 9 Flugzeuge. Es gehört zur Tradtion des französischen Nationalfeiertags, dass am 14. Juli diese Formation die Champs-Élysées überfliegt, die französischen Nationalfarben hinter sich hierziehend. Die gibt es allerdings hier nicht. (Dazu später mehr).

Neben dem Obelisken sind auch andere prominente Bauwerke und Wahrzeichen von Paris zu sehen: Natürlich der Eiffelturm, inmitten des Karussell-ähnlichen Stade de France, des Olympiastadions….

…. darüber der Trocadero-Platz, auf dem die Eröffnungszeremonie der Spiele enden wird.

Mitten auf dem Platz eine hochgereckte Hand mit den olympischen Medaillen.

Rechts oben der Arc de Triomphe, auf dem gerade im Rahmen der paralympischen Spiele ein Tennisspiel von Rollstuhlfahrern stattfindet und durch den gerade ein Metro-Zug fährt…

… rechts unten das in den letzten Jahren für die Olympischen Spiele aufwändig restaurierte Grand Palais

Links unten der (ebenfalls frei gestaltete) pont Alexandre III., an dem -coûte que coûte-  die Freiwasser-Schwimmwettbewerbe starten sollen und das Triathlon-Schwimmen. Einen Plan B bei zu großer Wasserverschmutzung gibt es jedenfalls nicht ..[3] Auch Ruderboote sind hier zu sehen– obwohl die Ruderwettbewerbe natürlich nicht auf der Seine ausgetragen werden, sondern im Stade nautique von Vaires-sur-Marne. Der pont Alexandre ist übrigens voll mit Menschen, konkret Läufern. Das ist ein Hinweis auf den für den 10. August geplanten Volksmarathon, der genau auf dem Kurs des olympischen Marathons stattfinden wird.[4]

…. links oben der Invalidendom (zu dem später mehr): Also eine kleine Auswahl illustrer Pariser Sehenswürdigkeiten.

Aber es gibt auch kleine, wenn auch kaum weniger bedeutende Sehenswürdigkeiten auf dem Plakat. So links unterhalb des Grand Palais einen der vielen grünen Wallace-Brunnen, die in Paris seit den 1870-er Jahren kostenloses Trinkwasser spenden. Auf dem Plakat ist er allerdings überdimensioniert, damit man ihn auf dem Wimmelbild überhaupt wahrnehmen kann.

Dazu sind  47 olympische und paralympische Sportarten berücksichtigt worden. Hier eine kleine Auswahl:

Das Klettern

Die Reitwettbewerbe. Die  finden im Schlosspark von Versailles statt, der hier durch die charakteristische Parterre-Gestaltung entsprechend angedeutet ist.

Fußball und zwei Fechter im Rollstuhl auf dem Dach des Grand Palais. Die Fechtwettbewerbe der Olympiade werden zwar nicht auf, aber unter der Kuppel dort ausgetragen.

Boxer und Volleyball unter bzw. neben dem Eiffelturm. Der Ring der Boxer hängt übrigens an  Seilen in der Luft, vermutlich ein Hinweis auf die Seile, die den Boxring umgeben.[5]

Auf dem Dach der Metro, die gerade unter dem Arc de Triomphe durchfährt, findet ein Judo-Wettkampf statt. Der Ort passt sehr gut, weil diese Disziplin für Frankreich sehr medaillenträchtig ist…

Die Surfwettbewerbe finden in Tahiti statt, wo es eine „der schönsten und besten Wellen der Welt“ gibt, die hier eindrucksvoll anrollt.[6]

Entworfen hat das Plakat Ugo Gattoni, der seinen Namen, begleitet von einem Maskottchen, auf einer Aussichtsplattform über dem bunten olympischen Jahrmarktstreiben platziert hat. Getragen wird die Plattform übrigens von einer an ihrer phrygischen Mütze erkennbaren Marianne, dem Symbol Frankreichs.[7]

Bekannt geworden ist Gattoni durch seine quadratischen, seidenen und sehr teuren Hermès-Tücher (les carrés d’Hermès) wie zum Beispiel das Tuch Hippopolis, auf dem auch das Hermès-Logo abgebildet ist.

Gattoni hat seine Arbeiten so beschrieben: „ziemlich realistische Darstellungen in einem surrealistischen Universum“. Das gilt für die Hermès-Tücher und auch für das Olympiaplakat. Und immer sind die Darstellungen so vielfältig, dass der Betrachter zum Promenieren und Erkunden eingeladen wird. [8] Das Olympia-Plakat mit seinen Pariser Sehenswürdigkeiten und 47 Sportarten bietet sich geradezu für ein Suchspiel an. Darauf wurde anlässlich seiner Präsentation denn auch öfters hingewiesen. Das Stichwort dazu: Où est Charly? (deutsche Version: Wo ist Walter?)[9] Das ist eine Serie von Heften mit Wimmelbildern, auf denen jeweils ein Weltenbummler namens Charlie/Walter gefunden werden muss. Auf dem Olympia-Plakat wird man den allerdings nicht finden. Aber auf die Suche nach den über das Plakat verteilten acht Maskottchen kann man durchaus gehen.  Und für das Suchspiel Ich seh‘ etwas, was du nicht siehst eignet sich das Plakat ebenfalls- jedenfalls in seiner Version als Poster – die beiden Teile zu je 29 Euro…. Eine farblose Version zum Ausmalen ist auch im Angebot, und ein -vielfach angeregtes- Puzzle wird es sicherlich bald geben.

Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Plakat im Musée d’Orsay. Die Botschaft: Es handelt sich um ein Kunstwerk, das entsprechend eingeordnet werden soll: Der hochrenommierte Sender France-Culture hat denn auch Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel den Älteren als ästhetische Ahnherren des Plakats ausgemacht….[10]

Pieter Bruegel hat ja ein wunderbares Wimmelbild zum Thema Kinderspiele gemalt. Und das hat vielleicht die Zeitschrift Marianne zu folgender satirischer „Richtigstellung“ veranlasst. Danach handelt es sich bei dem verbreiteten Plakat um eine mit künstlicher Intelligenz erstellte Fälschung, die „ein Neffe von Anne Hidalgo beim Spielen mit seinem PC erstellt hatte (…) Um die Software zu starten, gab der Teenager folgende Begriffe ein: „Paris“ / „Olympische Spiele“ / „viel Rosa“ / „Walt Disney“ / „Vergnügungspark“ / „voll inklusiv“ / „wo ist Charlie“ / und schließlich „meiner Tante gefallen“ sowie „dem chinesischen Publikum gefallen“. 42 Sekunden später erhielt der Junge diese schillernde, aber dennoch sehr unterhaltsame virtuelle Kreation, die er über eine Whatsapp-Schleife mit seinen Schulkameraden teilte. Das gefälschte Poster hätte diese private Schleife nie verlassen dürfen, aber durch ein schreckliches Missverständnis konnte es sich unkontrolliert verbreiten.“ [11]

Das Olympiaplakat: Ein Skandal!?

Allerdings gab es auch ganz heftige Reaktionen: „Scandaleux“ urteilte Éric Ciotti, der Vorsitzende der konservativen Republikaner (Les Républicains). Nach Auffassung des Spitzenkandidaten der Partei für die Europawahlen François-Xavier Bellamy werden durch das Plakat Frankreich und seine Geschichte ausgelöscht, seine Wurzeln zerstört. Ins selbe Horn bliesen auch die Vertreter der rechtsradikalen Parteien: Es sei unverzeihlich, „unsere Identität“ unsichtbar zu machen, so einer Vertreter des rechten/rechtsextremen Rassemblement National (RN), und die Spitzenkandidatin der ultrarechten Gruppe Reconquête, Marion Maréchal, ging sogar so weit, den Sinn der Olympischen Spiele in Frankreich anzuzweifeln, wenn sie nur dazu da seien, zu verbergen „was wir sind“.[12]

Was ist es, dass Politiker von rechts und ganz rechts so in Aufruhr versetzt hat? Es ist vor allem ein kleines fehlendes Kreuz auf der Spitze des Invalidendoms:

Manque de drapeau français et de la croix des Invalides... À peine dévoilée  l'affiche des Jeux crée la polémique

Le Figaro 5.3.2025

Dazu Éric Ciotti: Die Kuppel des Invalidendoms sei doch nicht die eines Supermarkts, sondern  einer Kapelle. Indem das Kreuz von seiner Spitze entfernt werde, leugne das offizielle Plakat der Olympischen Spiele die Identität dieses Bauwerks sowie die französische Geschichte. Das sei „scandaleux!“[13]

François-Xavier Bellamy: Sie -also wohl Ugo Gattoni und die Verantwortlichen des Organisationskomittes- seien bereit, die Realität zu verbiegen und damit Frankreich und seine Geschichte zu verleugnen.  Wie könne man vorgeben, ein Land zu lieben, wenn man seine Wurzeln zerstöre?[14]  

Und Gipfel der nationalen Verleugnung und des Skandals: Auf dem ganzen Plakat fehle ausgerechnet die Tricolore, die Nationalfahne.

Da sehnen sich manche wohl  zurück nach 1924 und dem damaligen Plakat, als Frankreich im Vollgefühl des Sieges im Ersten Weltkrieg stolz seine Fahne und die in Reih und Glied aufmarschierenden  olympischen Helden  präsentierte.

Im Gegensatz allerdings zu dem, was in manchen Presseartikeln und in den sozialen Medien  verbreitet wurde, hat das IOC keinerlei Vorgaben für das offizielle Olympiaplakat gemacht. Pflicht ist lediglich, dass das offizielle Logo, die Jahreszahl und Ort und Nummer der Olympiade angeben sein müssen. Ansonsten haben das jeweilige Organisationskomitee freie Hand. Und Ugo Gattoni betonte ja ausdrücklich, er habe etwas Episches, Grandioses und Festliches schaffen und nicht die Realität 1 zu 1 wiedergeben wollen.[15] Und da war Gattoni ja auch sonst im Umgang mit den sogenannten heiligsten Gütern der Nation großzügig: Da fährt ja eine Metro nicht nur durch den Arc de Triomphe, sondern damit auch über die Flamme des unbekannten Soldaten, eine Weihestätte der Republik- wobei da merkwürdigerweise der Aufschrei ausblieb…

Und was die Fahne angeht: Es gibt zwar keine offizielle Regel, aber eine Tradition, keine Landesfahne auf dem offiziellen Olympiaplakat abzubilden. Selbst Hitlerdeutschland hatte 1936 darauf verzichtet, das Hakenkreuz auf dem Plakat der Spiele von 1936 in Berlin zu platzieren. Und das Organisationskomitee für die Pariser Spiele konnte immerhin darauf hinweisen, dass der Dreiklang bleu-blanc-rouge der Tricolore durchaus im Plakat vertreten sei- beispielsweise auf der Cocarde der Maskottchen oder auf den Flugzeugen der Patrouille de France.

Und macht man sich auf die Suche, wird man auch an anderen Stellen die Farben der Tricolore finden…

Außerdem sei als nationales Symbol Marianne auf dem Plakat abgebildet.

Auf der von Marianne getragenen Aussichtsplattform sieht man übrigens ein internatonales Publikum, das wohlwollend und begeistert von oben auf das bunte olympische Treiben herabblickt. Die Dame hält in ihrer Hand einen Ball, vermutlich die Weltkugel symbolisierend, auf dem ein Vogel sitzt; vielleicht eine  Friedenstaube: Die Olmpischen Spiele als Veranstaltung des Friedens für die ganze Welt – schön wärs….

Die Kehrseite der Medaille

Dass da alles friedlich-freundlich zugeht und das Fest durch keine Dissonanzen getrübt wird, ist bei einem olympischen Plakat nicht anders zu erwarten und sollte auch kein Kritikpunkt sein.

Dass es aber durchaus eine Fülle von möglichen Problemen rund um die Olympischen Spiele gibt, wird immer deutlicher, je näher sie kommen: Das betrifft vor allem, angesichts eines schon in Normalzeiten völlig überlasteten und teilweise maroden öffentlichen Nahverkehrs, die Bewältigung eines Massenansturms von Olympia-Gästen, und es betrifft die Frage, wie man die Sicherheit der Spiele garantieren kann: ein Problem, das gerade nach dem blutigen IS-Anschlag bei Moskau noch einmal mehr ins öffentliche Bewusstein geraten ist.

Und dann gibt es auch noch den Wunsch der Verantwortlichen, das frohe Fest nicht durch unangenehme Bilder von aufdringlichen Bettlern, heruntergekommenen Obdachlosen, Drogenabhängigen  oder an den Seineufern oder in Parkanlagen kampierenden Flüchtlingen zu stören. Diesen Wunsch -und daraus folgende entsprechende Maßnahmen- gab es auch schon bei anderen Olympischen Spielen- Paris macht da keine Ausnahme. Und die Tendenz, das strahende Bild der ville lumière nicht von am Rand der Gesellschaft -aber nicht immer am Rand der Stadt-  Lebenden verdunkeln zu lassen,  gibt es ja schon seit den Zeiten des Barons Haussmann.

Die Zeitung Libération hat am 22. März den Unerwünschten  (Les Indésirables) der Olympischen Spiele einen mehrseitigen Aufmacher gewidmet. Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne legalen Aufenthaltsstatus (sans-papiers), Prostituierte (travailleurs du sexe– sic!) seien  schon teilweise aus Paris entfernt worden, andere unter verstärkter polizeilicher Überwachung. Es gäbe zahlreiche Opfer der von manchen Organisationen so bezeichneten «sozialen Säuberung» (nettoyage sociale).

„Paris verbirgt sein Elend“ (Libération 22.März 2024)

In ihrem Leitartikel schreibt Libération dazu: „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass vier Monate vor der Eröffnungszeremonie angestrebt wird, alle diejenigen aus Paris und der Region Île-de-France zu entfernen, für die die Straße die letzte Zuflucht ist. Und das sind in diesen Zeiten der Kriege und der wirtschaftlichen Probleme viele. Das führt zu verzweifelten Situationen wie bei der kürzlichen Auflösung des Lagers von Minderjährigen am Ufer der Seine.“[16]   Verzweifelte Situationen auch deshalb, weil es bei vergleichbaren Räumungsaktionen 2023 für die Betroffenen keine längerfristigen alternativen Angebote gab.[17]

Die katholische Hilfsorganisation Secours Catholique de Paris beklagt deshalb, dass der Anspruch der Olympia-Organisatoren, solidarischere, ökologischere und inklusivere Spiele als bisher abzuhalten, nicht eingehalten werde. Die Olympiade werde jedenfalls nicht wie versprochen ein Fest für alle sein.

Es gäbe nämlich noch die vielen „Vergessenen des Festes“, über deren Situation die Organisation eine Informationsbroschüre veröffentlicht hat.[18]

Auch die FAZ hat sich in ihrer Ausgabe vom 27. März des Themas angenommen. Die Paris-Korrespondentin Michaela Wiegel schreibt unter der Überschrift „Die Migranten, die Paris vor Olympia verlassen müssen“:

„Die Regierung hat die Vorstellung zurückgewiesen, dass die Räumungs- und Verlegungsoffensive in Paris im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen steht. Vielmehr würden die Migranten im Namen der nationalen Solidarität in andere Regionen geschleust. (…) Die Hauptstadtregion betreue bereits durchschnittlich 120.000 Menschen in Notunterkünften. Dabei reichen die öffentlichen Aufnahmezentren bei Weitem nicht aus, deshalb werden Hotels zur Unterbringung herangezogen. Doch viele Hotels haben rechtzeitig vor den Olympischen Spielen Eigenbedarf angemeldet. Sie wollen ihre Zimmer lieber lukrativer an Olympia-Besucher vermieten.

Hilfsorganisationen beklagen das Vorgehen der Behörden. Sportlern und Besuchern aus aller Welt solle im Olympia-Sommer ein makelloses Stadtbild vorgeführt werden. ‚Olympia ist ein wunderschöner Lack, der die Armut verbirgt‘, sagte Paul Alauzy für das Aktionsbündnis Die Kehrseite der Medaille.“ (Le Revers de la médaille).

Dies ist ein Zusammenschluss von etwa 80 Hilfsorganisationen, die im Vorfeld der Olympischen Spiele auf die „Vergessenen des Fests“ aufmerksam machen und eine nettoyage sociale verhindern wollen.[19] Zum Beispiel durch Aktionen wie Anfang Februar.

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Da wurden u.a. die Worte Olympische Spiele : „Man ist nicht fertig“ auf den Arc de Triomphe projiziert.[20]

Die Plakate, die dabei hochgehalten wurden, interpretieren auf sarkastische Weise den olympischen Slogan Citius, altius, fortius, communiter. Plus vite, plus haut, plus fort, ensemble. Schneller, höher, stärker, gemeinsam.

Schneller um die notleidende Bevölkerung aus der Île-de-France zu entfernen.  Foto: Frauke Jöckel. Seineufer. März 2024

„Um alle Nationen hier zu empfangen, mussten alle ausgeschlossen werden, die schon da waren.“

Auch an berühmten Pariser Sehenswürdigkeiten wurden von dem Kollektiv Plakate aufgehangen. „Olympische Spiele 2024: Offene Grenzen für die Reichen, soziale Säuberung für die Armen“, steht darauf.[21]

„Höher bei der Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen ohne offiziellen Aufenthalts-Status“. Foto: Frauke Jöckel

Auf dem olympische Plakat Gattonis gibt es ebenfalls den olympischen Slogan citius, altius,fortius, communiter, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen: auf dem Sprungbrett, auf dem ein junger Mann mit einer Taube auf einem ausgestreckten Arm dabei ist, sich in das olympische Gewimmel zu stürzen. (Rechts oben übrigens der grüne Wallace-Brunnen)

Es ist zu hoffen, dass die Pariser Olympiade die fröhlichen, bunten und friedlichen Spiele bieten kann, die das Plakat verheißt. Und vielleicht kann der öffentliche Druck doch dazu beitragen, dass die Situation der oubliés de la fête stärker ins Bewusstsein der Verantwortlichen rückt und schließlich zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen beiträgt. Immerhin lässt es sich Frankreich einiges kosten, damit während der olympischen Spiele sozial eitel Sonnenschein herrscht: Die öffentlich Bediensteten erhalten zum Beispiel besondere Olympia-Prämien: Nicht auszudenken, wenn etwa die Bediensteten der Nahverkehrsgesellschaft RATP während der Spiele die Arbeit niederlegten. Aber auch ein eklatanter Widerspruch zwischen dem Anspruch solidarischer, ökologischer und inklusiver Spiele und einer „sozialen Säuberung“ würde einen dunklen Schatten auf die Spiele werfen.


Anmerkungen

[1] https://www.liberation.fr/sports/jeux-olympiques/jo-2024-paris-saffiche-en-mode-poetico-futuriste-20240304_GX6HSQTPEJCUDMK2C5Y4S4JF4I/  und https://www.radiofrance.fr/franceculture/l-origine-de-l-esthetique-de-l-affiche-des-jo-de-paris-2024-4077326 : Hier wird sogar das deutsche Wort „Wimmelbild“ verwendet, um den Charakter des Olympia-Plakats zu beschreiben.

Gesamtansicht des Plakats: https://medias.paris2024.org/uploads/2024/02/Paris2024-Contenus-Affiche_Officielle-2.jpg Die nachfolgenden Detailbilder des Plakats sind teilweise Ausschnitte aus dieser Internet-Seite oder es sind Aufnahmen, die ich mit einiger Mühe an den den Plakatwänden gemacht habe. Deshalb zum Beispiel auch die Spiegelung umliegender Gebäude bei dem Foto mit der olympischen Fackel.

[2] Bild aus: https://shop2.olympics.com/de/paris-2024/paris-2024-olympics-plush-mascot-24cm/t-3477660852+p-5670692888164+z-9-1924114719

[3] https://www.leparisien.fr/jo-paris-2024/natation/le-plan-b-cest-de-nager-dans-la-seine-pourquoi-les-organisateurs-restent-confiants-pour-les-jo-de-paris-06-08-2023-7DD4567RZZAM5GOREK4EA7RWJU.php und

https://www.eurosport.fr/jeux-olympiques/paris-2024/2024/paris-2024-pas-de-plan-b-pour-les-epreuves-des-jeux-olympiques-dans-la-seine_sto10060374/story.shtml

[4] https://www.lefigaro.fr/fig-data/jo-paris-2024-quinze-curiosites-et-details-insolites-a-decouvrir-sur-l-affiche-officielle-20240304/

[5] https://www.lefigaro.fr/fig-data/jo-paris-2024-quinze-curiosites-et-details-insolites-a-decouvrir-sur-l-affiche-officielle-20240304/

[6] https://olympics.com/de/paris-2024/veranstaltungsorte/teahupo-o-tahiti

[7] https://www.lefigaro.fr/fig-data/jo-paris-2024-quinze-curiosites-et-details-insolites-a-decouvrir-sur-l-affiche-officielle-20240304/

[8] „Des dessins assez réalistes, d’un univers surréaliste”. Zitiert in: Ugo Gattoni, scenariste onirique. In: Website von The Socialite Family

 und  https://www.juliahountou.com/blog/2020/5/22/ugo-gattoni  Dieser Seite ist auch das Bild entnommen.

[9] Zum Beispiel: https://www.huffingtonpost.fr/jo-paris-2024/article/jo-de-paris-2024-les-affiches-officielles-sont-dignes-d-un-ou-est-charlie-avec-des-mascottes-cachees_230483.html

https://www.leparisien.fr/jo-paris-2024/jo-paris-2024-des-mascottes-a-trouver-facon-ou-est-charlie-decouvrez-laffiche-officielle-des-jeux-04-03-2024-3RKBNF2ROVHI7COGBN3TKTMN7A.php

[10] L’origine de l’esthétique de l’affiche des JO de Paris 2024 (radiofrance.fr)

[11] https://www.marianne.net/societe/vous-trouvez-l-affiche-officielle-des-jo-de-paris-cata-nous-aussi-retour-sur-une-terrible-erreur

[12] https://www.huffingtonpost.fr/politique/article/affiche-des-jo-2024-la-droite-et-l-extreme-droite-s-insurgent-contre-la-disparition-d-une-croix_230771.html

[13] https://twitter.com/ECiotti/status/1764971665451073645?

[14] https://twitter.com/fxbellamy/status/1764961702242595162

[15] Zu der Polemik und der Gegenkritik siehe: https://www.liberation.fr/checknews/pourquoi-la-croix-des-invalides-et-le-drapeau-francais-ne-figurent-pas-sur-laffiche-des-jo-de-paris-20240306_IJWOVJZAUNDTFFJIWKOSJTHKAM/  und

https://www.lepoint.fr/sport/polemique-sur-l-affiche-des-jo-l-artiste-explique-pourquoi-il-a-supprime-la-croix-des-invalides-06-03-2024-2554348_26.php#11

[16] Éditorial von Alexandra Schwartzbrod, Inclusifs, vraiment?

[17] https://www.lemonde.fr/sport/article/2024/03/13/paris-2024-a-l-approche-des-jeux-les-associations-de-lutte-contre-la-pauvrete-craignent-un-nettoyage-social_6221713_3242.html

Bild aus: fr.news.yahoo.com

[18] https://drive.google.com/…/1d_CmqzQGe0…/view

Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=812525414247672&set=a.638007431699472

[19] https://lereversdelamedaille.fr/

[20] Bilder der Aktion aus: https://www.20minutes.fr/paris/4074624-20240205-jo-paris-2024-collectif-enflamme-arc-triomphe-denoncer-sort-abris

[21] FAZ 27.3.2024 a.a.O.

Zu den Olympischen Spielen in Paris siehe auch den Blog-Beitrag:

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Selbst flüchtige Paris-Besucher kennen es: Das imposante Reiterstandbild des französischen Königs Heinrich IV. Auf einem hohen Sockel und mitten auf dem Pont Neuf postiert, ist es kaum zu übersehen.  Man kommt daran vorbei, wenn man auf der Brücke die Seine überquert oder wenn man eine Seinerundfahrt  auf einer der Vedettes du Pont Neuf unternimmt. Denn vom Denkmal aus führen Treppen hinunter zur Anlegestelle und außerdem zur Westspitze der Île de la Cité, die gerade bei Sonnenuntergang viele Menschen anzieht. Dort liegt auch ein ebenso beliebter kleiner ruhiger Platz, ein idealer Ort für romantische Sonnenuntergänge. Robert Doisneau hat ihm ein wunderbares Foto gewidmet. Der Platz trägt den Spitznamen des Königs trägt: Square du Vert-Galant. Zur Bewandtnis dieses Spitznamens später mehr.

Foto: Wolf Jöckel

Das Reiterstandbild auf dem Pont Neuf ist das erste eines französischen Königs: und zwar eines ganz außerordentlichen Herrschers und einer ebenso außerordentlichen Persönlichkeit, und es ist ein Reiterstandbild mit einer ganz außergewöhnlichen, spannenden Geschichte,

Wie kein Herrscher vor ihm hat Henri Quatre, wie Heinrich IV. in Frankreich genannt wird, Paris mit seinen Bauten und Planungen hauptstädtischen Glanz verleihen und die Stadt aus ihrer mittelalterlichen Enge herauszuführen versucht. Das wohl markanteste dem König zu verdankende Bauwerk ist der Pont Neuf, auf dem die Reiterstatue postiert ist.

Henri Quatre, der erste König des Bourbonen-Geschlechts (1589 bis 1610), ist  bis heute in Frankreich  populär. Demoskopen haben herausgefunden, dass er nach Napoleon und Ludwig XIV. den dritten Platz auf der Herrscher-Bekanntheitsskala der Franzosen einnimmt. Und gerade den Vergleich mit Napoleon und Ludwig XIV.  braucht Henri Quatre nicht zu scheuen: Während Napoleon, nachdem er Europa mit Krieg überzogen hatte, schmählich auf St. Helena endete, und Ludwig XIV. ein von Kriegen zerrüttetes Frankreich hinterließ, wurde Henri Quatre- zynisch gesprochen- gerade noch so rechtzeitig ermordet, dass auf seinen Glanz kein Schatten fallen konnte. Ein Jahr später hätte er vielleicht als alternder Lüstling dagestanden, der einen europäischen Krieg vom Zaune bricht, um eine vor ihm in Brüssel in Sicherheit gebrachte verheiratete junge Frau, auf die er sein Auge geworfen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes zu erobern.[1]

So aber ist und bleibt er der König des Friedens, „le roi de la paix“, der König des Edikts von Nantes, der König der Toleranz also und der Freiheit des religiösen Bekenntnisses- und damit auch der Ahnherr der für Frankreich typischen Trennung von Staat und Kirche.  Er ist und bleibt der König, der Frankreich nach dem grauenhaften Gemetzel der Religionskriege einte und ihm ein wirtschaftlich und finanziell tragfähiges Fundament verlieh, worauf seine Nachfolger –und vor allem dann sein Enkel Ludwig XIV.- aufbauen konnten.  Und nicht zuletzt ist und bleibt er der gute König, der jedem Franzosen sein sonntägliches Huhn im Topf versprach.

Die Popularität Henri Quatres ist aber auch ein Ergebnis der Geschichtspolitik. Seine schon von ihm selbst  systematisch betriebene Selbstinszenierung und die sofort nach seinem Tod einsetzende Überhöhung als Henri le Grand dienten dazu, die Regentschaft von Maria de Medici, seiner Frau, und die Herrschaft seiner Nachfolger zu festigen.

Auch die vom Wiener Kongress wieder eingesetzten Bourbonen beriefen sich gerne auf Henri Quatre und arbeiteten kräftig an seinem Mythos. Sie waren es ja auch, die die von den Revolutionären – wenn auch nicht ohne schlechtes Gewissen- eingeschmolzene Reiterstatue des Königs auf dem Pont Neuf wieder erneuerten, und zwar, wie der damals noch monarchistische Victor Hugo bemerkte,  unter tatkräftiger Mithilfe der Pariser.

Es lohnt sich also, die Reiterstatue und ihre Geschichte etwas näher zu betrachten

Ein Standbild für „Henri le Grand“

1604/1605 bestellte Maria von Medici, die Frau Heinrichs IV.,   bei dem Florentiner Bildhauer Giambologna (Jean de Bologne) ein Reiterstandbild für ihren Mann. Vorbild war die von Jean de Bologne geschaffene Reiterstatue ihres Großvaters Cosimo I., bei deren Einweihung auf der Piazza della Signoria 1594 sie anwesend war. [2]

Giambologna: Reiterstandbild Cosimo I. (1581–1594); Florenz, Piazza della Signoria
© Lee Sandstead

Diesem Auftrag kam nach der Ermordung Heinrichs IV. eine ganz besondere Bedeutung zu:  Der neue König, Louis XIII, war erst neun Jahre alt; Frankreich, von Kriegen und Hungersnöten erschöpft und zwischen Protestanten und Katholiken gespalten, rang um Konsolidierung. Maria von Medici,  die mit breiter Ablehnung konfrontierte Regentin, war bestrebt, die bourbonische Dynastie zu festigen. Die allgemeine Verehrung für den letzten König  war dafür ein probates Mittel.

Allerdings konnte die Statue erst am 23. August 1614, also 4 Jahre nach der Ermordung Heinrichs IV., eingeweiht werden. Grund für die Verzögerung war der Tod Jean de Bolognes im Jahr 1608, so dass die Statue erst von seinem Schüler Pietro Tacca fertiggestellt werden konnte. Im Hafen von Livorno wurde sie auf ein Schiff verladen, um nach Frankreich transportiert zu werden. Allerdings kenterte das Schiff an der Küste von Sardinien und nur mit Mühe konnte die Statue gerettet werden und auf einem anderen Schiff die Fahrt nach Le Havre  und danach die Seine aufwärts nach Paris fortsetzen.

Währenddessen war genug Zeit, einen geeigneten Platz für die Statue zu finden. Schließlich wählte man als  Standort den Pont Neuf: Er gehörte zu den Bauwerken, die Heinrich IV. betrieben hatte und die teilweise in direkter Nachbarschaft lagen wie die place und die rue Dauphine und die große Louvre-Galerie.  Vor allem aber gehörte der Pont Neuf  schon damals zu den beliebtesten und belebtesten Orten der Stadt: Ein Paradies für Flaneure, Straßenhändler und Straßenmädchen, Marktschreier, Gaukler und  Scharlatane,  für das Volk jedweden Alters,  Geschlechts oder sozialen Rangs. Am Fuß der Statue war gewöhnlich der angestammte Platz der Verkäuferinnen von Obst und Gemüse, die man gerne dames d’Henri IV   nannte.  Der hätte sicherlich seine Freude an diesem Ort für seine Statue gehabt. Er war hier mitten unter „seinem Volk“.

Auf diesem Ausschnitt aus dem Paris- Plan von Mathias Merian aus dem Jahr 1615  ist der Pont Neuf sehr gut zu erkennen.  In seiner Mitte zwischen den beiden Brückenteilen- auf der Südspitze der Île de la Cité und vor der Öffnung zum Dreieck der  Place Dauphine-  die Statue Heinrichs IV. Links entlang der Seine die Große Galerie, die das Louvre  und das Tuilerien-Schloss miteinander verband. Auf der unteren rechten Seite des Plans die Abtei Saint-Germain-des-Prés.

Der  König auf seinem Pferd hielt in der rechten Hand einen Kommandostab und trug eine leichte Rüstung à la française.  Das ist ein Unterschied zu späteren Reiterstatuen französischer Könige, die im Allgemeinen im römisch-imperialen Stil gekleidet sind, womit der Anspruch absoluter Herrschaft zum Ausdruck gebracht wird.[3]  Den universellen  Herrschaftsanspruch der französischen Krone symbolisiert allerdings der Sockel des Standbilds, der erst 1635 fertiggestellt wurde [4]. Er war mit Reliefs geschmückt, die die Siege Heinrichs IV. feierten, dazu an den Ecken mit vier Gefangenen, deren Arme auf dem Rücken gefesselt waren und die auf den Trophäen erbeuteter Waffen  saßen. Auch hierfür gab es ein aktuelles Vorbild, nämlich das Standbild des Großherzogs Ferdinand I. der Toscana in Livorno, das Pietro Tacca, Vollender des Reiterstandbilds auf dem Pont Neuf, geschaffen hatte. [5]

Die heute im Louvre ausgestellten Gefangenen der Henri Quatre-Statue wurden von einem weiteren Schüler Jean de Bolognes, Franqueville, gestaltet, der noch von Heinrich IV. nach Paris berufen worden war.

Der Fuß eines der  Gefangenen, des zweiten von rechts, steht auf dem Panzer einer Schildkröte, er verkörpert Afrika, also den Süden.  Der ältere Gefangene mit dem starken Bartwuchs erinnert an die Barbaren der antiken Kunst und verkörpert wohl den Norden und gleichzeitig das Alter.

Fotos der vier Gefangenen: Wolf Jöckel

Der bartlose Gefangene ganz rechts verkörpert dagegen die Jugend: Die Macht des Königtums erstreckt sich also über alle Himmelsrichtungen und Lebensalter. Alle Figuren sind  Ausdruck eines „eleganten Manierismus“, den Franqueville aus der Toscana nach Paris importiert hatte.[6]

Das Motiv der vier Gefangenen wurde dann wieder aufgegriffen für die Reiterstatue Ludwigs XIV. auf der place des victoires in Paris. Anlass war  der mit dem Frieden von Nimwegen siegreich beendete holländische Krieg des Sonnenkönigs, und  die vier Gefangenen repräsentierten die vier besiegten Länder: Der Anspruch universeller Herrschaft war hier, anders als noch bei dem Reiterstandbild Heinrichs IV., ganz konkret, mit brutaler Direktheit und  ohne jede „manieristische Eleganz“ zum Ausdruck gebracht.[7]

Henri Quatre, der Vert galant

Ganz und gar unimperial und natürlich war das von Jean de Boulogne gestaltete Portrait Heinrichs IV.,  das von zeitgenössischen Beobachtern als ausgesprochen lebensnah bezeichnet wurde. Es war ein lächelnder König –  einzigartig unter den Darstellungen französischer Herrscher. Dieses für Henri Quatre typische Lächeln wurde als Ausdruck der Volkstümlichkeit, aber auch als das gewinnende Lächeln des Vert galant angesehen.

Abbildung der Reiterstatue Heinrichs IV. aus dem Jahr 1640 (Ausschnitt)[8]

„Vert galant“ war der Spitzname für Henrich IV. – nach dem Wörterbuch von Larousse  die literarische Bezeichnung für einen –trotz seines  fortgeschrittenen Alters-  agilen und unternehmungslustigen Mann, wobei sich die Unternehmungslust eindeutig auf Frauen bezieht.[9] Und an einer solchen amourösen Unternehmungslust hat es dem König nicht gefehlt, wie seine über 50 bekannten Maitressen und sicherlich mindestens ebenso viele unbekannten Liebschaften beweisen.  Noch bis ins Alter von 40 Jahren soll Henri Quatre der festen Überzeugung gewesen sein, bei seinem Geschlechtsteil handele es sich um einen Knochen. Aber das ist vielleicht auch Teil der Mythenbildung. Henriette d’Entragues, eine seiner Mätressen, hat ihn immerhin schnippisch „Capitaine bon vouloir“ genannt und vertraute einem seiner ersten Biographen, Tallemant des Réaux, an, Henri habe als Liebhaber keine Bäume ausgerissen (il n’était pourtant pas grand abatteur de bois)[10] Aber vielleicht war dieses Urteil auch nur die Rache dafür, dass Henri sie nicht zur Königin gemacht hat, wie sie es gerne gewollt hätte. Immerhin hatte Henri Quatre –neben dem Thronfolger- mit vier Mätressen 8 Kinder, die legitimiert wurden. Und unumstritten ist, dass er sich in Liebesdingen  literarisch verdient gemacht hat. Es gibt sogar eine Sammlung seiner Liebesbriefe, und einer von ihnen, 1586 an seine damalige Geliebte Diane d’Andois geschrieben, gehört sogar -wie kein geringerer als Marcel Proust urteilte- zu den schönsten Texten der französischen Literatur.[11]  

Dass ihr König ein Vert galant  war,  störte seine Untertanen nicht – im Gegenteil: es förderte eher seine Volkstümlichkeit. Um 1600 entstand der Marche de Henri IV, ein Lied, das den König hochleben lässt:  Die erste Strophe:

Vive Henri IV. / Vive ce Roi vaillant!

Ce diable à quatre A / le triple talent

De boire et de battre / Et d’être un vert-galant,

(„Es lebe Heinrich IV., / es lebe der wackere König! / Dieser Tausendsassa / hat das dreifache Talent / des Saufens, Fechtens / und eines Lebemanns.“)[12]

Und auch in der Vorstellung der nachfolgenden Generationen ist Henri Quatre vor allem der Vert galant geblieben, was ihn, wie ein Kenner der Materie lakonisch urteilte, „den Franzosen nicht unsympathisch macht“.[13]

Die Revolution reißt die Königsdenkmäler nieder:  Selbst der verehrte Henri Quatre  muss fallen

Im Zeitalter der Aufklärung genoss Heinrich IV. ein hohes Maß an Verehrung, deren Kristallisationspunkt die Reiterstatue auf dem Pont Neuf war. Voltaire, auch Autor der den König verherrlichenden Henriade, schreibt 1766, während der Krankheit des Dauphins habe man viele Bürger gesehen, die um die Statue wie um einen Altar gekniet und den verstorbenen König wie einen Gott angefleht hätten.[14]  1788, auf dem Höhepunkt der Krise des Ancien Régime, versammelten sich Bürger um die Statue Heinrichs IV., um die Berufung des populären Finanzministers Necker und die Entlassung verhasster Minister zu feiern. Deren Bilder wurden am Fuß der Statue verbrannt.

Auch nach dem Beginn der Revolution erfreuten sich Henri Quatre und seine Reiterstatue weiter großer Beliebtheit. Kurz nach dem Sturm auf die Bastille, im Juli 1789,  wurde der neue Bürgermeister von Paris, Bailly, vor dem „cheval de bronze“ gefeiert, so als solle damit die Revolution in die Ahnenreihe des ersten Bourbonenkönigs eingeordnet werden.

Im Juni 1791, nach der versuchten  Flucht des Königspaares, wurden Ludwig XVI. und Marie Antoinette zum Ziel heftiger Attacken. Ludwig XVI. wurde als Schwein dargestellt, Marie Antoinette als „louve“, also als Prostitutierte. (Die römischen Prostitutierten versuchten durch Wolfslaute Kunden anzuziehen).

In dieser zeitgenössichen Karikatur sieht man Ludwig XVI. als Schwein in einem Fass, während der ganz entsetzte Henri Quatre noch mit allen Insignien seines Königtums gezeichnet ist: Der Rüstung und dem Degen des Kriegsherrn, dem Orden des Heiligen Geistes und dazu dem Bart eines volkstümlichen Königs.

Und noch 1792 schien Henri Quatre vor jedem antiroyalistischen Furor sicher zu sein. Damals wurde in Paris ein populäres Spottlied auf Louis Capet, den ehemaligen Ludwig XVI.,  gesungen. Der beklagte sich im ersten aus royalistischer Sicht verfassten Teil über sein Schicksal und verglich sich mit Henri Quatre, der zwar dem Herzen des Volkes nah sei, aber doch „einige Schwächen“ gehabt habe. In dem die Position des revolutionären Volkes wiedergebenden zweiten Teil wird darauf geantwortet:

Henri war gut, wenn auch ein wenig freizügig, Wir vergeben ihm seine Schwächen;

Aber ein betrunkener Fürst und seine Hure Richten mehr Schaden an als hundert Geliebte.[15]

Als im September 1792 Freiwillige sich zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichteten, fand dies auf dem Pont Neuf statt, wo das Reiterstandbild Heinrichs IV. gestanden hatte: Das war da aber schon zerstört und die Überreste waren von einem Gerüst umgeben.[16]

Edouard Détaille, Verpflichtung von Freiwilligen im  September 1792 vor dem Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont -Neuf. Rechts der Eingang zur place Dauphine. Ehemaliges Wandbild im Hôtel de Ville von Paris

Denn vier Tage nach dem Sturz der Monarchie am  10. August 1792 hatte die Nationalversammlung beschlossen,  „Denkmäler des Stolzes, der Vorurteile und der Tyrannei“ seien mit den geheiligten Prinzipien der Freiheit und Gleichheit nicht vereinbar und sollten deshalb beseitigt werden. Die Bronze dieser Denkmäler solle für die Herstellung von Kanonen verwendet werden und damit der Verteidigung des Vaterlandes dienen.[17]

Am gleichen Tag, dem 14. August, erschienen die Bürger des Stadtviertels Heinrichs IV. vor den Schranken der Nationalversammlung und verkündeten, dass sie die Statue des Königs zerstört hätten, nach dem ihr Stadtviertel den Namen trage. „Die Erinnerung an die Tugenden Heinrichs,“ erklärte der Sprecher der Deputation, „haben uns eine Weile zurückgehalten, dann aber fiel uns ein, dass er“ kein konstitutioneller König gewesen ist. Wir sahen in ihm nur noch den Tyrannen – und die Statue fiel. Wir schlagen vor, auf dem Platz, wo das Denkmal stand, Tafeln zu errichten, auf denen die Menschenrechte geschrieben stehen.“ [18]

So wurde also auch das  Reiterstandbild des populären Henri Quatre zerstört- so wie auch die anderen königlichen Standbilder auf den places royales der Stadt.[19]   Nur die vier Gefangenen blieben verschont: Anders als bei den Gefangenen von der place des victoires, die als abschreckende Beispiele für die Tyrannei des Absolutismus dienen sollten, waren es hier ästhetische Gründe, die für die Erhaltung ausschlaggebend waren. Dabei handelte es sich gewissermaßen um einen Kompromiss zwischen verschiedenen Strömungen in der Französischen Revolution, was den Umgang mit dem kulturellen Erbe angeht: Auf der einen Seite die Zerstörung von Werken, die man entsprechend des Beschlusses der Nationalversammlung vom 10. August 1792 als Verherrlichung  des Aberglaubens und der Tyrannei ansah, auf der anderen Seite das Bemühen um die Bewahrung bedeutender Kunstwerke. Weil der revolutionäre Vandalismus verheerende Ausmaße annahm, dekretierte die Nationalversammlung schon 5 Wochen später den Schutz bedrohter Meisterwerke der Kunst: Auch wenn Denkmäler des Despotismus zerstört würden, so sollten künstlerische Meisterwerke einen ehrenhaften Platz erhalten und das Gebiet eines freien Volkes bereichern.[20]  Heute sind sowohl die Gefangenen vom Pont Neuf als die von der place des victoires im Louvre zu sehen.

„Der Kaiser Napoleon dem französischen Volk“: Ein Mammut – Obelisk auf den Pont Neuf!

Am 15. August 1810 verfügte Napoleon in einem Tagesbefehlt aus dem Lager von Schönbrunn bei Wien im Hochgefühl des Sieges über das kaiserliche Österreich:

„Da wir ein dauerndes Denkmal unserer Zufriedenheit mit dem Betragen unserer großen Armee und unseres Volks, während der Feldzüge von Jena und an der Weichsel, an den Tag legen wollen, so haben wir verordnet und verordnen wie folgt:

Art.1. Es soll auf der Erdfüllung des Pont-Neuf ein Obelisk von 180 Fuß Höhe, aus Granit von Cherbourg,  mit folgender Inschrift errichtet werden: Der Kaiser Napoleon dem französischen Volk

Art. 2. Auf den veschiedenen Seiten dieses Obelisks sollen alle Thaten, welche während dieser beiden Feldzüge zur Ehre Frankreichs verrichtet worden, vorgestellt werden.“  [21] 

Napoleon beauftragte seinen „Generaldirektor der Museen“, Vivant Denon, mit der Durchführung des Projekts. Denon war daran gelegen, den Ruhm des Kaisers im öffentlichen Raum wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Dazu schrieb er einen Wettbewerb aus. Hier der Entwurf des Architekten und Zeichners Louis-Pierre Baltard, einem damals hochgeschätzten neoklassizistischen Architekten und Zeichner (und Vater des noch berühmteren Victor Baltard): Ein monumentales Konzept ganz im Sinne des Auftraggebers. [22]

Der geplante Obelisk wäre mit seinen fast 60 Metern mehr als doppelt so hoch gewesen wie der Obelisk von Luxor, der 1836 auf der Place de la Concorde aufgestellt wurde. „Aber der Granit-Lieferant erwies sich als unzuverlässig. Die Kosten drohten aus dem Ruder zu laufen. Die technischen Schwierigkeiten schienen unüberwindlich“. So blieb dieses megalomane Projekt Paris und dem Pont Neuf erspart. [23]

Ein neues Standbild aus dem eingeschmolzenen Napoleon

Nach dem Sturz Napoleons wurde im Zuge der Restaurationspolitik des Wiener Kongresses auch das französische Königtum restauriert und die Bourbonen traten wieder die Herrschaft in Frankreich an. Zu ihrer Legitimation stützten sie sich von Anfang an auf die nach wie vor populäre Figur des ersten Bourbonen. Henrich IV., der die Legitimität der Monarchie und die nationale Versöhnung verkörperte, war nach der Revolution und dem Kaiserreich Napoleons ein idealer Bezugspunkt. Als der neue König Ludwig XVIII. am 3. Mai 1814 in Paris einzog, erwartete ihn auf dem Pont Neuf eine provisorische Gips-Statue seines Ahnherrn mit der Sockelinschrift: Die Rückkehr Ludwigs lässt Henri wiederaufleben.

Entworfen wurde das provisorische Standbild von dem aus Köln stammenden Architekten Jakob Ignaz Hittorff, der seit 1810 in Paris lebte und bis zur Ära Haussmann die Stadtentwicklung wesentlich mitprägte. Hittorff wirkte 1814 maßgeblich an der Erstellung der Empfangsbauten für die Bourbonen mit und erhielt dafür den Titel „Inspecteur du Roi pour les fêtes et cérémonies“. [24] 

Die Zeit für die Anfertigung dieser Reiterstatue war allerdings sehr kurz. Da passte es gut, dass damals die Quadriga vom Brandenburger Tor in Paris abgestellt war – Die Demontage der Quadriga von Johann Gottfried Schadow (1793) war Teil des systematischen napoleonischen Kunstraubs. [25]

„Der Pferdedieb von Berlin“. Karikatur auf Napoleons Raub der Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin. (ca 1813)[26]

So fertigte Hittorff Zeichnungen von einem der Pferde der Quadriga des Brandenburger Tores und von seinen Einzelteilen an – kurz bevor die Quadriga nach einem 21-jährigen Zwangsaufenthalt in Paris wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrte.  [27]

So konnte das Provisorium rechtzeitig fertiggestellt werden und Ludwigs XVIII. konnte bei seinem Einzug nach Paris auf dem Pont Neuf Station machen, seinem Ahnherren die Ehre erweisen und sich als dessen Nachfolger präsentieren.[28]

 (C) RMN-Grand Palais (Château de Versailles) / image RMN-GP

Das Provisorium von 1814 wurde dann durch eine von dem Bildhauer François-Frédéric Lemot geschaffene  neue bronzene Version ersetzt. Die Herkunft der Bronze war –wie das Standbild überhaupt- Ausdruck der restaurativen Geschichtspolitik der Bourbonen: Sie stammt von den eingeschmolzenen Napoleon-Statuen von der place Vendôme und der Säule der Großen Armee von Boulogne-sur-Mer. Dazu kam die Bronze des napoleonischen Generals Desaix von der place des victoires. Ganz gezielt wurde das Metall der Napoleon- Statuen allein für die Herstellung des Pferdes Heinrichs IV. verwendet: Dem jetzt als Usurpator geltenden Napoleon wurde damit die „Ehre“ verwehrt, in der Gestalt des populären Henri Quatre auf dem Pont Neuf „weiterzuleben“. Nach einer weit verbreiteten Legende steckt aber doch noch ein bisschen Napoleon in der Bronzefigur Heinrichs IV: Denn Balthazar Mesnel, einer der beteiligten Handwerker und überzeugter Bonapartist habe neben einem Pamphlet gegen die Bourbonen auch eine kleine Napoleonstatuette in der Statue versteckt. [29] Bei der Restaurierung der Reiterstandbilds Henri Quatres imm Jahr 2004 hat man nun die Beifügungen im Bauch des Pferdes genau untersucht. Neben den „offiziellen“ Beigaben wurden im Bauch des Pferdes zwei zylindrische Bleidosen und eine hölzerne Kapsel gefunden. In ihr befand sich eine Liste aller Gießer und Ziseleure der Gießerei, die bei der Statue mitgewirkt hatten. Die kleinere Bleidose enthielt ein zusammengerolltes schwer beschädigtes Papier. Möglicherweise ist das die Libelle des Napoleon-Bewunderer und Anti-Bourbonen Mesnel. Die größere Dose aus Blei enthielt einen Tierleim, in dem früher Reliquien eingebettet wurden, hier möglicherweise „napoleonische Reliquien“, wie Körperfragmente, Nägel oder Haare des Kaiser, meist übrigens Fälschungen, die damals im Handel waren. Eine Statuette Napoleon wurde nicht gefunden!  [30]

Am 14. August begann der einem Triumphzug  gleichende Transport des fertigen Standbilds von der Gießerei im Westen von Paris über die Champs-Élysées zum Pont Neuf. Gezogen wurde der Wagen von 34 Ochsen, aber während des Weges wurde er von einer begeisterten Menge begleitet, die es sich nicht nehmen ließ, selbst Hand anzulegen-  vor allem auf dem  Anstieg auf den Pont – Neuf, als die Ochsen am Ende ihrer Kraft waren. 

Translation de la nouvelle statue équestre d’Henri IV depuis l’atelier du Roule jusqu’au Pont-Neuf. Estampe de 1818 [31]

Den jungen Victor Hugo inspirierte das zu einer Ode, in der er die „tausend starken Arme“ bejubelt, die das Gefährt anschöben. Auch wenn sein Arm dabei Schaden nähme: „Henri sieht mir aus dem Himmel zu“.[32]

Am 25. August 1818, dem Tag des heiligen Ludwig (jour de la Saint Louis), wurde die Statue in einem aufwändigen Festakt eingeweiht und  gleichzeitig die Rückkehr der Monarchie gefeiert.

Bild von Hippolyte Lecomte (1781 – 1857) © RMN-  Grand Palais- D. Arnaudet

Um die Statue ist ein weißer Triumphbogen errichtet – die Farbe der Monarchie-  auf der gegenüber errichteten Tribüne, am Eingang zur Place Dauphine, haben die Honoratioren Platz genommen; vor allem natürlich Ludwig XVIII. und seine Familie, darunter auch die Herzogin von Angoulême, die Tochter Ludwigs XVI. Das Kapitel der Revolution und der Republik wird damit gewissermaßen offiziell beendet.[33]

Bei der Gestaltung der Reiterstatue hat sich Lemot auf das alte Vorbild von 1614 bezogen. Wie damals  trägt Henri eine leichte Rüstung und hält den Kommandostab in seiner rechten Hand. Eher huldvoll als lächelnd blickt er von seinem Podest nach unten. Ein Vert galant ist er jetzt nicht mehr – dafür wurde immerhin der Platz auf der Westspitze der Île de la Cité so benannt.

Auf dem Sockel wurden 1820  zwei Reliefs angebracht: Eines zeigt den Einzug Henris nach Paris im Jahr 1594, das andere  den „guten König“, wie er Brot an die Pariser Bevölkerung verteilt – immerhin besser als die Verherrlichung der kriegerischen Taten Heinrichs IV. auf dem ersten Standbild.

Bronzerelief vom Sockel (Ausschnitt) Fotos des Denkmals: Wolf Jöckel

Im Innern der Statue wurden wie Reliquien verschiedene Dokumente und Gegenstände eingeschlossen, die sich auf die Entstehung des neuen Standbildes in der Tradition des ursprünglichen beziehen, vor allem aber auf das Leben und die Bedeutung Heinrichs IV. Es ist der „gute König“, der hier gefeiert wird, der Frankreich nach den Wirren der Religionskriege geeint und befriedet hat, er ist der erste Bourbone, aber er ist auch und vor allem ein großer Mann, den die Nachwelt wegen seiner Verdienste würdigen kann. Sein Grab in Saint Denis wurde 1793 zerstört und geplündert – hier aber hat er an einem zentralen Ort der Stadt seinen Platz: Es sollte ein Ort der Verehrung für den alten und der Legitimation für den neuen König sein, und er ist heute ein Erinnerungsort an einen der bedeutendsten Könige, die Frankreich je hatte. [34]

Die Reiterstatue Henrichs IV., im Hintergrund die Kuppel des Pantheons

Und es ist ein Ort, der bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat.

Liebesschlösser an der Statue Henri Quatres

Familiäre Reiterspiele: Aus einer Plakatausstellung am Hôtel de Ville von Paris zu den Olympischen Spielen 2024. Foto: Wolf Jöckel März 2024

Das Bild des volkstümlichen „guten Königs“ Henri Quatre ist immer noch lebendig….

Literatur:

Jean-Pierre Babelon,  La statue d’Henri IV sur le Pont-Neuf.  Monuments et mémoires de la Fondation Eugène Piot  87/ 2008 S. 217-239  https://www.persee.fr/doc/piot_1148-6023_2008_num_87_1_1649

Jean-Pierre Babelon,  Henri IV  Dès sa mort, il entre dans la légende. Le Figaro, 1.8.2009  https: /www.lefigaro.fr/lefigaromagazine/2009/08/01/01006-20090801ARTFIG00046–henri-iv-des-sa-mort-il-entre-dans-la-legende-.php

Barthélemy Jobert / Pascal Torrès,  Inauguration de la statue équestre d’Henri IV sur le Pont-Neuf, 25 août 1818, Histoire par l’image  : http://histoire-image.org/de/etudes/inauguration-statue-equestre-henri-iv-pont-neuf-25-aout-1818

Joël Cornette, Déboulonner la statue d’Henri IV.  in: L’Histoire vom 14. November 2020 https://www.lhistoire.fr/d%C3%A9boulonner-la-statue-d%E2%80%99henri%C2%A0iv-0

Département de l’action culturelle et éducative, Archives nationales, Entre pratique inaugurale et trésor mémoriel : étude du contenu de la statue de Henri IV de 1818 http: //www4.culture.fr/patrimoines/patrimoine_monumental_et_archeologique/insitu/pdf/marguin-960.pdf

Jean-François Dubost,  Henri IV au Pont-Neuf. Genèse, hésitations sémantiques et détournements d’une effigie royale (1604-1640). Aus: Colette Nativel (Hrsg), Henri IV, Art et pouvoir.  Presses universitaires François-Rabelais 2016.  https://books.openedition.org/pufr/8435

Janine Garisson, Henri IV, le roi de la paix. Paris: Tallandier 2000

Laurent Loiseau/Brice Agnelli, Paris d’Henri IV. Hachette livre 2010

Valérie Montalbetti,   Quatre Captifs provenant du piédestal de la statue équestre d’Henri IV sur le Pont-Neuf (1614-18)    http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-provenant-du-piedestal-de-la-statue-equestre-d-henri-iv-sur-le-pont-ne

Ernst  Steinmann, Die Zerstörung der Königsdenkmäler in Paris. Monatshefte für Kunstwissenschaft, X. Jahrgang 1917, Heft 10/11 14515091.pdf (core.ac.uk)

Victoria E. Thompson,  The Creation, Destruction and Recreation of Henri IV: Seeing Popular Sovereignty in the Statue of a King. In:History and Memory  (Indiana University Press)  24/2012 , S.  5-40  https://www.jstor.org/stable/10.2979/histmemo.24.2.5?seq=1

23 août 1614 : la statue équestre de Henri IV est placée sur le Pont-Neuf.  Nach den  « Mémoires historiques relatifs à la fonte et à l’élévation de la statue équestre de Henri IV sur le terre-plein
du Pont-Neuf à Paris », von 1819
bearbeitet von der Redaktion von La France pittoresque. 23. August 2020. https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article6334


Anmerkungen

[1]  Frédéric Bidouze,  Henri IV ou l’énigme sensuelle d’un roi vainqueur  

Henri IV ou l’énigme sensuelle d’un roi vainqueur

[2] Nachfolgendes Bild aus: http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2012/06/der-soldnerfuhrer-von-padua.html  Dort gibt es auch einen schönen Überblick über die historische Genese der Reiterstatuen seit der Antike

[3] Bild aus: https://www.lhistoire.fr/d%C3%A9boulonner-la-statue-d%E2%80%99henri%C2%A0iv-0  https://books.openedition.org/pufr/8435, Abschnitt  77

[4] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Quatre_Captifs_(Statue_%C3%A9questre_d%27Henri_IV).jpg

[5]https://en.wikipedia.org/wiki/Pietro_Tacca#/media/File:Livorno,_Monumento_dei_quattro_mori_a_Ferdinando_II_(1626)_-_Foto_Giovanni_Dall’Orto,_13-4-2006_12.jpg

[6] http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-provenant-du-piedestal-de-la-statue-equestre-d-henri-iv-sur-le-pont-ne

[7] Siehe den Blog-Beitrag zur place des victoires: https://paris-blog.org/2020/03/12/la-place-des-victoires-der-platz-der-siege-ludwigs-xiv-in-paris-das-modell-eines-koeniglichen-platzes/ 

[8] Melchior Tavernier, La statue équestre d’Henry le Grand sur son piédestail, 1640, Paris, BnF, Dpt des estampes et de la photographie, détail. Aus: https://books.openedition.org/pufr/8435

[9] https://www.larousse.fr/dictionnaires/francais/vert/81664#176984Vert galant,  homme d’un certain âge encore alerte et entreprenant auprès des femmes.

[10]  https://www.periegete.com/henri-iv-ou-lenigme-sensuelle-dun-roi-vainqueur/ 

[11] Zu den Liebesbriefen siehe:  https://www.canalacademie.com/ida6243-Les-lettres-d-amour-d-Henri-IV-2-2.html

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Marche_de_Henri_IV

[13] https://www.lefigaro.fr/lefigaromagazine/2009/08/01/01006-20090801ARTFIG00046–henri-iv-des-sa-mort-il-entre-dans-la-legende-.php

[14] « Lorsque la mort sur lui [le Dauphin] levait sa faux tranchante,
On vit de citoyens une foule tremblante

Entourer ta statue et la baigner de pleurs ;
C’était là leur autel, et, dans tous nos malheurs,
On t’implore aujourd’hui comme un dieu tutélaire. » (épître XCVI).  Zit: Déboulonner la statue d’Henri IV | lhistoire.fr  Darauf beruhen auch die nachfolgenden Ausführungen.

[15] Henri fut bon quoiqu’un peu libertin,
Nous lui pardonnons ses faiblesses ;
Mais prince ivrogne et princesse catin
Font plus de mal que cent maîtresses.

Aus: https://marie-antoinette.forumactif.org/t1808-chansons-et-poemes-satiriques-au-xviiieme-siecle

[16] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/les-enrolements-volontaires-sur-le-terre-plein-du-pont-neuf-en-septembre#infos-principales

[17] « L’Assemblée nationale, considérant que les principes sacrés de la Liberté et de l’Égalité ne permettent point de laisser plus longtemps sous les yeux du peuple français les monuments élevés à l’orgueil, aux préjugés et à la tyrannie ; et considérant que le bronze de ces monuments, converti en canons, servira utilement à la défense de la Patrie, décrète [que …] toutes les statues, bas-reliefs et autres monuments […] élevés sur les places publiques, seront enlevés par les soins des représentants des communes […]. » zit: http://archives.nancy.fr/tresors-darchives/destruction-statue-louis-xv/ 

[18] https://core.ac.uk/download/pdf/14515091.pdf, S. 15

[19] Siehe Babelon  https://www.lefigaro.fr/lefigaromagazine/2009/08/01/01006-20090801ARTFIG00046–henri-iv-des-sa-mort-il-entre-dans-la-legende-.php  und https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-reportage/anciennes-statues-places-royales

[20] Lors de la destruction du monument à la Révolution, en 1792, seuls les Captifs furent épargnés en raison de „leur dessin svelte et léger [qui] honorait les premières antiquités de la France„. http://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-provenant-du-piedestal-de-la-statue-equestre-d-henri-iv-sur-le-pont-ne

 Wortlaut des Beschlusses der Nationalversammlung vom 16. September 1792: www.culture.gouv.fr  Les grandes dates

 Zur Auseinandersetzung über Zerstörung und Bewahrung in der Französischen Revolution siehe: Daniel Hermant, Destructions et vandalisme pendant la Révolution française . In: Annales, 1978, S. 703-719 https://www.persee.fr/doc/ahess_0395-2649_1978_num_33_4_293964

[21] zit. in: Österreichs Kriegsgeschichte im Jahr Achtzehnhundertneun. Dritter und letzter Theil. Leipzig und Altenburg 1811, S. 134

[22] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/projet-d-obelisque-a-elever-sur-le-pont-neuf#infos-principales

[23] Reinhard Kaiser, Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München 2016, S. 269

Die nachfolgende Gesamtansicht von Benjamin Zix aus: https://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/benjamin-zix_projet-d-obelisque-sur-le-pont-neuf-vue-de-l-ile-de-la-cite_lavis-brun_dessin-a-la-plume_1809

[24]le retour de Louis fait revivre Henri“. Zit: https://www.photo.rmn.fr/Package/2C6NU0AK5WZG9?PBC=2CO5S9IZDCBN:2C6NU0L9Y2SW:2C6NU0AK5WZG9 Hittorfs Skizze der Reisterstatue:  http://www.ensba.fr/ow2/catzarts/voir.xsp?id=00101-26868&qid=sdx_q0&n=1&sf=&e= Zur Bedeutung Hittorfs siehe die entsprechenden Beiträge von Ulrich Schläger auf diesem Blog. Siehe auch: Karl Hammer, Jakob Ignaz Hittorff : Ein Pariser Baumeister, 1792–1867, Stuttgart 1968, S. 14 (= Pariser Historische Studien, Band 6 https://perspectivia.net/publikationen/phs/hammer_hittorff )

[25] Siehe: https://www.tagesspiegel.de/berlin/kunstraeuber-napoleon-vor-200-jahren-kehrte-die-quadriga-zurueck/9873746.html  Allgemein zum Kunstraub Napoleons siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/ und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/ Außerdem: Bénédicte Savoy,  Kunstraub. Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen. Köln/Wien 2010 und Reinhard Kaiser, Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München: C.H.Beck 2016

[26] https://transliconog.hypotheses.org/kommentierte-bilder-2/1813-ca-napoleons-raub-der-berliner-quadriga-in-der-karikatur

[27] Bild 1: Jakob Ignaz Hittorff, Die Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin1814  (Fêtes de la restauration – Détail du quadrige de Berlin),Numéro d’inventaire : PC 43234-05. (Ausschnitt) Zu diesem Pferd und zu Hittorffs Beteiligung siehe auch: Bénédict Savoy: „Kunstraub – Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen“, Böhlau-Verlag, Wien-Köln-Weimar, 2011, S.375-379.

Bild 2: 1 Fêtes de la restauration . (Titre forgé) . Détails du moulage de la statue équestre d’Henri IV . Jacques Ignace Hittorff, Carnet, Détails du moulage de la statue équestre d’Henri IV . Numéro d’inventaire : PC 43234-06

Die beiden Abbildungen verdanke ich Herrn Ulrich Schläger. Merci beaucoup!

[28] Gemälde von Antoine Ignace Melling. Bild aus: https://www.photo.rmn.fr/Package/2C6NU0AK5WZG9?PBC=2CO5S9IZDCBN:2C6NU0L9Y2SW:2C6NU0AK5WZG9

[29] Siehe Edgar Schmitz: Das Trojanische Pferd und die Restauration. Die Auseinandersetzung um die Colonne de la Place Vendôme als Paradigma der gescheiterten Restauration. In: Gudrun Gersmann, Hubertus Kohle (Hrsg.): Frankreich 1815–1830. Trauma oder Utopie? Die Gesellschaft der Restauration und das Erbe der Revolution. Stuttgart 1993, besonders S. 192/193

http://blogpontsdeparis.blogspot.com/2011/01/heurs-et-malheurs-du-bon-roi-henri.html   Zur place des Victoires siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2020/03/12/la-place-des-victoires-der-platz-der-siege-ludwigs-xiv-in-paris-das-modell-eines-koeniglichen-platzes/ 

[30] Die Passage über die Restauration der Statue und die nicht gefundene Napoleon-Statuette verdanke ich Ulrich Schläger. Ebenso die nachfolgenden Literaturhinweise.

Siehe: La statue d’Henri IV sur le Pont-Neuf. Les Boîtes trouvées dans le «Cheval de Bronze», par Jean-Perre Babelon ; Monuments et mémoires de la Fondation Eugène Piot Année 2008 87 pp. 217-239 , https://www.persee.fr › doc › piot_1148-6023_2008_nu…;

ferner: Revue des patrimoines, 14 | 2010 Le cavalier du Pont-Neuf : histoire, restauration et secrets de la statue équestre de Henri IV , par  Pascal Liévaux ; https://doi.org/10.4000/insitu.6970;

desgleichen: Entre pratique inaugurale et trésor mémoriel : étude du contenu de la statue de Henri IV de 1818, par Département de l’action culturelle et éducative et Archives nationale. In: Revue des patrimoines 14/2010 https://doi.org/10.4000/insitu.7011  und: Restauration de la statue de Henri IV, par  Stéphanie Celle et Carlo Usai ; https://doi.org/10.4000/insitu.6989. Revue des patrimoines, 14 | 2010 ; Le cavalier du Pont-Neuf : histoire, restauration et secrets de la statue équestre de Henri IV.

[31] Bild aus: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8414235g.item

[32] (…) Par mille bras traîné le lourd colosse roule“ décrit le poète (…) Ah ! Volons, joignons-nous à ces efforts pieux. Qu’importe si mon bras est perdu dans la foule ! Henri me voit du haut des cieux (…)   Zit. http://blogpontsdeparis.blogspot.com/2011/01/heurs-et-malheurs-du-bon-roi-henri.html

[33] https://histoire-image.org/de/etudes/inauguration-statue-equestre-henri-iv-pont-neuf-25-aout-1818   Bemerkenswert ist übrigens, dass das Bild von Lecomte von Louis-Philippe in Auftrag gegeben wurde, der ja immerhin durch die Revolution von 1830 und den Sturz Ludwigs XVIII. an die Herrschaft kam.  Aber auch für ihn war Heinrich IV. ein zentraler legitimatorischer Bezugspunkt.

[34] Siehe: http://www4.culture.fr/patrimoines/patrimoine_monumental_et_archeologique/insitu/pdf/marguin-960.pdf

Paris mit Enkeln: Im Louvre. Ein Gastbeitrag von Rotraut Grün-Wenkel

Nach vielen Parisreisen mit Freunden und Freundinnen und nach längeren Aufenthalten zum Sprachenlernen fasste ich 2021 den Entschluss, meinen Enkelkindern „mein Paris“ zu zeigen. Ein Ausflug von drei bis vier Tagen immer nur mit einem Kind. Im November 2021 begann ich mit dem ersten Enkel nach seinem Schulabschluss, dabei die Idee verfolgend, mit jedem Enkelkind den Schulabschluss so zu feiern. Ein undurchführbares Vorhaben angesichts meines Alters (76) und des Alters des jüngsten Enkelkindes (3). Also folgte der ersten Tour die nächste 2022, dann gleich zwei Besuche 2023.

Das Programm ist vorbereitet mit Platz für Änderungswünsche. Immer aber gehört der Louvre dazu. Die Schwelle ins größte Museum der Welt muss ich mit ihnen überschreiten, ihnen auch zeigen, dass man in einem Museum auch ganz wenig ansehen kann, dass der Anspruch, „den Louvre“ zu besuchen und alles zu sehen, unerfüllbar ist. Der freie Eintritt für Jugendliche und junge Erwachsene soll von ihnen zum Wiederkommen genutzt werden.

Ich habe zehn Objekte für die Enkelbesuche ausgewählt, danach können wir den Louvre verlassen oder auf Wunsch weitere Werke anschauen.

Hier möchte ich auf vier Skulpturen eingehen.

  1. Nike von Samothrake

Geht man die Treppe zum Denontrakt hinauf in Richtung Mona Lisa, steigt man direkt auf Nike von Samothrake zu. Der marmorne Schiffsrumpf, auf dem sie steht, erhebt sich mächtig, ja bedrohlich über uns. Und ganz oben weit über uns scheint Nike zu fliegen: Sie ist mit ihren ausgebreiteten Flügeln wie ein herabschwebender Engel dargestellt. Und in der Tat war es die Göttin Nike, die die christliche Vorstellung von den zwischen Himmel und Erde schwebenden geflügelten Engeln prägte.

Sie stammt wahrscheinlich aus dem zweiten Jahrhundert v.Chr. und. wurde von einem uns unbekannten Künstler auf Rhodos, woher der Marmor stammt, erschaffen. Die Figur wird der hellenistischen Periode (ca. 300 v. Chr.) zugeordnet, einer Zeit, in der die Bildhauer versuchten, Menschen lebendig mit dem Ausdruck ihrer Emotionen darzustellen.

Nike ist in Bewegung, sie überbringt die Nachricht eines Sieges, der fehlende Arm grüßte die Wartenden. Das schließt man aus einer Hand, die gefunden wurde, und die eine Geste des Grußes macht.

Ihr Körper ist nass von der Fahrt auf hoher See, ihr Gewand klebt am Körper und zeichnet Bauch und Nabel ab. Ihr Gewicht steht auf dem vorangestellten Bein, das andere ist entspannt. (Fachbegriff: Kontrapost). Man sollte mal ausprobieren, so zu stehen!

1863 fand der französische Vizekonsul im Osmanischen Reich, Charles Champoiseau, Fragmente der Nike-Statue. Sie wurden vor Ort zusammengesetzt, nach Paris gebracht und im Louvre aufgestellt. Damals herrschte in Frankreich Kaiser Napoleon III., ein Neffe Napoleons I, seines großen Vorbilds. Da war die Siegesgöttin ein passendes Geschenk…. Während des Zweiten Weltkriegs war die Statue, wie auch andere Kunstwerke des Louvre, aus Sicherheitsgründen ausgelagert. Am 21. Juni 1945 kehrte sie wieder zurück, und die antike Nike von Samothrake wurde in ein Siegesdenkmal der Résistance transformiert.

Größe der Figur 245 cm, mit Sockel, 328 cm.

2. Venus de Vienne – Aphrodite accroupie

Skulpturensaal Antiquités grecques, etrusques et romains; entdeckt in Sainte-Colombe-lès-Vienne

Die Skulptur stammt aus dem 2. Jh. v. Chr., eine römische Kopie des hellenistischen Originals. Diese Venus / Aphrodite ist weniger bekannt   als die Venus von Milo und andere, aber sie berührt mich ganz besonders.

Venus, die gerade aus dem Bad kommt oder gerade hineinsteigt, trägt auf dem Rücken ihren Sohn Cupido / Amor, von dem hier nur noch eine Kinderhand zu sehen ist. Vielleicht hatte Cupido auch Pfeil und Bogen bei sich. Wir wissen es nicht.

Den Sohn der Venus, nun erwachsen, finden wir im selben Saal auf der anderen Seite wieder in der berühmten Skulptur von Canova Amor und Psyche.

3.  Der Gladiator Borghese ca. 100 n.Chr. wahrscheinlich griechisch

Diese Skulptur bringt mich und meine Enkel immer zum Lachen. Sie steht unübersehbar gleich am Eingang des großen Saales.

Der vorwärts nach oben gereckte Arm lässt uns ein an dem Arm angebrachtes Mobiltelefon assoziieren.

Ursprünglich war es aber die Befestigung eines Schildes, den dieser Fechter einmal trug. Auch das Schwert in der anderen Hand ist nicht mehr erhalten.

4. Amor und Psyche von Antonio Canova (1787-1793)

Die Geschichte der beiden ist sehr schön und ausführlich in den Metamorphosen des Apuleius erzählt. Ich versuche eine Zusammenfassung.

Venus, die schönste der Göttinnen, erfuhr, dass es in einem Königreich eine wunderschöne Prinzessin mit Namen Psyche gebe, die schönste junge Frau überhaupt. Das verletzte den Stolz der schönen Venus und sie sann nach Vernichtung dieser Rivalin.

Die wunderschöne Prinzessin Psyche ist verzweifelt, denn kein Mann hält um ihre Hand an, kein König, kein Prinz, kein Edelmann, noch nicht einmal ein Mann aus dem Volke. Sie, Psyche, gleicht einer Göttin, der sich kein Mann zu nähern wagt. Schließlich befragt ihr Vater, der König, das Orakel. Die Antwort lautet ganz im Sinne der Venus, dass er seine Tochter allein auf einen einsamen Felsen über dem Meer auf ihren schrecklichen Ehemann warten lassen solle. Der Vater folgt gramgebeugt diesem Rat.

Venus beauftragte sogleich ihren Sohn Armor einen Liebespfeil auf Psyche zu schießen, damit sie sich in einen Menschen verliebe, „einen Elenden, den das Schicksal zu Schande und Armut verdammt hat“. Der folgsame und immer zu Unfug aufgelegte Sohn macht sich auf, diesen Wunsch seiner Mutter zu erfüllen. Doch Amor erweist sich diesmal als schlechter Schütze, vielleicht betört von der Schönheit Psyches, trifft er sich selbst mit dem Pfeil, worauf er in Liebe entbrennt.

Psyche wartet bebend vor Angst auf dem Felsen über dem Meer auf ihren Gatten. Da kommt der Wind Zephyr und nimmt sie mit in ein wunderschönes Schloss mit verwunschenem Park, wo Psyche von Geistern verwöhnt wird. Jede Nacht nun, wenn es ganz dunkel ist, kommt ihr zärtlicher Geliebter zu ihr, vor der Morgendämmerung verschwindet er wieder.

Psyche, die sich einsam fühlt, bittet darum, ihre Schwestern sehen zu dürfen. Diese sind eifersüchtig auf das schöne Leben der Psyche und sinnen darauf, den Gatten, das Ungeheuer, zu erkennen. Als Psyche nun eines nachts eine Öllampe entzündet, um den Geliebten zu sehen, bewundert sie ihn selbst und auch seine Pfeile, wobei sie sich in den Finger sticht und nun auch in Liebe entbrennt. Sie stößt versehentlich an die Öllampe, ein Tropfen heißes Öl verletzt Amor leicht, lässt ihn erwachen und wütend davonfliegen.

Nun erfährt Venus vom Ungehorsam ihres Sohnes, der verletzt zu ihr zurückkehrt. Sie bestraft Psyche mit vielen erniedrigenden Aufgaben, die diese nur mit Hilfe göttlicher Wesen bewältigen kann. Eine Aufgabe ist, ein buntes Gemenge von Samenkörnern zu ordnen. Dies gelingt Psyche mit Hilfe der freundlichen Ameisen.

Als letzte Aufgabe soll sie von Proserpina aus der Hölle des Todes eine Dose mit  Schönheitscreme für Venus füllen lassen. Auch dies gelingt Psyche, doch auf dem Rückweg gibt sie ihrer Neugier nach und öffnet die Dose. Aus der Dose entweicht nichts Greifbares, sondern tiefer Schlaf.

So findet sie Amor und erlöst sie mit einem Kuss. Das gemeinsame Kind erhält den Namen Voluptas (Lust).

Nach Apuleius, 2.Jh. n.Chr., Amor und Psyche, Beck’sche Reihe: Die großen Geschichten der Menschheit. Aus dem Lateinischen von Eduard Norden München 2007

Und wir sind wieder im Louvre bei Canova.

Diese Besuche mit den Enkelkindern im Louvre liefen trotz des unterschiedlichen Alters (19/18/17/13) sehr ähnlich ab. Sobald wir den Louvre nach Sicherheitskontrolle und Garderobenablage betreten hatten, verstummten die Jugendlichen. Ob der Grund meine Erzählung ist oder doch eher dieses monumentale Museum mit seiner bisher noch nicht erlebten Fülle der Eindrücke, es entwickelt sich kein Gespräch, nur Staunen und Anschauen. Auffällig ihre Reaktion, als ich die Wartezeit im Raum der Mona Lisa mit der Betrachtung der Hochzeit von Kana verkürzen wollte. Ein kurzes Anschauen, dann sofort wieder den Blick auf die sich langsam nähernde Mona Lisa gerichtet. Überhaupt nahmen sie alle das lange Warten gelassen hin.

Allein J (17) meldete zu Beginn des Besuches einen Wunsch an. Als ich ihm auf dem Leporello unseren Weg und die Ziele zeigen wollte, tippte er mit dem Finger auf den Plan: Da will ich hin. Es war die etruskisch-italienische Skulpturensammlung im Denon Flügel, das Interesse kam aus dem Lateinunterricht. J wollte nach dem vorgeplanten Rundgang mehr sehen, so bestaunten wir noch Ausstellungsstücke der Galerie d’Apollon.

M(19) saß irgendwann in der römisch-etruskischen Sammlung auf einer Bank am Fenster und schaute in sein Handy. Ich ließ ihm Zeit, im Louvre gibt es guten Empfang in die sozialen Medien und das, so dachte ich, braucht er zwischendurch. Wahrscheinlich hat er sie auch gecheckt, es stellte sich aber auch heraus, dass er Informationen über einzelne Skulpturen aufgerufen hatte, vielleicht auch über den Hermaphrodit, über den er mit mir nicht näher sprechen wollte.

L (18) besuchte einige Wochen nach unserer Reise Paris mit seiner Freundin. Auf meine Frage, was sie sich ansehen wollten, meinte er: Wir machen die Tour, die du mit mir gemacht hast. Darüberhinaus haben sie anderes entdeckt, im Louvre waren sie begeistert von den Apartements Napoleons III., besonders von den Lüstern.

Die Enkelin E (13) erzählte nach der Heimkehr ihren Eltern begeistert von der Deckengestaltung im Raum der französischen Maler. Ihre Begeisterung bezog sich auf die gesamte Reise, Ausnahme das Museum Picasso.

Ich denke, dass meine Enkel und die Enkelin nie zuvor so vielen Nacktdarstellungen sowohl bei den Skulpturen als auch in manchen Gemälden begegnet sind. Auch hier könnte ein Grund für ihr Verstummen liegen.

Die nächste Fahrt folgt im April 24 mit E (11). Ob er, der gerne redet, dies auch im Louvre tun wird?