Fast wie Gott in Frankreich: Ludwigslust, „das Versailles des Nordens“

Ein Schloss, irgendwo in Mecklenburg, als Gegenstand eines Beitrags auf diesem „Paris- und Frankreich-Blog“: Das hätte ich selbst nicht erwartet, als wir in Ludwigslust eine Pause auf unserem Weg nach Schwerin einlegten. Aber dann wurde schnell deutlich, wie intensiv die Bezüge zu Frankreich und auch zu bisherigen Artikeln in diesem Blog sind:

  • Da gibt es den Wunsch eines Mecklenburgischen Herzogs, sich eine Residenz nach Versailler Vorbild zu bauen, wofür er zunächst auch einen französischen Architekten engagierte. Man bezeichnet denn auch gerne Ludwigslust als „Versailles des Nordens“ oder als „mecklenburgisches Versailles“.[1]
  • Die Residenz sollte -wie Versailles- architektonischer Ausdruck absoluter Herrschaft sein.
  • Es gab -wie in Versailles- aber auch das Problem der Wasserversorgung, weil der Platz diesbezüglich für ein Klein-Versailles nicht geeignet war, was entsprechende wasserbauliche Maßnahmen erforderte.
  • Frappierend dann vor allem der Rundgang durch die Räume des Schlosses, in denen Teile der Kunstsammlung der Herzöge ausgestellt sind: Da hat man fast den Eindruck, sich in einem  französischen Museum zu befinden: Porzellan aus Sèvres, eine ganze Reihe von Büsten von Houdon, die es mit den Exponaten in „seinem“  Museum in Montpellier durchaus aufnehmen können; desgleichen eine eindrucksvolle Sammlung von Gemälden des Hofmalers Ludwigs XV., Jean-Baptiste Oudry, dem Portraitisten der Tiere in der Menagerie Ludwigs XIV., die es in dieser Menge und Qualität nirgendwo sonst gibt.
  • Und dann stößt man darauf, dass Franzosen an den Kunstschätzen der Mecklenburger Herzöge auch Gefallen gefunden haben: Ganz konkret Napoleons Kunsträuber Vivant Denon, der sich da nach Belieben bediente und jede Menge Gemälde für das Musée Napoléon (Louvre) und Preziosen für die Kaiserin Josephine konfiszierte…

Bezüge zu Frankreich und zu bisherigen Blog-Beiträgen gibt es also genug. Aber es gibt auch deutliche Unterschiede: Nicht nur dass es in Ludwigslust kein Schlosstheater gibt, weil das für den pietistischen Schlossherrn Friedrich des Teufels war; auch das in Versailles so beliebte Kartenspiel war in Ludwigslust Tabu. Der wichtigste Unterschied allerdings: Während in Versailles echtes Gold glänzte, war das in Ludwigslust anders.  Die Mecklenburger Herzöge befanden sich seit jeher in finanziellen Nöten, ein bisschen Versailles-Glanz wollten sie aber schon haben:  Also Pappmaché und Farbe statt Gold, Bronze und andere teuren Materialien. In Ludwigslust ist also nicht alles Gold, was glänzt…

Hier nun im Einzelnen mehr über Ludwigslust und seinen Bezug zu Frankreich:

  1. Das mecklenburgische Versailles

In der Nähe des Dorfes Klenow südlich von Schwerin mit seinen umfangreichen Wald- und Wildbeständen gab es seit 1735 ein kleines Jagdschloss der Mecklenburgischen Herzöge. 1748 berief Herzog Christian Ludwig II. den französischen Architekten Jean Laurent Legeay als Hofbaumeister. Legay wurde beauftragt, das Jagdschloss fürstlichen Repräsentationsansprüchen entsprechend auszubauen. Es erhielt nun auch einen angemessenen Namen: Ludwigslust.  Der englische Reisende Thomas Nugent schrieb 1766 in seiner „Reise durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg“, am Schloss gäbe es „nicht die mindeste  Pracht“, aber es falle „doch von außen ganz artig in die Augen.“ Allerdings seien das Schloss und seine  Zimmer „für die Durchlauchten  Herrschaften“ viel zu klein. „Der Herzog wird also an diesem seinen Lieblingsort bald einen prächtigen Palast bauen lassen.“[2]  Herzog war inzwischen -seit 1756-  Friedrich, der Sohn Christian Ludwigs II. Friedrich hatte pietistische Neigungen und es zog ihn vom weltlichen Schwerin in die Stille und Einsamkeit von Ludwigslust. Für eine dauerhafte Hofhaltung war das Jagdschlösschen allerdings nicht geeignet. Also erhielt Legeay den Auftrag für eine Grundrissgestaltung der künftigen Residenz. Friedrich war als Kronprinz auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa in Frankreich gewesen und von Versailles tief beeindruckt. Die meisten anderen deutschen Fürstenhäuser hatten ja schon Versailles nachgeeifert, selbst die mecklenburgische Verwandtschaft in Neustrelitz hatte schon eine imposante neue Residenz, da konnte und wollte selbst der sparsam-pietistische Friedrich nicht nachstehen und ein französischer Architekt war genau der Richtige.  Legeay war allerdings inzwischen schon in preußische Dienste übergewechselt und von Friedrich dem Großen für die Bauplanung von Potsdam zuständig. Für ein dauerhaftes Engagement in Ludwigslust stand er also nicht zur Verfügung. Also behalf sich Friedrich mit seinem Hofbildhauer Johann Joachim Busch, der schon mit Legay beim Ausbau des Jagdschlosses zusammengearbeitet hatte und auch auf dessen Pläne für die Grundstruktur des Schlossbezirks zurückgreifen konnte: eine deutlich billigere Alternative.

Grundstruktur der auf dem Reißbrett geplanten Residenz Ludwigslust ist die Nord-Süd-Achse, die Schloss (in der Mitte des Kartenausschnitts) und Hofkirche (im Kartenausschnitt unten) verbindet und nach Norden als Hofdamenallee durch den Schlosspark führt.

Blick vom Portikus des Schlosses auf das Standbild Friedrichs und über die Kaskade auf die Kirche

Die zuerst gebaute Hofkirche ist imgrunde ein einfacher Saalbau, dem aber eine tempelartige breite Fassade vorgesetzt ist. Ihre Einpassung in die Nord-Süd-Achse ist zwar ein Bruch mit der eigentlich gebotenen Ausrichtung einer Kirche nach Osten. Aber diese Verbindung zwischen Schloss und Kirche ist Ausdruck des Gottesgnadentums, das Friedrich für sich beanspruchte.   

Um den Kirchplatz herum entstanden streng symmetrisch angeordnet eingeschossige Fachwerkhäuser mit einheitlichen Grundrissen für Dienerschaft und Handwerker. 

Bedienstetenhäuser am Kirchplatz

Etwas gediegener, ja nobler geht es in der Schloßstraße zu, die, wie der Name schon andeutet, zum Schlossplatz hinführt. Die Bebauung ist auch hier symmetrisch gegliedert: Die Straße selbst bildet die Symmetrieachse für die einzelnen Häuser, die für den Hofstaat und den Adel bestimmt waren. Jedes Haus entspricht seinem Gegenüber in Breite, Höhe und Form. Jeweils vier der unverputzten Backsteinhäuser sind unter einem Dach zusammengefasst, daran schließt sich ein freier Platz mit einem einzelnen etwas zurückgesetzten Haus an. Diese Anordnung wiederholt sich mehrmals. Außergewöhnlich ist auch die Straßenbreite von 35 Metern: Damit kann die Ludwigsluster Schloßstraße durchaus mit den Pariser Boulevards mithalten. Der Boulevard Haussmann zum Beispiel hat „nur“ eine Breite von 30-33 Metern!

Wohngebäude am Anfang der Schloßstraße. Im Vordergrund eine Vase des Hofbildhauers Kaplunger auf der Schlossbrücke.

Das Schloss wurde dreigeschossig errichtet mit einem Mezzanin und einer hohen Attika.[3]

Die Hauptfassade des Schlosses mit einem betonten Mittelbau und einem Portikus.

Der Mittelbau auf der Gartenseite springt weit vor und wird eingerahmt von zwei Seitenflügeln. Für den Bau wurde der kostengünstige landestypische Backstein verwendet. Die dekorativen Fassaden sind allerdings mit Sandstein verkleidet, der aus Pirna/Sachsen importiert wurde.

Blick auf das Schloss von der Gartenseite.

Die Schlosskapelle im Erdgeschoss des Mittelbaus wurde später in einen Jagdsaal umgewandelt und dient heute als Café. Blickfang ist ein außergewöhnlicher Leuchter aus Geweihen des nordamerikanischen Weißedelhirsches.

Seine Herkunft ist nicht exakt bestimmbar. „Es ist aber durchaus möglich, dass einzelne Geweihe oder der Leuchter als Geschenk nach Ludwigslust kamen, hatte doch Herzog Friedrich (der sogenannte Fromme W.J.) 3000 mecklenburgische Soldaten für 50 000 Taler an den britischen König, Georg III., verkauft. Nur wenige Soldaten kehrten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach Mecklenburg zurück.“[4]

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die Vermietung bzw. der Verkauf von Landeskindern an England zur Bekämpfung der nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner war damals eine weit verbreitete Praxis von Fürsten deutscher Kleinstaaten, deren Luxusansprüche ihre finanziellen Ressourcen weit überstiegen. Aber selbst mit dem Soldatenhandel war das mecklenburgische Klein-Versailles nicht finanzierbar, zumal nach dem Siebenjährigen Krieg die Staatskassen leer waren. Der Verkauf von Holz und Sand reichte  bei weitem nicht. Trotzdem gelang es Friedrich, im Zentrum seines neuen Schlosses einen über zweistöckigen prächtigen „Golden Saal“ einzurichten: Er braucht einen Vergleich mit französischen Pendants nicht zu scheuen.[5] Wie war das möglich?

Des Rätsels Lösung: Papiermaché.  Mitte des Jahrhunderts bot Friedrichs Lakai Johann Georg Bachmann an, Papiermaché als Gestaltungsmaterial einzusetzen. Friedrich nahm das gerne auf, und es wurde in Ludwigslust eine entsprechende Manufaktur, die herzogliche Carton-Fabrique,  eingerichtet: Mit großen Mengen von Papierschnipseln, die aus den herzoglichen Aktenbeständen bezogen wurden, und Materialien wie Weingeist, Gips, Mehlkleister und Knochenleim  gelang die Imitation fast aller Materialien. Die genaue Rezeptur nahm Bachmann mit ins Grab. Und in der Manufaktur wurde durch strenge Kontrollen, Arbeitsteilung und die Androhung von Strafen dafür gesorgt, dass nichts nach draußen drang. Das Geheimnis des Ludwigsluster Cartons wurde also ähnlich gehütet wie das des Porzellans in Meißen oder der Versailler Spiegelgläser in Paris.

Immerhin stellte Papiermaché ein preiswertes Äquivalent für Marmor, Stein, Ton oder Holz dar. Der gesamte Raumschmuck des Goldenen Saals bis hin zu den Wandleuchtern besteht aus diesem Material.

Auch die prächtigen korinthischen Kapitelle im Goldenen Saal -er wird gerade renoviert: Papiermaché. (Foto: Juli 2024 Wolf Jöckel)

Das Motto: Mehr Schein als Sein gilt auch für die Hofkirche. Auch dort wurde Papiermaché reichlich verwendet.

Wandverzierungen….

…  Schmuck der herzoglichen Loge und Kassettendecke: alles Papiermaché.

Und das wunderbare Altarbild, mit 350 m2 das größte Europas, besteht aus Papiermaché-Platten.

Bei näherem Hinsehen ist das deutlich zu erkennen:

Dem Maler dieser entzückenden ländlichen Szenerie wurde es allerdings von seinem knauserigen Landesherrn wenig gedankt. So ersetzte er -etwas versteckt- seine Malersignatur durch eine arme Kirchenmaus…

Aber die Verwendung von Papiermaché beschränkte sich nicht nur auf die Ausstattung von Schloss und Kirche. Auch Kopien antiker Statuen wurden in der Carton-Fabrique hergestellt und zum Verkauf angeboten. Besonderer Beliebtheit erfreute sich etwa die Venus Medici nach dem Original in den Uffizien von Florenz.

Venus Medici aus Papiermaché, um 1790 [6]

Bachmann gelang es sogar, das Papiermaché wetterfest zu machen. Die 16 Büsten römischer Kaiser im sogenannten Kaisersaal des Schlossparks wurden also auch aus Papiermaché gefertigt. Sie haben dort immerhin 100 Jahre überdauert. Dann wurden die Büsten durch Schmuckvasen ersetzt, die es auch heute noch bzw. wieder gibt.

Johann Dietrich Findorff, „Der Kaisersaal im Park von Ludwigslust“  1767  (Ausschnitt)[7]

Vorbild des Kaisersaals von Ludwigslust war übrigens ausnahmsweise einmal nicht Versailles, sondern das Galerie-Gebäude von Schloss Herrenhausen bei Hannover. [7a]

Hannover-Herrenhausen Galeriegebäude, Innenansicht der Galerie, Kupferstich, um 1725, gestochen von Joost van Sasse, nach Zeichnung von Johann Jacob Müller

Wasser für Ludwigslust: Kanal und Kaskade

Wie Versailles geht auch Ludwigslust aus einem früheren Jagdschloss hervor. Und wie in Versailles bedeutete diese völlig neue Verwendung auch in Ludwigslust, dass erheblich größere Mengen an Wasser gebraucht wurden: Für eine große Zahl von nun dauerhaft hier ansässigen Menschen und für die Wasserspiele, die zu den unabdingbaren Elementen einer (spät-)barocken Residenz gehörten. Sowohl in Versailles als auch in Ludwigslust fehlte es aber vor Ort an entsprechenden Ressourcen. In Versailles war die Wasserversorgung ein massives Dauerproblem, in Ludwigslust wurde noch vor dem Bau des Schlosses  von 1756 bis 1760 ein etwa 28 Kilometer langer Kanal angelegt.

Der Kanal im Schlosspark von Ludwigslust

Hauptattraktion der Wasserspiele ist die am Schlossplatz gelegene große Kaskade aus Granitblöcken. Geschmückt ist sie mit drei Sandstein-Figurengruppen.

In der Mitte rahmen Allegorien der Flussgötter von Stör und Rögnitz, den beiden Flüsschen, die den Kanal speisen, das mecklenburgische Wappen ein.

Das Reh hinter dem Flussgott weist auf den Ursprung von Ludwigslust hin und den Reichtum an Wild in der Gegend, die das Flüsschen durchquert. Das kennt man auch von den entsprechenden Beigaben der Fluss-Skulpturen im Park von Versailles (Parterre d’Eau) – allerdings geht es da nicht um Stör und Rögnitz, sondern um Flüsse wie Seine und Marne, Rhône, Loire und Dordogne…[8]

Das gibt es nicht einmal in Versailles: das „ägyptische“ Friedhofstor

Ganz ungewöhnlich ist in mancherlei Hinsicht der Gottesacker von Ludwigslust. Zunächst wegen seiner Lage: Friedrich ließ nämlich den Friedhof der Residenz nicht, wie damals üblich, direkt bei der Kirche anlegen, sondern von ihr entfernt, wenn auch durch eine Blickachse mit ihr verbunden. Das hatte gemäß damaliger neuester Reformbestrebungen medizinische/hygienische Gründe. Der Ludwigsluster Friedhof ist damit einer der frühesten „Modellfriedhöfe“ des 18. Jahrhunderts. In Versailles dauerte es dagegen noch ein gutes Jahrzehnt, bis der König in einer „Erklärung über die Bestattungen“ vom 10. März 1776 ein grundsätzliches Verbot von Gräbern in der Nähe von Kirchen und Wohnungen erließ, womit Versailles in Frankreich zu den Vorreitern gehörte. In Paris wurde der großes Friedhof der Innocents erst 1786 geschlossen und erst während der Französischen Revolution wurde die Neuanlage von Friedhöfen extra muros, also außerhalb der Stadtgrenzen, für die Toten der Stadt beschlossen.

Ganz außergewöhnlich war (und ist) aber auch der Eingang zu diesem Friedhof. Er hat nämlich die Form von Pylonen, wie sie als Eingang zu Tempelanlagen im alten Ägypten üblich waren. Damit fiel „ägyptischer Herrscherglanz“ auf die Ludwigsluster Begräbnisstätte, die so mit Kirche und Schloss einen einzigartigen Dreiklang bildet. Und apropos Klang: Die Residenzkirche hatte ja keinen Glockenturm- der hätte zu der klassischen Fassade nicht gepasst. Also hatte Friedrichs Hofbaumeister Busch die findige Idee, die Kirchenglocken im oberen Teil der beiden Pylone zu installieren…

Und wie kam der heimische Steinmetz Busch, zum Hofbaumeister avanciert, zu den ägyptischen Pylonen? So wie er sein architektonisches Wissen aus der einschlägigen französischen Fachliteratur bezog, die Friedrich aus Frankreich mitgebracht hatte, so waren es in diesem Fall aller Wahrscheinlichkeit nach die Reiseberichte eines englischen Gelehrten und eines dänischen Marineoffiziers, die als Anregung dienten. Diese Berichte wurden Mitte des 18. Jahrhunderts mit Skzizzen der Tempelanlagen von Karnak und Luxor publiziert und sicherlich bei Hofe mit großem Interesse aufgenommen. Busch plante sogar, „die neue Kirche in Gestalt einer Pyramide zu erbauen, eine Entwurfsidee, die dann aber als zu gewagt ausgeschlossen wurde. Doch zumindest die Gestaltung des Friedhofs sollte an die Monumentalarchitektur dieses neu entdeckten altägyptischen Totenkultes erinnern.“[8a] Da kann Versailles einmal nicht mithalten: Es gab zwar dort schon früher Bezüge zum alten Ägypten, also noch vor der Ägyptomanie einer Marie Antoinette oder der napoleonischen Ära: zum Beispiel die beiden Sphingen am Parterre du Midi hinter dem Eingang zum Park, und Sphingen gab es auch in Paris, z.B. am Louvre, dem königlichen Schloss. Vielleicht haben auch die als Anregung gedient, mit einfachsten Mitteln, zunächst aus Holz, dann aus Back- und Feldsteinen, einen monumentalen „ägyptischen“ Bau zu errichten und damit wenigstens insofern dem bewunderten und natürlich völlig unerreichbaren Versailles doch Paroli zu bieten…

https://sculptures-jardins.chateauversailles.fr/notice/notice.php?id=207#hn

Auch das gehört zu Ludwigslust: Der Ehrenfriedhof für KZ-Opfer

Es gibt in Ludwigslust aber nicht nur diesen alten Gottesacker mit seinem „ägyptischen“ Eingang, sondern noch eine weitere Grabstätte, und zwar einen Ehrenfriedhof zwischen Kirche und Schloss.

Mahnmal des Ludwigsluster Künstlers Herbert Bartholomäus, 1951 (Wikipedia)

Auf ihm sind 200 Tote des Konzentrationslagers Wöbbelin bei Ludwigslust bestattet. Wöbbelin war ab Februar 1945 ein Außenenlager des KZ Neuengamme und diente ab Mitte April als Auffanglager für Transporte aus anderen Konzentrationslagern. In den zehn Wochen seiner Existenz starben von 5000 Häftlingen aus 25 Nationen etwa 1000 an katastrophalen hygienischen Verhältnissen, Hunger und Krankheiten.

Foto: Wolf Jöckel

Als US-Soldaten am 2. Mai das Lagergelände entdeckten, fanden sie mehr als 500 Tote auf dem Lagergelände. 200 von ihnen sind in einfachen namenlosen Gräbern hier bestattet.

Foto: Wolf Jöckel

Oudrys Galerie der Tiere

Nun aber ins Schloss, und dort zunächst in die Gemäldegalerie. Die gehörte zu einer standesgemäßen Residenz dieser Zeit, also gibt es sie auch in Ludwigslust, und nach erfolgter Renovierung sogar wieder im ursprünglichen Zustand, also  mit traditioneller Raumaustattung (natürlich aus Papiermaché) und Aufhängung. [9] Die Mecklenburger Herzöge interessierten sich besonders für holländische/flämische Malerie, die in der Galerie denn auch reichlich vertreten ist.

© Staatliches Museum Schwerin. Foto: Detlev Klose

Den einzigartigen Schwerpunkt der Sammlung bilden aber Werke des französischen Malers Jean-Baptiste Oudry. Oudry war ein international geschätzter Maler zur Zeit Ludwigs XV. Er erhielt Aufträge nicht nur vom französischen König, sondern auch vom russischen Zaren Peter dem Großen und der schwedischen Königin.  Vor allem als Maler von Tieren und Jagdszenen hatte er sich einen Namen gemacht hat. Aber auch als Direktor der Teppich-Manufaktur von Beauvais, der er viele Vorlagen lieferte, hatte  er großen Einfluss.[10]  Das Staatliche Museum Schwerin besitzt „mit 34 Gemälden und 43 Handzeichnungen die umfangreichste Oudry-Kollektion überhaupt.“[11]

Was hat es mit dieser besonderen Beziehung des Schweriner Hofes zu  Oudry auf sich? Ludwig XIV. hatte sich im Park von Versailles eine Menagerie mit seltenen Tieren eingerichtet, um auch auf diese Weise seine absolute Macht zu demonstrieren – was dann von anderen Fürsten nachgeahmt wurde. Die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin konnten sich aber derart aufwändige Einrichtungen nicht leisten. „Sie taten das Nächstbeste“, und ich zitiere nachfolgend aus dem wunderbaren Buch: Oudrys gemalte Menagerie, „sie kauften Portraits jener Tiere, die in der berühmten  Versailler Menagerie gehalten  wurden. Dieser Bilder waren zudem ursprünglich als Geschenk für König Ludwig XV. in Auftrag gegeben und von einem berühmten Tiermaler geschaffen worden, der für den französischen König arbeitete und auch in Deutschland bekannt war – Jean-Baptiste Oudry.“ [12]

Oudry hatte eine seit langem bestehende Beziehung zu den Herzögen von Schwerin – Herzog Christian Ludwig kaufte 1732 für sein Jagdschlösschen Ludwigslust die ersten Bilder des französischen Tiermalers. 1738 kam Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg, der Erbauer der Residenz Ludwigslust, auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa selbstverständlich auch nach Paris, wo er Oudry kennenlernte. Danach reiste er nach Angers weiter, wo er ein Jahr lang die dortige Ritterschule besuchte. Danach kam Friedrich wieder nach Paris und blieb auch dort ein Jahr. Oudry zeigte dem jungen Prinzen die Stadt, nahm ihn mit zu Künstlerateliers, zeigte ihm die Sorbonne  und die Gobelin-Tapisseriemanufaktur und malte sein offizielles Portrait. Ursprünglich plante Christian Ludwig, dass sein Sohn von dem angesehensten Maler in Paris, Hyacinthe Rigaud, portraitiert werde, dem Portraitisten des Sonnenkönigs.  Aber der verlangte zu viel für seine Bilder, während Oudry ein kostengünstigeres Angebot machte. Am 18. Mai 1739 berichtet Friedrich seinem Vater, dass sein Bildnis fertig und „wie alle Leute sagen sehr wohl getroffen“ sei.[13] Friedrich ist, passend zu seiner Ausbildung auf der Ritterschule in Angers, in Ritterrüstung dargestellt.

Oudry, Bildnis Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg 1739 (Ausschnitt)[14]

1750 kam Friedrich erneut nach Paris, diesmal mit seiner Frau und Schwester. Er besuchte Oudry in seinem Atelier. Dort sah er eine Serie von Tierbildern, die Oudry in der Versailler Menagerie gemalt hatte, die „Menagerie-Serie“, und erreichte, dass ihm sein Vater schließlich das erforderliche Honorar nach Paris überwies. Oudry hatte die großformatigen Bilder im Auftrag des Leibarztes Ludwigs XV., La Peyronie, gemalt.  Nach dem Tod Peyronies waren sie im Atelier Oudrys verblieben. [15]

Der Erwerb dieses Tierzyklus beruht wohl auf einer „Kombination aus Geldmangel und bereits bestehender Beziehung zu Oudry. …. Die Tatsache, dass dieser Zyklus anfänglich für den französischen König bestimmt war, machte ihn umso attraktiver. Durch den Kauf der Bilder befriedigten die Herzöge von Schwerin mehrere Bedürfnisse und Ambitionen gleichzeitig: Sie folgtem dem Vorbild des französischen Hofes, indem sie ihre Gemäldegalerie erweiterten; sie förderten den gleichen Maler und stellten die gleichen exotischen Tiere zur Schau. So erzeugten sie fürstlichen Glanz und das für einen Bruchteil der Kosten, die der Besitz seltener lebendiger Tiere verursacht hätte. Natürlich waren gemalte Tiere nicht ganz so wunderbar, aufregend und beeindruckend wie lebende, aber durch Oudrys Gemälde wurden sie lebendig. Seine Tierportraits erlaubten den Herzögen  von Mecklenburg, die lange Geschichte der fürstlichen Tiersammlungen fortzuführen, die Macht, kultivierte Bildung und Herrschaft über Natur und Länder symbolisierten.“[16]

Vier dieser Portraits werden nachfolgend vorgestellt.

Foto: Wikipedia

Dass die Tiere in den Gemälden Oudrys lebendig wurden, zeigt das Bild dieses Leoparden, der gerade sein Pendant, eine Leopardin, anfaucht und zu beeindrucken sucht. Oudry gelingt es, die Kraft und Energie des Tieres anschaulich zu machen: Der Schweif, in voller Bewegung, scheint geradezu die Bildfläche zu durchbrechen. In seinen Bildern entsteht eine „intime Nähe zu exotischen, gefährlichen Tieren, die normalerweise durch Zäune, Glasgehege, Wassergräben, Menschenmengen verhindert wird.“ [17] Der gemalte Leopard Oudrys ist sicherlich eindrucksvoller als ein in einem engen Menagerie-Gehege eigesperrtes lebendes (und wohl auch leidendes) Tier.

Foto: Wolf Jöckel

Ganz anders als die wilde Raubkatze portraitiert Oudry die Antilope, die zu den ersten Bildern seiner Menagerie-Serie gehört. Es ist eine in Vorderindien beheimatete Hirschziegenantilope. Ruhig und anmutig schaut sie in die weite Gebirgslandschaft. „Oudrys Darstellung der Antilope entspricht der eines Fürsten, der sich gelassen und selbstverständlich vor seinem Land portraitieren lässt.“[18]

Der Kasuar ist sicherlich der exotischste Vogel der Menagerie, den Oudry portraitierte.[19] Es handelt sich um einen vor allem in Neuguinea verbreiteten Laufvogel, der um 1600 zum ersten Mal von der holländischen Ostindischen Kompanie nach Europa eingeführt wurde. 1671 konnte dann auch der Sonnenkönig eines der seltenen Exemplare den Besuchern seiner Menagerie vorführen.[20] Oudrys Kasuar wurde 1745 im Salon ausgestellt und wie folgt beschreiben.: „Er hat weder Zunge noch Schwanz noch Flügel; er verschlingt ungerührt alles, was man ihm gibt, sogar bis hin zur glühendsten Kohle, er zerschlägt das Bein eines Mannes mit seiner Klaue.“[21]  Dass der hauptsächlich von Früchten lebende Kasuar glühendste Kohle verschlingt, ist sicherlich effekthascherischer Unsinn, gefährlich werden kann er mit seinen dolchartigen Krallen aber durchaus.[22]  Und so verleiht Oudry dem Vogel durch eine leichte Untersicht „einen monumentalen und auch bedrohlichen Charakter.“[23]

Foto: Wolf Jöckel

Oudrys Portrait eines – heute in freier Wildbahn ausgestorbenen- Atlaslöwen ist mit seiner Größe von 307×258 cm nach dem Rhinozeros  „Clara“ vom Schweriner Schloss das zweitgrößte Gemälde der mecklenburgischen Oudry-Sammlung und das größte in Ludwigslust. Um die ungewöhnlichen Maße unterzubringen, benutzte der Maler zwei zusammengenähte Leinwandbahnen. Löwen gehörten schon seit jeher als Symbol der Stärke und des Stolzes zur Grundausstattung adliger Menagerien.[24] Selbstverständlich war für sie auch ein Platz in der Versailler Menagerie eingerichtet. Oudry portraitierte den Löwen als mächtigen Herrscher des Tierreichs und damit gewissermaßen als tierisches Pendant des Selbstbildes eines absoluten Herrschers, dem zu unterwerfen man wohl beraten ist…    

Oudry lieferte übrigens nicht nur Tierbilder nach Schwerin bzw. Ludwigslust, sondern er fungierte auch als Agent bei der Bestellung französischer Produkte für die herzogliche Residenz. Dazu gehörten beispielsweise Bücher, Kupferstiche, aber auch Möbel, feines Geschirr, Küchenutensilien, Toilettenartikel und Seidenstrümpfe für die Prinzessin. Sogar eine „chaise percée de commodité“, also ein Nachtstuhl, wurden mit Oudrys Vermittlung nach Mecklenburg expediert. Oudry wurde auch engagiert bei der Beschaffung von Gipsabgüssen antiker Figuren. Das stellte ihn allerdings vor unerwartete Probleme, weil der strenggläubig Protestant Christian Ludwig II. und erst recht sein pietistischer Sohn Friedrich, auch „der Fromme“genannt, keine nackten Statuen zu sehen und erst recht nicht zu kaufen wünschten. Da half es auch nicht, dass Oudry darauf hinwies, König Ludwig XV. habe „immer nur schöne nackte Figuren der Antike zu Studienzwecken … gießen lassen.“ [24a] Herzog Friedrich hätte sich wohl im Grabe umgedreht, wenn er mitbekommen hätte, dass bald nach seinem Tod die -natürlich- nackte Venus in seiner Papiermaché-Manufaktur hergestellt und ein Verkaufsschlager werden würde….

Die Portraitbüsten von Jean-Antoine Houdon

Jean-Antoine Houdon war einer der bedeutendsten Bildhauer des 18. Jahrhunderts, für manche Kenner wie Kornelia von Bersworth-Wallrabe, die langjährige Direktorin der Schweriner Museen, sogar der bedeutendste. Houdon wird gerne als Bildhauer der Aufklärung bezeichnet,  weil er eindrucksvolle Standbilder und Büsten der großen Gestalten dieser Zeit wie Voltaire, Diderot und Rousseau schuf. Unser Bild des verschmitzt lächelnden Voltaire, wie wir es etwa aus dem Pantheon oder der Bibliothèque Nationale kennen, wurde von Houdon geprägt. Die Portraitbüsten Houdons waren auch international gefragt –in Russland, wo er eine Büste Katharinas der Großen anfertigte, selbst in den USA, in die er eingeladen wurde, um George Washington zu portraitieren. Auch an deutschen Residenzen war Houdon gefragt; vor allem in Gotha/Thüringen. Dort war Houdon sogar zweimal zu Gast, 1771 und 1773, um über Aufträge zu verhandeln und Mitglieder des herzoglichen Hauses zu porträtieren. Bei dieser Gelegenheit traf natürlich auch die Tochter des Gothaer Herzogs, Louise von Sachen-Gotha- Roda, den Bildhauer.[25] Kein Wunder also, dass sie 1882, inzwischen verheiratet mit dem Mecklenburger Erbprinzen Friedrich Franz, auf dessen Grand Tour nach Holland, England und Frankreich dem Atelier Houdons in Paris einen Besuch abstatteten. Ein Begleiter des Erbprinzenpaar schrieb dazu:

Wir „gingen gemeinsam zu M. de Houdon, dem berühmten Bildhauer , der noch dazu gerade  eine hervorragende Statue für die Wandelhalle der neuen Comédie Française vollendet hatte“ (also ganz offensichtlich die berühmte Statue des auf einem Imperatorensessel  thronenden Voltaire). „Die  Hoheiten sahen dort mehrere Büsten ihnen bekannter Personen und waren derart überrascht über deren Ähnlichkeit, dass sie sich sofort entschlossen, die ihren (Büsten) ebenfalls anfertigen zu lassen.“[26]

Hier links die Büsten der Erbprinzession Louise und rechts des Erbprinzen Friedrich Franz. Bei Gelegenheit dieses Besuches bestellte das Paar auch gleich noch weitere Büsten, so dass das Staatliche Museum Schwerin heute über einen Sammlungsbestand von 15 Portraitbüsten verfügt, „Stücke von höchster Qualität und Seltenheit“, die zwischen 1770 und 1792 angefertigt wurden und  „einen repräsentativen Einblick in sein Werk“ geben.[27]  Mehrere davon sind in Ludwigslust ausgestellt.

Da gibt es -natürlich- eine Büste des alten Voltaire. Kurz vor dessen Tod am 30. Mai 1878 in einer Modellsitzung geformt und nach Voltaires Tod anhand der von Houdon abgenommenen Totenmaske überarbeitet. Voltaire ist hier mit seinem typischen ironisch-verschmitzten Lächeln mit Perücke dargestellt.

Houdon stellte auch Büsten „klassischer“ Franzosen dar. So die von Molière als jungem Mann – auf dem ersten Bild dieses Abschnitts links hinter dem Erbprinzen- und die des Fabeldichters Jean de la Fontaine.

Aus dem Bildnis de la Fontaines spricht „die Weisheit und Gebrechlichkeit des Alters. … Die bei Houdon übliche Ausbohrung der Iris intensiviert den lebendigen Ausdruck des Dargestellten.“[28] De la Fontaines passt auch insofern gut in die Schweriner Sammlung, weil seine Fabeln von Jean Baptiste Oudry illustriert wurden. Insofern gibt es eine Beziehung zwischen den beiden Schweriner „Schwergewichten“, Oudry und Houdon.

Chr.W.Gluck (Ausschnitt). Foto: Wolf Jöckel

Die (nicht nur für mich) beeindruckendste der Ludwigsluster Büsten Houdons ist die des Komponisten Christoph Willibald Gluck aus dem Jahr 1775. (Im obigen Bild der vier Büsten neben Moliere und zwischen dem Erbprinzenpaar). Es ist auch die, die den Ruhm des jungen Bildhauers begründete. Gluck lebte und wirkte damals in Paris. Er revolutionierte die zeitgenössische Opernpraxis, indem er für eine an den Ideen der Aufklärung orientierte Reform eintrat. 1774 fanden in Paris triumphale (Ur-) aufführungen seiner Opern „Iphigenie in Aulis“ und „Orpheus und Euridike“  statt. „Jean-Antoine Houdon zeigt den enthusiastisch Gefeierten ohne Perücke, mit ungeordnetem Haar und leicht geöffneten Mund in einem kühnen strahlenden Antlitz. Houdon wagt es, die Pockennarben nicht zu vertuschen, sondern sie mittels skizzenhafter Behandlung von Gewandung und Haar unlösbar in den Gesamteindruck einzubinden.“ Die wahrhafte Wiedergabe des Menschen markieren den Triumph der Persönlichkeit über die Konvention:[29]  Ein impressionistisch-gegenständliches Bildnis, das man mit Rodin in Verbindung gebracht hat und das Houdon den Rang eines Vorläufers der modernen Plastik verliehen hat.[30]

Die Schweriner Herzöge hatten allerdings nicht genug Geld, um -wie Katharina  die Große- ihre Houdon-Plastiken aus Marmor anfertigen zu lassen, oder gar in Bronze gießen zu lassen. Es handelt sich um Versionen in Gips bzw. Terracotta, was allerdings ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Auch für die berühmteste Statue Houdons, die sog. Frierende, La Frileuse, reichte das Geld offenbar nicht. Diese Statue ist eigentlich die Allegorie des Winters in einer Reihe der vier Jahreszeiten. Ursprünglich stand neben dem frierenden jungen Mädchen eine vom Frost gesprengte Vase, was aber auch zu anderen Deutungen Anlass gab: Die zerbrochene Vase -wie der zerbrochene Krug bei Kleist- als Symbol der verlorenen Jungfräulichkeit. In späteren Versionen verzichtete Houdon auf die Vase, so dass die Statue ganz unschuldig ihren erotischen Reiz entfalten kann: ein junges Mädchen mit einem um Kopf und Oberkörper geschlungenenTuch nur halbwegs verhüllt: „Schönheit pur“.[31]

Da hatte man in Schwerin eine geniale Idee: Nur drei  Jahre nachdem Houdon von der Statue einen Bronzeabguss gefertigt hatte (1787), wurde die Figur in das Sortiment der Ludwigsluster Cartonfabrik aufgenommen, was auch in dem in adligen Kreisen weit verbreiteten Intelligenzblatt des Luxus und der Moden annonciert wurde: „Eine weibl. Nackte Fig. So aus dem Bade kömt“. Dank der verwandtschaftlichen Beziehung der Mecklenburger Herzöge gelangten auch Papiermaché-Versionen der Frierenden nach Weimar und Gotha, aber auch in Frankreich, Holland und den USA gibt es  entsprechende Exemplare…[32]

Auch in Mecklenburg: Der napoleonische Kunstraub

In der Ludwigsluster Gemäldegalerie hängt auch ein Bild des niederländischen Malers Abraham Hondius aus dem Jahr 1670: Hunde jagen einen Schwan aus seinem Nest. Niederländische Malerei war in der Gemäldesammlung der Schweriner Herzöge reichlich vertreten. Friedrichs Vater und Friedrich selbst hatten nämlich auf ihrer Grand Tour, die auch eine Einkaufstour für Kunst war, in Holland große Bestände niederländischer Gemälde erworben. [33] Auf die hatte es Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, besonders abgesehen, als er im März 1807, kurz nach der preußischen Niederlage bei Schwerin und der Besetzung der Stadt durch französischen Truppen, die Bestände der herzoglichen Kunstsammlung besichtigte. Und er wurde fündig: Insgesamt 209 Gemälde, über 106 kunsthandwerkliche Objekte, dazu chinesische Vasen und Manuskripte wählte er aus, die nach Frankreich überführt wurden; für das im Louvre eingerichtete musée Napoléon und andere Museen; aber auch die anspruchsvolle Kaiserin Joséphine, „S.M. l’Imperatrice“ wurde bedacht.  Zum Beispiel wählte Denon kostbare Elfenbeinschnitzereien für sie aus. Am Jahrestag der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wurde im Musée Napoléon (dem späteren Louvre-Museum) eine große Ausstellung der Raubkunst eröffnet, damit „die Franzosen, indem sie das ruhmreich vom Feinde Erbeutete bewundern, gleichzeitig ihren ehrenden Respekt und ihre Dankbarkeiit an den Helden richten können, dem der Sieg die Werke zu Füße legte.“[34] Von den 209 erbeuteten Schweriner Gemälden wurden etwa 70 bei dieser Ausstellung präsentiert. Nach der Niederlage Napoleons mussten die konfiszierten Werke weitgehend wieder zurückgegeben werden, auch das entzückende Gemälde Hondius‘.

Ein Objekt der Raubkunst war übrigens auch Oudrys oben abgebildetes Portrait des Erbprinzen Friedrich. Es „gelangte 1806 unter Napoleon nach Frankreich“, wie es im Schweriner Katalog der Werke Oudrys und Houdons in einer Fußnote rücksichtsvoll umschrieben wird. Als einziges Schweriner Beutekunst- Gemälde kehrte es 1815 nicht wieder nach Schwerin zurück und befindet sich noch heute im Louvre. Im aktuellen Katalog des Pariser Museums wird angegeben, das Bild sei „1755 auf der Nachlassauktion Oudrys in Paris“ erworben worden…[35] 

Literatur

Jean-Baptiste Oudry/Jean-Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung. Sammlung Staatliches Museum Schwerin.  Katalog der gleichnamigen Ausstellung vom 26. Mai bis zum 20. August 2000

Kornelia von Berwordt-Wallrabe (Hrsg), Oudrys gemalt Menagerie. Portraits von exotischen Tieren im Europa des 18. Jahrhunderts. Staatliches Museum Schwerin/Deutscher Kunstverlag 2008

Eva Firzlaff, Barockes Kunstwerk Schloss Ludwigslust. Paradebeispiel für Papiermaché.  https://www.deutschlandfunk.de/barockes-kunstwerk-schloss-ludwigslust-paradebeispiel-fuer-100.html

Thorsten Knuth, Kunstraub/Raubkunst. Fälle der Provenienzforschung in den Schweriner Museen. 2014Staatliches Museum Schwerin/Ludwigslust/Güstrow

Jörg-Peter Krohn, Schloss Ludwigslust. Großer DKV-Kunstführer. Berlin/München 2016

Norbert Leithold „Ludwigsluster Papiermaché“ Tauchaer Verlag, Leipzig 2024

Hilke Maunder, So viel Frankreich steckt in Schwerin. https://meinfrankreich.com/schwerin/ Dies ist eines der interessanten und kurzweiligen 26 Städteportraits aus: So viel Frankreich steckt in Deutschland. Magenta-Verlag Kempen 2020. [36]

Christiane Rossner, Kaum zu glauben: alles Pappe! Schloss Ludwigslust hat sich ein prachtvolles Denkmal aus Papiermaché gesetzt. In: Monumente April/2012  https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2012/2/kaum-zu-glauben-alles-pappe.php


Anmerkungen

[1]Siehe zum Beispiel:  https://de.storiamundi.com/98/schloss-ludwigslust-das-versailles-des-nordens

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigslust

https://www.magazin-forum.de/de/das-mecklenburgische-versailles

„Das kleine Versailles des Nordens“: https://museen.de/museum-schloss-ludwigslust.html

[2] Zit. Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 7

[3] Nachfolgendes Bild aus: https://www.magazin-forum.de/de/das-mecklenburgische-versailles

[4]  Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 30

[5] https://gutshaeuser.de/de/schloesser/schloss_ludwigslust

[6] Bild aus: Staatliches Museum Schwerin, Schloss Ludwigslust. 1997, S. 43

[7] Die Grafik gehört zu einer Sammlung von acht Abbildungen aus dem Park von Ludwigslust. Ursprüngliche Beschriftung: Der Keyser Saal, in den Holtz von Ludwigslust. La Salle des Empereurs, dans le Bois de Ludwigslust. https://nat.museum-digital.de/object/833703?navlang=de

Bild aus: https://www.svz.de/lokales/ludwigslust/artikel/zwischen-steinerner-bruecke-und-moench-40327339

[7a] Ich danke Herrn Ulrich Schläger für diesen Hinweis und für die Zusendung der Herrenhausen-Abbildung. Er bezieht sich dabei auf die Arbeit von Ellen Suchezky »Die Abguss-Sammlungen von Düsseldorf und Göttingen im 18. Jahrhundert  – Zur Rezeption antiker Kunst zwischen Absolutismus und Aufklärung«; de Gryter, Berlin/Bosten, 2019; hier S. 219 ff, insbes. S. 222 & 223.

[8] https://www.histoires-de-paris.fr/statues-fleuves-versailles/

[8a] Aus der neben dem Friedhofseingang angebrachten Informationstafel. Dort auch die Radierung von Findorff, die den 1765 errichteten ersten hölzernen Bau zeigt.

[9] https://www.ndr.de/ratgeber/reise/mecklenburg/Schloss-Ludwigslust-Eine-Reise-ins-Barock,ludwigslust163.html

[10] Siehe https://www.getty.edu/art/collection/person/103JYQ

[11] Staatliches Museum Schwerin, Schloss Ludwigslust. 1997, S. 38

[12] Oudrys gemalte Menagerie, S. 71

[13] Zit. Aus: Jean-Baptiste Oudry/Jean Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung, S. 32

[14] Aus: Jean-Baptiste Oudry/Jean Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung, S. 32

[15] Siehe: Krohn, Schloss Ludwigslust, S. 50

[16] Oudys gemalte Menagerie, S. 73

[17] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 123

[18] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 140

[19] https://www.meisterdrucke.fr/fine-art-prints/Jean-Baptiste-Oudry/544486/Casoar.html

[20] Siehe: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/

[21] Zit. Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S.144

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuare

[23] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 144

[24] Oudrys gemalte Menagerie, Tafel 12

[24a] Zitiert Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung

[25] Thüringer Landesmuseum Heidecksburg,  Jean Antoine Houdon: Louise von Mecklenburg-Schwerin, geb. Herzogin von Sachsen-Gotha. 1782   https://nat.museum-digital.de/object/15310?navlang=de

[26] Zit. Vermächtnis der Aufklärung, S. 191 Nachfolgendes Bild: https://www.pinterest.de/pin/93660867237446432/

[27] (Krohn, Schloss LudwWir igslust, S. 51)

[28] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 188

[29] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 174

[30] Günter Baumann, Der Aufklärer Jean-Antoine Houdon als Vorläufer der modernen Plastik – Eine kleine Bücherschau https://www.portalkunstgeschichte.de/meldung/der_aufklaerer_jean_antoine_houd-3445.html

Rodin war ein großer Bewunderer der Portraitkunst Houdons. Siehe: https://www.musee-rodin.fr/ressources/processus-de-creation/portraits-sculptes

[31] Bild aus: https://www.portalkunstgeschichte.de/meldung/der_aufklaerer_jean_antoine_houd-3445.html

Zitat aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Houdon_Frileuse_Ludwigslust.jpg

[32] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 200

[33] Everhard Korthals Altes, The Art Tour of Friedrich of Mecklenburg-Schwerin. Netherlands Quarterly for the History of Art. 31,3 (2004/2005, S. 216ff

[34] Zit. Kunstraub/Raubkunst, S. 50

[35] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, Fußnote 5, S. 33

[36] Dazu eine kleine aktuelle Ergänzung: Maunder schreibt in ihrem Beitrag über Schwerin: „Zu den wenigen Franzosen, die in Schwerin leben, gehört Pierre Congard. Der Bretone, der 1993 Brest gegen Schwerin tauschte, begeistert seitdem die Mecklenburger für den asiatischen Kampfsport Aikido.“ Inzwischen hat das Schweriner Staatsstheater sogar eine französische Operndirektorin, Judith Lebiez! Vive l’amitié franco-allemande!

Infinite woman: Eine Ausstellung der Fondation Carmignac auf der Insel Porquerolles (Jahresausstellung 2024)

Eine Ausstellung der Fondation Carmignac auf Porquerolles zu besuchen, ist für uns immer eine große Freude:

Die Bootsfahrt von der presqu’île de Giens nach Porquerolles…

Die wunderbare Lage der Villa inmitten von Olivenbäumen und Weinbergen mit Blick auf das Meer…

 © Fondation Carmignac Foto: Johan Glorennec

….die freundliche Begrüßung am Eingang mit einem für jede Ausstellung neu konzipierten Getränk…

… der große Garten mit seinen Kunstwerken und alten Olivenbäumen (und neben einem feinen Restaurant auch einem foodtruck mit Tischen, Bänken und Liegestühlen mit Blick auf die drei Alchimisten von Jaume Plensa) …

… das Wiedersehen mit wunderbaren Kunstwerken, die dauerhaft im Ausstellungsgebäude ihren Platz haben wie der hundert Fische-Brunnen von Bruce Neuman…

…. oder das grandiose Unterwasserpanorama von Miquel Barceló…

Und besonders freut man sich, wenn man Tony Matellis allen Widrigkeiten trotzendes Pflänzchen findet, das sich jedes Jahr eine neue Ritze zwischen Wand und Boden gesucht hat.

Tony Matelli, Weed 389 (2017) 

Und natürlich ist man gespannt auf die Ausstellung mit ihrem vieldeutigen und vielversprechenden Namen: The Infinite Woman und dabei besonders auf die Gestaltung des grandiosen zentralen Raums, der beleuchtet wird von dem Sonnenlicht, das sich in der Wasserfläche über dem Glasdach bricht. Dieser Raum lädt dazu ein, sozusagen die Quintessenz der jeweiligen Ausstellungen zu präsentieren: 

Bei der Jahresaussstellung 2021, in der es um Leben und Tod ging, war es das Skelett eines Wals, das aber gleichzeitig die Grundlage für neues Leben ist.

Bei der Odysseus- Jahresausstellung 2022 war es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Diesmal füllt eine große Spinne von Louise Bourgeois den Raum mächtig aus.

Einerseits ist dieses Werk eine Hommage an ihre Mutter, die in Paris als Restauratorin von Tapisserien arbeitete, und so, wie die Spinnen, immer wieder Gewebe erneuerte. Daran beziehen sich die Nadeln in einem der Spinnenbeine.

Andererseits ist die Spinne für Louise Bourgeois ein übergeordnetes Symbol für die unendliche Geschichte des Lebens, dessen Prinzip es ist, sich immer wieder zu erneuern: das ist ebenso tröstlich wie auch bedrohlich, denn es gibt keine Möglichkeit, diesem ewigen Zyklus zu entkommen.[1]

Der Aspekt des Bedrohlichen wird in der Ausstellung unmittelbar erfahrbar: Der Besucher kann den Raum zwischen den Spinnenbeinen durchqueren, auch unter dem schweren Körper der Spinne stehen  bleiben, der über einem schwebt – ich musste da unwillkürlich an die Drohnen der aktuellen Kriege denken…

Und bedrohlich erscheinen auch die spitzen Spinnenbeine, vor allem das eine als Haken geformte …

In der Konzeption der Ausstellung ist die Spinne aber zuallererst „ein Symbol weiblicher Kreativität“, indem sie mit ihrem eigenen Körper einen Faden spinnt. Platziert in der zentralen Galerie der Villa Carmignac wird sie damit zu einer „Schlüsselfigur der Ausstellung:  Sie spinnt ein Netz von Geschichten, deren Protagonisten die Frauen sind.“[2]

Die die Spinne umgebenden offenen Wände sind, eine Auftragsarbeit der Fondation Carmignac für diese Ausstellung, von der schottischen Künstlerin France-Lise McGuns mit bunten Fresken in Pastellfarben bemalt. Es sind Darstellungen befreiter und ineinander verwobener Frauen,  die „sich auf die Malerei der Renaissance, die Antike sowie die Popkultur“ beziehen und „sich mit Sexualität, Ekstase, Verlangen und Mutterschaft auseinandersetzen.“ Insgesamt ergibt sich „so ein prächtiges Gesamtporträt emanzipierter, fröhlicher und erotischer Frauen.“[3]

Hier sieht man die Spiegelung der Wasserfläche auf dem Glasdach über der zentralen Ausstellungsgalerie. Das macht die Fresken McGuns noch lebendiger. Naheliegend also, sie als Motiv für das Ausstellungsplakat und den Katalog zu verwenden.

Vom darüber liegenden Erdgeschoss aus kann man -durch die Wasserfläche hindurch- auch einen ersten sonnenglitzernden Blick auf die Fresken und auf den weiblichen Torso werfen, der -ähnlich der antiken Karyatiden- zumindest ein Stück weit einen der Pfeiler ersetzt: Die Frau als Trägerin schwerer Last – eine Facette des Spinnennetzes von Geschichten, das die Ausstellung präsentiert.

Der Titel der Ausstellung  Infinite Woman verweist nach den Worten der Kuratorin auf „Vorstellungen von Vielfalt und Pluralität und argumentiert auf einfache, aber eindrucksvolle Weise, dass die Kategorie „Frau“ jenseits jeder Definition liegt und immer Komplexität verkörpert. …  Der Titel stellt auch strenge Definitionen von Geschlechterkategorien in Frage und plädiert dafür, die Definition von „Frau“ um neue Möglichkeiten zu erweitern. “ [4]  Die Infrage-Stellung traditionelle Rollenmuster und sexueller Normen ist ein eindeutiger Schwerpunkt der Ausstellung, das schöpferische Potential von Frauen wird eindrucksvoll vor Augen geführt. Es sind also vor allem Künstlerinnen, die in der Ausstellung präsentiert werden. 

Die im Titel der Ausstellung proklamierte Grenzenlosigkeit setzt allerdings voraus, dass vorhandene Fesseln gesprengt, und Grenzen überwunden werden müssen. Dementsprechend werden mehrere Arbeiten präsentiert, die sich mit Fesseln und Grenzen beschäftigen.

Ein Beispiel dafür ist das nachfolgende, in der Ausstellung präsentierte Gemälde Giving Birth to a Mortar, eine Arbeit der aus dem Irak stammenden und in Amerika lebenden Künstlerin  Hayv Kahraman aus dem Jahr 2021.

Man hat die Arbeiten Karamans als Orte des Widerstands gegen Unterdrückung, vor allem der Unterdrückung von Frauen, beschrieben. [5] Hier zeigt sie zwei Frauen, die in einem Netz von Tauen gefangen sind, die aus männlichen Geschlechtsteilen zusammengesetzt zu sein scheinen. [6] Eine Frau mit einem Heiligenschein-ähnlichen Kopftuch bringt gerade eine Granate zur Welt – die andere assistiert. Das Bild thematisiert damit die Unterdrückung von Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft und ihre tragische Rolle in Kriegen: Ohne es zu wollen, werden Frauen Teil der Kriegsmaschinerie.

Um den Kampf gegen staatliche oder religiöse Bevormundung geht es in Roy Lichtensteins Bild Refections on Jessica Helms aus dem Jahr 1990.

Das Bild bezieht sich auf damalige Bestrebungen des ultrakonservativen amerikanischen Politikers Jesse Helms, im Namen der Moral Kunstwerke zu zensieren.  Dazu im Katalog der Ausstellung: 

„Der Körper der Frauenfigur in Reflexions on Jessica Helms wird seiner Sexualität beraubt und verweist damit auf die Zensur des erotischen Vergnügens von Frauen“.  Bemerkenswert übrigens, dass bei Lichtenstein nicht nur, wie bei der klassischen Venus pudica, auf die er sich mit seiner Darstellung direkt bezieht, Schoß und Brüste bedeckt sind, sondern auch der Kopf. Auch auf ihn zielt die angestrebte Zensur…

Aus einem muslimisch geprägten Land, nämlich Ägypten, stammt auch die Künstlerin der beiden nachfolgend abgebildeten Arbeiten.

Der Titel dieses Geflechts aus bunten Fäden Les Grand Nymphéas bezieht sich auf das Seerosen-Panorama Monets in Paris, aber auch  auf die Nymphen der antiken Sagenwelt.[7] Um solche jugendlichen Mädchengestalten in dem Fädengewirr zu entdecken, muss man allerdings näher herangehen und sehr genau hinsehen.

Ich sehe in diesen „Nymphen“ auch eine Metapher der verborgenen, verschleierten Existenz von Frauen in Ländern wie -nicht nur- Iran und Afghanistan und den Ausdruck des Traums ihrer Befreiung von staatlicher und religiöser Bevormundung … 

Auf die aktuelle internationale Me too-Bewegung gegen die Tabuisierung männlicher Gewalt gegen Frauen bezieht sich die nachfolgende Arbeit von Ghada Amer. Ihr Ausgangspunkt ist ein Zitat aus der Schrift der feministischen afro-amerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde:  The Transformation of Silence into Language and Action aus dem Jahr 1977:

„My silences had not protected me. Your silence will not protect you [8]

Diese Worte sind nach dem Verständnis der Ausstellungsmacherinnen ein Protest gegen „die anhaltende Ausbeutung von Frauen“; dass die Worte nur schwer lesbar sind, verstehen sie als Anklage gegen die Unterdrückung jeglicher Sichtbarmachung dieser Ausbeutung. Im aktuellen Kontext von MeToo und der Aufhebung des für alle amerikanischen Bundesstaaten geltenden Rechts von Frauen auf Schwangerschaftsabbruch, sei die Arbeit von Amer ein Aufruf, gemeinsam die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die nach wie vor Frauen in der ganzen Welt zugefügt werden.

Vor allem aber werden in dieser Ausstellung Frauen in vielfältigen Formen der Grenzenlosigkeit gezeigt. Da gibt es eher traditionelle Darstellungen wie die verspielte Frau Picassos:

Pablo Picasso, femme nue couchée jouant avec un chat, 1964 (Ausschnitt)   

…die verführerische Frau Roy Lichtensteins:

… Judy Chicagos an Courbets „Ursprung der Welt“ erinnernde Darstellung der schöpferischen Kraft der Frau:

Judy Chicago, Childbirth in America: Crowning Quilt 7/9, 1982

Laure Prouvosts aktuelle Version von Hokusais The Dream of  the Fisherman’s Wife aus dem Jahr 1814 [9]– eine Glasmalerei, wie man sie von Kirchenfenstern kennt, aber keineswegs heilig und züchtig:

 Laure Prouvost (Frankreich), Holding as one stain glass fragments, 2020

… die kriegerischen Sirenen der Unterwasserwelt Chioma Ebinamas:

Während sich zwei noch -links unten- die Haare frisieren, attackieren die anderen ein Pferd mit weißer Mähne und weißem Schweif: das Pferd des Südstaatengenerals Robert E. Lee…

Chioma Ebinama (USA), Piscean Dream IV,  2024

… das bedrohliche Mischwesen der Rumänin Andra Ursuţa:

Andra Ursuţa, Predators ‘R Us. 2020

Und dann gibt auch Werke, die sich mit der Auflösung traditioneller Geschlechterzuschreibungen auseinandersetzen. So die Joan (Jeanne, Johanna) von Martine Gutierrez, einer „nonbinären transgender-Frau indianischer Abstammung.“[10]  In ihrer Serie Anti-Icon: Apokalypsis verkörpert die Künstlerin herausragende „gender-fluid – Frauen der Geschichte oder Mythologie“, die die traditionellen Definitionen von Geschlechterrollen infrage gestellt haben. Dazu gehört die Göttin Aphrodite, Inbegriff von Weiblichkeit und Schönheit, von der es aber in der griechischen Mythologie auch eine männliche Variante gibt…

Martine Gutierrez (USA), Joan, 2021

Hier verkörpert Gutierrez die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc. Für die Kuratorin Alona  Pardo ist das ein Schlüsselwerk dieser Ausstellung, geht es ihr doch besonders darum, „den Archetypus der Venus-Figur zu dekonstruieren.“  Joan ist dargestellt „als trans und nichtbinäre Kriegerin mit einem Holzschwert und vergoldetem Torso, so als verleihe die nichtbinäre Geschlechtsidentität ihr übermenschliche Kräfte“.[11]

Um die Dekonstruktion der klassischen Venus-Figur geht es auch im Video A Dream of Wholeness in Parts des Kanadiers Sin Wai Kin (2021):

„In Sins komplexem Film A Dream of Wholeness in Parts spielt der Künstler drei Charaktere, darunter das Universum und beide Seiten einer Figur namens The Construct, um Ideen der Transformation zu erforschen; und um Genres und Kategorien queer zu machen und gleichzeitig einen Raum für die Vorstellung verschiedener Welten und neuer Seinsweisen zu schaffen. Sin verwandelt sich und spielt die Rolle der Göttin Venus – Inbegriff übertriebener westlicher Weiblichkeit – mit übergroßen Latexbrüsten und einem gerippten Korsett … Die kanonische Figur der Venus infrage stellend und überschreitend (queering), taucht Sin aus dem Ozean auf – ein kraftvolles Symbol für die Fluidität der Geschlechter.“[12]

Dazu passt  Botticellis kanonische Venus- Figur über dem Sofa.

Eine Variante der „schaumgeborenen Venus“ schwebt gleich im Eingangsbereich über der Wandcollage von Mary Beth Edelson.

Mary Beth Edelson (USA), Selected Wall Collages  (1972-2011)   

Es ist eine geflügelte Venus mit Krallen, Schere und Messern….

Dies ist die „black Venus“ der malawischen Künstlerin Billie Zangewa (2010)- ein Selbstportrait, das sich überlebensgroß über ihrer Wahlheimat Johannesburg erhebt. Um ihren Körper hat sie ein Banner geschlungen: Surrender whole-heartedly to your complexity, eine Bekenntnis zu weiblichem Selbstbewusstsein und feministischer Politik, wie es im Begleittext heißt.

Zangewa nannte ihr Bild The Rebirth of the Black Venus. Damit bezieht sie sich auf die sogenannte black Venus oder Hottentottenvenus Sarah Baartman, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa, zuletzt in Paris, Aufsehen erregte und einem voyeuristischen und rassistischen Publikum als Attraktion präsentiert wurde. Und selbstverständlich bedeutet das Bild einer schwarzen Venus auch eine Dekonstruktion der klassischen weißen Venus-Figur, wie sie vor allem auch von Botticelli geprägt wurde.

Scheinbar ganz „un-dekonstruiert“ werden die Besucher am Eingang zur Ausstellung aber von Botticellis wunderbarer Madonna mit Kind empfangen, deren Anmut und Schönheit man bewundern kann.

Sandro Botticelli (1445-1510),  La Vierge à la Grenade (Die Jungfrau mit dem Granatapfel)  Collection Carmignac

Aber dann liest man (vielleicht) die Information der Ausstellungmacherinnen:  

Der Archetyp der Jungfrau Maria, der historisch die Form der Madonna mit Kind annahm, war der Ausgangspunkt unzähliger ikonischer Meisterwerke. Hier wird sie als idealisierte Frau dargestellt, die „vom Mann unberührt“ ist und gleichzeitig die sogenannten Eigenschaften natürlicher Mutterschaft verkörpert. Die paradoxe Figur der Jungfrau Mutter ist in Grün gehüllt dargestellt, fügt sich nahtlos in ihre natürliche Umgebung ein und hält einen blutroten Granatapfel in der Hand, ein Symbol für Sexualität, Fruchtbarkeit und Tod, das außerhalb ihrer eigenen körperlichen Erfahrung liegt. Ihrer sexuellen Handlungsfähigkeit beraubt und ihren Blick abgewandt, verstärkt Botticellis Madonna mit ihrem nach unten gerichteten Gesicht die traditionellen Machtdynamiken dominanter Männlichkeit und unterwürfiger Weiblichkeit, die unsere westlichen patriarchalen Repräsentationssysteme prägen.[13] 

Muss ich jetzt in mich gehen? … mich meiner Naivität schämen, obwohl ich doch die Ideologiekritik zwar nicht mit der Muttermilch, aber mit der Frankfurter Schule Horkheimers und Adornos aufgesogen habe? Vielleicht würden mir die Carmignacs aber -nicht nur wegen meines Alters- mildernde Umstände zubilligen. Als Edouard Carmignac vor vielen Jahren den Botticelli für seine Sammlung erwarb, hat er wohl kaum an die traditionellen Machtdynamiken dominanter Männlichkeit gedacht. Und wenn er in dem Vorwort zum Katalog bekennt, er würde das Bild mitnehmen, wenn er für immer auf eine Insel ginge, dann wohl kaum, um so stets das Schreckbild unterwürfiger Weiblichkeit vor Augen zu haben.

In ihrem Vorwort verweisen die Carmignacs auf die verschiedenen Bewegungen des Feminismus in unseren Gesellschaften, die das Bild der Weiblichkeit reicher und komplexer gemacht hätten. Das veranschaulicht die Ausstellung in vielfältiger und anregender Weise, und so verlasse ich sie ohne schlechtes Gewissen, aber bereichert und mit Spannung und Vorfreude auf die Neuauflage im kommenden Jahr.

Infinite Woman?

von Frauke Jöckel

Infinite Woman ist der anspruchsvolle Titel der Ausstellung, die vor allem die Werke von Künstlerinnen vorstellt. Den Saal The Sweetest Taboo sollen Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen betreten. „Avertissement“: weibliche Sexualität! Eine Klitoris war bereits zuvor deutlich abgebildet, aber in ästhetisch stilisierter Form, wie sie sich angenehm betrachten lässt.

Marion Verboom (Frankreich), Clito, 2022

Aber hier im Taboo-Raum gibt es provozierend konkrete Versionen, die verstörend wirken wie die Pussy Donation Box der irakischen Künstlerin Hayv Kahraman.

Hayv Kahraman (Irak), Pussy Donation Box, 2018

Eine gewisse Scheu zu fotografieren entsteht, bzw. der Drang, schnell weiterzugehen oder nicht so genau hinzuschauen. Aber die Thematik des weiblichen Orgasmus steht im Raum mit Arbeiten von Künstlern wie Egon Schiele und anderen, die Frauen mit der Hand am Geschlecht zeigen. Und dann gibt es die Installation der amerikanischen Künstlerin Inannone. Sie zeigt den Kopf einer masturbierenden Frau, deren Körper in einem kunstvoll bemalten und mit Texten versehenen Kasten versteckt und mit lustvollem Stöhnen per Video endlos zu sehen und zu hören ist.

Dorothy Iannone (USA), I Was Thinking Of You II, 1975-2005

Das löst Betroffenheit beim Betrachtenden aus, Abwehr und Ablehnung oder gar ein Sich-Mokieren bei einigen Männern. Denn es geht um ein heikles Thema: Die sexuelle Befriedigung der Frau. Dies anzusprechen ist ein Verdienst der Ausstellung und ein Beitrag dazu, die Grenzen der Weiblichkeit zu erweitern, die schon in diesem Punkt beginnen: Infinite Woman!


Anmerkungen

[1] https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/louise-bourgeois

Alle Fotos des Beitrags -mit Ausnahme des Luftbilds der Villa Carmignac- von Frauke und Wolf Jöckel

[2] Beigefügter Informationstext. Entsprechend Katalog und Pressemappe.

[3] Beigefügter Informationstext.

[4] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0    

[5] https://www.deuxiemepage.fr/2020/07/23/hayv-kahraman-portrait/ : Hayv Kahraman, la peinture comme lieu de résistance face à l’oppression und Briser le silence des violences subies par les femmes

[6] In dem Begleittext wird nur ganz allgemein von einem „résau dense de cordons“ gesprochen.

[7] Siehe Begleittext und Presse-Info.

[8] https://electricliterature.com/wp-content/uploads/2017/12/silenceintoaction.pdf

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Dream_of_the_Fisherman%27s_Wife

[10] Zitate aus dem Begleittext

[11] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0 

Das Bild der Joan dient als einzige Illustration zum Interview mit Alona Pardo.

[12] a.a.O.

[13] https://www.dropbox.com/scl/fi/8f0z2v64837hyf0qiff9q/PRESS-KIT-The-Infinite-Woman-at-Villa-Carmignac.pdf?rlkey=q3blyb4k45p9emezgch9kklo9&e=1&dl=0 

Weitere Blog-Beiträge zu Porquerolles und zur Villa Carmignac:

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles (Juni bis September 2024)

Dekorative Naturphantasien

Im gewaltigen Raum des Orangeriegewöbles eröffnet sich eine überwältigende Fülle phantasievoll gestalteter Naturräume, ohne Abbildung real existierender Pflanzen – wie im schönen Frankfurter Paradiesgärtlein – oder von Tieren oder gar Menschen. Von Menschenhand sind lediglich angedeutete Bogenstrukturen, eine Grotte, ein Brunnen als Bezüge zum Ausstellungsthema. Und ein Sakralbau – eine Kirche mit der Kuppel einer Moschee? Alle Darstellungen bleiben Abstraktionen von uns bekannter Natur. Keine Exotik à la le Douanier Rousseau.  Bäume, Blumen, Gräser kommen uns heimisch vor, auch ohne konkrete Zuordnung. Ihre Transformation ins Abstrakte erhöht den Reiz des Zauberhaften, des Geheimnisvollen, Magischen. Es lohnt sich, langsam an den Wänden entlangzugehen.  Dabei fallen immer wieder lockende kleine Ausschnitte sozusagen in Postkartengröße ins Auge. Auf diese Weise sieht man auch genauer die reiche Detailarbeit, mit der die Stoffe bestickt sind. Die äußerst minutiöse und vielfältige Sticktechnik überrascht wie die zarten Naturfarben, die überwiegen. Besonders viel Schwung entsteht allerdings durch die Strichelung – die an van Gogh erinnert -für einen bewegten Hintergrund. Sehr gelungen die Lösung, sprudelndes herunterstürzendes Wasser mit freihängenden weißen Fäden lebendig zu machen – passend zu den gleichzeitig gezeigten Wasserspielen im Schlosspark. Die Ausstellung ist eine Einladung, die Stickerei mit all ihren Details in Ruhe zu betrachten und sich daran zu erfreuen.[1] Frauke Jöckel

Ein Ausstellungsbericht

Vom 18. Juni bis zum 29. September 2024 ist in der Orangerie des Versailler Schlosses Eva Jospins monumentales Werk „Chambre de soie“ (Ein Zimmer aus Seide) ausgestellt.

Für Eva Jospin ist dies eine ganz neue Facette ihres Werks. Denn das von ihr üblicherweise verwendete Material ist nicht Seide, sondern Wellpappe, die sie mit Messer, Schere und Kleister schneidet und in Schichten verklebt, so dass phantasievolle Naturlandschaften und Architekturen entstehen.

Panorama d'Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris)

©  Jean-Pierre Dalbéra [2]

Dies ist eine für Jospins Arbeiten charakteristische, aus Karton gefertigte Waldlandschaft. Sie befand sich im Innern eines 2016 im cour carrée des Louvre aufgestellten Panoramas: Innen die Natur, außen Metall und in dessen Spiegelung die umgebende Architektur des Louvre-Innenhofs.

Außenansicht des Panoramabaus mit der Spiegelung der Architektur des Louvre-Innenhofs                ©  Jean-Pierre Dalbéra [3]

Diese Installation war der künstlerische Durchbruch Eva Jospins, deren Status als Tochter des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten und unglücklichen Präsidentschaftskandidaten von 2002 anscheinend ihrer Karriere eher hinderlich war. Seit der Louvre-Installation hat sie aber ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb. Beispielsweise erhielt sie den Auftrag, einen der neuen Bahnhöfe des Grand Paris Express künstlerisch zu gestalten.

Fassade des Bahnhofs Hôpital Bicêtre der neuen verlängerten Metro- Linie 14- aufgenommen an einem regnerischen Tag… (Beton-Abguss des Wellpappe-Modells mit Wurzeln/Lianen aus Bronze)

Mit dem Seidenzimmer knüpft Eva Jospin an die Panorama-Installation von 2016 an – allerdings mit gänzlich anderem Material und in linearer Form.

Inspiriert wurde sie bei beiden Projekten von den großen Panoramen des 19. Jahrhunderts[4], bei dem neuen Werk aber auch von dem Seerosen-Panorama Monets im Pariser Musée de l’Orangerie, das sie vor Beginn der Arbeit an dem Seidenzimmer intensiv studiert habe.

Auch insofern bietet die imposante Architektur der Versailler Orangerie für Jospins Stickerei von 107 Länge und mehr als 350 qm2 einen wunderbaren Rahmen.

Den Blick von der Schlossterrasse (Parterre de l’Orangerie) auf den darunter liegenden Garten der Orangerie kann man kaum verfehlen, wenn man den Schlosspark betritt.

Er hat zu allen Jahreszeiten seine Reize.

Im Gewölbe darunter werden im Winter etwa 1500 kälteempfindlichen Gewächse wie Palmen und natürlich Orangen- und Zitronenbäume untergestellt.[5]

Es ist ein grandioser Raum….

… hier der Eingang für die Bäume:

… und hier der für die Besucher der Ausstellung:

…. alles überwacht von Berninis Sonnenkönig hoch zu Ross.

Im Sommer ist dort Platz für Ausstellungen – diesmal für das von Eva Jospin entworfene gestickte Natur- und Architekturpanorama.

Es geht zurück auf die von Dior beauftragte Ausschmückung einer Modenschau im Musée Rodin im Juli 2021.  Sie fand in einem Pavillon statt, dessen Wände U-förmig mit der Stickerei Jospins bedeckt waren- deshalb auch der Name „chambre de soie“.  Darin war Platz für den Laufsteg der Mannequins und die Plätze der ausgewählten erlauchten Gäste.[6]

Hergestellt wurde die Traumlandschaft nach detaillierten Entwürfen und Angaben Jospins von 320 Stickerinnen der Ateliers Chanakya in Bombay und der zusammen mit Dior gegründeten Chanakya School of Craft: In Europa hätte es wohl kaum das know how für ein solches monumentales Projekt gegeben, und wenn, dann wohl auch nur zu selbst die Möglichkeiten von Dior überschreitenden Kosten. Dior sieht in der Schule aber vor allem ein feministisches Entwicklungsprojekt: Stickerei sei in Indien traditionell den Männern vorbehalten und jetzt erhielten gerade Frauen eine handwerkliche Stickerei-Ausbildung auf höchstem Niveau.[7]  Auftraggeber und Abnehmer ihrer Arbeiten sind inzwischen zahlreiche Modehäuser aus aller  Welt.

Die Kunstfertigkeit der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sich die Stickerei aus der Nähe betrachtet: Auf die seidene Grundlage wurden Fäden aus Jute, Seide und  Baumwelle gestickt, mit 150 verschiedenen Stichtechniken und mehr als 400 Nuancen aus Naturfarben! Dazu Eva Jospin: „Wenn man die unglaublichen Details aus der Nähe sieht, wird deutlich, dass es Werke gibt, die nicht virtuell sein  können, sondern leben müssen.“[8]

Nach der Modenschau im musée Rodin war Jospins Werk eine Woche lang dort für die Öffentlichkeit zugänglich und verschwand dann in den Magazinen von Dior: Ein wahnwitziger Aufwand für imgrunde nur wenige Stunden.

Als Parallele sieht Jospin hier den gewaltigen Aufwand, den Fürsten der Renaissance und vor allem des Barock für festliche  Ereignisse und Stunden betrieben haben:

„Architekturen, die von transalpinen Künstlern wie Leonardo da Vinci für festliche Ereignisse geschaffen wurden, wurden an allen europäischen Höfen aus Anlass von Hochzeiten, Geburtstagen und Krönungsfeierlichkeiten aufgegriffen. Heutzutage erinnern Modenschauen an diese Art von kurzlebigen Ereignissen: Sie erfordern Monate von Vorbereitung für einige Stunden der Präsentation. Die Kunst und die Mode sind historisch verwandt. Ein fruchtbarer Austausch: Ich hätte sonst niemals so viele finanzielle Mittel und ein so außerordentliches Maß an handwerklicher Kompetenz zusammenbringen können, die notwendig waren, um dieses Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ [9]

Eva Jospin vor ihrem chambre de soie in der Orangerie von Versailles © Château de Versailles / T. Garnier)[10]

Gerade im Zeitalter Ludwigs XIV. spielten aufwändige Feste mit ephemeren Aufbauten eine zentrale Rolle als Repräsentationsmittel von Herrschaft.[11] Auch insofern ist Versailles ein passender Ort für die Ausstellung des monumentalen und vielleicht auch ephemeren Werks von Eva Jospin.

Eva Jospin hat aus Anlass der Ausstellung ihr Panorama erweitert und durch zusätzliche Bildtafeln einen direkten Bezug zu Versailles hergestellt. Da gibt es -ziemlich unverkennbar- die  berühmte, aber nicht mehr erhaltene Thetis-Grotte aus dem Park

Die Grotte de Téthys. Kupferstich von Gabriel Perelle (1604-1677)[12] 

Ganz deutlich ist auch der Hinweis auf das -ebenfalls nicht mehr erhaltene- Labyrinth von Versailles.[13]

Ein Brunnen im verschwundenen Labyrinth: Der Uhu und die Vögel. Kupferstich von Sébastien Leclerc (1637-1714)

Auch einen Hinweis auf die kunstvolle Umrandung des bosquet de l’Encelade kann man in dem Versailler chambre de soie finden.

Aber immer hat man bei der Betrachtung des Seidenzimmers Jospins den Eindruck, dass die Natur stärker ist als das von Menschen Geschaffene – manchmal drängen sich da Assoziationen zu Stätten wie Angkor Wat auf, wo die Natur allmählich die Architektur überwuchert: Eine der Inspirationsquellen Jospins ist nicht von ungefähr der Maler Hubert Robert, der sich um 1800 vor allem als „peintre de ruines“, als Ruinenmaler, einen Namen machte. Insofern darf man das Panorama, vor dem zunächst die bildhübschen Mannequins entlangschritten und posierten, auch als ein Momento mori betrachten…

Das in der Orangerie von Versailles ausgestellte Werk Eva Jospins lädt zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Assoziieren, zum Meditieren. Es wäre schön, wenn es nach dem Ende der Ausstellung nicht endgültig in den Magazinen von Dior verschwinden und verstauben würde…

Praktische Informationen:

Eva Jospin: Versailles. Ausstellung in der Orangerie des Schlosses. 18. Juni bis 29. September 2024

Täglich außer montags 9.00 – 18.30 Uhr

Eintritt mit einem Schlossticket (21 Euro) oder einer Eintrittskarte für die Grands Eaux (10.50) oder die Grands Eaux Nocturnes (32 Euro). Daten für die Grands Eaux siehe: https://www.chateauversailles.fr/preparer-ma-visite/billets-tarifs


Ein Kommentar von Ulrich Schläger:

Danke für die beeindruckenden Impressionen über die wunderschönen Werke von Eva Jospin und die Verweise auf die Inspirationen durch Le Nôtre. Hoffen wir, dass Jospins Phantasien zu  Le Nôtres Gartenkunst  nicht in den Magazinen von Dior verschwinden und zu einem der vielen ephemeren Kunstwerke werden,  die für immer unseren Augen entschwinden und die für uns nur ein kurzer glückhafter Moment waren. Man möchte Jospins Kunst zurufen:  Verweile doch, du bist so schön!  Doch: »Glück, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverlässigst Ephemere ist das Glück.« (Melanie Unseld: Reizvolles Verschwinden, mdw-WebMagazin, 28. 02.2022)

Zu Eva Jospin siehe auch folgende Blog-Beiträge:

Anmerkungen:

[1] Alle Bilder dieses Berichts stammen, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) L’Intérieur du Panorama

[3]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) Außenansicht des Panoramas

Siehe dazu: panorama d‘ eva jospin (bilingue): AU MUSEE DU LOUVRE. Beaux Arts- Éditions 2016  von Daria de Beauvais u.a.

[4] Zu den Panoramen siehe den Blog- Beitrag über Hittorffs Vergnügungsbauten in den Jardins des Champs-Élysées: https://paris-blog.org/2024/09/10/im-reich-der-sinne-illusionen-und-sensationen-hittorffs-vergnugungsbauten-eine-synthese-von-klassik-und-kirmes-von-ulrich-schlager/

S.a. die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/ und https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://en.chateauversailles.fr/private-hire-orangery

[6] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[7] Nachfolgendes Bild aus https://chanakya.school/about/index.php. Infos aus: https://chanakya.school/collaborations/eva-jospin.php und https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[8] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[9] Laurent Boudier, Continuer so travail sur soie. In: Télérama Sortir 3884 vom 19.6.2024

[10] Eva Jospin devant sa Chambre de soie dans l’orangerie du château de Versailles. Photo service de presse. © Château de Versailles / T. Garnier)

[11] Siehe: Christian Quaeitzsch, Ephemere Kunst am Hofe des Sonnenkönigs changement und mouvement als Repräsentationsmittel von Herrschaft.  https://www.archimaera.de/article/view/30/28 Siehe auch: https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/3d0e56c9-ac99-4aa0-9c3c-1f8fa3d1641b-chateau-versailles/article/9215bad8-2854-4746-a0a5-5deed28fb3e0-fetes-louis-xiv-versailles

Unter den Bourbonen gab es die für die Festorganisation zuständigen Menus-Plaisirs du Roi, an deren Spitze bei Ludwig XIV. der Komponist Lully stand, im 19. Jahrhundert der Architekt Hittorff

[12] Intérieur de la Grotte de Téthys, jardins de Versailles, vue par A. Perelle – André Le Nôtre (andrelenotre.com)

[13] Nachfolgendes Bild aus: https://ateliers.grandpalaisrmn.fr/fr/estampes/KM002927

 Zum Labyrinth von Versailles siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/ und https://paris-blog.org/2023/01/15/der-saal-der-hoquetons-im-schloss-von-versailles-le-brun-le-notre-und-die-fontanen-des-verschwundenen-labyrinths/

Weitere Blog-Beiträge zu Versailles:

We are here: Eine Street-Art-Ausstellung im Pariser Petit Palais – Juni 2024 bis Januar 2025. (Street-Art in Paris 9)

„Das Petit Palais freut sich sehr, die erste Ausstellung urbaner Kunst dieser Größenordnung in einer öffentlichen Einrichtung zu veranstalten, die für alle zugänglich und völlig kostenlos ist. Ihr Ziel ist es, Kultur getreu den Prinzipien der Street-art mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen.“

Mit diesen Worten hat Annick Lemoine, die Leiterin des Petit Palais, die Ausstellung „We are here“ angekündigt, die vom 12. Juni bis zum 19. Januar 2025 im Petit Palais präsentiert wird. (Das ursprünglich vorgesehene Schlussdatum des 17. November 2024 wurde entsprechend verlängert). Das Vorhaben, „Kultur mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen“, wird in dieser Ausstellung auf besondere, bisher wohl auch einzigartige Weise umgesetzt: Die Werke der Street-Art werden nämlich nicht in den gesonderten -und kostenpflichtigen- Ausstellungsräumen des Petit Palais präsentiert, sondern sie sind integriert in die frei zugängliche Dauerausstellung des städtischen Museums. Es gibt ein Neben- und Miteinander von Museumsstücken -vor allem des 19. Jahrhunderts- und Werken der Street-Art. Viele der aktuellen Werke wurden speziell für diesen Anlass und auch für einen ganz bestimmten Ort im Petit Palais konzipiert. So beziehen sich Alt und Neu, Kunst und Raum oft aufeinander, und es entstehen neue interessante, oft überraschende Perspektiven. Auf französischen Weinflaschen findet sich manchmal eine uns immer wieder erheiternde Information, wozu dieser Wein besonders gut passt: „il se marie bien avec…“ Dieser schöne Ausdruck passt meines Achtens gerade auch für die Verbindung, die im Petit Palais zwischen alter und neuer Kunst hergestellt wird.

Die künstlerische Leitung der Ausstellung obliegt der auf Street-Art spezialisierten Pariser Galerie Itinerrance. Sie hat auch die open-air-Ausstellung großer Street-Art-Formate im 13. Arrondissement initiiert und organisiert. Das erklärt wohl auch, dass viele der dort vertretenen Street-Art-Künstler für die Petit-Palais-Ausstellung Werke beigesteuert haben.

Der Name der Ausstellung „We are Here“ verwendet nach den Worten der Ausstellungmacher einen Slogan, der in vielen historischen und aktuellen Kontexten wie den Kämpfen um Bürgerrechte in den USA verwendet wurde. Er unterstreiche den Anspruch der Street-Art-Bewegung auf Sichtbarkeit und Legitimität.

So wird die Ausstellung auch demonstrativ mit einer riesigen geflügelten Spray-Dose von D*Face, eröffnet, die in der großen Eingangshalle des Petit Palais platziert ist.

Flügeln, gewissermaßen Markenzeichen von D*Face, begegnet man danach auch bei anderen Ausstellungsstücken. So bei der Serie von Schmetterlingsflügeln Flutterdies & Splutterdies, für die D*Face alte Gebrauchsmaterialien wie Autotüren, Reklameschilder, Werbeplakate etc verwendet und dann weiterbearbeitet hat.

In der Schönheit und Kurzlebigkeit der Schmetterlinge sieht D*Face eine Paralle zur ephemeren Stree-Art.

…. mit Blick auf das Grand Palais….

Hier hat D*Face eine Statue von Denis Puech aus dem Jahr 1902 mit Kopfhörern und Flügeln ausgestattet. Puech hatte der Statue den Titel „La Pensée“ gegeben. Ob die mediale Berieselung via Kopfhörer jetzt das Nachdenken ersetzt hat?

Auch Beethoven hat in der Ausstellung Flügel erhalten.

Ich könnte mir vorstellen, dass Beethoven diese Büste und der Ort ihrer Aufstellung – unter einem Portrait Benjamin Franklins aus dem Jahr 1778 und zusammen mit einer älteren Houdon-Büste Voltaires im gleichen Raum-  durchaus gefallen hätte. Ihnen hat er gewiss nicht die Zunge herausgestreckt…

Eine prominente Rolle in der Ausstellung spielen auch Arbeiten von Shepard Fairey (Obey) – dem die Galerie Itinerrance gerade ein solo-Ausstellung widmet. [1]

Hier sein Bild „Peace and Justice Lotos Woman“ (2024):

Dazu Shepard Fairey:  „Das Bild Peace and Justice Lotos Woman ist vom Jugendstil (art nouveau) beeinflusst, dem vorherrschenden Stil, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Petit Palais gebaut wurde. Der Frieden ist ein zentrales Thema meiner Arbeit. Ich habe dazu während des Irak-Krieges viele Stile und Motive ausprobiert, auch den Jugendstil. Blumen sind ein häufiges Symbol in meinen Arbeiten. Sie repräsentieren positive Ideale wie die Gerechtigkeit und  die Harmonie mit der Natur. Die Verwendung stilisierter Blüten und Blätter im Jugendstil hat meine Ästhetik wesentlich beeinflusst.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung).

Von Fairey stammt auch das große Wandbild am Stravinsky-Brunnen in Paris, dessen Verwandtschaft mit der Lotusfrau unschwer zu erkennen ist.

Shepard Farey (Obey),  AK-47 Lotus: Die Blume im Gewehrlauf als Bild und Plastik

Dieses Bild Shepard Faireys ist insofern besonders bemerkenswert, als es sich auf ein Ausstellungsobjekt des Petit Palais bezieht, nämlich die Frau mit dem Affen von Camille Alaphilippe aus dem Jahr 1908.[2]

Fairey hat, wie er dazu erläutert, die nachdenkliche Haltung der Frau in sein Bild übernommen, auch das dekorative Motiv der Kleidung, aber er hat die weiße Frau von 1908 durch eine farbige Frau von 2024 ersetzt. Who is Put on a Pedestal? (Wer wird auf den Sockel gestellt?) hat er das Bild genannt. Zwar habe es in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen und Verbesserungen gegeben, was die Gleichheit der Geschlechter und der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe angehe. Aber es bleibe immer noch viel zu tun. Darauf wolle er mit seinem Bild aufmerksam machen. 

Umweltthemen spielen bei Shepard Fairey eine zentrale Rolle und er hat dazu in Paris auch schon monumentale Arbeiten angefertigt. So das große Wandgemälde Delicate Balance in der rue Jeanne d’Arc im 13. Arrondissement oder seine  Installation Earth Crisis unter dem Eiffelturm während der Pariser Uno-Klimakonferenz COP 21.

Für die Ausstellung im Petit Palais hat Fairey zu diesem Thema das Bild Bliss at the Cliff’s Edge (2024)  beigesteuert:

Dazu Shepard Fairey:  „Dieses Bild ist eine moderne Sicht einer romantischen Landschaft des 19. Jahrhunderts, wo die Badenden eine spektakuläre Umgebung genießen.  Die industrielle Revolution und die Entdeckung des Erdöls als Energiequelle bewirkten praktische Fortschritte wie eine Zunahme der Freizeit für viele Menschen. Damals sah man nur die Vorteile dieser Neuerungen. Heute ist sich die Wissenschaft einig: Die Verschmutzung durch Öl, Gas und Kohle schädigt unseren Planeten, sie führt zu Klimaerwärmung und extremen Wetterphänomenen. Wir stehen, bezogen auf die Verhinderung der Katastrophe, am Abgrund. Die Techniken sind vorhanden, aber es fehlt am Willen der Völker, die Zukunft der Erde und unserer Kinder vor die Bequemlichkeit und den Profit zu stellen.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ein Werk Shepard Faireys ist auch die berühmte weinende Marianne. Fairey hatte nach den islamistischen Anschlägen von 2015 der Stadt Paris ein großes Marianne-Wandgemälde im 13. Arrondissement geschenkt, eine Hommage an die Ideale der Französischen Revolution, deren Devise  Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die französische Symbolfigur einrahmt.  

Im Dezember 2020 übermalte in einer Aufsehen-erregenden nächtlichen Aktion eine anonyme Gruppe diese Devise und ließ Marianne blutige Tränen weinen.Die Aktion verstand sich als Protest gegen die verschärften französischen Sicherheitsgesetze, die unter der Präsidentschaft Macrons als Reaktion auf den islamistischen Terror eingeführt wurden.

Fairey/Obey reagierte durchaus verständnisvoll auf diese spektakuläre Aktion: Er sei auf der Seite derer, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehrten, vor allem wenn es sich um Menschenrechte handele. Als er seine Marianne wieder in den ursprünglichen Zustand versetzte, fügte er gleichwohl eine (dezente) rote Träne hinzu. Und die ist auch auf dem in der Ausstellung präsentierten Plakat zu sehen.

Dies ist -ganz unverkennbar- eine Installation von Seth, der wie Fairey zu den prominentesten Pariser Street-Art-Künstlern gehört. Der „Turm von Babel“ (2018/2024) besteht aus einem Stapel von Büchern.

Dazu Seth: „Ich liebe die Bücher, sie sind eine Möglichkeit, andere Leben auszuprobieren, andere Universen. Als Kind habe ich ganz viel gelesen. Die Bücher haben mich reisen und unglaubliche Abenteuer erleben lassen und sie ermöglichten es mir, dem Grau zu entfliehen. Mit der Vervielfachung der Bildschirme liest man heute immer weniger. Die Bilder werden aber nie ganz die Worte ersetzen können. Bücher öffnen Türen zu Welten der Phantasie. Sie sind Notausgänge, die uns die Flucht aus dem Alltag ermöglichen.“  (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ganz oben auf dem Bücherstapel sitzt ein kleiner Junge, der mit seinem Kopf in bunte Phatasiewelten eintaucht – ein bei Seth häufiges Motiv, wie auch das nachfolgende, im gleichen Raum der Ausstellung präsentierte Bild zeigt.

In einem Großformat Seths am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement ist es ein kleiner neugieriger Junge, „der auf die andere Seite der Mauer blickt“  und  „mit Licht und Farbe die umliegenden Häuser bestrahlt. Die Macht der Vorstellung verändert unsere Umgebung.“ (Seth)

Das Bild weibliche Gottheit in Gold von Hush (2024) hängt neben dem Portrait de Madame Edgard Stern von Charles Auguste Emile Durant aus dem Jahr 1889. Durant war der Maler par excellence der eleganten Pariserin seiner Zeit.

Einen Kontrapunkt dazu setzt der portugiesische Künstler Vhils mit seiner Arbeit und den Austellungsstücken im Petit Palais, auf die er sich bezieht.

Bekannt ist Vhils durch seine in den Verputz von Wänden gekratzten Arbeiten, etwa auf einer Gartenhütte im Park der Villa Carmignac auf Porquerolles. Im Petit Palais hat er Werbeplakate zusammengeklebt und darauf das Portrait einer verhärmten Frau eingeritzt. Das bezieht sich auf Sans asyle, das Bild einer wohnsitzlosen erschöpften Mutter mit ihren Kindern von Fernand Pelez aus dem Jahr 1883. [3]

Hinter dem kleinen Jungen mit zerrissenen Hosen sind Fetzen von Plakaten zu erkennen, die für ein großes Fest (Grande Fête) werben: Extreme Armut ist die Kehrseite einer Belle Époque des Luxus und der Feste, die Pelez in seinen Bildern zeigt. Angeregt durch die grand-fête-Plakate auf diesem Bild stellte Vhls ein Konvolut von Werbeplakaten zusammen und ritzte darauf das -nur schwer erkennbare- Portrait der Mutter ein: „Die im Dunkeln sieht man nicht“ (Brecht) – eine Botschaft, die gerade zur Zeit der Olympischen Spiele Bedeutung hat, wo Wohnsitzlose, Bettler, Drogenabhängige und andere aus Paris verbannt werden, um keinen Schatten auf das olympische Fest zu werfen. [4]

Portugiese ist auch der Street-Artist Add Fuel. Mit einer Serie von großen, aus kleinen Keramikplatten zusammengesetzten Formaten (Multilogue) hat er das Treppenhaus des Petit Palais mit dem feinen Jugendstil-Geländer und der Couronne de la nuit aus buntem Murano-Glas von Jean-Michel Othoniel weiter ausgeschmückt. Insgesamt entsteht so eine „visuelle Sinfonie“, wie es im Begleittext heißt. Die Verwendung von Keramik und die dominante Farbe Blau sind typisch für Add Fuel, der auch zwei Häuserfassaden am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement gestaltet hat.

Dieses kalligraphische Bild (Acrylfarben 2024)ist ein Werk von El Seed, einem franco-tunesischen Künstler. Er verwendet die arabische Kalligraphie „um Botschaften des Friedens und der Einheit zu verbreiten  und die Gemeinsamkeit der Menscheit auszudrücken.“  (Wikipedia)  In der Pariser Cité universitaire hat er auf diese Weise auch die Fassade des Maison de Tunisie gestaltet.[5]

Ein Blickfang und im wahrsten Sinne des Wortes ein Höhepunkt der Ausstellung ist das Bild dieser monumentalen Madonna – es hat mit seinem Rahmen eine Höhe von 7 Metern-  des peruanischen Street-Art-Künstlers Inti – aufgestellt hinter dem Entwurf eines Grabmals für den 1851 auf einer Barrikade des Faubourg Saint-Antoine erschossenen Armenarzt und Republikaner Baudin. [6]

Sein Titel, bei diesem Motiv überraschend und verstörend, ist Encomendacion, also Befehl. Was es damit auf sich hat, erklärt Inti: In der Zeit der spanischen Kolonisation Südamerikas erhielten viele einheimische Künstler den Auftrag beziehungsweise Befehl, auf der Grundlage von damals weit verbreiteten schwarz-weißen Grafiken der Kolonialmacht Bilder für die neu errichteten Kirchen zu malen. Auf diese Weise sollte das Christentum im Einklang mit der  ikonographischen Tradition  von Kirche und Krone verbreitet werden. Inti zitiert aus einem solchen Vertrag:

„Am 5. Tag des Dezembers des Jahres 1583 hat er sich verpflichtet, ein Altarbild für die Kirche Notre-Dame de la  Solitude in Cuzco zu malen, mit Ölfarben und doppeltem goldenen Rahmen, entsprechend einer ihm übergebenen Abbildung ohne jede Veränderungen.“ Intis Madonnenbild hat dementsprechend einen breiten goldenen Rahmen. Und goldfarben ist auch der Heiligenschein Marias.

Foto: Frauke Jöckel

Aber die Gier der Eroberer nach Edelmetallen hatte einen hohen menschlichen Preis: Das macht Inti deutlich mit Totenkopfornamenten auf dem goldenen Rahmen. Und er hat sich eine Freiheit genommen, die die damaligen indigenen Künstler nicht hatten:

Da huldigen barocke Engelchen der Maria…

… daneben und darunter verweisen die Totenschädel auf die vielen Opfer von Eroberung, Ausplünderung und Zwangsmissionierung.  

In ihren Händen trägt Maria nicht das Jesuskind, sondern einen als Schale dienenden Totenschädel. Man kann spekulieren, was darin enthalten ist bzw. was die dort enthaltenen Dinge bedeuten. Eindeutig ist allerdings der Patronengürtel, den Maria um die Schultern trägt…

Foto: Frauke Jöckel

Welch ein Kontrast zu der Jungfrau mit Engeln (1900) des zu seiner Zeit sehr geschätzten französischen Malers William Bouguereau, die neben der antikolonialistischen Maria Intis hängt!

Ganz bewusst platziert ist auch das Bild Conor Harringtons „Down with the king“ – nämlich in einem Raum mit Gemälden, die die Volksbewegungen von 1789 bis 1830 in Frankreich verherrlichen.

Harrington präsentiert, unverkennbar, einen allerdings verfremdeten französischen König: ausgestattet und umgeben von aktuellen Insignien und Gegenständen wie Billardstock, Lautsprecher, Schlagzeug und Fernseher. Auf dem erscheint der französische Fußball-Star Mbappé bei der Feier der Fußballweltmeisterschaft 2018. Dazu Harrington: „Indem es historische Motive mit Symbolen heutiger Kommunikation und Macht verbindet, wirft mein Bild die Frage nach den Formen der Macht in unserer heutigen Kultur auf und wer es verdient, gefeiert zu werden.“ Das Bild hängt beziehungsreich über dem Entwurf eines Denkmals für einen französischen Marschall aus den Jahren 1861/64. [7]

Nicht fehlen darf in einer solchen Ausstellung natürlich der Invader, der gerade dabei ist, in den Ausstellungsräumen des Petit Palais zu landen.

Vor allem den nachfolgenden großen Saal des Petit Palais hat er eingenommen, in dem, anders als in den anderen „gemischten“ Räumen, dicht an dicht Street-Art-Bilder präsentiert werden.

Hier nur einige Beispiele:

Maye

Shoof

California blink 182

Shepard Farey/Obey

BTOY: Josephine Baker

Yrak

Pantonio

Ad fuel und Jana & JS

Mariusc Waras

Seth

… bis zum nächsten Mal im Petit Palais…

Praktische Informationen:

We are here. Ausstellung im Petit Palais vom 12. Juni 2024 bis zum 17. November 2024

Avenue Winston Churchill 75008 Paris

https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/we-are-here   

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr (Mögliche Änderungen wegen der Olympischen Spiele: siehe Website)

freier Eintritt


[1] https://www.sortiraparis.com/en/what-to-visit-in-paris/exhibit-museum/articles/192431-shepard-fairey-aka-obey-swan-song-exhibition-at-galerie-itinerrance-in-paris

[2] Siehe dazu: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/la-femme-au-singe#infos-principales  

[3] https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/fernand-pelez  Nachfolgendes Bild (Sans asyle, 1883) aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/sans-asile#infos-principales

[4] Siehe zum Beispiel https://www.france24.com/fr/sports/20240613-ile-de-france-avant-jo-paris-2024-%C3%A9vacuation-sans-abri-amplifi%C3%A9e-jeux-olympiques (13.6.2024)

Des migrants et sans-abris expulsés pour faire place aux Jeux olympiques de Paris. Radio Canada 19.7.2024 https://www.youtube.com/watch?v=YZK0ncI-7CA

Siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2024/04/01/wimmelbild-und-suchspiel-das-offizielle-olympiaplakat-paris-2024-was-zu-sehen-ist-und-was-nicht/

[5] https://street-art-avenue.com/2013/12/el-seed-maison-de-tunisie-paris-5971

[6] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/monument-funeraire-d-alphonse-baudin-detail-d-aime-millet-petit-palais-galerie#infos-principales

Zu Baudin siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] https://www.petitpalais.paris.fr/oeuvre/esquisse-pour-un-monument-au-marechal-moncey  

Weitere Blog-Beiträge zur Pariser Street-Art:

Die Fontaine des Innocents, ein Kleinod der Renaissance im Zentrum von Paris: frisch renoviert und mit einer Ausstellung im Musée Carnavalet gewürdigt

2023/2024 wurde die wunderbare Fontaine des Innocents im Viertel der Pariser Hallen zwischen dem Centre Pompidou und dem Verkehrs- und Einkaufszentrum Les Halles renoviert.  Seit Ende Juni 2024 erstrahlt sie nun wieder in neuem Glanz.[1]

Der Brunnen steht auf der kleinen etwas abseits der Menschenströme gelegenen place Joachim du Bellay. Dort kann man sich an den Brunnenrand setzen, dem plätschernden Wasser zuhören….

Fotos: Wolf Jöckel

….oder sich in den Schatten der den Brunnen umgebenden Bäume setzen und den plastischen Schmuck des Brunnens, vor allem die acht graziösen Nymphen, bewundern.

Fotos: Wolf Jöckel

Aus Anlass der Renovierung widmet das Musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, bis zum 25.08.2024 der Fontaine des Innocents eine kleine, aber feine Ausstellung.[2]

Aus mehreren Gründen lohnt es sich, die Fontaine des Innocents etwas genauer zu betrachten:

  • Ihr Schöpfer, Jean Goujon, war einer der bedeutendsten Bildhauer der französischen Renaissance
  • Seit dem 18. Jahrhundert galt der Brunnen als eine der wesentlichen Pariser Sehenswürdigkeiten
  • Die von Goujon geschaffenen Skulpturen haben eine große Ausstrahlung gehabt und spätere Künstler nachhaltig beeinflusst
  • Der Brunnen hat eine höchst wechselhafte Geschichte, in der sich die radikale Transformation des Pariser Zentrums spiegelt
  • Zusammen mit der benachbarten Fontaine Stravinsky erstrahlen jetzt zwei der schönsten Pariser Brunnen, einer der ältesten[3] und einer der jüngsten, in neuem Glanz und lohnen einen Besuch.

Jean Goujon: Der Einzug der Renaissance nach Paris

1544 erhält der aus den Normandie stammende Bildhauer Jean Goujon seinen ersten Auftrag in Paris, und dies ist auch gleich ein sehr bedeutsamer: Es geht um den Lettner der direkt neben dem Louvre gelegenen Kirche Saint Germain l’Auxerrois. Der Lettner trennte den der Geistlichkeit vorbehaltenen Chor der Kirche von dem Langhaus, zu dem die „normalen“  Gläubigen Zugang hatten.  Auf der für sie sichtbaren Seite des Lettners gestaltete Goujon fünf Reliefs: die vier Evangelisten und eine Beweinung Christi.[4]

Der vom Kreuz genommene Jesus ist modelliert wie ein Olympionike der griechischen Kunst. Dass die Antike hier Pate gestanden hat, ist wohl offenkundig. Foto: Wolf Jöckel

Noch deutlicher wird dies bei der zweiten großen Pariser Arbeit Goujon, die im Zusammenhang steht mit der Umgestaltung des Louvre. Die ursprüngliche Festungsanlage mit einem großen Bergfried soll unter König François I zu einem königlichen Palast nach italienischem Vorbild umgestaltet werden: Eine Mammutaufgabe! 1846 erhält der Architekt Pierre Lescot den entsprechenden Auftrag, und wie schon bei dem Lettner von Saint Germain l’Auxerrois zieht er Jean Goujon als Bildhauer heran. Zentrum der unter seinem Sohn Henri II fortgesetzten und fertiggestellten Arbeiten ist der riesige königliche Ballsaal, mit dem die Renaissance in Paris ihren Einzug hält. Unverkennbar ist das an der Tribüne für die Musiker, die von vier Karyatiden, Säulen in Gestalt weiblicher Figuren, getragen werden- ein Werk Jean Goujons. Vorbild waren dabei die Karyatiden des Erechteion-Tempels auf der Akropolis und -in deren Nachfolge- die des Augustus-Forums in Rom.[5]

Dieser Saal wird schnell zum Zentrum des neuen königlichen Palasts: Am 18. August 1572, kurz vor der Bartholomäusnacht, wird hier die Hochzeit des jungen Henri von Navarra, des späteren Königs Henri Quatre, mit Marguerite de Valois gefeiert[6] – und 1658 tritt hier um ersten Mal Molière vor Henri Quatres Enkel Ludwig XIV. auf ….

Heute sind im Karyatiden-Saal des Louvre antike Kunstwerke ausgestellt. (Sully-Flügel, Saal 348)[7] 

Die Fontaine des Innocents : Brunnen und royale Ehrentribüne

1548 beginnt der Bau eines neuen Brunnens, der das Stadtviertel rund um Kirche und Friedhof der Innocents (benannt nach den ermordeten Kindern von Bethlehem) mit Wasser versorgen soll. Es ist wieder ein prestigeträchtiger Auftrag für Jean Goujon, vermutlich wieder in Verbindung mit dem Architekten Pierre Lescot. Der Brunnen liegt an dem Weg zwischen der Basilika von Saint-Denis und dem königlichen Palast. Als König Henri II mit seiner Frau Katharina von Medici 1549 in Paris einzieht, kommt er mit seinem Gefolge an der neuen Fontaine des Innocents vorbei. Und der neue Brunnen ist für solche festlichen Ereignisse speziell ausgerichtet.[8]

Es war nämlich nur der untere Teil des an einer Straßenecke gelegenen Baus, der als Brunnen diente. Darüber aber – und weit raumgreifender- erhob sich eine Loggia nach italienischem Vorbild, die man über eine Treppe erreichte; ein hervorragender Logenplatz für die Beobachtung des Einzugs Henris II. und späterer Festlichkeiten. 

Zeitgenössischer Stich der beiden Fassaden des Brunnens von JacquesAndrouet du Cerceau(1511?-1586)[9]

Dass der Brunnen zu Ehren von Henri II errichtet wurde, hat Gujon entsprechend in Stein gemeißelt.  

Foto: Wolf Jöckel

Der Figurenschmuck Jean Goujons

In einer ersten zeitgenössischen Würdigung wird der Bau als „einzigartiges Werk“ gewürdigt, „aus gutem weißen Stein, überaus sorgfältig ausgeführt und durch Figuren bereichert.“ [9a] Der Figurenschmuck Jean Goujons hatte als gemeinsamen Nenner das Wasser: Muscheln, Delphine, Nymphen, Tritone und andere mythologische Meeresbewohner- möglicherweise das erste Beispiel einer Darstellung mythologischer Figuren im öffentlichen Raum Frankreichs.[10] Wegen der Nymphen-Reliefs Jean Goujons, die den Brunnen schmücken, wurde die Fontaine des Innocents auch Fontaine des Nymphes genannt.

Die drei unteren horizontalen Reliefs, heute in der Ausstellung und dann im Louvre zu bewundern, verherrlichen die Ozeane: Das verdeutlichen die wilden Geschöpfe, auf denen kleine Genien reiten:

Alle Fotos des Figurenschmucks: Wolf Jöckel

Ein kleiner Genius mit Fischen auf einem Hippokamp

Ein anderer reitet auf einem Meeresdrachen[11]

Aber es gibt auch elegante liegende Nymphen…

….und eine Nymphe und einen Triton beim Liebesspiel

Die zwischen den Arkaden platzierten aufrecht stehenden Nymphen repräsentieren Flüsse.

Aus den Kannen, die sie tragen, fließt das Wasser.

Eine der Nymphen hält ein Ruder in der Hand:

Der Brunnen als Pariser Sehenswürdigkeit

Aufgrund seiner exponierten Lage, seiner Doppelfunktion als Brunnen und Tribüne, und vor allem seiner außergewöhnlichen und modernen Gestaltung und eleganten Ausschmückung wurde der Brunnen bald zu einer Attraktion der Stadt und auch in Reiseführern entsprechend gewürdigt.

Ein Reiseführer aus dem Jahr 1752: Beschreibung der Stadt Paris und all dessen, was sie an Bemerkenswertem enthält.

In diesem Gemälde hat der berühmte „Ruinenmaler“  Hubert Robert 1789  in freier Anordnung bedeutende Pariser Bauwerke zusammengestellt, zu denen auch die einige Jahre zuvor umgestaltete Fontaine des Innocents gehört.[12] Rechts daneben die Medici-Säule (heute an der Bourse de Commerce/Sammlung Pinault), links die zu Ehren Ludwigs XIV. errichtete porte Saint-Denis. Bei dem Reiterstandbild in der Mitte handelt es sich wohl um eine Darstellung der -noch nicht gestürzten- Statue Ludwigs XIV. hoch zu Ross auf der Place Vendôme. Dahinter der Louvre und die Kirche Sainte-Geneviève (das spätere Pantheon), die 1789 noch das höchste Bauwerk der Stadt war. Bemerkenswert übrigens, dass die -damals allerdings arg heruntergekommene und als gotisches Bauwerk wenig renommierte- Kathedrale Notre-Dame von Robert nicht berücksichtigt wurde.[13]

Die Ausstrahlungskraft der Skulpturen

Der Skulpturenschmuck Jean Goujons hat viele spätere Künstler nachhaltig beeinflusst. Hier einige Beispiele:

Im Hof des in den 1620-er Jahren im Marais errichteten Hôtel de Sully sind an den Wänden der Seitenflügel allegorische Darstellungen der vier Elemente zu sehen. Die Allegorie des Wassers, zu deren Füßen ein Delphin schwimmt, ist ganz offenkundig von der Fontaine des Innocents beeinflusst, erreicht aber bei weitem nicht die Eleganz der Goujon’schen Nymphen.

Foto: Wolf Jöckel

In der Carnavalet-Ausstellung ist auch ein Relief von David d’Angers ausgestellt: die hingelagerte Nymphe Tetis, die ihrem Sohn Achill, dem Helden von Troja, gerade einen von Hephaistos geschmiedeten Helm reicht.

Foto: Wolf Jöckel

In der beigefügten Informationstafel wird ausdrücklich auf den Einfluss der Reliefs Jean Goujons von der Fontaine des Innocents hingewiesen.  Dies gilt auch für das Gemälde Ingres‘ „La Source“ (Die Quelle) aus dem Jahr 1856. Wie bei der Allegorie des Wassers im Hôtel de Sully entspricht die Haltung des Armes der einer Nymphe Goujons, die Ingres, so die beigefügte Informationstafel,  schon 1806 gezeichnet hatte.[14]

Dass das Motiv der Quellnymphe bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat, bestätigt übrigens der Invader mit seinem entsprechenden Mosaik in Montauban, dem Geburtsort Ingres‘.[15]

Die Transformationen des Brunnens und seiner Umgebung

1756 wurden in Paris Bestattungen im Stadtgebiet (intra muros) untersagt. Der Friedhof der Innocents wurde also aufgehoben, die Überreste der dort Beerdigten geborgen und in die Katakomben überführt, die Kirche zerstört. Der frei gewordene Platz diente seit 1785 als Obst- und Gemüsemarkt.

Da inzwischen der Brunnen aber als bedeutendes Kunstwerk allgemein anerkannt war, blieb er erhalten und inmitten des neuen Marktes, der „place du marché des Innocents“, neu aufgestellt. Entsprechend dieser zentralen Lage erhielt er die Gestalt eines Pavillons mit einem quadratischen Grundriss. Dafür schuf Augustin Pajou drei neue Nymphen-Reliefs, die sich an den Vorbildern Goujons orientierten. Der ursprüngliche Sockel wurde durch eine Reihe übereinander angeordneter Becken ersetzt, die dazu dienen, das Wasser aufzufangen, das aus einem Bronzebecken in der Mitte des Pavillons entspringt.

Der Brunnen ist jetzt Zentrum eines belebten Viertels. Hier wurde am 18. September 1791 die neue Verfassung proklamiert, die Frankreich in eine (kurzlebige)  konstitutionelle Monarchie verwandelte.

Radierung von Pierre-Gabriel Berthault [16]

Durch den Anschluss des Brunnens an den neuen Canal de l’Ourcq 1808 erhöhte sich das Wasseraufkommen erheblich: ein Segen für den Markt, eine drohende Katastrophe für die liegenden Nymphen der Reliefs Goujons, die deshalb ins Louvre überführt wurden.

John Jamas Chalon, Le Marché et la Fontaine des Innocents (1822). Musée Carnavalet

50 Jahre später: erneute Veränderung. Im Zuge des Stadtumbaus des Barons Haussmann verschwindet der Markt mit seinen offenen Marktständen und es entstehen die Markthallen Baltards aus Eisen und Glas, von Zola in seinem Roman Le Ventre de  Paris (1873) wegen ihrer Modernität gerühmt.  Auf dem früheren Marktgelände entsteht 1860 ein neuer kleiner Platz, la place Joachim-du-Bellay, mit der -erneut versetzten- fontaine des Innocents in seinem Mittelpunkt. Dabei wird auch der Sockel des Brunnen-Pavillons neu gestaltet.

René Giton, Blick auf den square des Innocents 1947

Die letzte große Veränderung vollzieht sich dann Anfang der 1970-er Jahre mit der Verlegung des Großmarkts nach Rungis und der Zerstörung der Pavillons von Baltard. Es entsteht das riesige unterirdische Einkaufszentrum Forum des Halles und die ebenso riesige neue unterirdische RER-Bahnstation Châtelet-Les Halles mit dem geschwungenen Canopée-Dach. Diesen Bauarbeiten fallen die Bäume um den Brunnen zum Opfer, er selbst bleibt an seinem Platz, weil er eine nochmalige Versetzung wohl schwerlich überlebt hätte. Der Platz um den Brunnen wird nun betoniert, es entsteht eine neuer „place minérale“.

Dieser Platz ist nun im Zuge der Renovierung des Brunnens und im Einklang mit einer klimagerechten Stadtplanung, die sich die Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf ihre Fahnen geschrieben hat, neu angelegt und begrünt worden. Und nachdem die Baugerüste entfernt und die Zäune gefallen sind, erstrahlt einer der älteste monumentalen Brunnen von Paris nun wieder in wohl verdientem neuen Glanz.

Foto: Wolf Jöckel

Und von hier aus sind es nur wenige Schritte zu einem der neuesten Brunnen von Paris, der ebenfalls kürzlich renovierten fontaine Stravinsky von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou…

Foto: Wolf Jöckel


Anmerkungen:

[1] https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-des-innocents-est-l-une-des-plus-anciennes-de-la-capitale-26746

[2] https://www.carnavalet.paris.fr/expositions/la-fontaine-des-innocents-0

Siehe auch: Helmut Mayer, Der Nymphen bewegte Geschichte. Die Fontaine des Innocents im Quartier Les Halles ist der älteste monumentale Brunnen von Paris. Anlässlich seiner gerade abgeschlossenen Restaurierung zeichnet eine Ausstellung im Musée Carnavalet seine Geschichte nach. In: FAZ vom 30. Juli 2024

[3] Laut Le Parisien vom 22. November 2022 sogar la plus ancienne fontaine de Paris  https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-avec-la-restauration-de-la-fontaine-des-innocents-cest-toute-la-place-joachim-du-bellay-qui-va-revivre-22-11-2022-SY4J2X4TDJEPRGYL4VZERX6PQE.php

[4] Zum Leben und zur Bedeutung Goujons siehe

Bedeutung Jean Goujons  https://museeprotestant.org/notice/jean-goujon-c-1510-1567/

[5]  https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

Bild aus: https://www.meisterdrucke.lu/fine-art-prints/Jean-Goujon/948146/Architecture-Renaissance-%3A-le-balcon-des-Cariatides.-Sculpture-en-pierre-de-Jean-Goujon-%281510-1567%29-XVIe-si%C3%A8cle-Paris%2C-Mus%C3%A9e-du-Louvre.html  

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Mariage_d%27Henri_IV_dans_la_salle_des_Caryatides.jpg  Leider gibt es dort keine weiteren Angaben zu dem Bild  (Maler, Datierung, Aufbewahrungsort). Ich habe es trotzdem wegen seiner Anschaulichkeit verwendet. s.a. https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/257930-ephemeride-du-18-aout-a-paris-le-mariage-d-henri-iv-a-notre-dame-de-paris

[7] Bild aus: https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fontaine_des_Innocents#/media/Fichier:Fontaine_des_Innocents2.jpg  Ebenfalls präsentiert während der Bauarbeiten des Brunnens auf dem Bauzaun.

[9] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b525039123

[9a] Zit. von Helmut Mayer in FAZ vom 30. Juli 2024

[10] Informationstafel zu den Reliefs im Louvre

[11] https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010091945

[12] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Hubert_Robert_-_The_Monuments_of_Paris_-_1789.jpg

[13] In der Nachfolge Roberts hat Pierre François Léonard Fontaine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „die bemerkenswertesten (historischen) Bauwerke von Paris“ in einer Zeichnung dargestellt. Auch da ist die Fontaine des Innocents berücksichtigt – und Notre Dame, inzwischen dank Victor Hugo rehabilitiert und geadelt- überragt jetzt sogar das Pantheon. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b530829625/f1.item 

[14] Eine entsprechende Abbildung bei: https://www.meisterdrucke.fr/fine-art-prints/Jean-Auguste-Dominique-Ingres/1099855/Une-nymphe-%28graphite-sur-papier%29-%28pour-la-paire-voir-283230%29.html

[15]Bild aus:  http://solexine.over-blog.fr/2017/10/montauban-sur-les-traces-de-space-invader.html

[16] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Proclamation_de_la_Constitution,_place_du_March%C3%A9_des_Innocents.jpg#:~:text=Fran%C3%A7ais%20%3A%20Proclamation%20de%20la%20Constitution,et%20non%20le%2014%20septembre.  Anders als auf der Radierung angegeben, fand die Verfassungsproklamation am 18. September statt.

Die Mays von Notre-Dame de Paris (Eine Ausstellung in der Galerie des Gobelins 2023/2024)

Dies ist ein um das Jahr 1780 entstandenes anonymes Gemälde: Ein Blick vom Hauptschiff der Kirche in den Chor und das nördliche Querschiff von Notre-Dame. Es vermittelt einen Eindruck vom damaligen Zustand der Kirche und ihrer Ausstattung. Auffällig ist besonders der aus teilweise vergoldetem Schmiedeeisen hergestellte Lettner, der den für die Domherren reservierten Chor der Kirche von ihren anderen, den Gläubigen und Besuchern zugänglichen Teilen trennt. An dem großen Pfeiler in der Mitte erkennt man einen Marienaltar mit einer Statue, der man wundersame Kräfte zuschrieb. Seit 1855 steht dort auf Veranlassung Viollet-le-Ducs die berühmte mittelalterliche Statue der Maria mit Jesuskind, die den Brand von 2019 unbeschadet überstanden hat. Zwischen den Pfeilern des Langhauses und des nördlichen Querschiffs hängen monumentale Gemälde. Mit ihnen wurde die Kirche nach den Religionskriegen ausgestattet, um ihr im Zuge der Gegenreformation mehr Glanz zu verleihen und um den Gläubigen die biblische Geschichte und das Leben, Leiden und den himmlischen Lohn von Heiligen anschaulich zu machen.

Die beiden großen Gemälde links im Hauptschiff sind sogar identifiziert worden. Es handelt sich um Christus und die Samariterin von Louis de Boullogne, das May-Gemälde von 1695, und Christus heilt einen Epileptiker von Bon Boullogne, das May-Gemälde von 1678. [1a]

Bon Boullogne,  La guérison du paralytique à Bethesda

Was hat es mit diesen May-Gemälden auf sich? Die Tradition der Mays geht zurück auf das Jahr 1449. Es handelte sich um eine jeweils zum 1. Mai eines Jahres überreichte Opfergabe der Pariser Goldschmiede an Maria als der Schutzheiligen von Notre-Dame: Der Monat Mai gilt nämlich in der christlichen Tradition als der Monat Marias.[1b] Die Tradition dieser Opfergaben reichte bis in die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts. Die Formen dieser Gaben änderten sich allerdings im Lauf der Jahre. 1630 engagierte sich die Goldschmiedegilde, als May jedes Jahr ein großformatiges Gemälde von ca 3,4 m Höhe und 2,75 m Breite zu stiften. Die Bilder sollten eine Szene aus dem Leben der Apostel darstellen und im Kirchenraum von Notre-Dame zwischen den Pfeilern aufgehangen werden- so wie das auf dem oben abgebildeten Gemälde ja auch zu sehen ist.[1]

Die Gilde der Goldschmiede wurde geleitet von vier jeweils für zwei Jahre gewählten Meistern. Die beiden zuletzt Gewählten waren für das nächste May-Gemälde zuständig: Thematik, Auswahl und Beauftragung des Künstlers, Übernahme der Kosten…Das war natürlich eine prestigeträchtige Angelegenheit, und manche Auftraggeber nutzten durch die Beauftragung prominenter Maler die Gelegenheit, ihren Rang und Reichtum zur Schau zu stellen. Insgesamt entstanden so 76 großformatige Bilder, die die Kathedrale schmückten: Man hat sie deshalb auch „das erste Museum französischer Malerei“ genannt.[2] Bewundert im 18. Jahrhundert, wurden die Mays während der Französischen Revolution aus der Kirche entfernt: In einem Tempel der Vernunft waren sie fehl am Platz… Immerhin fielen sie nicht dem revolutionären Vandalismus zum Opfer wie die Königsköpfe der Fassade, sondern wurden überwiegend in Museen eingelagert, zum Teil auch verkauft. Die beiden im oben abgebildeten Gemälde identifizierten May-Gemälde beispielsweise befinden sich heute in einem englischen Schloss und -wie mehrere andere Mays- im Depot des Museums von Arras. Einige kehrten wieder in die Kirche zurück, nachdem Napoleon 1801 ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen hatte. Auch Gemälde, die die napoleonischen Truppen bei ihrem Italienfeldzug erbeutet hatten, schmückten nun die Kirche. Aber dann kam Viollet-le-Duc, dessen Rekonstruktion von Notre-Dame sich am Idealbild einer gotischen Kathedrale orientierte, und dazu passten die barocken Gemälde nicht. Also wurden sie 1862 erneut aus der Kirche entfernt und dem Louvre übergeben. Im 20. Jahrhundert aber begann man sich wieder für die Mays zu interessieren, 52 davon konnte man noch identifizieren und 13 fanden wieder ihren Platz in Notre-Dame – allerdings nicht mehr zwischen den Pfeilern des Hauptschiffs, sondern etwas versteckt und verdunkelt in Seitenkapellen.  Dort überlebten sie den Brand von 2019. Die Jahre der Rekonstruktion der Kathedrale wurden genutzt, um sie, zusammen mit anderen Gemälden der Kirche, zu restaurieren. Bevor sie Ende 2024 wieder an ihre angestammten Plätze zurückkehren, sind sie nun als ein einzigartiges Ensemble der französischen Malerei des 17. Jahrhunderts in den Ausstellungsräumen der Galerie des Gobelins aus der Nähe zu betrachten.

Nachfolgend werden einige der dort ausgestellten Mays etwas näher präsentiert. Vielleicht regen sie zu einem Ausstellungsbesuch an, vielleicht aber auch dazu, nach der Neueröffnung von Notre-Dame auch einen Blick auf die dort ausgestellten Gemälde zu werfen.

May von 1634

Foto: Wolf Jöckel

Jacques Blanchards May-Gemälde von 1634 veranschaulicht das Thema Pfingsten: Feuerzungen, Symbole für den Geist Gottes, wehen vom Himmel herab.  

Die Ankunft des Heiligen Geistes von Jacques Blanchard  (Höhe 3,40m x Breite 2,45m)[3] 

Der Text der Apostelgeschichte berichtet, dass die zwölf Jünger und Maria zusammenkommen, als ein Hauch wie ein Windstoß das Haus erfüllt und Feuerzungen erscheinen. „Dann erschienen ihnen Zungen, von denen man sagen würde, sie seien aus Feuer, und sie wurden geteilt, und auf jedem von ihnen ruhte eine. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt: Sie begannen in anderen Sprachen zu reden, und jeder redete gemäß der Gabe des Geistes. » (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 1-4)

Foto: Wolf Jöckel

May von 1637

Laurent de La Hyre (1606-1656) hat als May des Jahres 1637 eine dramatische Szene gemalt: Die Bekehrung des  Paulus: Auf dem Weg nach Damaskus erscheint dem römischen Offizier Saul die visionäre Lichtgestalt des auferstandenen Christus. Der Verfolger von Christen wird als Paulus „Apostel der Völker“.

Laurent de la Hyre hatte bereits das May-Bild des Jahres 1635 gemalt. Das war derart erfolgreich gewesen, dass er zwei  Jahre später  einen erneuten May-Auftrag erhielt und das sogenannte Damaskus-Erlebnis des Paulus malte.[4]

Foto: Wolf Jöckel

Das Bild ist diagonal aufgeteilt: Unten der römische Offizier Saul mit seinem Gefolge. Er liegt mit seinem Pferd am Boden, geblendet vom Licht. Ein Begleiter versucht ihn aufzurichten, ein anderer ergreift panisch die Flucht.

Foto: Wolf Jöckel

Oben die Lichtgestalt des von Engeln begleiteten Jesus, der den zu Boden Gestürzten anruft: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

Die beiden Bildausschnitte habe ich in der Ausstellung aufgenommen, die Gesamtansicht ist ein älteres Foto von Wikipedia. Die Unterschiede sind deutlich: Die durch den Staub der Jahrhunderte verblasste Lichterscheinung des Jesus, die den Christenverfolger für mehrere Tage blendet, hat den ursprünglichen Glanz zurückerhalten. Und dieser Glanz fällt auch auf Saulus, der dadurch zum Paulus wird.  So wird man auch die Kathedrale von Notre-Dame insgesamt nach der Wiedereröffnung am 8. Dezember 2024 in neuem Licht, ja Glanz, erleben…

May von 1639

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Thema dieses Mays ist die Begegnung des Apostels Petrus mit dem römischen Centurio Kornelius. Dem erschien, wie die Apostelgeschichte berichtet, ein Engel Gottes, der ihm den Auftrag gab,  Petrus in Caesarea treffen: „Als nun Petrus ankam, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich ehrfürchtig vor ihm nieder/ Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch.“[5]  Und Kornelius lässt sich als einer der ersten nach dem Tod Jesu von Petrus taufen. Auch hier ist der Unterschied zwischen der alten Gesamtdarstellung und dem Ausschnitt aus dem restaurierten Gemälde sehr deutlich und eindrucksvoll.

Das Gemälde vor dem Brand an seinem angestammten Platz in Notre-Dame [6]

Die großen Säulen im Hintergrund „erinnern an die Pfeiler der Kathedrale. Es handelt sich um eine symbolische Verbindung zwischen der Vergangenheit, in der sich das Geschehen vollzieht, und dem gegenwärtigen Ort, in dem sich die Gläubigen befinden.“[7]

Der Maler, Aubin Vouet (1595-1641), ist heute eher in Vergessenheit geraten. Damals allerdings war er ein äußerst geschätzter Maler großer Formate mit religiösen und mythologischen Motiven. Geschult an Caravaggio, dessen Bilder er bei einem Aufenthalt  in Rom sah, setzte er effektvoll starke Lichteffekte, lebhafte Farben und wallende, die Darstellungen rhythmisierende Gewänder ein. Von seiner damaligen Popularität spricht die Tatsache, dass er 1632 als einer der Ersten für ein May-Gemälde ausgewählt wurde und dass er nach dem Gemälde von 1639 auch gleich noch den Auftrag für das darauffolgende Jahr erhielt, den er kurz vor seinem frühen Tod noch ausführen konnte.

May von 1643

Ausschnittsbilder: Fotos: Wolf Jöckel

Auf dem May-Gemälde von 1643 geht es, wie das Detail des gefährlich seine Zähne fletschenden und nicht angeketteten Hundes zeigt, um Gewalt….

Dargestellt ist Die Kreuzigung des heiligen Petrus, (Höhe 3,59m x Breite 2,59m), gemalt von Sébastien Bourdon (1616-1671) 

Bourdon bezieht sich dabei auf die Legenda aurea. Dies ist eine von dem Dominikaner Jacobus de Voragine wahrscheinlich in den Jahren um 1264 auf Lateinisch verfasste Sammlung von ursprünglich 182 Traktaten zu den Kirchenfesten. Vor allem sind darin Lebensgeschichten Heiliger und Heiligenlegenden enthalten.[8]

In Kapitel 89 wird dort berichtet, dass Petrus im Angesicht des Kreuzes verlangt habe, kopfüber gekreuzigt zu werden, da er nicht würdig sei, auf die gleiche Art und Weise wie Jesus zu sterben.

Der himmlische Lohn wartet immerhin schon auf ihn…. (Foto: Wolf Jöckel)

May von 1647

Auch im May von 1647 überbringt ein Engel mit nach oben gerecktem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger himmlischen Lohn. Denn auch in diesem Bild geht es um einen Apostel, der, gekreuzigt wie Petrus, für seinen Glauben stirbt, und deshalb zum Heiligen wird.[9]

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Gemalt hat das Bild Charles Le Brun (1619-1690), einer der bedeutendsten französischen Maler des 17. Jahrhunderts. Er gehörte mit dem Gartenarchitekten Le Nôtre und dem Architekten Le Vau zu dem genialen Dreigestirn, das zunächst das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte konzipierte und dann vom Sonnenkönig für Versailles engagiert wurde. Le Brun wurde offizieller Hofmaler Ludwigs XIV. und dazu auch noch Direktor der Gobelin-Manufaktur. Einen prominenteren May-Maler konnten die damals verantwortlichen Goldschmiedemeister nicht finden.

Dargestellt ist eine komplexe Handlung: Soldaten reißen Andreas seine Kleider vom Leib und binden ihn an ein X-förmiges Kreuz, das deshalb auch Andreas-Kreuz genannt wird; und sie zerstreuen Menschen, die Sympathie mit Andreas zeigen.  

Und von oben sieht der römische  Statthalter Aegeas dem Geschehen zu. Er hatte  Andreas zum Tode verurteilt, weil der seine Frau zum Christentum bekehrt hatte. (Bei der Rückkehr von der Hinrichtung soll Aegeas allerdings zur Strafe dem Wahnsinn verfallen sein…)

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Der Kern der Geschichte ist von Le Brun deutlich hervorgehoben: Das Martyrium des Andreas und der ihm winkende himmlische Lohn sind vom Licht erhellt, Apostel und Engel durch ihre Blicke verbunden. So können auch die Betrachter des oben zwischen den Pfeilern aufgehängten Bildes seine Botschaft unschwer erkennen. Auch hier wieder ist der Unterschied zwischen alter Version (Engel) und neuer (Apostel) deutlich erkennbar.

May von 1651

Le Brun erhielt auch den Auftrag für das May-Gemälde von 1651. Thema ist diesmal die Steinigung des heiligen Stefanus (St. Etienne)  H 4,00m x B 3,12m.[10]  

Stefanus gilt als der erste christliche Märtyrer. Wegen Gotteslästerung wird er zum Tode verurteilt und gesteinigt.[11] Auch dies ist eine Szene größter Brutalität. Drei muskulöse Männer vollziehen die Steinigung. Alte, Frauen und Kinder beobachten die Szene, ein Junge -oder vielleicht sogar ein Mädchen?- assistiert und bringt Steine herbei.

Fotos: Wolf Jöckel

Auch dieses Gemälde ist deutlich zweigeteilt. Unten mit ausgebreiteten Armen Stefanus, den Blick, entsprechend den Worten der Apostelgeschichte, nach oben gerichtet:

Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.[12]

Und so sieht auch der Betrachter in den offenen Himmel: Gottvater und Jesus, ein strahlend schöner Jüngling, winken dem Märtyer zu, und Engelchen halten schon die Symbole des himmlischen Lohns, Krone und Palmwedel, bereit…

Das Gemälde wurde in der chapelle saint Éloi aufgehangen, dem Heiligen der Goldschmiede, die die Mays von Notre-Dame finanzierten: Zeichen der besonderen Wertschätzung für den königlichen Hofmaler Le Brun.

Die anderen Mays allerdings hatten ihren Platz in dem Haupt- und dem Querschiff der Kirche.

Dieses Gemälde von Jean-François Depelchin aus dem Jahr 1789 vermittelt einen Eindruck vom Innenraum der Kirche mit den dort präsentierten Mays.[13]  Schon vor dem Brand der Kirche gab es Überlegungen, ob die noch existierenden Mays nicht wieder im Kirchenraum aufgehangen werden sollten. Das wurde aber verworfen. So werden die 13 Mays, die es vor dem Brand noch in den Seitenkapellen der Kathedralen gab, wohl wieder dorthin zurückkehren – restauriert und voraussichtlich besser präsentiert als bisher.

Derzeit sind die restaurierten Mays  -zusammen mit anderen Gemälden und Wandteppichen aus Notre-Dame- noch aus nächster Nähe zu betrachten, und zwar bis zum 21. Juli 2024  in der Galerie des Gobelins in Paris. Man hätte keinen geeigneteren Ort für diese Ausstellung finden können. Immerhin war Le Brun, der selbst, wie wir gesehen haben, zwei Mays gemalt hat, erster Direktor der Manufacture des Gobelins; Außerdem werden in der Ausstellung auch Wandteppiche/gobelins präsentiert, die im 17. Jahrhundert für den Chor von Notre-Dame hergestellt, im 18. Jahrhundert allerdings an die Kathedrale von Straßburg verkauft wurden.

Praktische Informationen

Galerie des Gobelins, 42 avenue des Gobelins, 75013 Paris
Metro : Gobelins (ligne 7)

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag  11 bis 18 Uhr


Anmerkungen

[1] Zu den Mays von Notre-Dame siehe auch: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/ und  https://notre-dame-de-paris.culture.gouv.fr/fr/le-grand-decor-de-notre-dame-les-tableaux

[1a] Abgebildet ist hier ein vorbereitendes kleineres Gemälde von Bon Boullogne. Dabei handelt es sich um ein übliches Verfahren: Vorab wurden Skizzen und auch solche kleineren Gemälde angefertigt, bevor dann der endgültige Auftrag für ein großformatiges May-Gemälde erteilt wurde. Der abgebildete Entwurf wurde 2020 bei Sotheby’s vom Museum in Bayonne ersteigert. http://www.lecurieuxdesarts.fr/2020/12/une-peinture-de-bon-boullogne-pour-le-musee-bonnat-helleu-de-bayonne.html

[1b] https://eglise.catholique.fr/approfondir-sa-foi/connaitre-et-aimer-dieu/marie/499023-mois-de-marie-coutume-recente/

[2]  L’Objet d’Art 575, Februar 2021 Les MAYS de Notre-Dame

Ein Übersicht über alle noch identifizierbaren Mays:  https://en.wikipedia.org/wiki/May_(painting)

https://www.faton.fr/lobjet-dart/numero-575/mays-notre-dame/lectures-choisies.53004.php#article_53004

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:La_Descente_du_Saint-Esprit,_par_Jacques_Blanchard.jpg

[4] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-conversion-de-saint-paul/

[5] Apostelgeschichte 10, 25 und 26  https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/apg10.html

[6] Bild aus: https://www.barnebys.de/blog/ausstellung-mit-restaurierten-notre-dame-kunstwerken-startet-in-kurze

[7] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-centurion-corneille-aux-pieds-de-saint-pierre/

[8] Jacobus de Voragine, Legenda aurea: Heiligenlegenden Manesse Bibliothek der Weltliteratur,

Nachfolgendes Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Bourdon,_S%C3%A9bastien_-_Le_crucifiement_de_Saint_Pierre_-_1643.JPG

[9] Vorstehende Abbildung (Engel) und Erläuterungen zu dem Gemälde aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

[10] Nachfolgendes Bild und nähere Informationen dazu bei: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

[11] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Le_Brun_Saint_Etienne_may.jpg

[12] https://www.bibleserver.com/EU/Apostelgeschichte7

Nachfolgendes Bild aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/#

[13] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/vue-interieure-de-notre-dame-en-1789#infos-principales

Weitere Beiträge zu Notre-Dame auf diesem Blog:

Endlich spritzt, sprudelt und dreht er sich wieder:  Der Strawinsky-Brunnen von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou

Nach 18-monatiger Renovierung präsentiert sich der Strawinsky-Brunnen in Paris zu seinem 40. Geburtstag wieder in seiner vollen farbenfrohen, wassersprühenden Pracht. Der Brunnen besteht aus einer großen rechteckigen Wasserfläche, 33 Meter lang und 17 Meter breit und 16 beweglichen Skulpturen. Er wird deshalb auch Fontaine des Automates genannt.  Die Skulpturen haben alle einen Namen und  eine Verbindung zur Musik im Allgemeinen und zu der Igor Stravinskys im Besonderen.

Am bekanntesten und auffälligsten ist sicherlich die Skulptur des Feuervogels, der sich auf Strawinskys gleichnamiges Ballett bezieht. Es ist ein Werk von Niki de Saint Phalle, die den Brunnen zusammen mit Jean Tinguely gestaltet hat.

Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Der Kuss: wohl eine Anspielung an den Kuss der Erde aus dem 1913 in Paris uraufgeführten Ballett Le Sacre du Printemps

Im Gegensatz zu Niki de Saint Phalles farbigen Figuren bestehen die Jean Tinguelys aus  schwarzem Metall.

Hier sein wassersprühender Notenschlüssel

Den Auftrag für den Brunnen erhielt zunächst allein Jean Tinguely. Während der Arbeit bat er aber darum, dass neben seinen dunklen Maschinen auch bunte Skulpturen von Niki de Phalle in das Ensemble aufgenommen werden sollten. Das stieß zunächst auf erheblichen Widerstand seitens der Auftraggeber. Dass schließlich dann doch der Brunnen als Gemeinschaftswerk akzeptiert wurde, war nicht zuletzt der Fürsprache von Madame Pompidou, der Witwe des früheren Staatspräsidenten, zu verdanken. In einem Interview mit dem Beaux-Arts Magazine en 1983 erläuterte Jean Tinguely die Beziehung der dunklen und der bunten Skulpturen: In der Nacht seien es vor allem die bunten Elemente, die beleuchtet würden, das sei dann eine Fontäne Nikis, während seine Maschinen verschwänden, wie Geister wirkten. Tagsüber dagegen sei das Schwarz deutlich zu erkennen, vor allem bei schlechtem Wetter, und dann könne man genau die Einzelheiten der Maschinen sehen. [1]

 Insgesamt ein wunderbares Gesamtkunstwerk an einem ganz besonderen Platz: Zwischen der spätgotischen Kirche Saint Merri aus dem 15. Jahrhundert auf der einen Seite….

…. und der „futuristischen“ Architektur des Centre Pompidou auf der anderen- die allerdings ja doch auch etwas Gemeinsames haben: Dass nämlich stützende bzw. tragende Elemente – bei Saint Merri die Strebebögen und Strebepfeiler, beim Centre Pompidou das stählerne Korsett- deutlich sichtbar sind.

Hier einen solchen Brunnen zu errichten war ein äußerst kühnes Projekt. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie es davor hier aussah: „Tot!… triste Einöde, die sich zwischen zwei Bauwerken hindehnt, wovon eines- die Kirche Saint-Merry- der -Geschichte angehört und das andere -das Centre Pompidou eben in sie eingeht… Schmucklos-unpersönliche Betonplatten, gerade noch für Fußball geeignet, geschätzt nur von herumirrenden Kötern.  … Ein völlig leerer Platz also, eine leblose Wüste. Und es war recht unerfreulich, dieses Vakuum tagtäglich vor Augen zu haben!“.[1a]

Wer dies schrieb und wer das Vakuum dieses Platzes tagtäglich vor Augen hatte, war der französische Komponist Pierre Boulez, der erste Direktor des Institut de Recherche et de Coordination Acoustique / Musique(IRCAM), das an diesem Platz seinen Sitz hat. Deshalb wurde dieser auch nach Igor Strawinsky benannt. Pierre Boulez schätzte Strawinsky als Wegbereiter der modernen Musik sehr, und zudem war Strawinsky Paris auch in besonderer Weise verbunden: 1910 reiste er erstmals nach Paris, dort wurden die Ballette  Der Feuervogel (1910) und die Nachfolgewerke Petruschka (1911) und  Le sacre du printemps (1913) uraufgeführt. Von 1920  bis 1940 lebte Strawinsky in Frankreich; 1934 wurde er französischer Staatsbürger.

Die Idee, den tristen Strawinsky-Platz mit einen Brunnen zum Leben zu erwecken, kam Boulez in Basel: Dort gibt es den großen Fassnachts-Brunnen von Jean Tinguely.[2]

Noch einmal Pierre Boulez: „Ach, es sei gestanden: aus einem Brunnen kam der Brunnen, und aus Basel wurde Paris. Hatte man den zauberhaften Brunnen in Basel einmal gesehen, so konnte man sich den Platz hier gar nicht mehr anders vorstellen als belebt von ebensolchen zauberhaften, im Wasser mechanisch angetriebenen Körpern, schwarz und bunt, geometrisch und figürlich.“  Schwarz und bunt: Also ein Gemeinschaftswerk von Jean Tinguely mit seinen schwarzen und seiner Lebensgefährtin Niki de Saint Phalle mit ihren bunten Figuren.

Und dass die beiden gemeinsam Wunderbares hervorbringen konnten, zeigten sie ja am Rande des Waldes von Fontainebleau in Milly- la-Forêt.[3]

Die Cyklop-Fotos stammen aus den Jahren 2010, 2015 und 2021

Dort errichteten sie damals den gewaltigen Cyklopen, ein 22 Meter hohes begehbares Ungetüm aus 350 Tonnen Stahl…

…. einäugig wie der Cyklop aus der Odyssee und bedrohlich, vor allem, wenn sich die rostigen Maschinen mit ohrenbetäubendem Lärm in Bewegung setzen…

… aber gleichzeitig auch blitzend, bunt und verspielt.  Und in der Wasserfläche ganz oben: Ein faszinierendes Spiel reflektierender Farben.

Beste Voraussetzungen also für den gemeinsamen Brunnen auf dem Strawinsky-Platz. Und Tinguely hatte ja  in den Jahren davor schon zahlreiche Wassermaschinen gebaut, auch in Kombination mit Riesen-Nanas seiner Partnerin. [4]

Das für die Weltausstellung 1967 in Monreal angefertigte und danach endgültig in Stockholm aufgestellte  Paradis fantastique von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Auch von Seiten der Stadt Paris waren die Voraussetzungen bestens:  Denn zu Beginn der 1980-er Jahre beschleunigte die Stadt ihre Politik zugunsten monumentaler zeitgenössischer künstlerischer Schöpfungen: Prominente Beispiele dafür sind die Glaspyramide von Ieoh Ming Pei  im Hof des Louvre oder die Säulen Les deux plateaux von Daniel Buren im Ehrenhof des Palais Royal. Dazu passte  durchaus das Projekt des Strawinsky-Brunnens.

Die Herausforderungen waren allerdings gewaltig: Denn der Strawinsky-Platz war ja nichts anderes als ein Dach, unter dem höchst kostspielige und empfindliche Geräte des IRCAM gelagert waren. Auf keinen Fall durften da Geräusche oder gar Wasser eindringen. Die Tragfähigkeit des Daches war also zu berücksichtigen. Das bedeutete: Die Wasserfläche des Brunnens musste in ihrer Höhe begrenzt werden, das verwendete Material in seinem Gewicht: Für die Kunststoff- Figuren Niki de Saint Phalles kein Problem, für die Konstruktionen Tinguelys schon: Stahl wie in Milly-la-Forêt schied aus, stattdessen baute er seine Installationen aus dem leichteren Aluminium….

Bis das endgültige Konzept entwickelt war, wurde eine Vielzahl von Entwürfen hergestellt; für die einzelnen Figuren wie den Feuervogel…

…. oder die Nachtigall, auch eine Fontäne, die sich auf das Werk Strawinskys bezieht, nämlich die Märchenoper Le Rossignol, die 1914 ebenfalls in Paris,  in der Opéra Garnier,  uraufgeführt wurde.

… vor allem aber für die gesamte Anlage: Denn die einzelnen Figuren sollten sich ja aufeinander beziehen, sollten ein harmonisches Ganzes bilden, gewissermaßen ein Wasserballett zu Ehren Strawinskys.

Aber schließlich war es so weit: Am 16. März 1983 war die enflottage de la fontaine, wurde der Brunnen eingeweiht.  

Einladungskarte von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle für die Eröffnung

Jean Tinguely, Jaques Chriac, damals Bürgermeister von Paris, mit seiner Frau Bernadette und Niki de Saint Phalle bei der Eröffnung des Brunnens. Crédit photo : Marc Verhille / Ville de Paris [5]

Und Pierre Boulez war begeistert: „es sprudel, spritzt und schäumt, dreht sich in Kreisen und Spiralen, taucht ein ins Wasser und lässt im Hochkommen tausend Tropfen stieben, sprüht in gewundenen Strahlen und hohen Bögen in alle Himmelsrichtungen, zaubert im Tanz irisierende Regenbögen zu den leuchtenden Eigenfarben der mechanischen Körper hinzu: sprühendes, überschäumendes Leben, eine Pracht, wonach es diesen Platz schon immer gedrängt hat.“

Pierre Boulez konnte mit Recht begeistert sein. Denn mit dem Strawinsky-Brunnen wird auf ganz wunderbare Weise die Tradition der Wasserkunst fortgesetzt, die in den Brunnen- und Gartenanlagen des 17. und 18. Jahrhunderts triumphierte.  Gerade auch in Paris wurde diese Tradition im 19. Jahrhundert wieder aufgenommen.[6]  Monumentalbrunnen wie die auf der Place de la Concorde hatten die Funktion, wichtige Plätze und Verkehrsknotenpunkte zu markieren – allerdings mit dem traurigen Resultat, dass sie, verkehrsumbraust, für die Menschen kaum noch zugänglich waren und sind. Anders der Strawinsky-Brunnen: Dort gibt es keine Autos, keinen Verkehrslärm, auch kaum wilde Radfahrer; stattdessen aber oft zwischen Brunnen und Centre Pompidou Straßenspektakel mit Akrobatik und Musik, oft zum Mitmachen für alt und jung…

Und der Brunnen lädt dazu ein, zu verweilen, dem Spiel der Farben und des Wassers zuzuschauen, sich auf seinen Rand zu setzen oder in eines der benachbarten Cafés. Er ist also, wie Bürgermeister Chirac bei der Einweihung des Brunnens hervorhob, vom demokratischen Geist beseelt.

Ein Schandfleck des Platzes waren allerdings die traurigen,  geschlossenen Häuserfronten auf einer Längsseite des Platzes. Die wurden dann aber bald von bekannten Künstlern der Street-Art gestaltet.

Den Anfang machte ein Werk von  Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), einem  der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris,  „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 

 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“ (Pssst!!!), ein Auftragswerk des Centre Pompidou. Mit seinen 350 qm² war es lange eines der größten Wandbilder der Welt.

Und zu seinen Füßen die Sirene von Niki de Saint Phalle.[7]

Foto von 2019 aus dem Instagram-Account von Obey[8]

Daneben gibt es seit 2019 ein großes Wandbild von Shepard Fairey alias Obey. In Paris ist er bekannt durch seine Installation unter dem Eiffelturm zur Weltklimakonferenz 2015 und durch seine Beiträge zur open-air-Ausstellung der XXL-Formate im 13. Arrondissement, vor allem seine Aufsehen erregende weinende Marianne.

Foto: Wolf Jöckel September 2022

Obey vermittelt gerne mit seinen Wandbildern und Werken auch politische Botschaften. Das Wandbild am Strawinsky-Brunnen steht unter dem Motto: Knowledge + Action= power.

Fairey schreibt dazu:  The Knowledge + Action mural is inspired by Art Nouveau but with a very currently relevant message. Apathy and ignorance have promoted a decline in civility and quality civic engagement, giving rise to forces who promote fear, division, and nationalism. We all need to understand the importance of both educating ourselves and taking action as we shape the future.[9]

Das Wandbild fordert also die Betrachter dazu auf, das offene Buch der Zukunft durch eine Kombination von Wissen/Erziehung und Aktion zu beschreiben. Es ist eine Auftragsarbeit der Stadt Paris.

Und schließlich gibt es noch ein drittes Werk der Street-Art an dem Strawinsky-Brunnen, nämlich ein monumentales (halbes) Mosaik des Invaders. Der hat hier durchaus seinen legitimen Platz,  bereichert er  doch mit seinen inzwischen weit über 1000 meist kleinen Mosaiken an den Hauswänden von Paris das Bild der Stadt.

Und an der Längsseite gegenüber gibt es mehrere Cafés, von denen aus man in Ruhe die Wandbilder, vor allem aber die Wasserspiele beobachten kann…

Der Elefant

Die sich drehende wasserspritzende Schlange

Zum Leben gehört auch der Tod:  Er ist im Werk Strawinskys präsent ebenso wie in dem von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Also hat er auch hier seinen Platz.

Die Klanginstallationen Ircam circus

Anlässlich der Restaurierung des Brunnens hat das IRCAM  zwei Klangkreationen  in Verbindung mit den farbenfrohen Skulpturen des Brunnens und dem Künstlerpaar Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely  geschaffen. In der ersten erzählt Hélène Frappart, begleitet von Musik,  sieben Geschichten zu ausgewählten Fontänen des Brunnens; die zweite ist eine elektronische Musik zu Ehren der beiden Künstler.

Die Werke sind zugänglich mit Hilfe eines QR-Codes, der auch neben dem Brunnen am IRCAM befestigt ist, und über Ircam Circus.

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Das nachfolgende Gedicht hat Jean Tinguely 1982 Madame Pompidou geschickt: Die Vision eines wunderbaren Brunnens, der einmal auf einem Platz in Paris sprudeln werde: Eine Vision, die Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle mit dem Strawinsky-Brunnen am Centre Pompidou Wirklichkeit werden ließen. Der Autor des Gedichts, Robert Desnos (1900-1945), war in der französischen Résistance engagiert, wurde 1944 verhaftet und starb einen Monat nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt an Typhus.

La Prophétie von Robert Desnos

D’une place de Paris jaillira une si claire fontaine
Que le sang des vierges et les ruisseaux des glaciers
Près d’elle paraîtront opaques.
Les étoiles sortiront en essaim de leurs ruches lointaines
Et s’aggloméreront pour se mirer dans ses eaux près de la Tour Saint-Jacques.

D’une place de Paris jaillira une si claire fontaine
Qu’on viendra s’y baigner, en cachette, dès l’aurore.
Sainte Opportune et ses lavandières seront ses marraines
Et ses eaux couleront vers le sud venant du nord.

Un grand marronnier rouge fleurit à la place
Où coulera la fontaine future,
Peut-être dans mon grand âge
Entendrai-je son murmure ;

Or le chant est si doux de la claire fontaine
Qu’il baigne déjà mes yeux et mon cœur.
Ce sera le plus bel affluent de la Seine,
Le gage le plus sûr des printemps à venir, de leurs oiseaux et de leurs fleurs.

Auch nachts spritzt und sprudelt der Brunnen:


Anmerkungen

[1] https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-stravinsky-retrouve-son-eclat-decouvrez-ses-secrets-24204

[1a] Pierre Boulez, Vorwort zu: Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, Strawinsky-Brunnen Paris. Bern: Benteli-Verlag 1983

[2] https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Tinguely-Brunnen_%28Basel%29?uselang=de#/media/File:Basel2004_img_3157.jpg

[3] https://paris-blog.org/2016/04/11/milly-la-foret-jean-cocteau-niki-de-saint-phalle-und-jean-tinguely/

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.schirn.de/magazin/kontext/2023/niki_de_saint_phalle/einmal_um_die_welt_mit_niki_de_saint_phalle/

[5] Bild aus: https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-stravinsky-retrouve-son-eclat-decouvrez-ses-secrets-24204?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s44

[6] Franz Meyer, Wasseraktion und Wasserspektakel. Zur Vorgeschichte der Pariser ‚Fontaine‘. In: Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, Strawinsky-Brunnen Paris, S. 13/14

[7] Nach https://actu.fr/ile-de-france/paris_75056/limage-une-nouvelle-oeuvre-geante-peinte-par-street-artiste-obey-coeur-paris_25641544.html handelt es sich um ein Portrait von Salvador Dali

[8] Bild aus: https://www.instagram.com/p/BzB74oglKW_/?utm_source=ig_embed&ig_rid=9453f39b-eec2-4b76-850f-f7074d44a663

[9] Zit aus Faireys Instagram-Seite in:  https://actu.fr/ile-de-france/paris_75056/limage-une-nouvelle-oeuvre-geante-peinte-par-street-artiste-obey-coeur-paris_25641544.html

Jakob Ignaz Hittorff, der Pariser Stadtbaumeister aus Köln: Auch eine deutsch-französische Geschichte. Von Ulrich Schläger

Vorwort

Wie nur wenige vor und nach ihm hat Jakob Ignaz Hittorff das Pariser Stadtbild geprägt. Das weltberühmte Prunkstück der Pariser Ost-West-Achse von der Place de l’Étoile um den Triumphbogen über die Champs-Élysées, „die schönste Avenue der Welt“, bis zur Place de la Concorde mit dem Obelisken von Luxor ist mit dem Namen Hittorffs verbunden.  Dazu kommen zahlreiche andere Bauten, die das Pariser Stadtbild prägen,  wie die Kirche Saint- Vincent-de-Paul und der Gare du Nord, der Cirque d’hiver und das Rathaus des 5. Arrondissements – um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen. Hittorff steht damit in einer Reihe mit Henrich IV., Napoleon und -nach ihm- dem Baron Haussmann. Trotzdem ist er -gerade auch im Vergleich mit den genannten Gestaltern der Stadt- eher ein Unbekannter. In Paris erinnern nur eine kleine unbedeutende Straße an ihn und eine noch kleinere und triste, Cité genannte Gasse.

Umso verdienstvoller ist es, dass Ulrich Schläger, Lesern dieses Blogs schon bekannt durch seinen Beitrag über den Engel in der rue Tourbigo, sich der Persönlichkeit und des Werks von Hittorff, seines Kölner Landsmanns, angenommen hat.

In der nachfolgenden Würdigung erläutert Schläger die Bedeutung Hittorfs als Wissenschaftler, Architekt und Stadtplaner, er zeichnet seinen Werdegang nach und er beschäftigt sich mit den Gründen, warum Hittorff weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ich freue mich sehr über diesen Beitrag, zumal es dabei auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte geht.

Weitere Beiträge Ulrich Schlägers über emblematische Pariser Bauten Hittorffs werden dann in lockerer Reihenfolge auf diesem Blog erscheinen.

Merci, Monsieur Schläger und allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bonne lecture!

Wolf Jöckel

Hommage für Jakob Ignaz Hittorff

Erinnert werden soll an Jakob Ignaz Hittorff, der am 20. August 1792 in Köln geboren wurde und hochdekoriert am 25. März 1867 in Paris verstarb, „ein Künstler von umfassendem Wissen und Wirken; ein zum Franzosen gewordener Deutscher, der mit gleicher Liebe an dem alten wie dem neuen Vaterland hing“ [1].  Und auch seiner Heimatstadt Köln, die einen Teil seines reichen Erbes bewahrt, blieb Hittorff verbunden.

Abb. 1: Félix-Joseph Barrias:  Jacob Ignace Hittorff  (1869)

Dieses posthume Portrait veranschaulicht Hittorffs außerordentliche Erfolgsgeschichte. Es zeigt ihn in seinem Arbeitszimmer, seine Rechte gestützt auf den Schreibtisch mit den Insignien seines Berufs: Zirkel, Dreieck, Bleistift, Feder und Tintenfass. Die bronzene Statuette der Minerva, Göttin der Künste und Wissenschaften, Bücher und Bilder im Hintergrund illustrieren sein Selbstverständnis als Künstler und Wissenschaftler. Gekleidet ist er im grün bestickten Rock der Académie des beaux-arts, hoch dekoriert mit den Auszeichnungen illustrer Akademien und Fürstenhäuser, darunter die Orden eines Chevalier und Commandeur der Légion d‘honneur, die Goldmedaille des Royal Institute of British Architects und den preußischen Orden „Pour le Mérite“ für Kunst und Wissenschaft.

Als Architekt und Stadtplaner sind in Paris nicht nur so geschichtsträchtige und bedeutende Plätze der Stadt wie die place de la Concorde und die place de l’Étoile/ place Charles-de-Gaulle, sondern auch die Avenue des Champs-Élysées mit seinem Namen verknüpft. Seine Bauten in Paris umfassen ein breites architektonisches Spektrum: Es reicht von Vergnügungs- und Theaterbauten (Restaurants, Rotonde du Panorama, Cirque d’Éte, Cirque Napoléon, heute Cirque d’Hiver,  Théâtre de l’Ambigu sowie Théâtre Marigny), Rathäusern (im 1. und 5. Arrondissement), sozialen Einrichtungen (wie das Waisenhaus Maison Eugène Napoléon, die heutige Fondation Eugène Napoléon), der Kirche Saint-Vincent-de-Paul bis hin zu dem größten Pariser Bahnhof, dem Gare du Nord, nicht gerechnet die Entwürfe zu Brunnen, Gaslaternen, Kandelabern, sonstigem Stadtmobiliar, Privathäusern, Renovierungen und nicht ausgeführten Projekten wie u.a. ein Palais de l‘Industrie ganz aus Eisen und Glas an den Champs-Élysées oder ein Theater- und Museumsprojekt für seine Vaterstadt Köln.

Zugleich hat Hittorff als „Entdecker der Polychromie der antiken Architektur“[2]  die Altertumswissenschaft maßgeblich mitgeprägt. Er stellt damit „einen der letzten Prototypen des Architekten-Archäologen dar, der einst der Schlüssel zu den Fortschritten der europäischen archäologischen Wissenschaft war.“ [3] Das macht ihn zu einer emblematischen Figur, wie Beulé [[4]] in der bewegenden Grabrede, die er zu seinem Gedenken am 12. Dezember 1868 vor der Académie des Beaux-Arts hielt, nachdrücklich betonte:

„Es war dem 19. Jahrhundert vorbehalten, dem Studium des Altertums eine Durchdringung und einen Respekt zu verleihen, die alles wieder zum Leben erwecken. Die Ruinen Griechenlands und Italiens sind eine Schule für ganze Generationen; die geschicktesten Schüler sammeln in verlassenen oder vom Fieber bewachten Ländern die kleinsten Details der griechischen und römischen Denkmäler; sie ernähren sich von diesen gleichzeitig so schönen und so einfachen Werken, sie entdecken sie, sie restaurieren sie, sie messen sie, sie drehen den kleinsten Trümmerteil um, wie ein Kommentator die Sätze eines wertvollen Manuskripts umdreht. Mit einem Wort: Durch Genauigkeit, Feingefühl und Eklektizismus begnügen sich unsere Architekten nicht mehr damit, Wissenschaftler zu sein; sie sind zu Archäologen geworden. Der Mann, den wir heute ehren, meine Herren, war einer der Förderer dieses Triumphs der Archäologie.

Abb. 2: Farbige Restitution des Tempels des Empedokles in Selinunt (Sizilien) durch Hittorff aus seinem Werk über die Polychrome Architektur bei den Griechen. 1851

Hittorff war ein Gelehrter ebenso wie ein Künstler. Die Académie des Inscriptions et Belles Lettres hätte ebenso wie die Académie des Beaux-Arts das Recht gehabt, ihn in ihre Mitte zu berufen. Wenn er seine Kunst liebte, pflegte er die Wissenschaft mit Rausch und lebte inmitten des Altertums wie in einem Heiligtum. Er zählt zu den komplexen und interessanten Figuren unserer Zeit, aufgrund der Vielfalt seiner Fähigkeiten und der Aufrichtigkeit einer Leidenschaft, die sein ganzes Leben erfüllte. […] Deshalb, meine Herren, prägt Hittorff die französische Kunst des 19. Jahrhunderts; er hinterlässt seine Spuren als Künstler und vor allem als Gelehrter.“ [5]

Hittorff zählt zu den bedeutendsten Architekten im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er hat nachhaltig Architekten wie Henri Labrouste und Charles Garnier in Frankreich und Gottfried Semper in Deutschland beeinflusst und fungierte „als Fährmann, als Vermittler zwischen dem Neoklassizismus und dem Eklektizismus“. (Adeline Grand-Clément)

Das Panthéon Parisien, das Album der zeitgenössischen gefeierten Persönlichkeiten, ehrte ihn in den 1860-er Jahren mit einer Auflistung seiner Werke, einer Portraitfotografie und einer Kurzvita.

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Hittorff war noch vieles mehr als „nur“ Architekt und Archäologe: als Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne war er Festdekorateur der Bourbonen. Als Restaurator des Palais Beauharnais [6] (der damaligen preußischen Gesandtschaft und jetzigen Residenz des deutschen Botschafters in Paris) trug er entscheidend zum Erhalt der glanzvollen, von Percier und Fontaine geschaffenen Innendekoration im Empire-Stil bei. Er war freier Unternehmer, der in emaillierten Lavaplatten ein lukratives Marktprodukt erkannte.

Als begnadeter Kommunikator, heute würden wir Netzwerker sagen, bediente er sich des kompletten Programms der Öffentlichkeitarbeit: durch Vorträge, Beiträge in Zeitschriften und Architekturjournalen, durch vielfältige Stellungnahmen zur Baukunst seiner Zeit und nicht zuletzt mit seinem intensiven Briefwechsel. Er fungierte als Übersetzer und Herausgeber bedeutsamer Werke der Altertumsforschung wie dem Werk von James Stuart über die Antiken in Athen. Er benutzte das volle publizistische Instrumentarium auch bei den aufwändigen Publikationen seiner eigenen Studien in Sizilien.

Als Präsident der Société libre des Beaux-arts, einer Vereinigung von Künstlern und Kunstliebhabern, die sich der Förderung der Künste und der Künstler widmete, pflege er engen Kontakt zur Pariser Kunstszene. Als Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften reichte sein Einfluss weit über Frankreich hinaus.

Wir sehen hier eine komplexe, vielschichtige, Persönlichkeit, in der sich geradezu das 19. Jahrhundert mit all seinen Brüchen, Widersprüchlichkeiten, Irritationen, aber auch seiner Dynamik widerspiegelt. Einerseits schuf Hittorff als Subjekt durch seine Neugierde, seine schöpferische Kraft, sein Wissen  und seine Ideen ein beeindruckendes architektonisches Werk, andererseits war er aber als Objekt politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und Veränderungen unterworfen und wurde von ihnen bestimmt. Und in der Tat bestimmten und beeinflussten bedeutende politische und soziale Umwälzungen sein gesamtes Leben und Wirken.

Als der 18-Jährige Hittorff 1810 nach Paris kommt, herrscht noch Napoleon I. Es folgt die Restauration der Bourbonen-Herrschaft. Mit deren Sturz in der Juli-Revolution 1830 beginnt die sogenannte Juli-Monarchie des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, die gleichfalls mit einer Revolution im Februar 1848 endet. Die nachfolgende 2. Republik hat aber keinen Bestand. Ihr „Prinz-Präsident“ Louis Napoleon reißt mit seinem Staatsstreich im Dezember 1851 die Macht an sich und etabliert sich 1852 als Kaiser Napoleon III.

Diese politische Instabilität spiegelt die Umstrukturierung der Gesellschaft wider: der Adel verliert an Einfluss gegenüber einer immer selbstbewussteren Bourgeoisie. Im Gefolge einer wachsenden Industrialisierung mit einem stärker werdenden Proletariat, das als Bedrohung der Herrschenden wahrgenommen wird, nehmen die sozialen Spannungen zu. Gleichzeitig stellen Bevölkerungszunahme, das Wachstum der Städte, die damit verbundenen hygienischen Probleme und die gesteiger te Mobilität Städte wie Paris vor neue Herausforderungen. Zugleich eröffnen Fortschritte der Technik neue Möglichkeiten des Bauens.

An Hittorff lässt sich verfolgen, wie er auf diese wechselnden Bedingungen reagiert, die auch seine wirtschaftliche Existenz bedrohen.  Charakteristisch ist für ihn, die gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit zu erkennen und zu nutzen. Dazu gehört auch seine Fähigkeit, die technischen Möglichkeiten und Innovationen seiner Zeit in seine Arbeit einzubeziehen.

Um seine Ziele zu erreichen weiß Hittorff um die Bedeutung der Reputation und die Wege dahin. Er weiß, dass sein Ruf nicht allein von seinen künstlerischen Fähigkeiten, einem Übermaß an Einsatz und Fleiß abhängt, sondern auch davon, welche Verbindungen er knüpft, um sich Einfluss zu verschaffen. Man kann dies Opportunismus nennen oder ein Höchstmaß an Flexibilität (Anpassung, Arrangieren). All dies wird, wie wir sehen werden, sein Wirken beeinflussen und über seinen Erfolg entscheiden.

Skizze seines Werdegangs

Jakob Ignaz Hittorf wird 1792 inmitten der Kölner Altstadt am Heumarkt geboren. Zwei Jahre später besetzen französische Revolutionstruppen die Stadt. Mit der Gründung des Département de la Roër (benannt nach dem Fluss Rur) wird Kölns Einverleibung in die Französische Republik vorbereitet. Es beginnt das, was die Kölner die „Franzosenzeit“ nennen. Seit 1801, mit dem Frieden von Lunéville, gehört Köln offiziell zu Frankreich. Hittorff wird erstmals französischer Staatsbürger. Unter der französischen Administration modernisieren sich Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssystem der Stadt. Köln löst sich aus den ständischen Verhältnissen und entwickelt sich zur größten deutschen Gewerbestadt.

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. v.l.) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund

Sein Vater Franz Alexander Hittorff, ein wirtschaftlich erfolgreicher Blechschläger (= Klempner, Spengler), der überdies mit Erwerb und Verpachtung von säkularisierten Kirchenimmobilien sowie durch ein Bestattungsmonopol wohlhabend geworden ist, bestimmt, wie in dieser Gesellschaftsschicht üblich, den Bildungsweg und die Berufswahl seines Sohnes. „Die Investition in den Architektenberuf seines einzigen Kindes folgt der Formel ‚Aufstieg durch Bildung‘ der Mittelschicht des frühen 19. Jahrhunderts und der Aufstiegsperspektive einer Handwerkerfamilie. Die Berufswahl, obwohl von Jakob Ignaz nicht selbst getroffen, wird akzeptiert und ganz im Sinne der familiären und sicherlich auch der eigenen Ambitionen realisiert. Hittorffs Lebenslauf ist eine Mustergeschichte der Subjektivation“, also der Erlangung von Autonomie durch die Unterwerfung unter soziale Machtstrukturen. [7]

Dieses Verhaltensmuster wird seine Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kennzeichnen: Hittorff kann sich mit veränderten Arbeitsbedingungen arrangieren, ohne die eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

In Köln besucht er die öffentliche Zentralschule. Er hört dort Vorlesungen seines Lehrers und Förderers Ferdinand Franz Wallraf, Professor der Schönen Künste, er bekommt Unterricht von dem Architekten Christian Löwenstein und dem Maler Caspar Arnold Grein, ergänzt vom Besuch der Ateliers und Werkstätten von Michael Leidel, des Baurats Schaufs und des Steinmetzen Franz Leister.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792

Er erwirbt damit „von der Pike auf“ zielgerichtet Grundkenntnisse (Mathematik, Geometrie, Zeichnen, Materialkunde, handwerkliche Fertigkeiten) für seinen späteren Beruf.  Noch in seiner Schulzeit entwirft er im Alter von 16 Jahren (!) in der Kölner Schildergasse ein (im Zweiten Weltkrieg zerstörtes) Bürgerhaus, das „frühe Kenntnisse in Sachen klassische Entwurfsprinzipien und Formensprache“ [8] zeigt.

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808

Hittorff kommt, gefördert von Ferdinand Wallraf, zusammen mit seinem Freund Franz Christian Gau 1810 nach Paris. Anders als Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner und Gottfried Semper geht es ihnen aber nicht um die Komplettierung ihrer Fachkenntnisse. Vielmehr wollen sie in Paris Architekten werden und wirken. Paris ist hierzu die erste Adresse. Die Stadt ist das europäische  Macht- und Kulturzentrum. Sie war nach dem Willen Napoleons zu einem „Zweiten Rom“ geworden. Hier können, auch als Folge der napoleonischen Raubzüge, die bedeutendsten Kunstwerke studiert werden; hier gilt die École des beaux-arts als Schmiede der Architekturelite.

Dank der Einstellung im Baubüro von François-Joseph Bélanger  (1745-1818) kann sich Hittorff rasch im Pariser Architektenmilieu etablieren. Bélanger ist Regierungsarchitekt (architecte du gouvernement), sein Atelier zählt „zu den ersten Adressen im napoleonischen Paris.“ [9]  Beim Bau der riesigen Kuppel der Kornhalle, der Halle au Blé, sammelt Hittorff erste Erfahrungen bei der Konstruktion mit Gusseisen und Glas: Es ist die erste Kuppel dieser Art in der Geschichte der Architektur. [10]

Abb. 7: François-Joseph Bélanger, Detail des Grabmals auf dem Friedhof Père Lachaise, division 11                

Mit dem Sturz Napoleon verliert Bélanger zwar sein Amt, avanciert unter den Bourbonen aber rasch zum Architekten der Menus Plaisiers du Roi, zum höfischen Festdekorateur, ein Posten, den er schon im Ancien Régime innehatte.  Hittorff kann von Bélanger lernen, dass „auch privatpolitische Klugheit und Flexibilität“ [11] zu einem erfolgreichen Architekten gehören.

Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft in Paris, also 1811, werden Hittorff und Gau als Schüler der École des beaux-arts immatrikuliert. Von den sechsunddreißig Schülern, die damals den schwierigen »concours« (Wettbewerb) um den Eintritt in die berühmte Ausbildungsstätte bestanden, und auf den sich beide ein Jahr vorbereitet hatten, erlangt Hittorff den fünfzehnten und Gau den siebzehnten Platz. Diese gute Einstufung war insofern belangvoll, als die meisten Teilnehmer des Ausleseverfahrens aus Paris stammten und über ganz andere Ausbildungsmöglichkeiten verfügten als die beiden gebürtigen Kölner.

Charles Percier, Professor an der Académie des beaux-arts, neben Pierre-François-Léonard Fontaine führender Vertreter des Klassizismus und Architekt Napoleons, wird sein zweiter Lehrer. „Beim Ersteren [Bélanger] hatte Hittorff die Baustellenluft kennengelernt beziehungsweise den Architektenberuf als einer Erwerbsbiographie, bei Letzterem [noch Prominenterem] erhielt er die Weihen der höheren Baukunst.“ [11]

Abb. 8: Robert Lefèvre, Portrait von Charles Percier, 1807

Im frühen 19. Jahrhundert wird an der École des beaux-arts Architektur nicht als Praxis, das ist die Sache der Baubüros, sondern als Bau-Kunst nach den Gesetzen der klassischen Ästhetik gelehrt. Dieses duale System bestimmt in Frankreich die Laufbahn des Architekten, wo Bau-Praxis und Bau-Kunst einander ergänzen.

Um 1820 hat Hittorff fast den Status und das Ansehen Bélangers erreicht, er war ihm 1818 als Chef der Menus Plaisiers du Roi in Zusammenarbeit mit Jean François Joseph Lecointe, gefolgt. Sulpiz Boisserée, berühmt als Kunstsammler, Kunsthistoriker und durch die Auffindung des Plans für die Westfassade des Kölner Doms, schildert Hittorff nicht ohne einen leisen Spott als  „arrivierten Hofarchitekten, zu dessen Ambiente längst die tonangebenden Kreise von Paris gehören“ (Pisani, 41). Alexander von Humboldt, bekannt für seine spitze Zunge, bezeichnet den jungen Architekten „als eine Art Dandy“. Beide, Boisserée und Humboldt, werden aber erkennen, dass Hittorff seine Position durch Leistung und weniger durch Klientelismus oder „Weiberprotektion“ verdankt.

Was Hittorff noch fehlt, ist die akademische Anerkennung. Hittorff hatte 1815 nach dem Sturz von Napoleon Bonaparte durch Beschluss des Wiener Kongresses seine französische Staatsbürgerschaft verloren. Er kann zwar in Paris bleiben, aber für das Stipendium der französischen Akademie in Rom, den großen Prix de Rome, nicht kandidieren.

Hittorff findet einen Weg, der zugleich seine Arbeit als Architekt akademisch vertieft und ihm ein Renommée ähnlich dem eines Prix de Rome-Trägers verschafft: Er lässt sich immer wieder beurlauben, reist 1820 nach England, 1821 nach Deutschland, wo er Karl Friedrich Schinkel in Berlin trifft. 1822 begibt er sich frei von akademischen Verpflichtungen zusammen mit seinem jungen Mitarbeiter Ludwig Zanth (1796-1857)  über Norditalien nach Rom.  Zanth wird später württembergischer Hofarchitekt und geadelt. In Rom knüpft Hittorff rasch Kontakt zu den Künstlerkreisen um Berthel Thorvaldsen und zu der Académie de France in der Villa Medici. Rom ist nur eine Etappe. Für die Erforschung der griechischen Tempelanlagen auf Sizilien, das eigentliche Ziel der Reise, engagiert Hittorff  den in Rom lebenden jungen deutschen Maler und späteren Architekten Wilhelm Stier, der die Bauzeichnungen anfertigt. Paestum, besonders aber Pompeji und Herculaneum werden besucht und in über 200 Blättern gezeichnet. Von September 1822 bis Juni 1824 forscht die Gruppe in Sizilien. Hittorff wird das seine „nützliche Pilgerfahrt“ nennen. Es seien „die schönsten Tage seines Lebens“ gewesen. [12]

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff  in Italien von Moritz Daniel Oppenheim, 1824. Im Hintergrund die Ruinen von Agrigent.

Frucht dieser „Pilgerfahrt“ sind die z.T. in Zusammenarbeit mit Ludwig von Zanth publizierten Werke zur Architektur in Sizilien:

  • Antiquités de l‘Attique, L‘Architecture antique de la Sicile,
  • L‘Architecture moderne de la Sicile, De l’architecture polychrôme chez les Grecs, ou restitution complète du temple d’Empédocles dans l’acropolis de Sélinunte,
  • Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs.

Diese Werke bilden die Grundlage zu seiner Farbtheorie der griechischen Architektur. Durch sie wird er zum Vorreiter ihrer Farbigkeit (Polychromie) in einer Jahrzehnte-langen Auseinandersetzung. Sie sind das Eintritts-Billett zur akademischen Architektenelite.

 Abb. 10: Portrait Hittorffs von Carl Joseph Begas, 1821  

Nach seiner Italienreise heiratet er 1824 Rose Élisabeth Lepère. Darüber zerbricht die Freundschaft zu seinem Weggefährten Franz Christian Gau, mit dem zusammen er um die Tochter von Jean-Baptiste Lepère geworben hatten.

Abb. 11: Madame Hittorff als Göttin Juno. Von Jean-Auguste-Dominique Ingres, einem Freund Hittorffs

Auch wenn man beiden mit der Werbung keine Karriereabsichten unterstellen will, so bedeutete doch Hittorffs Heirat die Aufnahme in einen einflussreichen Personenkreis um diesen französischen Architekten, der als Künstler Napoleon Bonapartes Ägyptenkampagne begleitet und einen Großteil der Entwürfe zum wenig später entstandenen, berühmten Monumentalwerk der Description de l’Égypte beigesteuert hatte. Überdies hatte er die Metallarbeiten an der Siegessäule auf der Place Vendôme geleitet. Später wird Hittorff nach Lepères Tod den Bau der Église Saint-Vincent-de-Paul weiterführen.

1842 wird Hittorff per Beschluss von König Louis-Philippe wieder französischer Staatsbürger. Als Krönung seiner Laufbahn, die er als 18-Jähriger in Paris begonnen hatte, wird er am 22. Januar 1853 zum ordentlichen Mitglied der Académie des beaux-arts, Sektion Architektur, gewählt. Er ist damit „membre de l’Institut“ und gehört nun zur crème de la crème der französischen Wissenschaft.

Am Ende seines Lebens kann Hittorff auf ein vielfältiges, internationales  Werk zurückblicken, gegründet auf eine exzellente Fachausbildung im renommierten Baubüro von Bélanger und bei Percier an der École des beaux-arts (1811-1816), auf Fortbildungs- und Forschungsreisen, auf eine nie nachlassende Neugierde, einen  ungeheuren Fleiß und Organisationsvermögen und nicht zuletzt auf die Fähigkeit, Verbindungen zu  führenden gesellschaftlichen Kreisen, zu wissenschaftlichen, akademischen Institutionen und Gesellschaften zu knüpfen – Hittorff spricht neben deutsch und französisch auch italienisch und englisch – sowie auf die Pflege oft lebenslanger Bekanntschaften und Freundschaften zu Künstlern und Berufskollegen.

Ein zu Unrecht Vergessener

Dass heute Hittorff dennoch in der breiten Öffentlichkeit, nicht aber in Fachkreisen, in Vergessenheit geraten ist, hat mehrere Gründe.

Zum einen liegt es daran, dass „die Scheidung zwischen der Welt der Künstler und der Welt der Archäologen begann… Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde jede Welt autonom und die Hellenisten waren nicht mehr auf die Künstler angewiesen, um ihre Forschungen durchzuführen, da sie ihre eigenen Untersuchungsinstrumente und Arbeitsmethoden entwickelt hatten.“ [13] Darüber hinaus war der Polychromie-Streit am Ende des Jahrhunderts ausgefochten.

Zum anderen verringerte sich in Hittorffs Zeit der Einfluss der Architekten aus der Tradition der École des beaux-arts zugunsten der Technokraten der École polytechnique und der École centrale des arts et manufactures bei der Umgestaltung von Paris, maßgeblich forciert durch Georges-Eugène Haussmann, seit 1853 Präfekt des damaligen Départements de la Seine, das Paris einbezog.

Dabei beruhte der Wirkungsverlust von Hittorff keineswegs in seiner Prägung durch die École des beau-arts, der – so bei Walter Benjamin und Sigfried Giedion- eine Hemmung des Fortschritts und damit der Moderne unterstellt wurde. [14].  Hittorff – und das gilt auch für Victor Baltard und Henri Labrouste, beide auch Eleven der École des beaux-arts – war autonom genug und verstand sehr wohl, neuartige Techniken (Einsatz von Fertigbauteilen, innovative Tragkonstruktionen) und Materialien (Glas und Eisen) für eine Architektur zu verwenden, in der moderne Technik und die Formensprache der Hochkunst verbunden waren. Beispiele dafür sind der Pariser Nordbahnhof, Gare du Nord, und die Bibliothèque Sainte-Geneviève. Von einem Kampfplatz zwischen „Konstrukteur und Dekorateur“ [15] kann da keine Rede sein.

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (1860, Musée Carnavalet)

Der wesentliche Grund, warum Hittorff in Vergessenheit geriet, lag in der Dominanz von Effektivität und Funktionalität, die unter Haussmann die städtische Planung und die Transformation von Paris bestimmten und mit den Boulevards, Markthallen, Bahnhöfen, Grands Hotels, Warenhäusern und Parks, den groß dimensionierten Verkehrsschneisen, dem unterirdischen leistungsfähigen Abwasser-, Trinkwasser- und Verkehrssystem (Métro) auf den Trümmern des vieux Paris die „Hauptstadt de 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin) erschufen.  Der „ehemals fraktale Stadtraum [ging] in einen logistischen Gesamtorganismus“ [über], „in dem Menschen, Transportmittel, Waren und Kapital zu zirkulieren begannen[16].

Für Haussmann war die Stadt nicht mehr die Summe einer repräsentativen Architektur, eine „Stadt als Werk der Kunst“[17]. Im Mittelpunkt standen nicht mehr wie bei Hittorff Ästhetik, Streben nach Schönheit und mit Bedeutung aufgeladene Objekte, seien es Plätze, Bauten, Säulen, Obelisken und anderes, sondern strukturierter Raum, der der Nutzung zu dienen hatte, wie die Place de l’Ètoile mit ihren 12 Achsen als riesiger Verteiler und Zirkulationsraum.

Zuvor hatten in der Lebensspanne von Hittorff in Paris andere Kriterien für die Gestaltung der Stadt gegolten:

Unter Napoleon Buonaparte sollte Paris als kulturelles und machtpolitisches Zentrum mit seinen Kunstsammlungen und seinem an der römischen Antike orientierten Klassizismus als neues, glanzvolleres Rom, als Zentrum eines neuen Imperiums alle Hauptstädte Europas überstrahlen und seine Macht und den Ruhm seiner Armee demonstrieren. Diese Botschaft war nicht nur nach außen gerichtet, sondern auch an die eigenen Untertanen. Im Stolz, im Bewusstsein einer so machtvollen Nation anzugehören, sollte die durch die Wirren der Revolution zerbrochene Einheit der Nation wieder beschworen werden.

Die Bourbonen verfolgten mit ihren Aufträgen an die Architekten andere Ziele. Mit ihren Kirchen-Bauten und -Renovierungen wollten sie den Ikonoklasmus an der Sakralarchitektur während der Französischen Revolution auslöschen. Insbesondere Karl X. wollte die Allianz zwischen Thron und Altar wiederherstellen, an das ancien regime anknüpfen und die Erinnerung an das ermordete Königspaar wachhalten. Diesen Zielen dienten die aufwändigen höfischen Inszenierungen einschließlich ihrer ephemeren Architekturen, die Sühnekapelle (chapelle expiatoire) auf dem ehemaligen Friedhof Madeleine (Cimetière de la Madeleine) und die Umwidmung der Place Louis XV in Place Louis XVI. Die Umgestaltung des Platzes mit der Statue Ludwig XVI. wurde nicht mehr realisiert.  

Die Julimonarchie unter Louis-Philippe schließlich, gekennzeichnet durch Bereicherung der produzierenden und finanziellen Bourgeoisie und extremer Armut der Arbeiterklasse, evozierte wiederholte Unruhen der unteren Schichten. In der Beschwörung einer kollektiven Einheit (Stichwort: Place de la Concorde) sollte die gespaltene Gesellschaft durch ikonologische Bilder zusammengeführt und der Terror der Revolution verdeckt werden. Mit der Restaurierung einiger Wahrzeichen von Paris (Notre-Dame, Église Saint-Germain-des-Prés u.a.m.) sollten kollektive Erinnerungsorte neu belebt und ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen werden. Mit Gebäuden in verschiedenen historischen Stilen wollte man der Stadt neuen Glanz verleihen, mit Zonen für Freizeit, Unterhaltung und Spiel die Bürger ruhigstellen. Eine Sanierung der Arbeiterviertel unterblieb bei all diesen Aktivitäten.

Jacques Ignace Hittorff beherrschte als Absolvent der École des beau arts, als ehemaliger Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne der Bourbonen und als Künstler in hohem Maße die Fähigkeit, den architektonischen und städtebaulichen Projekten Glanz und Bedeutung zu verleihen. Hittorff dachte in emblematischen Bildern und Räumen, aufgeladen mit Geschichte und kulturellen Traditionen. Diese Fähigkeit schätzten auch Louis Philippe und danach Napoleon III., der an das Erste Kaiserreich anknüpfen wollte. Doch die Zeiten hatten sich geändert.

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und das damit verbundene rasche Wachstum der Bevölkerung und des Verkehrs hatten in Paris, wie in anderen europäischen Großstädten, zu überfüllten städtischen Zentren, schlechten Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen geführt. Die teilweise noch mittelalterlichen Infrastrukturen mit Mangel an Licht, frischer Luft, sauberem Trinkwasser und leistungsfähigem Abwassersystem waren Brutstätten für die massive Ausbreitung von Krankheiten und haben zu den katastrophalen Epidemien des 19. Jahrhunderts geführt. Gleichzeitig stellte das wachsende Proletariat, das in diesen überfüllten, ungelüfteten und ungesunden Wohnungen leben musste, einen potentiellen revolutionären Sprengsatz dar. Eine umfassende Umwandlung und Sanierung von Paris waren unumgänglich, weil die Stadt als Gemeinwesen nicht mehr richtig funktionierte.

Diese Transformation wurde flächendeckend rigoros, ja oft brutal, aggressiv und diktatorisch von Haussmann vorangetrieben, der die bis dahin dominierende Beaux-Arts-Elite, zu der Hittorff gehörte, in der städtischen Bauverwaltung ablöste, weil er der Auffassung war, dass diese die Modernisierung von Paris nach ihren Beaux-Arts-Normen und wegen ihres Elitebewusstseins nicht bewältigen und mittragen könnten. Das Heer von Architekten wurde zugunsten von Ingenieuren der École des ponts et chaussées und der École polytechnique reduziert, „denn die Ingenieure seien Beamte, die einer straff organisierten Hierarchie angehören und sich ausschließlich dem öffentlichen Dienst widmen…Deren Hierarchieergebenheit befördere die Disziplin und den reibungslosen Ablauf behördlicher Vorgänge.“ [18] Es ging um die Etablierung  technokratischer Regime, „in denen sich Verwalten und Verhalten und nicht zuletzt Gestalten den Kategorien der Rationaliät unterstellen.“ [19]

Die Architekten Victor Baltard und Hittorff behielten zwar ihre Stellen im Service d’architecture. Haussmann wird später in seinen Memoiren behaupten, beiden gleichsam ‚Vernunft‘ eingebläut zu haben. Der Konflikt zwischen Haussmann und Hittorff wird hier überdeutlich und führte zu der zunehmenden Ausgrenzung Hittorffs bei der Gestaltung von Paris. Diese Ausgrenzung hatte ihren primären Grund nicht in Haussmanns technokratischem Regime, wie Pisani meint, sondern sicherlich gleichwertig in einer sehr persönlichen von Neid, Eifersucht und Vorurteilen geprägten Aversion gegenüber Hittorff, wie Haussmanns Memoiren und andere Quellen zeigen.

Hittorffs Wirken in Paris wird im Gedächtnis verschattet und verdrängt von der übermächtigen Gestalt Haussmanns. Und die Stadt Paris hat leider dieser Missachtung Hittorffs Vorschub geleistet.

Während einer der großen Boulevards nach Haussmann benannt wurde, fand sich für Hittorff nur eine kleine, unbedeutende Straße im 10. Arrondissement, die als Sackgasse in der tristen Cité Hittorff endet. [20]

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff, Paris 10. Arrodissement

Ein weiteres Beispiel für die Verdrängung Hittorffs aus dem Gedächtnis der Stadt ist die Informationstafel vor dem repräsentativen Rathaus des 5. Arrondissements am Pantheon-Platz.

Auf dieser Tafel wird der Innenarchitekt genannt, nicht aber die Architekten Jean-Baptiste Guénepin, der den Bau begonnen, und vor allem Hittorff, der dem Rathaus seine charakteristische neo-klassizistische Fassade gegeben hat. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Paris nicht sehr respektvoll mit Hittorff umgeht. In Köln gibt es ein Sprichwort: Me moss och jönne könne (Man muss auch gönnen können). Haussmann konnte das nicht und manche Verantwortliche in Paris auch nicht.

Bestattet wurde Hittorff auf dem Pariser Friedhof Montmartre. Dort befindet sich auch das Grab eines weiteren in Köln geborenen und dann in Frankreich eingebürgerten Deutschen, der ebenfalls Bedeutendes für Paris geleistet hat: gemeint ist der Violoncellist und Komponist Jacques Offenbach.

Abb. 15 Grabmal Hittorffs auf dem Cimetière de Montmartre, 4. Division, Avenue de Montebello.  Hittorff ist dort zusammen mit seinem Schwiegervater Jean-Baptiste Lepère bestattet.

Die neben dem Grabmal Hittorffs liegende prächtige neogotische -und natürlich polychrome- Kapelle der Gräfin Potocka ist übrigens auch sein Werk…

Abb. 16: Grabmal der in St. Petersburg geborenen und in 1845 in Paris verstorbenen comtesse Marie Potocka, princesse Soltikoff

In den nachfolgenden Beiträgen soll Hittorffs Wirken in Paris am Beispiel einiger Plätze und Bauwerke veranschaulicht werden. Ausgewählt werden Werke, in denen sich die künstlerischen Vorstellungen Hittorffs am eindrucksvollsten niederschlagen und für deren Bau er neue Techniken und Materialen zu nutzen verstand; weiterhin soll auch berücksichtigt werden, inwieweit sich an den ausgewählten Bauten die Anpassung an die wechselnden Herrschaftsverhältnisse aufzeigen lässt und wo sich die Konflikte mit Haussmann am deutlichsten manifestierten:

– Place de la Concorde

– Place de l’Étoile  (place Charles-de-Gaulle)

– Gare du Nord (Nordbahnhof)

– Sommer- und Winterzirkus (cirque d’étè und cirque d’hiver)

Ulrich Schläger, Köln im September 2023

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Jacob Ignace Hittorff, 1869 (?), von FélixJoseph Barrias ; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Abb. 2: Élévation principale du temple, in: Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs. 1851. Quelle: Heidelberger historische Bestände – digital https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hittorff1851bd2/0007/image,info,thumbs

s.a.https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reconstruction_of_the_Temple_of_Empedocles,_Selinunte,_Sicily,_by_Jacques_Ignace_Hittorff,_1830_(published_in_1851).webp

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. von links) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund. Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792; Quelle Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808; Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Siehe auch: https://www.wikiwand.com/de/Schildergasse#Media/Datei:K%C3%B6ln_-_Schildergasse_links_Antonsgasse_mit_Apotheke_zum_goldenen_Kopf,_rechts_Nr._84_altes_Polizeipr%C3%A4sidium,_erbaut_1808,_RBA.jpg

Abb. 7: Henri-Victor Roguier: François-Joseph Bélanger portrait de profil en relief enchâssé dans une couronne de lauriers,  marbre, cimetière du Père Lachaise. https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois-Joseph_B%C3%A9langer

Abb. 8: Charles Percier von Robert Lefèvre;   Château de Versailles. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charles_Percier_par_Robert_Lef%C3%A8vre_-_Ch%C3%A2teau_de_Versailles.jpg

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff in Italien, Moritz Daniel Oppenheim, 1824, zugeschrieben; Quelle: Kölner Stadtmuseum. Siehe dazu: Michael Keine, Jacques-Ignace Hittorff: The Discovery of Polychromy in the Ancient Architecture of Sicily and the Consequences for Contemporary Art and Archaeology in France 

https://www.nga.gov/research/casva/research-projects/research-reports-archive/kiene-2013-2014.html

Abb. 10:  Jakob Ignaz Hittorff, von Carl Begas, 1821; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud   https://www.stylepark.com/de/news/stadtplanung-oeffentlicher-raum-best-practice-jakob-ignaz-hittorff-place-de-la-concorde-paris-ausstellung-    

Abb. 11: Portrait von Madame Jacques Ignace Hittorf als Göttin Juno, von Jean-Auguste-Dominique Ingres. 1864 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_Madame_Jacques_Ignace_Hittorf_as_Juno,_by_Jean-Auguste-Dominique_Ingres,_1864,_oil_on_canvas_-_Krannert_Art_Museum,_UIUC_-_DSC06234.jpg

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (circa 1860, Musée Carnavalet) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri_Lehmann_-_Portrait_du_baron_Haussmann_%281809-1891%29,_pr%C3%A9fet_de_la_Seine_%281853-1870%29_-_P2213_-_Mus%C3%A9e_Carnavalet.jpg

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff Paris 10. Arrodissement Fotos: Wolf Jöckel (September 2023)

Abb. 15: Stele des Grabmals von Hittorff auf dem Friedhof Montmartre. http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2015/04/05/la-chapelle-sepulcrale-de-la-comtesse-potocka-1845/

Abb. 16: Das von Hittorff entworfene Grabmal der Gräfin Potocka auf dem Friedhof Montmartre http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2020/11/28/les-chapelles-neogothiques-du-cimetiere-de-montmartre-1842-1910/

Literatur

  • Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Auch zugänglich unter: https://perspectivia.net//publikationen/phs/hammer_hittorff
  • Uwe Westfehling: J. I. Hittorffs Pläne für ein Denkmalforum in Paris. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Vol. 36 (1974), pp. 273-294 (22 pages); https://www.jstor.org/stable/24657147
  • Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts.
  • Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graph. Sammlung, 21. Januar – 22. März 1987. In Zusammenarbeit d. Musée Carnavalet Paris u.d. Wallraf-Richartz-Museums Köln. Red. der ins Dt. übertr. Fassung: Uwe Westfehling u. Antje Zimmermann
  • M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994
  • Bruno Klein: Napoleons Triumphbogen in Paris und der Wandel der offiziellen Kunstanschauungen im Premier Empire, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 59. Bd., H. 2 (1996), pp. 244-269
  • Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In:  Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 6, 2007, 6, S.135-156. https://journals.openedition.org/anabases/3459
  • Pierre Pinon, Jacques Ignace Hittorff. Institut nationale d’histoire de l’art 2009. Mit einem Verzeichnis der Publikationen Hittorffs und einem Literaturverzeichnis (die deutschen Titel sind allerdings zum Teil fehlerhaft wiedergegeben). https://www.inha.fr/fr/ressources/publications/publications-numeriques/dictionnaire-critique-des-historiens-de-l-art/hittorff-jacques-ignace.html
  • Paris erwacht! Hittorffs Erfindung der Place de la Concorde. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln (07.04. – 09.07.2017)
  • Christiane Hoffrath und Michael Keine, 1792 – 1867, Hommage für Hittorff. Bilder, Bücher und Würdigungen. Inventar der Zeichnungen von Jacob Ignaz Hittorff in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Band 6. Köln 2020 https://fliphtml5.com/igjcc/gajt/basic
  • Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gruyter Oldenburg 2022


Anmerkungen

[1] Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historisches Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

[2] NDB 9, 1972  https://www.deutsche-biographie.de/sfz32651.html#ndbcontent

Siehe dazu auch: Adeline Grand-Clément, Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In: Varia, Traditions du patrimoine antique 6/2007  https://doi.org/10.4000/anabases.3459

[3] Adeline Grand-Clément: Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce  (Anabases 6 ,2007, p. 135-156; hier p. 155)

[4]  Charles Ernest Beulé (1826-1874), Archäologe und Numismatiker. Mitglied derAcadémie des Inscriptions et Belles-Lettres und seit 1862 Secrétaire perpétuel der Académie des Beaux-Arts.

[5] zitiert nach: Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.  Übersetzung von U. Sch.)

[6] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/ und https://paris-blog.org/2023/05/01/deutschlands-schonstes-haus-steht-an-der-seine-das-palais-beauharnais-in-paris-teil-2/

[7]Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022,  S.26 und 24

[8] Salvatore Pisani, ebd., S.27.

[9]  Salvatore Pisani, ebd., S.30

[10]  Sophie Flouquet, Un Monument réinventé. In: Éditions Beaux Arts. Heft Bours de Commerce. 2021, S. 66

[11]  Salvatore Pisani, ebd., S.40

[11] Salvatore Pisani, ebd., S.36

[12]  Die Alben von Jakob Ignaz Hittorff. Band 5: Sicile ancienne. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln 2017https://www.academia.edu/31923660/2017_Sicile_Ancienne_Hittorff_and_the_Architecture_of_Classical_Sicily_Die_Alben_von_Jakob_Ignaz_Hittorff_vol_5_?email_work_card=view-paper Zitat auf der inneren Umschlagseite.

[13] Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.

[14] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[15] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[16] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[17] M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994

[18] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[19] Salvatore Pisani, ebd., S. 272.

[20] Bei Wikipedia (abgerufen am 13.9.2023) sind noch alte Straßenschilder mit falschem Namen (Hittorf) und falschem Geburtsdatum (1793) abgebildet. https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_Hittorf#/media/Datei:Paris_10e_Cit%C3%A9_Hittorf_175.JPG

Auf der offiziellen Seite des Rathauses (https://mairie10.paris.fr/pages/contact-7603  abgerufen am 13.9.2023) wird ebenfalls noch die falsche Schreibweise des Namens verwendet.

Weitere Beiträge zu Hittorffs Bauten in Paris:

Die einzigartige historische Jagdtapete „La Chasse de Compiègne“ in Paris und im württembergischen Dätzingen

Gegenstand dieses Beitrags ist die Panoramatapete La Chasse de Compiègne.[1] Panoramatapeten bestehen aus mehreren mit Holzmodeln bedruckten Papierbahnen, die rundum an allen Wänden eines Raums befestigt werden. Zusammengefügt entsteht so ein sogenanntes Panorama: Der Betrachter, der sich in der Mitte des Raums befindet, hat den Eindruck, von einer ländlichen oder städtischen Szene oder historischen Ereignissen umgeben zu sein, die ihn gedanklich in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort versetzen. Über hundert Motive wurden hauptsächlich zwischen 1800 und 1855 von Manufakturen in Paris, Lyon und Rixheim im Elsass produziert. Im Laufe des 19. Jahrhundert hatten sie zunächst in Europa, dann weltweit einen überwältigenden Erfolg.

Dass ausgerechnet La Chasse de Compiègne Gegenstand des nachfolgenden Beitrags ist, hat mehrere Gründe:

  • Es ist eine der ersten Panorama-Tapeten überhaupt und die erste mit einem Jagdmotiv
  • Wegen des bedeutenden Künstlers, der sie entworfen hat
  • Weil die Manufaktur, die sie hergestellt hat, eine äußerst interessante Geschichte hat und dazu auch noch in dem Faubourg Saint-Antoine in Paris lag, dem wir in besonderer Weise verbunden sind.
  • Es gibt von der Chasse de Compiègne nur noch wenige Exemplare, davon eines im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris [2a]
  • Weil aber ein vollständiges und nach erfolgter Restaurierung hervorragendes Exemplar wieder seinen Weg nach Dätzingen bei Stuttgart gefunden hat. Also geht es hier auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte.

Und schließlich auch noch ein kleiner kulturgeschichtlicher Nutzen der Jagdtapete: Sie widerlegt nämlich verbreitete Hypothesen zum Ursprung eines emblematischen französischen Kulturguts: des Baguette….

Der Künstler

Entworfen wurde die Jagdtapete 1812 von dem Künstler Antoine Charles Horace Vernet, genannt Carle Vernet. Carle stammt aus einer bedeutenden Malerfamilie: Sein Vater, Joseph Vernet, war ein auf Seestücke spezialisierter Maler. Sein Sohn und Schüler, Horace Vernet, war einer der erfolgreichsten Maler seiner Zeit, der in seinen Schlachtbildern die Siege Napoleons und des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe feierte. Dabei konnte Horace in besonderem Maße nutzen, was er bei seinem Vater gelernt hatte: Der hatte sich nämlich auf Reiterszenen spezialisiert.

1789 war Vernet mit seinem monumentalen, 13 Meter langen Gemälde „Der Triumph des Aemilius Paullus“ in die Académie royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen worden, ein Bild, das seinen Ruhm als eines Meisters der Pferdedarstellung begründete.

Metropolitan Museum of Arts (New York)

Eines seiner berühmtesten Bilder ist „Le matin d’Austerlitz“, das Napoleon -natürlich hoch zu Ross- inmitten seiner Generäle zeigt, denen er Befehle für die Schlacht gibt.[3]

Napoleon bewunderte das Bild auf dem Salon von 1808 und zeichnete daraufhin Vernet, der ihn schon auf seinem Italienfeldzug begleitet hatte, mit dem Orden der Ehrenlegion aus. Die Aufträge für Napoleon und seine Umgebung -wie die Marschälle Davoud und Berthier häuften sich. Berthier war nämlich von Napoleon in den Rang eines Grand Veneur (obersten Jagdmeisters) erhoben worden und so lag es nahe, dass er für die in der damaligen Zeit besonders geschätzten Jagdszenen Carle Vernet engagierte.

Charles-Horace Vernet, genannt Carle: Chasse de l’empereur Napoléon Ier au bois de Boulogne, musée de l’Ermitage à Saint-Pétersbourg.

Hier eine „Scène de chasse“ von Vernet, die die Jagd als gesellschaftliches Ereignis der Aristokratie in Szene setzt: Eine große Zahl von Reitern ist um die Bodensenke versammelt, in die ein Hirsch von einer großen Hundemeute gejagt wurde. Am oberen Rand der Senke betrachten Damen in ihrer Kutsche das Spektakel.

https://sf2.lechasseurfrancais.com/wp-content/uploads/2021/07/napoleon-chasseur-750x410.jpg

Der in der linken Mitte des Gemäldes postierte Chef der Jagdgesellschaft setzt nun den tödlichen Schuss. Der Schütze ist hervorgehoben durch die weißen Hosen und -aus der Nähe betrachtet- unschwer als Napoleon höchstpersönlich zu erkennen. Der Kaiser war ein leidenschaftlicher Jäger: Allerdings war er kein sehr treffsicherer Schütze. Neben ihm ist aber ein Begleiter postiert, auf dessen Schulter er das Gewehr anlegen kann. Napoleon selbst hat dieses Gemälde bei Vernet bestellt: Die Jagd war für ihn weniger ein persönliches Vergnügen, sondern sie diente der Einübung militärischer Tugenden, die eine „große Nation“ auszeichneten. Und das Bild diente – wie überhaupt die Kunst des Empire- der Überhöhung Napoleons und der Herausstellung seines Ranges. [3a]

Die Tapete

Carle Vernet war aufgrund seiner Nähe zum Kaiser und seines Ranges als Maler von Pferden und Jagden also geradezu prädestiniert, eine große Jagdtapete zu entwerfen. Seine monumentale Darstellung des Triumphs des Aemilius Paulus hatte ja auch schon Panoramacharakter, und sie zeigt, wie brillant er aufwändige Szenen mit einer Vielzahl von Personen gestalten konnte: Beste Voraussetzungen also, ein bedeutendes und erfolgreiches Werk zu schaffen.

 La Chasse de Compiègne zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft. Anders als bei üblichen Tapeten werden also nicht Muster serienmäßig reproduziert, sondern es wird eine Geschichte erzählt. Sie beginnt mit dem „Auszug der Jagdgesellschaft vor den Parkgittern des Schlosses von Compiègne“.[4]

Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Mit der Wahl von Compiègne als Ausgangspunkt der Jagd befand sich Vernet ganz auf der Höhe der Zeit. Auf Befehl Napoleons war nämlich das Schloss gerade instandgesetzt und erweitert worden. 1810 hatte der Kaiser dort die Erzherzogin Marie Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers, empfangen, die er geheiratet hatte, um seine Macht zu konsolidieren und um von ihr den ersehnten Thronfolger zu erhalten.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Bei den Umbauarbeiten wurde auch der Garten erneuert und zum umliegenden Wald geöffnet, indem die Umfassungsmauer durch ein Parkgitter ersetzt wurde, das auf dieser ersten Szene der Jagdtapete deutlich zu erkennen ist.

   Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Offensichtlich handelt es sich um eine sehr noble Jagdgesellschaft- darauf deutet das Wappen auf dem Wagen hin. Eine eindeutige Zuordnung des Wappens ist zwar nicht möglich, es verweist allerdings auf Napoleons jüngste Schwester Caroline. Dies könnte die Dame im lilafarbenen Kleid sein, die oberhalb des Wappens platziert ist und auch in weiteren Szenen der Jagd zu sehen ist. Besonders beim abschließenden Picknick spielt sie wieder eine hervorgehobene Rolle. [5] Historisch belegt ist die wichtige Rolle Carolines bei der Verbindung Napoleons mit Marie-Louise: Auf Wunsch Napoleons holte seine Lieblingsschwester die künftige Frau ihres Bruders in Wien ab und begleitete sie auf dem Weg nach Frankreich. Am ersten Souper Napoleons mit Marie-Louise soll auch Caroline teilgenommen haben. Dass allerdings eine eindeutige Zuordnung von Wappen und Personen in der Vorlage Vernets nicht möglich ist, erwies sich als Vorteil, denn so musste man hier in der späteren nach-napoleonischen Version der Jagdtapete keine Veränderungen vornehmen.

In den weiteren Szenen wird die Hetzjagd mit Hunden (Parforce-Jagd) dargestellt:

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Der Hirsch wird von Jägern und Hunden verfolgt, von den Hunden gehetzt überquert er einen Fluss.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Dies ist sicherlich die Oise, die in der Nähe Compiègnes vorbeifließt.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses steht eine Wassermühle: Vielleicht nur ein ländliches Accessoire, vielleicht aber auch ein Hinweis auf die Wasserpumpe, die auf Befehl Napoleons errichtet wurde, um das Schloss mit frischem Wasser zu versorgen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Bei dieser Burgruine handelt es sich um das am südöstlichen Rand des Waldes gelegene Schloss Pierrefonds.[7] Es war am Anfang des 17. Jahrhunderts weitgehend zerstört worden und seitdem eine malerische Ruine. Die kaufte 1810 Kaiser Napoleon: ein Grund mehr für Vernet, sie auf dem  Jagdteppich entsprechend in Szene zu setzen. 1857 erhielt übrigens Viollet-le-Duc von Napoleon III. den Auftrag zur Restaurierung und Rekonstruktion der Anlage, die 10 Jahre später der bayerische König Ludwig II. besuchte, um sich Anregungen für seinen geplanten Neubau in Neuschwanstein zu holen….

Ein landestypisches Dörfchen am Fluss gibt es auch.

Foto: Wolf Jöckel (Paris)

Die vorletzte Szene zeigt den todgeweihten Hirsch, Er hat sich zwar noch nach Kräften gewehrt. Einer der Hunde liegt tot am Boden. Aber vergebens: Es wird zum Halali geblasen. Gut zu erkennen ist der Jäger, der dabei ist, mit dem Hirschfänger dem am Boden liegenden Hirsch den Todesstoß ins Herz zu versetzen.  Im Allgemeinen hatte diese „Ehre“ der Jagdherr oder eine von ihm benannte Person. [8] Die Jagdbeute ist für die Hunde bestimmt, die den Hirsch zerreißen. Auch die begleitenden Damen -zuerst die im lilafarbenen Kleid- werden an den Schauplatz des Geschehens geleitet, um dem Schauspiel beiwohnen zu können.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Von einem aufklärerischen Mitfühlen mit den Leiden des Tieres -wie in Mathias Claudius‘ „Schreiben eines parforcegejagten Hirschen an den Fürsten der ihn parforcegejagt hatte“- ist hier nichts zu spüren.[9]

Und natürlich werden auch die schlimmen Konsequenzen der Treibjagden für die Bauern ausgeblendet, deretwegen der Bauer in Gottfried August Bürgers Gedicht von 1773  seinen durchlauchtigen Tyrannen anklagt: 

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’ und Rachen hau’n?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.[10]

Bei Vernet dagegen ist die Jagd in eine sozialromantische Idylle eingebettet:

Foto: F. Jöckel (Paris)

Da spielt der kleine Bauernjunge mit den Jagdhunden, und die Bauernfamilie unterbricht kurz ihre Arbeit, um der Jagd zuzusehen.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Für die herausgeputzten Spaziergänger ist die Jagd natürlich eine besondere Attraktion.

Foto: F. Jöckel (Paris)

Am Ende applaudiert sogar eine Bäuerin zur erfolgreichen Jagd.

Die ist dann Anlass für ein galantes Picknick in der Natur, zu dem sich die feine Jagdgesellschaft versammelt.[11]

Ehemalige Sammlung Zuber (Rixheim/Elsass)

Es wird Champagner ausgeschenkt  – der Sektkelch der jungen Dame im lilafarbenen Kleid, die wir schon aus der ersten Szene der Jagdtapete kennen, wird gerade von einem Kavalier gefüllt. Der andere junge Mann links im Bild reicht dazu ein Baguette.

Foto: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Handelte es sich um ein klassisches holländisches Interieur, wäre dies eine eindeutige Verführungsszene: Der erwartungsvoll hingehaltene Kelch der Frau, der gerade von einem Mann mit prickelndem Champagner gefüllt wird (natürlich Champagner! – bei den Holländern war es noch der Wein…), dazu das imposante Baguette – ein Brot, das sich nach den Worten des Historikers Steven Kaplan gerade wegen seiner „forme phallique“ auszeichnet[12] und das hier auch entsprechend positioniert ist und in Szene gesetzt wird. Da kann es kaum Zweifel geben, dass der mit der malerischen Tradition sicherlich vertraute Carle Vernet hier nicht nur den Abschluss der Jagdszene gestaltete, sondern gewissermaßen ihre Fortsetzung. Jetzt sind die chasseurs de jupons (Schürzenjäger) an der Reihe und die jungen Damen sind ihre bereitwillige Beute…

Bemerkenswert an dieser Szene ist das Baguette aber nicht nur wegen seiner erotischen Konnotation, sondern vor allem deshalb, weil sie gängige Entstehungsversionen des Baguettes widerlegt:

Da wird oft als Ursprung das Jahr 1839 genannt, als der Wiener August Zang in der rue de Richelieu in Paris eine boulangerie viennoise gründete und das Baguette als „pain viennois“ verkaufte.[13]

Einer anderen Version zufolge verdankt das Baguette seine Entstehung dem Versuch, Ende des 19. Jahrhunderts beim Bau der ersten Pariser Metro Blutvergießen zu verhindern: Da habe es nämlich oft Streit zwischen Arbeitern aus der Bretagne und der Auvergne gegeben, die mit Messern aufeinander losgegangen seien. Mit der Einführung des Baguettes habe es keine Notwendigkeit für Messer auf den Baustellen gegeben…[14]

Eine sicherlich sehr sympathische Legende, die aber wie die Wiener Import-Version nicht zutreffen kann, denn die Jagdtapete mit dem Baguette-Beweisstück wurde ja schon zu Zeiten des napoleonischen Kaiserreichs entworfen und hergestellt.

Eine dritte Version datiert zwar die Entstehung des Baguettes auf die Zeit Napoleons[15], kann aber ebenfalls nicht überzeugen: Napoleons habe die Bäcker der Grande Armée beauftragt, kleine Brote zu backen, die die Soldaten leichter in ihre Taschen stecken könnten als die damals üblichen Brotlaibe (boules): Das Baguette also gewissermaßen als Kommissbrot?!  So verwöhnt wurden die Soldaten von Napoleons Grande Armée nun wahrhaft nicht, dass sie mehrfach täglich mit frischen Baguettes versorgt wurden. Ganz im Gegenteil. Nicht umsonst nannte Napoleon sie die grognards.[16]

Die Geburtsstunde des Baguette auf den 15. November 1793 zu datieren, erscheint mir dagegen durchaus plausibel.[17]  Damals dekretierte der Nationalkonvent, dass alle Franzosen das gleiche Brot essen sollten. Bis dahin war das Brot aus weißem Mehl den Reichen vorbehalten, für die Armen blieb das Brot aus Kleie. Damit sollte es  Schluss sein. Alle Bäcker müssten nun, bei Androhung von Gefängnisstrafen, das gleiche Brot für alle backen, „le Pain Égalité“.  Das blieb allerdings zunächst nur ein frommer Wunsch. Erst mehrere Generationen später wurde das Baguette dann tatsächlich das Brot für alle Schichten der Bevölkerung. „Das bevorzugte Brot der Aristokratie“ (Pierre Sommet) war es  allerdings, wie die Jagdtapete zeigt, schon zu Zeiten Napoleons.

 Die Herstellung und der Hersteller

Die Herstellung einer Panoramatapete war ausgesprochen aufwändig und entsprechend kostspielig.  Dementsprechend konnten sich nur Angehörige des Adels und des Großbürgertums ein Exemplar leisten.

Die Tapete zeigt in vier Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft in den Wäldern von Compiègne.  Einzelne Papierbögen wurden dafür zu insgesamt 25 Bahnen von jeweils 55 Zentimeter Breite und etwa 250 Zentimeter Länge zusammengefügt und mit Holzmodeln bedruckt, mit jeweils einem Model für jede Druckfarbe.

Der Druck eines solchen Wandschmucks mit Hilfe mehrerer tausend verschiedener Holzmodel  war eine echte handwerkliche Meisterleistung.

Christiane Rossner schreibt in ihrem Monumente-Artikel:

„Panoramatapeten des 19. Jahrhunderts gelten als künstlerischer Höhepunkt der manuellen Tapetenherstellung. Weil es noch kein Endlospapier gab, fügte man einzelne Papierbögen zu Bahnen von etwa 250 Zentimeter Länge und 55 Zentimeter Breite zusammen, bedruckte jede einzelne Bahn mit Holzmodeln und setzte diese aneinandergereiht zu den Darstellungen zusammen. Der Herstellungsprozess war enorm aufwendig und vielschichtig, da die Größen der Druckmodel das Bogenmaß des Papiers nicht übersteigen durften. Daher wurde für jede einzelne Druckfarbe ein Model hergestellt – für eine Tapete in diesem Umfang waren es 1.600 bis 2.000 Model.“[18]

Immerhin hatte eine solche Herstellungstechnik auch den Vorteil, dass man zum Beispiel bei der Wahl der Farben entsprechend flexibel sein konnte. In der ersten Edition der Tapete von 1812, zu der die Jagdtapete von Dätzingen und das Pariser Exemplar gehören, tragen die Reiter rote Röcke, die Helfer blaue. Das entsprach der englischen Tradition, die Vernet so sehr verehrte, dass er damit sogar von dem bei den napoleonischen Jagden üblichen grün abwich. [19]

In  der Restaurations-Edition von 1815 dagegen erhielten die Röcke das bourbonische Blau.[20] Ein Beispiel dafür ist die Jagdszene aus der Sammlung Zuber, die damit der zweiten Edition zuzuordnen ist.

Der Hersteller: Die Manufaktur Jacquemart in Paris, Nachfolgerin der Manufacture Réveillon

Zu einem derart aufwändigen Produktionsverfahren waren nur Betriebe in der Lage, die über entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen verfügten.  Die Manufacture Jacquemart und Bénard im Faubourg Saint-Antoine war ein solcher Betrieb. 1791 hatte sie die Manufacture royale de papier peint des Jean-Baptiste Réveillon übernommen, die bedeutendste französische Produktionsstätte von bedrucktem  Papier in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und dazu ist Réveillon ein Name, auf den  man unweigerlich stößt, wenn es um die Vorgeschichte der Französischen Revolution geht. Es lohnt sich also, einen kurzen Blick auf das Unternehmen zu werfen, dessen Nachfolge Jacquemart und Bénard 1791 antraten.[21]

Réveillon gründete seine Papier-Manufaktur 1756 in dem Ort L’Aigle (Orne). Es gelang ihm, die damals führende englische Produktion von bedrucktem Papier zu imitieren und die französischen Konkurrenten an Qualität und Quantität zu übertreffen. So wurde Réveillon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur bedeutendsten französischen Produktionsstätte von papier peint. 1759 verlegte Réveillon seine Produktion nach Paris. Zeichen seines Erfolgs und seiner unternehmerischen Weitsicht war der Kauf der Folie  Titon Mitte  der 1760-er Jahre. Die Folie Titon war ein weitläufiger Landsitz in dem östlich von Paris gelegenen Faubourg Saint-Antoine, gebaut 1673 für Maximilien Titon, den  Besitzer der manufactures royales d’armes Ludwigs XIV.

Der Kauf dieses Landsitzes hatte für Réveillon mehrere Vorteile:

  • Es gab genügend Platz, um dort seine Werkstätten unterzubringen.
  • Im Faubourg Saint-Antoine  war der Zunftzwang aufgehoben, was mehr unternehmerische Freiheit ermöglichte.
  • Da es in dem Viertel ein dichtes Netz von verschiedenen Handwerksbetrieben gab, war dort auch ein großes Potential qualifizierter Arbeitskräfte vorhanden.[22]
  • Der Faubourg Saint-Antoine war damals das  französische  Zentrum der Kunsttischlerei. Also gab es ein hohes Maß an „know how“ gerade  im Bereich der Holzverarbeitung, was  bei der Herstellung von bedruckten Tapeten ein besonderer Vorteil war.
  • Und nicht zuletzt gewann Réveillon durch diesen  Firmensitz  erheblich an Reputation: Die Folie Titon gehörte damals zu den Sehenswürdigkeiten von Paris – ihr Name und der Réveillons gehörten nun zusammen.[23]

Reveillon verstand es auch sehr geschickt, seinen Firmensitz entsprechend zu nutzen. Als großbürgerlicher Mäzen arbeitete er mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst in dem ersten Ballon, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.[24]

In den Jahren vor der Französischen Revolution war Réveillon am Zenith seines Ruhms:  1784 erhielt seine Manufaktur den begehrten Titel „manufactures royales“ und 1786 eine Goldmedaille aus der Hand des einflussreichen Finanzministers Jacques Necker.

Allerdings litt Reveillons Manufaktur unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken.[25] Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das Überleben der Betriebe zu ermöglichen. Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten. So blieb nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen, die sich wie  ein Lauffeuer in den Handwerker- und Arbeitervierteln im Osten der Stadt verbreitete.  So kam es zur Revolte von Arbeitern: Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous und verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen Réveillons. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels sein Haus und die Manufaktur und zündeten die Gebäude an. Der Fabrikherr konnte sich nur durch die Flucht in die nahe gelegene Bastille retten. Herbeigerufene Truppen beendeten die  Revolte, wobei 12 Soldaten und hunderte Arbeiter ums Leben kamen: Mehr als bei dem Sturm auf die Bastille zweieinhalb Monate später, dessen blutiges Vorspiel die „affaire Réveillon“ war.[26]

So ist es nur allzu verständlich, dass Réveillon nach dieser Erfahrung und inmitten revolutionärer Umbrüche wenig Interesse an der Fortführung seiner arg in Mitleidenschaft geratenen Manufaktur hatte. Pierre Jacquemart (1737-1804) et Eugène Balthasar Crescent Bénard de Moulinières übernahmen 1789 von dem nach England emigrierten Reveillon die Leitung der Manufaktur, die sie 1792 kauften und der sie den neuen Namen „manufacture Jacquemart et Bénard“ gaben.

Trotz der revolutionären Umbrüche konnte die Manufaktur von Jacquemart und Bénard an die Erfolgsgeschichte des früheren Unternehmens anknüpfen. 1797 beschäftigte sie mehrere hundert Personen. Bekannt in ganz Europa belieferte sie Ministerien, Verwaltungen, die Räume des Nationalkonvents in den Tuilerien und sie war an der Ausgestaltung fast aller öffentlichen Feste und Zeremonien beteiligt. [27] Seit 1809 wurde sie von Auguste-François Jacquemart (1776-1854) geleitet, der seinem Vater nachfolgte. Als Bénard aus dem Unternehmen ausschied, um Bürgermeister des 8. Arrondissements von Paris zu werden, wurde auch der Name der Manufaktur entsprechend geändert. Es war von nun an die Manufaktur „Jacquemart“.

Dies war auch die Blütezeit der Panoramatapeten. Deren bedeutendste Protagonisten waren die Manufakturen von Joseph Dufour in Mâcon, der sich 1806 in Paris niederließ, und die Manufaktur von Jean Zuber in Rixheim. 1804 vertrieb Dufour die Panoramatapete les Sauvages de l’océan Pacifique und Jean Zuber die Vues de Suisse. Als Jacquemart 1812 seine Jagdtapete auf den Markt brachte, bot Zuber seine aktuelle Panoramatapete Arcadie an und Dufour gleich zwei außerordentlich erfolgreiche Panoramtapeten: les Monuments de Paris und les Rives du Bosphore. Die Konkurrenz war also äußerst hart, und so war es ein geschickter Schachzug von Jacquemart, dem renommierten Carle Vernet den Entwurf seiner „Chasse de Compiègne“ anzuvertrauen, der die in ihn gesetzten Erwartungen ja auch glänzend erfüllte.

Angesichts des äußerst aufwändigen Produktionsverfahrens und der harten Konkurrenz war das Jagdtapeten-Projekt Jaquemarts allerdings trotzdem ziemlich riskant. Jean Zuber jedenfalls, der wusste, was die Herstellung einer monumentalen Panoramatapete bedeutete, wunderte sich über den Mut seines Konkurrenten, als er schrieb, Jaquemart setze mit dieser Jagdtapete alles auf eine Karte. Er, Zuber, wisse nicht, ob Jacquemart auf seine Kosten käme. Und vielleicht war auch das kühne Projekt verantwortlich für eine kurzzeitige Insolvenz der Pariser Manufaktur. Aber zumindest künstlerisch wurde der Mut doch belohnt: Jacquemart schuf auf der Grundlage des Entwurfs von Vernet die erste aller Jagdtapeten, die aufgrund ihrer Zeichnung und Farbigkeit als Meisterwerk und als eine der besten Panoramatapeten überhaupt gilt.[28]  Das erkannte auch Zuber an, der von seinem Konkurrenten ein Exemplar der „Chasse de Compiègne“ erwarb und im Esszimmer seiner Anwesens in der alten Commanderie in Rixheim installierte.[29]

La Chasse de Compiègne in Paris und Dätzingen

Angesichts der Qualität und Besonderheit der „Chasse de Compiègne“ ist es zu erklären, dass diese Panoramatapete internationale Verbreitung erfuhr. Exemplare gelangten nach England (Royal Albert Museum[30]), in die Schweiz[31], in die USA und zwei auch nach Deutschland- neben dem Schloss von Dätzingen in Württemberg auch in das Jagdschloss Friedrichsmoor bei Schwerin.[32]

Die Jagdtapeten von Paris und Dätzingen werden nachfolgend vorgestellt.

Paris

Das Pariser Musée de la Chasse et de la Nature ist in zwei noblen Stadtpalais im Pariser Marais untergebracht.  Wie viele der alten Stadtpalais im Marais waren auch diese ziemlich heruntergekommen, bis sie in den 1960-er Jahren von der Stiftung des jagdbegeisterten François Sommer gekauft wurden, um zunächst im hôtel de Guénégaud das Musée de la Chasse et de la Nature einzurichten, das dann durch Räume im  benachbarten  hôtel de Mongelas noch erweitert wurde.

Auf seiner Homepage stellt das Museum die Panoramatapete „Les chasses de Compiègne“ (sic) -versehen mit einer Abbildung und Erläuterungen- besonders heraus. [32a] Umso größer war unser Erstaunen, als wir Ende Juli 2021 das Museum besuchten, um uns die Tapete anzusehen. Weder die Dame an der Kasse noch das aufsichtsführende  Personal, das wir ansprachen, konnte uns irgendeine Auskunft geben, wo die Tapete zu finden sei. Es müsse sich um ein Missverständnis handeln, so wurde uns versichert, in dem Museum gäbe es nichts Dergleichen. Als ich auf die entsprechende homepage- Präsentation verwies, war die Ratlosigkeit groß.  Vielleicht sei die Tapete gerade an ein anderes Museum ausgeliehen; oder sie werde restauriert; oder sie lagere im Zuge der Umgestaltung des Museums im Depot….  Auch der freundliche junge Mann im Museumsshop hatte noch nie etwas von der Jagdtapete gehört, bemühte sich aber nach Kräften, den interessierten ausländischen Besuchern weiterzuhelfen. Aber die Suche in der ausliegenden Literatur war vergebens. Aber dann kam die Rettung in Gestalt eines vorbeieilenden Herrn, den der junge Mann ansprach. Es war der Kommunikationsdirektor der Stiftung Sommer, der, bevor er am nächsten Tag in Urlaub fuhr, noch einige Unterlagen ins benachbarte hôtel de Mongelas bringen wollte. Da waren wir genau an der richtigen Adresse! Denn dort – im Salon Vernet- sei die Panoramatapete angebracht.

Eingang zum Hôtel de Mongelas

Dieser Teil des hôtels gehört nicht zum Museum, sondern zu dem  noblen Pariser Jagdclub, ist also normalerweise nur Mitgliedern zugänglich.

Auf dem Weg zum Salon Vernet ließ uns unser freundlicher Führer auch noch die nachträglich in das  hôtel eingebaute repräsentative Treppenanlage bewundern.

Immerhin hatte sie niemand Geringeres als der „Erste Architekt“ und königliche Hofbaumeister Ludwigs XIV., Jules Hardouin-Mansart, entworfen.

Doch dann waren wir endlich am Ziel unserer Wünsche: dem Salon Vernet. Es ist ein kleiner, intimer Raum, ohne Fenster. Als Raucherkabinett deshalb -und wegen der kostbaren Tapete- wohl kaum tauglich. Vielleicht ziehen sich dorthin kleine Herrenrunden für vertrauliche Gespräche zurück. Die gedämpfte Atmosphäre mit der dezenten  Beleuchtung würde jedenfalls dazu passen.

Ein eindrucksvolles Ensemble! Es ist zu hoffen, dass es wenigstens von Zeit zu Zeit (zumindest an den Tagen des offenen Denkmals/Journées du Patrimoine) auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird!

Die Panoramatapete von Dätzingen

Damit kommen wir zum Ende dieses Beitrags, aber gleichzeitig auch zum Anfang unseres spannenden Jagd-Abenteuers. Denn aufmerksam wurde ich auf die Chasse de Compiègne durch einen im Februar 2020 erschienen Artikel in Monumente, dem Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die Restaurierung der Tapete im Schloss Dätzingen finanziell unterstützte.  Unter dem Titel „Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer“ berichtete  Christiane Rossner über die Geschichte der Tapete und die Bemühungen um ihre Restaurierung.

Wir nahmen Kontakt auf mit Herrn Ratz, dem Leiter des in dem Schlösschen untergebrachten Heimatmuseums,  und der war so freundlich, uns im Juli 2021 die damals noch nicht für die Öffentlichkeit zugängliche Tapete zu zeigen.  Nachfolgend ein Ausschnitt (noch ohne Bordüre).

Foto: Wolf Jöckel Juni 2021

Die Renovierung der Tapete erwies sich als ausgesprochen kompliziert: Die Tapete war nämlich in den 1960-er Jahren unsachgemäß eingelagert worden. Da die Papierbahnen mit dem Druck nach innen aufgerollt wurden, war der Farbauftrag gestaucht und viel Farbe ging verloren. Zudem hatten sich in den Kleberresten Pilze gebildet.[33] 

Hier ein Bild des beklagenswerten Zustandes vor der Restaurierung:

Und so sah das noch nicht restaurierte Picknick aus: [34]:

Umso beeindruckender der jetzige Zustand! Die Tapetenbahnen 5-18 nach der Restaurierung:

(Bild: Hans Zelesner, Förderverein Schloss Dätzingen, Oktober 2021)

Und wie kam diese kostbare und seltene Jagdtapete ausgerechnet nach Dätzingen? Eine interessante Geschichte, die Christiane Rossner in ihrem Monumente-Artikel referiert:

„Generalleutnant Carl Ludwig von Dillen war sich der großen Ehre sehr bewusst: Sein Dienstherr, König Friedrich I. von Württemberg, hatte ihm 1810 Schloss Dätzingen bei Grafenau  geschenkt. 1806 war das Schloss, das zuvor lange dem Malteserorden gehört hatte und 1733 repräsentativ zum Sitz des Komturs ausgebaut worden war, an das Königreich Württemberg gefallen.“

Das Schloss und der Maltesersaal

Und weiter Christiane Rossner:

„Wenige Monate nach dieser großzügigen Schenkung veranstaltete König Friedrich eine dreiwöchige Jagd in den Wäldern von Dätzingen, wobei er im Schloss seines Günstlings residierte. In Erinnerung an dieses spektakuläre Ereignis, in das mehr als 4000 Menschen eingebunden waren, orderte Carl Ludwig von Dillen bei der berühmten Pariser Manufaktur Jacquemart & Bénard die jüngst kreierte Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“ und ließ den edlen Wanddekor mit Jagdszenen vermutlich im Dätzinger Schlafgemach des landesherrlichen Gastes anbringen.“

Ein Schlafgemach als Ort für eine Jagdtapete mag etwas ungewöhnlich erscheinen, ist es in diesem Fall aber eher nicht. Denn dass  Carl Ludwig Emanuel Dillenius innerhalb von zehn Jahren nicht nur geadelt und in den Grafenstand erhoben wurde, sondern  sich auch -wie böse Zungen feststellten- „von einem  Bereiterjungen“ im Marstall von Schloss Ludwigsburg zu einem der mächtigsten Männer des Königreichs Württemberg „emporschwang“, hatte er wohl der dem König „inne wohnenden Neigung zu den Männern“ zu verdanken.[35]

Hier ein Portrait des jungen Mannes (die im Schloss Dätzingen ausgestellte Kopie eines Gemäldes von Schloss Ludwigsburg)

Die Auswahl der „Chasse de Compiègne“ war im Blick auf seinen landesherrlichen Gönner in mehrfacher Hinsicht eine passende Auswahl: Natürlich vor allem, weil das Motiv dem jagdbegeisterten Monarchen entgegen kam und dem Anlass des Kaufs entsprach. Dazu aber auch deshalb, weil es sich bei der Jagdtapete gewissermaßen um den letzten Schrei aus Paris handelte, und Frankreich war damals gerade für den württembergischen König das Maß aller Dinge. Friedrich I. war ja 1806 durch Napoleons Gnaden zum König erhoben worden, er trat dann auch gleich dem unter Napoleons Protektorat stehenden Rheinbund bei, und Friedrichs einzige Tochter Katharina heiratete König Jérôme von Westfalen, Napoleons jüngsten Bruder. Und schließlich hatte Compiègne, wo die Jagd der Panoramatapete angesiedelt ist, in württembergischen Ohren einen guten Klang. Denn 1810 erhielt das junge Königreich Württemberg durch den Vertrag von Compiègne weiteren  territorialen Zuwachs….

1961 verkaufte Adrienne von Bülow,  die Nachfahrin von Dillens,  das Schloss, das einer grundlegenden Renovierung unterzogen wurde. Die Tapete wurde abgelöst, aber unsachgemäß eingelagert. Jetzt ist die aufwändige Restaurierung abgeschlossen und bald kann dieses einzigartige Kunstwerk wieder an seinem angestammten Platz, inzwischen Sitz des Heimatmuseums, bewundert werden.[36] Ein Ausflug in das 30 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegene Dätzingen lohnt sich!

Die renovierte Tapete von Dätzingen wird eingeweiht:

Am 11.11. 2021 wurde die Fertigstellung der renovierten Tapete mit einem Festakt im Maltesersaal des Schlosses begangen. Im Mittelpunkt stand dabei eine Präsentation des Restaurators Thomas Wieck aus Stuttgart, der die großen Herausforderungen schilderte und mit Bildern veranschaulichte, vor die ihn die Restaurierung der Tapete stellte.

Hier ein Stück der Tapete im „ursprünglichen“ Zustand:

Bild: Thomas Wieck (Dätzingen)

Man muss schon über viel Erfahrung und Können verfügen, um sich solchen Herausforderungen zu stellen. Klar war dabei, dass zahlreiche Ergänzungen vorgenommen werden mussten.

Bild: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Dabei legte Herr Wieck großen Wert darauf, dass die vorgenommenen Retuschen auch erkennbar sind. Er verwendete hier eine besondere Form der Strichretusche (Tratteggio-Retusche), die sogenannte Additionsretusche. Er erläutert diese Technik wie folgt:

„Sie basiert auf der alten Erkenntnis, dass sich jede Farbe prinzipiell aus den drei Primärfarben zusammensetzen lässt. Aber da die Naturpigmente nicht die Eigenschaften der Primärfarben erreichen können, verwende ich zusätzlich noch die drei sog. Sekundärfarben, also die Mischtöne aus jeweils zwei Primärfarben. Das ergibt den bekannten Farbkreis.

Die erste Strichlage besteht aus einem einzelnen Farbton, z.B. gelb. Man bewertet das Ergebnis und stellt naturgemäß fest, dass es innerhalb der Umgebung zu gelb ist. Man geht vom Gelb durch den Farbkreis und nimmt als zweite Strichlage die Gegenfarbe, somit Violett. Dann ist das Ergebnis vielleicht zu rot und man geht somit zum Grün. So nähert man sich dem gewünschten Farbton immer weiter an. Man sollte das aber nicht uferlos fortsetzen – und da kommt eben die Erfahrung zum Tragen – im Allgemeinen kommt man mit 3-4 Strichlagen zum gewünschten Ergebnis, allerdings besteht noch eine gravierende Schwierigkeit – der Helligkeitswert. Diesen kann man durch den Einsatz von Schwarz bzw. Weiß steuern, aber vor allem durch die Einstellung der Deckkraft der einzelnen Farbaufträge. Bei der Verwendung von Schwarz ist wieder Vorsicht geboten – ein zu starker Grauwert ist nicht so einfach wieder herauszubekommen.  Die Form der Striche muss möglichst gleichmäßig in der Strichbreite sein, da sonst wieder eine Farbe die anderen übertönt, und sie sollte in der Länge so gestaltet werden, dass möglichst keine Farbverdichtungen entstehen können. Hier ist Übung wichtig und es braucht dazu viel Zeit.

Man kann Vieles richtig, aber auch noch mehr falsch machen, und deshalb verwenden viele Restauratoren diese Form der Retusche nicht so gerne. Aber wenn die Methode beherrscht wird, funktioniert sie schneller als eine jeweilige Nachmischung des Farbtones, und das Erscheinungsbild der retuschierten Fläche ist m. E. schöner und eleganter.“

Bild: Thomas Wieck (Dätzingen)

Eine besondere Problematik war eine große Leerstelle dort, wo früher ein Ofen stand. Hier wurde auf Initiative und auf Kosten des Museumsleiters Herrn Ratz und unter Zustimmung des zuständigen Denkmalpflegers eine fotografische Ergänzung vorgenommen, wobei die Tapete von Friedrichsmoor die Vorlage lieferte. Auch hier galt aber, dass nicht die Illusion eines originalen Zustandes erzeugt werden sollte.

Bild: Wolf Jöckel (Dätzingen)

Insgesamt: Eine große gemeinschaftliche Anstrengung mit einem beeindruckenden Ergebnis, auf das das Museum von Dätzingen, der Förderverein und die Gemeinde Grafenau stolz sein können.

Seit 2004 gibt es im Gartensaal des Jagdschlosses Friedrichsmoor bei Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern noch ein weiteres Exemplar der Jagdtapete. Da es sich bei dem Schloss um einen sog. Event-Betrieb handelt, ist die Tapete aber nur im Rahmen einer solchen Veranstaltung zugänglich.

„La chasse à Compiègne“ (Die Jagd von Compiègne)

„Die um 1815 oder um 1814 in Paris nach Entwürfen von Antoine Charles Horace Vernet bei der Firma Jacquemart & Bernard gedruckt wurde. Sie gilt als einziges erhaltenes Exemplar. Die Tapete wurde 1816 von Großherzog Friedrich Franz I. erworben. Sie hing vormals im Jagdschloss Friedrichsthal bei Schwerin. Dargestellt werden auf ihr fünf Szenen einer höfischen Rotwildjagd im Wald. Das Besondere der Tapete sind die roten Jagdröcke aus der Zeit Napoleons, die nach dessen Sturz 1815 verboten wurden. 
Nachdem der Wandschmuck im Jahre 1997 aus dem leeren und ungenutzten Jagdschloss ausgelagert wurde, ist die Tapete seit 2004 wieder im Gartensaal des Schlosses Friedrichsmoor zu bewundern und erfreut nun die Besucher mit ihrem prachtvollem Anblick.“ (Bild und Text aus der homepage des Jagdschlosses Friedrichsmoor. https://www.jagdschlossfriedrichsmoor.org/historie)

Literatur:

Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse  de  Compiègne“. In: Monumente, herausgegeben von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Oktober 2021, S. 62

Odile Nouvel-Kammerer (dir.), Papiers peints panoramiques, Paris, Flammarion-UCAD, 1990 (La Bibliothèque du musée des Arts décoratifs)

Christiane Rossner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

Herrmann Schöpfer und Monika Dannegger-Flamm, Die Jagdtapete La Chasse de Compiègne in La Tour-de-Peilz bei Vevey.

Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137 https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm

Histoire. Le papier peint a pris son essor avec l’atelier de Jean-Baptiste Réveillon à L’Aigle dans l’Orne In: Le Réveil normand. 23. August 2019 https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html


Anmerkungen

[1] Die Bezeichnung der Jagdtapete wird unterschiedlich gehandhabt. Oft findet man die Plural-Version „Les Chasses de  Compiègne“ (selbst auf der website des Pariser Musée de la  Chasse  et  de la  Nature) korrekt ist aber -auch nach Auffassung von M. Abrille, dem Generalsekretär des Museums, der Singular  („La Chasse  de Compiègne“). Immerhin handelt es sich ja um die Darstellung einer Jagd.  Ich verwende also die inhaltlich korrekte Singular-Version.

[2] https://www.museepapierpeint.org/de/1638-2/panoramatapeten/

[2a] Hier eine von dem Restaurator der Dätzinger Tapete erstellte Liste der noch vorhandenen Exemplare der Chasse de Compiègne

  • Schloss Friedrichsmoor (Neustadt-Glewe – Westmecklenburg)
  • Schweiz, Kanton Vaud, Gemeinde La Tour de Peilz, Chemin du Cèdre 24, Haus der „maîtres du domaine de Burier“
  • Chateau du Minois, 42530 Saint-Genest-Lerpt, Frankreich
  • Sammlung Zuber, Rixheim, Frankreich – wurde nach USA verkauft, dort in Privatbesitz
  • Musée de la chasse et de la nature, 62 Rue des Archives, 75003 Paris, Frankreich
  • Bergamo, Museumssammlung
  • Victoria and Albert Museum, Cromwell Road in Kensington, West London Adresse: Cromwell Rd, Knightsbridge, London SW7 2RL, Vereinigtes Königreich
  • Owsley House, Museum in Kentucky, Stanford Rd, Lancaster, KY 40444, USA
  • USA – mindestens drei Exemplare in Privatbesitz
  • In Schloss Mesothen [oder Meţotnes Palace (district of Bauska – Lettland) war ein Exemplar im Speisezimmer vorhanden. Bestand heute ist unklar.
  • Ein Exemplar soll sich in Riga (Lettland) im „Kleisti-Manor-House“ (anderer Namen: Kleisterhof, Kleissenhof) (damalige Besitzer Familie Vegesack) befunden haben. Bestand heute ist unklar.
  • Am 18.9.2016 wurde ein Exemplar im Grand Palais, Paris vorgestellt. Ob hier ein Verkauf bzw. Versteigerung vorgelegen hat, ist derzeit dem Berichterstatter unbekannt.

[3] Dieses und das nachfolgende Bild aus: https://themiscyra.wordpress.com/2014/10/26/les-chevaux-de-vernet/  Dort gibt es auch Abbildungen weiterer Reiterbilder von Vernet.

[3a] https://www.venerie.org/20-juillet-2021-napoleon-ier-etait-mauvais-tireur-mais-stratege-de-la-cynegetique/ Dieser Quelle ist auch der Bildausschnitt der kaiserlichen Jagd entnommen. Siehe auch: https://napoleonhautsdefrancecom.files.wordpress.com/2018/03/musc3a9es-senlis_vernet-napolc3a9on_ods.pdf

[4]  Bild aus: https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet   Exemplar aus dem musée de la chasse et de la nature Paris.

[5]  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83. siehe auch: https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart Nicht so eindeutig wird die Zuordnung von Schöpfer und Dannegger-Flamm vorgenommen.. Dort auch die nachfolgenden Informationen zur besonderen Rolle von Caroline.

[7] Siehe:  https://jerrypairflorida.com/products/la-chasse-de-compiegne-jacquemart  und  https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Pierrefonds

[8] https://www.wildhueter-st-hubertus.de/einiges-ueber-die-parforcejagd-3

[9]http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Dritter+Teil/Vorlesung+an+die+Herren+Subskribenten/c)+Schreiben+eines+parforcegejagten+Hirschen

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bauer_an_seinen_durchlauchtigen_Tyrannen

[11] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/   

[12] https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain

[13] Siehe:  https://www.franceculture.fr/gastronomie/a-lorigine-de-la-baguette-de-pain Mais d’après une autre source, c’est un boulanger autrichien, August Zang, qui aurait introduit la baguette en France. En 1839, le Viennois ouvrait une boulangerie à Paris. Il y aurait vendu des pains de forme ovale, comme ceux que l’on trouvait alors en Autriche.   Siehe auch z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Baguette

[14] https://www.republicain-lorrain.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[15] L’origine de la baguette de pain blanc remonterait à l’époque de Napoléon. Ses boulangers auraient inventé une miche allongée pour rendre le pain plus facilement transportable par les soldats. https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/petite-histoire-de-la-baguette-notre-pain-quotidien

Siehe auch: https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain

[16] https://www.napoleon.org/magazine/dico-d-epoque/grognard/

[17] https://www.dna.fr/culture-loisirs/2020/11/15/c-est-arrive-le-15-novembre-1793-l-origine-mysterieuse-de-la-baguette-de-pain und https://www.herodote.net/almanach-ID-2138.php

[18] Christiane Rosner: Jagdszenen im königlichen Schlafzimmer. In: Monumente 30. Jg. Nr. 1, Februar 2020, S. 30–31

[19] https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html Zur Farbgebung siehe auch den Aufsatz von Abrille a.a.O.

[20] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-passage-of-the-river/   https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet: Dort heißt es: „La redingote rouge des veneurs témoigne de l’anglomanie qui règne en France au long du XIXe siècle“. Eher bezeugt allerdings der rote Rock der Reiter die Anglomanie Vernets.

Es handelt sich hier um ein Exemplar aus der Sammlung Zuber in Rixheim, das von den Erben des Sammlers versteigert wurde. Siehe: https://www.antiquesandthearts.com/preview.php?id=851 (Die Picknick-Szene allein wurde für 75.000 Dollar angeboten, die gesamte Panoramatapete für 185.000 Dollar)

[21] Zur Geschichte der Manufaktur Réveillons siehe: https://actu.fr/normandie/l-aigle_61214/histoire-papier-peint-pris-essor-latelier-jean-baptiste-reveillon-laigle-dans-lorne_26669039.html

[22] Zum Faubourg Saint-Antoine siehe die Blog-Beiträge  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/  und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[23] Siehe dazu: Christine Velut,  L’industrie dans la ville : les fabriques de papiers peints du faubourg Saint-Antoine (1750-1820) In:  Revue d’histoire moderne & contemporaine 2002/1, S.  115 – 137

https://www.cairn.info/revue-d-histoire-moderne-et-contemporaine-2002-1-page-115.htm Dort wird die Folie Titon als un endroit prisé de la capitale bezeichnet.

[24] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Folie_Titon#/media/Fichier:Montgolfiere_1783.jpg

[25] Zum octroi und der Zollmauer um Paris siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/

[26] Bild aus: Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789 | Paris Musées

Siehe dazu:  27-28 avril 1789 – Pillage de la manufacture Réveillon – Herodote.net und  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[27] https://data.bnf.fr/14965205/jacquemart_et_benard_manufacture/ und  Raphaël Abrille, « Un papier peint d’après Carle Vernet à l’hôtel de Guénégaud », Vènerie, n° 191, septembre 2013, p. 78-83.

[28] Henri Clouzot et Charles Follot ont qualifié en 1935 La chasse de Compiègne comme « un des plus parfaits du genre, aussi bien pour le dessin que pour le coloris »  Zit. In: https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier

Abrille (a.a.0.) spricht von einem coup de maître.

[29] https://antique-wallpaper.com/en/papier_peint/les-chasses-de-compiegne-picnic/

Zur Manufaktur Zuber in Rixheim siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Manufacture_Zuber

[30] https://collections.vam.ac.uk/item/O127862/la-chasse-de-compiegne-wallpaper-vernet-carle/la-chasse-de-compi%C3%A8gne-wallpaper-vernet-carle/

[31] https://fr.wikipedia.org/wiki/Domaine_de_Burier  

[32] https://www.meck-pomm-lese.de/sehenswuerdigkeiten/burgen-und-schloesser/jagdschloss-friedrichsmoor/ und https://www.meckpress.de/2014/10/22/szenen-einer-hofjagd/

[32a] https://www.chassenature.org/oeuvres/objets-d-arts/les-chasses-de-compiegne-d-apres-carle-vernet  Letzter Zugriff am 20.10.2021

[33] Julia Greipl, Tapeten-Trend im Empire. Sie ziert wieder die Wände von Schloss Dätzingen: Die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“. In: Monumente, Oktober 2021, S. 62

[34] Bild von: https://www.denkmalschutz.de/presse/archiv/artikel/panoramatapete-in-schloss-grafenau-in-daetzingen-wird-dsd-foerderprojekt.html

[35]  J. S. Ersch und J. G. Gruber (Hg.), Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge, erste Section, 49. Theil, Leipzig 1849, S. 393 und Eduard Vehse, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation, 26. Band, 4. Abtheilung, 4. Theil, Hamburg 1853, S. 65–68   Zitiert bei: Carl Ludwig Emanuel von Dillen – Wikiwand

Welche herausragende Stellung von Dillen am Württemberger Hof hatte, wird auch daran deutlich, dass er 1809 seinen Landesherrn bei dessen Besuch in Paris anlässlich des 5. Krönungsjubiläums Napoleons begleitete. Von Dillen ist bei allen Empfängen dabei, und beim Krönungsfest in Notre Dame war er „in der Tribüne der Kaiserin, wo alle Prinzessinnen des Hauses zugegen waren.“ (Brief von Dillens an seine Frau vom 9.12.1809- Zitiert in den Begleitmaterialien zur Ausstellung in Dätzingen).

[36] http://www.grafenau-wuertt.de/Start/Schloss+Daetzingen/Heimatmuseum.html

Weitere geplante Beiträge

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Ein erster Rundgang

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons

Mit der Verhüllung (im Französischen: empaquetage/Verpackung) des Arc de Triomphe vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021 geht ein langgehegter Traum Christos -ein Jahr nach seinem Tod- in Erfüllung. 1962 sah Christo Vladimiroff Javacheff, wie er damals noch hieß, vom Fenster seines kleinen Zimmers in der rue de Saint-Sénoch im 17. Arrondissement auf den Triumphbogen. Er bewunderte ihn und träumte von diesem Projekt, das ihn nicht mehr losließ.[1]

Fast 60 Jahre später, 36 Jahre nach der Verhüllung des Pariser Pont-Neuf und 26 Jahre nach der des Berliner Reichstags, ist dieser Traum nun Wirklichkeit geworden. Christo und seine Frau können das aber nicht mehr miterleben: Jeanne-Claude starb 2009, Christo im letzten Jahr. Wie froh und dankbar kann man sein, dass trotzdem das Projekt noch vollendet wurde. Es ist die Abrundung und die Krönung des gemeinsamen Lebenswerkes und eine spektakuläre posthume Ehrung.

Eigentlich schon für 2020 geplant

Eigentlich wollte Christo den Pariser Arc de Triomphe schon 2020 in Stoff packen und verschnüren. Dann kam die Covid- Pandemie dazwischen. Auch auf Turmfalken musste Rücksicht genommen werden, die sich den Bogen als angemessenen Nistplatz erkoren hatten. Die vorbereitenden Arbeiten waren aber schon weit fortgeschritten: 2019 präsentierte Christo das Projekt in seinem New Yorker Atelier, 2020 fand eine große Christo-Ausstellung im Centre Pompidou statt, die eigentlich die Verhüllung des Arc de triomphe begleiten sollte. Diese Ausstellung „Christo et Jeanne-Claude, Paris !“ zeichnete die Pariser Periode des Paares (1958 – 1964) nach sowie die Geschichte des Pont-Neuf-Projekts von 1975-1985.[2]

Christo präsentiert in seinem New Yorker Atelier das Projekt „Arc de Triomphe wrapped“. Aus der Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude“. Paris, Berges de Seine. Foto: F. Jöckel 1.9. 21

Bei dieser Ausstellung wurde anhand von detaillierten Plänen, ausgestellten Materialien und Fotos gezeigt, ein welch großes Maß an intensiver Vorbereitung, an Wissen und Können und an einem abgestimmten Zusammenwirken aller Beteiligter ein solches Projekt erfordert. Es gehört ja auch zu den Charakteristika der Christo’schen Projekte, dass dazu eine sehr lange Zeit der Planung, eine lange Zeit der Installation, aber nur eine kurze Zeit der Präsentation gehört.

Nur 16 Tage lang wird man den verhüllten Arc de Triomphe bewundern können.  „Dass die Kunstwerke verschwinden ist ein Teil des ästhetischen Konzeptes. Dadurch sind sie tief verwurzelt mit der Freiheit, denn die Freiheit ist Feind des Besitzes und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauerhaftigkeit“, erklärte Christo einmal seine Kunst.[3]

Die Verpackung des Arc de Triomphe: Eine technische und logistische Meisterleistung

Die Phase der Installation begann am 15. Juli.

Informationstafel am Zugang unter der place Charles de Gaulle zum Arc de Triomphe

Da wurde zunächst die Baustelle vorbereitet:  Es wurden Kräne aufgefahren und aufgebaut:

Foto: Wolf Jöckel  2.8.21

                                Foto 2.8.21

Danach wurden Gerüste errichtet für die nachfolgenden eigentlichen Arbeiten an dem Projekt.

Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Die Phase der Verhüllung ist in drei Abschnitte gegliedert:

Aus: Le Parisien 30. Juli 2021

Als erstes wurde der Triumphbogen mit seinen Reliefs gesichert. Er erhielt gewissermaßen ein Korsett, um Schäden durch Druck und Reibung der Verpackung zu verhindern.

Hier das mit einem Schutz versehene Hochrelief von François Rude, Der Auszug der Freiwilligen, auch Marseillaise genannt, auf der von den Champs-Elysées aus gesehenen rechten Schauseite des Triumphbogens. (Foto vom 2.8.) Thema ist die levée en masse von 1793: Alt und jung sind auf dem Weg in den Kampf, zu dem die geflügelte Kriegsgöttin mit ihrem Schwert den Weg weist.

Geplant und installiert wurden die Stahlbau-Gerüste und Schutzvorrichtungen übrigens von einem deutschen Ingenieurbüro aus Stuttgart. Verantwortlich vor Ort ist eine junge Bauingenieurin, Anne Burkhartz. In dem Artikel „L’art pour l’Arc“ von Michaela Wiegel in der FAZ vom 25.8. kommt sie zu Wort: „Manchmal gerate ich ganz schön ins Schwitzen, denn wir dürfen auf keinen Fall das Baudenkmal beschädigen.“ Jetzt sei das Stahlbaugerüst so gut wie fertig aufgebaut, „und ich bedauere beinahe, dass unsere Maßarbeit bald nicht mehr zu sehen ist.“

Nach der Installation der Schutzvorrichtungen wurde der Bogen mit einem Geflecht von Tauen überzogen, um dem Werk die gewünschte Struktur zu geben.

Foto Wolf Jöckel 2.9.

Und darüber wurden in einem letzten Akt 25.000 m2 silberblauer Stoff gebreitet- Planen aus aluminiumbedampftem Polypropylengewebe, die übrigens in Deutschland hergestellt wurden: Produziert hat das Gewebe die Firma Setex in Greven. Sie ist Nachfolgerin des Unternehmens Schilgen aus Emsdetten, das schon den Stoff für die Verhüllung des Reichstages lieferte. Setex verkauft vornehmlich schwer entflammbare Stoffe, die für Uniformen von Feuerwehrleuten und für Theatervorhänge verwendet werden. Schon „die neuen Kleider der Inseln des Iseo-Sees“ hatte Setex für die Christos hergestellt. Doch bevor das Gewebe zur Verhüllung verwendet werden kann, sind noch zwei weitere Arbeitsschritte erforderlich: Der Stoff wird zunächst noch beschichtet, was ihm seinen silbrigen Glanz verleiht und dazu beiträgt dass sich das verhüllte Gebäude nicht allzu sehr erwärmt: Ein Werk der Firma Rowo Coating aus der Kleinstadt Herbolzheim in Baden, die auch schon den Stoff für den Reichstag beschichte. [2a]

Und schließlich wird der beschichte Stoff zur Weiterverarbeitung an die Firma „geo- Die Luftwerker“ geliefert. , Die ist auf die Herstellung und Reparatur von Heißluftballons und Luftschiffen spezialisiert und seit acht Jahren „Christos Hausschneider“. Unter anderem haben sie auch für Christos „Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo in Oberitalien geschneidert… Aufgabe von geo war es, die exakt berechneten Stoffbahnen zusammenzunähen, was bei der Größe der Bahnen und der Dicke des Gewebes nur in einer großen Werkhalle und nur mit speziellen Nähmaschinen und besonders qualifiziertem Personal möglich war. 200 Tage hat diese komplizierte Arbeit gedauert. Firmensitz der „Luftwerker“ ist Lübeck – eine Stadt, die übrigens zur Zeit des Baus des Arc de Triomphe als Teil des Départements Bouches de l’Elbe zu Frankreich gehörte. Auch eine Hebebühne stammt aus Deutschland.

Insofern ist auch Deutschland ein wenig an diesem grandiosen Projekt beteiligt. (Foto: Wolf Jöckel 15.9.)

Foto Wolf Jöckel 2.9. Die Verhüllung des Bogeninneren hat schon begonnen

Am Sonntag, dem 12.9. lassen über 70 Gebäudekletterer (nach Le Parisien waren es 95) die ersten Stoffbahnen herab.

Bild aus: https://www.ndr.de/kultur/kunst/Christo-Verhuellung-des-Triumphbogens-in-Paris-in-vollem-Gange,christo458.html

Schon der Prozess der Verhüllung des Triumphbogens ist eine große Attaktion. Bild: Wolf Jöckel 13.9.

Die noch unverschnürten, sich leicht vom Wind bewegten Stoffbahnen. Foto: Wolf Jöckel 13.9.
Fotos: Wolf Jöckel 13.9.

Zum Schluss werden die Stoffbahnen dann noch einmal mit -hier noch herunterhängenden- roten Tauen von 3000 Metern Länge befestigt und gesichert.

Fotos: Wolf Jöckel 15.9. 21

Alles verwendete Material ist übrigens recyclebar – das war den Christos immer wichtig: Es entspricht nicht nur ökologischem Denken, sondern auch dem Konzept der Vergänglichkeit, das für Christos Projekte charakteristisch ist.

Am 18. September, dem Tag der Einweihung des Projekts, wurde dann auch die Avenue des Champs – Élysées für den Autoverkehr gesperrt, die Gerüste und Absperrungen wurden entfernt und man konnte ungehindert den verhüllten Arc de Triomphe bewundern: In der Tat „ein Werk des Entzückens“, wie Philippe Delval, der Direktor der französischen Denkmalverwaltung Monuments de France, es nannte. Aber es gibt auch andere Stimmen. Steve Briois vom rechtsradikalen Rassemblement National beklagte sich: „Über eines unserer glorreichsten Denkmäler wurde eine Müllsack gestülpt“. (FAZ, 17.9.21). Was die Ästhetik des verhüllten Arc de Triomphe angeht, kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Und den Arc kann man auch ganz anders sehen als „eines unserer glorreichsten Denkmäler“. Doch dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags….

Fotos: Wolf Jöckel 18.9.
Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01591-arc-18.9-4.jpg.

Vladimir Navachev, dem Neffen Christos, der das Projekt betreute, war es besonders wichtig, dass jeder ungehindert und kostenlos Zugang zu dem Kunstwerk hatte,, es auch „ganz hautnah“ sehen, ja berühren konnte.

Insgesamt ein grandios orchestrierter immenser Aufwand: Hans-Joachim Müller schrieb in einem Nachruf auf Christo: Christo, das war auch eine Art Logo, ein anderes Wort für ein Kunstunternehmen, das in der Realisierungsphase der Projekte Mitarbeiter-Staffs in Fabrikstärke beschäftigte. Wer den Regisseur dabei beobachten konnte, wie minutiös, wie generalstabsmäßig, wie ungemein pannenresistent die Projektabwicklung geschah, der war allemal beeindruckt von der Effektivität des unbeirrbaren Managements“.[4]  Diese Beobachtung gilt auch für Christos posthumes Werk.

                           Foto: Wolf Jöckel 23.8.21

Ein solches Unternehmen hat natürlich auch seinen Preis: 14 Millionen Euro kostet die Verhüllung des Arc de Triomphe. Dafür wurden, wie bei allen Christo-Projekten, keine öffentlichen und privaten Mittel in Anspruch genommen: Christo betonte immer wieder, dass er in den 1960er Jahren aus einem kommunistischen Land geflohen sei und deshalb jede Art der Vereinnahmung seiner Kunst ablehne.

Aber an den Finanzen ist bisher wohl noch kein Projekt von Christo gescheitert. Dafür war er auch ein geschäftstüchtiger Unternehmer, der zum Beispiel durch den Verkauf von vorbereitenden Zeichnungen seiner Projekte Geldmittel generierte.[5] 

Für die Finanzierung der Verpackung des Arc de Triomphe veranstaltet Sotheby’s Paris vom 17. September bis  zum 3. Oktober eine Verkaufsausstellung mit dem Titel The Final Christo.

Die Niederlassung von Sotheby’s Paris im noblen Faubourg Saint-Honoré

Dort werden 25 Werke Christos zu einem Stückpreis von 150 000 Euro bis 2,5 Millionen Euro angeboten.

Foto: Wollf Jöckel 17.9.

Das wird für die Finanzierung des -nach Sotheby’s-  „greatest work of public art worldwide in 2021“ sicherlich ausreichen.[6]

Der Arc de Triomphe: Christos und Jean-Claudes Traum der Pariser Jahre

Die Verhüllung des Arc de Triomphe war ein langgehegter und starker Wunsch der Christos.  Dies hat mehrere Gründe.

  • Persönlicher/biographischer Bezug

Da ist zunächst der wichtige biographische Aspekt: Seit sich Christo 1962 in Paris niederließ und in der Nähe des Arc de Triomphe wohnte, träumte er von seiner Verhüllung.

Foto: Wolf Jöckel. Diese bei Sotheby’s gezeigte Fotomontage Christos stammt aus seinen ersten Pariser Jahren. Das sehr handfest verschnürte Packet symbolisiert den Arc de Triomphe, der auf dem Foto in die Perspektive einer der großen auf die place de l’étoile zuführenden Avenues platziert ist.

Auf der persönlichen Ebene hatte die Idee einer (hier noch sehr wenig eleganten) Verpackung eine symbolische Bedeutung: „Dieses Bauwerk wollte er gewissermaßen, angekommen in Paris, erobern“, wie Sophie Duplaix, Kuratorin der Christo- Ausstellung im Centre Pompidou 2020 schrieb. Dass Paris für die künstlerische Entwicklung der Christos eine ganz zentrale Etappe war, konnte diesen Traum nur befördern.

  • Ästhetischer Reiz

Wie bei allen großen Verpackungsaktionen der Christos geht es auch beim Arc de Triomphe vor allem um die Schönheit des Kunstwerks. Der Triumphbogen erhält damit eine ganz neue, geradezu poetische Dimension, „une insolite beauté“, wie Serge Lasvignes, der Präsident des Centre Pompidou feststellte. Ich weiß nicht, wie die Christos die Ästhetik des „nackten“ Triumphbogens beurteilten. Für mich ist er in seiner triumphierenden Monumentalität eher obszön als schön. Diese Monumentalität verschwindet zwar nicht durch die Verpackung, aber sie wird durch den Stoff, der das Bauwerk umgibt, gelindert: Die Aufmerksamkeit wird auf das Hüllengewebe mit seinen Eigenschaften und seinem Eigenleben gelenkt. Sie verleiht dem Bauwerk Leichtigkeit, auch indem sie es -auf den ersten Blick- seiner formalen und historischen Identität enthebt. Es entfaltet sich ein Spiel der Gegensätze zwischen der fließenden und vergänglichen Hülle und dem massiven, auf Ewigkeit angelegten Bau darunter.[7] “Es wird wie ein lebendes Objekt sein, das im Wind lebendig wird und das Licht reflektiert. Die Falten werden sich bewegen, die Oberfläche des Denkmals wird sinnlich. Die Leute werden den Arc de Triomphe anfassen wollen”, erklärte Christo.[8]  Mit diesem „demokratischen Faltenwurf“[9]  hat die Verhüllung des Arc de Triomphe auch eine politische Dimension.   

  • Politische Herausforderung

Ganz eindeutig gehört der Arc de Triomphe zu den Bauwerken in Frankreich, die eine hohe symbolische Bedeutung haben für das, was sie repräsentieren: Ursprünglich von Napoleon initiiert um seine großen Siege zu feiern, wurde er in den 1830-er Jahren vom „Bürgerkönig“ Louis Philippe vollendet, der den Mythos Napoleon für sich instrumentalisierte. Dort wurde dann auch 1840 die Asche Napoleons mit großem Pomp empfangen, bevor sie in den Invalidendom überführt wurde. War der Arc de Triomphe ursprünglich also ein Monument des napoleonischen Ruhms, so eignete sich allmählich auch die Republik das Bauwerk an: 1885 wurde dort vor seiner Überführung ins Pantheon der Leichnam Victor Hugos aufgebahrt, und nach heftigen Debatten wurde nach dem Ersten  Weltkrieg  das Grab des unbekannten Soldaten mit der ewigen Flamme zu seinen Füßen installiert. Mit den Worten von Sophie Duplaix: „L’Arc de triomphe est chargé de toutes ces strates d’histoire qui se sont sédimentées à travers ce monument, ce qui lui donne ce poids et cet intérêt.“[10]  Dass der Arc de Triomphe gewissermaßen mehr als 200 Jahre französischer Geschichte repräsentiert, hat sicherlich auch den französischen Traum Christos befördert. Es ist ja bezeichnend, dass  Christo seinen Vertrauten Michael S. Cullen beauftragt hatte, in dem großen Katalog zur Verhüllung des Arc de Triomphe einen einleitenden Aufsatz über dessen Geschichte zu schreiben.[11]

 

Der verhüllte Triumph Napoleons

Es wäre sicherlich verkürzt, den Arc de Triomphe allein auf seine ursprüngliche Bestimmung als monumentale Feier napoleonischer Siege zu reduzieren. Aber ich sehe eine symbolische Fügung darin, dass die Verhüllung gerade in diesem Jahr stattfindet, in dem der 200. Todestag Napoleons in Frankreich aufwendig und großartig begangen wird.[12]

Angeordnet wurde der Bau des Triumphbogens nämlich durch ein Dekret Napoleons aus dem Jahr 1806. Im Jahr davor hatte Napoleon mit der sogenannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz seinen größten militärischen Triumph gefeiert, „la plus belle victoire impériale“.[13] Der sollte nun auch entsprechend architektonisch gestaltet werden.  Vorbild war der Titus-Bogen in Rom: wie bei Napoleon üblich also die imperiale römische Architektur, die aber selbstverständlich noch weit an Größe übertroffen werden sollte: Der Titus-Bogen mit seinen 14.50 m Höhe erscheint geradezu zierlich im Vergleich zum 50 Meter hohen Arc de Triomphe!  Die „Kolossalarchitektur sollte in ihrer Monumentalität die auf Ewigkeit angelegte Herrschaft und damit die Größe ihres Erbauers evozieren.“[14] Gewidmet war er dem Ruhm der napoleonischen Armeen- so wie auch der kleinere Arc de Triomphe du Carrousel, wie die Vendôme-Säule (die natürlich das römische Vorbild, die Trajans-Säule,  noch übertraf) und wie die einem klassischen Tempel nachempfundene Madeleine, die (auch wieder natürlich) alle römischen  Tempel und selbst den Athener Parthenon mit ihren Ausmaßen in den Schatten stellte: Eine omnipräsente monumentale Siegesfeier! Allerdings konnte der Triumphbogen inmitten der großartigen, sternförmig angelegten place de l‘Étoile nicht mehr in der Ära Napoleons vollendet werden. Das geschah erst zu Zeiten Louis Philippes, der sich ostentativ in die revolutionäre und imperiale Tradition Frankreichs einordnete und so seine Legitimität untermauern wollte.

Mit dem Triumphbogen werden die Siege Napoleons gefeiert. 166 Namen von Schlachten sind in den Bogen eingraviert, dazu kommen zusätzlich Reliefs auf den vier Pfeilern mit den Namen großer Siege im Norden (Austerlitz, Jena, Friedland, Ulm, Wagram), im Osten (Alexandria, Pyramiden, Aboukir, Heliopolis), im Süden (Marengo, Rivoli, Arcole, Lodi)  und Westen (Jemmapes, Fleurus). Verzeichnet sind auch – die exakten Zahlenangaben variieren- über 600 Namen von Offizieren, Generälen, Marschällen.

Verzeichnet sind also die Namen von Siegen und Siegern. Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe aber auch: Es sind Feinde, die am Boden liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise aber auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und der österreichische Erzherzog legt eine Krone auf seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“, das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“,  sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“.  Aber noch süßer und ehrenvoller waren natürlich die Siege, deren Orte und Anführer mit dem Arc de Triomphe verewigt werden sollten.

In Wirklichkeit war der Tod auf dem Schlachtfeld natürlich alles andere als süß. Und er hatte eine reiche Ernte in der Zeit der napoleonischen Kriege. Neuere Schätzungen gehen von 900 000 bis 1 Million getöteten französischen Soldaten aus, immerhin 45% der Mobilisierten!

Dazu kommen die Gefallenen bei den Gegnern und den Hilfstruppen der Grande Armée -darunter viele sehr unfreiwillige deutsche Soldaten – die vor allem im wahnwitzigen Krieg gegen Russland ihr Leben verloren.[15]  Insgesamt liegen die Schätzungen der nicht-französischen militärischen Opfer der napoleonischen Kriege bei etwa zwei Millionen Toten.  Und zivile Opfer gab es schließlich auch noch, man denke nur an den verheerenden Krieg in Spanien.

Als am 16. Mai 1871 die Pariser Commune die Vendôme-Säule mit dem Standbild Napoleons an seiner Spitze niederriss, kursierten Verse über das in den napoleonischen Kriegen vergossene Blut: Werde es auf der place Vendôme gesammelt, könne es der Napoleon da oben trinken, ohne sich bücken zu müssen….

Aber auch in diesem Blick auf die Opfer war die Pariser Commune ihrer Zeit voraus. Erst die beiden Weltkriege mit den Millionen hingeschlachteter Soldaten und den Millionen ziviler Opfer veränderten die Mentalitäten: Napoleon war aber -was den Krieg angeht-  ein Kind des 18. Jahrhunderts, wo der Triumph auf dem Schlachtfeld der höchste Ausdruck des Ruhms war und die Opfer wenig zählten. „Une nuit de Paris arrangera cela“ (Eine Nacht von Paris wird das schon richten): Dieser im 17. Jahrhundert von dem Prinzen von Condé geprägte Satz, der Napoleon – zu Recht oder Unrecht- nach der außerordentlich verlustreichen Schlacht von Eylau zugeschrieben wird, empörte die Zeitgenossen nicht sonderlich, sondern galt eher als geistreicher Ausdruck à la française einer demographischen Gewissheit.[16]  

Nach Austerlitz hätte es wohl die Möglichkeit eines für Frankreich durchaus vorteilhaften Friedens zwischen den kontinentaleuropäischen Mächten gegeben. Talleyrand versuchte in diesem Sinne auf Napoleon einzuwirken, aber ohne Erfolg[17]: Talleyrand war, wie der Marquis de Caulaincourt, Großstallmeister (grand écuyer) des Kaisers, in seinen Memoiren berichtet, für Napoleon „eine alte Frau“, auf deren Rat er nichts gab, oder gar (sic!) „Scheiße im Seidenstrumpf“.[18]  Napoleon war eben kein Diplomat, sondern zuerst Abenteurer und Eroberer. Er glaubte nicht an die Möglichkeit eines Miteinander der europäischen Mächte. Für ihn, nach eigenem Bekenntnis „nur ein Sohn des Glücks“, beruhten seine Macht und Legitimität auf Gewalt und Sieg. Nach dieser Logik gab es für ihn auch nach Austerlitz nur weitere „glorreichen Siege“ und immer neue Kriege.[19]

Insofern war es konsequent, dass Napoleon auch nach der Niederlage der „Grande Armée“ in Russland nicht bereit war, die Möglichkeit eines Friedens in Betracht zu ziehen, wie Günter Müchler in seinem -auch ins Französische übersetzten- Buch über das historische Treffen 1813 zwischen Napoleon und Metternich in Dresden zeigt. Napoleon hätte sogar damals noch einen Teil seines „Grand Empire“ bewahren können. Aber selbst nach der russischen Katastrophe war er zu keinerlei Zugeständnissen bereit.  Es könne ihn zwar den Thron kosten, aber dann werde er „die Welt unter seinen Trümmern begraben.“[20]

Durch seine kompromisslose Expansionspolitik schürte Napoleon nationale Hassgefühle, die, so France Culture anlässlich des  „Napoleon-Jahres“ (année Napoléon) 2021, die deutsch-französischen Beziehungen während der folgenden 150 Jahre vergifteten. Die so genannte deutsch-französische Erbfeindschaft ist jedenfalls ganz wesentlich ein Ergebnis rücksichtsloser napoleonischer Großmachtpolitik.[21]

Gerade auch unter diesem Blickwinkel folgt die protzige Zurschaustellung napoleonischer Siege, als deren Höhepunkt der Arc de Triomphe konzipiert war, zwar einer inneren Logik, kann aber eher befremden. Denn Völker zögern, wie der französische Historiker Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“[22]  Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht gespürt und ebenso wenig bei der Namensgebung von prominenten Orten und Straßen der Stadt Paris. Belege dafür gibt es in Hülle und Fülle. Nur zwei Beispiele:  Umrundet man die place de l’Étoile und betrachtet die Namen der in ihn einmündenden Straßen, so findet man die Avenue d’Iéna (an der das Goethe-Institut liegt- benannt nach dem Sieg Napoleons von Jena und Auerstedt 1806)),  die Avenue Kléber (General), die Avenue de la Grande Armée (die Armee Napoleons), die Avenue de Wagram (Sieg Napoleons über die Österreicher 1809), die Avenue Hoche (General) und die Avenue  de Friedland (Sieg Napoleons 1807 über ein russisch-preußisches Heer)…  Und der Boulevard, der ringförmig Paris umgibt (le boulevard des Maréchaux) , tragt die Namen napoleonischer Marschälle: Davout, Soult, Kellermann, Ney, Berthier… um nur einige zu nennen.

Aber darüber sollte man nicht die Nase rümpfen – schon gar nicht als Deutscher. Immerhin gibt es in Berlin die Siegessäule zur Erinnerung an den Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 und es gibt den Pariser Platz am Brandenburger Tor, an dem die französische Botschaft liegt, dessen Name aber auf die Einnahme von Paris 1814 durch die preußischen Truppen im Rahmen des sogenannten Befreiungskriegs zurückgeht.

Solche Bezeichnungen, Orte und Monumente gehören aber zu dem historischen Erbe einer Stadt, sind Teil ihrer Identität und deshalb schützens- und erhaltenswert.

Weniger Verständnis habe ich allerdings dafür, wie Napoleon in der großen Jubiläums- Ausstellung in Paris/La Vilette ganz unbefangen als „Sieger ruhmreicher Schlachten“ gefeiert und wie das von  Goya eindrucksvoll festgehaltene brutale Vorgehen der französischen Truppen in Spanien präsentiert wird: Da wird nicht von einer (legitimen) résistance civile gesprochen, sondern von einer dem damaligen Kriegsverständnis widersprechenden ingérence civile, die dann eben hart niedergeschlagen worden sei.  Und schließlich hätten auch die Alliierten bei ihrem Einmarsch in Frankreich 1814 und 1815 zahlreiche Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung begangen. Die buchhalterische Bilanz der napoleonischen Kriege durch die Ausstellungs-Macher: Trotz der etwa 3 Millionen Toten sei in dieser Zeit die Bevölkerung Europas doch deutlich angestiegen. Da klingt noch die eine Pariser Nacht an, die das schon richten werde … [23]

2005 hatte sich der damalige Staatspräsident Jacques Chirac geweigert, den 200. Jahrestag der Schlacht von Austerlitz, die als größter Sieg Napoleons betrachtet wird, zu feiern, was ihm heftigste Kritik eintrug und bis heute von Napoleon-Verehrern nicht verziehen wird.[24]

Auch der damalige französische Ministerpräsident, Dominique de Villepin, nahm nicht an Austerlitz-Gedenkveranstaltungen teil. Das war umso bemerkenswerter, als er ein ausgesprochener Napoleon-Verehrer war, dem er auch ein Buch gewidmet hat. Die lakonische Begründung von Villepin: „il y a plusieurs Napoléon“[25] und der Napoleon von Austerlitz war nicht der, den Villepin schätzte.

In diesem Jahr nun wird nun ganz offiziell und aufwändig Napoleon anlässlich seines  200. Todestages gewürdigt. Immerhin ist er unzweifelhaft „une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher anlässlich des Jubiläumsjahres feststellte, er ist -mit den Worten Präsident Macrons- „ein Teil von uns“ (une part de nous) und noch vor General de Gaulle und mit Ludwig XIV.  „le personnage préféré“ der Franzosen.

Unzweifelhaft gibt es den Napoleon, der viele Zeitgenossen faszinierte und der die Modernisierung (nicht nur) Frankreichs ganz erheblich vorangetrieben hat. Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, hat das anlässlich des Gedenkjahres noch einmal in einem Buch mit dem programmatischen Titel „Pour Napoléon“ zusammengestellt. Da wird der Napoleon gefeiert, der „für eine der glorreichsten Epochen der Grande Nation“ steht und Frankreich seine grandeur wiedergegeben habe.[26]

Aber es gibt auch genug dunkle Seiten:

  • Es gibt den expansionistischen Napoleon, dem ein bis an seine „natürlichen Grenzen“, also  Pyrenäen, Atlantik und Nordsee, Alpen und Rhein,  erweitertes Frankreich – aus deutscher, belgischer und holländischer Sicht schon Zumutung genug-  nicht genügte. (26a)  Napoleons Kaiserreich expandierte auch nach Italien, Spanien, Südosteuropa und dem Deutschland „outre-Rhin“. 1811 wurden selbst die alten freien Hansestädte Hamburg und Lübeck dem „grand empire“ einverleibt.
  • Es gibt den Kunsträuber Napoleon, der systematisch die Kunstschätze der von ihm eroberten Länder plünderte[27]  und der auch auf dem Arc de Triomphe entsprechend gefeiert wird:

Auf dem umlaufenden Fries wird der Transport von erbeuteten Kunstschätzen -hier eine Sphinx aus Ägypten- nach Paris gezeigt, wo sie in einem Triumphzug einem begeisterten Publikum präsentiert wurden, bevor sie das musée Napoléon, Vorgängerin des Louvre, füllten.

  • Es gibt den Napoleon, der nicht nur in Frankreich, sondern auch in seinem Einflussbereich die Meinungsfreiheit einschränkte und eine strikte Pressezensur ausübte, was der Nürnberger Verleger Johann Philipp Palm mit seinem Leben bezahlte:  Er wurde von den Franzosen füsiliert,  weil er eine Flugschrift vertrieben hatte, in der die »tiefe Erniedrigung« Deutschlands nach dem Zerfall des Alten Reichs beklagt wurde.
  • Es gibt den Napoleon der Kriegslasten, der den besiegten Ländern erpresserische Kontributionen auferlegte: Die Stadt Erfurt, 1808 Ort des glanzvollen Fürstenkongresses mit seinem „hemmungslosen Kaiserkult“, zahlte beispielsweise noch bis 1878 an den Schulden, die ihnen die napoleonischen Jahre hinterlassen hatten.[28] 
  • Und dann gibt es – anlässlich des Napoleon-Jubiläums besonders im Blickpunkt- den Umgang mit den Rechten von Frauen und vor allem den Sklaven, wo es Rückschritte gegenüber dem gab, was vorher schon gedacht und erreicht war: Immerhin hatte der Nationalkonvent im Jahre 1794 die Sklaverei in den französischen Kolonien aufgehoben. Aber es war Napoleon, der 1802 mit der Wiedereinführung der Sklaverei das Rad der Zeit zurückdrehte.  Es geht also fehl, eine entsprechende kritische Beurteilung als anachronistisch abzutun.[29]

Und nicht zuletzt und in unserem Zusammenhang wesentlich: Napoleon wird -nach dem Urteil von france culture– nicht ohne Grund auch als ein „massacreur“ betrachtet, dessen unersättliche militärische Ambitionen das Leben von hunderttausenden Menschen in Europa gekostet habe.[30]

Um diesen Aspekt des Napoleonischen Handelns geht es bei dem Projekt Christos. Die „für immer“ in Stein gemeißelte Verherrlichung der unseligen Kriege und Siege Napoleons auf dem Arc de Triomphe ist jetzt für 18 Tage verhüllt.

Verhüllt werden die eingravierten Orte mit den Namen der Siege Napoleons. Verhüllt sind die Namen der Militärs – zu denen auch die Generäle Jacques Nicolas Gobert, Antoine Richepanse und Charles Leclerc gehören: Richepense war der Führer des Expeditionskorps, das 1802 in Guadeloupe den Widerstand gegen die von Napoleon befohlene Wiedereinführung der Sklaverei mit äußerster Härte niederschlug; Gobert war sein Nachfolger, der eine ebenso blutige Spur nach sich zog.[31] Und die Niederschlagung der haitischen Revolution mit ihrer weltweit ersten die Sklaverei verbietenden Verfassung war Napoleon so wichtig, dass er 1802 sogar seinen Schwager, General Leclerc, nach Haiti entsandte, um wieder Sklavenhalter- Recht und – Ordnung herzustellen.

Verhüllt werden auf der den Champs-Elysées zugewandten Schauseite des Arc de Triomphe der -hier schon vergitterte- Napoleon, der gerade von einer Siegesgöttin gekrönt wird, während die Trompete des Ruhms erschallt.

Verhüllt ist dann auch die Hand Napoleons, die symbolisch auf dem Kopf einer am Boden knieenden besiegten Stadt liegt, während Clio, die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, auf einer Tafel die Siege für die Ewigkeit festhält.

Nicht verhüllt dagegen ist das Grab des unbekannten Soldaten unter dem Bogen. So hatte es Christo ausdrücklich festgelegt: „Die Flamme der Nation vor dem Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe wird während des Auf- und Abbaus sowie während der gesamten Zeit, in der das Werk sichtbar ist, weiter brennen.[32]   Der Blick auf die Opfer der Kriege bleibt also unverdeckt.

Und die tägliche Zeremonie am Grab des unbekannten Soldaten fand/findet ohne Unterbrechung statt.

Christo und Jeanne-Claude waren sehr zurückhaltend, wenn es um die Interpretation ihrer Werke ging. Die Menschen sollten sich selbst ihre Meinung bilden, sich ihre eigenen Gedanken machen. Zur politischen Dimension ihrer Projekte haben sich die Christos unterschiedlich geäußert.[33] Aber dass Politik und Geschichte eine Rolle gespielt haben, liegt auf der Hand: Die Verhüllung des Amerikahauses in Heidelberg -zusammen mit dem Aktionskünstler Klaus Staeck 1969, zur Zeit des Vietnam-Krieges- belegt das eindeutig.[34] Und eine politische Dimension hatte natürlich auch die höchst umstrittene Verhüllung des Reichstags. Für Michael S. Cullen, den Vertrauten der Christos, der die Anregung zu dieser Aktion gab, war der Reichstag ohne Kuppel „auch ein enthauptetes Symbol der deutschen und europäischen Geschichte, das irgendwie nach neuem, anderem Leben rief. Nach einer Verzahnung von Politik und Kunst im öffentlichen Raum.“[35] Das bestätigten auch die Christos selbst, die nicht als reine „Verpackungskünstler“ verstanden werden wollten. Denn das Verhüllen sollte dazu dienen, Dinge sichtbar zu machen, neu wahrzunehmen.  „Wir verhüllen nicht nur ein Gebäude“, erläuterte Jeanne-Claude anlässlich des Reichstags-Projekts, sondern auch „die deutsche Angst, den deutschen Stolz. Die deutsche Vergangenheit.“ Und Christo ergänzte: „Auch die Zukunft.“[36]

Nach den Worten des Theologen und DDR-Bürgerrechtlers Friedrich Schorlemmer hatten die Christos damals dem Reichstag eine „friedfertige Schönnheit“ verliehen. .[37] Damit ist die Verbindung von Politik und Ästhetik wunderbar auf den Punkt gebracht. Auch der nun verhüllte Arc de Triomphe ist eine solche friedfertige Schönheit, die allerdings ein Bauwerk verhüllt, das wohl kaum eine Schönheit und schon erst recht keine friedfertige ist.

So fordert auch die faszinierende Verhüllung des Arc de Triomphe zur Bewunderung dieses Meisterwerkes auf, gleichzeitig aber auch zu einem geschärften Blick auf das, was da verhüllt wird.


Anmerkungen

[1] https://www.francetvinfo.fr/culture/arts-expos/art-contemporain/art-monumental-l-arc-de-triomphe-emballe-le-triomphe-posthume-de-christo_4723013.html

[2] https://www.centrepompidou.fr/fr/programme/agenda/evenement/5rAjrnZ

Das nachfolgende Foto aus: https://www.lesechos.fr/industrie-services/services-conseils/comment-christo-a-imagine-un-financement-original-pour-empaqueter-larc-de-triomphe-1340179

[2a] Die Informationen über den Beitrag der Firmen Setex-Textil-GmbH und Rowo Coating verdanke ich zwei Artikeln der Seite Jugend und Wirtschaft der F>Z vom 7. Oktober 2021, und zwar:

Rawan Ammoura vom Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster: Christos stiller Triumph. Setex aus Greven hat den Stoff hergestellt, mit dem der Arc de Triomphe in Paris verhüllt wurde.

und:

Sofia Charelas vom Max-Planck-Gymnasium, Lahr: Stoff in Hülle und Fülle. Rowo Coating aus Herbolzheim hat den Stoff für die Verhüllung des Triumphbogens beschchtet.

[3] Nachfolgendes Foto: Filmstill aus dem Film Christo in his studio working on a preparatory drawing for „L’Arc de Triomphe, Wrapped,“ New York, 2019. Von Trevor Tweeten. Siehe auch: https://vimeo.com/562453116   

[4] Hans-Joachim Müller,  Nachruf auf Christo. Der romantische Unternehmer. WELT 1.6.2020 https://www.welt.de/kultur/article208688005/Nachruf-auf-Christo-Der-romantische-Unternehmer.html

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[6] Comment Christo a imaginé un financement original pour empaqueter l’Arc de Triomphe | Les Echos Dort das vorausgegangene Bild

Und https://www.sothebys.com/en/digital-catalogues/the-final-christo?locale=en Dort auch das nachfolgende Bild.

[7] Ich beziehe mich hier auch auf die Ausführungen zur Verhüllung des Berliner Reichstags in: Inga Klein, Nadine Mai, Rostislav Tumanov (Un-)Sichtbares und die Perspektiven der Hüllen: Zur Einführung, S. 8/9  In: Hüllen und Enthüllungen (Un-)Sichtbarkeit aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.  Herausgegeben von Inga Klein, Nadine Mai und Rostislav Tumanov. Berlin 2017

[8] (zit. Bei https://www.deutscheinparis.de/christo-verhuellt-den-arc-de-triomphe-18-september-bis-3-oktober-2021/

[9] Siehe: https://taz.de/Zum-Tod-des-Kuenstlers-Christo/!5686151/

[10] https://www.franceculture.fr/architecture/larc-de-triomphe-empaquete-derniere-oeuvre-posthume-de-christo-et-jeanne-claude

[11] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[12]une figure majeure de notre histoire“, wie der französische Regierungssprecher feststellte. https://www.leparisien.fr/politique/macron-va-commemorer-le-bicentenaire-de-la-mort-de-napoleon-10-03-2021-AJCORTH6JRBODKKTN7I3F7QO7A.php

[13] Jérôme Benoît, La Bataille d’Austerlitz. L’Histoire par l’image. Dezember 2005

[14] Jürgen Kramer, Uwe Horst, Werner Hennings, Schaufenster der Nation: Symbolische Machtgesten im öffentlichen Raum von London, Paris und Rom im 19. Jahrhundert. Bielefeld 2021, S. 89

[15] Die Verluste der deutschen Hilfstruppen Napoleons im Russlandfeldzug waren proportional sogar noch höher als die der Franzosen. Siehe Englund, Paris 2004, S. 482

[16] Siehe: Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 566/7

[17] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[18] https://www.sueddeutsche.de/politik/wiener-kongress-wendehals-luder-strippenzieher-1.2512413-5

[19] https://www.retronews.fr/conflits-et-relations-internationales/interview/2021/04/20/napoleon-gerard-grunberg  Nach dem Sieg in Austerlitz schrieb Napoleon an seinen Bruder Joseph, den er dann zum König von Neapel machte: „La paix est un mot vide de sens, c’est une paix glorieuse qu’il nous faut.“ Zit. bei Englund, S. 344

[20] Günter Müchler,  1813: Napoleon, Metternich und das weltgeschichtliche Duell von Dresden.  2012

 s.a. Englund, Napléon, S. 483

[21] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 Zur zentralen Bedeutung Napoleons bei der „Nationalisierung der Feindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich siehe Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992, S. 76ff

[22] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[23] Napoléon. Katalog der Ausstellung in der Grande Halle de la Villette von Paris vom 14. April bis zum 19. September 2021. Éditions de la Réunion es museées nationaux – Grand Palais 2021, S. 200-203

[24] Thierry Lentz, der Leiter der Fondation Napoléon, empört sich in seinem aktuellen Jubiläumsbuch „Pour Napoléon“, Chirac habe aus angeblicher und völlig unangebrachter Rücksicht auf die ehemaligen Feinde, die nun zu „europäischen Partnern“ geworden seien, die geplanten Feierlichkeiten boykottiert.

[25] https://www.lemonde.fr/societe/article/2005/12/03/polemique-autour-des-celebrations-du-bicentenaire-de-la-bataille-d-austerlitz_717009_3224.html

[26] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021 und

https://www.leparisien.fr/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-la-discorde-07-02-2021-8423655.php und https://www.rtl.fr/actu/politique/napoleon-le-bicentenaire-de-sa-mort-fait-polemique-7900001422

[26a] Zu dem Konzept der „natürlichen Grenzen“ Frankreichs siehe die Rede Dantons vor dem Nationalkonvent eine Woche nach der Guillotinierung Ludwigs XVI.: Danton insiste sur les frontières naturelles de la France : „Les limites de la France sont marquées par la nature, nous les atteindrons des quatre coins de l’horizon, du côté du Rhin, du côté de l‘Océan, du côté des Pyrénées, du côté des Alpes. Là doivent finir les bornes de notre République.“ Immerhin soll Frankreich danach nicht über die sogenannten natürlichen Grenzen hinaus erweitert werden. Diese „Zurückhaltung“ hatte Napoleon nicht.

[27] Siehe dazu die Beiträge in dem Frankreich- und Paris-Blog des Autors:  https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

[28] Gustav Seibt, Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung. München 2021, S. 92 und 94

[29] Siehe dazu den Leserbrief von Professor Dr.  Thomas Stamm-Kuhlmann, Napoleon und die Sklaverei in der FAZ vom 15. Mai 2021

[30] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[31] Siehe: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

[32] https://www.franceculture.fr/emissions/le-tour-du-monde-des-idees/le-tour-du-monde-des-idees-du-mardi-02-mars-2021

[33] Christo im Interview: „Unsere Kunst ist reine Politik“. Aus: Süddeutsche Zeitung, 4. April 2017 https://www.sueddeutsche.de/kultur/christo-im-interview-unsere-kunst-ist-reine-politik-1.3450447?reduced=true und „Mit Politik will ich nichts zu tun haben.“  Zit. In: Klein, Ansgar u. Andere, Kunst, Symbolik und Politik – Die Reichstagsverhüllung als Denkanstoß. Opladen 1995, S. 308.

[34] https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

[35] https://www.tagesspiegel.de/kultur/christos-vermaechtnis-die-wahrheit-liegt-in-der-schoenheit/25933168.html

[36] Aus einem Interview mit Elfriede Jelinek zur Reichstagsverhüllung.   Erschienen am 2. Juni 1995 in der ZEIT http://elfriedejelinek.com/andremuller/interview%20mit%20christo%20und%20jeanne-claude.html

[37] Zit. von Michael S. Cullen: https://www.tagesspiegel.de/kultur/so-kam-es-zur-verhuellung-des-reichstags-in-berlin-das-erste-sommermaerchen-dank-christo-und-jeanne-claude/11945224.html

und Klaus Staeck https://klaus-staeck.de/2020/06/christo-und-die-schoenheit-der-unvollkommenheit/

Ein Briefwechsel zu Napoleons verhülltem Triumph:

Von einem Pariser Freund erhielt ich folgende Zuschrift zu diesem Blog-Beitrag. Es ist ein, wie ich finde, interessanter Kommentar aus französischer Sicht. Ich zitiere ihn nachfolgend und meiner Antwort.

Cher ….. J’ai lu ton texte sur l’Arc de Triomphe à l’occasion de son empaquetage par Christo. Il est toujours instructif d’avoir un regard extérieur sur quelque chose d’aussi marquant pour la conscience nationale. Ton portrait de Napoléon est principalement à charge et tu n’accordes pas beaucoup de crédit à des formules comme celle de Villepin, que tu cites, sur les deux Napoléon. C’est pourtant le fond du problème. Une bonne part des Français ont, dès l’origine, formulé une appréciation très négative sur le dictateur, le boucher. Cette dimension du personnage, nul ne la nie. Mais il y en a aussi d’autres, que l’on pourrait résumer en disant qu’il a construit la France moderne, et qui explique que soit restée une rue Bonaparte à Paris (ouverte à l’époque du retour des cendres). La popularité persistante de Napoléon sous la Monarchie de juillet s’explique par le fait qu’il a consacré et solidifié les grandes réformes de la Révolution ou qui en sont issues. On lui doit l’organisation administrative de la France: la Révolution crée les départements, Napoléon met en place les préfets; la révolution invente les grandes écoles (Polytechnique, ENS rue d’Ulm, etc.), l’époque napoléonienne voit triompher la science française dans tous les domaines (de Laplace et Legendre à Champollion, etc.) ; la Révolution a tenté de réformer la monnaie, Napoléon crée le franc Germinal qui tiendra plus d’un siècle quasiment sans dévaluation; on pourrait aussi parler du Concordat avec l’Église et de beaucoup d’autres choses.Rien de cela ne fait tomber la légitimité des critiques contre le boucher, mais cela explique que l’on puisse avoir une appréciation pour le moins partagée. Tu ironises sur le fait que les boulevards qui donnent vers l’Étoile et ceux qui enserrent Paris portent les nom des maréchaux d’Empire. Ce n’est pas le cas de tous: Hoche, Kléber, Carnot sont de purs produits de la Révolution. Et surtout, ces maréchaux d’Empire sont d’origine populaire, et pas, comme auparavant, issus de la noblesse.
Tu évoques le nombre considérable de morts sur les champs de bataille de l’Empire. Certes, mais il serait bon de le comparer au nombre de morts durant la Première Guerre mondiale (700000 rien qu’à Verdun!), une guerre qui n’a, elle, aucune contrepartie positive. Une guerre qui aura été pure destruction, un véritable suicide européen. Compare la solidité du franc Germinal à la terrible inflation des années vingt! Sans parler du fait que le nazisme est un pur produit de cette „Grande Guerre“.

Hier meine Antwort:

ich habe mich sehr gefreut, dass du meinen Text gelesen und so detailliert kommentiert hast.  Allerdings denke ich, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt: Thema des Artikels ist ja nicht eine umfassende Würdigung Napoleons, sondern der Arc de Triomphe. Natürlich gibt es auch diese positive Seite Napoleons, die du skizzierst, und ich kann da auch nur sagen: nul ne la  nie -ich auch nicht. (Übrigens wird die auch in der aktuellen großen  Napoleon-Ausstellung in La Vilette  gebührend herausgestellt). Beispielsweise  behandelt eines meiner künftigen Blog-Projekte den badischen Ingenieur Tulla, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die damals revolutionäre Begradigung des Rheins plante und zum Teil auch schon durchführte. Tulla wurde zur Zeit des  Empire von seinem Landesherrn nach Paris geschickt, nicht nur um Französisch zu lernen (wichtig für die Koordination mit den Franzosen), sondern vor allem auch, um an der École polytechnique den fortgeschrittenen Stand der Ingenieurwissenschaft kennenzulernen. Und später ging er wieder nach Paris, um sich dort behandeln zu lassen: Es gab nämlich in Paris einen Arzt, der auf dem Gebiet der Blasensteine, unter denen Tulla litt,  damals absolut innovativ und führend war.  Und natürlich übte die Persönlichkeit Napoleons und auch sein  Wirken eine große Faszination auf Zeitgenossen aus. (Siehe  Hegel oder auch Goethe – mit dem Napoleon sich in Erfurt traf und mit unglaublicher Sachkenntnis und Treffsicherheit über den  Werther diskutierte….) 

 Allerdings ist diesmal mein Thema ja der Arc de Triomphe. Und der feiert nicht die institutionellen, wissenschaftlichen, künstlerischen, städteplanerischen etc Errungenschaften der napoleonischen Ära und  zieht auch keine Bilanz seines Lebens und Wirkens, sondern er feiert die Schlachten und Siege Napoleons und seine daraus folgenden Eroberungen.  Da könnte man natürlich einwenden, dass Napoleon ja immerhin auch ein genialer Feldherr war und insofern die  Würdigung seiner Schlachten mit Recht erfolgt. Das würde vielleicht für eine Militärakademie passen (da wird man vielleicht auch den „Blitzkrieg“ gegen Frankreich 1940 studieren und bewundern), aber nicht für mich. Und was die Opfer angeht: Natürlich gab es später viel höhere Opferzahlen – z.B. schon in Gravelotte, der letzten großen  Reiterschlacht der Geschichte im dt. franz. Krieg 1870/1871  (siehe meinen Blog-Text zu Gravelotte). Und dann natürlich der Erste  Weltkrieg und schließlich der Zweite… Dass die Opferzahlen da  gewissermaßen explodierten,  ist vor allem eine Konsequenz der Industrialisierung des Krieges und des Mordens (Shoah), und das relativiert auch nicht das Leid, das der napoleonische Eroberungswahn mit sich brachte. Ein möglicher zweiter Einwand könnte auch sein, dass die napoleonischen Eroberungen doch etwas Positives hatten, dass sie die Fortschritte der Revolution/die Zivilisation verbreitet haben – dass deshalb die auf dem Arc aufgeführten Schlachten und ihre Generäle der Verbreitung des Fortschritts dienten. Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn immerhin waren die napoleonischen Truppen auch Träger wichter Fortschritte. Dazu gehören vor allem die Beseitigung feudaler Strukturen und Lasten und die Einführung des code Napoléon. Besonders profitiert haben davon die Juden, deren Emanzipation in den eroberten Ländern  durchgesetzt wurde, die dann aber, nach dem Sieg der reaktionären Kräfte, wieder zurückgenommen wurde. Kein Zufall also, dass Heine und Börne nach Paris ins Exil gingen. Es gibt auch die territoriale Neuordnung, die ja sogar weitgehend die napoleonische Ära überdauert hat. Aber auf der anderen Seite stehen die hohen Kontributionen, die Lasten der Besatzung (z.B. Einquartierungen; Finanzierung der Besatzungstruppen), die zwangsweise  Einziehung von Soldaten für weitere Eroberungskriege, die Einschränkung von Freiheitsrechten -siehe Pressezensur- und eine radikale Französisierungspolitik. Eine Folge waren das massive  Anwachsen antifranzösischer Ressentiments und die Entwicklung eines (später unheilvollen) deutschen Nationalismus. Der war aber zunächst  noch eher defensiv und wurde dann 1840 weiter verstärkt durch die sog. Rheinkrise, also die französischen Absicht, die Grenze Frankreichs bis an den Rhein, die angeblich „natürliche Grenze“, vorzuschieben. Da entstand das berüchtigte Lied „Die Wacht am  Rhein“, das aber ursprünglich kein aggressives Werk ist, (ebenso wenig wie das Deutschlandlied des revolutionären Republikaners von Fallersleben), sondern ein Lied der Verteidigung:  Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein. Der wurde ja weithin in Frankreich als natürliche Ostgrenze betrachtet -und zwar in Gänze!), und ich bin immer etwas irritiert, wenn ich -z.B. üblicherweise  in Le Monde-  lese, dass Deutschland auch und immer noch als „outre Rhin“ bezeichnet wird, so  als seien Aachen, Mainz und Koblenz (immer noch) französisch…   Also: deux Napoleon  – in der Tat. Aber Thema war diesmal eben die eine Seite, die ja auch Chirac bewogen hat, Austerlitz nicht zu feiern… Das war m.E. eine gute Tat, ebenso wie seine Unterstützung für die -jetzt leider abgebaute-  mur de la paix auf dem Marsfeld….  

Im Januar 2025 erhielt ich die nachfolgende Zuschrift von Ulrich Schläger zu der Verhüllung des Arc de Triomphe, die ich den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten möchte:

Am 8.6.2020 erschien im Kölner Stadtanzeiger ein Interview mit Dominik Meiering, Domkapitular zu Köln und mit einer Arbeit über Christo promovierter Kunsthistoriker: Überschrieben war das Gespräch: Christos Vision für Kölner Bauwerk „Der Dom ist selbst nur eine Hülle“ (https://app.ksta.de › kultur-medien › christos-vision-fuer.. ). Es bezog sich auf eine Aktion von Christo im Jahr 1980. Sein Beitrag zeigte die eingehüllte Kathedrale (Mein Kölner Dom, Wrapped). „Hier haben Sie, so Meiering, „sozusagen auf einen Blick den Clou von Christos Kunst, die eben nicht Verpackungskunst, sondern Verhüllungskunst ist. Auf den Unterschied hat er selbst Wert gelegt. Eine „Verpackung“ ist alles Mögliche, auch die Blechdose für Thunfisch. Eine „Verhüllung“ hat per se etwas Auratisches. An der Collage des verhüllten Doms wird das auf den ersten Blick deutlich: Die Hülle macht sichtbar, dass der Dom selbst eine Hülle ist – nämlich für den Dreikönigenschrein.“ Dieser sei wiederum eine Hülle für die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die ihrerseits zeichenhaft an einer realen Begegnung zwischen Mensch und Gott erinnern. „Es ist sozusagen ein geistliches Zwiebelprinzip, das dem Dom ideell zugrunde liegt. Und das hat vielleicht niemand so gut verstanden wie Christo.“

 Meiering vereinnahmt Christo nicht christlich, verweist aber auf dessen traditionelle Wurzeln: „Nein.Christos Kunst ist völlig selbstständig, autonom. Aber sie ist nicht denkbar ohne das Christentum und die Ikonographie der christlichen Kunst. Das hat er mir einmal in einem langen Gespräch ausdrücklich gesagt.“ Zu dieser Ikonographie gehört das „Vorhang-Motiv“: „Schon von seiner bulgarischen Herkunft her“, so Meiering, „war Christo bestens vertraut mit dem orthodoxen Gottesdienst, der hinter der Ikonostase gefeiert wird, einer Trennwand aus Heiligenbildern, die das „Allerheiligste“ vor den Augen der Gläubigen verbirgt. Ständig werden in der Orthodoxie kultische Gegenstände verhüllt, enthüllt und wieder verhüllt. Der lateinische Begriff für die „Offenbarung“ Gottes lautet „revelatio“, was wörtlich so viel bedeutet wie „den Vorhang wegziehen“. Diese Metapher zieht sich durch die christliche Kunst.

Die Verhüllung des Kreuzes in den katholischen Kirchen während der Fastenzeit und seine Enthüllung zu Ostern, ist als Symbol von Tod und Auferstehung zu verstehen. „Der Betrachter [sieht] die verhüllten Objekte noch einmal neu. Beim Reichstag hat das doch exemplarisch funktioniert.“ Die Verhüllung und die Enthüllung machte die Auferstehung des Reichstags als Zentrum unserer parlamentarischen Demokratie emotional und rational erlebbar. Und für die Franzosen war die Verhüllung des Triumphbogens ein Ereignis über Napoleon und seine Taten erneut nachzudenken.

Eine kurze Übersicht über Reaktionen in Deutschland und Frankreich auf Christos Werk:

Jörg-Manfred Unger: Enthüllung durch Verhüllung. L’Arc de Triomphe. Wrapped.  In: https://dokdoc.eu/projekte/13584/enthuellung-durch-verhuellung/

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet. Ein erster Rundgang