Im Reich der Sinne, Illusionen und Sensationen: Hittorffs Vergnügungsbauten – eine Synthese von Klassik und Kirmes. Von Ulrich Schläger

Einen besser geeigneten Architekten für die Umgestaltung des Parks an den Champs-Élysées als den aus Köln stammenden Jakob Ignaz Hittorff  konnte der Préfet de la Seine Claude-Philibert Barthelot Rambuteau nicht finden, als er ihn 1835 beauftragt, „de créer en faveur de la population un vaste lieu de repos et d’amusement (zu Gunsten der Bevölkerung einen großen Ort der Erholung und Unterhaltung zu schaffen).“ [1]

Abb. 1 : Jakob Ignaz Hittorf, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1835 (Bild beschnitten), Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Obwohl erst 43 Jahre alt, bringt Hittorff beste Voraussetzungen für die Gestaltung des Vergnügungszentrums mit:

  • seine Ausbildung bei Charles Percier und François Joseph Bélanger,
  • seine Tätigkeit als Architekt der Menus Plaisirs du Roi,
  • seine Forschungen zur Farbigkeit in der Baukunst der Antike,
  • seine Fähigkeit, neue Materialen und Technologien in seine Bauten zu integrieren,
  • seine effiziente Arbeitsweise, die schnelles und kostengünstiges Bauen ermöglichte.

Von Charles Percier an der Académie des beaux-arts wird er nicht nur von der klassizistischen Baukunst geprägt, Percier ist auch ein Meister der Farbgestaltung und -komposition. Zusammen mit Pierre-François-Léonard Fontaine ist er ein Hauptvertreter einer Strömung des Klassizismus unter Napoléon Bonaparte, des Empirestils, der Bauten und Räume von außerordentlicher Eleganz, Pracht und Anziehungskraft schuf. Ein hervorragendes Beispiel ist das  Palais Beauharnais,  mit dessen Erhaltung Hittorff beauftragt wurde.

Warum ist das hier hervorzuheben? Weil es bei dem Vergnügungszentrum um Attraktivität und Erregung der Sinne geht. Weil es gilt, durch Mittel der Architektur und Kunst prachtvolle, heitere Gegenbilder zum Grau des Alltages zu kreieren.

Um Rambuteaus Auftrag einzulösen, kann Hittorff  auch auf Erfahrungen im Bauatelier seines zweiten Lehrers, François Joseph Bélanger, zurückgreifen. Hier erlernt er nicht nur die praktischen Tätigkeiten eines Architekten. Bélanger war schon vor der Französischen Revolution Chef der Menus Plaisirs du Roi und als solcher für die Ausgestaltung  höfischer Feste und Zeremonien verantwortlich. Bei der Wiedereinsetzung der Bourbonen nach der Niederlage Napoleons hatte Bélanger dieses Amt rückerlangt.  Hittorff wirkt 1814 in Bélangers Team bei den Empfangsbauten für Ludwig XVIII mit – dazu gehörte die Nachbildung der Reiterstatue Henri Quatres auf dem pont neuf, eine Tätigkeit, die den späterer Zugang zu Charles X., Louis Philippe und Napoléon III. befördert. 1818, bereits mit dem Titel »Architecte de la ville de Paris et du Gouvernement« geehrt, folgt Hittorff nach Bélangers Tod diesem im Alter von 26 Jahren im Amt als Chef der Menus Plaisirs du Roi nach, in Zusammenarbeit mit seinem Freund Jean François Joseph Lecointe.

Deren Zeichnungen und Skizzen zeigen die Vielfalt ihrer Aufgaben, u.a. die Dekorationen in Notre Dame für die Vermählung des Herzogs von Berry und die Taufe des Herzogs von Bordeaux sowie die Gestaltung der Krönungsfeier für Charles X. in der Kathedrale von Reims. Neben den Dekorationen obliegen ihnen die Überwachung der Arbeiten, Einholung von Kostenvoranschlägen, Kontrolle der Herstellung, Lieferung und Installation, Verwaltung der Objekte, Organisation der Zeremonien.

Abb. 2: Jakob Ignaz Hittorff, dekorativer Aufbau der Vorhalle von Notre-Dame anlässlich der Taufe des Herzogs von Bordeaux,

Dies ist erwähnenswert, weil neben der Kreativität, neben der Entfaltung von Glanz, Macht und Größe auch Hittorffs Organisationsvermögen bei der Realisierung der Vergnügungsbauten gefragt ist und eine gleichwertige Rolle spielt.

Die Fähigkeit, Bauten und Räume mit aufsehenerregender Farbgestaltung zu erschaffen, hatte Hittorff schon mit der Restauration der Salle Favart, der Umgestaltung des Théâtre de l’Ambigu-Comique (zusammen mit Lecointe) und dem Bau der Kirche  Saint-Vincent-de-Paul (in der Nachfolge von Jean-Baptiste Lepère) sowie in der Stadtgestaltung mit der Place de la Concorde (ab 1833) bewiesen. Sie beruhte auch, wie wir später sehen, auf der intensiven Auseinandersetzung mit der Farbigkeit in der antiken Baukunst. Darüber sammelt Hittorff als Schüler und Assistent Bélangers Erfahrungen im Bau mit neuen Materialen wie Glas und Eisen bei der Konstruktion der Kuppel der  Halle au Blé und späteren Bourse de Commerce, heute Ausstellungsort der Pinault Collection. Er lernte Baustellen zu leiten, schnell sowie kostengünstig zu bauen, unabdingbare Voraussetzungen im Umgang mit den am Profit orientierten Investoren der Vergnügungsbauten.

Einige von Hittorffs Vergnügungsbauten an den Champs-Élysées, insbesondere das Panorama und der Sommerzirkus, sind leider verschwunden oder durch Um- und Anbauten verändert,  was am transienten Charakter dieser Bauten lag, die den Gesetzen des sich wandelnden Publikumsgeschmacks und der Rentabilität unterworfen waren. Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Projekte Hittorff an den Champs-Élysées geplant und ausgeführt hatte und was davon heute noch zu sehen ist.  

Abb. 3 : Vergnügungsviertel zwischen der Place de la Concorde und dem Rond-point des Champs-Élysées

Vergnügung und gesellschaftlicher Wandel

Die Transformation der Champs-Élysées zwischen Place de la Concorde und Rond-point in ein Zentrum vielfältiger Amüsements unter maßgeblicher Beteiligung Hittorffs ist der Höhepunkt einer bereits im letzten Viertel des 18. Jahrhundert anwachsenden Freizeit- und Vergnügungskultur. Sie sollte nicht nur durch eine große Anzahl der Attraktionen, sondern auch durch die Vielfalt der Angebote beeindrucken und so ein Massenpublikum befriedigen (und befrieden). 

Diese Transformation entwickelt sich einerseits als Folge des sozialen Wandels nach 1789 unter dem Banner der liberté und egalité, andererseits auch im Gefolge der einsetzenden industriellen Revolution, der damit verbundenen rasanten Zunahme der Bevölkerung in Paris und der Veränderung der Gesellschaftsstruktur. Die genannten Umwälzungen ermöglichten immer breiteren gesellschaftlichen Schichten, an diversen Vergnügungen teilzunehmen,  weil sie, wenn auch in unterschiedlichem Maß, über die erforderlichen finanziellen Mittel und Mußestunden verfügten. Eine Vergnügungskultur für eine breite Bevölkerungsmasse führte zwangsläufig zu einer Verlagerung  aus den geschlossenen Räumen der Salons und Theater hin zu öffentlichen Orten.

Die genannten politischen und wirtschaftlichen Veränderungen hatten aber nicht in allen gesellschaftlichen Schichten zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen geführt. Die Situation der beständig wachsenden städtischen Lohnarbeiterschaft, die von Armut, schlechten Wohnverhältnissen, niedrigen Löhnen, langer Arbeitszeit und sozialer Unsicherheit gekennzeichnet war, sorgte für reichlich politischen Sprengstoff und führte zu wiederholten Unruhen und Aufständen.

Entsprechend unterschiedlich waren die Motivationen, die hinter der Anlage eines Vergnügungsviertels entlang der Champs-Élysées und anderen Orten standen: Die privaten Investoren bedienten den Wunsch eines immer breiteren diversen Publikums nach vielfältigen Zerstreuungen und Attraktionen aus Gewinnstreben.

Die städtischen Raumplanungen waren noch von politischen Unruhen der ersten Jahre der Julimonarchie geprägt, der sogenannten „epoche des émeutes“ (Victor Hugo). „Raumplanung war hier gleichsam Sozialpolitik, wie sie ganz auf der Linie des Präfekten Rambuteau lag, der die städtischen Verschönerungsmaßnahmen in den Dienst politischer Kalmierung gestellt sehen wollte.“[2]

Zunächst entstanden während der Julimonarchie entlang der Boulevards Montparnasse, des Capucines und des Italiens neben Theatern neuartige Unterhaltungsstätten, wie Panoramen, Neo-, Dio- und Georamen [3] sowie Tivoligärten, die mit Restaurants, Kaffee- und Konzerthäusern, Limonadiers und Spielklubs verbunden waren. Paris erlebte einen „Strukturwandel der Öffentlichkeit vom Elitepublikum des ancien régime zum sozial diversifizierten Publikums des 19. Jahrhunderts“ [4] und stieg durch seine Vergnügungsviertel zusammen mit den Boulevards und Passagen zu einer vielfach gerühmten „Kapitale der Flanerie und des Amüsements“ [5] auf.

Hittorffs Vergnügungspark an den Champs-Élysées

Mit der Transformation des Parks der Champs-Élysées in einen Vergnügungspark unter der Regentschaft von Louis-Philippe verfolgt sein Präfekt Rambuteau im Sinn einer Panem-et-circenes-Strategie eine Ablenkung von sozialen Konflikten, aber auch eine große Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme, die dem sozialen Frieden dienen soll.

Abb. 4: Hittorff, Jakob Ignaz, Projekt für Verschönerungsarbeiten an den Champs-Elysées, Grundriss, 3. Zustand

Hittorffs Bebauungsplan von 1835 sieht u.a. Kaffeehäuser, ein Estaminet (eine Kombination von Café, Kneipe und Restaurant), eine Konditorei, drei Restaurants, einen Ballsaal mit Café, ein Lesekabinett, eine öffentliche Toilette, ein Konzertpavillon, einen Ausstellungs- oder Theatersaal und einen Zirkus vor.

Zu Hittorffs Aufgaben gehören die Verhandlungen mit den Investoren und Betreibern der Vergnügungsbauten, die Zuweisung der Standorte der Bauten und deren Gestaltung sowie die Raumgestaltung des Parks selbst. Die meisten Gebäude-Pläne entstehen in Hittorffs Baubüro oder werden von ihm bewilligt, wenn sie sich in sein Gesamtkonzept einfügen. Die Schaubilder zu den Bauten, adressiert an die Investoren, sind mit Hinweisen auf kurze  Bauzeiten,  günstige Baukosten, schnelle Amortisation und hohe Gewinnspanne versehen und sind auch als Werbeprospekte zu verstehen. Hittorff ist sich des Warencharakters seiner Bauten genau bewusst. Das Vergnügungszentrum wird im Verlauf der nächsten beiden Jahrzehnte immer wieder den Bedürfnissen des Publikums nach neuen Attraktionen und den Wünschen der Investoren nach Gewinnoptimierung amgepasst: Alle Parkbauten waren Spekulationsobjekte privaten Kapitals. „Der Reiz des Neuen ließ schnell nach und mit ihm die erwirtschaftete Rendite“… „Permanenter Attraktionswechsel hielt das Schwungrad der Rentabilität in Gang.“ [6] Alte Gebäude werden abgerissen, und neue treten im Wechsel an ihre Stelle. „In diesem bunten Panorama von Schaulustbarkeiten gehörte es zu den Aufgaben des Architekten, zumindest baulich, jenes Übel fernzuhalten, das die Unterhaltungsindustrie am meisten fürchtet, die Langeweile.“ [7]

Hittorffs Tätigkeit beschränkt sich nicht auf die Bauplanungen: In den Carrés der Champs-Élysées wird der alte Baumbestand durchforstet, neue Bäume werden gepflanzt,  Rasenstücke mit Fliederbüschen und Rhododendren sowie mit wechselnden Blumenbeeten werden angelegt. Mehrere Fontänen, inspiriert von Hittorffs Italienreise,  schmücken die Carrés. [7a]

Abb. 5: Fontaine du Cirque ou des Quatre-Saisons.[8]

Vier von ihnen gleichen sich in der Grundform mit einer runden Brunnenschale auf einem polygonalen Sockel inmitten eines Bassins an der Basis; drei von ihnen unterscheiden sich in den Skulpturen über der Brunnenschale: Im Carré Marigny, bei der oben abgebildeten Fontaine du Cirque, auch Brunnen der vier Jahreszeiten genannt, wird eine obere Schale des Brunnens von vier Knaben getragen, die die Jahreszeiten symbolisieren, ein Werk von Jean-Auguste Barre.

Abb. 6 : Fontaine de Diane Chasseresse, par Louis Desprez                             

Bei der Fontaine de Diane Chasseresse im Carré Ledoyen steht auf der Schale die Jagdgöttin Diana, geschaffen von Louis Desprez, und im Carré des Ambassadeurs bekrönt die Liebesgöttin Venus von Francisque Duret die Fontaine des Ambassadeurs (deshalb auch auch Fontaine de Venus genannt).

Abb. 7 : Fontaine de Venus, par Francisque Duret

Abb 8: Fontaine de la Grille du Coq 

Nur die Fontaine de la Grille du Coq hat selbst keine Skulptur. Dafür kann man die schönen Meeresmotive bewundern, mit denen Hittorff -wie auch auf der Place de la Concorde- seine Brunnen ausgestattet hat. Und sein Name ist auch in den Sockel des Brunnens eingraviert. (Abb. 9)

Benannt ist der Brunnen nach dem Hahn auf dem Tor des unweit gelegenen Parks des Élysée-Palastes (Abb. 10)

Für alle Schichten der Gesellschaft und für alle Altersstufen wurden Attraktionen aufgebaut: Bunt bemalte Karussells mit Pferden für die Herren und Kutschen für die Damen drehten sich im Kreis zu Klängen der Jahrmarktsorgel. An den Abenden verbreiteten vergoldete Kandelaber über Plätze und Alleen »eine taghelle phantastische« Beleuchtung“[9] und luden zum abendlichen Prominieren, zu einem Konzert rund um einen Musikpavillon oder zum Tanz in einem der Ballsäle im Park. 

Abb. 11 : Herbst-Nachmittag im Carré Marigny mit Karussels, der Fontaine des Quatre-Saisons und dem Restaurant Le Laurent

Abb. 12: Die Terrasse des Laurent heute

Hittorffs gärtnerische Parkanlage selbst bleibt zwei Jahrzehnte unverändert. Erst unter Haussmann wird sie von Adolphe Alphand im englischen Stil umgewandelt.

Bei den Restaurants und Café-concerts zeigt sich die Anpassungsfähigkeit Hittorffs an den Trend des gehobenen Publikumsgeschmacks. 1841 waren das Café des Ambassadeurs und das Café Morel von Hittorff umgebaut und in ein Café-Concert umgewandelt worden.

Abb. 13 : Rechts das Café des Ambassadeurs, links das Zwillingsgebäude, das Café Morel an den Champs-Élysées

Diese Café-concerts waren in den 1840er Jahren aus den  Café-chantants hervorgegangen. Sie waren deutlich größer, eleganter in der Ausstattung und hatten eine größere Bühne, anfangs für Gesangsdarbietungen und andere musikalische Unterhaltungen, später auch für Varieté-Künstler. Die Café-chantants und Café-concerts waren ein beliebtes Sujet von Künstlern wie Edgar Degas.

Abb. 14 : Edgar-Degas- Au Cafe-Concert; Washington, National Gallery of Art

Die Gäste konnten rauchen, trinken, teilweise auch speisen und wandten sich dabei einem Bühnenprogramm zu, das zwischen Chansons, Couplets, Kleinkunst und Akrobatik wechselte – meist begleitet von einem kleinen Orchester.

Hittorffs Cafés und Restaurants waren ein- oder zweistöckige Bauten  mit Kolonaden, farbig getönten dorischen und ionischen Säulen, auch Karyatiden, bunt bemalten Tür- und Fensterrahmen, Gesimsen und Friesen: schönste Beispiele einer Anspielung auf die polychrome antike Architektur.

Abb. 15 : Pavillon Morel und Pavillon Varin an der Champs-Élysée (Alcazar d’Été und Café des Ambassadeurs).

 Abb. 16 : Pavillon Gabriel im Carré des Ambassadeurs heute

Abb 17: Fries und korinthisches Kapitell vom Pavillon Gabriel

Dazu gehörte auch das Café du Cirque (später Restaurant Marigny, heute Le Laurent genannt) im Carré Marigny und der Pavillon Ledoyen im Carré Ledoyen. Das Café des Ambassadeurs wurde 1926 abgerissen. Heute ist hier das Théâtre de la Ville – Espace Pierre-Cardin). Das Café Morel hieß später Alcazar d’été, jetzt Pavillon Gabriel im Carré des Ambassadeurs.

Auch wenn diese Bauwerke, wie die Café und Restaurants,  heute durch Um- und Anbauten verändert oder nur als Zeichnung erhalten sind (Bedürfnisanstalt!), geben sie uns mit ihren Anleihen aus der Antike und ihrer dezenten Farbigkeit noch eine Vorstellung ihres Charmes und ihrer Heiterkeit.

Abb. 18: Hittorff, Jakob Ignaz, Entwurf für eine Bedürfnisanstalt auf der Champs-Elysées

Abb. 19 : Le Laurent am Carré Marigny

Abb. 20 : Pavillon Ledoyen im Carré Ledoyen mit seinen Karyatiden

Abb. 21: Ledoyen, Detail mit Karyatide

Von der Fülle der vielen kleinen Bauten wie Marionettentheater, Schießstände, Limonaden- oder Milchbuden, Blumen- oder Bäckerstände, Musikpavillons, Karussells bis hin zu den Toilettenhäusern, alle in polychromer Fassung und teilweise im klassischen Gewand, ist kaum etwas erhalten.

Abb. 22 : Eugene Charles François Guerard, Guignols an den Champs-Élysées

Völlig verschwunden ist das für Charles Auguste Guérin 1844 aus Holz erbaute Géorama im Carré Ledoyen, das eine von innen zu betretende Erdkugel beherbergte. Vorbild war das Géorama, das Charles-Antoine Delanglard im Mai 1825 in der Rue de la Paix / Ecke Boulevard de Capucines eröffnet hatte, aber schon 1832 wieder seine Tore schloss.

Abb. 23 : Vue extérieure du Géorama des Champs-Élysées, 1846  

Abb. 24 : Vue intérieur du Géorama des Champs-Élysées

Auch der Salle Lacaze,  benannt nach einem Magier, der hier seine Kunststücke zeigte, ist verschwunden. Das Etablissement, auch als „Château d’Enfer“ (Schloss der Unterwelt) bekannt, war 1849-1850 nach Plänen Hittorffs, aber nicht unter seiner Leitung, zu einem kleinen Theater umgebaut worden. Anlässlich der Weltausstellung von 1855 gestaltete Hittorff für den ebenfalls aus Köln stammenden Jacques Offenbach den Bau zum Théâtre des Bouffes-Parisiens um.  

Abb. 25 : Salle Lacaze, par A. Provost, Musee Carnavalet

Der Bau wurde 1881 abgerissen und durch ein vom Architekten Charles Garnier entworfenes Panorama ersetzt. Dieses wiederum wandelte Édouard Niemans in ein Theater um, das 1896  unter dem Namen Folies-Marigny eröffnet wurde. Heute trägt es den Namen Théâtre Marigny.

Von allen Schöpfungen Hittorffs  an den Champs-Elysées waren die  Rotunde des Panoramas und der Sommerzirkus, der Cirque d’Été, auch unter den Namen Cirque des Champs-Elysées, Cirque de l’Impératrice, Cirque National des Champs-Elysées bekannt, die bedeutsamsten. Auch diese beiden  Bauwerke sind schon längst verschwunden und uns nur in Berichten, Zeichnungen bzw. Photographien erhalten.

Der Sommerzirkus, der Cirque d’Été, und der später am Boulevard des Filles-du-Calvaire erbaute Winterzirkus, der Cirque d’Hiver, der uns als einziger großer Vergnügungsbau Hittorffs erhalten geblieben ist, werden in einem nachfolgenden eigenen Beitrag gewürdigt.

Die Rotunde des Panoramas

Mit dem Begriff Panorama, zusammengesetzt aus dem griechischen ‚pan‘ (= alles) und ‚hòrama‘ (= sehen),  bezeichnet man sowohl eine landschaftliche Darstellung, die einen 360°- Ausblick wiedergibt, als auch die Einheit von Panoramagebäude und der darin ausgestellten Rundleinwand, eine künstlerische und technische Innovation im Ausgang des 18. Jahrhunderts. „Dass das Panorama zuerst als technisch-naturwissenschaftliche Erfindung angesehen wurde“ [10] , zeigt seine Patentierung 1787 durch den irischen Maler Robert Barker, der 1792 das erste Panorama in London eröffnete. Die Panorama-Bauten wurden die großen Illusionsmaschinen des 19. Jahrhundert für ein Massenpublikum.

Abb. 26 : Schnitt durch das Panorama

Zeichnung mit einer Beschreibung durch alphabetische Markierungen. A: Eingang und Kasse; B: dunkler Zugangskorridor; C: Aussichtsplattform; D: Sichtkegel des Betrachters; E: Zylindrische Leinwand; F: Falsches Terrain; G: Trompe l’oeil oder auf die Leinwand gemalte Szene.

Die Charakteristika des Panorama-Baus waren:

  • die hermetische Abschirmung gegen Reize außerhalb des Gebäudes,
  • der dunkle Zugangskorridor, der das Bewusstsein der Besucher, illusorischen Stimuli ausgesetzt zu sein, in den Hintergrund treten ließ,
  • das mit großer Sorgfalt gefertigte, die Augen täuschende (Trompe l’oeil), dreidimensional wirkende zylindrische Panoramagemälde,
  • das  sogenannte „falsche Terrain“, d.h. der visuelle Übergang zwischen Betrachter und gemalter Leinwand mit seinen realen, auf das gemalte Thema bezogenen Gegenständen,
  • die ausgeklügelte Blickführung von der Aussichtsplattform mit Baldachin und Balustrade, die nur den Blick auf das Terrain und das Bild zuließ und so die Wahrnehmung reglementierte und kanalisierte,
  • die hinreichende Größe der Plattform als Aktionsraum, da das Rundbild einen beweglichen Betrachter verlangte, dem sich durch wechselnden Standort die Inszenierung sukzessiv erschloss.

Hierdurch wurde ein Grad der illusionistischen Täuschung erreicht, bei der die erkennbare Grenze zwischen künstlerischem Bild und Wirklichkeit verschwamm oder gänzlich verschwand. Die virtuelle Umgebung wurde als real empfunden und führte zur Illusion, spektakuläre Ereignisse mitzuerleben, inmitten großartiger Landschaften und Städte zu stehen oder an Reisen in ferne Länder teilzunehmen.

 „Ein Kriegsveteran soll vor einem Panorama des Malers Langlois begeistert in die Runde gerufen haben: ‚Das ist die Stelle, wo eine Kartätsche mein rechtes Bein zerschmetterte‘; eine um ihre Frisur besorgte Dame spannte ‚vor einem Gewitter‘ ihren Regenschirm auf; ein beträchtlicher Neufundländer war nur mühsam daran zu hindern, im gemalten Wasser ein Bad zu nehmen; energische Offiziere zogen im Angesicht des Feindes reihenweise die Degen. Und die englische Königin Charlotte soll während ihres Besuches in einem    Panorama Robert Barkers, das die russische Flotte vor Spithead auffahren ließ, tatsächlich seekrank (das heißt: seh-krank) geworden sein.“ [11]

Heute, wo es die Technologie dem Benutzer nicht nur ermöglicht, in eine virtuelle Realität einzutauchen, sondern auch mit ihr zu interagieren (Stichwort Virtual-Reality-Head-Set), lässt sich das Panorama-Konzept als die Frühform eines immersive virtual environment,  eines Eintauchen in eine virtuelle Umgebung, beschreiben.

„Die Anziehungskraft der Rotunden hängt mit der Bereitschaft der Besucher zusammen, das Interaktionsangebot anzunehmen. Der Effekt hängt nicht nur mit der illusionistischen Machart zusammen, sondern auch mit erlernten Rezeptionsweisen: Bilder als Abbilder der Wirklichkeit zu erkennen und (vor allem) zu akzeptieren. … Das Wissen um ästhetische Differenz zwischen Wirklichkeit und ihrer Darstellung ist sogar ein Hauptgrund für das Vergnügen, mit dem illusionistische Darstellungen betrachtet wurden und werden.“ [12] Das gilt auch für das Virtual-Reality-Head-Set.

Erste Panoramen in Paris

Der amerikanische Erfinder Robert Fulton erwarb von Barker 1799 das Importpatent für Paris, das er wenig später an seinen Landsmann James Thayer verkaufte. Zwei Rotunden wurden von Thayer, anfangs wohl zusammen mit Fulton, der aber bald nach Amerika zurückkehrte,  in einem Teil des Gartens des ehemaligen Kapuziner-Konvents, im Jardin d’Apollon, errichtet. Hier wurden eine Ansicht von Paris und die Einnahme und Belagerung von Toulon, später weitere Ansichten, u.a. von Lyon und Rom gezeigt, gemalt von Pierre Prévost. Ende 1802 entstand eine dritte Rotunde im Jardin des Capucines, Boulevard de la Chausée d’Antin.

Nur von den beiden Panoramen, die Thayer im Bereich des Hôtel de Montmorency-Luxembourg und dessen Garten zusammen mit einer Passage am Boulevard Montmartre erbauen ließ, gibt es noch Darstellungen. Die schlichten Rotunden mit 14 m Durchmesser und 7 m Höhe, in denen Ansichten von London, Neapel, Amsterdam und Rom zu sehen waren, wurden  1831 abgerissen, erhalten blieb die Passage des Panoramas.

Abb. 27 : Théâtre des Variétés et le passage des Panoramas, Boulevard Montmartre, um 1825

Nach dem Tode von Pierre Prévost 1823 wurde Jean-Charles Langlois zu einem der wichtigsten französischen Vertreter des Grenres der Panoramamalerei und zum Bauherrn weiterer Panorama-Rotunden. Langlois, Eleve de l’X (d.h. der École Polytechnique),  Offizier der kaiserlichen Garde, wurde bei  Waterloo schwer verwundet, schied  im Rang eines Obersts aus und studierte in der Zeit der Restauration Kunst. Berühmt wurde er wegen seiner riesigen 360°-Panorama-Gemälde, die er in drei verschiedenen Einrichtungen zeigte. Das erste Panorama ließ Langlois in der Rue des Marais-du-Temple errichten, eine Rotunde mit einem Durchmesser von 35 Metern und einer Höhe von 12 Metern. Waren die ersten Themen noch den Siegen der Bourbonen gewidmet (Navarino und Algier), so folgten bei dem überzeugten Bonapartisten die Siege Napoleons I. (u.a. die Schlacht bei Moskau, die Schlacht bei den Pyramiden) und die Siege Napoleons III. (die Einnahme von Sewastopol und die Schlacht von Solferino). Alle diese Panoramen hielten die Erinnerung an die militärische Größe Frankreichs wach.

Hittorffs Panorama

1838 beabsichtigte Langlois den Bau eines weiteren Panoramas im aufstrebenden Vergnügungsviertel an den Champs-Élysées. Sein Unternehmungsgeist deckte sich dabei mit den Vorstellungen des Präfekten Rambuteau.  Langlois pachtete ein Gelände im Carré du Rond Point, und Hittorff, der sich schon längere Zeit mit diesem Thema beschäftigt und eine Reise nach England zum Studium derartiger Bauten unternommen hatte, erhielt den Auftrag. Hier zeigt sich wiederum, wie intensiv er sich auf seine Bauaufgaben vorbereitete. Wir hatten diese Arbeitsweise beim Gare du Nord gesehen, wo er zuvor die Eisenbahnhöfe in England studierte.

Der Bau hatte eine Höhe von fünfzehn und einen Durchmesser von vierzig Metern mit einer kegelförmigen Überdachung, war also wesentlich größer als die bisherigen Panoramabauten. Das eigentliche zylindrische Panorama wurde kostengünstig aus Holz errichtet und mit einem steinernen dreistöckigen geschlossenen Arkadenring eingefasst.

Abb. 28: Hittorff, Jakob Ignaz, Champs Élysées, Grand Carré, Panoramarotunde.

Über die Dachlaterne wurde das Rundbild beleuchtet. Ohne innere Stützen, die ihre Schatten auf das Panoramabild geworfen hätten, entwarf Hittorf eine kühne Dachkonstruktion. Der hölzerne Dachstuhl hing an zwölf schmiedeeisernen Zugbändern, die zum Abfangen der großen Last über gusseiserne Standsäulen geführt wurden und im umgebenden Säulenlauf des massiven steinernen Arkadenringes verankert waren.

Abb. 29 : Abb. aus Description de la Rotonde des Panoramas. (Ausschnitt)., Jacques-Ignace Hittorff, 1842

Durch diese geniale Konstruktion konnte die Dachlast, ohne einen seitlichen Druck auf die Außenwände auszuüben, senkrecht abgeleitet werden. Wir sehen hier eine ebenso hohe Ingenieurskunst, wie bei dem Lesesaal des Architekten Henri Labrouste in der Pariser Bibliothèque Nationale und seinem von Sigfried Giedion gelobten dünnen Tonnengewölbe in der Bibliothèque Geneviève. Hier wie dort ruht die Konstruktion, ohne Seitenschub, im eigenen Gleichgewicht. „Ein solch schwebendes Gleichgewicht zu erreichen, wurde eine Hauptaufgabe der Ingenieure in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“[13]  Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Hittorff diese Konstruktion nicht verbirgt: „Hittorff zeigte hier ganz bewusst nach außen die Konstruktion, ja er ordnete die Form dem Material und dem Konstruktionsprinzip unter. In seiner Zeit eine völlig neue Verfahrensweise.“ [14] Erst Jahre später wird man am Pariser Warenhaus La Samaritaine  die Zurschaustellung des konstruktiven Tragwerk-Systems an den Gebäudeaußenseiten sehen- und wieder Jahre später besonders eindrucksvoll am Centre Pompidou.

Der dreigeschossige steinerne Ring mit seiner polychrom bemalten Außenfassade folgte in seiner Anordnung und seinen Elementen der Tradition der klassischen Baukunst: eine Arkade mit dorischen Pilastern, die das erste und zweite, Rundbogenfenster, die das dritte Geschoss umschlossen. Von den ursprünglich geplanten vier einander gegenüberliegenden Eingängen mit vorgelagerten Balkonen, die auf Säulen-gestützten Rundbögen ruhten, wurde nur ein Eingang realisiert. Die im klassizistischen Stil gestaltete Außenfassade und die Konstruktionsform eines antiken Zeltdaches, das an die Aufhängung des Velums im Colosseum erinnert, verliehen dem Bau eine besondere Pracht. „Seine Kühnheit erregte wohl allgemeines Aufsehen, aber auch die Bedenken der um die Sicherheit der Besucher besorgten Behörden“ [15], die Hittorff aber zerstreuen konnte.

1839 wurde die Rotunde mit dem Panoramabild des brennenden Moskaus von Langlois eingeweiht. Das originale Panoramabild blieb nicht erhalten. Ein Gemälde von Langlois im  Musée des Beaux-Arts de Caen gibt uns eine Vorstellung von der Wirkung auf das Publikum, das von der Plattform in der Mitte des Baus „das schaurig-schöne Schauspiel des Brandes von Moskau“ [16] erlebte.

Abb. 30: Jean-Charles Langlois, Der Brand von Moskau, Napoleon verlässt den Kreml

Das Panorama-Gebäude wurde 1855 in die Gebäude der Weltausstellung integriert und als Ausstellungshalle genutzt.  Im folgenden Jahr, beim Durchbruch der heutigen Avenue Franklin Roosevelt zur Avenue Winston Churchill, wurde der Bau abgerissen und 1858 durch ein Panorama von Gabriel Davioud ersetzt, das später zum Palais de Glace, dem Eispalast, und dann zum Théâtre du Rond-Point umgebaut wurde.

Die große Zeit der Panoramen, die schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert abflaute, erlebte  in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts noch einmal einen Höhepunkt. Die Themen waren jetzt nicht mehr Natur-, Landschafts- und Städtedarstellungen, sondern historische Bilder, insbesondere Schlachtendarstellungen – im Kontext zu den nationalistischen, chauvinistischen und kolonialistischen Tendenzen dieser Zeit. Sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite entstanden nach 1871 Panoramen, um die siegreichen deutschen Truppen auf der einen und den heldenhaften Widerstand der unterliegenden Franzosen auf der anderen Seite zu feiern und den Geist der Revanche wachzuhalten.  In Paris wurde zu diesem Zweck 1882  in einer Seitenstraße der Champs Elysées ein Panorama national genannter Bau errichtet. [17]

Die Panoramen waren, wie Franz Becker [18] schreibt, „keineswegs nur Elemente des großstädtischen Vergnügungsbetriebes, […] Sie waren Stätten eines nationalen Erinnerungskultes.“ Becker spricht vom „Doppelgesicht“ des Panoramas, „weil es gleichzeitig Massenmedium und Erinnerungsort war, […] Die neuere Forschung hat betont, in welch hohem Maße die modernen Nationalstaaten nicht nur faktisch, sondern auch kollektivpsychologisch »Kriegsgeburten« sind. Das Panorama identifizierte die Nation mit ihrem Schlachtenschicksal, und es präsentierte seine Botschaft gleichzeitig in einer Form, die so populär und eingängig war, dass sie auch die breite Mittelschicht, ja sogar die Unterschicht erreichte.“

Als „die Bilder laufen lernten“, d.h. mit dem Kino, hatte die Stunde der Panoramen geschlagen. Sie verschwanden bis auf ganz wenige Ausnahmen als Unterhaltungsmedium für das Massen-publikum. Dass sie aber auch im Zeitalter der neuen Medien noch aktuell und attraktiv sein können, zeigt der Erfolg des Pergamon-Panoramas in Berlin.[19]

In einem weiteren Teil zu Hittorffs Vergnügungsbauten werden wir uns seinen Zirkusbauwerken, dem verschwundenen Sommerzirkus an den Champs-Élysées und dem noch erhaltenen Winterzirkus (cirque d’hiver) am Boulevard der Filles du Calvaire zuwenden.

Ulrich Schläger

Aktuelles zur Orientierung und Anregung

von Wolf Jöckel

Abschließend zur Orientierung und als Anregung eine aktuelle Karte der jardins des Champs-Élysées zwischen dem Rond point des Champs-Élysée und der place de la Concorde (Abb.31). Für die Hittorff’schen Vergnügungsbauten relevant sind

  • das Carré Marigny links oben mit dem Le Laurent, der Fontaine du Cirque/des quatres saisons, dazu dem Théâtre Marigny
  • rechts davon das Carré de L’Élysée mit der Fontaine de la Grille du Coq; ganz rechts, angrenzend an die Place de la Concorde das Carré des Ambassadeurs mit dem Pavillon Gabriel und der Fontaine des Ambassadeurs/Fontaine de Venus
  • zwischen der avenue des Champs-Élysées und der Seine das Carré Ledoyen mit dem Ledoyen und der Fontaine de Diana.

Dazu gibt es noch viel mehr zu sehen und zu entdecken!

Beispielsweise die Gedenktafel für Ödon von Horvath am Théâtre Marigny (Abb.32):

Ödön von Horvath, deutschsprachiger Dramatiker und Schriftsteller, geboren 1901, gestorben am 1. Juni 1938 gegenüber dem Marigny-Theater, erschlagen von dem Ast eines Kastanienbaums, der bei einem Sturm abgebrochen war. Hommage von seinem Verleger Thomas Sessler Verlag, Wien, 3. Juni 1998[20]

Horvath, dessen Bücher 1933 in München von den Nazis verbrannt wurden, hatte 1933 zunächst Deutschland, 1938 nach dem „Anschluss“ auch Österreich verlassen, aber die Hoffnung nicht aufgegeben, wie das Gedicht zeigt, das man, auf eine Zigarettenschachtel notiert, in der Manteltasche des Toten fand:

Was falsch ist, wird verkommen / Obwohl es heut regiert
Was echt ist, das soll kommen / Obwohl es heut krepiert.

Im Carré de l’Élysée gibt es ein schönes Denkmal von Georges Jeanclos für den Widerstandskämpfer Jean Moulin aus dem Jahr 1984 (Abb.33):

Es besteht aus 5 Bronze-Stelen, von denen eine das Portrait Jeans Moulins trägt. [21]

Im Carré Ledoyen hinter dem Petit Palais steht der poppig-bunte Blumentstrauß von Jeff Koons (Abb.34):

Koons hat seinen -sehr umstrittenen- Blumenstrauß 2019 der Stadt Paris geschenkt aus Anlass der islamistischen Anschläge vom 13. November 2015 (u.a. im Bataclan), bei denen 130 Menschen ermordet wurden.

Abb. 35: Alison Saar: Salon (2024)

Die Frau mit der olympischen Flamme ist Teil einer größeren Werkgruppe der kalifornischen Künstlerin Alison Saar. Traditionell erhält die Stadt, die die Olympischen Spiele ausrichtet, vom IOC ein Kunstwerk als Geschenk, das von einem Künstler/einer Künstlerin aus der Stadt der nachfolgenden olympischen Spiele konzipiert wird. Saar will mit ihrem Werk die Weltoffenheit und integrative Kraft der olympischen Idee zum Ausdruck bringen. Neben der Frauenfigur ein israelischer Junge, mit dem und dessen Eltern ich ins Gespräch kam, als ich die Plastik aufnehmen wollte.

Das ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was die Gärten der Champs-Élysées zu bieten haben. Ein Spaziergang mit offenen Augen -nicht nur- auf den Spuren von Ignaz Hittorff lohnt sich also sehr! Wolf Jöckel


Anmerkungen:

[1] zitiert nach Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968

[2] Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022, hier S.244

[3]Das Panorama ist ein Rundbau, eine Rotunde, in dem sich auf einer Leinwand eineperspektivische Darstellung von Landschaften oder Ereignissen in Form eines 360°Rundbildes befindet, die von einer Plattform im Zentrum zu sehen ist und den Eindruck vermittelt, real inmitten einer Landschaft oder eines Geschehens zu stehen. Varianten ohne eine 360°-Sicht, dafür mit beweglichen Bildstreifen oder Längenbilder werden im deutschsprachigen Raum als Cyclorama bezeichnet. Beim Cyclorama wurde eine Leinwand an den Besuchern vorbeigezogen und damit beispielsweise eine Eisenbahn- oder Schifffahrt simuliert. Das Neorama (griech.) bezeichnet eine Variante des Panoramas, bei welcher man, im Unterschied zum Diorama, von der Mitte eines Raumes aus ein Rundgemälde sieht, das das Innere eines Gebäudes darstellt. Ein Neorama kann von Figuren belebt und wechselnd illuminiert werden. Das erste Neorama war 1827 in Paris zu sehen und zeigte das Innere der Peterskirche in Rom, in einem eigens dazu errichteten Gebäude. Ein Diorama war ursprünglich eine von Louis Daguerre erfundene abgedunkelte Schaubühne mit halbdurch-sichtigem, beidseitig unterschiedlich bemaltem Prospekt. Durch wechselnde Beleuchtung von Vorder- und Rückseite konnten Bewegungen und Tageszeiten effektvoll simuliert werden. Georama ist ein großer, hohler, innen begehbarer Globus, welcher auf der inneren Fläche Darstellungen der Kontinente, Meere, Gebirge, Flüsse etc. enthält, die man vom Mittelpunkt aus überschaut.

Eine besondere Panorama-Variante waren die um 1800 äußerst beliebten Panorama-Tapeten. Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[4] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.233

[5] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.233

[6] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.242

[7] Salvatore Pisani: ebd. , hier S.246

[7a] Zu Hittorffs Brunnen s.a. Auguste Barre, Bassins et fontaines des jardins des Champs-Élysées. In: Jacques Barozzi, Paris de fontaine en fontaine. Parigramme 2010, S.67

[8] Siehe auch: https://www.histoires-de-paris.fr/fontaines-jardins-champs-elysees/

[9] Karl Hammer, ebda.

[10] Gabriele Schmid:  Illusionsräume – Mesdags Panorama, Monets Seerosen,  Boissonnets Hologramme und Kirchen der Gebrüder Asam, Konstruktionen und Vermittlungsstrategien; Inauguraldissertation, Berlin, 1999.

[11] zitiert nach Felix Luderer. Ein Blog: Das Panorama als Massenmedium https://felixluderer.wordpress.com/2017/11/14/massenmedium-panorama/

[12] Gabriele Schmid, ebd.

[13] Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel :  Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition,   Harvard University Press

[14] Karl Hammer, ebd.

[15] Karl Hammer, ebd.

[16] Karl Hammer, ebd.

[17] Siehe dazu den Abschnitt „Die Schlacht von Champigny als Gegenstand deutscher und französischer Panoramen“ in:: https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

s.a. https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/tableaux/le-panorama-de-la-bataille-de-champigny-18811882/#:~:text=Le%20panorama%20fut%20inaugur%C3%A9e%20%C3%A0,le%20glas%20de%20son%20existence.

[18] Frank Becker: Augen-Blicke der Größe. Das Panorama als nationaler Erlebnisraum nach dem Krieg von 1870/71; Text aus:Jörg Requate: Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft, Walter de Gruyter, 24.10.2013

[19] https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/pergamonmuseum-das-panorama/home/

[20] Mehr zu Ödön von Horvath siehe: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-oedoen-von-horvath-sonnenuntergang-100.html#:~:text=%C3%96d%C3%B6n%20von%20Horv%C3%A1th-,Sonnenuntergang%20im%20Wienerwald,Person%20in%20der%20NS%2DDiktatur. Bei google-maps ist die Gedenktafel übrigens eine „hommage à Thomas Sessler“…

[21] https://paris1900.lartnouveau.com/paris08/jardins_champs_elysees/monument_jean_moulin.htm

Literatur :

Abbildungsverzeichnis:

Abb.1: Jakob Ignaz Hittorf, gezeichnet von Wilhelm Hensel, 1835 (Bild beschnitten), Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Abb.2: Hittorff – Notre Dame, Taufe des Herzogs von Bordeaux, dekorativer Aufbau der Vorhalle, 19. Jh. WRM & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. H. u. L. 174. Rhein.Bildarchiv Köln

Abb.3: Vergnügungsviertel zwischen Place de la Concorde und Rond-point an den Champs-Élysées Marie-Hilaire Guesnu, Le nouveau Paris.  Panorama-Plan, donnant avec l’aspect général de la ville, ses monuments, boulevards, jardins &a (Detail) Bildquelle : Musée Carnavalet, Histoire de Paris

Abb.4: Jakob Ignaz Hittorff, Projekt für Verschönerungsarbeiten an den Champs-Élysées. Grundriss, 3. Zustand. (Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud; Rheinisches Bildarchiv, rba coo5341, April 1835 Das Bild ist im Rheinischen Bildarchiv seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend publiziert. Das wurde bei der obigen Abbildung korrigiert. Der Rond-Point zeigt nur einen zentralen Brunnen und nicht 6 Brunnen wie bei der später entstanden Vogelansicht des Vergnügungsviertels von Marie-Hilaire Guesnu (Abb.3).

Abb.5: Fontaine du Cirque, ou des Quatre-Saisons. Foto: Wolf Jöckel

Abb.6 : Fontaine de Diane Chasseresse, par Louis Desprez. Foto: Wolf Jöckel                           

Abb.7 : Fontaine de Venus, par Francisque Duret. Foto: Wolf Jöckel

Abb 8: Fontaine de la Grille du Coq. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 9: Hittorffs Name auf dem Schaft des Brunnens. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 10: Grille du Coq – Eingang zum Garten des Élysée-Palasts. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 11 : Herbst-Nachmittag im Carré Marigny mit Karussels, der Fontaine des Quatre-Saisons und dem Restaurant Le Laurent (Dimanche d’automne aux Champs-Elysées au 19e siècle); Bildquelle (MeisterDrucke-921553)

Abb.12: Die Terrasse de Laurent heute. Foto: Wolf Jöckel (2024)

Abb.13 : Rechts das Café des Ambassadeurs, links das Zwillingsgebäude, das Café Morel an den Champs-Élysées,  Bild von A. Provost, Musée Carnavalet (Auschnitt).

Abb.14: Edgar Degas: Au Cafe-Concert; Washington, National Gallery of Art

Abb. 15 : Pavillon Morel und Pavillon Varin an der Champs-Élysée (Alcazar d’Été und Café des Ambassadeurs). Teilansicht der Hauptfassade mit Angaben über den polychromen Dekor (1842). Abb. aus: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungs-katalog. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21. Januar bis 22. März 1987, S.208, Kat.-Nr. 248 

Abb. 16 : Pavillon Gabriel heute. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 17: Fries und korinthisches Kapitell vom Pavillon Gabriel. Foto: Wolf Jöckel

Abb. 18: Entwurf für eine Bedürfnisanstalt auf den Champs-Élysées; Köln, Wallraf-Richartz-Museum, (Ausschnitt), in: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungskatalog. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21. Januar bis 22. März 1987, S.208, Kat.-Nr. 248

Abb.19 : Le Laurent am Carré Marigny. Foto: Wolf Jöckel

Abb.20 : Pavillon Ledoyen mit seinen Karyatiden. Foto: Wolf Jöckel (2024)

Abb. 21: Pavilllon Ledoyen, Detail mit Karyatide

Abb.22 : Eugene Charles Francois Guerard – guignols Champs-Élysées (Meister-Drucke)

Abb.23 : Vue extérieure du Géorama des Champs-Élysées, Abb. aus Le Géorama des Champs-Élysées,  L’Illustration, Journal universel, n° 166, vol. VII, 2 mai 1846 – BnF,                  

Abb.24: Vue intérieur du Géorama des Champs-Élysées ; Abb. 17 aus Le Géorama des Champs-Élysées,  L’Illustration, Journal universel, n° 166, vol. VII, 2 mai 1846 – BnF, département des Estampes et de la Photographie

Abb.25: Salle Lacaze, par A. Provost, Musee Carnavalet

Abb.26: Schnitt durch das Panorama; Abb. aus: Laurent Lescop. Panoramas oubliés : restitution et simulation visuelle. Cahier Louis-Lumière, 2016, Archéologie de l’audiovisuel, 10

Abb.27: Théâtre des Variétés et le passage des Panoramas, Boulevard Montmartre, vers 1825 (Musée Carnavalet)

Abb.28: Hittorff, Jakob Ignaz, Champs Elysées, Grand Carré, Panoramarotunde., Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Ch. 686a. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c004790

Abb.29: Schnitt und Grundriss des Panoramas aus : Description de la Rotonde des Panoramas.., Jacques-Ignace Hittorff, 1842

Abb.30: Jean-Charles Langlois, L’incendie de Moscou, Napoléon quittant le Kremlin ; Musée des Beaux-Arts de Caen, M. Seyve photographe.

Abb. 31: Karte der jardins des Champs-Élysées. https://fr.wikipedia.org/wiki/Jardins_des_Champs-%C3%89lys%C3%A9es

Abb. 32: Gedenktafel für Ödon von Horvath am Théâtre Marigny. Foto: Wolf Jöckel

Abb.33: Denkmal für Jean Moulin. Foto: Wolf Jöckel

Abb.34: Jeff Koons, Bouquet de Tulipes. Foto Wolf Jöckel. Siehe dazu: https://www.beauxarts.com/grand-format/pourquoi-les-tulipes-de-jeff-koons-irritent-elles-autant/

Abb. 35: Alison Saar: Salon (2024). Foto: Wolf Jöckel. Siehe dazu: https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/l-info-culturelle-reportages-enquetes-analyses/sculpture-olympique-de-paris-2024-d-alison-saar-d-une-fonderie-auvergnate-aux-jardins-des-champs-elysees-5547090

Weitere Beiträge Ulrich Schlägers über Hittorff und Paris:

We are here: Eine Street-Art-Ausstellung im Pariser Petit Palais – Juni 2024 bis Januar 2025. (Street-Art in Paris 9)

„Das Petit Palais freut sich sehr, die erste Ausstellung urbaner Kunst dieser Größenordnung in einer öffentlichen Einrichtung zu veranstalten, die für alle zugänglich und völlig kostenlos ist. Ihr Ziel ist es, Kultur getreu den Prinzipien der Street-art mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen.“

Mit diesen Worten hat Annick Lemoine, die Leiterin des Petit Palais, die Ausstellung „We are here“ angekündigt, die vom 12. Juni bis zum 19. Januar 2025 im Petit Palais präsentiert wird. (Das ursprünglich vorgesehene Schlussdatum des 17. November 2024 wurde entsprechend verlängert). Das Vorhaben, „Kultur mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen“, wird in dieser Ausstellung auf besondere, bisher wohl auch einzigartige Weise umgesetzt: Die Werke der Street-Art werden nämlich nicht in den gesonderten -und kostenpflichtigen- Ausstellungsräumen des Petit Palais präsentiert, sondern sie sind integriert in die frei zugängliche Dauerausstellung des städtischen Museums. Es gibt ein Neben- und Miteinander von Museumsstücken -vor allem des 19. Jahrhunderts- und Werken der Street-Art. Viele der aktuellen Werke wurden speziell für diesen Anlass und auch für einen ganz bestimmten Ort im Petit Palais konzipiert. So beziehen sich Alt und Neu, Kunst und Raum oft aufeinander, und es entstehen neue interessante, oft überraschende Perspektiven. Auf französischen Weinflaschen findet sich manchmal eine uns immer wieder erheiternde Information, wozu dieser Wein besonders gut passt: „il se marie bien avec…“ Dieser schöne Ausdruck passt meines Achtens gerade auch für die Verbindung, die im Petit Palais zwischen alter und neuer Kunst hergestellt wird.

Die künstlerische Leitung der Ausstellung obliegt der auf Street-Art spezialisierten Pariser Galerie Itinerrance. Sie hat auch die open-air-Ausstellung großer Street-Art-Formate im 13. Arrondissement initiiert und organisiert. Das erklärt wohl auch, dass viele der dort vertretenen Street-Art-Künstler für die Petit-Palais-Ausstellung Werke beigesteuert haben.

Der Name der Ausstellung „We are Here“ verwendet nach den Worten der Ausstellungmacher einen Slogan, der in vielen historischen und aktuellen Kontexten wie den Kämpfen um Bürgerrechte in den USA verwendet wurde. Er unterstreiche den Anspruch der Street-Art-Bewegung auf Sichtbarkeit und Legitimität.

So wird die Ausstellung auch demonstrativ mit einer riesigen geflügelten Spray-Dose von D*Face, eröffnet, die in der großen Eingangshalle des Petit Palais platziert ist.

Flügeln, gewissermaßen Markenzeichen von D*Face, begegnet man danach auch bei anderen Ausstellungsstücken. So bei der Serie von Schmetterlingsflügeln Flutterdies & Splutterdies, für die D*Face alte Gebrauchsmaterialien wie Autotüren, Reklameschilder, Werbeplakate etc verwendet und dann weiterbearbeitet hat.

In der Schönheit und Kurzlebigkeit der Schmetterlinge sieht D*Face eine Paralle zur ephemeren Stree-Art.

…. mit Blick auf das Grand Palais….

Hier hat D*Face eine Statue von Denis Puech aus dem Jahr 1902 mit Kopfhörern und Flügeln ausgestattet. Puech hatte der Statue den Titel „La Pensée“ gegeben. Ob die mediale Berieselung via Kopfhörer jetzt das Nachdenken ersetzt hat?

Auch Beethoven hat in der Ausstellung Flügel erhalten.

Ich könnte mir vorstellen, dass Beethoven diese Büste und der Ort ihrer Aufstellung – unter einem Portrait Benjamin Franklins aus dem Jahr 1778 und zusammen mit einer älteren Houdon-Büste Voltaires im gleichen Raum-  durchaus gefallen hätte. Ihnen hat er gewiss nicht die Zunge herausgestreckt…

Eine prominente Rolle in der Ausstellung spielen auch Arbeiten von Shepard Fairey (Obey) – dem die Galerie Itinerrance gerade ein solo-Ausstellung widmet. [1]

Hier sein Bild „Peace and Justice Lotos Woman“ (2024):

Dazu Shepard Fairey:  „Das Bild Peace and Justice Lotos Woman ist vom Jugendstil (art nouveau) beeinflusst, dem vorherrschenden Stil, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Petit Palais gebaut wurde. Der Frieden ist ein zentrales Thema meiner Arbeit. Ich habe dazu während des Irak-Krieges viele Stile und Motive ausprobiert, auch den Jugendstil. Blumen sind ein häufiges Symbol in meinen Arbeiten. Sie repräsentieren positive Ideale wie die Gerechtigkeit und  die Harmonie mit der Natur. Die Verwendung stilisierter Blüten und Blätter im Jugendstil hat meine Ästhetik wesentlich beeinflusst.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung).

Von Fairey stammt auch das große Wandbild am Stravinsky-Brunnen in Paris, dessen Verwandtschaft mit der Lotusfrau unschwer zu erkennen ist.

Shepard Farey (Obey),  AK-47 Lotus: Die Blume im Gewehrlauf als Bild und Plastik

Dieses Bild Shepard Faireys ist insofern besonders bemerkenswert, als es sich auf ein Ausstellungsobjekt des Petit Palais bezieht, nämlich die Frau mit dem Affen von Camille Alaphilippe aus dem Jahr 1908.[2]

Fairey hat, wie er dazu erläutert, die nachdenkliche Haltung der Frau in sein Bild übernommen, auch das dekorative Motiv der Kleidung, aber er hat die weiße Frau von 1908 durch eine farbige Frau von 2024 ersetzt. Who is Put on a Pedestal? (Wer wird auf den Sockel gestellt?) hat er das Bild genannt. Zwar habe es in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen und Verbesserungen gegeben, was die Gleichheit der Geschlechter und der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe angehe. Aber es bleibe immer noch viel zu tun. Darauf wolle er mit seinem Bild aufmerksam machen. 

Umweltthemen spielen bei Shepard Fairey eine zentrale Rolle und er hat dazu in Paris auch schon monumentale Arbeiten angefertigt. So das große Wandgemälde Delicate Balance in der rue Jeanne d’Arc im 13. Arrondissement oder seine  Installation Earth Crisis unter dem Eiffelturm während der Pariser Uno-Klimakonferenz COP 21.

Für die Ausstellung im Petit Palais hat Fairey zu diesem Thema das Bild Bliss at the Cliff’s Edge (2024)  beigesteuert:

Dazu Shepard Fairey:  „Dieses Bild ist eine moderne Sicht einer romantischen Landschaft des 19. Jahrhunderts, wo die Badenden eine spektakuläre Umgebung genießen.  Die industrielle Revolution und die Entdeckung des Erdöls als Energiequelle bewirkten praktische Fortschritte wie eine Zunahme der Freizeit für viele Menschen. Damals sah man nur die Vorteile dieser Neuerungen. Heute ist sich die Wissenschaft einig: Die Verschmutzung durch Öl, Gas und Kohle schädigt unseren Planeten, sie führt zu Klimaerwärmung und extremen Wetterphänomenen. Wir stehen, bezogen auf die Verhinderung der Katastrophe, am Abgrund. Die Techniken sind vorhanden, aber es fehlt am Willen der Völker, die Zukunft der Erde und unserer Kinder vor die Bequemlichkeit und den Profit zu stellen.“ (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ein Werk Shepard Faireys ist auch die berühmte weinende Marianne. Fairey hatte nach den islamistischen Anschlägen von 2015 der Stadt Paris ein großes Marianne-Wandgemälde im 13. Arrondissement geschenkt, eine Hommage an die Ideale der Französischen Revolution, deren Devise  Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die französische Symbolfigur einrahmt.  

Im Dezember 2020 übermalte in einer Aufsehen-erregenden nächtlichen Aktion eine anonyme Gruppe diese Devise und ließ Marianne blutige Tränen weinen.Die Aktion verstand sich als Protest gegen die verschärften französischen Sicherheitsgesetze, die unter der Präsidentschaft Macrons als Reaktion auf den islamistischen Terror eingeführt wurden.

Fairey/Obey reagierte durchaus verständnisvoll auf diese spektakuläre Aktion: Er sei auf der Seite derer, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehrten, vor allem wenn es sich um Menschenrechte handele. Als er seine Marianne wieder in den ursprünglichen Zustand versetzte, fügte er gleichwohl eine (dezente) rote Träne hinzu. Und die ist auch auf dem in der Ausstellung präsentierten Plakat zu sehen.

Dies ist -ganz unverkennbar- eine Installation von Seth, der wie Fairey zu den prominentesten Pariser Street-Art-Künstlern gehört. Der „Turm von Babel“ (2018/2024) besteht aus einem Stapel von Büchern.

Dazu Seth: „Ich liebe die Bücher, sie sind eine Möglichkeit, andere Leben auszuprobieren, andere Universen. Als Kind habe ich ganz viel gelesen. Die Bücher haben mich reisen und unglaubliche Abenteuer erleben lassen und sie ermöglichten es mir, dem Grau zu entfliehen. Mit der Vervielfachung der Bildschirme liest man heute immer weniger. Die Bilder werden aber nie ganz die Worte ersetzen können. Bücher öffnen Türen zu Welten der Phantasie. Sie sind Notausgänge, die uns die Flucht aus dem Alltag ermöglichen.“  (Aus dem Begleittext der Ausstellung)

Ganz oben auf dem Bücherstapel sitzt ein kleiner Junge, der mit seinem Kopf in bunte Phatasiewelten eintaucht – ein bei Seth häufiges Motiv, wie auch das nachfolgende, im gleichen Raum der Ausstellung präsentierte Bild zeigt.

In einem Großformat Seths am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement ist es ein kleiner neugieriger Junge, „der auf die andere Seite der Mauer blickt“  und  „mit Licht und Farbe die umliegenden Häuser bestrahlt. Die Macht der Vorstellung verändert unsere Umgebung.“ (Seth)

Das Bild weibliche Gottheit in Gold von Hush (2024) hängt neben dem Portrait de Madame Edgard Stern von Charles Auguste Emile Durant aus dem Jahr 1889. Durant war der Maler par excellence der eleganten Pariserin seiner Zeit.

Einen Kontrapunkt dazu setzt der portugiesische Künstler Vhils mit seiner Arbeit und den Austellungsstücken im Petit Palais, auf die er sich bezieht.

Bekannt ist Vhils durch seine in den Verputz von Wänden gekratzten Arbeiten, etwa auf einer Gartenhütte im Park der Villa Carmignac auf Porquerolles. Im Petit Palais hat er Werbeplakate zusammengeklebt und darauf das Portrait einer verhärmten Frau eingeritzt. Das bezieht sich auf Sans asyle, das Bild einer wohnsitzlosen erschöpften Mutter mit ihren Kindern von Fernand Pelez aus dem Jahr 1883. [3]

Hinter dem kleinen Jungen mit zerrissenen Hosen sind Fetzen von Plakaten zu erkennen, die für ein großes Fest (Grande Fête) werben: Extreme Armut ist die Kehrseite einer Belle Époque des Luxus und der Feste, die Pelez in seinen Bildern zeigt. Angeregt durch die grand-fête-Plakate auf diesem Bild stellte Vhls ein Konvolut von Werbeplakaten zusammen und ritzte darauf das -nur schwer erkennbare- Portrait der Mutter ein: „Die im Dunkeln sieht man nicht“ (Brecht) – eine Botschaft, die gerade zur Zeit der Olympischen Spiele Bedeutung hat, wo Wohnsitzlose, Bettler, Drogenabhängige und andere aus Paris verbannt werden, um keinen Schatten auf das olympische Fest zu werfen. [4]

Portugiese ist auch der Street-Artist Add Fuel. Mit einer Serie von großen, aus kleinen Keramikplatten zusammengesetzten Formaten (Multilogue) hat er das Treppenhaus des Petit Palais mit dem feinen Jugendstil-Geländer und der Couronne de la nuit aus buntem Murano-Glas von Jean-Michel Othoniel weiter ausgeschmückt. Insgesamt entsteht so eine „visuelle Sinfonie“, wie es im Begleittext heißt. Die Verwendung von Keramik und die dominante Farbe Blau sind typisch für Add Fuel, der auch zwei Häuserfassaden am Boulevard Vincent Auriol im 13. Arrondissement gestaltet hat.

Dieses kalligraphische Bild (Acrylfarben 2024)ist ein Werk von El Seed, einem franco-tunesischen Künstler. Er verwendet die arabische Kalligraphie „um Botschaften des Friedens und der Einheit zu verbreiten  und die Gemeinsamkeit der Menscheit auszudrücken.“  (Wikipedia)  In der Pariser Cité universitaire hat er auf diese Weise auch die Fassade des Maison de Tunisie gestaltet.[5]

Ein Blickfang und im wahrsten Sinne des Wortes ein Höhepunkt der Ausstellung ist das Bild dieser monumentalen Madonna – es hat mit seinem Rahmen eine Höhe von 7 Metern-  des peruanischen Street-Art-Künstlers Inti – aufgestellt hinter dem Entwurf eines Grabmals für den 1851 auf einer Barrikade des Faubourg Saint-Antoine erschossenen Armenarzt und Republikaner Baudin. [6]

Sein Titel, bei diesem Motiv überraschend und verstörend, ist Encomendacion, also Befehl. Was es damit auf sich hat, erklärt Inti: In der Zeit der spanischen Kolonisation Südamerikas erhielten viele einheimische Künstler den Auftrag beziehungsweise Befehl, auf der Grundlage von damals weit verbreiteten schwarz-weißen Grafiken der Kolonialmacht Bilder für die neu errichteten Kirchen zu malen. Auf diese Weise sollte das Christentum im Einklang mit der  ikonographischen Tradition  von Kirche und Krone verbreitet werden. Inti zitiert aus einem solchen Vertrag:

„Am 5. Tag des Dezembers des Jahres 1583 hat er sich verpflichtet, ein Altarbild für die Kirche Notre-Dame de la  Solitude in Cuzco zu malen, mit Ölfarben und doppeltem goldenen Rahmen, entsprechend einer ihm übergebenen Abbildung ohne jede Veränderungen.“ Intis Madonnenbild hat dementsprechend einen breiten goldenen Rahmen. Und goldfarben ist auch der Heiligenschein Marias.

Foto: Frauke Jöckel

Aber die Gier der Eroberer nach Edelmetallen hatte einen hohen menschlichen Preis: Das macht Inti deutlich mit Totenkopfornamenten auf dem goldenen Rahmen. Und er hat sich eine Freiheit genommen, die die damaligen indigenen Künstler nicht hatten:

Da huldigen barocke Engelchen der Maria…

… daneben und darunter verweisen die Totenschädel auf die vielen Opfer von Eroberung, Ausplünderung und Zwangsmissionierung.  

In ihren Händen trägt Maria nicht das Jesuskind, sondern einen als Schale dienenden Totenschädel. Man kann spekulieren, was darin enthalten ist bzw. was die dort enthaltenen Dinge bedeuten. Eindeutig ist allerdings der Patronengürtel, den Maria um die Schultern trägt…

Foto: Frauke Jöckel

Welch ein Kontrast zu der Jungfrau mit Engeln (1900) des zu seiner Zeit sehr geschätzten französischen Malers William Bouguereau, die neben der antikolonialistischen Maria Intis hängt!

Ganz bewusst platziert ist auch das Bild Conor Harringtons „Down with the king“ – nämlich in einem Raum mit Gemälden, die die Volksbewegungen von 1789 bis 1830 in Frankreich verherrlichen.

Harrington präsentiert, unverkennbar, einen allerdings verfremdeten französischen König: ausgestattet und umgeben von aktuellen Insignien und Gegenständen wie Billardstock, Lautsprecher, Schlagzeug und Fernseher. Auf dem erscheint der französische Fußball-Star Mbappé bei der Feier der Fußballweltmeisterschaft 2018. Dazu Harrington: „Indem es historische Motive mit Symbolen heutiger Kommunikation und Macht verbindet, wirft mein Bild die Frage nach den Formen der Macht in unserer heutigen Kultur auf und wer es verdient, gefeiert zu werden.“ Das Bild hängt beziehungsreich über dem Entwurf eines Denkmals für einen französischen Marschall aus den Jahren 1861/64. [7]

Nicht fehlen darf in einer solchen Ausstellung natürlich der Invader, der gerade dabei ist, in den Ausstellungsräumen des Petit Palais zu landen.

Vor allem den nachfolgenden großen Saal des Petit Palais hat er eingenommen, in dem, anders als in den anderen „gemischten“ Räumen, dicht an dicht Street-Art-Bilder präsentiert werden.

Hier nur einige Beispiele:

Maye

Shoof

California blink 182

Shepard Farey/Obey

BTOY: Josephine Baker

Yrak

Pantonio

Ad fuel und Jana & JS

Mariusc Waras

Seth

… bis zum nächsten Mal im Petit Palais…

Praktische Informationen:

We are here. Ausstellung im Petit Palais vom 12. Juni 2024 bis zum 17. November 2024

Avenue Winston Churchill 75008 Paris

https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/we-are-here   

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr (Mögliche Änderungen wegen der Olympischen Spiele: siehe Website)

freier Eintritt


[1] https://www.sortiraparis.com/en/what-to-visit-in-paris/exhibit-museum/articles/192431-shepard-fairey-aka-obey-swan-song-exhibition-at-galerie-itinerrance-in-paris

[2] Siehe dazu: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/la-femme-au-singe#infos-principales  

[3] https://www.petitpalais.paris.fr/expositions/fernand-pelez  Nachfolgendes Bild (Sans asyle, 1883) aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/sans-asile#infos-principales

[4] Siehe zum Beispiel https://www.france24.com/fr/sports/20240613-ile-de-france-avant-jo-paris-2024-%C3%A9vacuation-sans-abri-amplifi%C3%A9e-jeux-olympiques (13.6.2024)

Des migrants et sans-abris expulsés pour faire place aux Jeux olympiques de Paris. Radio Canada 19.7.2024 https://www.youtube.com/watch?v=YZK0ncI-7CA

Siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2024/04/01/wimmelbild-und-suchspiel-das-offizielle-olympiaplakat-paris-2024-was-zu-sehen-ist-und-was-nicht/

[5] https://street-art-avenue.com/2013/12/el-seed-maison-de-tunisie-paris-5971

[6] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/petit-palais/oeuvres/monument-funeraire-d-alphonse-baudin-detail-d-aime-millet-petit-palais-galerie#infos-principales

Zu Baudin siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] https://www.petitpalais.paris.fr/oeuvre/esquisse-pour-un-monument-au-marechal-moncey  

Weitere Blog-Beiträge zur Pariser Street-Art:

Die Fontaine des Innocents, ein Kleinod der Renaissance im Zentrum von Paris: frisch renoviert und mit einer Ausstellung im Musée Carnavalet gewürdigt

2023/2024 wurde die wunderbare Fontaine des Innocents im Viertel der Pariser Hallen zwischen dem Centre Pompidou und dem Verkehrs- und Einkaufszentrum Les Halles renoviert.  Seit Ende Juni 2024 erstrahlt sie nun wieder in neuem Glanz.[1]

Der Brunnen steht auf der kleinen etwas abseits der Menschenströme gelegenen place Joachim du Bellay. Dort kann man sich an den Brunnenrand setzen, dem plätschernden Wasser zuhören….

Fotos: Wolf Jöckel

….oder sich in den Schatten der den Brunnen umgebenden Bäume setzen und den plastischen Schmuck des Brunnens, vor allem die acht graziösen Nymphen, bewundern.

Fotos: Wolf Jöckel

Aus Anlass der Renovierung widmet das Musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, bis zum 25.08.2024 der Fontaine des Innocents eine kleine, aber feine Ausstellung.[2]

Aus mehreren Gründen lohnt es sich, die Fontaine des Innocents etwas genauer zu betrachten:

  • Ihr Schöpfer, Jean Goujon, war einer der bedeutendsten Bildhauer der französischen Renaissance
  • Seit dem 18. Jahrhundert galt der Brunnen als eine der wesentlichen Pariser Sehenswürdigkeiten
  • Die von Goujon geschaffenen Skulpturen haben eine große Ausstrahlung gehabt und spätere Künstler nachhaltig beeinflusst
  • Der Brunnen hat eine höchst wechselhafte Geschichte, in der sich die radikale Transformation des Pariser Zentrums spiegelt
  • Zusammen mit der benachbarten Fontaine Stravinsky erstrahlen jetzt zwei der schönsten Pariser Brunnen, einer der ältesten[3] und einer der jüngsten, in neuem Glanz und lohnen einen Besuch.

Jean Goujon: Der Einzug der Renaissance nach Paris

1544 erhält der aus den Normandie stammende Bildhauer Jean Goujon seinen ersten Auftrag in Paris, und dies ist auch gleich ein sehr bedeutsamer: Es geht um den Lettner der direkt neben dem Louvre gelegenen Kirche Saint Germain l’Auxerrois. Der Lettner trennte den der Geistlichkeit vorbehaltenen Chor der Kirche von dem Langhaus, zu dem die „normalen“  Gläubigen Zugang hatten.  Auf der für sie sichtbaren Seite des Lettners gestaltete Goujon fünf Reliefs: die vier Evangelisten und eine Beweinung Christi.[4]

Der vom Kreuz genommene Jesus ist modelliert wie ein Olympionike der griechischen Kunst. Dass die Antike hier Pate gestanden hat, ist wohl offenkundig. Foto: Wolf Jöckel

Noch deutlicher wird dies bei der zweiten großen Pariser Arbeit Goujon, die im Zusammenhang steht mit der Umgestaltung des Louvre. Die ursprüngliche Festungsanlage mit einem großen Bergfried soll unter König François I zu einem königlichen Palast nach italienischem Vorbild umgestaltet werden: Eine Mammutaufgabe! 1846 erhält der Architekt Pierre Lescot den entsprechenden Auftrag, und wie schon bei dem Lettner von Saint Germain l’Auxerrois zieht er Jean Goujon als Bildhauer heran. Zentrum der unter seinem Sohn Henri II fortgesetzten und fertiggestellten Arbeiten ist der riesige königliche Ballsaal, mit dem die Renaissance in Paris ihren Einzug hält. Unverkennbar ist das an der Tribüne für die Musiker, die von vier Karyatiden, Säulen in Gestalt weiblicher Figuren, getragen werden- ein Werk Jean Goujons. Vorbild waren dabei die Karyatiden des Erechteion-Tempels auf der Akropolis und -in deren Nachfolge- die des Augustus-Forums in Rom.[5]

Dieser Saal wird schnell zum Zentrum des neuen königlichen Palasts: Am 18. August 1572, kurz vor der Bartholomäusnacht, wird hier die Hochzeit des jungen Henri von Navarra, des späteren Königs Henri Quatre, mit Marguerite de Valois gefeiert[6] – und 1658 tritt hier um ersten Mal Molière vor Henri Quatres Enkel Ludwig XIV. auf ….

Heute sind im Karyatiden-Saal des Louvre antike Kunstwerke ausgestellt. (Sully-Flügel, Saal 348)[7] 

Die Fontaine des Innocents : Brunnen und royale Ehrentribüne

1548 beginnt der Bau eines neuen Brunnens, der das Stadtviertel rund um Kirche und Friedhof der Innocents (benannt nach den ermordeten Kindern von Bethlehem) mit Wasser versorgen soll. Es ist wieder ein prestigeträchtiger Auftrag für Jean Goujon, vermutlich wieder in Verbindung mit dem Architekten Pierre Lescot. Der Brunnen liegt an dem Weg zwischen der Basilika von Saint-Denis und dem königlichen Palast. Als König Henri II mit seiner Frau Katharina von Medici 1549 in Paris einzieht, kommt er mit seinem Gefolge an der neuen Fontaine des Innocents vorbei. Und der neue Brunnen ist für solche festlichen Ereignisse speziell ausgerichtet.[8]

Es war nämlich nur der untere Teil des an einer Straßenecke gelegenen Baus, der als Brunnen diente. Darüber aber – und weit raumgreifender- erhob sich eine Loggia nach italienischem Vorbild, die man über eine Treppe erreichte; ein hervorragender Logenplatz für die Beobachtung des Einzugs Henris II. und späterer Festlichkeiten. 

Zeitgenössischer Stich der beiden Fassaden des Brunnens von JacquesAndrouet du Cerceau(1511?-1586)[9]

Dass der Brunnen zu Ehren von Henri II errichtet wurde, hat Gujon entsprechend in Stein gemeißelt.  

Foto: Wolf Jöckel

Der Figurenschmuck Jean Goujons

In einer ersten zeitgenössischen Würdigung wird der Bau als „einzigartiges Werk“ gewürdigt, „aus gutem weißen Stein, überaus sorgfältig ausgeführt und durch Figuren bereichert.“ [9a] Der Figurenschmuck Jean Goujons hatte als gemeinsamen Nenner das Wasser: Muscheln, Delphine, Nymphen, Tritone und andere mythologische Meeresbewohner- möglicherweise das erste Beispiel einer Darstellung mythologischer Figuren im öffentlichen Raum Frankreichs.[10] Wegen der Nymphen-Reliefs Jean Goujons, die den Brunnen schmücken, wurde die Fontaine des Innocents auch Fontaine des Nymphes genannt.

Die drei unteren horizontalen Reliefs, heute in der Ausstellung und dann im Louvre zu bewundern, verherrlichen die Ozeane: Das verdeutlichen die wilden Geschöpfe, auf denen kleine Genien reiten:

Alle Fotos des Figurenschmucks: Wolf Jöckel

Ein kleiner Genius mit Fischen auf einem Hippokamp

Ein anderer reitet auf einem Meeresdrachen[11]

Aber es gibt auch elegante liegende Nymphen…

….und eine Nymphe und einen Triton beim Liebesspiel

Die zwischen den Arkaden platzierten aufrecht stehenden Nymphen repräsentieren Flüsse.

Aus den Kannen, die sie tragen, fließt das Wasser.

Eine der Nymphen hält ein Ruder in der Hand:

Der Brunnen als Pariser Sehenswürdigkeit

Aufgrund seiner exponierten Lage, seiner Doppelfunktion als Brunnen und Tribüne, und vor allem seiner außergewöhnlichen und modernen Gestaltung und eleganten Ausschmückung wurde der Brunnen bald zu einer Attraktion der Stadt und auch in Reiseführern entsprechend gewürdigt.

Ein Reiseführer aus dem Jahr 1752: Beschreibung der Stadt Paris und all dessen, was sie an Bemerkenswertem enthält.

In diesem Gemälde hat der berühmte „Ruinenmaler“  Hubert Robert 1789  in freier Anordnung bedeutende Pariser Bauwerke zusammengestellt, zu denen auch die einige Jahre zuvor umgestaltete Fontaine des Innocents gehört.[12] Rechts daneben die Medici-Säule (heute an der Bourse de Commerce/Sammlung Pinault), links die zu Ehren Ludwigs XIV. errichtete porte Saint-Denis. Bei dem Reiterstandbild in der Mitte handelt es sich wohl um eine Darstellung der -noch nicht gestürzten- Statue Ludwigs XIV. hoch zu Ross auf der Place Vendôme. Dahinter der Louvre und die Kirche Sainte-Geneviève (das spätere Pantheon), die 1789 noch das höchste Bauwerk der Stadt war. Bemerkenswert übrigens, dass die -damals allerdings arg heruntergekommene und als gotisches Bauwerk wenig renommierte- Kathedrale Notre-Dame von Robert nicht berücksichtigt wurde.[13]

Die Ausstrahlungskraft der Skulpturen

Der Skulpturenschmuck Jean Goujons hat viele spätere Künstler nachhaltig beeinflusst. Hier einige Beispiele:

Im Hof des in den 1620-er Jahren im Marais errichteten Hôtel de Sully sind an den Wänden der Seitenflügel allegorische Darstellungen der vier Elemente zu sehen. Die Allegorie des Wassers, zu deren Füßen ein Delphin schwimmt, ist ganz offenkundig von der Fontaine des Innocents beeinflusst, erreicht aber bei weitem nicht die Eleganz der Goujon’schen Nymphen.

Foto: Wolf Jöckel

In der Carnavalet-Ausstellung ist auch ein Relief von David d’Angers ausgestellt: die hingelagerte Nymphe Tetis, die ihrem Sohn Achill, dem Helden von Troja, gerade einen von Hephaistos geschmiedeten Helm reicht.

Foto: Wolf Jöckel

In der beigefügten Informationstafel wird ausdrücklich auf den Einfluss der Reliefs Jean Goujons von der Fontaine des Innocents hingewiesen.  Dies gilt auch für das Gemälde Ingres‘ „La Source“ (Die Quelle) aus dem Jahr 1856. Wie bei der Allegorie des Wassers im Hôtel de Sully entspricht die Haltung des Armes der einer Nymphe Goujons, die Ingres, so die beigefügte Informationstafel,  schon 1806 gezeichnet hatte.[14]

Dass das Motiv der Quellnymphe bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat, bestätigt übrigens der Invader mit seinem entsprechenden Mosaik in Montauban, dem Geburtsort Ingres‘.[15]

Die Transformationen des Brunnens und seiner Umgebung

1756 wurden in Paris Bestattungen im Stadtgebiet (intra muros) untersagt. Der Friedhof der Innocents wurde also aufgehoben, die Überreste der dort Beerdigten geborgen und in die Katakomben überführt, die Kirche zerstört. Der frei gewordene Platz diente seit 1785 als Obst- und Gemüsemarkt.

Da inzwischen der Brunnen aber als bedeutendes Kunstwerk allgemein anerkannt war, blieb er erhalten und inmitten des neuen Marktes, der „place du marché des Innocents“, neu aufgestellt. Entsprechend dieser zentralen Lage erhielt er die Gestalt eines Pavillons mit einem quadratischen Grundriss. Dafür schuf Augustin Pajou drei neue Nymphen-Reliefs, die sich an den Vorbildern Goujons orientierten. Der ursprüngliche Sockel wurde durch eine Reihe übereinander angeordneter Becken ersetzt, die dazu dienen, das Wasser aufzufangen, das aus einem Bronzebecken in der Mitte des Pavillons entspringt.

Der Brunnen ist jetzt Zentrum eines belebten Viertels. Hier wurde am 18. September 1791 die neue Verfassung proklamiert, die Frankreich in eine (kurzlebige)  konstitutionelle Monarchie verwandelte.

Radierung von Pierre-Gabriel Berthault [16]

Durch den Anschluss des Brunnens an den neuen Canal de l’Ourcq 1808 erhöhte sich das Wasseraufkommen erheblich: ein Segen für den Markt, eine drohende Katastrophe für die liegenden Nymphen der Reliefs Goujons, die deshalb ins Louvre überführt wurden.

John Jamas Chalon, Le Marché et la Fontaine des Innocents (1822). Musée Carnavalet

50 Jahre später: erneute Veränderung. Im Zuge des Stadtumbaus des Barons Haussmann verschwindet der Markt mit seinen offenen Marktständen und es entstehen die Markthallen Baltards aus Eisen und Glas, von Zola in seinem Roman Le Ventre de  Paris (1873) wegen ihrer Modernität gerühmt.  Auf dem früheren Marktgelände entsteht 1860 ein neuer kleiner Platz, la place Joachim-du-Bellay, mit der -erneut versetzten- fontaine des Innocents in seinem Mittelpunkt. Dabei wird auch der Sockel des Brunnen-Pavillons neu gestaltet.

René Giton, Blick auf den square des Innocents 1947

Die letzte große Veränderung vollzieht sich dann Anfang der 1970-er Jahre mit der Verlegung des Großmarkts nach Rungis und der Zerstörung der Pavillons von Baltard. Es entsteht das riesige unterirdische Einkaufszentrum Forum des Halles und die ebenso riesige neue unterirdische RER-Bahnstation Châtelet-Les Halles mit dem geschwungenen Canopée-Dach. Diesen Bauarbeiten fallen die Bäume um den Brunnen zum Opfer, er selbst bleibt an seinem Platz, weil er eine nochmalige Versetzung wohl schwerlich überlebt hätte. Der Platz um den Brunnen wird nun betoniert, es entsteht eine neuer „place minérale“.

Dieser Platz ist nun im Zuge der Renovierung des Brunnens und im Einklang mit einer klimagerechten Stadtplanung, die sich die Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf ihre Fahnen geschrieben hat, neu angelegt und begrünt worden. Und nachdem die Baugerüste entfernt und die Zäune gefallen sind, erstrahlt einer der älteste monumentalen Brunnen von Paris nun wieder in wohl verdientem neuen Glanz.

Foto: Wolf Jöckel

Und von hier aus sind es nur wenige Schritte zu einem der neuesten Brunnen von Paris, der ebenfalls kürzlich renovierten fontaine Stravinsky von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou…

Foto: Wolf Jöckel


Anmerkungen:

[1] https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-des-innocents-est-l-une-des-plus-anciennes-de-la-capitale-26746

[2] https://www.carnavalet.paris.fr/expositions/la-fontaine-des-innocents-0

Siehe auch: Helmut Mayer, Der Nymphen bewegte Geschichte. Die Fontaine des Innocents im Quartier Les Halles ist der älteste monumentale Brunnen von Paris. Anlässlich seiner gerade abgeschlossenen Restaurierung zeichnet eine Ausstellung im Musée Carnavalet seine Geschichte nach. In: FAZ vom 30. Juli 2024

[3] Laut Le Parisien vom 22. November 2022 sogar la plus ancienne fontaine de Paris  https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-avec-la-restauration-de-la-fontaine-des-innocents-cest-toute-la-place-joachim-du-bellay-qui-va-revivre-22-11-2022-SY4J2X4TDJEPRGYL4VZERX6PQE.php

[4] Zum Leben und zur Bedeutung Goujons siehe

Bedeutung Jean Goujons  https://museeprotestant.org/notice/jean-goujon-c-1510-1567/

[5]  https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

Bild aus: https://www.meisterdrucke.lu/fine-art-prints/Jean-Goujon/948146/Architecture-Renaissance-%3A-le-balcon-des-Cariatides.-Sculpture-en-pierre-de-Jean-Goujon-%281510-1567%29-XVIe-si%C3%A8cle-Paris%2C-Mus%C3%A9e-du-Louvre.html  

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Mariage_d%27Henri_IV_dans_la_salle_des_Caryatides.jpg  Leider gibt es dort keine weiteren Angaben zu dem Bild  (Maler, Datierung, Aufbewahrungsort). Ich habe es trotzdem wegen seiner Anschaulichkeit verwendet. s.a. https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/257930-ephemeride-du-18-aout-a-paris-le-mariage-d-henri-iv-a-notre-dame-de-paris

[7] Bild aus: https://www.louvre.fr/decouvrir/le-palais/au-coeur-du-palais-de-la-renaissance

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fontaine_des_Innocents#/media/Fichier:Fontaine_des_Innocents2.jpg  Ebenfalls präsentiert während der Bauarbeiten des Brunnens auf dem Bauzaun.

[9] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b525039123

[9a] Zit. von Helmut Mayer in FAZ vom 30. Juli 2024

[10] Informationstafel zu den Reliefs im Louvre

[11] https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010091945

[12] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Hubert_Robert_-_The_Monuments_of_Paris_-_1789.jpg

[13] In der Nachfolge Roberts hat Pierre François Léonard Fontaine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „die bemerkenswertesten (historischen) Bauwerke von Paris“ in einer Zeichnung dargestellt. Auch da ist die Fontaine des Innocents berücksichtigt – und Notre Dame, inzwischen dank Victor Hugo rehabilitiert und geadelt- überragt jetzt sogar das Pantheon. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b530829625/f1.item 

[14] Eine entsprechende Abbildung bei: https://www.meisterdrucke.fr/fine-art-prints/Jean-Auguste-Dominique-Ingres/1099855/Une-nymphe-%28graphite-sur-papier%29-%28pour-la-paire-voir-283230%29.html

[15]Bild aus:  http://solexine.over-blog.fr/2017/10/montauban-sur-les-traces-de-space-invader.html

[16] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Proclamation_de_la_Constitution,_place_du_March%C3%A9_des_Innocents.jpg#:~:text=Fran%C3%A7ais%20%3A%20Proclamation%20de%20la%20Constitution,et%20non%20le%2014%20septembre.  Anders als auf der Radierung angegeben, fand die Verfassungsproklamation am 18. September statt.

Das Feuerwerk zum 14. Juli 2024 in Paris im Zeichen der Olympischen Spiele

Wie immer fand auch diesmal das traditionelle Pariser Feuerwerk zum Nationalfeiertag am Eiffelturm statt. Während sonst aber hunderttausende Schaulustige das Feuerwerk vom Marsfeld oder dem Trocadero betrachten konnten, war das diesmal wegen der Aufbauten für die Olympischen Spiele nicht möglich.

Wir hatten aber Gelegenheit, das Feuerwerk bei Freunden von einer Dachterrasse in Montparnasse betrachten zu können. Hier einige Eindrücke.

Der Eiffelturm mit den ölympischen Ringen im Abendlicht: Bald wird das Feuerwerk beginnen.

Jetzt ist es soweit: Am Fuß des Eiffelturms wird das Wappen der Stadt Paris in den Himmel gezeichnet: Ein Schiff auf den Wellen mit der Devise: Fluctuat nec mergitur/Sie schwankt, aber geht nicht unter. .

Von unserem Platz in Montparnasse aus ist die Schrift allerdings nur leicht verdeckt und seitenverkehrt zu sehen: Das Feuerwerk ist traditionell nach Nord-West zum Trocadero ausgerichtet.

Das Feuerwerk steht diesmal ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Hier wird eine Läuferin mit der olympischen Fackel in den Himmel gezeichnet: Die ist seit dem 8. Mai auf einer tour de France und kam rechtzeitig zum Nationalfeiertag in Paris an. Am 15. Juli wird die doppelte Judo-Olympiasiegerin Clarisse Agbégnénou die Fackel bis auf die Spitze des Eiffelturms tragen.

Die Schuhe der Auserwählten, die die olympische Fackel durch Frankreich tragen durften…

Die Figuren wurden mit Hilfe von 1100 Dronen in den nächtlichen Himmel gezeichnet. Eine spektakuläre Neuerung beim Pariser Feuerwerk.

Olympische Sportarten: Im Handball gehören die Franzosen zu den Favoriten.

Etwas bleu-blanc-rouge darf gegen Ende natürlich auch nicht fehlen….

Zum krönenden Abschluss werden die olympischen Ringe in den Himmel geschrieben- am Anfang sogar farbig – allerdings aus unserer Sicht natürlich wieder seitenverkehrt.

Nach 20 Minuten Ende und Beifallklatschen. Es hat sich einmal mehr bestätigt, dass es in Frankreich seit Ludwig XIV. wahre Meister der Feuerwerkskunst gibt. Jetzt kann man den Franzosen und uns allen nur noch einen friedlichen, erfolgreichen und schönen Verlauf der Olympischen Spiele wünschen!

Ein“verwandter“ Beitrag zum 14. Juli aus dem Jahr 2020:

und zwei Beiträge zu den Olympischen Spielen in Paris:

Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert

Deutschland ist, so hat es kürzlich der deutsche Bundespräsident formuliert, ein „Land mit Migrationshintergrund“.[1] Dabei bezog er sich auf die vielen Migranten, die vor allem in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Zu dem Migrationshintergrund Deutschlands gehören aber auch die Deutschen, die ihre Heimat, vor allem im 19. Jahrhundert,  zeitweise oder dauerhaft verlassen haben. Bekannt ist da in erster Linie die massenhafte Auswanderung nach Amerika. Weniger bekannt dagegen ist, dass es auch eine bedeutende deutsche Migration nach Frankreich, vor allem nach Paris, gegeben hat. (Unter deutscher Migration wird hier wie in der zugrunde liegenden Literatur deutschsprachige Migration verstanden).

Auch in der neuen viel gerühmten  Dauerausstellung des Pariser Immigrationsmuseums, des  Musée national de l’histoire de l’immigration[2], im höchst eindrucksvollen Palais de la Porte Dorée ist die deutsche Migration nach Frankreich kaum und die ins Paris des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht präsent. Das mag verständlich sein in Anbetracht wesentlich bedeutenderen Migrationsbewegungen nach Frankreich im Verlauf der neuzeitlichen Geschichte. Man denke nur an die Migranten aus Polen, Portugal, Italien, Nordafrika, den (ehemaligen) Kolonien in Afrika und Südostasien etc.  Insofern ist der nachfolgende Beitrag auch als Ergänzung zu der Ausstellung im Palais de la Porte Dorée zu verstehen.

Foto: Pascal Lemaître

Sitz des Museums ist seit 2007 das ehemalige Hauptgebäude der französischen Kolonialausstellung von 1931, das danach als Kolonialmuseum diente. Es ist ein herausragender Bau des Art Deco-Stils. Auf den Reliefs der Fassade wird dargestellt, wie sehr und auf wie unterschiedliche Weise Frankreich von seinem großen Kolonialreich profitiert habe. In den Wandmalereien im Innern wird Frankreich als segensreiche Kolonialmacht gefeiert [3] Einen besseren Ort für ein Museum der Einwanderung hätte man kaum finden können und einen besseren Zeitpunkt für die Neukonzeption der Ausstellung auch nicht: Ist doch Anfang 2024 in Frankreich ein neues Immigrationsgesetz (loi d’immigration) verabschiedet worden, das 117. seit 1945 (!). Ziel des Gesetzes war es ursprünglich -entsprechend dem Macron’schen Prinzip des en même temps– einerseits „die Einwanderung zu kontrollieren“, andererseits aber auch die „Integration zu verbessern“. Diese zweite Zielsetzung blieb dann allerdings in den parlamentarischen Beratungen und Entscheidungen auf Druck der für eine Parlamentsmehrheit erforderlichen Opposition auf der Strecke. Marine le Pen konnte sich die Hände reiben bzw in der Nationalversammlung zustimmend ihre Hand heben… Erst durch eine Notbremse des Conseil constitutionnel, des französischen Verfassungsgerichts, wurde das Gesetz wieder etwas entschärft. [3a]

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Foto: Wolf Jöckel

Nun aber zu Heinrich Heine, Börne, den deutschen Handwerkern und Dienstmädchen: Deutschsprachige Immigranten bildeten im 19. Jahrhundert über  mehrere Jahrzehnte hinweg die mit Abstand größte Gruppe von Ausländern in Paris. Um 1848 gab es mehr als 80 000 Deutsche, ja sogar an die 100 000, in Paris. Und allein die Anfang 1848 offiziell erfassten 62 000 Deutschen stellten 5 Prozent der Pariser Bevölkerung.[4] 

Die Unterschiede zwischen offiziellen und geschätzten Zahlen beruhen unter anderem darauf, dass weibliche Beschäftigte, Wäscherinnen oder Hausmädchen, in kaum einer Statistik erfasst wurden. Dazu kam, dass nach dem Krieg 1970/1871 deutsche „Gastarbeiter“ sich oft als Schweizer oder Österreicher ausgaben, um nicht Rachegelüsten der durch die Niederlage gedemütigten Franzosen Vorschub zu leisten.[5] Große quantitative Einschnitte der deutschen Migration sind in dem Schaubild deutlich zu erkennen: Zuerst durch die wirtschaftliche und politische Krise der Februar-Revolution von 1848 in Paris und die Märzrevolutionen in Deutschland, die viele Migranten zur Rückkehr in die Heimat veranlassten; dann die Kriege von 1871 und 1914, die eine Ausweisung deutscher Staatsbürger aus Frankreich zur Folge hatten. (Erst 1939 kam es zur massenhaften Internierung von Deutschen, auch derer, die in Frankreich vor der Verfolgung durch die Nazis Schutz gesucht hatten).

Am bekanntesten sind unter den deutschen Paris-Migranten des 19. Jahrhunderts Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller wie Heinrich Heine und Ludwig Börne, für die Paris ein Zufluchtsort vor Verfolgung und Zensur war. Das Gros der deutschen Paris-Migranten bildeten aber Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner und Hausangestellte, meist einfache, arme Leute: eine „vergessene Migration“, wie es Mareike König im Untertitel ihres grundlegenden Sammelbands formulierte.

Nach einem Blick auf die politische und intellektuelle Emigration soll auf diese „vergessene Migration“ eingegangen werden.

Paris als Zentrum politischer Migration aus Deutschland im 19. Jahrhundert

Politisch Verfolgte aus den deutschen Ländern suchten und fanden insbesondere in den 1830er und 1840er Jahren in der französischen Hauptstadt die damals in weiten Teilen Deutschland unterdrückte Freiheit. Es war die Zeit des Vormärz,  der Epoche vor der Revolution von 1848, die in Deutschland von politischer Unterdrückung und Zensur geprägt war, in Frankreich dagegen von einem revolutionären Aufbruch: 1830 wurden in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Zwar blieb Frankreich eine Monarchie, aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern amtierte der neue Regent nicht mehr als König von Frankreich und Navarra, sondern -ein Hinweis auf das neue Prinzip der Volkssouveränität- als König der Franzosen. Die Monarchie Lous-Philippes, so witzelte man in Paris, sei die beste Republik.[6] Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [7] 

Während eines Besuchs auf Helgoland erfuhr Heinrich Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und war außer sich vor Begeisterung: „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“ [8]

Die Julirevolution von 1830 feierte er mit diesen begeisterten Worten:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“ [9]  

Am 1. Mai 1831 reiste Heine, 33 Jahre alt, nach Paris, wo er, abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg,  bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 blieb. Für Heine war Paris  eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“.   „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“ 

Heine sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt. Er reiste ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“. Als er von einer seiner kurzen Reisen in die alte Heimat zurückkehrte, schrieb er:

„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich an den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzen nichts anderes als ein französisches Deutschland.“ [10]   

Und auch als die Blütenträume der Juli-Revolution verwelkten, gab es in Frankreich immer noch mehr Freiheiten als in anderen europäischen Staaten. Und so konnte Heinrich Heine noch 1844 in seinen Nachtgedanken, als ihn der nächtliche Gedanke an Deutschland um den Schlaf brachte, schreiben: „Gottlob! Durch meine Fenster bricht/Französisch heit’res Tageslicht.“

Der politische Publizist Ludwig Börne aus Frankfurt am Main hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819, während seines ersten Aufenthalts, schrieb er:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“ [11]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz des Bourbonen Karls X. während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur wenige Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert, schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy. Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

Börne, der sich in Paris vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum überzeugten Republikaner wandelte, nahm regen Anteil an den politischen Entwicklungen in Deutschland und  an den Versuchen zur Gründung einer deutschen Oppositionspartei in Paris. Ganz besonders lag ihm die geistige und politische Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich am Herzen. Die deutsch-französische Verständigung war ein zentrales gemeinsames Anliegen der politischen Emigration. Deren Vorteile wurden vor allem in einer fruchtbaren Verbindung von Theorie und Praxis gesehen. Die Idee war einfach: Die philosophisch beschlagenen Deutschen wollten sich den politischen Mut der Franzosen borgen.  „Selbst unsere Philosophie, worin wir jetzt einen Schritt voraus sind“, schrieb Arnold Ruge, neben Karl Marx Mitherausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, „wird nicht eher zur Macht werden, als bis sie in Paris und mit französischem Geiste auftritt.“[12]

Auf spezifische Weise ist die Idee gemeinsamen Handelns der beiden Länder in der hier abgebildeten Lithographie aus dem Jahr 1848 veranschaulicht.

Franzosen und Deutsche an der Spitze der „Universalen, Demokratischen und Sozialen Republik“[13]

Die Völker der ganzen Welt, voran das französische und das deutsche, strömen zu der allegorischen Figur der sich auf die Menschenrechte stützenden Republik. Am Himmel ist als Repräsentant der Brüderlichkeit eine Christusfigur zu erkennen, dazu sind „die geistigen Väter und Schutzheiligen der demokratisch-sozialen Republik“ zu erkennen.

Dass Christus hier -unter dem Banner der Fraternité– der demokratischen Prozession seinen Segen gibt, entsprach auch durchaus dem Denken Börnes: Er war davon überzeugt, dass der Bezug zum Christentum hilfreich dabei sein könnte, auch Arbeiter und Bauern anzusprechen und für eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse zu gewinnen – ganz ähnlich übrigens wie Georg Büchner, dessen revolutionäre Flugschrift Der Hessische Landbote von einem gleichgesinnten Pfarrer mit einer christlichen Terminologie versehen wurde. In diesem Sinne übersetzte Börne auch das Werk des französischen christlichen Sozialisten Lamenais Paroles d’un croyant und verteilte die Übersetzung kostenlos unter den deutschen Arbeitern in Paris. Lamenais war übrigens auch zeitweise Chefredakteur der von französischen und deutschen Demokraten gegründeten kosmopolitischen Tageszeitung Le Monde, die vom November 1836 bis September 1837 in Paris erschien.

Der als Herausgeber genannte Friedrich Ludwig Pistor war ein Rechtsanwalt aus Zweibrücken, der nach mehreren Prozessen im Gefolge des von Metternich im Juni 1832 verfügten Verbots einer freien Presse in Deutschland nach Frankreich floh.

Die Beisetzung Börnes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Sein Grabmal, eine Eloge auf die deutsch-französische Freundschaft, wurde von David d’Angers gestaltet, einem Verehrer Börnes und einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.

Frankreich und Deutschland reichen sich die Hände, in der Mitte die Allegorie der Freiheit. Rechts und links Freiheitsbäume, über Büchern von deutschen und französischen Autoren, die für Börne besonders bedeutsam waren und zur deutsch-französischen Verständigung beigetragen haben.

Prominente Emigranten gab es aber auch in vielen anderen Bereichen, in denen Frankreich damals attraktive Karriereaussichten, Betätigungsfelder und wirtschaftliche Chancen bot.[14] Man denke nur an die Pariser Niederlassung des Frankfurter Bankhauses Rothschild, die unter der Julimonarchie (ab 1830) zum mächtigsten französischen Bankhaus aufstieg, an Diederich Hermes aus Krefeld, der als Thierry Hermès Ahnherr einer Dynastie der französischen Luxusindustrie wurde, an Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, und an den Baumeister Ignaz Hittorff aus Köln, der durch seine zahlreichen prominenten Bauten zwischen 1825 und 1865 das Pariser Stadtbild prägte. Auch Musiker zog es nach Paris: So den aus Köln stammenden Musiker Jakob/Jacques Offenbach, der in Paris zum weltberühmten Operettenkomponisten wurde, an Jakob Liebmann Meyer Beer aus Berlin, der als Giacomo Mayerbeer den Ruf von Paris als internationales Zentrum der Oper festigte, oder auch an Georg(es) Schmitt aus Trier, der in den 1840-er und 1850-er Jahren Titularorganist an Saint-Sulpice mit seiner berühmten Orgel war. Ein hervorragendes Beispiel für die wissenschaftliche Migration ist Alexander von Humboldt, der mit wenigen Unterbrechungen von 1804 bis 1827 in Paris lebte: damals das bedeutendste künstlerische und wissenschaftliche Zentrum der Welt, sozusagen  der „Nabel der Geisteswelt“. Dort fand Alexander von Humboldt alles, was er für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigte. Einen bedeutenden Teil seiner Werke schrieb er auf Französisch. Im Jahre 1818 stellte Wilhelm von Humboldt sogar fest, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden.“ [15]  Ihm folgten zahlreiche andere Wissenschaftler, oft auch  solche, denen als Juden in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere verwehrt wurde.

Die deutschen Kunsttischler im Faubourg Saint-Antoine

Zahlenmäßig bedeutsamer waren allerdings die deutschen Handwerker, die auf ihrer Wanderung in Paris Station machten, sich öfters dort aber auch niederließen.  Nach einer Erhebung der Pariser Handelskammer von 1847 gab es damals allein 37 000 deutsche Schuster, Schneider und Schreiner in Paris.

Der im März 1848 in Paris eingesetzte  Ausschuss für das Schneidergewerbe berichtete, dass zwei von fünft Pariser Schneidern Ausländer waren, in der Mehrzahl Deutsche. In einer zeitgenössischen humoristischen Broschüre mit dem Titel Physiologie des Tailleurs findet sich folgende Passage: „ Was die blasse Hautfarbe des Schneiders … verstärkt, ist die Tatsache, dass er fast immer aus dem Elsass oder aus Deutschland stammt, d.h. aus Landstrichen, deren Bewohner häufig aschblond sind…“ Nicht verwunderlich also, wenn in der Karikatur der Broschüre der Schneidergeselle ausdrücklich als Deutscher gekennzeichnet wird.[16]

Eine besonders große Bedeutung hatten die Kunsttischler (ébénistes), die im Pariser Viertel des Holzhandwerks, dem Faubourg Saint-Antoine, arbeiteten.

Schon im Ancien Régime übte der Faubourg Saint-Antoine eine große Anziehungskraft auf deutsche Handwerker aus.[17] „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädte nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ [18]

In einem Bericht der Evangelischen Kirche Augsburger Konfession zu Paris aus dem Jahr 1863 heißt es: „Das Faubourg Saint-Antoine, das Arbeiterviertel von Paris, wimmelt von Fabriken und Werkstätten jeder Art. Besonders sind es Drechsler, Schreiner, Möbelfabrikanten, welche hier ihren Hauptsitz und Mittelpunkt haben. Jene Pariser Möbel werden hier verfertigt, deren Ruf über ganz Europa geht, deren einzelne einen Wert von bis zu 10, ja 15 000 Franken haben. Alles, von den Mustern bis zur feinsten, kunstvollsten Schnitzarbeit, geht aus diesen weiten, glänzenden Werkstätten hervor. Unsere Deutschen liefern hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag.“[19]

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Ein mechanischer, also verstellbarer Tisch, ein Meisterwerk Oebens aus den Jahren 1761-63, angefertigt für Madame de Pompadour. Aus dem Metropolitan Museum of Arts[20]         

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete auch seine Witwe einen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution 30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres für eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Ende des 18. Jahrhunderts wurde in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourg Saint-Antoine ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen. Ja, in manchen Werkstädten, Hinterhöfen, Unterkünften und Tavernen des Viertels herrschte auch noch im 19. Jahrhundert die deutsche Sprache vor und mancher fühlte sich dort eher in Berlin oder Leipzig als in Paris.[21]

Und schließlich war der Faubourg Saint-Antoine auch eine beliebte Station auf den Wanderung von Handwerksgesellen. Ein Beispiel, von dem ich in meinem Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine als Zentrum der französischen Möbelproduktion berichtet habe, ist der Schweizer Tischler Oskar Bieder, der im Rahmen seiner Gesellenwanderung 1882 bis 1885 bei dem Möbelfabrikanten G. Seuret im Faubourg Saint-Antoine arbeitete, wie sein Gesellenbuch ausweist.

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Foto von Ueli Bieder

Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Foto von Ueli Bieder

Es waren aber nicht nur deutschsprachige Kunsttischler, die vom Faubourg Saint-Antoine angezogen wurden. Norbert Ely, ein Leser dieses Blogs, berichtet von seinem Urgroßvater Heinrich/Henri Ely (1820-1886), der in seiner Heimatstadt Kassel das väterliche Handwerk eines Schuhmachers erlernte und anschließend an der Akademie Kunstmaler studierte. „Im Juni 1848 lehnte er sich anlässlich der Revolution in Kassel offenbar ein bisschen weit aus dem Fenster und ging auf Reisen“, wie es in einer Familienchronik heißt. Dass er im Faubourg Saint-Antoine landete, ist wohl kein Zufall angesichts der dort beheimateten deutschen „Kolonie“ und angesichts des politischen Engagements der Einwohner des Viertels. Heinrich Ely konnte sich also dort gut aufgehoben fühlen. Jedenfalls lebte er sehr bald bei einer jüngeren Witwe namens Cécile Anaïs Fleury (1814-1899) in der Rue du Faubourg Saint-Antoine Nr.235, die ihm 1849 Zwillinge gebar, Henri Julien und Louis Adolphe, also mit französischen Vornamen.  Und auch wenn der Vater -inzwischen mit französisiertem Vornamen Henri- noch jahrelang am lutherischen Bekenntnis festhielt, wurden die Zwillinge in der Église Saint-Marguerite getauft. Vermutlich angeregt von Freunden aus dem Faubourg wurde er Glasmaler, gründete schließlich ein eigenes Atelier in Nantes und dann, zurückgekehrt nach Deutschland, in Kassel. Für Kirchen in der Bretagne, in Weimar und sogar in den USA erhielt er bedeutende Aufträge… Was für eine schöne deutsch-französische Geschichte! 

Natürlich gab es aber auch in diesem Viertel „handwerkliche Kümmerexistenzen“, vor allem Schneider und Schuhmacher, aber überwiegend unterschieden sich die Deutschen des Faubourg Saint-Antoine von den anderen Zuwanderern, wie der Abbé Axinger 1837 berichtete: „Die deutsche oder von deutschem Blut abstammende Bevölkerung dieses Faubourgs unterscheidet sich dadurch von den anderen deutschen Gruppen von Paris, dass sie größtenteils aus Festansässigen (Fabrikanten, Handwerkern etc.) besteht, von denen viele durch Heirat mit Französinnen und langen Aufenthalt in Paris mehr und mehr, in der zweiten und dritten Generation oft schon ganz französisch geworden sind, während unsere Landsleute, wo sie an anderen Stellen kompakter sich zusammendrängen, als Arbeiter oder Tagelöhner mehr wandernd ab- und zuströmend auftreten und darum ihre deutsche Volkstümlichkeit fester bewahren.“[22] Um diese deutschen Gastarbeiter geht es im nachfolgenden Abschnitt.

Ein „Subproletariat auf Zeit“: Das Beispiel der hessischen Straßenkehrer

In den 1830-er und 1840-er Jahren übte Paris auf viele Arbeitssuchende, die in ihrem Heimatdörfern kein Auskommen mehr fanden, eine starke Anziehungskraft aus. Frankreich war damals in der Industrialisierung den deutschen Staaten voraus und hatte großen Arbeitskräftebedarf. Einem Lagebericht der Evangelischen Mission unter der deutschen, nicht ansässigen Bevölkerung in Paris von 1845 zufolge wurde „keine Eisenbahn und kein Kanal gebaut, wo nicht deutsche Tagelöhner und Arbeiter in Masse herbeiströmen; alle Straßen von Deutschland nach Paris sind belebt von deutschen Auswanderern und Reisenden.“[23]  Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der spätere Begründer der Bethelschen Anstalten, der von 1858-1864 die evangelischen Deutschen in Paris geistlich betreute, schrieb in sein Tagebuch: Das waren „zum weitaus größten Teil ganz arme Leute, für welche das deutsche Vaterland keinen Raum mehr hatte und die doch nicht die Mittel besaßen, über das Meer nach Amerika hinüberzuziehen. Sehr viele von diesen Einwanderern kamen aus Hessen, und zwar aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Diese hatten in Sonderheit die Arbeit des Gassenkehrens erwählt und wurden auch hierzu ganz besonders von der Pariser Stadtbehörde angestellt.“[24]

Aber auch wenn man faktisch einem „Subproletariat auf Zeit“ angehörte: Auch dieses Gruppenfoto zeigt in Anordnung, Haltung, Kleidung und Präsentation des Arbeitsmaterials durchaus ein unverkennbares Selbstbewusstsein.

Manche deutsche Migranten betrieben auch „das Handwerk des Lumpensammelns“ (Bodelschwingh), andere  arbeiteten auf den großen Baustellen, die es im Zuge des Haussmann’schen Stadtumbaus überall gab, oder in den Steinbrüchen.  Pariser Unternehmer warben in manchen Gegenden Deutschlands auf der Suche nach billigen Arbeitskräften gezielt deutsche „Gastarbeiter“ an.[25]

Viele der aus Deutschland und speziell aus Hessen kommenden Arbeiter lebten im Norden von Paris, in der Gegend von La Villette.

Die rue bzw. route d’Allemagne/rue Jean Jaurès verläuft unterhalb des bassin de la Villette. Sie hat ihren Anfang bei der Rotonde de la Villette. Nach der rue d’Allemagne war auch die am Anfang der Straße gelegene Metro-Station benannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der kurz vor Beginn des Kriegs ermordete französische Sozialist und Pazifist Jean Jaurès neuer Namensgeber von Metro-Station und Straße.

Die Deutschen von La Villette bildeten dort geradezu eine Kolonie, „la colonie allemande“, über die der zeitweise in Paris lebende liberale Politiker, Publizist und Bankier Ludwig Bamberger in einem von Victor Hugo eingeleiteten prominenten Paris-Führer aus dem Jahr 1867 berichtete: „Hier, wo die Woge zuerst anprallt, werden wir mit unbewaffnetem Auge den gewaltigen Niederschlag erkennen, den sie in kurzer Zeit gebildet hat: eine wahre Anschwemmung deutschen Erdreichs auf französischem Boden. Schon die Straße (…) trägt den Namen der Route d’Allemagne, und in dem ganzen Viertel ringsumher sehen wir die Häuser mit deutschen Namen bedeckt. Gasthäuser, Hotels Garnis, Kaffeehäuser, Läden und Werkstätten sind von den Angehörigen dieser Nation in Anspruch genommen; aber vor allem beherbergt dieser Stadtteil ein deutsches Proletariat, von dem nur wenige Pariser und selbst wenige der dort lebenden Deutschen eine Ahnung haben.“[26]

In seinem Bericht über die deutsche Kolonie in Paris gibt Bamberger einen Einblick in die Arbeits- und Lebensbedingungen der hessischen Straßenkehrer: „Im Winter tragen die Männer einen Pelz von Hundefell; die Frauen und Kinder- denn auch solche sind in der Brigade einrangiert- tragen alte Kaliko-Lumpen und ein rotes oder grünes wollenes Tuch um den Kopf gebunden. (…) Sehr selten nur schlagen sie Wurzeln in Paris. Die, welche nicht in den ersten Monaten sterben -und die Sterblichkeit ist sehr groß unter ihnen- kehren mit ihrem kleinen Sparpfennig in die Heimat zurück. … Das Geheimnis ihres Handwerks liegt denn auch weit mehr in der Kunst, nicht zu verhungern, als in der Kunst Geld zu verdienen. Es wird schwerlich in Paris irgendeine Arbeiterklasse geben, die es im Entbehren so weit gebracht hat.“[27]

Umso bedeutsamer war dann auch der große landsmannschaftliche Zusammenhalt: Vor allem halfen sich die eingewanderten Hessen gegenseitig, Arbeit und Unterkunft zu finden. Und sie blieben in Kontakt mit der Heimat, in die sie ja wieder zurückkehren wollten. In der protestantischen Schule wurden die Kinder nach dem im Großherzogtum Hessen gültigen Lehrplan unterrichtet. Dies war für die deutschen Gastarbeiter besonders wichtig, wie Friedrich von Bodelschwingh notierte: „Da die Auswanderer selbst kein Französisch sprachen, sie auch nach Deutschland zurückzukehren gedachten, wenn sie sich einige Hundert Mark erspart hätten, so war es ihnen schwer, dass ihre Kinder in den französischen Regierungsschulen sehr schnell Französisch, ja, wenn sie klein waren, nur Französisch reden lernten und die Eltern kaum noch verstanden. Darum war die deutsche Schule für sie der Gegenstand ihrer dringendsten Wünsche, und wo solch eine Schule aufgerichtet wurde, da sammelten sich auch die armen deutschen Einwanderer von Paris, indem sie in die Nähe der Schule zogen.“ Das bestätigte 1862 auch der katholische Pater Modeste: „Ich habe oft Eltern gesehen, die nicht mehr mit ihren eigenen Kindern sprechen konnten. Die Mutter sprach deutsch, das Kind französisch. Dadurch wird das Band der Familientradition zerrissen, weil die Eltern, die meist im Erwachsenenalter ihre Heimat verlasssen, nicht im Stande sind, ein fremdes Idiom zu erlernen.“ [28] Und wie hätte ein hessischer Straßenkehrer, dessen Tag vor allem aus sehr viel Arbeit im Kreis von Landsleuten und etwas Schlaf bestand, auch Französisch lernen können – oder müssen? Mit Franzosen kamen die deutschen Gastarbeiter kaum in Berührung, konnten sich also mit einem  armseligen „Kauderwälsch“ begnügen.

Auch wenn dieser deutschen Gastarbeiter ein „Subproletariat auf Zeit“ bildeten. Ihr Schicksal war immerhin weniger schlimm als das ihrer Landsleute aus Nordhessen, die Ende des 18. Jahrhunderts vom eigenen Landesherrn an die Engländern verkauft wurden, um gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner zu kämpfen, so wie das Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel praktiziert hatte.  Denn wenn auch die Arbeit hart war: An den Sonntagen trafen sich die Hessen in den Gastwirtschaften am Rande der Stadt, also den Guinguettes, wo es billigen, steuerfreien Wein gab und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause. [2] Und nach einigen Jahren kehrten sie -inzwischen oft mit einer jungen Frau aus der Heimat verheiratet- wieder mit etwas Geld in ihre Dörfer zurück.

Französische Arbeiter nannten das Viertel, in dem vor dem Krieg 1870/1871 etwa die Hälfte aller in Paris lebenden Deutschen wohnte,  das „petite Allemagne“. Nach der Niederlage von Sedan wurden sie zwar ausgewiesen, aber nach dem Krieg kehrten hessische Straßenkehrer wieder nach Paris zurück: Sie wussten, dass sie gebraucht wurden. Bei ihrer Ausweisung hatten sie schon gleichermaßen zuversichtlich wie verächtlich gemeint: „Sie müssen uns schon wieder holen – dei könne ja nich kehre.“[29]

Die deutschen „Mädchen für alles“

Eine besondere und auch besonders große Gruppe deutscher Migration nach Paris bilden die Dienstmädchen, die „bonnes à tout faire“.[30]  Diese Dienstmädchen bildeten die unterste Stufe des Personals gutbürgerlicher Pariser Familien. Der entsprechende Pariser Arbeitsmarkt war im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs fest in den Händen der deutschen ‚Fräulein‘. Die deutschen Dienstmädchen wurden im Allgemeinen gerne eingestellt. In einem Bericht aus dem Jahr 1862 heißt es: „Man liebt in Paris deutsche Köchinnen und Dienstmädchen. Sie arbeiten mehr und fleißiger, sind solider und ruhiger, redlich, verlässig und einfach und leichter zu befriedigen, als die französischen Demoiselles, die nicht leicht durch einen Dienst sich verpflichten lassen und die Ungebundenheit mehr als gut ist lieben.“ (74)  Dazu kamen dann wohl bei den großbürgerlichen Familien nach der Commune von 1871 auch noch politisch bedingte Vorbehalte gegen potentiell aufrührerische junge Pariserinnen. Bei den braven, anstelligen Mädchen aus Deutschland hatte man da nichts zu befürchten… 

Vor allem für junge Mädchen aus ärmlichen, meist bäuerlichen Verhältnissen war der Dienstmädchenberuf beliebt, „weil es sich um eine unqualifizierte Arbeit handelte, für die keine Ausbildung benötigt wurde. Die jungen Frauen konnten in der Regel sofort mit der Arbeit beginnen. Auch war weder Anfangskapital noch ein Zimmer oder eine eigene Wohnung notwendig, wurden die Mädchen doch bei ihren Dienstherren mit Kost und Logis versorgt.“ (72) Es war zwar ein großes Wagnis, ohne jede Kenntnis der französischen Sprache eine Reise nach Paris und eine Arbeit in der Fremde auf sich zu nehmen, aber es gab dafür doch mehrere gewichtige Gründe: Attraktiv war Paris zunächst einmal wegen der dort gezahlten vergleichsweise hohen Löhne.  Die Löhne für ein Dienstmädchen waren dort fast doppelt so hoch wie in Berlin. So konnten die Mädchen hoffen, mit dem in einigen Jahren angesparten Geld eine Aussteuer zu finanzieren und damit die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Ein zweiter Grund für die Auswanderung nach Paris war das Erlernen der französischen Sprache. Dazu die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher 1908: „Eine Deutsche, die in Paris gedient und dort französisch gelernt hat, erhöht ihren Wert auf dem deutschen Markt beträchtlich“. Das galt nicht nur für den Arbeits-, sondern auch für den Heiratsmarkt, wo „die Feinheiten der Pariser Politesse“ ebenfalls gefragt waren. (74) Drittens schließlich war die Suche nach Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit ein wichtiger Grund für einen Aufenthalt in Paris. Die jungen Frauen wollten der heimatlichen Enge und der elterlichen Autorität entgehen und sich nicht mit einem einheimischen Bauern verheiraten lassen. Begünstigt wurde das Paris-Abenteuer teilweise auch durch bestehende informelle Netzwerke: Im Idealfall traten die Mädchen die Nachfolge einer Schwester oder Freundin an oder kamen auf Empfehlung in einen bekannten Haushalt.  Dies war eine Art der Kettenmigration, die es ja auch heutzutage noch in manchen Bereichen bei uns gibt: Man denke etwa an den Bereich der Seniorenbetreuung durch junge Frauen aus Polen oder an Putzhilfen aus dem Balkan. Für die Mädchen wie auch für die Herrschaften hatte dieses Vermittlungssystem erhebliche Vorteile: Die Mädchen konnten der Schwester oder der Freundin vorab von der Familie und dem Leben in Paris berichten. Auch genossen sie gegenüber den Herrschaften einen gewissen Vertrauensvorschuss. Schließlich war diese Vermittlung für beide Seiten kostenlos. (78)

„Der Aufenthalt in Paris war demnach Befreiung und gleichzeitig Mittel für einen sozialen Aufstieg der jungen Frauen. Paris haftete das Image der Stadt der Mode, der Liebe, der Freiheit und der Kultur an, wo zusätzlich die Löhne hoch waren. Dieser Mythos war dafür verantwortlich, dass trotz der Warnungen der Kirchen, Hilfseinrichtungen und Zeitungen jedes Jahr so viele jungen Frauen nach Paris gingen.“ (74)

Für solche Warnungen gab es durchaus gute Gründe, die vor allem Mädchen betrafen, die sich auf eigene Faust auf den Weg nach Paris machten. Die mussten dort nämlich die teuren Dienste von Vermittlungsagenturen in Anspruch nehmen, die sich allerdings manchmal erheblich in die Länge zogen. „Wie schwer ist es oft, ein Mädchen zu placieren!“ heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1885. „Die Herrschaften machen entsetzlich viel Ansprüche! Bald ist das Mädchen zu jung, bald nicht fein genug, versteht die hiesige Küche nicht, oder kann nicht französisch sprechen.“ (81)

Für junge Frauen, die ohne ein hinreichendes finanzielles Polster nach Paris gekommen waren, konnte eine sich hinziehende Vermittlung zu einem existentiellen Problem werden. Und an den Bahnhöfen warteten auch schon skrupellose und kriminelle Werber, „wie die Jäger auf das Wild“, wie es in einer zeitgenössischen Quelle von 1869 heißt (78),  von denen sie ausgebeutet und manchmal auch in die Prostitution getrieben wurden. Aber selbst bei einer seriösen und erfolgreichen Vermittlung: Eine Garantie für längerfristige Anstellung gab es nicht. Dienstmädchen konnten von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt werden. Und die Hilfsmöglichkeiten der sich allmählich etablierenden, vor allem kirchlicher Netzwerke waren begrenzt.

Ein besonderes Problem war auch die Isolation der Dienstmädchen: Die gutbürgerlichen Familien, die sich ein Dienstmädchen leisten konnten, wohnten überwiegend im Westen von Paris, während die deutschen Arbeiter und Handwerker eher im proletarischen Osten zu Hause waren. Und anders als in Deutschland gab es im Paris des Barons Haussmann eine strenge räumliche Trennung von Herrschaften und Dienstpersonal: Das war in kleinen unbeheizten „bonnes“- Dachkämmerchen untergebracht. Und Freizeit gab es nur einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag…

Trotzdem blieb die Attraktion der „ville lumière“ für junge deutsche Frauen bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen. Während für deutsche Handwerker und Arbeiter mit den Gründerjahren nach dem deutsch-französischen Krieg eine Arbeit in Deutschland eher attraktiver wurde, galt dies -trotz aller Probleme- für die deutschen Dienstmädchen nicht. So erhöhte sich der Frauenanteil an der deutschen Migration nach Paris bis 1914 immer mehr. 

Der Erste Weltkrieg beendete dann abrupt die deutsche Migrationsbewegung nach Paris, bis dann die Verfolgung von Oppositionellen und Juden im Dritten Reich Paris erneut zu einem bedeutenden Ziel von Flüchtlingen machte. Aber das ist eine andere Geschichte….


Anmerkungen

[1] Aufmacher der FAZ vom 9. 11. 2023: Steinmeier nennt Deutschland ein „Land mit Migrationshintergrund“

[2] https://www.histoire-immigration.fr/ Siehe dazu z.B.: Claus Leggewie, Eingewanderte wie wir.Ein grunderneuertes Museum in Paris entprovinzialisiert die Geschichte von Flucht und Migrationsbewegung – und könnte auch der länglichen deutschen Debatte über ein solches Projekt Auftrieb geben. Aus: Frankfurter Rundschau 15.9.2023 und Jörg Häntzschel, Pariser Einwanderungsmuseum: Wie wird man Franzose? Im ehemaligen Pariser Kolonialmuseum setzt sich Frankreich in einer epochalen Ausstellung mit seiner Geschichte als Einwanderungsland auseinander. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. August 2023; https://www.kultur-port.de/blog/kulturmanagement/18287-ein-neues-nationalmuseum-fuer-die-geschichte-der-einwanderung-eroeffnet-im-juni-2023-in-paris.html aaa

[3] https://paris-blog.org/2017/05/10/das-palais-de-la-porte-doree-und-die-kolonialausstellung-von-1931/

[3a] https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/12/20/loi-sur-l-immigration-une-rupture-politique-et-morale_6206843_3232.html und https://www.latribune.fr/economie/france/loi-immigration-de-nombreux-economistes-vent-debout-986412.html s.a. La Croix vom 20.12.2023: Loi immigration : une réforme inédite par son ampleur restrictive; Libération 19.12.2023: La trahison de Macron; Cécile Alduy, sémiologue : « Le discours de LR sur l’immigration est un copier-coller presque complet du RN » Le Monde 28. Mai 2023; Le Monde vom 19.1.2024: Le Rassemblement national savoure sa victoire idéologique…

[4] Schaubild aus: Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 12: Siehe dort auch S. 15: „ Die Schätzungen über die Anzahl der Deutschen oder deutschsprachigen Personen in Paris vor der Revolution von 1848 gehen erheblich auseinander. Die niedrigste Schätzung liegt bei 30 000, die höchste bei über 120 000.“ Einen „Anhaltspunkt liefert eine Untersuchung der Pariser Industrie- und Handelskammer vom 1847. Allein rund 37 000 deutsche Schuhmacher, Schneider und Tischler waren gezählt worden.“  Siehe auch die Angaben bei: Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 200

In seiner politischen Geschichte der Stadt Paris seit der Französischen Revolution spricht Klaus Schüle von bis zu 100 000 Deutschen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris gelebt hätten. Tübingen 2005, S. 264

[5] Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert, S. 21 und

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 201

[6] Jan Gerber, Karl Marx in Paris. München 2018, S.39

[7] Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977, S 175

[8] Brief an Magnus von Moltke, zit. Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005,  S. 210

Zu Heine In Paris siehe auch den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[9] zit.bei  Marcuse,a.a.O., S. 178

[10] DHA, Band XIV, S. 28f. Zitiert bei Kortländer, Mit Heine durch Paris, S. 17/18

[11] Dieses und die weiteren Zitate Börnes aus: https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

[12] Jan Gerber, Karl Marx in Paris, S.

[13] Abbildung und erläuternder Text aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 101

[14] Siehe dazu den Überblick von Jacques Grandjonc und Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815 – 1914). In: Deutsche Emigranten in Frankreich / Französische Emigranten in Deutschland,  S. 82-86

[15] Siehe: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/

[16] Text und Bild aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 89/90

[17] Siehe dazu: Der Faubourg Saint-Antoine, Das Viertel des Holzhandwerks  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Siehe dazu auch den Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine im Atlas historique von Paris: https://paris-atlas-historique.fr/42.html

Im September 2024 wird dazu auch eine an der Deutsch-Französischen Hochschule vorgelegte Dissertation von Miriam Schefzyk in Buchform erscheinen: Martin Carlin et les ébénistes allemands à Paris au XVIIIe siècle. https://www.fnac.com/a17946352/Miriam-Schefzyk-Martin-Carlin-et-les-ebenistes-allemands

[18] Siehe: Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102 

[19] Zit. bei Pabst, Subproletariat auf Zeit. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 266/267

[20] https://www.metmuseum.org/art/collection/search/206976

[21] Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010 ;  Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264 und Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 10

[22] Zit. bei Pabst, S. 267

[23] Zit. bei Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264

[24] Zitat und Bild aus Pabst, Subproletariat a.a.O., S. 263/264

Hessen gehörte damals zu den ärmsten Gegenden Deutschlands. Und es waren deshalb ja auch vornehmlich die Fürsten hessischer Kleinstaaten, die Ende des 18. Jahrhunderts Landeskinder als Soldaten an England verkauften, um ihre klammen Finanzen aufzubessern und ihren absolutistischen Luxus zu finanzieren. Der Darmstädter Landgraf (damals noch nicht Großherzog) war da allerdings eine rühmliche Ausnahme.

[25] siehe Mareike König a.a.O., S. 12f, worauf ich mich auch im nachfolgenden Abschnitt beziehe.

[26] Zit. bei Pabst, S. 265

[27] Zit a.a.O., S. 265

[28] Zit. a.a.O., S. 264

[29] Zitat aus Martin Gerhardt, Friedrich von Bodelschwingh 1950, S. 490 in: Mareike König a.a.O., S. 21. 

[30] In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf den Beitrag von Mareike König, ‚Bonnes à tout faire‘: Deutsche Dienstmädchen in Paris um 1900. In: Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 69ff  Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Beitrag.

Literatur:

Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris.  Eine vergessene Migration im 19. Jahrhundert. Pariser Historische Studien Band 66  2003 Oldenbourg Verlag München https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012646/PHS%2066%20-%20koenig_handwerker.pdf

Mareike König, Deutsche Einwanderer in Paris im 19. Jahrhundert. 2012/2023 https://19jhdhip.hypotheses.org/22

Mareike König, Warum Paris? Wirtschaftliche Migration, politisches Exil und der Mythos Paris als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ 2014/2023  https://19jhdhip.hypotheses.org/2097  und https://planet-clio.org/blog/category/deutsche-einwanderer-in-paris/

Migration économique, exil politique et critique sociale: Les Allemands à Paris au XIXème siècle.  In: DeuFraMat (Deutsch-Französische Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht). http://www.deuframat.de/fr/societe/structures-demographiques-migration-minorites/migration-economique-exil-politique-et-critique-sociale-les-allemands-a-paris-au-xixeme-siecle/introduction.html

Louis Bamberger, La colonie allemande. In: Paris Guide par les principaux écrivains et artistes de la France. Introduction par Victor Hugo. Deuxième partie: La vie. Paris 1867, S. 1017 – 1042 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k200160r/f165.item

Klaus Bade (Hrsg), Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992

Étrangers à Paris. In: Commune de Paris 1871. étrangers à Paris (commune1871-rougerie.fr)

Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848: L’exemple des Allemands. In: Paris und Berlin in der Revolution 1848/Paris et Berlin dans la révolution de 1848. Hrsg. Von Ilja Mieck, Horst Möller und Jürgen Voss. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995

Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten In Deutschland. 1685-1945. Eine Ausstellung des französischen Außenministeriums in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris 1983. Paris 2. verbesserte Auflage 1984

Ausstellungshinweis

Vom 25. März bis 21. Juni 2025 widmet die Historische Bibliothek der Stadt Paris (BHVP) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut eine Ausstellung der oft übersehenen Geschichte der deutschen Einwanderung in Paris. Der Rundgang beleuchtet die wichtigsten Orte, Berufe und Persönlichkeiten dieser Migration – von den ersten Einwanderern vor der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert zog Paris zahlreiche Deutsche aus politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen an. Neben bekannten Namen wie Heinrich Heine, Alexander von Humboldt, Karl Marx oder Jacques Offenbach prägten vor allem Handwerker, Arbeiter und Dienstboten das Stadtbild.

1848 stellten sie mit über 80.000 Personen die größte Ausländergruppe in der französischen Hauptstadt.

Die Migration war von historischen Umbrüchen geprägt: Während europäische Krisen und die deutsch-französischen Kriege (1870-71, 1914-18, 1939-45) zu Vertreibung und Internierung führten, suchten in den 1930er Jahren zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere Juden, Schutz vor dem Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Einwanderung deutlich ab, doch ihr Einfluss auf die Stadtgeschichte bleibt bis heute spürbar.

Ort: Historische Bibliothek der Stadt Paris, 24 rue Pavée, Paris 4e – alle Infos hier
Zeitraum: 25. März – 21. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10:00–18:00 Uhr
Eintritt frei, aber nur mit Reservierung / Führung  – Reservierungen sind ab dem 31/03/25 möglich


Hier noch ein weiterführender Link zu einem Artikel von Dr. Wolf Jöckel / Paris und Frankreich Blog > „Heinrich Heine und Ludwig Börne, Handwerker, hessische Straßenkehrer und Hausmädchen: Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert“ der dieses Thema mit interessanten Beispielen weiter vertieft.

Aus: https://www.deutscheinparis.de/ausstellung-les-allemands-de-paris-deutsche-einwanderung-in-paris/

Die Mays von Notre-Dame de Paris (Eine Ausstellung in der Galerie des Gobelins 2023/2024)

Dies ist ein um das Jahr 1780 entstandenes anonymes Gemälde: Ein Blick vom Hauptschiff der Kirche in den Chor und das nördliche Querschiff von Notre-Dame. Es vermittelt einen Eindruck vom damaligen Zustand der Kirche und ihrer Ausstattung. Auffällig ist besonders der aus teilweise vergoldetem Schmiedeeisen hergestellte Lettner, der den für die Domherren reservierten Chor der Kirche von ihren anderen, den Gläubigen und Besuchern zugänglichen Teilen trennt. An dem großen Pfeiler in der Mitte erkennt man einen Marienaltar mit einer Statue, der man wundersame Kräfte zuschrieb. Seit 1855 steht dort auf Veranlassung Viollet-le-Ducs die berühmte mittelalterliche Statue der Maria mit Jesuskind, die den Brand von 2019 unbeschadet überstanden hat. Zwischen den Pfeilern des Langhauses und des nördlichen Querschiffs hängen monumentale Gemälde. Mit ihnen wurde die Kirche nach den Religionskriegen ausgestattet, um ihr im Zuge der Gegenreformation mehr Glanz zu verleihen und um den Gläubigen die biblische Geschichte und das Leben, Leiden und den himmlischen Lohn von Heiligen anschaulich zu machen.

Die beiden großen Gemälde links im Hauptschiff sind sogar identifiziert worden. Es handelt sich um Christus und die Samariterin von Louis de Boullogne, das May-Gemälde von 1695, und Christus heilt einen Epileptiker von Bon Boullogne, das May-Gemälde von 1678. [1a]

Bon Boullogne,  La guérison du paralytique à Bethesda

Was hat es mit diesen May-Gemälden auf sich? Die Tradition der Mays geht zurück auf das Jahr 1449. Es handelte sich um eine jeweils zum 1. Mai eines Jahres überreichte Opfergabe der Pariser Goldschmiede an Maria als der Schutzheiligen von Notre-Dame: Der Monat Mai gilt nämlich in der christlichen Tradition als der Monat Marias.[1b] Die Tradition dieser Opfergaben reichte bis in die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts. Die Formen dieser Gaben änderten sich allerdings im Lauf der Jahre. 1630 engagierte sich die Goldschmiedegilde, als May jedes Jahr ein großformatiges Gemälde von ca 3,4 m Höhe und 2,75 m Breite zu stiften. Die Bilder sollten eine Szene aus dem Leben der Apostel darstellen und im Kirchenraum von Notre-Dame zwischen den Pfeilern aufgehangen werden- so wie das auf dem oben abgebildeten Gemälde ja auch zu sehen ist.[1]

Die Gilde der Goldschmiede wurde geleitet von vier jeweils für zwei Jahre gewählten Meistern. Die beiden zuletzt Gewählten waren für das nächste May-Gemälde zuständig: Thematik, Auswahl und Beauftragung des Künstlers, Übernahme der Kosten…Das war natürlich eine prestigeträchtige Angelegenheit, und manche Auftraggeber nutzten durch die Beauftragung prominenter Maler die Gelegenheit, ihren Rang und Reichtum zur Schau zu stellen. Insgesamt entstanden so 76 großformatige Bilder, die die Kathedrale schmückten: Man hat sie deshalb auch „das erste Museum französischer Malerei“ genannt.[2] Bewundert im 18. Jahrhundert, wurden die Mays während der Französischen Revolution aus der Kirche entfernt: In einem Tempel der Vernunft waren sie fehl am Platz… Immerhin fielen sie nicht dem revolutionären Vandalismus zum Opfer wie die Königsköpfe der Fassade, sondern wurden überwiegend in Museen eingelagert, zum Teil auch verkauft. Die beiden im oben abgebildeten Gemälde identifizierten May-Gemälde beispielsweise befinden sich heute in einem englischen Schloss und -wie mehrere andere Mays- im Depot des Museums von Arras. Einige kehrten wieder in die Kirche zurück, nachdem Napoleon 1801 ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen hatte. Auch Gemälde, die die napoleonischen Truppen bei ihrem Italienfeldzug erbeutet hatten, schmückten nun die Kirche. Aber dann kam Viollet-le-Duc, dessen Rekonstruktion von Notre-Dame sich am Idealbild einer gotischen Kathedrale orientierte, und dazu passten die barocken Gemälde nicht. Also wurden sie 1862 erneut aus der Kirche entfernt und dem Louvre übergeben. Im 20. Jahrhundert aber begann man sich wieder für die Mays zu interessieren, 52 davon konnte man noch identifizieren und 13 fanden wieder ihren Platz in Notre-Dame – allerdings nicht mehr zwischen den Pfeilern des Hauptschiffs, sondern etwas versteckt und verdunkelt in Seitenkapellen.  Dort überlebten sie den Brand von 2019. Die Jahre der Rekonstruktion der Kathedrale wurden genutzt, um sie, zusammen mit anderen Gemälden der Kirche, zu restaurieren. Bevor sie Ende 2024 wieder an ihre angestammten Plätze zurückkehren, sind sie nun als ein einzigartiges Ensemble der französischen Malerei des 17. Jahrhunderts in den Ausstellungsräumen der Galerie des Gobelins aus der Nähe zu betrachten.

Nachfolgend werden einige der dort ausgestellten Mays etwas näher präsentiert. Vielleicht regen sie zu einem Ausstellungsbesuch an, vielleicht aber auch dazu, nach der Neueröffnung von Notre-Dame auch einen Blick auf die dort ausgestellten Gemälde zu werfen.

May von 1634

Foto: Wolf Jöckel

Jacques Blanchards May-Gemälde von 1634 veranschaulicht das Thema Pfingsten: Feuerzungen, Symbole für den Geist Gottes, wehen vom Himmel herab.  

Die Ankunft des Heiligen Geistes von Jacques Blanchard  (Höhe 3,40m x Breite 2,45m)[3] 

Der Text der Apostelgeschichte berichtet, dass die zwölf Jünger und Maria zusammenkommen, als ein Hauch wie ein Windstoß das Haus erfüllt und Feuerzungen erscheinen. „Dann erschienen ihnen Zungen, von denen man sagen würde, sie seien aus Feuer, und sie wurden geteilt, und auf jedem von ihnen ruhte eine. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt: Sie begannen in anderen Sprachen zu reden, und jeder redete gemäß der Gabe des Geistes. » (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 1-4)

Foto: Wolf Jöckel

May von 1637

Laurent de La Hyre (1606-1656) hat als May des Jahres 1637 eine dramatische Szene gemalt: Die Bekehrung des  Paulus: Auf dem Weg nach Damaskus erscheint dem römischen Offizier Saul die visionäre Lichtgestalt des auferstandenen Christus. Der Verfolger von Christen wird als Paulus „Apostel der Völker“.

Laurent de la Hyre hatte bereits das May-Bild des Jahres 1635 gemalt. Das war derart erfolgreich gewesen, dass er zwei  Jahre später  einen erneuten May-Auftrag erhielt und das sogenannte Damaskus-Erlebnis des Paulus malte.[4]

Foto: Wolf Jöckel

Das Bild ist diagonal aufgeteilt: Unten der römische Offizier Saul mit seinem Gefolge. Er liegt mit seinem Pferd am Boden, geblendet vom Licht. Ein Begleiter versucht ihn aufzurichten, ein anderer ergreift panisch die Flucht.

Foto: Wolf Jöckel

Oben die Lichtgestalt des von Engeln begleiteten Jesus, der den zu Boden Gestürzten anruft: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

Die beiden Bildausschnitte habe ich in der Ausstellung aufgenommen, die Gesamtansicht ist ein älteres Foto von Wikipedia. Die Unterschiede sind deutlich: Die durch den Staub der Jahrhunderte verblasste Lichterscheinung des Jesus, die den Christenverfolger für mehrere Tage blendet, hat den ursprünglichen Glanz zurückerhalten. Und dieser Glanz fällt auch auf Saulus, der dadurch zum Paulus wird.  So wird man auch die Kathedrale von Notre-Dame insgesamt nach der Wiedereröffnung am 8. Dezember 2024 in neuem Licht, ja Glanz, erleben…

May von 1639

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Thema dieses Mays ist die Begegnung des Apostels Petrus mit dem römischen Centurio Kornelius. Dem erschien, wie die Apostelgeschichte berichtet, ein Engel Gottes, der ihm den Auftrag gab,  Petrus in Caesarea treffen: „Als nun Petrus ankam, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich ehrfürchtig vor ihm nieder/ Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch.“[5]  Und Kornelius lässt sich als einer der ersten nach dem Tod Jesu von Petrus taufen. Auch hier ist der Unterschied zwischen der alten Gesamtdarstellung und dem Ausschnitt aus dem restaurierten Gemälde sehr deutlich und eindrucksvoll.

Das Gemälde vor dem Brand an seinem angestammten Platz in Notre-Dame [6]

Die großen Säulen im Hintergrund „erinnern an die Pfeiler der Kathedrale. Es handelt sich um eine symbolische Verbindung zwischen der Vergangenheit, in der sich das Geschehen vollzieht, und dem gegenwärtigen Ort, in dem sich die Gläubigen befinden.“[7]

Der Maler, Aubin Vouet (1595-1641), ist heute eher in Vergessenheit geraten. Damals allerdings war er ein äußerst geschätzter Maler großer Formate mit religiösen und mythologischen Motiven. Geschult an Caravaggio, dessen Bilder er bei einem Aufenthalt  in Rom sah, setzte er effektvoll starke Lichteffekte, lebhafte Farben und wallende, die Darstellungen rhythmisierende Gewänder ein. Von seiner damaligen Popularität spricht die Tatsache, dass er 1632 als einer der Ersten für ein May-Gemälde ausgewählt wurde und dass er nach dem Gemälde von 1639 auch gleich noch den Auftrag für das darauffolgende Jahr erhielt, den er kurz vor seinem frühen Tod noch ausführen konnte.

May von 1643

Ausschnittsbilder: Fotos: Wolf Jöckel

Auf dem May-Gemälde von 1643 geht es, wie das Detail des gefährlich seine Zähne fletschenden und nicht angeketteten Hundes zeigt, um Gewalt….

Dargestellt ist Die Kreuzigung des heiligen Petrus, (Höhe 3,59m x Breite 2,59m), gemalt von Sébastien Bourdon (1616-1671) 

Bourdon bezieht sich dabei auf die Legenda aurea. Dies ist eine von dem Dominikaner Jacobus de Voragine wahrscheinlich in den Jahren um 1264 auf Lateinisch verfasste Sammlung von ursprünglich 182 Traktaten zu den Kirchenfesten. Vor allem sind darin Lebensgeschichten Heiliger und Heiligenlegenden enthalten.[8]

In Kapitel 89 wird dort berichtet, dass Petrus im Angesicht des Kreuzes verlangt habe, kopfüber gekreuzigt zu werden, da er nicht würdig sei, auf die gleiche Art und Weise wie Jesus zu sterben.

Der himmlische Lohn wartet immerhin schon auf ihn…. (Foto: Wolf Jöckel)

May von 1647

Auch im May von 1647 überbringt ein Engel mit nach oben gerecktem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger himmlischen Lohn. Denn auch in diesem Bild geht es um einen Apostel, der, gekreuzigt wie Petrus, für seinen Glauben stirbt, und deshalb zum Heiligen wird.[9]

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Gemalt hat das Bild Charles Le Brun (1619-1690), einer der bedeutendsten französischen Maler des 17. Jahrhunderts. Er gehörte mit dem Gartenarchitekten Le Nôtre und dem Architekten Le Vau zu dem genialen Dreigestirn, das zunächst das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte konzipierte und dann vom Sonnenkönig für Versailles engagiert wurde. Le Brun wurde offizieller Hofmaler Ludwigs XIV. und dazu auch noch Direktor der Gobelin-Manufaktur. Einen prominenteren May-Maler konnten die damals verantwortlichen Goldschmiedemeister nicht finden.

Dargestellt ist eine komplexe Handlung: Soldaten reißen Andreas seine Kleider vom Leib und binden ihn an ein X-förmiges Kreuz, das deshalb auch Andreas-Kreuz genannt wird; und sie zerstreuen Menschen, die Sympathie mit Andreas zeigen.  

Und von oben sieht der römische  Statthalter Aegeas dem Geschehen zu. Er hatte  Andreas zum Tode verurteilt, weil der seine Frau zum Christentum bekehrt hatte. (Bei der Rückkehr von der Hinrichtung soll Aegeas allerdings zur Strafe dem Wahnsinn verfallen sein…)

Ausschnitt. Foto: Wolf Jöckel

Der Kern der Geschichte ist von Le Brun deutlich hervorgehoben: Das Martyrium des Andreas und der ihm winkende himmlische Lohn sind vom Licht erhellt, Apostel und Engel durch ihre Blicke verbunden. So können auch die Betrachter des oben zwischen den Pfeilern aufgehängten Bildes seine Botschaft unschwer erkennen. Auch hier wieder ist der Unterschied zwischen alter Version (Engel) und neuer (Apostel) deutlich erkennbar.

May von 1651

Le Brun erhielt auch den Auftrag für das May-Gemälde von 1651. Thema ist diesmal die Steinigung des heiligen Stefanus (St. Etienne)  H 4,00m x B 3,12m.[10]  

Stefanus gilt als der erste christliche Märtyrer. Wegen Gotteslästerung wird er zum Tode verurteilt und gesteinigt.[11] Auch dies ist eine Szene größter Brutalität. Drei muskulöse Männer vollziehen die Steinigung. Alte, Frauen und Kinder beobachten die Szene, ein Junge -oder vielleicht sogar ein Mädchen?- assistiert und bringt Steine herbei.

Fotos: Wolf Jöckel

Auch dieses Gemälde ist deutlich zweigeteilt. Unten mit ausgebreiteten Armen Stefanus, den Blick, entsprechend den Worten der Apostelgeschichte, nach oben gerichtet:

Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.[12]

Und so sieht auch der Betrachter in den offenen Himmel: Gottvater und Jesus, ein strahlend schöner Jüngling, winken dem Märtyer zu, und Engelchen halten schon die Symbole des himmlischen Lohns, Krone und Palmwedel, bereit…

Das Gemälde wurde in der chapelle saint Éloi aufgehangen, dem Heiligen der Goldschmiede, die die Mays von Notre-Dame finanzierten: Zeichen der besonderen Wertschätzung für den königlichen Hofmaler Le Brun.

Die anderen Mays allerdings hatten ihren Platz in dem Haupt- und dem Querschiff der Kirche.

Dieses Gemälde von Jean-François Depelchin aus dem Jahr 1789 vermittelt einen Eindruck vom Innenraum der Kirche mit den dort präsentierten Mays.[13]  Schon vor dem Brand der Kirche gab es Überlegungen, ob die noch existierenden Mays nicht wieder im Kirchenraum aufgehangen werden sollten. Das wurde aber verworfen. So werden die 13 Mays, die es vor dem Brand noch in den Seitenkapellen der Kathedralen gab, wohl wieder dorthin zurückkehren – restauriert und voraussichtlich besser präsentiert als bisher.

Derzeit sind die restaurierten Mays  -zusammen mit anderen Gemälden und Wandteppichen aus Notre-Dame- noch aus nächster Nähe zu betrachten, und zwar bis zum 21. Juli 2024  in der Galerie des Gobelins in Paris. Man hätte keinen geeigneteren Ort für diese Ausstellung finden können. Immerhin war Le Brun, der selbst, wie wir gesehen haben, zwei Mays gemalt hat, erster Direktor der Manufacture des Gobelins; Außerdem werden in der Ausstellung auch Wandteppiche/gobelins präsentiert, die im 17. Jahrhundert für den Chor von Notre-Dame hergestellt, im 18. Jahrhundert allerdings an die Kathedrale von Straßburg verkauft wurden.

Praktische Informationen

Galerie des Gobelins, 42 avenue des Gobelins, 75013 Paris
Metro : Gobelins (ligne 7)

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag  11 bis 18 Uhr


Anmerkungen

[1] Zu den Mays von Notre-Dame siehe auch: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/ und  https://notre-dame-de-paris.culture.gouv.fr/fr/le-grand-decor-de-notre-dame-les-tableaux

[1a] Abgebildet ist hier ein vorbereitendes kleineres Gemälde von Bon Boullogne. Dabei handelt es sich um ein übliches Verfahren: Vorab wurden Skizzen und auch solche kleineren Gemälde angefertigt, bevor dann der endgültige Auftrag für ein großformatiges May-Gemälde erteilt wurde. Der abgebildete Entwurf wurde 2020 bei Sotheby’s vom Museum in Bayonne ersteigert. http://www.lecurieuxdesarts.fr/2020/12/une-peinture-de-bon-boullogne-pour-le-musee-bonnat-helleu-de-bayonne.html

[1b] https://eglise.catholique.fr/approfondir-sa-foi/connaitre-et-aimer-dieu/marie/499023-mois-de-marie-coutume-recente/

[2]  L’Objet d’Art 575, Februar 2021 Les MAYS de Notre-Dame

Ein Übersicht über alle noch identifizierbaren Mays:  https://en.wikipedia.org/wiki/May_(painting)

https://www.faton.fr/lobjet-dart/numero-575/mays-notre-dame/lectures-choisies.53004.php#article_53004

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:La_Descente_du_Saint-Esprit,_par_Jacques_Blanchard.jpg

[4] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-conversion-de-saint-paul/

[5] Apostelgeschichte 10, 25 und 26  https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/apg10.html

[6] Bild aus: https://www.barnebys.de/blog/ausstellung-mit-restaurierten-notre-dame-kunstwerken-startet-in-kurze

[7] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-centurion-corneille-aux-pieds-de-saint-pierre/

[8] Jacobus de Voragine, Legenda aurea: Heiligenlegenden Manesse Bibliothek der Weltliteratur,

Nachfolgendes Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Bourdon,_S%C3%A9bastien_-_Le_crucifiement_de_Saint_Pierre_-_1643.JPG

[9] Vorstehende Abbildung (Engel) und Erläuterungen zu dem Gemälde aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

[10] Nachfolgendes Bild und nähere Informationen dazu bei: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

[11] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Le_Brun_Saint_Etienne_may.jpg

[12] https://www.bibleserver.com/EU/Apostelgeschichte7

Nachfolgendes Bild aus: https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/#

[13] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/vue-interieure-de-notre-dame-en-1789#infos-principales

Weitere Beiträge zu Notre-Dame auf diesem Blog:

Die Himmelsleiter von Saint-Eustache (Juni – Sept. 2024)

„Die Himmelsleiter ist eine Lichtinstallation, die die Verbindung zwischen der Erde auf der einen Seite und dem Himmel und dem Göttlichen auf der anderen Seite darstellt und sich als Symbol des Friedens versteht.“[1]

So die offizielle Erläuterung zu dem Projekt, das im Rahmen der Olympiade culturelle am 16. Juni 2024 in der Pariser Kirche Saint-Eustache eingeweiht wurde. Es ist -sozusagen- die dritte kirchliche „Etappe“ der Himmelsleiter. 

2021 war sie für anderthalb Jahre am Stephansdom in Wien installiert: Ausgehend von der Taufkapelle hatte sie das Gewölbe „durchstoßen“ und dann außen ihren Aufstieg bis an die Spitze des Südturms fortgesetzt.[2]

Von 2022 bis Anfang 2024 hatte die Kunstinstallation dann in der Lambertikirche von Münster Station gemacht. [3]  

Inzwischen ist in Münster -mit Hilfe österreichischer Kletterer- die Himmelsleiter am Turm wieder abgebaut, die Leiter im Inneren bleibt aber erhalten.

Jetzt also Saint-Eustache.

Foto: Wolf Jöckel

Dass die Himmelsleiter (vor allem [4] ) in Kirchen installiert wurde und wird, beruht auf ihrem alttestamenarischen biblischem Hintergrund, der Jacobsleiter. Sie ist danach die Verbindung zwischen Erde und Himmel, zwischen den Menschen und Gott. Und im Mittealter wurde sie auch als eine Tugendleiter verstanden, über deren Stufen der Mensch zu Gott aufsteigt.[5]

Als die Leiter mitten im Ukraine-Krieg in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens (Ende des 30-jährigen Krieges 1648) installiert war,  lag es für den Münsteraner Oberbürgermeister nahe, die Himmelleiter als eine Friedensleiter zu deuten. [6] Diese Definition wurde nun auch ganz offiziell bei dem Pariser Projekt aufgenommen. Und das bietet sich ja auch -gerade im laizistischen Frankreich- an. Zumal die neongelb leuchtende Leiter im nördlichen Querschiff der Kirche installiert wurde, direkt über der Inschrift: pax hominibus bonae voluntatis, Friede auf Erden den Menschen guten Willlens.

Insofern versteht sich die Himmelsleiter (échelle céleste) zugleich als Friedensleiter (échelle de la paix). Sie „soll auch in Paris ein Zeichen für den Frieden in der Welt setzen.“[7]  Und in den Reden bei der Einweihung wurde dementsprechend mehrfach auf die aktuelle Situation hingewiesen: Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten und die immense Schwierigkeit, einen derzeit nicht absehbaren Frieden (wieder)herzustellen.

Die 21 Stufen der Friedensleiter können als symbolischer Ausdruck dieser schwierigen Perspektive  verstanden werden. Auch während der Olympischen Spiele wird es -im Gegensatz zur olympischen Idee- keinen Frieden geben. Insofern passt die Friedensleiter mit ihrem erst in beträchtlichem Abstand zum Boden beginnenden Anfang und ihren in schwindelerregende Höhe führenden Stufen gut zu der aktuellen Weltlage und zu der Pariser Kulturolympiade, zu deren Projekten sie gehört.  

Getragen wird die Kunstinstallation von dem österreichischen Kulturforum und der Botschaft Österreichs in Paris:  Die „Erfinderin“ der Himmels- und Friedensleiter, Billi Thanner, ist nämlich Österreicherin.[8]

Billi Thanner mit Mitgliedern der Tanz-Compagnie CUBe, die bei der Eröffnungsveranstaltung auftrat. Foto: Wolf Jöckel

Dass die Pariser Himmels-/Friedensleiter gerade in Saint-Eustache installiert wurde, kommt nicht von ungefähr. St. Eustache ist eine der größten und bedeutendsten Kirchen von Paris. Sie liegt zentral im 1. Arrondissement zwischen dem Centre Pompidou und der Bourse de Commerce in Nachbarschaft zu den ehemaligen Hallen und dem heutigen Verkehrs- und Einkaufszentrum (Canopé). Der 1532 begonnene heutige Bau geht auf König  François I. zurück, der im Zentrum der Stadt eine repräsentative Kirche im Stil der Renaissance errichten wollte.

Foto: Wolf Jöckel.  Aufgenommen 2021 vom Café der Bourse de Commerce/Pinault Collection

Die Kirche hatte einerseits königlichen Rang (paroisse royale), was nicht nur an ihren Ausmaßen, sondern auch an der Beziehung vieler bedeutender Persönlichkeiten der französischen Geschichte und Kultur zu der Kirche ablesbar ist. So ist, um nur ein Beispiel  zu nennen, der bedeutendste Minister des Sonnenkönigs, Colbert, dort bestattet.

Detail des monumentalen, von Ludwigs Hofmaler Le Brun entworfenen Grabmals für Colbert. Foto: Wolf Jöckel

Andererseits war Saint-Eustache aber auch die Kirche der einfachen Menschen im geschäftigen Herzen von Paris.  Und so ist auch die verarmte und vereinsamte Mutter Mozarts, die ihren Sohn 1778 auf dessen gescheiterter Reise nach Paris begleitet hatte, in Saint-Eustache bestattet worden. Ein Grabmal hat sie dort natürlich nicht erhalten, aber immerhin eine neuere Erinnerungsplakette in der chapelle Sainte-Cécile.[9]

In diesem Jahr feiert die Kirche ihr 800-jähriges Jubiläum.[10] Und in diesem Jahr wurde auch die Restaurierung der an antiken Vorbildern orientierten monumentalen Westfassade der Kirche abgeschlossen. (Auf dem obigen Foto sind die Säulen noch mit Gerüsten gestützt.)

Schon dies sind Gründe genug, die Himmelsleiter gerade in dieser Kirche zu installieren. Es gibt aber noch einen weiteren ganz wichtigen Aspekt, nämlich das Engagement von Yves Trocheris, des Curé von Saint-Eustache, für zeitgenössische Kunst.[11]

So steht in einer Seitenkapelle der Kirche ein Triptychon des amerikanischen Künstlers Keith Haring. Foto: Wolf Jöckel

Aber auch ganz aktuelle und durchaus umstrittene Werke haben in der Kirche ihren Platz, wie derzeit ein von der Collection Pinault ausgeliehenes Gemälde des aus Guadeloupe stammenden Künstlers Pol Tabouret, das neben einer Beweinung Christi aus dem 17. Jahrhundert in der Kapelle der heiligen Agnes zu sehen ist.

Und ein frühes Meisterwerk von Peter Paul Rubens gehört auch zur kirchlichen Ausstattung…  Desgleichen finden regelmäßige Orgelkonzerte hier statt. Und natürlich steht dort auch öfters Mozarts Requiem auf dem Programm. Immerhin soll Mozart Anregungen zu diesem Werk von einer französischen Totenmesse erhalten haben, die anlässlich der Beerdigung seiner Mutter in Saint-Eustache aufgeführt wurde…[12]

 Es gibt also viele Gründe, der Kirche Saint-Eustache einen Besuch abzustatten…

Praktische Informationen

Die Himmel-/Friedensleiter ist bis zum 15. September 2024 17 Uhr in Saint-Eustache zu sehen.

Adresse:  2 Impasse Saint-Eustache, 75001 Paris

Freier Eintritt


Anmerkungen

[1] https://olympiade-culturelle.paris2024.org/evenement/echelle-celeste-a7f2o000000DPqOAAW

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] Bild aus: https://www.dersonntag.at/artikel/himmelsleiter-auf-dem-stephansdom/ Siehe auch: https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/92936.html

[3] Vorausgehendes Bild aus: https://www.die-tagespost.de/leben/aus-aller-welt/ein-oesterliches-hoffnungssymbol-art-237394   Nachfolgendes Bild aus: https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/himmelsleiter_verlaesst_muenster

[4] Es gibt allerdings auch eine Himmelsleiter-Version am Luxushotel Schloss Seefels am Wörther See. Als dauerhafte Installation dient sie als „Landmark“ und soll das Hotel „zu einem ganz besonderen energetischen und spirituellen Ort magischer Augenblicke und unvergesslicher Momente“ machen.  https://www.seefels.at/kunst-design/himmelsleiter/

Zur Seefelser Himmelsleiter siehe den anschließenden Beitrag von Ulrich Schläger.

[5] https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/himmelsleiter

[6] https://www.allesmuenster.de/billi-thanner-himmelsleiter-ein-symbol-des-friedens/

[7] https://www.sanktlamberti.de/himmelsleiter-in-paris/

[8] www.billithanner.at

[9] Ein Blog-Beitrag über Mozarts Aufenthalte in Paris ist in Vorbereitung.

[10] https://soupesainteustache.fr/accueil/saint-eustache/histoire/

[11] Siehe: https://www.challenges.fr/luxe/saint-eustache-sanctuaire-de-l-art-contemporain_876669

https://www.beauxarts.com/reportages/yves-trocheris-le-cure-fervent-defenseur-de-lart-contemporain-a-saint-eustache/

[12] s. Paul Bardon, L’origine française du Requiem de Mozart. Delatour  2021

https://www.editions-delatour.com/de/musikwissenschaft-musikanalyse/4585-l-origine-francaise-du-requiem-de-mozart-9782752103901.html#:~:text=Nach%20%C3%9Cberzeugung%20des%20Autors%20zitiert,dieser%20Totenmesse%20und%20Mozarts%20Meisterwerk.

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Ulrich Schläger, Autor mehrerer Artikel zum deutsch-französischen Pariser Stadtbaumeister Hittorff, hat zu diesem Blog-Beitrag die nachfolgende „Anmerkung“ geschrieben, die ich den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten möchte. W.J.

Anmerkung zur „Himmelsleiter“ am Hotel Schloss Seefeld

Mit dem Décor, Accessoire, meinetwegen Kunstobjekt „Himmelsleiter“ soll dem Luxus-5-Sterne-Hotel Schloss Seefeld (siehe dessen Web-site) eine höhere Weihe, eine besondere Aura verliehen werden, ganz so wie es Rüdiger Safranski für das Romantisieren in seinem Buch Romantik. Eine deutsche Affäre (München, Hanser-Verlag, 2007) beschrieben hat: »Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Nach Novalis bedeutet Romantisieren die qualitative Potenzierung des Tatsächlichen, die Verbesserung eines ursprünglichen Zustandes mit den Mitteln der Imagination und der Poesie.«

In diesem Sinn wird die „Himmelleiter“ in der Hotelwerbung zum Mittel des Zwecks: „Mit der HIMMELSLEITER von Billi Thanner wird das Hotel Schloss Seefels zu einem ganz besonderen energetischen und spirituellen Ort magischer Augenblicke und unvergesslicher Momente.“ Aus dem ursprünglichen Sinnzusammenhang herausgerissen und vereinnahmt, wird die Himmelsleiter zum bloßen Werbeobjekt und auf die gleiche Ebene gestellt wie das „Interieur-Design und die Bilder aus der Familiensammlung Haselsteiner bis zum Augarten-Porzellan und die Kunst am Teller aus der Haubenküche“.

Diese Vereinnahmung kann Billi Thanner nicht verborgen geblieben sein bzw. sie hat daran bewusst teilgehabt. Das wirft ein fragwürdiges Bild auf die ganze Aktion „Himmelsleiter“.

Die eigentliche Bedeutung der Jakobsleiter oder Himmelsleiter

»Die Jakobsleiter oder Himmelsleiter ist ein Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel, den Jakob laut der biblischen Erzählung in Genesis 28,11  während seiner Flucht vor Esau in einer Traumvision erblickt. Sie stand auf der Erde und ihre Spitze reichte in den Himmel. Auf ihr sieht er Engel Gottes, die auf- und niedersteigen, oben aber steht der Herr (JHWH) selbst, der sich ihm als Gott Abrahams und Isaaks vorstellt und die Land- und Nachkommen-Verheißung erneuert. (…) Im Johannesevangelium wird das Bild der Jakobsleiter typologisch auf Jesus Christus übertragen. Das Johannesevangelium bezieht die Jakobsleiter auf die Christusoffenbarung mit dem Höhepunkt am Kreuz: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (Joh 1,51 ). Im Markusevangelium wird gleich im 3. Vers Isaias  40,3  zitiert: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Steige!“ Der christliche Choral Näher, mein Gott, zu dir bezieht sich auf die biblische Geschichte von Jakobs Traum und der Leiter. Auch in Spirituals wird das Motiv verwendet, zum Beispiel in den Liedern We are climbing Jacob’s ladder und Climb up (Jacob dreamed, he saw a ladder).

Die Kirchenväter deuteten das Kreuz als die Leiter zum Himmel oder zum Paradies (scala paradisi). Dieses spirituelle Verständnis der Kirchenväter greift die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Mariendonk, Christiana Reemts, auf: „Das Kreuz ist aufgerichtet als eine wundervolle Leiter, auf welcher wir zum Himmel hinaufgeleitet werden. Durch die Geburt des Sohnes Gottes stiegen die Engel zu den Menschen herab und konnten zugleich die Menschen aufsteigen aus der Tiefe zum Himmel. Durch das Kreuz wurden Himmel und Erde wieder vereinigt, die zuvor verfeindet waren, und es herrschte wieder Friede zwischen beiden Teilen, die zuvor getrennt waren. (…) Wie eine Leiter aus zwei Holmen besteht, so das Kreuz Christi aufgrund der beiden Testamente. (…)Im Kreuz hat Christus alle Mysterien zur Vollendung und zur Zusammenfassung gebracht, hat auch Adam zum Vater zurückgeführt und den Weg zum Himmel erschlossen. « (Text aus Wikipedia)

»In der christlichen Theologie wiederum steht Jakob mit seiner Leiter als Vorbote Christi, als Vermittler zwischen Mensch und Gott. Die einzelnen Stufen können aber auch als moralische Besserung der Seele auf ihrem Weg zu Gott gedeutet werden (Stefanie Oswalt: „Wohin die Himmelsleiter führt“, Deutschlandfunk, 09.10.2019).«

Diesen Sinn hat die Himmelsleiter an der Westfassade der Bath Abbey:

Jakobsleiter Bath Abbey West front (https://www.uksouthwest.net/somerset/bath-abbey/bath-abbey-west-front.html#google_vignette)

In diesem Sinn finden wir das Bild der Himmel- oder Jakobsleiter auch in den Handschriften und späteren Drucken der Heilsspiegel, eine seit dem Spätmittelalter verbreitete Art christlicher Erbauungsbücher: Die ursprüngliche, in lateinischer Reimprosa gedichtete Version Speculum humanae salvationis (lat. „Spiegel des menschlichen Heils“ bzw. der deutschen Übersetzung: Spiegel menschlicher behaltnis ) verfasste mutmaßlich ein Mönch in Italien am Anfang des 14. Jahrhunderts.

Jakobsleiter – Spiegel menschlicher Behaltnis – Provinzialbibliothek Amberg 2 Ms. 46 (Ausschnitt)

Grundgedanke ist die schon im Evangelium vertretene Vorstellung, dass das Neue Testament im Alten vorgezeichnet sei und die alttestamentlichen Heilsversprechen erfüllt. Der Zweck des Buches wird in der lateinischen Version genannt, nämlich die „eruditio indoctorum“, d.h. die religiöse Unterweisung eines theologisch nicht vorgebildeten Laienpublikums.

Jakobsleiter – Speculum humanae salvationis – Universitätsbibliothek Augsburg, Cod.I.2.2.24 (Ausschnitt)

Wir sehen hier schon in dieser Vielfalt der Deutungen – die Jakobsleiter als Tugendleiter, als Aufstieg in den Wissenschaften, als kosmologischer Aufstieg, aber auch als politischer Aufstieg der verschiedenen Weltreiche –, dass die Leiter, von der Jakob träumt, als Denkmodell in ganz verschiedenen Bereichen Anwendung findet.

Die Judaistin [Hanna Zoe Trauer] sieht hierbei auch eine enge Verknüpfung mit der Frage nach Krise und Hoffnung. „Jakob auf der Flucht, der von Gott wieder Versicherung erhält, spiegelt sich in der politischen Deutung von den unterdrückten Juden, die anhand der Jakobsleiter die Versicherung erhalten, wieder zur Herrschaft aufzusteigen, wieder in Sicherheit zu kommen.“

Selbstverständlich taucht die Jakobsleiter auch in den Krisensituationen des 20. Jahrhunderts immer wieder auf – besonders prominent etwa in Arnold Schönbergs unvollendet gebliebenem, gleichnamigem Oratorium, das er während des ersten Weltkriegs schrieb. Doch zurück zu Michael Willmanns Gemälde:

Das Motiv stammt aus dem alten Testament: Michael Willmanns „Landschaft mit dem Traum Jakobs“ (vermutlich 1691). © Kristiane Hasselmann

Auch Ende des 17. Jahrhunderts stand es für die Hoffnung nach der Krise: Es zierte das Refektorium des niederschlesischen Klosters Leubus, das nach den Zerstörungen im 30-jährigen Krieg wieder aufgebaut worden war (Stefanie Oswalt: „Wohin die Himmelsleiter führt“, Deutschlandfunk, 09.10.2019).

„Hoffnung nach der Krise“ – das gibt Sinn für die Installation der Himmelsleiter in Wien, Münster und Paris, aber nicht beim Hotel Schloss Seefeld. Hier ist die Installation der Himmelsleiter eine (leider keine ungewollte) Profanierung und bloße Effekthascherei, verbrämt mit modischem Blablabla!

Ulrich Schläger (September 2024)

Paris, „capitale mondiale du vélo“, die Welt-Hauptstadt des Fahrrad-Fahrens?

Vielleicht reibt sich manche Leserin/mancher Leser dieses Blog-Beitrags die Augen: Paris, die Welt-Hauptstadt des Fahrrad-Fahrens? Soll das ein Witz sein? Nein, durchaus nicht! 2017 proklamierte nämlich Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin der Stadt, genau dies als Ziel ihrer ehrgeizigen Politik eines klimagerechten Stadtumbaus.[1]  Damals konnte das reichlich großmäulig erscheinen. Da lag nämlich Paris, was die Fahrradfreundlichkeit angeht, noch selbst hinter zahlreichen anderen französischen Städten wie Straßburg, Lyon und Bordeaux, von europäischen Fahrrad-Metropolen ganz zu schweigen. Inzwischen -2022- firmiert Paris, jedenfalls nach dem Copenhagenize-Index, hinter Kopenhagen und Amsterdam -und noch vor Münster, der deutschen Nummer 1, auf einem schmeichelhaften Platz 3 der europäischen Fahrrad-Hitliste.  2019 hatte es dort noch auf Platz 8 gelegen und 2017, als Bürgermeisterin Hidalgo ihr ehrgeiziges Ziel verkündete, auf Platz 13.[2] Einen wichtigen Impuls für diese Aufholjagd hat, wie in anderen Städten auch, die Covid-Epidemie gegeben. „Denn die Angst vor Ansteckungen mit Covid-19 hat in der französischen Metropole eine allgemeine Fahrradbegeisterung ausgelöst. Die Anzahl der Radfahrenden ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 30 Prozent gestiegen.“[3] Auch Streiks im öffentlichen Nahverkehr haben wesentlich die Nutzung von Fahrrädern in Paris befördert. Das gilt vor allem für die Zeit der Streiks gegen die Rentenreform 2019/2020.[4] Es gibt zwar auch andere Rankings, in denen Paris unter ferner liefen erscheint[5], unbestreitbar ist jedoch, dass Paris sich in den letzten Jahren in teilweise beeindruckender Weise verändert hat und dass davon vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer profitieren – zu denen auch wir gehören.  Seit wir uns 2009 in Paris niedergelassen haben, bewegen wir uns in der Stadt nämlich hauptsächlich mit dem Fahrrad fort. Zunächst ausschließlich mit dem Leihfahrrad-System Vélib‘, inzwischen auch mit eigenen Fahrrädern. Wir sind also sicherlich keine unparteiischen Beobachter der aktuellen Entwicklungen, sondern freuen uns über die Fahrrad-freundliche Umgestaltung der Stadt.

Paris hat dafür ja auch außergewöhnlich gute Voraussetzungen. Die Ausdehnung der Stadt intra muros, also innerhalb des Boulevard périphérique ist mit 105qm2 relativ gering: Die Stadt ist flächenmäßig neunmal kleiner als Berlin! Die berühmten Sehenswürdigkeiten liegen nahe beieinander. Wir, beispielsweise, wohnen in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise im 11. Arrondissement und sind mit dem Fahrrad in 7 Minuten an der place de la Nation, der place de la République oder der Place de la Bastille; zu Notre Dame, dem Louvre und dem Centre Pompidou sind es 15 Minuten, zur place de l’Étoile eine halbe Stunde. Paris von Ost (Porte Dorée am Bois de Vincennes) nach West (Porte Dauphine am Bois de Boulogne) zu durchqueren: weniger als 20 km! Die Nord-Süd-Verbindung von der Porte de la Chapelle bis zur Porte d’Orléans: sogar weniger als 10 km! Da kann man gut auf die oft überfüllte Métro verzichten! Und mit dem Fahrrad ist man sogar meist schneller unterwegs als mit dem Auto und kann vergnügt an den sich vor Ampeln oft stauenden Fahrzeugkolonnen vorbeiradeln.

Die Politik der Stadt, die Dominanz des Autoverkehrs zu reduzieren und Fußgängern und Fahrradfahrern mehr Raum zu geben, ist keine Erfindung von Anne Hidalgo, sondern wurde schon von ihrem Vorgänger Delanoë in die Wege geleitet- allerdings angesichts großer Widerstände und administrativer Hürden mit einiger Behutsamkeit. Hidalgo hat dann ab 2014 energisch und beharrlich das Projekt durchgesetzt.

Ihr Meisterstück war die Sperrung großer Teile der Seine-Tiefkais für den Autoverkehr. Eine „Zeitenwende“! Immerhin war am 22. Dezember 1967 die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National von dem auto- und fortschrittsbegeisterten Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht worden: Paris sollte -in der Tradition des Baron Haussmann-  den Anforderungen der neuen Zeit angepasst werden;  eine autogerechte Stadt war das Ziel.

Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der Uferstraße.

1975 wurde die „voie expresse rive droite“ zu Ehren ihres bedeutendsten Promoters in „Voie Georges Pompidou“ umgetauft: Die Seineufer für den Autoverkehr zu erschließen, galt damals als ein höchst verdienstvolles Unternehmen, auf das man glaubte,  stolz sein zu können.  

Dann die radikale Umkehr mit dem Beschluss, den Parisern den Fluss zurückzugeben, wie es Anne Hidalgo formulierte. Der Widerstand war gewaltig. Der kam unter anderem von dem für den Verkehr zuständigen Polizeipräfekten von Paris, der aus Sicherheitsgründen eine Einschränkung des Autoverkehrs bedenklich fand. Le Monde sprach sogar von einem „Fahrradkampf in Paris“, der zwischen der Bürgermeisterin und dem Polizeipräfekten ausgetragen werde.[6] Hidalgo befinde sich, wie der Figaro im August 2017 schrieb, in einem „offenen Krieg gegen die Autos“. Mit ihrer autofeindlichen Politik sei die Pariser Bürgermeisterin zur „Königin der Bobos“ geworden [7]   – obwohl denen doch eher nachgesagt wird, mit modischen Elektroautos oder protzigen SUVs unterwegs zu sein… Sylvain Maillard, Parlamentsabgeordneter von Paris für La République en Marche, die Partei von Präsident Macron, warf der Bürgermeisterin Dogmatismus vor und eine einseitige Förderung des Fahrradverkehrs: „Paris n’est pas l’Inde“ (Paris ist nicht Indien). [8] 

Anne Hidalgo ließ sich aber nicht von ihrem Weg abbringen. Und der Erfolg gab ihr Recht: „Die Uferpromenaden sind innerhalb eines Jahrzehnts zum Paradies für Jogger, Radfahrer und Spaziergänger geworden“, schreibt Michaela Wiegel in der FAZ. [9] „In sommerlichen Nächten werden sie von fröhlichen Restaurant- und Barbesuchern bevölkert“… oder von Menschen wie wir, die es sich mit Rotwein, Baguette und Käse am Seineufer gemütlich machen und sich dabei wie Gott in Frankreich fühlen. Und wenn gerne beklagt wird, Paris sei eine Traumstadt für Reiche aus aller Welt, dann hat man inmitten fröhlicher junger Menschen -und zwar ganz offensichtlich überwiegend Französinnen und Franzosen- diesen Eindruck ganz und gar nicht. Jedenfalls können es sich wohl auch andere politische Konstellationen heute kaum noch erlauben, hier das Rad der Zeit wieder zurückzudrehen.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf einer Demonstration für die Sperrung der Voie Pompidou für den Autoverkehr am 10. März 2018 an dem Pont Marie. Der Verkehr war davor schon gesperrt gewesen, zwischenzeitlich per Gerichtsbeschluss aber wieder zugelassen worden. Foto: Wolf Jöckel

Heute ist das einer unserer Lieblingsplätze von Paris. Hier rasten früher die Autos entlang…

Das Auto-freie Seine-Tiefkai rive droite. Rechts eine Kletterwand für Kinder, im Hintergrund die Türme der Conciergerie auf der Île de la Cité. (Foto: Wolf Jöckel März 2024). Insgesamt sind jetzt 7 Kilometer der Seinekais für Fußgänger und Fahrradfahrer reserviert.

winterliches Joggen und Fahrradfahren auf dem Seine-Ufer rive droite. Foto: ville de Paris

Schild auf dem Seine-Tiefkai rive gauche. Paris, die Fahrradstadt. Stolz, es zu sein… Foto: Wolf Jöckel März 2025

An sonnigen Wochenenden sind die Ufer derart beliebt und belegt, dass für Fahrräder kaum noch ein Durchkommen ist. Foto: Wolf Jöckel 6. 6.2024

Die weitgehende Sperrung der Seine-Ufer für den Autoverkehr war Teil eines zuerst 2015 vorgestellten und dann sukzessive ergänzten Plans zur fahrradfreundlichen Umgestaltung von Paris. (plan Vélo)

Plan Vélo von 2015. In dieser Skizze des Plans sind die geplanten Fahrradwege eingezeichnet. Grün und gelb ist wiedergegeben, was bis 2017 umgesetzt worden war. Inzwischen ist dieses System von Rad(schnell)wegen fast vollständig vorhanden. Die Stadt Paris rühmt sich, in den letzten 10 Jahren 550 km neuer Fahrradwege geschaffen zu haben. Zwischen 2019 und 2022 habe der Fahrradverkehr um 71% zugenommen. Einer im April 2024 veröffentlichten Studie zufolge habe das Fahrrad einen deutlich höheren Anteil an den Fortbewegungen in Paris als das Auto: 11,2 gegen 4,3%; den weithaus größten Teil ihrer Wege legen die Pariser allerdings zu Fuß zurück: 53,5%. [10]

Solche Schilder sah und sieht man in Paris an vielen Stellen: „Paris se transforme“ (Paris verändert sich)

Zentraler Bestandteil des Plan Vélo von 2015 war auch die Schaffung von zwei breiten, eigenständigen und durchgängigen Fahrrad-Schnellwegen auf zwei großen Nord-Süd- und Ost-West-Achsen.

Wir richten von Juli 2017 bis März 2018 einen Fahrradweg rue de Rivoli ein

Und dazu gehörte auch die Umwandlung der zentralen, von der Place de la Bastille bis zur Place de la Concorde reichenden rue de Rivoli (und der rue Saint-Antoine) in eine Straße für Fahrräder, Fußgänger und -allerdings nur noch in Ost-West-Richtung- für einen extrem eingeschränkten Autoverkehr (zugelassen sind Busse und Taxis).

Karte der noch vorläufigen Umgestaltung eines zentralen Teilstücks der rue de Rivoli vom Januar 2022.[11]

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc07927-fahrrad-in-paris-5.jpg

rue de Rivoli, auf der Höhe des Kaufhauses Samaritaine (damals noch Baustelle) Foto: Wolf Jöckel, Juli 2020

Inzwischen sind die damals stellenweise noch provisorischen Fahrradspuren dauerhaft angelegt und haben zwei der ehemaligen drei Autofahrspuren übernommen.

Cyclistes, rue de Rivoli.

Die rue de Rivoli zwischen Louvre und der place de la Concorde. Links der Tuilerien-Garten. Bild: Villle de Paris (April 2024)

Die rue die Rivoli ist nicht nur Teilstück der Pariser Ost-West-Axe, und der wiederum Abschnitt des Fahrrad-Schnellwegs 1 (vélopolitain 1, ligne V1). Dieser regionale Fahrrad-Schnellweg verbindet das Geschäftsviertel La Défense mit Vincennes, entspricht also in seinem Verlauf etwa der Métro-Linie 1 (die ja übrigens auch eine automatisierte schnelle Ost-West-Verbindung darstellt.) Hier eine Markierung bei Vincennes.[12]

Der Erfolg ist beträchtlich: Am Hôtel de Ville ist ein Automat aufgestellt, der die vorbeifahrenden  Fahrräder zählt: Die obere Zahl betrifft das Jahr, die untere den Tag. Im Hintergrund der Tour Saint-Jacques.

Die 3979 Fahrräder auf der Anzeige hatten an einem trüben Februar-Tag bis mittags die rue de Rivoli passiert. An schönen Tagen sind es um die 20 000 – und an Streiktagen sicherlich noch mehr -jedenfalls werden dort immer neue Zählrekorde aufgestellt.[13]

Noch deutlich mehr frequentiert ist allerdings die Nord-Süd-Verbindung entlang des Boulevards Sebastopol, obwohl die bei weitem nicht so Fahrrad-freundlich ausgebaut ist. Da ist also angesichts der großen Ambitionen der Stadt durchaus noch Handlungsbedarf!

Daneben wurden und werden zahlreiche weitere Fahrradwege entlang der Boulevards geschaffen, Hier ein Bild von den Bauarbeiten am Boulevard Voltaire im 11. Arrondissement. Der Fahrradweg verbindet die place de la République mit der place de la Nation.

„Wir installieren einen Fahrradweg Boulevard Voltaire“ (2017/2018)

Obwohl die neuen Fahrradwege hier bei weitem nicht so breit sind wie auf der rue de Rivoli und dem Autoverkehr immer noch mehr Platz eingeräumt wird, sind auf dem Boulevard Voltaire inzwischen meist deutlich mehr Fahrräder als Autos unterwegs…. [14]

Foto: Wolf Jöckel März 2024

Interessant sind Versuche mit der Einrichtung von Fahrradstraßen, hier im 12. Arrondissement: Da dürfen zwar noch Autos fahren, jedenfalls in einer Richtung, aber die Fahrräder haben absoluten Vorrang und die Autos haben sich entsprechend anzupassen.

Zusätzliche Impulse erhält die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt durch das Bemühen, Paris auch unter den Bedingungen des Klimawandels lebenswert zu erhalten: In dem entsprechenden Plan Climat 2024 – 2030 ist ausdrücklich die drastische Reduzierung des privaten Autoverkehrs vorgesehen.[15]

Und parallel dazu sollen bis 2030 180 km neue Fahrradwege in der Stadt entstehen.

Einen zusätzlichen großen Impuls für die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt haben die Olympischen Spiele 2024 gegeben, die im Juli/August (vor allem) in Paris ausgetragen werden.

Schild an der rue du Faubourg Saint-Antoine „Hier wird auf Dauer eine Fahrradspur eingerichtet – für die Olympischen Spiele und für lange danach“

Eine der größten Befürchtungen und Risiken, die es bezüglich dieses Großereignisses gibt, bezieht sich auf den Verkehr und das sowieso schon notorisch überlastete und teilweise auch fragile System des öffentlichen Nahverkehrs. Als Alternative bietet sich gerade in Paris das Fahrrad an. Angestrebt wird, alle über die Stadt verteilten Wettkampfstätten mit dem Fahrrad zu erreichen. Dafür wird gerade das Netz der Fahrradwege weiter ausgebaut.

Karte der Fahrradwege für die Olympischen Spiele von Paris. [16]

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die fahrradfreundliche Umgestaltung des Quai Jacques Chirac im 7. Arrondissement. Die großen neuen Fahrradwege sollen als „olympisches Erbe“ auch nach den Spielen den Pariserinnen und Parisern -und den Gästen der Stadt- zur Verfügung stehen.[17]

Aber auch nach den Olympischen Spielen soll der Stadtumbau weitergehen: Unmittelbar danach „soll eine erste verkehrsberuhigte Zone eröffnet werden. Sie soll für das Zentrum der Hauptstadt gelten und entspricht den ersten vier Arrondissements sowie Teilen des fünften, sechsten und siebten Arrondissements. Dieses Gebiet soll nach den Plänen Hidalgos für den Durchgangsverkehr geschlossen werden.“[18] Die Fahrradfahrer werden  sich freuen.

Immerhin sind bisher schon an Wochenenden zahlreiche Straßen für den normalen Durchgangsverkehr gesperrt – so die rue de la Roquette in „unserem“ 11. Arrondissement.

Ganz oben auf der Liste des ökologischen und damit auch fahrradfreundlichen Stadtumbaus steht auch die nach den Olympischen Spielen geplante Umgestaltung der Place de la Concorde ….

… und der Umgebung des Eiffelturms (Trocadéro, pont d’Iéna), die ebenfalls begrünt und Fußgänger- und Fahrradfahrer-freundlich umgestaltet werden soll. [19]

Und nach den Olympischen Spielen sollen auch die Champs-Elysées weiter begrünt werden, und es soll mehr Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer geben.

So jedenfalls sollen die Champs-Élysées nach einem aktuellen Vorschlag 2030 aussehen. „Die Straße soll viel grüner werden, mit Oasen des schattigen Verweilens, mit breiteren Radwegen. Aus sechs Spuren sollen vier werden.“ [20]

Zur fahrradfreundlichen Umgestaltung der Stadt tragen aber auch manche weniger spektakuläre Erleichterungen für Fahrradfahrer im „normalen Verkehr“ bei.

So dürfen Fahrradfahrer die meisten Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung befahren. Und dies schon seit Jahren, als es noch -jedenfalls bei uns zu Hause in Deutschland- noch nicht üblich war.

Oder sie dürfen an vielen Kreuzungen auch bei Rot rechts abbiegen: vielfach ein erheblicher Vorteil gegenüber dem Autoverkehr. Und die Autos, die dann darauf warten, endlich bei Grün rechts abbiegen zu können, sind gezwungen, den geradeaus fahrenden Fahrradfahrern Vorfahrt zu lassen – die dieses Recht allerdings manchmal nur mit großer Entschiedenheit durchsetzen können… Auch viele Fußgängerüberwege dürfen Fahrräder trotz roter Ampel überfahren, wobei Fußgänger hier natürlich den (nicht immer gewährten) Vortritt haben.

Auf vielen Boulevards dürfen Fahrräder auch die für Busse und Taxis reservierten Fahrspuren benutzen, auch wenn das manchen Automobilisten nicht gefällt. Die Gefahr übrigens, dort von stinkenden und gesundheitsgefährdenden Abgasen benebelt zu werden, verringert sich ständig und spürbar: Ein großer Teil der Pariser Busse fährt elektrisch, Taxis entsprechend.  Den deutsch-französischen Streit über die Umweltfreundlichkeit des in Frankreich überwiegend von Atomkraftwerken erzeugten Stroms klammern wir hier einmal aus. (Dass in Frankreich allerdings mit einiger Häme auf Deutschland geblickt wird, das seine letzten AKWs abgeschaltet hat, nun aber Atomstrom aus Frankreich importiert, sei aber doch angemerkt).

Und wie kommt man zu einem Fahrrad? Ganz einfach! Es gibt vor allem die öffentlich geförderten Vélib‘-Fahrräder. Mehrere interessante Tarif-Varianten stehen zur Auswahl: für eine einzelne Fahrt, für einen oder mehrere Tage; und das jeweils für mechanische oder Elektro-Räder. Und die sind an ihrer Farbe zu erkennen: grün für mechanisch, blau für Elektro.[21]

Stationen zum Ausleihen und wieder Zurückgeben gibt es in Paris in Hülle und Fülle. Es sind insgesamt etwa 1500 in Paris und seinem Umland, nach Vélib‘ „le plus grand réseau de vélos en libre-service du monde.“ (Le Parisien 11.3.2024)

https://www.plandeparis.info/stations-velib-paris/plan-stations-velib-paris.html

Man kann aber auch ein Elektro-Bike eines privaten Anbieters ausleihen. Die stehen (bzw. manchmal auch: liegen) da herum, wo sie der letzte Nutzer hinterlassen hat und man kann sie auch entsprechend wieder loswerden…

Werbung des privaten Anbieters Lime/Uber: Eine Variation des bekannten Slogans Métro/Boulot/Dodo (Metro, Arbeit, Schlaf), der den Tagesablauf des Parisers bezeichnen soll.
Die Stadt Paris fördert den Kauf von Elektrofahrrädern, um so zum Umstieg vom Auto auf das Fahrrad zu motivieren.

Dieses Plakat habe ich 2017 aufgenommen. So lange gibt es also schon diese Förderung; allerdings inzwischen etwas eingeschränkt: Die Fördersumme beträgt jetzt nur noch 400 Euro, und für Elektroscooter gibt es kein Geld mehr. [22] Höher ist die Förderung für Lastenfahrräder, die in Paris sehr beliebt sind. Viele Geschäfte/Warenhausketten wie Monoprix oder Casino bieten inzwischen häusliche Belieferung mit Lastenfahrrädern an.

Lastenfahrrad der Warenhauskette Monoprix [23]

Und es werden nicht nur Lebensmittel und andere Waren mit Lastenfahrrädern transportiert…. Diese Hunde werden tagsüber von einem professionellen „Hunde-Sitter“ betreut. Für ein Foto haben sie auf dem Weg zum Auslauf im Bois de la Vincennes angehalten. Foto: Wolf Jöckel März 2024

Das Fahrrad hat also seinen festen Platz in der Stadt, was sich unter anderem auch daran zeigt, dass es inzwischen schon Gegenstand der Street-Art geworden ist.

Ein Fahrradfahrer des Invaders rue de la Roquette 11. Arrondissement. An ihm fahren wir immer auf dem Weg von der place de la Bastille zurück in unsere Wohnung vorbei. (Aufgenommen Februar 2024)

Als Paris-Souvenire gibt es auch schon Tassen und Tragetaschen mit den entsprechenden Fahrrad-Motiven (Fotos: F.Jöckel)

Und auf dem aktuellen Werbeplakat für die Paris-Aussstellung im Hôtel de ville sieht man hinter den fröhlichen Schwimmern in der sauberen Seine unter dem obligatorischen Eiffelturm und zwischen frischem Grün einen Fahrradfahrer: Das neue Paris!

Ein Paradies für Fahrradfahrer ist Paris aber (noch lange) nicht. Probleme gibt es nämlich durchaus genug.

Da sind zum Beispiel die alten Fahrradwege- die gibt es ja immerhin auch. Aber die sind arg eng: Als die angelegt wurden, gab es ja noch keine schnellen Elektrobikes und noch keine breiten, manchmal sogar dreirädrigen Lastenfahrräder. Da gibt es manchmal ziemlich waghalsige und oft auch nicht durch deutliche Signale angekündigte Überholmanöver, und ich wundere mich, dass es nicht öfters zu Karambolagen zwischen Fahrradfahrern kommt.

Offenbar gibt es sogar schon eine Kampagne, dass Lastenfahrräder nicht mehr die Fahrradwege benutzen sollen. (No -Fahrrad- SUV-Zone) Foto Wolf Jöckel März 2024

Aber die Stadt Paris hat das Problem der vielfach zu engen Fahrradwege erkannt: Manche selbst neu eingerichtete Fahrradspuren wurden -wie hier auf dem Boulevard Henri IV (4. Arrondissement)- inzwischen schon verbreitert. Das war da immerhin relativ leicht möglich, weil nur die alten Markierungen durch neue ersetzt werden mussten.

Ein Problem sind oft auch die Einbahnstraßen.

Rue de Charenton (XIIe)

Es ist ja gut gemeint, dass Fahrräder sie meist auch in Gegenrichtung nutzen können.  Aber wie soll man zum Beispiel hier, wie auch an vielen anderen entsprechenden Stellen, von seinem Recht Gebrauch machen, die Straße in Gegenrichtung zu beradeln? Wenn da ein Auto entgegenkommt, bleibt einem manchmal keine andere Wahl, als auf den (oft auch schmalen) Bürgersteig auszuweichen. Die Fußgänger dort goutieren das verständlicher Weise natürlich nicht…

Ein großes Problem ist auch der Vandalismus, deren Opfer die Vélib‘ – Fahrräder oft sind. Darauf muss man unbedingt achten, wenn man ein Fahrrad ausleiht, auch wenn keine zusätzlichen Kosten entstehen, wenn man das ausgeliehene Fahrrad direkt nach Entdeckung eines Schadens wieder zurückgibt.

Dass der Sattel fehlt, wird man gleich bemerken, aber manchmal fehlt auch die Kette, und eine Überprüfung der Bremsen und der Luft in den Rädern ist unbedingt zu empfehlen.

Für Paris-Besucher, die nur gelegentlich ein Fahrrad ausleihen, ist das kein Problem, für Einheimische oder länger dort Wohnende wie wir aber schon: Für 81% der Pariser, die bisher auf die Anschaffung eines Fahrrads verzichten, ist die Furcht vor Diebstahl bzw. der Mangel an gesicherten Abstellplätzen der ausschlaggebende Faktor. [24] Auch wenn die offiziellen Zahlen das nicht widerspiegeln: Fahrräder sind ein beliebtes Objekt von Diebstählen. Wir haben da selbt leidvolle Erfahrungen gemacht: Ein Fahrrad wurde gegenüber unserer Wohnung nachts gestohlen, obwohl es fest an einem Laternenpfahl angeschlossen war. Ein anderes während einer Chorprobe an einem belebten Platz – allerdings bei  strömendem Regen. Der Clou war dann, dass uns am hellichten Tag ein Fahrrad, neben dem wir standen, auf einer belebten Straße gestohlen wurde, als wir es für einige Sekunden (!) aus dem Auge ließen. Seitdem verstehe ich, warum mein Zeitungshändler mich auffordert, mein Fahrrad selbst dann abzuschließen oder in den Kiosk hineinzunehmen,  wenn ich von dem Pariser Privileg Gebrauch mache, am frühen Nachmittag schon die Ausgabe des kommenden Tages von Le Monde zu kaufen.

Und seitdem schließen wir unsere Räder mit schweren Ketten ab, die fast so teuer waren wie die Fahrräder selbst… Und nachts stellen wir unsere Räder immer in dem kleinen, ursprünglich nur für die Mülltonnen bestimmten Innenhof unseres Hauses ab, der allerdings dem zunehmenden Bedarf an Fahrrad-Abstellplätzen für Hausbewohner kaum noch gewachsen ist…

Aber aller solcher Unbilden zum Trotz: Auch wenn Paris noch nicht die Welthauptstadt des Fahrrads ist – und es vielleicht auch nie werden wird: Vergleicht man 2009, als wir unser pied-à-terre in Paris bezogen haben, mit der Situation heute, hat sich Paris seitdem in atemberaubender Geschwindigkeit verändert: Das Fahrrad hat einen festen, manchmal sogar privilegierten Platz im städtischen Raum erhalten – und auch in unserem Pariser Leben. Meist ist es ein Vergnügen, durch die Stadt zu radeln: Zum Beispiel zum Einkaufen auf dem marché d’Aligre, nach Belleville ins Schwimmbad Alfred Nakache, zu einem Konzert der jeunes talents in die Archives Nationales im Marais, ins Grüne über die Coulée verte zum Lac Daumesnil, zum Kaffeetrinken im Grand Bleu an den Port de l’Arsenal/place de la Bastille,  zur Seine zum abendlichen Picknick… und…und… und…


Anmerkungen:

[1] https://www.lemonde.fr/blog/transports/2019/07/08/paris-capitale-mondiale-du-velo-on-en-est-loin/

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2017/02/16/01016-20170216ARTFIG00133-le-plan-velo-prend-du-retard-a-paris.php

[2] https://www.bikes.de/magazin/bike-life/reise/fahrradfreundliche-staedte-in-europa

[3] https://www.signal-iduna.de/hausratversicherung/fahrradversicherung/fahrradfreundlichste-staedte-der-welt-blog.php

[4] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/12/20/greve-des-transports-deux-fois-plus-de-velos-que-de-voitures-sur-un-boulevard-de-paris_6023593_4355770.html

[5] Siehe: https://pedalandtringtring.com/2022/08/25/most-bike-friendly-cities-in-the-world-2022-study/ Hier ist die europäische Rangliste:  Utrecht, Münster, Antwerpen, Kopenhagen, Amsterdam, Malmö, Bern, Bremen, Hannover und Straßburg… Paris ist da also noch nicht einmal unter den  ersten 10 europäischen Fahrrad-Städten aufgeführt

[6] „La bataille du vélo à Paris, entre la maire et le  préfet. Hidalgo veut supprimer une voie pour les voitures rue de Rivoli, la police s’en alarme au nom de la sécurité.“ (Le Monde 16. August 2017, S. 9)

[7] http://www.lefigaro.fr/politique/2017/08/25/01002-20170825ARTFIG00053-anne-hidalgo-les-folies-de-la-reine-des-bobos.php

[8] Le Figaro, 25. August 2017, S. 9

[9] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024

[10] Ville de Paris, 10 ans de transformation écologique. mise à jour 25.3.2024 https://www.paris.fr/pages/dix-ans-de-transformation-de-paris-au-service-des-parisiennes-et-des-parisiens-26671?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s13

https://www.paris.fr/pages/inedit-le-velo-surpasse-la-voiture-a-paris-et-en-petite-couronne-et-de-loin-26832?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s15

Siehe auch: https://www.lefigaro.fr/actualite-france/2017/02/16/01016-20170216ARTFIG00133-le-plan-velo-prend-du-retard-a-paris.php und Ville de Paris: Se déplacer sans polluer et en toute sécurité. In: À Paris. Le Magazin. Hiver 2023/2024, S. 20

[11] https://www.paris.fr/pages/la-rue-de-rivoli-reservee-aux-pietons-et-aux-velos-7792

[12] https://fr.wikipedia.org/wiki/V%C3%A9lopolitain von: Chabe01

[13] https://www.bfmtv.com/paris/paris-des-records-de-frequentation-sur-les-pistes-cyclables-en-cette-rentree_AV-202309070377.html

[14] https://www.radiofrance.fr/franceinter/paris-certains-boulevards-sont-dorenavant-plus-empruntes-par-des-velos-que-par-des-voitures-7769764

[15] https://www.paris.fr/pages/plus-vite-plus-local-plus-juste-le-nouveau-plan-climat-de-paris-25469

[16]  Crédit photo:Ville de Paris  https://www.paris.fr/pages/en-2024-tous-les-sites-olympiques-seront-accessibles-a-velo-23154 Dort auch das nachfolgende Bild des Quai Jacques Chirac.

[17] https://www.paris.fr/pages/en-2024-tous-les-sites-olympiques-seront-accessibles-a-velo-23154

[18] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024, S. 33

[19] Bild aus: https://www.paris.fr/pages/plus-vert-plus-pieton-et-apaise-le-secteur-trocadero-iena-va-se-reinventer-26586 

[20] Bild aus Le Parisien vom 28. Mai 2024. Dazu ein Artikel über die Reaktionen auf dieses Projekt: „Parmi les principales mesures proposées ce lundi par le Comité Champs-Élysées pour réenchanter l’avenue figurent l’élargissement des espaces piétons et cyclistes ainsi que la réduction des voies automobilistes. Encore à l’état de projet, ces propositions divisent les usagers“. Siehe auch den Artikel „150 proposition pour réenchanter les Champs-Élysées“ in der gleichen Ausgabe der Zeitung . Zitat aus: Süddeutsche Zeitung: Oh Champs-Élysées. Die berühmte Avenue ist zum Unort geworden, zum touristischen Kommerztempel. Wie Paris es schaffen will, dass sich die Bürger wieder in ihre einstige Prachtstraße verlieben. SZ vom 31.5.2024. Siehe auch: https://www.paris.fr/pages/les-champs-elysees-se-refont-une-beaute-21040

[21] Bild aus Le Parisien vom 10.3.2024 https://www.leparisien.fr/info-paris-ile-de-france-oise/transports/grand-paris-ces-velos-neufs-qui-redorent-un-peu-limage-de-velib-10-03-2024

Genaue Information auf Deutsch zum Ausleihen der Vélib‘-Fahrräder: https://www.parismalanders.com/fahrrad-leihen-paris-velib/

[22]https://parisenselle.fr/subventions/#:~:text=Depuis%20le%2020%20avril%202023,adapt%C3%A9%20jusqu’%C3%A0%201200%20%E2%82%AC

[23] https://www.leparisien.fr/paris-75/a-paris-monoprix-remplace-ses-camionnettes-de-livraison-par-des-velos-cargo-14-12-2020-8414187.php  Siehe auch: https://www.leparisien.fr/paris-75/a-paris-monoprix-remplace-ses-camionnettes-de-livraison-par-des-velos-cargo-14-12-2020-8414187.php 

[24] https://www.paris.fr/pages/un-nouveau-plan-velo-pour-une-ville-100-cyclable-19554 vom 28.3.2024. Zum neuen Fahrradplan der Stadt Paris gehört deshalb auch der Ausbau der gesicherten Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.

Endlich spritzt, sprudelt und dreht er sich wieder:  Der Strawinsky-Brunnen von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou

Nach 18-monatiger Renovierung präsentiert sich der Strawinsky-Brunnen in Paris zu seinem 40. Geburtstag wieder in seiner vollen farbenfrohen, wassersprühenden Pracht. Der Brunnen besteht aus einer großen rechteckigen Wasserfläche, 33 Meter lang und 17 Meter breit und 16 beweglichen Skulpturen. Er wird deshalb auch Fontaine des Automates genannt.  Die Skulpturen haben alle einen Namen und  eine Verbindung zur Musik im Allgemeinen und zu der Igor Stravinskys im Besonderen.

Am bekanntesten und auffälligsten ist sicherlich die Skulptur des Feuervogels, der sich auf Strawinskys gleichnamiges Ballett bezieht. Es ist ein Werk von Niki de Saint Phalle, die den Brunnen zusammen mit Jean Tinguely gestaltet hat.

Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Der Kuss: wohl eine Anspielung an den Kuss der Erde aus dem 1913 in Paris uraufgeführten Ballett Le Sacre du Printemps

Im Gegensatz zu Niki de Saint Phalles farbigen Figuren bestehen die Jean Tinguelys aus  schwarzem Metall.

Hier sein wassersprühender Notenschlüssel

Den Auftrag für den Brunnen erhielt zunächst allein Jean Tinguely. Während der Arbeit bat er aber darum, dass neben seinen dunklen Maschinen auch bunte Skulpturen von Niki de Phalle in das Ensemble aufgenommen werden sollten. Das stieß zunächst auf erheblichen Widerstand seitens der Auftraggeber. Dass schließlich dann doch der Brunnen als Gemeinschaftswerk akzeptiert wurde, war nicht zuletzt der Fürsprache von Madame Pompidou, der Witwe des früheren Staatspräsidenten, zu verdanken. In einem Interview mit dem Beaux-Arts Magazine en 1983 erläuterte Jean Tinguely die Beziehung der dunklen und der bunten Skulpturen: In der Nacht seien es vor allem die bunten Elemente, die beleuchtet würden, das sei dann eine Fontäne Nikis, während seine Maschinen verschwänden, wie Geister wirkten. Tagsüber dagegen sei das Schwarz deutlich zu erkennen, vor allem bei schlechtem Wetter, und dann könne man genau die Einzelheiten der Maschinen sehen. [1]

 Insgesamt ein wunderbares Gesamtkunstwerk an einem ganz besonderen Platz: Zwischen der spätgotischen Kirche Saint Merri aus dem 15. Jahrhundert auf der einen Seite….

…. und der „futuristischen“ Architektur des Centre Pompidou auf der anderen- die allerdings ja doch auch etwas Gemeinsames haben: Dass nämlich stützende bzw. tragende Elemente – bei Saint Merri die Strebebögen und Strebepfeiler, beim Centre Pompidou das stählerne Korsett- deutlich sichtbar sind.

Hier einen solchen Brunnen zu errichten war ein äußerst kühnes Projekt. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie es davor hier aussah: „Tot!… triste Einöde, die sich zwischen zwei Bauwerken hindehnt, wovon eines- die Kirche Saint-Merry- der -Geschichte angehört und das andere -das Centre Pompidou eben in sie eingeht… Schmucklos-unpersönliche Betonplatten, gerade noch für Fußball geeignet, geschätzt nur von herumirrenden Kötern.  … Ein völlig leerer Platz also, eine leblose Wüste. Und es war recht unerfreulich, dieses Vakuum tagtäglich vor Augen zu haben!“.[1a]

Wer dies schrieb und wer das Vakuum dieses Platzes tagtäglich vor Augen hatte, war der französische Komponist Pierre Boulez, der erste Direktor des Institut de Recherche et de Coordination Acoustique / Musique(IRCAM), das an diesem Platz seinen Sitz hat. Deshalb wurde dieser auch nach Igor Strawinsky benannt. Pierre Boulez schätzte Strawinsky als Wegbereiter der modernen Musik sehr, und zudem war Strawinsky Paris auch in besonderer Weise verbunden: 1910 reiste er erstmals nach Paris, dort wurden die Ballette  Der Feuervogel (1910) und die Nachfolgewerke Petruschka (1911) und  Le sacre du printemps (1913) uraufgeführt. Von 1920  bis 1940 lebte Strawinsky in Frankreich; 1934 wurde er französischer Staatsbürger.

Die Idee, den tristen Strawinsky-Platz mit einen Brunnen zum Leben zu erwecken, kam Boulez in Basel: Dort gibt es den großen Fassnachts-Brunnen von Jean Tinguely.[2]

Noch einmal Pierre Boulez: „Ach, es sei gestanden: aus einem Brunnen kam der Brunnen, und aus Basel wurde Paris. Hatte man den zauberhaften Brunnen in Basel einmal gesehen, so konnte man sich den Platz hier gar nicht mehr anders vorstellen als belebt von ebensolchen zauberhaften, im Wasser mechanisch angetriebenen Körpern, schwarz und bunt, geometrisch und figürlich.“  Schwarz und bunt: Also ein Gemeinschaftswerk von Jean Tinguely mit seinen schwarzen und seiner Lebensgefährtin Niki de Saint Phalle mit ihren bunten Figuren.

Und dass die beiden gemeinsam Wunderbares hervorbringen konnten, zeigten sie ja am Rande des Waldes von Fontainebleau in Milly- la-Forêt.[3]

Die Cyklop-Fotos stammen aus den Jahren 2010, 2015 und 2021

Dort errichteten sie damals den gewaltigen Cyklopen, ein 22 Meter hohes begehbares Ungetüm aus 350 Tonnen Stahl…

…. einäugig wie der Cyklop aus der Odyssee und bedrohlich, vor allem, wenn sich die rostigen Maschinen mit ohrenbetäubendem Lärm in Bewegung setzen…

… aber gleichzeitig auch blitzend, bunt und verspielt.  Und in der Wasserfläche ganz oben: Ein faszinierendes Spiel reflektierender Farben.

Beste Voraussetzungen also für den gemeinsamen Brunnen auf dem Strawinsky-Platz. Und Tinguely hatte ja  in den Jahren davor schon zahlreiche Wassermaschinen gebaut, auch in Kombination mit Riesen-Nanas seiner Partnerin. [4]

Das für die Weltausstellung 1967 in Monreal angefertigte und danach endgültig in Stockholm aufgestellte  Paradis fantastique von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Auch von Seiten der Stadt Paris waren die Voraussetzungen bestens:  Denn zu Beginn der 1980-er Jahre beschleunigte die Stadt ihre Politik zugunsten monumentaler zeitgenössischer künstlerischer Schöpfungen: Prominente Beispiele dafür sind die Glaspyramide von Ieoh Ming Pei  im Hof des Louvre oder die Säulen Les deux plateaux von Daniel Buren im Ehrenhof des Palais Royal. Dazu passte  durchaus das Projekt des Strawinsky-Brunnens.

Die Herausforderungen waren allerdings gewaltig: Denn der Strawinsky-Platz war ja nichts anderes als ein Dach, unter dem höchst kostspielige und empfindliche Geräte des IRCAM gelagert waren. Auf keinen Fall durften da Geräusche oder gar Wasser eindringen. Die Tragfähigkeit des Daches war also zu berücksichtigen. Das bedeutete: Die Wasserfläche des Brunnens musste in ihrer Höhe begrenzt werden, das verwendete Material in seinem Gewicht: Für die Kunststoff- Figuren Niki de Saint Phalles kein Problem, für die Konstruktionen Tinguelys schon: Stahl wie in Milly-la-Forêt schied aus, stattdessen baute er seine Installationen aus dem leichteren Aluminium….

Bis das endgültige Konzept entwickelt war, wurde eine Vielzahl von Entwürfen hergestellt; für die einzelnen Figuren wie den Feuervogel…

…. oder die Nachtigall, auch eine Fontäne, die sich auf das Werk Strawinskys bezieht, nämlich die Märchenoper Le Rossignol, die 1914 ebenfalls in Paris,  in der Opéra Garnier,  uraufgeführt wurde.

… vor allem aber für die gesamte Anlage: Denn die einzelnen Figuren sollten sich ja aufeinander beziehen, sollten ein harmonisches Ganzes bilden, gewissermaßen ein Wasserballett zu Ehren Strawinskys.

Aber schließlich war es so weit: Am 16. März 1983 war die enflottage de la fontaine, wurde der Brunnen eingeweiht.  

Einladungskarte von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle für die Eröffnung

Jean Tinguely, Jaques Chriac, damals Bürgermeister von Paris, mit seiner Frau Bernadette und Niki de Saint Phalle bei der Eröffnung des Brunnens. Crédit photo : Marc Verhille / Ville de Paris [5]

Und Pierre Boulez war begeistert: „es sprudel, spritzt und schäumt, dreht sich in Kreisen und Spiralen, taucht ein ins Wasser und lässt im Hochkommen tausend Tropfen stieben, sprüht in gewundenen Strahlen und hohen Bögen in alle Himmelsrichtungen, zaubert im Tanz irisierende Regenbögen zu den leuchtenden Eigenfarben der mechanischen Körper hinzu: sprühendes, überschäumendes Leben, eine Pracht, wonach es diesen Platz schon immer gedrängt hat.“

Pierre Boulez konnte mit Recht begeistert sein. Denn mit dem Strawinsky-Brunnen wird auf ganz wunderbare Weise die Tradition der Wasserkunst fortgesetzt, die in den Brunnen- und Gartenanlagen des 17. und 18. Jahrhunderts triumphierte.  Gerade auch in Paris wurde diese Tradition im 19. Jahrhundert wieder aufgenommen.[6]  Monumentalbrunnen wie die auf der Place de la Concorde hatten die Funktion, wichtige Plätze und Verkehrsknotenpunkte zu markieren – allerdings mit dem traurigen Resultat, dass sie, verkehrsumbraust, für die Menschen kaum noch zugänglich waren und sind. Anders der Strawinsky-Brunnen: Dort gibt es keine Autos, keinen Verkehrslärm, auch kaum wilde Radfahrer; stattdessen aber oft zwischen Brunnen und Centre Pompidou Straßenspektakel mit Akrobatik und Musik, oft zum Mitmachen für alt und jung…

Und der Brunnen lädt dazu ein, zu verweilen, dem Spiel der Farben und des Wassers zuzuschauen, sich auf seinen Rand zu setzen oder in eines der benachbarten Cafés. Er ist also, wie Bürgermeister Chirac bei der Einweihung des Brunnens hervorhob, vom demokratischen Geist beseelt.

Ein Schandfleck des Platzes waren allerdings die traurigen,  geschlossenen Häuserfronten auf einer Längsseite des Platzes. Die wurden dann aber bald von bekannten Künstlern der Street-Art gestaltet.

Den Anfang machte ein Werk von  Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), einem  der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris,  „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 

 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“ (Pssst!!!), ein Auftragswerk des Centre Pompidou. Mit seinen 350 qm² war es lange eines der größten Wandbilder der Welt.

Und zu seinen Füßen die Sirene von Niki de Saint Phalle.[7]

Foto von 2019 aus dem Instagram-Account von Obey[8]

Daneben gibt es seit 2019 ein großes Wandbild von Shepard Fairey alias Obey. In Paris ist er bekannt durch seine Installation unter dem Eiffelturm zur Weltklimakonferenz 2015 und durch seine Beiträge zur open-air-Ausstellung der XXL-Formate im 13. Arrondissement, vor allem seine Aufsehen erregende weinende Marianne.

Foto: Wolf Jöckel September 2022

Obey vermittelt gerne mit seinen Wandbildern und Werken auch politische Botschaften. Das Wandbild am Strawinsky-Brunnen steht unter dem Motto: Knowledge + Action= power.

Fairey schreibt dazu:  The Knowledge + Action mural is inspired by Art Nouveau but with a very currently relevant message. Apathy and ignorance have promoted a decline in civility and quality civic engagement, giving rise to forces who promote fear, division, and nationalism. We all need to understand the importance of both educating ourselves and taking action as we shape the future.[9]

Das Wandbild fordert also die Betrachter dazu auf, das offene Buch der Zukunft durch eine Kombination von Wissen/Erziehung und Aktion zu beschreiben. Es ist eine Auftragsarbeit der Stadt Paris.

Und schließlich gibt es noch ein drittes Werk der Street-Art an dem Strawinsky-Brunnen, nämlich ein monumentales (halbes) Mosaik des Invaders. Der hat hier durchaus seinen legitimen Platz,  bereichert er  doch mit seinen inzwischen weit über 1000 meist kleinen Mosaiken an den Hauswänden von Paris das Bild der Stadt.

Und an der Längsseite gegenüber gibt es mehrere Cafés, von denen aus man in Ruhe die Wandbilder, vor allem aber die Wasserspiele beobachten kann…

Der Elefant

Die sich drehende wasserspritzende Schlange

Zum Leben gehört auch der Tod:  Er ist im Werk Strawinskys präsent ebenso wie in dem von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Also hat er auch hier seinen Platz.

Die Klanginstallationen Ircam circus

Anlässlich der Restaurierung des Brunnens hat das IRCAM  zwei Klangkreationen  in Verbindung mit den farbenfrohen Skulpturen des Brunnens und dem Künstlerpaar Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely  geschaffen. In der ersten erzählt Hélène Frappart, begleitet von Musik,  sieben Geschichten zu ausgewählten Fontänen des Brunnens; die zweite ist eine elektronische Musik zu Ehren der beiden Künstler.

Die Werke sind zugänglich mit Hilfe eines QR-Codes, der auch neben dem Brunnen am IRCAM befestigt ist, und über Ircam Circus.

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Das nachfolgende Gedicht hat Jean Tinguely 1982 Madame Pompidou geschickt: Die Vision eines wunderbaren Brunnens, der einmal auf einem Platz in Paris sprudeln werde: Eine Vision, die Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle mit dem Strawinsky-Brunnen am Centre Pompidou Wirklichkeit werden ließen. Der Autor des Gedichts, Robert Desnos (1900-1945), war in der französischen Résistance engagiert, wurde 1944 verhaftet und starb einen Monat nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt an Typhus.

La Prophétie von Robert Desnos

D’une place de Paris jaillira une si claire fontaine
Que le sang des vierges et les ruisseaux des glaciers
Près d’elle paraîtront opaques.
Les étoiles sortiront en essaim de leurs ruches lointaines
Et s’aggloméreront pour se mirer dans ses eaux près de la Tour Saint-Jacques.

D’une place de Paris jaillira une si claire fontaine
Qu’on viendra s’y baigner, en cachette, dès l’aurore.
Sainte Opportune et ses lavandières seront ses marraines
Et ses eaux couleront vers le sud venant du nord.

Un grand marronnier rouge fleurit à la place
Où coulera la fontaine future,
Peut-être dans mon grand âge
Entendrai-je son murmure ;

Or le chant est si doux de la claire fontaine
Qu’il baigne déjà mes yeux et mon cœur.
Ce sera le plus bel affluent de la Seine,
Le gage le plus sûr des printemps à venir, de leurs oiseaux et de leurs fleurs.

Auch nachts spritzt und sprudelt der Brunnen:


Anmerkungen

[1] https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-stravinsky-retrouve-son-eclat-decouvrez-ses-secrets-24204

[1a] Pierre Boulez, Vorwort zu: Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, Strawinsky-Brunnen Paris. Bern: Benteli-Verlag 1983

[2] https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Tinguely-Brunnen_%28Basel%29?uselang=de#/media/File:Basel2004_img_3157.jpg

[3] https://paris-blog.org/2016/04/11/milly-la-foret-jean-cocteau-niki-de-saint-phalle-und-jean-tinguely/

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.schirn.de/magazin/kontext/2023/niki_de_saint_phalle/einmal_um_die_welt_mit_niki_de_saint_phalle/

[5] Bild aus: https://www.paris.fr/pages/la-fontaine-stravinsky-retrouve-son-eclat-decouvrez-ses-secrets-24204?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=s44

[6] Franz Meyer, Wasseraktion und Wasserspektakel. Zur Vorgeschichte der Pariser ‚Fontaine‘. In: Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, Strawinsky-Brunnen Paris, S. 13/14

[7] Nach https://actu.fr/ile-de-france/paris_75056/limage-une-nouvelle-oeuvre-geante-peinte-par-street-artiste-obey-coeur-paris_25641544.html handelt es sich um ein Portrait von Salvador Dali

[8] Bild aus: https://www.instagram.com/p/BzB74oglKW_/?utm_source=ig_embed&ig_rid=9453f39b-eec2-4b76-850f-f7074d44a663

[9] Zit aus Faireys Instagram-Seite in:  https://actu.fr/ile-de-france/paris_75056/limage-une-nouvelle-oeuvre-geante-peinte-par-street-artiste-obey-coeur-paris_25641544.html

Jakob Ignaz Hittorff, der Pariser Stadtbaumeister aus Köln: Auch eine deutsch-französische Geschichte. Von Ulrich Schläger

Vorwort

Wie nur wenige vor und nach ihm hat Jakob Ignaz Hittorff das Pariser Stadtbild geprägt. Das weltberühmte Prunkstück der Pariser Ost-West-Achse von der Place de l’Étoile um den Triumphbogen über die Champs-Élysées, „die schönste Avenue der Welt“, bis zur Place de la Concorde mit dem Obelisken von Luxor ist mit dem Namen Hittorffs verbunden.  Dazu kommen zahlreiche andere Bauten, die das Pariser Stadtbild prägen,  wie die Kirche Saint- Vincent-de-Paul und der Gare du Nord, der Cirque d’hiver und das Rathaus des 5. Arrondissements – um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen. Hittorff steht damit in einer Reihe mit Henrich IV., Napoleon und -nach ihm- dem Baron Haussmann. Trotzdem ist er -gerade auch im Vergleich mit den genannten Gestaltern der Stadt- eher ein Unbekannter. In Paris erinnern nur eine kleine unbedeutende Straße an ihn und eine noch kleinere und triste, Cité genannte Gasse.

Umso verdienstvoller ist es, dass Ulrich Schläger, Lesern dieses Blogs schon bekannt durch seinen Beitrag über den Engel in der rue Tourbigo, sich der Persönlichkeit und des Werks von Hittorff, seines Kölner Landsmanns, angenommen hat.

In der nachfolgenden Würdigung erläutert Schläger die Bedeutung Hittorfs als Wissenschaftler, Architekt und Stadtplaner, er zeichnet seinen Werdegang nach und er beschäftigt sich mit den Gründen, warum Hittorff weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ich freue mich sehr über diesen Beitrag, zumal es dabei auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte geht.

Weitere Beiträge Ulrich Schlägers über emblematische Pariser Bauten Hittorffs werden dann in lockerer Reihenfolge auf diesem Blog erscheinen.

Merci, Monsieur Schläger und allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bonne lecture!

Wolf Jöckel

Hommage für Jakob Ignaz Hittorff

Erinnert werden soll an Jakob Ignaz Hittorff, der am 20. August 1792 in Köln geboren wurde und hochdekoriert am 25. März 1867 in Paris verstarb, „ein Künstler von umfassendem Wissen und Wirken; ein zum Franzosen gewordener Deutscher, der mit gleicher Liebe an dem alten wie dem neuen Vaterland hing“ [1].  Und auch seiner Heimatstadt Köln, die einen Teil seines reichen Erbes bewahrt, blieb Hittorff verbunden.

Abb. 1: Félix-Joseph Barrias:  Jacob Ignace Hittorff  (1869)

Dieses posthume Portrait veranschaulicht Hittorffs außerordentliche Erfolgsgeschichte. Es zeigt ihn in seinem Arbeitszimmer, seine Rechte gestützt auf den Schreibtisch mit den Insignien seines Berufs: Zirkel, Dreieck, Bleistift, Feder und Tintenfass. Die bronzene Statuette der Minerva, Göttin der Künste und Wissenschaften, Bücher und Bilder im Hintergrund illustrieren sein Selbstverständnis als Künstler und Wissenschaftler. Gekleidet ist er im grün bestickten Rock der Académie des beaux-arts, hoch dekoriert mit den Auszeichnungen illustrer Akademien und Fürstenhäuser, darunter die Orden eines Chevalier und Commandeur der Légion d‘honneur, die Goldmedaille des Royal Institute of British Architects und den preußischen Orden „Pour le Mérite“ für Kunst und Wissenschaft.

Als Architekt und Stadtplaner sind in Paris nicht nur so geschichtsträchtige und bedeutende Plätze der Stadt wie die place de la Concorde und die place de l’Étoile/ place Charles-de-Gaulle, sondern auch die Avenue des Champs-Élysées mit seinem Namen verknüpft. Seine Bauten in Paris umfassen ein breites architektonisches Spektrum: Es reicht von Vergnügungs- und Theaterbauten (Restaurants, Rotonde du Panorama, Cirque d’Éte, Cirque Napoléon, heute Cirque d’Hiver,  Théâtre de l’Ambigu sowie Théâtre Marigny), Rathäusern (im 1. und 5. Arrondissement), sozialen Einrichtungen (wie das Waisenhaus Maison Eugène Napoléon, die heutige Fondation Eugène Napoléon), der Kirche Saint-Vincent-de-Paul bis hin zu dem größten Pariser Bahnhof, dem Gare du Nord, nicht gerechnet die Entwürfe zu Brunnen, Gaslaternen, Kandelabern, sonstigem Stadtmobiliar, Privathäusern, Renovierungen und nicht ausgeführten Projekten wie u.a. ein Palais de l‘Industrie ganz aus Eisen und Glas an den Champs-Élysées oder ein Theater- und Museumsprojekt für seine Vaterstadt Köln.

Zugleich hat Hittorff als „Entdecker der Polychromie der antiken Architektur“[2]  die Altertumswissenschaft maßgeblich mitgeprägt. Er stellt damit „einen der letzten Prototypen des Architekten-Archäologen dar, der einst der Schlüssel zu den Fortschritten der europäischen archäologischen Wissenschaft war.“ [3] Das macht ihn zu einer emblematischen Figur, wie Beulé [[4]] in der bewegenden Grabrede, die er zu seinem Gedenken am 12. Dezember 1868 vor der Académie des Beaux-Arts hielt, nachdrücklich betonte:

„Es war dem 19. Jahrhundert vorbehalten, dem Studium des Altertums eine Durchdringung und einen Respekt zu verleihen, die alles wieder zum Leben erwecken. Die Ruinen Griechenlands und Italiens sind eine Schule für ganze Generationen; die geschicktesten Schüler sammeln in verlassenen oder vom Fieber bewachten Ländern die kleinsten Details der griechischen und römischen Denkmäler; sie ernähren sich von diesen gleichzeitig so schönen und so einfachen Werken, sie entdecken sie, sie restaurieren sie, sie messen sie, sie drehen den kleinsten Trümmerteil um, wie ein Kommentator die Sätze eines wertvollen Manuskripts umdreht. Mit einem Wort: Durch Genauigkeit, Feingefühl und Eklektizismus begnügen sich unsere Architekten nicht mehr damit, Wissenschaftler zu sein; sie sind zu Archäologen geworden. Der Mann, den wir heute ehren, meine Herren, war einer der Förderer dieses Triumphs der Archäologie.

Abb. 2: Farbige Restitution des Tempels des Empedokles in Selinunt (Sizilien) durch Hittorff aus seinem Werk über die Polychrome Architektur bei den Griechen. 1851

Hittorff war ein Gelehrter ebenso wie ein Künstler. Die Académie des Inscriptions et Belles Lettres hätte ebenso wie die Académie des Beaux-Arts das Recht gehabt, ihn in ihre Mitte zu berufen. Wenn er seine Kunst liebte, pflegte er die Wissenschaft mit Rausch und lebte inmitten des Altertums wie in einem Heiligtum. Er zählt zu den komplexen und interessanten Figuren unserer Zeit, aufgrund der Vielfalt seiner Fähigkeiten und der Aufrichtigkeit einer Leidenschaft, die sein ganzes Leben erfüllte. […] Deshalb, meine Herren, prägt Hittorff die französische Kunst des 19. Jahrhunderts; er hinterlässt seine Spuren als Künstler und vor allem als Gelehrter.“ [5]

Hittorff zählt zu den bedeutendsten Architekten im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er hat nachhaltig Architekten wie Henri Labrouste und Charles Garnier in Frankreich und Gottfried Semper in Deutschland beeinflusst und fungierte „als Fährmann, als Vermittler zwischen dem Neoklassizismus und dem Eklektizismus“. (Adeline Grand-Clément)

Das Panthéon Parisien, das Album der zeitgenössischen gefeierten Persönlichkeiten, ehrte ihn in den 1860-er Jahren mit einer Auflistung seiner Werke, einer Portraitfotografie und einer Kurzvita.

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Hittorff war noch vieles mehr als „nur“ Architekt und Archäologe: als Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne war er Festdekorateur der Bourbonen. Als Restaurator des Palais Beauharnais [6] (der damaligen preußischen Gesandtschaft und jetzigen Residenz des deutschen Botschafters in Paris) trug er entscheidend zum Erhalt der glanzvollen, von Percier und Fontaine geschaffenen Innendekoration im Empire-Stil bei. Er war freier Unternehmer, der in emaillierten Lavaplatten ein lukratives Marktprodukt erkannte.

Als begnadeter Kommunikator, heute würden wir Netzwerker sagen, bediente er sich des kompletten Programms der Öffentlichkeitarbeit: durch Vorträge, Beiträge in Zeitschriften und Architekturjournalen, durch vielfältige Stellungnahmen zur Baukunst seiner Zeit und nicht zuletzt mit seinem intensiven Briefwechsel. Er fungierte als Übersetzer und Herausgeber bedeutsamer Werke der Altertumsforschung wie dem Werk von James Stuart über die Antiken in Athen. Er benutzte das volle publizistische Instrumentarium auch bei den aufwändigen Publikationen seiner eigenen Studien in Sizilien.

Als Präsident der Société libre des Beaux-arts, einer Vereinigung von Künstlern und Kunstliebhabern, die sich der Förderung der Künste und der Künstler widmete, pflege er engen Kontakt zur Pariser Kunstszene. Als Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften reichte sein Einfluss weit über Frankreich hinaus.

Wir sehen hier eine komplexe, vielschichtige, Persönlichkeit, in der sich geradezu das 19. Jahrhundert mit all seinen Brüchen, Widersprüchlichkeiten, Irritationen, aber auch seiner Dynamik widerspiegelt. Einerseits schuf Hittorff als Subjekt durch seine Neugierde, seine schöpferische Kraft, sein Wissen  und seine Ideen ein beeindruckendes architektonisches Werk, andererseits war er aber als Objekt politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und Veränderungen unterworfen und wurde von ihnen bestimmt. Und in der Tat bestimmten und beeinflussten bedeutende politische und soziale Umwälzungen sein gesamtes Leben und Wirken.

Als der 18-Jährige Hittorff 1810 nach Paris kommt, herrscht noch Napoleon I. Es folgt die Restauration der Bourbonen-Herrschaft. Mit deren Sturz in der Juli-Revolution 1830 beginnt die sogenannte Juli-Monarchie des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, die gleichfalls mit einer Revolution im Februar 1848 endet. Die nachfolgende 2. Republik hat aber keinen Bestand. Ihr „Prinz-Präsident“ Louis Napoleon reißt mit seinem Staatsstreich im Dezember 1851 die Macht an sich und etabliert sich 1852 als Kaiser Napoleon III.

Diese politische Instabilität spiegelt die Umstrukturierung der Gesellschaft wider: der Adel verliert an Einfluss gegenüber einer immer selbstbewussteren Bourgeoisie. Im Gefolge einer wachsenden Industrialisierung mit einem stärker werdenden Proletariat, das als Bedrohung der Herrschenden wahrgenommen wird, nehmen die sozialen Spannungen zu. Gleichzeitig stellen Bevölkerungszunahme, das Wachstum der Städte, die damit verbundenen hygienischen Probleme und die gesteiger te Mobilität Städte wie Paris vor neue Herausforderungen. Zugleich eröffnen Fortschritte der Technik neue Möglichkeiten des Bauens.

An Hittorff lässt sich verfolgen, wie er auf diese wechselnden Bedingungen reagiert, die auch seine wirtschaftliche Existenz bedrohen.  Charakteristisch ist für ihn, die gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit zu erkennen und zu nutzen. Dazu gehört auch seine Fähigkeit, die technischen Möglichkeiten und Innovationen seiner Zeit in seine Arbeit einzubeziehen.

Um seine Ziele zu erreichen weiß Hittorff um die Bedeutung der Reputation und die Wege dahin. Er weiß, dass sein Ruf nicht allein von seinen künstlerischen Fähigkeiten, einem Übermaß an Einsatz und Fleiß abhängt, sondern auch davon, welche Verbindungen er knüpft, um sich Einfluss zu verschaffen. Man kann dies Opportunismus nennen oder ein Höchstmaß an Flexibilität (Anpassung, Arrangieren). All dies wird, wie wir sehen werden, sein Wirken beeinflussen und über seinen Erfolg entscheiden.

Skizze seines Werdegangs

Jakob Ignaz Hittorf wird 1792 inmitten der Kölner Altstadt am Heumarkt geboren. Zwei Jahre später besetzen französische Revolutionstruppen die Stadt. Mit der Gründung des Département de la Roër (benannt nach dem Fluss Rur) wird Kölns Einverleibung in die Französische Republik vorbereitet. Es beginnt das, was die Kölner die „Franzosenzeit“ nennen. Seit 1801, mit dem Frieden von Lunéville, gehört Köln offiziell zu Frankreich. Hittorff wird erstmals französischer Staatsbürger. Unter der französischen Administration modernisieren sich Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssystem der Stadt. Köln löst sich aus den ständischen Verhältnissen und entwickelt sich zur größten deutschen Gewerbestadt.

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. v.l.) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund

Sein Vater Franz Alexander Hittorff, ein wirtschaftlich erfolgreicher Blechschläger (= Klempner, Spengler), der überdies mit Erwerb und Verpachtung von säkularisierten Kirchenimmobilien sowie durch ein Bestattungsmonopol wohlhabend geworden ist, bestimmt, wie in dieser Gesellschaftsschicht üblich, den Bildungsweg und die Berufswahl seines Sohnes. „Die Investition in den Architektenberuf seines einzigen Kindes folgt der Formel ‚Aufstieg durch Bildung‘ der Mittelschicht des frühen 19. Jahrhunderts und der Aufstiegsperspektive einer Handwerkerfamilie. Die Berufswahl, obwohl von Jakob Ignaz nicht selbst getroffen, wird akzeptiert und ganz im Sinne der familiären und sicherlich auch der eigenen Ambitionen realisiert. Hittorffs Lebenslauf ist eine Mustergeschichte der Subjektivation“, also der Erlangung von Autonomie durch die Unterwerfung unter soziale Machtstrukturen. [7]

Dieses Verhaltensmuster wird seine Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kennzeichnen: Hittorff kann sich mit veränderten Arbeitsbedingungen arrangieren, ohne die eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

In Köln besucht er die öffentliche Zentralschule. Er hört dort Vorlesungen seines Lehrers und Förderers Ferdinand Franz Wallraf, Professor der Schönen Künste, er bekommt Unterricht von dem Architekten Christian Löwenstein und dem Maler Caspar Arnold Grein, ergänzt vom Besuch der Ateliers und Werkstätten von Michael Leidel, des Baurats Schaufs und des Steinmetzen Franz Leister.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792

Er erwirbt damit „von der Pike auf“ zielgerichtet Grundkenntnisse (Mathematik, Geometrie, Zeichnen, Materialkunde, handwerkliche Fertigkeiten) für seinen späteren Beruf.  Noch in seiner Schulzeit entwirft er im Alter von 16 Jahren (!) in der Kölner Schildergasse ein (im Zweiten Weltkrieg zerstörtes) Bürgerhaus, das „frühe Kenntnisse in Sachen klassische Entwurfsprinzipien und Formensprache“ [8] zeigt.

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808

Hittorff kommt, gefördert von Ferdinand Wallraf, zusammen mit seinem Freund Franz Christian Gau 1810 nach Paris. Anders als Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner und Gottfried Semper geht es ihnen aber nicht um die Komplettierung ihrer Fachkenntnisse. Vielmehr wollen sie in Paris Architekten werden und wirken. Paris ist hierzu die erste Adresse. Die Stadt ist das europäische  Macht- und Kulturzentrum. Sie war nach dem Willen Napoleons zu einem „Zweiten Rom“ geworden. Hier können, auch als Folge der napoleonischen Raubzüge, die bedeutendsten Kunstwerke studiert werden; hier gilt die École des beaux-arts als Schmiede der Architekturelite.

Dank der Einstellung im Baubüro von François-Joseph Bélanger  (1745-1818) kann sich Hittorff rasch im Pariser Architektenmilieu etablieren. Bélanger ist Regierungsarchitekt (architecte du gouvernement), sein Atelier zählt „zu den ersten Adressen im napoleonischen Paris.“ [9]  Beim Bau der riesigen Kuppel der Kornhalle, der Halle au Blé, sammelt Hittorff erste Erfahrungen bei der Konstruktion mit Gusseisen und Glas: Es ist die erste Kuppel dieser Art in der Geschichte der Architektur. [10]

Abb. 7: François-Joseph Bélanger, Detail des Grabmals auf dem Friedhof Père Lachaise, division 11                

Mit dem Sturz Napoleon verliert Bélanger zwar sein Amt, avanciert unter den Bourbonen aber rasch zum Architekten der Menus Plaisiers du Roi, zum höfischen Festdekorateur, ein Posten, den er schon im Ancien Régime innehatte.  Hittorff kann von Bélanger lernen, dass „auch privatpolitische Klugheit und Flexibilität“ [11] zu einem erfolgreichen Architekten gehören.

Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft in Paris, also 1811, werden Hittorff und Gau als Schüler der École des beaux-arts immatrikuliert. Von den sechsunddreißig Schülern, die damals den schwierigen »concours« (Wettbewerb) um den Eintritt in die berühmte Ausbildungsstätte bestanden, und auf den sich beide ein Jahr vorbereitet hatten, erlangt Hittorff den fünfzehnten und Gau den siebzehnten Platz. Diese gute Einstufung war insofern belangvoll, als die meisten Teilnehmer des Ausleseverfahrens aus Paris stammten und über ganz andere Ausbildungsmöglichkeiten verfügten als die beiden gebürtigen Kölner.

Charles Percier, Professor an der Académie des beaux-arts, neben Pierre-François-Léonard Fontaine führender Vertreter des Klassizismus und Architekt Napoleons, wird sein zweiter Lehrer. „Beim Ersteren [Bélanger] hatte Hittorff die Baustellenluft kennengelernt beziehungsweise den Architektenberuf als einer Erwerbsbiographie, bei Letzterem [noch Prominenterem] erhielt er die Weihen der höheren Baukunst.“ [11]

Abb. 8: Robert Lefèvre, Portrait von Charles Percier, 1807

Im frühen 19. Jahrhundert wird an der École des beaux-arts Architektur nicht als Praxis, das ist die Sache der Baubüros, sondern als Bau-Kunst nach den Gesetzen der klassischen Ästhetik gelehrt. Dieses duale System bestimmt in Frankreich die Laufbahn des Architekten, wo Bau-Praxis und Bau-Kunst einander ergänzen.

Um 1820 hat Hittorff fast den Status und das Ansehen Bélangers erreicht, er war ihm 1818 als Chef der Menus Plaisiers du Roi in Zusammenarbeit mit Jean François Joseph Lecointe, gefolgt. Sulpiz Boisserée, berühmt als Kunstsammler, Kunsthistoriker und durch die Auffindung des Plans für die Westfassade des Kölner Doms, schildert Hittorff nicht ohne einen leisen Spott als  „arrivierten Hofarchitekten, zu dessen Ambiente längst die tonangebenden Kreise von Paris gehören“ (Pisani, 41). Alexander von Humboldt, bekannt für seine spitze Zunge, bezeichnet den jungen Architekten „als eine Art Dandy“. Beide, Boisserée und Humboldt, werden aber erkennen, dass Hittorff seine Position durch Leistung und weniger durch Klientelismus oder „Weiberprotektion“ verdankt.

Was Hittorff noch fehlt, ist die akademische Anerkennung. Hittorff hatte 1815 nach dem Sturz von Napoleon Bonaparte durch Beschluss des Wiener Kongresses seine französische Staatsbürgerschaft verloren. Er kann zwar in Paris bleiben, aber für das Stipendium der französischen Akademie in Rom, den großen Prix de Rome, nicht kandidieren.

Hittorff findet einen Weg, der zugleich seine Arbeit als Architekt akademisch vertieft und ihm ein Renommée ähnlich dem eines Prix de Rome-Trägers verschafft: Er lässt sich immer wieder beurlauben, reist 1820 nach England, 1821 nach Deutschland, wo er Karl Friedrich Schinkel in Berlin trifft. 1822 begibt er sich frei von akademischen Verpflichtungen zusammen mit seinem jungen Mitarbeiter Ludwig Zanth (1796-1857)  über Norditalien nach Rom.  Zanth wird später württembergischer Hofarchitekt und geadelt. In Rom knüpft Hittorff rasch Kontakt zu den Künstlerkreisen um Berthel Thorvaldsen und zu der Académie de France in der Villa Medici. Rom ist nur eine Etappe. Für die Erforschung der griechischen Tempelanlagen auf Sizilien, das eigentliche Ziel der Reise, engagiert Hittorff  den in Rom lebenden jungen deutschen Maler und späteren Architekten Wilhelm Stier, der die Bauzeichnungen anfertigt. Paestum, besonders aber Pompeji und Herculaneum werden besucht und in über 200 Blättern gezeichnet. Von September 1822 bis Juni 1824 forscht die Gruppe in Sizilien. Hittorff wird das seine „nützliche Pilgerfahrt“ nennen. Es seien „die schönsten Tage seines Lebens“ gewesen. [12]

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff  in Italien von Moritz Daniel Oppenheim, 1824. Im Hintergrund die Ruinen von Agrigent.

Frucht dieser „Pilgerfahrt“ sind die z.T. in Zusammenarbeit mit Ludwig von Zanth publizierten Werke zur Architektur in Sizilien:

  • Antiquités de l‘Attique, L‘Architecture antique de la Sicile,
  • L‘Architecture moderne de la Sicile, De l’architecture polychrôme chez les Grecs, ou restitution complète du temple d’Empédocles dans l’acropolis de Sélinunte,
  • Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs.

Diese Werke bilden die Grundlage zu seiner Farbtheorie der griechischen Architektur. Durch sie wird er zum Vorreiter ihrer Farbigkeit (Polychromie) in einer Jahrzehnte-langen Auseinandersetzung. Sie sind das Eintritts-Billett zur akademischen Architektenelite.

 Abb. 10: Portrait Hittorffs von Carl Joseph Begas, 1821  

Nach seiner Italienreise heiratet er 1824 Rose Élisabeth Lepère. Darüber zerbricht die Freundschaft zu seinem Weggefährten Franz Christian Gau, mit dem zusammen er um die Tochter von Jean-Baptiste Lepère geworben hatten.

Abb. 11: Madame Hittorff als Göttin Juno. Von Jean-Auguste-Dominique Ingres, einem Freund Hittorffs

Auch wenn man beiden mit der Werbung keine Karriereabsichten unterstellen will, so bedeutete doch Hittorffs Heirat die Aufnahme in einen einflussreichen Personenkreis um diesen französischen Architekten, der als Künstler Napoleon Bonapartes Ägyptenkampagne begleitet und einen Großteil der Entwürfe zum wenig später entstandenen, berühmten Monumentalwerk der Description de l’Égypte beigesteuert hatte. Überdies hatte er die Metallarbeiten an der Siegessäule auf der Place Vendôme geleitet. Später wird Hittorff nach Lepères Tod den Bau der Église Saint-Vincent-de-Paul weiterführen.

1842 wird Hittorff per Beschluss von König Louis-Philippe wieder französischer Staatsbürger. Als Krönung seiner Laufbahn, die er als 18-Jähriger in Paris begonnen hatte, wird er am 22. Januar 1853 zum ordentlichen Mitglied der Académie des beaux-arts, Sektion Architektur, gewählt. Er ist damit „membre de l’Institut“ und gehört nun zur crème de la crème der französischen Wissenschaft.

Am Ende seines Lebens kann Hittorff auf ein vielfältiges, internationales  Werk zurückblicken, gegründet auf eine exzellente Fachausbildung im renommierten Baubüro von Bélanger und bei Percier an der École des beaux-arts (1811-1816), auf Fortbildungs- und Forschungsreisen, auf eine nie nachlassende Neugierde, einen  ungeheuren Fleiß und Organisationsvermögen und nicht zuletzt auf die Fähigkeit, Verbindungen zu  führenden gesellschaftlichen Kreisen, zu wissenschaftlichen, akademischen Institutionen und Gesellschaften zu knüpfen – Hittorff spricht neben deutsch und französisch auch italienisch und englisch – sowie auf die Pflege oft lebenslanger Bekanntschaften und Freundschaften zu Künstlern und Berufskollegen.

Ein zu Unrecht Vergessener

Dass heute Hittorff dennoch in der breiten Öffentlichkeit, nicht aber in Fachkreisen, in Vergessenheit geraten ist, hat mehrere Gründe.

Zum einen liegt es daran, dass „die Scheidung zwischen der Welt der Künstler und der Welt der Archäologen begann… Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde jede Welt autonom und die Hellenisten waren nicht mehr auf die Künstler angewiesen, um ihre Forschungen durchzuführen, da sie ihre eigenen Untersuchungsinstrumente und Arbeitsmethoden entwickelt hatten.“ [13] Darüber hinaus war der Polychromie-Streit am Ende des Jahrhunderts ausgefochten.

Zum anderen verringerte sich in Hittorffs Zeit der Einfluss der Architekten aus der Tradition der École des beaux-arts zugunsten der Technokraten der École polytechnique und der École centrale des arts et manufactures bei der Umgestaltung von Paris, maßgeblich forciert durch Georges-Eugène Haussmann, seit 1853 Präfekt des damaligen Départements de la Seine, das Paris einbezog.

Dabei beruhte der Wirkungsverlust von Hittorff keineswegs in seiner Prägung durch die École des beau-arts, der – so bei Walter Benjamin und Sigfried Giedion- eine Hemmung des Fortschritts und damit der Moderne unterstellt wurde. [14].  Hittorff – und das gilt auch für Victor Baltard und Henri Labrouste, beide auch Eleven der École des beaux-arts – war autonom genug und verstand sehr wohl, neuartige Techniken (Einsatz von Fertigbauteilen, innovative Tragkonstruktionen) und Materialien (Glas und Eisen) für eine Architektur zu verwenden, in der moderne Technik und die Formensprache der Hochkunst verbunden waren. Beispiele dafür sind der Pariser Nordbahnhof, Gare du Nord, und die Bibliothèque Sainte-Geneviève. Von einem Kampfplatz zwischen „Konstrukteur und Dekorateur“ [15] kann da keine Rede sein.

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (1860, Musée Carnavalet)

Der wesentliche Grund, warum Hittorff in Vergessenheit geriet, lag in der Dominanz von Effektivität und Funktionalität, die unter Haussmann die städtische Planung und die Transformation von Paris bestimmten und mit den Boulevards, Markthallen, Bahnhöfen, Grands Hotels, Warenhäusern und Parks, den groß dimensionierten Verkehrsschneisen, dem unterirdischen leistungsfähigen Abwasser-, Trinkwasser- und Verkehrssystem (Métro) auf den Trümmern des vieux Paris die „Hauptstadt de 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin) erschufen.  Der „ehemals fraktale Stadtraum [ging] in einen logistischen Gesamtorganismus“ [über], „in dem Menschen, Transportmittel, Waren und Kapital zu zirkulieren begannen[16].

Für Haussmann war die Stadt nicht mehr die Summe einer repräsentativen Architektur, eine „Stadt als Werk der Kunst“[17]. Im Mittelpunkt standen nicht mehr wie bei Hittorff Ästhetik, Streben nach Schönheit und mit Bedeutung aufgeladene Objekte, seien es Plätze, Bauten, Säulen, Obelisken und anderes, sondern strukturierter Raum, der der Nutzung zu dienen hatte, wie die Place de l’Ètoile mit ihren 12 Achsen als riesiger Verteiler und Zirkulationsraum.

Zuvor hatten in der Lebensspanne von Hittorff in Paris andere Kriterien für die Gestaltung der Stadt gegolten:

Unter Napoleon Buonaparte sollte Paris als kulturelles und machtpolitisches Zentrum mit seinen Kunstsammlungen und seinem an der römischen Antike orientierten Klassizismus als neues, glanzvolleres Rom, als Zentrum eines neuen Imperiums alle Hauptstädte Europas überstrahlen und seine Macht und den Ruhm seiner Armee demonstrieren. Diese Botschaft war nicht nur nach außen gerichtet, sondern auch an die eigenen Untertanen. Im Stolz, im Bewusstsein einer so machtvollen Nation anzugehören, sollte die durch die Wirren der Revolution zerbrochene Einheit der Nation wieder beschworen werden.

Die Bourbonen verfolgten mit ihren Aufträgen an die Architekten andere Ziele. Mit ihren Kirchen-Bauten und -Renovierungen wollten sie den Ikonoklasmus an der Sakralarchitektur während der Französischen Revolution auslöschen. Insbesondere Karl X. wollte die Allianz zwischen Thron und Altar wiederherstellen, an das ancien regime anknüpfen und die Erinnerung an das ermordete Königspaar wachhalten. Diesen Zielen dienten die aufwändigen höfischen Inszenierungen einschließlich ihrer ephemeren Architekturen, die Sühnekapelle (chapelle expiatoire) auf dem ehemaligen Friedhof Madeleine (Cimetière de la Madeleine) und die Umwidmung der Place Louis XV in Place Louis XVI. Die Umgestaltung des Platzes mit der Statue Ludwig XVI. wurde nicht mehr realisiert.  

Die Julimonarchie unter Louis-Philippe schließlich, gekennzeichnet durch Bereicherung der produzierenden und finanziellen Bourgeoisie und extremer Armut der Arbeiterklasse, evozierte wiederholte Unruhen der unteren Schichten. In der Beschwörung einer kollektiven Einheit (Stichwort: Place de la Concorde) sollte die gespaltene Gesellschaft durch ikonologische Bilder zusammengeführt und der Terror der Revolution verdeckt werden. Mit der Restaurierung einiger Wahrzeichen von Paris (Notre-Dame, Église Saint-Germain-des-Prés u.a.m.) sollten kollektive Erinnerungsorte neu belebt und ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen werden. Mit Gebäuden in verschiedenen historischen Stilen wollte man der Stadt neuen Glanz verleihen, mit Zonen für Freizeit, Unterhaltung und Spiel die Bürger ruhigstellen. Eine Sanierung der Arbeiterviertel unterblieb bei all diesen Aktivitäten.

Jacques Ignace Hittorff beherrschte als Absolvent der École des beau arts, als ehemaliger Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne der Bourbonen und als Künstler in hohem Maße die Fähigkeit, den architektonischen und städtebaulichen Projekten Glanz und Bedeutung zu verleihen. Hittorff dachte in emblematischen Bildern und Räumen, aufgeladen mit Geschichte und kulturellen Traditionen. Diese Fähigkeit schätzten auch Louis Philippe und danach Napoleon III., der an das Erste Kaiserreich anknüpfen wollte. Doch die Zeiten hatten sich geändert.

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und das damit verbundene rasche Wachstum der Bevölkerung und des Verkehrs hatten in Paris, wie in anderen europäischen Großstädten, zu überfüllten städtischen Zentren, schlechten Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen geführt. Die teilweise noch mittelalterlichen Infrastrukturen mit Mangel an Licht, frischer Luft, sauberem Trinkwasser und leistungsfähigem Abwassersystem waren Brutstätten für die massive Ausbreitung von Krankheiten und haben zu den katastrophalen Epidemien des 19. Jahrhunderts geführt. Gleichzeitig stellte das wachsende Proletariat, das in diesen überfüllten, ungelüfteten und ungesunden Wohnungen leben musste, einen potentiellen revolutionären Sprengsatz dar. Eine umfassende Umwandlung und Sanierung von Paris waren unumgänglich, weil die Stadt als Gemeinwesen nicht mehr richtig funktionierte.

Diese Transformation wurde flächendeckend rigoros, ja oft brutal, aggressiv und diktatorisch von Haussmann vorangetrieben, der die bis dahin dominierende Beaux-Arts-Elite, zu der Hittorff gehörte, in der städtischen Bauverwaltung ablöste, weil er der Auffassung war, dass diese die Modernisierung von Paris nach ihren Beaux-Arts-Normen und wegen ihres Elitebewusstseins nicht bewältigen und mittragen könnten. Das Heer von Architekten wurde zugunsten von Ingenieuren der École des ponts et chaussées und der École polytechnique reduziert, „denn die Ingenieure seien Beamte, die einer straff organisierten Hierarchie angehören und sich ausschließlich dem öffentlichen Dienst widmen…Deren Hierarchieergebenheit befördere die Disziplin und den reibungslosen Ablauf behördlicher Vorgänge.“ [18] Es ging um die Etablierung  technokratischer Regime, „in denen sich Verwalten und Verhalten und nicht zuletzt Gestalten den Kategorien der Rationaliät unterstellen.“ [19]

Die Architekten Victor Baltard und Hittorff behielten zwar ihre Stellen im Service d’architecture. Haussmann wird später in seinen Memoiren behaupten, beiden gleichsam ‚Vernunft‘ eingebläut zu haben. Der Konflikt zwischen Haussmann und Hittorff wird hier überdeutlich und führte zu der zunehmenden Ausgrenzung Hittorffs bei der Gestaltung von Paris. Diese Ausgrenzung hatte ihren primären Grund nicht in Haussmanns technokratischem Regime, wie Pisani meint, sondern sicherlich gleichwertig in einer sehr persönlichen von Neid, Eifersucht und Vorurteilen geprägten Aversion gegenüber Hittorff, wie Haussmanns Memoiren und andere Quellen zeigen.

Hittorffs Wirken in Paris wird im Gedächtnis verschattet und verdrängt von der übermächtigen Gestalt Haussmanns. Und die Stadt Paris hat leider dieser Missachtung Hittorffs Vorschub geleistet.

Während einer der großen Boulevards nach Haussmann benannt wurde, fand sich für Hittorff nur eine kleine, unbedeutende Straße im 10. Arrondissement, die als Sackgasse in der tristen Cité Hittorff endet. [20]

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff, Paris 10. Arrodissement

Ein weiteres Beispiel für die Verdrängung Hittorffs aus dem Gedächtnis der Stadt ist die Informationstafel vor dem repräsentativen Rathaus des 5. Arrondissements am Pantheon-Platz.

Auf dieser Tafel wird der Innenarchitekt genannt, nicht aber die Architekten Jean-Baptiste Guénepin, der den Bau begonnen, und vor allem Hittorff, der dem Rathaus seine charakteristische neo-klassizistische Fassade gegeben hat. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Paris nicht sehr respektvoll mit Hittorff umgeht. In Köln gibt es ein Sprichwort: Me moss och jönne könne (Man muss auch gönnen können). Haussmann konnte das nicht und manche Verantwortliche in Paris auch nicht.

Bestattet wurde Hittorff auf dem Pariser Friedhof Montmartre. Dort befindet sich auch das Grab eines weiteren in Köln geborenen und dann in Frankreich eingebürgerten Deutschen, der ebenfalls Bedeutendes für Paris geleistet hat: gemeint ist der Violoncellist und Komponist Jacques Offenbach.

Abb. 15 Grabmal Hittorffs auf dem Cimetière de Montmartre, 4. Division, Avenue de Montebello.  Hittorff ist dort zusammen mit seinem Schwiegervater Jean-Baptiste Lepère bestattet.

Die neben dem Grabmal Hittorffs liegende prächtige neogotische -und natürlich polychrome- Kapelle der Gräfin Potocka ist übrigens auch sein Werk…

Abb. 16: Grabmal der in St. Petersburg geborenen und in 1845 in Paris verstorbenen comtesse Marie Potocka, princesse Soltikoff

In den nachfolgenden Beiträgen soll Hittorffs Wirken in Paris am Beispiel einiger Plätze und Bauwerke veranschaulicht werden. Ausgewählt werden Werke, in denen sich die künstlerischen Vorstellungen Hittorffs am eindrucksvollsten niederschlagen und für deren Bau er neue Techniken und Materialen zu nutzen verstand; weiterhin soll auch berücksichtigt werden, inwieweit sich an den ausgewählten Bauten die Anpassung an die wechselnden Herrschaftsverhältnisse aufzeigen lässt und wo sich die Konflikte mit Haussmann am deutlichsten manifestierten:

– Place de la Concorde

– Place de l’Étoile  (place Charles-de-Gaulle)

– Gare du Nord (Nordbahnhof)

– Sommer- und Winterzirkus (cirque d’étè und cirque d’hiver)

Ulrich Schläger, Köln im September 2023

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Jacob Ignace Hittorff, 1869 (?), von FélixJoseph Barrias ; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Abb. 2: Élévation principale du temple, in: Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs. 1851. Quelle: Heidelberger historische Bestände – digital https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hittorff1851bd2/0007/image,info,thumbs

s.a.https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reconstruction_of_the_Temple_of_Empedocles,_Selinunte,_Sicily,_by_Jacques_Ignace_Hittorff,_1830_(published_in_1851).webp

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. von links) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund. Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792; Quelle Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808; Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Siehe auch: https://www.wikiwand.com/de/Schildergasse#Media/Datei:K%C3%B6ln_-_Schildergasse_links_Antonsgasse_mit_Apotheke_zum_goldenen_Kopf,_rechts_Nr._84_altes_Polizeipr%C3%A4sidium,_erbaut_1808,_RBA.jpg

Abb. 7: Henri-Victor Roguier: François-Joseph Bélanger portrait de profil en relief enchâssé dans une couronne de lauriers,  marbre, cimetière du Père Lachaise. https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois-Joseph_B%C3%A9langer

Abb. 8: Charles Percier von Robert Lefèvre;   Château de Versailles. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charles_Percier_par_Robert_Lef%C3%A8vre_-_Ch%C3%A2teau_de_Versailles.jpg

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff in Italien, Moritz Daniel Oppenheim, 1824, zugeschrieben; Quelle: Kölner Stadtmuseum. Siehe dazu: Michael Keine, Jacques-Ignace Hittorff: The Discovery of Polychromy in the Ancient Architecture of Sicily and the Consequences for Contemporary Art and Archaeology in France 

https://www.nga.gov/research/casva/research-projects/research-reports-archive/kiene-2013-2014.html

Abb. 10:  Jakob Ignaz Hittorff, von Carl Begas, 1821; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud   https://www.stylepark.com/de/news/stadtplanung-oeffentlicher-raum-best-practice-jakob-ignaz-hittorff-place-de-la-concorde-paris-ausstellung-    

Abb. 11: Portrait von Madame Jacques Ignace Hittorf als Göttin Juno, von Jean-Auguste-Dominique Ingres. 1864 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_Madame_Jacques_Ignace_Hittorf_as_Juno,_by_Jean-Auguste-Dominique_Ingres,_1864,_oil_on_canvas_-_Krannert_Art_Museum,_UIUC_-_DSC06234.jpg

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (circa 1860, Musée Carnavalet) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri_Lehmann_-_Portrait_du_baron_Haussmann_%281809-1891%29,_pr%C3%A9fet_de_la_Seine_%281853-1870%29_-_P2213_-_Mus%C3%A9e_Carnavalet.jpg

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff Paris 10. Arrodissement Fotos: Wolf Jöckel (September 2023)

Abb. 15: Stele des Grabmals von Hittorff auf dem Friedhof Montmartre. http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2015/04/05/la-chapelle-sepulcrale-de-la-comtesse-potocka-1845/

Abb. 16: Das von Hittorff entworfene Grabmal der Gräfin Potocka auf dem Friedhof Montmartre http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2020/11/28/les-chapelles-neogothiques-du-cimetiere-de-montmartre-1842-1910/

Literatur

  • Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Auch zugänglich unter: https://perspectivia.net//publikationen/phs/hammer_hittorff
  • Uwe Westfehling: J. I. Hittorffs Pläne für ein Denkmalforum in Paris. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Vol. 36 (1974), pp. 273-294 (22 pages); https://www.jstor.org/stable/24657147
  • Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts.
  • Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graph. Sammlung, 21. Januar – 22. März 1987. In Zusammenarbeit d. Musée Carnavalet Paris u.d. Wallraf-Richartz-Museums Köln. Red. der ins Dt. übertr. Fassung: Uwe Westfehling u. Antje Zimmermann
  • M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994
  • Bruno Klein: Napoleons Triumphbogen in Paris und der Wandel der offiziellen Kunstanschauungen im Premier Empire, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 59. Bd., H. 2 (1996), pp. 244-269
  • Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In:  Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 6, 2007, 6, S.135-156. https://journals.openedition.org/anabases/3459
  • Pierre Pinon, Jacques Ignace Hittorff. Institut nationale d’histoire de l’art 2009. Mit einem Verzeichnis der Publikationen Hittorffs und einem Literaturverzeichnis (die deutschen Titel sind allerdings zum Teil fehlerhaft wiedergegeben). https://www.inha.fr/fr/ressources/publications/publications-numeriques/dictionnaire-critique-des-historiens-de-l-art/hittorff-jacques-ignace.html
  • Paris erwacht! Hittorffs Erfindung der Place de la Concorde. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln (07.04. – 09.07.2017)
  • Christiane Hoffrath und Michael Keine, 1792 – 1867, Hommage für Hittorff. Bilder, Bücher und Würdigungen. Inventar der Zeichnungen von Jacob Ignaz Hittorff in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Band 6. Köln 2020 https://fliphtml5.com/igjcc/gajt/basic
  • Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gruyter Oldenburg 2022


Anmerkungen

[1] Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historisches Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

[2] NDB 9, 1972  https://www.deutsche-biographie.de/sfz32651.html#ndbcontent

Siehe dazu auch: Adeline Grand-Clément, Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In: Varia, Traditions du patrimoine antique 6/2007  https://doi.org/10.4000/anabases.3459

[3] Adeline Grand-Clément: Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce  (Anabases 6 ,2007, p. 135-156; hier p. 155)

[4]  Charles Ernest Beulé (1826-1874), Archäologe und Numismatiker. Mitglied derAcadémie des Inscriptions et Belles-Lettres und seit 1862 Secrétaire perpétuel der Académie des Beaux-Arts.

[5] zitiert nach: Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.  Übersetzung von U. Sch.)

[6] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/ und https://paris-blog.org/2023/05/01/deutschlands-schonstes-haus-steht-an-der-seine-das-palais-beauharnais-in-paris-teil-2/

[7]Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022,  S.26 und 24

[8] Salvatore Pisani, ebd., S.27.

[9]  Salvatore Pisani, ebd., S.30

[10]  Sophie Flouquet, Un Monument réinventé. In: Éditions Beaux Arts. Heft Bours de Commerce. 2021, S. 66

[11]  Salvatore Pisani, ebd., S.40

[11] Salvatore Pisani, ebd., S.36

[12]  Die Alben von Jakob Ignaz Hittorff. Band 5: Sicile ancienne. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln 2017https://www.academia.edu/31923660/2017_Sicile_Ancienne_Hittorff_and_the_Architecture_of_Classical_Sicily_Die_Alben_von_Jakob_Ignaz_Hittorff_vol_5_?email_work_card=view-paper Zitat auf der inneren Umschlagseite.

[13] Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.

[14] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[15] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[16] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[17] M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994

[18] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[19] Salvatore Pisani, ebd., S. 272.

[20] Bei Wikipedia (abgerufen am 13.9.2023) sind noch alte Straßenschilder mit falschem Namen (Hittorf) und falschem Geburtsdatum (1793) abgebildet. https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_Hittorf#/media/Datei:Paris_10e_Cit%C3%A9_Hittorf_175.JPG

Auf der offiziellen Seite des Rathauses (https://mairie10.paris.fr/pages/contact-7603  abgerufen am 13.9.2023) wird ebenfalls noch die falsche Schreibweise des Namens verwendet.

Weitere Beiträge zu Hittorffs Bauten in Paris: