Die Pariser Philharmonie feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubliläum: Ein von Jean Nouvel entworfener grandioser Bau, um den es viele Auseinandersetzungen gab. Da ging es zunächst um den Ort: nicht im Zentrum von Paris, da wo das kulturelle Leben sich traditionell abspielt, sondern am nord-östlichen Rand der Stadt, direkt neben der Autobahn (Periphérique), auf dem früheren Gelände der Schlachthöfe. Dann die galoppierenden Kostenüberschreitungen: Zunächst waren 200 Millionen eingeplant, es gab aber Probleme bei der Bauausführung, mit den beteiligten Unternehmen, Verzögerungen, die Inflation… Zum Trost wird jetzt im Rückblick auf die exorbitanten Kostensteigerungen bei der Elbphilharmonie verwiesen (von 77 auf 789 Millionen). In Paris aber zog der Staat bei 386 Millionen die Notbremse. Unter anderem soll darunter die Ausführung der Fassade mit ihren ca 300 000 auffliegenden, den großen Aufbruch der Kultur symbolisierenden Vögeln gelitten haben. Für „naive“ Besucher wie wir ist das allerdings nicht erkennbar.
Nouvel war aber tief gekränkt, boykottierte sogar das offizielle Eröffnungskonzert am 14. Januar 2015. Inzwischen ist die Philharmonie aber ein fester und allseits akzeptierter Bestandteil des Pariser kulturellen Lebens, und Jean Nouvel hat seinen Frieden mit dem Bau geschlossen.
Wir sind der Philharmonie in vielfacher Weise verbunden: In unserer ersten Pariser Wohnung hatten wir einen jungen griechischen Architekten als Nachbarn, der im Büro von Jean Nouvel arbeitete und an den Planungen für die Philharmonie beteiligt war. Er erzählte beispielsweise, dass Jean Nouvel, der sich in erster Linie als Künstler sah, gerne am späten Nachmittag mit wehendem Schal und einem Bündel Zeichnungen vorbeirauschte, kurz seine neuen Ideen präsentierte und sich dann mit dem Auftrag an sein Team verabschiedete, bis zum nächsten Tag konkrete Ausführungspläne zu erarbeiten…
Das Ergebnis ist jedenfalls grandios; ästhetisch und akustisch – u.a. dank der charakteristischen „Wolkenreflektoren“ an der Decke des großen Saals.
Wir haben schon viele wunderbare Konzerte in der Philharmonie erlebt, unter anderem mit Daniel Barenboim. Der war in seinen jungen Jahren musikalischer Leiter des Orchestre de Paris. 2018 zelebrierte er in der Philharmonie den gesamten Zyklus von Beethovens Klaviersonaten. In dem Großen Saal mit seinen 2400 Plätzen hat man selbst von den entferntesten Plätzen den Eindruck, ganz nahe dabei zu sein.
Konzert Brad Mehldau in der Philharmonie im Januar 2025
Und Preise und Programm passen zu dem Anspruch der Philharmonie, ein Ort nicht nur für die traditionellen Konzertbesucher zu sein, sondern sich für alle Menschen zu öffnen, unabhängig von Alter, Herkunft, sozialem Milieu, kultureller Prägung … Das scheint zu funktionieren, wie wir in diesem Jahr wieder bei dem Konzert mit Brad Mehldau gesehen haben. Unsere schöne Alte Oper in Frankfurt, gebaut nach dem Vorbild des Pariser Opernhauses, sieht dagegen ziemlich alt aus…
Paris im Sommer ist nicht jedermanns Sache: Es ist oft heiß, manchmal auch drückend heiß und stickig, mit entsprechenden ungesunden Begleiterscheinungen: hohen Ozon- und Feinstaub-Werten; das wirtschaftliche und kulturelle Leben verläuft auf Sparflamme. Oper und Theater machen Sommerpause. Bei vielen Geschäften sind die Rollgitter heruntergezogen und ein Schild informiert über die –meist mehrwöchige- Dauer des „congé annuelle“. Wer es sich leisten kann, fährt in Urlaub, viele Pariser in das Sommerhaus auf dem Land oder am Meer.
Für die zu Hause Gebliebenen und die Touristen gibt es immerhin ein spezielles Sommerprogramm mit vielen kulturellen Angeboten zum; Beispiel musikalischen Festivals wie dem Jazz-Festival im Parc Floral in Vincennes, gefolgt von dem Festival Classique Au Vert am gleichen Ort, dem Jazz-Festival auf der Esplanade de La Défense, dem Festival Rock en Seine in der Domaine National du Parc de Saint-Cloud, dem Festival Chopin im Park La Bagatelle und, und, und…. Besonders schön ist, dass hochkarätige Gruppen, die zu sehen bzw. zu hören im Allgemeinen einiges Geld kostet, teilweise auch kostenlos in Pariser Parks auftreten; beispielsweise im Jardin du Luxembourg oder im Parc de Belleville im 20. Arrondissement, den wir besonders lieben, weil man von dort aus einen wunderbaren Blick über Paris hat. Man kann sich eigentlich jeden Tag aussuchen, worauf man Lust hat. Und dann gibt es ja auch noch Paris-Plages! Zentrum dieser schon traditionellen Einrichtung waren die beiden für die Zeit dieser Veranstaltung für den Autoverkehr gesperrten Stadtautobahnen nördlich und südlich der Seine.
Mit Hilfe von 3000 Tonnen Sand erhielten sie ein entsprechendes Strand-Ambiente mit Liegen, Sonnenschirmen, Bars und Freizeitangeboten. Inzwischen sind die beiden Schnellstraßen dauerhaft geschlossen, was die Außergewöhnlichkeit von Paris-Plages an diesen Stellen etwas mindert. Und, „grand choc!“, den Sand gibt es nicht mehr. Aber in gewissser Weise herrscht jetzt während der gesamten schönen Jahreszeit etwas Paris-Plage-Atmosphäre. [1]
Er ist in Verruf geraten, weil er von der Firma Lafargue geliefert wurde, von der man inzwischen weiß, dass sie dem IS Schutzgelder bezahlte, um ihr in dessen Aktionsradius liegendes syrisches Zementwerke ungestört weiterbetreiben zu können. Die Pariser Stadtverwaltung hat daraufhin die Zusammenarbeit mit LafargueHolzim, dem „leader mondial du matériel de construction“, abgebrochen. Das Fass zum Überlaufen brachte, dass dieser weltgrößte Zementproduzent auch noch mit einer Beteiligung an dem Mauerbauprojekt Trumps liebäugelte.[2]
Und es gibt noch einen speziellen neuen Paris-Plage-Standort, nämlich das Bassin de la Villette.
Schwimmen im Bassin de la Villette
Dort wurde nämlich als absolute Neuheit für Paris-Plages 2017 ein Schwimmbad installiert, das La Baignade, das vom 15. Juli bis zum 15. September täglich von 11 bis 21 Uhr geöffnet ist. (2a)
Jedenfalls soll das so sein, wenn nicht…. Zwar wurden nämlich, wie der Pariser Sportbürgermeister Jean-Francois Martins beteuerte, die Grenzwerte für die bakterielle Belastung des Bassins seit zwei Jahren eingehalten, aber dann musste es doch nach einigen Tagen schon wieder für den Badebetrieb geschlossen werden…. (Le Parisien, 25.7.) Aber das war immerhin nur vorübergehend und soll, falls es nicht erneut starke Regenfälle gibt, auch so bleiben. Und es soll wohl auch eine Dauereinrichtung für die Sommerzeit der nächsten Jahre werden.
Insgesamt hat das Schwimmbecken eine Länge von 100 Metern und ist dreigeteilt je nach Tiefe: Ein Planschbecken von 40 cm Tiefe (siehe Foto), ein weiteres von 1,20 Metern Tiefe und für die Schwimmer gibt es ein 50-Meter-Becken, das 2 Meter tief ist und das selbst bei schönstem Wetter eher mäßig frequentiert ist.
Bei schönem Wetter ist allerdings der Andrang der Schwimmbadgäste groß, da muss man eventuell am Eingang etwas warten, weil eine Gesamtzahl von jeweils 500 Besuchern nicht überschritten werden soll.
Dafür wird es abends ruhig, allerdings kann es dann passieren, dass man nicht mehr eingelassen wird, wenn die Gesamtzahl der Besucher an diesem Tag schon die 2000 erreicht hat. Wenn man aber schon drinnen ist, kann es sein, dass man das große Schwimmbecken ganz für sich alleine hat….
Es gibt am Rand Duschen, Umkleidekabinen und Toiletten. Und wenn man Glück hat, findet man auch noch einen freien Liegestuhl.
Insgesamt eine echte Bereicherung des Bade-Angebots der Stadt Paris – und das auch noch kostenlos.
Zum Abschluss von Paris Plages am 3. September 2017 gibt es übrigens noch einmal eine größere Schwimmveranstaltung im Bassin de la Villlette: La fluctuat – eine Anspielung an den Wappenspruch von Paris: Fluctuat nec mergitur. Leider sind wir an diesem Tag nicht in Paris, sonst hätte ich an dem für jedermann offenen Rundkurs über 1,25 km sicherlich teilgenommen.
An diesem Ort zu baden bzw. zu schwimmen, hat für mich einen besonderen Reiz, denn man befindet sich hier an einem historisch ganz herausragenden Ort: Das Bassin de la Villette geht immerhin zurück auf Napoleon Bonaparte, der am 28. Mai 1802 folgendes Gesetz proklamierte:
«Il sera ouvert un canal de dérivation de la rivière d’Ourcq ; elle sera amenée à Paris, à un bassin près de la Villette.[…]» (Es wird ein Kanal eröffnet, der Wasser vom Fluss Ourcq abzweigt und Paris zuführt, in ein Bassin bei La Villette.)[3] Im Invalidendom, der Grabstätte Napoleons, wird der Kanal ausdrücklich unter den Infrastrukturmaßnahmen aufgeführt, die initiiert zu haben sich Napoleon gerühmt hat.[4] Für den Bau des Kanals benötigte man natürlich eine große Zahl von Arbeitskräften – und das ausgerechnet in Kriegszeiten. Aber nach den Siegen von Austerlitz und Jena/Auerstedt über Österreicher und Preußen gab es ja genug Kriegsgefangene.[5] Insofern ist das Bassin de la Villette gewissermaßen ein deutsch-französisches Gemeinschaftswerk der besonderen Art….
Ziel des Kanalbaus war eine Verbesserung der (Trink-)Wasserversorgung der Stadt. Das 700 mal 70 Meter große und zwei Meter tiefe Bassin diente also als Frischwasserreservoir für die Bevölkerung von Paris. Am 2. Dezember 1808 wurde das Bassin eingeweiht „und galt bald als kleines Venedig von Paris.“[5] Seine mit Alleen geschmückten Ufer wurden zu einem bevorzugten Ort der Pariser zum Spazierengehen und zum Ausgehen: In der Umgebung eröffneten einige Guinguettes, also Landgasthöfe, in denen man preiswerten Wein trinken konnte. Denn das Bassin lag bis 1860 außerhalb der Zollmauern von Paris, an denen für die nach Paris eingeführten Grundnahrungsmittel wie Salz und – wir sind in Frankreich- natürlich auch Wein Zoll erhoben wurde.
Ein Rest dieser Paris umgebenden Zollmauer, der mur des fermiers généraux, ist die klassizistische Rotonde de la Villette, an deren Achse das Bassin ausgerichtet wurde, wie der historische Stich zeigt. Von dieser bei den Parisern verhassten Zollmauer ist nur wenig erhalten. Ein Glück, dass immerhin die Rotonde de la Villette nicht dem Zorn der Bevölkerung und der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist. Ihr Aussehen entspricht ja immerhin auch ganz und gar nicht dem, was man von einer Zollstation erwartet, sie bildet mit dem Bassin eine harmonische Einheit und ihr Schöpfer ist der Architekt Claude-Nicolas Ledoux, einer der herausragenden und einflussreichsten Architekten seiner Zeit.[6]
Im Zuge der Industriellen Revolution entwickelte sich das über den Canal St. Martin und den Canal St. Denis an die Seine angeschlossene Bassin de la Villette zu einem der größten Häfen Frankreichs.[7]
Der Hafen von La Villette, aufgenommen zwischen 1905 und 1910. Aus einer Informationstafel am Zaun von La Baignade
Ein zweites großes Hafenbecken wurde gebaut, Lagerhallen entstanden, der große Schlachthof von La Villette versorgte die ständig zunehmende Pariser Bevölkerung mit Fleisch. An diese Vergangenheit erinnert heute nur noch wenig: Stattdessen ist das Bassin de la Villette wieder ein Ausflugsziel wie früher einmal: Die Rotonde ist nicht mehr Zollstation, sondern ein Bistro, eine der alten Lagerhallen ist ein Haus für Pop-Konzerte, unter den Baumreihen kann man Boule spielen, am Rand des Kanals picknicken, es gibt rechts und links des Bassins große Kinos, am oberen Rand –am Wasser gelegen- Restaurants… Und jetzt kann man im Sommer sogar im Bassin schwimmen!
Praktische Informationen:
Métro Stationen Jaurès oder Stalingrad auf den Linien 2, 5 oder 7. Das Schwimmbecken befindet sich Quai de la Loire, auf der östlichen Seite des Bassin de la Villette.
Baden im Canal Saint-Martin (2023)
Im Sommer 2023 sollte es eine neue Freiwasser-Badegelegenheit in Paris geben, und zwar im Kanal Saint-Martin. Der sollte an Sonntag Nachmittagen zeitweise für die Ausflugsboote gesperrt werden und am Quai de Jemmapes (20. Arrondissement) waren Bademöglichkeiten vorgesehen. Immerhin war das dann an zwei Nachmittagen im Juli möglich.
AFP/Bruno De Hogues aus Le Parisien 25. August 2023
Eine Fortsetzung war dann allerdings nicht möglich – die Wasserqualität ließ das nicht zu. Es ist also noch einiges zu tun…. zumal der Kanal ja in der Seine mündet- und zwar oberhalb der Stelle, wo 2024 olympische Schwimmwettbewerbe stattfinden sollen.
Schwimmen in der Marne
Eine –zumal zeitlich nicht auf einen Monat begrenzte- Alternative zum Bad im Bassin de la Villette ist die Marne. Die Marne war ja bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Badeort für Anwohner und Pariser Ausflügler. Auf den letzten 25 Kilometern der Marne bis zu ihrer Mündung in die Seine, also im Einzugsbereich von Paris, gab es bis 1970, als das Baden im Fluss verboten wurde, nicht weniger als 24 offizielle Badegelegenheiten. Das Strandbad in Gournay hieß sogar wegen seiner berühmten blau-weißen Badekabinen „Le Petit Deauville“ oder „Deauville parisien“- immerhin ist es Luftlinie nur 18 Kilometer von Notre Dame entfernt. (7a) Joinville mit seinem Bad war ein besonders beliebtes und sogar in einem populären Lied besungenes Ausflugsziel für die Pariser. Eine Zeile des Liedes bezieht sich ausdrücklich auf die Schwimmer in der Marne:
Auch das Plakat einer Ausstellung im Museum von Nogent-sur-Marne zeigt, wie populär das Baden in der Marne einmal gewesen war:
Offiziell ist das Baden in der Marne zwar immer noch verboten, es wird aber inzwischen geduldet. Das hängt damit zusammen, dass die Qualität des Wassers sich seit 1970 deutlich verbessert hat und meistens gesundheitlich unbedenklich ist. Lediglich nach starken Regenfällen, wenn die Kanalisation überfordert ist, sollte man für einige Tage auf ein Bad im Fluss verzichten.[9]
Die Marne als Bademöglichkeit haben wir gleich in unserem ersten Pariser Sommer eher durch Zufall entdeckt: Es war ein heißer Tag, wir lagen in einem Café bei der Bibliothèque Nationale in einem Liegestuhl an der Seine und betrachteten die Schiffe, die vorüber fuhren. Darunter auch kleine Elektro-betriebene Boote namens Voguéo, die in regelmäßigen Abständen anhielten und Passagiere mitnahmen. (Leider gibt es sie heute nicht mehr, aber ihre Wiedereinführung wird wohl erwogen). Wohin sie fuhren, wussten wir nicht, aber wir waren neugierig und hatten Zeit. Also ins nächste Boot eingestiegen! Es fuhr die Seine aufwärts- vorbei an Kaianlagen, Betonmischern, Lagerhallen- dann kam die Mündung der Marne mit dem –auch wenig animierend aussehenden- chinesischen Handelszentrum Chinagora- viel Beton mit ein paar aufgesetzten und angeklebten Chinoiserien. Unser Boot fuhr nun in die Marne ein und hielt kurz vor einer Schleuse an: Maisons-Alfort, Endstation.
Von dort aus gab –und gibt es noch- einen schönen Fußweg entlang der Marne, zum Teil auf Bohlen über dem Wasser angelegt. Und dort sahen wir am gegenüber liegenden Ufer auf ein paar betonierten Stufen, die ins Wasser führten, mehrere Leute in der Abendsonne liegen. Und ein Mann plantschte sogar im Wasser herum! Die Aufregung war groß, die Lust, es ihm nachzutun, riesig. Aber ohne Badezeug konnten wir nur neidisch zusehen und enttäuscht zurückfahren, allerdings mit dem festen Vorsatz, am nächsten Tag mit entsprechender Ausrüstung wiederzukommen. Was dann auch geschah. Auf den Betonstufen hatte es sich eine kleine Truppe von Rentnern gemütlich gemacht, die sich offenbar gut kannten. Einige unterhielten sich –möglicherweise wegen Schwerhörigkeit- ziemlich lautstark, einer las Zeitung, eine alte Dame –oben ohne- strickte, andere dösten in der Sonne. Wir wurden interessiert begutachtet und unsere Begrüßung wurde freundlich entgegengenommen. Nun gab es für uns kein Halten mehr: Ab ins Wasser! Es dauerte nicht lange, bis einer der Männer aufstand, sich kerzengerade und demonstrativ auf einem ins Wasser ragenden Holzbrett aufbaute und mit dem Ruf „Et maintenant la France!“ kopfüber ins Wasser sprang.
Damit waren wir in die Gemeinde der Marne-Rentner aufgenommen. Fast jeden Tag kamen wir nun zum Sonnen und Baden dorthin zurück gewöhnten uns auch an den allerdings durch eine hohe Lärmschutzmauer abgemilderten Verkehrslärm der parallel verlaufenden Autobahn nach Reims, Metz und Saarbrücken und gehörten nun, ohne dass viel geredet wurde, dazu- spätestens, als die immer strickende alte Dame es nicht mehr für nötig hielt, schnell ein Hemdchen überzuziehen, wenn wir kamen.
Wir erfuhren allmählich auch, dass die Stufen zu dem ehemaligen Strandbad der Gemeinde Maisons-Alfort gehörten. Der Platz sei ideal, aufgrund der benachbarten Schleuse sei die Strömung gering, man könne hier nach Herzenslust baden und schwimmen. Inzwischen sei das Schwimmen in der Marne wegen des Schiffsverkehrs und des (angeblich!) dreckigen Wassers verboten- ein entsprechendes großes Verbotsschild am Ufer hatten wir zunächst gar nicht bemerkt- aber sie würden hier seit ihrer Jugend baden und würden es auch weiter tun, selbst wenn ab und zu mal die „Flics“ kämen. Diese Erfahrung machten wir dann auch selbst nach einem Ausflug auf die andere Seite des Flusses: Heftige Ermahnungen: Schild! Gefahr! Nie wieder! Und dann der Trost unserer Schwimmfreunde: Wir sollten das nicht so ernst nehmen! Die tun ja nur ihre Pflicht! Ist uns auch schon passiert …
Inzwischen ist das Verbotsschild übrigens beseitigt worden, die Betonstufen wurden erneuert und mit einem Plastikbelag überzogen. Die Marne wird ganz offensichtlich darauf vorbereitet, wieder offiziell autorisiertes Badegewässer zu werden. Risiken gibt es allerdings dennoch und weiter: Im letzten Jahr wurde ich einmal –mit Schwimmbrille stromaufwärts kraulend- von einem größeren, von hinten kommenden Frachtschiff fast „überfahren“. Im letzten Moment hörte ich dann doch die lauten Schreie von allen Seiten und kam mit dem Schrecken davon….
Zu erreichen ist das Strandbad an der Marne übrigens ganz einfach mit der Metro-Linie 8, Station École Vétérinaire de Maisons-Alfort. (Sortie Carrefour de la Résistance). Man passiert die Art-Déco- Kolonaden der früheren Destillerie Suze und ist dann in wenigen Schritten an der Marne, der Schleuse und der Fußgängerbrücke.
Die überquert man und geht den Uferweg entlang bis zum (früheren) Strandbad. Auf beiden Seiten des Flusses gibt es übrigens Pontons zum Anlegen von kleinen Schiffen: Wenn die nicht schon belegt sind, kann man sie auch nutzen: Zum Baden –zumal es hier einen bequemen Einstieg ins Wassser gibt…
… und natürlich auch zum Picknick
Schade ist allerdings, dass die Autobahn A 4 direkt an der Marne und dem „Strandbad“ von Maison Alfort entlangführt. Aber dazwischen gibt es immerhin eine hohe Schallschutzmauer, so dass man den Verkehrslärm nur gedämpft wahrnimmt. Und außerdem dürfen wir uns schon gar nicht darüber beklagen. Immerhin ist das die Autobahn nach Deutschland, auf der wir ab und zu auch unterwegs sind.
Schwimmen auf/ in der Seine
Das Baden in der Seine hat eine lange Tradition, auch wenn es immer wieder Einschränkungen gab: Im 18. Jahrhundert ging es dabei um die Sittlichkeit: 1716 ordnete der prévot de Paris an, dass Baden in der Seine nur mit entsprechend züchtiger Bekleidung erlaubt sei. 1783 wurde das freie Baden in der Seine „pour des raisons de décence“ ganz verboten. Im 19. Jahrhundert war es dann die zunehmende Verschmutzung des Seine-Wassers, die das freie Baden in der Seine zum Problem machte. Eine Alternative war zunächst die Installation von „piscines flottantes“, die zumindest eine Begegnung mit den ärgsten auf der Seine treibenden Abfällen verhindern konnten: 1889 hatte ein Journalist einmal eine Liste entsprechender Fundstücke zusammengestellt:
Eine dieser schwimmenden Badeanstalten, in denen man eine unliebsame Begegnung mit solchen Treibgütern nicht fürchten musste, war die am noblen hôtel Lambert auf der Ile de Saint-Louis festgemachte „École de Natation de l’Hôtel Lambert“.
In einem Artikel aus der „Gazette des bains“ von 1845 werden die Vorzüge dieses Bades ausführlich beschrieben: Man könne hier nicht nur baden und von erprobten Meistern Schwimmunterricht erhalten; angeboten würden auch Erfrischungen und ausgesuchte Speisen; und natürlich stehe für die Damen, wenn sie das Wasser verlassen hätten, eine Frisöse bereit, die auch über ein „dépôt de parfumerie et de ganterie“ verfüge. Die Damen könnten auch in Begleitung ihres Zimmermädchens kommen. Eine große Rolle spielt in diesem Artikel die Wasserqualität: Das Wasser der Seine habe hier eine hervorragende Qualität, die den Ansprüchen der Hygiene in vollstem Maße gerecht werde: „L’eau de la Seine jouit de ces précieuses qualités à un degré remarquable tant qu’elle n’a pas reçu le tribut des immondices de la grande ville„. Und die werden danach aufgezählt: die Abwässerkanäle der Stadt, die Schiffe der Waschfrauen, die Abwässer der Färbereien und der Krankenhäuser und vieles mehr. Das flussaufwärts festgemachte École de Natation de l’Hôtel Lambert sei aber von alldem nicht betroffen und verfüge unbestreitbar über „la plus belle eau de Paris.“ (9b)
Die Wasserqualität der Seine verschlechterte sich allerdings so sehr, dass im gesamten Stadtgebiet das Baden in der Seine aus hygienischen Gründen immer problematischer wurde. 1931 empfahlen die Forscher des Laboratoriums von Val-de-Grâce nicht nur, möglichst mit geschlossenem Mund zu schwimmen und sich nach dem Bad gründlich mit sauberem Wasser zu waschen, sondern sie hielten auch eine Impfung gegen Typhus für angebracht. Kein Wunder also, dass 1923 das Baden im Fluss und in Badeschiffen verboten wurde. 1929 fanden allerdings noch offizielle Schwimmwettkämpfe in der Seine statt – ein nettes Beispiel für einen großzügigen Umgang mit Regeln, auch wenn man sie selbst aufgestellt hat.(9c)
Dass ein solches Verbot aber nur eine gesundheitlich erforderliche Notmaßnahme und nicht das letzte Wort sein kann, war auch allgemein klar. Schon 1988 hatte Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, angekündigt, man werde in fünf Jahren in der Seine baden können: «Dans cinq ans, on pourra à nouveau se baigner dans la Seine. Et je serai le premier à le faire». Aber daraus wurde nichts, die Wasserqualität war nicht danach.[10] Im Juli 2012 durften im Rahmen des Pariser Triathlons 4500 Teilnehmer am Eiffelturm in die Seine springen, aber das blieb eine Ausnahme: Neben der nicht dauerhaft akzeptablen Wasserqualität war es vor allem die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs, die die zuständigen Behörden veranlassten, weitere Events dieser Art zu verbieten. (10a)
Die Bemühungen der Association Swim Paris, die mythische „traversée de Paris à la nage“ wiederzubeleben, sind also bisher gescheitert: Geplant waren zwei Parcours zwischen dem Schwimmbad Joséphine Baker im 13. Arrondissements und dem Parc André-Citroën im 15. Arrondissement, wobei gegen eine Teilnehmergebühr jedermann zugelassen wäre.[11] Jetzt hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo versprochen, die 1,5 km Schwimmen des Triatholon-Wettbewerbs und das 10 km Freiwasserschwimmen der Olympischen Spiele 2024 würden in der Seine stattfinden, und danach werde auch die Öffentlichkeit in der Seine baden können: „On pourra se baigner dans la Seine après 2024 […] Ce n’est pas une promesse, c’est vraiment un engagement“. Sie werde dann –wenn es ihr Gesundheitszustand erlaube- auch dabei sein; und wir –hoffentlich!- auch….[12]
Im März 2023 habe ich das folgende Plakat an einer Baustelle an der Seine gefunden: „2024 wird man in der Seine baden können.“ … Man darf gespannt sein…
Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbetriebs in der Seine noch einiges tun, Le Monde spricht von einer wahren Herkules-Arbeit. [13] Die Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts. Die zwischen 2010 und 2015 vorgenommenen Untersuchungen des Seine-Wassers ergaben, dass 92% aller Proben nicht den gesundheitlichen Normen entsprachen. Und es gibt eine europäische Direktive, nach der erst dann ein Gewässer zum Baden freigegeben werden darf, wenn in vier aufeinander folgenden Jahren die Wasserqualität unbedenklich war. Das heißt, dass schon ab 2020 hätte das Seine-Wasser Badequalität erreicht haben müssen. Das war allerdings nicht der Fall. 2022, so berichtet die Wochenzeitschrift Marianne, ist die Wassserqualität der Seine immer noch nicht ausreichend – aufgrund der langen Trockenheit in diesem Jahr eher besonders problematisch… Die Stadt Paris hofft allerdings -sollte es doch notwendig sein- auf eine Ausnahmegenehmigung für die Olympischen Spiele … [14]
Für 2025 hat die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo aber schon die drei Seinestellen bekannt gegeben, wo im Sommer 2025 das Baden möglich sein soll. Die Badestellen werden umgrenzt und gesichert, es wird Aufsichtspersonal geben, Duschen und Umkleidekabinen – wohl so wie im Bassin de la Villette.
Dann sollte -so die zuversichtliche Haltung der Pariser Stadtverwaltung- nach den für die Olympiade erfolgten massiven Investitionen die Wasserqualität unbedenklich sein. Eher könnte es dann eine psychologische Schwelle geben, also ein mangelndes Zutrauen in die tatsächliche Unbedenklichkeit eines Seinebads nach so vielen Jahren massiver Wasserverschmutzung. (Le Parisien vom 9. Juli 2023).
Das Badeschiff Joséphine Baker
Schon seit 2006 gibt es das dauerhaft installierte Badeschiff Joséphine Baker auf der Seine.
Das ist festgemacht am Fuß der Bibliothèque François Mitterand im 13. Arrondissement, gegenüber dem Parc Bercy und im Blick auf das wuchtige Finanzministerium. (Auf der gegenüberliegenden Seine-Seite soll ja ab 2025 eine Badestelle im Fluss eröffnet werden).
… und die elegante Passerelle Simone de Beauvoir.
Ein Besuch ist besonders im Sommer angeraten, wenn die Überdachung geöffnet ist und man von der erhöhten Terrasse aus den Blick auf die Seine genießen kann. Allerdings ist dann auch hier der Andrang erheblich, so dass das Schwimmbecken (10 mal 25 m) eher zum Plantschen geeignet ist und weniger zum sportlichen Schwimmen.
In einem vom Figaro publizierten Ranking der Pariser Schwimmbäder, auf dem das Joséphine Baker immerhin auf dem zweiten Platz rangiert, ist das schön und treffend so formuliert:
„Plouf! Fabuleuse verrière et nage en musique. La taille du bassin, elle, n’empêche malheureusement pas la proximité. Mais la vue sur la Seine, magique, rattrape tout.“[18]
Im Vergleich mit dem berühmten Berliner Badeschiff auf der Spree in Treptow ist die „Joséphine Baker“ eine eher familienfreundliche Einrichtung.
Also: Für schwimmfreudige Besucher/innen von Paris – alt und jung- als wenigstens einmalige Erfahrung durchaus zu empfehlen!
Inzwischen (2023) gibt es auch noch ein zweites Badeschiff auf der Seine, die Annette K. Benannt ist es nach der australischen Schwimmerin Annette Kellermann (1886-1975). Sie war von Geburt an behindert: es gelang ihr allerdings mit Hilfe des Schwimmens ihr Leben zu meisterrn. Und sie war auch eine Feministin, die dazu beitrug, den Frauen einen gleichberechtigten Zugang zum Schwimmsport zu eröffnen.
Das Badeschiff verfügt über ein beheiztes 50 Meter-Becken mit Blick auf den Eiffelturm. Es liegt am Port de Javel im 15. Arrondissement von Paris auf der Höhe des Parks André Citroën
Métro ligne 8 – station Balard Métro ligne 10 – station Javel RER C – station Pont du Garigliano
Im Preis für das Schwimmbad ist offenbar auch die Benutzung von Sauna und Solarium eingeschlossen. Für Kinder unter 12 Jahren und Senioren über 60 gibt es Ermäßigung,.
Ich war bisher noch nicht dort, insofern alle Angaben ohne Gewähr.
Im Hintergrund kann man sogar den Eiffelturm erkennen. Wenn das nichts ist….
In geplanten weiteren Blogbeiträgen möchte ich hier angeschnittene Themen weiter vertiefen: Die Geschichte und Bedeutung der Guinguettes, die Zollmauer von Paris und ihr Architekt Ledoux, der Canal de l’Ourcq – eine stadtgeographische Fahrradtour…
Jean-Paul Kauffmann berichtete in seinem 2013 erschienenen Buch „Remonter la Marne“, nach Regenfällen würden von der Brücke von Joinville „toutes sortes d’infections“ in die Marne gespült. „Après l’orage apparaissent à la surface des nappes huileuses sur lesquelles flottent des centaines de poissons morts.“ (S. 28). Dergleichen haben wir noch nicht beobachten müssen, aber wir meiden auch vorsichtshalber die Marne nach starken Regenfällen.
Das Engagement Hidalgos für das Schwimmen in der Seine 2024 hat natürlich auch die Funktion, die Pariser Bevölkerung vom Nutzen der Olympischen Spiele zu überzeugen. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, ob das Seine-Wasser tatsächlich bis 2024 Badequalität erhalten soll, wenn es der Stadt Paris noch nicht einmal gelinge der schlimmen Ratten-Plage Herr zu werden. (http://www.liberation.fr/debats/2017/05/10/il-faut-retirer-paris-de-la-course-folle-aux-jeux-olympiques_1568563)
[13] „ce travail digne d’Hercule“ Aus: Se beigner dans la Seine à Paris, promesse risquée. (Le Monde 16. Mai 2017, S. 15)
[14] Nager dans la Seine en 2024, un pari osé. In: Le Monde 15./16. August 2017. Sonderbeilage zu Paris 2024: Jeux olympique, le plus dur commence. Zur Situation 2022 siehe: Marianne vom 2. August 2022: La mauvaise qualité de la Seine aura-t-elle raison des épreuves aquatiques aux J.O. 2024 ?
[15] In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. printemps 2018, S. 6
FRANCE. PARIS (75) 10TH DISTRICT. PARIS-PLAGES 2023. THE SAINT-MARTIN CANAL OPENS FOR SWIMMING, JEMMAPES QUAY. THE SUPERVISED SWIMMING AREA WILL BE ACCESSIBLE TO ALL, FREE OF CHARGE, ON SUNDAY AFTERNOONS, FOR 1 MONTH, FROM MID-JULY TO MID-AUGUST. DELIMITED ON APPROXIMATELY 100 METERS LONG. IT WILL BE ADDED TO A SOLARIUM WITH DECKCHAIRS! ON THESE SWIMMING TIMES, THE LOCKS ARE CLOSED SO THAT THERE IS NO NAVIGATION (Photo by Bruno DE HOGUES / ONLY FRANCE / Only France via AFP)
Im Blogbeitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris (April 2017) wurde gezeigt, dass erhebliche Flächen der Stadt und ihrer Umgebung als Steinbrüche und Bergwerke genutzt wurden und z.T. noch bis heute genutzt werden. In diesem Beitrag werden zwei bemerkenswerte und unterschiedliche Beispiele vorgestellt, die zeigen, was aus ehemaligen Steinbrüchen werden kann: der Landschaftspark Buttes Chaumont und das Mouzaïa- „Villenviertel“, beide im Norden von Paris, im 19. Arrondissement.
Le parc des Buttes-Chaumont
Im Gebiet der Buttes Chaumont wurden bis ins 19. Jahrhundert Gips- und meulière-Steine über Tage abgebaut.[1] So war allmählich eine Mondlandschaft mit teilweise wilden Klüften, Schründen und Höhlen entstanden – eine eher anrüchige Gegend, in der nach Auflassung der Steinbrüche wilde (und illegale) Tierkämpfe veranstaltet wurden und die als Mülldeponie und Abdeckerei diente. Es waren Napoleon III. und sein Stadtplaner Haussmann, die 1863 beschlossen, diese Wüstenei in einen Landschaftspark umzuwandeln und so gewissermaßen aus der topografischen Not eine Tugend zu machen. So entstand nämlich der Pariser Park mit dem größten Höhenunterschied (mehr als 40 Meter), mit einer Insel, einer Grotte (mit künstlichen Stalaktiten), einer von Gustave Eiffel konstruierten Hängebrücke, einem kleinen Tempel im römischen Stil auf der Aussichtsplattform: ein sehr origineller Park also mit einer großen landschaftlichen Vielfalt.
Man hat den Park auch als einen paradoxen Ort bezeichnet: Auf der einen Seite erscheine er wie kaum ein anderer Park ist Paris als „natürlich“, auf der anderen Seite sei er aber –wie sicherlich kein anderer Pariser Park- ein Produkt der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, die mit Hilfe von viel Eisen und Beton einen ehemaligen Steinbruch zu einem „Technopark“ des Baron Haussmann umgestaltet habe.[2]
Die Eiffel’sche Hängebrücke, die ganz schön schwanken kann, wenn so viele Menschen darüber laufen wie hier auf dem Bild…
Die Felsnadel und der Felsdurchbruch sind wohl ein Zitat des berühmten Panoramas von Etretat
Das „römische“ Tempelchen…
ist auch eine Aussichtsplattform
Blick in die Weite auf Sacre Coeur und in die Tiefe auf ein Hochzeitspaar
Eine besondere Rolle spielte bei der Einrichtung des Parks das Wasser. Es gibt kleine (künstliche) Wasserläufe – ideale Spielplätze für Kinder….
…. es gibt auch einen kleinen Wasserfall, der zum Klettern einlädt…
… einen See, z.B. zum Angeln…
… und eine große Höhle – hier der Eingang –ein Relikt aus der Zeit der Gipssteinbrüche…
Die Attraktion dieser Höhle ist ein grandioser Wasserfall. 5300 m³ Wasser stürzen da täglich, nachdem sie einen Höhenunterschied von 32 Metern und mehrere Katarakte überwunden haben, unter ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Mit den Worten der Parkverwaltung: „Der künstliche Wasserfall ist wahrscheinlich einer der schönsten, der jemals in einem städtischen Park verwirklicht wurde.“
Derzeit wird das hydraulische System des Wasserfalls gerade renoviert, deshalb gibt es kein aktuelles, sondern ein historisches Bild davon:
Insgesamt –noch einmal in den Worten der Parkverwaltung- eine Landschaft, die „der schönsten Beschreibungen von Jules Verne würdig“ sei: „Le parc est conçu pour faire voyager et rêver ses promeneurs.“ (2a)
Zu einem Zeitpunkt, als Paris endgültig zu einer Weltstadt umgestaltet wurde, sollten damit seine Bewohner ein Stück Natur erhalten. Immerhin war Paris eine Stadt mit einer sehr großen Bevölkerungsdichte, die durch den Haussmann‘schen Stadtumbau noch intensiviert wurde: Heute ist Paris „la ville la plus dense d’Europe“ und gehört zu den top 5 der am dichtesten bevölkerten Städte weltweit.[3] Da war und ist ein Stück Natur, auch wenn sie künstlich und inszeniert ist- natürlich ein Segen. Und dabei spielt -wie immer bei Haussmann- auch der politische Aspekt eine wichtige Rolle: Denn Aufgabe der Natur sollte es auch sein, die „classes dangereuses“ des Pariser Ostens moralisieren und pazifizieren.[4]
Le quartier de la Mouzaïa
Eine andere Möglichkeit, mit der „unterirdischen“ Vergangenheit umzugehen, war die Bebauung des Geländes aufgelassener Steinbrüche. Ein schönes Beispiel dafür ist das quartier de la Mouzaïa im 19. Arrondissement. Entstanden ist dieses Viertel, nachdem man an dieser Stelle 1872 den Abbau von Gips- und meulière-Steinen eingestellt hatte.[5] Für ehemalige Arbeiter der Steinbrüche, kleine Angestellte und Händler wurden dort 250 schmale Reihenhäuser gebaut – durchweg zweistöckig mit einer sehr begrenzten Wohnfläche und mit einem kleinen Vorgärtchen. Getrennt sind die Häuserreihen von kleinen gepflasterten Wegen, den villas. Die niedrige Bebauung des quartiers, die in besonderem Kontrast zu den Hochhausblöcken der place des fêtes steht, ist nicht nur den begrenzten finanziellen Mitteln der Bauherren geschuldet, sondern zuerst und vor allem dem unsicheren Untergrund: Das Risiko, auf dem Gelände der ehemaligen Steinbrüche zu bauen, sollte möglichst vermindert werden. So hat man aber auch hier aus der topografischen Not eine Tugend gemacht: Es ist inmitten der Großstadt und vor dem Hochhaus-Hintergrund der Umgebung ein verstecktes kleinstädtisches Idyll entstanden, ohne Autos, aber mit viel Natur in den Vorgärten: Camelien, Jasmin, Wein, Glyzinen…
Eine typische Mouzaïa- Villa
Auf dem Foto sieht man, dass die hier im Untergrund geförderten meulière-Steine zum Teil auch gleich für den Bau einiger Häuschen verwendet wurden.
Die Namen der Straßen und Villen des Viertels zeigen übrigens, dass es sich hier um ein typisches Produkt der 3. Republik handelt: Es gibt die Straße der Liberté, die der Égalite und die der Fraternité, außerdem die Straße des Fortschritts und die nach Präsidenten der 3. Republik benannten „Villen“.
Die Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot haben ein Spaziergang durch das Quartier vorgeschlagen, der an der 1911 eröffneten Métro-Station Danube beginnt. Sie liegt an der Linie 7b, die durch das ehemalige Terrain der carrières d’Amérique und zum Teil unter dem Park der Buttes-Chaumont verläuft.
Dieser Streckenabschnitt musste deshalb besonders gesichert werden: Nicht weniger als 220 Brunnengründungen, die eine kumulierte Gesamthöhe von 5,5 Kilometern erreichen, wurden in dem Streckenabschnitt der Station und des Streckentunnels in Richtung Buttes-Chaumont errichtet. Besonders kompliziert war der Bau der Station Danube, weil das Niveau der Station 33,49 m über dem festen Boden lag. Also wurde ein unterirdisches Viadukt errichtet, gewissermaßen ein Korsett, in das die Metro-Station eingepasst wurde und das ihr festen Halt verleiht.[6]
Auf einer Informations-Tafel in der Metro-Station wird dies erläutert und veranschaulicht, wobei auch nochmal die Legende von den Steinen fürs Weiße Haus in Washington als Tatsache „verkauft“ wird. (siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Bergwerke und Steinbrüche von Paris“.)
Dessen ungeachtet ist aber die Metro-Station Danube ein Beispiel dafür, wie weit- oder in diesem Fall: wie tiefgehende Konsequenzen die Vergangenheit von Paris als Bergwerksstadt hatte und zum Teil bis heute noch hat.
Für Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ist das Mouzaïa- Viertel auch ein Beispiel der in Paris offenbar unaufhaltsamen „Gentrifizierung“: Auch wenn es sich um ein Viertel handelt, das für Menschen mit geringem Einkommen gebaut wurde und auch wenn die beengten Wohn- und Nachbarschaftsverhältnisse durchaus ihre Nachteile haben, so übt ein solches „Paradies“ doch eine erhebliche Anziehungskraft auf eine aufstrebende Mittelschicht, vor allem auf die sogenannten „Bobos“ aus.
Deren Anwesenheit ist bei einem Rundgang durch das Viertel durchaus zu bemerken. Aber es gibt auch Häuser, die ganz und gar nicht herausgeputzt sind, bei denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Deren Besitzer haben also offenbar nicht die Mittel –oder den Willen- , aus den alten bescheidenen Arbeiterhäuschen ein Schmuckstück zu machen. Und es gibt völlig verwilderte Grundstücke und Häuser, die möglicherweise als Spekulationsobjekte dienen.
Am besten eignen sich Frühjahr oder Sommer für einen Mouzaïa-Spaziergang, wenn es in den Vorgärtchen grünt und blüht. Und man sollte sich dafür etwas Zeit lassen. Man kann dann –möglichst unaufdringlich- viele kleine Entdeckungen machen und sogar Kontakte mit Bewohnern des Viertels knüpfen.[7]
Michel Pinçon/Monique Pinçon-Charlot: Villages dans la ville: Les villas de Paris. In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2013, S. 223f (und vor allem: S. 237f: Les villas du 19e arrondissement)
(2a) Text und Bild auf den Schautafeln, die am Eingang des Parks gegenüber der Mairie des 19. Arrondissement während der Bauarbeiten im Park aufgestellt sind/waren. Und unter: www.paris.fr/viewmultimediadocument?multimediadocument-id..
[3] Pavillon de l’Arsenal: Catalogue de l’exposition Paris/Haussmann, Modèle de Ville. Paris 2017, S. 11. Dagegen betrug die Bevölkerungsdichte von Berlin im Jahr 3.947 Einwohner pro Quadratkilometer: https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_Berlin
[7] Ein weiteres eher kleinstädtisches Ensemble ist „la campagne à Paris“ im 20. Arrondissement (Rue du Père Prosper Enfantin – Rue Irénée Blanc – Rue Mondonville – Rue Jules Siegfried, Rue Paul Strauss), das ebenfalls auf einem ehemaligen Gips-Steinbruchgelände errichtet wurde. Die Cavernen wurden mit Aushub aufgefüllt, der bei dem von Haussmann initiierten Bau der avenues de la République und Gambetta entstand. Auf dieser Grundlage war aber auch dort nur eine begrenzte Bebauung möglich.
Im Blog-Beitrag über die fünf kleineren Schwestern der New-Yorker Freiheitsstatue (März 2017) ging es anhand der Statue im Musée des Arts et Métiers in Paris auch um die Herstellung von „Miss Liberty“. Dabei wurde deutlich, welche großen Mengen an Gips erforderlich waren für die Herstellung der kleineren Exemplare, aber vor allem für das Modell in Originalgröße.
In einem Schaukasten des Museums, in dem die Arbeit an der Gipsversion des Kopfes veranschaulicht wird, sieht man die großen Säcke mit Gips, aus dem – mit Wasser vermischt- eine formbare Masse (franz: plâtre) entsteht, die zur Modellierung der Figuren verwendet werden konnte.
Für mich war das ein Anlass, mich für den Gips und seine Herkunft zu interessieren. Dabei bin ich auf viel Interessantes, manches schon Bekannte, aber auch einiges für mich Neue und Überraschende gestoßen. Grund für einen Blog-Beitrag über den faszinierenden Untergrund von Paris.
Die Bergwerkstadt Paris
Die nachfolgend abgebildete Karte zeigt, wo überall auf dem Gebiet des heutigen Paris sich Bergwerke befanden. Und man wird –vielleicht mit einigem Erstaunen- sehen, dass ein großer Teil des heutigen Stadtgebiets früher einmal dem Abbau von Steinen diente, teilweise unter Tage, teilweise im Tagebau. Paris ist zwar nicht auf Sand und auch nicht auf Eichenpfählen erbaut, aber in weiten Teilen eben auf ehemaligem Bergwerks- und Steinbruchgelände…. Betrachtet man die Karte von Paris, so gleicht sie, wie man gesagt hat, einem löcherigen Schweizer Käse. [1]
Die schrag schraffierten Flächen bezeichnen den Abbau von Gipssteinen, die waagrecht schraffierten den Abbau von Kalksteinen. Die geschwärzten Stellen in den jeweiligen Flächen markieren den Abbau von Steinen unter Tage.
Abgebaut wurden, wie auf der Karte zu sehen ist, nördlich der Seine vor allem Gipssteine, die zu gebrauchsfertigem Gipspulver verarbeitet wurden; außerdem Kalksteine, die vor allem südlich der Seine und am Rand von Paris unter Tage abgebaut wurden. Der Abbau unter Tage war dann erforderlich, wenn es sich wie südlich der Seine, z.B. im Quartier Latin, um schon bebaute Stadtviertel handelte. [2]
Die Steine wurden schon unter Tage roh behauen und mit Hilfe großer hölzerner Treträder an die Oberfläche gehoben. Abgebaut wurden neben Kalk- und Gipssteinen auch meulière-Steine. Die wurden in ihrer festen Form als Mühlsteine verwendet (deshalb der Name). Und in ihrer porösen, leichten und gut isolierenden Ausprägung waren sie Ende des 19. Jahrhunderts das typische Baumaterial der Pariser Vorstadthäuser.
Hier ein schönes Beispiel aus Clamart/Meudon im Westen von Paris.
Verwendet wurden sie aber auch als Schmuckelemente an Häusern in der Stadt – zum Beispiel am noblen Palais des femmes der Heilsarmee im 11. Arrondissement.[3]
Der Vorteil der stadtnahen Steinbrüche liegt auf der Hand: auf diese Weise hatte man sehr kurze Transportwege der für den Stadtausbau benötigten Steine – und das Bauholz wurde ja ebenfalls sehr günstig über die Seine nach Paris geflößt.
Allerdings erwies sich der Steinabbau in der Peripherie der Stadt in dem Moment als problematisch, als die Stadt sich ausdehnte – spätestens wurde das in aller Schärfe deutlich, als im 19. Jahrhundert die Stadtgrenzen die heutige Ausdehnung erreichten. Die offenen Gips-Steinbrüche im Norden waren ökologische Wüsten und für eine Bebauung zumindest unmittelbar nicht geeignet. Die unterirdischen Steinbrüche im Süden hatten erhebliche Hohlräume unter der Stadt geschaffen, die eine Bebauung ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nicht zuließen. Und manchmal konnten auch ganze Häuser in der Tiefe verschwinden, wie 1777 in der rue d’Enfer –nomen est omen- dem späteren Boulevard Saint Michel. Und 1961 kam es in der sogenannten petite ceinture, in Clamart am Rand von Paris, zu dem spektakulären Einbruch eines ganzen Stadtviertels über einem ehemaligen Steinbruch, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen. [4]…. Heute sind zwar die Kavernen unter den Privathäusern zugeschüttet, aber das schützt nicht immer vor Absenkungen und es gibt eine erhebliche poltische und administrative Sensibilität in diesem Bereich. Immerhin ist ein Viertel der etwa 100 000 Pariser Häuser über ehemaligen Steinbrüchen errichtet. Zu den Unterlagen, die bei dem Kauf/Verkauf einer Wohnung oder eines Hauses auf dem Gebiet der Stadt Paris beim Notar vorgelegt werden müssen, gehört denn auch ein offizielles Gutachten über den Untergrund und die Standsicherheit des Gebäudes. So kann man einigermaßen sicher sein, keine bösartigen Überraschungen zu erleben, wie sie bis heute in Paris durchaus noch vorkommen[5].
Die Katakomben von Paris
Die unterirdischen Kavernen waren allerdings nicht nur ein Problem, sondern man konnte ihnen auch durchaus Positives abgewinnen: So konnte man sie nutzen, als die meisten innerstädtischen Friedhöfe um 1800 aus sanitären Gründen aufgelöst wurden. Da bettete man die Knochen in die Katakomben um, die heute eine Touristenattraktion von Paris sind.
Hier beginnt –unübersehbar- das Reich des Todes.
In diesen Bereich der Katakomben wurden die bei der Auflösung des innerstädtischen Friedhofs des innocents geborgenen Gebeine umgebettet.
Manchmal wurden sie säuberlich gestapelt, manchmal aber auch nur einfach kreuz und quer hingeworfen.
Genutzt wurden die stillgelegten Steinbrüche im Untergrund von Paris auch für die Aufzucht von Champignons: Deshalb ja auch der Name „champignons de Paris“.
Diese Gravur aus dem Jahr 1854 zeigt den Anbau von Champignons in den ehemaligen Steinbrüchen. Mit dem Bau der Metro erwiesen sich allerdings die champignonnières als hinderlich, so dass der Champignonanbau aus Paris verdrängt wurde – heute werden sie vor allem in der Gegend von Saumur angebaut, wo es auch ein Champignonmseum gibt. [6]
Genutzt wurden die Kavernen aber auch im Krieg – zum Beispiel im 2. Weltkrieg sowohl von der deutschen Besatzungsarmee als auch von der Résistance, wie das zum Beispiel in dem Film Volker Schloendorffs über die Rettung von Paris 1944 (Diplomacie) eindrucksvoll gezeigt wird. Am Platz Denfert-Rocherau, wo auch der Eingang der Katakomben ist, befindet sich an einem der beiden dort noch erhaltenen Torhäuser der ehemaligen Pariser Zollmauer (mur des Fermier généraux) eine Plakette, die daran erinnert, dass im Untergrund dieses Hauses, der barrière d’Enfer, die Widerstandskämpfer der FFI ihr Hauptquartier während der Befreiung von Paris von deutcher Besatzung eingerichtet hatten.
Und nicht zuletzt konnte/und kann vielleicht auch noch das unterirdische Paris –wenn auch nicht ganz offiziell- als eine ganz besondere „location“ genutzt werden. Als Studenten nahm uns ein Pariser Bekannter, einer der sogenannten „cataphiles“, einmal mit in den Untergrund. Irgendwo mitten auf einer ruhigen Seitenstraße hob er einen Kanaldeckel hoch und ab gings in die Tiefe. Ziemlich unheimlich, ziemlich aufregend. Es folgte ein Stadtspaziergang besonderer Art: Durch die Gänge unterhalb der Straßen, die sich ab und zu, an den Orten ehemaliger Steinbrüche, ausweiteten. Dort konnte es dann auch andere unterirdische Nachtschwärmer geben, die es sich mit Musik und Wein gemütlich gemacht hatten. Auf die Wände aufgemalte Straßennamen erleichterten die Orientierung und manchmal sind diese Markierungen sogar künstlerisch ausgestaltet. Aber etwas erleichtert waren wir doch, als wir wieder, wie zu Beginn, durch einen hochgedrückten Kanaldeckel gestiegen waren und festen Straßenboden unter den Füßen hatten.
Insgesamt gibt es noch heute viele Gänge und Hallen im Pariser Untergrund, die inzwischen abgesichert und teilweise ausgemauert sind, aber man kann „noch mehrere Bezirke zu Fuß durchqueren, ohne ‚auftauchen‘ zu müssen.“[7]
Die Gipssteinbrüche von Montmartre und die carrières d’Amérique
Der Gipsstein ist nördlich der Seine sehr reichlich vertreten und wurde auf den nördlichen Hügeln (des heutigen Paris) schon seit römischen Zeiten dort abgebaut: Wenn die Gipsschicht von einer nur dünnen Erdschicht bedeckt war, baute man den Gips im Tagebau ab, ansonsten wurden an den Seiten große Eingänge geöffnet, um einen Abbau unter Tage zur ermöglichen.
Der Gipsstein von Montmartre erfreute sich besonderer Wertschätzung. 1750 galt der „Gips von Montmartre bei Paris … als der beste von allen, die in den Bauwerken verwendet werden, die ununterbrochen in dieser großen Stadt entstehen.“[8]
Zu erkennen ist hier, dass der Gipsstein gleichzeitig über und unter Tage abgebaut wurde, und zwar in unmittelbarer Nähe des Ortes.
Und er wurde auch gleich an Ort und Stelle verarbeitet, also gebrannt und gemahlen. Für diesen Mahlvorgang benötigte man natürlich große Menge Mühlsteine. Insofern war es ein glücklicher Umstand, dass in den Steinbrüchen im Norden von Paris nicht nur Gipssteine vertreten waren, sondern auch die pierres meulières, aus denen die Mühlräder hergestellt wurden.
Gipsofen in Montmartre, Gemälde von Carle Vernet 1832 [9]
Der Name des westlichen quartiers des 18. Arrondissements, also von Montmartre, erinnert noch an diese Vergangenheit: Es ist das quartier des Grandes Carrières, das Viertel der Großen Steinbrüche.[10] Und in diesem quartier liegt auch der Friedhof von Montmartre (mit dem Grab Heinrich Heines), der auf aufgelassenem Steinbruchgelände errichtet wurde.[11]
In der rue Ronsard am Fuß von Sacré Coeur (Einmündung in die Place Louise Blanquart) ist noch der Eingang eines ehemaligen Steinbruchs zu sehen.
Etwas weiter rechts davon ist eine Erinnerungsplakette an Georges Cuvier, den „Schöpfer der Paläontologie“, angebracht.
Cuvier fand in diesen Steinbrüchen wichtige Fossilien, die in unterschiedlichen Gesteinsschichten abgelagert waren. Auf dieser Grundlage entwickelte er seine Theorie der abrupten Veränderung der Arten.[12]
Cuvier hat dort auch anhand von fossilen Zähnen eine bis dahin unbekannte Tierart entdeckt, die nach ihm benannt wurde: Peratherium cuvieri.[13]
Neben dem Montmartre-Gips hatte auch der Gipsstein aus den weiter östlich gelegenen Steinbrüchen, den sogenannten „carrières d’Amerique“, eine exzellente Reputation. Der Name verdankt sich einer weit verbreiteten Legende: Danach soll ein Teil des dort abgebauten Gipssteins nach Amerika exportiert worden sein, wo er für den Bau des Weißen Hauses verwendet worden sei. Das entspricht zwar nicht den Tatsachen, aber einen Bezug zu Amerika gibt es gleichwohl: Der Besitzer eines der Steinbrüche war nämlih ein Ire, Mr Fitz-Merald, der in Amerika reich geworden war… Auch hier wurde der Gips im Tagebau abgebaut, zum Teil aber auch unter Tage in Stollen.[14]
Die „Carrières d’Amérique“ in einer Aufnahme von 1852[15] .
Die Steinbrüche wurden 1872/73 stillgelegt. Heute erinnert noch ein Straßenname an diese Vergangenheit, die rue des carrières d’Amérique. Ursprünglich hieß sie – zu den Steinbrüchen führend- chemin des Carrières.
Les „cathédrales de gypse“
Von den Steinbrüchen im Untergrund von Paris kann man als Tourist heute kaum noch etwas sehen. Gelegenheit zum Besuch eines Gips-Bergwerks, wie sie bis ins 19. Jahrhundert noch auf (dem heutigen) Pariser Territorium betrieben wurden, gibt es aber durchaus. Es sind die sogenannten „cathédrales de gypse“ im nördlichen Umkreis von Paris, die man im Rahmen einer Führung besichtigen kann.
Dabei versteht man sehr gut den zunächst etwas übertriebenen erscheinenden Ausdruck der unterirdischen „Kathedralen“.[15]
Und man erfährt etwas über den Abbau: das Bohren der Sprenglöcher, die Sprengung, die Verladung und den Abtransport der Gipssteine und ihre Verarbeitung: Die Steine werden dann gebrannt und gemahlen und so zu einem gebrauchsfertigen und handlichen Gipspulver (plâtre) umgewandelt. [16]
Der unterirdische Gipssteinbruch der Firma Placoplatre im 93. Département nördlich von Paris, in dem diese Fotos aufgenommen wurden, ist erst nach der Jahrtausendwende eingerichtet worden und rühmt sich seines umweltbewussten Umgangs mit der Natur. Dann werden diese Steinbrüche also hoffentlich nicht solche erheblichen Probleme, was Renaturierung und Bebauung betrifft, nach sich ziehen wie die bis ins 19. Jahrhundert auf Pariser Gebiet betriebenen Steinbrüche.
In einem nachfolgenden Beitrag möchte ich an zwei Beispielen zeigen, was auf dem Gelände früherer Steinbrüche in Paris entstanden ist: dem Landschaftspark Buttes Chaumont, einem „Disneyland des 19. Jahrhunderts“ und der für Paris ganz untypischen und reizvollen Reihenhaussiedlung La Mouzaïa – beide im 19. Arrondissement gelegen und auf dem Gelände der ehemaligen carrières d’Amérique entstanden.
Praktische Information:
Seit Neuestem kann man die oft äußerst langen Schlangen vor den Katakomben vermeiden und vorab im Internet Eintrittskarten kaufen. Außerdem wurden die Öffnungszeiten bis 20.30h verlängert. (Kassenschluss 19.30)
Die Stadt Paris wirbt mit einem etwas makabren Plakat für diese Neuerungen.
En savoir plus:
Atlas du Paris souterrain. La doublure sombre de la ville lumière. Paris: Parigramme 2001, Neuauflage 2016
Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993