Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt

Im ersten Teil des Beitrags über die Pariser Kolonialausstellung (Das Palais de la porte dorée und die Kolonialausstellung von 1931, Mai 2017) ging es vor allem um das zentrale Ausstellungsgebäude, das Palais de la porte dorée, ein architektonisch bemerkenswertes Art déco-Gebäude. Seine mit Reliefs geschmückte Fassade und die Ausgestaltung seiner repräsentativen Innenräume waren Ausdruck einer damals verbreiteten Ideologie, die die zivilisatorische Mission des französischen Kolonialismus überhöhte und gleichzeitig mit der Herausstellung des exotischen Flairs und des ökonomischen Nutzens Werbung  für die kolonialen Ambitionen des Landes betrieb.

Im  nachfolgenden zweiten Teil des Beitrags geht es auch in ganz besonderer  Weise um exotisches Flair und ökonomischen Nutzen: Nämlich um die auf das Interesse an Exotismus,  die Sensationslust und das Portemonnaie von Zuschauern zielende  Präsentation von Kanak, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, in einem „menschlichen Zoo“. Ausgestellt wurden die angeblichen „Menschenfresser“ in Frankreich und Deutchland – eine ganz besondere Form deutsch-französischer Kooperation Anfang der 1930-er Jahre.  (1)

Die Kanak im Jardin d’acclimatation

Im „Rahmenprogramm“ der Kolonialausstellung fand auch eine „Völkerschau“ statt. Solche Veranstaltungen hatten in Europa eine lange Tradition und der übliche Ort der Ausstellung „exotischer“ Menschen in Paris war der jardin d’acclimatation  im Westen der Stadt. [1a]

Der jardin d’acclimatation war zur Zeit Napoleons III.  am Rand des Landschaftsparks Bois de Boulogne geschaffen worden. Er war –nach den Worten seines Planers- zunächst dazu bestimmt, Tiere auszustellen, die zum menschlichen Vorteil „ihre Kraft, ihr Fleisch, ihre Wolle und andere Produkte aller Art der Landwirtschaft, der Industrie oder dem Handel zur Verfügung stellen“ oder die auf alle mögliche Weise „zu unserer Erholung und unserem  Vergnügen“  dienen.[2]

Es wurden aber nicht nur Tiere ausgestellt, sondern auch Menschen. Dies hat in Europa eine lange Tradition. Zunächst waren es vor allem Menschen mit anatomischen Besonderheiten wie Saartje Baartman,  die „schwarze“ oder „Hottentotten- Venus“ aus Südafrika mit besonders ausladendem Hinterteil, breiten Hüften und angeblich außergewöhnlich großen Genitalien. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst in London, dann im Paris Napoleons in einem Käfig ausgestellt und in Bordellen missbraucht und diente selbst nach ihrem Tod noch als Stoff für Unterhaltung und Amüsement.

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Aber Saartjie Baartman war auch Gegenstand zweifelhafter wissenschaftlicher Studien, die in ihr die Repräsentantin einer minderwertigen affenähnlichen Rasse sahen. [3]  Mit der Ausbreitung des Kolonialismus und der imperialistischen Aufteilung der Welt wurde die Ausstellung ganzer exotischer Menschengruppen populär. Der Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck  präsentierte 1874 eine Gruppe von Lappen zusammen mit ihren Rentieren, die erste „Völkerschau“.  Es war sozusagen das Markenzeichen Hagenbecks, Menschen  aus fernen Ländern zusammen mit den für ihre Heimat charakteristischen Tieren auszustellen. Die Menschen wurden dabei allerdings, wie Sánchez-Gómez in seiner Arbeit über „Human Zoos or Ethnic Shows?“ schreibt,  nicht auf die Stufe von Tieren gestellt. „Die Eingeborenen waren angestellt und wurden anständig behandelt.“ Bei ihrer Präsentation sei vor allem die Exotik  ausschlaggebend gewesen. Und der Erfolg solcher Völkerschauen war garantiert. Karl Kerr berichtet nach einem Besuch der Berliner Gewerbeausstellung von 1896:

„Hier ist der leibhaftige Orient. Beduinen, Derwische, Kairenser, Türken, Griechen und die dazugehörigen Weiberchen und Mägdlein sind in unbestreitbarem Originalzustande vorhanden.“[4]

In Frankreich war der jardin d’acclimatation in diesem Bereich führend. In einem französischen Reiseführer von 1903 wird unterstrichen, dass die dortigen ethnographischen Ausstellungen das doppelte Verdienst hätten, die Neugier der Besucher zu wecken und sie zu belehren, indem ihnen menschliche Rassen vor Augen geführt würden.

Auch die im Entstehen begriffene Anthropologie interessierte sich für diese Präsentationen. Ihr kam es darauf an, anhand morphologischer Parameter menschliche Rassen zu identifizieren und zu bewerten, wobei der „weißen Rasse“ natürlich unumstritten der erste  Platz zukam. Dieser rassistische Ansatz war dann auch eine ideologische Grundlage für den Kolonialismus und später für den nationalsozialistischen Exterminismus.

Es gab aber auch Gegenstimmen: Der Anthropologe  Paul Topinard (1830-1911) zum Beispiel verurteilte  den Umgang mit 26 im Jardin d’acclimatisation ausgestellten Somaliern. „Man hat diese Unglücklichen in einem Gehege untergebracht, das genau dem der Känguruhs gleicht. … Unter den Augen einer mitleidlosen Menge lässt man sie springen, tanzen und heulen. … Wann wird man (leider unter dem Vorwand der Wissenschaft!) aufhören, die noble menschliche Kreatur so zu behandeln?“

Sein Appell verhallte aber ungehört, auch nachdem 1892 drei Indianer aus Guyana dem Pariser Klima zum Opfer gefallen waren. Erst 1931 hörten die von der Parkverwaltung geförderten, die Sensationslust der Besucher anstachelnden ethnologischen Ausstellungen im jardin d’acclimatisation auf. Allerdings mit dem abscheulichen Höhepunkt einer Ausstellung von 111 Kanak, den Einwohnern der französischen Südsee-Kolonie Neukaledonien, 91 Männern, 14 Frauen und 6 Kindern. Eine der Frauen  war schwanger und sollte in Paris ihr Kind bekommen.  Die Kanak, wie sie sich selbst nennen –es ist ihre Bezeichnung für „Mensch“-  wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Paris gelockt.[5]  Es sollte eine angenehme Reise werden in das „mère-patrie d’adoption“, mit der Präsentation heimischer Tänze und Gesänge. Sie sollten Paris und Frankreich gewissermaßen als Touristen kennenlernen, in dem einige schon im Krieg als Soldaten unter der Tricolore  gekämpft hatten.  In Didier Daeninckx‘ Erzählung mit dem ironischen  Titel „Reise eines Menschenfressers nach Paris“, in dem es um die Ausstellung der angeblichen Menschenfresser auf der Kolonialausstellung von Paris geht, liest sich das  – in den Worten des stellvertretenden Gouverneurs von Neukaledonien- so:

„Diese Reise ist die Chance eures Lebens. Dank der Féderation Française des Anciens Coloniaux, die sich beim Herrn Gouverneur dafür einsetzte, wird Neukaledonien im Herzen der nächsten Kolonialausstellung den ihm gebührenden Platz einnehmen. Neben euren Brüdern aus Afrika, Asien, Amerika, die auf dem Weg zur Zivilisation sind wie ihr, werdet ihr die von euren Vorfahren überkommene Kultur Ozeaniens repräsentieren. Mit euren Gesängen und Tänzen werdet ihr zeigen, dass kolonisieren nicht nur bedeutet, den Dschungel zu roden, Uferbefestigungen und Fabriken zu errichten, Straßen zu bauen, sondern auch die wilden Seelen der Wüste, des Waldes und des Buschs für die menschliche Sanftmut zu erobern.“[6]

In Paris angekommen, gab es allerdings ein böses Erwachen. Die Kanaks wurden, bezeichnender Weise neben den Krokodilen, in primitive Hütten gesperrt und dem gutgläubigen Publikum als „polygame menschenfressende Wilde“ präsentiert.[7]

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Dass es gerade Menschen aus Neukaledonien, waren, die so präsentiert wurden, ist sicherlich kein Zufall. In der Tat gab es vor der Kolonisierung durch die Europäer im Rahmen kriegerischer Rituale Praktiken des Kannibalismus.[8] Aber das lag schon lange zurück. Verrufen war die Kolonie aber vor allem, weil sie zwischen 1864 und 1897  als Ort der Deportation und  Zwangsarbeit für Straftäter diente, 1871 dann auch für zur Deportation verurteilte Communarden wie Louise Michel. Dass die sich für die Sprache und Kultur der Kanak interessierte, war damals völlig außergewöhnlich: Vorherrschend war das Bild der unzivilisierten Wilden, zu dem auch die im 19. Jahrhundert verbreitete und sensationell aufgemachte  Vorstellung der Südsee-Kannibalen gut passte. Das Bild der mordlüsternen Wilden prägte auch der amerikanische Schriftsteller Hermann Melville,  der die Eindrücke einer Reise auf die Marquesas-Inseln in seinem Roman „Typee“ (1846) verarbeitete. Dort berichtet er “ von einem hölzernen Kochgefäß (??? W.J.), das auf dem Dorfplatz steht. Melville hebt den Deckel und erblickt Teile eines menschlichen Skeletts, die Knochen noch frisch und feucht.“  Noch 2011, als auf den Inseln ein deutscher Tourist ermordet wurde, spekulierte BILD, es könne sich um einen Akt des Kannibalismus gehandelt haben…  (8a)

Marschall Lyautey, der Verantwortliche der Kolonialausstellung, lehnte allerdings eine sensationslüsterne Ausstellung von Menschen ab. Er untersagte rassistische Darstellungen und wollte stattdessen einen „kolonialen Humanismus“ präsentieren. Immerhin wäre ja eine Präsentation „polygamer menschenfressender Wilder“ in der offiziellen Ausstellung Ausdruck des völligen Scheiterns der vielbeschworenen zivilisatorischen Mission Frankreichs gewesen. Und immerhin hatten viele Kolonialsoldaten im „Großen Krieg“  ihr Leben für Frankreich gelassen bzw. aufs Spiel gesetzt.  In seiner Eröffnungsrede sagte Lyauty denn auch, die Ausstellung sei ein Lehrstück der Verbindung zwischen den Rassen, die unterschiedlich seien, bei denen man aber nicht höhere und niedere unterscheiden dürfe.[9] Im offiziellen Programm der Kolonialausstellung wurden die Besucher ausdrücklich gebeten, über Fremde, die  ihre Kultur präsentierten, nicht zu lachen. Ein solches verspottendes Lachen habe den Franzosen mehr Feinde gemacht als grausame Niederlagen oder kostspielige Verträge.[10]

Im jardin d’acclimatation, auf der anderen Seite  der Stadt, war man da weniger zimperlich. Dort mussten die „Wilden“ sich so aufführen, wie es der Vorstellung von angeblichen „Menschenfressern“ entsprach, also entsprechend wilde Schreie ausstoßen (obwohl sie perfekt Französisch sprachen) und rohes Fleisch essen. Die Männer mussten Baumstämme aushöhlen, um Pirogen zu bauen, und bei ihrem Kriegstanz pilou-pilou bedrohlich ihre Speere schwingen, die Frauen ihre von den Kolonisatoren eingeführten „Missionshemden“ wieder ausziehen und sich dem Publikum mit nackten Brüsten zeigen. Die Zuschauer bedankten sich dafür, indem sie die „Wilden“ mit Bonbons, Erdnüssen und Bananen,  manchmal aber auch mit Steinen bewarfen.[11] Von den Franzosen sollten die Eingeborenen auf Wunsch des Gouverneurs von Neukaledonien ausdrücklich fern gehalten werden, um einen Kontakt mit den „mauvais éléments“ der großen Städte, also wohl antikolonialistischen Aktivisten, zu verhindern.[12]   Die nach Paris gelockten Kanak wurden  also veranlasst, die Rollen von „Wilden“ zu spielen, die sie ganz  und gar nicht waren: ein anschauliches Beispiel für die „invention du sauvage“ , der das musée Branly und der jardin d’acclimatation 2011/12 und 2013 Ausstellungen widmeten. Die Völkerschauen haben zu dieser „Erfindung des Wilden“ und damit auch zur vorurteilsbeladenen Stigmatisierung von Menschen anderer Hautfarbe und Kultur einen wesentlichen Beitrag geleistet.

In einer zeitgenössischen Werbung für die Ausstellung der Kanak sah das dann so aus:

Machen Sie einen Rundgang im jardin d’acclimatation. Sie werden dort Schilder mit folgenden mit Pfeilen versehenen Hinweisen finden:

←Krokodile   canaques →

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Wenn Sie es vorziehen,  die canaques anzusehen, werden Sie feststellen, dass diese Tiere weniger lustig sind als die anderen großen Affen…“ [13]

Die Nachbarschaft von angeblich menschenfressenden Kanaken und potentiell menschenfressenden Krokodilen war sicherlich nicht zufällig. Umso dramatischer, dass kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung plötzlich die Krokodile verendeten.

Der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und Kanak

Was nun folgte, erzählt  Didier Daeninckx‘ in der „Reise eines Menschenfressers nach Paris“. Der Verwaltungsdirektor der Ausstellung. Albert Pontevigne, hat  seinen Assistenten einbestellt:

Ach da sind Sie ja endlich, Grimaut! Es ist über zwei Stunden her, dass  ich Sie haben rufen lassen…. Was ist mit den Krokodilen? Ich bin heute Morgen durch den Park gegangen, bevor ich ins Büro kam, und ich habe kein einziges im Teich gesehen….“

Grimaut fängt an zu schwitzen. Er senkt die Augen.

„Heute nacht hatten wir große Probleme, Herr Direktor…. Keiner kann sich erklären, wie das geschehen konnte…“

„Hören Sie auf, in Rätseln zu sprechen! Wo sind unsere Krokodile?“

„Sie sind alle auf einen Schlag gestorben… Man nimmt an, dass sie nicht die richtige Nahrung bekommen haben… Wenn sie nicht jemand  vergiften wollte…“

Dem Verwaltungsbeamten bleibt einen Moment die Stimme weg, dann fängt er an zu brüllen. Grimaut  schluckt schwer.

„Tot! Alle tot! Das soll wohl ein Witz sein… Was hat man ihnen zu essen gegeben? Sauerkraut, Bohnen mit Speck? Ist Ihnen klar, was das heißt, Grimaud? Wir haben drei Monate gebraucht, um sie aus der Karibik kommen zu lassen…. Drei Monate! Was soll ich dem Präsidenten und dem Marschall morgen vor dem leeren Teich erzählen? Dass wir Seerosen züchten? Sie werden ihre Krokodile suchen, und wir müssen eine Lösung finden… Ich hoffe, Sie haben schon angefangen, darüber nachzudenken

Der Adjunkt holt ein Taschentuch hervor. Er  betupft sich die Stirn.

„In den nächsten Stunden müsste wieder alles in Ordnung kommen, Herr Direktor… Ich werde hundert Tiere als Ersatz bekommen, zur Eröffnungszeremonie. Krokodile, Kaimane, Alligatoren… Sie kommen mit dem Nachtzug an der Gare de l’Est an….“

„An der Gare de l’Est? Und sie kommen woher?“

Grimaud deutet ein Lächeln an.

„Aus Deutschland.“

„Teutonische Echsen! Nicht zu fassen… Und wo haben Sie Ihre Krokodile gefangen, wenn die Frage nicht indiskret  ist?“

Der Untergebene tritt von einem Fuß auf den  anderen.

„Ganz einfach, am Telefon. Sie stammen aus der Menagerie des Zirkus Höffner aus Frankfurt am Main. Zwei Jahre lang waren sie die Hauptattraktion, aber die Leute haben sie satt. Der Zirkus sucht nach einem Ersatz, um das Publikumsinteresse aufzufrischen, und mein Vorschlag kam gerade richtig.“

Albert Pontevigne runzelt die Brauen.

„Ein Vorschlag? Habe ich richtig verstanden? Ich hoffe, dass Sie nicht zu weit gegangen sind, Grimaut.“

„Ich glaube nicht… Ich habe versprochen, ihnen im Austausch ungefähr 30 Kanaken zu leihen. Sie werden sie uns im September zurückgeben, wenn ihre Tournee zu Ende gegangen ist.“ (S. 21-23)

 

Eine solche  Szene könnte sich tatsächlich abgespielt haben. Allerdings war es wohl nicht  der Zirkus Höffner, der die Krokodile lieferte, sondern der Frankfurter Zoo, der sie dann aber an den Tierpark Hagenbeck in Hamburg weitergab. Der stellte sie dort aus, wo  sich heute das Gehege der  Elefanten  befindet, wie der Urenkel von Claus Hageneck, Dr. Carl Claus Hagenbeck, dem Filmemacher Alexandre Rosada erläuterte.[14]

Ein Teil der Kanak blieb dort, ein anderer wurde auf Tournee geschickt und  in den Zoos von Leipzig, Köln, Frankfurt und Hannover sowie auf dem Oktoberfest in München gezeigt.[15]

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Auf der homepage  des Frankfurter Zoos fand sich 2017, als dieser Bericht entstand, unter der Rubrik Sonderveranstaltungen/Völkerschauen folgende Information:

„Auch im Zoologischen Garten Frankfurt gastierten zwischen 1878 und 1931 immer wieder Völkerschauen. Je nach Volk und Anbieter variierte die „Schau“, doch gewöhnlich sollte den Besuchern das jeweilige Leben nähergebracht werden. Dazu führten die Akteure Volkstänze auf und zeigten ihre Fertigkeiten vor allem in handwerklichen Tätigkeiten, deren Produkte auch zum Kauf angeboten wurden. Die Zoobesucher durften die Dörfer nur zu festgelegten Zeiten gegen Zahlung eines Sondereintritts betreten. Die meisten Völkerschauen, die in Frankfurt gastierten, wurden von Tierhändlern zusammengestellt, mit denen der Zoologische Garten Frankfurt sowieso zusammenarbeitete, und standen im Zusammenhang mit Tiertransporten.“

Inzwischen (2023) ist dieser Abschnitt etwas aussagekräftiger und kritischer. Das liest sich so:

„Im Frankfurter Zoo fanden in der Zeit von 1878 bis 1931 mehr als zwei Dutzend sogenannte Völkerschauen sowie die zweimalige Zurschaustellung von Krao, einem Mädchen mit physischen Besonderheiten, statt.

Es waren zumeist Unternehmer wie der Tierhändler Carl Hagenbeck, die als Veranstalter der Völkerschauen auftraten und diese in attraktiven Veranstaltungsorten wie Zoos oder Museen ausrichteten. Hagenbeck begann 1874 damit, Menschen aus „seinen Tierfanggebieten“ zu engagieren und sie gemeinsam mit ihren Alltagsgegenständen sowie den gefangenen Tieren nach Europa zu bringen. Es ist dokumentiert, dass Arbeitsverträge abgeschlossen und auch Löhne gezahlt wurden. Allerdings ist anzunehmen, dass die Mehrzahl der Angeworbenen kaum in der Lage war, die Verträge zu lesen und zu deuten. Belegt ist, dass die Tourneen für manche in der Katastrophe endeten, so etwa für eine achtköpfige Gruppe von Labrador Inuit. Sie erkrankten 1881 nach ihrem Aufenthalt in Frankfurt an Pocken und starben. Selbst für den Fall, dass die Reise nach Europa freiwillig angetreten wurde, ist doch davon auszugehen, dass die Vorführungen des Alltags- und Familienlebens oftmals die Grenzen zur Demütigung überschritten. Auch dürfte klar sein, dass die lange Abwesenheit von Zuhause, das fremde Klima, die permanente Öffentlichkeit und etliche Faktoren mehr äußerst belastend gewesen sein müssen.

Aus heutiger Sicht sind die Völkerschauen als ausgesprochen menschenverachtend zu kritisieren und nicht akzeptabel. Das Argument der Bildung, das seinerzeit eine Rolle gespielt haben mag, tritt zurück hinter die kommerziellen Interessen der Ausrichter, die Schaulust und die Demonstration eines weit verbreiteten Überlegenheitsgefühls gegenüber den zur Schau gestellten Menschen fremder Völker. Das zum Teil erhebliche Leid der Betroffenen wurde dabei offenbar von einer Mehrheit der Initiatoren und des Publikums in Kauf genommen. Auch wenn Völkerschauen und ähnliche Phänomene im geschichtlichen Kontext gesehen werden müssen, werden sie dadurch nicht legitimiert. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Thema ist unbedingt notwendig für die Bewusstseinsbildung heutiger und zukünftiger Generationen.“ [16]

In beiden Versionen wird 1931 als letztes Jahr einer Völkerschau im Frankfurter Zoo genannt wird, allerdings (schamhaft?) verschwiegen, dass es die gegen die Krokodile eingetauschten Kanak waren, die dort „gastierten“. Zu hoffen ist jedenfalls, dass sie in Frankfurt menschenwürdiger behandelt wurden als im jardin d’acclimatisation in Paris. In Hamburg scheint das jedenfalls nicht so gewesen zu sein, wie aus einem Brief des Schreibers der Gruppe vom 3. Juni 1931 hervorgeht, den er an einen Pariser Bekannten richtete. In dem Brief wird berichtet, dass die Kanak im HamburgerZoo von morgens bis abends „Spiele“ vorführen müssten wie Tanz, Wettlauf, Speerwurf, das Klettern auf hohe Masten etc.  Außerdem müssten sie riesige Bäume aushöhlen, um Einbäume herzustellen, auf denen die Besucher des Zoos dann herumfahren würden. Beim Tanz dürften sie nur einen Lendenschutz tragen, keine Hose, kein Hemd und keine Schuhe. Anders als in Paris müssten sie auch bei Regen –den es schon öfters gegeben habe- auftreten. Am schlimmsten sei, dass sie im kalten Wasser schwimmen müssten, denn in Hamburg sei es noch kälter als in Paris. In ihrer Hütte gäbe es weder Matten  noch Stroh, um die Zuschauer glauben zu machen, sie seien Wilde, wie der Direktor ihnen erklärt habe. In einem anderen Brief schrieb der Chef der Gruppe, sie wollten dringend „la chère France“ wiedersehen. In Hamburg würden sie wie Sklaven behandelt. Allerdings wurde bei den Kanak auch vermutet, dass die Briefe in ihrem Namen von französischen Philanthropen geschrieben worden seien, die auf diese Weise erreichen wollten, dass die Gruppe, die nach übereinstimmenden Berichten tatsächlich unter der Hamburger Kälte und der über ihre Köpfe hinweg vereinbarten Länge  ihrer „Abordnung“ litt, möglichst schnell wieder nach Paris und dann in ihre Heimat zurückkehren könnten.[17]

Und es gab immerhin auch positive Erfahrungen: Zum Beispiel die Beziehungen, ja Freundschaften, die sich in Hamburg zwischen den Hagenbecks und Kanak entwickelten. Ein Neukaledonier, dessen Eltern zur Hagenbeck-Gruppe gehörten, erinnert sich:

„Unsere Eltern haben immer gesagt, dass die Leute, vor allem die Deutschen, sehr freundlich ihnen gegenüber waren. Wissen Sie, Papa hat noch das System der Zwangsarbeit hier erlebt, die Schaufel und die Hacke, die Vorarbeiter, die Fußtritte… Er konnte vergleichen. (…) Wenn sie von ihren Erlebnissen dort gesprochen haben, haben sie …. vor allem von den deutschen Freunden gesprochen, mit denen es einen Briefwechsel gab bis zum Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Das hat ihnen sogar Ärger und den Besuch von Polizisten eingebracht, als sie 1939 immer noch Briefe aus Deutschland erhielten mit Hakenkreuz- Stempeln darauf. Aber für die konnten sie doch nichts. Wissen Sie, es war eine echte Freundschaft, sonst hätte unser Vater nicht seinen beiden  ältesten Töchtern deutsche Namen gegeben“.

Und ein Enkel ergänzt:

„Mein Großvater traf zum ersten Mal in seinem Leben, Menschen, die ihn von gleich zu gleich, von Mann zu Mann, wie er sagte, und nicht als minderwertig behandelten. Dieses Gefühl der Gleichheit war vor allem in Deutschland lebendig. Großvater hat öfters erzählt, wie er bei den Hagenbecks, seinen Freunden in Hamburg, eingeladen war. Er hat ja auch seinen beiden Töchtern die Namen der Töchter des deutschen Freundes, Emy und Loti, gegeben. Und  meine Großmutter erzählte, dass zur gleichen Zeit in Neukaledonien Weiße und Kanaken jedem Kontakt miteinander vermieden haben.“ [18]

Der Fußballer Christian Karambeu und sein Urgroßvater, eine Familiengeschichte

Die Reise der Kanak nach Europa wurde in der kollektiven Erinnerung nicht nur Frankreichs, sondern auch Neukaledoniens eher verdrängt. Selbst in einem sehr gelobten Geschichtsbuch neukaledonischer Historiker und Pädagogen über die Geschichte ihrer Heimat (Hachette 1993) ist davon nicht die Rede.[19] Die Rückkehrer schwiegen sich über die wahren Hintergründe ihrer „großen Reise“ aus und hoben stattdessen ihre Abenteuer und weltmännischen Erfahrungen hervor. Sie sahen sich als Repräsentanten ihrer Heimat auf der Kolonialausstellung von 1931, obwohl Neukaledonien ja gar nicht für wert erachtet worden war, so wie andere  „höher entwickelte“  Kolonien auf dem Ausstellungsgelände am Bois de Vincennes mit einem eigenen Pavillon vertreten zu sein. Aber diese demütigende Abschiebung und Präsentation als  Kannibalen wurde eher nicht kommuniziert:  Die Nachfahren der angeblichen „Kannibalen“ verspürten denn auch weniger Scham als Stolz: Dass Familienmitglieder nämlich die Ehre hatten, ausgewählt worden zu sein, um ihr Volk im fernen Mutterland zu repräsentieren.

Zwei Äußerungen von Betroffenen: „Wir sind stolz, dass unsere Eltern zur Delegation von 1931 gehörten. Diese Reise ist im Rahmen unserer historischen Bindungen mit Frankreich zu sehen, in der gleichen Weise, wie sich Kanaken freiwillig gemeldet haben (im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Anm. W.J.), als das Mutterland in Gefahr war….

Wir sind stolz, dass Leute von uns bei der Kolonialausstellung von 1931 dabei waren. Sie sind nicht auf Befehl von irgendwem hingegangen. Es war unser grand chef, der diejenigen ausgewählt hat, die ihn begleitet haben.“ [20]

Es war der neukaledonische Fußballspieler Christian Karembeu, der zu einer differenzierten Wahrnehmung der Rolle der Kanak bei der Kolonialausstellung von 1931 beigetragen hat. Karambeu  gehörte zu der legendären multikulturellen „Black-Blancs-Beurs“- Nationalmannschaft Frankreichs, die 1998 die Fußballweltmeisterschaft gewann. Karembeu wuchs auf einer kleinen Insel Neukaledoniens in traditionellen sozialen Strukturen und sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Einen Fußballplatz gab es da nicht, auch keinen Fußball. Aber mit seinen Spielkameraden stellte er sich selbst Bälle aus Blättern  und Spinnweben her. Nachdem in der Schule sein sportliches  Talent erkannt worden war, verließ er 1988 seine Heimat und machte in der „métropole“ Karriere: zunächst als Spieler des  FC Nantes, dann bei Sampdoria Genua und bei Real Madrid.[21]

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Christian Karembeu am 11. Oktober 1988 auf dem Flughafen von Nouméa mit seinen Eltern

Karembeu wurde vor allem als Mitglied der Weltmeistermannschaft gefeiert, war aber auch umstritten: Er weigerte sich nämlich, vor Länderspielen die Nationalhymne mitzusingen. Es gab zwar auch andere prominente Spieler, die nicht mitsangen, aber bei Karembeu hatte das politische Gründe. Es war ein Protest gegen  die Missachtung und Geringschätzung seiner Heimat durch das Mutterland. In der Einleitung zu seinem Buch  „Kanak“ schreibt er:

Zwischen 1973 und 1995 hat die französische Regierung das Atoll von Mururoa durch Atomversuche verwüstet, ohne die Folgen der Radioaktivität für die Flora  und Fauna und die Fischer der benachbarten  Inseln, darunter auch Neukaledonien, zu beachten. Was haben umgekehrt die Menschen  der Region für  diesen unfreiwilligen Beitrag zur Entwicklung der französischen Militärmacht … erhalten? Nichts, außer Krankheit und Tod, was mit der Zeit immer deutlicher wird.“

Und weiter:

Ich habe mich immer geweigert, die Marseillaise bei Länderspielen mitzusingen. Man hat mir das massiv vorgeworfen und mich beschuldigt, ein Feind Frankreichs zu sein. Diese Weigerung war aber nichts anderes als eine logische Reaktion: Warum sollte ich die Symbole der französischen Nation übernehmen, wenn diese Nation das Volk der Kanak und seine Kultur überhaupt nicht kennt und achtet ? 1931 sind anlässlich der Kolonialausstellung im Jardin d’Acclimatisation Franzosen bis nach Neukaledonien gekommen, um Kanak-„Exemplare“ zu finden, zu denen auch mein Urgroßvater gehörte. Während mehrerer Wochen wurde er vor den Parisern ausgestellt, die ihn wie ein Tier ansahen und bewunderten. Wie viele Franzosen kennen diese Geschichte, die ein  Tabu in den Kanak-Familien geblieben ist? Wenn sie sie kennen würden, würden sie dann immer noch erwarten, dass ich die Marseillaise singe. Ich glaube nicht.“ [22]

Vielleicht wäre es unter diesen Voraussetzungen konsequenter gewesen, wenn Karembeu darauf verzichtet hätte, Mitglied der französischen Nationalmannschaft zu werden. Aber andererseits war er kein militanter Anhänger der neukaledonischen Unabhängigkeitsbewegung, und seine Prominenz ermöglichte es ihm, Werbung für Neukaledonien und die Kenntnis und Anerkennung der kulturellen Identität seiner Heimat zu machen.

Und da hat es zwischen 1988, als Karambeu sich nach Frankreich aufmachte, und 1998, als er Fußballweltmeister wurde, erhebliche Fortschritte gegeben: Durch das Matignon-Abkommen von 1988 und das Nouméa-Abkommen von 1998 hat Neukaledonien ein höheres Maß an Autonomie erhalten. Damals wurde auch vereinbart, dass in Neukaledonien 2018 ein Referendum über die  Unabhängigkeit bzw. den zukünftigen Status des Territoriums abgehalten soll. (22a)  In Nouméa wurde 1998 ein vom französischen Staat bezahltes und von dem Stararchitekten Renzo Piano entworfenes Kulturzentrum eröffnet, in dem kulturelle Veranstaltungen der Kanak angeboten werden: ein „Akt der Wiedergutmachung“ für das „Trauma der Zwangskolonisation“, für die der französische Staat im Abkommen von Nouméa die Verantwortung übernommen hat. Es dauerte auch bis 1998, dass  endlich (!!!) die Namen der „soldats kanak“ in das Denkmal für die Gefallenen des ersten  Weltkriegs in Nouméa eingeschrieben wurden,  die, von der Kolonialverwaltung als „sauvages“ betrachtet, es  offenbar bis dahin nicht wert waren, neben den Namen der aus Frankreich eingewanderten Neu-Kaledonier zu stehen. [23]. Im musée Branly in Paris fand 2013/14 die Ausstellung „Kanak“ statt, die größte jemals gezeigte Ausstellung der indigenen Kultur Neukaledoniens.

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Und Christian Karembeu, der nach dem Ende seiner fußballerischen Laufbahn gewissermaßen zum Botschafter seiner Heimat avanciert war,  fungierte dabei als Führer. Es gibt dazu auch einen kleinen Film, in dem Karembeu die Ausstellung präsentiert:

http://actu.orange.fr/societe/videos/visite-guidee-l-exposition-kanak-avec-christian-karembeu-au-musee-du-quai-branly-VID0000001LPEh.html

Dass mit dieser Ausstellung die Kultur der Kanak endlich gewissermaßen offiziell anerkannt wurde, war für Chistian Karembeu  eine große Genugtuung, und sie als Führer zu präsentieren war sicherlich auch eine hommage an seinen Urgroßvater Willy Karembeu, der 1931 in Paris noch als Menschenfresser ausgestellt worden war.

 

Literatur

Didier Daeninckx, Reise eines Menschenfressers nach Paris. Berlin: Wagenbach 2001

(französische Erstausgabe 2000 bei Gallimard: Cannibale)

Joël Dauphiné, Canaques de la Nouvelle-Calédonie à Paris en 1931.  De la case au zoo. Paris 1998. Rezension in: http://www.persee.fr/doc/jso_0300-953x_1998_num_107_2_2063_t1_0237_0000_1

Anne Dreesbach, Kolonialausstellungen, Völkerschauen und die Zurschaustellung des  „Fremden“ (22012): http://ieg-ego.eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/wilde-und-zivilisierte/anne-dreesbach-kolonialausstellungen-voelkerschauen-und-die-zurschaustellung-des-fremden

Anne Dreesbach, Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung ‚exotischer‘ Menschen in Deutschland 1870 – 1940. FFM: Campus-Verlag 2005

Luis A. Sánchez- Gómez, Human Zoos or Ethnic Shows? In. Culture & History. Digital Journal, 2013  In: http://cultureandhistory.revistas.csic.es/index.php/cultureandhistory/article/viewArticle/31/122

https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm (Film)

L’exposition coloniale Paris – 1931 Schwerpunktthema von:   Mwa Véé Juli 1998  (Eine Publikation der  Agence de développement de la culture kanak).  http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf

http://ddc.arte.tv/zur-das-thema/die-erfindung-des-wilden (Literaturübersicht zum 2012 ausgestrahlten arte-Films Die Erfindung des ‚Wilden‘ , auch zum Thema der „Menschenzoos“

Film arte 29.9.2018: Die ‚Wilden‘ in den Menschenzoos.  Französischer Film (2018) von Pascal Blanchard und Bruno Victor-Pujebet.  In dem Film werden verschiedene Phasen der Präsentation von ‚Wilden‘ in Menschenzoos vorgestellt, und zwar jeweils anhand eines konkreten menschlichen Schicksals. Der jardin d’acclimatation als ein besonders bedeutsamer „Menschenzoo“ und die Kolonialausstellung von 1931 als Wendepunkt in der Zurschaustellung von angeblichen ‚Wilden‘ spielen dabei eine wichtige Rolle. (Französischer Titel: Sauvages, au coeur des zoos humains.)

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von  1931    https://paris-blog.org/2017/05/10/das-palais-de-la-porte-doree-und-die-kolonialausstellung-von-1931/

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11303

Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und   „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt      https://paris-blog.org/2017/06/01/die-kolonialausstellung-von-1931-teil-2-der-menschliche-zoo-im-jardin-dacclimatisation-und-der-tausch-von-teutonischen-krokodilen-und-men-sche/

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen Vergangenheit https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

Die Résidence Lucien Paye in der Cité universitaire  (ursprünglich Maison de la France d’outre-mer) Siehe:  https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

Der Garten der tropischen Landwirtschaft im Bois de Vincennes – ein „romantisches“  Überbleibsel der Kolonianlausstellung von 1907.  https://paris-blog.org/2020/09/20/der-garten-der-tropischen-landwirtschaft-jardin-dagronomie-tropicale-im-bois-de-vincennes-ein-romantisches-uberbleibsel-der-kolonialausstellung-von-1907/

Anmerkungen:

(1) In den 1998 unterzeichneten Vereinbarungen von Nouméa  zwischen „Mutterland“ und Neukaledonien wurde das Wort  „kanak“ (= Mensch) für offiziell gültig und als unveränderlich  erklärt anstelle des bis dahin üblichen Wortes „canaque“ mit seiner kolonialistischen Dimension. In der deutschen  Übersetzung der Erzählung von Didier Daenincks wird deshalb zwischen der unflektierten Form „Kanak“ und der flektierten Form „Kanake(n) unterschieden. (Anmerkung des Übersetzers, S. 6) Ich werde in diesem Text ausschließlich die  unflektierte Form verwenden und nicht die -gerade in Deutschland- nicht nur paternalistische, sondern ausdrücklich diffamierende Form „Kanake(n)“.

[1a] Bilder bei: http://entreetoblackparis.blogspot.de/2012/01/paris-human-zoos-exposed-at-musee-du.html und: http://cultureandhistory.revistas.csic.es/index.php/cultureandhistory/article/viewArticle/31/122

Die Ausstellung von 34 Eingeborenen aus Guyana im Jardin d’acclimatation im Jahr 1892 hat im Jahr 2023 wieder eine gewisse Aktualität gewonnen. Ein großer Teil der Gruppe ist damals in Frankreich verstorben und ihre sterblichen Überreste werden im Muséum nationale d’histoire naturelle (MNHN) aufgewahrt. Nun fordern aber Nachfahren die  Rückgabe der sterblichen Überreste. Der französische Senat hat im Juni 2023 einen Gesetzesvorschlag verabschiedet, durch den die Rückgabe sterblicher Überreste aus Beständen französischer Museen erleichtert werden soll. Laut Le Monde vom 8. August 2023, die dem Thema eine ganze Seite widmet, liegt es allerdings an der Premierministerin, über das weitere Vorgehen zu entscheiden. (Natalie Guibert, En Guyane, ‚on a eu des morts, ils sont où?‘. Huit Amérindiens victimes des zoos humains et conservés dans les collections nationales pourraient être restitutés)

[2] http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/

[3] In dieser Hinsicht hat gerade Cuvier eine traurige Rolle gespielt. Abdellatif Kechiche hat über das tragische Schicksal von Saartjie Baartman einen eindrucksvollen Film gemacht. Siehe: http://www.lexpress.fr/actualite/societe/la-veritable-histoire-de-la-venus-noire_930758.html

Es bedurfte eines speziellen Gesetzes, dass die sterblichen Überreste von Saartje Baartman 2002 an Südafrika zurückgegeben werden konnten.

[4] https://www.welt.de/print-welt/article3393983/Hereinspaziert-Kanaken-frisch-eingetroffen.html

[5]  Bild aus: http://www.dinosoria.com/cannibalisme.html

[6] Didier Daeninckx, Reise eines Menschenfressers, S. 16

[7] http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/

http://www.lexpress.fr/actualite/societe/l-exposition-coloniale-de-1931-le-meilleur-de-l-empire_1748163.html

Bild aus dem Film über die Exposition Coloniale Kanak 1931 von Alexandre Rosada: https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/Histoire_de_la_Nouvelle-Cal%C3%A9donie#Premiers_Europ.C3.A9ens_install.C3.A9s_.281841-1853.29

(8a) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81136869.html.

[9] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf, S. 7

[10] http://www.lexpress.fr/actualite/societe/l-exposition-coloniale-de-1931-le-meilleur-de-l-empire_1748163.html

http://achac.com/zoos-humains/die-ausstellungen-der-zwischenkriegszeit-1920-1940/

http://www.bondyblog.fr/201105290001/80eme-anniversaire-de-l%E2%80%99exposition-coloniale-de-1931-l%E2%80%99expo-de-la-honte/#.WPKg0_nyjIU

Nach Daeninckx werden die Kanaken in Vincennes ausgestellt, was aber nicht zutrifft.

[11] http://www.bondyblog.fr/201105290001/80eme-anniversaire-de-l%E2%80%99exposition-coloniale-de-1931-l%E2%80%99expo-de-la-honte/#.WPKg0_nyjIU

http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

[12] http://www.persee.fr/doc/jso_0300-953x_1998_num_107_2_2063_t1_0237_0000_1

[13]„Allez faire un tour au jardin d’acclimatisation. Vous y trouverez (…) des écriteaux portant ces inscriptions avec flèches indicatrices – crocodiles   – canaques

Que si vous préférez aller voir les Canaques, vous constatez que ces animaux sont beaucoup moins rigolos que les autres grands singes….“ Hinweistafel aus einem Dokumentationsfilm zur Kolonialausstellung und dieAusstellung der Kanaken in:

https://www.rosada.net/expositioncolonialekanak.htm und https://www.youtube.com/watch?v=4DJRcSEkftI

[14] http://www.forschung-und-wissen.de/magazin/geschichte-gesellschaft/die-vergessene-geschichte-der-menschenzoos-13372299

Foto aus dem Film von Alexandre Rosada und auch bei: http://www.flickriver.com/photos/jumborois/sets/72157606871939062/

[15] http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292 (Berliner Zeitung vom 15.12.1998)

Sylvia Krauss-Meyl, Das Oktoberfest Zwei Jahrhunderte Spiegel des Zeitgeists. München 2015

Siehe auch: http://hartbrunner.de/fakten/d_fakten.php?id=2455

[16] https://www.zoo-frankfurt.de/unser-zoo/geschichte/sonderveranstaltungen/voelkerschauen/

Eine Nachfrage an den Frankfurter Zoo mit der Bitte um nähere Informationen zu der „Ausstellung“ von 1931 blieb leider ohne Antwort.

Ein Liste der Völkerschauen im ´Frankfurter Zoo unter:  https://www.agespe.org/voelkerschauen-im-frankfurter-zoo/

[17] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 8/9

[18] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 19/20

[19] http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

[20] http://mediatheque.adck.nc/mediath/pdf_player/viewer.cfm?pdfUrl=http://srv-opac/mediatheque/Mwavee/Mwa_Vee_13_Adck_Numerise_Web.pdf S. 16

http://www.liberation.fr/tribune/1998/11/06/en-1931-111-kanaks-furent-exhibes-a-l-exposition-coloniale-une-honte-refoulee-kanaks-au-zoo_252783

http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

[21] Bild bei: Anne Pitoiset & Claudine Wéry avec Christian Karembeu: Kanak. 2011 und : http://www.parismatch.com/People/Sport/J-ai-quitte-ma-tribu-kanak-Par-Christian-Karembeu-146564

[22]  S.12 und 16. Siehe auch:   http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292   Übrigens gab es auch andere prominente Fußballspieler, die sich weigerten, die Marseillaise zu singen, z.B. Michel Platini, für den es sich dabei um « un hymne guerrier qui n’a rien à voir avec le jeu ».handelte. (Wikipedia-Artikel zu Christian Karmebeu; s.a. Platini: Je ne chantais pas la Marseillaise. In: http://www.football.fr/equipe-de-france/articles/cm2022-platini-met-la-pression-sur-le-qatar-397906/)

(22a) siehe Le monde vom 30.5.2017: Prélude législatif en Nouvelle-Calédonie. Prévu en novembre 2018, le référendum d’autodétermination sur l’avenir de l’archipel est au coeur de la campagne électorale. Allerdings ist  die vom Nouméa-Abkommen proklamierte „communauté de destin“ ziemlich brüchig angesichts einer europäisch-stämmigen Bevölkerung, die bei den Präsidentschaftswahlen 2017 mit deutlicher Mehrheit für den Front National gestimmt hat. (insgesamt erreichte der FN mit 47,43% der Stimmen sein bestes Ergebnis „outre-mer“.

Einen sehr informativen Überblick über die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung bis hin zum Abkommen von Nouméa gibt es in Le Monde vom 31. Oktober 2017: http://www.lemonde.fr/politique/article/2017/10/30/quand-la-nouvelle-caledonie-s-embrasait_5207835_823448.html

(23)  Le Monde vom 8. November 2018 in einem Artikel („À la mémoire des tirailleurs kanak“)   zu dem Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre von Francois Reinhardt.

http://www.berliner-zeitung.de/die-familiengeschichte-des-fussballstars-erregt-in-frankreich-aufsehen-karembeus-urgrossvaeter-wurden-im-zoo-ausgestellt-16551292

https://de.wikipedia.org/wiki/Tjibaou-Kulturzentrum

Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

angk8 Kolonialausstellung

Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal: insgesamt eines  der schönsten Bauwerke im Stil des Art déco in Paris. (1a)

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

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Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris (2018)   https://paris-blog.org/2018/11/01/die-malerei-des-franzoesischen-kolonialismus-eine-ausstellung-im-musee-branly-in-paris/

Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt  https://paris- blog.org/?s=Die+Kolonialausstellung+von+1931+%28Teil+2%29+ 

Die Résidence Lucien Paye in der Cité universitaire  (ursprünglich Maison de la France d’outre-mer)https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

Der Garten der tropischen Landwirtschaft im Bois de Vincennes – ein „romantisches“  Überbleibsel der Kolonianlausstellung von 1907.  https://paris-blog.org/2020/09/20/der-garten-der-tropischen-landwirtschaft-jardin-dagronomie-tropicale-im-bois-de-vincennes-ein-romantisches-uberbleibsel-der-kolonialausstellung-von-1907/

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(1a) s. Le Monde vom 12. September 2019: Le Palais de la Porte-Dorée ‚en déshérence‘. La Cour des comptes s’alarme du défaut d’entretien du monument.

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris

Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes – Chaumont und das quartier de la Mouzaïa

Im Blogbeitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris (April 2017) wurde gezeigt, dass erhebliche Flächen der Stadt und ihrer Umgebung als Steinbrüche und Bergwerke genutzt wurden und z.T. noch bis heute genutzt werden. In diesem Beitrag werden zwei bemerkenswerte und unterschiedliche Beispiele vorgestellt, die zeigen, was aus ehemaligen Steinbrüchen werden kann: der Landschaftspark Buttes Chaumont und das  Mouzaïa- „Villenviertel“, beide im Norden von Paris, im 19. Arrondissement.

Le parc des Buttes-Chaumont

IMG_8891 Butte de Chaumont Baustelle

Im Gebiet der Buttes Chaumont wurden bis ins 19. Jahrhundert Gips- und meulière-Steine über Tage abgebaut.[1] So war allmählich eine Mondlandschaft mit teilweise wilden Klüften, Schründen und Höhlen entstanden – eine eher anrüchige Gegend, in der nach Auflassung der Steinbrüche  wilde (und illegale)  Tierkämpfe veranstaltet wurden und die als Mülldeponie und Abdeckerei diente. Es waren  Napoleon III. und sein Stadtplaner Haussmann, die 1863 beschlossen, diese Wüstenei in einen Landschaftspark umzuwandeln und so gewissermaßen aus der topografischen Not eine Tugend zu machen. So entstand nämlich der Pariser Park mit dem größten Höhenunterschied (mehr als 40 Meter), mit einer Insel, einer Grotte (mit künstlichen Stalaktiten), einer von Gustave Eiffel konstruierten Hängebrücke, einem kleinen Tempel im römischen Stil auf der Aussichtsplattform: ein sehr origineller Park also  mit einer großen landschaftlichen Vielfalt.

Man hat den Park auch als einen paradoxen Ort bezeichnet: Auf der einen Seite erscheine er wie kaum ein anderer Park ist Paris als „natürlich“, auf der anderen Seite sei er aber –wie sicherlich kein anderer Pariser Park- ein Produkt der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, die mit Hilfe von viel Eisen und Beton einen ehemaligen Steinbruch zu einem „Technopark“ des Baron Haussmann umgestaltet habe.[2]

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Die Eiffel’sche Hängebrücke, die ganz schön schwanken kann, wenn so viele Menschen darüber laufen wie hier auf dem Bild…

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Die Felsnadel und der Felsdurchbruch sind wohl ein Zitat des berühmten Panoramas von Etretat

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Das „römische“ Tempelchen…

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ist auch eine Aussichtsplattform

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Blick in die Weite auf Sacre Coeur und in die Tiefe auf ein Hochzeitspaar

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Eine besondere Rolle spielte bei der Einrichtung des Parks das Wasser. Es gibt kleine (künstliche) Wasserläufe – ideale Spielplätze für Kinder….

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…. es gibt auch einen kleinen Wasserfall, der zum Klettern einlädt…

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… einen See, z.B. zum Angeln…

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… und eine große Höhle – hier der Eingang –ein  Relikt aus der Zeit der Gipssteinbrüche…

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Die Attraktion dieser Höhle ist ein grandioser Wasserfall.  5300 m³ Wasser stürzen da täglich, nachdem sie einen Höhenunterschied von 32 Metern und  mehrere Katarakte überwunden haben, unter ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Mit den Worten der Parkverwaltung: „Der künstliche Wasserfall ist wahrscheinlich einer der schönsten, der jemals  in einem städtischen Park verwirklicht wurde.“

Derzeit wird das hydraulische System des Wasserfalls  gerade renoviert, deshalb gibt es kein aktuelles, sondern ein historisches Bild davon:

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Insgesamt –noch einmal in den Worten der Parkverwaltung- eine Landschaft, die „der schönsten Beschreibungen von Jules Verne würdig“  sei: „Le parc est conçu pour faire voyager et rêver ses promeneurs.“ (2a)

Zu einem Zeitpunkt, als Paris endgültig zu einer Weltstadt umgestaltet wurde, sollten damit seine Bewohner ein Stück Natur erhalten. Immerhin war Paris eine Stadt mit einer sehr großen Bevölkerungsdichte, die durch den Haussmann‘schen Stadtumbau noch intensiviert wurde: Heute ist Paris „la ville la plus dense d’Europe“ und gehört  zu den top 5 der am dichtesten bevölkerten Städte weltweit.[3] Da war und ist  ein Stück Natur, auch wenn sie künstlich und inszeniert ist- natürlich ein  Segen. Und dabei spielt -wie immer bei Haussmann-  auch der politische Aspekt eine wichtige Rolle: Denn Aufgabe der Natur sollte es auch sein, die „classes dangereuses“ des Pariser Ostens moralisieren und pazifizieren.[4]

 

 Le quartier de la Mouzaïa

Eine andere Möglichkeit, mit der „unterirdischen“ Vergangenheit  umzugehen, war die Bebauung des Geländes aufgelassener Steinbrüche. Ein schönes Beispiel dafür ist das quartier de la Mouzaïa im 19. Arrondissement. Entstanden ist dieses Viertel, nachdem man an dieser Stelle 1872 den Abbau von Gips- und meulière-Steinen eingestellt hatte.[5] Für ehemalige Arbeiter der Steinbrüche, kleine Angestellte und Händler wurden dort 250 schmale Reihenhäuser gebaut –  durchweg zweistöckig mit einer sehr begrenzten Wohnfläche und mit einem kleinen Vorgärtchen. Getrennt sind die Häuserreihen von kleinen gepflasterten Wegen, den villas. Die niedrige Bebauung des quartiers, die in besonderem Kontrast zu den Hochhausblöcken der place des fêtes steht, ist nicht nur den begrenzten finanziellen Mitteln der Bauherren geschuldet, sondern zuerst und vor allem dem unsicheren Untergrund: Das Risiko, auf dem Gelände der ehemaligen Steinbrüche zu bauen, sollte möglichst vermindert werden. So hat man aber auch hier aus der topografischen Not eine Tugend gemacht: Es ist inmitten der Großstadt und vor dem Hochhaus-Hintergrund der Umgebung ein verstecktes kleinstädtisches Idyll entstanden, ohne Autos, aber mit viel Natur in den Vorgärten: Camelien, Jasmin, Wein, Glyzinen…

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Eine typische Mouzaïa- Villa

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Auf dem Foto sieht man, dass die hier im Untergrund geförderten meulière-Steine zum Teil auch gleich für den Bau einiger Häuschen verwendet wurden.

Die Namen der Straßen und Villen des Viertels zeigen übrigens, dass es sich hier um ein typisches Produkt der 3. Republik handelt: Es gibt die Straße der Liberté, die der Égalite und die der Fraternité, außerdem die Straße des Fortschritts und die nach Präsidenten der 3. Republik benannten „Villen“.

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Die Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot haben ein Spaziergang durch das Quartier vorgeschlagen, der an  der 1911 eröffneten Métro-Station Danube beginnt. Sie liegt an der Linie 7b,  die durch das ehemalige Terrain der carrières d’Amérique  und zum Teil unter dem Park der Buttes-Chaumont verläuft.

Dieser Streckenabschnitt musste deshalb besonders gesichert werden: Nicht weniger als 220 Brunnengründungen, die eine kumulierte Gesamthöhe von 5,5 Kilometern erreichen, wurden in dem Streckenabschnitt  der  Station und des Streckentunnels in Richtung Buttes-Chaumont errichtet. Besonders kompliziert war der Bau der Station Danube, weil das Niveau der Station 33,49  m über dem festen Boden lag. Also wurde  ein unterirdisches Viadukt errichtet, gewissermaßen ein Korsett, in das die Metro-Station eingepasst wurde und das ihr festen Halt verleiht.[6]

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Auf einer Informations-Tafel in der Metro-Station wird dies erläutert und veranschaulicht, wobei auch nochmal die Legende von den Steinen fürs Weiße Haus in Washington als Tatsache „verkauft“ wird. (siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Bergwerke und Steinbrüche von Paris“.)

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Dessen ungeachtet ist aber die Metro-Station Danube ein Beispiel dafür, wie weit- oder in diesem Fall: wie tiefgehende Konsequenzen die Vergangenheit von Paris als Bergwerksstadt hatte und zum Teil bis heute noch hat.

Für Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ist das Mouzaïa- Viertel auch ein Beispiel der in Paris offenbar unaufhaltsamen „Gentrifizierung“: Auch wenn es sich um ein Viertel handelt, das für Menschen mit geringem Einkommen gebaut wurde und auch wenn die beengten Wohn- und Nachbarschaftsverhältnisse durchaus ihre Nachteile haben, so übt ein solches „Paradies“ doch eine erhebliche Anziehungskraft auf eine aufstrebende Mittelschicht, vor allem auf die sogenannten „Bobos“ aus.

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Deren Anwesenheit ist bei einem Rundgang durch das Viertel durchaus zu bemerken. Aber es gibt auch Häuser, die ganz und gar nicht herausgeputzt sind, bei denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.  Deren Besitzer haben also offenbar nicht die Mittel –oder den Willen- , aus den alten  bescheidenen Arbeiterhäuschen ein Schmuckstück zu machen. Und es gibt völlig verwilderte Grundstücke und Häuser, die möglicherweise als Spekulationsobjekte dienen.

Am besten eignen sich Frühjahr oder Sommer für einen Mouzaïa-Spaziergang, wenn es in den Vorgärtchen grünt und blüht. Und man sollte sich dafür etwas Zeit lassen. Man kann dann –möglichst unaufdringlich- viele kleine Entdeckungen machen und  sogar Kontakte mit Bewohnern des Viertels knüpfen.[7]

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En savoir plus:

Antoine Picon: Nature et ingénieurie: Le parc des Buttes-Chaumont. In: romantisme. Revue du dixième siècle, 2010/4: https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

Michel Pinçon/Monique Pinçon-Charlot: Villages dans la ville: Les villas de Paris.  In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2013, S. 223f (und vor allem:  S. 237f: Les villas du 19e arrondissement)

Les Buttes-Chaumont, chef-d’oeuvre de l’art paysager à Paris

Anmerkungen

[1] Das Foto  ist in der Dauerausstellung  zur Stadtentwicklung des Pavillon de l’Arsenal in Paris zu sehen.

[2] https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

(2a) Text und Bild auf den Schautafeln, die am Eingang des Parks gegenüber der Mairie des 19. Arrondissement während der Bauarbeiten im Park aufgestellt sind/waren. Und unter: www.paris.fr/viewmultimediadocument?multimediadocument-id..

[3] Pavillon de l’Arsenal: Catalogue de l’exposition Paris/Haussmann, Modèle de Ville. Paris 2017, S. 11.  Dagegen betrug die Bevölkerungsdichte von Berlin  im Jahr  3.947 Einwohner pro Quadratkilometer: https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_Berlin

[4] https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

[5] http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

http://www.pariszigzag.fr/sortir-paris/balade-paris/quartier-mouzaia-paris

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Danube_(M%C3%A9tro_Paris)

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

[7] Ein weiteres eher kleinstädtisches Ensemble ist „la campagne à Paris“ im 20. Arrondissement (Rue du Père Prosper Enfantin – Rue Irénée Blanc – Rue Mondonville – Rue Jules Siegfried, Rue Paul Strauss), das ebenfalls auf einem ehemaligen Gips-Steinbruchgelände errichtet wurde.  Die Cavernen wurden mit  Aushub aufgefüllt, der bei dem von Haussmann initiierten Bau der avenues de la République  und Gambetta entstand. Auf dieser Grundlage war aber auch dort  nur eine begrenzte Bebauung möglich.

Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris

 

Im Blog-Beitrag über die fünf kleineren Schwestern der New-Yorker Freiheitsstatue (März 2017) ging es anhand der Statue im Musée des Arts et Métiers in Paris auch um die Herstellung von „Miss Liberty“. Dabei wurde deutlich, welche großen Mengen an Gips erforderlich waren für die Herstellung der kleineren Exemplare, aber vor allem für das Modell in Originalgröße.

In einem Schaukasten des  Museums, in dem die Arbeit an der Gipsversion des Kopfes veranschaulicht wird, sieht man die großen Säcke mit Gips, aus dem – mit Wasser vermischt-  eine formbare Masse (franz: plâtre) entsteht, die  zur Modellierung der Figuren verwendet werden konnte.

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Für mich war das ein Anlass, mich für den Gips und seine Herkunft zu interessieren. Dabei bin ich auf viel Interessantes, manches schon Bekannte, aber auch einiges für mich Neue und Überraschende gestoßen. Grund für einen Blog-Beitrag  über den faszinierenden Untergrund von Paris.  

Die Bergwerkstadt Paris

Die nachfolgend abgebildete Karte zeigt, wo überall auf dem Gebiet des heutigen Paris sich Bergwerke befanden. Und man wird –vielleicht mit einigem Erstaunen- sehen, dass ein großer Teil des heutigen Stadtgebiets früher einmal dem Abbau von Steinen diente, teilweise unter Tage, teilweise im Tagebau. Paris ist zwar nicht auf Sand und auch nicht auf Eichenpfählen erbaut, aber in weiten Teilen eben auf ehemaligem Bergwerks- und Steinbruchgelände…. Betrachtet man die Karte von Paris, so gleicht sie, wie man gesagt hat, einem löcherigen Schweizer Käse.   [1]

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Die schrag schraffierten Flächen bezeichnen den Abbau von Gipssteinen, die waagrecht schraffierten den Abbau von Kalksteinen. Die geschwärzten Stellen in den jeweiligen Flächen markieren den Abbau von Steinen unter Tage.

Abgebaut wurden, wie auf der Karte zu sehen  ist, nördlich der Seine vor allem Gipssteine, die zu gebrauchsfertigem Gipspulver verarbeitet wurden; außerdem Kalksteine, die vor allem südlich der Seine und am Rand von Paris  unter Tage abgebaut wurden. Der Abbau unter Tage war dann erforderlich, wenn es sich wie südlich der Seine, z.B. im Quartier Latin, um schon bebaute Stadtviertel  handelte.  [2]

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Die Steine wurden schon unter Tage roh behauen und mit Hilfe großer hölzerner Treträder an die Oberfläche gehoben.  Abgebaut wurden neben Kalk- und Gipssteinen auch meulière-Steine. Die wurden in ihrer festen Form als Mühlsteine verwendet (deshalb  der Name). Und in ihrer porösen, leichten und gut isolierenden Ausprägung waren sie Ende des 19. Jahrhunderts das typische Baumaterial der Pariser Vorstadthäuser.

Hier ein schönes Beispiel aus Clamart/Meudon im Westen von Paris.

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Verwendet wurden sie aber auch als Schmuckelemente an Häusern in der Stadt –  zum Beispiel am noblen Palais des femmes der Heilsarmee im 11. Arrondissement.[3]

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Der Vorteil der stadtnahen Steinbrüche liegt auf der Hand: auf diese Weise hatte man sehr kurze Transportwege der für den Stadtausbau benötigten Steine – und das Bauholz wurde ja ebenfalls sehr günstig über die Seine nach Paris geflößt.

Allerdings erwies sich der Steinabbau in der Peripherie der Stadt in dem Moment als problematisch, als die Stadt sich ausdehnte – spätestens wurde das in aller Schärfe deutlich, als im 19. Jahrhundert die Stadtgrenzen die heutige Ausdehnung erreichten. Die offenen Gips-Steinbrüche im Norden waren ökologische Wüsten und für eine Bebauung zumindest unmittelbar nicht geeignet. Die unterirdischen Steinbrüche im Süden hatten erhebliche Hohlräume unter der Stadt geschaffen, die eine Bebauung ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nicht zuließen. Und manchmal konnten auch ganze Häuser in der Tiefe verschwinden, wie 1777 in der rue d’Enfer –nomen est omen- dem späteren Boulevard Saint Michel. Und 1961 kam es in der sogenannten petite ceinture, in Clamart am  Rand von Paris, zu dem spektakulären Einbruch eines ganzen Stadtviertels über einem ehemaligen Steinbruch, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen.  [4]…. Heute sind zwar die Kavernen unter den Privathäusern zugeschüttet, aber das schützt nicht immer vor Absenkungen und es gibt eine erhebliche poltische und administrative Sensibilität in diesem Bereich. Immerhin ist ein  Viertel  der etwa 100 000 Pariser Häuser über ehemaligen Steinbrüchen errichtet. Zu den  Unterlagen, die bei dem Kauf/Verkauf einer Wohnung oder eines Hauses auf dem Gebiet der Stadt Paris beim Notar vorgelegt werden müssen, gehört denn auch ein offizielles Gutachten über den Untergrund und die Standsicherheit des Gebäudes. So kann man einigermaßen sicher sein, keine  bösartigen Überraschungen zu erleben, wie sie bis heute in Paris durchaus noch vorkommen[5].

Die Katakomben von Paris

Die unterirdischen Kavernen waren allerdings nicht nur ein Problem, sondern man konnte ihnen auch durchaus Positives abgewinnen: So konnte man sie nutzen, als die meisten innerstädtischen Friedhöfe um 1800 aus sanitären Gründen  aufgelöst wurden. Da bettete man die Knochen in die Katakomben  um, die heute eine Touristenattraktion von Paris sind.

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Hier beginnt –unübersehbar- das Reich des Todes.

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In diesen Bereich der Katakomben  wurden die bei der Auflösung des innerstädtischen Friedhofs des innocents geborgenen Gebeine umgebettet.

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Manchmal wurden sie säuberlich gestapelt, manchmal aber auch nur einfach kreuz und quer hingeworfen.

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Genutzt wurden die stillgelegten Steinbrüche im Untergrund von Paris auch für die Aufzucht von Champignons: Deshalb ja auch der Name „champignons de Paris“.

gravure Champignons Montrouge

Diese Gravur aus dem Jahr 1854 zeigt den Anbau von Champignons in den ehemaligen Steinbrüchen. Mit dem Bau der Metro erwiesen sich allerdings die champignonnières als hinderlich, so dass der Champignonanbau aus Paris verdrängt wurde – heute werden sie vor allem in der Gegend von Saumur angebaut, wo es auch ein Champignonmseum gibt. [6]

Genutzt wurden die Kavernen aber auch im Krieg – zum Beispiel im 2. Weltkrieg sowohl von der deutschen Besatzungsarmee als  auch von der Résistance, wie das zum Beispiel in dem Film Volker Schloendorffs über die Rettung von Paris 1944 (Diplomacie) eindrucksvoll gezeigt wird. Am Platz Denfert-Rocherau, wo auch der Eingang der Katakomben ist, befindet sich an einem der beiden dort noch erhaltenen Torhäuser der ehemaligen Pariser Zollmauer (mur des Fermier généraux) eine Plakette,  die daran  erinnert,  dass im Untergrund dieses Hauses, der barrière d’Enfer, die Widerstandskämpfer der FFI ihr Hauptquartier während der Befreiung von Paris von deutcher Besatzung eingerichtet hatten.

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Und nicht zuletzt konnte/und kann vielleicht auch noch das unterirdische Paris  –wenn auch nicht ganz offiziell- als eine ganz besondere „location“ genutzt werden. Als Studenten nahm uns ein Pariser Bekannter, einer der sogenannten „cataphiles“, einmal mit in den Untergrund. Irgendwo mitten auf einer ruhigen Seitenstraße hob er einen Kanaldeckel hoch und ab gings in die Tiefe. Ziemlich unheimlich, ziemlich aufregend. Es folgte ein Stadtspaziergang besonderer Art: Durch die Gänge unterhalb der Straßen, die sich ab und zu, an den Orten ehemaliger Steinbrüche, ausweiteten. Dort konnte es dann auch  andere unterirdische Nachtschwärmer geben, die es sich mit Musik und Wein gemütlich gemacht hatten. Auf die Wände aufgemalte Straßennamen erleichterten die Orientierung und manchmal sind diese Markierungen sogar künstlerisch ausgestaltet. Aber etwas erleichtert waren wir doch, als wir wieder, wie zu Beginn, durch einen hochgedrückten Kanaldeckel gestiegen waren und festen Straßenboden unter den Füßen hatten.

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Insgesamt gibt es noch heute viele Gänge und Hallen im Pariser Untergrund, die inzwischen abgesichert und teilweise ausgemauert sind, aber man kann „noch mehrere Bezirke zu Fuß durchqueren, ohne ‚auftauchen‘ zu müssen.[7]

Die Gipssteinbrüche von Montmartre  und die carrières d’Amérique

Der Gipsstein ist nördlich der Seine sehr reichlich vertreten und wurde auf den nördlichen Hügeln (des heutigen Paris)  schon seit römischen  Zeiten dort abgebaut: Wenn die Gipsschicht von einer nur dünnen Erdschicht bedeckt war, baute man den Gips im Tagebau ab, ansonsten wurden an den Seiten große Eingänge geöffnet, um einen Abbau unter Tage zur ermöglichen.

Der Gipsstein von Montmartre erfreute sich besonderer Wertschätzung. 1750 galt der „Gips von Montmartre bei  Paris … als der beste von allen, die in den Bauwerken verwendet werden, die ununterbrochen in dieser großen Stadt entstehen.[8]

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Zu erkennen ist hier, dass der Gipsstein gleichzeitig über und unter Tage abgebaut wurde, und zwar in unmittelbarer Nähe des Ortes.

Und er wurde auch gleich an Ort und Stelle verarbeitet, also gebrannt und gemahlen. Für diesen Mahlvorgang benötigte man natürlich große Menge Mühlsteine. Insofern  war es ein glücklicher Umstand, dass in den Steinbrüchen im Norden von Paris nicht nur Gipssteine vertreten waren, sondern auch die pierres meulières, aus denen die Mühlräder hergestellt wurden.

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Gipsofen in Montmartre, Gemälde von Carle Vernet 1832 [9]

Der Name des westlichen quartiers des 18. Arrondissements, also von Montmartre, erinnert noch an diese Vergangenheit: Es ist das quartier des  Grandes Carrières, das Viertel  der Großen Steinbrüche.[10] Und in diesem quartier liegt auch der Friedhof von Montmartre (mit dem Grab Heinrich Heines), der auf aufgelassenem Steinbruchgelände errichtet wurde.[11]

In der rue Ronsard am Fuß von Sacré Coeur (Einmündung in die Place Louise Blanquart)  ist noch der Eingang eines ehemaligen Steinbruchs zu sehen.

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Etwas weiter rechts davon ist eine Erinnerungsplakette an Georges  Cuvier,  den „Schöpfer der Paläontologie“, angebracht.

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Cuvier fand in diesen  Steinbrüchen wichtige Fossilien,  die in  unterschiedlichen Gesteinsschichten  abgelagert waren. Auf dieser Grundlage entwickelte er  seine Theorie der abrupten Veränderung der Arten.[12]

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Cuvier hat dort auch anhand von fossilen Zähnen eine bis dahin unbekannte Tierart entdeckt, die nach ihm benannt wurde: Peratherium cuvieri.[13]

Neben dem Montmartre-Gips hatte auch der Gipsstein aus den weiter östlich gelegenen Steinbrüchen, den sogenannten „carrières d’Amerique“,  eine exzellente Reputation. Der Name verdankt sich einer weit verbreiteten Legende: Danach soll ein Teil des dort abgebauten Gipssteins nach Amerika exportiert worden sein, wo er für den  Bau des Weißen Hauses verwendet worden sei.  Das entspricht zwar nicht den Tatsachen, aber einen Bezug zu Amerika gibt es gleichwohl: Der Besitzer eines der Steinbrüche war nämlih ein Ire, Mr Fitz-Merald, der in Amerika reich geworden war…  Auch hier wurde der Gips im Tagebau abgebaut, zum Teil aber  auch unter Tage in Stollen.[14]

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Die  „Carrières d’Amérique“ in einer Aufnahme von 1852[15]  .

Die Steinbrüche wurden 1872/73  stillgelegt. Heute erinnert noch ein Straßenname an diese Vergangenheit, die rue des carrières d’Amérique. Ursprünglich hieß sie – zu den Steinbrüchen führend-  chemin des Carrières.
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Les „cathédrales de gypse“

Von den  Steinbrüchen im Untergrund von Paris kann man als Tourist heute kaum noch etwas sehen. Gelegenheit zum Besuch eines Gips-Bergwerks, wie sie bis ins 19. Jahrhundert noch auf (dem heutigen) Pariser Territorium betrieben  wurden, gibt es aber durchaus. Es sind die sogenannten „cathédrales de gypse“ im nördlichen  Umkreis von Paris, die man im Rahmen einer Führung besichtigen kann.

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Dabei versteht man sehr gut den zunächst etwas übertriebenen erscheinenden Ausdruck der unterirdischen „Kathedralen“.[15]

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Und man  erfährt etwas über den Abbau: das Bohren der Sprenglöcher, die Sprengung, die Verladung und den Abtransport der Gipssteine und ihre Verarbeitung:  Die Steine werden dann gebrannt und gemahlen und so zu einem gebrauchsfertigen und handlichen Gipspulver (plâtre) umgewandelt. [16]

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Der unterirdische Gipssteinbruch der Firma Placoplatre im 93. Département nördlich von Paris,  in dem diese Fotos aufgenommen wurden, ist erst nach der Jahrtausendwende eingerichtet worden und rühmt sich seines umweltbewussten Umgangs mit der Natur. Dann werden diese Steinbrüche also hoffentlich nicht solche erheblichen Probleme, was Renaturierung und Bebauung betrifft, nach sich ziehen wie die bis ins 19. Jahrhundert auf Pariser Gebiet  betriebenen Steinbrüche.

In einem nachfolgenden Beitrag möchte ich an zwei Beispielen zeigen, was auf dem Gelände früherer Steinbrüche in Paris entstanden ist: dem Landschaftspark Buttes Chaumont, einem „Disneyland des 19. Jahrhunderts“ und der für Paris ganz untypischen und reizvollen Reihenhaussiedlung  La Mouzaïa – beide im 19. Arrondissement gelegen und auf dem Gelände der ehemaligen carrières d’Amérique entstanden.

 

Praktische Information:

Seit Neuestem kann man die oft äußerst langen Schlangen vor den Katakomben vermeiden und vorab im Internet Eintrittskarten  kaufen. Außerdem wurden  die Öffnungszeiten  bis 20.30h verlängert. (Kassenschluss 19.30)

Die Stadt Paris wirbt mit einem etwas  makabren Plakat für diese Neuerungen.

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En savoir plus:

Atlas du Paris souterrain. La doublure sombre de la ville lumière. Paris: Parigramme 2001, Neuauflage 2016

Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993

http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

Anmerkungen

[1] Karte aus: Saletta, A la découverte des souterrains de Paris

siehe auch: Sous les pavés…. les carrières. In: À Paris. Le magazin de la ville de Paris. No 61, printemps 2017, S. 28/29

(2) Abbildung auf einer Informationstafel der Stadt Meudon, wo vor allem im Bereich von Val Fleury Kalksteine abgebaut wurden.

[3] http://www.parc-naturel-chevreuse.fr/new-life-starts-here/habitat-et-jardin-architecture-locale/la-meuliere-pierre-precieuse-dile-de

[4] http://www.leparisien.fr/espace-premium/air-du-temps/le-sauveur-de-paris-26-05-2013-2835493.php  und: sous les pavés… les carrières. a.a.O.

[5] http://www.lexpress.fr/informations/paris-croule-t-il_634113.html

[6] http://ruedeslumieres.morkitu.org/apprendre/champignon/origine/index_origine.htmlhttp://blog.infotourisme.net/histoire-champignon-de-paris/

[7] http://www.viennaslide.com/paris/s-0533-21.htm

[8] Savary des Brûlons, Jacques, Dictionnaire universel de commerce: d’histoire naturelle, & des arts & métiers, Paris, Cramer & Philibert, 1750, volume 3, p. 216.   Zit. bei: http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

[9] http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[10] https://fr.wikipedia.org/wiki/Quartier_des_Grandes-Carri%C3%A8res

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Carri%C3%A8res_de_Montmartre

[12] Abbildung aus: http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[13] Ce spécimen a été découvert dans le gypse des carrières de Montmartre servant à fabriquer du plâtre, et est daté de l’Oligocène, soit environ 33 millions d’années.  http://www.mnhn.fr/fr/collections/ensembles-collections/paleontologie/mammiferes-fossiles/sarigue-cuvier

(14)  http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

(15) Das obere  Bild ist der Werbung von tourisme 93 für den Besuch des Bergwerks entnommen.   http://www.tourisme93.com/visites/en/873-au-coeur-des-cathedrales-de-gypse-de-placoplatre.html

(16) http://www.placoplatre.fr/L-ENTREPRISE/Carrieres-de-gypse/Carriere-de-Bernouille

Seine-Saint-Denis Tourisme veranstaltet von Zeit zu Zeit Führungen, die allerdings sehr schnell ausgebucht sind.

Das  nachfolgende Bild stammt aus  dem Blog: http://bluette.fr/blog/2013/10/16/les-cathedrales-de-gypse/#comment-43340

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

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Und natürlich ließ es sich Louis Philippe nicht nehmen, gleich ein 12-teiliges Porzellan-Service in Auftag zu geben, in dem die Überführung Napoleons von Sankt Helena nach Paris dargestellt ist. [9a]

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Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern (Teil 3): Die französischen Freiheitsstatuen: Paris, Saint- Cyr-sur-Mer, Bordeaux ….

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die satirisch vorgeschlagene „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.              (

https://paris-blog.org/2017/02/01/die-weinende-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-drei-schwestern-in-paris-teil-1/

Im zweiten Teil wurde erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren- nämlich der elsässische Bildhauer Auguste Bartholdi und niemand geringeres als Gustave Eiffel. 

https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

Dabei werden auch das Bartholdi-Museum in Colmar vorgestellt und Arbeiten Bartholdis in Paris wie die Replik des berühmten Löwen von Belfort auf der place Denfert-Rocherau.  In diesem dritten und letzten Teil werden nun ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen… Und dann gibt es noch weitere Freiheitsstatuen in Frankreich, eine davon in Saint-Cyr-sur-Mer an der Côte d’Azur…

Die kleinen Schwestern im Musée des Arts et Métiers

 Um die große Freiheitsstatue zu bauen, musste Bartholdi gewissermaßen ganz klein anfangen. Er begann mit einem Modell von 1,20 Metern, mit dem er  sein Projekt vorstellte und dafür warb. Die nächsten Etappen waren ein Modell von 2, 11m, was einem Sechzehntel der endgültigen Größe entsprach, und ein weiteres von  8,50 m, also eine Vergrößerung auf ein  Viertel. Beide Modelle waren aus Gips. Eine Bronze-Version des 1/16tel Modells, das als Vorlage für die New-Yorker Statue diente, empfängt die Besucher im Hof des Musée des Arts et Métiers.

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Sie steht –links auf dem Foto zu sehen- vor einem Teil des Museums, der unschwer als Teil einer Kirche zu erkennen ist. In der Tat handelt es sich um den Chor der ehemaligen Kirche Saint-Martin-des-Champs, die in der Französischen Revolution mit einem aufklärerischen Impetus zu einem der Technik und der Industrie gewidmeten Tempel umgewandelt wurde:[1]

„Il faut éclairer l’ignorance qui ne connaît pas, et la pauvreté qui n’a pas le moyen de connaître“

Bevor wir uns aber den Freiheitsstatuen zuwenden, noch kurz etwas zur ehemaligen Kirche, die einen Teil des Museums beherbergt. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen besonders schönen, sondern  auch um einen kunstgeschichtlich besonders bedeutenden Bau, nämlich „den ersten frühgotischen Bau überhaupt  (…), ein Schlüsselzeugnis der Frühgotik“, errichtet am Anfang des 12. Jahrhunderts als „deuxième fille de Cluny“.  Die Gotik entstand ja in der Île –de- France, sie verlieh –zusammen mit der Universität- Paris eine gewaltige – und in Europa einzigartige- intellektuelle und künstlerische Dynamik. Und es war die Gotik, die  den  Aufstieg von Paris zur Hauptstadt Frankreichs architektonisch besiegelte“.[2] Saint-Martin-des Champs markiert da mit seinem doppelten Chorumgang, der sich in späteren gotischen Sakralbauten häufig wiederfindet, den Anfang. Danach folgen die Abteikirche von Saint-Denis nördlich von Paris, die Grabkirche der französischen Könige, und Notre-Dame auf der Île de la Cité.  Krönender Abschluss ist  die hochgotische Sainte-Chapelle.

Im Innern des Museums kann man im ehemaligen Chor von Saint-Martin-des-Champs noch die wunderbaren mittelalterlichen Kapitelle bewundern….

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und eine kleinere Version des Foucault’schen Pendels (2a) – die große ist im Pantheon zu sehen.

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Im neugotisch restaurierten Kirchenschiff ist ein originales Gipsmodell der Freiheitsstatue aus dem Jahr 1875 ausgestellt.

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Es  steht auf einem hohen Podest, das als Schiffsrumpf gestaltet ist. Den kann man betreten und auf ein Diorama blicken, das die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von New York und den Blick auf die Freiheitsstatue zeigt. – Da  kann man an die vielen Menschen denken, die ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben verließen oder die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und denen die Freiheitsstatue die Verheißung eines neuen, besseren Lebens war. So wie es auch Karl Roßmann ging, dem Helden in Kafkas Amerika-Roman, der, als er  in den Hafen von New York einfuhr,  „die Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht“ erschien, um deren emporragenden Arm „die freien  Lüfte“ wehten.

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Auf einer beigefügten Informationstafel wird Bartholdi mit den Worten zitiert:

„Mon oeuvre sera gigantesque, éxécutée avec des plaques repoussée, martelées, rivées.“

Etwas von diesem Produktionsprozess wird im ersten Stock des Museums durch  zwei Schaukästen veranschaulicht.[3]

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Ein Schaukasten zeigt die Arbeit an der Gipsversion der New Yorker Statue in Originalgröße,  die auf Grundlage einer Holzverschalung hergestellt wurde. Dabei wird übrigens deutlich, welche riesigen Mengen an Gips dafür erforderlich waren – vielleicht ein Anlass für einen nachfolgenden Blog-Beitrag über die Gipssteinbrüche in und um Paris….

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In einem weiteren Schaukasten wird die Herstellung der Hülle aus Kupfer gezeigt, die dann auf dem Gestänge Eiffels zusammengenietet wurde.

Praktische Informationen:

Musée des arts et métiers
60, rue Réaumur
Paris 3e

Öffnungszeiten:

Di, Mi, Fr, Sa und So von 10-18 h

Do von 10- 21.30 h (und ab 18 h freier Eintritt)

Die berühmte Schwester auf der Ile aux Cygnes

Die Freiheitsstatue auf der zwischen dem Pont de Bir- Hakeim und dem Pont de Grenelle gelegenen Ile aux  Cygnes, der Schwaneninsel,  ist sicherlich die bekannteste der Pariser Freiheitsstatuen, auch wenn sie bisweilen zu den „Geheimtipps“ gerechnet wird.[4] Die Ile au Cygnes ist eine künstliche Insel zwischen dem 15. und dem 16. Arrondissement und war dazu bestimmt, einen Pfeiler des Pont de Grenelle zu tragen. Am besten erreicht man sie über den  Pont de Bir-Hakeim, von dem man einen ausgesprochen schönen Blick auf den Eiffelturm hat.

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In der Mitte der Brücke mit dem architektonisch hervorgehobenen Bogen des Viaduc de Passy und dem Statue von La France renaissante  gibt es eine Treppe hinunter zur Allée des Cygnes.

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Von dort aus gelangt man nach einem knapp 1 Kilometer langen Spaziergang die auf dem westlichen Ende der Insel auf einem hohen Sockel stehende Statue.

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Sie ist genau ein Viertel so groß wie die Statue in New York und nach dem entsprechenden Gips-Modell gefertigt,  das Bartholdi dazu diente, die Maße der großen Schwester von New York  zu berechnen.[5]

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Während diese ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, wurde die Statue der Ile aux Cygnes  von der Vereinigung der Amerikaner in Paris gestiftet. Und in diesem Fall konnte auch der vorgesehene und ideale Einweihungstermin eingehalten werden, nämlich der 14. Juli 1889, also der 100. Jahrestag der Französischen Revolution.  Und damit hängt auch der einzige Unterschied zusammen, den es –neben der Größe- zwischen den beiden Schwester gibt: Auf der Tafel, die die Freiheitsstatue von New York in der Hand trägt, ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit verzeichnet, die Tafel der Statue von der Ile au Cygnes trägt die Aufschrift: “ IV Juillet 1776 = XIV Juillet 1789“, parallelisiert damit also die beiden Daten, zu denen „die beiden  Völker ihre Unabhängigkeit“ erlangten.[6]

Das Einweihungsdatum 1889 fiel auch zusammen mit der damaligen  Weltausstellung in Paris. Und deshalb erschien es selbstverständlich, dass die Statue den Parisern und dem Eiffelturm, dem Symbol der Weltausstellung, zugewandt sein müsste- zum großen Ärger Bartholdis, der es unmöglich fand, dass die „Miss Liberty“ dem Westen, der USA, den Rücken zuwandte. Erst nach seinem Tod, anlässlich der Weltausstellung von 1937, wurde die Statue umgedreht und blickt seitdem zu ihrer großen  Schwester nach New York.

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Den spektakulären Blick auf die Statue mit dem Eiffelturm im Hintergrund hat man allerdings von der Ile aux cygnes aus nicht. Dafür muss man entweder die Insel mit einem Boot umrunden oder sich die ideale Perspektive auf der Avenue de Versailles am Pont Mirabeau suchen.

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Immerhin hat man auf dem Rückweg zum Pont de Bir-Hakeim und von der Aussichtsplattform auf der Mitte der Brücke immer den Eiffelturm im Blick.

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Und Schwäne gibt es rund um die Schwaneninsel auch noch….

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Praktische Informationen:

Île aux Cygnes. 15. Arrondissement.   Zu erreichen mit  RER C  (Kennedy/Radio France oder Champ de Mars/Tour Eiffel) oder der métro Linie 6  (Passy oder Bir Hakeim)

 

Die unbekannte Schwester im Jardin du Luxembourg

Dass im Jardin du Luxembourg eine weitere Freiheitsstatue steht, ist offenbar selbst vielen Parisern nicht bekannt – und ich wusste es bis vor kurzem auch nicht. Tröstlich ist immerhin, dass auch der Guide Michelin davon auszugehen scheint, dass die meisten Leser nichts von dieser Statue wissen:  „Saviez-vous qu’il existe également, dans le jardin du Luxembourg, une copie de la statue de la Liberté?“[7]  Sie steht ja auch nicht in der Umgebung des zentralen großen Wasserbeckens, in dem im Sommer die Kinder die Segelschiffe treiben lassen und um den herum man sitzen und das Pariser Leben genießen kann. Die Statue steht weiter auf der westlichen Seite des Parks, am besten zu erreichen über die porte Fleurus, den  mittleren Eingang zum Park an der Einmündung der Rue de Fleurus in den Rue Guynemer.

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Es ist eine Bronzefigur, die nach dem ursprünglichen Gips-Modell gegossen wurde. 1900 kaufte der französische Staat anlässlich der Weltausstellung die Figur – auf der Tafel, die sie in der Hand hält, ist das Datum des 15. November 1889 eingraviert.  1906 wurde  sie im Jardin du Luxembourg aufgestellt, der vom dort ansässigen französischen Senat verwaltet wird. Eigentümer ist allerdings das Musée d’Orsay, das sich wiederholt vergeblich bemühte, die Statue in seinen Räumen aufzustellen. Als aber 2011 die Fackel gestohlen wurde und auch andere Beschädigungen zunahmen, wurde die Statue ins Musée d’Orsay transferiert, wo sie nun –restauriert und mit einer neu gegossenen Fackel ausgestattet-  im großen Saal einen angemessenen Platz gefunden hat. Die Statue im Jardin du Luxembourg ist also nur eine Kopie, aber dafür steht sie am originalen Platz.[8]

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Das daneben –bzw. aus der Perspektive des obigen Fotos- davorstehende Bäumchen ist eine Eiche, die zu Ehren der Opfer von 9-11 angepflanzt wurde. (Der Platz dafür ist sicherlich allein politisch motiviert, die Parkgärtner werden darüber sicherlich wenig glücklich gewesen sein, denn große Entfaltungsmöglichkeiten hat der Baum an dieser Stelle kaum).

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Das Original übrigens ist im Musée d’Orsay unschwer zu finden. Es hat einen unübersehbaren Platz in der großen Halle.[9]

Die Freiheitsstatue von Saint-Cyr-sur-Mer

Und dann gibt es in Frankreich noch mehrere andere Freiheitsstatuen. Natürlich in Colmar, dem Geburtsort Bartholdis,  aber auch in einer ganzen  Reihe anderer Orte, darunter Saint-Cyr-sur-Mer. [10]

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Es ist eine von Bartholdi ausdrücklich autorisierte Replik der originalen Freiheitsstatue, was seine Signatur am Fuß der Statue beweist.

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Die gusseiserne und vergoldete Statue von Saint-Cyr misst von Kopf bis Fuß 2.50 Meter, hat also die Länge des Zeigefingers von Miss Liberty, wie auf der beigefügten Informationstafel vermerkt ist. Auf dem Buch in der Hand der Freiheitsstatue ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit zu erkennen.

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Gestiftet wurde die Statue 1913 von einem reichen Bürger des Ortes aus Anlass des Anschlusses von Saint-Cyr- an die regionale Wasserversorgung. Sie sollte den  Brunnen auf dem zentralen Platz des Ortes, der place Portalis, markieren und zwar nicht die Welt,  aber immerhin mit einer großen Gaslaterne den  Platz beleuchten. Zunächst war sie nach Osten ausgerichtet -mit Blick auf die Kirche; anlässlich einer Neugestaltung des Platzes drehte man sie allerdings um, so dass sie nun zu ihrer amerikanischen  Schwester nach Westen blickt.

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1986 war die Freiheitsstatue übrigens Gegenstand heftiger sozialer Auseinandersetzungen. Die streikenden Arbeiter der Werft von La Ciotat planten, die Statue zu enfernen und in ihrer Werft aufzustellen: Damit sollte dem Recht auf Arbeit „als der ersten der Freiheiten“ Ausdruck verliehen werden, wie ein Vertreter der streikenden Arbeiter erklärte. [11]

Die Polizei blockierte allerdings die mit Lastwagen anrückenden Werftarbeiter und die Stadt brachte dann ihrerseits die Statue in Sicherheit, um weiteren Versuchen vorzubeugen….  Nach Ende des Streiks wurde sie aber wieder aufgestellt und steht seitdem unangefochten in der Mitte des Ortes.

Die Freiheitsstatue von Bordeaux

Eine von Bartholdi geschaffene 3 Meter hohe Replik der Freiheitsstatue gab es auch in Bordeaux auf der place Picard. Dort markierte sie – wie in Saint-Cyr-sur-mer- einen mit bronzenen Löwenköpfen verzierten Brunnen. Eingeweiht wurde die Statue 1888 vom französischen Präsidenten Sadi Carnot.[12]

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1041 wurde die Statue von den deutschen Besatzungstruppen demontiert – ein Schicksal, das sie damals mit vielen anderen Statuen aus Edelmetall teilte, die der deutschen Rüstungsindustrie zum Opfer fielen. Meistens wurden dafür bevorzugt Statuen ausgewählt, die den Nazis ein besonderer Dorn im Auge waren: und dazu gehörte offensichtlich/natürlich auch eine der Freiheit gewidmete Statue.

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Seit dem Jahr 2000 gibt es eine kleinere Kopie der ursprüngichen Statue auf dem Platz, allerdings freistehend ohne Brunnen und aus Kunstharz gefertigt….

Und dann gibt es auch noch eine Statue in Soulac-sur-Mer an der Atlantikküste. Es ist eine verkleinerte Nachbildung der originellen Statue Bartholdys. Dabei wurden ursprüngliche Gußformen verwendet. Errichtet wurde sie 1980 zur Erinnerung an die Überfahrt des Generals La Fayette in die Vereinigten Staaten. 

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                        Aus einer Plakatausstellung am Zaun des Senats in Paris. (März 2024)

Anmerkungen

[1] http://www.arts-et-metiers.net/musee/les-lieux-du-prieure-au-musee

[2]http://www.arts-et-metiers.net/musee/la-deuxieme-fille-de-cluny-grandeurs-et-miseres-de-saint-martin-des-champs

Andreas Sohn, Von der Residenz zur Hauptsstadt. Paris im hohen Mittelalter.  Ostfilden o.J. S. 180 ff

(2a) siehe  http://www.evous.fr/Musee-des-Arts-et-Metiers-Guide-des-plus-belles-pieces-des-collections,1186649.html#Qt32qPJ9uLRFm2cA.99

[3] Sie sind aufgestellt zwischen den Abteilungen „Construction“ und „Communication“.

[4] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2014/02/21/die-freiheitsstatue-in-paris/

[5] Die Größenangaben der Statuen variieren zum Teil erheblich, selbst innerhalb einer Quelle, s. z.B.:   http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php Dort wird als Größe des zweiten Modells einmal 2,11m, dann 2.40m genannt. Für das ein Viertel-Modells werden 8,50m angegeben, was aber nicht zu der Gesamtgröße von 45m passt. Ich vermute, dass die Statuen manchmal „vom Scheitel bis zur Sohle“ gemessen werden, manchmal bis zur Fackel.

[6] http://www.statue-de-la-liberte.com/Copie-de-la-statue-de-la-Liberte-de-Paris.php

Dort auch die beiden Fotos

[7] Le Guide Vert. Paris, 2010, S. 256

[8] http://www.parisladouce.com/2014/05/paris-les-cinq-statues-de-la-liberte_11.html

http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[9] https://www.timeout.fr/paris/musee/orsay/statue-de-la-liberte/auguste-bartholdi

[10]  https://www.merveilles-du-monde.com/Statue-de-la-Liberte/Copies-de-la-statue-de-la-Liberte-en-France.php

[11]

https://www.londe.fr/archives/article/1986/10/04/la-ciotat-la-ville-qui-avait-un-chantier-naval_2916699_1819218.html

[12] https://actu.fr/nouvelle-aquitaine/bordeaux_33063/la-question-pas-si-bete-pourquoi-une-statue-de-la-liberte-est-installee-a-bordeaux_48421525.html

Die Cité internationale universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung

Die Cité internationale universitaire in Paris ist in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiger Ort:

  • Sie ist mit 34 Hektar der größte französische  Campus
  • Sie ist damit auch die viertgrößte Grünfläche von Paris (nach dem Bois de Boulogne, dem Bois de Vincennes und dem Parc de la  Villette)
  • Studenten aus 140 Nationen sind hier untergebracht, davon 20% aus Frankreich
  • 40 Nationen, Mäzene oder Hochschulen haben hier Häuser errichtet, eines davon ist das deutsche Haus, la Maison Heinrich Heine
  • Die Cité internationale ist auch ein außerordentliches  architektonisches Ensemble
  • In der Cité werden eine Fülle von kulturellen und politischen Veranstaltungen angeboten
  • Insgesamt kann man sie also „le monde en miniature“ nennen[1], ein Miniaturformat der Welt- und sicherlich einer  besseren Welt als der real existierenden.

Denn gleich wenn man von der RER-Station Cité universitaire kommend die Cité durch den Haupteingang betritt, wird unübersehbar ihr  Anspruch deutlich,  ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung zu sein.

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 Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sollte hier „un laboratoire pour une société en quête de paix et de coopération internationale“ entstehen, [2]  also  ein Laboratorium auf der Suche nach Frieden und internationaler Verständigung. Und das ausgerechnet an einem Platz, der bis dahin militärischen Zwecken gedient hatte. Die Cité liegt nämlich auf dem Gelände des ehemaligen Festungsgürtels von Paris (siehe die Einrahmung im Süden des Plans).

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Dieses Paris umgebende und einschnürende Korsett  war seit 1840 auf Veranlassung des damaligen Ministerpräsidenten Thiers angelegt worden. Thiers betrieb ja  in seiner Zeit als Ministerpräsident unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe eine ziemlich aggressive Außenpolitik und wollte den französischen Einfluss im Mittelmeer (Ägypten) und bis zum Rhein (Rheinkrise) ausweiten.  [3] Die sogenannten „fortifs“ sollten da gewissermaßen als Rückversicherung dienen.

Im Grunde waren sie aber eine überholte Einrichtung.  Andere europäische Städte -wie zum Beispiel Frankfurt-  hatten damals ihre Festungsanlagen längst geschleift. Und so gab es auch durchaus prominente Kritiker des Thiers’schen Vorhabens. So der Dichter  Alphonse de Lamartine, der damals auch Abgeordneter der Nationalversammlung war und der in einer Rede die immensen Ausgaben für dieses unsinnige Unternehmen kritisierte.  500 Millionen Francs seien zu viel für eine Lüge. (3a)  Und in der Tat: Die Einnahme von Paris durch preußische Truppen 1871 konnten die Festungswerke  nicht verhindern- die erhöhte Reichweite der Artillerie hatte solche Bauwerke obsolet gemacht. Frankfurt zum Beispiel hatte seine Wallanlagen  schon längst (1806-1812) geschleift und daraus einen Grüngürtel  gemacht. Übrigens war es ausgerechnet dem Gesandten der damaligen französischen Besatzungsmacht zu verdanken, dass der bekannteste der etwa 60 Türme der Frankfurter Stadtbefestigung, der Eschenheimer Turm, erhalten blieb- eine hübsche Fußnote  der deutsch-französischen Geschichte.  In Paris wurden die fortifs  erst hundert Jahre später -nach dem Ersten Weltkrieg – beseitigt. Und in einem kleinen Ausschnitt dieser ehemaligen Wallanlagen  wurde die Cité universitaire eingerichtet.

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Die Bastionen waren  auf der der Stadt zugewandten Seite von einer parallel verlaufenden Ringstraße des Militärs begrenzt,  die unter dem zweiten Kaiserreich Napoleons III. zu öffentlich zugänglichen Boulevards erweitert wurde. Die Straßen erhielten allesamt die Namen napoleonischer Marschälle (deshalb auch die zusammenfassende Bezeichnung  Boulevards des Maréchaux ), womit Napoleon III. an die Tradition des „großen“ Napoleon anknüpfen und seine Legitimität verstärken wollte.

Vor den Bastionen gab es ein Glacis von 250 Metern, also ein unbebautes Gelände, das zu Bastionszeiten als freies Schussfeld diente. Natürlich erweckte die Schleifung der Bastionen den Appetit  von Immobilienspekulanten. Es war dem Engagement des Abgeordneten André Honorat zu verdanken, der im Parlament durchsetzte, dass die Stadt Paris den Zuschlag für die Freiflächen erhielt unter der Bedingung, dort Gärten, Parks und Sportanlagen einzurichten. Honorat wurde nach dem Krieg Erziehungsminister und war eine treibende Kraft bei der Errichtung der Cité universitaire.

Die ehemaligen Bastionen 81,82 und 83 im Süden des Parks Monsouris erschienen für eine Cité universitaire besonders geeignet: Sie  lagen relativ nahe am quartier latin, dem Universitätsviertel von Paris, es gab eine Zugverbindung in die Innenstadt, die heutige RER-Linie B, und die Gegend galt wegen der Windverhältnisse und der industriefreien Umgebung als eine der gesündesten von Paris. Den finanziellen Grundstock für die Cité legte ein reicher elsässischer Industrieller, Emile Deutsch de la Meurthe.  Die von seiner Stiftung finanzierten ersten Häuser der Cité tragen bis heute seinen Namen und den seiner Frau Louise. In der Grünanlage zwischen den Häusern  erinnert übrigens noch ein Steinblock an die militärische Vergangenheit des Terrains.

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Die Fondation Emile und Louise Deutsch de la Meurthe

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Modell für die Stiftungshäuser waren die großen amerikanischen und englischen Campus-Universitäten und die zuerst in England entwickelte Konzeption der Gartenstadt. Um eine  rechteckige Grünfläche wurden in symmetrischer Anordnung sechs dreistöckige Pavillons gruppiert. Jede Wohngruppe von 18 bis 24 Einheiten hatte einen eigenen Eingang, um ein soziales Zusammenleben zu erleichtern  – eine Konzeption, die aber wegen des großen Bedarfs an Grund und Boden bei den weiteren Projekten der Cité  nicht mehr aufgegriffen wurde.

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Zentrum der Anlage ist das Hauptgebäude. Dort sind die Verwaltung der Stiftung untergebracht und die Gemeinschaftseinrichtungen:  Ein Musikzimmer, Sportanlagen, ein großer Versammlungsraum, in dem übrigens 2018 auch die Generalprobe für ein Konzert in der UNESCO stattfand, an dem ich teilgenommen habe.

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Der Turm –mit Uhr-  unterstreicht die Bedeutung des Baus, ist aber nicht mit einem Kirchturm zu verwechseln. Die Cité universitaire ist im Geist des französischen  Laïzismus errichtet, da kann es keinen Platz für eine Kirche geben.  Eine Tafel mit einem programmatischen Text zur Grundsteinlegung der Anlage befindet sich am Fuß des Turms neben dem Haupteingang.

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Das zentrale Gebäude kann man im Rahmen von regelmäßig angebotenen Führungen auch im Innern besichtigen.

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Bemerkenswert sind die beiden Supraporten im Salon des Hauptgebäudes: ein aufgeschlagenes Buch wird aus den Wolken (des Geistes?)  den Menschen –hier also den Studenten der Stiftung-  heruntergereicht. Unter dem Buch gibt es eine lateinische Inschrift, zu der allerdings bei meinem Besuch die Führerin von l’Oblique keine Auskunft geben konnte. Immerhin lassen sich die Worte auf der rechten Seite der Banderole gut lesen: SCOL. PA – wobei es sich bei dem Pa offensichtlich nur um einen Wortteil handelt – der Rest befindet sich gewissermaßen auf der Rückseite der Banderole.  Vermutlich ist das die lateinische Bezeichnung für die Universität von Paris (scola  Parisi), vielleicht darf man es aber auch als eine Anspielung auf den Zusammenhang von Bildung (scola) und Frieden (pax) verstehen. Passen würde das immerhin.

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Die Anlehnung an ein  klassisches christliches Motiv – Moses empfängt die 10 Gebote-  ist für mich offenkundig:  Wir befinden uns im  aufklärerischen, laizistischen Frankreich.  Das Buch –also Wissenschaft und Bildung- sind dazu bestimmt, die Rolle der Religion zu übernehmen[4].

Ganzseitiger Faxausdruck

Etwas erstaunlich sind – in einer republikanischen Institution- die drei (bourbonischen) Lilien auf den Supraporten, für die ich bisher -und auch nicht die französischen Freunde, die ich befragt habe- noch keine wirklich befriedigende Erklärung gefunden habe.  Vielleicht soll damit eine Verbindung zur langen universitären Tradition der Stadt Paris  hergestellt werden, die ja  die Lilien in ihrem Wappen trägt- vielleicht sind sie  ein Hinweis darauf,  dass die Cité universitaire auch eine nationale Bestimmung hatte:  Frankreich sollte nämlich nach dem Krieg wieder zur „intellektuellen Hauptstadt der Welt“ gemacht werden[5] und  eine führende Rolle in der internationalen Universitätsszene spielen.  Auch dies hat übrigens durchaus eine aktuelle Dimension: Die jeweiligen Universitäts-Rankings werden in Frankreich mit  größter Aufmerksamkeit registriert und es gibt intensive Überlegungen und Anstrengungen,  die eher nicht so grandiosen internationalen  Rangplätze der französischen Hochschulen zu verbessern und damit im Wettbewerb um die besten  Studenten aus aller Welt an Attraktivität zu gewinnen.

Anders als heute, wo es eher um nationales Prestige und  wirtschaftliche Interessen geht, waren  bei der Konzeption der Cité universitaire aber Frieden und Völkerverständigung die Leitmotive. Wobei den Eliten bei der Völkerverständigung eine Schlüsselfunktion zuerkannt wurde. In einer damaligen programmatischen  Schrift hieß es:

„Es werden die nationalen Eliten sein, die Jahr für Jahr von neuem die Cité Universitaire bevölkern werden. Von ihrem Geist beseelt werden  sie, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, nicht nur Botschafter Frankreichs und seiner Ideen sein, sondern auch Teil einer Ritterschaft des Friedens.“[6]

Und in einem Bericht über die Cité aus dem Jahr 1928, der u.a. von Honnorat verfasst wurde, heißt es:

„Die Cité ist nicht nur dafür gemacht, die materiellen Schwierigkeiten der Probleme der Studenten zu erleichtern, die von unseren alten  Bildungsstätten angezogen werden; vor allem ist sie dafür gemacht, einen gemeinsamen Rahmen für einen geistigen Austausch zur Verfügung zu stellen und so eine moralische Annäherung der Eliten aus aller Welt zu befördern.“

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Ein wichtiges Instrument dieser  Annäherung war und ist die sogenannte „brassage“: Jedes von einer bestimmten Nation getragene Haus in der Cité nahm und nimmt nicht nur Studenten des eigenen Landes auf, sondern auch Studenten aus anderen Ländern. So sollte –schon auf der Ebene der einzelnen Häuser- der internationale Austausch gewährleistet sein, der zusätzlich dann auch durch das 1936 eingeweihte Maison internationale befördert wurde. Dieser repräsentative Bau (Plan Nr. 22) wurde von John D. Rockefeller finanziert. Rockefeller war ein großer Freund der französischen Architektur und er hatte vorher schon erhebliche Geldmittel zur Restaurierung der Kathedrale von Reims und der Schlösser von Fontainebleau und Versailles zur Verfügung gestellt. Der schlossartige Charakter des Maison internationale ist denn auch unverkennbar: Eine klassische Dreiflügelanlage mit einem repräsentativen Foyer…

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… und einem ebenso repräsentativen Festsaal, dem Salon Honorat, in dem zum Beispiel Anfang Februar 2013 der 90. Geburtstag von Alfred Grosser gefeiert wurde – organisiert vom deutschen Haus der Cité und der Hochschule Science Po, wo Grosser Professor war.

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Ein Rundgang durch die Cité universitaire

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Ausgangspunkt für einen Rundgang ist die Station Cité universitaire der RER-Linie B. Am besten sieht man sich danach etwas im Maison internationale um (Plan Nr.22), bevor man dann über die große Grünfläche, sich halb rechts haltend, zur Fondation Avicenne weitergeht  (Plan Nr. 37). Hier handelt es sich um einen ziemlich avantgardistischen Bau,  zumindest für die Zeit seiner Entstehung (1969)- damals war das noch das Haus des Irans. Allerdings ist das Bauwerk wegen der verwendeten Materialien und der aktuellen Sicherheitsbestimmungen widersprechenden Außentreppe nicht bewohnbar.  Aber im Erdgeschoss gibt es eine  Ausstellung zur Cité universitaire des Centre du Patrimoine/L’oblique: Ein guter erster Überblick über die Geschichte der Cité und einzelne Häuser.

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Neben der Fondation Avicenne liegt das deutsche Haus der Cité, das Maison Heinrich Heine (Plan Nr.36).

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Das Maison Heinrich Heine feierte im November 2016 sein 60-jähriges Bestehen: Es wurde also erst 1956 eingeweiht – offenbar gab es in der Zeit nach dem Ersten Weltkriegs noch keinen Platz in der Cité internationale für ein deutsches Haus – ein gewisser Widerspruch zu dem Anspruch der Einrichtung, den Frieden und die Verständigung der Völker zu befördern.   Das MHH bietet seit Jahren ein außerordentlich intensives und hochkarätiges politisches und kulturelles Programm an. Es hat eine weit über die Cité internationale reichende Ausstrahlung und war und ist in unseren Pariser Jahren ein wichtiger Anlaufpunkt.  Deshalb möchte ich es hier  bei diesen Bemerkungen belassen und  in einem weiteren  nachfolgenden Blog-Beitrag näher auf das MHH eingehen. (Seit November 2017 auf diesem Blog: La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire).  Auf die Cafeteria im Untergeschoss des Hauses, die für jedermann zugänglich ist,  soll aber schon einmal hingewiesen werden: Öffnungszeiten montags bis freitags 8.00-14.30 Uhr, samstags 10-14.30 Uhr.

Die Architektur der Cité universitaire: Heimatverbundenheit und Universalismus

Die Internationalität der Cité universitaire sollte auch in ihrer Architektur zum Ausdruck kommen: Die Studenten sollten einerseits immer den universalistischen Anspruch und den internationalen Charakter der Einrichtung vor Augen haben, sich aber andererseits auch heimisch fühlen: Die jeweiligen Pavillons sollten also  so gebaut sein, dass sie die Studenten an ihre Heimat erinnerten.

Nachfolgend werden zunächst einige der landestypischen Häuser aus der Anfangszeit der Cité universitaire vorgestellt, die sich im Westteil der Anlage befinden,   – danach ein weiteres im Ostteil der Cité  aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die internationale Architektursprache  nationale Bezüge verdrängte.

Die Fondation Deutsch de la Meurthe ist ja schon weiter oben vorgestellt worden. (Plan Nr.14). Auf dem Weg dorthin kommt man am griechischen Haus (fondation hellénique) vorbei, das 1932 eingeweiht wurde.

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Dass es sich um das griechische Haus handelt, ist ganz unverkennbar: Wegen der Verwendung der Landesfarben blau und weiß bei der Bemalung der Seitenwände, des  Mäandermusters und wegen der  Namen –in griechischer Schrift- bedeutender Griechen an den Außenwänden- hier der Staatsmann und Feldherr Perikles.

Und der Eindruck bestätigt sich, wenn man vor dem Eingang des Hauses steht, einem mächtigen Portikus mit  ionischen Säulen und  dem eingemeißelten Namen des Hauses.

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Résidence Lucien Paye  (Plan Nr. 26)

Vom griechischen Haus sollte man auch einen Blick auf die nebenan gelegene  Résidence Lucien Paye werfen. Dieses 1951 eingeweihte Haus war ursprünglich das „Maison de la France d’outre-mer“, also das Haus des überseeischen Frankreich. Es war in der ursprünglichen, noch in die 1920-er  Jahre zurückreichenden ersten Planung bestimmt für (weiße) Studenten aus den französischen Kolonien, deren Eltern dort als Siedler oder Beamte tätig waren. Als die Planung dann nach dem Krieg verwirklicht wurde, war das Haus für die schwarzafrikanische und madegassische studentische Elite bestimmt. Nachdem die Kolonien unabhängig wurden, erhielt das  Haus den Namen eines ehemaligen Erziehungsministers und Repräsentanten Frankreichs im Senegal. Einer der Architekten  des Hauses war Albert Laprade, der  in der Zwischenkriegszeit das Palais des colonies an der Porte Dorée entworfen  hatte. Dieses Palais war für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut worden – heute ist es Immigrationsmuseum.[7]

Bemerkenswert sind vor allem die Reliefs an der Eingangsseite des Gebäudes.

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Sie entsprechen in frappierender Weise den Reliefs auf den Wänden des Palais des colonies. Dort werden die Segnungen des französischen Kolonialismus und der menschliche und ökonomische Reichtum des Kolonialreichs angepriesen.  Zwischen beiden Bauwerken und Reliefs  liegen 20 Jahre, der Zweite Weltkrieg und der Beginn der Unabhängigkeitsbewegungen.  Aber, das scheint jedenfalls die Botschaft der Reliefs von 1951 zu sein: Die Welt des französischen Kolonialismus ist noch in bester Ordnung![8]  immigration-fassade-004

Im März 2017 hatte ich Gelegenheit, das Haus auch etwas von innen kennzulernen. Anlass war die Generalprobe meines Chors für ein Konzert in der UNESCO. Auch innen ist das Bemühen deutlich, die afrikanische Tradition zu vermitteln. Beispielsweise durch die Fußbodenbeläge:

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Das Parkett mit afrikanischen Edelhölzern im Salon

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Die Wandteppiche im Salon zeigen traditionelle afrikanische Motive

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Jedenfalls ein wunderbarer Ort für eine Generalprobe

(Hier der Chef des Orchesters Espoir sans frontières mit den vier Solisten des Stabat mater von Rossini)

Maison des étudiants de l‘Asie Sud-Est (Plan Nr 7)

Dieses Haus, früher La Maison d’Indochine,  gehört noch ganz zur kolonialen Epoche, als Frankreich „an seine zivilisatorische Mission“ glaubte und an seine „Aufgabe,  die  Traditionen der ‚Eingeborenen‘ zu schützen, die es beherrschte.“ (1), S. 18

Der Grundstein für das Gebäude wurde 1928 gelegt, im Beisein des französischen Kolonialministers und des Kaisers von Annam Bao Daï. Die französischen Architekten des Hauses stellten mit einer Reihe von architektonischen Zitaten den Bezug zu dieser Tradition her (z.B. Dachform, Drachenrelief über dem Eingang).

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Gerade auch bei der Dekoration im Innern ist der Bezug zur ostasiatischen  Tradition unverkennbar.

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Hier fühlt man sich in den eleganten Salon eines herrschaftlichen Hauses in Vietnam oder Kambodscha versetzt. Kürzlich diente er als Schauplatz für eine Nummer der  französischen  Fernsehreihe mit dem schönen Titel „La France a un incroyable talent“.  In dem Begleitmaterial wird der Raum so beschrieben:

D’une superficie de 120 m2, le Grand Salon se place parmi les chefs d’œuvres du patrimoine de la Cité internationale, tirant ses influences des temples et palais du Sud-Est de l’Asie. L’aspect résolument asiatique du salon transparaît dans six grandes peintures décoratives qui ornent ses murs : de grands dragons sino-vietnamiens se faisant face deux par deux, flottant au milieu des nuées et surplombant l’écume, tenant entre leurs griffes un symbole d’éternité doré.[9]

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Allerdings ist der Zugang nur über eine Führung  von l’Oblisque  oder anlässlich einer Veranstaltung möglich. Und in diesem Rahmen an einem Konzert teilzunehmen ist schon ein besonderes Erlebnis.

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Für eine Pause oder den Abschluss des Rundgangs bietet sich bei schönem Wetter ein Picknick auf der großen Wiese hinter dem Maison internationale an. Dort gibt es auch eine Cafeteria mit einer schönen Terrasse, von der aus man einen Blick über den mittleren Teil der Cité internationale hat.

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Reichen Zeit und Energie sollte man noch einen kleinen Spaziergang zum östlichen Teil der Cité unternehmen. Auch dort gibt es eine Reihe bemerkenswerter  Häuser  (u.a. Schweiz, Marokko, Brasilien, Mexiko), von denen eines, das Maison du Brésil, abschließend vorgestellt werden soll- einmal wegen seiner architektonischen Prominenz, zum anderen aus einem ganz praktischen Grund:  Es ist –  zumindest sein Erdgeschoss-  eines der wenigen Häuser der Cité internationale, das auch unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes und der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen zugänglich ist. ( 1 Euro Gebühr)

La Maison de Brésil  (Plan Nr. 33)

Das Maison du Brésil ist –nach der Einschätzung eines Architekturführers- nicht weniger als „eines der markantesten Bauwerke des 20. Jahrhunderts“ (1, S. 44).  Gebaut wurde es von zwei bedeutenden Architekten: dem Brasilianer Lucio Costa, dem Planer der neuen Hauptstadt Brasiliens, Brasilia, und dem französischen Architekten Le Corbusier.  Typisch für Le Corbusier sind unter anderem  die farbigen Loggien, die es auch in dem von ihm geplanten Wohnblock (Corbusierhaus)  in Berlin-Willmersdorf  gibt. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Architekten war allerdings nicht konfliktfrei:  Le Corbusier  veränderte  die Konzeption Costas „et donna à l’ensemble un caractère ‚brutaliste‘, à l’image de ses réalisations de l’époque.“ (a.a.O.)  Sogar die Tische im Foyer  sind aus Rohbeton gefertigt.

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Der „Brutalismus“ wird allerdings gemildert durch die lebhafte Farbgebung.

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Im Foyer gibt es auch eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Baus und die beiden beteiligten Architekten.

Und gleich in der Nähe gibt es die Fondation Suisse, deren Gebäude schon zu Beginn der 1930-er Jahre von Le Corbusier errichtet wurde -das erste „moderne“ Gebäude auf dem Campus der Cité internationale. Man kann hier beobachten, wie Le Corbusier versuchte, seine berühmten 5 Punkte der Architektur umzusetzen. Und dies an einem großen, aber überschaubaren Wohnblock- einer avant-gardistischen „machine à habiter“ – einer „Wohnmaschine“  nach den Worten  Le Corbusiers.  (10)

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Das Wandgemälde im Salon stammt auch von Le Corbusier.

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Ein Zimmer des Hauses mit dem Mobiliar von Charlotte Periard kann von Besuchern besichtigt werden. (10-12 und 14-17 Uhr).

Ein Abstecher zum Maison du Brésil und zur Fondation Suisse  lohnt sich also.

Und das gilt auch für das in der östlichen Ecke am boulevard Jourdan gelegene Maison du Maroc  (Plan Nr. 28): eine schöne Etappe der architektonischen Reise um die Welt in der Cité internationale universitaire de Paris.

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Während sich Marokko hier eher im traditionellen Stil präsentiert, hat Tunesien eine moderne Form der Präsentation gewählt, die aber die kulturelle Identität des Landes deutlich macht: Der Erweiterungsbau der Fondation de la Maison de Tunisie, der Pavillon Habib Bourgiba, der 2019 eröffnet werden soll, ist mit einer metallischen Außenhaut mit calligraphischem Muster überzogen- sicherlich ein neuer „Hingucker“ des CIUP, auf den man sich schon freuen kann. (11)

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Fotos: Wolf Jöckel, Februar 2023

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Das Maison de la Tunisie  ist Teil einer „Verjüngungskur“ (Le Monde), die derzeit im Gange ist. Nachdem es seit 1969 (Eröffnung des Hauses des Iran)  in der  Cité Universitaire lange Jahre keine weiteren Bauten gab, hat seit 2017 eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Im September 2917 wurde als erster neuer Bau das Haus der Île de France eingeweiht, das sich, so der Bauherr,  als Pionierbau versteht: . „La Maison de l’Île-de-France est le premier bâtiment d’habitation collective à énergie positive de source 100% solaire avec un système de stockage thermique inter-saisonnier d’une telle dimension réalisée en France“. (12)

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Bis 2025  sollen acht weitere Bauten folgen, so dass die Unterbringungskapazität um 30% gesteigert wird. Dabei geht es aber nicht einfach nur um eine Vergrößerung: Der Anspruch ist, dass das außergewöhnliche Ensemble der Cité universitaire durch die neuen Bauten auch bereichert wird. Das neue Maison de la Tunisie und das Maison de l’Île de France sind dafür hervorragende Beispiele.

Nachwort

Als ich Sommer dieses Jahres begann, in Vorbereitung der Dresdener Tagung  (s. Blog-Beitrag über die Friedensmauer auf dem Marsfeld) nach Orten des Friedens in Paris zu suchen, fragte ich auch unseren alten Pariser Freund Remi Dreyfus, welche Ideen er vielleicht dazu habe. Er schrieb mir:

„Je pense qu’on devrait montrer une réalisation  exemplaire de la Troisième République,  celle de la Cité  Universitaire internationale Bvd Jourdan au sud du Parc de Montsouris. Cela concerne  l’éducation mais c’est par elle qu’on peut approcher la Paix de la plus belle manière. Et en outre c’est un lieu charmant et une promenade magnifique (par beau temps) entre les pavillons des divers pays qui y ont construit leur maison à commencer par l’Allemagne“.

Was für ein schöner Hinweis, für den ich sehr dankbar bin! Die besondere Hervorhebung des  Heinrich Heine- Hauses  am Schluss trifft zwar – was die zeitliche Dimension angeht- nicht zu, denn das deutsche Haus ist ja gewissermaßen ein Nachzügler in der Cité Internationale; aber herausragend sind sicherlich seine besondere Rolle und  Ausstrahlung. Die sind gerade wieder (im November 2016)  bei der Feier des 60. Geburtstages des Hauses eindrucksvoll deutlich geworden.  Und die Hervorhebung des MHH im Brief eines Widerstandskämpfers gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg darf vielleicht auch als ein kleiner schöner Hinweis darauf verstanden werden,  wie fest das gesellschaftliche Fundament der deutsch-französischen Beziehungen inzwischen ist. Das stimmt zuversichtlich gerade am Beginn eines neuen Jahres, in dem die deutsch- französischen  Beziehungen wieder großen Herausforderungen und vielleicht auch immensen Belastungsproben ausgesetzt sein  werden.

Literatur:

La Cité internationale universitaire de Paris. Architectures paysagées. Paris : L’oeil d’or 2010 (1)

La Cité internationale. Connaissance des Arts. Paris 2010 (2)

La Cité U ou comment cultiver la Paix. In: Vivre Côté Paris 46, août/sept. 2016, S. 118-129 (3)

La Cité internationale universitaire de Paris. Préface Étienne Dalmasso. Paris: Éditions Hervas 2010 (4)

Parcours du patrimoine Région Île de France, 354: La fondation Emile et Louise Deutsch de la Meurthe. 2010

Parcours du patrimoine Région Île de France, 383: La Cité internationale universitaire de Paris. 2013

Kévonian, Dzovinar und Tronchet, Guillaume: La Babel  étudiante. La Cité internationale universitaire de Paris (1920-1950). Rennes 2013

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

Praktische Informationen

Die CIUP ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen: Station Cité Universitaire der Linie B des RER oder der Linie 3a der Tram

Es werden regelmäßige Führungen angeboten zur Architektur, zum Park, zum Leben in der Cité Universitaire. Näheres unter:  http://www.ciup.fr/oblique/visites-guidees/

Ein Zugang zu den Häusern ist auch möglich bei Veranstaltungen. Eine entsprechende Übersicht findet man unter:    http://www.ciup.fr/citescope/

Das Erdgeschoss des Maison de Brésil kann gegen eine Gebühr von 1 Euro besichtigt werden.

Anmerkungen

[1] Cité universitaire, Le monde en miniature. In: Histoire et patrimoine 2005, no 1 p 129-137

siehe auch: http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

[2] (4)  siehe dazu:    http://www.ciup.fr/paix/

[3] Siehe die Informationen zur sog. Rheinkrise im Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe (November 2016)

(3a)  siehe Nicolas Chaudin, Le promeneur de la Petite Ceinture. 2003, S.10

[4] In einem aktuellen Grundsatzartikel zur Laïzität habe ich kürzlich in der Zeitschrift „Marianne“ sogar die Gegenüberstelllung von „culture ou religion“ gefunden. (7.-13. Okt 2016, S.11).  Die Rolle der Religion im republikanischen Frankreich ist –gerade im Blick auf den Islam- aktueller und kontroverser denn je.

[5] (4) Interessant übrigens, dass in der Fondation Deutsch de la Meurthe zunächst nur französische Studenten aufgenommen wurden.

[6] Georges Bourdon, Au service de la paix. Zitiert in (4)

[7] Eine Broschüre über die Résidence Lucien Paye ist am Empfang des Hauses und in der Fondation Avicenne erhältlich.

[8] Dies war ja auch die Botschaft der Konferenz von Brazzaville vom Jan./Febr. 1944, wo auf Einladung de Gaulles über die Zukunft der französischen Kolonien  beraten wurde. Zwar wurden  da  im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich Verbesserungen für die „Eingeborenen“ ins Auge  gefasst, aber jede Idee einer Selbstbestimmung und einer Entwicklung außerhalb „du bloc français de l’Empire“ abgelehnt: la constitution éventuelle, même lointaine, de self-governments dans les colonies est à écarter.“ https://fr.wikipedia.org/wiki/Conf%C3%A9rence_de_Brazzaville

[9] http://www.ciup.fr/accueil/la-france-a-un-incroyable-talent-sinvite-dans-le-decor-asiatique-de-la-cite-66229/

(10) http://www.ciup.fr/fondation-suisse/histoire-de-la-maison/                                                 https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnf_Punkte_zu_einer_neuen_Architektur

(11) http://tunisie.co/article/8523/actus/actus/calligraphie-471111

(12) Le Monde vom 7.2. 2019  https://www.lemonde.fr/culture/article/2019/02/07/la-cite-universitaire-internationale-s-offre-une-nouvelle-jeunesse_5420280_3246.html

De nouvelles maisons ouvriront à la Cité Internationale Universitaire !

Zitat und nachfolgendes Bild aus: https://www.iledefrance.fr/toutes-les-actualites/la-maison-de-l-ile-de-france-a-la-cite-internationale-universitaire-primee

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons (Vive l’empéreur Teil 1)

Neben dem Eiffelturm,  Notre Dame und Sacre Coeur gehört der Arc de Triomphe zu den bekanntesten  Sehenswürdigkeiten von Paris.  Immerhin ist er der größte aller Triumphbögen und er ist „dans le monde entier une image symbolique de Paris“ und nicht zuletzt „das berühmteste napoleonische Monument.“[1]

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Dass der Arc de Triomphe nicht nur für Paris steht, sondern für ganz Frankreich, haben wir übrigens bei einer Reise auf die Seychellen festgestellt. Dort haben sich die Promoter der  französischen Milch neben einer Kuh in den Nationalfarben ausgerechnet den Triumphbogen ausgesucht, um die Herkunft des Produkts augenfällig zu machen.

Der Triumphbogen verdankt seine Prominenz  sicherlich vor allem seiner exponierten Lage an der voie Triomphale zwischen dem Louvre und der Place de l‘ Étoile, die inzwischen noch verlängert ist bis zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense mit der anlässlich der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution errichteten Grande Arche.

Dazu kommt die große  Rolle, die er bei besonderen Anlässen spielte und noch heute spielt:

  • Am 14. Dezember 1840 beispielsweise empfingen mehr als 400 000 begeisterte Menschen mit dem Ruf „Vive l’empereur!“ die Asche Napoleons, die auf einem  riesigen Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt wurde, bevor sie dann im Invalidendom ihre letzte Ruhe fand.[2]
  • Am 22. Mai 1885 starb Victor Hugo in seiner Wohnung in der Nähe des Arc de Triomphe. Sein Leichnam wurde auf einem Katafalk von 22 Metern Höhe unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt, bis er am 31. Mai in die Kirche Saint-Geneviève gebracht wurde- die damit endgültig ihre Bestimmung als Pantheon der „großen Männer“ erhielt.
  • Am 13. und 14. Juli 1919 fand rund um den Arc de Triomphe die Siegesfeier Frankreichs statt. Eine riesige Militärparade, angeführt von 1000 Kriegsversehrten und danach den  Marschällen Frankreichs hoch zu Ross, an der Spitze ihrer Truppen, marschierte durch den Arc de Triomphe – was damals noch möglich war,  weil das Grab des unbekannten Soldaten und die ewige Flamme unter dem Triumphbogen  erst später installiert wurden.

Natürlich nahm auch die französische Luftwaffe an der Parade teil, musste dies aber zum Leidwesen der Piloten wie die Infanterie zu Fuß tun. Eine Gruppe von Piloten entschloss sich deshalb, ohne den Segen oder auch nur die Information ihrer Vorgesetzten eine besondere Demonstration zu veranstalten. Ausgewählt dafür wurde Charles Godefroy, der am 7. August 1919 in einer spektakulären Aktion unter der Öffnung des Triumphbogens hindurch flog. Einige Bildreporter waren  informiert, so dass das Geschehen für die Nachwelt festgehalten ist. Die  völlig überraschten Fahrgäste in der gerade vorbeifahrenden Trambahn gerieten allerdings in Panik… Aber Frankreich war dann doch so  stolz auf seinen tollkühnen Piloten, dass er mit einer einfachen Abmahnung davon kam…

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  • Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 paradierten deutsche Truppen vor dem Arc de Triomphe und Hitler erwies Napoleon im Invalidendom seine Reverenz. Viereinhalb Jahre später war diese Schmach beendet:  Am 11. November 1944 fand–nach der Befreiung von Paris und des größten Teils Frankreichs- eine große Militärparade, angeführt von General de Gaulle, Winston Churchill und Anthony Eden,  vor dem Arc de Triomphe statt.

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Auch heute noch steht der Arc de Triomphe immer wieder und regelmäßig im Zentrum großer Veranstaltungen:

  • bei Gedenktagen wie dem 8. Mai und dem 11. November, an dem der Staatspräsident unter dem  Arc de Triomphe die Flamme des unbekannten Soldaten erneuert.[3]

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  • beim 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wo auf den Champs-Elysées zwischen Arc de Triomphe und der Place de la Concorde die große Militärparade stattfindet, die von der Patrouille de France eröffnet wird. Sie überfliegt  den Arc de Triomphe und zeichnet die Farben der Tricolore in den Himmel.

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Der Arc de Triomphe ist aber auch Schauplatz anderer Veranstaltungen: Das nachfolgende Foto zeigt eine Demonstration vom  18.3. 2014: Damals wurde an das Ende des Algerien-Krieges durch die Verträge von Évian erinnert.  Demonstrationen  am Arc de Triomphe sind  eher außergewöhnlich, in diesem Fall aber wohl der Tatsache zu verdanken, dass das Ende des Algerienkriegs vor allem de Gaulle zu verdanken ist, nach dem ja auch die Place de l’Étoile benannt ist.

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In ganz besonderer Weise zeigte im Januar 2015 Paris seine Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charly Hebdo“.[4]

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Und traditionell endet die Tour de France, indem die Fahrer  noch mehrmals die Champs Elyssées hinauf- und herunterfahren  und dabei den Arc de Triomphe umrunden –  eine eher rituelle Veranstaltung, weil der Sieger der Tour schon vorher feststeht.

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Lliterarischen  und filmischen Ruhm hat der Arc de Triomphe natürlich auch erlangt….[5]

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Napoleon wäre sicherlich stolz auf die Prominenz dieses Monuments gewesen, dessen Bau er selbst angestoßen  hat.  Ziel Napoleons war es, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Schon auf der Überfahrt nach Ägypten 1798 sann er: „Wenn ich Herrscher Frankreichs wäre, dann würde ich aus Paris nicht nur die schönste Stadt machen, die es je gegeben hat, sondern die schönste Stadt, die es jemals geben kann.“ [6]

Zahlreiche monumentale Projekte dienten diesem Ziel:

  • So der Säulengang vor dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung,  südlich der Seine, als dessen  Gegenstück die antikisierende Madeleine nördlich der Place de la Concorde fungierte, aus der Napoleon ein Pantheon zum Ruhm seiner Armeen machen wollte[7] :  So entstand  eine monumentale, die Seine überspannende  Nord-Süd- Achse mit der Place de la  Concorde als Mittelpunkt.
  • Das größte urbanistische Projekt der Napoleonzeit war die Ost-West-Verbindung mit der neu angelegten Rue de Rivoli. Bonaparte hatte sich von den Arkaden inspirieren lassen, die er in Norditalien gesehen hatte, und ließ identische Wohn- und Geschäftshäuser mit genau reglementierten  Säulengängen anlegen.  (Die für Paris eigentlich untypischen Arkaden gab es bis dahin nur rund um die Place Royal/Place des Vosges- einem Projekt Henri Quatres, der sich ebenfalls –wie bei dem pont neuf- von der italienischen Architektur anregen ließ.)
  • Und immer ging es Napoleon auch um die Verherrlichung seiner Taten und der seiner grande armée. Diesem Zweck diente nicht nur  die Madeleine,  sondern auch die auf der Place Vendôme  errichtete, aus der Bronze erbeuteter Waffen hergestellte und mit seinem Standbild gekrönte Säule.
  • und natürlich und vor allem dienten die beiden  auf der großen Ost-West-Achse gelegenen Triumphbögen dem Ruhm Napoleons und seiner Truppen:  der kleine arc de triomphe du Carrousel und der große auf der place de l’Étoile, dessen Vollendung Napoleon aber nicht erlebt hat.

Die Vorliebe Napoleons für die Antike und das imperiale Rom ist bei all diesen Plänen offenkundig:  Antike Tempel (für die Attika des  Palais Boubon und für die Madeleine), die Trajan-Säule in Rom (für die Vendôme-Säule) und die Triumphbögen des Septimius Severus (für den arc de triomphe  de la Carrousel) und des Titus (für  den arc de triomphe de l’étoile) sind eindrucksvolle Belege dafür.  Diese städtebauliche Vorliebe Napoleons hat auch einen politischen Hintergrund: denn  hatte nicht auch Rom sich von einer Republik zu einem Kaiserreich entwickelt, konnte also auch insofern als Vorbild dienen?[8]

Geschichte des Baus

Den Anstoß für den Bau des Arc de Triomphe gab Napoleon im Februar 1806 – auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ursprünglich hatte er dafür den damals noch leeren Platz im Osten von Paris ausersehen, auf dem einmal die Bastille gestanden hatte. Dieser Platz war damals in einem ziemlich lamentablen Zustand. Den Triumphbogen  dort zu errichten hätte nicht nur eine erhebliche symbolische Bedeutung gehabt, sondern er hätte auch Katalysator für ein weiteres städtebauliches Großprojekt Napoleons sein sollen: Eine Achse vom Louvre bis zum Bastille-Platz zu schlagen, der dann übrigens auch die Kirche St.  Germain l’Auxerrois zum Opfer gefallen wäre. Die mit der Planung beauftragte Architektengruppe plädierte dann aber für die Place de l’Étoile als Standort. Auf dem  dortigen Hügel war schon im 18. Jahrhundert ein étoile (Stern) genannter  zentraler Platz eingerichtet worden, von dem Wege in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Es waren im 18. Jahrhundert auch schon diverse Pläne entwickelt worden, wie man den Hügel besonders ins Blickfeld rücken könnte. Beispielsweise durch einen riesigen Elefanten: Dessen Bauch sollte Konzert- und Theatersäle enthalten. Der Zugang sollte über eine Treppe erfolgen, die in eines der vier Beine des Elefanten eingebaut war.   Im Kopf des Elefanten sollte ein Orchester platziert werden; die Ohren sollten als Lautsprecher dienen und der Rüssel als Fontaine. Diese Pläne wurden  allerdings nicht verwirklicht und das  Elefantenprojekt wurde eine Zeit lang auf den Bastille-Platz verschoben. So war der étoile frei und wurde dem Kaiser vom Innenminister Champigny auch entsprechend angepriesen:  Ein Triumphbogen an dieser Stelle ziehe auf äußerst majestätische Weise den Blick vom kaiserlichen Schloss der Tuilerien auf sich. Der Reisende, der Paris betrete, werde von dem Anblick überwältigt; wer Paris verlasse, behalte so einen unvergesslichen Eindruck und eine Erinnerung an die unvergleichliche Schönheit der Stadt. So bleibe er –auch aus der Ferne- immer mit dem „Triomphateur“ verbunden.[9]

Dieser Argumentation konnte sich der Kaiser nicht verschließen.  Am 15. August 1806, dem Tag des kaiserlichen Festes, wurde der Grundstein gelegt. Auch wenn als Vorbild der Titusbogen in Rom diente: Der Triumphbogen Napoleons sollte alle bisherigen Triumphbögen  an  Größe weit übertreffen und den Ruhm des Kaisers  und seiner Truppen eindrucksvoll in Szene setzen.

Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen, bis schließlich 1808 der Architekt Jean-François-Thérèse Chalgrin mit der alleinigen weiteren  Planung beauftragt wurde. Zwei Jahre später war zwar der Bau des Triumphbogens noch nicht sehr weit gediehen, aber Chalgrin hatte Gelegenheit, das Ergebnis seiner Planung in voller Größe zu zeigen: Anlässlich der Hochzeit von Napoleon mit Marie-Louise von Habsburg im Jahr 1810 wurde an Ort und Stelle aus Holz und bemaltem Stoff ein Modell des zukünftigen  Arc de triomphe errichtet, durch das das kaiserliche Paar mit Gefolge nach Paris einziehen konnte.

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Auf der zeitgenössische Abbildung  („Das kaiserliche Gefolge verlässt den Arc de Triomphe[10]) sieht man übrigens  rechts und links des Bogens noch die beiden Zollhäuser von Ledoux- Teile der Paris umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux, die 1860 geschleift wurde.[11]

Die weiteren Bauarbeiten ließen  allerdings  aus nur allzu verständlichen Gründen auf sich warten: Zunächst aufgrund der pausenlosen Kriege und der leeren Staatskassen, dann durch die Rückkehr der Bourbonen: Ihnen galt Napoleon als Emporkömmling, als illegitimer Parvenü, der kein Recht auf einen Arc de Triomphe hatte.  Nach der Julirevolution von 1830, also dem Sturz der Bourbonen und der Regierung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe,  wurden die Arbeiten  am Arc de Triomphe aber wieder aufgenommen und ihr Ende von vielen Zeitgenossen mit Ungeduld erwartet, wie das nachfolgend zitierte Gedicht von Victor Hugo zeigt.

Arc triomphal, la foudre en terrassant ton maître
Semblait avoir frappé ton front encore à naître.
Pour nos exploits nouveaux te voilà relevé!
Car on n’a pas voulu, dans notre illustre Armée,
Qu’il fût de notre renommée
Un monument inachevé !
Dis aux siècles le nom de leur chef magnanime
Qu’on lise sur ton front que nul laurier sublime
A des gloires françaises ne peut se dérober.
Lève-toi jusqu’aux cieux, portique de victoire !
Que le géant de notre gloire
Puisse passer sans s’y courber !

Victor Hugo.[12]

Am  29. Juli 1836 konnte schließlich  der  Arc de Triomphe von dem damaligen Regierungschef Adolphe Thiers eingeweiht werden.

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Die Einweihung fand zwar  unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, aber doch in relativ bescheidenem Maße. Louis Philippe fürchtete nämlich nicht nur Attentate, sondern er wollte auch Reibungen mit dem Ausland vermeiden, das sich ja möglicherweise irritiert zeigen könnte durch die Erinnerung an napoleonische Siege, die durch den Arc de Triomphe gefeiert wurden: Siege  gegen Österreicher, Deutsche, Osmanen, Italiener, Spanier, Holländer, Russen…

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Die wichtigsten Schlachtenorte und Siege sind auf vier Friesen  auf den Innenseiten der Pfeiler noch besonders hervorgehoben.

Die Siege der Revolutionsheere im Westen (Belgien) in den Jahren  1792 und 1794:

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Die Siege im Süden gegen Österreich: Der Italienfeldzug Napoleons in den Jahren 1796/7 begründete seinen militärischen Ruf und Ruhm. Dementsprechend wird seine Büste auf dem  Fries mit einem  Lorbeerkranz versehen – Der  Podest der Büste ist mit den  kaiserlichen Insignien versehen.  Kaiser war Bonaparte damals aber noch nicht, sondern erst ein „einfacher“ General. (12a)

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Die Siege im Osten: Damit ist der  ägyptische Feldzug in den Jahren zwischen 1798 und 1800 gemeint – erkennbar auch an den exotischen Früchten (Datteln, Ananas) und Palmwedeln. Der von Bonaparte hervorragend vermarktete Feldzug  – Archeologen waren publikumswirksam „embedded“- steigerte über Frankreich hinaus  seinen Ruhm  noch weiter – und war eine Grundlage für den  erfolgreichen Staatsstreich des  18. Brumaire (9. November 1799), womit sich Napoleon zum Ersten Consul und Alleinherrscher machte.  Wenn auf  diesem Fries übrigens auch der Name Aboukir aufgeführt ist, dann ist damit sicherlich nicht die vernichtende Niederlage der französischen  Flotte durch die von Admiral Nelsen kommandierte englische Flotte bei Aboukir gemeint (an der Napoleon ja auch gar nicht beteiligt war), sondern der ebenfalls nach diesem Ort benannte Sieg Bonapartes gegen die Osmanen ein Jahr später:

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Die Siege im Norden (zwischen  1805 und 1809)  errang Napoleon, der sich inzwischen zum Kaiser ausgerufen  hatte, gegen Österreich, Russland und Preußen. Mit diesen Siegen wurde er Herrscher über den europäischen  Kontinent und  erreichte den Höhepunkt seiner Macht.

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Diese Zurschaustellung französischer Eroberungen mag befremdlich erscheinen. Denn Völker zögern, wie Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“ [12b] Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht verspürt….

Neben den Schlachtenorten sind auch etwa 600 Namen von kaiserlichen Marschällen, Admiralen und Generälen in die Pfeiler des Arc de Triomphe eingraviert.  Ursprünglich waren „nur“ 383 Namen ausgewählt worden, aber dann gab es erhebliche Debatten und Beschwerden von Nicht-Berücksichtigten bzw. deren Angehörigen, so dass bis  1895, als die Eingravierungen abgeschlossen wurden, noch etwa 200 Namen hinzukamen…

Und die Opfer? Die gab es unzweifelhaft ja auch. Thierry Lentz, Direktor der Fondation Napoleon, von dem  in diesem Punkt kaum Übertreibungen  zu erwarten  sind,  schätzt die Zahl der in den napoleonischen Kriegen  umgekommenen  französischen  Soldaten  auf etwa 700 000 –  und dazu kommen dann noch erhebliche zivile Opfer und die  Opfer unter den –oft sehr unfreiwilligen- ausländischen, überwiegend deutschen,  Hilfstruppen Napoleons. Nimmt man die militärischen und zivilen Opfer auf Seiten der Gegner hinzu, bewegen sich die Schätzungen zwischen 3 und 6 Millionen Menschen, die in den napoleonischen Kriegen ihr Leben verloren haben. [13]

Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe durchaus auch: Es sind Feinde, die am Boden  liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von  Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem  Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise  auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und  der österreichische  Erzherzog  legt eine Krone auf  seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

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Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“ das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“ sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“ und noch süßer und ehrenvoller waren  natürlich die Siege, deren Orte und Strategen auf dem Arc de Triomphe verewigt wurden.

Der Arc de Triomphe ist monumentaler Ausdruck  einer  Verherrlichung von Krieg, Eroberung und Heldentod. Da ist es nur allzu verständlich, dass die Linke in der französischen Nationalversammlung 1919 heftig – und vergeblich-  gegen den Arc de Triomphe als Ort des Grabmals für den  unbekannten Soldaten stritt.[15] Die Verherrlichung von dem auf dem Schlachtfeld erworbenen  Ruhm und  Heroismus  wurde, wie Patrice Gueniffey in einem Aufsatz über das Napoleon-Verständnis von François Furet schrieb, lange als Bestandteil einer Erziehung zu Tugend und Tapferkeit verstanden. Aber, Tatsache oder Wunsch…?: „Toute cette magie guerrière est morte avec les hécatombes du XXe siècle.“[16]

Wenn in den 1830-er Jahren die Siege Napoleons und die Namen seiner Generäle  in die  Wände des Arc de Triomphe eingemeißelt wurden, so war das Ausdruck einer damals gängigen Idealisierung und Verherrlichung des Kaisers und des heroischen napoleonischen Zeitalters. 1835 erschien das Buch von Alfred de Vigny „Servitude et grandeur militaires“, das noch den Pulverdampf atmen lässt und in dem „die Liebe zu den Waffen“ und der „Traum der Schlachten“  lebendig sind.[17] Der Arc de Triomphe war aber nicht nur Ausdruck einer Nostalgie, sondern  er hatte auch einen Aufforderungscharakter: Etwas Glanz von dem Ruhm Napoleons sollte auf das Frankreich des Bürgerkönigs fallen und es sollte sich des napoleonischen Ruhms würdig erweisen.

Die damaligen Möglichkeiten Frankreichs, in die Fußstapfen Napoleons zu treten und sich den „Traum der Schlachten“ zu erfüllen,  waren allerdings begrenzt. Immerhin bezeichnete sich der Bürgerkönig Louis Philippe schon mal etwas großmäulig als „Kaiser der Franzosen“ – so jedenfalls 1845 in einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit China, der gerade (Okt/Nov 2016) in einer Ausstellung des Petit Palais zum Thema „L’art de la paix“ gezeigt wird.

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Aber wie groß wäre doch der Ruhm des Louis Philipps, wenn es ihm gelänge,  die  in den 1790-er Jahren eroberten, dann annektierten, aber im  Wiener Kongress wieder verlorenen linksrheinischen Gebiete Deutschlands „zurückzugewinnen“, an deren Eroberung schon  Ludwig XIV.  -eine verbrannte Erde zurücklassend- gescheitert war. Regierungschef Adolphe Thiers, ein großer Bewunderer Napoleons, betrachtete den Rhein als natürliche Ost-Grenze Frankreichs und befand sich damit im Einklang mit der öffentlichen Meinung seines Landes und sogar  mit  Victor Hugo. Der vertrat nämlich in seinem 1842 veröffentlichten Reisebericht „Le Rhin, récit de voyage“ die Auffassung, man  müsse  Frankreich zurückgeben, was Gott ihm gegeben habe, („rendre à  la  France ce que Dieu lui a donné.“), also den Rhein als Grenze. [17a]  Und in seinem Arc de Triomphe-Gedicht hatte er ja ausdrücklich festgestellt, der Arc de Triomphe solle nicht nur die Ruhmestaten der napoleonischen Armeen verherrlichen, sondern auch die neuen, noch folgenden (nos exploits nouveaux)…  Thiers forderte also in der sogenannten Rheinkrise die Herausgabe der linksrheinischen Gebiete und  drohte dem Deutschen Bund mit Krieg. Nach den sogenannten  Freiheitskriegen gegen Napoleon war dies  ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft.  Die Verherrlichung des Eroberers Napoleon war also in den 1830-er Jahren keine ganz harmlose geschichtliche Reminiszenz. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens bemerkenswert, dass bis heute  „outre Rhin“ eine übliche französische Bezeichnung für Deutschland ist – so als sei der Rhein tatsächlich durchgängig die deutsch-französische Grenze….

 

Napoleon als Triumphator

Auf der nach Osten zu den Champs-Elysées ausgerichteten Schauseite des Arc de Triomphe gibt es zwei große Reliefs, die damit besonders hervorgehoben werden: Auf dem linken Pfeiler „der Triumph Napoleons“, rechts „der Auszug der Freiwilligen von 1792“, ein Relief, das im Allgemeinen unter der Bezeichnung „die Marseillaise“  firmiert.

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Der triumphierende Napoleon ist mit römischer Tunika bekleidet dargestellt, in seiner rechten Hand hält er ein Schwert. Eine Siegesgöttin bekränzt ihn gerade mit einem  Lorbeerkranz.  Auf der  linken Seite schreibt die Muse der Geschichte die Ruhmestaten Napoleons auf eine Tafel.

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Die dargestellte Szene illustriert das Jahr 1810,  als sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Nach dem Sieg über Habsburg bei Wagram war Napoleon uneingeschränkter Herrscher über den  europäischen Kontinent, die Heirat mit Marie-Louise von Österreich sollte die Annäherung an Habsburg besiegeln- und den ersehnten  Nachkommen bringen.  Frankreich umfasste damals 130 Departements. 1790, als Frankreich in Departements eingeteilt wurde, waren  es 83 gewesen.  Zu den  130 Departements gehörten –aus französischer Sicht selbstverständlich-  die Departements „Sarre“ (Trèves/Trier),  „Roer“ (Aix-la-Chapelle/Aachen)  „Mont-Tonnere“ (Donnersberg)  mit der Präfektur Mayence/Mainz,  Rhin-et-Moselle (Coblence/Koblenz). Und dazu kamen –als annektierte deutsche Territorien- auch die Departements „Bouches-du-Weser“ und „Bouches de l’Elbe“ mit Bremen und Hamburg  bzw. natürlich: Brême et Hambourg als Präfekturen und  die Departements Ems-Supérieur und Ems-Oriental mit Osnabrück und Aurich als Präfekturen. Diese annektierten Gebiete Deutschlands  wurden –wie die weiteren Annexionen –  von Napoleon noch nach dem Rückzug aus Russland als untrennbare Bestandteile Frankreichs betrachtet, so dass er Friedensangebote der Alliierten ausschlug, die Frankreich sogar- wenigstens-  „seine“ Rheingrenze eingebracht/erhalten hätten. Napoleon und seine Generäle brannten darauf weiterzukämpfen und glaubten noch an den Sieg – une victoire totale (Englund) – es fällt fast schwer, in diesem Zusammenhang nicht das Wort „Endsieg“ zu verwenden…[18]

Die Karte mit den 130 französischen Departements wird in französischen Schulbüchern  gerne gezeigt, zum Beispiel hier in dem Lehrbuch Histoire für die seconde, also die vorletzte Klasse des französischen Gymnasiums.[19]

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Bemerkenswert ist bei dieser Karte, dass die großen Siege Napoleons mit einem roten Stern eingezeichnet sind: Ulm, Iena, Austerlitz, Wagram und Friedland- Siege, die, wie wir gesehen haben, in den  Arc de Triomphe eingemeißelt sind und die auch in der Topographie von Paris eine wichtige Rolle spielen- wie ja auch die Namen der napoleonischen Marschälle. Nicht berücksichtigt ist auf der Karte –und natürlich auch nicht auf dem Arc de Triomphe- die entscheidende Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Mit ihr war ja immerhin der Plan einer Eroberung Großbritanniens gescheitert und die auf dem Arc der Triomphe verzeichneten weiteren Siege waren damit im Grunde nur vergebliche Siege.[20]  Aber auf dem Arc de Triomphe ist Napoleon ohne wenn und aber der Sieger und Triumphator, Zweifel und Kritik haben da keinen Platz.

Die Marseillaise: Napoleon als legitimer Erbe der Französischen Revolution?

Auf dem rechten Pfeiler der den Champs-Elysées zugewandten „Schauseite“ des Arc de Triomphe befindet sich die große Plastik des Auszugs  der Freiwilligen 1792, im Allgemeinen „Die Marseillaise“ benannt. Gegenstand ist die sogenannte  „levée en masse“, die Aushebung von 200 000 Soldaten im Jahre 1792, die von der Gesetzgebenden Versammlung angeordnet wurde,  um Frankreich gegen die gegenrevolutionäre  Koalition des Auslands zu verteidigen.

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Diese levée en masse ermöglichte dem revolutionären Frankreich seinen ersten großen Sieg über eine ausländische Macht: den Sieg über die preußisch-österreichischen Truppen  bei Valmy in der Champagne im September 1792. Goethe erlebte im Gefolge des Herzogs von Weimar die sogenannte „Kanonade von Valmy“ mit und berichtete in seiner dreißig Jahre später niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ davon. Am Abend der Niederlage sei er von den bedrückten Landsleuten  nach seiner Meinung befragt worden und er habe sie mit den Worten getröstet:

„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und  ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Goethe hat damit den revolutionären Aufbruch Frankreichs mit  einem dem Anlass und dem Autor angemessenen „geflügelten Wort“ auf den Punkt gebracht. Flügel hat auch die Allegorie der Freiheit, die Marianne,  im oberen Teil der Plastik- das kompositorische Gegenstück zur Allegorie des Ruhms auf dem linken Pfeiler. Accessoire des Ruhms ist die Trompete, die blanke Waffe die der Freiheit.  Ihre wilde Entschlossenheit wird besonders deutlich im Modell des Kopfes, den man  in der Attika des Arc de Triomphe aus der Nähe ansehen kann. Eher eine Furie, deren furchterregender Gesichtsausdruck noch gesteigert wird durch die Ungeheuer auf ihrer Jacobinermütze. Sie scheint die in den Kampf Ziehenden anzufeuern mit dem Ruf der Marseillaise:  Aux armes citoyens…..

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Während die Darstellung des Triumphators Napoleon auf dem linken Pfeiler als zwar handwerklich korrekte, aber eher uninspirierte, seelenlose Darstellung gilt, ist das mit der „Marseillaise“  anders. Sie wird allgemein als künstlerischer Höhepunkt der gesamten  plastischen  Ausgestaltung des Arc de Triomphe angesehen. Ob sie wirklich „one of best-known sculptures in the world“ ist,  kann ich nicht beurteilen,  aber sicherlich gehört sie zu den künstlerischen Werken, „qui ont fait la France.“[21]

Das im Arc de Triomphe ausgestellte Modell der Marianne wurde übrigens am 2. Dezember 2018 von gewalttätigen Demonstranten (gilets jaunes) beschädigt. Das wurde in Frankreich als besonderes Sakrileg empfunden – noch nicht einmal die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg hätten Derartiges gewagt….

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Schöpfer der „Marseillaise“ vom Arc de Triomphe  ist der Bildhauer François Rude, der mit diesem Werk berühmt wurde. Rude war auch ein großer Verehrer Napoleons.

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Für das Museum und den Parc  Noisot bei Dijon, von einem Mitglied der kaiserlichen Garde geschaffen „à la gloire de Napoléon“ , hat Rude einen auf dem (für ihn natürlich viel zu kleinen) Felsen von St. Helena liegenden lorbeerbekränzten Napoleon geschaffen, der gerade zur Unsterblichkeit erwacht.[22] Und Rude zog nach dem Sturz seines verehrten Kaisers das  belgische Exil einem Leben unter dem bourbonischen Restaurations-Regime vor. Damit repräsentieren das Werk Rudes und der  Arc de Triomphe den „roman national“, also das historisch gegründete Selbstverständnis des „offiziellen“ Frankreich der 1830- Jahre:  Es ging darum, eine Synthese herzustellen zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Kaiserreich Napoleons und um die Selbstdarstellung Louis Philippes als aktuellem  Repräsentanten dieser Synthese.

Wenn  die Armeen der Revolution und die Grande Armee auf dem  Arc de Triomphe also gemeinsam verherrlicht werden und Napoleon  als Triumphator gefeiert wird, dem ewiger Ruhm sicher ist, so hat  das programmatischen  Charakter: Napoleon wird  als legitimer Erbe, als „fils de la Révolution“ in Szene gesetzt, so wie  auch der Bürgerkönig Louis Philippe als rechtmäßiger Erbe der Französischen Revolution (und des empire) angesehen werden wollte.  Dazu passt ja  auch das Schicksal  der Tricolore, der Fahne der Französischen Revolution:  Sie wurde  -Symbol der proklamierten Einheit zwischen erster Republik und Empire-  von Napoleon übernommen,  von den Bourbonen 1814 aber wieder  verbannt, bevor sie  seit der Julirevolution von 1830 und dem Herrschaftsbeginn Louis Philippes erneut und endgültig zur offiziellen Fahne Frankreichs erhoben wurde.

Die „Marseillaise“ und der triumphierende Napoleon: Diese Kontinuität ist Teil der napoleonischen Legende, an der er selbst kräftig und kontinuierlich gearbeitet hat – bis zu seinem Exil in St. Helena, wo er seine Memoiren diktiert. Napoleon sagte und wiederholte, dass er die Verkörperung der Revolution sei, er stellte sich als Erbe von Aufklärung und Revolution dar, auf die er sich allerdings in sehr strategischer, d.h. opportunistischer und selektiver Weise bezog.[23]

Ob bzw. inwieweit  Napoleon tatsächlich legitimer Erbe der Französischen Revolution ist, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Der Streit darüber dauert nun schon mehr als 200 Jahre an. Immerhin gibt es gewichtige Argumente, die gegen die Kontinuität von Republik und Kaiserreich sprechen[24]:

  • Zuerst und vor allem: Napoleon beseitigt am 9. November 1799, dem 18. Brumaire „mit dem ersten Militärputsch der Moderne“[25] die Republik, macht sich zum Kaiser und etabliert eine Erbmonarchie.
  • Durch die Heirat mit einer Habsburgerin, Großnichte von Marie-Antoinette, verbindet er sich mit den alten, von der Revolution und anfänglich auch von ihm selbst bekämpften alten Mächten: Er knüpft damit ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Herrscherpaar des Ancien Régime, das von der Revolution guillotiniert worden war.[26]
  • Die aus Wahlen hervorgegangenen Institutionen werden beseitigt zugunsten eines autoritären Regimes.
  • Die revolutionäre Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ wird von der Fassade des Pariser Rathauses entfernt.[27]
  • Napoleon macht seinen Frieden mit der von der Republik bekämpften katholischen Kirche.
  • Die von der Republik bekämpften Emigranten können im Kaiserreich wieder zurückkehren und werden stillschweigend rehabilitiert.
  • Die von der Republik abgeschaffte Sklaverei in den französischen Kolonien der Karibik wird wieder eingeführt. (27a)
  • Die neue republikanische Zeitrechnung wird wieder beseitigt zugunsten des römischen Kalenders.
  • Freiheiten wie die Pressefreiheit werden eingeschränkt – an ihre Stelle treten Zensur und offizielle Sprachregelungen.[28]
  • Das Schloss des „Sonnenkönigs“ in Versailles sollte zur Residenz des Kaisers ausgebaut werden.(28a)
  • Napoleon wünschte sich, neben den französischen Königen in der Basilika von Saint Denis begraben zu werden.

Insofern erscheint die Zusammengehörigkeit von Revolution und Empire, wie sie auf dem Arc de Triomphe präsentiert wird, als eher problematisch.

Es war übrigens Ludwig van Beethoven, der diese Problematik deutlich gesehen hat: Seine dritte Sinfonie, die „Eroica“ war ursprünglich Bonaparte, dem „Befreier Europas“,  gewidmet. Beethoven hoffte, dass Napoleon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Leben erfüllen würde – als würdiger Erbe der Französischen Revolution. Aufgrund von Napoleons selbstinszenierter Kaiserkrönung änderte Beethoven den Titel der Sinfonie. Er ersetzte den Triumphmarsch durch einen Trauermarsch und nahm die Widmung an Napoleon mit den Worten zurück: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“.(28b)

Aber  natürlich sind die Verdienste Napoleons für Frankreich ganz unbestreitbar: Die Herstellung des sozialen  Friedens nach den langen Wirren der Revolutionszeit, die Sanierung der Staatsfinanzen, der Aufbau eines effizienten Staatswesens, der Code Civil, „Prototoyp jedes Bürgerlichen Gesetzbuches“.[29] Diese Verdienste beziehen sich vor allem auf die Phase des Consulats zwischen dem 18. Brumaire und der Etablierung des Kaiserreichs, die man auch die „poule-au-pot“ Phase Napoleons genannt hat – in Anlehnung an den „guten König“ Henri Quatre, der 200 Jahre zuvor jedem Franzosen  sein sonntägliches Huhn im Topf versprochen hatte.[30]

Auch in Deutschland hat Napoleon tiefgreifende Reformen angestoßen und einen erheblichen Modernisierungsschub ausgelöst.  Er hat, was Friedrich Engels ausdrücklich anerkannte,  wesentlich zur Umwandlung der ständisch-agrarischen in eine egalitär-bürgerliche Gesellschaftsordnung  in Deutschland beigetragen  – ganz direkt in den von Frankreich beherrschten Gebieten, aber auch indirekt: Die „defensiven“ preußischen  Reformen wären  ohne die vernichtenden Niederlagen Preußens wohl kaum erfolgt. Und die Beseitigung des deutschen territorialen „Flickenteppichs“  wurde ja selbst von dem ansonsten der Restauration verpflichteten Wiener Kongress gut geheißen.

Aber Napoleon war nicht nur grenzüberschreitender Herold der Freiheit und des Fortschritts. Er war auch Eroberer und Unterdrücker. Seine Kriege und Siege überspannten die Ressourcen des Landes- da mussten neue Kriege und Siege her. Die benötigte er auch zur Dotierung der  von ihm geschaffenen neuen  Führungsschicht und zur Versorgung seiner Familie in bester Tradition des korsischen Klientilismus.  So knüpfte er  „mit der Eroberung und Unterwerfung fast des gesamten europäischen Kontinents an jene Praktiken an, die seit alters her zu den Zielen  oder Folgen von Eroberungszügen gehörten.“[31] „Die imperialistische Besatzungspolitik Napoleons“ – zu der Plünderungen, massive Kontributionen und Zwangsaushebungen gehörten-   „bedeutete das Ende des  von den Ideen der Revolution gespeisten Kosmopolitismus als normativer politischer Kraft und die Notwendigkeit, die nationale Freiheit gegen den Usurpator zu erkämpfen. Unter Napoleon eskalierte die weltpolitische Mission des revolutionären Frankreichs zur  Herrschaft der französischen Nation über die Völker Europas.“[32] Freiheitsliebe und Patriotismus, die den Impetus der „Marseillaise“ begründeten, wendeten sich nun gegen Napoleon. Sein Bild als lorbeerbekränzter Triumphator und legitimer Erbe der Französischen Revolution ist damit, gerade wenn man  seine Eroberungspolitik einbezieht,  ein einseitiges ideologisches Produkt der 1830-er Jahre, aber auch des bis heute noch andauernden Napoleon-Kults. Allerdings ist es  völlig unangemessen und geschichtsblind, die den Kontinent beherrschenden Eroberer Napoleon und Hitler auf eine Stufe zu stellen, wie gerade kürzlich wieder auf einem Buchcover.

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Gerade  britische Historiker haben öfters solche Parallelen hergestellt, was sicherlich kein Zufall ist. Und  der ehemalige  Londoner Oberbürgermeister und jetzige britische  Außenminister Johnson  hat  ja sogar  Napoleon und Hitler – auf eine Stufe gestellt- bemüht, um den Austritt aus der EU zu begründen.[33]

Wie man die Frage nach dem Zusammenhang von Französischer Revolution und napoleonischer Herrschaft beantwortet, hat übrigens auch politische Relevanz:  Immerhin gibt es ja in Frankreich eine bonapartistische Tradition, also eine politische Richtung, die, skeptisch bis feindlich gegenüber den demokratischen Institutionen und Prozeduren, von einem den Volkswillen unmittelbar repräsentierenden „starken Mann“ an  der Spitze das Heil erhofft. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., und General Boulanger im 19. und der Marschall Pétain im 20. Jahrhundert waren  Adepten eines solchen Bonapartismus. Und bei allen gravierenden Unterschieden: In der die Größe und Unabhängigkeit Frankreichs betonenden Politik de Gaulles und der von ihm  geschaffenen „monarchie républicaine“ lassen sich Elemente des Bonapartismus beobachten.[34] Die gibt es nach dem Urteil kundiger Beobachter  auch in der aktuellen französischen Politik und ihrem Personal:   Für den Journalisten Alain Duhamel ist Nicholas Sarkozy ein Bonapartist und in einer kürzlich von Le  Monde  publizierten Vorstellung der potentiellen Präsidentschaftskandidaten  der französischen Rechten wird Sarkozy als „jacobinischer Bonapartist“ vorgestellt[35], eine interessante  und aus Sicht von Le Monde sicherlich nicht sehr schmeichelhafte Ahnenreihe. Es ist dies eine Kombination, in der Elemente der Französischen Revolution und die Herrschaft Napoleons zusammengeführt sind. Und je weitgehender und umfassender man Napoleon als legitimen Erben, als Sohn der Revolution versteht, desto mehr wird man geneigt sein,  auch spätere bonapartistische Tendenzen oder Nachfolger gutzuheißen.

Der Blick von oben

Aber kehren wir nach diesem  Exkurs zum Arc de Triomphe zurück beziehungsweise klettern wir endlich die Stufen hinauf zu seiner grandiosen Aussichtsplattform. Hier hat man einen wunderbaren Rundblick über die ganze Stadt, auf die Champs Elysées und das Louvre (Foto von Bernd Kursawe)..

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und auch auf das Hochhausviertel La Défense und die Grande Arche, unter der  genau am Tag  der Sommersonnenwende die Sonne untergeht.

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Und es gibt in der Attika  eine Kamera, die das Geschehen unter dem Arc de Triomphe aufnimmt: So kann man –ohne Ehrengast zu sein-  direkt von oben die tägliche  Flammen-Zeremonie am Grabmal des unbekannten  Soldaten beobachten.  Auf dem nachfolgenden, um 18. 20 Uhr aufgenommenen Foto stehen schon die Ehrenformationen bereit und warten, dass der feierliche Akt (um 18.30 Uhr) beginnt.

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Nach dem Heruntergehen sollte man sich  auf der „Rückseite“ des Triumphbogens  das Relief des Friedens ansehen, das es immerhin doch auch gibt. Hier ein Ausschnitt:

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„Minerve,casquée et armée de sa lance domine la composition comme déesse de la victoire et inspiratrice  des arts et des travaux de la paix.“ [36]  Der Frieden, der hier propagiert wird, ist also ein „Siegfrieden“ – so wie ihn Napoleon bis zuletzt immer anstrebte; ein scheinbarer Frieden, der den Keim künftiger Konflikte und Kriege schon in sich trägt.

Praktische Informationen:

Öffnungszeiten:

Vom 1. April bis 30. September täglich von 10 – 23 Uhr

Sonst: täglich von 10 – 22.30 Uhr

Eintrittspreise:

Kostenlos bis zum Alter von 25 Jahren, wenn man aus einem Land der EU kommt.

Sonst: 12 Euro.

Karten kann man sich von der Website des Arc de Triomphe herunterladen und ausdrucken. Sie sind ein Jahr lang gültig. Man muss sich damit nicht in die Schlange vor dem Kartenhäuschen stellen.

Es gibt ein Faltblatt mit Informationen in verschiedenen Sprachen, das man auch  auf Deutsch von der website  des Arc de Triomphe herunterladen kann

http://www.paris-arc-de-triomphe.fr/  Dort unter der Rubrik „approfondir“ der grün unterlegte Kasten:  Lire le document de visite.

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

In der Buchhandlung des Arc de Triomphe kann man auch viele schöne Napoleon- Devotionalien bewundern und erwerben:

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Für 95 Euro gibt eine Figur Napoleons auf dem Schlachtfeld von Jena, 225 Euro kostet Napoleon hoch zu Ross in Berlin….

Und natürlich sollen auch die Kleinen den großen  Napoleon kennen und lieben lernen….

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Anmerkungen:

[1] Centre des Monuments Nationaux (Hrsg): L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014, S. 1 und http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

siehe dazu auch: L’Arc de Triomphe, vu par le écrivains. Nouvelles éditions Scala 2017

[2] Siehe  dazu: Jean Tulard, Le retour des cendres. In: Les lieux de mémoire.  Sous la direction de Pierre Nora. II. La Nation, Band 2, S. 81ff

[3] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober 2016)

[4] http://images.google.de/imgres?imgurl=https://igeekart.files.wordpress.com/2015/01/09-paris-est-charlie-arc-du-triomphe-w529-h352-2x.jpg&imgrefurl=https://igeekart.wordpress.com/tag/arc-de-triomphe/&h=681&w=1024&tbnid=Xt7-0np_PuXllM:&tbnh=90&tbnw=135&docid=Ax2kcTLVUVbF7M&usg=__D0pwy4Afgum6e1J802XQ8FyvNrc=&sa=X&ved=0ahUKEwj9hJ65lsnPAhUJEiwKHY8OAoYQ9QEIIzAB

[5] http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.htm&h=551&w=376&tbnid=7tRDLoO4gsKtgM%3A&docid=PR0lbjyhVEdxlM&hl=de&ei=2P_3V-X-Ecqv6ATux7vYCA&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=11624&page=0&start=0&ndsp=28&ved=0ahUKEwjlyojdvsnPAhXKF5oKHe7jDosQMwgpKAswCw&bih=613&biw=1366

[6] https://beta.welt.de/kultur/article142645109/So-monumental-wollte-Napoleon-Paris-sehen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&betaredirect=true

[7]  Am 2. Dezember 1806 unterzeichnete Napoleon in seinem Lager in Posen (mitten  im Krieg gegen Preußen) eine Dekret zur Errichtung eines Tempels zum Ruhm der französischen Armeen: « Le Monument dont l’Empereur vous appelle aujourd’hui à tracer le projet sera le plus auguste, le plus imposant de tous ceux que sa vaste imagination a conçus et que son activité prodigieuse sait faire exécuter. C’est la récompense que le vainqueur des Rois et des Peuples, le fondateur des empires, décerne à son armée victorieuse sous ses ordres et par son génie. La postérité dira : il fit des héros et sut récompenser l’héroïsme. […] À l’intérieur du monument, les noms de tous les combattants d’Ulm, d’Austerlitz et d’Iéna seront inscrits sur des tables de marbre, les noms des morts sur des tables d’or massif, les noms des départements avec le chiffre de leur contingent sur des tables d’argent. »

[8]http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe

[9] Zitiert in: http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

« Un arc de triomphe y fermerait de la manière la plus majestueuse et la plus pittoresque le superbe point de vue que l’on a du château impérial des Tuileries… Il frapperait d’admiration le voyageur entrant dans Paris… Il imprimerait à celui qui s’éloigne de la capitale un profond souvenir de son incomparable beauté… Quoique éloigné, il serait toujours en face du Triomphateur. Votre Majesté le traverserait en se rendant à la Malmaison, à Saint-Germain, à Saint-Cloud et même à Versailles »

[10] http://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/de-la-fresque-louis-pierre-baltard_le-cortege-imperial-quitte-l-arc-de-triompheé

[11] Es sind in Paris  noch einige wenige Zollhäuser erhalten, so die Rotonde de  la Villette oder die Zollhäuser neben der Place de la Nation. Dazu soll es bei Gelegenheit einen Blogbeitrag geben.

[12] http://reflexionsettemoignages.20minutes-blogs.fr/tag/triomphe

(12a) Auf dem Relief sieht man auch den Namen Arcole – womit die von Bonaparte gewonnene entscheidende Schlacht bei Arcole (bataille de pont d’Arcole) von 1796 gemeint ist. In einem Kommentar des Wirtschaftsteils von Le Monde vom 16. März 2018 habe ich einen Bezug zu dieser Schlacht gefunden. Er zeigt, wie sehr die napoleonischen  Schlachten noch heute im allgemeinen Bewusstsein der Franzosen und sogar in der französischen Sprache verankert sind. Es geht um den gescheiterten Versuch einer Unternehmensübernahme durch den französischen Geschäftsmann Bolloré:

Unter der Überschrift „Le retrait du général Bolloré“ heißt es da: „Ce devrait être son pont d’Arcole.  Une conquête éclair en terre italienne pour renforcer son pouvoir en France. Cela a toutes les chances de se transformer en bérézina….“  berezina steht dabei für ein totales Scheitern – abgeleitet von der vernichtenden Niederlage Napoleons an der Berezina bei de Rückzug der grande  armée aus Russland.

[12b] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[13]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Pertes_humaines_lors_des_guerres_napol%C3%A9oniennes

[14] Englund, Napoleon, S. 566

[15] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober2016/Rubrik Geschichte)

[16] http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html

[17] https://fr.wikisource.org/wiki/Servitude_et_grandeur_militaires/I/1 siehe dazu auch Englund, Napoleon 566/7

[17a]  Siehe folgenden Auszug aus Hugos Rhein-Buch:

… Man mag sich daran erinnern, dass vor etwa sechs oder acht Monaten eine erregte Debatte über die Rheinfrage entbrannte. Rühmliche und edle Geister erhitzten sich damals in Frankreich aufgebracht und heftig. Dabei bildeten sich, wie fast immer, zwei gegnerische Parteien, zwei extreme Positionen. Die einen betrachteten die Verträge von 1815 als vollendete Tatsache und überließen auf dieser Grundlage das linke Rheinufer Deutschland – als Gegenpfand für dessen Freundschaft; die andere Seite protestierte mehr denn je – und unserer Meinung nach zurecht – gegen 1815, forderte heftig, wenn nötig mit Gewalt, das linke links: Le Charivari, Paris, 1835, Abb. Maison Victor Hugo rechts: Victor Hugo (1802–1885) fotografiert von Étienne Carjat, 1876 / aus Wikicommons ©Markt1 // 2020 Rhein-Main Urban Sketchers Rheinufer und wies die Freundschaft Deutschlands zurück. Die Einen opferten den Rhein dem Frieden, die Anderen opferten den Frieden dem Rhein. Nach unserer Auffassung hatten beide Recht und Unrecht zugleich. Zwischen diesen beiden ausschließlichen und diametral entgegengesetzten Haltungen erschien uns Raum für eine versöhnliche Position. Frankreichs Anspruch aufrecht zu erhalten, ohne die deutsche Nation zu verletzen, das war das delikate Problem, für das derjenige, der diese Zeilen schreibt, in seinem Ausflug an den Rhein eine Lösung zu erblicken glaubte.   Zitat aus: https://www.markt1-bacharach.de/pdf/sketcher/1_Handout_DE.pdf

Auch Victor Hugo betrachtete also den Rhein als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, lehnte aber eine gewaltsame Annexion ab, sondern strebte eine -wie auch immer zu erreichende- Lösung mittels einer friedlichen Verständigung im europäischen Kontext an.

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_d%C3%A9partements_fran%C3%A7ais_de_1811

Siehe dazu: Steven Englund, Napoléon, Paris 2004, S. 481/484 und 496

[19] Histoire. Classe de seconde. Paris: Hatier 1990,  S. 114

[20]  http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html „ les guerres napoléoniennes sont l’épilogue de la nouvelle Guerre de Cent ans qui a opposé depuis la fin du XVIIe siècle la France et l’Angleterre pour la domination mondiale, et que la France devait perdre dès lors que les difficultés financières du règne de Louis XVI, puis la Révolution, l’avaient privée de la marine qui lui eût permis de rivaliser avec les Anglais sur les mers. Napoléon accompagne une défaite inéluctable en lui donnant un tour flamboyant.“

[21] https://www.khanacademy.org/humanities/becoming-modern/romanticism/romanticism-in-france/a/rude-la-marseillaise

Siehe: http://www.abcfrancais.com/le-depart-des-volontaires-en-1792-ou-la-marseillaise/

http://www.cndp.fr/crdp-dijon/IMG/pdf/doc_pedagogique_exporude.pdf

Die Darstellung als Bestandteil der „identité nationale“: http://identitenational.canalblog.com/archives/2008/09/20/10677717.html  Das Relief gehört auch zu dem Bildmaterial, das gerne in französischen Geschihtsbüchern verwendet wird. Z.B. Europes d’hier et aujourd’hui. 4ième. Paris: magnard, 1983, S. 177

[22] https://www.google.fr/webhp?sourceid=chrome-instant&ion=1&espv=2&ie=UTF-8#q=Noisot+Parc+et+Musee

http://salon-litteraire.linternaute.com/fr/beaux-livres/review/1800081-bertrand-tillier-napoleon-rude-et-noisot-hidoestoire-d-un-monument-d-outre-tombe

[23] Steven Englund, Napoleon. Paris 2004, S. 439

Wiedergabe der Memoiren unter:: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6151195z/f433.image

Analyse: siehe https://ahrf.revues.org/1871

[24] Ich beziehe mich hier vor allem auf die Zusammenstellung von Maurice Agulhon, Professor am Collège de France: http://www.archivesdefrance.culture.gouv.fr/action-culturelle/celebrations-nationales/recueil-2004/1804-l-empire/napoleon-fils-de-la-revolution

[25] Der Fall Napoleon. Der Spiegel 5.8.2013, S. 113

[26] Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 437

[27] A.a.O. S. 438

(27a) siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (November 2017) 

[28] „La période de 1811 au début de 1813 fut l’apogée de la pire suppression de la liberté de la presse en France jusqu’à Vichy“. Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 383                                                                           siehe auch  http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

(28a) s. Gerald van der Kemp und Pierre Lemoine, Versailles et Trianon, 1979, S.20: „1806/1807: Napoléon 1er fait étudier des projects de restauration et d’agrandissement du château dont il compte faire sa résidence. 1810: début d’importants traveaux…“

(28b) http://1.brf.be/sendungen/klassikzeit/667693/  Im Beiheft zur Aufführung der Eroica in der Pariser Philharmonie am 7.12.2016 durch das Orchestre de Paris findet sich die Information, dass Beethoven den ursprünglich zu Ehren Bonapartes geplanten „marche triomphale“ durch den „marche funèbre“ ersetzt habe: „la Troisième Symphonie est donc tout à la fois une oeuvre de protestation contre le despotisme et une sorte de requiem pour l’idéal démocratique bafoué“. 

[29] Der Spiegel, 32/2013, S. 113

[30] Dazu Laurent Joffrin, Herausgeber von „Liberation“ zu dieser Phase Napoleons: „. S’il était mort en 1805, il serait comme Washington : on trouverait sa statue partout dans Paris ; il aurait sa tête sur les billets. Mais après, il est devenu un peu fou, sa volonté de puissance était sans limite. Il voulait dominer l’Europe parce qu’il avait une capacité militaire supérieure à celle de ses contemporains. Et la France comptait à l’époque un réservoir d’hommes énorme.“ http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

[31] „l’Empereur manque de fonds. Il compte sur la victoire contre l’Angleterre et ses alliés pour résoudre tous les problèmes.“  http://www.larousse.fr/encyclopedie/personnage/Napol%C3%A9on_I_er/134747

Und:  https://books.google.fr/books?id=ak-a7_HnGk0C&pg=PA11&lpg=PA11&dq=napoleonisches+zeitalter+kritik&source=bl&ots=LmxdVEoUUc&sig=6poFzmDtoh9IiUxIKyxhOFnpyQ&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA2vSyxcXOAhUInBoKHQx3Bg8Q6AEITzAJ#v=onepage&q=napoleonisches%20zeitalter%20kritik&f=false

[32] Hans-Walter Krumwiede in:  Kirchengeschichte Niedersachsens:  Vom Deutschen Bund 1815 bis zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland

Siehe auch Götz Aly: http://www.berliner-zeitung.de/kolumne-zweihundert-jahre-voelkerschlacht-i-3826436

[33] siehe: http://www.napoleon.org/magazine/revues-de-presse/la-revue-des-deux-mondes-avril-2005-napoleon-vu-dallemagne-lhomme-du-destin-et-le-non-destin-de-hitler-si-lhabit-ne-sied-pas-la-comparaison-napoleon-hitler-au-rebut/

http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555  Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562. Nicht ganz nachvollziehen kann ich allerdings die Feststellung Englunds, Hitler habe –ebenso wenig wie Stalin und Mussolini- zu den Bewunderern Napoleons gehört – dagegen steht immerhin der spektakuläre Besuch Hiters des Napoleon-Grabes im Invalidendom im Juni 1940.

[34] Michel Winnock: De Napoléon à de Gaulle: la tentation bonapartiste. In. mensuel 124, 1989

Auch unter: http://www.lhistoire.fr/de-napol%C3%A9on-%C3%A0-de-gaulle-la-tentation-bonapartiste

http://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/la-tentation-recurrente-du-bonapartisme

[35] Alain Juppé und Nathalie Kosciusko-Morizet werden dagegen der politischen  Familie der „modérés girondins“ zugeordnet. Le Monde 22. Sept. 2016, S.8

(36)  Éditions du Patrimoine, L’arc de triomphe de l’Étoile, S. 33

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der 11. November: Ein französischer Feiertag im Wandel

Der 11. November ist in Frankreich ein Feiertag, der an den Waffenstillstand von 1918 erinnert. Die zentralen Feierlichkeiten an diesem Tag finden –natürlich- in Paris statt und folgen einem bestimmten Ritual: Zunächst legt der Staatspräsident ein Blumengebinde in den Farben der Tricolore vor der Statue von Georges Clemenceau an der Place Clemenceau zwischen Grand und Petit Palais nieder. Clemenceau war als französischer Vertreter an der Aushandlung der Waffenstillstandsbedingungen mit Deutschland beteiligt und wurde von seinen Landsleuten als Vater des Sieges gefeiert.  Nach dieser ersten Kranzniederlegung fährt der Präsident in Begleitung von Reitern der Garde républicaine in einem offenen  Wagen die Champs –Élysées hinauf zum Arc de Triomphe, wo  er dem Grab des unbekannten Soldaten seine Ehrerbietung erweist. „Avec sa minute de silence, version laïque de la prière, la sonnerie aux morts et l’appel aux morts, la tombe du Soldat inconnu et la flamme du souvenir deviennent les lieux d’un rituel national patriotique“, wie es in einer Sendung von Karambolage über das Ritual des 11. November heißt. [1]

Vom Freudentag zum Gedenk- und  Feiertag

Schon vor dem 11. November 1918 hatte es  Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand gegeben – deren Wahrheitsgehalt bei vielen Menschen  auch für völlig irreal gehalten wurde: Immerhin schien der Feind ja noch lange nicht besiegt, die Front verlief noch quer durch Ostfrankreich.  Als dann am Montag, dem 11. November, der Waffenstillstand offiziell verkündet wurde,  verfiel  Paris  in einen Freudentaumel,  den,  wie der Historiker Jean-Jacques  Becker schrieb, manche Zeitgenossen schon fast als irrsinnig (démente) charakterisierten.[2]

Die erste große Siegesfeier fand zwar am 14. Juli 1919 statt[3], aber dass auch und gerade der 11. November  einen gebührenden Platz in der französischen Erinnerungskultur erhalten müsste und würde, war selbstverständlich. Dies geschah in mehreren Schritten:

  • Am 11. November 1919 wurde zum ersten Mal eine Schweigeminute zur Erinnerung an den Waffenstillstand und die Toten des Krieges eingeführt.
  • Am 11. November 1920 wird unter dem Arc de Triomphe das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht
  • Ab 1922 ist der 11. November offizieller Feiertag in Frankreich
  • Am 11. November 1923 wird zum ersten Mal die ewige Flamme  am Grab des unbekannten Soldaten  entzündet.

Der  Arc de Triomphe als Ort des Grabmals

Die Idee, die Soldaten des „Großen Krieges“ in besonderer Weise zu ehren und einen Ort des Andenkens an sie zu schaffen, entstand in Frankreich schon während des Krieges.  Die  Frage war allerdings, in welcher Form und an welchem Ort.

Am 20. November 1916 stellte der Präsident der Vereinigung  Souvenir français, François Simon, die  Frage, warum man denn nicht die Tore des Panthéons öffne für einen der  vergessenen Soldaten, die für das Vaterland gefallen seien:

Pourquoi la France n’ouvrirait-elle pas les portes du Panthéon à l’un de nos compatriotes oubliés, mort bravement pour la patrie ? pour inscription sur la pierre, deux mots : « un soldat » ; deux dates : « 1914-1917 » [4]

In der Folgezeit werden  viele Ideen diskutiert: Vielleicht doch  besser ein goldenes Buch mit den  Namen aller Opfer des Krieges? – vielleicht eine Kapelle? Die Diskussionen ziehen sich hin bis weit über das Kriegsende hinaus, und es sieht fast so aus, als würde nicht ein unbekannter Soldat beerdigt werden, sondern die Idee überhaupt, ihn in besonderer Weise  zu ehren.

Der entscheidende  Anstoß kommt dann aus Großbritannien. Dort wird Ende Oktober 1920  beschlossen, die sterblichen Überreste eines unbekannten britischen  Soldaten in der Kathedrale von Westminster  neben den Gräbern der Monarchen  zu bestatten- und zwar am ersten Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November 1920. Frankreich fühlt sich erniedrigt und verraten. „Und was macht Frankreich? Nichts!“ empört sich der Abgeordnete André Paisant in einem Zeitungsartikel.[5]  Frankreich mit fast 1,5 Millionen gefallener Soldaten  darf doch nicht hinter den Briten zurückstehen!  Und das Pantheon kann es als würdevoller Ort mit Westminster ja durchaus aufnehmen!  Aber da gibt es zwei Probleme: Am 11. November 1920 ist das Pantheon gewissermaßen schon „ausgebucht“- da soll nämlich dort  -anknüpfend an eine feudale Tradition der Totenbestattung-  das Herz von Gambetta aufgenommen  werden – in der Erinnerung an die 50 Jahre vorher ausgerufene 3. Republik und den Sieg von 1918 gleichermaßen. Zwar könnte man neben dem Herz Gambettas auch den unbekannten  Soldaten pantheonisieren, aber dagegen läuft  die Rechte Sturm: Für sie ist das Pantheon eher eine entweihte Kirche und eine  republikanische Einrichtung. Außerdem sei der unbekannte Soldat kein dem Pantheon angemessener „großer Mann“, sondern „le peuple tout entier„. Die Rechte plädiert also für  den Arc de Triomphe, der allerdings von den Linken als kaiserliches Symbol und „trop militaire“ abgelehnt wird.

(Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Am 8. November 1920 debattiert  die Nationalversammlung   heftig und lautstark über die beiden Alternativen und die Rechte setzt sich durch: Der unbekanne Soldat soll also unter dem  Arc de Triomphe seine letzte Ruhestätte erhalten.[6]

Die Auswahl des unbekannten Soldaten

Jetzt gilt es, in kürzester Zeit den unbekannten  Soldaten auszuwählen. Der 21-jährige Soldat Auguste Thin erhält den ehrenvollen Auftrag, diese Auswahl vorzunehmen. Dafür werden die Reste von 8 nicht identifizierten, aber eindeutig französischen Soldaten  aus 8 französischen Regionen ausgewählt, in denen die schwersten Kämpfe des Weltkriegs stattgefunden hatten. Eigentlich hatte man für die Auswahl 9 Soldaten aus 9 Regionen vorgesehen, aber in einem Fall bot keiner der exhumierten Körper die Garantie, dass es sich auch tatsächlich um einen französischen Kombattanten  handelte. Die Särge der 8 Soldaten werden nach Verdun gebracht – für Frankreich Symbol für die Leiden des Krieges und für die Größe des Sieges.[7]  Auguste Thin wählt den 6. Sarg aus – weil er zum 6. Korps und zum 123. Regiment (zusammengezählt also auch 6) gehörte.

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Der Sarg wird danach zum Bahnhof von Verdun gebracht, so dass er –auf einem fahnengeschmückten Panzer   installiert- rechtzeitig  zu den Feierlichkeiten des 11. November unter dem Arc de Triomphe eintrifft- zusammen mit dem Herz Gambettas.

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Während dies  seinen Weg fortsetzt zum Pantheon, werden die sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten unter dem Arc  de Triomphe bestattet.  Darüber eine Granitplatte mit der Inschrift:

„Ici repose un soldat français mort pour la patrie. 1914-1918.

4 septembre 1870, proclamation de la République.

11 novembre 1918: retour de l’Alsacce-Lorraine à la France“

(Hier ruht ein für das Vaterland gefallener französischer Soldat. 1914-1918

4. September 1870, Ausrufung der Republik

11. November 1918: Rückkehr von Elsass-Lothringen nach Frankreich)

Der Maler Ernest Jules Renoux hat den Augenblick der Bestattung des unbekannten Soldaten in einem  im Petit Palais ausgestellten Bild verewigt und ihm sakrale Weihe verliehen.

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In der Attika des Arc de Triomphe ist die Skulptur eines unbekannten Soldaten  ausgestellt mit brozenen Siegespalmen….

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Die Flamme der Erinnerung

Sakralen Charakter hat auch die ewige Flamme der Erinnerung, die der damalige Kriegsminister André Maginot „–der „Erfinder“ der sogenannten Maginot-Linie- am 11. November 1923 unter den Klängen des Marche funèbre von Chopin zum ersten Mal entzündet. Der Schriftsteller Roland Dorgelès, 1919 berühmt geworden mit dem Kriegsroman  Les Croix de bois, schrieb damals:  «ce sera l’enfant de tout un peuple en deuil et chaque mère pourra dire, s’inclinant sur la dalle : “C’est peut-être le mien…”[8]

Seitdem organisiert die Vereinigung  „La Flamme sous l’Arc de triomphe“ jeden Abend um 18.30 Uhr eine Zeremonie, während derer nach einem sehr feierlichen Ritual die Flamme mit neuem Leben erfüllt wird. Es lohnt sich, schon gegen 18 Uhr an Einmündung der Champs-Elysées in die Place d’Étoile zu sein- da versammeln sich die Teilnehmer der Zeremonie, die i.a. gerne für Erinnerungsfotos posieren.

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An der Zeremonie unter dem Arc de triomphe  „patriotische Organisationen“, vor allem natürlich Veteranen, aber auch Vertreter ganz  verschiedener Organisationen  aus ganz Frankreich und dem Ausland beteiligt – für sie gewissermaßen eine patriotische Wallfahrt.

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Es werden Kränze niedergelegt, die Flamme wird symbolisch neu entzündet und zum Abschluss die Marseillaise gespielt und von vielen Anwesenden auch mitgesungen.

„Diese Flamme, mit der die Nation alle diejenigen ehrt, die für Frankreich gestorben sind, brennt  ununterbrochen seit dem 11. November 1923“ und zwar selbst während der deutschen Besatzung von Paris.[9]

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Die Bodenplatte mit der Inschrift und der ewigen Flamme ist die sogenannte „dalle sacrée“-  sie wird also als heilig bezeichnet. Das ist –gerade in einem laizistischen Land- bezeichnend für die religiöse Überhöhung des Patriotismus rund um den Ersten Weltkrieg: Geheiligt war da schon 1914 die von Clemenceau ausgerufene nationale Einheit, die union sacrée. Diese  französische Variante des Wilhelminischen „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ wird in Krisensituationen wie den terroristischen Anschlägen in Paris heute noch gerne beschworen.[10] Geheiligt war auch der Nachschubweg nach Verdun, der voie sacré, und für viele Kriegsteilnehmer war auch der Krieg insgesamt geheiligt.  Romain Rolland zitiert  in Au-dessus de la mêlée  den Brief eines Freundes aus dem Jahr 1914:

„Quelle race admirable! Si vous voyiez comme moi notre armée, vous seriez enflammé d’admiration pour ce peuple. C’est un élan de la Marseillaise, un élan heroïque, grave, un  peu religieux…. On parlera de nous dans l’histoire. Nous aurons ouvert une ère dans le monde…. La France n’est pas prête de  finir. Nous voyons sa résurrection. Toujours la même: Bouvines, croisades, cathédrales, Révolution, toujours les chevaliers du monde, les paladins de Dieu.“

Philippe Contamine bezeichnet in seinem Artikel Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle, der in der Reihe Les Lieux de Mémoire  veröffentlicht ist, den Patriotismus, wie er sich hier äußert, geradezu als eine neue Religion:

„La nouvelle religion eut ses mystiques et ses dévots, zélateurs convaicus de l’amour de la patrie dont ils se persuadaient, sans trop de peine, qu’il était un sentiment naturel et éternel. Elle eut aussi ses sceptiques, ses agnostiques, ses athées, ses hérétiques.“[11]

Anhänger eines solchen übersteigerten Patriotismus empfanden sicherlich auch die nachfolgenden Gedanken als häretisch, die  einem Besucher des Grabmals des unbekannten Soldaten 1925 durch den Kopf gingen:

‚Mort pour la patrie‘ steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie. Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“ (11a)

Der das schrieb war der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, ein Häretiker dann natürlich auch für die Nazis, vor denen er sich -wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und andere- gerade noch rechtzeitig durch die Flucht über die Pyrenäen retten konnte. (11b)

Die Demonstration des 11. November 1940: Ein Akt des Widerstands

Die Feiern  des 11.  November waren allerdings in den 20-er und 30-er Jahren in Frankreich nicht unumstritten. Das Gedenken an die Toten war es weitgehend, auch wenn es Pazifisten gab, die sich –vereint unter dem Slogan „À bas la guerre“ weigerten, an den offiziellen Zeremonien des 11. November teilzunehmen. Vor allem aber versuchten Extremisten von links und rechts dem 11. November einen anderen  Sinn zu geben, und nahmen den Feiertag zum Anlass, ihre Ideen zu propagieren: Da  ist die 1920 gegründete KPF, die die bourgeoise Republik und den zum Profit der Kapitalisten geführten Krieg  unter der Parole „guerre à la guerre“ ablehnten. Und es waren die Vertreter der extremen Rechten, die,  Republik, Kapitalismus und Kommunismus bekämpfend,  den 11. November nutzten, um ihre Vorstellung eines autoritären, ethnisch reinen und kämpferischen Frankreich zu propagieren- ein Konzept, das dann auch die Neuorientierung des 11. November durch das Regime von Vichy und Pétain prägte: Ihm ging es vor allem um  einen „männlichen Heroismus und den Mythos des vergossenen Blutes“:  So wurde der 11. November  von den Vertretern  der „Révolution Nationale“  in einer Weise gefeiert, dass es auch für die deutsche Besatzungsmacht akzeptabel war.[12]

Die „maréchalistische“ Konzeption des 11. November und die Besatzungsmacht wurden aber am  11. November 1940  in Paris herausgefordert:

Mehrere tausend junge Menschen, überwiegend Schüler/innen und Student/innen kamen  am 11. November 1940  zum Arc de  Triomphe, legten am Grabmal des unbekannten Soldaten Blumen nieder und schmückten sie mit den französischen Nationalfarben. Nach einer gewissen Zeit griffen deutsche Soldaten und französische Polizisten ein und „zerstreuten“ die Menge. Viele Demonstranten wurden verletzt und verhaftet (die Zahlen schwanken zwischen 105 und 143); sie wurden nach wenigen Tagen entlassen.
Es war das erste kollektive Aufbegehren gegen Besatzung und Kollaboration. Vorausgegangen war die Empörung über die Verhaftung des international renommierten Physikprofessors Paul Langevin  am 30. Oktober 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Nach einer ersten Protestaktion am 8. November vor dem Collège de France, wo Langevin unterrichtete, wurde die Parole durch Mund-zu-Mund-Propaganda und vereinzelte Flugblätter verbreitet, sich am 11. November am Arc-de-Triomphe zu treffen. Die Behörden hatten dekretiert: „Öffentliche Verwaltungen und Betriebe arbeiten normal; Gedenkzeremonien finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen werden nicht geduldet.“[13]

Es gibt vier Gedenkplaketten, die an diese Demonstration erinnern:  eine am 11. November 1954 vom damaligen Staatsspräsidenten René Coty enthüllte Tafel an der Einmündung der Champs-Elysées (Nr.  156) in die Place de l’Étoile.[14]

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Die Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 massenhaft vor dem Grabmal des unbekannten  Soldaten  demonstrierten, waren die ersten, die dich dem  Besatzer widersetzten.

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Eine weitere Gedenktafel wurde am  11. November 2010 von Staatspräsident Sarkozy unter dem Arc de Triomphe eingeweiht:

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« En hommage aux lycéens et étudiants de France qui défièrent l’armée d’occupation nazie le 11 novembre 1940 au péril de leur vie »[15].

Weitere  Gedenktafeln  wurde an  dem Maison d’Arrêt de la Santé an der Ecke zwischen dem Boulevard Arago und der Rue  de la Santé (siehe Bild)  und an dem Ort des ehemaligen  Gefängnisses Cherche Midi  angebracht, in die die  verhafteten Studenten und Schüler eingeliefert wurden.

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 Dass sie schnell wieder entlassen wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass weder die deutschen Besatzungsbehörden noch die Regierung von Vichy wenige Tage nach dem historischen Treffen von Montoire zwischen Hitler und Pétain (24. Oktober 1940)  die Politik der Collaboration beeinträchtigt sehen wollten.[16]

Die Feiern des  11. November  1944 und 1945

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 Am 11. November 1944 – Frankreich war damals noch nicht wieder vollständig befreit-  nehmen de Gaulle und Winston Churchill gemeinsam an der Feier des  11. November teil – auch wenn beide ansonsten eher durch „relations tumultueuses“ verbunden waren, wie es selbst auf der offiziellen Website der Organisation heißt, die das Andenken de Gaulles hoch hält.[17] Für Gaullisten und Sozialisten ist diese britische Präsenz bedeutsam, weil für sie damit symbolisiert werden soll, dass die beiden Weltkriege für die demokratischen Werte geführt wurden, die auch von den westlichen Alliierten repräsentiert sind: Hier kündigt sich schon der Kalte Krieg an  und der Gegensatz zu den Kommunisten, die den 11. November in eine Linie mit der russischen Revolution rücken.  Aber dieser sich ankündigenden Auseinandersetzungen über die Zukunft Frankreichs zum Trotz ist der 11. November 1944 in Paris vor allem ein allgemeines Volksfest, in dessen Mittelpunkt ein fünfstündige Zug von mehr als einer Million Menschen die Champs-Elysées hoch zum Arc de Triomphe ist.[18]

Am 11. November 1945 wird besonders die Résistance geehrt:  Die sterblichen Überreste von 15 Männern und Frauen des Widerstands, von Kriegsgefangenen und Deportierten werden an diesem Tag am Arc de Triomphe aufgebahrt, bevor sie dann in der an diesem Tag eröffneten Krypta auf dem  Mont Valérien bestattet werden  – womit eine Brücke zwischen 1914 und 1945 geschlagen wird, dem, wie de Gaulle es formulierte, 30-jährigen Krieg.[19]

Dass die Auseinandersetzungen zwischen rechts und links auch weiter in die Feierlichkeiten des 11. November hineinwirken, sei nur am Rande vermerkt und an einem Beispiel veranschaulicht: Am 11. November 1971 legen 20 Studenten der École Normale der rue d’Ulm in Paris – dem „Tempel der republikanischen Meritokratie“ – einen Kranz nieder für die  normaliens, die (ehemaligen) Angehörigen dieser Eliteschule also, die „victimes des marchands de canons“ geworden seien, und sie singen  die Internationale, während ihre rechten  Kommilitonen  mit der Marseillaise dagegen  halten.[20]

 

Das Gedenken  des 11. November verändert sich

Die 1944 und 1945 praktizierte  Ausweitung des Gedenkens an die Toten beider Kriege  erhält schließlich in einem  Gesetz von 2012  offiziellen Charakter:

« Le 11 novembre, jour anniversaire de l’armistice de 1918 et de commémoration annuelle de la victoire et de la Paix, il est rendu hommage à tous les morts pour la France. Cet hommage ne se substitue pas aux autres journées de commémoration nationales.« [21]

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Die Karikatur aus der Tageszeitung La Croix vom 9.11. 2011[22] zeigt eine Abordnung vor einem Denkmal für die „tapferen Kämpfer“ des Krieges von 1914/18;  und darunter einen Bildschirm mit der Aufschrift

Algerien  und –Libyen

und der Aufforderung, für die weiteren Kriege -und ihre Opfer-  auf diesen Bildschirm zu klicken. Damit wird  veranschaulicht, dass am 11. November nicht nur der Toten des Großen Kriegs gedacht wird, sondern der Toten aller Kriege, an denen französische Soldaten beteiligt waren und noch sein werden: Dazu gehören dann auch die Toten in den Kolonialkriegen wie den Kriegen in Indochina oder Algerien und es gehören dazu die bei internationalen Kriegseinsätzen wie in Afghanistan, Libyen oder dann auch Mali gefallenen französischen Soldaten.  Dass damit eine nicht ganz unproblematische Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege vorgenommen bzw. ihr zumindest Vorschub geleistet wurde, ist kritisch angemerkt worden (zum Beispiel von Rémi Dalisson).  Immerhin ist es ja ein  deutlicher Unterschied, ob ein Krieg  dem Land aufgezwungen wurde  (wie der 2. Weltkrieg) oder bewusst und in höchst problematischer Weise  betrieben wurde (wie der Kriegseinsatz in Libyen[23]), ob er  im Namen der Freiheit geführt wurde (wie der Kampf gegen die deutsche Besatzung) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft, wie der Krieg in Indochina. Aber das scheint im öffentlichen Bewusstsein wohl durchaus vereinbar zu sein, wie das mich sehr irritierende Straßenschild zeigt, auf das ich kürzlich gestoßen bin.

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Jedenfalls ist die Erweiterung des Gedenkens  inzwischen parteiübergreifend Grundlage der Feiern des 11. November. Immerhin wurde  diese Erweiterung von Präsident Giscard d’Estaing initiiert, unter der Präsidentschaft Sarkozys in Gesetzesform gebracht und von Präsident Hollande in seiner ersten  11. November – Rede  2012 zum ersten Mal umgesetzt.

Wenn ausdrücklich von „tous les morts pour la  France“  die Rede ist, dann gehören dazu natürlich auch die Kolonialtruppen, die in den Feiern des 11. November lange keine oder eine eher marginale Rolle spielten. Immerhin wurden im Ersten Weltkrieg etwa 700 000 Mann Kolonialtruppen ausgehoben und besonders  die sogenannten tirailleurs sénégalais haben in den großen Schlachten  des 1. Weltkriegs einen außerordentlich hohen Blutzoll entrichtet.  Auch im Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Kolonialsoldaten auf französischer Seite gekämpft und sie wurden bei der großen Truppenparade des 11. November 1944 bejubelt. Aber das Versprechen, den Kolonialsoldaten des Großen  Krieges nach Kriegsende die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wurde schnell vergessen und die ihnen gezahlte Rente entsprach nur einem Viertel oder gar einem Zwölftel dessen, was  ein Soldat mit französischer Nationalität erhielt.[24] Es hat lange gedauert, bis auch diese Soldaten bei den Feierlichkeiten des 11. November angemessen gewürdigt wurden.[25]

Und es stellt sich,  wenn von allen Toten die Rede ist, auch die Frage, ob in das Gedenken nicht auch die französischen Soldaten einbezogen werden müssen, die –unter manchmal heute kaum noch nachvollziehbaren Umständen- demonstrativ und zur Abschreckung erschossen wurden. In der neuen Gedenkstätte von Verdun wird auch an Ihr Schicksal erinnert.[26]

Und ganz aktuell gehören zu allen Kriegstoten auch die Opfer terroristischer Anschläge in Paris, Nizza und andernorts, denn nach offiziellem Verständnis befindet sich Frankreich ja in einem Krieg mit dem Terrorismus – was unter anderem ja auch bedeutet, dass die Nachkommen der Opfer wie Kriegshinterbliebene behandelt werden, also eine  vom Staat garantierte entsprechende Unterstützung erhalten. (26a)

Einer Erweiterung des Gedenkens hat auch insofern  stattgefunden, dass es nicht mehr ausschließlich/hauptsächlich auf Verdun konzentriert ist: Ein Zeichen  dafür ist die am  11. November 2014 eingeweihte internationale  Gedenkstätte Notre Dame de Lorette: Dort sind auf einen  Ring von 345 Metern  Umfang die Namen von 580 000 Soldaten  eingraviert, die in Flandern  zwischen 1914 und 1918 gefallen sind – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Trennung nach Rang,  Religion oder Nationalität.

Besonders Präsident Sarkozy hat den Feiern des 11.  November neue Akzente verliehen. In der Zeitung Le  Monde wurde sogar von einem Traditionsbruch, einer „rupture“ gesprochen. [27]  Vor allem natürlich für die von ihm angestoßene Ausweitung des Gedenkens an alle für Frankreich gestorbenen Franzosen. Dann durch die Einführung einer Rede unter dem Arc de Triomphe: Hatten sich die Präsidenten  bis 2007 darauf beschränkt, am Grabmal des unbekannten Soldaten ein Gebinde niederzulegen, nutzt er jetzt diese Gelegenheit für eine große  Rede – zentriert um die gemeinsame nationale Erfahrung des Krieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen: wesentliche Bestandteile des französischen „roman national“.

2009 gibt es eine weitere bedeutsame Neuerung: Sarkozy lädt zum 11. November Bundeskanzlerin Merkel ein – gemeinsam verneigen sie sich vor den Opfern  der Kriege und beide halten unter dem Arc de Triomphe eine Rede. Sarkozy verbindet darin den gemeinsamen deutsch-französischen Auftritt mit dem Händedruck zwischen Mitterand und Kohl am 22. September 1984 in Verdun/Douaumont.

Bemerkenswert finde ich an seiner Rede besonders zwei Aspekte: einmal das Eingeständnis, dass Versailles nicht geeignet war,  nach dem schrecklichen Krieg den Weg in  eine friedliche Zukunft zu eröffnen. Allerdings wird das sehr vorsichtig, fast euphemistisch formuliert: Die  Sieger hätten sich geweigert, die Gemeinsamkeit des tragischen Schicksals zu sehen, die sie  mit den Besiegten verbindet, und  es habe ihnen an Großzügigkeit gefehlt[28]: Hier wird immerhin die unnachgiebige Haltung gerade  der französischen Nachkriegspolitik in dem Plural „die Sieger“ aufgelöst, und es wäre doch wohl  selbstverständlich gewesen und hätte kaum besonderer Großzügigkeit bedurft, -beispielsweise-  das demokratisch gewordene Deutschland nach Abschluss des Friedensvertrags in den Völkerbund der Nationen aufzunehmen…  Aber dass in einer solchen Rede an diesem Ort überhaupt eingeräumt wird, dass  1918 zwar der Krieg gewonnen, aber danach der Frieden verloren wurde,  ist wohl schon etwas Besonderes.

Und wichtig ist m.E. auch der Hinweis Sarkozys, dass 2008 der letzte poilu, der letzte französische Soldat des 1. Weltkriegs,  gestorben war. Jetzt sei niemand mehr da, der aus eigenem Erleben und Leiden   „Nie mehr das!“  ausrufen könne.

„Avec le dernier poilu, s’est éteint le dernier témoin qui pouvait encore crier avec la force si grande qu’ont les vrais cris de souffrance : « plus jamais cela ! ».

C’est quand tous les témoins ont disparu qu’il faut prendre garde que l’Histoire ne tue pas le souvenir.[29]

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In der Tat ist es eine große Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem aber auch für Europa, dass  die Kriegserfahrungen der Gründerväter für die Menschen  heute kaum noch nachvollziehbar sind, dass der Frieden in unserem Teil Europas so selbstverständlich geworden  ist, so dass er als zentrale raison d’être für das vereinte Europa nicht mehr ausreicht.  Umso wichtiger ist es deshalb in der Tat, die gemeinsame Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten – aber natürlich und vor allem auch zukunftsweisende  und die Lebensqualität der Menschen betreffende,  überzeugende Perspektiven für das gemeinsame Europa zu eröffnen.

Verwandte Beiträge:

Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)  https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevoix und der (französischen) Teilnehmer des 1. Weltkriegs (Ceux de 14) ins Pantheon am 11. 11. 2020    https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Zum Weiterlesen:

Centre des monuments nationaux: L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014

Rémi Dalisson, 11 Novembre. Du souvenir à la mémoire. Paris: Armand Colin 2013

Rémi Dalisson, Le 11 Novembre tend à devenir une fête de paix. Interview mit Le Monde vom 10.11.2014.

www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/11/10/remi-dalisson-le-11-novembre-tend-a-devenir-une-fete-de-paix_4521409_3448834.html#h6odiMfJOcYkB1co.99

Anette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire ? In: Vingtième Siècle, revue d’histoire  Année 1996  Volume 49  Numéro 1  pp. 31-44  Auch unter: http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

http://centenaire.org/fr/tresors-darchives/fonds-publics/bibliotheques/archives/les-ceremonies-du-11-novembre-entre-les-deux

http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html

Anmerkungen

[1] So der französische Text der Arte-Serie Karambolage von 2006, die dem 11. November in Frankreich gewidmet ist und das dortige Ritual beschreibt:  http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-symbole-le-soldat-inconnu-karambolage.  Die deutsche Variante der Sendung liefert nur eine sehr abgespeckte Version des Rituals:

Der französische Staatpräsident begibt sich unter den Triumphbogen in Paris und legt während einer sehr feierlichen Zeremonie einen Kranz vor die ewige Flamme, die über das Grab des unbekannten Soldaten wacht.“ http://sites.arte.tv/karambolage/de/das-symbol-der-unbekannte-soldat-karambolage

Ein Jahr später ging es dann um den 11. November in Deutschland: Den Beginn der Faschingssaison – was für ein Kontrast!

http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-rite-le-11-novembre-karambolage

[2] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[3] Annette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire? http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombe_du_Soldat_inconnu_(France)  Offenbar ging Simon damals davon aus, dass der Krieg  1917 siegreich beendet sein würde. Souvenir français ist eine 1887 gegründete Einrichtung, die das Andenken an die französischen Soldaten wachhält – zunächst die die des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71

[5] Le pays tout entier se sent humilié et trahi. «Et la France, que fera-telle ? Rien !» s’emporte le député de l’Oise André Paisant dans les colonnes du quotidien «Le Journal » http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

[6] 10 novembre 1920 : un soldat inconnu pour dire l’horreur d’une guerre

FRANCE INFO Y ÉTAIT  dimanche 13 juillet 2014

http://www.franceinfo.fr/emission/france-info-y-etait/2013-2014/10-novembre-1920-un-soldat-inconnu-pour-dire-l-horreur-d-une-guerre-07-13-2014-10-00

In einem 2016 neu aufgelegten Paris-Reiseführer von Waltraud Pfister-Bläske und norbert Kustos (Bruckmann-Verlag)  fand ich übrigens folgende absurde  Information: „Unter dem Bogen liegen die Gebeine von fast 10 Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs“. (S.156) Wie eine angeblich profunde Paris-Kennerin so einen offensichtlichen Unsinn schreiben und wie ein Verlag das durchgehen  lassen kann, ist mir ein Rätsel.

[7] siehe auch den Beitrag über die neue Gedenkstätte in Verdun auf diesem Blog. Und natürlich immer noch grundlegend: Antoine Prost, Verdun. In: Les lieux de mémoire. Sous la direction de Pierre Nora. II. Nation, Bd 2, S. 111-141

[8] http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

Norhttp://www.laflammesouslarcdetriomphe.org/la-ceremonie-du-ravivage/deroule-type-dune-ceremonie/

Siehe auch den Bericht  einer Schulklasse, die an der Flammen-Zeremonie teilgenommen hat:

http://www.ladepeche.fr/article/2016/03/31/2315125-raviver-la-flamme-sous-l-arc-de-triomphe.html

http://memoire1418.free.fr/histoires/histoiresarticle33.html

[10] 13-Novembre: union sacrée après les attentats, les partis suspendent la campagne électorale

http://www.slate.fr/story/109893/13-novembre-union-sacree

[11] Philippe Contamine, Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle  In: Pierre Nora (dir), II, La Nation. Gallimard 1986, p.39  Dort wird auch die  Textstelle von  Romain Rolland zitiert.

(11a) Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902,  München 1990, S. 189/190

(11b) siehe Blog-Text über Sanary, Les Milles und Marseille: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[12] Dazu im Einzelnen: Rémi Dalisson, 11 novembre, Kapitel 2 und 3, S. 76ff

[13] http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

Siehe auch. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[14] Heute Botschaft von Quatar (1, Rue de Tilsit)

[15] „Zu Ehren der Schüler und Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 unter Lebensgefahr die Nazi-Besatzungsarmee als erste herausforderten.“  http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

[16]  „Militärgefängnis Cherche-Midi, 11. November 1940. Hier wurden Schüler und Studenten eingekerkert, die sich nach dem Appell vom 18. Juni 1940 als erste gegen die Besatzer erhoben haben“. Bei dem Appell vom 18. Juni handelt es sich um den berühmten Aufruf de Gaulles zur Fortsetzung des Widerstands. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[17] http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/les-acteurs-de-l-histoire/de-gaulle-et-churchill/reperes/de-gaulle–churchill-des-relations-tumultueuses.php

[18] Im Einzelnen: Dalisson, 11 novembre, S. 116f     Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in dem Andenkenladen der Monuments nationaux im Arc de Triomphe eine Postkarte von der  Parade verkauft wird, die de Gaulle direkt nach der Befreiung von Paris unter dem Arc de Triomphe abgenommen hat, aber keine von der großen Demonstration mit Churchill am 11. November.

[19] http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/onze-novembre-histoire-dune-commemoration-nationale

[20] Dalisson, 11 novembre, S. 166

[21]https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do;jsessionid=5A7B51413B56FAF5DE47F2F351400344.tpdila15v_2?cidTexte=JORFTEXT000025413468&idArticle=&dateTexte=20160309 siehe auch:

http://parhei.hypotheses.org/116

[22] abgedruckt bei Dalisson, 11 novembre, S. XV

[23] Nach einem britischen Parlamentsbericht vom September 2016 war das Frankreich Sarkozys „le principal moteur“ der Militärintervention in Libyen (Mediapart, 15.9.2016). Danach war ein Beweggrund für die Intervention, die Schlagkraft des französischen Militärs –und da vor allem des Kampfflugzeugs Rafale-  zu beweisen. Der französische Staat war nämlich eine Verpflichtung zur kontinuierlichen Produktion des Flugzeugs eingegangen, die er aber –allein schon aus finanziellen Gründen- nicht übernehmen konnte. Man war also dringend auf Exportaufträge angewiesen. Und die „démonstration concrète des possibilités du Rafale en conditions de combat réel“ war erfolgreich. Nach der Libyen-Intervention  kamen endlich die Aufträge: Quatar, Ägypten und im September 2016 der allgemein bejubelte Großauftrag aus Indien. Insofern hat sich –zynisch formuliert- die Intervention in Libyen für Frankreich gelohnt. (http://www.opex360.com/2016/09/16/rapport-parlementaire-britannique-critique-severement-lintervention-en-libye-de-2011/ )

[24] https://blogs.mediapart.fr/gilles-manceron/blog/101114/les-soldats-coloniaux-de-14-18-eternels-oublies

http://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/09/09/verdun-comble-ses-trous-de-memoire_4484577_3448834.html

https://www.herodote.net/1830_a_1962-synthese-43.php

http://www.islamophobie.net/articles/2010/11/10/11-novembre-hommage-aux-soldats-musulmans-morts-pour-la-france

[25] http://www.najat-vallaud-belkacem.com/2014/11/11/rendons-hommage-ensemble-aux-combattants-de-la-1ere-guerre-mondiale/

[26] Zu den drakonischen und z.T. demonstrativen Erschießungen im Ersten Weltkrieg siehe: Nicolas Offenstadt, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914 – 1999) Paris 1999

(26a) http://www.sos-attentats.org/aide-victimes-victime-civile.asp    Insofern war es auch folgerichtig, dass die Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Nizza im Hôtel national des Invalides stattfand.

[27] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[28] „Cette paix nous n’avons pas su la faire en 1918, non seulement parce que les vainqueurs manquèrent de générosité mais aussi parce qu’ils refusèrent de voir le destin tragique qui les liait aux vaincus et que l’indicible horreur de la guerre venait de révéler.“ http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html

[29]Die Rede von Präsident Sarkozy:  http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html  (Um Missverständnissen  vorzubeugen: Ich bin wahrhaftig kein Fan  Sarkozys und finde sein Vorhaben, noch einmal französischer Präsident zu werden, geradezu peinlich und politisch schädlich).

Die Rede von Bundeskanzlerin Merkel: http://www.france-allemagne.fr/Bundeskanzlerin-Merkel-nimmt-an,4962.html