Nachfolgend werden drei weitere, ganz unterschiedliche, auch mit unterschiedlichen Techniken arbeitende, originelle und aus Paris nicht wegzudenkende Street-Art-Künstler vorgestellt: Thomas Vuille, das „Herrchen“ von Monsieur Chat, Miss Tic mit der charakteristischen Kombination von Frauenfiguren und nachdenklichen oder provozierenden Sprüchen, und Fred le Chevalier und seine poetischen Figuren. Für diesen wie für die vorhergehenden Beiträge gilt der Hinweis, dass es sich bei der Street-Art um eine ephemere Kunst handelt: Es ist also nicht garantiert, dass es die nachfolgend abgebildeten Werke heute noch gibt- zumal die Fotos über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht wurden. Aber wie auch bisher schon: Sie sollen dazu anregen, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Und wenn man dann manches vermissen wird: Es gibt immer genug Neues zu entdecken!
Monsieur Chat
Der fette und meist gelbe Kater, der den Flaneur ab und zu von den Pariser Hauswänden –angrinst, heißt Monsieur Chat.
Hier zum Beispiel ziert er das geschlossene Rollgitter des Künstlerhauses im Goutte d’Or. Ein paar Schritte weiter –passender Weise in der rue Mann-Chat- freuen sich gleich mehrere Kater, dass die mit der republikanischen Kokarde geschmückte Marianne Menschen aus aller Welt an ihre Brust nimmt.[1]
Oft hat er sich Plätze ausgesucht, die ziemlich weit oben und scheinbar unzugänglich sind, wie hier in der rue Drevet im 18. Arrondissemet.
M Chat ist auf den ersten Blick wiederzuerkennen. Es handelt sich aber immer um originale Figuren, während Miss Tic und Fred le Chevalier Techniken verwenden, die identische Reproduktionen und entsprechend auch vielfache Variationen ermöglichen.
Manchmal lässt er sich sogar auf ziemlich waghalsige Klettertouren ein, zum Beispiel auf ein Dach neben der Kirche Saint- Merry. Sehen kann man ihn da aber nur von der oberen Aussichtsplattform des Centre Pompidou – bzw. von dem dortigen Café/Restaurant aus und auch nur dann, wenn man das wunderbare Panorama eingehender betrachtet.
Hier sieht man ihn in der Rue Rivolit, am Kamin des Hotels France Louvre gegenüber der Mairie des 4. Arrondissements.
Auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen: Der Kater in der rue du renard (ebenfalls 4. Arrondissement):
Sein „maître“ heißt Thoma Vuille, der inzwischen auch internationale Karriere gemacht hat.[2] In Paris bekommt er Aufträge renommierter Adressen: z.B. die Ausmalung der Rollgitter des ehemaligen Kaufhauses BHV Homme in der rue de la Verrerie im Marais.
Diesen Teil des Kaufhauses gibt es nicht mehr; die grinsenden matous trösten etwas über die Tristesse der geschlossenen Läden hinweg.
Ziemlich trist ist auch ein kleiner Platz im 11. Arrondissement, an dem ich fast täglich auf meinem Weg zum marché d’Aligre vorbeikomme. Da brachte M Chat 2012 etwas Freude und Farbe hinein, was eine amerikanischen Touristin zu der Bemerkung veranlasste, Frankreich im Allgemeinen und Paris im Besonderen hätten wohl ein anderes Verhältnis zur Street-Art, als sie es von den Vereinigten Staaten her kenne, wo Street-Art im Allgemeinen als Vandalismus behandelt werde.
Allerdings kann, wie wir noch sehen werden, auch M Chat davon ein trauriges Lied singen, und seine Werke leider oft auch, gerade wenn der grinsende Kater einmal nicht auf den Dächern von Paris herumspringt, sondern die Passanten auf Augenhöhe ansieht wie hier. [3]
2013 habe ich an dem kleinen Platz ein Foto gemacht, da war die Wand ziemlich beschmiert, und inzwischen sind Kater und Blumen ganz verschwunden, wie auch sein Kollege, den es damals ganz in der Nähe gab.
Das kann man bedauern, muss es aber als Begleiterscheinung des ephemeren Charakters der Street-Art wohl akzeptieren.
In einem Tunnel der promenade plantée (12. Arrondissement) hat sich der Kater unter andere -zum Teil prähistorische Tiere- gemischt und scheint sich da offensichtlich wohl zu fühlen. Aber wie lange noch? (aufgenommen im März 2019)
Der grinsende Kater bringt also –zumindest zeitweise- etwas Freude und Farbe in die Stadt, was allerdings nicht alle so sehen: Im Oktober 2016 wurde Thomas Vuille zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“. Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gard du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem Kater verziert. Für die staatliche SNCF war das Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. (Angesichts solcher staatsanwaltlicher Usancen wundert es einen übrigens nicht, dass viele französische Strafanstalten hoffnungslos und z.T. sogar in menschenrechtswidriger Weise überbelegt sind.[4]) Die Richter des „Tribunal de Grande Instance de Paris“ (!) haben aber immerhin davon abgesehen, M Chat ins Gefängnis zu stecken. Allerdings bleibt an M Chat der Vorwurf der „dégradation“, der Beschädigung, hängen, was für ihn allerdings nicht nachzuvollziehen ist. Er habe sich gerade an diesem Begriff gestört, stellte er in einem Interview mit dem Figaro fest. „Ich betrachte mich nicht als jemand, der Sachen beschädigt.“ Angesichts der tristen Verhältnisse um ihn herum sei es doch ein dringendes Bedürfnis sich zu entspannen. Mit seinem Kater versuche er, ein positives Symbol zu schaffen, das die Menschen daran erinnere, dass es Hoffnung gibt. Aber das habe, wie das Urteil zeige, eben seinen Preis.[5]
Die SNCF kann also offenbar keinen Unterschied machen zwischen Schmierern einerseits, die ganze Züge mit ihren tags verunstalten, sie manchmal sogar in die Scheiben einritzen, und andererseits einem echten und prominenten Street-Art- Künstler, dessen Kater an einer Baustelle des Nordbahnhofs strafbar ist, an anderen Stellen aber hochwillkommen: So offensichtlich am Eingang der renommierten École nationale supérieure des beaux-art im Pariser Quartier latin…
Inzwischen ist M Chat auch in Kunstgalerien und Ausstellungen vertreten. So in der Galerie de la Sablière in der vornehmen rue de Grenelle in Paris, wo er zu den unverkäuflichen Ausstellungsstücken gehört oder in der Urban Art-Ausstellung 2017 in der Völklinger Hütte (Weltkulturerbe), wo er zu den Ehrengästen gehörte.
Und vor einigen Jahren wurde er sogar eingeladen, den Vorplatz des Centre Pompidou mit seinem Besuch zu beehren.[6]
Ende 2017/Anfang 2018 gab es in Paris eine Ausstellung mit dem schönen Titel „M Chat aime Paris“ in dem Hotel mit dem schönen Titel „Jules & Jim“, in der Nähe der Métro – Station Arts et Métiers gelegen, worauf das nachfolgende Plakat hinweist. Die Ausstellung markiert und feiert den 20. Geburtstag von M Chat.[7]
Dass M Chat Paris liebt, ist hoffentlich auch in dieser kurzen Präsentation deutlich geworden, auch wenn der Eiffelturm auf dem nachfolgenden Bild sicherlich nicht so sympathisch dargestellt ist wie der lachende, geflügelte Kater.
Und dass M Chat in der gerade im Umbau begriffenen Metro-Station Place de Clichy die leere unansehnliche Plakatfläche mit seinem Kater verziert, macht ihn zusätzlich sympathisch. Die RATP wird hoffentlich nicht so verbohrt sein wie die SNCF und das als Sachbeschädigung verfolgen…. (Aufgenommen am 27. Januar 2019)
Bei einer Übersicht über die Pariser Street-Art-Künstler darf natürlich Miss Tic nicht fehlen, die seit 1985 in Paris vertreten ist. Hinter dem Pseudonym Miss Tic verbirgt sich Radhia de Ruiter, die sich als „Poetin der städtischen Kunst“ versteht. Sie wurde 1956 in Paris geboren – der Vater war ein aus Tunesien stammender Arbeiter, die Mutter Französin. Viele ihrer Bilder finden sich in dem Viertel Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, wo sie aufgewachsen ist und auch ihr Atelier hat.
An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles
Das Männliche bringt es voran- aber wohin? Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung
Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion (Butte aux Cailles)
Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus (rue du moulin des prés, Butte aux Cailles)
Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles
Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss-Tic auf die Anschläge vom 13. November 2015. Denn Ziel der Anschläge waren damals auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern; den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss-Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen!
Auch in dem 11. Arrondissement, in dem wir wohnen, finden sich viele Arbeiten von ihr, in der rue de la Forge Royale, einer kleinen Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine, gleich dreimal und gleich dreimal spielen dabei Katzen eine wichtige Rolle:
Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln
Das Atelier Elio, das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt, hat das Bild von Miss Tic sogar verglast und eingerahmt, sodass es vor möglichen Beschädigungen geschützt ist.
Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen
Die freundliche Besitzerin des Ladens hat mir erklärt, wie sie zu der Arbeit von Miss Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.
Es rächt sich, die Zeit totzuschlagen. Ecke rue Faidherbe/rue J.Macé. 11. Arrondissement
Frauenbuchhandlung Violette et Co rue de Charonne
Imprimerie Magenta, rue des Écoles, 5. Arrondissement. September 2021
Das Markenzeichen von Miss Tic ist die Kombination von Bildern –meist attraktiven jungen Frauen, manchmal auch femmes fatales- und kurzen Sprüchen, die oft zum Nachdenken anregen wollen. Auf der Website von Miss Tic ist das so formuliert:
Avec des dessins de femmes caractéristiques et des phrases incisives, ses créations expriment la liberté. Tout son art repose sur un subtil mélange de légèreté et de gravité, d’insouciance et de provocation. [8]
Nicht nachvollziehen kann ich die Charakterisierung der Schablonenabbildungen von Miss Tic, wie sie in einem Bericht über Pariser Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln in der Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 2020 zu lesen war. Da ist nämlich von Frauen „als Sexobjekte mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen“ die Rede. (FR 1. Juli 2020). Die Frauen von Miss Tic sind aber alles andere als Sexobjekte, sondern sie sind es, die über ihr eigenes Leben bestimmen und die sich -eher als die Männer- als das starke Geschlecht präsentieren.
Die Leidenschaft verschlingt die Zeit, die Liebe genießt sie (11. Arrondissement)
rue Descartes
Madame träumt, Monsieur schnarcht
Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)
Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé) (rue Faidherbe, 11. Arr., ebenfalls Butte aux Cailles)
Im April 2019 war das Bild allerdings verschwunden. Es war, wie mir ein Angestellter des marokkanischen Traiteurs erklärte, beschmiert worden, Miss Tic würde es aber „demnächst“ erneuern. Und tatsächlich: Seit Oktober 2019 gibt es dort wieder „eine neue Miss Tic“ – diesmal vorsichtshalber geschützt mit einer Folie… Und gleich daneben kann man noch eine alte handgeschnitzte nordafrikanische Holztür bewundern.
Ich fliehe nicht, ich entferne mich
Die Arbeiten von Miss Tic sind oft provokativ: Hier zum Beispiel werden Frauen aufgefordert, ihren Mann zu „delokalisieren“. (Ecke rue Chanzy/ rue Faidherbe. 11. Arrondissement). Schmierereien als Reaktion: Ein Armutszeugnis!
1997 wurde auch Miss Tic wegen Beschädigung einer Wand angezeigt und 2000 in letzter Instanz zu 4.500 Euro Geldbuße verurteilt. Inzwischen kann sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen: Sie arbeitet für Zeitschriften, ja selbst für Louis Vuitton, ist in Ausstellungen vertreten und macht Werbung:
Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang ihren Slogan von Miss Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.[9]
Und auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv…
Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen. Dies ist eine Briefmarke einer ganzen Miss Tic-Serie, die 2011 zum Tag der Frau von der französischen Post herausgegeben wurde.
Zum Schluss dieses Abschnitts noch eine kleine Suchaufgabe:
Auf der Website von Miss Tic[10] sind zwei im Sommer 2017 von ihr gestaltete Wände in Paris abgebildet –jeweils wieder mit charakteristischen Wortspielen:
Eine Frau, die man diffamiert (femme/diffame)
Die Liebe verleiht Flügel, damit man dann umso besser gerupft/entblättert werden kann.
Leider wird aber nicht mitgeteilt, wo diese beiden Arbeiten zu finden sind. Über „sachdienliche Hinweise“ würde ich mich freuen. (10a)
Fred le Chevalier
Fred le Chevalier verwendet nicht wie Miss Tic die Schablonentechnik (Pochoir), sondern er bedruckt Papier, das er dann an die Wände klebt. Es sind also Collagen aus bedrucktem Papier, eine Technik, die zwar auch zahlreiche Reproduktionen und Variationen ermöglicht, aber sehr anfällig ist gegenüber den Unbilden der Witterung und dem Vandalismus, zumal seine Arbeiten –anders als viele von M Chat- leicht zugänglich sind. Diese junge Frau neben den Mülltonnen in der Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement hatte jedenfalls nur ein kurzes Leben.
Und die Königin (oder Zauberin?) in der rue de Charonne (11. Arrondissement schmückte auch nur für kurze Zeit die triste Hauswand, die Fred le Chevalier für sie ausgesucht hatte.
In der rue de Ramponeau, wo wir öfters vorbeikommen, gibt es (April 2019) nur noch einen viel versprechenden Text. („Es wird eine Zukunft für die Ewigkeit geben.„) Das dazugehörige Bild ist leider verschwunden.
Ihm war offensichtlich nur eine kurze Zukunft beschieden, geschweige denn Ewigkeit. Hoffentlich ist der Frau an der ehemaligen Bäckerei in der rue Léon Frot Nr. 64 (11. Arrondissement- aufgenommen Dezember 2018) ein etwas längeres Dasein vergönnt, auch wenn Fred le Chevalier in der Legende dieses Bildes -passend zum Ort- auf die Vergänglichkeit des Lebens hinweist („Les années nous ont pixelisé).
Die Vergänglichkeit ist für Fred le Chevalier in der Tat ein wesentliches Element der Street-Art.
„„I think that one of the most beautiful aspects of street art is that you put up something and you don’t know whether it will be there for five minutes, or one year. It’s part of the game to know that they might disappear, and it’s part of the beauty to know that they will disappear, it is a paradox.“[11]
Allerdings ist das Verschwinden seiner Collagen für mich besonders bedauerlich. Man findet seine Figuren in kleinen Passagen, vergessenen Ecken und versteckten Plätzen: Er schmückt mit ihnen gerne besonders triste Ecken der Stadt schmückt – sie verdienten also durchaus ein etwas längeres Leben.
Fred le Chevalier kommt aus Angoulême, was für seine Entwicklung eine große Rolle spielt, wie er in einem anderen Interview bekannte:
I do not have a fine art degree, my background is not coming from the street or the graffiti world. I’m from Angoulême where there is a comics festival, so “image” was therefore ultra-present in my life , plus a dad who was painting and a mother who reads a lot . So if I mix it all; it gives a natural focus to drawing, and an approach to the street which is quite logical, because there a sense of gratuitousness, freedom and do things spontaneously.[12]
Seinen Künstlernamen hat sich Fred le Chevalier wegen seiner Liebe zur ritterlichen Welt und der entsprechenden Literatur (Dumas, Cervantes) gewählt und seine Motive sind auch oft aus diesem Bereich gewählt. Die Papierschnitte sind meistens schwarz/weiß, aber ein rotes Herz gibt es fast immer – und manchmal ist es auch –wie man sehen kann- rot/grün. Seine Arbeiten sind außerordentlich poetisch und phantasievoll, und es ist immer eine Freude etwas (Neues) von ihm zu entdecken- wie zum Beispiel diese Frau in dem bei Joggern beliebten couloir verte (12. Arrondissement, an der rue du Sahel), aufgenommen im September 2019.
An der Unterführung des couloir verte unter dem Boulevard Soult gibt es auch noch weitere Werke von Fred zu sehen (Oktober 2019):
Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten ist Ménilmontant im 20. Arrondissement und da vor allem die Place de Ménilmontant:
Die Arbeiten Freds sind manchmal auch mit einer Botschaft versehen, so die Arbeiten zur Legitimität gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – oft mit der unmissverständlichen Unterschrift „L’amour n’est jamais sale“ (Die Liebe ist nie schmutzig)
Eine für Fred le Chevalier eher untypische schriftliche und ausführliche Botschaft enthält die nachfolgende Arbeit: Passend zum multikulturellen und politisch aktiven Stadtteil Belleville (siehe Blog-Beitrag über Belleville), wo ich sie gefunden habe, ist es ein Aufruf zum friedlichen Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens und (in ironischer Variante) zum politischen Engagement: Die protestantischen Staaten wie Schweden, Finnland, Deutschland, USA, Neu Seeland etc seien alle reich. Also: „soyons protestants“.
Wie die anderen in dieser Street-Art-Reihe vorgestellten Pariser Straßenkünstler hat Fred le Chevalier inzwischen ein „Gesicht“ und einen Namen, und damit auch eine ganz offizielle und wohl auch existenzsichernde Präsenz im öffentlichen Raum.
Hier zum Beispiel sein Logo für die u.a. von der Stadt Paris organisierte Veranstaltungsserie „Paris, face cachée“ 2019 (https://www.parisfacecachee.fr/)
Ein Buch mit Zeichnungen hat Fred auch veröffentlicht, worauf es in „Le Bouquin qui bulle“ in der Rue de l’Orillon (11. Arrondissement, November 2018) einen schönen Hinweis gibt. (13):
Wir sind alle Könige in einem Land, das nicht existiert
Und auf seiner Website findet man Hinweise auf seine Ausstellungen.[14]
Es gilt also auch hier:
(Puzzle-Teil von Bea Pyl in der rue Charles Delescluze im 11. Arrondissement)
Anmerkungen:
[1] Siehe den Blog-Beitrag: La Goutte d’or oder Klein-Afrika in Paris (Mai 2016)
(10a) Eine Pariser Bekannte, die Miss Tic kennt, hat bei ihr wegen der beiden Arbeiten angefragt. Miss Tic hat zwei Hinweise gegeben: Die „femme qu’on diffame“ hat etwas mit Amélie Poulain zu tun und beide Arbeiten befinden sich im 18. Arrondissement. Das könnte doch das „jeu de piste“ erleichtern…..
Anna Seghers, geboren am 19.11.1900 als Netty Reiling, ist Einzelkind und stammt aus einer reichen jüdischen Familie in Mainz. Der Vater ist Kunsthändler und Netty promoviert 1924 über das Thema „Juden und Judentum im Werk Rembrandts“ in Heidelberg. Dort lernt sie Laszlo Radvanyi, ebenfalls Jahrgang 1900, einen ungarischen Soziologen und engagierten Kommunisten kennen. 1925 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. 1926 wird ihr Sohn Peter geboren. Erste Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Anna Seghers – Hommage an den niederländischen Maler und Grafiker Hercules Seghers – erscheinen. 1928 kommt Tochter Ruth zur Welt und Anna Seghers tritt der KPD bei. 1933 zwingt der Reichstagsbrand das Ehepaar Radvanyi zur Flucht. Sie gehen in die Schweiz, die Kinder bleiben vorerst bei den Großeltern in Mainz. Schließlich siedeln sie nach Paris über und holen die Kinder nach. Es folgen sieben relativ ruhige Jahre des Exils im Pariser Vorort Bellevue-Meudon. Die Kinder besuchen die Schule, Anna Seghers nimmt sich die notwendige Zeit zum Schreiben, indem sie in Pariser Cafés geht und dort arbeitet. „Das Siebte Kreuz“ entsteht. Eine Kinderfrau ist immer da und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. In dem schwierigen Leben des Exils so weit wie möglich Normalität zu etablieren, ist eines der Hauptziele von Anna Seghers. Schwer wird es erst, als ihr Mann 1940 mit Kriegseintritt als „feindlicher Deutscher“ interniert wird, sie mit den Kindern auf sich allein gestellt ist und die Wohnung verlassen muss, um Recherchen der Gestapo zu entgehen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit den Kindern in die unbesetzte Zone nach Südfrankreich gelingt es ihr beim zweiten Versuch, in die Nähe des Internierungslagers Vernet zu gelangen, um Kontakt zu Ehemann und Vater aufzunehmen und die Kinder wieder in der Schule anzumelden. Nach aufreibenden Verhandlungen – der begonnene Roman „Transit“ legt davon Zeugnis ab – gelingt es schließlich der vereinten Familie Radvanyi von Marseille aus Europa zu verlassen in Richtung Mexiko, das zweite Exil, ein zweiter völliger Neuanfang. Aber immer gehen die beiden Kinder zur Schule, so dass sie bei ihrer Rückkehr in Frankreich problemlos studieren können. Und nie hört Anna Seghers auf zu schreiben, was ihr das Durchhalten ermöglicht. Sie ist – darauf hat Christa Wolf verwiesen – Deutsche, Frau, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin und Mutter – die größte denkbare Herausforderung in ihrer Zeit des Exils.
Im Folgenden sollen die Stationen von Anna Seghers im Pariser Exil aufgezeigt werden. Es sind Orte, die auch heute noch gut zugänglich sind : Bahnhof, Hotel, Wohnhaus, Café. Dazu werden entsprechende Bezüge aus ihrem Werk oder anderen Quellen herangezogen und kommentiert. (1)
I. GARE DE L‘EST (Ostbahnhof) Ankunftsort deutscher Flüchtlinge in Paris
Auch heute noch kommen die meisten Besucher aus Deutschland mit dem ICE oder TGV im Pariser Ostbahnhof, Gare de L’Est, an – einem modern renovierten hochgeschwungenen Bahnhof aus dem 19.Jahrhundert – ein architektonisch beeindruckender großzügiger Empfang. All die Menschen, die in den 30 er Jahren Nazi-Deutschland schweren Herzens und voller Zukunftssorgen verlassen mussten, um im freien Frankreich Asyl zu suchen, werden das sicherlich kaum bemerkt haben.
Als Anna Seghers mit ihrer Familie hier ankam, hatte sie die beiden Kinder Pierre und Ruth in Straßburg abgeholt, dort waren sie von der Großmutter übergeben worden. In der ersten Zeit des Exils in der Schweiz und die ersten Wochen in Paris hatte das Ehepaar die Kinder bei den Großeltern in Mainz gelassen. Und sie dann nachgeholt.
Anna Seghers schreibt zu dieser denkwürdigen Ankunft
„Die Frau, die die Grenze passiert hat, die eines Abends am Gare de l’Est ankommt, die ist hellwach, nicht bloß aus Gespanntheit, aus Erschöpfung – hellwach in ihr ist die Kraft, die vielleicht ihr Leben lang, vielleicht Jahrhunderte verschüttet war, weil niemand ihrer bedurfte. Jetzt ist sie wieder die Frau von Kriegszügen, von Verbannungen, von Völkerwanderungen. Sie wird vor den ungewöhnlichsten Augenblick gestellt, auf dass sie ihn zwinge, die Züge gewöhnlichen Lebens anzunehmen, damit man ihn ertragen kann. Auf dem fremden, wilden Bahnhof, im Geknatter der fremden Sprache, hält sie Gepäck und Kinder zusammen. Misstrauisch mustert sie das Zimmer, von dem der Mann behauptet, es sei provisorisch. Sie reißt das Fenster auf. Sie hat Nähzeug zur Hand und näht rasch einen Knopf fest. Sie beschnuppert das Bettzeug. Der Mann schimpft wohl über all das Gehabe, doch ist er plötzlich erleichtert. Der furchtbarste Augenblick des gemeinsamen Lebens wird dadurch gezähmt und gebändigt. Geht diese Kraft der Frau ab, dann ist es schwerer für die Familie…“(A.S. 1986 130/31)
Der französische Bahnhof wird als „fremd“ und “wild“ wahrgenommen, vom „Geknatter der fremden Sprache“ ist die Rede. Später von „misstrauisch“ und dem Zweifel, ob die Unterkunft wirklich „provisorisch“ bleibe. Beschreibung eines sehr schwieriger Transit-Moments vom Bekannten ins Ungewisse, von der Heimat in die Fremde. Aber die Familie ist ab jetzt vereint.
In die konkrete Darstellung der beklemmenden Situation im Hotelzimmer mischen sich geradezu philosophische Überlegungen der Autorin zur Rolle der Frau/Mutter im Exil. Seghers beschwört in diesem Zusammenhang die sehr einfache, aber im Kontext fast magische Fähigkeit von Frauen, durch kleine notwendige Alltagsgesten den schweren Bann des Schicksals zu relativieren und so erträglich gestalten zu können. In der Tat : In einem völlig neuen Umfeld ist es eben sehr beruhigend zu erleben, wie vertraute Tätigkeiten selbstverständlich weiter verrichtet werden (z.B. Knopfannähen). Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Zuversicht. Diese Aufgabe – damals als rein frauenspezifisch angesehen – wird hier von Anna Seghers als entscheidend für das Gelingen von Exil-Leben, für Paare und vor allem für Familien, angesehen. Eine solche Heraushebung der Alltagsleistung von Ehefrauen und Müttern für die Lebensqualität im Exil erstaunt und sticht hervor in einer Zeit, in der die Haus- und Erziehungsarbeit der Frauen deutlich weniger beachtet und geschätzt wird als die bezahlte Erwerbsarbeit von Männern. In ihrem Aufsatz „Frauen und Kinder in der Emigration“ (1986) betont die Autorin immer wieder die Herausforderung aus dem „ungewöhnlichen Leben“ im Exil ein möglichst weitgehend „normales“ zu gestalten. Dieser Anforderung hat sie sich selbst als Mutter in Frankreich und später in Mexiko immer wieder gestellt, indem sie konsequent ihre Kinder in die Schule schickte und diese somit eine lückenlose französische Schulausbildung erhielten, die ihnen nach dem Krieg ein Studium in Frankreich ermöglichte. Über die Kinder in der Schule blieb sie auch immer mit einer sehr wichtigen Einrichtung des Gastlandes in Kontakt, also eine Art wichtiger Integration. Die Doppelbelastung von Familie und schriftstellerische Tätigkeit war zu meistern, da „Rodi“, ihr Mann, sich wenig um die Kindererziehung kümmerte. Dafür gab es die Hilfe von Hausmädchen, die wichtige Bezugspersonen für die Kinder wurden. „Dadurch, dass ich zum Glück Kinder habe, wird alles doppelt schwer“ (A.S. 1986,30) fasst sie ihre Situation in einem wunderbaren Satz zusammen, der die ganze Ambivalenz ausdrückt. Die Kinder sind zwar eine zusätzliche Last, aber auch ein lebenswichtige positive Verbindung zur Realität im Exil. Ist nicht der verzweifelte Schriftsteller Weigel in „Transit“, der sich das Leben nimmt, als in Paris die deutschen Truppen einmarschieren, das Gegenbeispiel zu ihrer Auffassung, wie wichtig die Normalität, Alltäglichkeit ist um nicht den Mut zu verlieren? Anna Seghers hat immer wieder betont, dass Exil nicht nur Verlust sei, sondern auch große Chancen berge. „Viele zur Emigration gezwungeneMenschen glauben am ersten Tag, alles verloren zu haben. Später haben sie dann gelernt, dass sievieles gefunden und vieles gewonnen haben, wovon sie früher nicht einmal wussten, dass es dasgab.“(A.S. 1986, 129) Dies gilt in gewisser Weise besonders für Frauen, die leichter als ihre Männer in einem fremden Land etwas Geld verdienen können, da sich diese meist an ihren Beruf gebunden fühlen. Diese neue Rolle, entscheidend zum Lebensunterhalt beitragen zu können oder zu müssen, verändert den Status der Frau in der Beziehung zu ihrem Partner und im Sozialgefüge der Exilierten insgesamt. Das Gleiche galt unter anderen Vorzeichen auch für die meisten Frauen und Mütter nach Kriegsende. Gewiss bedeutete das mehr Selbstbewusstsein, aber noch keine Emanzipation. Frauen bleiben allein für die Kinder zuständig, ein Prinzip, das nicht in Frage gestellt wird, auch wenn die Mutter eine bekannte Schriftstellerin ist, deren Tätigkeit das Überleben der Familie sichert wie im Fall von Anna Seghers. Sie sei überstrapaziert, so erklärt sie einmal in einem Brief an Bredel. Nicht nur wegen der Fertigstellung ihres Buches und kurzer Krankheit, sondern auch durch Aufgaben für Haushalt und Familie. Daher bat sie ihn einmal <inoffiziell und freundschaftlich< zu bedenken : Du bekommst, weil du ein berühmter Mann bist, auch deine Knöpfe von weiblichen Personen angenäht… Solche Äußerungen, in denen Anna Seghers ihr Frau-Sein thematisiert, sind selten. Es war ihr unangenehm sich schwach zu zeigen oder sich über ihre Rolle als Frau zu beklagen. (A.S. Briefwechsel 1933-45, S. 283)
Aber genau deshalb betont sie immer wieder den wichtigen Beitrag der Frau zum Gelingen eines Lebens im Exil . „Für Mann und Frau kann das Fortgehen die Neuaufrichtung der Ehe bedeuten oder ihre Auflösung. Mag die Frau in den meisten Fällen< dem Mann folgen< – hinter dem Einfachen verbirgt sich wie immer eine stille, beträchtliche Leistung.“ (A.S. 1986, S.129) und ganz konkret: „Wenn es nun wirklich fortgeht, dann überwiegt in diesem Umzug aus höchster Verantwortung und Entscheidung auf eigentümliche Weise das technische, das Umzugsmäßige. Ob ein Möbelwagen gepackt werden soll oder ein Rucksack, ob ein paar Banknoten eingenäht werden müssen oder Butterbrote geschmiert…“ (A.S. 1986,S-130) Damit ist die wichtige Transformationsleistung der Frauen und Mütter gemeint, gefährliches angespanntes Leben in gewöhnliches, alltägliches zu verwandeln, hin zu einem Leben ohne Angst. Das ist schon eine Art Philosophie des Pragmatismus.
II. 51, rue Gay Lussac <Hôtel de l’Avenir> Anlaufstelle von Exilanten im Quartier Latin
Bekannt wurde die Straße Gay Lussac 1968 durch die Studentenunruhen und Polizeieinsätze. 1933 war das Hotel in der Nr. 51 oft eine erste Unterkunft für die Schutzsuchenden. Heute gibt es dort immer noch ein Hotel, jedoch mit dem Eingang bei der Nummer 53 und dem neuen Namen Hotel André Latin.
Der damalige Hoteleingang
Pierre Radvanyi, der Sohn von Anna Seghers erinnert sich: „Mit meiner Mutter fuhren wir im Zug nach Paris zu unserem Vater in ein kleines Hotel in der Rue Gay Lussac, nahe beim Jardin du Luxembourg. Man konnte von dort aus die Spitze des Eiffelturms sehen.“ (P.R. 2005, S.19)
III. 26, avenue du 11 novembre 1918 – eine schöne Bleibe in Bellevue-Meudon
Nach einem gemeinsamen Sommerurlaub in Equihen an der Nordseeküste im Departement Pas de Calais kehrte die Familie Radvanyi nicht mehr ins Hotel zurück, sondern bezog die erste Etage eines Hauses in dem gut bürgerlichen Vorort Bellevue Meudon – leider bisher ohne Erinnerungsplakette.
Anna Seghers hatte etwas Ähnliches wie in Berlin-Zehlendorf gesucht und gefunden, „in der frischen Luft, außerhalb der Großstadt“. Mit Hilfe ihrer Mainzer Eltern gelang es sogar, Möbel und Bücher aus Zehlendorf nach Meudon zu expedieren. 7 Jahre eines (fast) normalen Familienlebens im Exil Paris beginnen. Das Kindermädchen Gaja- aus Deutschland nachgekommen- sorgt lange Jahre zuverlässig für Haushalt und Kinder und für leckere Kuchen am Sonntagnachmittag, wenn Gäste zu Besuch kommen. Nach anfänglichen Problemen in der staatlichen Schule für Pierre, dem es als Ausländer schwer gemacht wird, löst ein Schulwechsel in eine private „Freie Schule“ das Problem. Im Rückblick schreibt Sohn Pierre : „Mit dem Vorortzug hatten wir es gar nicht weit bis zum Bahnhof Paris-Montparnasse, zudem lag die Avenue du 11 novembre 1918 nahe am Wald von Meudon und lief am unteren Ende auf eine kleine Terrasse zu, die einst zum Grundbesitz von Madame de Pompadour gehört hatte und von der man einen schönen Blick auf Paris werfen konnte. Von den ersten Monaten abgesehen, habe ich dort Jahre einer glücklichen Kindheit verlebt.“ (P.R.2005,S.20; das nachfolgende Foto aus Zehl Romero, Foto 26))
Die Familie vor dem Haus in Bellevue
Pierre berichtet auch über viele Spaziergänge mit der Mutter, die diese häufig nutzte ihre dichterischen Eingebungen voranzutreiben. „Oft spazierten wir zur Terrasse unterhalb des Observatoriums von Meudon, von wo man einen herrlichen Blick auf Paris hatte…“(P.R., 2005,S. 26)
Sowohl die kleine Terrasse in Meudon-Bellevue, als auch die große in Meudon Val Fleury erlauben auch heute noch einen schönen Blick auf Paris und lohnende Spaziergänge – insbesondere die hoch gelegene grande terrasse (mit Zugang zur Orangerie) beim Observatorium.
In Meudon arbeitete Anna Seghers an ihrem Roman „Das siebte Kreuz„, der erste Roman, in dem die deutschen Konzentrationslager thematisiert wurden. Der Roman, 1942 in den USA und in Mexiko veröffentlicht, wurde ein großer internationaler Erfolg und 1945 mit Spencer Tracy verfilmt.
Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt) Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.
Die für die Arbeit an dem Roman erforderlichen Informationen über die deutschen KZs erhielt Anna Seghers von Antifaschisten, die nach ihr aus Deutschland geflohen waren. Vor allem von Hans Beimler, einem 1933 in Dachau internierten früheren Spartakisten, dem die Flucht aus dem Lager und aus Deutschland gelang. Anna Seghers traf Beimler in Paris, bevor dieser sich den Internationalen Brigaden in Spanien anschloss, wo er 1936 zu Tode kam. Es gab auch andere Kommunisten und Sozialdemokraten, die von den Nazis verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt wurden, bevor sie -meist mit der Auflage, das Land zu verlassen- frei gelassen wurden. Anna Seghers interviewte sie, um möglichst genaue Informationen über die Konzentrationslager der 1930-er Jahre zu erhalten. (Nicole Bary, die Herausgeberin einer neuen französischen Übersetzung von „Das siebte Kreuz„. In: Le Monde, 23.1.2020, Le Monde des Livres)
IV. Cafés – Orte des Austauschs und des Arbeitens
Der geeignete Ort für solche Interviews und Gespräche waren Cafés. Als öffentlicher Ort und Treffpunkt spielten sie für die Emigranten in Paris eine große Rolle. Hier konnte man sich zwanglos treffen, diskutieren und bei einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen bleiben. Der Meinungs-und Informationsaustausch untereinander sowie mit französischen Kollegen stand im Vordergrund. Hermann Kesten beschreibt das so: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament…zur Wiege der Illusion und zum Friedhof…zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ (H.K.. 1959, S.12)
Bei Seghers war das Café allerdings nicht nur ein Ort des Gedankenaustauschs und hitziger politischer Debatten, sondern des Rückzugs auf konzentrierte schriftstellerische Arbeit.
„Wenn meine Mutter Ruhe zum Schreiben brauchte, flüchtete sie in ein Café. Zuweilen ging sie in ein Café in der Nähe unserer Post, aber lieber suchte sie die Cafés in Paris auf, vor allem am Boulevard St. Germain. Mit einem einzigen Milchkaffee hielt sie einen ganzen Vor-oder Nachmittag durch. Dass sie sich in allgemeinem Lärm und inmitten von vielen Leuten befand, störte sie gar nicht, im Gegenteil, das stellte für sie eine Art Schutzwand dar.“(P.R. 2005, S. 33)
„Oftmals sah ich sie im Café de la Paix oder in einem kleinen Café am Montparnasse unter einer murmelnden Menschenmenge sitzen…Der Bleistift flog über das Papier, und das Manuskript wuchs“, erinnert sich Lore Wolf, die Frankfurter Freundin, die als verfolgte Kommunistin mit ihrer Tochter in Paris lebte und Anna Seghers das Manuskript von „Das 7. Kreuz“ abtippte (zit. bei Sternburg Anm. 151). Interessant übrigens, dass die meisten der von den Emigranten damals frequentierten Lokalen im Montparnasse wie „La Coupole“ oder „ Dôme“ heute zu den teuersten Konsum-Tempeln der Stadt gehören.
Das Café, ein Ort, wo man immer einfach hingehen, sich hinsetzen und schreiben kann: Eine geniale Lösung nicht nur für Anna Seghers, sondern auch heute noch für viele Menschen in Paris, die dort stundenlang über ihrem laptop sitzen – internet inclusive. Cafés/Restaurants spielen auch in Seghers Roman „Transit“ eine wichtige Rolle. Immer wieder kehrt die Hauptfigur in dasselbe Lokal in Marseille zurück – eine Pizzeria mit wärmendem Feuer. Warum? Zum Warten, zum Essen, zum Weintrinken, zum Beobachten, um Leute zu treffen, vor allem aber um zu warten. Ein bekannter und gewohnter Ort, also ein wenig Zuflucht für die Heimatlosen, ein Stück Innehalten auf der drängenden Suche nach Rettung.
Anna Seghers war im Pariser Exil aber nicht nur als Mutter und Schriftstellerin engagiert, sondern auch politisch: Wer wäre denn auch besser geeignet gewesen als die aus Deutschland geflohenen Schriftsteller, vor den Gefahren des Nationalsozialismus zu warnen und für eine breite Front des Widerstands zu werben. Das politische Engagement Anna Seghers`in der Zeit ihres Pariser Exils soll aber an anderer Stelle beispielhaft an ihrer Rede über die Vaterlandsliebe beim „Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Haus der Mutualité 1935 verdeutlicht werden.
V. „Six jours – six années“ – „6 Tage – 6 Jahre“
Diese Tagebuchblätter von Anna Seghers aus der Pariser Zeit wurden ursprünglich 1938 in französischer Sprache in der Monatszeitschrift „Europe“ veröffentlicht und sind nur in deutscher Fassung zugänglich (ndl, 9.Sept. 1984). Die Idee : pro Jahr ihres Aufenthaltes Ereignisse von einem Juni-Tag in der Sprache des Gastlandes zu präsentieren. Im Vordergrund stehen dabei deutsch-französische Erfahrungen.
Im Tagebuchblatt aus dem Juni 1933 erinnert sie sich : „Wir haben die Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den Obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“ Und sie fährt fort mit dieser rührende Beschreibung des Kontakts mit den Kindern, die gerade aus dem geliebten unerreichbaren Deutschland gekommen waren: „Das mehrfarbige karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihres Haares machten mich verrückt vor Heimweh….als wir die Hosentaschen des Kleinen leeren : ein paargetrocknete Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein halbes Deutschland.“ (A.S., 1984 S.5)
Erst später wird Anna Seghers wissen, dass sie bei dieser Übergabe der Kinder in Straßburg ihre Mutter das letzte Mal gesehen hat. In Paris angekommen fährt die nun endlich vereinte Familie Radvanyi nach Equilieu (Pas de Calais) in Sommerurlaub. „Unsere Wirtin, Witwe eines Schriftstellers, bereitet uns die Suppe. Sie nennt mich „meine Tochter“.Das ist wahrscheinlich nur so ein Ausdruck, aber es tut mir gut. In dieser Frau, und nicht durch irgendein Komitee, begrüßt uns Frankreich.“(A.S., 1984, S.7) Bei ihr lernen die beiden Kinder erstes Französisch.
Juni 1934 hält sie fest :“Als ich abends nach Hause komme, höre ich, wie die Kinder sich in einem groben und doch schon geläufigen Französisch zanken….In unseren Augen spielen die Kinder “Franzosen“, wie sie Indianer spielen. Wie man sich als Indianer mit Federn putzt, zieht die Kleine weiße Strümpfe an, um die „französischen Kinder“ am Sonntag zu spielen.“ Und weiter als erzieherische politische Korrektur: „Wir zeigen ihnen Broschüren für Deutschland, die man mit der Lupe liest. Vor allem, die Einheit bewahren! Vor allem niemals die Vergangenheit verraten! Vor allem, niemals die Kontinuität einbüßen!“ (A.S.,1984, S.7)
Juni 1935 bemerkt sie im Kontext des internationalen Schriftstellerkongresses über die französischen Kollegen:“Was uns am meisten erregt, die wundervolle Tradition des revolutionären Denkens, seine kontinuierliche, logische, fast organische Entwicklung…“ (A.S., 1984, S.7)
Juni 1936 zitiert sie ihren Sohn. „Später im Bett, erklärt uns der Kleine, warum er die französischen Gedichte den deutschen vorzieht : die deutsche Dichtung drückt zu oft reines Denken aus, die französischen dagegen Gefühle.“ (A.S.,1984,S.8) Dieses Urteil hätte sicher ein französisches Kind mit gleichem Recht umgekehrt fällen können. Welche subtile Wahrnehmung kultureller Unterschiede!
Juni 1937 erwähnt Anna Seghers vor allem das Zusammentreffen mit einem deutschen Widerstandskämpfer, der nach KZ-Haft und Flucht sich nun nach Spanien zum Kampf bei den Internationalen Brigaden aufmacht. Ihre große Hochachtung ist unverkennbar.
Juni 1938 geht sie der Frage nach, „wohin wir mit den Kindern im Kriegsfalle gehen würden. Meine ersten Bombenangriffe habe ich am Ufer des Rheins erlebt, die zweiten in Spanien, und die dritten auch. Aber hier in diesem Land haben meine Kinder Freunde und Sicherheit kennengelernt; sollten sie nicht, wenn es sein muss, auch Schmerz und Gefahren hier begreifen?“ (A.S., 1984, S.9) Ganz ähnlich wird später auch der Erzähler von Transit argumentieren, als er sich entschließt, bei den Menschen in Südfrankreich zu bleiben, die ihn freundlich aufnehmen und mit ihnen zu erwartendes Leid teilen statt aus Europa vor den Nazis ins Ungewisse zu fliehen. Anna Seghers hat dann doch die Ausreise nach Mexiko betrieben und so sich und ihrer Familie das Leben gerettet, was ihr im Fall ihrer Mutter jedoch nicht mehr gelang.
VI. Die Stadt Paris im Werk von Anna Seghers
Der Roman „TRANSIT“, an dem Anna Seghers bereits 1940 in Marseilles zu schreiben anfing, spielt vor allem in dieser Stadt, Ausfallstor in die Welt auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Erzähler ist nur zu Anfang kurz in Paris und beschreibt die Stadt nach der Besetzung so :
„Ich ging eines Sonntags früh nach Paris hinein. Die Hakenkreuzfahne wehte wirklich auf dem Hôtel de Ville. Sie spielten wirklich vor Notre Dame den Hohen Friedberger Marsch. Ich wunderte mich und wunderte mich. Ich lief quer durch Paris. Und überall deutsche Autoparks, überall Hakenkreuze, mir war ganz hohl, ich fühlte schon gar kein Gefühl mehr. Ich grämte mich, dass all der Unfug aus meinem Volk gekommen war, das Unglück über andere Völker. Denn dass sie sprachen wie ich, dass sie pfiffen wie ich, daran war kein Zweifel. Als ich nach Clichy hinaufging, wo Binnets wohnten, meine alten Freunde, da fragte ich mich, ob Binnets wohl vernünftig genug seien, um zu begreifen, dass ich zwar ein Mensch dieses Volkes sei, doch immer noch ich. Ich fragte mich, ob sie mich ohne Papiere aufnehmen würden.
Sie nahmen mich auf.“ (A.S., 2018, S.13/14)
Die bewegende Erzählung „OBDACH“ von 1941 (A.S., Erzählungen, Da., 1973, S.199-206) spielt dagegen ganz in Paris. Es geht um den Jungen eines von der Gestapo in Paris verhafteten deutschen Widerstandskämpfers. Das Kind ist verzweifelt, denn es soll nach Deutschland zurück und dann in ein NS-Heim gebracht werden. Doch eine französische Bekannte nimmt ihn in ihre Familie auf trotz Widerstand ihres Mannes. Eine starke Frau, die vorbildlich handelt im Sinne von Seghers, der das Engagement der Helfer für politische Flüchtlinge unumgängliche moralische Verpflichtung galt – trotz aller Risiken. Naheliegend, dass Anna Seghers bei dem Schicksal des deutschen Jungen auch an das potentielle Los ihrer eigenen Kinder gedacht hat, wenn sie entdeckt und verhaftet würde.
Den Erfolgs-Roman „DAS SIEBTE KREUZ“, den Anna Seghers in der Pariser Zeit verfasste, ist neben der klaren politischen Aussage eine Hommage an ihre rheinische Heimat, die sie mit so viel Liebe beschreibt, wie es nur aus der erzwungenen Trennung heraus möglich ist. Sieben KZ-Flüchtlinge fliehen aus dem KZ Westhofen (Vorbild Osthofen/ Nähe Worms), aber nur einem gelingt die Flucht. Denn er hatte einen Helfer finden können, der es wagte ihn zu verstecken und dann weiter zu leiten – trotz Familie mit Kindern, die er damit in höchste Gefahr brachte. Wieder das Seghers-Anliegen der Bereitschaft zu unzögerlicher praktischer Solidarität, das hier aus Paulchen einen Helden werden lässt. Und die große Befriedigung, die aus der konkreten Unterstützung eines Verfolgten erwächst, ist immer wieder ein Aspekt, den sie betont.
Amerikanische Ausgabe des Romans für in Europa eingesetzte GIs (Exilausstellung des Deutschen Nationalmuseums Frankfurt) Das erhoffte Visum für die USA erhielt Anna Seghers allerdigs nicht.
Fazit: Die Bereitschaft schnell und entschlossen zu helfen, wenn es für Flüchtlinge notwendig ist, erwies sich als gelernte Lektion im Deutschland von 2015. Im kollektiven deutschen Gedächtnis gibt es die Erinnerung an das Leid der Heimatvertriebenen, vor allem aber an die Not der NS-Verfolgten, die Hitler-Deutschland verlassen mussten, wenn sie es noch konnten. Die literarische Verarbeitung gerade ihrer Schicksale hilft vor dem Vergessen zu bewahren und gelangt in neuem Kontext zu überraschender Aktualität, wie die jüngste Verfilmung von Anna Seghers „Transit“ (2018) zeigt. Frauke Jöckel
(1) Das Portrait von Anna Seghers wurde 1935 aufgenommen von Gisèle Freund.
Anna Seghers/Wieland Herzfelde : Frauen und Kinder in der Emigration in „Gewöhnliches und gefährliches Leben“, Darmstadt 1986
Anna Seghers : 6 Tage, sechs Jahre, Tagebuchblätter in neue deutsche Literatur 9/1984
Anna Seghers : Das Obdach (1941) in „Erzählungen“ Bd.1, Darmstadt 1973
Anna Seghers : Das 7. Kreuz (1942) , Berlin 2018
Frankfurt liest ein Buch 16.-29.April 2018 : Anna Seghers, Das 7. Kreuz
Anna Seghers : Transit (1951), Berlin 2018
Christian Petzold : Transit (Film), 2018
Pierre Radvanyi : Jenseits des Stroms, Erinnerungen an meine Mutter, Berlin 2005
Christiane Zehl Romero : Anna Seghers, eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000
Wilhelm von Sternburg : Anna Seghers, ein Porträt, Berlin 2012
Hermann Kesten : Dichter im Café, Wien 1959
Roland Hoja : „Wartesäle der Poesie“, Schriftstellerinnen im Pariser Exil 1933-41, Norderstedt 2015
Monika Melchert : Wilde und zarte Träume, A. Seghers Jahre im Pariser Exil, Berlin 2018
Studienkreis dt. Widerstand (Hrsg) : „Nichts war vergeblich“ Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen, 2016 Lore Wolf : „Ein Leben ist viel zu wenig“, Berlin 1979 Doris Danzer : „Zwischen Vertrauen und Verrat“, deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen, Berlin 2012 Doron Rabinovici : „Das Versagen der Heimat“, Eröffnungsrede zur Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main, FAZ, 9.April 2018
Margit Bircken : „Acht Jahre in 12 Tagen“ – über eine Frankreichreise im April 2000 im Bus von Berlin über Mainz bis Marseille auf den Spuren von Anna Seghers mit Pierre Radvanij; illustriert mit vielen Fotos in „Argonautenschiff“ (Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft, Berlin+Mainz), S.119-146
Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:
Thema dieses Beitrags sind die Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands (armistice) in Paris. Er schließt sich insofern an einen früheren Beitrag zur Entwicklung und Veränderung des 11. November als Feiertag in Frankreich an:
Diesmal und gerade in der Hauptstadt wird der 11. November in einer außerordentlichen Intensität und Vielfalt begangen. Immerhin ist der 11. November nach dem Urteil des französischen Historikers Pierre Nora „une date absolue“ der Geschichte des Landes. Das gelte sonst nur noch für den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag. (Le Figaro, 10./11.11.2018). Der 11. November 1918 wird allerdings in Frankreich auf unterschiedliche Weise verstanden. Und obwohl es sich um ein für Frankreich wie Deutschland existentielles Datum handelt, spielt der Tag in beiden Ländern eine ganz verschiedene Rolle. Das soll im Folgenden exemplarisch dargestellt werden. Gerade unter dem Blickwinkel der deutsch-französischen Beziehungen ist das besonders interessant: Die jeweilige Ausgestaltung der Erinnerung an den Waffenstillstand kann auch als Gradmesser dieser Beziehungen dienen.
Der 11. November in der Topographie von Paris
Welche Bedeutung der 11. November in Paris hat, wird schon daran deutlich, dass es zwei ganz besondere Plätze gibt, die an den Waffenstillstand erinnern, der den „Großen Krieg“ Frankreichs beendete. Da gibt es die Place du 11 Novembre 1918 vor dem Gare de l’Est: ein symbolischer Ort, weil von diesem Bahnhof aus die Züge in den Osten Frankreichs und nach Deutschland abfahren.
Es handelt sich hier um den Bahnhofsvorplatz- begrenzt von dem Bahnhofsgebäude auf der einen und der rue du 8 mai auf der anderen Seite. Straße und Platz erinnern damit an das Ende der beiden Weltkriege – wichtige Daten im kollektiven Gedächtnis der Franzosen und immerhin ja auch beides Feiertage.
Und dann gibt es die repräsentative Place du Trocadéro et du 11 novembre im 16. Arrondissement.
In dessen Zentrum steht ein Reiterstandbild à la Henri Quatre oder Louis Quatorze des Marschalls Foch, und zwar in perfekter Symmetrie mit der Statue des Marschalls Joffre vor der École militaire auf der anderen Seine-Seite.[1]
An der westlichen Seite des Platzes befindet sich an der Mauer des Friedhofs von Passy das Monument à la gloire de l’armée francaise 1914-1918.
Wegen seines Themas und seiner Komposition liegt der Vergleich mit der kämpferischen „Marseillaise“ an der Schauseite des Arc de Triomphe nahe.[2] Hier ist es aber weniger die überschäumende Begeisterung, sondern eher die Entschlossenheit der sich um die „Marianne“ in der Mitte scharenden und letztlich siegreichen Soldaten, der poilus, die präsentiert wird; und dezent am Rande auch der Tod. Immerhin handelt es sich ja um ein Denkmal „für die Helden und für die Toten“.
Eingeweiht wurde das Denkmal 1956 von dem Schriftsteller Maurice Genevoix, [3] der auf der Grundlage eigener Kriegserfahrungen mehrere Erinnerungsbücher über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Sie wurden seit 1916 publiziert, zusammengefasst 1949 in dem Band „Ceux de 14“. Es sind alles andere als kriegsverherrlichende Bücher. Wegen seiner ungeschminkten Darstellungen der Kämpfe hatte Genevoix -oft verglichen mit Ernst Jünger- sogar Schwierigkeiten mit der Zensur. Dass er aber dieses Denkmal „zum Ruhm der französischen Armee“, für ihre „Helden“ und Toten, an der Friedhofsmauer und neben dem Reiterstandbild Fochs einweihte, zeigt, wie sehr die Erinnerung an den 11. November einerseits mit dem Gedenken an die auf dem „Feld der Ehre“[4] gefallenen Opfer des Krieges, andererseits aber auch mit der Feier der Armee, ihrer „heldenhaften“ Soldaten und ihrer Führer verbunden ist. Der 11. November ist damit ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten „roman national“ Frankreichs, der immer wieder neu und auf ganz unterschiedliche Weise erzählt wird, auch jetzt wieder anlässlich des 100. Jahrestags des Waffenstillstands von 1918.[5]
Dazu gehört auch, dass Maurice Genevoix und „ceux de 14“ 2019 ins Pantheon aufgenommen werden. Maurice Genevoix sei –so Macron- der „Fahnenträger“ all derer, die im Ersten Weltkrieg für die Freiheit, das Recht und den Frieden gekämpft und gesiegt hätten und die jetzt auch „à titre collectif“ ins Pantheon aufgenommen würden – übrigens eine Neuheit in einer Einrichtung, die bisher Einzelpersonen vorbehalten war. Die sterblichen Überreste des Schriftstellers sollen allerdings nicht transferiert werden, sondern auf dem Friedhof von Passy verbleiben.[6]
Dieser Pantheonisierungsbeschluss ist ein eindeutiger Hinweis darauf, wie intensiv der 100. Jahrestag des Waffenstillstands in Frankreich begangen wird. Die entsprechenden Veranstaltungen beendeten (und beenden noch) einen vierjährigen Erinnerungsmarathon zum Ersten Weltkrieg. Unzählige kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Erinnerungsprojekte wurden gerade 2018 durchgeführt.[7] In den Medien war der 11. November ein Dauerthema – es gab im Fernsehen eine „Flut von Programmen zum Jahrestag“ (Le Monde) und die Printmedien standen dem nicht nach: In den Buchhandlungen quollen die Büchertische über von einschlägiger Literatur, auch vielen Neuerscheinungen[8], und in der Presse war in der Zeit vor dem 11. November die Erinnerung an den Jahrestag das beherrschende Thema. Der „Figaro“ beispielsweise veröffentlichte eine sechsteilige Serie „Il y a 100 ans“ mit Berichten und Analysen (und natürlich auch Auszügen aus dem Buch von Genevoix) und auch in Le Monde gab es eine Sonderbeilage und die tägliche Rubrik „Centenaire du 11 novembre“.
Emblem der Erinnerungswoche im Figaro
Höhepunkt der Gedenkveranstaltungen war natürlich der 11. November– eingeleitet um 11 Uhr vormittags durch das Läuten aller Glocken im Land, so wie es 100 Jahre davor auch war, als der Waffenstillstand eingeläutet und auf diese Weise bekannt gemacht wurde.[9]
Macron, Helden oder Opfer? und der Schatten von Pétain
Eine prominente Rolle bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands spielte natürlich der Staastpräsident. Emmanuel Macron unternahm vom 4.-9. November eine Rundreise, eine „itinérance mémorielle“, zu den bedeutendsten Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs auf französischem Boden. Dabei ging es ihm um die Erinnerung an die Soldaten, die für die Republik gekämpft haben, auch an Orten wie Morhange, wo tausende poilus für eine skrupellose Strategie der „offensive à outrange“ geopfert wurden.[10] Und mit der Ehrung der tapferen, ja entsprechend einem breiten französischen Konsens: „heldenhaften“ Soldaten ist natürlich auch eine Botschaft an die Gegenwart verbunden: nämlich Zuversicht zu verbreiten in Gegenden, die vor 100 Jahren vom Krieg verwüstet wurden und die jetzt vielfach Opfer von Globalisierung und Desindustrialisierung sind. Macron wollte also auch dazu auffordern, sich gegen neue Bedrohungen wie Nationalismus und Populismus „in Marsch“ zu setzen – die anstehenden Europawahlen lassen grüßen.[11]
Beginn der Rundreise war –zusammen mit Bundespräsident Steinmeier- am 4. November ein deutsch-französisches Konzert im Münster von Straßburg – natürlich ein höchst symbolischer Ort – jahrhundertelanger Streitapfel zwischen Frankreich und Deutschland, proklamiertes französisches Ziel einer „Revanche“ seit der Niederlage von 1871 und jetzt europäische Stadt par excellence. Endpunkt dieses Wegs der Erinnerung war am 10. 11. –diesmal zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin- der Besuch die Lichtung Rethondes bei Compiègne, auch dies ein höchst symbolischer Ort. Dort war der Eisenbahnwagon aufgestellt, in dem Mathias Erzberger als Vertreter der am 9. November ausgerufenen Republik den Waffenstillstand unterzeichnete und der am 22. Juni 1940 Ort eines erneuten Waffenstillstands zwischen Frankreich und Deutschland war – diesmal aber nach dem sogenannten „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen.
Bei dem heute auf der Lichtung von Rethondes aufgestellten Eisenbahnwagon handelt es sich um eine Nachbildung des 1940 nach Deutschland gebrachten und im Krieg zerstörten Originals. Das Elsass-Lothringen-Denkmal mit dem Datum des 11. November 1918 und dem vom französischen Schwert durchbohrten deutschen Adler wurde auf Befehl Hitlers zerstört, nach dem Krieg aber wieder aufgebaut.
Hier tragen sich Macron und Merkel gemeinsam in das von Marschall Foch eröffnete Goldene Buch des Waffenstillstands- Wagens ein
In dem zum Jahrestag auch inhaltlich entstaubten Museum wird jetzt auch verdeutlicht, auf welche Weise der Waffenstillstand von 1918 nicht nur das Ende eines mörderischen Krieges, sondern auch das Vorspiel eines weiteren nicht weniger mörderischen Krieges war: Mit einem abgewandelten Zitat von Clausewitz hat ein französischer Historiker denn auch kritisch und treffend den Waffenstillstand von 1918 und die nachfolgenden Friedensverhandlungen überschrieben: Der Frieden ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln…. Gerade für die damalige französische Politik passt das nur allzu gut.[12]
Zum 100. Jahrestag wird in Compiègne auch die „dalle sacrée“ die monumentale Granitplatte restauriert, die 1922 mit folgender Inschrift im damaligen Geist in den Mittelpunkt der Lichtung platziert wurde: „Hier unterlag am 11.November 1918 der verbrecherische Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“[13]Jetzt weihten direkt davor Macron und Merkel eine neue Erinnerungsplatte in französischer und deutscher Sprache ein, auf der die Versöhnung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern gewürdigt werden (13a)
Übrigens kann man sich derzeit in und um Compiègne auch auf kulinarische Weise an den Waffenstillstand erinnern: So werden in mehreren Restaurants spezielle „Menus 14-18“ angeboten. So in Les Accordailles in Compiègne mit einer Schützengrabensuppe (Vélouté des tranchés) als Vorspeise, einem „Geheimnis des Sieges“ als Hauptgericht und einer „Margerite im Gewehrlauf“ als Dessert. Der speziell dabei herangezogene Historiker hat sich aber offensichtlich auf die Namensgebung beschränkt. Der Gast muss also nicht damit rechnen, eine Kohlsuppe oder eine Dose mit Sardinen vorgesetzt zu bekommen.[14]
Die abschließende zentrale Veranstaltung zum 11. November fand dann natürlich genau am Jahrestag des Waffenstillstands in Paris statt. Dort versammelten sich zahlreiche Repräsentanten der am Krieg beteiligten Staaten und internationaler Organisationen zu einer Gedenkveranstaltung am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe [15] – Bundeskanzlerin Merkel dabei demonstrativ neben Staatspräsident Macron und seiner Frau platziert und diese drei eingerahmt von Trump und Putin…
Die für diesem Tag zunächst noch angekündigte und von Präsident Trump sehnlichst erwartete große Militärparade gab es allerdings nicht, angeblich –wie im Vorfeld immer wieder zu lesen war- um nicht Deutschland zu verletzten. Der Wunsch Macrons war es, am 11. November nicht in erster Linie den Sieg Frankreichs über Deutschland zu feiern, sondern vor allem der Opfer des mörderischen Krieges zu gedenken: Heute werde der 11. November in Frankreich nicht mehr als großer Sieg, sondern als Ende einer großen Schlächterei („grande boucherie“, „grande hécatombe“) gesehen. Allerdings gab es durchaus auch andere Stimmen- beispielsweise die des Vorsitzenden der „Republikaner“ Laurent Wauquiez. Durch die Verwandlung der Soldaten des Großen Krieges in Opfer werde das von ihnen freiwillig gebrachte Opfer fürs Vaterland seines heroischen Inhalts entleert und eine Chance zur patriotischen Demonstration der Einheit Frankreichs verspielt.[16] Wenn aber einerseits die „victimisation“ (Pierre Nora) der „Helden“ des Großen Kriegs beklagt wird, so gibt es andererseits in Frankreich auch -immer noch- eine Tendenz, das Vaterland als unschuldiges Opfer der deutschen Aggression zu sehen und dabei die -keineswegs marginale- Mitverantwortung Frankreichs an der Entfesselung des Kriegs zu übersehen. Aber das ist eine andere Geschichte….
Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin, hat zur Auseinandersetzung über den Charakter des 11. November einen sarkastischen Leitartikel veröffentlicht (9.11.) und dabei die –eher männlichen- „Vestalinnen des kriegerischen Nationalismus“ heftig kritisiert. Der von den französischen Nationalisten, vor allem Clemenceau, nach dem Waffenstillstand den Deutschen auferlegte Frieden mit der alleinigen Kriegsschuld und den Reparationen habe wesentlich zu Aufstieg und Erfolg der Nationalsozialisten beigetragen. Und das sei nur ein Aspekt der „paix manquée“ nach dem 11.11.1918. Statt den Sieg zu feiern solle man also besser über die Gründe für das Blutvergießen im 20. Jahrhundert nachdenken, um wenigstens im 21. Jahrhundert daraus zu lernen. (16a)
Wenn Wauquiez und andere beklagen, am „11. November Macrons“ würden „nos gloires nationales“ verleugnet und den poilus ihr „sépulture spirituelle“ verweigert, geht natürlich ins Leere angesichts der Entscheidung des Präsidenten, „die von 1914“ kollektiv ins Pantheon aufzunehmen. Angesprochen ist in dieser Auseinandersetzung aber auch die Frage, wie der 11. November begangen werden soll: Als Feier eines vaterländischen Sieges (Wauqiez: „victoire de la patrie“) oder als Gedenktag an einen mörderischen Krieg mit der Möglichkeit, daraus Energie zu gewinnen für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Zukunft.[17]
Der Zeichner Serguei von Le Monde (8.11.) gibt darauf eine eindeutige Antwort. Die Zeitung Le Figaro, die in ihrer Ausgabe vom 10. November „La gloire de nos pères“ feiert (Überschrift des Leitartikels) ebenso.
Und dazu passt auch die Beilage mit dem Reprint der Ausgabe vom 12.11.1918.
Macrons begrüßenswerte Entscheidung, den 11. November als übernationalen Gedenktag zu gestalten und auf eine große Militärparade zu verzichten, bedeutet aber nicht, dass der Waffenstillstand als Besiegelung eines militärischen Siegs ausgeblendet würde. Immerhin wurde auf Wunsch des Generalstabs wenigstens eine Zeremonie der Armee im Hôtel des Invalides organisiert. Dabei sollten die acht französischen Marschälle des Ersten Weltkriegs geehrt werden, von denen fünf unter dem Dôme des Invalides begraben sind. Allerdings war einer von ihnen, nämlich Pétain, der „Sieger von Verdun“, im zweiten Weltkrieg Chef des Kollaborations- Regimes von Vichy, das mit den deutschen Besatzern willig zusammenarbeitete – einschließlich der Beteiligung am Holocaust. Die französische Verteidigungsministerin korrigierte dann allerdings Ende Oktober diese Planung: Geehrt würden nur die fünf in den Invalides bestatteten Marschälle, also nicht Pétain. Darauf angesprochen, desavouierte Präsident Macron während seiner „itinérance mémorielle“ seine Ministerin: Es sei „vollkommen legitim“, die Marschälle zu ehren, die die Armee zum Sieg geführt hätten. Und diese Ehrung gelte selbstverständlich auch Pétain, der während des Ersten Weltkriegs „ein großer Soldat“ gewesen sei. Das sei eine Tatsache, auch wenn Pétain im zweiten Weltkrieg verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe.[18] Dass diese Aufspaltung in einen zu würdigenden Pétain von Verdun und einen zu verurteilenden Pétain von Montoire –Ort seines Zusammentreffens mit Hitler- nicht unwidersprochen bleiben würde, war zu erwarten. Schon vorab hatte ein Militärsprecher vorausgesagt, es werde wohl Ärger mit der französischen Linken oder der jüdischen Gemeinde geben, wenn man auch Pétain ehre.[19] Der Vorsitzende der französischen jüdischen Gemeinden (CRIF) und Vertreter der politischen Linken wiesen denn auch darauf hin, dass Pétain im Prozess vom Juli 1945 im Namen des französischen Volkes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt wurden. Man sei deshalb über die Äußerungen Macrons schockiert, was aus meiner Sicht nur allzu verständlich ist: In Deutschland wäre es immerhin außerhalb der Neonazi-Szene völlig ausgeschlossen, beispielsweise Göring als großen Jagdflieger des ersten Weltkriegs zu ehren, der er ja zweifelsohne war… Für den Regierungssprecher Benjamin Griveaux handelte es sich aber um eine „schlechte Polemik“. Und er berief sich auf General de Gaulle, der festgestellt habe, Pétains Ruhm von Verdun solle von dem Vaterland nicht in Frage gestellt werden- eine Äußerung aus dem Jahr 1968, die allerdings in ihrem historischen Kontext gesehen werden muss. Auch dass Präsident Mitterand mehrere Jahre lang an jedem 11. November ein Blumengesteck am Grab Pétains auf der Île d’Yeu niederlegte, ist Teil einer spezifischen und lange Jahre –auch über 1968 hinaus- üblichen französischen Form der „Vergangenheitsbewältigung“. Und das Hin und Her um die Ehrung Pétains zeigt, dass die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. [20]
Ich kann nur – noch einmal- Laurent Joffrin, dem Chefredakteur von Libération zustimmen, der am 7.11. in einem Leitartikel schrieb, man könne zwar als Historiker die beiden Pétains voneinander trennen. Als Politiker und im „mémoire nationale“ gehe das aber nicht. Die Abschaffung der Republik, die Kollaboration mit den Besatzern, das Judenstatut, die Unterdrückung des Widerstands, die Hilfe bei den Deportationen, darunter die berüchtigte Razzia von 1942 (Rafle du Vél d’Hiv) und die Verbrechen der Miliz seien Schandflecken auf der französischen Vergangenheit. Seit der Präsidentschaft Chiracs werde die Verantwortung Pétains dafür nicht mehr minimisiert und sein Ruhm als Sieger von Verdun nicht mehr gewissermaßen als Ausgleich für seine Verbrechen auf die historische Waagschale gelegt. Mit dieser Tradition breche nun Macron. Der Präsident hat jedenfalls meines Erachtens mit diesem für ihn typischen „en même temps“ einen Schatten auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands geworfen.[21]
Immerhin sah sich das Präsidialamt dann doch veranlasst festzustellen, am 10. November werde nicht Pétain geehrt, sondern es würden nur Blumen an den fünf in den Invalides begrabenen Marschällen niedergelegt. Und Pétain werde nicht zu „ceux de 14“ gehören, die ins Pantheon aufgenommen würden. Da kann man sich dann allerdings fragen, ob und ggf welche weiteren Ausnahmen es gibt. Vielleicht die „morituri“ von 1917, die nicht ergeben ihren Generälen gehorchten und die deshalb zum Tode verurteilt wurden….? Da wird es dann sicherlich noch weitere Diskussionen geben…
Veranstaltungen in Paris
Aus Anlass des 100. Jahrestags des Waffenstillstands gab es in Paris eine unübersehbare Fülle an Veranstaltungen, von denen hier nur einige wenige vorgestellt werden können. Ziemlich spektakulär war im Vorfeld des 11. November die Ton-Lichtschau „La dame du cœur“ vor der Kathedrale von Notre Dame.[22]
Erzählt wird die Liebesgeschichte einer französischen Krankenschwester und eines tödlich verwundeten amerikanischen Soldaten, der kurz vor seinem Tod bedauert, nie die Kirche Notre Dame gesehen zu haben. Gemeinsam finden sie aber dann Notre Dame, die „Dame ihres Herzens“. Eine ziemlich kitschige Geschichte, auch was den Ton und die Lichtspiele angeht, mit denen die wunderbare Fassade von Notre Dame bestrahlt wurde, die das wirklich nicht nötig und verdient hat. Die Schau wurde schon vom 8.-11. November 2017 mit großem Erfolg präsentiert (80 000 Besucher) und in diesem Jahr noch einmal gezeigt – wir haben sie allerdings nur als Zaungäste verfolgt.
Es gab auch ein reiches musikalisches Programm anlässlich des Jahrestags. Hier nur eine kleine Auswahl: Die Philharmonie von Paris präsentierte vom 9.-11. November mehrere Veranstaltungen zum Thema Krieg und Frieden.
Dazu gehörte auch die Erinnerung an den Cellisten Maurice Maréchal und sein legendäres Cello „Le Poilu“. [23]
Dieses Cello hatten Kameraden des Cellisten aus Munitionskisten gebaut. Das Original ist im Musée de la musique aufbewahrt, mit einem Nachbau spielte Emmanuelle Bertrand Stücke u.a. von Bach, Britten und Debussy, dazu wurden Passagen aus dem Tagebuch von Maurice Maréchal vorgelesen.
Im Schloss von Versailles gaben am 11. November die Wiener Philharmoniker ein in viele Länder ausgestrahltes Konzert mit einem speziell auf diesen Jahrestag zugeschnittenen Programm (u.a. Beethovens missa solemnis) und Solisten aus Frankreich, Deutschland, Russland und den USA. [24]
Und last but not least, wenn auch nicht ganz so prominent: Zum musikalischen Programm rund um den 11. November gehört/e auch eine Aufführung des deutschen Requiems von Brahms in der Madeleine – ich erlaube mir das zu erwähnen, weil ich da als Gast eines „befreundeten Chors“ mitsingen werde. Dass allerdings auf dem Plakat der Titel des Werks unvollständig angegeben ist, ist gerade im Erinnerungsmonat November besonders bedauerlich.[25] Im Oktober 2015 hatte ich schon einmal Gelegenheit, in der Kathedrale von Lisieux das deutsche Requiem (requiem allemand) mitzusingen. Diese Aufführung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs statt – mit Fahnen, Veteranen und Marseillaise. Und das deutsche Requiem von Brahms wurde ausdrücklich ausgewählt, um „zur Versöhnung der Völker und zur Hoffnung auf Frieden in der Welt“ beizutragen. Bei dem Konzert 2018 ist dieser Bezug leider nicht so explizit gemacht.
Der Blumenteppich vor dem Hôtel de Ville
Am Samstag, dem 10. November wurde von Bürgermeisterin Hildalgo auf dem Platz vor dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville ein Blumenteppich von 94 415 Primeln und Stiefmütterchen in den Farben der Tricolore eingeweiht – sie symbolisieren die Anzahl der im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.
Auf einer elektronischen Tafel werden in der Reihenfolge der Kriegsjahre und des Alphabets durchlaufend die Namen aller Gefallenen angezeigt.
Zwei Fotoausstellungen am Hôtel de Ville
Zum Jahrestag des Waffenstillstands präsentierte die Stadt Paris an den Außenmauern des Hôtel de Ville zwei Fotoausstellungen. Die eine bezog sich auf das „camp retranché de Paris“, eine Anlage von Verteidigungstellungen in den die Stadt umgebenden Wäldern.
Gezeigt wurden aber auch Bilder von Verteidigungs- und Schutzmaßnahmen in der Stadt.
Eine Flugabwehrstellung auf dem Eiffelturm
Sandsäcke an der Place de la Concorde zum Schutz gegen den Beschuss der Stadt mit den sogenannten Pariser Kanonen zwischen März und Juli 2018
In einer zweiten Ausstellung wurden Fotos von Gegenständen aus den Schützengräben gezeigt.
Zum Beispiel diese mit Hilfe einer Feldflasche gebaute Mandoline
oder dieses beeindruckende Kruzifix aus Patronen
Dass auch das nachfolgende Foto ausgestellt war, fand ich sehr bemerkenswert und schön, weil es sich auf den informellen Waffenstillstand („Weihnachtsfrieden“) vor allem zwischen deutschen und britischen Truppen an Weihnachten 1914 bezieht:
Die Aufschrift dazu: „An Weihnachten 1914 beenden die feindlichen Soldaten das Feuer und verbrüdern sich für die kurze Zeit der Festtage. Der Inhalt der Weihnachtspäckchen, die die deutschen Frontsoldaten erhielten, wurde manchmal geteilt. Die Waffen schwiegen und machten den Platz frei für die Gefühle der Männer.“
Das neue Monument aux Morts an der Mauer des Friedhofs Père Lachaise
Am 11. November enthüllte die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, das neue Denkmal für die im Krieg umgekommenen Soldaten der Stadt.[26] Es gab zwar in Paris schon bisher zahlreiche Erinnerungsorte an die Toten des Ersten Weltkriegs, aber noch kein zentrales Monument mit allen Namen, wie das bei den ca 30 000 zwischen 1918 und 1925 in Frankreich errichteten Gefallenendenkmälern üblich ist. Ein Denkmal für nicht weniger als 94 415 Namen erschien offenbar nicht realisierbar. Bisher war die Liste aller Kriegstoten nur im Internet einzusehen. [27] Jetzt wurde an der Friedhofsmauer des Père Lachaise zwischen dem Haupteingang am Boulevard de Ménilmontant und dem Seiteneingang an der Metrostation Père Lachaise (Linie 2) ein 280 Meter langes und 1,30 Meter breites Band aus 150 blauen Stahltafeln angebracht, auf denen Platz für alle Namen ist.
Letzte Vorbereitungen: Der Weg entlang der Mauer wird neu asphaltiert und die Stahltafeln werden blank geputzt
„Den Toten des Großen Krieges“
Das Blau der Tafeln soll Frankreich symbolisieren und an die damalige Farbe der Uniformen erinnern. Aufschrift: „Aux morts de la Grande Guerre. Paris à ses enfants“. Dazu ein Zitat von Guillaume Apollinaire, der am 9. November 1918 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen und der Spanischen Grippe starb.
„Qui donc saura jamais que de fois j’ai pleuré
Ma génération sur ton trépas sacré“
In dem „Chant d’honneur“ aus dem Jahr 2015, dem diese Verse entnommen sind, ist der Krieg zwar in seinem Schrecken präsent, er wird aber gleichzeitig auch ästhetisiert und heroisiert. Diese Ambivalenz ist auch in den ausgewählten Versen zu spüren.
Und damit erhält der Tod -100 Jahre nach dem Ende des verhängnisvollen Krieges- immer noch eine transzendentale Weihe – die aber im Zusammenhang mit der Grande Guerre in Frankreich verbreitet ist. Man denke nur an die „dalle sacrée“ in Compiègne, an die „voie sacrée“, den Nachschubweg nach Verdun, an die ewige Flamme unter dem Arc de Triomphe oder die vielzitierten Worte Clemenceaus in seiner Siegesansprache am 11. November 1918:
„honneur à nos grands morts, qui nous ont fait cette victoire. (…) Grâce à eux, la France, hier soldat de Dieu, aujourd’hui soldat de l’humanité, sera toujours le soldat de l’idéal.“ (27a)
Eine französische Freundin, die aus dem im Krieg verwüsteten Nordosten Frankreichs stammt, wunderte sich jedenfalls, warum man gerade diese Verse Apollinaires für das Mahnmal am Père Lachaise ausgewählt hat. Vielleicht hätte man sich ja – so meine ich- auch an den -wenn auch spärlich gesäten- kriegskritischen Denkmälern orientieren können, die nach 1918 in Frankreich errichtet wurden- z.B. dem in Dardilly im Département Rhône. Die Inschrift dort: „Contre la Guerre. À ses victimes. À la fraternité des peuples“.[28] Aber das stand wohl selbst in einer (noch) von einer linken Mehrheit regierten Kommune nicht zur Debatte.
Bei der Auswahl der Namen haben sich die verantwortlichen Historiker vor allem auf die in den Rathäusern der Arrondissements geführten „livres d’or“ gestützt. (28a) Dort sind alle Toten mit dem Prädikat „mort pour la France“ aufgeführt, was den Hinterbliebenen eine Pension sicherte. Auf der Tafel am Père Lachaise sind darüber hinaus aber auch die Namen von verwundeten Fremdenlegionären und Kolonialsoldaten verzeichnet, die in Paris gestorben sind. Und die Namen von 200 Opfern der Militärjustiz. (siehe unten)
An der Einweihung des Denkmals konnte ich nicht teilnehmen, aber es wurde auch noch einige Tage danach festlich beleuchtet.
Geht man an dieser langen Reihe mit den 94 415 Namen vorbei, wird diese abstrakte Zahl in ihrer Grauenhaftigkeit etwas konkreter und anschaulich, gerade wenn man auch einmal innehält, auf die einzelnen Namen blickt und sich vorstellt, welche individuellen Schicksale damit bezeichnet sein könnten. Dann kann man verstehen, warum in Frankreich von dem „Großen Krieg“ gesprochen wird – und ist gleichzeitig auch etwas betroffen, wenn man an Deutschland denkt, wo dieser Krieg und seine nicht geringeren Opfer im nationalen Gedächtnis kaum eine Rolle spielt- so gute Gründe es dafür auch gibt.
In Deutschland ist der 11. November der Martinstag, an dem Martinsgans gegessen wird (Brust oder Keule?…) , und der Martinsumzug der Kinder mit den Laternen stattfindet….
… und es ist der Beginn der Karnelvalszeit: Als morgens in Paris die Glocken läuteten, begann im Rheinland pünktlich um 11.11 Uhr die „närrische Jahreszeit“[29]…
Auch in den 16 Pariser Arrondissements gab es ein vielfältiges Programm rund um den Jahrestag des Waffenstillstands. Dazu wenigstens einige wenige Beispiele:
Das Rathaus des 15. Arrondissements feierte nach eigenen Aussagen den 100. Jahrestag des armistice in großem Stil. Eine ganze Woche vor der offiziellen Erinnerungsveranstaltung am 9. November gab es eine ganze Reihe von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen. Hier das Plakat dazu im kitschigen Stil einer Feldpostkarte.[30]:
Ein wenig bekanntes und eher nicht zu der Feierstimmung des Jubiläums passendes Thema sprach die Mairie des 2. Arrondissements an: Die von der französischen Militärjustiz verhängten, teilweise auch zur Abschreckung gedachten Todesurteile gegen Soldaten, deren Verhalten als wehrzersetzend angesehen wurde.[31]
Dies ist ein Thema, das auch im 2016 neu gestalteten Mémorial von Verdun angesprochen wird und das besondere Brisanz dadurch erhält, dass die französische Militärjustiz im Ersten Weltkrieg einen traurigen Spitzenplatz in diesem Bereich innehat.[32] Besonders hart war das Vorgehen 1917, als im Zuge der verlustreichen Nivelle-Offensive am Chemin des Dames eine große Meuterei in der französischen Armee ausbrach, die mit aller Härte, aber auch Zugeständnissen an die Truppe beendet wurde. Das Chanson de Craonne, die Hymne der Soldaten, die sich nicht weiter in sinnlosen Angriffen abschlachten lassen wollten, war bis 1974 verboten. Und ein Schulaufsichtsbeamter verbot kürzlich, 100 Jahre nach dem Waffenstillstand, Schülern, bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an den 11. November 1918 das Lied vorzutragen….[33]
Mit einem ganz anderen, aber ebenfalls sehr interessanten Thema beschäftigt sich die Mairie des 4. Arrondissements anlässlich des armistice-Jahrestags. Am 9. November wurde im Ehrenhof des Rathauses im Beisein von Schüler/innen des Arrondissements eine Ausstellung mit Zeichnungen Pariser Grundschüler aus dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Präsentiert wurde die Ausstellung von Manon Pignot, die zu diesem Thema auch ein schönes Buch veröffentlicht hat. [34] Einige Kinderzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden auch gegenüber der Mairie des 19. Arrondissements am Zaun des Parks Buttes Chaumont befestigt. Es geht dabei nicht nur um selbst erlebte Alltagserfahrungen –zum Beispiel das Anstehen für Brot- sondern es werden auch Szenen der Front dargestellt, wie die Kinder sie sich aufgrund der Erzählungen von Verwandten und Lehrern vorgestellt haben.
Hier (Fotos oben und unten) erobern französische Truppen im Jahr 1914, also auch noch nicht behelmt, eine Ortschaft im Norden Frankreichs zurück.
Die Legende zur nachfolgenden Zeichnung vom 29. Februar 1916: „In Verdun wehren unsere heroischen Soldaten die wilden Angriffe der Barbaren ab.“ In der Tat zeigt sich hier eine in der Schule verbreitete „unglaubliche antideutsche Propaganda“ , wie die Mairie in ihrer Ankündigung der Ausstellung schreibt.[35]
Die „Société d’Histoire et d’Archéologie du Vieux Montmartre“, die die Ausstellung verantwortet, schlägt von da aus eine Brücke in die Gegenwart:
„Heute, wo die europäische Einigung wesentlich auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft beruht, erinnern die patriotischen Akzente der Zeichnungen daran, dass es nicht immer so war und dass es zweier schrecklicher, mörderischer Kriege bedurfte, dass sich zwei Völker auf ihre gemeinsamen Werte besinnen…“
Die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft stand auch im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus in der Cité Internationale Universitaire.
Dort wurde am 7.11. eine Ausstellungen mit Zeichnungen Marcel Santis eröffnet, der als französischer Soldat sein Leben und das seiner Kameraden in den Schützengräben festgehalten hat. Die Ansprache bei der Eröffnung hielt der ehemaligen Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault, ein besonderer Kenner und Freund Deutschlands.[36] Ayrault, der den Waffenstillstand von 1918 in den Kontext der geschichtlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts und der deutsch-französischen Beziehungen einordnete, wies dabei auch auf eine Zeichnung hin, die ihn besonders beeindruckt habe: Dargestellt sind drei Soldaten, links ein deutscher, rechts ein afrikanischer, vermutlich ein sogenannter tirailleur sénégalais, die einen verletzten französischen Soldaten in der Mitte stützen.
Es ist eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Zeichnung: Einmal wegen des farbigen Soldaten; es gab ja 200 000 Soldaten aus den Kolonien, die in der französischen Armee gekämpft haben und von denen 30 000 dabei umkamen. Deren Rolle wurde lange nicht oder kaum gewürdigt. Die Namen der Kanak, also der Ureinwohner Neu-Kaledoniens, die im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben und starben, wurden erst 1998 auf dem „monument aux morts“ in der Hauptstadt Noumea verzeichnet![37] Und gerade jetzt, am 6. November, hat Präsident Macron im Beisein des malischen Präsidenten in Reims das neue Denkmal für die „armée noire“ in Reims eingeweiht- das alte war 1940 von den deutschen Truppen zerstört worden.[38] Für Marcel Santi war der Soldat der „armée noire“ ein Kamerad wie auch der deutsche Soldat. Die drei Männer, die hier vereint abgebildet sind, die aber durch den Krieg zu Feinden gemacht wurden, verbindet eine Humanität, die über den Krieg hinausweist.
Bemerkenswert ist auch die sarkastische Aufschrift im Stil der offiziellen Kriegsberichterstattung, mit der Santi die Zeichnung überschrieben hat: „Secteur calme, rien à signaler“ – was man vielleicht am besten mit dem Titel von Erich Maria Remarques Antikriegsbuch übersetzen kann: Im Westen nichts Neues…
Etwa rätselhaft war mir zunächst die Aufschrift auf der nachfolgenden Zeichnung: „Un Fritz, deux jours de perme“, die mir freundliche Ausstellungsbesucher dann erklärt haben. Zu sehen sind im Gewirr einer französischen Stellung ein deutscher Soldat (hier aber nicht als „boche“ tituliert ), der in Kriegsgefangenschaft geraten ist und nun in die rückwärtigen Stellungen gebracht wird. Der deutsche Soldat ist offenbar hochzufrieden, dass der Krieg für ihn vorbei ist. Aber auch die französischen Soldaten können, wie die Aufschrift ausdrückt, zufrieden sein: Sie erhalten nämlich für jeden gefangen genommenen deutschen Soldaten zwei Tage Fronturlaub (permissions)…
Für Santi wie Remarque wie für viele andere Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten war klar, dass sich ein solcher Krieg nicht wiederholen dürfe.
In der Zeichnung, die auf der Ankündigung der Ausstellung abgebildet ist, hat Santi das auf sehr schöne und anrührende Weise zum Ausdruck gebracht. Ein, wie ich meine, passender Abschluss dieses Blog-Beitrags zum 11. November 2018.
PS: Ganz zum Schluss aber dann doch noch ein Wermutstropfen: Wie traurig, dass zum 100, Jahrestag des Waffenstillstands die Renovierung der Mauer für den Frieden immer noch nicht abgeschlossen wurde.[39] Das wäre doch ein passender Anlass gewesen…. Aber vielleicht veranschaulicht das ja auch, wie es derzeit mit dem Frieden in der Welt steht….
[4] Es ist –gerade aus deutscher Perspektive- auffällig, wie unbefangen der Begriff „champ d’honneur“ noch heute in Frankreich verwendet wird. Siehe zum Beispiel: in einem Artikel über Maurice Genevoix im Figaro vom 6.11.2018, S. 7
Zum Beitrag der Schriftsteller Genevoix, Dorgelès und Barbusse zur Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs im „roman national“ Frankreichs: Libération, 5.11.2018: Maurice Genevoix, Roland Dorgelès et Henri Barbusse: Trois styles pour raconter la Grande Guerre.
[7] Einen bescheidenen Beitrag zum Erinnerungsmarathon habe ich auch gleistet: Eine befreundete französische Historikerin und ich haben gemeinsam in einer öffentlichen Bibliothek von Paris deutsche und französische Bücher zum Ersten Weltkrieg vorgestellt, um damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Perspektiven zu verdeutlichen.
[8] Siehe auch: 1914-1918. Le débat sans fin. Cent ans après, la Grande Guerre inspire toujours, en témoignent les nombreuses parutions qui interrogent, le consentement et le patriotisme français en temps de guerre. In: Le Monde des livres, 9.11. 2018
[10] siehe z.B. wenn auch unkritisch: François Cochet, Morhange, la fin de l’offensive à outrance. In: Le Figaro, 5.11.2018 Siehe dazu auch den Blog-Bericht über die mur pour la paix und das Reiterstandbild des Marschalls Joffre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2035
[12] Siehe: Une mémoire centenaire. In: Télérama vom 5.9.2018, S. 17 und Georges-Henri Soutou, 1918: La fin de la Première Guerre mondiale? In: Revue historique des armées, 2008, S. 4-17
s.a. https://francais.rt.com/france/54800-11-novembre-pour-ne-pas-froisser-allemagne-macron-refuserait-parade-armee-francaise Wenn da übrigens zu lesen ist, für Deutschland markiere der 11. November „un jour de défaite“ so wird damit eine französische Sicht des 11. November (Tag des Sieges) –mit umgekehrtem Vorzeichen- fälschlicherweise auf Deutschland übertragen (Tag der Niederlage). Tatsache ist doch wohl, dass der 11. November im kollektiven deutschen Geschichtsbewusstsein keine Rolle spielt – anders als der geschichtsträchtige 9. November, der aber leider nicht zum deutschen nationalen Feier- und Gedenktag gemacht wurde.
(16a) Dass Joffrin es hier wagt, Kritik an dem in Frankreich eigentlich sakrosankten und derzeit mit einer Ausstellung im Pantheon gefeierten Clemenceau, dem „Vater des Sieges“ zu äußern, ist äußerst bemerkenswert. Zur Präsenz des „Tigers“ in den französischen commémorations zum Ersten Weltkrieg siehe: http://www.clemenceau2018.fr/
[17] Siehe: Claire Demesmay und Barbara Kunz, Commémorer au lieu de célébrer. Debattenbeitrag in Le Monde vom 8. November 2018, S. 24
Hommage à Pétain: deux mois d’atermoiments à l’Elysée. In: Le Figaro, 9.11. 2018, S. 6
[21] In diesem Sinne kritisierte auch François Hollande seinen Nachfolger: „ L’histoire n’isole pas une étape, même glorieuse d’un parcours militaire. Elle juge l’immense et indigne responsabilité d’un maréchal qui a délibérément couvert de son nom et de son prestige , la trahison, la collaboration et la déportation de milliers de juifs de France.“ (zit. in Le Monde, 9.11. 2018, S. 10: L‘ „itinérance“ rattrapée par l’ombre de Pétain.
[25] Das deutsche Requiem von Brahms ist ja ein nicht nur musikalisch herausragendes, sondern auch im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr symbolträchtiges Werk. Im Rahmen des centenaire 14-18 wurde es zum Beispiel Im Oktober 2015 auch in der Kathedrale von Lisieux aufgeführt, wobei ich auch teilnehmen konnte. Eine sehr anrührende Erfahrung.
[31]https://www.mairie02.paris.fr/actualites/fusille-pour-l-exemple-517 Überschrift der Einladung zu der Eröffnung der Ausstellung: Devoir se battre pour son pays, être tué par sa patrie. Die Familien der betroffenen Soldaten warteten immer noch auf eine volle gesetzliche Rehabilitierung.
[37] Dazu der Film: Kalepo, un Kanak dans la Grande Guerre, ausgestrahlt am 8.11.2018. Siehe Le Monde, 8.11.: Á la mémoire des tirailleurs kanak, S. 21
Anmerkung September 2020: 2020 wurde die Mauer für den Frieden abgebaut, um Platz zu machen für einen Ersatzbau für das zu renovierende Grand Palais. Die Mauer für den Frieden soll aber an einem neuen Platz in neuer Form wiederaufgebaut werden.
Im zweiten Beitrag über die Pariser Street-Art wurden drei Künstler vorgestellt, die mit ihren Werken den öffentlichen Raum der Stadt in besonderer Weise prägen: Mosko, Jerôme Mesnager und Jef Aérosol. In einem nachfolgenden sollen Miss Tic, Monsieur chat und Fred le chevalier folgen. Der Invader, den ich –gewissermaßen im Zentrum platziert- hier vorstellen möchte, ist sicherlich der präsenteste von ihnen und er war auch der erste, den ich, seit wir uns in Paris niedergelassen haben, mit Bewusstsein wahrgenommen habe. (1)
Bei Spaziergängen und Fahrten durch die Stadt waren mir kleine Mosaike aufgefallen – unübersehbar bei der Orientierung, weil sie vor allem an Straßenecken bei den Straßenschildern angebracht sind.
… manchmal auch an touristisch besonders frequentierten Orten wie beispielsweise hier am pont de Iéne – auf der Seite des Eiffelturms:
Allmählich wurde ich neugierig und fragte einige alteingesessene Pariser, was es denn mit diesen Mosaiken auf sich habe: Fehlanzeige! Selbst unser Zeitungshändler hatte sie noch nie bemerkt und konnte sich auch aus dem Bild, das ich ihm zeigte, keinen Reim machen. Für die Pariser scheint ihre Stadt jedenfalls nicht (mehr) ein Ort zum Flanieren zu sein.
Wenige Tage später fiel mir am Zeitungskiosk die Ausgabe der Libération vom 11./12. Juni 2011 auf. Ein unübersehbares schwarz-weiß-rotes Mosaik zierte das Titelblatt: Invader envahit Libé– Invader überfällt Libération; wobei auch noch die beiden a-s in der Schlagzeilen durch kleine Mosaiken ersetzt waren.
Die gesamte Zeitung fiel typografisch aus dem Rahmen: In den meisten Überschriften waren die a-s mosaikartig umgestaltet. Zunächst dachte ich an ein technisches Problem, bis ich verstand, worum es hier ging: Um eine Ausgabe zu Ehren eines Pariser Straßenkünstlers mit dem Pseudonym Invader.
Dort erfuhr ich nun endlich etwas über das „Geheimnis“ der merkwürdigen Mosaike: „Seit zwölf Jahren bringt Invader in den Städten der ganzen Welt seine Mosaikfiguren an, inspiriert von einem Videospiel der 70-er Jahre.“
In der Ausstellung Être Moderne: Le MoMa à Paris, die 2017/18 in der Fondation Louis Vuitton gezeigt wurde, gehörten auch zwei klassische Videospiele zu den Ausstellungsobjekten, eines davon war der Space Invader von 1978, der damit in den Rang einer Ikone der modernen Kunst aufrückte. Man konnte sie nicht nur betrachten, sondern auch benutzen, wovon jugendliche Ausstellungsbesucher mit großer Intensität Gebrauch machten.
Wie andere Straßenkünstler hat der Invader eine gediegene künstlerische Ausbildung, einen entsprechenden künstlerischen Anspruch und einen Horror vor banalen Nachahmern. Der Grund, warum ihn Libération 2011 mit einer besonderen Ausgabe ehrte: Invader hatte gerade sein 1000. Mosaik in Paris angebracht.
Und während Invader meistens nachts unterwegs ist und maskiert und im Schutz der Dunkelheit ans Werk geht, war das 1000. Mosaik Teil einer Vernissage: In einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Paris in unserem 11. Arrondissement, einem repräsentativen Industriebau des 19. Jahrhunderts, wurde das 1000. Mosaik enthüllt und eine Invader-Ausstellung eröffnet.
Aus Anlass des 1000. Pariser Mosaiks wurde eine Karte herausgegeben, auf der alle Pariser „Space Invaders“ verzeichnet sind- buchhalterisch exakt mit Nummer, Arrondissement und Datum. Außerdem ist für jeden Space Invader auch noch eine Punktzahl angegeben. Für jedes Mosaik gibt es zwischen 10 und 50 Punkten: und zwar je nach der Schwierigkeit, es anzubringen und seinem „künstlerischen Wert.“ Punkte gab es auch schon bei dem Videospiel der 70-er Jahre, und der Spieler, der die meisten Punkte gesammelt hatte, war der Gewinner: Im Gegensatz dazu ist der Pariser „Invader“ immer der Gewinner.
In der Ausstellung waren natürlich jede Menge der kleinen Mosaike ausgestellt, darüber hinaus eine Vitrine mit entsprechend gestalteten Turnschuhen, die der „Invader“ bei seinen nächtlichen Aktionen getragen hatte. Und verkauft wurden Waffeln mit natürlich dem unvermeidlichen Invader-Muster.
Gezeigt wurde auch, dass der „Invader“ rund um den Erdball tätig ist. Auf allen Kontinenten und in 72 Städten war er schon aktiv, vor allem aber in Europa.[1a]
Wie man sehen kann, ist der Invader auch in Frankfurt und Berlin schon aktiv geworden.[2]
Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist aber eindeutig Paris. Der Invader macht das auch sehr deutlich – zum Beispiel durch das „I (love) Paris“- Mosaik an der Place des Vosges und den entsprechenden Titel von Sammelbänden mit den Pariser Mosaiken des Invaders.
Die wurden im Februar 2017 mit großem Werbeaufwand in der großen Buchhandlung im Centre Pompidou präsentiert. An der Eingangstür sieht man die Abbildung eines Pariser Mosaiks des Invaders in „Arbeitskleidung“ und mit Ausrüstung.
Die Stadt dankt ihm seine Anhänglichkeit, indem sie ihm zum Beispiel Ehrenplätze einräumt:
Invader-Mosaik am Pont Neuf und an der Place Suzanne Valadon am Fuß von Sacré-Coeur. Da bedroht ja ganz offensichtlich der Invader nicht die Stadt, sondern er liefert ihr die fehlenden Mosaiksteinchen: Die Street-Art bereichert also, so die Botschaft, die Stadt um etwas, was ihr bisher gefehlt hat.
Die französische Post ehrte sogar den Invader –wie auch andere (Pariser) Straßenkünstler- mit einer Briefmarke.
Es sind vor allem die populären Stadtviertel im Osten – wo nach Ansicht des Künstlers offenbar eher Menschen wohnen, die die Space-Invasions nicht als Sachbeschädigung, sondern als Bereicherung des öffentlichen Raums ansehen.
In den Katalogen der „invasions de Paris“ sind die Mosaike kartografiert. Da ist die Vorliebe des Invaders für den Osten von Paris, also auch den Faubourg- Saint- Antoine unübersehbar.
Als „Lokalpatriot“ des 11. Arrondissements bzw. des Faubourg Saint-Antoine, der ich inzwischen geworden bin, freue ich mich natürlich besonders über die Invader-Mosaike in unserer Umgebung: Beispielsweise über das an der historischen Fontaine de Montreuil…
.. oder das am deutsch-französischen Café Titon an der Ecke der Rue Chanzy und der Rue Titon, das auf die draußen sitzenden Gäste herabäugt.
Oder über das Mosaik an der U-Bahn-Station Faidherbe-Chaligny, offensichtlich ein 900er Mosaik: genau die Nummer 944, wie der Invader-Plan verrät. Dass es die Form eines Tisches oder einer Kommode hat, ist wohl ein Bezug zur Tradition des Holzhandwerks in diesem Viertel.[3]
An diesem Mosaik an der Place Voltaire (neben der Bäckerei, bei der wir oft und gerne Brot und croissants kaufen) ist sogar die genaue Nummer angegeben- immerhin eine ganz besondere….
… Interessant ist auch, dass bei der Renovierung der Fassade des Café-Titon-Hauses das Mosaik nicht beschädigt oder gar entfernt wurde. Inzwischen ist der Invader so bekannt, dass Hausbesitzer sich eher glücklich schätzen, wenn ihr Haus durch ein solches Mosaik verziert und aufgewertet wird. Und auch wenn der Invader weiterhin nur nachts und mit Gesichtsmaske unterwegs ist: Selbst die Pariser Polizei, die ihn zu Beginn seiner Interventionen noch mehrmals vorläufig festgenommen hatte, wie uns in der Ausstellung erklärt wurde, weiß, dass sie es mit einem inzwischen höchst erfolgreichen Künstler zu tun hat, dessen Tätigkeit sie nicht behindert. Der Invader kann jetzt im Allgemeinen auch ganz ungehindert seine Leiter anstellen und seine Mosaike ankleben, so wie er es sehr schön in der rue de Montreuil (11. Arrondissement, März 2018) zeigt.
Eher sind es jetzt Souvenir-Jäger, die sich für die Mosaike des Invaders interessieren…
… und darauf Jagd machen.
Immerhin kosten schon die kleinen Mosaike im Kunsthandel 5000- 7000 Euro – jedenfalls waren das die Preise, die 2011 auf einer Ausstellung von Mosaiken des Invaders im noblen Faubourg Saint-Honoré verlangt wurden. Als ich damals die Ausstellung besichtigte, waren alle kleinen Mosaike schon verkauft. Noch zu haben waren nur große Formate mit Preisen von um die 50.000 Euro! 2016 wurde ein Werk des Invaders sogar für 251.000 Euro verkauft!
Inzwischen gibt es allerdings wieder eine ganz exakte Kopie der drei Läufer am gleichen Ort. (aufgenommen April 2019. Und dazu gleich ein neues Schild für die Münzwäscherei im Erdgeschoss). Mal sehn, wie lange sie dort ungestört laufen können….
Dass der Invader wie andere arrivierten Straßenkünstler auch -sicherlich lukrative- Werbeaufträge annimmt, entdeckte ich übrigens an einem kleinen versteckten Siedlungshäuschen in Ménilmontant. Die Firma, für die der Invader offenbar ein Logo entworfen hatte, ist aber keine Wach- und Schließgesellschaft, wie ich zunächst vermutete, sondern ein deutsches Hochtechnologie- Unternehmen der cyber-Sicherheit. Aber potentielle Diebe wissen das wohl kaum und gehen dann vielleicht lieber woanders ans Werk.
Inzwischen benötigten allerdings die Werke des Invaders selbst Protektion: Anfang August 2017 berichteten Libération und Le Monde, dass street-Art-Werke des Invaders in Paris inzwischen systematisch geraubt würden. Und zwar immer nach dem gleichen Muster: Zwei Männer mit Leiter und in Monteuerskleidung gäben sich als Angestellte der Stadt aus und machten sich an die Arbeit, die Mosaike zu entfernen. Angeblich kämen sie mit einem Mercedes. Die mairie de Paris versicherte daraufhin in einer Presseerklärung, sie habe damit nichts zu tun:
«Sur les photos, on les voit habillés normalement, avec des gilets jaunes qu’on peut trouver n’importe où, alors que les employés municipaux portent un uniforme. Et non, la ville de Paris ne fournit pas encore de Mercedes à ses employés.»
Die Stadt hat inzwischen auch Anzeige gegen Unbekannt gestellt „pour usurpation de fonction.“
Und es gibt inzwischen auch eine breite Kampagne in den sozialen Netzwerken, wachsam zu sein, und es gibt sogar Gruppen, die sich vorgenommen haben, gestohlene oder zerstörte Mosaiken zu ersetzen. Ein Auslöser dabei war die Entfernung eines besondes bekannten Mosaiks, nämlich das der Mona Lisa (Joconde) in der Rue du Louvre (1. Arrondissement), was große Empörung auslöste.
Auch der Invader hat reagiert: Er verwendet jetzt einen stärkeren Leim als früher und seine Kacheln/Mosaiksteine sind dünner, lassen sich also nicht mehr so leicht unbeschädigt entfernen. Und er erwartet juristische konsequenzen. Aber kann die Entfernung eines illegal angebrachten Mosaiks ein illegaler Akt sein? Auch wenn die betroffenen Hausbesitzer ich inzwischen mit ihnen angefreundet haben? Und auch wenn die Mosaike nicht aus finanziellen Motiven entfernt wurden? Darüber können sich jetzt die Juristen die Köpfe zerbrechen… (3a)
Offenbar ist aus dem nächtlichen Straßenkünstler längst ein höchst erfolgreicher Star der Kunstszene geworden, dem eine zahlungskräftige Kundschaft die Werke geradezu aus den Händen zu reißen scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Straßeninvaders inzwischen Teil einer ausgebufften Marketingstrategie und einer gekonnten Selbstinszenierung.
Inzwischen gibt es –laut offizieller Website- 1367 Invader-Mosaike in Paris. (Stand September 2018).[4] Ein Problem ist angesichts einer so großen Zahl natürlich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Weit über 1000 Invader-Mosaike allein in Paris! Besteht da nicht die Gefahr, dass die Passanten genug davon haben, es ihnen allmählich reicht mit den Eindringlingen aus dem Weltraum, die sich ungefragt an den Häuserfassaden niedergelassen haben?
Dem Invader ist dieses Problem durchaus bewusst. So gehört es zu seinen Prinzipien, dass jedes Mosaik ein Unikat sein soll:
„Répéter la même forme aurait été lassant j’ai donc décidé de ne jamais reproduire deux fois la même mosaïque et je m’y suis tenu.“[5]
Also hat er das „klassische“ Invader-Motiv vielfach variiert:
Zum Beispiel durch Vervielfachungen, wie hier am Louvre gegenüber dem Denkmal für den in der Bartholomäusnacht ermordeten Führer der Hugenotten, den Admiral von Coligny – wobei die Form dieses Mosaiks wohl als Anspielung auf diesen historischen Hintergrund verstanden werden kann…
…durch oft dem entsprechenden Platz angepassten Erweiterungen….
… hier zum Beispiel in der rue de la Roquette am Eingang zum Friedhof Père Lachaise…
…. ein Motorrad an dem Motorradladen Boulevard Beaumarchais oder ein trotziges „Ich war hier“ hinter dem während der Renovierungsarbeiten angebrachten Netz….
… und hier am Gare de Lyon, wo die Züge in den Süden abfahren….
— oder zum Beispiel durch einen Invader in Form einer Kapelle oder die Flasche als Ersatz für ein zerstörtes Wirtshausschild auf der Ile Saint-Louis (Quai Bourbon)….
…. durch Angabe der Jahreszahl der Anbringung des Mosaiks…
…. durch Vergrößerungen der Mosaiksteinchen, also die Verwendung von Kacheln…
… oder durch die Verwendung anderer Materialien….
Der etwas aus dem Rahmen fallende space invader wird übrigens von einer Oktopus-Dame des Straßenkünstlers GZUP bewundert, der schon im ersten Beitrag über die Street-Art in Paris kurz vorgestellt wurde.
Darüber hinaus hat der Invader das Spektrum seiner Möglichkeiten über das klassische Invader-Motiv hinaus erheblich erweitert wie hier –passend zum Ort der Platzierung- an der streng quadratisch angelegten Place des Vosges. (Leider existiert das inzwischen nicht mehr).
Auch bei anderen Mosaik-Figuren ist auf den ersten Blick deutlich, dass sie speziell für den jeweiligen Platz ausgewählt und vielleicht auch erdacht wurden:
… so der Invader mit einer Serie von Früchten auf dem marché d’Aligre im 12. Arrondissement oder der Invader mit einer geballten Faust zur Erinnerung an den Mai 1668 natürlich an der place de la Sorbonne:
Schön auch die Rakete am Anfang der rue de la Roquette in der Nähe der Bastille. Eigentlich müsste da ja ein Rukola-Blatt abgebildet sein, denn der Name der Straße bezieht sich auf diese Pflanze (französisch: roquette), die dort einmal verbreitet war. (Siehe den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand). Aber für die vielen Touristen, die dort vorbeigehen, ist eine Rakete sicherlich einsichtiger: Man braucht ja auch nur den Akzent von der zweiten auf die erste Silbe zu verschieben, um von dem französischen Salatblatt auf die englisch/amerikanische Rakete zu kommen: also ein schönes Wortspiel des Invaders. (Wobei ich mir hier – wie auch bei dem anschließend gezeigten Mann mit den blauen Hosen- nicht ganz sicher bin, ob da nicht jemand anderes am Werk war…)
Eine öfters zu sehende Variation ist auch der Mann mit den blauen Hosen und der braunen Jacke, der in der rue Oberkampf Klimmzüge an einer Überwachungskamera unternimmt und in der rue Saint-Maur die in Paris häufig anzutreffenden vorstehenden „pierres d’attente“ hochklettert. Diese sogenannten „Wartesteine“ waren beim Bau von Häusern oft extra an die seitlichen Hauswände eingebaut worden, um die Verzahnung mit einem geplanten, aber nicht ausgeführten Nachbargebäude zu verbessern. Ganz in der Nähe steht das Männchen dann auf einem Sims in der Passage du chemin vert und hält sich die Ohren zu. Kein Wunder, denn er befindet sich hier mitten im geschäftigen Viertel des chinesischen Textilhandels, an einer engen, viel befahrenen und oft zumindest teilweise von Lieferwagen blockierten Straße, Der Lärm dort ist entsprechend. Alle diese kleinen Mosaike befinden sich übrigens im 11. Arrondissement.
Der kleine Pinguin, bei dem es keinen Invader- Zweifel geben kann, steht an einer Hauswand im Quartier Latin gegenüber von Notre Dame und träumt wohl davon, ins Wasser der Seine zu springen- Allerdings tut er gut daran, das nicht zu tun: Nicht nur, weil es ihm kaum bekommen würde, sondern weil sich dann die Passanten, wenn sie ihn denn entdecken, nicht mehr über ihn freuen könnten.
Manche der vom Invader verwendeten Figuren können auch aus anderen Bereichen stammen, aus anderen Computerspielen, aus Comics, Filmen:
„je m’amuse aussi parfois à changer de registre avec des figures venant d’autres horizons.“[6]
Hier handelt es sich wohl um Mickey-mouse und offensichtlich um Homer Simpson, an anderen Stellen ist mir die Herkunft der Figuren nicht bekannt. (Über Tipps und Hinweise würde ich mich freuen):
rue de Picpus, 12. Arrondissement
Bei den drei nachfolgend abgebildeten Mosaiken sind übrigens die klassischen Invader-Raumschiffe integriert: sie sind also gewissermaßen vom Invader signiert.
Kein Zweifel kann auch bei einem der neuesten , im Juni 2016 geschaffenen Invader-Mosaike in Paris aufkommen, der Figur des Dr. House, dem 1205. Invader-Werk in Paris.[7] Immerhin ist es – mit 10 Meter Höhe!- das bisher mit Abstand größte Werk des Invaders , und es befindet sich an einer Wand des berühmten Krankenhauses Pitié-Salpêtrière an der Avenue Vincent-Auriol im Street-Art-freundlichen 13. Arrondissement und gut sichtbar von der vorbeiführenden Métro-Linie 6.
Es handelt sich um die Figur des Dr. House, der einer populären Fernsehserie einen Namen gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock. Und das für den Diagnostiker Dr. House unentbehrliche Stetoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht.
Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:
Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [8]
Der Invader betont also selbst, wie vielfältig sein Repertoire inzwischen ist und weit über die traditionellen Space Invaders hinausgehen. Vielleicht ist wohl auch der Grund dafür, dass ich mich immer noch freue, wenn ich ein für mich neues Mosak des Invaders sehe. Und wenn es ein besonders Schönes und zur Umgebung passendes ist, freue ich mich besonders. Zumal alles auf Zufall beruht. Die Invader- Karte oder aktueller: die application FlashInvaders für eine gezielte Suche zu benutzen ist tabu. Die Freude besteht ja gerade im überraschenden Finden!
Die wünsche ich auch allen Paris- Besuchern/Besucherinnen, die diesen Bericht lesen und vielleicht angeregt werden, beim Flanieren in der Stadt auch etwas nach Mosaiken des Invader Ausschau zu halten!
Ein paar weitere „Fundstücke“:
rue Mouffetard
An der ehemaligen Ringbahn um Paris (petite ceinture) im 20. Arrondissement
Berges de la Seine/Pont Sully
An einer Bushaltestelle am musée d’Orsay
Besonders gut gefallen hat uns ein neues Mosaik des Invaders in dem Ende 2023 nach längerer Renovierung wieder eröffneten Schwimmbad Pontoise im 5. Arrondissement von Paris, einem Art-déco-Bau aus den 1930-er Jahren.
Der Invader ist im dritten Stockwerk der Umkleidekabinen „gelandet“. Man muss schon genauer hinsehen, um ihn zu entdecken. (Fotos: Wolf Jöckel März 2024)
Er hat sich ja auch ganz wunderbar an das Wasser des Schwimmbeckens und an das Muster der alten Art-deco-Mosaiken angepasst…
Anmerkungen:
(1) Das Beitragsbild zeigt ein I love-Paris Mosaik des Invaders aus der rue de l’hôtel Colbert im 5. Arrondissement
Die Fotos dieses Beitrags sind alle im Lauf der letzten Jahre aufgenommen worden, seit wir uns in Paris niedergelassen haben. Da Street-Art eine ephemere Kunst ist, kann es also gut sein, dass es manche der hier abgebildeten Arbeiten des Invaders nicht mehr gibt.
Nach dem Pariser Street-Art – Überblick im ersten Beitrag der kleinen Street-Art-Reihe (open your eyes! Dezember 2017) möchte ich in drei nachfolgenden Beiträgen einige für mich besonders interessante Street-Art-Künstler vorstellen, hier zunächst Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager. Sie sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites, vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich über zufällige Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieser kleinen Street-Art-Serie, die zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.
Mosko et associés
Schon seit Jahren haben wir Freude an den exotischen Tieren Moskos, mit denen die Ecole maternelle in der der Rue du Jourdain in Belleville gleich neben dem Haus unserer Freundin Marie-Christine verziert ist.
Rue du Jourdain (20e)
Den gleichen Tiger gibt es übrigens auch beim Kindergarten an der Square Henri-Cadiou im 13. Arrondissement- nur dass er diesmal in andere Richtung läuft und dazu noch auf einem Seil. Eine solche Reproduktion und Variation ist dank der Schablonen-Technik (pochoir), zu deren französischen Pionieren Mosko gehört, einfach herzustellen.
Vor allem sind es Tiger, Giraffe, Zebra und Schmetterlinge, die Mosko et associés mit ihren Schablonen und bunten Farben an die Wände von Schulen, Geschäften und Privathäusern auftragen, wobei das Logo Mosko et associés nie fehlt. Der Name Mosko ist abgeleitet von dem quartier de la Moskova (18. Arrondissement), aus dem die beiden Straßenkünstler Gérard Laux und Michel Allemand stammen.
Im letzten Jahr habe ich während der französischen Sommerferien entdeckt, dass das in dieser Zeit geschlossene Rollgitter des deutsch-französischen Café Titon in der Nähe unserer damaligen Wohnung auch von Mosko gestaltet ist- natürlich mit Tiger. Solche kleinen Entdeckungen freuen mich immer sehr. Street- Art- Künstler erhalten übrigens nach meinen Beobachtungen öfters den Auftrag, Rollgitter zu bemalen: ein kleiner Trost für Gäste oder Kunden, die enttäuscht vor einer geschlossenen Tür stehen.
Oft –und vor allem in den Anfängen seit 1989/1990- brachten Mosko und associés ihre Wandbilder in heruntergekommenen Gegenden vor allem des 18., 19. und 20. Arrondissements an zugemauerten Türen und Fenstern und halb verfallenen Wänden an: Sie verstehen sich als „embellisseurs du cadre de vie“. Schönheit, Freude und Leben sollten dahin gebracht werden, wo es Dreck, Dunkelheit und Ruinen gibt.[1]
Zwei schöne Beispiele dafür sind die Giraffen am foyer de jeunes travailleurs in der rue Daubenton (5. Arrondissement) und der eindrucksvolle Tiger in der rue du Retrait (20. Arrondissement). Mit dem Aufkleber auf der rechten Seite wird übrigens gegen das (inzwischen beendete) Projekt des Baus eines Großflughafens bei Nantes (Notre- Dame-des- Landes) protestiert.
Auch die Giraffen und Schmetterlinge, die wir auf unserem Weg zu den mursv à pêches in Montreuil entdeckt haben, (rue Gaston Monmousseau), bringen etwas Farbe und Leben in ein wenig anheimelndes Viertel.
Schön ist auch die Bemalung des Eingangs des Restaurants HAΪ KAĬ am Canal Saint Martin (Quai de Jemmapes), einem Zentrum des „hippen Paris“. (2) Danach würde man wohl eher eine exotische Küche erwarten. Angeboten wird hier aber nach eigener Präsentation eine französische haute cuisine mit, so jedenfalls Michelin, „un véritable antre bobo-chic“ im Innern. Und dazu passen die Tiere Moskos wohl auch…
Jef Aérosol
Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), ist sicherlich einer der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris und „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 1987 wurde er in der ersten Publikation über diese neue Kunstform berücksichtigt, und in der Urban-Art-Bienale in der Völklinger Hütte 2017 ist/war er gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. (3]
Er ist der Schöpfer des Wandbilds an der Place Stravinsky zwischen dem Centre Pompidou und der gotischen Kirche Saint-Merri am Brunnen von Niki de Saint-Phalle und Jean Tinguely: Quel honneur!
Es handelt sich um ein Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“, ein Auftragswerk des Centre Pompidou und mit seinen 350 qm² eines der größten Wandbilder der Welt.[4]
Aber natürlich ist Jef Aérosol auch an anderen Stellen der Stadt präsent, so in dem Viertel la butte aux cailles (13. Arrondissement), das in ganz besonderer Weise von der street art geprägt ist.
Hier kann man in der Passage du moulin des prés den tanzenden Flötisten sehen (Februar 2019) und an anderer Stelle den Akkordeon spielenden Jungen. Zu beiden passt der schöne Titel in Rot: La musique adoucit les murs. Nicht fehlen darf bei Jef Aérosol der rote Pfeil, sein Markenzeichen. Während die Musik die Wand in der rue de la butte aux cailles schmückt, gehört der Boden darunter den Ratten. Die sehen zwar ganz possierlich aus, sind aber in Paris derzeit eine große Plage. Wir konnten sie schon nachts auf dem Vorplatz von Notre Dame beobachten, als sie sich ungeniert über die dort aufgestellten Abfallsäcke hermachten. Zwar hat jetzt die Stadt Paris eine große „dératification“- Kampagne gestartet, aber der Erfolg scheint keineswegs durchschlagend zu sein.
Den jungen Akkordeonisten sieht man übrigens auch auf einem der bekanntesten Werke Jef Aérosols, der Fassade eines Hauses in Fâches-Thumesnil an der belgischen Grenze.[5) Ein Foto dieser Fassade hat es sogar einmal geschafft, in den –leider inzwischen nicht mehr existierenden- Abreißkalender des Taschen-Verlags aufgenommen zu werden:
Den links unten auf der Fassade zu sehenden sitzenden traurigen Jungen gibt es auch an mehreren Stellen in Paris zu sehen, zum Beispiel in der Rue du Père Teilhard de Chardin (5. Arrondissement) oder in der Passage du Moulin des Prés. Und dann auf dem weiter unten zu sehenden Gemeinschaftsplakat von Mesnager, Jef Aérosol und Mosko in der Rue Biot.[6] Und in der Rue Biot nahe an der Place de Clichy, von der noch weiter unten die Rede ist, gibt es einen sitzenden Mann Jef Aérosols: Die Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit von Pfund, Dollar und Euro.
Jerôme Mesnager
Auch Jerôme Mesnager, der 2018 auf einer Kunstausstellung im Rathaus des 8. Arrondussements als „Pionier der französischen Street-Art“ vorgestellt wurde, hat eine ganz eigene unverkennbare „Handschrift“: Es sind seine weißen Männer, die man vor allem im Osten von Paris findet, am auffälligsten in Ménilmontant, im 19. und 20. Arrondissement.
Als Geburtsdatum des „homme blanc“ wird der 16. Januar 1983 genannt. Angeblich habe sich da der damalige Kunststudent Mesnager in angeheitertem Zustand mit seinen Kumpeln nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt- das sei der Ursprung seiner Figuren. Wie auch immer: Inzwischen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und als ich einmal nach einem Fahrradunfall das Krankenhaus St. Antoine aufsuchen musste, stellte ich fest, dass die Flure von Mesnager ausgemalt waren und ich habe gehofft, dass ich auch bald wieder so würde herumspringen können wie seine weißen Männer: Immerhin werden sie von ihrem Schöpfer ja auch verstanden als „un symbole de lumière, de force et de paix“.[7] Und gleichzeitig habe ich dort die erste Mesnager-Frau entdeckt – eine, wie ich finde, schöne Variation der sonst doch immer arg stereotypen männlichen Gestalten.
Mesnager hat inzwischen –auch international- Karriere gemacht.Er wird mit eigenen Ausstellungen gewürdigt, beispielsweise 2014 mit einer Ausstellung in einer Galerie im Marais. Die unten rechts abgebildete Druckplatte gefiel uns so gut, dass wir sie gerne gekauft hätten. Aber da waren uns andere schon zuvorgekommen.
Wie das Beispiel des St.Antoine-Krankenhauses schon gezeigt hat, bekommt Mesnager inzwischen offizielle und sicherlich lukrative Aufträge.
Baustelle in der rue Charonne neben dem Palais de la Femme im 11. Arrondissement . Auch am Neubau war Mesnager am Werk
Firmenschild in der noblen Avenue F.D. Roosevelt
Eine besondere Auszeichnung bedeutete es sicherlich auch, dass Mesnager an dem großen Projekt quai 36, der Ausgestaltung der Wand am Bahnsteig 36 des Pariser Gare du Nord teilnehmen konnte. Seinen Beitrag verstand er als hommage an Fritz Lang (Metropolis) und Charly Chaplin (Modern Times): Es geht um die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, in der -gerade auch für einen Bahnhof typischen Hektik- einmal innezuhalten – zum Beispiel auch, um sich die vielen interessanten Street-Art-Arbeiten an dem Bahnsteig 36 anzusehen. (7a)
Eine besonders bekannte Auftragsarbeit von Jerôme Mesnager ist die Gestaltung der Wand eines Schulhofs in der Rue Bouret im 19. Arrondissement.
Die Motive sind passend zu einer Schule gewählt…
… dass auch Georg, der Drachentöter, dabei ist, beruht auf dem Namen der privaten Schule, die nach diesem Heiligen benannt ist.
Aber es gibt auch nach wie vor weiße Männer als ephemere Produkte in der alten Tradition der Street-Art wie hier am Bassin de la Vilette.
Und man muss nicht in eine noble Gelerie im Marais gehen, um „einen Mesnager“ zu kaufen, sondern kann auch schon auf dem populären Marché d’Aligre im 12. Arrondissement fündig werden.
400 Euro wollte der Händler für das weiße Liebespaar haben….
Jerôme Mesnager zu Zeiten von Corona: Dieses Bild veröffentlichte die Zeitung Le Parisien am 21. Dezember 2020 zur Illustration eines Beitrags über die geschlossenen Restaurants…. Eine schöne Gegenüberstellung der traurigen Realität und dem, wie es einmal war und hoffentlich auch bald wieder sein wird….
Diese beiden Bilder habe ich im September 2021 gemacht: Da wird wieder gesprungen und getanzt…. (großformatige Werbeschilder für eine Ausstellung im Faubourg Saint-Honoré.)
Gemeinschaftsarbeiten
Besonders schön finde ich es, dass Jerôme Mesnager auch viel mit anderen Street-Art-Künstlern zusammenarbeitet:
Zum Beispiel an der Place de Contrescarpe mit Seth, den wir schon vom Belvedere von Belleville her kennen….
… oder mit dem auch aus Belleville bekannten Nemo –unverkennbar mit dem roten Regenschirm und dem Koffer- im 5. Arrondissement…
und mit Mosko und Jeff Aerosol, wie hier in der Rue Biot an der Placy Clichy- einmal an einer Hauswand und dann auf einem Transparent an der gegenüber liegenden music-hall L’Européen.[8]
Im nächsten Beitrag zur Pariser Street-Art wird es dann um den Invader gehen, einen der ersten und bekannteten Vertreter der Szene, hat er doch in den Straßen von Paris schon über 1000 seiner Produktionen angebracht…
Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”. (Nemo)
Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische
Paris hat viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist. In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde, schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen Raums der Stadt leisten:
Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager
Den Invader
Monsieur Chat, Miss Tic, Fred le Chevalier
In diesem ersten Teil also zunächst ein kleiner (persönlicher) Überblick über die Pariser Street-Art-Szene:
Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2] wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.
Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.
Sehr präsent in Paris ist auch der Straßenkünstler A2, also zweimal A, was für amour und Anarchie steht. (Hier fotografiert im Goutte d’Or, wo er sehr präsent ist, im Februar 2018)
… und hier in Montmartre…
…. Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …
In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von Pö im texto-Französisch zu sehen, Hier am Boulevard Soult:
Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?
Und ei uns um die Ecke im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…
Es ist hart, wenn man alleine ist
Dieses Bekenntnis regte dann zu einer direkt darunter veröffentlichten Liebes- und Leideserklärung an:
Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement und in der rue des Francs Bourgeois im 4. Arrondissement. Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]
Dieses phantastische 278. Exemplar des Codex Urbanus habe ich denn auch gleich um die Ecke des musée Gustave Moreau entdeckt. (Rue de la tour des dames, 9. Arrondissement, November 2018)
Vielleicht stand der Codex Urbanus Pate bei bei diesem wunderbaren Skelett im Tunnel der promenade plantée unter der rue de Reuilly( 12. Arrondissement, aufgenommen März 2019).
Den schönen Wolf habe ich dort im September 2023 aufgenommen.
Sehr schmuck sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!
Die LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den Parkettschleifern.
Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es offenbar auf Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.
Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.
Das nachfolgend abgebildete Schild ist eine typisch Clet-sche hommage an Leonardo da Vincis vitruvianischen Menschen. Die an Vinci angelehnte Darstellung des Menschen ist in ein Verbotsschild platziert: Die Botschaft Clets: Trotz aller Verbote und Einschränkungen ist und bleib der Mensch das Maß aller Dinge.
Die Arbeit ist zu sehen 2019/2020 in der Ausstellung veni vidi vinci, parallel zu der Leonardo da Vinci-Ausstellung im Louvre, in der der art urbain gewidmeten neuen Galerie Fluctuart. Die befindet sich -wie der Name andeutet- auf einem Seine-Schiff, festgemacht etwas flussabwärts des pont Alexandre III. (Neben der Galerie gibt es auf dem Schiff auch eine Bar und schöne Plätze an Deck mit Aussicht).
Sehr präsent in Paris ist auch Gregory mit dem Künstlernamen Gregos, der sein eigenes Portrait an den Wänden der Stadt befestigt.
Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junger immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. (5a) Inzwischen verändert er in jedem Jahr das Motiv seiner Selbstportraits. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie von ihnen betrachten.
Leicht zu erkennen und zuzuordnen sind die Wandbilder von Seth, hier zum Beispiel ein schönes auf dem butte aux cailles, einem Viertel im 13. Arrondissement, das bei Street-Art-Künstlern besondere Attraktivität genießt.
Öfters sieht man inzwischen auch Figuren mit den großen runden und schwarzen Augen von Kam et Laurene (5b), hier zum Beispiel passend zum Namen der Straße im 11. Arrondissement oder -ebenfalls im 11. Arrondissement- den Kapuzenmann, der aus dem (zugemauerten) Fenster in der Passage de la Folie Regnault blickt: Aus der Tristesse dieses Ortes wird damit ein „Hingucker“.
Sehr schön und passend ist seit Neuestem auch der lebensgroße Spaziergänger an der bei Spaziergängern und Joggern beliebten promenade plantée am Eingang des Tunnels unter der rue de Reuilly im 12. Arrondissement. Entdeckt habe ich die Figur im Februar 2019, als der Mantel noch sehr passend war. Das Foto entstand aber bei frühlingshaften Temperaturen im März 2019 )
Überall in Paris zu sehen sind auch die Puzzlestücke von Béa Pyl, hier zum Beispiel eines in der Rue Sédaine im 11. Arrondissement. Manche haben auch eine Aufschrift, oft mit Aufforderungscharakter: enjoy, smile, vivre, love…. (5c) – ein weiterer Puzzleteil von ihr wird diesen Beitrag abschließen….
Große leere Hauswände hat Kraken, „le Docteur Oktopus du street-art“ (Télérama) mit seinen überdimensionalen Oktopussen bemalt. Hier unübersehbar an der rue de Rivoli. (Januar 2022)
Weniger auffällig sind dagegen die kleinen sportlichen Männ.er, die die Topografie von Hauswänden für ihre sportlichen Übungen nutzen wie dieser Turner in der rue de Ménilmontant. (Nr. 54-56, aufgenommen April 2019) Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich einen von ihnen entdecke.
Eine feste und prominente Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement. MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]
(Nr. 241 von Case Maclain)
(Nr. 234 von Jason Botkin)
( Nr. 256 von Doudou’style April 2018)
Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.
Neueren Datums ist le M.U.R. in der rue de la Roquette, ebenfalls im 11. Arrondissement: Wenn wir mit dem Fahrrad einen Ausflug in die Stadt gemacht haben, kommen wir immer daran vorbei und freuen uns.
Hier ist im Winter 2021/2022 die Street-Art-Adaptation eines Gemäldes von Guido Reni zu bewundern. Ein echter Hingucker!
Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:
“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“
Hier zwei kämpfende Büffel (Juni 2018)
Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.
Sie ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.
Siehe dieses Beispiel im Marais in der rue du Foin (3ième):
…
Ebenfalls im Marais an dem kleinen Platz Ecke rue des Tournelles und rue Roger Verlomme, wo die Köchin und der Koch eines benachbarten Hotels gerade eine Frühstückspause machte.
Es gibt sicherlich unzählige weitere, anonyme oder weniger prominente Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die Taube, die ich ab und zu mal im Pariser Norden gesehen habe…
… oder die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war. (6b)
Offensichtlich hatte sie sich ein paar Häuser weiter in der Rue de Croix Faubin ein ruhigeres Plätzchen gesucht….
Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7]
In Belleville -wie überhaupt im traditionell eher „roten“ Ost von Paris transportiert die Street-Art übrigens oft und gerne auch politische Botschaften. So zur (in Frankreich extrem restriktiven und abschreckenden) Flüchtlingspoltik..
… oder zur Obdachlosigkeit und zur Arbeitslosigkeit. Jèrémy, an den hier erinnert wird, wohnte im 21. Arrondissement, das es in Paris nicht gibt. Er hatte also keinen Wohnsitz. Und die Freiheitsgöttin des berühmten Gemäldes von Delacroix schwenkt nicht die Tricolore, sondern ein Schild von pôle emploie, dem französischen Arbeitsamt.
Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden. Inzwischen geradezu ein Freilichtmuseum der Street- Art. –
Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….
oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris.
Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch unter dem Namen „affiche rouge„ bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…
Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich. 2024 werden Manouchian und seine Frau stellvertretend für die Gruppe der „affiche rouge“ ins Pantheon überführt werden.
Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen, dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.
Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)
Bens großes Wandbild an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.
Man muss sich vor Worten in Acht nehmen
Ben ist einer der international prominentesten Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten. Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen- war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.
Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt- in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.
Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant und des Supermarkts in der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm- mit fliegendem Drachen, Vögeln, Katzen und dem roten Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.
Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Aber dann reißen sich in der ganzen Stadt Ballons los und fliegen zu dem Jungen, der sie zusammenbindet und sich in den Himmel tragen lässt, hoch über der Stadt. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Begeistert war auch der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, der als 6-Jähriger den Film- seinen ersten- in Amerika sah und sich damals und durch ihn in Paris verliebte. (10) Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er mit seinen poetischen Bildern an diesen Film –und seinen Erfolg- an.
Ausblick:
In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich einige Street- Art- Künstler vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:
… Mosko…
… Jef Aérosol…
…Jerôme Mesnager…
… den Invader ….
…und Miss Tic…
… M Chat ….
…. und Fred le Chevalier
Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites, vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich über zufällige Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden, zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.
Street-Art gibt es überall, also Augen auf!
Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:
Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der Rue Charles Delezcluse (11e)
Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:
[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art. Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art
Auf der Wand rechts unten ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.
Die Stadt Paris benutzt ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28
(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/
(6b) Solche Spinnen waren schon 2012 einer amerikanischen Touristin im 11. Arrondissement aufgefallen. Auch wenn sie wohl nur eine kurze „Lebenszeit“ haben, sie sind doch ganz offenbar nicht vom Aussterben bedroht.
[7] siehe dazu den Blog-Beitrag über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art
Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard, Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017
Un seulesclavesurlaterresuffitpourdéshonorerlalibertédetousleshommes. Victor Hugo in einem Brief vom 17. Januar 1862
Die von der Stadtverwaltung in Charlottesville im amerikanischen Bundesstaat Virginia beschlossene Entfernung des Denkmals für den Südstaatengeneral Robert D. Lee war Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Aufmarsch weißer Suprematisten, einem Todesopfer unter den Gegendemonstranten und einer höchst umstrittenen, ja skandalösen Rede des amerikanischen Präsidenten: In ihr setzte er nicht nur „die mit Hakenkreuzen und Waffen marschierenden Neonazis mit den linken Gegendemonstranten gleich“, sondern auch die Gründerväter des Landes mit den Sezessionisten, „indem er fragte, wann man anfangen wolle, Monumente von George Washington oder Thomas Jefferson zu entfernen. Damit gab er jenen Auftrieb, die gegen die demokratisch legitimierte Entscheidung der Stadt demonstrierten, eine Statue zu entfernen, die für viele vor allem den Widerstand gegen die Befreiung der Sklaven nach dem amerikanischen Sezessionskrieg symbolisiert. Viele solcher Monumente im Süden wurden aufgestellt, weil das weiße Establishment die Abschaffung der Sklaverei nicht tolerieren wollte – und sie stehen für dessen erfolgreichen Kampf gegen die Zentralregierung in Washington, der dazu führte, dass mit den „Jim Crow“-Gesetzen den Schwarzen viele der zunächst erlangten Rechte für ein weiteres knappes Jahrhundert wieder aberkannt werden konnten.“[1]
Am 23. August 2017 erschien die Zeitung Libération mit einem Aufmacher zum Thema Sklaverei. Auf vier ganzen Seiten wird darin dargestellt, wie in Frankreich an seine Geschichte des Sklavenhandels und der Sklaverei erinnert wird.
Auch in Frankreich habe der Sklavenhandel seine Spuren und Narben hinterlassen: Straßennamen, Reklameschilder, Statuen…. So wie in den USA entsprechende Symbole beseitigt würden, müsse sich auch Frankreich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen- nach Einschätzung von Libération offenbar eine teilweise noch „unbewältigte Vergangenheit“.
An die Rolle Frankreichs im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika und damit an seinen Anteil an dem Transport von Afrikanern in die karibischen Kolonien und das dortige System der Sklaverei wird in Frankreich durchaus erinnert.
So etwa in dem eindrucksvollen „Mémorial de l’abolition de l’esclavage“ in Nantes. Es erinnert an die Rolle der Stadt als wichtigstem Hafen des französischen Sklavenhandels und möchte diejenigen ehren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben und dies auch heute noch tun, da wo es immer noch Sklaverei gibt.[2]
In die Wege zum Mémorial sind kleine beleuchtete Platten eingelassen, in die die Namen von Sklavenschiffen eingraviert sind und die Jahreszahlen ihres Auslaufens aus dem Hafen von Nantes. Lange Reihen von „Stolpersteinen“ sozusagen, die erfahrbar machen, welche immense Bedeutung der Sklavenhandelt für die Stadt hatte: Insgesamt gingen von Nantes zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert 1714 „expéditions négrières“ aus, mehr als von allen anderen französischen Häfen zusammen.[3]
Zu dem Mémorial steigt man einige Treppenstufen hinunter: Es befindet sich damit auf der Höhe des Wassers der Loire, die man sehen und hören kann. Die Assoziation, sich in einem Schiffsrumpf zu befinden, stellt sich so fast unwillkürlich ein. Man läuft den langgestreckten Bau entlang und enthält eine Vielzahl von Informationen über die Geschichte des Sklavenhandels und den Widerstand dagegen. Hier setzt sich eine Stadt ganz offen und eindrucksvoll mit einem schwierigen Kapitel ihrer Vergangenheit auseinander.
Bordeaux spielte, wenn auch in deutlichem Abstand zu Nantes, ebenfalls eine wichtige Rolle im französischen Sklavenhandel. Allerdings war die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei für Bordeaux außerordentlich hoch, weil Bordeaux sich auf den Handel mit Kolonialprodukten konzentrierte: Es lieferte Wein in die Kolonien und importierte dafür von Sklaven hergestellten Zucker, Rhum und Kaffee. So hat Bordeaux mehr von der Sklaverei profitiert als jede andere französische Stadt.[4] Im musée d’Aquitaine gibt es auch eine 2009 neu gestaltete Abteilung zum Thema Sklaverei. Auch da werden Namen von Schiffen genannt: zum Beispiel La Grande Flor, die 1724 von Bordeaux nach Angola ausgelaufen ist und von dort 506 Sklaven nach Martinique transportierte, von wo aus sie dann sicherlich mit Zucker und Rum beladen nach Bordeaux zurückkehrte: Dies ein Beispiel für den klassischen Dreieckshandel dieser Zeit.
Dass die eine Präsentation des Themas im Rahmen eines traditionellen Museums nicht mit dem auch die Sinne ansprechenden Mémorial von Nantes mithalten kann, ist selbstverständlich. Ärgerlich fand ich allerdings bei unserem Besuch des Museums im Sommer 2015, dass die Rolle von Bordeaux in der Präsentation eher heruntergespielt wird. In einer Informationstafel wird ausdrücklich festgestellt, dass Bordeaux zwischen 1672 und 1837 –ähnlich wie Le Havre und La Rochelle- einen Anteil von 12% am französischen Sklavenhandel hatte, „weit hinter Nantes“. Da liest man fast unwillkürlich ein „allerdings nur“ vor den „12%“ mit.
Und gleich am Anfang der Informationstafel wird festgestellt, Bordeaux habe „wie alle europäischen Häfen“ den Sklavenhandel betrieben- und auf einer beigefügten Karte waren zu meiner großen Überraschung auch die Häfen Bremen, Hamburg und Lübeck eingezeichnet… Einen jungen Mann, der gerade eine Gruppe durch die Abteilung führte, sprach ich darauf an, ob das denn eine historisch zutreffende Feststellung sei. Er zögerte einen Moment und meinte dann, das sei wohl in der Tat eine nicht ganz richtige Verallgemeinerung, die geändert werden müsse…
Denn in der Tat: Die Häfen der Hanse waren an dem Sklavenhandel nicht beteiligt. Das ist eine einschlägig bekannte Tatsache, wie auch die nachfolgende Darstellung zeigt (Aus: M. Dorigny/B. Gainot, Atlas des esclavages. Autrement 2006, S. 24) :
Man wird hier kaum von einem Versehen oder gar von Unkenntnis ausgehen können. Eher von einer Tendenz der Verallgemeinerung, durch die die eigene Rolle relativiert wird. Von Kindern ist das ja hinreichend bekannt: „Ja, aber die anderen haben doch auch…“ Und gerade in Deutschland ist ein relativierender Umgang mit den Verbrechen des Dritten Reichs ein leider bekanntes Phänomen.
Seit dem loi Taubira vom 10. Mai 2001 gelten Sklavenhandel und Sklaverei in Frankreich ausdrücklich als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, eine bis dato wohl einzigartige Maßnahme.[5] 2006, während der Präsidentschaft Jaques Chiracs, wurde dann der 10. Mai ein „nationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung.“ Für Chirac gehörte es zur „grandeur“ eines Landes, seine ganze Geschichte anzunehmen, „avec ses pages glorieuses mais aussi avec ses zones d’ombre“. In diesem Sinne erkannte Chirac ja auch endlich die Beteiligung Frankreichs an der nationalsozialistischen Judenverfolgung und –vernichtung an.[6] Am 10. Mai findet jedes Jahr im jardin du Luxembourg eine Zeremonie mit Beteiligung des jeweiligen Präsidenten statt.
Dort gibt es seit 2007 eine Skulptur aus Bronze, die an die Abschaffung der Sklaverei erinnern soll. Sie besteht aus drei ineinander verschränkten Ringen, also Teilen einer Kette: Der untere in den Boden versenkte Ring soll die Wurzeln der Sklaverei symbolisieren, der mittlere ihre fortdauernde Existenz in vielen Teilen der Welt und der obere, geöffnete das Ende der Sklaverei. (7)
Auf einer beigefügten Informationstafel wird nicht nur über die Entstehung und die Bedeutung der Skulptur informiert, sondern es wird auch der Befreiungskampf der Sklaven in den franzöischen Kolonien gewürdigt: Damit hätten sie zur Universalität der Menschenrechte und der Ideale der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beigetragen.
2017 haben sogar gewissermaßen zwei Präsidenten an der Zeremonie teilgenommen: der scheidende François Holland und der damals schon gewählte, aber noch nicht amtierende, Emmanuel Macron.
Außerdem gibt es seit 2017 am 23. Mai die „Journée nationale de commémoration en hommage aux victimes de l’esclavage colonial“, also einen Erinnerungstag an die Opfer der kolonialen Sklaverei.[8] Dieses Datum bezieht sich auf einen großen Schweigemarsch, der am 23. Mai 1989 in Paris stattfand.
Die aktuelle Diskussion: Wie wird an die Sklaverei erinnert und wie sollte an sie erinnert werden?
Vor diesem Hintergrund mag es erstaunen, dass die Ereignisse in den USA eine Debatte auch in Frankreich ausgelöst haben, welche Rolle Sklavenhandel und Sklaverei in der nationalen Erinnerungskultur spielen. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte scheint doch ausgesprochen intensiv und in der Zielrichtung eindeutig am Gleichheits-Anspruch der Französischen Revolution orientiert zu sein. Aber es gibt, wie Libération in der anfangs schon angesprochenen Ausgabe aufzeigt, in mehreren französischen Städten und vor allem den am Sklavenhandel beteiligten Häfen noch eine sichtbare Erinnerung an Persönlichkeiten, die diesen Handel betrieben haben. Und es gibt in Frankreich noch Straßen, die den Namen des Generals Richepanse tragen, der nach der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1802 durch Napoleon in die Karibik geschickt wurde, um den Widerstand der wieder zu Sklaven gewordenen farbigen citoyens zu brechen, was er auf blutigste Weise dann auch tat. Dass Straßen nach diesem General benannt sind, der schlimmste Massaker in Guadeloupe verübt habe, schockiere zu Recht „la mémoire républicaine“, wie Laurent Joffrin in seinem Kommentar in Libération schreibt, und dies nicht nur in den “communautés antillaise ou africaine.“[9]
Im Zuge der von den Ereignissen in Charlotteville ausgelösten Diskussion in Frankreich sind auch darüber weit hinausgehende Forderungen laut geworden. Am 28. August veröffentlichte Libération einen Gastbeitrag von Louis-Georges Tin, dem Präsidenten des CRAN, des Conseil représentatif des associations noire en France, mit dem Titel „Eure Helden sind manchmal unsere Henker“. [10] Zu diesen Henkern bzw. Helden zählte er vor allem Colbert, den Minister Ludwigs XIV. Der habe nicht nur den Code noir geschaffen, ein juristisches Monster (monstre juridique), das die rechtlichen Grundlagen der Sklaverei festlegte und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit legalisierte. Darüber hinaus habe er die Compagnie des Indes occidentales gegründet, eine „compagnie négrière de sinistre mémoire. En d’autres termes, en matière d’esclavage, Colbert symbolise la théorie et la pratique au plus haut niveau.“ Nach Tins Überzeugung müsse man sich fragen, welches der beiden Länder problematischer sei. Das Land, in dem es einen Konflikt um die Statue eines die Sklaverei verteidigenden Generals gäbe, oder das andere Land, wo es vor dem Parlament eine Statue von Colbert gäbe und innen einen Saal Colbert, einen Seitenflügel Colbert im Wirtschaftsministerium, nach Colbert benannte Gymnasien, in denen doch die republikanischen Werte unterrichtet werden sollten, dazu dutzende von nach Colbert benannte Straßen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt, das geringste schlechte Gewissen oder auch nur die geringste Unsicherheit bezüglich einer solchen Namensgebung gäbe.
In einer in Le Monde veröffentlichten Petition forderten Tin und zahlreiche weitere Persönlichkeiten dazu auf, die Schulen umzubenennen, die den Namen Colberts trügen. Immerhin sollten öffentliche Gebäude und Straßen nicht dazu dienen, die Erinnerung an Verbrecher wachzuhalten, sondern die an Helden. Deshalb gäbe es in Frankreich ja auch weder eine rue Pierre-Laval noch eine rue Pétain, dafür aber zahlreiche nach Jean Moulin benannte Straßen.[11] Natürlich blieben solche Positionen nicht unwidersprochen, denn Colbert mit Laval und Pétain auf eine Stufe zu stellen, ist doch wohl historisch kaum haltbar.[12] Und wenn die Sklaverei 2001 im loi Taubira zu Recht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet wurde, so wäre es ziemlich unhistorisch, es auf eine Zeit anzuwenden, in der in Europa die Versklavung von Afrikanern allgemein als völlig legitim angesehen wurde und der von Tin und anderen gebrandmarkte „code noire“ von 1685 einen dem damaligen Rechtsverständnis entsprechenden Rahmen für die Behandlung von Sklaven festlegte. Allerdings diente dieser Rahmen kaum dazu, den Sklavenhaltern und Sklaven feste Regeln und Verpflichtungen aufzuerlegen und damit gleichzeitig Exzesse der Sklaverei zu verhindern. Der code noir war also nicht, wie auch behauptet wurde, ein Werk der Menschlichkeit: Die Schwarzen waren danach ein „bien meublé“, über das die Sklavenhalter verfügen konnten, und der code noir erlaubte die schlimmsten Misshandlungen. Immerhin war die Sklaverei auf französischem Boden schon seit einem Dekret Ludwigs X. von 1315 verboten. Die Verurteilung von Sklaverei war also nicht erst eine Erfindung von Aufklärern und Revolutionären. (13)
Allerdings war den großen französischen Aufklärern wie Voltaire, Diderot, Rousseau oder Condorcet die Abschaffung der Sklaverei kein besonderes Anliegen. Während Dänemark 1803 als erstes Land den Sklavenhandel verbot und Großbritannien 1807, wurde er in Frankreich erst 1831 verboten. Und während Großbritannien 1833 die Sklaverei verbot, geschah dies in Frankreich erst 1848. Da wurde der -abgesehen von dem kurzen Zeitraum zwischen 1793 und 1802- bis dahin gültige code noir beseitigt.[14] Die von der Französischen Revolution proklamierte Gleichheit galt eben nicht für alle Menschen, nicht für Sklaven und auch nicht für Frauen, die in Frankreich erst nach dem 2. Weltkrieg das Wahlrecht erhielten.
Soweit ich sehe, kann man als Fazit der durch Charlottesville in Frankreich ausgelösten Diskussion festhalten, dass es, von Extremfällen wie Richepanse abgesehen, nicht darum gehen könne, kompromittierende Namen aus dem Straßenbild zu entfernen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, über ihre Taten und Schattenseiten zu informieren. Der französisch-senegalesische Essayist Karfa Diallo, der wesentlich dazu beigetragen hat, in Bordeaux das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit zu wecken, formuliert das so: „Si on débaptise, on efface la mémoire. Il faut que les noms des esclavagistes restent pour que nul n’oublie les crimes commis“.[15] Ähnlich formuliert es auch Benoît Hopquin in einer Stellungnahme in Le Monde vom 24./25. September 2017. Wenn man die Geschichte „en noir et blanc“ zeichne, könne man auch nicht bei Colbert stehen bleiben. Dann seien auch Victor Hugo, Jules Ferry, Léon Blum und andere an der Reihe, die den Kolonialismus mit teilweise rassistischem Zungenschlag verteidigt hätten.
Ein weiteres gemeinsames Fazit der Diskussion ist die Aufforderung, diejenigen stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, die sich gegen die Sklaverei und für ihre Abschaffung eingesetzt haben, und ganz allgemein diejenigen „Noirs de France“ ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, die -oft in Vergessenheit geraten- Frankreich zu dem gemacht hätten, was es heute ist. (16)
Erinnerungsorte an Sklaverei und Sklavenbefreiung in Paris
Diese Diskussion war für mich Anlass, einmal unter diesem Gesichtspunkt Paris näher zu betrachten. Immerhin ist, wie der Historiker Marcel Dorigny in der esclavage-Ausgabe von Libération schreibt, Paris übersät mit Namen und Orten, die an die Sklaverei und den Kolonialismus erinnerten.
Der wohl bedeutendste entsprechende Ort ist sicherlich das Palais de la Porte Dorée, das für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut wurde. [17]
Wandmalerie in Palais de la Porte Dorée
Hier wird auch das im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschende französische Selbstverständnis propagiert, dass der (eigene) Kolonialismus eine zivilisatorische Mission erfülle. [18] Dazu gehörte auch die Sklavenbefreiung- womit natürlich nicht die von Frankreich selbst betriebene Sklaverei gemeint war, sondern die in Afrika von Arabern betriebene.
So wurde auch das Reklameschild für das Geschäft in der rue des Petits-Carreaux Nummer 12 im 2. Arrondissement als unproblematisch empfunden. Es machte seit 1890, also lange nach Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien, auf die exotischen Produkte und vor allem den Kaffee aufmerksam, die hier verkauft wurden. Diesen Laden gibt es heute nicht mehr, das Reklameschild steht aber unter Denkmalschutz.[19]
Ein weiteres ähnliches Reklameschild befindet sich an der Place de la Contrescarpe im 5. Arrondissement. Dort befand sich seit 1748 eine chocolaterie., später eine épicerie und zuletzt ein Kaffeegeschäft. Abgebildet sind ein Farbiger mit einer Karaffe und eine weiße Frau mit einem Tablett. Nach einer verbreiteten Sichtweise handelt es sich hier um die Abbildung eines Sklaven, der eine „dame de qualité“, angeblich Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV. , bedient.; oder auch um zwei Bedienstete der chocolaterie. [20]
Das Bild wurde und wird also vielfach als rassistisch qualifiziert und es wurde wiederholt vandalisiert. Derzeit ist es Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.[21]
Kürzlich hat der Stadtrat von Paris auf Antrag der kommunistischen Fraktion entschieden, das Bild zu entfernen und es dem Stadtmuseum von Paris, dem musée Carnavalet, zu übergeben- vielleicht auch einmal einem zukünftigen der Sklaverei gewidmeten neuen Museum. Der Bürgermeister des betroffenen 5. Arrondissements hat dagegen aus meines Erachtens guten Gründen protestiert. Er hat darauf hingewiesen, dass eine Bürgerinitiative des Viertels sich für die Erhaltung des Bildes an seinem angestammten Platz ausgesprochen habe. Es sei aber angeregt worden, eine erklärende Plakette anzufügen, auf der der historische Hintergrund des Bildes erläutert und die Sklaverei ausdrücklich verurteilt werden sollte. Und es sollte außerdem dazu aufgefordert werden, alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. Dieser Text sei zusammen mit dem Vorsitzenden des CRAN erarbeitet worden, also Herrn Tin, der hier –anders als bei Colbert- offenbar einen pädagogisch- aufklärerischen Umgang mit der kolonialistischen Vergangenheit befürwortete. (21)
Die Interpretation des Bildes als Produkt des Rassismus ist allerdings sehr fragwürdig, worauf kürzlich Didier Rykner in einem Aufsatz in der Tribune de l’Art hingewiesen hat. (22) Das Reklamebild gehöre keineswegs zu der chocolaterie von 1748, sondern zu dem seit 1897 dort ansässigen Geschäft „au nègre joyeux“, in dem Kaffee verkauft wurde. Es stamme also aus einer Zeit, in der die Sklaverei in den französischen Kolonien längst abgeschafft worden sei. Und das Wort „nègre“ sei eine damals übliche Bezeichnung und keinenfalls pejorativ gewesen. Vor allem aber zeige das Bild ganz und gar nicht eine Szene, wo ein „négre“ eine vornehme Frau bediene, sondern das genaue Gegenteil: Es sei gerade die Frau, die auf einem Tablett Kaffeekanne, Zuckerschale und Gebäck dem „schwarzen Mann“ bringe. Er habe um seinen Hals eine Serviette gelegt und trage in einer Hand eine Karaffe, „“sans doute du rhum avec lequel il va arroser son café“. Die Frau sei wie eine Bedienstete gekleidet. Auch deshalb könne es sich auf gar keinen Fall um Madame du Barry handeln. Der „nègre“, habe also allen Grund, fröhlich zu sein, weil man ihm einen wunderbaren Kaffee mit Rum und Gebäck serviere.
Auch Claude Ribbe, immerhin ein engagierter Streiter für eine „farbige Erinnerungskultur“ und Initiator des Denkmals für den farbigen General Dumas (s.u.), sieht in dem „nègre“ einen freien und wohlhabenden Gast des Hauses, so dass es sich für ihn um eine emanzipatorische Darstellung handelt.
Trotzdem hat im Stadtrat von Paris eine Mehrheit für die Entfernung des Bildes gestimmt. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin, der Sozialist Bruno Julliard, hat diesen Beschluss ausdrücklich als schlecht bezeichnet. Es sei besser, der Intelligenz der Bürger zu vertrauen und die Spuren der Vergangenheit zu erklären. „Ich glaube nicht, dass es die beste Pädagogik ist, diese Spuren zu beseitigen“. In der Tat: Die Sklaverei hat ja existiert, und die Erinnerung an sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, ist das beste Mittel, sie auszulöschen. Trotzdem forderte aber Juillard die sozialistische Fraktion des Stadtrates auf, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen – aus Angst, wie er es ausdrückte, vor einer eventuellen Instrumentalisierung einer Ablehnung.[23] Es ist schon bemerkenswert, welche bizarren Formen die Anpassung an eine vermeintliche „political correctness“ annehmen kann…. (24)
In der esclavage-Ausgabe von Libération wird allerdings der schwerwiegende Vorwurf erhoben, Paris beteilige sich auch an der Feier der Sklaverei. „Paris n’echappe pas à la célébration de l’esclavage.“[25] Als Beispiel werden ein Platz und eine Statue im 16. Arrondissement angeführt „à la mémoire du maréchal Jean-Baptiste Donatien de Vimeur de Rochambeau (1725-1807), qui mata dans le sang la révolte des esclaves à Haiti. L’émissaire de Napoléon utilisait des bouldogues por traquer les mutin, comme il l’indiquait dans un courrier en 1803: ‚Vous devez leur donner des nègres à manger.‘“ Weitere Statuen Rochambeaus gäbe es in seiner Heimatstadt Vendôme und in Washington D.C., weil er an der Seite Lafayettes am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen habe.
Allerdings ist Libération hier Opfer ihres investigativen Übereifers geworden: Jean Baptiste Donatien de Rochambeau war tatsächlich der gefeierte Kämpfer für die amerikanische Unabhängigkeit und Sieger von Yorktown gegen die Engländer, allerdings nicht der Sklavenschlächter: Das war sein Sohn Donatien-Marie-Joseph de Rochambeau, der 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig tödlich verwundet wurde. [26] Ein, wie ich finde, ziemlich peinlicher Lapsus, der sich durch eine einfache Internetrecherche hätte verhindern lassen. Aber nach den Ereignissen von Charlottesville wurde das Sklaven-Thema von Libération offenbar etwas überhastet auf die Tagesordnung gebracht.
Das Grabmal des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise
Ein Denkmal für einen Sklavenschlächter gibt es Paris allerdings in der Tat. und zwar die Reiterstatue des Generals Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise, die in einer Zusammenstellung der zehn schönsten Grabmale des Friedhofs sogar besonders herausgestellt wird.[27]
Es handelt sich tatsächlich um ein sehr eindrucksvolles, wenn auch deutlich renovierungsbedürftiges Werk. Es zeigt, auf einem Sockel postiert, den tödlich verwundeten General. Sein Pferd bäumt sich vor einem ziemlich wild aussehenden Angreifer auf. Das Grabmal ist ein Werk David d’Angers‘, eines der bedeutendsten französischen Bildhauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu seinen Werken gehören unter anderem die Giebelfiguren des Pantheons und –aus deutscher Sicht bemerkenswert- eine große Goethebüste, die er 1828 auf einer Studienreise nach Weimar schuf. Es gibt zwei Exemplare der Büste: Eine, die David d’Angers Goethe schenkte, steht heute in der Weimarer Anna-Amalia- Bibliothek, die andere im musée d’Orsay.[28] Für David d’Angers war es ein Anliegen, durch seine Arbeiten große Männer für die Nachwelt lebendig zu erhalten – darunter auch Ludwig Börne, für den er ein wunderschönes Grabmal ebenfalls auf dem Père Lachaise gestaltet hat, mit dem die deutsch-französische Freundschaft gefeiert wird. (29) Zu den „großen Männern“ gehörte für David d’Angers aber offenbar auch General Gobert. Der wird von Napoleon nach Guadeloupe geschickt, um nach der Wiedereinführung der Sklaverei die Revolte der wieder zu Sklaven gewordenen Bevölkerung niederzuschlagen. Oberkommandierender war damals der berüchtigte General Richepanse,[30] dessen Nachfolger Gobert wurde, bevor er von Napoleon wieder nach Europa beordert wurde, wo er im Kampf gegen die -auf der Statue als unzivilisierte Barbaren dargestellten- aufständischen Spanier ums Leben kam.[31]
Eines der seitlichen Reliefs des Grabmals bezieht sich –entsprechend der Überschrift- auf Goberts Einsatz in Guadeloupe.
Er zeigt –nach der Legende auf dem Grabmal- wie der Generals „während eines Kampfes gegen die Schwarzen“ die von ihnen eingeschlossenen Gefangenen im letzten Moment rettete.[32] Hier ist er zu sehen, wie er mit seiner Pistole einen Gefängniswächter erschießt, der gerade im Begriff ist, das Gefängnis in Brand zu setzen. Noch eindrucksvoller, aber nicht ganz zutreffend gibt Marcel Dorigny in Libération die Szene auf dem Relief wieder. Dort werde gezeigt, wie Gobert mit einem einzigen Säbelhieb den Kopf eines Schwarzen abgeschlagen habe….
Allerdings lässt die Darstellung des Kampfes gegen die wieder zu Sklaven gemachten Schwarzen nichts an Drastik zu wünschen übrig.
Das Denkmal Goberts ist allerdings unantastbar. Nicht nur aufgrund seines Schöpfers, sondern auch, weil es in prominentem Privatbesitz ist: nämlich dem der Académie française. Wie das kam, kann man dem linken Relief entnehmen: Hier ist nämlich der Sohn Goberts zu sehen, der in jungen Jahren nach einem Bad im Nil starb. Und der sehr verwitterte und kaum noch lesbare Text auf der Vorderseite des Denkmals enthält, wie ich der Literatur entnehme, das Testament des jungen Gobert: Seinen Landbesitz in der Bretagne vermachte er seinen Bauern – unter der Bedingung, dass sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Und seinen sonstigen Besitz vermachte er der Académie française, was aber ebenfalls an eine Bedingung geknüpft war: Dass nämlich seinem Vater ein angemessenes Grabmal errichtet werde (33). Das haben also die reich Beschenkten offenbar sehr ernst genommen und den berühmten David d’Angers mit der Aufgabe betraut. Aber vielleicht könnte das verbliebene Erbe auch noch für eine Erläuterung zum historischen Hintergrund genutzt werden. Die wäre hier wirklich angebracht – auch wenn sicherlich kaum einmal einer, der an dem Grabmal vorbeigeht, das nur etwas mühsam zugängliche Guadeloupe-Relief bemerken, geschweige denn genauer in Augenschein nehmen wird.
Ehrung von Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben
In der aktuellen französischen Diskussion über den Umgang mit Sklavenhandel und Sklaverei gibt es einen Aspekt, der immer wieder und übereinstimmend betont wird, und zwar die Notwendigkeit einer deutlicheren Würdigung der Menschen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dabei werden immer wieder zwei Namen genannt, an die erinnert werden sollte, nämlich Toussaint Louverture und Louis Delgrès.
„Der schwarze Spartacus“ Toussaint Louverture wurde 1794 einer der ersten farbigen Generäle der französischen Armee und Oberkommandierender der französischen Kolonie Sainte-Domingue, dann aber Führer der haitischen Befreiungsbewegung. 1801 schickte Napoleon ein Heer nach Santo Domingo, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Toussaint Louverture musste kapitulieren, wurde nach Frankreich deportiert, wo er offenbar aufgrund entsprechender Haftbedingungen im Gefängnis starb. [34]
Der „Chevalier de la Liberté“ Louis Delgrès war Führer des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon und die Truppen des Generals Richepanse.[35]
Ich habe mich also dafür interessiert, ob bzw. wie in Paris an diese beiden Männer erinnert wird:
Im 11. Arrondissement gibt es seit 2013 die rue Toussaint-Louverture, ein kleines Straßenstück zwischen dem boulevard Jules Ferry und der rue de la Folie-Méricourt. Damit sollte, wie es in dem offiziellen Beschluss heißt, „un homme politique et figure emblématique de la Révolution haïtienne“ geehrt werden. Ende Oktober 2017 habe ich mir die Straße angesehen, die in neuen Stadtplänen dem Beschluss von 2013 entsprechend bezeichnet ist. Dabei stellte ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass es dort noch immer die alten Straßenschilder (rue Rampon) gibt. Offenbar ist da keine Eile geboten, weil es sowieso in diesem kleinen Straßenstück keine Eingänge von Wohnungen oder Geschäften gibt- keinen Falls ein sehr angemessener Ort für die Würdigung einer doch angeblich so bedeutenden Persönlichkeit. Und in vier Jahren hätte man doch wenigstens die Straßenschilder austauschen können! Also ein schöner Beschluss fürs gute politische Gewissen und für die Galerie, aber offenbar ohne Konsequenzen.[36]
Immerhin gibt es seit 2009 eine in die Wand der Krypta des Pantheons eingravierte Inschrift, die seinen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei würdigt. Und -Nachtrag 2018: Toussaint-Louverture gehört auch zu den Persönlichkeiten, die im Rahmen einer Kooperation des Pantheons mit dem Street-Art-Künstler C 215 in der Umgebung des Pantheons porträtiert wurde.
Das Portrait befindet sich (von Juli bis September 2018) an der Ecke zwischen der rue Cloövis und der rue Descartes im 5. Arrondissement
Nun weiter zu der schon seit 1996 nach Louis Delgrès benannten Straße im 20. Arrondissement.[37]
Im Mai 2015 wurde dort sogar, wie man dem Internet entnehmen kann, durch Mme George Pau-Langevin, der damaligen Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs, eine Bank (banc mémorial) zur Erinnerung an Delgrès aufgestellt.[38]
In ihrer Rede bezeichnete die Ministerin Delgrès als „une des figures les plus illustres de notre République“ und sie zitierte seine von den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution geprägte Proklamation „à l’univers entier“. Der Aufruf wurde am 10. Mai 1802 in Guadeloupe verbreitet, als die Truppen des Generals Richepanse anrückten. Angesichts der feindlichen Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend der revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“ (vivre libre ou mourir) am 28. Mai 1802 in die Luft.
Als ich nach dem Besuch der entsprechenden Internetseite mit der ministeriellen Rede und dem Foto der Bank Ende Oktober 2017 die Rue Delgrès besuchte, war ich allerdings entsetzt: Die Straße ist völlig heruntergekommen und wird eher als Mullkippe verwendet, die Wände der anliegenden Gebäude sind verschmiert, die Grünanlage hinter der Bank ist verschwunden, die ebenfalls verschmierte Bank lädt kaum noch zum Hinsetzen ein: Auch hier ein trauriger Widerspruch zwischen offiziellen Proklamationen und der Realität.
Immerhin gibt es im Pantheon auch zur Erinnerung an Louis Delgrès eine Wandinschrift. [39]
Zur Erinnerung an Louis Delgrès, Held des Widerstands gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe, gestorben ohne zu kapitulieren mit 300 Kämpfern in Matouba 1802, damit die Freiheit lebt
Nach den beiden ernüchternden Erfahrungen mit den Louis Delgrès und Toussaint-Louverture gewidmeten Pariser Straßen ist man geneigt, sich zu fragen, ob es denn nicht auch angemessene Erinnerungsorte für die Sklaverei und ihre Abschaffung gibt. Und die gibt es in der Tat: So das eindrucksvolle Denkmal für General Dumas, den Vater und Großvater der Schriftsteller Alexander Dumas senior und junior.
Das Denkmal für General Dumas
Das 2009 eingeweihte Denkmal für den General Dumas befindet sich auf der Place du Général Catroux im 17. Arrondissement (Métro Malhesherbes). Es besteht aus zwei bis zu fünf Meter hohen eisernen Fußfesseln, wie sie Sklaven angelegt wurden.
Aber die Eisenfesseln sind aufgebrochen, sollen sie doch an die Befreiung der Sklaven erinnern, konkret an den General Dumas, der als Sohn eines normannischen Adligen und dessen Sklavin in Haiti geboren wurde. Er wurde zunächst von seinem Vater als Sklave verkauft, dann aber wieder zurückgekauft und frei gelassen. In Paris erhält er zur Zeit des ancien régime die Ausbildung eines Adligen, er schlägt eine militärische Karriere ein und zeichnet sich in den Revolutionskriegen vielfach aus. 1793 wird er der erste farbige Divisionsgeneral der französischen Armee. 1802 allerdings verfügt Napoleon seine Entlassung aus der Armee. Farbigen Soldaten und Offizieren wird sogar untersagt, sich in Paris und Umgebung aufzuhalten. [40]
Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde ein erstes Standbild des Generals errichtet, wofür sich besonders der Schriftsteller Anatol France stark gemacht hatte. Denn:
« Le plus grand des Dumas, c’est le fils de la négresse. Il a risqué soixante fois sa vie pour la France et est mort pauvre. Une pareille existence est un chef-d’œuvre auprès duquel rien n’est à comparer ».
Dieses Standbild wurde allerdings 1942/43 von dem französischen Kollaborationsregime eingeschmolzen, um den Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht zu entsprechen. Um das geforderte Metall zu liefern, suchten sich die Vichy-Leute natürlich bevorzugt solche Denkmäler aus, die ihnen sowieso nicht in ihre Ideologie passten- also das Denkmal eines Farbigen wie Dumas oder eines Demokraten wie Baudin im Faubourg-Saint-Antoine.[41]
Der Ort, wo das Denkmal steht, hatte übrigens lange den Beinamen „Platz der drei Dumas“, weil dort auch Denkmale für den Sohn und den Enkel des Generals stehen: die Schriftsteller Alexandre Dumas (Vater), den Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Montechristo“ und Alexandre Dumas (Sohn), der Autor der „Kameliendame“. (42)
An jedem 10. Main, dem nationalen „Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihrer Abschaffung“, findet nachmittags am Denkmal für den General Dumas eine Veranstaltung der „Freunde des Generals Dumas“ und der Stadt Paris statt – gewissermaßen das -öffentliche- Gegenstück zu der präsidialen Feier am Vormittag im Jardin du Luxembourg, zu der nur eingeladene Gäste Zutritt haben.
Victor Schoelcher auf dem Père Lachaise und im Pantheon
Wenn es um die Erinnerung an diejenigen geht, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, darf natürlich der aus Fessenheim im Elsass stammende Victor Schoelcher nicht fehlen. Immerhin war er der Initiator des „décret d’abolition de l’esclavage du 27 avril 1848“, also des Dekrets zur (endgültigen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien.
Im Mémorial de l’abolition de l’esclavage von Nantes werden die berühmten Worte Schoelchers aus seinem 1842 erschienenen Buch über die französischen Kolonien zitiert:
„Si comme le disent les colons on ne peut cultiver les Antilles qu’avec des esclaves, il faut renoncer aux Antilles. – La raison d’utilité de la servitude pour la conservation des colonies est de la politique de brigands. – Une chose criminelle ne doit pas être nécessaire. – Périssent les colonies plutôt qu’un principe.“ [43]
Wenn es wirklich zutreffe, dass man die Antillen nur mit Hilfe von Sklaven bewirtschaften könne, wie die Plantagenbesitzer behaupteten, dann müsse man eben auf die Antillen verzichten. Nützlichkeit oder Notwendigkeit rechtfertigten nicht ein kriminelles Verhalten. Eher sollten die Kolonien untergehen als ein Prinzip. Und konkret angesprochen waren damit die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, die Schoelcher beim Wort nahm….
Victor Schoelcher wurde an der Seite seines Vaters auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet. (50. Division)[44]
Eine etwas zwiespältige Ehre wurde Victor Schoelcher zuteil, indem sein Name in die Westfassade des zur Kolonialausstellung 1931 errichteten Palais de la Porte Dorée eingraviert wurde. Hier hat das „dankbare Frankreich“ die Namen derer versammelt, die das Kolonialreich ausgeweitet und dazu beigetragen haben, dass der Name Frankreichs in Übersee geliebt werde…. Schoelcher befindet sich da in der zweifelhaften Gesellschaft von Eroberern und kolonialen Profiteuren.
Ein Blick auf die näheren Umstände der Sklavenbefreiung von 1848 mag das erklären. Denn, wie Thomas Piketty in seinem Buch über „Kapital und Ideologie“ (München 2020) darlegt, das von einer Kommission der Nationalversammlung unter der Leitung von Schoelcher erarbeitete Dekret zur Abschaffung der Sklaverei entsprach in hohem Maße den Interessen der Plantagenbesitzer: Sie erhielten nämlich Entschädigungszahlungen, was zwar Schoelcher nicht guthieß, ohne die allerdings unter den damaligen Bedingungen das Dekret nicht durchsetzbar gewesen wäre. Piketty führt dazu weiter aus:
„Neben der Entschädigung beinhalteten die Dekrete zur Abschaffung der Sklaverei vom 27. April 1848 Artikel, um ‚der Landstreicherei und Bettelei entgegenzutreten und in den Kolonien disziplinierende Arbeitsstätten zu eröffnen‘ mit dem Ziel, den Pflanzern billige Arbeitskräfte zuzuführen. Mit anderen Worten: Für die Sklaven war nicht nur keinerlei Entschädigung oder irgendein Zugang zu Landbesitz vorgesehen; Schoelchers Emanzipation ging zudem mit Zahlungen an die Eigentümer und einem Regiment des faktischen Arbeitszwangs einher, das es ermöglichte, die ehemaligen Sklaven unter der Kontrolle der Pflanzer und der staatlichen Obrigkeit zu halten.“ (S. 287)
Das ist gewissermaßen die andere Seite der Medaille, und insofern ist es auch verständlich, dass Schoelcher sowohl auf der Ehrentafel des Palais de la Porte Dorée als auch im republikanischen Pantheon vertreten ist, in dem „die großen Männer“ geehrt werden, die sich um die Werte der Französischen Revolution verdient gemacht haben. (45)
1948, 100 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei, wurde nämlich beschlossen, Victor Schoelcher zu „pantheonisieren“, also seine sterblichen Überreste zu den großen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit repräsentierenden Männern (und Frauen) Frankreichs zu überführen. Dies geschah am 20. Mai 1949, zusammen mit seinem Vater, von dem er nie getrennt sein wollte, und zusammen mit dem schwarzen Kolonialpolitiker Félix Éboué. Dies war der erste Schwarze, der, sicherlich ganz im Sinne Schoelchers, auf diese Weise geehrt wurde.
Das hôtel de la marine: ein zukünftiges Museum der Sklaverei?
Der Beschluss des Pariser Stadtrats, das umstrittene Firmenschild an der place de la contrescarpe mit dem „nègre joyeux“ zu entfernen, beinhaltete auch die Aufforderung, in Paris ein Museum des Sklavenhandels, der Sklaverei und deren Abschaffung zu errichten. Warum in Paris? Die Cran, die Vereinigung der „associations noires“, weist darauf hin, dass Paris das Zentrum des französischen Geschäfts mit der Sklaverei gewesen sei. Die Lobby der karibischen Farmer habe ihren Sitz in Paris gehabt, drei Viertel der Gründer der Banque de France hätten mit der Sklaverei Geld verdient. Und selbstverständlich war Paris der Ort, wo der code noir entstand und wo die Verwaltung der Kolonien angesiedelt war.[46]
Als möglicher Platz für ein solches Museum ist das repräsentative hôtel de la marine (bzw. ein Teil davon) an der place de la Concorde im Gespräch. Und das nicht von ungefähr: Das hôtel de la marine war nämlich Sitz der Kolonialverwaltung, die für die Sklaverei, den Sklavenhandel und die entsprechenden Häfen zuständig war. Dort wurde auch die Auszahlung der Kopfprämien organisiert, die der Staat für die Deportation von Afrikanern in die französischen Antillen festgesetzt hatte. Und nicht zuletzt: Dort wurde 1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet. [47]
Rechts ein Teil des noch verhüllten hôtel de la marine, das gerade renoviert wird. Leider gibt es nicht -wie bei anderen Baustellen- eine Informationstafel, der man entnehmen kann, wie das Gebäude einmal genutzt werden soll.
Für das hôtel de la marine spricht auch, dass derzeit seine neue Verwendung intensiv verhandelt wird, nachdem die dort ansässigen militärischen Nutzer in das neugebaute „französische Pentagon“ umgezogen sind. Zunächst (2010) hatte der damalige Präsident Sarkozy geplant, das Gebäude privaten Investoren zu überlassen, dann aber aufgrund massiver öffentlicher Proteste einen Rückzieher gemacht. Schon damals hatte übrigens eine Gruppe von Historikern und anderen Wissenschaftler in einem öffentlichen Aufruf in Le Monde gefordert, das hôtel de la marine als nationales Erbe zu bewahren und dort ein „musée de l’esclavage, de la colonisation et de l’outre-mer (MECOM)“ zu installieren und auf diese Weise „faire entrer le passé colonial dans l’esprit de nos contemporains“.[48]
Jetzt ist das Centre des monuments nationaux mit der Konzeption einer zukünftigen Nutzung betraut, und ein großer Teil des Gebäudes soll auf jeden Fall für die Öffentlichkeit zugänglich sein. [49] Die Keimzelle einer 2016 von François Hollande angeregten Fondation pour la mémoire de l’esclavage hat dort übrigens schon ihren Sitz.[50] Weiter gehenden Museumsplänen muss allerdings auch die Regierung bzw. das zuständige Kulturministerium seinen Segen (und Geld) geben, aber dort hält man sich offenbar noch vornehm zurück – es gibt ja wohl auch schon genug andere und noch größere „Baustellen“ für die neue Administration.
Den Abschluss dieses Textes soll ein kurzer Bericht über eine Veranstaltung sein, die zeigt, wie sehr die Sklaverei und ihre Abschaffung noch im Bewusstsein von Menschen mit „Mitgrationshintergrund“- und vielleicht ja auch mit einer von der Sklaverei geprägten Familiengeschichte präsent sind.
Ein Umzug zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei
Im Mai 2016 stieß ich zufällig im 12. Arrondissement auf einen laustarken Umzug von auffällig weiß und schwarz kostümierten Schwarzen. Ich war zunächst etwas überrascht und ratlos. Eine Demonstration von Schwarzen? Und die Polizei ist kaum vertreten? Auch nicht in dem sonst demonstrations-üblichen martialischen Outfit? Und sie macht den Demonstranten sogar den Weg frei? Ich erfuhr dann von einem freundlichen Gendarmen, dass es sich um einen harmlosen und friedlichen Umzug handele, mit dem an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 erinnert werden solle.
Dies wird ja auch durch die z.T. mit Ketten und der Jahreszahl 1848 bemalten Gewänder zum Ausdruck gebracht. Auf dem schwarzen Gewand eines Umzugsteilnehmers kann man übrigens den Namen „Solitude“ erkennen. Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, neben Schoelcher und Éboué auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.
Nachtrag zum 27. April 2018, dem 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei
Am 27. April 2018 wurde in Frankreich vielfach an den 170. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien erinnert. Präsident Macron legte im Pantheon Blumen am Grab Victor Schoelchers nieder.
Und Arte produzierte aus diesem Anlass einen vierteiligen Film: „Les Routes de l’esclavage. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle“. (Albin Michel/Arte Editions, 19,50€ und als Film: Arte, 2 DVD)
Im „Figaro“ wurden am 27. April in der Rubrik „entre guillemets“ („in Anführungsstrichen“) diese Worte Victor Schoelchers zitiert:
„Disons-nous et disons à nos enfants que tant qu’il restera un esclave sur la surface de la Terre, l’asservissement de cet homme est une injure permanente faite à la race humaine tout entiere“ (Le Figaro, 27.4.2018, S. 19)
Catherine Coquery-Vidrovitch wies am 5. Mai 2018 in einem Beitrag für Le Monde darauf hin, dass es auch nach dem Verbot der Sklaverei von 1848 in Frankreich auch danach noch Formen der Sklaverei in der verschleierten Form der Zwangsarbeit gab. Noch Ende des 19. Jahrhunderts hätten Briten und Franzosen mit leseunkundigen Schwarafrikanern Verträge geschlossen, die sie verpflichteten, drei Jahre lang in ehemaligen „colonies esclavagistes“ zu arbeiten und ihre Rückfahrt nach Afrika selbst zu bezahlen. Da das praktisch unmöglich gewesen sei, hätten die meisten nicht in ihre Heimat zurückkehren können.
Am 27. April 2018 sendete France 2 in seinen 8-Uhr-Nachrichten einen Beitrag über Sklaverei im Frankreich unserer Tage aus und dabei wurden nicht nur erschreckende Zahlen/Schätzungen genannt, sondern auch zwei Beispiele: Eine Frau, die -systematisch entrechtet und gedemütigt- jahrelang ohne Kontakt zur Außenwelt als Haushaltssklavin gehalten wurde, und ein junger Mann aus Ägypten, der einem „passeur“ 5000 Euro bezahlt hatte, um nach Frankreich zu kommen. Dort wurden ihm die Papiere weggenommen und er musste mehrere Monate unter unsäglichen Bedingungen sieben Tage die Woche als Illegaler auf einem Bau arbeiten, bis eine Hilfsorganisation auf ihn aufmerksam wurde.
Einen Überblick über aktuelle Formen der Sklaverei und des Menschenhandels mit zahlreichen Literaturhinweisen bietet das Buch von Lothar Franz: Sklaverei und moderner Menschenhandel- Schrei nach Freiheit und Gerechtigkeit. Stuttgart 2017, auf das mich Leser dieses Blogs aufmerksam gemacht haben.
Die von Schoelcher gebrandmarkte „Beleidigung der menschlichen Rasse“ durch auch nur einen einzigen Sklaven auf dieser Erde gibt es also nach wie vor, und zwar gewissermaßen vor unserer Haustüre…
Nachtrag August 2020
Nach antirassistischen Protesten hat die Zerstörung und Beschädigung von Denkmälern und Statuen aus der Kolonialzeit die Diskussionen über eine angemessene Erinnerungskultur neu entfacht – gerade auch in Frankreich.
Dazu Auszüge aus dem Artikel Postkolonialer Bildersturm von Ortwin Ziemer und Séverine Maillot, erschienen am 20. August 2020 in der sehr empfehlenswerten online-Zeitschrift dokdoc.eu: https://dokdoc.eu/politik/5869/postkolonialer-bildersturm/
Die Frage stellt sich nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd Ende Mai 2020 in Minneapolis, und nicht nur in den USA: Wie soll man mit Zeugnissen der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus umgehen, die von der französischen Regierung 2001 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurden?
Soll man Statuen, die an Gouverneure, Minister oder Entscheidungsträger aus der Kolonialzeit erinnern, einfach vom Sockel stoßen? Sie beschmieren? Sie verhüllen? Nach dem Fall der Mauer geschah dies in Ostdeutschland und -europa mit vielen Lenin- und Stalin-Denkmälern. In Frankreich gab es zuletzt während der großen revolutionären Umwälzungen im 18. und 19. Jahrhundert ein größeres Ausmaß an historischer Bilderstürmerei – bis die Debatte nun wieder neu aufflammte.
Dem Denkmal von Jean-Baptiste Colbert vor der Pariser Nationalversammlung, Premierminister (1661–1683) unter Ludwig XIV., widerfuhr am 23. Juni das gleiche Schicksal. Négrophobie d’Etat (Negerfeindlichkeit von Staats wegen) stand darauf in knallroten Lettern zu lesen. Colbert war der eigentliche Begründer der französischen Seemacht, unverzichtbar beim Ausbau des künftigen Kolonialreiches, und gilt zudem als Autor des Code Noir (1685) zur Regelung des Umgangs mit schwarzen Sklaven. Er zog zwar juristisch der Willkür der Sklavenbesitzer gewisse Grenzen, bezeichnete aber die Sklaven zugleich ausdrücklich als rechtlos und ahndete wiederholte Fluchtversuche mit Verstümmelung oder der Todesstrafe.
(…)
Hybride Foren
Der Sorbonne-Historiker Nicolas Offenstadt, einer der anerkanntesten Spezialisten für Fragen des öffentlichen Gedenkens in Frankreich, plädiert dafür zu unterscheiden, warum, von wem und in welchem Kontext einerseits eine Statue ursprünglich errichtet worden ist und was sie auf der anderen Seite beispielsweise heute für diejenigen darstellt, für die „die Sklaverei etwas sehr Persönliches und eng mit der eigenen Erinnerung verwoben ist, eine Empfindsamkeit also, die andere Menschen nicht haben.“
Für ihn ist ein Gradmesser für die demokratische Vitalität einer Gesellschaft, auf welche Weise sie kollektiv darüber entscheidet, was sie von der Vergangenheit zurückbehalten und fördern möchte. Zwecks dieser nötigen Debatte spricht er sich für „hybride Foren“ aus, „Orte, wo der Historiker die nötigen Kenntnisse zur Verfügung stellt und der Bürger sodann seinen Standpunkt zum Ausdruck bringen kann.“
Offenstadt bringt alternative Lösungen ins Gespräch, damit Geschichte nicht umgeschrieben oder gar neu erfunden wird. Sie bestehen zum Beispiel darin, Erklärungstafeln anzubringen, künstlerische Darstellungen der historischen Zusammenhänge wie etwa Gegendenkmäler zuzulassen oder auch Statuen, die der öffentlichen Meinung nicht mehr haltbar erscheinen, in Museen unterzubringen, wo die Begleitumstände sowohl ihrer Errichtung als auch ihrer Demontage vom Besucher digital und interaktiv abgefragt werden können. Es müsse verhindert werden, historisches Faktenwissen und die Emotionen durcheinanderzubringen, die durch das heutige Empfinden der Vergangenheit und die emotionsgeladenen Gegensätze ausgelöst werden, die bei der Interpretation von Denkmälern legitimerweise und unvermeidbar aufeinanderprallen.
Daher sei es unumgänglich, die Zivilgesellschaft an der Entscheidung zu beteiligen, welche historischen Ereignisse oder Persönlichkeiten im öffentlichen Raum unter welchen Kriterien in Szene gesetzt werden sollen, denn „man muss Geschichte im Kopf der Zeitgenossen arbeiten lassen, um ihr Erstarren zu verhindern.“
Diesem Artikel ist auch das Bild der Statue Colberts vor dem Gebäude der Assemblée Nationale entnommen. Teilweise identisch dann auch die Petition, die Le Monde am 19. September 2017 veröffentlichte: Louis-Georges Tin und Louis Sala-Molins u.a., Enlevons le nom de Colbert aux écoles.
[11] Le Monde 19.9. 2017. Am gleichen Tag gab es in den 20-Uhr-Nachrichten des öffentlichen Fernsehsenders TV 2 eine kleine Sequenz zum Thema: Faut-il bannir Colbert? Dort kam Louis-Georges Tin zu Wort, aber auch der Philosoph Pascal Bruckner, der eine Gegenposition vertrat.
(13) siehe Benoît Hopquin, L’histoire en noir et blanc. Le Monde 24./25. September 2017, S. 31
[14] Zu den verschiedenen Phasen der Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei siehe: Catherine Coquery-Vidrovitch in: Le Monde 5. Mai 2018 und dieselbe: Les Routes de l’esclavage.. Histoire des traites africaines, VIe-XXe siècle. Paris 2018
(16) Hopquin a.a.O. siehe Anm. 11a. Hopquin verweist in seiner Stellungnahme übrigens auch auf sein 2009 erschienenes Buch „Les Noirs qui on fait la France“, in dem er die Portraits von solchen schwarzen „héros“ gezeichnet hat, die „pourraient utilement nourrir nos panthéons universels“.
[17] siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: Das Palais de la Porte Doree und die Kolonialausstellung von 1931
(24) Zur weiteren Geschichte der Auseinandersetzung um den von der place de Pontrescarpe verbannten „nègre joyeux“ siehe den Artikel von Didier Rykner aus der Tribune de l’Art vom 7. Januar 2020: Enseigne „Au Nègre Joyeux“: la Mairie de Paris réarrange l’histoire à ca façon.
In Frankfurt am Main gibt es derzeit (März 2018) eine ähnliche Auseinandersetzung. Da gibt es eine Mohrenapotheke und in der Großen Friedberger Straße 8 ein Haus mit der traditionellen Bezeichnung „zum Mohren“, Sitz der „Zeil-Apotheke zum Mohren“. Nach Auffassung der Kommunalen Ausländervertretung der Stadt sollen aber diese von ihr als rassistisch empfundenen Bezeichnungen „aus dem Stadtbild verschwinden.“ Das würde bedeuten, dass der in die Fassade eingemeißelte Name des unter Denkmalschutz stehenden Hauses beseitigt werden müsste. Ein CDU-Abgeordneter des Stadtparlaments hatte allerdings gewagt darauf hinzuweisen, dass der Name „Mohr“ abgeleitet sei von dem Wort „Maure“. Und der „sei in traditionellen Apothekennamen häufig zu finden, weil das pharmazeutische Wissen des Morgenlandes dem des Abendlandes jahrhundertelang überlegen gewesen 8:::). Die Apotheker hätten mit der Bezeichnung und entsprechenden Darstellungen für die Fortschrittlichkeit und Hochwertigkeit ihrer Produkte geworben. ‚Mohr‘ sei deshalb nicht abwertend, sondern anerkennend zu verstehen.“ Für die Hüter der political correctness sind solche Feststellungen aber eher Ausdruck mangelnder Sensibilität, wenn nicht gar eines (mehr oder weniger ausgeprägten) Rassismus. Also soll, wie die FAZ einen Beitrag über diese Auseinandersetzung überschrieb, der Mohr gehen. (FAZ, 1.3.2018 Seite 35) Das Frankfurter Stadtparlament hat über dieses Thema heftig debattiert, aber immerhin darauf verzichtet, Namensänderungen vorzuschreiben. Unter der Überschrift „Die Mohren-Apotheke gehört zu Frankfurt“ kommentierte in der FAZ Werner d’Inka, immerhin ein Herausgeber der Zeitung, am 4.3.2018: „Darf eine Pharmazie „Mohren-Apotheke“ heißen? Darüber wird in Frankfurt gestritten. Der sprachhygienische Furor ist lehrreich. Denn er zeigt, wie man Zeitgenossen, denen Rassismus fern ist, in die Arme der AfD treibt.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Wie der FAZ (Rhein-Main Ausgabe) vom 24.8.2020 zu entnehmen ist, sind auch andere „Mohren-Apotheken“ mit Angriffen von Anti-Rassismus-Gruppen konfrontiert.
[30] Bis 2002 gab es in Paris noch eine nach Richepanse benannte Straße, die dann allerdings auf Initiative des damaligen Pariser Bürgermeisters Delanoë umbenannt wurde und seitdem den Namen des Chevaliers de Saint-Georges trägt: Saint-Georges war der illegitime Sohn eines französischen Adligen und einer Sklavin aus Guadeloupe. In Paris sorgte er für Aufsehen als Geigenvirtuose, Komponist, Dirigent, Fechter und während der Revolution als Kommandeur der Légion Saint-George, einem aus Schwarzen bestehenden Regiment – also eine echte Alternative zu dem früheren Namensgeber der Straße.
Zum Grabmal Goberts gibt es ein Kapitel in dem neu erschienenen Büchlein von Jean Tardy und Charles Dolbakian mit dem bemerkenswerten Titel: Proménades napoléoniennes au Père Lachaise. Paris 2017
[32]„Pendant un combat contre les noirs le général Gobert apprenant qu’ils avaient enfermé leurs prisonniers dans une maison minée y courut et tua le gardien qui en approchait déjà une mèche enflammée.“
(33) Eine Erläuterung zu diesem Relief gibt es im Buch von Tardy und Dolbakian. (siehe Anmerkung 25)
[34]https://de.wikipedia.org/wiki/Toussaint_Louverture. Zu Toussaint siehe die Biographie (Flammarion 2021) von Sudhir Hazareesingh. Den Beinamen „le Spartacus noir“ erhielt Toussaint schon zu seinen Lebzeiten im Buch des abbé Raynal l’Histoire philosophique des deux Indes (1770).
Toussaint Louverture spielt auch eine wichtige Rolle in den „Karibischen Geschichten“ von Anna Seghers. Berlin und Weimar 1965
(42) Das Denkmal wird übrigens ganz offensichtlich gerne als Picknick-Platz genutzt. Entsprechend sah der Boden darum herum aus. Ich musste mich erst einmal als Müllsammler betätigen, um nach dem Foto von der Delgrès-Bank ein weiteres peinliches Foto zu vermeiden.
Bei den beiden im oberen Teil des Denkmals abgebildeten Personen handelt es sich um Marc Schoelcher, den Vater Victors, und einen Gesellen, also nicht um Vater und Sohn.
An vielen Orten in Frankreich, vor allem aber auch in Deutschland, hatte das Hochwasser katastrophale Ausmaße und Folgen. In Paris ist das- soweit man das bisher weiß- nicht so.
Natürlich führt das Hochwasser zu manchen Beeinträchtigungen: Die Schiffsrundfahrten auf der Seine sind eingestellt, weil selbst die niedrigen bateaux mouches nicht mehr die Brücken passieren können.
Metro-Stationen und eine Linie der Vorort-Bahn RER sind gesperrt. Die läuft in Paris parallel der Seine und das Gleisbett liegt mehrere Meter unter dem Hochwasser-Spiegel des Flusses. Zwar liegen zwischen Fluss und Bahn mehrere Meter und eine dicke Wand, aber durch die rieselt und tröpfelt es überall. Auch wenn das Wasser ständig abgepumpt wird, ist das Risiko für einen Betrieb der Bahn offensichtlich zu groß. Das betrifft leider gerade die RER-Linie C nach Versailles. Da wurde also nichts aus den grands eaux im Park von Versailles, die Freunde aus Deutschland unbedingt sehen wollten. Dafür gab es eben die grands eaux in Paris.
Und zusätzliche Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs gab es durch ein mouvement social, die Streikbewegung eines Teils der Gewerkschaften gegen die von der Regierung geplante Reform des loi de travail, des Arbeitsgesetzes.
Natürlich stehen die Fußgängerzonen auf den Tiefkais der Seine rive gauche unter Wasser, ebenso. die Voie Pompidou, die Autostraße auf der nördlichen Seine-Seite. Aber die ist am Wochenende sowieso für den Autoverkehr gesperrt, und die Bürgermeisterin von Paris hat angekündigt, dass diese Sperrung generalisiert werden soll.
Dazu waren das Louvre und das Musée d’Orsay zeitweise geschlossen, weil dort die in den Kellern gelagerten Bestände und zum Teil auch die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss in Sicherheit gebracht werden mussten. Und dann gibt es auch ganz unerwartete Probleme, selbst da, wo man sie am wenigsten erwartet hätte: Die ja nun wirklich nicht vom Hochwasser bedrohten Türme von Notre Dame waren zeitweise nicht mehr zugänglich, weil die Sromversorgung nicht mehr funktionierte.
Aber das alles ist zu verschmerzen. Zumal das Hochwasser an der Seine eine außerordentliche Touristen-Attraktion ist. So hoch wie jetzt stand das Wasser der Seine seit 1982 nicht mehr.
Auf den Brücken an an den Rändern der Seine drängeln sich die Zuschauer und Fotografen. Interessante Motive gibt es ja mehr als genug.
Ein geradezu obligatorisches Hochwasser-Fotomotiv ist die Statue des Soldaten am Pont de l’Alma, der jede Menge von Schaulustigen anzieht.
Es handelt sich um ein „Überbleibsel“ der ersten Alma-Brücke, die Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Diese Brücke hatte zwei Pfeiler, die mit insgesamt vier Statuen verziert waren. Sie repräsentierten vier Regimenter der französischen Armee, die 1854 am Krim-Krieg teilnahmen: Ein Artillerist, ein Zuave, ein Jäger und ein Grenadier. Als die Brücke in den 1970-er Jahren durch eine neue ersetzt wurde, blieb nur das Standbild des Zuaven am alten Platz.
Zuaven waren eingeborene Söldner, die von den Franzosen ab 1830 angeworben wurden, um an der Eroberung Algeriens teilzunehmen. Im Krim-Krieg wurden auch Zuaven-Verbände eingesetzt, die sich in mehreren Kämpfen, so auch in der Schlacht an der Alma, auszeichneten. Insofern ist zu erklären, dass die Zuaven-Statue ihren Platz an der Alma-Brücke behalten hat. Inzwischen ist sie nicht nur ein prominenter Hochwasserindikator, sondern ist sogar Teil der französischen Kultur: In Chansons, Romanen und in den Abenteuern von Tim und Struppi hat er der Zuave seinen Platz. (1)
Das Bild wurde am 5. Juni 2016 nachmittags aufgenommen- das war das Hochwasser schon deutlich zurückgegangen und dem Zuaven stand das Wasser nicht mehr „bis zum Hals“, aber immerhin noch bis über die Knie – und das heißt, dass die berges de la Seine, die Tiefkais, nicht mehr zugänglich sind. (Im Hintergrund kann man übrigens bei genauem Hinsehn die goldene Kuppel der gerade im Bau befindlichen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly erkennen.)
Anfang Februar 2018 erhielt der Zuave anlässlich eines erneute Seine-Hochwassers eine Rettungsweste, um auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das Wasser stand da ähnlich hoch wie schon 2016. (2)
Zum Vergleich: Bei normalem Wasserstand hat der Zuave trockene Füße….
Und so präsentiert er sich den Bootsfahrern:
Bis über den Hals steht dem braven Zuaven Hollande allerdings das Wasser der Steikbewegung in Frankreich – und das auch noch eine Woche vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaften:
Karikatur von Plantu in der Ausgabe von Le Monde vom 7.6.2016
Aber es gibt auch Möglichkeiten, dem Hochwasser positive Seiten abzugewinnen:
Opfer gab es -soweit man bisher weiß- in Paris nicht. Aber es ist -nach Überzeugung der Umweltministerin Ségolène Royal- nicht ausgeschlossen, dass man noch Opfer entdecken wird. Immerhin gibt es sehr viele Obdachlose (SDF) und Flüchtlinge, die auf den Seinekais ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Verschlägen hausen. Da ist es gut möglich, dass einige von der schnell ansteigenden Flut überrascht wurden – zumal das Ausmaß des Hochwassers und seine Dynamik von den Experten eher unterschätzt wurden.
Aber größere Schäden blieben bei dieser Flut (toi,toi,toi!) aus. Und bei 6,10 Metern Höchststand des Wassers kann man zwar ein außergewöhnliches Naturschauspiel erleben, ohne aber selbst nasse Füße zu bekommen. 1955 stand das Wasser der Seine noch einen Meter höher, 1910 bei dem „Jahrhunderthochwasser“ sogar zweieinhalb Meter höher. Da erreichte es genau 8,62 Meter, so dass große Teile von Paris unter Wasser standen und natürlich auch ein großer Teil der Metro-Schächte. An der Markierung auf der Ile St. Louis kann man sich eine Vorstellung vom Ausmaß der damaligen Katastrophe machen. Jetzt konnte ich an dieser Stelle aus sicherer Höhe den Strudel auf dem überschwemmten Kai fotografieren…
Aber auch an vielen anderen Stellen der Stadt erinnern noch Markierungen an die „Jahrhundertflut“ von 1919.
Hochwassermarkierung an einem Hauseingang in der rue de Bellechasse, 7. Arrondissement
Eine sehr anschauliche Übersicht über die Hochwasserstände der Seine findet sich übrigens am Porte de plaisance de l’Arsenal, kurz bevor es über die Schleuse zur Seine geht.
Die Markierung ganz oben bezeichnet das Jahrhunderthochwasser von 1910. Für die Hochwasser von 2016 und 2018 gibt es noch keine Markierungen – sie würden sich ziemlich weit unten befinden- zwischen den beiden unteren Markierungen… Also gerade im historischen Vergleich kein dramatisches Ereignis. Umso besser.
Außergewöhnlich war allerdings, wie lange es 2018 gedauert hat, bis nach dem Höhepunkt des Pegelstandes Ende Januar wieder ein Normalzustand hergestellt war. Wochenlang waren die beiden Tiefkais der Seine gesperrt und an Seine-Rundfahrten war nicht zu denken. Also vielleicht tatsächlich ein bedenklicher Vorbote dessen, was Paris bei dem weiteren Klimawandel erwartet.
Die nachfolgenden Fotos wurden Ende Februar 2018 aufgenommen. Auf den berges de la Seine, wo jetzt immer noch das Wasser steht, kann man sonst laufen, Rad fahren oder sich in die Sonne legen….
Die Möwen haben es allerdings gut bei dem Hochwasser und die Kormorane offsichtlich auch: Sonst haben wir die im Stadtgebiet von Paris noch nie gesehen. Aber in den seichten Überschwemmungszonen ist ihre Jagd besonders vielversprechend.
Zufrieden sind auch die Angler. Auch sie haben es auf die Fische in den Überschwemmungszogen abgesehen. Allerdings sind sie gegenüber den Kormoranen im Nachteil, denn bei dem kalten Wetter beißen die Fische eher selten an. Den alten Herrn störte das allerdings nicht. Er verbringe hier einen schönen ruhigen Nachmittag und da sei er zufrieden, auch wenn er keinen Fisch zum Abendessen mitbringe…
Und dann gibt es auch, wenn das Hochwasser wieder etwas zurückgegangen ist, ruhige Plätzchen an der Seine, wie hier in der Nähe des Pont Neuf….