Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

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Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal: insgesamt eines  der schönsten Bauwerke im Stil des Art déco in Paris. (1a)

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen  Vergangenheit  https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris (2018)   https://paris-blog.org/2018/11/01/die-malerei-des-franzoesischen-kolonialismus-eine-ausstellung-im-musee-branly-in-paris/

Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt  https://paris- blog.org/?s=Die+Kolonialausstellung+von+1931+%28Teil+2%29+ 

Die Résidence Lucien Paye in der Cité universitaire  (ursprünglich Maison de la France d’outre-mer)https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

Der Garten der tropischen Landwirtschaft im Bois de Vincennes – ein „romantisches“  Überbleibsel der Kolonianlausstellung von 1907.  https://paris-blog.org/2020/09/20/der-garten-der-tropischen-landwirtschaft-jardin-dagronomie-tropicale-im-bois-de-vincennes-ein-romantisches-uberbleibsel-der-kolonialausstellung-von-1907/

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(1a) s. Le Monde vom 12. September 2019: Le Palais de la Porte-Dorée ‚en déshérence‘. La Cour des comptes s’alarme du défaut d’entretien du monument.

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris

Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes – Chaumont und das quartier de la Mouzaïa

Im Blogbeitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris (April 2017) wurde gezeigt, dass erhebliche Flächen der Stadt und ihrer Umgebung als Steinbrüche und Bergwerke genutzt wurden und z.T. noch bis heute genutzt werden. In diesem Beitrag werden zwei bemerkenswerte und unterschiedliche Beispiele vorgestellt, die zeigen, was aus ehemaligen Steinbrüchen werden kann: der Landschaftspark Buttes Chaumont und das  Mouzaïa- „Villenviertel“, beide im Norden von Paris, im 19. Arrondissement.

Le parc des Buttes-Chaumont

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Im Gebiet der Buttes Chaumont wurden bis ins 19. Jahrhundert Gips- und meulière-Steine über Tage abgebaut.[1] So war allmählich eine Mondlandschaft mit teilweise wilden Klüften, Schründen und Höhlen entstanden – eine eher anrüchige Gegend, in der nach Auflassung der Steinbrüche  wilde (und illegale)  Tierkämpfe veranstaltet wurden und die als Mülldeponie und Abdeckerei diente. Es waren  Napoleon III. und sein Stadtplaner Haussmann, die 1863 beschlossen, diese Wüstenei in einen Landschaftspark umzuwandeln und so gewissermaßen aus der topografischen Not eine Tugend zu machen. So entstand nämlich der Pariser Park mit dem größten Höhenunterschied (mehr als 40 Meter), mit einer Insel, einer Grotte (mit künstlichen Stalaktiten), einer von Gustave Eiffel konstruierten Hängebrücke, einem kleinen Tempel im römischen Stil auf der Aussichtsplattform: ein sehr origineller Park also  mit einer großen landschaftlichen Vielfalt.

Man hat den Park auch als einen paradoxen Ort bezeichnet: Auf der einen Seite erscheine er wie kaum ein anderer Park ist Paris als „natürlich“, auf der anderen Seite sei er aber –wie sicherlich kein anderer Pariser Park- ein Produkt der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, die mit Hilfe von viel Eisen und Beton einen ehemaligen Steinbruch zu einem „Technopark“ des Baron Haussmann umgestaltet habe.[2]

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Die Eiffel’sche Hängebrücke, die ganz schön schwanken kann, wenn so viele Menschen darüber laufen wie hier auf dem Bild…

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Die Felsnadel und der Felsdurchbruch sind wohl ein Zitat des berühmten Panoramas von Etretat

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Das „römische“ Tempelchen…

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ist auch eine Aussichtsplattform

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Blick in die Weite auf Sacre Coeur und in die Tiefe auf ein Hochzeitspaar

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Eine besondere Rolle spielte bei der Einrichtung des Parks das Wasser. Es gibt kleine (künstliche) Wasserläufe – ideale Spielplätze für Kinder….

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…. es gibt auch einen kleinen Wasserfall, der zum Klettern einlädt…

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… einen See, z.B. zum Angeln…

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… und eine große Höhle – hier der Eingang –ein  Relikt aus der Zeit der Gipssteinbrüche…

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Die Attraktion dieser Höhle ist ein grandioser Wasserfall.  5300 m³ Wasser stürzen da täglich, nachdem sie einen Höhenunterschied von 32 Metern und  mehrere Katarakte überwunden haben, unter ohrenbetäubendem Lärm in die Tiefe. Mit den Worten der Parkverwaltung: „Der künstliche Wasserfall ist wahrscheinlich einer der schönsten, der jemals  in einem städtischen Park verwirklicht wurde.“

Derzeit wird das hydraulische System des Wasserfalls  gerade renoviert, deshalb gibt es kein aktuelles, sondern ein historisches Bild davon:

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Insgesamt –noch einmal in den Worten der Parkverwaltung- eine Landschaft, die „der schönsten Beschreibungen von Jules Verne würdig“  sei: „Le parc est conçu pour faire voyager et rêver ses promeneurs.“ (2a)

Zu einem Zeitpunkt, als Paris endgültig zu einer Weltstadt umgestaltet wurde, sollten damit seine Bewohner ein Stück Natur erhalten. Immerhin war Paris eine Stadt mit einer sehr großen Bevölkerungsdichte, die durch den Haussmann‘schen Stadtumbau noch intensiviert wurde: Heute ist Paris „la ville la plus dense d’Europe“ und gehört  zu den top 5 der am dichtesten bevölkerten Städte weltweit.[3] Da war und ist  ein Stück Natur, auch wenn sie künstlich und inszeniert ist- natürlich ein  Segen. Und dabei spielt -wie immer bei Haussmann-  auch der politische Aspekt eine wichtige Rolle: Denn Aufgabe der Natur sollte es auch sein, die „classes dangereuses“ des Pariser Ostens moralisieren und pazifizieren.[4]

 

 Le quartier de la Mouzaïa

Eine andere Möglichkeit, mit der „unterirdischen“ Vergangenheit  umzugehen, war die Bebauung des Geländes aufgelassener Steinbrüche. Ein schönes Beispiel dafür ist das quartier de la Mouzaïa im 19. Arrondissement. Entstanden ist dieses Viertel, nachdem man an dieser Stelle 1872 den Abbau von Gips- und meulière-Steinen eingestellt hatte.[5] Für ehemalige Arbeiter der Steinbrüche, kleine Angestellte und Händler wurden dort 250 schmale Reihenhäuser gebaut –  durchweg zweistöckig mit einer sehr begrenzten Wohnfläche und mit einem kleinen Vorgärtchen. Getrennt sind die Häuserreihen von kleinen gepflasterten Wegen, den villas. Die niedrige Bebauung des quartiers, die in besonderem Kontrast zu den Hochhausblöcken der place des fêtes steht, ist nicht nur den begrenzten finanziellen Mitteln der Bauherren geschuldet, sondern zuerst und vor allem dem unsicheren Untergrund: Das Risiko, auf dem Gelände der ehemaligen Steinbrüche zu bauen, sollte möglichst vermindert werden. So hat man aber auch hier aus der topografischen Not eine Tugend gemacht: Es ist inmitten der Großstadt und vor dem Hochhaus-Hintergrund der Umgebung ein verstecktes kleinstädtisches Idyll entstanden, ohne Autos, aber mit viel Natur in den Vorgärten: Camelien, Jasmin, Wein, Glyzinen…

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Eine typische Mouzaïa- Villa

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Auf dem Foto sieht man, dass die hier im Untergrund geförderten meulière-Steine zum Teil auch gleich für den Bau einiger Häuschen verwendet wurden.

Die Namen der Straßen und Villen des Viertels zeigen übrigens, dass es sich hier um ein typisches Produkt der 3. Republik handelt: Es gibt die Straße der Liberté, die der Égalite und die der Fraternité, außerdem die Straße des Fortschritts und die nach Präsidenten der 3. Republik benannten „Villen“.

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Die Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot haben ein Spaziergang durch das Quartier vorgeschlagen, der an  der 1911 eröffneten Métro-Station Danube beginnt. Sie liegt an der Linie 7b,  die durch das ehemalige Terrain der carrières d’Amérique  und zum Teil unter dem Park der Buttes-Chaumont verläuft.

Dieser Streckenabschnitt musste deshalb besonders gesichert werden: Nicht weniger als 220 Brunnengründungen, die eine kumulierte Gesamthöhe von 5,5 Kilometern erreichen, wurden in dem Streckenabschnitt  der  Station und des Streckentunnels in Richtung Buttes-Chaumont errichtet. Besonders kompliziert war der Bau der Station Danube, weil das Niveau der Station 33,49  m über dem festen Boden lag. Also wurde  ein unterirdisches Viadukt errichtet, gewissermaßen ein Korsett, in das die Metro-Station eingepasst wurde und das ihr festen Halt verleiht.[6]

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Auf einer Informations-Tafel in der Metro-Station wird dies erläutert und veranschaulicht, wobei auch nochmal die Legende von den Steinen fürs Weiße Haus in Washington als Tatsache „verkauft“ wird. (siehe dazu den Blog-Beitrag über „die Bergwerke und Steinbrüche von Paris“.)

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Dessen ungeachtet ist aber die Metro-Station Danube ein Beispiel dafür, wie weit- oder in diesem Fall: wie tiefgehende Konsequenzen die Vergangenheit von Paris als Bergwerksstadt hatte und zum Teil bis heute noch hat.

Für Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ist das Mouzaïa- Viertel auch ein Beispiel der in Paris offenbar unaufhaltsamen „Gentrifizierung“: Auch wenn es sich um ein Viertel handelt, das für Menschen mit geringem Einkommen gebaut wurde und auch wenn die beengten Wohn- und Nachbarschaftsverhältnisse durchaus ihre Nachteile haben, so übt ein solches „Paradies“ doch eine erhebliche Anziehungskraft auf eine aufstrebende Mittelschicht, vor allem auf die sogenannten „Bobos“ aus.

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Deren Anwesenheit ist bei einem Rundgang durch das Viertel durchaus zu bemerken. Aber es gibt auch Häuser, die ganz und gar nicht herausgeputzt sind, bei denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.  Deren Besitzer haben also offenbar nicht die Mittel –oder den Willen- , aus den alten  bescheidenen Arbeiterhäuschen ein Schmuckstück zu machen. Und es gibt völlig verwilderte Grundstücke und Häuser, die möglicherweise als Spekulationsobjekte dienen.

Am besten eignen sich Frühjahr oder Sommer für einen Mouzaïa-Spaziergang, wenn es in den Vorgärtchen grünt und blüht. Und man sollte sich dafür etwas Zeit lassen. Man kann dann –möglichst unaufdringlich- viele kleine Entdeckungen machen und  sogar Kontakte mit Bewohnern des Viertels knüpfen.[7]

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En savoir plus:

Antoine Picon: Nature et ingénieurie: Le parc des Buttes-Chaumont. In: romantisme. Revue du dixième siècle, 2010/4: https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

Michel Pinçon/Monique Pinçon-Charlot: Villages dans la ville: Les villas de Paris.  In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2013, S. 223f (und vor allem:  S. 237f: Les villas du 19e arrondissement)

Les Buttes-Chaumont, chef-d’oeuvre de l’art paysager à Paris

Anmerkungen

[1] Das Foto  ist in der Dauerausstellung  zur Stadtentwicklung des Pavillon de l’Arsenal in Paris zu sehen.

[2] https://www.cairn.info/revue-romantisme-2010-4-page-35.htm

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

(2a) Text und Bild auf den Schautafeln, die am Eingang des Parks gegenüber der Mairie des 19. Arrondissement während der Bauarbeiten im Park aufgestellt sind/waren. Und unter: www.paris.fr/viewmultimediadocument?multimediadocument-id..

[3] Pavillon de l’Arsenal: Catalogue de l’exposition Paris/Haussmann, Modèle de Ville. Paris 2017, S. 11.  Dagegen betrug die Bevölkerungsdichte von Berlin  im Jahr  3.947 Einwohner pro Quadratkilometer: https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_Berlin

[4] https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

[5] http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

http://www.pariszigzag.fr/sortir-paris/balade-paris/quartier-mouzaia-paris

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Danube_(M%C3%A9tro_Paris)

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2013/01/25/26246587.html

[7] Ein weiteres eher kleinstädtisches Ensemble ist „la campagne à Paris“ im 20. Arrondissement (Rue du Père Prosper Enfantin – Rue Irénée Blanc – Rue Mondonville – Rue Jules Siegfried, Rue Paul Strauss), das ebenfalls auf einem ehemaligen Gips-Steinbruchgelände errichtet wurde.  Die Cavernen wurden mit  Aushub aufgefüllt, der bei dem von Haussmann initiierten Bau der avenues de la République  und Gambetta entstand. Auf dieser Grundlage war aber auch dort  nur eine begrenzte Bebauung möglich.

Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris

 

Im Blog-Beitrag über die fünf kleineren Schwestern der New-Yorker Freiheitsstatue (März 2017) ging es anhand der Statue im Musée des Arts et Métiers in Paris auch um die Herstellung von „Miss Liberty“. Dabei wurde deutlich, welche großen Mengen an Gips erforderlich waren für die Herstellung der kleineren Exemplare, aber vor allem für das Modell in Originalgröße.

In einem Schaukasten des  Museums, in dem die Arbeit an der Gipsversion des Kopfes veranschaulicht wird, sieht man die großen Säcke mit Gips, aus dem – mit Wasser vermischt-  eine formbare Masse (franz: plâtre) entsteht, die  zur Modellierung der Figuren verwendet werden konnte.

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Für mich war das ein Anlass, mich für den Gips und seine Herkunft zu interessieren. Dabei bin ich auf viel Interessantes, manches schon Bekannte, aber auch einiges für mich Neue und Überraschende gestoßen. Grund für einen Blog-Beitrag  über den faszinierenden Untergrund von Paris.  

Die Bergwerkstadt Paris

Die nachfolgend abgebildete Karte zeigt, wo überall auf dem Gebiet des heutigen Paris sich Bergwerke befanden. Und man wird –vielleicht mit einigem Erstaunen- sehen, dass ein großer Teil des heutigen Stadtgebiets früher einmal dem Abbau von Steinen diente, teilweise unter Tage, teilweise im Tagebau. Paris ist zwar nicht auf Sand und auch nicht auf Eichenpfählen erbaut, aber in weiten Teilen eben auf ehemaligem Bergwerks- und Steinbruchgelände…. Betrachtet man die Karte von Paris, so gleicht sie, wie man gesagt hat, einem löcherigen Schweizer Käse.   [1]

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Die schrag schraffierten Flächen bezeichnen den Abbau von Gipssteinen, die waagrecht schraffierten den Abbau von Kalksteinen. Die geschwärzten Stellen in den jeweiligen Flächen markieren den Abbau von Steinen unter Tage.

Abgebaut wurden, wie auf der Karte zu sehen  ist, nördlich der Seine vor allem Gipssteine, die zu gebrauchsfertigem Gipspulver verarbeitet wurden; außerdem Kalksteine, die vor allem südlich der Seine und am Rand von Paris  unter Tage abgebaut wurden. Der Abbau unter Tage war dann erforderlich, wenn es sich wie südlich der Seine, z.B. im Quartier Latin, um schon bebaute Stadtviertel  handelte.  [2]

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Die Steine wurden schon unter Tage roh behauen und mit Hilfe großer hölzerner Treträder an die Oberfläche gehoben.  Abgebaut wurden neben Kalk- und Gipssteinen auch meulière-Steine. Die wurden in ihrer festen Form als Mühlsteine verwendet (deshalb  der Name). Und in ihrer porösen, leichten und gut isolierenden Ausprägung waren sie Ende des 19. Jahrhunderts das typische Baumaterial der Pariser Vorstadthäuser.

Hier ein schönes Beispiel aus Clamart/Meudon im Westen von Paris.

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Verwendet wurden sie aber auch als Schmuckelemente an Häusern in der Stadt –  zum Beispiel am noblen Palais des femmes der Heilsarmee im 11. Arrondissement.[3]

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Der Vorteil der stadtnahen Steinbrüche liegt auf der Hand: auf diese Weise hatte man sehr kurze Transportwege der für den Stadtausbau benötigten Steine – und das Bauholz wurde ja ebenfalls sehr günstig über die Seine nach Paris geflößt.

Allerdings erwies sich der Steinabbau in der Peripherie der Stadt in dem Moment als problematisch, als die Stadt sich ausdehnte – spätestens wurde das in aller Schärfe deutlich, als im 19. Jahrhundert die Stadtgrenzen die heutige Ausdehnung erreichten. Die offenen Gips-Steinbrüche im Norden waren ökologische Wüsten und für eine Bebauung zumindest unmittelbar nicht geeignet. Die unterirdischen Steinbrüche im Süden hatten erhebliche Hohlräume unter der Stadt geschaffen, die eine Bebauung ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nicht zuließen. Und manchmal konnten auch ganze Häuser in der Tiefe verschwinden, wie 1777 in der rue d’Enfer –nomen est omen- dem späteren Boulevard Saint Michel. Und 1961 kam es in der sogenannten petite ceinture, in Clamart am  Rand von Paris, zu dem spektakulären Einbruch eines ganzen Stadtviertels über einem ehemaligen Steinbruch, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen.  [4]…. Heute sind zwar die Kavernen unter den Privathäusern zugeschüttet, aber das schützt nicht immer vor Absenkungen und es gibt eine erhebliche poltische und administrative Sensibilität in diesem Bereich. Immerhin ist ein  Viertel  der etwa 100 000 Pariser Häuser über ehemaligen Steinbrüchen errichtet. Zu den  Unterlagen, die bei dem Kauf/Verkauf einer Wohnung oder eines Hauses auf dem Gebiet der Stadt Paris beim Notar vorgelegt werden müssen, gehört denn auch ein offizielles Gutachten über den Untergrund und die Standsicherheit des Gebäudes. So kann man einigermaßen sicher sein, keine  bösartigen Überraschungen zu erleben, wie sie bis heute in Paris durchaus noch vorkommen[5].

Die Katakomben von Paris

Die unterirdischen Kavernen waren allerdings nicht nur ein Problem, sondern man konnte ihnen auch durchaus Positives abgewinnen: So konnte man sie nutzen, als die meisten innerstädtischen Friedhöfe um 1800 aus sanitären Gründen  aufgelöst wurden. Da bettete man die Knochen in die Katakomben  um, die heute eine Touristenattraktion von Paris sind.

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Hier beginnt –unübersehbar- das Reich des Todes.

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In diesen Bereich der Katakomben  wurden die bei der Auflösung des innerstädtischen Friedhofs des innocents geborgenen Gebeine umgebettet.

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Manchmal wurden sie säuberlich gestapelt, manchmal aber auch nur einfach kreuz und quer hingeworfen.

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Genutzt wurden die stillgelegten Steinbrüche im Untergrund von Paris auch für die Aufzucht von Champignons: Deshalb ja auch der Name „champignons de Paris“.

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Diese Gravur aus dem Jahr 1854 zeigt den Anbau von Champignons in den ehemaligen Steinbrüchen. Mit dem Bau der Metro erwiesen sich allerdings die champignonnières als hinderlich, so dass der Champignonanbau aus Paris verdrängt wurde – heute werden sie vor allem in der Gegend von Saumur angebaut, wo es auch ein Champignonmseum gibt. [6]

Genutzt wurden die Kavernen aber auch im Krieg – zum Beispiel im 2. Weltkrieg sowohl von der deutschen Besatzungsarmee als  auch von der Résistance, wie das zum Beispiel in dem Film Volker Schloendorffs über die Rettung von Paris 1944 (Diplomacie) eindrucksvoll gezeigt wird. Am Platz Denfert-Rocherau, wo auch der Eingang der Katakomben ist, befindet sich an einem der beiden dort noch erhaltenen Torhäuser der ehemaligen Pariser Zollmauer (mur des Fermier généraux) eine Plakette,  die daran  erinnert,  dass im Untergrund dieses Hauses, der barrière d’Enfer, die Widerstandskämpfer der FFI ihr Hauptquartier während der Befreiung von Paris von deutcher Besatzung eingerichtet hatten.

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Und nicht zuletzt konnte/und kann vielleicht auch noch das unterirdische Paris  –wenn auch nicht ganz offiziell- als eine ganz besondere „location“ genutzt werden. Als Studenten nahm uns ein Pariser Bekannter, einer der sogenannten „cataphiles“, einmal mit in den Untergrund. Irgendwo mitten auf einer ruhigen Seitenstraße hob er einen Kanaldeckel hoch und ab gings in die Tiefe. Ziemlich unheimlich, ziemlich aufregend. Es folgte ein Stadtspaziergang besonderer Art: Durch die Gänge unterhalb der Straßen, die sich ab und zu, an den Orten ehemaliger Steinbrüche, ausweiteten. Dort konnte es dann auch  andere unterirdische Nachtschwärmer geben, die es sich mit Musik und Wein gemütlich gemacht hatten. Auf die Wände aufgemalte Straßennamen erleichterten die Orientierung und manchmal sind diese Markierungen sogar künstlerisch ausgestaltet. Aber etwas erleichtert waren wir doch, als wir wieder, wie zu Beginn, durch einen hochgedrückten Kanaldeckel gestiegen waren und festen Straßenboden unter den Füßen hatten.

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Insgesamt gibt es noch heute viele Gänge und Hallen im Pariser Untergrund, die inzwischen abgesichert und teilweise ausgemauert sind, aber man kann „noch mehrere Bezirke zu Fuß durchqueren, ohne ‚auftauchen‘ zu müssen.[7]

Die Gipssteinbrüche von Montmartre  und die carrières d’Amérique

Der Gipsstein ist nördlich der Seine sehr reichlich vertreten und wurde auf den nördlichen Hügeln (des heutigen Paris)  schon seit römischen  Zeiten dort abgebaut: Wenn die Gipsschicht von einer nur dünnen Erdschicht bedeckt war, baute man den Gips im Tagebau ab, ansonsten wurden an den Seiten große Eingänge geöffnet, um einen Abbau unter Tage zur ermöglichen.

Der Gipsstein von Montmartre erfreute sich besonderer Wertschätzung. 1750 galt der „Gips von Montmartre bei  Paris … als der beste von allen, die in den Bauwerken verwendet werden, die ununterbrochen in dieser großen Stadt entstehen.[8]

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Zu erkennen ist hier, dass der Gipsstein gleichzeitig über und unter Tage abgebaut wurde, und zwar in unmittelbarer Nähe des Ortes.

Und er wurde auch gleich an Ort und Stelle verarbeitet, also gebrannt und gemahlen. Für diesen Mahlvorgang benötigte man natürlich große Menge Mühlsteine. Insofern  war es ein glücklicher Umstand, dass in den Steinbrüchen im Norden von Paris nicht nur Gipssteine vertreten waren, sondern auch die pierres meulières, aus denen die Mühlräder hergestellt wurden.

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Gipsofen in Montmartre, Gemälde von Carle Vernet 1832 [9]

Der Name des westlichen quartiers des 18. Arrondissements, also von Montmartre, erinnert noch an diese Vergangenheit: Es ist das quartier des  Grandes Carrières, das Viertel  der Großen Steinbrüche.[10] Und in diesem quartier liegt auch der Friedhof von Montmartre (mit dem Grab Heinrich Heines), der auf aufgelassenem Steinbruchgelände errichtet wurde.[11]

In der rue Ronsard am Fuß von Sacré Coeur (Einmündung in die Place Louise Blanquart)  ist noch der Eingang eines ehemaligen Steinbruchs zu sehen.

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Etwas weiter rechts davon ist eine Erinnerungsplakette an Georges  Cuvier,  den „Schöpfer der Paläontologie“, angebracht.

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Cuvier fand in diesen  Steinbrüchen wichtige Fossilien,  die in  unterschiedlichen Gesteinsschichten  abgelagert waren. Auf dieser Grundlage entwickelte er  seine Theorie der abrupten Veränderung der Arten.[12]

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Cuvier hat dort auch anhand von fossilen Zähnen eine bis dahin unbekannte Tierart entdeckt, die nach ihm benannt wurde: Peratherium cuvieri.[13]

Neben dem Montmartre-Gips hatte auch der Gipsstein aus den weiter östlich gelegenen Steinbrüchen, den sogenannten „carrières d’Amerique“,  eine exzellente Reputation. Der Name verdankt sich einer weit verbreiteten Legende: Danach soll ein Teil des dort abgebauten Gipssteins nach Amerika exportiert worden sein, wo er für den  Bau des Weißen Hauses verwendet worden sei.  Das entspricht zwar nicht den Tatsachen, aber einen Bezug zu Amerika gibt es gleichwohl: Der Besitzer eines der Steinbrüche war nämlih ein Ire, Mr Fitz-Merald, der in Amerika reich geworden war…  Auch hier wurde der Gips im Tagebau abgebaut, zum Teil aber  auch unter Tage in Stollen.[14]

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Die  „Carrières d’Amérique“ in einer Aufnahme von 1852[15]  .

Die Steinbrüche wurden 1872/73  stillgelegt. Heute erinnert noch ein Straßenname an diese Vergangenheit, die rue des carrières d’Amérique. Ursprünglich hieß sie – zu den Steinbrüchen führend-  chemin des Carrières.
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Les „cathédrales de gypse“

Von den  Steinbrüchen im Untergrund von Paris kann man als Tourist heute kaum noch etwas sehen. Gelegenheit zum Besuch eines Gips-Bergwerks, wie sie bis ins 19. Jahrhundert noch auf (dem heutigen) Pariser Territorium betrieben  wurden, gibt es aber durchaus. Es sind die sogenannten „cathédrales de gypse“ im nördlichen  Umkreis von Paris, die man im Rahmen einer Führung besichtigen kann.

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Dabei versteht man sehr gut den zunächst etwas übertriebenen erscheinenden Ausdruck der unterirdischen „Kathedralen“.[15]

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Und man  erfährt etwas über den Abbau: das Bohren der Sprenglöcher, die Sprengung, die Verladung und den Abtransport der Gipssteine und ihre Verarbeitung:  Die Steine werden dann gebrannt und gemahlen und so zu einem gebrauchsfertigen und handlichen Gipspulver (plâtre) umgewandelt. [16]

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Der unterirdische Gipssteinbruch der Firma Placoplatre im 93. Département nördlich von Paris,  in dem diese Fotos aufgenommen wurden, ist erst nach der Jahrtausendwende eingerichtet worden und rühmt sich seines umweltbewussten Umgangs mit der Natur. Dann werden diese Steinbrüche also hoffentlich nicht solche erheblichen Probleme, was Renaturierung und Bebauung betrifft, nach sich ziehen wie die bis ins 19. Jahrhundert auf Pariser Gebiet  betriebenen Steinbrüche.

In einem nachfolgenden Beitrag möchte ich an zwei Beispielen zeigen, was auf dem Gelände früherer Steinbrüche in Paris entstanden ist: dem Landschaftspark Buttes Chaumont, einem „Disneyland des 19. Jahrhunderts“ und der für Paris ganz untypischen und reizvollen Reihenhaussiedlung  La Mouzaïa – beide im 19. Arrondissement gelegen und auf dem Gelände der ehemaligen carrières d’Amérique entstanden.

 

Praktische Information:

Seit Neuestem kann man die oft äußerst langen Schlangen vor den Katakomben vermeiden und vorab im Internet Eintrittskarten  kaufen. Außerdem wurden  die Öffnungszeiten  bis 20.30h verlängert. (Kassenschluss 19.30)

Die Stadt Paris wirbt mit einem etwas  makabren Plakat für diese Neuerungen.

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En savoir plus:

Atlas du Paris souterrain. La doublure sombre de la ville lumière. Paris: Parigramme 2001, Neuauflage 2016

Patrick Saletta, A la découverte des souterrains de Paris. Anthony 1993

http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

https://www.franceculture.fr/emissions/lsd-la-serie-documentaire/quatre-paysages-14-les-buttes-chaumont

Anmerkungen

[1] Karte aus: Saletta, A la découverte des souterrains de Paris

siehe auch: Sous les pavés…. les carrières. In: À Paris. Le magazin de la ville de Paris. No 61, printemps 2017, S. 28/29

(2) Abbildung auf einer Informationstafel der Stadt Meudon, wo vor allem im Bereich von Val Fleury Kalksteine abgebaut wurden.

[3] http://www.parc-naturel-chevreuse.fr/new-life-starts-here/habitat-et-jardin-architecture-locale/la-meuliere-pierre-precieuse-dile-de

[4] http://www.leparisien.fr/espace-premium/air-du-temps/le-sauveur-de-paris-26-05-2013-2835493.php  und: sous les pavés… les carrières. a.a.O.

[5] http://www.lexpress.fr/informations/paris-croule-t-il_634113.html

[6] http://ruedeslumieres.morkitu.org/apprendre/champignon/origine/index_origine.htmlhttp://blog.infotourisme.net/histoire-champignon-de-paris/

[7] http://www.viennaslide.com/paris/s-0533-21.htm

[8] Savary des Brûlons, Jacques, Dictionnaire universel de commerce: d’histoire naturelle, & des arts & métiers, Paris, Cramer & Philibert, 1750, volume 3, p. 216.   Zit. bei: http://www.nicolaslefloch.fr/Lieux/carrieres.html

[9] http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[10] https://fr.wikipedia.org/wiki/Quartier_des_Grandes-Carri%C3%A8res

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Carri%C3%A8res_de_Montmartre

[12] Abbildung aus: http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

[13] Ce spécimen a été découvert dans le gypse des carrières de Montmartre servant à fabriquer du plâtre, et est daté de l’Oligocène, soit environ 33 millions d’années.  http://www.mnhn.fr/fr/collections/ensembles-collections/paleontologie/mammiferes-fossiles/sarigue-cuvier

(14)  http://plateauhassard.blogspot.fr/2012/09/les-carrieres-de-la-butte-chaumont.html

(15) Das obere  Bild ist der Werbung von tourisme 93 für den Besuch des Bergwerks entnommen.   http://www.tourisme93.com/visites/en/873-au-coeur-des-cathedrales-de-gypse-de-placoplatre.html

(16) http://www.placoplatre.fr/L-ENTREPRISE/Carrieres-de-gypse/Carriere-de-Bernouille

Seine-Saint-Denis Tourisme veranstaltet von Zeit zu Zeit Führungen, die allerdings sehr schnell ausgebucht sind.

Das  nachfolgende Bild stammt aus  dem Blog: http://bluette.fr/blog/2013/10/16/les-cathedrales-de-gypse/#comment-43340

Pulse of Europe in Paris – Marine le Pen ante portas! (April 2017)

Im  nachfolgenden Beitrag wird zunächst über die Pulse of Europe- Demonstrationen in Paris berichtet. Angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen kann Europa ja etwas Rückenwind dringend gebrauchen, denn Marine Le Pen und der Front National haben den Ausstieg aus der EU und der Euro-Zone zu einem Kernstück ihrer Programmatik gemacht. Die Chance,  dass Le Pen den entscheidenden zweiten Wahlgang erreicht, ist  derzeit sehr groß. Präsidentin wird sie aber kaum werden können. Allerdings ist es dem FN gelungen, die politische Diskussion  wesentlich zu bestimmen. Das wird dann auch nach den Wahlen weiterwirken und eine Hypothek für Frankreich und Europa sein. Aber vielleicht/hoffentlich ist der Erfolg der Europagegner ja auch ein  Anstoß, das europäische Haus so zu renovieren, dass sich seine Bewohner heimisch darin fühlen und nicht im Auszug ihr Heil suchen. 

Von Freunden aus Frankfurt erhalten wir regelmäßig Bilder von den eindrucksvollen Pulse of Europe- Demonstrationen, die es dort seit Ende Februar gibt. Und von ihnen wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es solche Demonstrationen auch in Paris gibt. Wir haben uns also auf den Weg gemacht: Sonntags 15 Uhr rue Rambuteau vor der Kirche Saint Eustache, neben Les Halles mit seinem neuen geschwungenen Dach (dem canopé).

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Wenn man die  Bilder von Frankfurt gesehen hat, ist man natürlich etwas enttäuscht von dem kleinen Häuflein der Europa- Freundinnen und –Freunde, die sich da versammeln. Wenn Libération schreibt, dass die proeuropäische Zivilgesellschaft dabei sei aufzuwachen und in diesem Zusammenhang auf die Pulse of Europe-Bewegung verweist,[1] dann gilt das für Paris leider kaum. Selbst zu der größer angekündigten und auch von der Mairie der Stadt unterstützten Demonstration auf der Place du Palais Royal aus Anlass den 60. Jahrestags der Römischen Verträge kam nur ein kleines Häuflein von Europa-Freunden. Es gibt bei Pulse of Europe in Paris zwar ein Mikrophon, aber keine „anonymen Saxophonisten“ wie in Frankfurt, und eine Menschenkette um einen Platz oder gar um Les Halles- entsprechend der Menschenkette um den Goetheplatz in Frankfurt- würde man hier nicht zustande bekommen. Aber die Stimmung ist gut, es gibt ein paar aufmunternde Reden und es wird Beethovens  Hymne an die Freude mit einem französischen Text  von Jacques Serres gesungen[2] –i.a. zweimal, um die vorgesehene Demonstrations-Zeit von einer Stunde zu füllen.

 

Chantons pour la Paix nouvelle

De notre Europe unifiée

Quand l’histoire nous rappelle

Les massacres du passé.

 

Quand nos peuples dans la tourmente

Vivaient dans la haine et le sang

Oh ! Quelle joie nous enchante

Plus de guerre pour nos enfants

 

Sans que les frontières anciennes

N’entravent leurs destinées,

Nos filles seront sereines

Et nos fils épris de paix.

 

Quand ensemble ils sauront dire

En toute langue „Bienvenue“

Et pourront enfin construire

Ce monde tant attendu.

 

Démocratie notre rêve

De plus haute antiquité

Pour toi notre chant s’élève

Europe et fraternité.

 

Nous chanterons pour que progressent

Les idées de l’humanité,

Et pour que jamais ne cessent

La joie et la Liberté.

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Auffällig ist, dass es unter den Demonstranten –soweit wir das beobachtet haben- viele Polen und Deutsche gibt. Ein Pole, der eine Fahne seines Landes schwenkte und mit dem wir gesprochen haben, kam sogar aus dem 90 km entfernten Provins. Polen verteilen auch flyer der 2015 gegründeten Bürgerinitiative KOD (deutsch: Komitee zur Verteidigung der Demokratie). KOD hat auch einen französischen „Ableger“, die Association défense de la démocratie en Pologne (ADDP).

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Das Komitee möchte auf die „Bedrohung des Rechtsstaates“ im Polen des faktischen Machthabers Jaroslaw Kaczynski aufmerksam machen, der sich über die Verfassung und die Gesetze stelle und u.a. das Verfassungsgericht entmachtet und die staatlichen Medien gleichgeschaltet habe. (Was die derzeitige polnische Regierung von der Europäischen Union hält, hat sie ja kürzlich wieder eindrucksvoll in Brüssel demonstriert[3]).  Dagegen wollen KOD und ADDP alle die mobilisieren, „für die die demokratischen Werte Europas zählen.“

 

Unter den Demonstranten sind offenbar auch viele Deutsche. Jedenfalls hatte ein Team des ZDF, das am 5. 3. dabei war, keine Schwierigkeiten, für ein Interview eine Gruppe junger Deutscher zu finden, und auch einer der Organisatoren von Paris, der ebenfalls interviewt wurde, ist offenbar Deutscher.

Vielleicht sind manche davon wie wir gewissermaßen auf dem Umweg über deutsche Freunde oder über die Berichterstattung französischer Medien über die deutschen Demonstrationen auf die Pariser Sonntagsdemonstrationen aufmerksam geworden. Die mediale Resonanz der deutschen Pulse of Europe-Bewegung ist jedenfalls in Frankreich groß. Am 6.2. veröffentlichte zum Beispiel die Wirtschaftszeitung Les Echos einen großen Artikel mit der Überschrift: Das geschieht  in Europa. Frankfurt, Wiege einer Bürgerbewegung für Europa. Zu dem  Bericht gehörte auch ein Bild der Demonstration auf dem Frankfurter Goetheplatz, um den herum zum Abschluss eine Menschenkette gebildet worden sei. Und Goethe, geborener Frankfurter und „Europäer der ersten Stunde“ habe von seiner Statue herab wohlwollend auf das Treiben geblickt.[4]

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In dem Artikel wird auch mitgeteilt, dass nach den französischen Winterferien Ende Februar in Paris regelmäßige pro Europa- Demonstrationen stattfinden würden… Die gibt es ja nun und das spricht sich auch allmählich herum. Inzwischen weist zum Beispiel das Pariser „Maison de l’Europe“ auf die Pulse of Europe- Demonstrationen hin, die jetzt in einigen  großen Städten Frankreichs stattfinden, und es gibt nicht nur einen deutschen, sondern auch einen französischen Wikipedia-Artikel dazu.[5]

Grund zum Demonstrieren haben französische Europa-Freunde und Freundinnen ja nun wahrhaft reichlich. Am 7. Mai wählen die Franzosen den Nachfolger bzw. die Nachfolgerin von Präsident François Hollande. Und dabei entscheiden sie gleichzeitig über das weitere Schicksal Europas – wie das auch ein Pariser Pulse of Europe-Teilnehmer  zum Ausdruck gebracht hat.

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Ein Vereintes Europa ohne Frankreich ist in der Tat kaum vorstellbar. Und die Präsidentschaftskandidatin des rechtsradikalen/rechtspopulistischen Front National, Marine le  Pen, hat ja den „Frexit“ zu einem ihrer wesentlichen Programmpunkte gemacht.  Der erste Durchgang der Präsidentschaftswahlen findet am 23.4. statt. Es gilt als sicher, dass Marine le Pen zu den beiden Kandidaten/innen gehören wird, die den entscheidenden zweiten Wahlgang erreichen werden. Zwischenzeitlich wurden ihr sogar beste  Chancen eingeräumt,  im ersten  Wahlgang die meisten Stimmen von allen Kandidaten/innen zu erreichen.

Inzwischen mehren sich, gerade nach den Überraschungen bei den Wahlen in Großbritannien und den USA, die Stimmen, die eine Präsidentschaft Le Pens nicht mehr völlig ausschließen, auch wenn man  dieses Horrorszenarium kaum für realistisch halten mag. Die Wochenzeitung L’Obs machte kürzlich mit einer Titelgeschichte über die ersten hundert Tage einer Präsidentschaft Le Pens auf, falls sie gewählt würde: Ein „scénario noir“, das gestützt ist auf die programmatischen Aussagen Le Pens und eine breite Expertise. Begründung für einen solchen Aufmacher: Inzwischen schließe niemand mehr einen Sieg Le Pens bei den Präsidentschaftswahlen und das damit verbundene  „tremblement de terre démocratique“ aus.[6]

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Dass der „spread“, also der Abstand zwischen den Zinsen der französischen und der deutschen Schuldenaufnahme in letzter Zeit –wenn auch auf niedrigem Niveau- deutlich zugenommen  und im Februar ein Maximum seit 2011  erreicht hat, mag ein Anzeichen für die Nervosität der sogenannten „Märkte“ sein, die sich das Le Pen-Risiko schon vom französischen Staat bezahlen lassen. In französischen Bankkreisen fürchtet man, dass bei einem unerwartet erfolgreichen Abschneiden Le Pens im ersten Wahlgang ein Kapitalabzug die Folge sein könne- von den Folgen eines Ausscheidens aus der Euro-Zone ganz zu schweigen.[7] Einiges Aufsehen hat auch eine öffentliche Stellungnahme des französischen Botschafters  in Tokio, Thierry Dana, erregt, der erklärte, unter einer Präsidentschaft Le Pens nicht mehr weiter im diplomatischen Dienst tätig sein zu wollen. Ein Botschafter sei zur Loyalität gegenüber seiner Regierung verpflichtet. Er könne aber nicht im Ausland Positionen verteidigen, die im Widerspruch ständen zu den republikanischen Prinzipien des demokratischen Frankreich.[8] Der französische Botschafter in Washington, Gérard Araud, schloss sich dem an: In einem Interview mit der Washington Post sprach er von einem „sehr schönen Text“. Ein eventueller Sieg von Le Pen wäre „un désastre total“ und der Zusammenbruch der Europäischen Union, weil eine EU ohne Frankreich „keinen Sinn“ habe.[9] Dass solche Szenarien schon öffentlich diskutiert werden, muss wohl als Alarmsignal verstanden werden. Desgleichen, dass immerhin 36% der Franzosen einen Wahlsieg Le Pens für wahrscheinlich halten – 5% mehr als noch vor einem Jahr- und dass umgekehrt die Gruppe derer, die einen Wahlsieg der Rechtsradikalen für unwahrscheinlich hält, um 5 %  – auf 60%- abgenommen hat.[10]

Inwieweit gibt es dafür Anlass? Das letzte Barometer über die Einstellung der Franzosen zum Front National, dessen Ergebnisse am 8. März in Le Monde veröffentlicht wurden, sind auf den ersten Blick eher beruhigend: „Sechs Franzosen von zehn schließen es aus, den Front National zu wählen.“ Für eine Mehrheit der Franzosen stelle die Partei der extremen Rechten eine Gefahr dar. Trotz der Anstrengungen von Le Pen, den Front National zu „normalisieren“ – der gerne von Le Pen benutzte Ausdruck dafür ist:  dédiaboliser– sei der Prozentsatz der Franzosen, die den FN als Gefahr ansähen, gegenüber 2013 sogar noch um 11 Prozentpunkte auf heute 58% gestiegen.

Grund zur Entwarnung gibt es aber nicht. Immerhin verzeichnet der Front National eine „progression spectaculaire“ in allen lokalen, regionalen und europäischen Wahlen, seitdem Le Pen den Vorsitz der Partei übernommen hat.[11] Die aktuelle Meinungsumfrage hat zwar ergeben, dass Le Pen der große Durchbruch (noch) nicht gelungen ist und der FN (noch) nicht zu einem breiten Sammelbecken von Ängstlichen und Unzufriedenen geworden ist. Aber Le Monde bescheinigt Le Pen in der Zusammenfassung der Umfrageergebnisse doch auch „(une) réelle marge de progression.“  Sie verfüge heute über einen gefestigten Sockel an Wählern und darüber hinaus über ein Wählerpotential, das deutlich über den knapp 30% liege, die beabsichtigen, Le Pen ihre Stimme zu geben. Patrick Weil, ein prominenter Politikwissenschaftler, geht immerhin von „40% oder mehr“ aus, die Le Pen in einer „présidentielle trumpisée“, also einem nach dem Trump’schen Vorbild geführten Wahlkampf erreichen  könne.[12]

Dass dies so ist, beruht wohl auch darauf, dass in manchen Politikfeldern die Grenzen zwischen den Positionen der Rechtsextremen und der „extremen Rechten“, also in erster Linie dem rechten Flügel der Republikaner, verschwimmen, und zum Teil sogar die zwischen den Rechts- und den Linksextremen bzw. den Sozialisten.

 

Hier einige Beispiele:

Nach den terroristischen Anschlägen vom 13. November 2015 wurde in Frankreich der Ausnahmezustand verhängt und seitdem fünfmal verlängert, zuletzt bis Juli 2017. Immerhin befindet sich Frankreich ja nach offizieller Lesart im Krieg mit dem Terror und dieser Krieg ist noch keineswegs gewonnen. Man muss also davon ausgehen, dass der nächste Präsident –oder eine Präsidentin Le Pen- den Ausnahmezustand mit seinen erweiterten exekutiven  Befugnissen auf einem goldenen Tablett serviert bekommt. Auch der derzeit aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat, Emmanuel Macron, hat sich sehr vage zur Zukunft des Ausnahmezustands geäußert, will sich da also offensichtlich keine Blöße gegenüber der Rechten geben.

Zu den Anfang 2016 von François Holland gewünschten Anti-Terrormaßnahmen gehörte auch die Möglichkeit einer Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für bestimmte Personengruppen. Damit hätte die Beseitigung des geradezu geheiligten „droit du sol“ Verfassungsrang bekommen, also des Erwerbs der französischen Staatsbürgerschaft durch die Geburt auf französischem Boden.  Sarkozy hatte den Bruch mit diesem Prinzip schon einige Jahre vorher als Reaktion auf die immigration vorgeschlagen. Für die Sozialisten war das damals ein „verrückter Vorschlag“, der zeige, dass zwischen der Rechten und den Rechtsradikalen „alle Dämme gebrochen“ seien.[13] Drei Jahre später waren demnach also auch die Dämme zwischen dem FN und  der sozialistischen Regierung  gebrochen. Und Hollande und sein Ministerpräsident Valls wären damit –hätten sie sich im Parlament durchsetzen können- in die Fußstapfen von Vichy getreten, wo es das schon einmal gab. (Siehe dazu den Blog-Beitrag über Frankreich im Ausnahmezustand)

 

Auch beim Umgang mit den Muslimen in Frankreich verschwimmen zum Teil die Grenzen zwischen dem FN und den demokratischen Parteien. Marine Le Pen hat den Kampf gegen den Islamismus zu ihrem Markenzeichen gemacht und dabei legt sie keinen besonderen Wert auf eine Abgrenzung zwischen einer radikalen islamistischen Minderheit und der großen Mehrheit der Franzosen muslimischen Glaubens. Emmanuel Macron hat deshalb in der großen Fernsehdebatte vom 20. März Marine Le Pen mit Recht vorgeworfen, die Franzosen zu spalten und die vier Millionen muslimischen Mitbürger zu Feinden der Republik zu machen.[14] Entzündet hatte sich der Wortwechsel am Thema Burkini, das im Sommer letzten Jahres für hitzige Auseinandersetzungen in Frankreich gesorgt hatte. Zahlreiche Kommunen –vor allem solche mit republikanischer Mehrheit, aber unter ausdrücklicher Zustimmung des damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Valls- hatten damals das Tragen des Burkinis an öffentlichen Stränden verboten. Begründet wurde das mit der öffentlichen Ordnung und dem Prinzip der Laïzität, das seit 1905 zu den Fundamenten des republikanischen Frankreichs gehört. Laïzität war allerdings gedacht als Instrument zur Gewährleistung der freien Religionsausübung ohne staatliche Einmischung und nicht als Instrument der Ausgrenzung. Immerhin war und ist es höchst problematisch, wenn Kleidervorschriften, so wie auch die Forderung Le Pens nach einem generellen Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Raum, nur nach einer „géométrie variable“ erlassen oder gefordert werden[15], also nur für Muslime, nicht aber für Christen oder Juden. Immerhin hatte das Oberste Verwaltungsgericht Frankreichs die Burkini-Verbote gekippt. Für den FN war das wieder ein Sieg der „bisounours“, also sozusagen der realitätsblinden Gutmenschen, die nicht die Gefahr des Islamismus und des Kommunitarismus sehen wollen. Kopftuch und Burkini gehören für den FN nicht nach Frankreich, denn dort wolle man „unter uns/chez nous“ bleiben[16]. Das findet auch der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der daraus die für ihn gebotenen Konsequenzen zieht. Statt einer gescheiterten Integration fordert er von allen, die Franzosen seien und würden, die Assimilation, das  heißt, man rede Französisch, lebe wie ein Franzose und übernehme die in Frankreich geltenden Lebensformen. Und man „heirate“ die französische Geschichte: „Eure Ahnen sind dann die Gallier und Vercingetorix“.[17]  Das würde sicherlich auch Marine Le Pen gerne unterschreiben, wohl aber noch Jeanne d’Arc hinzufügen…

 

Heftig diskutiert wird in Frankreich derzeit der Umgang mit sogenannten „entsandten Arbeitskräften“ („travailleurs détachés), also Arbeitnehmern aus Ländern der EU, die für eine  gewisse Zeit (im Durchschnitt knapp über 100 Tage) in Frankreich beschäftigt werden. Es handelt sich dabei um etwa 120 000 Arbeitskräfte, vor allem aus Polen, Portugal und Spanien.  Mehrere Regionen und Departements –vor allem von den Republikanern, aber z.T. auch von Sozialisten regierte- haben nun eine sogenannte „clause Molière eingeführt, nach der öffentliche Aufträge nur noch an solche Firmen vergeben werden dürfen, deren Beschäftige die französische Sprache beherrschen.[18] Offiziell wird das damit begründet, dass auf diese Weise die Gefahr von Arbeitsunfällen vermindert werden solle. Es wird aber auch nicht verschwiegen, dass es in Wirklichkeit um die „préférence nationale“ geht, also um eine protektionistische Maßnahme. Die geht zwar Marine Le Pen nicht weit genug, ist aber Wasser auf ihre Mühlen – und auf die des linksextremen Präsidentschaftskandidaten Melenchon. Der hatte kürzlich in einem Interview erklärt, das aktuelle Vereinigte Europa sei ein Europa der „violence sociale“, und er hatte –aus dem Mund eines „Internationalisten“ äußerst erstaunlich und befremdlich- als Beleg auf die entsandten Arbeiter hingewiesen. Jeder von ihnen „stehle den heimischen Arbeitern ihr Brot“.[19]  Allerdings hat der sozialistische Regierungschef von einer „clause Tartuffe“ und Diskriminierung gesprochen und selbst eine für dieses Thema im Europaparlament zuständige republikanische Abgeordnete hat Einspruch erhoben – in bemerkenswerter Einigkeit mit dem Chef der linken Gewerkschaft CGT und der Gewerkschaft CFDT: Übereinstimmend warnen sie davor, in die Falle eines nationalistischen Rückzugs zu tappen, die der Front National für Frankreich bereit halte.[20] Aber immerhin 86% der an einer Umfrage des (rechten) Figaro teilnehmenden Leser stimmen der Aussage zu, dass die Einführung einer clause Molière richtig sei.[21] Und Marine Le Pen kann sich freuen, dass andere mit ihren Themen Wahlkampf machen.

 

Die clause Molière steht natürlich in engem Zusammenhang mit protektionistischen Tendenzen, die parteiübergreifend in Frankreich Konjunktur haben- eine Folge des massiven französischen Außenhandelsdefizits und des kontinuierlichen Verlusts industrieller Arbeitsplätze in den letzten Jahren. Ein Instrument dieses Protektionismus ist die „préférence hexagonale“, also die Bevorzugung französischer Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen, die –wie von dem früheren sozialistischen Wirtschaftsminister Montebourg- von dem Kandidaten der PS, Benoît Hamon, gefordert wird. Darüber hinaus fordert Hamon auch „Schleusen/écluses“ an den Grenzen der EU, um Sozial- und Umweltdumping bei Importen zu verhindern. Ähnlich fordert auch Jean-Luc Mélenchon in seinem Wahlprogramm einen „protectionnisme solidaire“ zur Regeneration des französischen Produktionsapparats. Noch weitergehend ist auch hier natürlich wieder Marine Le Pen, die einen „protectionnisme intelligent“ etablieren möchte, zu dem eine generelle Einfuhrsteuer gehört. Die Versuchung eines Rückzugs auf sich selbst, die „tentation du repli“ ist also in Frankreich groß und nicht auf den Front National beschränkt.[22] Und dieser Wunsch sich zurückzuziehen und vor den immer schnelleren und  intensiveren Herausforderungen, Zumutungen und Veränderungen zu schützen, hat ja, wie wir am Beispiel der Burkini-Debatte gesehen haben, nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine soziale und vor allem auch eine kulturelle Dimension.

 

Es liegt nahe, dass angesichts solcher nationaler Rückzugstendenzen kaum ein an den Werten der fraternité und der solidarité orientierter Umgang Frankreichs mit Flüchtlingen und Migranten erwartet werden kann. Da dies ein sehr umfangreicher und schwieriger Komplex ist, beschränke ich mich hier nur auf einige Hinweise:  Zum Beispiel auf den  inzwischen aufgelösten „jungle“ von Calais mit seinen katastrophalen Zuständen, denen die Behörden lange tatenlos zusahen, um nicht- nach offizieller Lesart- einem weiteren Zustrom von Migranten Vorschub zu leisten. Erst durch ein Gerichtsurteil konnte wenigstens die Einrichtung zusätzlicher Wasserstellen und Toiletten erreicht werden.[23] Ähnlich katastrophale Zustände gab es auch über längere Zeit in Paris, wo Migranten/Flüchtlinge unter ebenfalls unsäglichen Bedingungen z.B. unter den Stelzen der Métro-Linie 2 kampierten[24]: Es konnte  (und  kann z.T. noch) mehrere Monate dauern, bis ein Migrant/Flüchtling in Frankreich einen Asylantrag stellen konnte (bzw. kann). Und solange betrachtet sich der Staat als nicht zuständig und überlässt die Flüchtlinge sich selbst bzw. engagierten Gruppen und Personen. Die gibt es in Frankreich durchaus, aber wer Flüchtlingen ohne legale Status hilft, muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Das haben in letzter Zeit  Bewohner des Vallée de la Roya,  eines kleinen Tals an der italienisch-französischen Grenze, erfahren, die eine lange Tradition der Gastfreundschaft haben und sich auch für Flüchtlinge engagieren, die an der Grenze gestrandet sind.[25]  Dass unter diesen Bedingungen die Attraktion Frankreichs für Migranten beschränkt ist, wundert nicht. Die aktuellen Zahlen weisen das aus. Insgesamt wurden 2016 in der EU 1,2 Millionen Asylanträge gestellt. Davon entfielen laut Eurostat mit 722300 etwa 60% allein auf Deutschland. Auf dem zweiten  Platz folgte mit deutlichem Abstand Italien (121.200, 1O% der Anträge), auf dem dritten  Platz  Frankreich mit 76.000 Anträgen (3%). Bezogen  auf die Bevölkerungszahl liegt Frankreich noch deutlich weiter zurück im Mittelfeld. Auch da steht Deutschland mit deutlichem Abstand an der Spitze, gefolgt von Griechenland, Österreich, Malta, Luxemburg und Zypern… [26]  Gleichwohl fordert der FN die Abschottung Frankreichs und der souveränistische Präsidentschaftskandidat Dupont-Aignon spricht von einer „invasion migratoire“, deren Opfer Frankreich sei. Insgesamt überbieten sich, wie die Direktorin des Maison de l’Europe (Paris) in einem Éditorial vom Februar 2016 schrieb, Politiker im Hinblick auf die tatsächliche oder vermeintliche öffentliche Meinung geradezu in einer „volonté de fermeture.“[27] Das hat sich auch in der Fernsehdiskussion der fünf aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten am 20. März bestätigt: Marine Le Pen habe da, nach Ansicht von Le Monde, „champ libre“ gehabt angesichts der „malaise“ der anderen Kandidaten mit diesem Thema- am meisten François Fillon, der mit seiner Forderung nach einer „immigration réduite au minimum“ Schwierigkeiten gehabt habe, sich –wenigstens ein wenig- von den Positionen des FN zu unterscheiden.[28]

Die Zukunft Europas und des Euro hat in der großen Fernsehdebatte vom 20. März nur eine Nebenrolle gespielt.[29] Das ist einigermaßen erstaunlich, denn die große Frage dieser Präsidentschaftswahlen ist doch, ob bzw. unter welchen Bedingungen Frankreich Mitglied der Euro-Zone und der EU bleiben möchte oder sich für den „Frexit“ entscheidet. Marine Le Pen hat da eine eindeutige Position: Sie will zwar zunächst mit den Mitgliedsstaaten der EU verhandeln mit dem Ziel der Wiederherstellung der vollen Souveränität Frankreichs: „redonner à notre pays sa monnaie, son budget et ses frontières“.[30] De facto ist das ein Ausstiegsprogramm, und das weiß natürlich auch Marine Le Pen. Also soll nach sechs Monaten ein Referendum zum Ausscheiden aus der EU stattfinden. Auf keinen Fall werde sie, anders als Hollande, den sie schon entsprechend tituliert hatte,  die Rolle einer „Vizekanzlerin von Frau Merkel“ und einer Statthalterin der (deutschen) Provinz Frankreich übernehmen.[31]   Sie werde also als Präsidentin zurücktreten, wenn das Referendum nicht das von ihr gewünschte Ergebnis zeitige. (Immerhin gibt das Anlass zur Hoffnung, denn mehr als 70 % der Franzosen möchten nicht, dass Frankreich aus der Euro-Zone ausscheidet, und selbst bei Wählern des Front National ist die Haltung zum Euro nicht durchweg negativ.[32])

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Aus dem Flugblatt „Basta €uro“ des Front National

Ähnlich  forsch und in der Analyse und im Resultat  identisch ist Jean-Luc Melenchon. Europa, so wie es derzeit verfasst sei, sei ein „Alptraum“, die Völker unterlägen einer „Diktatur der Banken“. [33] Als Präsident werde er also sofort alle Budgetregeln für Frankreich außer Kraft setzen und mit den europäischen Partnern unter der Drohung des „Frexit“ eine Änderung der europäischen Verträge verhandeln.[34] Die EZB solle ihre Unabhängigkeit verlieren und zur direkten Übernahme von Staatsschulden verpflichtet werden. Sollten diese Verhandlungen nicht die von ihm gewünschten Ergebnisse haben, plädiere er für ein Ausscheiden aus der Euro-Zone. De facto ist auch das also ein Ausstiegsszenarium, wie Arnaud Leparmentier in Le Monde (30.3.) schreibt: „tout faire exploser„, denn es ist ja, wie Dany Cohn-Bendit mit Recht sagt, völlig absurd zu erwarten, dass die EZB und die anderen europäischen Staaten die Forderungen Melenchons freudig akzeptieren. (34a) Allerdings verspricht auch Melenchon,  dem französischen Volk in einem Referendum die Entscheidung zu überlasssen.[35] Der Nutzen eines Bruchs mit Europa und eines Ausscheidens aus der Euro-Zone wird dabei – für mich kaum nachvollziehbar- als  deutlich größer eingeschätzt als die politischen und finanziellen Kosten und Risiken.[36] Immerhin hat jetzt der Nobelpreisträger Paul Krugman, der gerne vom FN als Kronzeuge für seine Ausstiegs-Szenarien herangezogen wird, von den entsprechenden Plänen distanziert. (36a)

Besonders nonchalant wird meines Erachtens übrigens mit dem Problem der knapp 2200 Milliarden Euro betragenden französischen Staatsschulden[37] umgegangen – immerhin fast 100% des Bruttosozialprodukts.  Welche Gefahr diese  Schuldenlast (mit knapp 60% ausländischen Gläubigern)  für Frankreich (und die Euro-Zone insgesamt) darstellt, wird im Präsidentschaftswahlkampf generell kaum angesprochen. Die Souveränisten von rechts und links haben allerdings ein Wundermittel parat:  Die Schulden  würden nämlich nach einer Rückkehr zum Franc „renationalisiert“, also auf die neue/alte Währung umgestellt, und damit sei das Schuldenproblem gelöst.[38]  Wenn es denn so einfach wäre…

Auffällig ist, dass die Europakritik Le Pens und Melenchons auch eine eindeutig antideutsche Stoßrichtung hat. Deutschland ist für Melenchon ein Land der Ausbeutung und der Armut („un océan de pauvreté“),  ein Land des wiederauflebenden Imperialismus und Militarismus, ein Gift  für Europa, ja für die Welt.[39]

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Ausschnitt eines Plakataufrufs von Melenchons Bewegung „La France insoumise“ für die Großdemonstration in Paris am 18.3.2017

 

Das Herrschaftsinstrument Deutschlands ist für Le Pen wie für Melenchon der Euro, womit sie ja auf einer Linie mit Donald Trump liegen. Hier wird also jenseits der traditionellen Links-Rechts-Bruchlinie eine neue politische Konstellation deutlich, in der souveränistische Populisten vom rechten und linken Rand gemeinsame Sache machen (könnten) – gegen die angebliche „Soumission“, die Unterwerfung (Le Pen) bzw. im Namen einer Bewegung für ein Frankreich, das sich nicht unterwirft, „une  France insoumise“, in dem „la souveraineté du peuple français“ inclusive „notre indépendence militaire“  wieder hergestellt sind (Melenchon).  Da ist auf beiden Seiten auch eine eindeutige nationalistische Komponente deutlich, die allerdings angesichts der Realitäten des Landes arg illusionär erscheint. [40]

 

Das Volk gegen die Eliten und „das System“: In dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf haben auch Ressentiments gegen die da oben/die in Paris Konjunktur, die von denjenigen verbreitet werden,  die sich als die  wahren Vertreter des französischen Volkes stilisieren.  Le monde diplomatique vom März 2017 konstatiert ein „bouillonnement antisystème“, das derzeit in vielen europäischen Staaten, gerade auch in Frankreich, grassiere. Und das „System“ wird  aus diesem Blickwinkel repräsentiert von oligarchischen, korrupten und abgehobenen Eliten, die nach populistischer Überzeugung in fundamentalem Gegensatz zu dem „Volk“ stehen.

Einigen Anlass gibt es in Frankreich durchaus für eine solche Sichtweise: Gerade musste der Innenminister Le Roux zurücktreten wegen der wiederholten lukrativen (Schein-)beschäftigung seiner zwei Kinder im Abgeordnetenhaus in Form von Ferienjobs. Davor waren es drei andere Kabinettsmitglieder des quinquenats Hollandes, die wegen diverser Vergehen den Hut nehmen mussten, darunter ein wegen massiver Steuerhinterziehung zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilter Haushaltsminister. Dabei hatte Hollande bei seinem Amtsantritt eine „république exemplaire“ angekündigt…[41]  Dass es auf der rechten Seite des politischen  Spektrums auch nicht besser aussieht, zeigt die Affaire Fillon – und Marine Le Pen liegt ja ebenfalls wegen des parteipolitischen Missbrauchs von EU-Geldern mit der Justiz im Clinch. Aber anders als Fillon scheint es ihr zu gelingen, sich als Opfer „des Systems“  zu stilisieren, so dass ihre Wahlchancen deshalb offenbar nicht beeinträchtigt sind.

Die verbreitete heftige Stimmung gegen das „System“ ist nicht nur auf der linken, sondern auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu beobachten. Einige aktuelle Funde aus den Medien:  Für den souveränistischen Präsidentschaftskandidaten Dupont-Aignan geht es darum, das System zu bekämpfen („battre le système“), Fillon sieht sich als Opfer eines „Systems“, das die Justiz gegen ihn instrumentalisiert habe. Und für Vincent You, den „Erfinder der clause Molière“ schockiert die Klausel nur „une élite déconnectée“, also eine Elite, die jeglichen Kontakt zur Realität des Landes und zum Volk verloren hat.[42]  Am radikalsten ist die System- und Elitenkritik wie nicht anders zu erwarten bei Marine Le Pen, und offenbar hat sie damit auch Erfolg- gerade auch bei denjenigen, die sich von der Schnelligkeit der gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen überfordert fühlen und dienicht von den Vorteilen der Globalisierung: Der Front National ist nach einer aktuellen Untersuchung mit Abstand die bevorzugte Partei der französischen Arbeiter[43] und die Partei ist gerade in den Regionen am erfolgreichsten, in denen die Desindustrialisierung am deutlichsten ist.

Marine le Pen hat es darüber hinaus, wie Gérard Courtois in Le Monde vom 15. März feststellt, gut verstanden, ihre obsessive Eliten- und Systemkritik zu einem Thema zu machen, das auch von ihren Kontrahenten in der einen oder anderen Weise aufgegriffen werde. Hier handele es sich um ein gefährliches Rollenspiel. Es könne nämlich so enden, dass schließlich Jean-Marie Le Pen, der Vater Marine Le Pens und ihr Vorgänger im Amt des Chefs des FN,  Recht behalte. Der sei  immer überzeugt gewesen, dass die Franzosen schließlich „das Original der Kopie“ vorzögen. Und wenn die Kopien in weiten Teilen des politischen Spektrums verbreitet sind, ist Gefahr im Verzug.

Allerdings ist, wenn man –wie hier geschehen- Elemente des rechtsradikalen Diskurses bei anderen Parteien, Politikern oder Kandidaten  ausmacht, Vorsicht geboten. Denn der Erfolg des Populismus in Europa und USA beruht ja darauf, dass sie reale Probleme benennen und Befindlichkeiten, Ängste und Erwartungen vieler Menschen aufgreifen. Das ist eine Herausforderung für demokratische Parteien und Politiker, die davor nicht die Augen verschließen dürfen. Problematisch ist allerdings, wenn die Antworten, die sie geben, sich allzu sehr den Rezepten des Front National annähern oder ihnen gar entsprechen. Das kann dann auch zu innerparteilichen Zerreißproben führen, wie die Auseinandersetzungen um die Möglichkeit einer Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft gezeigt haben: Ein Teil der sozialistischen Abgeordneten und Minister (die sogenannten frondeurs) hat da dem Präsidenten die Gefolgschaft verweigert, u.a.  der damalige Erziehungsminister Hamon, der jetzt Kandidat der Partei für die Präsidentschaft ist, dem aber nun im Gegenzug viele Sozialisten (zuletzt der derzeitige sehr populäre Verteidigungsminister Le Drian und der in den Vorwahlen unterlegene ehemalige Ministerpräsident Valls) ebenfalls die Gefolgschaft verweigern….

Die Sozalisten sind damit gespalten, Le Monde hat schon das „Requiem pour les Socialistes“ intoniert (31.3.), die Linke insgesamt tritt mit zwei Kandidaten an (Hamon und Melenchon), ist damit also  -trotz lautstarkem  Pfeifen im Walde- wohl chancenlos, die  Rechte ist durch das „Penelopegate“ und den Hang zum (von Gönnern bezahlten) Luxus Fillons diskreditiert. Die traditionelle dichotomische Parteienlandschaft Frankreichs liegt also  in Scherben unsehend die traditionellen Parteien auf der Rechten und Linken sehen den anstehenden Wahlen (Präsidentschaft und anschließend Parlament) deshalb mit einigem Unbehagen oder sogar Angst entgegen. (44a) Neu ist dafür die Mitte links/rechts- Sammlungsbewegung Macrons und eine „entdiabolisierte“ extreme Rechte, die ihre Wähler aber auch bei enttäuschten Wählern der traditionellen Rechten  und der (extremen) Linken sucht und wohl auch findet.

 

 

Trotz alledem:

Marine Le Pen wird kaum die nächste Präsidentin Frankreichs sein, aber sie wird wohl, wie Wilders nach den Wahlen in den Niederlanden, sagen können, dass sie zwar die Wahlen nicht gewonnen, aber nachhaltig die politische Diskussion bestimmt habe.[44] Das wäre dann –bei aller Erleichterung, dass das Schlimmste verhindert wurde-  ein schlechtes Omen für die Zukunft Frankreichs und Europas. Aber es  sollte -was Europa angeht-  auch eine Aufforderung sein, das europäische Haus so zu renovieren, dass seine Bewohner sich darin heimisch  fühlen und nicht an Auszug denken….

Jetzt warten wir aber erst einmal darauf, dass Marine Le Pen ante portas bleibt, dass es also nicht so kommt:

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…. sondern so [45]:

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Die Frankfurter Pulse-of-Europe-Demonstranten vom 9.4. wünschen das jedenfalls sehr:

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… und die Demonstranten vom 23.4. -dem Tag des ersten Durchgangs der Präsidentschaftswahlen- ebenfalls:

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Abgeschlossen: 31.3.2017 und ergänzt am 10.4. und 23.4.

Anmerkungen:

[1] Libération, 25./26. März 2017, S. 9

[2] http://mireillecabille.centerblog.net/135-ode-a-la-joie-hymne-europeen  Jacques  Serres ,  professeur des écoles, hat den Text 2011 geschrieben für ein Projekt des Sinfonieorchesters von Radio France, das mit 1500 ca 10-jährigen Schüler/innen den letzten Satz der 9. Sinfonie aufgeführt hat.

[3]Siehe dazu zum Beispiel:   http://www.faz.net/aktuell/politik/polens-verhaeltnis-zur-europaeischen-union-14921353.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/zurechnungsfaehigkeit-der-polnischen-regierung-14921640.html

[4] https://www.lesechos.fr/monde/europe/0211776832204-ca-se-passe-en-europe-francfort-berceau-dune-mobilisation-citoyenne-pro-europe-2062913.php#WeVAyYR4oCuiYBXU.99                                                           Ähnlich positiv über die Demos in Berlin: http://www.lemonde.fr/europe/article/2017/03/13/a-berlin-5-000-manifestants-celebrent-les-bienfaits-de-l-europe_5093432_3214.html#ctPUQ6sGo3jkG8lJ.99

[5] http://www.paris-europe.eu/0114401-Pulse-of-Europe-France-organise-une-manifestation-en-faveur-de-l-Europe.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Pulse_of_Europe

https://fr.wikipedia.org/wiki/Pulse_of_Europe

[6] l’Obs 2732 du 16 au 11 mars 2017. Für den ultrarechten Kommentator Ivan Rioufol  ist Marine Le Pen est „aux portes du pouvoir“  und er hält „sa victoire en mai“ für möglich. Le Figaro 17.3.2017 ist

[7] S. Le Monde, 21.3. 2017, Économie et entreprise, S. 3

[8] http://www.lemonde.fr/idees/article/2017/03/07/mme-le-pen-je-refuserai-de-servir-la-diplomatie-du-front-national_5090830_3232.html

[9] Marc Semo, Les états d’âme des diplomates  face au FN. L’hypotèse d’une victoire de marine Le Pen agite les fonctionnaires du Quai d’Orsay. Le Monde 15.3.2017, S. 10

[10] Le Monde, 8.3.2017, S.7

[11] Gérard  Courtois, En attendant la campagne. In: Le Monde 15.3. 2017, S. 25

[12] Patrick Weil, Notre régime présidentiel est en  phase terminal. Seul un renforcement des pouvoirs du Parlement garantirait la stabilité en cas d’élection de Marine Le Pen. In: l’Obs  du 16 au 22 mars 2017, S.52

[13] „C’est une proposition folle, dans une course désespérée après le FN. Une proposition qu‘aucune formation de la droite républicaine n’avait jamais reprise à son compte, et qui est totalement contraire à la tradition républicaine. Cela montre bien qu’entre l’UMP et le FN, toutes les digues sont tombées.“  (Stellungnahme von Matthias Fekl  -inzwischen interimistischer Innenminister- im Express vom 23.10.2013  http://www.lexpress.fr/actualite/politique/le-ps-veut-donner-de-la-stabilite-au-sujet-de-l-immigration-affirme-matthias-fekl_1293463.html

[14] http://www.liberation.fr/france/2017/03/21/le-grand-debrief-du-grand-debat_1557186

[15] Der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff stammt von Jean-Luc Melenchon, dem ich in diesem Punkt ausdrücklich zustimme.

[16]  So  der Titel eines  gerade in Frankreich angelaufenen Spielfilms über eine von der FN instrumentalisierte Krankenschwester.   http://www.telerama.fr/cinema/chez-nous-le-film-qui-enerve-le-front-national,152159.php

[17] „Si l’on veut devenir français, on parle français, on épouse son histoire, on vit comme un Français et on ne cherche pas à changer le mode de vie qui est le nôtre depuis tant d’années. … Nous ne nous contenterons plus d’une intégration qui ne marche plus, nous exigerons l’assimilation. Quelle que soit la nationalité de vos parents, jeunes Français, à un moment où vous devenez Français, vos ancêtres, ce sont les Gaulois et c’est Vercingétorix….“

http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/presidentielle-primaire-droite/20160920.OBS8356/nos-ancetres-les-gaulois-sarkozy-cree-la-polemique.html

[18] Dass diese Klausel den Namen Molières trägt, beruht darauf, dass  in Frankreich die französische Sprache auch gerne als „langue de Molière“ bezeichnet wird. (Das Deutsche ist für Franzosen entsprechend: la langue de Goethe). Wie allerdings justitiabel geprüft und bescheinigt werden  soll, inwieweit alle entsandten Arbeitnehmer die französische Sprache beherrschen, habe ich bisher nicht feststellen können.

[19] « Je crois que l’Europe qui a été construite, c’est une Europe de la violence sociale, comme nous le voyons dans chaque pays chaque fois qu’arrive un travailleur détaché, qui vole son pain aux travailleurs qui se trouvent sur place. »

http://www.lemonde.fr/politique/article/2016/07/13/travailleurs-detaches-lescurieux-propos-de-melenchon_4968840_823448.html#uaHMkP6oY4VpkVWg.99

[20] Martinez in der Nachrichtensendung von TV 2 am 15.3.: „On suit la trace du Front National.“

Le Monde, 14.3.2017: Les régions tentées par la préférence nationale.  Darin: Face à cette tendance, la députée européenne Elisabeth Morin-Chartier, pourtant membre de LR, a donné l’alerte, vendredi, dans un courrier à François Fillon. Rapporteuse du projet de révision de la directive sur les travailleurs détachés au Parlement de Strasbourg, elle affirme : « Il est illusoire de penser que nous réglerons les problématiques de l’emploi  en nous repliant, sur nous-mêmes. Cette clause est un danger pour les travailleurs détachés français qui sont presque 200 000 à l’étranger : que se passerait-il si, en mesure de rétorsion, nos partenaires européens décidaient de ne plus recourir à l’expertise française sous prétexte qu’elle ne maîtriserait pas la langue nationale ? »

Et d’ajouter : « Cette clause va à l’encontre de tous nos engagements européens depuis la création de l’Europe par ses Pères fondateurs : la liberté de circulation des citoyens et des travailleurs. (…) Nous, la droite et le centre, avons la responsabilité immense de redresser la France. Nous ne devons pas tomber dans le piège du repli nationaliste dans lequel le FN veut enferrer notre pays. »

www.lemonde.fr/economie/article/2017/03/13/plusieurs-regions-francaises-font-un-pas-vers-la-preference-nationale_5093447_3234.html#Q4UZwpJZ5VkJpwl2.99

Zur Position der Europ. Kommission: http://sauvonsleurope.eu/clause-moliere-commission-europeenne-pas-daccord/

[21] Le Figaro 17.3.2017, S. 1

[22] Siehe zu diesem Komplex die ausführliche Analyse von Le Monde vom 19./20.3. 2017: Les candidats face à la tentation du repli. Comment défendre les intérêts  français dans le jeu de la concurrence internationale? La question agite les prétendants à l’Elysée, entre protectionnisme assumé et libéralisme encadré.

[23] Le Figaro, 3.11.2015: La justice ordonne des aménagements sanitaires à Calais

[24] http://www.leparisien.fr/paris-75019/campement-de-refugies-a-paris-la-villette-sous-tres-haute-tension-18-07-2016-5977449.php

[25] http://www.lemonde.fr/police-justice/article/2017/01/04/huit-mois-avec-sursis-requis-contre-un-agriculteur-juge-pour-avoir-aide-des-migrants_5057818_1653578.html http://www.liberation.fr/france/2016/11/21/migrants-la-vallee-qui-fait-de-la-desobeissance_1530008

siehe auch Le Monde vom 10.2. 2017: Défi de solidarité. Quand ils suivent les rails aprés Ventimille, les migrants tombent souvent sur Cédric Herrou. Devenu le symbole d’une certaine résistance, le payson connaîtra, le 10 février, la peine décidée par le tribunal pour avoir offert son aide, illégale, aux exilés.“ (enquête, S.11- Hervorhebung von mir).  Der Staatsanwalt hatte 8 Monate Gefängnis auf Bewährung beantragt, das Gericht begnügte sich schließlich wegen illegaler Fluchthilfe mit 8000 Euro auf Bewährung….

http://www.lemonde.fr/police-justice/article/2017/01/06/un-enseignant-chercheur-relaxe-apres-avoir-aide-des-migrants_5058581_1653578.html

[26] http://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/7921619/3-16032017-BP-FR.pdf/350605ce-f111-4c2d-8397-fd1eba00de5b   Etwas andere Zahlen hat DieWelt veröffentlicht, allerdings mit entsprechenden Proportionen:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article160804721/Mehr-Asylantraege-in-Deutschland-als-in-allen-anderen-EU-Staaten.html

[27] Dupont-Aignan in den 20-Uhr  Nachrichten des Fernsehsenders  TV 2 am 15.3.

http://www.paris-europe.eu/011-3683-Editorial-Fevrier-2016.html

[28]  Immigration:  Champ libre pour Marine Le Pen. La présidente du Front national mis à part, les candidats sont apparus mal à l’aise sur ce sujet. Le Monde, 22.3., S. 9

[29] https://www.euractiv.fr/section/all/news/leurope-reste-accessoire-dans-le-debat-presidentiel/

[30] Aus einem Flugblatt des FN zu Europa: http://www.frontnational.com/tracts/  Dem ist auch die nachfolgende Abbildung entnommen.

[31]je veux être présidente de la République françaises, mais vraiment. Je n’aspire pas à administrer ce qui serait devenu une région, une vague région de l’Union européenne, je ne souhaite pas  être la vice-chancelière de madame Merkel.“ Cit. In Le Monde, 23.3.2017, S. 28

s.a.: http://www.lejdd.fr/Politique/Devant-Angela-Merkel-Marine-Le-Pen-traite-Francois-Hollande-de-vice-chancelier-754433 Okt 2015

[32] s. Libération, 25./26. März 2017, S. 9

[33] L’Europe de nos rêves est morte. C’est seulement un marché unique et les peuples sont soumis à la dictature des banques et de la finance. Comment stopper ce cauchemar ? http://f-i.jlm2017.fr/sortir_des_traites_europeens

[34] In diesem Punkt gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen den Positionen Melenchons und Hamons:  Der sozialistische Präsidentschaftskandidat  strebt zwar – beraten von Thomas Pickety- eine fundamentale Umgestaltung des Euro-Raums an, allerdings ohne ein Frexit-Ultimatum und inzwischen auch ohne Aufkündigung der Budget-Regeln. (Allerdings  fordert er eine noch  lockerere Auslegung  dieser Regeln als bisher schon, z-B. durch eine Ausklammerung der Kosten für Militäreinsätze aus den Defiziten).

http://www.liberation.fr/elections-presidentielle-legislatives-2017/2017/03/15/hamon-melenchon-et-l-europe-le-jeu-des-sept-differences_1555657

s.a. http://www.capital.fr/a-la-une/actualites/l-europe-obstacle-majeur-a-une-alliance-hamon-melenchon-1207263

(34a) „En disant «je renégocie les traités européens et en cas d’échec, je sors la France de l’euro», Mélenchon joue à la roulette russe sur l’Europe. Il dit «moi, le grand Jean-Luc Mélenchon, grand par le grand peuple français, je vais arriver à Bruxelles et mettre sur la table mon plan et dire „Madame Merkel, à genoux, tous à genoux“. Je vais imposer que la Banque centrale européenne rachète les dettes des Etats». Mais comment ? Vous croyez que M. Draghi ou son successeur lui dira : «Evidemment Monsieur Mélenchon, nous n’attendions que vous !» Comme cela ne se fera pas, ce sera alors le plan B. C’est-à-dire que, pour lui, sortir de l’euro et sortir de l’Europe, c’est une perspective réelle. Ce sera sur mon cadavre, parce qu’on peut avoir des tas de critiques sur l’Europe, notre seule chance, la chance des Français et des Allemands dans le monde d’aujourd’hui, c’est de la transformer. On ne sacrifie pas l’Europe, on se bat pour qu’elle bouge.“

http://www.liberation.fr/elections-presidentielle-legislatives-2017/2017/04/13/cohn-bendit-macron-c-est-un-point-d-equilibre-pour-repousser-fillon-et-le-pen_1562695

[35] http://www.europe1.fr/politique/jean-luc-melenchon-sortir-de-leurope-et-de-leuro-ce-sera-tranche-par-le-peuple-francais-3003080

[36] Kritisch dazu der Theoretiker der Sozialistischen Partei, Henri Weber: „Le FN, parti de la banqueroute“. http://tempsreel.nouvelobs.com/presidentielle-2017/20170313.OBS6512/le-fn-parti-de-la-banqueroute-par-henri-weber.html  s. auch. Jean Matouk: N’en déplaise aux illusionistes, la dévaluation m’a  jamais été la sulution. In: Le Monde, 17.3., S. 7

(36a) http://www.lefigaro.fr/conjoncture/2017/04/13/20002-20170413ARTFIG00067-le-nobel-d-economie-paul-krugman-etrille-le-programme-economique-de-marine-le-pen.php

[37] http://www.dettepublique.fr/

[38] http://www.lefigaro.fr/flash-eco/2017/03/02/97002-20170302FILWWW00328-marine-le-pen-veut-renationaliser-la-dette-francaise.php

https://www.lesechos.fr/elections/marine-le-pen/0211826787758-la-france-peut-elle-convertir-sans-probleme-sa-dette-en-francs-comme-le-jure-le-fn-2067677.php

siehe auch Le Monde vom 30. März 2017. Darin  warnt der Chef der französischen Finanzaufsicht, (AMF), Gérard Rameix, vor einem Austritt aus dem Euro. Die Umstellung de Schuldenrückzahlung auf Franc hätte die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit Frankreichs zur Folge und das Land sei dann kaum in der Lage, sich weiter auf den internationalen Finanzmärkten  zu finanzieren.

Anders sieht das eine Gruppe internationaler Ökonomen, die am 18.4. einen Aufruf zur Wahl Melenchons veröffentlichte. Durch Melenchons Investitionsprogramm würden die Steuereinnahmen so erhöht, dass Frankreich aus der durch die Austeritätspolitik verursachten Schuldenfalle herauskomme. Gegenüber Europa wolle Melenchon eine überzeugende Strategie der „désobéissance et dissuasion“ verfolgen.  Gegebenenfalls müsse an den Euro-Raum verlassen, „um Europa zu retten“.  http://www.liberation.fr/elections-presidentielle-legislatives-2017/2017/04/18/pour-une-politique-economique-serieuse-et-a-la-hauteur-des-enjeux-votons-melenchon_1563456

[39] Jean-Luc Melenchon, le hareng de Bismarck. (Le poison allemand)  Éditions Plon 2015. Der Titel bezieht sich auf das Gericht,  das Angela Merkel François Hollande bei einer Bootsfahrt auf der Ostsee habe  servieren lassen. Und der Name Bismarck ist für manche  Franzosen ja schon an sich eine Provokation. Und dann noch ein Hering! Und das einem französischen  Gourmet! Bei dem  Untertitel handelt es sich um ein Wortspiel: Der Hering ist ein poisson allemand. Mélenchon macht aus dem deutschen Fisch aber le poison allemand, also ein deutsches Gift.

[40] Zitate Melenchons aus einem Flugblatt: Melenchon 2017 L’avenir en commun. Le programme de la France insoumise. Entsprechend auch der wirtschaftspolitische Berater Melenchons, Jacques Généreux: „Si nous n’avions le choix qu’entre la soumission sans conditions à des traités toxiques ou le retour à la souveraineté monétaire, nous demanderions au peuple français de décider.“  Libération, 25./26.3.2017, S.7 

Was den militärischen Aspekt der von der extremen Rechten und Linken gewünschten  souverainité/indépendence angeht:  In einem militärpolitischen Beitrag im Figaro vom 31.3. betont Bruno Alomar die „nécessité absolue pour la France de repenser sa souveraineté   et son autonomie stratégique.“  Begründet wird das mit dem Brexit, der Wahl Trumps und der „remontée en puissance de la Russie et de l’Allemagne“. Vielleicht sieht sich der Autor ja in der gaullistischen Tradition, als Frankreich glaubte,  sich „tous azimuts“, also in alle Himmelsrichtungen, verteidigen zu müssen. Aber dass ein anscheinend seriöser  Autor, ausdrücklich auch als „ancien élève de l’ENA“ vorgestellt, 2017  Deutschland als Grund für eine verstärkte Rüstung Frankreichs anführt, ist schon mehr als befremdlich. Und was die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität angeht: Kürzlich veröffentlichte Le Monde einen zweiseitigen Beitrag über die Auslandseinsätze der französischen Armee. Deren Logistik sei völlig angewiesen auf angemietete ukrainische und russischen Transportflugzeuge, weil die französischen Flugzeuge  weder die erforderlichen Mengen transportieren könnten  noch die erforderliche Größe aufwiesen (auch nicht die neuesten Typs).

Bemerkenswert ist übrigens, dass selbst der europafreundliche Macron die indépendence Frankreichs –wenn auch im europäischen Rahmen- zu einem Hauptziel seiner Bewegung erklärt hat. Und der sozialistische Kandidat Hamon fordert zwar einerseits eine stärkere Integration der Euro-Zone im Namen der Solidarität, verschweigt dabei aber geflissentlich, dass das nur um den Preis einer Einschränkung der nationalen Souveränität möglich ist.

Siehe  auch Sylvie Kauffmann in Le Monde vom 19./20.3.2017 in einem Beitrag  über „Le génie populiste“: „Le clivage entre les souverainistes et les ‚européens‘, ou entre les nationalistes et les mondialistes, que l’on voit  émerger ailleurs, peut se superposer au clivage entre la gauche et la droite sans l’exclure.“  

(Anm. 25. April: Zu den offensichtlichen Gemeinsamkeiten der Positionen von Melenchon und Le Pen passt dann ja auch, dass sich Melenchon nach dem ersten Wahlgang weigerte, eine Wahlempfehlung für Marcron abzugeben- oder mindestens wie Aubry eine neutralere Empfehlung, eine Präsidenten Le Pen zu verhindern.)

[41] http://www.leparisien.fr/politique/demission-de-bruno-le-roux-la-difficile-republique-exemplaire-de-francois-hollande-21-03-2017-6781503.php

[42] Dupont-Aignan in der Nachrichtensendung von TV 2 am 15.3. Zu Fillon: Le Monde, 19./20.3., S. 8

Die Infos von und über You:  in Le Figaro, 17.3.2017, S. 18  in einem zustimmenden Beitrag von Chantal Delsol über die clause Molière.

[43]Ainsi parmi 100 ouvriers, 42 d’entre eux sont des abstentionnistes potentiels, 25 voteraient Marine Le Pen, 10 choisiraient Emmanuel Macron, 8 Jean-Luc Mélenchon et 7 Benoît Hamon. Le premier parti des ouvriers est donc l’abstention, loin devant le Front national. Mais parmi les ouvriers certains d’aller voter (59,6%), ils sont 42% à exprimer un vote frontiste, 17% à soutenir le candidat d’En Marche, 14,5% le leader de la France insoumise et 12% le récent vainqueur de la primaire socialiste. Aus: CEVIPOF (SciencoPo): L’enquête électorale française: comprendre 2017. LA NOTE / #32 / vague 11 Mars 2017. Un vote de classe éclaté

[44] Courtois spricht von einer „position dominante“ des FN (Le Monde15.3., S.25) Und Frankreich hätte, wenn Le Pen in die Stichwahl kommt, auf jeden Fall einen Präsidenten, der seine Wahl nicht einer von ihm überzeugten Wählermehrheit, sondern  einem „vote utile“ zu verdanken hätte, also der republikanischen Verpflichtung, eine rechtsradikale Präsidentin verhindern zu müssen. (siehe dazu das Interview mit dem Politologen Patrick Weil in L’Obs, No 2732 vom 16.3.2017, S. 52: „Notre régime présidentiel est en phase terminale…“, 

(44a) s. Aufmacher von Le Figaro, 31.3. „L’égislatives: ce scrutin qui fait peur à la gauche et à la droite“

[45] Bilder von der Pulse of Europe-Demonstration in Paris vom 19.3.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes Chaumont und das quartier de la Mouzaïa
  • Die Kirche Saint-Sulpice in Paris

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

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Und natürlich ließ es sich Louis Philippe nicht nehmen, gleich ein 12-teiliges Porzellan-Service in Auftag zu geben, in dem die Überführung Napoleons von Sankt Helena nach Paris dargestellt ist. [9a]

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Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern (Teil 3): Die französischen Freiheitsstatuen: Paris, Saint- Cyr-sur-Mer, Bordeaux ….

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die satirisch vorgeschlagene „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.              (

https://paris-blog.org/2017/02/01/die-weinende-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-drei-schwestern-in-paris-teil-1/

Im zweiten Teil wurde erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren- nämlich der elsässische Bildhauer Auguste Bartholdi und niemand geringeres als Gustave Eiffel. 

https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

Dabei werden auch das Bartholdi-Museum in Colmar vorgestellt und Arbeiten Bartholdis in Paris wie die Replik des berühmten Löwen von Belfort auf der place Denfert-Rocherau.  In diesem dritten und letzten Teil werden nun ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen… Und dann gibt es noch weitere Freiheitsstatuen in Frankreich, eine davon in Saint-Cyr-sur-Mer an der Côte d’Azur…

Die kleinen Schwestern im Musée des Arts et Métiers

 Um die große Freiheitsstatue zu bauen, musste Bartholdi gewissermaßen ganz klein anfangen. Er begann mit einem Modell von 1,20 Metern, mit dem er  sein Projekt vorstellte und dafür warb. Die nächsten Etappen waren ein Modell von 2, 11m, was einem Sechzehntel der endgültigen Größe entsprach, und ein weiteres von  8,50 m, also eine Vergrößerung auf ein  Viertel. Beide Modelle waren aus Gips. Eine Bronze-Version des 1/16tel Modells, das als Vorlage für die New-Yorker Statue diente, empfängt die Besucher im Hof des Musée des Arts et Métiers.

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Sie steht –links auf dem Foto zu sehen- vor einem Teil des Museums, der unschwer als Teil einer Kirche zu erkennen ist. In der Tat handelt es sich um den Chor der ehemaligen Kirche Saint-Martin-des-Champs, die in der Französischen Revolution mit einem aufklärerischen Impetus zu einem der Technik und der Industrie gewidmeten Tempel umgewandelt wurde:[1]

„Il faut éclairer l’ignorance qui ne connaît pas, et la pauvreté qui n’a pas le moyen de connaître“

Bevor wir uns aber den Freiheitsstatuen zuwenden, noch kurz etwas zur ehemaligen Kirche, die einen Teil des Museums beherbergt. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen besonders schönen, sondern  auch um einen kunstgeschichtlich besonders bedeutenden Bau, nämlich „den ersten frühgotischen Bau überhaupt  (…), ein Schlüsselzeugnis der Frühgotik“, errichtet am Anfang des 12. Jahrhunderts als „deuxième fille de Cluny“.  Die Gotik entstand ja in der Île –de- France, sie verlieh –zusammen mit der Universität- Paris eine gewaltige – und in Europa einzigartige- intellektuelle und künstlerische Dynamik. Und es war die Gotik, die  den  Aufstieg von Paris zur Hauptstadt Frankreichs architektonisch besiegelte“.[2] Saint-Martin-des Champs markiert da mit seinem doppelten Chorumgang, der sich in späteren gotischen Sakralbauten häufig wiederfindet, den Anfang. Danach folgen die Abteikirche von Saint-Denis nördlich von Paris, die Grabkirche der französischen Könige, und Notre-Dame auf der Île de la Cité.  Krönender Abschluss ist  die hochgotische Sainte-Chapelle.

Im Innern des Museums kann man im ehemaligen Chor von Saint-Martin-des-Champs noch die wunderbaren mittelalterlichen Kapitelle bewundern….

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und eine kleinere Version des Foucault’schen Pendels (2a) – die große ist im Pantheon zu sehen.

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Im neugotisch restaurierten Kirchenschiff ist ein originales Gipsmodell der Freiheitsstatue aus dem Jahr 1875 ausgestellt.

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Es  steht auf einem hohen Podest, das als Schiffsrumpf gestaltet ist. Den kann man betreten und auf ein Diorama blicken, das die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von New York und den Blick auf die Freiheitsstatue zeigt. – Da  kann man an die vielen Menschen denken, die ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben verließen oder die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und denen die Freiheitsstatue die Verheißung eines neuen, besseren Lebens war. So wie es auch Karl Roßmann ging, dem Helden in Kafkas Amerika-Roman, der, als er  in den Hafen von New York einfuhr,  „die Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht“ erschien, um deren emporragenden Arm „die freien  Lüfte“ wehten.

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Auf einer beigefügten Informationstafel wird Bartholdi mit den Worten zitiert:

„Mon oeuvre sera gigantesque, éxécutée avec des plaques repoussée, martelées, rivées.“

Etwas von diesem Produktionsprozess wird im ersten Stock des Museums durch  zwei Schaukästen veranschaulicht.[3]

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Ein Schaukasten zeigt die Arbeit an der Gipsversion der New Yorker Statue in Originalgröße,  die auf Grundlage einer Holzverschalung hergestellt wurde. Dabei wird übrigens deutlich, welche riesigen Mengen an Gips dafür erforderlich waren – vielleicht ein Anlass für einen nachfolgenden Blog-Beitrag über die Gipssteinbrüche in und um Paris….

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In einem weiteren Schaukasten wird die Herstellung der Hülle aus Kupfer gezeigt, die dann auf dem Gestänge Eiffels zusammengenietet wurde.

Praktische Informationen:

Musée des arts et métiers
60, rue Réaumur
Paris 3e

Öffnungszeiten:

Di, Mi, Fr, Sa und So von 10-18 h

Do von 10- 21.30 h (und ab 18 h freier Eintritt)

Die berühmte Schwester auf der Ile aux Cygnes

Die Freiheitsstatue auf der zwischen dem Pont de Bir- Hakeim und dem Pont de Grenelle gelegenen Ile aux  Cygnes, der Schwaneninsel,  ist sicherlich die bekannteste der Pariser Freiheitsstatuen, auch wenn sie bisweilen zu den „Geheimtipps“ gerechnet wird.[4] Die Ile au Cygnes ist eine künstliche Insel zwischen dem 15. und dem 16. Arrondissement und war dazu bestimmt, einen Pfeiler des Pont de Grenelle zu tragen. Am besten erreicht man sie über den  Pont de Bir-Hakeim, von dem man einen ausgesprochen schönen Blick auf den Eiffelturm hat.

IMG_9870 Pont Bir Hakeim (3)

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In der Mitte der Brücke mit dem architektonisch hervorgehobenen Bogen des Viaduc de Passy und dem Statue von La France renaissante  gibt es eine Treppe hinunter zur Allée des Cygnes.

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Von dort aus gelangt man nach einem knapp 1 Kilometer langen Spaziergang die auf dem westlichen Ende der Insel auf einem hohen Sockel stehende Statue.

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Sie ist genau ein Viertel so groß wie die Statue in New York und nach dem entsprechenden Gips-Modell gefertigt,  das Bartholdi dazu diente, die Maße der großen Schwester von New York  zu berechnen.[5]

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Während diese ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, wurde die Statue der Ile aux Cygnes  von der Vereinigung der Amerikaner in Paris gestiftet. Und in diesem Fall konnte auch der vorgesehene und ideale Einweihungstermin eingehalten werden, nämlich der 14. Juli 1889, also der 100. Jahrestag der Französischen Revolution.  Und damit hängt auch der einzige Unterschied zusammen, den es –neben der Größe- zwischen den beiden Schwester gibt: Auf der Tafel, die die Freiheitsstatue von New York in der Hand trägt, ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit verzeichnet, die Tafel der Statue von der Ile au Cygnes trägt die Aufschrift: “ IV Juillet 1776 = XIV Juillet 1789“, parallelisiert damit also die beiden Daten, zu denen „die beiden  Völker ihre Unabhängigkeit“ erlangten.[6]

Das Einweihungsdatum 1889 fiel auch zusammen mit der damaligen  Weltausstellung in Paris. Und deshalb erschien es selbstverständlich, dass die Statue den Parisern und dem Eiffelturm, dem Symbol der Weltausstellung, zugewandt sein müsste- zum großen Ärger Bartholdis, der es unmöglich fand, dass die „Miss Liberty“ dem Westen, der USA, den Rücken zuwandte. Erst nach seinem Tod, anlässlich der Weltausstellung von 1937, wurde die Statue umgedreht und blickt seitdem zu ihrer großen  Schwester nach New York.

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Den spektakulären Blick auf die Statue mit dem Eiffelturm im Hintergrund hat man allerdings von der Ile aux cygnes aus nicht. Dafür muss man entweder die Insel mit einem Boot umrunden oder sich die ideale Perspektive auf der Avenue de Versailles am Pont Mirabeau suchen.

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Immerhin hat man auf dem Rückweg zum Pont de Bir-Hakeim und von der Aussichtsplattform auf der Mitte der Brücke immer den Eiffelturm im Blick.

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Und Schwäne gibt es rund um die Schwaneninsel auch noch….

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Praktische Informationen:

Île aux Cygnes. 15. Arrondissement.   Zu erreichen mit  RER C  (Kennedy/Radio France oder Champ de Mars/Tour Eiffel) oder der métro Linie 6  (Passy oder Bir Hakeim)

 

Die unbekannte Schwester im Jardin du Luxembourg

Dass im Jardin du Luxembourg eine weitere Freiheitsstatue steht, ist offenbar selbst vielen Parisern nicht bekannt – und ich wusste es bis vor kurzem auch nicht. Tröstlich ist immerhin, dass auch der Guide Michelin davon auszugehen scheint, dass die meisten Leser nichts von dieser Statue wissen:  „Saviez-vous qu’il existe également, dans le jardin du Luxembourg, une copie de la statue de la Liberté?“[7]  Sie steht ja auch nicht in der Umgebung des zentralen großen Wasserbeckens, in dem im Sommer die Kinder die Segelschiffe treiben lassen und um den herum man sitzen und das Pariser Leben genießen kann. Die Statue steht weiter auf der westlichen Seite des Parks, am besten zu erreichen über die porte Fleurus, den  mittleren Eingang zum Park an der Einmündung der Rue de Fleurus in den Rue Guynemer.

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Es ist eine Bronzefigur, die nach dem ursprünglichen Gips-Modell gegossen wurde. 1900 kaufte der französische Staat anlässlich der Weltausstellung die Figur – auf der Tafel, die sie in der Hand hält, ist das Datum des 15. November 1889 eingraviert.  1906 wurde  sie im Jardin du Luxembourg aufgestellt, der vom dort ansässigen französischen Senat verwaltet wird. Eigentümer ist allerdings das Musée d’Orsay, das sich wiederholt vergeblich bemühte, die Statue in seinen Räumen aufzustellen. Als aber 2011 die Fackel gestohlen wurde und auch andere Beschädigungen zunahmen, wurde die Statue ins Musée d’Orsay transferiert, wo sie nun –restauriert und mit einer neu gegossenen Fackel ausgestattet-  im großen Saal einen angemessenen Platz gefunden hat. Die Statue im Jardin du Luxembourg ist also nur eine Kopie, aber dafür steht sie am originalen Platz.[8]

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Das daneben –bzw. aus der Perspektive des obigen Fotos- davorstehende Bäumchen ist eine Eiche, die zu Ehren der Opfer von 9-11 angepflanzt wurde. (Der Platz dafür ist sicherlich allein politisch motiviert, die Parkgärtner werden darüber sicherlich wenig glücklich gewesen sein, denn große Entfaltungsmöglichkeiten hat der Baum an dieser Stelle kaum).

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Das Original übrigens ist im Musée d’Orsay unschwer zu finden. Es hat einen unübersehbaren Platz in der großen Halle.[9]

Die Freiheitsstatue von Saint-Cyr-sur-Mer

Und dann gibt es in Frankreich noch mehrere andere Freiheitsstatuen. Natürlich in Colmar, dem Geburtsort Bartholdis,  aber auch in einer ganzen  Reihe anderer Orte, darunter Saint-Cyr-sur-Mer. [10]

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Es ist eine von Bartholdi ausdrücklich autorisierte Replik der originalen Freiheitsstatue, was seine Signatur am Fuß der Statue beweist.

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Die gusseiserne und vergoldete Statue von Saint-Cyr misst von Kopf bis Fuß 2.50 Meter, hat also die Länge des Zeigefingers von Miss Liberty, wie auf der beigefügten Informationstafel vermerkt ist. Auf dem Buch in der Hand der Freiheitsstatue ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit zu erkennen.

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Gestiftet wurde die Statue 1913 von einem reichen Bürger des Ortes aus Anlass des Anschlusses von Saint-Cyr- an die regionale Wasserversorgung. Sie sollte den  Brunnen auf dem zentralen Platz des Ortes, der place Portalis, markieren und zwar nicht die Welt,  aber immerhin mit einer großen Gaslaterne den  Platz beleuchten. Zunächst war sie nach Osten ausgerichtet -mit Blick auf die Kirche; anlässlich einer Neugestaltung des Platzes drehte man sie allerdings um, so dass sie nun zu ihrer amerikanischen  Schwester nach Westen blickt.

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1986 war die Freiheitsstatue übrigens Gegenstand heftiger sozialer Auseinandersetzungen. Die streikenden Arbeiter der Werft von La Ciotat planten, die Statue zu enfernen und in ihrer Werft aufzustellen: Damit sollte dem Recht auf Arbeit „als der ersten der Freiheiten“ Ausdruck verliehen werden, wie ein Vertreter der streikenden Arbeiter erklärte. [11]

Die Polizei blockierte allerdings die mit Lastwagen anrückenden Werftarbeiter und die Stadt brachte dann ihrerseits die Statue in Sicherheit, um weiteren Versuchen vorzubeugen….  Nach Ende des Streiks wurde sie aber wieder aufgestellt und steht seitdem unangefochten in der Mitte des Ortes.

Die Freiheitsstatue von Bordeaux

Eine von Bartholdi geschaffene 3 Meter hohe Replik der Freiheitsstatue gab es auch in Bordeaux auf der place Picard. Dort markierte sie – wie in Saint-Cyr-sur-mer- einen mit bronzenen Löwenköpfen verzierten Brunnen. Eingeweiht wurde die Statue 1888 vom französischen Präsidenten Sadi Carnot.[12]

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1041 wurde die Statue von den deutschen Besatzungstruppen demontiert – ein Schicksal, das sie damals mit vielen anderen Statuen aus Edelmetall teilte, die der deutschen Rüstungsindustrie zum Opfer fielen. Meistens wurden dafür bevorzugt Statuen ausgewählt, die den Nazis ein besonderer Dorn im Auge waren: und dazu gehörte offensichtlich/natürlich auch eine der Freiheit gewidmete Statue.

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Seit dem Jahr 2000 gibt es eine kleinere Kopie der ursprüngichen Statue auf dem Platz, allerdings freistehend ohne Brunnen und aus Kunstharz gefertigt….

Und dann gibt es auch noch eine Statue in Soulac-sur-Mer an der Atlantikküste. Es ist eine verkleinerte Nachbildung der originellen Statue Bartholdys. Dabei wurden ursprüngliche Gußformen verwendet. Errichtet wurde sie 1980 zur Erinnerung an die Überfahrt des Generals La Fayette in die Vereinigten Staaten. 

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                        Aus einer Plakatausstellung am Zaun des Senats in Paris. (März 2024)

Anmerkungen

[1] http://www.arts-et-metiers.net/musee/les-lieux-du-prieure-au-musee

[2]http://www.arts-et-metiers.net/musee/la-deuxieme-fille-de-cluny-grandeurs-et-miseres-de-saint-martin-des-champs

Andreas Sohn, Von der Residenz zur Hauptsstadt. Paris im hohen Mittelalter.  Ostfilden o.J. S. 180 ff

(2a) siehe  http://www.evous.fr/Musee-des-Arts-et-Metiers-Guide-des-plus-belles-pieces-des-collections,1186649.html#Qt32qPJ9uLRFm2cA.99

[3] Sie sind aufgestellt zwischen den Abteilungen „Construction“ und „Communication“.

[4] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2014/02/21/die-freiheitsstatue-in-paris/

[5] Die Größenangaben der Statuen variieren zum Teil erheblich, selbst innerhalb einer Quelle, s. z.B.:   http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php Dort wird als Größe des zweiten Modells einmal 2,11m, dann 2.40m genannt. Für das ein Viertel-Modells werden 8,50m angegeben, was aber nicht zu der Gesamtgröße von 45m passt. Ich vermute, dass die Statuen manchmal „vom Scheitel bis zur Sohle“ gemessen werden, manchmal bis zur Fackel.

[6] http://www.statue-de-la-liberte.com/Copie-de-la-statue-de-la-Liberte-de-Paris.php

Dort auch die beiden Fotos

[7] Le Guide Vert. Paris, 2010, S. 256

[8] http://www.parisladouce.com/2014/05/paris-les-cinq-statues-de-la-liberte_11.html

http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[9] https://www.timeout.fr/paris/musee/orsay/statue-de-la-liberte/auguste-bartholdi

[10]  https://www.merveilles-du-monde.com/Statue-de-la-Liberte/Copies-de-la-statue-de-la-Liberte-en-France.php

[11]

https://www.londe.fr/archives/article/1986/10/04/la-ciotat-la-ville-qui-avait-un-chantier-naval_2916699_1819218.html

[12] https://actu.fr/nouvelle-aquitaine/bordeaux_33063/la-question-pas-si-bete-pourquoi-une-statue-de-la-liberte-est-installee-a-bordeaux_48421525.html

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 2): Bartholdi und Eiffel, die Väter von Miss Liberty

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

https://paris-blog.org/2017/02/01/die-weinende-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-drei-schwestern-in-paris-teil-1/

In diesem zweiten Teil wird erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren – zu denen übrigens auch niemand Geringeres als Gustave Eiffel gehört. In einem  nachfolgenden dritten und letzten Teil werden schließlich ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.

https://paris-blog.org/2017/03/01/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-teil-3-die-freiheitsstatuen-von-paris/

 Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

Die Idee für das Projekt der Freiheitsstatue geht auf eine Bemerkung zurück, die der französische Jurist und Politiker Édouard René de Laboulaye im Jahr 1865 machte:  „Sollte ein Denkmal in den Vereinigten Staaten errichtet werden, das an ihre Unabhängigkeit erinnert, dann denke ich, dass es nur natürlich ist, wenn es durch vereinte Kräfte entsteht – ein gemeinschaftliches Werk unserer beiden Nationen.“[1] 

Eine solche Überlegung war auch Ausdruck der Gegnerschaft des Republikaners Laboulaye zum  Seconde Empire, dem Kaiserreich Napoleons III. Und im monarchistischen Frankreich, das  -anders als Loboulaye-  im Sezessionskrieg auf Seiten der Südstaaten gestanden hatte, bestand natürlich keine Chance auf Umsetzung eines solchen Projekts. Allerdings inspirierte Laboulayes Idee den mit ihm befreundeten jungen elsässischen Bildhauer Auguste Bartholdi zu einem anderen Projekt, gewissermaßen der Vorgängerin der Statue of Liberty.  Bartholdi schlug nämlich dem osmanischen Statthalter von Ägypten vor, zur Eröffnung des Suez-Kanals an dessen nördlichem Ende einen riesigen Leuchtturm zu errichten.  Er sollte die Gestalt  der römischen Göttin Libertas im Gewand einer ägyptischen Fellachin haben und so wie einst der Koloss von Rhodos  mit einer Fackel in der erhobenen Hand. Auch einen Namen hatte Bartholdi schon vorgesehen: „La liberté éclairant l’Orient“. Allerdings blieb dieses Projekt sozusagen im Sand stecken.

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Dann kamen der deutsch-französische Krieg 1870/71, das Ende des zweiten Kaiserreichs und die Annexion des Elsaß und eines Teils von Lothringen durch das Deutsche Reich. Bartholdi, der im Krieg auf Seiten der republikanischen Truppen und Garibaldis gegen die deutschen/badischen Truppen gekämpft hatte, gehörte zu den Elsässern, die nach 1871 das zum „Reichsland“ gewordene Elsass-Lothringen verließen. Die junge Dritte Republik war in dem damaligen, überwiegend monarchischen Europa eher isoliert, beste Voraussetzungen  für eine französisch-amerikanische, die gemeinsame republikanische Tradition und die Waffenbrüderschaft von Washington und Lafayette im Unabhängigkeitskrieg verkörpernde Freiheits-Statue in New York. Dazu konnte die monumentale Statue –wie schon der geplante Suez-Leuchtturm- der Welt  „le génie français“ vor Augen führen.[2]

Die Freiheitsstatue in New York sollte ja auch Ausdruck des technischen Erfindungsgeistes und des Fortschritts sein. Es gab in diesen Jahren in Frankreich eine Revue mit dem Titel „le génie français“, in der 1883 der Ingenieur Charles Talandier einen ausführlichen Artikel über die Konstruktion der Freiheitsstatue veröffentlichte.[3] Und da konnte durchaus auch ein gewisser nationalistischer Beigeschmack dabei sein  – so wie das ja auch das schöne Kalligramm  Apollinaires verdeutlicht, auf dem der Eiffelturm die Welt grüßt und den Deutschen –die so ein grandioses Bauwerk eben nicht hinbekommen- die Zunge rausstreckt.[4]

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Für die Einweihung der New Yorker Freiheitsstatue konnte es keinen besseren Zeitpunkt geben als den 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1876. Bartholdi reiste also in die USA und warb für sein Projekt: Franzosen sollten die Statue finanzieren, Amerikaner den Sockel.  Bartholdi erhielt  zwar schon die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten, die Statue auf Bedloe’s Island in der Bucht von New York zu errichten, aber eine breite Spendenkampagne auf beiden Seiten des Atlantiks lief erst 1875 an– viel zu spät also für das geplante Einweihungsdatum.  Zur amerikanischen Kampagne gehörte, wie in Teil 1 berichtet, das Gedicht von Emma Lazarus. In Frankreich wurde das endgültige Modell der Statue, das sogenannte „Komitteemodell“ 200-fach verviefältigt und numeriert, von Bartholdi eigenhändig  retuschiert und signiert,  zum Verkauf angeboten. (4a)

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Zur Propagierung und Finanzierung des Projekts ließ das Comité de l’Union franco-américaine auch ein Diorama oder Panorama herstellen. Das war ein damals sehr populäres und modisches Medium, woran noch heute der Name der Passage des Panorama in Paris erinnert. Unter der Aufsicht von Bartholdi wurde ein 11 Meter langes Gemälde angefertigt. Es vermittelte dem Besucher den Eindruck, auf dem Heck eines Ozeanriesens zu stehen, der gerade den Hafen von New York verläasst und die fertige Freiheitsstatue an sich vorbeiziehen sieht. Ein kleines Modell dieses Dioramas ist im musée des arts et métiers in Paris zu sehen. (siehe dazu den dritten Teil des Beitrags über die Freiheitstatuen von Paris: https://wordpress.com/posts/my/paris-blog.org)

Teil der  französischen Kampagne war auch die Aufführung einer Kantate von Charles Gounod in der Pariser Oper am 25. April 1876 mit dem Titel „La Liberté éclairant le monde“  – dies  auch der offizielle Name der New Yorker Statue.[5]

La  Liberté éclairant le Monde            

J’ai triomphé! J’ai cent ans! Je m’appele la Liberté!

Mais un nom c’est trop peu:

Le monde a fait, me voulant forte et belle,

Mon corps de bronze et mon âme  de feu!

Je port au loin dans la nuit sombre,

Quand tous me feux sont allumés,

mes rayons aus vaissaux qui sombre

Et ma lumière aux opprimés!

J’ai triomphé! Wahington, Lafayette

Sont mes sauveurs qu’on bénit à genoux…. 

Der Entwurf Bartholdis für die Freiheitsstatue von New York entspricht in hohem Maße seinem Entwurf für den Suez-Kanal. Miss Liberty ist vollständig bekleidet, sie steht ruhig auf ihrem Podest – ganz anders also als die Darstellung der revolutionären Freiheit im Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix. Dort stürmt die halbentblößte Verkörperung der Freiheit wild voran, in der einen Hand die Trikolore, in der anderen ein Gewehr mit Bajonett.

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Miss Liberty dagegen hält in der erhobenen Hand die Fackel des Fortschritts. Das revolutionäre Pathos widersprach ja auch den politischen Tendenzen von Bartholdi und Laboulaye, die beide keine Sympathisanten von Revolutionen waren und auch der Pariser Commune kritisch gegenüberstanden.[6] Im Grunde war und ist die Darstellung der Freiheit, wie sie Bartholdi konzipierte, höchst konventionell und banal. Bartholdi bekannte selbst, dass es sich „nicht um ein großes Kunstwerk“ handelte.[7] Die Bedeutung lag in ihrer politischen Botschaft und  ihrer, den Glauben an den technischen Fortschritt verkörpernden Monumentalität, die dem damaligen Zeitgeist entsprach.  „Im Kolossalen steckt Anziehung, ein spezieller Reiz, auf den die Theorie des Gewöhnlichen kaum anwendbar ist. Glaubt man etwa, daß die Pyramiden die Vorstellungskraft der Menschen wegen ihres ästhetischen Werts angeregt haben?“ schrieb  Gustave Eiffel 1880[8]. Gustav Eiffel wird hier nicht nur deshalb zitiert, weil ihn mit Bartholdi der gleiche Hang zur Monumentalität und der gleiche Glaube an den technischen Fortschritt verbindet – insofern sind in gewisser Weise auch die Freiheitsstatue und der Eiffelturm Schwestern; Eiffel wird auch deshalb hier genannt und darf nicht fehlen, weil er am Bau der Freiheitsstatue ganz direkt beteiligt war.

Eine solche monumentale Statue von über 45 Metern Höhe konnte ja keinen Falls aus massivem Metall gegossen werden. Außerdem sollte die Statue von innen zugänglich sein. Man benötigte also ein Gerüst, das so stand- und wetterfest war, dass es die „Außenhaut“ aus 300 gehämmerten Kupferplatten mit einem Gewicht von 80 Tonnen tragen konnte. Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde zunächst der renommierte Architekt Viollet-le-Duc betraut, berühmt geworden u.a. durch die Renovierung bzw. gotische Renaissance von Notre Dame de Paris. Viollet-le-Duc hatte eine traditionelle Holzkonstruktion im Auge. Nach seinem Tod erhielt das Ingenieurbüro Gustave Eiffels  den Auftrag. Eiffel war damals noch ein jüngerer Mann – den nach ihm benannten Turm in Paris gab es noch nicht.  Er konstruierte ein –wesentlich weniger gewichtiges- neuartiges Trägersystem mit vier massiven gusseisernen Pfeilern, von denen aus ein feines Fachwerk aus Eisenstangen die kupferne Außenhaut so stabilisiert, dass die elastischen Verbindungen große Temperaturschwankungen ebenso aushalten wie kräftige Windstöße.[9]

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Kein Wunder also, dass die Statue zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung noch lange nicht  fertiggestellt war. Immerhin konnte Bartholdi ihren rechten, die Fackel haltenden Arm von 12,80 m Länge 1876 auf einer Ausstellung in Philadelphia präsentieren und  den Kopf  1878 auf der Pariser Weltausstellung.[10]

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Die Herstellung der Statue dauerte noch bis zum Sommer 1884. Bei der Werkstatt handelte es sich um die Firma Gaget- Gauthier, die sich schon vorher durch mehrere prominente Großaufträge  einen entsprechenden Ruf und ein großes know-how erworben hatte. Beispielsweise wurde dort der (beim Brand der Kathedrale 2019 zerstörte) neugotische Dachreiter von Notre Dame hergestellt und die Säule der place de Vendôme restauriert, die 1871 von den Kommunarden umgestürzt worden war.  Außerdem war Gaget-Gauthier auch geschäftstüchtig. So vertrieben sie zur Finanzierung des Projekts kleine Ausgaben der Statue, vielleicht ähnlich wie die  Eiffeltürmchen, die heute überall in Paris angeboten werden. Und daraus soll sich dann –so die schöne etymologische Anekdote- entsprechend der amerikanischen Aussprache von Gaget  das Wort „gadget“ entwickelt haben.[11]

Die Räume der Firma in der Rue de Chazelles waren so hoch, dass selbst der Kopf der Statue dort an einem Stück gefertigt werden konnte.

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Herstellung der linken Hand der Freiheitsstatue in der Firma Gaget

Als dann alle Einzelteile fertig waren, fand  neben der Werkstatt die vorläufige Endmontage statt.  Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli  1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“.[12]

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Victor Darbaud, La statue de la Liberté de Bartholdi dans les ateliers Gaget-Gauthier, rue de Chazelles. Musée Carnavalet, Paris.

Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt,  in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft. Ihre bevorstehende Ankunft wurde auch in Amerika publik gemacht. Die Zeitschrift The Scientific American veröffentlichte im Mai 1884 eine Radierung der zur Verschiffung bereiten Statue – mit der gleichen Perspektive und vielen Details wie bei dem Bild von Darboud. Allerdings fehlt in der amerikanischen Version das Gerüst um Kopf, Arm und Fackel. Das ist kaum realistisch, aber der Gesamteindruck ist damit sicherlich eindrucksvoller, und es ging ja hier darum, die Amerikaner auf die Ankunft der Statue einzustimmen.

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Das musée Bartholdi in Colmar

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Das musée Bartholdi in der rue des Marchands 

Einen schönen Überblick über die Geschichte der Freiheitsstatue erhält man im Bartholdi-Museum im Zentrum von Colmar.

Es wurde 1922 im Geburtshaus des Bildhauers eingerichtet.

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Im Hof des Anwesens befindet sich die große Figurengruppe Les trois soutiens du monde: Die Weltkugel wird von drei Atlanten getragen, Allegorien der Arbeit, der Gerechtigkeit und des Patriotismus.

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Die Figurengruppe Bartholdis wurde 1902 auf dem Salon in Paris ausgestellt und 1909 hier aufgestellt, eine bemerkenswerte demonstrative Geste: Der heimatverbundene Elsässer und französische Patriot Bartholdi, der sich 1871 geweigert hatte, deutscher Untertan zu werden und der deshalb nach Paris übergesiedelt war, fertigte gleichwohl für seine nun zum Deutschen Reich gehörende Heimat Arbeiten an.  Und man kann wohl davon ausgehen, dass die Allegorie des Patriotismus, ein junger Mann mit gezücktem Schwert und Fahne, von Bartholdi als Aufruf zur Rückgewinnung des „Reichslandes“ verstanden wurde

Ausgestellt werden zahlreiche Dokumente,  Entwürfe und kleinere Nachbildungen von Arbeiten des Bildhauers wie zum Beispiel des berühmten Löwen von Belfort. Im zweiten Stock, der den amerikanischen Denkmälern Bartholdis gewidmet ist, steht natürlich die Freiheitsstatue im Mittelpunkt.

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Wenn man sich also für die Freiheitsstatue und ihre Geschichte interessiert, ist das musée Bartholdi genau der richtige Ort.

Bartholdis Freiheitsstatue  ist aber nicht nur in dem  ihm gewidmete Museum in Colmar präsent. Unübersehbar thront eine mächtige Nachbildung der Statue auf einem rond point am nördlichen Ortseingang.

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Und der vom office de tourisme vorgeschlagene Stadtrundgang ist mit kleinen in den Boden eingelassenen Dreiecken mit der Abbildung der Freiheitsstatue markiert…

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Bartholdi in Paris

Auch in Paris gibt es Orte, die an Bartholdi erinnern:

  • Der Friedhof Monparnasse, wo sich sein Grabmal befindet
  • Der Friedhof Père Lachaise mit dem Denkmal für den Serganten Hoff
  • und der Platz Donfert-Rocherau mit einer verkleinerten Nachbildung des Löwen von Belfort.

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Der Löwe von Belfort ist nach der Freiheitsstatue sicherlich das bekannteste Werk Bartholdis. Es handelt sich um eine riesige Skulpur aus rotem Vogesensandstein, das an den Widerstand der von Colonel Denfert-Rocherau befehligten französischen Truppen während der Belagerung der Stadt im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert. In Paris steht eine auf ein Drittel verkleinerte, aber immer noch imposante Version des Belforter Löwen aus getriebenem Kupfer mitten auf dem Platz Denfert-Rocherau im 14. Arrondissement. Der Platz hieß ursprünglich place d’enfer und erhielt 1878 den Namen des „heldenhaften Obersten“.[13] Insofern war es nur konsequent, dass das Standbild Bartholdis dort aufgestellt wurde.

1880, als zum ersten Mal der 14. Juli offiziell als Nationalfeiertag begangen wurde, spielten der Platz und der Löwe ein wichtige Rolle. In dem offiziellen Festprogramm hieß es ausdrücklich, dass vor allem der Bastille-Platz und der Platz Denfert geschmückt werden sollten, „wo man den berühmten Löwen von Belfort sehen wird, der dieses Jahr auf dem Salon ausgestellt war, ein zur glorreichen Erinnerung an den Obersten Denfert-Rocherau errichtetes Denkmal“.[14]

Zu dem offiziellen Festprogramm gehörte auch eine große Militärparade. Es sollte damit die Einheit der Nation ausgedrückt und die Schmach der Niederlage von 1870/1871 ausgelöscht werden. Die Symbolik von Militärparade und  des Pariser Löwen von Belfort bei der Einführung des 14. Juli als Nationalfeiertag ist unverkennbar:  Frankreich wollte, wie es in einem Artikel von Libération heißt, seine wiedergewonnene militärische Macht demonstrieren und seine Nachbarn, vor allem natürlich das Deutsche Reich beeindrucken, das nun Elasss-Lothringen besaß[15]– ganz im Sinne der berühmten Devise Gambettas: „Pensons-y toujours, n’en parlons jamais“denken wir immer daran, sprechen wir niemals davon.

Auf dem Friedhof Père Lachaise befindet sich die Statue von Ignace Hoff, eine bemerkenswerte Arbeit von Bartholdi. Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen im deutsch-französischen Krieg hatte sich der „sergent Hoff“ mehrfach ausgezeichnet. Bei dem Ausbruchsversuch der eingeschlossenen französischen Truppen im Gefecht von Champigny an der Marne geriet er in deutsche Gefangenschaft. Nach dem Frankfurter Friedensschluss vom Mai 1871 wurde er aber entlassen, in die Armee der Versailler aufgenommen und beteiligte sich an der blutigen Niederschlagung der Pariser Commune.[15] Aufgrund seiner zahlreichen Verletzungen und seines bravourösen Einsatzes im Krieg gegen die Preußen entwickelte sich noch zu seinen Lebzeiten der Mythos des sergent Hoff als des patriotischen Elsässers, der die Ehre des durch die Abtretung Elsass-Lothringens erniedrigten Frankreichs rettet.

So ist es zu erklären, dass ein einfacher Unteroffizier ein von der Stadt Paris finanziertes lebensgroßes Standbild erhielt. Und so ist es auch zu erklären, dass zu Füßen des Sergeanten Hoff ein Mädchen mit elsässischer Haartracht kniet, das Frankreich -und den  Betrachter-  auffordert, sich zu erinnern: an die Tapferkeit des Verstorbenen im Kampf gegen die Preußen und natürlich auch an die Schmach der Abtretung von Elsass-Lothringen- ganz im Sinne der berühmten Devise Gambettas: „Pensons-y toujours, n’en parlons jamais“denken wir immer daran, sprechen wir niemals davon

                      Grabmal Bartholdis auf dem Friedhof Montparnasse   (28. Division)                                und Modell aus dem musée Bartholdi

Der 1904 in Paris verstorbene Bartholdi hat selbst sein Grabmal entwurfen:  einen Obelisken mit einem weiblichen Genius, die rechte Hand -wie die Freiheitsstatue- zum Himmel emporgestreckt. Auf dem Obelisken befindet sich ein Portrait Bartholdis und die Inschrift

Auteur/ du lion de Belfort/ et de la statue de la Liberté/éclairant le monde

Gustave Jundt div. 17 petit

Bartholdi hat auch noch ein weiteres Grabmal auf dem Friedhof Montparnasse gestaltet, nämlich das des Malers und Grafikers Gustav Jundt, der wie Bartholdi aus dem Elsass stammte und die Rückgewinnung der verlorenen Provinzen erhoffte. (17. Division). Das macht verständlich, dass Bartholdi nicht nur eine  Büste des verstorbenen Künstlers anfertigte, sondern darunter auch hier eine junge Elsässerin mit dem landestypischen Kopfschmuck.

Anmerkungen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

[2] http://www.statue-de-la-liberte.com/Origine-de-la-statue-de-la-Liberte.php

Sehr sehenswert ist  übrigens das Musée Bartholdi in Colmar. (30, rue des Marchands). Die Geschichte der Freiheitsstatue von New York wird jedenfalls, folgt man der FAZ, „nirgendwo schöner nacherzählt als hier“. (FAZ 8. Juni 2017, Reiseblatt R 4. Michael Bengel, Comar, drei Tage, zwei  Nächte).

[3] http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[4] http://www.plume-escampette.com/de-la-tour-eiffel-a-apollinaire-quand-la-modernite-touche-le-ciel/   Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass  es  nur französische Wissenschaftler und Ingenieure sind, deren Namen in den Eiffelturm  eingraviert sind – und übrigens auch keine Frauen….

(4a) Marianne und Germania 1789-1889. Frankreich und Deutschland. Ausstellungskatalog Berlin 1996, S. 468/469

[5] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[6] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

Was den Bezug zu Delacroix angeht, stimme ich übrigens mit der schönen Darstellung  Rudolf Walthers  nicht überein, der ich ansonsten viel verdanke. („und sein Pathos orientierte sich an Eugène Delacroix‘ berühmtem Freiheitsbild“) In: Rudolf Walther:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? Die ZEIT vom 30.9.2004 und in: R.W.:  „Aufgreifen, angreifen, begreifen“ , Bd 3 , Münster 2013, S. 96 ff.

[7]  S. Edward Berenson, La statue de la Liberté: Histoire d’une icône franco-américaine. 2012. Zuerst, ebenfalls 2012,  englisch bei Yale University Press: The Statue of Liberty. A Transatlantic Story.

[8] Zit. von Rudolf Walther in:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

[9] Siehe Rudi Walther,  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

Allerdings wird z.T. die Konstruktion auch Maurice Koechlin,  dem leitenden Ingenieur Eiffels, zugeschrieben. Siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Koechlin  oder beiden gemeinsam.

Was das Gewicht der Kupferplatten angeht, schwanken die Angaben. Bei Walther sind es 80 Tonnen, an anderer Stelle  werden 100 Tonnen genannt: https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[10] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_de_Chazelles  Dort auch das Foto des Bildes von Darbaud.

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html   https://de.wikipedia.org/wiki/Gadget

[12] Zitiert von Rudolf Walther,   Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O. und  im hervorragenden Blog des Le Monde-Journalisten Denis Cosnard über das industrielle Paris:

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html

[13] http://www.paris1900.fr/paris-rive-gauche/place-denfert-rochereau-lion

[14] https://www.gouvernement.fr/les-14-juillet-emblematiques-1880-1890-1919-1945

[15] Insofern müsste bei dem Rundgang über den Père Lachaise auf den Spuren der Commune auch das Standtbild des Sergent Hoff berücksichtigt werden – zumal es ganz in der Nähe des bombastischen Mausoleums seines Versailler Oberkommandierenden Adolphe Thiers aufgestellt ist. Siehe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

Zum Weiterlesen

Jacques Betz,, Bartholdi. Paris 1954

La statue de la Liberté. L’exposition du centenaire. Musée des Arts décoratifs. Paris 1986

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 1): Trump und die weinende Freiheitsstatue (2016, aktualisiert 2020 und 2024/5/6)

Karikatur von Janson Januar 2017

Schlägt man derzeit die Zeitungen auf oder hört die Nachrichten, bin ich –und sind unsere Freunde in Frankreich und Deutschland- stets von Neuem entsetzt und fassungslos über das, was man von dem  neuen amerikanischen Präsidenten und seinen Mitarbeitern erfährt. Man musste zwar schon auf einiges gefasst sein, aber dass Trump mit einer solchen fanatischen Entschlossenheit, einem solchen wahnwitzigen Tempo und ohne jede taktisch-politischen, juristischen –geschweige denn moralischen- Rücksichten sein Wahlprogramm exekutiert, haben sich wohl die wenigsten vorstellen können.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 07.1.libertytrumped.jpg.

Liberty Trumped. South Sydney Harold. Januar 2017

Ein vorläufiger Höhepunkt der Trump’schen  Dekret-Kaskaden sind die  Einreiseverbote für Muslime aus bestimmten (ziemlich willkürlich) ausgewählten Ländern und die weitestgehende Schließung der US-amerikanischen Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die die bisherige Zurückhaltung der Obama-Administration in diesem Punkt noch deutlich übertrifft.

Cartoon: America first (medium) by Erl tagged usa,präsidentschaftswahl,wahl,präsident,republikaner,nominierung,donald,trump,rede,amerika,zuerst,america,first,populismus,rechtspopulismus,nationalismus,weltlage,explosiv,pulverfaß,lunte,feuer,fackel,freiheit,freiheitsstatue,liberty,karikatur,erl,usa,präsidentschaftswahl,wahl,präsident,republikaner,nominierung,donald,trump,rede,amerika,zuerst,america,first,populismus,rechtspopulismus,nationalismus,weltlage,explosiv,pulverfaß,lunte,feuer,fackel,freiheit,freiheitsstatue,liberty,karikatur,erl

Erl: America first!   22. Juli 2016

Diese Maßnahmen, die in völligem Widerspruch stehen zur amerikanischen Tradition und zum amerikanischen Selbstverständnis, haben nun allerdings eine breite Widerstandsbewegung ausgelöst. Der haben sich inzwischen auch  prominente Unternehmer angeschlossen, während die Wallstreet ja zunächst im Vollrausch war wegen des versprochenen und begonnenen Abbaus von Steuern, Umweltschutzauflagen, Anti-Trust- und sonstigen Regulierungen…

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Dass in der amerikanischen Presse sogar der Text Martin Niemöllers über die Notwendigkeit des Widerstands im Nationalsozialismus auf Trump bezogen wird, ist bezeichnend genug. Der Text Martin Niemöllers:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;

ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;                                                               ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.[1]

In den „Daily News“ sind es die Mexikaner, dann die Muslime – und man kann sich leicht ausmalen, welche weiteren Bevölkerungsgruppen betroffen sein könnten…

Man kann und muss sicherlich –wie Le Monde- Trump als „gefährlichen Menschen“ und „gefährlichen  Präsidenten“ bezeichnen,  und  Vergleiche  zwischen dem Aufstieg Trumps und dem Hitlers und zwischen den Persönlichkeiten beider Männer haben derzeit Konjunktur, wie auch das nachfolgende Bild aus dem Courrier International und der dazu gehörende Artikel zeigen.

Trump holds a campaign rally in Grand Junction, Colorado

 Der Historiker Timothy Snyder von der renommierten Yale-Universität gibt den USA in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem Wahlsieg Trumps maximal ein Jahr, „um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Er sieht „unheimliche“ Parallelen zum Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und „das Playbook der Dreißiger“. In zwei großen Debattenbeiträgen in  Le Monde 7. März 2017 betrachten Timothy Snyder und der Faschismusforscher Robert O. Paxton, Autor des grundlegenden Werks über das Frankreichs Vichys,  die Präsidentschaft Trumps unter dem Blickwinkel des europäischen Faschismus.

Snyder zitiert hier einen Ausspruch  Trumps aus dem Jahr 1989, wonach die bürgerlichen Freiheiten dann ihr Ende fänden, wenn die Sicherheit des Landes in Gefahr sei. Und er erinnert in diesem Zusammenhang an den Reichstagsbrand, der den Nazis als Vorwand gedient habe, eben diese bürgerlichen Freiheiten abzuschaffen. Und er leitet darauus eine Warnung für die Gegenwart ab:

Si nous avons à affronter encore une attaque terroriste- ou ce qui semble être une attaque terroriste -ou ce que le gouvernement appelle une attaque terroriste- , c’est l’administration Trump qui sera tenue responsable de notre sécurité. Alors, dans ce moment de peur et de deuil, quand le pouls de la politique risquera soudainement de s’emballer, il faudra aussi être prêts à se mobiliser our nos droits constitutionels. Le feu du Reichstag a longtemps servi de modèle aux tyrans; il doit aujourd’hui servir d’avertissement aux citoyens.“ [2]

Paxton sieht  durchaus faschistische Motive bei Trump:

„Trump reprend plusieurs motifs typiquement fascistes: déploration du déclin national, imputé aux étrangers et aux minorités; mépris des règles juridiques; caution implicite de la violence à l’encontre des opposants; rejet de tout ce qui est international, que ce soit le commerce, les institutions ou les traités en place.“

In dem Bestreben Trumps und seiner engsten Berater, exekutive Befugnisse ohne juristische Beschränkungen und mediale Kontrolle zu etablieren, sieht Paxton  Anzeichen einer „dictature en général“, aber er sieht auch grundlegende Unterschiede zum Faschismus. Trump sei kein Ideologe, eher ein Plutokrat.  [2]

Allerdings meine ich, dass gerade aus deutscher Sicht allzu wohlfeile Verbindungen zwischen Trump und Hitler fehl am Platze sind. Und die deutsche Situation von 1933 und die amerikanische von heute sind doch wohl -bei allen Parallelen im Einzelnen- sehr unterschiedlich.

Die weinende Freiheitsstatue

Wenn in den (amerikanischen) Medien illustriert werden soll, wie Trump mit der Axt auf das Amerika der Freiheit und Weltoffenheit einschlägt, wird  -wie oben in den Daily  News-  oft das Bild der Freiheitsstatue von New York herangezogen.

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Am 4.2.  ist auch der „Spiegel“  mit einem  entsprechenden Titelbild erschienen, das in den USA für einige Kontroversen gesorgt hat. „Gestaltet hat die Titelseite der aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez, der 1980 als politischer Flüchtling in die USA gekommen war. In der „Washington Post“ sprach er  mit Blick auf den von Trump verhängten Einreisestopp für Menschen aus sieben islamischen Ländern von einer „Enthauptung der Demokratie, Enthauptung eines heiligen Symbols“.

Ähnlich äußerte sich „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. „Auf unserem Titelbild enthauptet der amerikanische Präsident jenes Symbol, das seit 1886 Migranten und Flüchtlinge in den USA willkommen heißt, und damit Demokratie und Freiheit„, teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit.“  (2a)

Weit verbreitet wurde in den sozialen Medien  das Bild der Miss Liberty, die vor Schreck  ihr Gesicht bedeckt: „Was haben sie getan?

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Serguei in Le Monde vom 1. Februar 2017 verwandelt die stripes der amerikanischen Fahne in Gitterstäbe, hinter denen die Freiheitsstatue gefangen ist:  Die Demokratie Version Trump

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Am gleichen Tag veröffentlichte Le Monde auf der ersten Seite der Ausgabe eine weitere Karikatur zu Trump, gezeichnet von  Plantu, dem „Hauptkarikaturisten“ des Blattes.

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Plantu war am Abend des 31. 1 zu einer Veranstaltung über „die Rolle der Pressse- Karikatur in der Demokratie“ in der Fondation Jean Jaurès –dem französischen Pendant der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung-  eingeladen.[3]

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Dabei berichtete er über die Redaktionssitzung vom Vormittag, auf der unter anderem auch über die Karikatur der ersten Seite der Ausgabe vom 1.1.  beraten wurde. Plantu hatte nämlich noch eine Alternative vorbereitet:

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„Wenn ihr einen symbolischen Akt vollbringen wollt, verbrennt nicht die Fahne, sondern reinigt sie“

Norman Thomas, von dem diese Worte stammen, war ein amerikanischer demokratischer Sozialist und dazu auch ein engagierter Befürworter eines vereinten Europas. Also ein Vertreter völlig gegensätzlicher Positionen zu denen Trumps. Dass Plantu ihn hier zitiert, hat also seine volle Berechtigung, ebenso wie das Bild der traurigen Freiheitsstatue. Aber die Redaktion hat sich dann doch lieber für die Klu-Klux-Klan-Karikatur entschieden, die an Eindeutigkeit auch nichts zu wünschen übrig lässt. (3a)

An Eindeutigkeit ließen es übrigens auch nicht die Wagen auf den  Rosenmontagszügen am Rhein fehlen, die sich Trump als Motiv ausgesucht hatten – und das waren ganz offensichtlich einige:

In  Köln  greift der „Neue“, der Erstklässler Donald, gleich mal der Freiheitsstatue, seiner Lehrerin, in den Schritt – und als Einschulungsgeschenk hat er die Verfügung über die Atomwaffen erhalten. Aber außer Putin will niemand neben ihm auf der Bank sitzen.

Entsprechend auch die Karikatur von Lennart Gäbel:

Karikatur: Trump und die Freiheitsstatue (L. Gäbel)

Dies bezieht sich auf ein vor dem Wahlkampf veröffentlichtes Interview von Trump aus dem Jahr 2005, in dem der damalige Immobilienmogul sich brüstete, wie er sich schönen Frauen gegenüber verhalte:

 „Ich fange einfach an, sie zu küssen (…). Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu. Du kannst alles machen.“ Er könne sogar Frauen zwischen die Beinen grapschen (und sie ließen es geschehen). „Grab them by the pussy, you can do anything“, ist im englischen Original zu hören. (zitiert in der FAZ vom 8.10.2016)

Damals gab es viele Beobachter, die meinten, damit habe Trump seine Chancen als Präsidentschaftskandidat verspielt. Weit gefehlt….

Auf  dem Düsseldorfer Karevalszug  wird die  Freiheitsstatue von einem brutalen  Präsidenten  Trump schlichtweg vergewaltigt (3b):

Dass sich Trump öffentlich seiner sexuellen „Heldentaten“ brüstet, ist Thema der nachfolgenden Karikatur:

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Um ihre Empörung über die Maßnahmen Trumps zum Ausdruck zu bringen, haben die demokratischen Fraktionsführer im Senat und im Repräsentantenhaus, Chuck Schumer und Nancy Pelosi, ein dazu passendes Bild verwendet, nämlich die weinende Freiheitsstatue:

„Tears are running down the cheeks of the Statue of Liberty tonight,“ Sen. Chuck Schumer of New York said on Friday, „a grand tradition of America, welcoming immigrants, that has existed since America was founded, has been stomped upon.“

House Democratic Minority Leader Nancy Pelosi offered similar expressions in her own statement: „As the Statue of Liberty holds her torch of welcome high, there are tears in her eyes as she sees how low this Administration has stooped in its callousness toward mothers and children escaping war-torn Syria.“[4]

Nach 100 Tagen Regierung Trump zeichnete Harm Bengen die nachfolgende Karikatur:

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Hoffentlich bleibt es dann wenigstens bei diesen 1361 Tagen….

Und dann bitte nicht so – wie auf dieser Karikatur von Reinhard Mohr vom 5.11.2020…

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….. sondern so….! 

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Und was die Folgen der vier schrecklichen Regierungsjahre Trumps angeht: Ganz so schlimm wie auf der Karikatur von Theo Moudakis im Toronto Star vom November 2020 wird es dann wohl doch nicht werden:

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„The New Colossus“ von Emma Lazarus

Die „große Tradition Amerikas“, Einwanderer und Flüchtlinge willkommen zu heißen, findet ja in der Tat ihren sinnfälligsten Ausdruck in der im Hafen von New York aufgebauten Freiheitsstatue. Und in dem Gedicht „The New Colossus“ der amerikanischen Schriftstellerin Emma Lazarus, deren letzte Zeilen 1903 auf eine Bronzetafel im Sockel der Statue eingraviert wurden:

„Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!“

Die deutsche Übersetzung:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“[5]

 

Die  Huffington Post berichtete am 18.11. 2016 über eine Pressekonferenz Trumps, in der er gefordert habe, die Freiheitsstatue aus dem Hafen von New York zu entfernen, weil sie die Einwanderung in die Vereinigten Staaten ermutige. Und das entspreche nicht dem Willen der amerikanischen Bevölkerung:

„President-elect Donald Trump called for the removal of the Statue of Liberty from New York harbor because it encourages immigration to the United States.

Trump said he was elected president because he promised to secure the American borders. This, he said, meant the country had to stop the flow of unwanted immigrants, whether they came from Mexico, Canada, or Europe.

“It makes no sense to tell the world you can’t come here unless we invite you and then you have this frumpy old woman standing outside our country and telling people to come and stay as long as you want,” Trump said during a press conference at the Trump Tower in New York City. “Does this make any sense?”

Trump said the words on the Statue of Liberty run contrary to everything his supporters believe — although, he admitted, he couldn’t remember the words.

“What does the Statue of Liberty say? I don’t know. To be honest, I’ve lived in New York City my whole life and I’ve never been there,” Trump said. “Why would anyone go? Nobody goes there.”

A reporter told him that the Statue of Liberty said, “Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, the wretched refuse of your teeming shore. Send these, the homeless, tempest-tossed to me, I lift my lamp beside the golden door!”

“Is that right? Really? Your tired? Your poor? Your wretched refuse? Homeless? So that’s how they all got here? When Europe sends its people, they’re not sending the best,” Trump said, rolling his eyes. “Who needs those people? It might as well say, `Give us your rapists, your criminals, your drug dealers …. your coddled terrorists.’ “

Als ich –im Zuge der Beschäftigung mit diesem Blog- Beitrag-  diesen Text gelesen habe, habe ich Trumps Ansinnen einen Moment lang für authentisch gehalten- Trump ist derzeit ja (fast) alles zuzutrauen. Und symbolisch hat Trump  die Freiheitsstatue schon, wie die Karikaturen zeigen, nicht nur versetzt, sondern sogar in Stücke gehauen oder hinter Gefängnisgitter verbannt. Aber es handelt sich hier- in guter Tradition der Huffington Post- (noch) um die Fiktion eines amerikanischen Journalistik-Professors.[6]

Die wird dann in einem weiteren  Beitrag der Huffingtonpost vom 29.1. 2017 noch auf weiter zugespitzt. Trump habe, wie sein Pressesprecher Spicer mitgeteilt habe, verfügt, das Gedicht auf dem Sockel der Freiheitsstatue den neuen Zeiten entsprechend zu verändern.[7]

„White House Press Secretary Sean Spicer said, “The President has also ordered that the words of the poem on the Statue be changed to:

“Give me your oil tycoons, your rich,
Your women (10s only and under 35) yearning to be groped,
The oligarchs who surround Putin.
Send these, those with multiple mansions, to me,
I lift my middle finger beside the golden door of Trump Tower!”

“People are saying this is the greatest idea in the history of America—no, the world,” said Spicer, relaying Trump’s words.“

Damit wird der Bruch Trumps mit dem amerikanischen Ideal satirisch auf den Punkt gebracht.  Und wenn hier sein Pressesprecher Spicer die Neufassung des Freiheitsstatuen-Gedichts als die größte  Idee in der Geschichte Amerikas, ja der Welt bezeichnet, dann bezieht sich das auf die tatsächliche  Diktion dieses Pressesprechers, die –wie ich kürzlich in Le Monde gelesen habe- an die Lobpreisungen des nordkoreanischen Diktators  Kim jong-un erinnert.

Aber die Begeisterung des amerikanischen Pressesprechers für die Politik seines Präsidenten hat ihren Grund: Für Trump und seine Anhänger geht es immerhin darum, die Freiheit des amerikanischen Volks vor islamistischen Terror zu schützen. – so wie nach dem Ersten Weltkrieg vor europäischen Anarchisten…. (7a)
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Miss Liberty back home?

Allerdings wird bei  Trumps Kampagne zum Schutz der Freiheit ziemlich bedenkenlos auf Freiheits- und Menschenrechten  herumgetrampelt. Insofern ist es nur allzu verständlich, wenn -in satirischer Form- schon Überlegungen zur Repatriierung der Statue of Liberty angestellt werden.

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„Was machen wir, wenn Donald Trump Präsident wird?“ „Vielleicht wird mich Frankreich        zurücknehmen“

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Und hier fragt die „Trump Deportation Task Force“:Wohin mit ihr?“

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… das fragt sich auch Laby Liberty…

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Eine Karikatur von Greser & Lenz aus der ihnen gewidmeten Ausstellung im Caricatura-Museum Frankfurt Oktober 2021

Die Freiheitsstatue: Ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten

Dass die Freiheitsstatue die Worte von einer Rücknahme durch Frankreich in den Mund gelegt werden und Paris  Ziel einer „Deportation“ durch das Trump-Kommando ist, hat seinen Grund darin, dass die Statue ja ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, in Paris hergestellt und von dort aus nach New York transportiert wurde. Eigentlich sollte sie am 4. Juli 1876, dem 100. Jahrestag der amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung, eingeweiht werden. Allerdings gab es auf beiden Seiten des Atlantiks Finanzierungsprobleme: Die USA waren für die Errichtung des Sockels zuständig, für dessen  Finanzierung ja auch das Gedicht von Emma Lazarus beitragen sollte, Frankreich lieferte die Statue.

Auch deren Herstellung verzögerte sich. Noch 1878 wurde der Kopf auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.  Dann wurde die Statue in 350 Teile zerlegt und in 214 Kisten  über den Atlantik transportiert.

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Die Füße und der Aufsatz der Fackel bei der Ankunft in New York

Innerhalb von vier Monaten wurde sie wieder zusammengebaut. Vor tausenden Zuschauern weihte der damalige US-Präsident Grover Cleveland die „Liberty Enlightening the World“, wie die Freiheitsstatue mit vollem  Namen heißt,  am 28. Oktober 1886 im Hafen von New York ein. Seitdem steht sie auf „Liberty Island“ im Hafen von New York.[9] 

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Lady Liberty nach 4 Jahren Trump-Albtraum

Uncle Sam und die Freiheitsstatue liegen im Bett, Sam hat einen Revolver in der Hand und fragt: Kann man es wagen aufzustehen? (HarmBengen@Cartoon Toonpool)

Friedo Manns Rückblick 2021

2021 veröffentlichte Frido Mann, der Enkel Thomas Manns, das Buch „Democracy will win“, das auch einen Rückblick auf die traumatischen Trump Jahre enthält.. Dieser Rückblick erfolgt auch im Blick auf die Freiheitsstatue, „Lady Liberty“, die er lange nicht mehr besucht hat. Nachdem die zum Albtraum gewordenen Trump-Jahre aber vorüber seien, werde er es sich bei einem Besuch von New York nicht nehmen lassen, „Lady Liberty nach so langer Zeit wieder aufzusucchen“ und sich „am neu aufkeimenden Strahlen des Antlitzes zu erfreuen.“  Mit seiner bitteren Bilanz der Trump-Jahre bestätigt  Frido Mann manche der Karikaturen, aus dem Beginn von Trumps Amtszeit. Immerhin: Ganz zerstört wurde Lady Liberty nicht und sie hielt standhaft an ihrem Platz aus….

Zu den Trump-Jahren schreibt Frido Mann:

„Ich bewundere Lady Liberty dafür, dass sie bis zur Präsidentenwahl am 3. November 2020 ihre übermütterliche Leuchtaufgabe durchgehalten hat. Nach all den erduldeten Tiefschlägen muss sie sich doch, zusätzlich zu ihrer Wächter- und Lichtbringerrolle, eher wie Atlas vorgekommen sein, der Titan aus der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt zu stützen hat. Und es ist allerhand, dass sie unter dem sich ins Unerträgliche seigernden Druck nicht schon lange zusammengebrochen oder gar zerschellt ist.

(…)

Und dann geschah das Unfassliche, was in dem trotz allem demokratisch gebliebenen Land noch nie geschehen war: Der Verlierer griff die Wahl an, erklärte sie für gefälscht und daher ungültig und kündigte, ohne die geringsten Belege für seine Behauptung und zu seiner eigenen fürchterlichen Blamage, an, deswegen vor Gericht zu ziehen. Es mutet geradezu tragisch an, was für eine Armee von Anwälten sich als treue Kampfhunde für ihren Präsidenten dazu hergab, in Pressekonferenzen gemeinsam mit ihrem Herrchen in den Abgrund der irrwitzigsten, längst  widerlegten Anschuldigungen und Verschörungstheorien abzutauchen. Die Absicht des abgewählten Präsidenten und seiner Handlanger, das Ergebnis einer Wahl zu kippen, die die Behörden bereits als die sicherste in der amerikanischen Geschichte bezeichnet hatten, war nicht nur eine beispiellose Attacke auf den demokratischen  Prozess, sondern gefährdete auch in vielerlei Hinsicht die nationale Sicherheit.

Und es kam noch schlimmer. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 2021, rief der abgewählte Fake President einen zehntausendköpfigen, vor dem Kapitol versammelten Mob grölend zum Sturm auf das Herz und wichtigste Wahrzeichen der amerikanischen Demokratie, den Sitz des Kongresses, auf, um so zwei Wochen vor der Vereidigung des gewählten Präsidenten Joe Biden das Steuer herumzureißen. Ziel war es, die am selben Tag im Kongress vorzunehmende Bestätigung der Präsidentenwahl zu verhindern.“

Vielen Menschen habe dies „an Mussolinis Marsch auf Rom 1922 und Hitlers Putschversuch mit dem Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle“ erinnert. 

„Was blieb, war (….) Bilanz zu ziehen, um sich innerlich frei zu machen für Perspektiven auf eine zu erhoffende bessere politische Zukunft unter dem neuen Amtsínhaber. Der sicher Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigende Vorgang der Enttrumpifizierung wird vor allem darin bestehen, die Köpfe von Hunderten Millionen Amerikanern von den böswilligen Lügen, Verschwörungstheorien und brutalen Vorurteilen zu entrümpeln, die ihnen der jetzt überfällig abgetretene Fake President vier Jahre lang täglich eingetrichtert hat. (…)

Wir wissen  heute, dass das Virus von Lügen und ideologischer Hetze in das menschliche Gehirn rascher und bereitwilliger eindringt als die Wahrheit, weil Lüge einfacher und eingängiger ist als unsere komplexe Wirklichkeit und weil es sich mit schlichten Lösungen si bequem lebt – ganz nach der bekannten Losung aus Erika Manns gegen den frühen Hitler gerichteten politschen Kabarett ‚Die Pfeffermühle‘: ‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wer immer lügt, dem wird man glauben.'“

Aber Frido Mann ist vorsichtig optimistisch, was ja auch der Titel seines in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienenen Buches ausdrückt: Democracy will win.

Nachtrag 2024 nach Trumps Wahlsieg

Für uns und unsere Freunde ist es nur schwer verständlich, wie ein Politiker wie Trump erneut und mit deutlicher Mehrheit zum Präsidenten gewählt werden konnte. Und angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress und im Supreme Court muss man schon sehr optimistisch sein, um an Frido Manns Botschaft „democracy will win“ festzuahlten. Vielleicht steht den Amerikanern und uns ja auch eine „Exekutivdiktatur“ bevor – ein Ausdruck, den ich in einem Kommentar zu Wahl gefunden habe…

Karikaturen zu Trump und der Freiheitsstatue gab und gibt es sicherlich auch diesmal. 

Bild

Zum Beispiel diese…

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… eine ergänzte Wiederaufnahme einer früheren Karikatur… das bot sich ja auch an…

oder diese

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                                                         Karikatur von Barry Blitt 

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               Trump as lady Liberty by Bart van Leeuwen, PoliticalCartoons.com

Das war noch vor der Wahl….Vor der gab es aber auch das: 

Trump 2024 Statue Of Liberty Election USA Premium T-Shirt

Und nach der Wahl:

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oder drastischer: 

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Da gibt es zum Beispiel diese Karikatur aus dem Guardian vom 6. November 2024:  Die Freiheitsstatue mit amputierter Hand,  allerdings zu einem etwas tröstlichen Artikel von Aaron Glantz: Trump’s victory is not the end of the world…  Und da hat er gewiss Recht. 

Allerdings haben dann die ersten Wochen der Trump-Ära die schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen. Das Titelbild des SPIEGEL vom 7.3. hat das entsprechend illustriert… Es ist ja bedrückend, dass inzwischen schon vielfach die aktuelle Situation in den USA mit der in Deutschland nach der Machtübernahme der Nazis verglichen wird: Eingriffe in Verwaltung, Justiz, Kultur, Wissenschaft, Militär, Presse,, die auf Regierungskurs gebracht werden (sollen). Die französische Tageszeitung Le Monde verwendet dafür das Verb mettre au pas, das bisher eher für die Gleichschaltungspoltiik Hitlers reserviert war…

Der französische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann hat angesichts dieser Entwicklungen unter der Präsidentschaft Donald Trumps die USA  aufgefordert, die Freiheitsstatue an Frankreich zurückzugeben: Die Vereinigten Staaten hätten »sich entschieden, auf die Seite der Tyrannen zu wechseln«, sagte Glucksmann am Sonntag. Er sprach anlässlich des Parteitags seiner Mitte-links-Partei Place publique (PP) vor rund 1.500 Delegierten. (Der Spiegel 17.3.2025)

Und leider ist ja keine Mäßigung Trumps in Sicht – weder in der Außen- noch Innenpolitik. Da passt die Karikatur von Greser und Lenz auf der ersten Seite der FAZ vom 11.12.2025 – da gibt Trump auf seine Weise die Freiheitsstatue an Europa zurück….

Auch 2026 ist im Trump’schen Amerika immer weniger Platz für die Freiheitsstatue:

ICE = United States Immigration and Customs Enforcement, die gerade in den USA wütet, aber jetzt auch Widerstand provoziert. Vielen Dank, Franz, für die Zusendung der Karikatur.

Ausblick

Im zweiten Teil dieses Blog-Beitrags geht  es um die französischen „Väter“  von „Miss Liberty“, neben Auguste Bartholdi  übrigens niemand Geringeres als Gustave Eiffel

Im dritten Teil werden die  fünf  kleineren Pariser Schwestern  der New Yorker Freiheitsstatue vorgestellt

  • Die beiden Statuen im Musée des Arts et Métiers
  • Die Statue auf der Île aux Cygnes in der Seine
  • Die Statuen  im Jardin du Luxembourg/im Musée d’Orsay

Abgeschlossen am 1.2.2017 und ergänzt am 4.2.2017

Anmerkungen

[1] Zur Entstehung und zum historischen Hintergrund des Textes siehe: http://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/was-sagte-niemoeller-wirklich#more-212

[2]   http://www.courrierinternational.com/article/polemique-peut-comparer-lascension-de-trump-celle-de-hitler#&gid=1&pid=1

Robert O. Paxton; Trump est un ploutocrate, pas un idéologue. Le Monde, 7.3.2017

Timothy Snyder, Les populistes d’aujourd’hui on retenu la lecon de 1933. In: Le Monde, 7.3.2017

http://www.sueddeutsche.de/politik/timothy-snyder-wir-haben-maximal-ein-jahr-zeit-um-amerikas-demokratie-zu-verteidigen-1.3365852

siehe auch: . https://www.gmx.net/magazine/politik/donald-trump-vergleiche-adolf-hitler-schraeg-alarmierend-32183448

Der amerikanische Historiker Philip Zelikow bezeichnet in einem Interview  mit der FAZ vom 29.1.2018 Trump aufgrund seiner Geringschätzung des Rechts und der demokratischen Institutionen, seiner Vorstellung der Rolle des Staates und seines nationalen/völkischen Ausrichtung als nationalen Sozialisten:

http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/faz-net-interview-trump-ist-ein-nationaler-sozialist-15416457.html

(2a) https://www.gmx.net/magazine/politik/spiegel-cover-donald-trump-henker-sorgt-usafuer-kontroverse-32151810

dazu auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/spiegel-cover-zu-trump-der-praesident-als-killer-14842639.html

[3] Fotos von Frauke Jöckel.

Plantu stellte auf der Veranstaltung seine neue Karikaturen-Sammlung vor: Debout! Édition du Seuil 2016

Ein Bericht und ein Video über die Veranstaltung:

(3a) Die Karikatur bezieht sich auf die Unterstützung Trumps durch den Ku Klux Klan: siehe: https://www.washingtonpost.com/news/post-politics/wp/2016/11/01/the-kkks-official-newspaper-has-endorsed-donald-trump-for-president/?utm_term=.f7cda7b2b4bb

(3b) http://img.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/karneval-rosenmontag-umzug-bilder/karneval-rosenmontag-umzug-14.jpg/imagegroup/original__827x620__desktop

und: http://www1.wdr.de/unterhaltung/karneval/rosenmontag-wagen-100.html

[4] http://uk.businessinsider.com/trump-extreme-vetting-refugees-lawmakers-respond-2017-1?r=US&IR=T

[5] http://time.com/4652666/statue-of-liberty-give-me-your-tired-poor/

Die deutsche Übersetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/The_New_Colossus Der Titel des Gedichts bezieht sich auf den Koloss von Rhodos. Geschrieben hat es die sich für jüdische Flüchtlinge engagierende Emma Lazarus im Rahmen einer Geldsammlung für den Sockel der Statue.

[6] http://www.huffingtonpost.com/christopher-lamb/presidentelect-trump-call_b_13077746.html

[7] http://www.huffingtonpost.com/robert-s-mcelvaine/trump-orders-raised-middl_b_14481080.html

(7a) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

[8] Die beiden nachfolgenden  Karikaturen sind abgedruckt im Blog des Etats Unis von Agnes Kerr vom 28. Oktober 2016:

[9] http://www.t-online.de/reisen/usa/id_79350268/13-kuriose-fakten-ueber-die-freiheitsstatue.html Dieser Quelle sind auch die beiden Fotos zur Freiheitsstatue entnommen.

Frankreich: Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit (2017)

Ende des Jahres 2016 wurden  zwei internationale Schulvergleichs-Studien veröffentlicht: Timms und PISA.  Dazu kam in Frankreich ein Bericht des nationalen Rats zur Evaluierung des Schulsystems Cnesco (Conseil national d’évaluation du système scolaire).  Insgesamt wird in diesen drei Studien dem französischen Schulsystem ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. Bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse diesmal  in Frankreich ein erhebliches mediales und politisches Echo ausgelöst haben- wozu sicherlich auch der anlaufende Präsidentschaftswahlkampf beigetragen hat.

In dem nachfolgenden Text sollen die Frankreich betreffenden Ergebnisse der drei Untersuchungen  und Reaktionen darauf in ihren Grundzügen  vorgestellt werden. Das ist –um es auch an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich zu sagen- entsprechend der Konzeption dieses Blogs keine Untersuchung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann und soll. Es handelt sich eher um sehr selektive Eindrücke eines interessierten Beobachters. Aber der Gegenstand, um den es geht, hat Interesse und Aufmerksamkeit  verdient. Und interessant ist dann vor allem natürlich, welche Konsequenzen aus den vorgelegten Befunden  vorgeschlagen und vielleicht auch gezogen werden. Man wird dann auch sehen, inwiefern es sich bei den unmittelbaren Reaktionen auf die drei einschlägigen Untersuchungen nur um ein Strohfeuer handelte oder ob in der Öffentlichkeit weiter –mit polemischen und ideologisch bedingten Schuldzuweisungen oder ernsthaft an der Sache orientiert – erörtert wird, wie das französische Schulsystem die großen Herausforderungen bewältigen kann, vor denen es steht.

 

Timms 2015

TIMMS (Trends in International Mathematics and Science Study) ist eine internationale Studie, die die Leistungen von Schülern unterschiedlicher Altersstufen in Mathematik und Naturwissenschaften misst und vergleicht. Teilgenommen haben an der Untersuchung von 2015 57 Länder und 7 Territorien (z.B. Hongkong, Nordirland, das flämische Belgien). Frankreich hat sich zum ersten Mal in der Kategorie 4th grade beteiligt, also Schüler/innen im Alter von etwa 10 Jahren (CM 1) und zum zweiten Mal an der sogenannten TIMSS Advanced Studie mit Schülern der terminales S, also der Abschlussklasse des mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Gymnasialzweigs.

Die Zeitung Le Monde überschreibt ihren Beitrag über die Ergebnisse der Untersuchung: „Beunruhigendes Niveau der Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften“. In anderen Darstellungen wird  von „katastrophalen“, ja sogar „tragischen“ Ergebnissen gesprochen.[1] Dass da selbst die Tragik bemüht wird, mag übertrieben erscheinen, ist aber wohl darauf zurückzuführen, dass das Fach Mathematik in Frankreich die eindeutige „Königsdisziplin“ unter den Fächern ist und ihr vor allem die Selektionsfunktion zukommt. Und Frankreich hält sich ja auch viel darauf zu Gute, einen außerordentlich hohen wissenschaftlichen Standard in der Mathematik aufzuweisen – sichtbar an den vielen Fields-Medaillen –dem Äquivalent des Nobelpreises- französischer Mathematiker.[2] Ganz anders allerdings die Situation beim Nachwuchs: Die französischen Schüler/innen der  Niveaustufe 4 (CM 1) erreichen noch nicht einmal Durchschnittswerte im internationalen Vergleich: Während der internationale Durchschnitt bei 500 Punkten, der europäische bei 525 liegt, erreichen die französischen Schüler/innen in Mathematik 488 und in den Naturwissenschaften 487 Punkte. Lässt man die asiatischen Teilnehmer der Studie (Singapur, Hongkong, Südkorea, Taiwan und Japan) außer Acht,  die mit großem Abstand an der Spitze liegen, dann stellt sich die europäische Situation –entsprechend dem von Le Monde veröffentlichten Schaubild- so dar:

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An der TIMMS Advanced-Studie von 2015 haben nur 9 Länder teilgenommen (neben Frankreich sind das Italien, Libanon, Norwegen, Portugal, Russland, Slowenien, Schweden und die USA). Insofern  ist hier die Vergleichsbasis deutlich geringer. Zumal die Selektion in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweigen des Gymnasiums in den teilnehmenden Ländern sehr unterschiedlich ist – teilweise deutlich ausgeprägter als in Frankreich, wo 22% einer Altersklasse in diesem Bereich vertreten sind. Aber immerhin hat in Frankreich das baccalauréat  scientifique (Bac S) das größte Prestige und gilt als „voie royale“ (Le Monde), als Königsweg eines Bildungsgangs.

1995 lagen die französischen Terminale S- Schüler/innen an der Spitze der sechs Länder, die an den entsprechenden Studien von 1995 und 2015 teilgenommen haben.  Die Studie von 2015 dagegen zeigt –nach Le Point- einen „unglaublichen  Niveau-Verlust“.  1995 habe Frankreich mit 561 Punkten noch vor Russland gelegen, 2015 sei es auf 449 Punkte geschrumpft und habe damit den größten Niveauverlust aller sechs vergleichbaren Länder zu verzeichnen- ein Niveau „in freiem Fall“. Nur noch 1% der französischen Schüler/innen erreichten Spitzenleistungen, während es 1995 noch 15% gewesen  seien.[3]

 

PISA 2015

Anfang Dezember 2016 wurden von der OECD die Ergebnisse der PISA-Untersuchung von 2015 veröffentlicht. In dieser internationalen Untersuchung (72 Teilnehmer)  geht um Kompetenzen 15-jähriger Schüler/innen in den Naturwissenschaften, die diesmal Schwerpunkt waren, in  Mathematik und beim Textverständnis.

Die Ergebnisse:

In Naturwissenschaften und der Mathematik liegt Frankreich auf Platz 26, beim Textverständnis auf Platz 19; es nimmt damit in allen drei Bereichen Plätze im Mittelfeld ein. Die jeweiligen Vergleichsdaten zu PISA 2012 und 2009: Naturwissenschaften Platz 26 und 25, in Mathematik Platz 25 und 22 und im Textverständnis in beiden Jahren Platz 21.[4]

Natürlich sind solche Rangplätze mit großer Vorsicht zu betrachten – schon allein deshalb, weil einige Punkte mehr oder weniger erhebliche Ranglistenveränderungen nach sich ziehen können. Aber die Tendenz scheint doch eindeutig und sie wird, soweit ich das sehe,  nicht angezweifelt: Frankreich dümpelt, was die in PISA untersuchten Kompetenzen angeht, im Mittelfeld der OECD. Der Figaro  titelt: „Éducation. La France toujours aussi médiocre“; Libération: „École, pourquoi on ne progresse pas…. Le niveau scolaire des jeunes Français stagne.“

Dass es sich bei diesen Meldungen um die Aufmacher der jeweiligen Zeitungen handelt, zeigt das große mediale Echo, das die PISA- Ergebnisse diesmal in Frankreich gehabt haben: Zurückzuführen ist das wohl unter anderem auf die anstehende Wahl eines neuen Präsidenten – und Schulpolitik ist in Frankreich eben –anders als im föderalen Deutschland- Sache der Zentralregierung und war in den letzten Jahren ein Feld intensiver politischer Auseinandersetzungen. Beigetragen hat zu der breiten Berichterstattung möglicherweise auch die in Frankreich spürbare Verunsicherung, was den Rang des Landes und seine Rolle in Europa und der Welt angeht. Da sind Erziehung und Bildungsstand wichtige in die Zukunft weisende Faktoren.

Bemerkenswert aus deutscher Sicht ist dabei, dass nach meiner Beobachtung diesmal der Vergleich mit Deutschland fast überhaupt keine Rolle spielt.

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Des écoliers allemands, bons élèves en maths et en sciences naturelles selon l’étude Pisa, à Berlin, en décembre 2007. Photo John MacDougall. AFP[5]

Die Zeitung Libération vom 6.12. zeigt zwar ein Bild deutscher Schüler (merkwürdiger Weise aus dem Jahr 2007), die in Mathematik und Naturwissenschaften gute Leistungen bei der aktuellen PISA-Untersuchung erbracht hätten, aber Deutschland ist nicht mehr der Maßstab: Dass es inzwischen (zum Teil deutlich) besser abschneidet als Frankreich,  wird offenbar nicht mehr als  besondere Herausforderung oder gar Provokation gesehen – anders als in früheren  Jahren, als das 2000 noch weit unter dem OECD –Durchschnitt und hinter Frankreich rangierende Deutschland nach dem PISA-Schock  Frankreich in den Ranglisten überholte. (6)

Education. La France reste la championne des inégalités sociales.“[7]                   

(Erziehung: Frankreich bleibt Spitzenreiter der sozialen Ungleichheiten) 

Der  in der französischen Darstellung der TIMMS- und  PISA-Ergebnisse von 2015 alles beherrschende Aspekt ist die Rolle der Schule im Hinblick auf die soziale Ungleichheit. „Inégalités scolaires, la question reste entière“, titelt La Croix. Le Monde ist sogar noch prononcierter, wie das diesen Abschnitt einleitende Zitat zeigt, das an die Schlagzeile des Berichts über PISA 2012 in der gleichen Zeitung anknüpft: „La France championne des inégalités scolaires“.[8]

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Die Zeitung hat am 28.9.2016 –noch vor Veröffentlichung der letzten PISA-Ergebnisse- dieses Schaubild abgedruckt. Es zeigt das Niveau der Ungleichheit im Schulsystem europäischer OECD (OCDE)- Länder, das festgemacht ist an dem Unterschied der Leistungen der Gruppe der besten Schüler/innen einerseits und der Gruppe der schwächsten andererseits. Und es veranschaulicht die Entwicklung der Leistungen der aus benachteiligten sozialen Verhältnissen stammenden Schüler/innen im Fach Mathematik. Grundlage sind die PISA-Studien von 2003 bis 2012. Das Resultat ist für Frankreich sehr ernüchternd:  Das Niveau der Ungleichheit  hat in diesem Zeitraum deutlich zugenommen,  die Schere zwischen den besten und den schwächsten Schüler/innen ist also weiter auseinander gegangen, und die Leistungen der schwächsten französischen Schüler/innen sind in diesem Zeitraum weiter zurückgegangen.

Das im Februar 2014 in Le Monde veröffentlichte Schaubild zur PISA-Studie von 2012 zeigt die große Spreizung der Leistungen französischer Schüler/innen im Fach Mathematik bezogen auf ihren ökonomischen, sozialen  und kulturellen Hintergrund.  Die aus benachteiligten Milieus stammenden Schüler/innen weisen demnach einen Durchschnitt von 442 Punkten auf, die aus bevorzugten Milieus stammenden einen Durchschnitt von 561 Punkten.  Das ist die größte Spreizung unter den  hier zum Vergleich herangezogenen OECD-Ländern. (Deutschland übrigens, wie man  sieht, auf dem wenig schmeichelhaften zweiten Platz).[9]

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Die PISA-Studie von 2015 hat den Trend bestätigt: 8% der französischen Schülerinnen erbringen danach Spitzenleistungen im Bereich der Naturwissenschaften –ein stabiler Prozentsatz- aber 22% gehören zu der Gruppe der Schwächsten, die noch nicht einmal fundamentale Kompetenzen aufweisen. Und etwa 20% eines Jahrgangs schließen ihre Schulausbildung nicht mit einem Diplom ab. Das  sind die sogenannten  décorcheurs, die natürlich auf dem Arbeitsmarkt sehr schlechte Chancen haben.  Besonders bedenklich ist, dass  fast 40% der Schüler aus einem benachteiligten Milieu gehören zur Gruppe der Schwächsten (im Durchschnitt der OECD sind es 34%), und nur 2% der Schüler/innen aus benachteiligten Milieus gehören zur Spitzengruppe, während umgekehrt nur 5% der Schüler/innen aus einem günstigen sozialen Milieu zur Gruppe der Schwächsten gehören. Nach der TIMMS-Studie gehören 11% der französischen Schüler/innen zur Spitzengruppe, aber 45% gehören zur schwächsten  Gruppe: Die französische Schule sei also sicherlich „inégalitaire“, kommentiert Le Monde,  und sie zeichne sich noch nicht einmal durch das Niveau (und die Breite) seiner Elite aus.[10]

Zu Beginn der PISA-Untersuchungen war es noch Deutschland gewesen, wo die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Schulerfolg so ausgeprägt war wie in keinem anderen vergleichbaren Industrieland.[11] Seitdem hat aber Frankreich die „rote Laterne“ übernommen: Frankreich ist „Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit innerhalb der OECD“.[12]

Dieser bei den Berichten über die letzten TIMMS- und PISA-Erhebungen besonders herausgestellte Befund erschüttert das republikanische Ideal der französischen Schule. Über jeder Schule ist der Wahlspruch der französischen Republik eingemeißelt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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Fassade des Collège Alain Fournier in der rue Léon Frot, Paris 11ième

Eine Republik, die die égalité auf ihre Fahnen geschrieben hat, kann zwar gewisse Ungleichheiten akzeptieren  und rechtfertigen, die auf den Unterschieden von Begabung und Anstrengung beruhen; Sie muss aber sicher stellen, dass alle Individuen die gleichen Chancen zum Aufstieg haben. Dies ist die Aufgabe, die im französischen Selbstverständnis der republikanischen Schule zukommt. Ungleichheit in der Schule steht damit im fundamentalen Widerspruch zum republikanischen Ideal und zur Ideologie der Meritokratie, in der allein die Leistung über den gesellschaftlichen Rang entscheidet und nicht die Herkunft.[13]

Als Beispiel für das Funktionieren der Meritokratie wird gerne Najat Vallaud-Belkacem genannt, die als Tochter eines marokkanischen Bauarbeiters im Alter von 5 Jahren  nach Frankreich kam, nach dem Schulbesuch u.a. an der Elitehochschule Science Po studierte und unter Präsident Hollande Bildungsministerin war. (13a)  Deshalb passt zu dem republikanischen Ideal auch die Wertschätzung der  Elite, zu der –und zu deren Einrichtungen-  man in Frankreich  -anders als in Deutschland- ein sehr entspanntes Verhältnis hat. Das zeigen auch die französischen Presseberichte über die internationalen Schuluntersuchungen, in denen –unabhängig vom politischen Standpunkt der jeweiligen Zeitung- ganz selbstverständlich und schon bei den 10-Jährigen von der Elite die Rede ist. Ich finde es in diesem Zusammenhang –um ein Beispiel vom anderen Ende des Altersspektrums zu nennen- übrigens immer bemerkenswert,  wie oft in Todesanzeigen von Le Monde die Eliteschule angegeben ist, auf der der/die Verstorbene ausgebildet wurde: „ancienne élève de l’École normale supérieure“ beispielsweise oder „École centrale Paris 1957“ oder auch schlicht „X 75“ – wobei das X hier für die École polytechnique steht und die 75 für  den Jahrgang. Und manchmal, wenn es eine Eliteeinrichtung wie das lycée Henri Quatre in Paris war, wird sogar das Gymnasium genannt, das der/die Betreffende besucht hat.

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Grabstein auf dem Père Lachaise, 4e division

Dass allerdings ein großer Schatten auf dieses republikanische Ideal der Meritokratie fällt, weiß man nicht erst seit PISA und TIMMS, sondern spätestens seit den Forschungen des französischen Soziologen Bourdieu. Die französischen Eliten reproduzieren sich nämlich weitgehend selbst (13b) und Karrieren wie die von Najad Vallaud-Belkacem sind eher Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Die Eliteschule Sciene Po, die sie besuchte, hat deshalb übrigens vor 15 Jahren eine für Frankreich geradezu revolutionäre Innovation eingeführt: Neben dem scheinbar absolut gleichen und gerechten Zugang über einen hochselektiven, auf die Absolventen von Elitegymnasien und der dazugehörenden Vorbereitungskurse (cours préparatoires) zugeschnittenen Wettbewerb hatte Science Po noch einen weiteren besonderen Zugang für begabte Absolventen von Gymnasien aus sozialen Problemzonen und aus benachteiligten sozialen Milieus eingerichtet. Der Erfolg dieser Maßnahme weist darauf hin, dass das französische Bildungssystem in seiner traditionellen Form nur sehr bedingt dem meritokratischen Ideal entspricht und dass –um es mit einem alten  bildungsdeutschen Terminus auszudrücken- noch erhebliche Bildungsreserven zu mobilisieren sind.

Le Monde zitiert in ihrer Ausgabe vom 3. April 2019 Laurence Boone,  die Chefvolkswirtin der OECD, mit den Worten: „L’ascenseur social est en panne, et depuis longtemps“.  Dass der soziale Fahrstuhl nach oben schon seit langem nicht funktioniere und es an Chancengleichheit fehle, beruhe wesentlich auf dem Schulsystem.

Dies bestätigt auch eine kürzlich vorgelegte empirische Untersuchung des Conseil national d’évaluation du système scolaire (Cnesco): [14] Sie beruht auf der zweijährigen Arbeit von 22 international zusammengesetzten Forschungsgruppen. In der Studie wird von einem immer unerträglicheren Paradox der französischen Schule gesprochen: Auf der einen Seite sei in der Politik  ständig von dem Willen die Rede,  eine republikanische Schule als Motor der sozialen Gerechtigkeit und Basis des Modells einer Integration à la française zu entwickeln. Auf der anderen Seite zeigten die  PISA-Untersuchungen eine starke Zunahme der durch sozialen Status und durch Zuwanderung bedingten Ungleichheiten. Während Frankreich noch in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends  diesbezüglich ein „élève moyen“ gewesen sei, befinde es sich nun, was die Ungleichheit in der Schule angehe,  ganz am Ende der Rangliste der OECD.  Die französische Schule trage also weiter dazu bei, soziale Ungleichheit zu reproduzieren Die Schule übernehme von den Familien Ungleichheiten, aber auf allen Stufen der Schullaufbahn würden diese  noch verstärkt.[15]   Le Monde  (28. September) versieht ihre Darstellung der Studie denn auch mit der Schlagzeile: „L’école aggrave les inégalités sociales“: Die Schule verschärft die sozialen Ungleichheiten.

Allerdings ist diese Position umstritten. In dem  Magazin „Alternatives Economique“  hat Louis Maurin, Direktor des „Observatoire des inégalités“ – so etwas gibt es in Frankreich!- einen Artikel veröffentlicht, der die Gegenthese zum Titel hat: „Non, l’école n’augmente pas les inégalités“. Beispielsweise würden jetzt wesentlich mehr  Schüler, auch solche aus benachteiligten Schichten das baccalauréat erreichen – wobei Maurin allerdings einräumt, dass durch dessen unterschiedliche und hierarchisierte  Formen die Ungleichheit denn doch reproduziert werde. Sein Fazit ist ein anderes, aber ein kaum weniger bedrückendes: Er sieht eine erhebliche  Diskrepanz zwischen dem offiziellen Diskurs der schulischen  Gleichheit und einer schulischen  Realität, in der sich die Schüler aus benachteiligten Schichten mit einer außerordentlichen Härte zurückgewiesen fühlten. Das befördere soziale Spannungen und sei eine vergessene Ursache des Aufstiegs der extremen  Rechten:

„Le système français n’est pas le pire au monde, il est hypocrite. Ce qui fâche, ce n’est pas ce qu’il est, mais l’écart entre un discours sur l’égalité scolaire et la réalité vécue par les « non-initiés », les milieux populaires. Le rejet de ces derniers par le système est d’une rare violence et il nourrit les tensions sociales. C’est l’un des piliers oubliés de la montée de l’extrême droite.“ (15a)

Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen

Für die Sozialisten und die Bildungsministerin sind die Ergebnisse von TIMMS und PISA die Quittung für eine zehnjährige verfehlte Bildungspolitik unter Sarkozy/Fillon, die unter anderem von einem massiven Stellenabbau im Schulbereich und einem Kahlschlag der Lehrerausbildung geprägt gewesen sei. Unter der Präsidentschaft Hollandes dagegen habe die Bildung absolute Priorität erhalten, es seien 60 000 neue Stellen geschaffen worden, die die Schüler/innen (und auch Eltern) extrem belastende schulische Viertagewoche (mit einem schulfreien Mittwoch) sei abgeschafft worden (réform des rythmes scolaires),   der vernachlässigte Primarschulbereich sei gezielt gefördert und die Lehrerausbildung mit der Einführung eines einjährigen Referendariats wieder institutionalisiert worden. Dazu habe es eine ganze Reihe inhaltlicher Reformen gegeben, so dass der 2012 beim Amtsantritt Hollandes geprägte Begriff einer „refondation de l’école“ seine volle Berechtigung habe. TIMMS und PISA bestätigten nur die Notwendigkeit der angestoßenen Reformen. In einer Stellungnahme der Regierung zu TIMMS werden dann auch vielfältige Projekte der Regierung aufgelistet und jeweils –weil auf den Weg gebracht- mit einem Haken versehen. Das zeigt ein hohes Maß an Selbstzufriedenheit, die allerdings insofern nicht so ganz überzeugend ist, als man die angekündigte Darstellung der Ergebnisse vergeblich sucht. Vielleicht war deren  Präsentation der Regierung dann doch etwas peinlich, weil man hier deutlich weniger eindeutig als bei PISA den Vorgängerregierungen die Verantwortung zuschieben kann.[16]

Für die Republikaner und deren Sympathisanten ist die Sachlage natürlich ebenfalls eindeutig, wenn auch in entgegengesetzter Weise. Dass Frankreich den traurigen Titel eines Spitzenreiters der sozialen Ungleichheiten in der Schule behalten habe, bedeute das Scheitern der Politik der sozialistischen Bildungsministerin, schreibt die für Bildung zuständige Abgeordnete der Republikaner auf Twitter.

« La France conserve son triste titre de championne des inégalités sociales à l’école ! Échec de la politique de @najatvb ».[17]

Und der Leitartikler des Figaro sieht in den Ergebnissen der PISA-Studie eine Bestrafung des leistungsfeindlichen „égalitarisme“, von dem die  Bildungsministerin besessen sei.  Unklar bleibt dabei allerdings, wie sich der Autor die von ihm selbst konstatierte „Abfolge jämmerlicher PISA- Resultate“ Frankreichs erklärt, die ja eher in die Verantwortung des republikanischen Präsidenten Sarkozy fallen.[18]

Als Beleg für den behaupteten „égalitarisme“ wird vom Figaro die von der sozialistischen Regierung zunächst geplante weitgehende Abschaffung der „classes bilangues“ angeführt.

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Demonstration gegen die Unterdrückung der classes bilangues in Lyon vom  19. Mai 2015

In den classes bilangues wurden/werde von der ersten Klasse (6ième) des  Collège an zwei Fremdsprachen parallel unterrichtet. Die zweite Fremdsprache war –neben dem Englischen- oft das Deutsche, das als besonders schwere Fremdsprache gilt. So hatten die classes bilangues den Ruf, besonders leistungsstarke Schüler, allerdings vor allem  Kinder aus sowieso schon bevorteilten Milieus anzuziehen und damit die gewünschte schulische mixité sociale zu beeinträchtigen. Und natürlich beanspruchte dieses Modell zusätzliche personelle Ressourcen.  Mit der weitgehenden Abschaffung der classes bilangues hätte das Erlernen  der deutschen Sprache einen schweren Rückschlag erlitten. Diese „Reform“ stand damit im Widerspruch zum Elysée-Vertrag, in dem sich die deutsche und französische Regierung ausdrücklich verpflichtet haben, „konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der deutschen Schüler zu erhöhen, die die französische Sprache erlernen und die der französischen Schüler, die die deutsche Sprache erlernen.“[19] Das hat dann auch die deutsche Diplomatie und französische Germanophile wie den ehemaligen Regierungschef und jetzigen Außenminister Ayrault auf den Plan gerufen. Und es waren dann ausgerechnet viele „Brennpunkt-Schulen“, die sich sehr energisch für die Beibehaltung des bisherigen  Modells eingesetzt haben, weil es gerade ein Mittel sei, ein Mindestmaß sozialer Vielfalt an ihren Schulen zu ermöglichen. Die Proteste waren denn auch nicht  ganz vergeblich. Zwar bleibt es dabei, dass nur dort noch classes bilangues eingerichtet werden dürfen, wo die (neben dem Englischen) betroffene zweite Sprache schon in der Grundschule unterrichtet wurde. Aber immerhin wurde inzwischen die Zahl der Deutsch unterrichtenden Grundschulen wesentlich erhöht, so dass der Kahlschlag nicht ganz so verheerend ausfallen wird. Ein Problem dabei sind allerdings die krassen regionalen Disparitäten: In dem sowieso schon privilegierten Paris bleibt alles beim Alten, in anderen Akademien (Schulbezirken) dagegen werden die classes bilangues (fast) völlig verschwinden.[20]

Dieser Aspekt der schulischen Reformpolitik unter Präsident Hollande ist sicherlich kein Ruhmesblatt. Und insofern muss sich auch die Bildungsministerin Vallaud-Belkacem  angesprochen fühlen, wenn das Cnesco in einer Stellungnahme zu TIMMS und PISA darauf hinweist, dass in den am besten abschneidenden Ländern eine kontinuierliche, verlässliche, an der Wissenschaft und nicht an ideologischen Vorgaben orientierte Bildungspolitik betrieben werde.[21]

 

Wie kann/sollte es weiter gehen?

Dass substantielle Änderungen des französischen Schulsystems notwendig waren und sind, ist völlig unbestreitbar, und es gibt wohl kein politisches Handlungsfeld, das in der Zeit des Hollande’schen quinquennat so kontinuierlich und entschieden beackert wurde. Das würdigt auch die OECD und fordert dazu auf, den angestoßenen Reformen die erforderliche Zeit zu geben: Eine kaum verhüllte Aufforderung an eine neue und voraussichtlich rechte Regierung. Weiteren Handlungsbedarf gibt es allerdings durchaus noch.

Anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse von TIMSS und PISA wurden entsprechende Handlungsfelder benannt und diskutiert. Einige –nach meiner Beobachtung häufig angesprochene und nach meiner Einschätzung auch wichtige-  sollen nachfolgend/abschließend kurz  skizziert werden.

 

Status und Ansehen des Lehrerberufs

Ein Grundproblem des französischen Schulwesens besteht nach Ansicht vieler Kommentatoren und vor allem vieler Betroffener darin, dass das Prestige des Lehrerberufs  in Frankreich ziemlich gering sei. Für Lehrkräfte, die nach einem hochselektiven  Wettbewerb den Titel eines „agrégé“ erworben haben, gilt das allerdings kaum. Allein aufgrund ihres Status ist ihre Unterrichtsverpflichtung geringer und ihr Gehalt höher als bei den Kolleg/innen, die die gleiche Arbeit machen. Oft unterrichten agrégés ganz oder teilweise in den sogenannten classes préparatoires, durch die Absolventen des französischen Abiturs (baccalaureat) auf die Aufnahmeprüfungen der Elite(hoch)schulen vorbereitet werden. Der frühere Bildungsminister Peillon wollte die Privilegien dieser hervorgehobenen Gruppe  zugunsten der Lehrkräfte in Problemzonen zwar beschneiden, ist damit aber  gescheitert: Die classes préparatoires sind ein traditioneller Bestandteil der französischen Elitenreproduktion, an dem man nicht ungestraft rütteln darf.  „Normale“ Lehrkräfte in Frankreich sind allerdings deutlich schlechter dran.  Sie verdienen zu Beginn ihrer Laufbahn netto etwa 1650€ und 30 Jahre später maximal ca. 3000€.[22]  Kein Wunder also, dass es einen Mangel an qualifizierten Lehramtsbewerber/innen gibt, so dass nicht alle freie Stellen besetzt werden können, und zwar besonders in Fächern wie Mathematik, wo man an anderer Stelle bessere Aussichten hat.[23]

Unsere französischen Freunde, die Lehrer sind, verweisen gerne auf Deutschland, wo die Lehrer wesentlich besser bezahlt würden. In dem nachfolgenden Schaubild werden die Gehälter von Grundschullehrer/innen mit 10-jähriger Berufserfahrung in ausgewählten Ländern der OECD verglichen.[24] Damit ist die Frage, ob französische Lehrkräfte schlecht bezahlt seien, anschaulich und eindeutig beantwortet. Allerdings ist die Vergleichsbasis das Jahr 2012. Seitdem hat sich die Situation etwas geändert: Der Status und das Gehalt der Grundschullehrer/innen wurde deutlich angehoben- auch sprachlich: Früher waren das „instituteurs bzw. institutrices“ – jetzt sind sie zu „professeurs des écoles“ avanciert. Und die französische Bildungsministerin hat für die Zeit von 2017 bis 2020 deutliche Gehaltserhöhungen für Lehrkräfte angekündigt. Der Abstand zur Lehrerbesoldung in anderen Ländern der OECD solle verringert werden.[25]

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Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung

Nach Überzeugung von Éric Charbonnier, dem Bildungsexperten der OECD, gibt es zwei wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg eines Bildungssystems: Der Status der Lehrkräfte, der im Zusammenhang mit ihrer Bezahlung zu sehen sei, und die Qualität der Lehrerausbildung. Um sie geht es denn auch in diesem Abschnitt.[26]

Unter der Präsidentschaft Sarkozys gab es einen völligen Kahlschlag der Lehrerausbildung- die Wirtschaftszeitung Les Echos spricht von einer „liquidation de la formation“ du quinquennat 2007-2012. Die –unseren  Studienseminaren vergleichbaren- IUFMs (Instituts universitaires de formation des maîtres) wurden aufgelöst, ohne dass eine entsprechende Alternative geschaffen worden wäre.  Dies geschah dann 2013 (Einrichtung der sogenannten ESPEs- der écoles supérieures du professorat et de l’éducation ),  also unter der Präsidentschaft Hollandes. Aber nach wie vor werden Lehrer in Frankreich fast ausschließlich  aufgrund ihrer akademischen Leistungen in ihrem Studien- und späteren  Unterrichtsfach eingestellt. Die pädagogische Ausbildung erfolgt  erst anschließend, was nach Ansicht mancher Beobachter nicht ausreicht. Les Echos zitiert einen Experten mit folgenden Worten: „Man würde keinen Ingenieur oder Mediziner akzeptieren, der so ausgebildet wäre. Man würde einem Studenten sagen: ‚Sie sind  gut in Biologie, Sie gehen jetzt  noch ein bisschen an eine Klinik, dann sind Sie Mediziner.‘“[27]

Theoretisch ist es zwar möglich, dass ein Lehramtsbewerber, der den capes erfolgreich absolviert hat, nach dem Referendariat nicht titularisiert, also dauerhaft in den Schuldienst übernommen wird. Ich verfüge über keine statistischen Angaben, wie oft so etwas passiert. Aber „insider“ versichern, dass man dazu schon silberne Löffel stehlen müsse oder ein Verhältnis mit einem/r Schüler/in eingegangen sei. Bei pädagogischer Unfähigkeit seien eher eine Verlängerung des Referendariats oder eine Versetzung üblich. (27a)

Ein Problem der Ausbildung von Grundschullehrern (professeurs des écoles) ist nach vielfacher Ansicht, dass die Ausbildung „polyvalent“ angelegt ist, wobei der Schwerpunkt überwiegend bei den Geisteswissenschaften liegt. Deshalb hätten die professeurs des écoles auch mehr Probleme als die Lehrer anderer Staaten, den Unterricht in Mathematik motivierend und differenziert zu gestalten.[28]

Ganz finster sieht es nach Le Monde (a.a.O.) in Frankreich bei der kontinuierlichen Weiterbildung der Lehrkräfte aus, die „quasi inexistent“ sei. Wie wichtig aber die Weiterbildung ist, macht der Conseil national d’évaluation du système scolaire (CNESCO) in einer Auswertung der Ergebnisse von PISA und TIMMS deutlich: Er vergleicht nämlich die pädagogische Fortbildung von Lehrkräften in Singapur und Frankreich und kommt zu dem Ergebnis, dass  die Diskrepanz zwischen der intensiven Fortbildung in Singapur und der rudimentären in Frankreich ein wesentlicher Grund für das unterschiedliche Abschneiden beider Länder in den Vergleichsstudien sei.[29]

Die Problematik des Fehlens einer systematischen Lehrerfortbildung in Frankreich ist gerade erst kürzlich wieder offenkundig geworden: Im Rahmen der Reform des collège wurde auch ein Element fächerübergreifenden Projektunterrichts etabliert. Es sind dies die sogenannten EPIs (enseignements pratiques interdisciplinaires). Die ihnen zugeschriebenen Aufgaben sind beträchtlich: Die Schüler sollen sich mit ihrer Hilfe abstrakte Gegenstände besser aneignen; sie sollen den Schülern den Sinn ihrer Lerngegenstände verständlich machen, indem sie sie miteinander verknüpfen und in den Zusammenhang gemeinsamer Projekte stellen; sie sollen neue Wege des Lernens und des Arbeitens eröffnen.[30] Allerdings werden die Lehrkräfte bei der Bewältigung dieses anspruchsvollen und für französische Verhältnisse geradezu revolutionären Reformprojekts ziemlich alleine gelassen. Und das ist, wie uns eine befreundete betroffene Kollegin sagte, sehr zurückhaltend formuliert ist („ziemlich est trop gentil et prudent“). Sie kenne keinen einzigen Lehrer, der eine Fortbildung erhalten habe, die diesen Namen verdiene. Im Allgemeinen habe man sich darauf beschränkt, je zwei Kollegen eines collège zu einer Informationsveranstaltung einzuladen. Das sei alles gewesen. Es fehlt also an Weiterbildung, aber es fehlt auch innerhalb der Schulen an einem Rahmen für die Kooperation der betroffenen Lehrkräfte. So hängt es von dem zusätzlichen Engagement einzelner Kolleg/innen ab (und von den jeweiligen  Schulleitungen), inwieweit dieses Projekt dann tatsächlich umgesetzt und mit Leben erfüllt wird. Und das gilt wohl auch für das  accompagnement personnalisé, ein Programm der gezielten Förderung besonders derjenigen Schüler/innen, die einer besonderen Förderung bedürfen. Dieses Programm ist seit dem Schuljahr 2016/17 von der Eingangsklasse des collège (der sixième) auf die nachfolgenden Klassen (5e, 4e und 3e) ausgeweitet worden. Allerdings wurden dafür keine zusätzlichen Stunden zur Verfügung gestellt. Also auch hier wieder gute Absichten, die aber nach Einschätzung der schon zitierten  betroffenen Kollegin, sozusagen völlig in der Luft hängen…

Unterrichtsmethoden

Dass das französische Schulsystem auch noch Verbesserungspotential bei der Unterrichtsgestaltung hat, wird selbst von offizieller Seite anerkannt. In einer aktuellen Übersicht der französischen Botschaft in Berlin über die Reformmaßnahmen im Bildungswesen wird festgestellt:

Der oft noch sehr lehrerzentrierte Unterricht soll durch neue Lehrformen modernisiert werden: Durch verstärkte Gruppenarbeit und Projekt bezogenes Lernen sollen Selbstständigkeit, Experimentierfreudigkeit und das Ausdrucksvermögen der Schüler gefördert werden.“[31]

Mich überrascht dieser Befund nicht sonderlich, weil er sich mit meinen –allerdings schon einige Jahre zurück liegenden-  Erfahrungen deckt: Französische Referendare (professeurs stagiaires), die einen Teil ihrer Ausbildung an dem Frankfurter Studienseminar verbrachten, hatten in ihrer bisherigen Ausbildung oft noch nie eine Gruppenarbeit als Schüler/in erlebt, als Referendar/in gesehen, geschweige denn selbst praktiziert- genau so wenig wie andere kooperative und aktivierende  Unterrichtsmethoden.  Seitdem hat sich zwar  einiges geändert-  was nicht zuletzt unsere französischen Lehrerfreunde beweisen- aber die Beharrungskräfte sind offenbar erheblich.

Das bestätigt auch eine französische Lehrerin, die 10 Jahre lang in Frankreich  an einem deutsch-französischen Gymnasium unterrichtet hat. In  Libération ist ein Erfahrungsbericht von ihr veröffentlicht, der dazu beitragen soll, zu erklären, warum Deutschland bei der PISA- Untersuchung besser abgeschnitten hat als Frankreich:

«J’ai enseigné dix ans en France, dans un lycée franco-allemand. Il y a des différences bien sûr, notamment dans notre façon d’enseigner. En Allemagne, le cours magistral est plus rare qu’en France, on sollicite beaucoup plus les élèves en classe, on insiste plus sur les méthodes (discuter, argumenter…). Du coup, nos élèves n’ont pas les mêmes comportements. Les Allemands discutent même les notes !“ [32]

Die Veränderung einer altehrwürdigen eingefahrenen Unterrichtskultur ist natürlich höchst anspruchsvoll und langwierig.[33] Deshalb  ist ein quantitativer Ansatz zur Kompetenz- Verbesserung plakativer und einfacher umzusetzen als ein qualitativer Ansatz. Also fordert François Fillon in seinem Wahlprogramm einen Ausbau des Mathematik-Unterrichts in der Grundschule, um den Standard der französischen Schüler/innen anzuheben. Dabei haben die zu TIMMS herangezogenen Grundschüler in Frankreich wesentlich mehr Mathematik-Unterricht als die Schüler/innen in Schweden, Finnland und Polen, wo die TIMMS-Ergebnisse deutlich besser waren. Und in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abschlussklasse des Gymnasiums ist Frankreich –nach dem Libanon- sogar Spitzenreiter in der Zahl der Mathematik-Stunden. Die Masse allein macht es also nicht, ein rein quantitativer Ansatz der Reform ist zumindest unzureichend.[34]

Die Politik der „éducation prioritaire“

Hier handelt es sich um eine Politik der besonderen Förderung von Schulen in Problemvierteln bzw. von Schulen, deren Schüler überwiegend aus einem sozial benachteiligten Milieu stammen. Eine solche besondere Förderung gibt es in Frankreich in verschiedenen Formen und unter verschiedenen Bezeichnungen seit 1981. Damals wurden die sogenannten ZEPs geschaffen, die zones d’éducation prioritaire. Ziel der ZEPs war es, die soziale Ungleichheit durch eine besondere Bildungsförderung in den Gebieten zu korrigieren, in denen das schulische Scheitern von Schüler/innen besonders hoch war – in Deutschland spricht man da von Brennpunktschulen oder Schulen mit besonderen Förderbedarf. Eine solche Prioritätensetzung bedeutete in Frankreich einen Bruch mit dem traditionellen Verständnis der „égalité“. Statt dessen spricht man in der Schulpolitik jetzt gerne von der „égalité réelle“ oder der  „équité“, die darin besteht,  denen mehr zu geben, die es am nötigsten haben, um entsprechend dem Ideal der Schule herkunftsbedingte Disparitäten im Schulbereich abzubauen. Und die sind ja, wie die aktuellen internationalen Vergleichsstudien gezeigt haben, in Frankreich besonders groß. In der Begründung ihrer „éducation prioritaire“ bestätigte die Regierung das 2014 ausdrücklich: Die Beziehung zwischen dem sozio-ökonomischen Niveau der Familien und dem Schulerfolg der Kinder sei in Frankreich noch nie so intensiv  gewesen. Frankreich sei das Land der OECD, in dem der „déterminisme social“ so ausgeprägt sei wie in keinem anderen Land der OECD.[35]

Die sozialistische Schulpolitik unter Präsident Hollande hatte sich vorgenommen, das zu ändern und sich dabei ehrgeizige Ziele gesetzt: Der Unterschied zwischen dem schulischen Erfolg von Schülern der éducation prioritaire und den  anderen Schülern in Frankreich solle auf weniger als 10% reduziert werden. Zu diesem Zweck wurden die ZEPs ersetzt durch die sogenannten REP oder REP+, d.h. durch knapp 1100 „réseaux d’éducation prioritaire“ oder „super-prioritaire“, also Verbundschulen, die jeweils ein Collège, also eine Gesamtschule, und mit ihr verbundene weitere Schulen, also z.B. Grundschulen, umfassen. Damit wurde die 1981 geschaffene und seitdem nur unwesentlich veränderte Landkarte der Förderschulen den aktuellen sozio-ökonomischen Gegebenheiten angepasst. Im Schuljahr 2015/2016  besuchten knapp 20 % der Grundschüler, etwas über  20% der Gesamtschüler und 2% der Gymnasiasten solche Förderschulen.[36]

Die Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, sind allerdings beträchtlich:

  • Nach welchen Kriterien wird Schulen der Status einer Förderschule oder sogar einer „Super-Förderschule“ zuerkannt?
  • Welche zusätzlichen Mittel/Kompetenzen erhalten diese Schulen?
  • Sind diese Mittel tatsächlich geeignet, eine substantielle Verbesserung der Situation zu erreichen?
  • Kann der Status einer REP oder REP+-Schule auch eine stigmatisierende Wirkung haben und damit die gewünschte schulische „mixité sociale“ eher beeinträchtigen als fördern?
  • Soll die soziale Durchmischung von Schulen auch durch administrative Maßnahmen gefördert oder gar dekretiert werden?

Die Zuweisung von Schulen zu dem REP- oder REP+ Programm erfolgt nach einem Index, der von der Direction de l’évaluation, de la prospective et de la performance“ [DEPP] des Erziehungsministeriums entwickelt wurde. In diesen Index gehen verschiedene Faktoren ein wie  das Maß schulischen Misserfolgs, der Anteil der Schüler aus Problemvierteln (den ZUS – zone urbaine sensible) und derer, die staatliche Unterstützung erhalten.  Beteiligt an der Festlegung sind die Departements, die Schulverwaltungsbezirke (académies) und natürlich das Erziehungsministerium. Dass offenbar schon vorab die Zahl der REP+ Bezirke auf 350 begrenzt wurde, deutet darauf hin, dass auch finanzielle Erwägungen eine Rolle gespielt haben.

Immerhin erhalten die REP und REP+ Schulen einige Vorteile: Die Zahl der Schüler pro Klasse wird reduziert, eine Weiterbildung wenigstens dieser Lehrkräfte soll institutionalisiert werden. Lehrkräfte erhalten eine zusätzliche Vergütung von 2312 € im Jahr und es werden eineinhalb Stunden für Kooperation und Projektarbeit auf die Unterrichtsverpflichtung angerechnet. Und schließlich werden auch die Beförderungsbedingungen für Lehrkräfte an Förderschulen verbessert.[37]

Trotzdem ist es offensichtlich nach wie vor wenig attraktiv für Lehrkräfte, an einer Förderschule zu arbeiten. Zu Schuljahresbeginn 2016/2017 hatten sich lediglich 12% der neu an REP- Schulen eingesetzten Lehrkräfte freiwillig dorthin gemeldet –zwar doppelt so viele wie ein Jahr davor; aber das bedeutet andererseits, dass die überwiegende Mehrheit der neuen Lehrkräfte dort nicht tätig sein wollten.  Weil sie aber im Wettbewerb um eine Planstelle nicht gut genug abgeschnitten haben, setzt der Staat sie eben dort ein, wo die vor ihnen in der Rangliste Platzierten nicht hin wollen.  Und das bedeutet weiterhin, dass Lehrkräfte an REP-Schulen voraussichtlich versuchen werden, so schnell wie möglich an eine andere Schule versetzt zu werden. Also sind in Frankreich die benachteiligten Schulen auch die, wo es wenig personelle Kontinuität gibt und „wo die Lehrkräfte am unerfahrensten sind“, wie der Bildungsforscher Julien Grenet kürzlich feststellte.  Kritisch sieht Grenet auch, dass die Reduzierung von Klassengrößen an den REPs nicht ausreiche, um die gewünschten Verbesserungen zu erreichen. Da müsse man schon die Klassengrößen halbieren und nicht nur um 10% reduzieren.[38]

In ihrem im September 2016 veröffentlichten –und oben schon zitierten-  Bericht des cnesco werden denn auch einerseits die Anstrengungen der Regierung zur Verbesserung der éducation prioritaire gewürdigt, andererseits wird aber auch festgestellt, dass es bei der Umsetzung der Maßnahmen vor Ort teilweise erhebliche Probleme gibt. Kritisch beurteilt wird auch, dass die éducation prioritaire von ursprünglich etwa 10% der Schüler auf etwa 20% ausgeweitet worden sei. Das habe zu einer Verwässerung der Mittel geführt, während eine noch stärkere Konzentration auf die schwierigsten Schulen notwendig gewesen wäre. Vor allem aber fördere die éducation prioritaire eher die „ségrégation sociale et académique“ statt sie zu reduzieren: Die dort unterrichteten Schüler/innen seien stigmatisiert, die schulischen Erwartungen würden reduziert, das Schulklima sei angespannt. Und Familien, die dazu in der Lage seien, würden ihre Kinder eher auf andere (Privat-)Schulen schicken, so dass gewissermaßen ein Teufelskreis entsteht.[39] Dass z.B. aufstiegsorientierte Eltern (auch solche mit „Migrationshintergrund“, die dazu in der Lage sind, sogar einen Umzug in Kauf nehmen, um eine „Problemschule“ für ihre Kinder zu umgehen, hat kürzlich Géraldine Smith in ihrem  Buch Rue Jean-Pierre Timbaud am Beispiel Belleville beschrieben.[40] Und es gibt auch -am anderen Ende der Sozialskala-  Anstrengungen sogenannter gut-bürgerlicher Eltern, ihre Kinder um jeden Preis auf eines der Pariser Elite-Gymnasium zu schicken:  Vor einiger Zeit wurde im französischen  Fernsehen berichtet,  dass Besenkammern im Umkreis des Lycée Henri Quatre in Paris für über 10 000 Euro pro Quadratmeter gekauft würden, um sich so eine den Zugang zum HQ eröffnende Adresse zu sichern.

Damit ist das Thema der in Frankreich heiß diskutierten „mixité sociale“ an den Schulen angesprochen.[41] Die Erziehungsministerin Vallaud-Belkacem möchte zwar den „séparatisme social in den Schulen bekämpfen. Geschehen sei bisher aber wenig- so jedenfalls die Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty –bekannt geworden durch seinen Bestseller „Das Kapital  im 21. Jahrhundert“. In einem Beitrag für Le Monde vom 6.9.2016 stellt er fest, das Niveau derségrégation sociale“ habe an französischen Gesamtschulen ein unerträgliches Niveau erreicht. Die Erziehungsministerin  und die Stadt Paris hätten zwar schon für das Schuljahr 2016/2017 Maßnahmen zur Verbesserung der Situation angekündigt, man sei aber nicht über die Rhetorik hinausgekommen.[42]

Allerdings ist die Herstellung einer größeren „mixité sociale“ an Schulen besonders schwierig, weil es ganze  Gebiete in Frankreich gibt, vor allem im Bereich der sogenannten banlieues, in denen nach den Worten des früheren Ministerpräsidenten Manuel Valls ein faktisches System der territorialen, sozialen und ethnischen Apartheid herrscht. Da  müsste der Staat schon außerordentlich rigoros vorgehen, um auf administrativem Wege eine soziale Durchmischung an Schulen durchzusetzen.[43] Piketty zeigt aber andererseits am Beispiel von Paris, dass die soziale Segregation oft selbst innerhalb kleiner städtischer Räume verlaufe, so dass dort eine stärkere mixité sociale ohne den Nachteil längerer und zeitaufwändiger Transportwege herstellbar sei.

Thomas Piketty fordert darüber hinaus, dass bei der Betrachtung der ségrégation sociale auch die Privatschulen einbezogen  werden müssten, die zum Beispiel in Paris  eine bedeutende Stellung einnähmen. 2015 hätten immerhin 34 % der Pariser Schüler/innen private collèges besucht. Und das private Schulsystem praktiziere „einen fast vollständigen Ausschluss der benachteiligten sozialen  Schichten“ und trage so ganz erheblich zur schulischen ségrégation in ihrer Gesamtheit bei. Pickety fordert deshalb, dass in die staatliche Zuweisung von Schüler/innen auch die Privatschulen einbezogen werden müssten. Man könne da zwar schon den Aufschrei empörter Eltern und Lehrkräfte der Privatschulen hören, aber schließlich würden sie vom Staat mit erheblichen Mitteln gefördert und müssten sich ja auch schon in ihren Lehrplänen an staatliche Vorgaben anpassen. Andere Länder seien da schon wesentlich weiter.

Die französische Bildungsministerin hat umgehend auf diese Kritik geantwortet: Man müsse mit dem  typisch französischen Mythos einer globalen und einheitlichen politisch-technokratischen Lösung des Problems brechen. Notwendig sei es, vor Ort für eine verstärkte mixité sociale zu werben und eher Verbündete als Sündenböcke zu suchen. Dieses pragmatische Vorgehen, das die  Erziehungsministerin noch einmal auf einer Tagung zur mixité sociale an den collèges am 13. Dezember 2016 begründet und verteidigt hat, mag richtig sein, aber rasche Ergebnisse wird man so nicht erwarten können.[44]

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Der deutsche Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer- Landrut,  hat im Herbst 2016 bei einer Podiumsdiskussion im Maison Heinrich Heine das französische Schulsystem zu den Stärken des Landes gezählt und damit einiges skeptische Kopfschütteln provoziert. Seine Einschätzung mag für den Bereich der Elitenförderung gelten, insgesamt kaum. Nicht nur ist  der Anteil extrem leistungsschwacher Schüler/innen, sondern auch der Einfluss der sozialen und ethnischen Herkunft auf den  Schulerfolg in Frankreich  besonders groß. Sollen der gesellschaftliche Zusammenhalt des Landes und  seine wirtschaftliche Zukunft gesichert werden, sind Verbesserungen unabdingbar. Die Schulpolitik unter Präsident Hollande hat versucht, einige wichtige Weichenstellungen und Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, die Verbesserungen bewirken könnten. Wirkungen konnten sie aber (noch) nicht entfalten, wie die aktuellen internationalen Vergleichsstudien zeigen. Ein Urteil über die Schulpolitik Hollandes kann aber, wie die Zeitung La Croix schreibt, erst vorgenommen werden, wenn die Ergebnisse von PiSA 2018 oder sogar 2021 vorliegen.[45] Allerdings  gibt es dann vielleicht einen republikanischen Präsidenten, der die Schulpolitik wieder ganz anders ausrichten könnte und mögliche Erfolge seiner eigenen  Politik zuschreiben würde bzw. weitere Misserfolge der Politik seines Vorgängers.

eingestellt 21. Januar 2017

 

Ergänzung März 2017:

Am 15. März 2017 veröffentlichte Le Monde im Rahmen einer Serie von Artikeln zur  Präsidentschaftswahl auch eine ernüchternde Bilanz der französischen Bildungspolitik, die die Darstellungen in dem obigen Blog-Beitrag bestätigt. Daraus einige Auszüge:

Education: la fabrique des inégalités

Les fractures françaises. Ségrégation en hausse, échec scolaire massif, moyens inéquitablement répartis… Malgré le pricip de l’égalité des chances, l’école est marquée par une profonde injustice ésulsociale, que le système renforce au lieu de la corriger.

C’est un constat sur l’école que personne  ne peut plus ignorer. Tous les observateurs du  système éducatif, toutes les évaluations, qu’elles que soient nationales ou internationales, le répètent: l’école françaises est  inégalitaire. Le fossé ne cesse de se creuser entre une élite, aux résultats toujours meilleurs, et des enfants socialement défavorisés, toujours plus nombreux à faire l’expérience de l’échec scolaire,

Das wird im Einzelnen erläutert und belegt, u.a. gestützt auf die Ergebnisse der PISA-Untersuchungen:

„40% des élèves issus de milieux dévavorisés sont en difficultße, selon la dernière enquête parue en décembre 2016, et seulement 2% d’entre eux peuvent prétendre au titre de premier de la classe. La démonstration a été faite pour les sciences, mais elle tient aussi pour les autres disciplines.

„On sait …   que  la mixité des niveaux scolaires et des milieux sociaux- chantier dont la gauche ne s’est emparée qu’en toute  fin de quinquennat- es tun facteur essentiel de réussite. Or, la ségrégations sociale ne fait qu’augmenter dans les zones urbaines. A Paris, où le niveau de ségrégation atteint ‚des sommets inacceptables‘ dénoncés dans Le Monde par l’économiste Thomas Piketty, certains collèges ne comptent quasiment aucun élève défavorisé (moins de 1%), quand d’autres en acueillent plus de 60%“.

….

„L’observateur extérieur de l’école peut avoir le sentiment que tout fonctionne en dépit du bon sens: on affecte dans les territoires les plus difficiles les jeunes professeurs sans expérience (…) . Alors même que la stabilité des équipes, dans un établissement, est facteur de réussite, le système crée les conditions d’un turnover, puisque au bout de cinq ans en zone d’éducation prioritaire (ZEP) le jeune professeur peut prétendre, grâce aux point cumulés, à aller enseigner ailleurs. Dans certains collèges de ZEP, de 50% à 80% de l’équipe demande à partir chaque année. Et combien de contractuels, non formés, pour combler les places vacantes?“

„Des effectifs d’élèves plus réduits en classes pourraient aider les enseignants à relever le défi.. Mais trente années de politique d’éducation prioritaire n’ont pas permis de les réduire significativement. In fine, l’Etat donne ‚plus à ceux qui ont plus‘…. En 2012, la Cour des comptes révélait ainsi que l’Etat dépensait 47% de plus pour former un élève parisien qu’un élève des banlieues. Si des réformes ont été menées sous ce quinquennat au nom de la justice sociale (…) on n’inverse pas la tendance du jour au lendemain.“

 

Ergänzung Dezember 2017

Im Dezember 2017 wurden die Ergebnisse einer weiteren internationalen Vergleichsstudie (PIRLS)  veröffentlicht. In dieser Studie wird die Fähigkeit 9 bis 10-Jähriger Schüler/innen untersucht, Texte zu lesen und zu verstehen. Die Ergebnisse der französischen Schüler/innen sind dabei im europäischen Vergleich ausgesprochen dürftig: Nur der frankophone Teil Belgiens und Malta schneiden in Europa schlechter ab. Und auch im Vergleich mit den französischen Ergebnissen der früheren Vergleichsstudien von 2011 und 2001 schneiden die französischen Schüler 2016 schlechter ab.

Les résultats de PIRLS 2016 montrent une nouvelle chute, encore plus importante, du niveau en lecture des écoliers. L’évaluation internationale observe le niveau en lecture de 50 pays de l’OCDE. La France se situe en bas du classement européen en lecture. Seuls la Belgique francophone et Malte font pire que nous en Europe.  Pire que ce décrochage par rapport aux autres pays de l’OCDE, nous décrochons par rapport à nous mêmes puisqu’on observe une nette perte de niveau entre 2011 et 2016. Le niveau moyen des élèves de CM1 a reculé depuis PIRLS 2011 et même depuis PIRLS 2001. Ces résultats interrogent la façon dont l’Ecole est gérée . Mais aussi plus globalement la place du livre dans la société et les inégalités sociales comme le montrent les résultats.

 

aus: http://www.cafepedagogique.net/lexpresso/Pages/2017/12/06122017Article636481420943000310.aspx

Für den neuen Minister der éducation nationale, Jean-Michel Blanquer, ist das ein Alarmsignal. Die  Studie zeige, dass das französische Schulsystem zu viel Ungleichheit produziere. (L’éducation nationale crée trop d’inégalités“). 20% aller französischen Kinder seien, wie die Studie zeige, nicht in der Lage, etwas längere und komplexere Texte zu verstehen. Und das betreffe vor allem Schüler, die aus besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen stammten. „Une sorte de fragilité éducative s’est additionnée à une fragilité sociale“. Er werde deshalb die Grundschule zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit machen. (Interview mit Le Monde vom 14. Dezember 2017)

 

Ergänzung Juni 2018

In ihrer Ausgabe vom 13. Juni 2018 findet sich ein Artikel in der Zeitung Le Monde mit der Überschrift: Inégalités scolaires: la France montrée du doigt.

Es geht um eine Untersuchung der OECD ausgehend von der PISA – Erhebung des Jahres 2015, die sich auf die Bedeutung von Lehrerausbildung und -zuweisung und schulischer Ungleichheit.

Diese Untersuchung „livre en effet des statistiques épinglant encore un peu plus le fonctionnement inégalitaire du système éducatif francais.“

Von allen beteiligten Ländern der OECD gibt es in Frankreich danach offenbar die größte Benachteiligung der „établissement les plus défavorisés (…) en  fonction du profil socio-économique des publics accueillis“ bei der Verteilung qualifizierter Lehrkräfte:

„Un tiers des lycéens de 15 ans (32%) sont exposés à des enseignants qui ne sont pas „assez bien préparés pour faire cours„, selon les déclarations des chefs d’établissements, soit pratiquement trois fois plus que dans les établissements favorisés (12%). Dans l’OCDE, l’écart est, en moyenne, de 7 points.“

Dabei spiele, nach Auffassung der OECD-Fachleute, die Qualifikation der Lehrkräfte eine entscheidende Rolle bei der Erklärung unterschiedlicher schulischer Resultate – mehr jedenfalls als die Klassengröße, die in Frankreich seit 30 Jahren der Schwerpunkt bei der Politik der éducation prioritaire sei.

Der neue Erziehungsminister könnte nach Auffassung von Le Monde diese Studie zum Anlass nehmen, die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit zu machen.

 

Auf ein weiteres Problem des französischen Schulwesens weist ein weiterer Artikel von Le Monde in der gleichen Ausgabe hin:

„Le métier d’enseignant ne fait plus rêver. Les concours de recrutement de professeurs attirent moins de candidats“

Als ein wesentlicher Grund für die abnehmende Attraktivität des Lehrerberufs wird in diesem Artikel die Bezahlung der Lehrkräfte genannt:

Le pouvoir d’achat des enseignants du second degré ne cesse de s’éroder: au début des années 1980, ils gagnaient deux fois le montant du salaire minimum contre 1,2 fois désormais.“ 

Dass eine solche Bezahlung wenig zum Lehrerberuf motiviert, ist wohl nur allzu verständlich….

 

 

 

Anmerkungen

[1] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html

http://www.vousnousils.fr/2016/11/29/enquete-timss-des-resultats-catastrophiques-en-cm1-et-en-terminale-s-pour-la-france-596568

„TIMSS 2015 : en maths, des résultats tragiques pour la France“ Le Point, 29.11.2016

[2]http://www.lemonde.fr/sciences/article/2014/08/13/artur-avila-nouveau-francais-laureat-de-la-medaille-fields_4470712_1650684.html

[3]    „Un niveau en chute libre“  http://www.lepoint.fr/societe/timss-2015-la-france-n-est-pas-bonne-en-maths-29-11-2016-2086494_23.php

[4] Diese Rangplätze beziehen sich auf alle teilnehmenden Staaten bzw. Territorien, nicht nur diejenigen, die Mitglieder der OECD sind

[5] Bild und Legende aus: http://www.liberation.fr/france/2016/12/06/enquete-pisa-la-france-se-maintient-mais-les-inegalites-persistent_1533207

[6][6] Ein Bereich, in dem Deutschland geradezu unisono in Frankreich als Vorbild angesehen wird, ist der des „dualen Systems“ von  Berufsschulen und Lehre – auch wenn der in Deutschland gerade immer mehr an Boden verliert.  Siehe z.B. http://lemonde-emploi.blog.lemonde.fr/2016/11/28/le-modele-allemand-de-lapprentissage-reponse-au-chomage-des-jeunes-dans-le-monde/

[7] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-la-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501  und Le Monde 7. Dezember 2016, S. 1

[8] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

http://www.lemonde.fr/ecole-primaire-et-secondaire/article/2013/12/03/classement-pisa-la-france-championne-des-inegalites-scolaires_3524389_1473688.html

[9] Bild: http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fs1.lemde.fr%2Fimage%2F2014%2F02%2F04%2F534x0%2F4360024_5_ad2b_un-niveau-pisa-tres-faible-en-france  Aus: Classement PISA: rien ne va plus à l’école. Le Monde 3.2.2014

[10] Libération 7.12., S. 3 und Le Monde 7.12., S. 1  Siehe dazu auch Le Figaro 15.2.2017: Dort unterbreiten zwei Wirtschaftswissenschaftler 6 grundlegenden Vorschläge, „pour réécrire le contrat  social francais“. Die ersten beiden  Vorschläge beziehen sich dabei  -unter ausdrücklichem Hinweis auf PISA- auf Schule  (vor allem die école primaire) und Ausbildung (l’apprentissage et la formation professionelle).

http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html

[11] https://www.welt.de/themen/pisa-studie/

[12] http://www.francetvinfo.fr/societe/education/lafrance-championne-des-inegalites-a-lecole-au-sein-de-locde_1838415.html

„Ce que confirme en tout cas la nouvelle étude Pisa, c’est que l’école française reste malade de ses inégalités. Elle est, relève l’OCDE, l’un des pays dans lesquels « la relation entre performance et milieu socio-économique des élèves est l’une des plus fortes ».

 http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

 [13] http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=235

(13a) Bei Grasset ist kürzlich ein Bericht von Najat Vallaud-Belkacem über ihr Leben erschienen: La vie a plus d’imagination que toi, nach Le Monde „une histoire francaise“.

(13b) Über die  Reproduktion der Eliten in Frankreich siehe de Bericht des Observatoire des inégalités vom April 2017: Des classes préparatoires et des grandes écoles toujours aussi fermées: http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=1601&id_rubrique=200&id_groupe=10&id_mot=83

[14] http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160926-Inegalites-scolaires.pdf: Comment l’école amplifie-t-elle les inégalités sociales et migratoires?

[15] http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160927Dossier_synthese_inegalites.pdf

(15a) http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=2252&id_rubrique=64

Anm. März 2018: In einer aktuellen Studie beschäftigt sich die der Sozialistischen Partei nahestehende Fondation Jean Jaurès mit der „sécession des citoyens les plus aisés“ und stellt eine „érosion de la mixité sociale“ fest, die das modèle républicain infrage stelle. Diese Erosion der gesellschaftlichen Durchmischung lasse sich auch in der Schule feststellen. Kinder aus sozial begünstigten Schichten würden zunehmend in die Privatschulen abwandern, wo sie doppelt so stark vertreten seien wie im öffentlichen Schulwesen, und sie würden die besonders renommierten Schulen geradezu monopolisieren: „Le public des établissements où se formel’élite de la nation est ainsi devenue sociologiquement complètement homogène, ce qui n’était pas le cas dans les années 1960-1970.“ zit. in: Le Monde 22. Februar 2018, S. 7

[16] http://www.education.gouv.fr/cid110041/mathematiques-et-sciences-resultats-de-l-etude-timss-2015.html http://cache.media.education.gouv.fr/file/11_-_novembre/01/3/DP-Mathematiques-et-sciences-Resultats-de-l-etude-TIMSS-2015_673013.pdf

[17] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere2016-12-06-1200808501

[18]  La sanction de l’égalitarisme. Le Figaro7.12.2016, S.1  http://www.lefigaro.fr/vox/societe/2016/12/06/31003-20161206ARTFIG00392-editorial-la-sanction-de-l-egalitarisme.php

[19]  Siehe den Blog-Beitrag: Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50: Ein Grund zum Feiern (13. April 2016)

[20]http://www.liberation.fr/france/2016/01/21/pourquoi-les-classes-bilangues-seront-en-grande-partie-maintenues_1428032  Das Demonstrationsbild ist dort abgedruckt.

Zu den regionalen Disparitäten: Nach einem Bericht des französischen Rechnungshofs (Cour des comptes) von 2012 gibt der Staat für einen Pariser Schüler durchschnittlich 47% mehr aus als für einen Schüler der Akademie von Créteil, die vor allem für die banlieues zuständig ist. (Le Monde, 18.1. 2017, S.23)

s.a. http://www.marianne.net/classes-bilangues-au-college-egalite-au-piquet-100239685.html

[21] http://www.cnesco.fr/fr/pisa-et-timss-que-retenir-sur-letat-de-lecole-francaise/

[22] http://droit-finances.commentcamarche.net/faq/14269-salaire-d-un-professeur-baremes-des-montants#q=salaire+professeur+CAPES&cur=1&url=%2F

[23] http://www.francetvinfo.fr/economie/emploi/capes-penurie-de-candidats-a-l-enseignement-secondaire_934825.html

http://www.sudouest.fr/2016/06/01/prof-un-metier-qui-ne-fait-plus-rever-2384118-4699.php

[24] http://www.sudouest.fr/2016/06/01/prof-un-metier-qui-ne-fait-plus-rever-2384118-4699.php

[25] http://www.sudouest.fr/2016/05/31/un-milliard-d-euros-par-an-pour-augmenter-les-salaires-des-profs-d-ici-2020-2382474-4699.php Ein Problem ist allerdings, dass diese Ankündigung zu vielen anderen ausgabenintensiven Versprechungen der Regierung  gehört, die eine schwere Hypothek für die künftigen Budgets sein werden.  Aber in diesem Punkt besteht eine parteiübergreifende Einigkeit. Siehe:

http://www.marianne.net/ecole-ce-que-proposent-les-candidats-primaire-droite-100247556.html

[26] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

[27] http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.phpT

http://www.slate.fr/story/61447/rentree-scolaire-eleves-france-japon-malheureux: Es handele. sich in Frankreich um eine Ausbildung, die jede Beziehungsdimension zwischen Lehrern und Schülern ausblende.

(27a) Die offiziellen Bestimmungen über Bewertung des Referendariats und die Titularisation in:  http://www.education.gouv.fr/pid285/bulletin_officiel.html?cid_bo=87000

[28]  http://www.lemonde.fr/ed/ucation/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html#5wC3Lwm6F8oBSfOu.99

[29] http://www.cnesco.fr/fr/pisa-et-timss-que-retenir-sur-letat-de-lecole-francaise/

[30] http://www.snceel.org/wp-content/uploads/2015/10/r%C3%A9forme-du-coll%C3%A8ge-oct-2015.pdf

http://www.lci.fr/replay/reforme-du-college-pourquoi-les-epi-rendent-fous-les-profs-2001160.html

http://sgenbn.fr/collge-comment-torpiller-une-rforme/

[31] http://www.ambafrance-de.org/Rentree-2016-Grosse-Schulreform-in-Frankreich-abgeschlossen

[32] http://www.liberation.fr/france/2016/12/06/l-allemagne-le-danemark-et-le-canada-ont-obtenu-de-bons-resultats-a-l-enquete-pisa-de-l-ocde-trois-p_1533492

[33] Das mag auch ein Grund dafür sein, dass bei Debatten der sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, unter denen sich immerhin zwei ehemalige Erziehungsminister und ein  ehemaliger Ministerpräsident befinden, der Aspekt der „innovation pédagogique“ kaum eine Rolle spielte, wie Le Monde (17.1.2017) kritisierte:  „Educaton: beaucoup de prudence chez les candidats. Après un quinquennat bouscoulé, aucun ne se risque à la nouveauté“. (p. 13)

[34] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html : „La France, championne des heures de maths“

[35]Le déterminisme social, c’est-à-dire la relation entre le niveau socio-économique des familles et la performance scolaire des élèves, n’a jamais été aussi fort en France et est le plus élevé des pays de l’OCDE. La France est devenue le pays où le milieu social influe le plus sur le niveau scolaire.“ http://www.education.gouv.fr/pid25535/bulletin_officiel.html?cid_bo=80035

[36] Die exakten Prozentzahlen, die in aktuellen Veröffentlichungen genannt werden, differieren etwas.

http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160926-Inegalites-scolaires.pdf

http://www.education.gouv.fr/cid187/l-education-prioritaire.html

http://www.lavoixdesparents.com/?p=4057

Dass die Gymnasien völlig aus den Förderprogrammen herausgenommen werden sollen, ist einer der Kritikpunkte an der Reform. Siehe den Diskussionsbeitrag in Le Monde vom 18.1.2017: „Défendons les lycées classés en zone d’éducation prioritaire.“  Darin heißt es abschließend: „Les inégalités sociales à l’école ne s’effacent pas une fois les élèves sortis du collège!“ (p. 23) und den Aufruf zur Demonstration am 19.1. (Touche pas ma ZEP): https://paris.demosphere.eu/rv/52429

[37]  http://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2014/12/17/zep-la-liste-des-colleges-qui-auront-le-statut-de-rep-ou-rep_4541825_4355770.html#WvaGDJHfXtT151tQ.99

Ecole: Les raisons d’un décrochage. Les Echos 6.12.2016  http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99

[38]  http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99

s.a. cnesco- Bericht S. 103:  „les enseignants y sont plus jeunes qu’ailleurs et donc inexpérimentés“                Entsprechend die Bildungsforscherin Marie Duru-Bellat in einem Interview vom 4.10.2016: „ On sait par exemple qu’on manque d’enseignants expérimentés dans les quartiers prioritaires. Il y a là une véritable injustice. Et l’on ne fait pas assez pour la réparer, c’est évident.“ http://www.inegalites.fr/spip.php?page=analyse&id_article=2223&id_groupe=10&id_rubrique=28&id_mot=31

[39] „L’éducation prioritaire est alors « source de ségrégation sociale et académique » (Merle, 2012) car les établissements étiquetés sont justement contournés par les familles en ayant les moyens, les élèves y étant scolarisés sont stigmatisés, les attentes scolaires sont revues à la baisse, et les climats scolaires tendus.“ (Bericht 103/104).

[40] siehe Blog-Beitrag: Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

In der preisgekrönten Radiodokumentation „Y’a deux écoles“ hat Delphine Satel, die sich als „bobo de gauche“ definiert, ihr Dilemma als Mutter beschrieben, die entsprechend ihrer politischen Überzeugung eigentlich ihre Kinder auf die „école de la République“ schicken möchte, die aber Angst hat, dass sie dort nicht genügend gefördert werden. „Car l’établissement du 14e  arrondissement de Paris dans lequel ils se rendent est boudé pare l’élite. Résultat, ce sont  les enfants d’immigrés qui composent l’essentiel des effictifs alors que l’école privée du quartier attire ceux des milieux favorisées.“ (Le Monde 12./13.2.2017, p. 22)

[41] Dieses Thema hat auch bei den  Diskussionen der sozialistischen Vorwahl-Kandidaten eine Rolle gespielt.

Siehe die Aussage des früheren Erziehungsministers  Benoît Hamon in Bezug auf die Terror-Prävention: «La clé, c’est la mixité sociale à l’école. Sans mixité scolaire il n’y aura pas de mixité sociale». Aus: http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/primaires-gauche/2017/01/13/35005-20170113ARTFIG00001-primaire-a-gauche-ce-qu-il-faut-retenir-du-premier-debat-televise.php

[42]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2016/09/06/thomas-piketty-la-segregation-sociale-dans-les-colleges-atteint-des-sommets-inacceptables_4993003_3232.html#Ka1oJttFcGFM7hpt.99

Entsprechend: http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrocha ge-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99 und http://www.lemonde.fr/education/article/2016/12/06/enquete-pisa-sur-le-niveau-des-eleves-francais-en-sciences-notre-ecole-reste-pensee-pour-une-elite:

„Sur le papier, la question des inégalités est prise en compte ; elle est un des objectifs de la loi de refondation de l’école en 2013. Mais dans la pratique, les efforts sont timides, et notre école reste pensée pour une élite.“

[43]http://www.lemonde.fr/politique/article/2015/01/20/pour-manuel-valls-il-existe-un-apartheid-territorial-social-ethnique-en-france_4559714_823448.html

Wie  groß der Widerstand „bürgerlicher Kreise“ gegen eine „mixité sociale“ ist, zeigt sich etwa daran, dass viele Kommunen sich weigern, der Verpflichtung zum angemessenen Bau von Sozialwohnungen (HLM) nachzukommen. Oder der Aufstand im schicken 16. Arrondissement von Paris gegen den Bau eines Hauses für Obdachlose (SDF) am Rand des Bois de Boulogne. Siehe: http://www.lemonde.fr/logement/article/2015/10/26/logements-sociaux-l-etat-pointe-du-doigt-36-communes-refractaires_4796965_1653445.html  und

 http://www.liberation.fr/france/2016/05/16/a-paris-le-centre-pour-sdf-du-xvie-arrondissement-devrait-ouvrir-en-septembre_1452942

[44] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/09/07/mixite-au-college-il-faut-rompre-avec-le-mythe-francais-du-grand-soir-politico-technocratique_4993678_1473685.html

http://www.education.gouv.fr/cid110808/agir-pour-la-mixite-sociale-et-scolaire-au-college-discours-de-najat-vallaud-belkacem.html

Dieses pragmatische Vorgehen wird auch von allen sozialistischen Kandidaten für die Präsidentschaft favorisiert. Bei Fillons Vorstellungen zur Bildungspolitik spielt die mixité keine Rolle.

Bild: http://www.najat-vallaud-belkacem.com/wp-content/uploads/2016/12/20161213-NajatVB-Mixit%C3%A9-sociale-125820-Web-720×480.jpg

[45]  http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

Die Cité internationale universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung

Die Cité internationale universitaire in Paris ist in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiger Ort:

  • Sie ist mit 34 Hektar der größte französische  Campus
  • Sie ist damit auch die viertgrößte Grünfläche von Paris (nach dem Bois de Boulogne, dem Bois de Vincennes und dem Parc de la  Villette)
  • Studenten aus 140 Nationen sind hier untergebracht, davon 20% aus Frankreich
  • 40 Nationen, Mäzene oder Hochschulen haben hier Häuser errichtet, eines davon ist das deutsche Haus, la Maison Heinrich Heine
  • Die Cité internationale ist auch ein außerordentliches  architektonisches Ensemble
  • In der Cité werden eine Fülle von kulturellen und politischen Veranstaltungen angeboten
  • Insgesamt kann man sie also „le monde en miniature“ nennen[1], ein Miniaturformat der Welt- und sicherlich einer  besseren Welt als der real existierenden.

Denn gleich wenn man von der RER-Station Cité universitaire kommend die Cité durch den Haupteingang betritt, wird unübersehbar ihr  Anspruch deutlich,  ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung zu sein.

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 Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sollte hier „un laboratoire pour une société en quête de paix et de coopération internationale“ entstehen, [2]  also  ein Laboratorium auf der Suche nach Frieden und internationaler Verständigung. Und das ausgerechnet an einem Platz, der bis dahin militärischen Zwecken gedient hatte. Die Cité liegt nämlich auf dem Gelände des ehemaligen Festungsgürtels von Paris (siehe die Einrahmung im Süden des Plans).

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Dieses Paris umgebende und einschnürende Korsett  war seit 1840 auf Veranlassung des damaligen Ministerpräsidenten Thiers angelegt worden. Thiers betrieb ja  in seiner Zeit als Ministerpräsident unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe eine ziemlich aggressive Außenpolitik und wollte den französischen Einfluss im Mittelmeer (Ägypten) und bis zum Rhein (Rheinkrise) ausweiten.  [3] Die sogenannten „fortifs“ sollten da gewissermaßen als Rückversicherung dienen.

Im Grunde waren sie aber eine überholte Einrichtung.  Andere europäische Städte -wie zum Beispiel Frankfurt-  hatten damals ihre Festungsanlagen längst geschleift. Und so gab es auch durchaus prominente Kritiker des Thiers’schen Vorhabens. So der Dichter  Alphonse de Lamartine, der damals auch Abgeordneter der Nationalversammlung war und der in einer Rede die immensen Ausgaben für dieses unsinnige Unternehmen kritisierte.  500 Millionen Francs seien zu viel für eine Lüge. (3a)  Und in der Tat: Die Einnahme von Paris durch preußische Truppen 1871 konnten die Festungswerke  nicht verhindern- die erhöhte Reichweite der Artillerie hatte solche Bauwerke obsolet gemacht. Frankfurt zum Beispiel hatte seine Wallanlagen  schon längst (1806-1812) geschleift und daraus einen Grüngürtel  gemacht. Übrigens war es ausgerechnet dem Gesandten der damaligen französischen Besatzungsmacht zu verdanken, dass der bekannteste der etwa 60 Türme der Frankfurter Stadtbefestigung, der Eschenheimer Turm, erhalten blieb- eine hübsche Fußnote  der deutsch-französischen Geschichte.  In Paris wurden die fortifs  erst hundert Jahre später -nach dem Ersten Weltkrieg – beseitigt. Und in einem kleinen Ausschnitt dieser ehemaligen Wallanlagen  wurde die Cité universitaire eingerichtet.

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Die Bastionen waren  auf der der Stadt zugewandten Seite von einer parallel verlaufenden Ringstraße des Militärs begrenzt,  die unter dem zweiten Kaiserreich Napoleons III. zu öffentlich zugänglichen Boulevards erweitert wurde. Die Straßen erhielten allesamt die Namen napoleonischer Marschälle (deshalb auch die zusammenfassende Bezeichnung  Boulevards des Maréchaux ), womit Napoleon III. an die Tradition des „großen“ Napoleon anknüpfen und seine Legitimität verstärken wollte.

Vor den Bastionen gab es ein Glacis von 250 Metern, also ein unbebautes Gelände, das zu Bastionszeiten als freies Schussfeld diente. Natürlich erweckte die Schleifung der Bastionen den Appetit  von Immobilienspekulanten. Es war dem Engagement des Abgeordneten André Honorat zu verdanken, der im Parlament durchsetzte, dass die Stadt Paris den Zuschlag für die Freiflächen erhielt unter der Bedingung, dort Gärten, Parks und Sportanlagen einzurichten. Honorat wurde nach dem Krieg Erziehungsminister und war eine treibende Kraft bei der Errichtung der Cité universitaire.

Die ehemaligen Bastionen 81,82 und 83 im Süden des Parks Monsouris erschienen für eine Cité universitaire besonders geeignet: Sie  lagen relativ nahe am quartier latin, dem Universitätsviertel von Paris, es gab eine Zugverbindung in die Innenstadt, die heutige RER-Linie B, und die Gegend galt wegen der Windverhältnisse und der industriefreien Umgebung als eine der gesündesten von Paris. Den finanziellen Grundstock für die Cité legte ein reicher elsässischer Industrieller, Emile Deutsch de la Meurthe.  Die von seiner Stiftung finanzierten ersten Häuser der Cité tragen bis heute seinen Namen und den seiner Frau Louise. In der Grünanlage zwischen den Häusern  erinnert übrigens noch ein Steinblock an die militärische Vergangenheit des Terrains.

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Die Fondation Emile und Louise Deutsch de la Meurthe

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Modell für die Stiftungshäuser waren die großen amerikanischen und englischen Campus-Universitäten und die zuerst in England entwickelte Konzeption der Gartenstadt. Um eine  rechteckige Grünfläche wurden in symmetrischer Anordnung sechs dreistöckige Pavillons gruppiert. Jede Wohngruppe von 18 bis 24 Einheiten hatte einen eigenen Eingang, um ein soziales Zusammenleben zu erleichtern  – eine Konzeption, die aber wegen des großen Bedarfs an Grund und Boden bei den weiteren Projekten der Cité  nicht mehr aufgegriffen wurde.

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Zentrum der Anlage ist das Hauptgebäude. Dort sind die Verwaltung der Stiftung untergebracht und die Gemeinschaftseinrichtungen:  Ein Musikzimmer, Sportanlagen, ein großer Versammlungsraum, in dem übrigens 2018 auch die Generalprobe für ein Konzert in der UNESCO stattfand, an dem ich teilgenommen habe.

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Der Turm –mit Uhr-  unterstreicht die Bedeutung des Baus, ist aber nicht mit einem Kirchturm zu verwechseln. Die Cité universitaire ist im Geist des französischen  Laïzismus errichtet, da kann es keinen Platz für eine Kirche geben.  Eine Tafel mit einem programmatischen Text zur Grundsteinlegung der Anlage befindet sich am Fuß des Turms neben dem Haupteingang.

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Das zentrale Gebäude kann man im Rahmen von regelmäßig angebotenen Führungen auch im Innern besichtigen.

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Bemerkenswert sind die beiden Supraporten im Salon des Hauptgebäudes: ein aufgeschlagenes Buch wird aus den Wolken (des Geistes?)  den Menschen –hier also den Studenten der Stiftung-  heruntergereicht. Unter dem Buch gibt es eine lateinische Inschrift, zu der allerdings bei meinem Besuch die Führerin von l’Oblique keine Auskunft geben konnte. Immerhin lassen sich die Worte auf der rechten Seite der Banderole gut lesen: SCOL. PA – wobei es sich bei dem Pa offensichtlich nur um einen Wortteil handelt – der Rest befindet sich gewissermaßen auf der Rückseite der Banderole.  Vermutlich ist das die lateinische Bezeichnung für die Universität von Paris (scola  Parisi), vielleicht darf man es aber auch als eine Anspielung auf den Zusammenhang von Bildung (scola) und Frieden (pax) verstehen. Passen würde das immerhin.

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Die Anlehnung an ein  klassisches christliches Motiv – Moses empfängt die 10 Gebote-  ist für mich offenkundig:  Wir befinden uns im  aufklärerischen, laizistischen Frankreich.  Das Buch –also Wissenschaft und Bildung- sind dazu bestimmt, die Rolle der Religion zu übernehmen[4].

Ganzseitiger Faxausdruck

Etwas erstaunlich sind – in einer republikanischen Institution- die drei (bourbonischen) Lilien auf den Supraporten, für die ich bisher -und auch nicht die französischen Freunde, die ich befragt habe- noch keine wirklich befriedigende Erklärung gefunden habe.  Vielleicht soll damit eine Verbindung zur langen universitären Tradition der Stadt Paris  hergestellt werden, die ja  die Lilien in ihrem Wappen trägt- vielleicht sind sie  ein Hinweis darauf,  dass die Cité universitaire auch eine nationale Bestimmung hatte:  Frankreich sollte nämlich nach dem Krieg wieder zur „intellektuellen Hauptstadt der Welt“ gemacht werden[5] und  eine führende Rolle in der internationalen Universitätsszene spielen.  Auch dies hat übrigens durchaus eine aktuelle Dimension: Die jeweiligen Universitäts-Rankings werden in Frankreich mit  größter Aufmerksamkeit registriert und es gibt intensive Überlegungen und Anstrengungen,  die eher nicht so grandiosen internationalen  Rangplätze der französischen Hochschulen zu verbessern und damit im Wettbewerb um die besten  Studenten aus aller Welt an Attraktivität zu gewinnen.

Anders als heute, wo es eher um nationales Prestige und  wirtschaftliche Interessen geht, waren  bei der Konzeption der Cité universitaire aber Frieden und Völkerverständigung die Leitmotive. Wobei den Eliten bei der Völkerverständigung eine Schlüsselfunktion zuerkannt wurde. In einer damaligen programmatischen  Schrift hieß es:

„Es werden die nationalen Eliten sein, die Jahr für Jahr von neuem die Cité Universitaire bevölkern werden. Von ihrem Geist beseelt werden  sie, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, nicht nur Botschafter Frankreichs und seiner Ideen sein, sondern auch Teil einer Ritterschaft des Friedens.“[6]

Und in einem Bericht über die Cité aus dem Jahr 1928, der u.a. von Honnorat verfasst wurde, heißt es:

„Die Cité ist nicht nur dafür gemacht, die materiellen Schwierigkeiten der Probleme der Studenten zu erleichtern, die von unseren alten  Bildungsstätten angezogen werden; vor allem ist sie dafür gemacht, einen gemeinsamen Rahmen für einen geistigen Austausch zur Verfügung zu stellen und so eine moralische Annäherung der Eliten aus aller Welt zu befördern.“

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Ein wichtiges Instrument dieser  Annäherung war und ist die sogenannte „brassage“: Jedes von einer bestimmten Nation getragene Haus in der Cité nahm und nimmt nicht nur Studenten des eigenen Landes auf, sondern auch Studenten aus anderen Ländern. So sollte –schon auf der Ebene der einzelnen Häuser- der internationale Austausch gewährleistet sein, der zusätzlich dann auch durch das 1936 eingeweihte Maison internationale befördert wurde. Dieser repräsentative Bau (Plan Nr. 22) wurde von John D. Rockefeller finanziert. Rockefeller war ein großer Freund der französischen Architektur und er hatte vorher schon erhebliche Geldmittel zur Restaurierung der Kathedrale von Reims und der Schlösser von Fontainebleau und Versailles zur Verfügung gestellt. Der schlossartige Charakter des Maison internationale ist denn auch unverkennbar: Eine klassische Dreiflügelanlage mit einem repräsentativen Foyer…

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… und einem ebenso repräsentativen Festsaal, dem Salon Honorat, in dem zum Beispiel Anfang Februar 2013 der 90. Geburtstag von Alfred Grosser gefeiert wurde – organisiert vom deutschen Haus der Cité und der Hochschule Science Po, wo Grosser Professor war.

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Ein Rundgang durch die Cité universitaire

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Ausgangspunkt für einen Rundgang ist die Station Cité universitaire der RER-Linie B. Am besten sieht man sich danach etwas im Maison internationale um (Plan Nr.22), bevor man dann über die große Grünfläche, sich halb rechts haltend, zur Fondation Avicenne weitergeht  (Plan Nr. 37). Hier handelt es sich um einen ziemlich avantgardistischen Bau,  zumindest für die Zeit seiner Entstehung (1969)- damals war das noch das Haus des Irans. Allerdings ist das Bauwerk wegen der verwendeten Materialien und der aktuellen Sicherheitsbestimmungen widersprechenden Außentreppe nicht bewohnbar.  Aber im Erdgeschoss gibt es eine  Ausstellung zur Cité universitaire des Centre du Patrimoine/L’oblique: Ein guter erster Überblick über die Geschichte der Cité und einzelne Häuser.

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Neben der Fondation Avicenne liegt das deutsche Haus der Cité, das Maison Heinrich Heine (Plan Nr.36).

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Das Maison Heinrich Heine feierte im November 2016 sein 60-jähriges Bestehen: Es wurde also erst 1956 eingeweiht – offenbar gab es in der Zeit nach dem Ersten Weltkriegs noch keinen Platz in der Cité internationale für ein deutsches Haus – ein gewisser Widerspruch zu dem Anspruch der Einrichtung, den Frieden und die Verständigung der Völker zu befördern.   Das MHH bietet seit Jahren ein außerordentlich intensives und hochkarätiges politisches und kulturelles Programm an. Es hat eine weit über die Cité internationale reichende Ausstrahlung und war und ist in unseren Pariser Jahren ein wichtiger Anlaufpunkt.  Deshalb möchte ich es hier  bei diesen Bemerkungen belassen und  in einem weiteren  nachfolgenden Blog-Beitrag näher auf das MHH eingehen. (Seit November 2017 auf diesem Blog: La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire).  Auf die Cafeteria im Untergeschoss des Hauses, die für jedermann zugänglich ist,  soll aber schon einmal hingewiesen werden: Öffnungszeiten montags bis freitags 8.00-14.30 Uhr, samstags 10-14.30 Uhr.

Die Architektur der Cité universitaire: Heimatverbundenheit und Universalismus

Die Internationalität der Cité universitaire sollte auch in ihrer Architektur zum Ausdruck kommen: Die Studenten sollten einerseits immer den universalistischen Anspruch und den internationalen Charakter der Einrichtung vor Augen haben, sich aber andererseits auch heimisch fühlen: Die jeweiligen Pavillons sollten also  so gebaut sein, dass sie die Studenten an ihre Heimat erinnerten.

Nachfolgend werden zunächst einige der landestypischen Häuser aus der Anfangszeit der Cité universitaire vorgestellt, die sich im Westteil der Anlage befinden,   – danach ein weiteres im Ostteil der Cité  aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die internationale Architektursprache  nationale Bezüge verdrängte.

Die Fondation Deutsch de la Meurthe ist ja schon weiter oben vorgestellt worden. (Plan Nr.14). Auf dem Weg dorthin kommt man am griechischen Haus (fondation hellénique) vorbei, das 1932 eingeweiht wurde.

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Dass es sich um das griechische Haus handelt, ist ganz unverkennbar: Wegen der Verwendung der Landesfarben blau und weiß bei der Bemalung der Seitenwände, des  Mäandermusters und wegen der  Namen –in griechischer Schrift- bedeutender Griechen an den Außenwänden- hier der Staatsmann und Feldherr Perikles.

Und der Eindruck bestätigt sich, wenn man vor dem Eingang des Hauses steht, einem mächtigen Portikus mit  ionischen Säulen und  dem eingemeißelten Namen des Hauses.

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Résidence Lucien Paye  (Plan Nr. 26)

Vom griechischen Haus sollte man auch einen Blick auf die nebenan gelegene  Résidence Lucien Paye werfen. Dieses 1951 eingeweihte Haus war ursprünglich das „Maison de la France d’outre-mer“, also das Haus des überseeischen Frankreich. Es war in der ursprünglichen, noch in die 1920-er  Jahre zurückreichenden ersten Planung bestimmt für (weiße) Studenten aus den französischen Kolonien, deren Eltern dort als Siedler oder Beamte tätig waren. Als die Planung dann nach dem Krieg verwirklicht wurde, war das Haus für die schwarzafrikanische und madegassische studentische Elite bestimmt. Nachdem die Kolonien unabhängig wurden, erhielt das  Haus den Namen eines ehemaligen Erziehungsministers und Repräsentanten Frankreichs im Senegal. Einer der Architekten  des Hauses war Albert Laprade, der  in der Zwischenkriegszeit das Palais des colonies an der Porte Dorée entworfen  hatte. Dieses Palais war für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut worden – heute ist es Immigrationsmuseum.[7]

Bemerkenswert sind vor allem die Reliefs an der Eingangsseite des Gebäudes.

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Sie entsprechen in frappierender Weise den Reliefs auf den Wänden des Palais des colonies. Dort werden die Segnungen des französischen Kolonialismus und der menschliche und ökonomische Reichtum des Kolonialreichs angepriesen.  Zwischen beiden Bauwerken und Reliefs  liegen 20 Jahre, der Zweite Weltkrieg und der Beginn der Unabhängigkeitsbewegungen.  Aber, das scheint jedenfalls die Botschaft der Reliefs von 1951 zu sein: Die Welt des französischen Kolonialismus ist noch in bester Ordnung![8]  immigration-fassade-004

Im März 2017 hatte ich Gelegenheit, das Haus auch etwas von innen kennzulernen. Anlass war die Generalprobe meines Chors für ein Konzert in der UNESCO. Auch innen ist das Bemühen deutlich, die afrikanische Tradition zu vermitteln. Beispielsweise durch die Fußbodenbeläge:

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Das Parkett mit afrikanischen Edelhölzern im Salon

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Die Wandteppiche im Salon zeigen traditionelle afrikanische Motive

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Jedenfalls ein wunderbarer Ort für eine Generalprobe

(Hier der Chef des Orchesters Espoir sans frontières mit den vier Solisten des Stabat mater von Rossini)

Maison des étudiants de l‘Asie Sud-Est (Plan Nr 7)

Dieses Haus, früher La Maison d’Indochine,  gehört noch ganz zur kolonialen Epoche, als Frankreich „an seine zivilisatorische Mission“ glaubte und an seine „Aufgabe,  die  Traditionen der ‚Eingeborenen‘ zu schützen, die es beherrschte.“ (1), S. 18

Der Grundstein für das Gebäude wurde 1928 gelegt, im Beisein des französischen Kolonialministers und des Kaisers von Annam Bao Daï. Die französischen Architekten des Hauses stellten mit einer Reihe von architektonischen Zitaten den Bezug zu dieser Tradition her (z.B. Dachform, Drachenrelief über dem Eingang).

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Gerade auch bei der Dekoration im Innern ist der Bezug zur ostasiatischen  Tradition unverkennbar.

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Hier fühlt man sich in den eleganten Salon eines herrschaftlichen Hauses in Vietnam oder Kambodscha versetzt. Kürzlich diente er als Schauplatz für eine Nummer der  französischen  Fernsehreihe mit dem schönen Titel „La France a un incroyable talent“.  In dem Begleitmaterial wird der Raum so beschrieben:

D’une superficie de 120 m2, le Grand Salon se place parmi les chefs d’œuvres du patrimoine de la Cité internationale, tirant ses influences des temples et palais du Sud-Est de l’Asie. L’aspect résolument asiatique du salon transparaît dans six grandes peintures décoratives qui ornent ses murs : de grands dragons sino-vietnamiens se faisant face deux par deux, flottant au milieu des nuées et surplombant l’écume, tenant entre leurs griffes un symbole d’éternité doré.[9]

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Allerdings ist der Zugang nur über eine Führung  von l’Oblisque  oder anlässlich einer Veranstaltung möglich. Und in diesem Rahmen an einem Konzert teilzunehmen ist schon ein besonderes Erlebnis.

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Für eine Pause oder den Abschluss des Rundgangs bietet sich bei schönem Wetter ein Picknick auf der großen Wiese hinter dem Maison internationale an. Dort gibt es auch eine Cafeteria mit einer schönen Terrasse, von der aus man einen Blick über den mittleren Teil der Cité internationale hat.

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Reichen Zeit und Energie sollte man noch einen kleinen Spaziergang zum östlichen Teil der Cité unternehmen. Auch dort gibt es eine Reihe bemerkenswerter  Häuser  (u.a. Schweiz, Marokko, Brasilien, Mexiko), von denen eines, das Maison du Brésil, abschließend vorgestellt werden soll- einmal wegen seiner architektonischen Prominenz, zum anderen aus einem ganz praktischen Grund:  Es ist –  zumindest sein Erdgeschoss-  eines der wenigen Häuser der Cité internationale, das auch unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes und der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen zugänglich ist. ( 1 Euro Gebühr)

La Maison de Brésil  (Plan Nr. 33)

Das Maison du Brésil ist –nach der Einschätzung eines Architekturführers- nicht weniger als „eines der markantesten Bauwerke des 20. Jahrhunderts“ (1, S. 44).  Gebaut wurde es von zwei bedeutenden Architekten: dem Brasilianer Lucio Costa, dem Planer der neuen Hauptstadt Brasiliens, Brasilia, und dem französischen Architekten Le Corbusier.  Typisch für Le Corbusier sind unter anderem  die farbigen Loggien, die es auch in dem von ihm geplanten Wohnblock (Corbusierhaus)  in Berlin-Willmersdorf  gibt. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Architekten war allerdings nicht konfliktfrei:  Le Corbusier  veränderte  die Konzeption Costas „et donna à l’ensemble un caractère ‚brutaliste‘, à l’image de ses réalisations de l’époque.“ (a.a.O.)  Sogar die Tische im Foyer  sind aus Rohbeton gefertigt.

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Der „Brutalismus“ wird allerdings gemildert durch die lebhafte Farbgebung.

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Im Foyer gibt es auch eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Baus und die beiden beteiligten Architekten.

Und gleich in der Nähe gibt es die Fondation Suisse, deren Gebäude schon zu Beginn der 1930-er Jahre von Le Corbusier errichtet wurde -das erste „moderne“ Gebäude auf dem Campus der Cité internationale. Man kann hier beobachten, wie Le Corbusier versuchte, seine berühmten 5 Punkte der Architektur umzusetzen. Und dies an einem großen, aber überschaubaren Wohnblock- einer avant-gardistischen „machine à habiter“ – einer „Wohnmaschine“  nach den Worten  Le Corbusiers.  (10)

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Das Wandgemälde im Salon stammt auch von Le Corbusier.

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Ein Zimmer des Hauses mit dem Mobiliar von Charlotte Periard kann von Besuchern besichtigt werden. (10-12 und 14-17 Uhr).

Ein Abstecher zum Maison du Brésil und zur Fondation Suisse  lohnt sich also.

Und das gilt auch für das in der östlichen Ecke am boulevard Jourdan gelegene Maison du Maroc  (Plan Nr. 28): eine schöne Etappe der architektonischen Reise um die Welt in der Cité internationale universitaire de Paris.

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Während sich Marokko hier eher im traditionellen Stil präsentiert, hat Tunesien eine moderne Form der Präsentation gewählt, die aber die kulturelle Identität des Landes deutlich macht: Der Erweiterungsbau der Fondation de la Maison de Tunisie, der Pavillon Habib Bourgiba, der 2019 eröffnet werden soll, ist mit einer metallischen Außenhaut mit calligraphischem Muster überzogen- sicherlich ein neuer „Hingucker“ des CIUP, auf den man sich schon freuen kann. (11)

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Fotos: Wolf Jöckel, Februar 2023

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Das Maison de la Tunisie  ist Teil einer „Verjüngungskur“ (Le Monde), die derzeit im Gange ist. Nachdem es seit 1969 (Eröffnung des Hauses des Iran)  in der  Cité Universitaire lange Jahre keine weiteren Bauten gab, hat seit 2017 eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Im September 2917 wurde als erster neuer Bau das Haus der Île de France eingeweiht, das sich, so der Bauherr,  als Pionierbau versteht: . „La Maison de l’Île-de-France est le premier bâtiment d’habitation collective à énergie positive de source 100% solaire avec un système de stockage thermique inter-saisonnier d’une telle dimension réalisée en France“. (12)

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Bis 2025  sollen acht weitere Bauten folgen, so dass die Unterbringungskapazität um 30% gesteigert wird. Dabei geht es aber nicht einfach nur um eine Vergrößerung: Der Anspruch ist, dass das außergewöhnliche Ensemble der Cité universitaire durch die neuen Bauten auch bereichert wird. Das neue Maison de la Tunisie und das Maison de l’Île de France sind dafür hervorragende Beispiele.

Nachwort

Als ich Sommer dieses Jahres begann, in Vorbereitung der Dresdener Tagung  (s. Blog-Beitrag über die Friedensmauer auf dem Marsfeld) nach Orten des Friedens in Paris zu suchen, fragte ich auch unseren alten Pariser Freund Remi Dreyfus, welche Ideen er vielleicht dazu habe. Er schrieb mir:

„Je pense qu’on devrait montrer une réalisation  exemplaire de la Troisième République,  celle de la Cité  Universitaire internationale Bvd Jourdan au sud du Parc de Montsouris. Cela concerne  l’éducation mais c’est par elle qu’on peut approcher la Paix de la plus belle manière. Et en outre c’est un lieu charmant et une promenade magnifique (par beau temps) entre les pavillons des divers pays qui y ont construit leur maison à commencer par l’Allemagne“.

Was für ein schöner Hinweis, für den ich sehr dankbar bin! Die besondere Hervorhebung des  Heinrich Heine- Hauses  am Schluss trifft zwar – was die zeitliche Dimension angeht- nicht zu, denn das deutsche Haus ist ja gewissermaßen ein Nachzügler in der Cité Internationale; aber herausragend sind sicherlich seine besondere Rolle und  Ausstrahlung. Die sind gerade wieder (im November 2016)  bei der Feier des 60. Geburtstages des Hauses eindrucksvoll deutlich geworden.  Und die Hervorhebung des MHH im Brief eines Widerstandskämpfers gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg darf vielleicht auch als ein kleiner schöner Hinweis darauf verstanden werden,  wie fest das gesellschaftliche Fundament der deutsch-französischen Beziehungen inzwischen ist. Das stimmt zuversichtlich gerade am Beginn eines neuen Jahres, in dem die deutsch- französischen  Beziehungen wieder großen Herausforderungen und vielleicht auch immensen Belastungsproben ausgesetzt sein  werden.

Literatur:

La Cité internationale universitaire de Paris. Architectures paysagées. Paris : L’oeil d’or 2010 (1)

La Cité internationale. Connaissance des Arts. Paris 2010 (2)

La Cité U ou comment cultiver la Paix. In: Vivre Côté Paris 46, août/sept. 2016, S. 118-129 (3)

La Cité internationale universitaire de Paris. Préface Étienne Dalmasso. Paris: Éditions Hervas 2010 (4)

Parcours du patrimoine Région Île de France, 354: La fondation Emile et Louise Deutsch de la Meurthe. 2010

Parcours du patrimoine Région Île de France, 383: La Cité internationale universitaire de Paris. 2013

Kévonian, Dzovinar und Tronchet, Guillaume: La Babel  étudiante. La Cité internationale universitaire de Paris (1920-1950). Rennes 2013

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

Praktische Informationen

Die CIUP ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen: Station Cité Universitaire der Linie B des RER oder der Linie 3a der Tram

Es werden regelmäßige Führungen angeboten zur Architektur, zum Park, zum Leben in der Cité Universitaire. Näheres unter:  http://www.ciup.fr/oblique/visites-guidees/

Ein Zugang zu den Häusern ist auch möglich bei Veranstaltungen. Eine entsprechende Übersicht findet man unter:    http://www.ciup.fr/citescope/

Das Erdgeschoss des Maison de Brésil kann gegen eine Gebühr von 1 Euro besichtigt werden.

Anmerkungen

[1] Cité universitaire, Le monde en miniature. In: Histoire et patrimoine 2005, no 1 p 129-137

siehe auch: http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

[2] (4)  siehe dazu:    http://www.ciup.fr/paix/

[3] Siehe die Informationen zur sog. Rheinkrise im Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe (November 2016)

(3a)  siehe Nicolas Chaudin, Le promeneur de la Petite Ceinture. 2003, S.10

[4] In einem aktuellen Grundsatzartikel zur Laïzität habe ich kürzlich in der Zeitschrift „Marianne“ sogar die Gegenüberstelllung von „culture ou religion“ gefunden. (7.-13. Okt 2016, S.11).  Die Rolle der Religion im republikanischen Frankreich ist –gerade im Blick auf den Islam- aktueller und kontroverser denn je.

[5] (4) Interessant übrigens, dass in der Fondation Deutsch de la Meurthe zunächst nur französische Studenten aufgenommen wurden.

[6] Georges Bourdon, Au service de la paix. Zitiert in (4)

[7] Eine Broschüre über die Résidence Lucien Paye ist am Empfang des Hauses und in der Fondation Avicenne erhältlich.

[8] Dies war ja auch die Botschaft der Konferenz von Brazzaville vom Jan./Febr. 1944, wo auf Einladung de Gaulles über die Zukunft der französischen Kolonien  beraten wurde. Zwar wurden  da  im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich Verbesserungen für die „Eingeborenen“ ins Auge  gefasst, aber jede Idee einer Selbstbestimmung und einer Entwicklung außerhalb „du bloc français de l’Empire“ abgelehnt: la constitution éventuelle, même lointaine, de self-governments dans les colonies est à écarter.“ https://fr.wikipedia.org/wiki/Conf%C3%A9rence_de_Brazzaville

[9] http://www.ciup.fr/accueil/la-france-a-un-incroyable-talent-sinvite-dans-le-decor-asiatique-de-la-cite-66229/

(10) http://www.ciup.fr/fondation-suisse/histoire-de-la-maison/                                                 https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnf_Punkte_zu_einer_neuen_Architektur

(11) http://tunisie.co/article/8523/actus/actus/calligraphie-471111

(12) Le Monde vom 7.2. 2019  https://www.lemonde.fr/culture/article/2019/02/07/la-cite-universitaire-internationale-s-offre-une-nouvelle-jeunesse_5420280_3246.html

De nouvelles maisons ouvriront à la Cité Internationale Universitaire !

Zitat und nachfolgendes Bild aus: https://www.iledefrance.fr/toutes-les-actualites/la-maison-de-l-ile-de-france-a-la-cite-internationale-universitaire-primee