Stolpersteine in Frankfurt am Main, eine Buchempfehlung

Im Juni 2016 habe ich in diesen Blog einen Bericht über die Verlegung von zwei Stolpersteinen in Frankfurt am Main eingestellt: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. Am Anfang stand eine Begegnung in Paris mit dem in Frankfurt geborenen und bis zur sog. „Kristallnacht“ dort aufgewachsenen Pariser Arzt Dr. Pierre Adler – ein im Blog beschriebenes,  für alle Frankfurter Lokalpatrioten und Stoltze-Freunde wahrhaft anrührendes Zusammentreffen. Daraus entstanden mehrere Projekte:

  • ein Interview mit Dr. Adler, das dem Projekt „jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung gestellt wurde;
  • von meiner ehemaligen Kollegin Frau Doris Stein erstellte Portraits von Recha und Dr. Leo Koref sowie von Dr. Pierre Adler, die demnächst  auf der Website des Projekts veröffentlicht werden.
  • ein Besuch von Dr. Adler und seiner Frau in Frankfurt im Mai 2016 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt für  jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“
  • und im Rahmen dieses Besuchsprogramms die Verlegung von zwei Stolpersteinen in der Frankfurter Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref, zwei Verwandte von Dr.  Adler, die Opfer des Holocausts geworden sind.

Zwar hatte ich bis dahin schon einige Stolpersteine gesehen und auch einiges darüber  gelesen, aber mich noch nicht intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Stolperstein-Projekt für die Verwandten Dr. Adlers mit der bewegenden kleinen Verlegungs- Zeremonie vor dem Haus Westendstraße 98 als Abschluss und Höhepunkt veranlasste mich aber, bei einem Besuch der Stadt gewissermaßen mit Stolperstein-Blicken durch die Straßen zu gehen und machte mich neugierig –hatte ich wieder einen entdeckt- mehr über die Menschen zu erfahren, an die hier erinnert wird.

Diesem Bedürfnis kommt jetzt ein gerade erschienenes kleines Buch entgegen. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main schlägt es zehn Rundgänge durch Frankfurter Stadtteile  vor.  Sie führen zu Orten, aus denen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus herausgerissen wurden und man erfährt dabei etwas über ihr Schicksal. Und es wird auch auf Orte jüdischen Lebens in Frankfurt aufmerksam gemacht, an denen man sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würde.

stolpersteine

Dass ich  dieses Buch hier empfehle, hat mehrere Gründe:

In Frankfurt gibt es inzwischen weit mehr als 1000 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes – nach Berlin, Hamburg und Köln ist Frankfurt damit die vierte deutsche Stadt mit mehr als 1000 Stolpersteinen. Immerhin hatte Frankfurt ja auch in den 1920-er Jahren nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und war die deutsche Stadt mit dem größten Anteil jüdischer Bevölkerung (6,3%).  Alle Stolpersteine in einem Buch zu dokumentieren, würde wohl in vielerlei Hinsicht abschrecken. Aber sich ab und zu unter Anleitung eines handlichen kleinen Buches einen eng umgrenzten Spaziergang von 1 bis 3 km Länge durch einen Frankfurter Stadtteil vorzunehmen: Das wirkt einladend. Zumal Anfangs- und Endpunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind. Diese praktischen Informationen stehen gleich am Anfang der beschriebenen Rundgänge. Und eine Übersichtskarte gibt es auch.

Das Projekt der Stolpersteine ermöglicht einen konkret erfahrbaren Einblick „in jene umfassende Kartographie (….), welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen“, wie die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai schreibt. „Die Toten  des Holocaust haben keine eigenen  Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität- kurz eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten oder Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhandenen ‚Siedlungsschichten‘ gibt es -und wird es immer geben- die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben.“ (1)

Ein wichtiges Verdienst des Bucches ist es, dass hier nicht nur eine Kartographie jüdischen Lebens und jüdischen Leidens und Sterbens deutlich wird, sondern dass zusätzlich zu den auf den Stolpersteinen genannten Namen viele oft mit Bildern versehene nähere Informationen gegeben werden. Diese biographischen Angaben enden meist mit den Worten  „verhaftet“, „erschossen“, „deportiert“, „vergast“, „ermordet“.  Es geht hier um unermessliche, schreckliche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen  wurden. Aber es sind hier keine abstrakten und sowieso kaum fassbaren Zahlen, sondern einzelne Menschen, mit einem Namen, einer Familie, einer eigenen Geschichte und einem konkreten Ort, wo sie gelebt haben, aber auch, wo sie zu Tode gekommen sind.  Dabei wird auch deutlich, was die Stadt mit der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger verloren hat.  Da ist die Opernsängerin Magda Spiegel, die 18 Jahre lang dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte. Sie übernahm Rollen in Opern von Wagner und Verdi, wurde aber auch von zeitgenössischen Komponisten wie  Hindemith, Schreker und Richard  Strauß geschätzt. Theodor W. Adorno bezeichnete sie noch Anfang 1933 als „eine der größten Sängerinnen im deutschsprachigen Operntheater“. (S. 83)  1935 wurde ihr Vertrag nicht mehr verlängert. Ihr weiteres Leben in Frankfurt war von großer Not und mehreren erzwungenen Umzügen geprägt. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch bei Opernabenden sang.  1944 verlor sich ihre Spur in Auschwitz… Da gibt es den Kaufmann Julius Wertheimer, dem ein großzügiges Mietshaus am Bethmannpark gehörte. Die Nazis machten daraus ein Ghettohaus oder –wie sie es nannten- ein „Judenhaus“, in dem andernorts vertriebene Juden zusammengepfercht wurden. Julius Wertheimer überlebte die NS-Herrschaft in einem Versteck in Amsterdam – anders als Anne Frank, die natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen darf und der ein eigener Rundgang gewidmet ist. Man kommt dabei an ihrem Geburtshaus vorbei und an dem  Haus, in dem die Familie Frank von 1931 bis zur Übersiedlung nach Amsterdam 1933 wohnte. Anne Franks Vater wurde dort Direktor der Opekta-Niederlassung. Ab 1942 wurden Anne und ihre Familie von holländischen Angestellten der Firma im Hinterhaus des väterlichen  Geschäfts in der Prinsengracht versteckt, wo das weltberühmte Tagebuch entstand. Im August 1944 wurde das Versteck verraten und die Bewohner verhaftet und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen wurde Anne Frank ermordet. Der Rundgang auf den Spuren  Anne Franks beginnt übrigens an der Bildungsstätte Anne Frank, einem schönen Beispiel des in den 1920-er Jahren in Frankfurt sehr lebendigen Bauhaus-Stils. Das Gebäude war zunächst Jugendherberge, nach dem Krieg Theater der amerikanischen  Armee (American Playhouse); seit 1990 ist es ein Ort, an dem pädagogische Bildungsarbeit zu historischen und aktuellen Themen für Jugendliche und Pädagogen betrieben wird. (In meiner Zeit als Lehrer und Ausbilder in Frankfurt war ich öfters  dort mit Gruppen von Schülern oder angehenden Lehrkräften zu Gast).

Die meisten Geschichten, die in dem Buch anhand der Stolpersteine erzählt werden, enden tragisch wie die beiden nachfolgenden, die ich hier aufgreife,  weil sie zu diesem Frankreich- Blog und dem dort zu findenden Text über „Exil in Frankreich“ (Frankreich/Geschichte 18. April 2016) passen:  Der kleine  Kurt Joseph Marx (Stolperstein von der Eysseneckstraße 33) ist durch seine musikalische Begabung so bekannt, dass er  im Frankfurter Radio Akkordeon spielt. Schon 1933 entscheidet sich die Familie zur Großmutter ins Elsass zu ziehen. Mit Kriegsbeginn werden Kinder und Eltern zunächst als feindliche Ausländer interniert, dann aber wieder freigelassen. Kurt arbeitet als Knecht bei Bauern und kann so die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen. Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich gelangt die Familie in das noch unbesetzte Südfrankreich, wird auch dort interniert, aber unter abenteuerlichen Umständen erneut freigelassen. 1943 wird Kurt dann aber endgültig verhaftet und über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen und das Durchgangslager Drancy bei Paris –heute endlich eine würdige Gedenkstätte- nach Majdanek in den Tod geschickt. Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Joseph Strauß, dessen Eltern in der Fahrgasse 44-46 eine koschere Metzgerei betrieben. (heute 18-20. Dort liegen die Stolpersteine für ihn und seinen Bruder Robert, der ebenfalls –mit Frau und Kindern deportiert und ermordet wurde).  Joseph konnte 1937 über Italien und die Schweiz nach Frankreich flüchten, wo er im Lager Rivesaltes bei Perpignan als „unliebsamer Ausländer“ interniert wurde – neben spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen, Juden, Kommunisten und „Zigeunern“. Im Dezember 1942, also kurz nach der Besetzung der von Vichy verwalteten sogenannten „freien Zone“,  wurde auch er über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Wichtig und gut ist, dass bei den Stolpersteinen und den Rundgängen nicht nur jüdische Opfer des NS-Regimes berücksichtigt sind. Es sind auch  Euthanasie-Opfer oder die 1940 ins KZ  Ravensbrück eingelieferte und dann ermordete Sinti- und Roma- Frau Kunigunde Klein. Ihren Nachkommen wurde noch 1962 eine „Wiedergutmachung“ –ein „Unwort“ der 1950-er Jahre-  verweigert, weil doch angeblich erst 1943 „die Verfolgung der Zigeuner aus rassischen Gründen“ begonnen habe. Dies entsprach der damals geltenden Urteilspraxis, nach der die Verfolgung der Sinti und Roma bis 1943 allein auf die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe zu „Asozialität“, „Kriminalität“ und „Wandertrieb“ zurückzuführen, also insoweit nicht entschädigungsrelevant sei. Der Stolperstein für Kunigunde Klein  wirft damit ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte nach 1945.

Die Darstellung der Rundgänge beginnt mit einer allgemeinen Einführung in den entsprechenden Stadtteil – natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Rolle, die dort vor 1933 jüdische Mitbürger/innen gespielt haben. Insgesamt wird in dem Buch viel von dem alten  Frankfurt lebendig, wozu entsprechende Illustrationen, zum Beispiel der Judengasse und  des Stammhauses der Rothschilds in der Börnestraße, beitragen. Aber dazu kommen auch viele eher private Fotos – vermutlich aus Familienbesitz-  so dass insgesamt ein  facettenreiches Bild jüdischen Lebens in Frankfurt entsteht.

Bei den Rundgängen erfährt man auch  viel Schlimmes, Bedrückendes über geschäftstüchtige, schamlose Profiteure, die in der Vertreibung ihrer  Mitbürger eine Chance für sich sahen, indem sie zum Beispiel „nicht-arischen Besitz“ billig ersteigerten, jüdische Immobilien zum Schnäppchenpreis aufkauften oder ihren Nachbarn, die die Wohnung verlassen mussten, weil sie deportiert wurden,  ein paar Kartoffeln für ein  Möbelstück anboten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen“. An Vertreibung und Vernichtung erinnern die neue Gedenkstätte an der Großmarkthalle/der EZB oder die Gedenkstätte am Börneplatz mit dem Alten Jüdischen Friedhof, die auch bei den Rundgängen angesteuert werden: An der Außenmauer des Alten Jüdischen  Friedhofs sind auf 12.780 kleinen hervorgehobenen Stahlblöcken Name, Geburtstag, Todestag und Deportationsort aller Frankfurter Juden verzeichnet, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden.

Aber auf den Rundgängen wird auch die Civilcourage nicht ausgespart, die es immerhin gab; Da ist die „arische“ Haushaltshilfe, die von dem jüdischen Ehepaar,  bei dem sie arbeitete, aufgrund der Nürnberger Gesetze entlassen werden  musste; die aber nachts ins Haus schlich, um Lebensmittel zu bringen, während ihre Tochter Schmiere stand… oder der  katholische  Pfarrer, der sich weigerte, am 9. November 1935 –dem Gedenktag an den Hitlerputsch von 1923- seine Kirche mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen und der deshalb mehrere Monate in Haft gehalten  wurde… oder der in dem Buch „Portier“ genannte „Hauswart“,  der am 10. November 1938 den gewalttätigen Nazimob abwehrte, indem er im gespielten Brustton der Überzeugung erklärte, in diesem Haus gäbe es keine Juden: Davon haben zum Teil die berichtet,  denen solche Akte der Menschlichkeit galten. Und es sind gerade solche Akte der Menschlichkeit und der Civilcourage, die hochgehalten werden müssen, wenn man das „Nie wieder!“  als Auftrag ernst nimmt.

Man kann das Buch gut in die Tasche stecken und mit seiner Anleitung dem einen  oder anderen  Rundgang folgen. Man kann aber das Buch oder das eine oder andere Rundgang-Kapitel einfach auch nur in Ruhe lesen. Eine abwechslungsreiche, spannende, beschämende, bereichernde Lektüre. Das liegt auch an den vielen verwendeten persönlichen Dokumenten, die die Initiative Stolpersteine aufgespürt und verwendet hat: Das ist Geschichte von unten  im besten Sinne.  Das Buch enthält dazu eine Reihe von aufschlussreichen Anhängen: u.a. eine Liste der Deportationen aus Frankfurt von 1941- 1945; ein Glossar, in dem im Buch verwendete Begriffe wie „Heimeinkaufsvertrag“,  „Mischehe“ oder eben „Judenhaus“ erklärt werden; eine Übersicht über Opfergruppen (Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, politischer Widerstand, „Euthanasie“-Opfer) mit der Angabe, wie viele Stolpersteine bisher für Angehörige der jeweiligen Gruppen verlegt wurden, und eine ausführliche,  auch auf die einzelnen Stadtteile bezogene Bibliographie.

 

Stolpersteine  holen, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann in dem Grußwort zu dem Buch schreibt, „Opfer aus ihrer Anonymität und geben uns und ihnen ihre persönliche Geschichte zurück. Sie führen uns zu den Orten, wo sie gelebt, gearbeitet, gelitten haben.“  Sie sind Anlass  und Ergebnis einer engagierten Forschungsarbeit, wie sie unter anderem von der Initiative Stolpersteine Frankfurt oder vom Projekt jüdisches Leben in Frankfurt geleistet wird. Oft waren es die Stolpersteine, die dazu anregten, Erinnerungen an die dort genannten Menschen zu erzählen und aufzuschreiben und sie so vor dem  Vergessen zu bewahren. Stolpersteine sind auch Anlass für Begegnungen zwischen überlebenden Opfern und ihren Nachkommen einerseits, die oft von weither anreisen, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein, und den (i.a.) Frankfurter/innen, die die Patenschaft für einen Stein übernommen haben. Und sie sind – um noch einmal Peter Feldmann zu zitieren, „eine Form der aktiven Annäherung an die Geschichte“, die „durch ihre Anschaulichkeit auch besonders geeignet (erscheint) für Schulklassen, Jugendgruppen und für junge Menschen überhaupt.“ Dies umso mehr, als es kaum noch Zeitzeugen gibt, die selbst noch berichten können. Und es gibt  immer mehr junge Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in Deutschland, die auch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vertraut gemacht werden sollten und von denen manche, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten,  ganz persönliche Bezüge zu denen finden können, deren  Namen auf den Stolpersteinen verzeichnet sind.  In diesem  Sinne verstehe ich übrigens auch das Bild, das die Initiative  Stolperstein für das Foto auf der Umschlagseite ausgewählt hat.

Ich wünsche dem Buch also die Verbreitung, die es verdient. Und wenn dann einmal eine zweite  Auflage notwendig sein wird, dann wünsche ich mir, dass darin auch ein Rundgang durch das südliche Westend aufgenommen wird. Lohnende Anlaufpunkte gäbe es da mehr als genug: Zum Beispiel die Bettinaschule, die sich sehr engagiert mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus und dem Schicksal ehemaliger jüdischer Mitschüler/innen auseinandergesetzt hat; oder in der Westendstraße 92 den Stolperstein des Mediziners und Mitbegründers der Frankfurter Stiftungsuniversität Karl Herxheimer, der den eminenten Beitrag  jüdischer Mitbürger zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung Frankfurts veranschaulicht – und ein paar Häuser weiter befinden sich vor der Nr. 98 natürlich die Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref….

 

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg.): Stolpersteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2017. 196 Seiten, 14.90 €

 

Vorstellung der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (S.195):

Die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine verlegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Dokumentationen sind in gedruckter Fassung erhältlich sowie als PDF-Dateien auf der Homepage der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main herunterzuladen. Auf der Homepage der Initiative befindet sich auch die Liste der bisher verlegten Stolpersteine in alphabetischer Reihenfolge sowie nach Stadtteilen sortiert und unter dem Menüpunkt Dokumentationen ein Link zur Kartendarstellung aller in Frankfurt verlegten Stolpersteine. Auch die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine.“

Kontakt:

info@stolpersteine-frankfurt.de

www.stolpersteine-frankfurt.de

Dort findet man auch die Daten und Orte weiterer Stolperstein-Verlegungen, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.

Die Website des Projekts „jüdisches Leben in Frankfurt“:

http://www.juedisches-leben-frankurt.de/home/biographien-und-begegnungen.html

Die Informationen  zu Stolpersteinen auf der Website der Stadt Frankfurt am Main:

http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=1945549

 

Anmerkung:

(1) Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Günter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ 25. Januar 2018, S. 12. Noga-Banai kritisiert mit guten Argumenten das Münchner Verbot, in der Stadt Stolpersteine zu installieren, das auf Betreiben der langejährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von Stadtrat 204 beschlossen und 2015 erneuert wurde. „Die Stolpersteine, so Knoblochs Argumentation, seien keine würdige Form des Gedenkens, das  sie ‚bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt‘ werden könnten.“  Das Frankfurter Stolperstein-Buch könnte aber eher dazu dienen, das Projekt Demnigs mit anderen Augen zu sehen und die  Gedenkdebatte in München wieder aufzunehmen, wie es Noga-Banai anregt.

 

Noch eine Empfehlung zum Thema Stolpersteine  (September 2019):

Es gibt dazu jetzt nämlich (für mich ganz überraschend)  ein beeindruckendes Lied von Trettmann, einem deutschen Rapper, zu diesem Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=ErAeAJhOgG4

Dazu ein Kommentar aus dem Internet:

„Endlich mal ein STAR aus der Rapszene, der öffentlich an den Holocaust erinnert“.

François Hollande: Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dez. 2016)

Am 1. Dezember hat der französische Präsident angekündigt, auf die  Kandidatur für eine erneute Amtszeit zu verzichten. Es ist dies ein einzigartiger Vorgang  in der Geschichte der 5. Republik Hollande zieht damit die wohl einzig richtige Konsequenz aus seiner aktuellen Situation: Seine Popularität ist –auch einzigartig in der 5. Republik- derart am Boden, dass schon seine Aussichten, auch nur die Vorwahlen der sozialistischen Partei zu gewinnen, gering waren: Eine größere Demütigung für einen Präsidenten wäre kaum vorstellbar gewesen. Und selbst wenn er diese Vorwahlen –allen Prognosen zum Trotz- doch noch gewonnen hätte: Ob er es dann bei den Präsidentschaftswahlen in den zweiten Wahlgang geschafft hätte, wäre wohl noch unwahrscheinlicher gewesen. Diesen Zweikampf werden wohl François Fillon und Marine Le Pen bestreiten…

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Bild aus: http://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/inconsciemment-hollande-avait-integre-qu-il-ne-se-representerait-pas_1856571.html

Über die Bilanz des Präsidenten Hollande ist in den letzten Tagen in Frankreich und sicherlich auch in Deutschland viel geschrieben worden. Darauf muss nicht noch einmal eingegangen werden. Es gibt aber einen zentralen und ausgesprochen französischen Aspekt der Beurteilung, auf den ich hier  hinweisen möchte: Die präsidiale Statur Hollandes. In Frankreich hat der Präsident der 5. Republik ja den Rang eines „republikanischen Königs“, sein Amtssitz wird gerne als „château“ bezeichnet, seine Machtbefugnisse sind aus deutscher Sicht äußerst weit gefasst,  seine Auftritte werden oft mit einem an vorrevolutionäre Zeiten erinnernden Pomp inszeniert.

Übersieht man die (vorläufigen) „Nachrufe“  französischer Medien auf die Präsidentschaft Hollandes, so sind durchaus deutliche Unterschiede erkennbar:  Da ist im Leitartikel des „Figaro“  vom 2.12. –nicht weiter überraschend-  von einem „quinquennat nul et non avenu“  (einer null- und nichtigen Amtszeit) und einem „président qui ne l’était pas“ (einem Präsident, der keiner war) die Rede, der Herausgeber von „Libération“ , Laurent Joffrin, (2.12., S.3) sieht durchaus Positives, was dann mit der Zeit auch anerkannt werde und Le Monde, auch wenn sie insgesamt von einem „échec“ (Scheitern) Hollandes spricht,  zieht eine abgewogene Bilanz der  Amtszeit Hollandes in wichtigen Bereichen von Politik und Wirtschaft.

In einem Punkt allerdings scheint weitgehende Einigkeit zu herrschen:

Der französische Präsident, der sich im Wahlkampf als „président normal“ präsentiert habe, habe es, abgesehen von seinen Auftritten als Kriegsherr im Kampf gegen den inneren und äußeren Terrorismus-  nicht verstanden, die Würde seines Amtes hinreichend zu verkörpern, wie der Leitartikler von Le Monde schreibt. „le président ‚normal‘ François Hollande n’est pas parvenu à incarner pleinement, aux yeux des Français, la gravité de la fonction“.  Entsprechend heißt es auch später in der Besprechung des Film von Jean-Michel Djian über François Hollande, le mail-aimé (2017): 

.“ce ‚président normal‘ que tout le monde trouves certes sympathique, empathique et chaleureux, mais que n’a pas su endosser le costume d’un chef d’Etat.“(0)

Ein umso bemerkenswerteres Urteil, als es gerade die Zeitung le Monde war, die –anschaulich vor allem in den Karikaturen ihres Zeichners Plantu – die angekündigte « Normalität » des Präsidenten  Hollande zunächst mit einiger Sympathie kommentiert hat.[1]

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Nach den Erfahrungen der Amtszeit Hollandes urteilt Le Monde aber kritisch über die « Normalität » des Präsidenten –  und ganz entsprechend auch  Libération: „le grand échec de Hollande a été cette fameuse incarnation présidentielle. Il s’était présenté ‚normal‘. Il a fini dans l’anormalité des tréfonds de l’impopularité.“ (2. Dez., S. 3) (Das große Scheitern Scheitern bestand in dieser berühmten Verkörperung der Präsidialität. Er stellte sich (im Gegensatz zu Sarkozy, W.J.) als „normal“ dar.          Und er endete in der Anormalität abgrundtiefer Unpopularität.)

Zuletzt war es in diesem Jahr die Veröffentlichung eines Buches von zwei Le Monde-Journalisten mit Gesprächen, die sie mit dem Präsidenten geführt hatten, das zu diesem Verdikt beitrug.  Der aufschlussreiche Titel des Buchs „Un président ne devrait pas dire ça“- Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen.  Hollande äußert sich darin abschätzig über alle möglichen Institutionen und Personen: etwa über hohe Instanzen der Justiz, prominente Parteifreunde wie den Parlamentspräsidenten oder die Mitglieder der französischen Fußballnationalmannschaft. Was Hollande geritten hat, der Veröffentlichung eines solchen Buches zuzustimmen, ist ein Rätsel. Er präsentiert sich hier als  „Plaudertasche“, die ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Konsequenzen aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die  Reaktionen waren denn auch von einer kaum zu überbietenden Heftigkeit, Ministerpräsident Valls etwa kündigte dem Präsidenten die Gefolgschaft auf.  Der Nouvel Observateur bezeichnete denn auch den Titel des Buchs als Grabinschrift auf dem Epitaph des Präsidenten Hollande.[2]

Für den Leitartikler des Figaro (2.12., S.1) ist  dieses Buch „accablant  de concentré de cynisme et d’autosatisfaction, reflet d’un Narzisse au miroir des journalistes“ (eine niederschmetternde Mischung aus Zynismus und Selbstzufriedenheit eines sich im Spiegel der Journalisten sonnenden Narzis‘). Damit habe das Buch zu dem „abaissement sans équivalent de la fonction pésidentielle“ (einer beispiellosen Abwertung der präsidentiellen Funktion) beigetragen. Die Präsidentschaft Hollandes sei „sans grandeur ni vision“ gewesen bis hin zur Lächerlichkeit.  

Und der Figaro verweist in diesem Zusammenhang auch auf Hollands nächtliche Scooter-  Eskapaden, die Anfang 2014 Furore machten. Ich habe damals dazu einen kleinen Text geschrieben, in dem es darum ging, was ein französischer Präsident tun darf oder vielleicht besser lassen  sollte. Dieser Text erhält angesichts des angekündigten Rückzugs von Hollande und der Kritik an seiner unzureichenden „Präsidiabilität“ eine gewisse erneute Aktualität. Ich füge ihn deshalb ohne weitere Kommentare und Anmerkungen hier an.

 

 

Was ein Präsident nicht tun darf: Vaudeville im Elysée-Palast  (Februar 2014)

Seit am 9. Januar 2014 das Magazin Closerdie heimliche Liebe des Präsidenten“ publik machte, schlägt das Thema große Wellen in Frankreich. Das gilt natürlich vor allem für die sogenannte People-Presse, die das Thema weidlich und genüsslich ausschlachtet und damit den sinkenden Auflagenzahlen einen ungeahnten Aufschwung verleiht.[3]

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In unseren Pariser Alltagsgesprächen spielt das Thema aber auch eine Rolle. Mein Bekannter im Schwimmbad beispielsweise, mit dem ich mich gerne in der Umkleidekabine etwas unterhalte, findet, der Präsident solle sich mal lieber mehr ums Regieren kümmern. Das sei dringend nötig. Eine Freundin findet das alles nur schlimm und abstoßend und ist tief enttäuscht von Hollande, während für einen anderen Freund das Privatleben eines Präsidenten überhaupt kein Thema ist und es auch für die Öffentlichkeit Tabu sein sollte.

Karikaturisten sehen das natürlich anders. Für sie sind die nächtlichen Roller-Ausflüge des Präsidenten ein gefundenes Fressen.

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Der von uns sehr geschätzte Karikaturist von Le Monde, Plantu, der den „président normal“ bisher gerne in einen deux chevaux, eine alte Ente von Citroën, setzte, ließ  ihn jetzt auf einem Roller und gleich zwei Damen auf dem Sozius –natürlich seine (ehemalige)  Partnerin Trierweiler und seine Geliebte Julie Gayet-  beim Papst vorfahren, um sich bei ihm Rat zu holen. (Le monde 24.1.)  Und ein anderer retouchierte in ein Bild François Hollandes bei seiner Pressekonferenz vom 14. Januar einen Helm.

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Das offizielle Thema der Veranstaltung war natürlich Hollandes ökonomisches „coming out“, wie es ein Kommentator von Le Monde nannte- also sein bemerkenswerter Wechsel von einem sozialistischen Wahlkämpfer, der der Welt der Finanz den Krieg erklärte und für Großverdiener einen Steuersatz von 75% einführen wollte, zu einer die Unternehmen begünstigenden Angebotspolitik.. Aber natürlich war –trotz der (nur) für ausländische Beobachter erstaunlichen Zurückhaltung der französischen Journalisten-  das Privatleben des Präsidenten ein unterschwelliges und mit dem Motorradhelm bezeichnetes Thema.

Ein Indiz für dessen große Resonanz sind auch die Internet-Foren: Zum Beispiel gab es  nach der offiziellen Bekanntgabe der Trennung Francois Hollandes von seiner Partnerin Valérie Trierweiler zu der entsprechenden Meldung in der Internet-Ausgabe der Tageszeitung Le Figaro innerhalb von knapp 24 Stunden insgesamt 1024 Kommentare, was absolut außergewöhnlich ist. Dass sie fast durchweg nicht sehr schmeichelhaft für den Präsidenten waren, ist –gerade bei einem konservativen Blatt wie dem Figaro- nicht weiter erstaunlich, aber neutrale oder positive Reaktionen nach dem Motto „Warum denn nicht?“ oder „Ist doch schön und kann für Frankreich nur von Vorteil sein, wenn’s ihm gut geht“ waren kaum oder gar nicht vertreten.[4]

Unterhaltsam ist die Geschichte auf jeden Fall. Es gibt sogar schon ein Computerspiel, ein „jeu du scooter“ mit dem Titel: „Aidez François à rejoindre Julie!“ (Helfen Sie Francois dabei, Julie zu treffen).

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Der Spieler hat die Aufgabe, das Zweirad des Präsidenten zu seiner Geliebten zu steuern. Der Weg dorthin ist allerdings mit Hindernissen gespickt, die überwunden werden müssen: Denn natürlich wollen ihm Valérie Trierweiler, Ségolène Royal und die Paparazzi den Weg versperren….[5]

Le „vaudeville elyséen“

Der hohe Unterhaltungswert des präsidialen Privat- und Liebeslebens wird gerne mit dem Begriff Vaudeville bezeichnet, der sich derzeit einer großen Beliebtheit in den französischen Medien erfreut und Chancen hat, Wort des Jahres in Frankreich zu werden.[6] Gemeint ist damit ein unterhaltsames Volkstheater, in dem bevorzugt die Beziehungsfetzen fliegen. Frankreich liebe den Vaudeville, schreibt Christoph Barbier in seinem Leitartikel im Express vom 22.1., seit ihn Georges Feydeau in der Belle Epoque populär gemacht habe. Und heute tröste sich Frankreich  über seinen Niedergang hinweg, indem es sich über die präsidialen Liebschaften amüsiere.[7] Wie stark Franzosen derzeit von dem Gefühl eines Niedergangs ihres Landes beherrscht sind, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse: Es sind immerhin 85% der Franzosen, die dieses Gefühl haben.[8] Und 60% der Franzosen glauben, dass die Jüngeren im Vergleich zur Elterngeneration vom sozialen Abstieg betroffen seien – gegenüber (für mich etwas erstaunlich) nur 7% der Deutschen. Keine guten Aussichten also. Insgesamt ergibt die Befragung das Bild eines Landes, das mehrheitlich Furcht hat, das von seinem Abstieg überzeugt ist und von dem Rückzug auf sich selbst und – damit zusammenhängend- von einer Zurückweisung der Anderen, nicht dazu-Gehörenden, geprägt ist.[9] Der „vaudeville élyséen“[10] kommt also gerade recht.

Und das Liebesleben des Präsidenten hat ja nun auch alles von einem gelungenen Vaudeville: Da verlässt der Präsident heimlich nachts auf einem Scooter den Elysée-Palast. Gefahren wird er wohl von einem Sicherheitsbeamten, aber den für einen französischen Präsidenten geltenden Sicherheitsanforderungen entspricht das ganz und gar nicht. Als der Präsidentschaftskandidat und Zweirad-Fan Hollande jedenfalls im März 2012 bei der Polizei anfragte, ob er als Präsident weiter Motorrad fahren dürfe, wurde ihm geantwortet, das ginge durchaus. Allerdings mit einem Wagen davor, einem dahinter und Motorrädern auf beiden Seiten.[11] Das galt dann aber bei seinen nächtlichen Ausflügen nicht. Immerhin war er –der Sicherheit und der Tarnung willen- schwer behelmt, wenn er sich zu seiner Geliebten in die nicht allzu weit entfernte Rue du Cirque aufmachte. Ein Vaudeville-Autor hätte sich übrigens keinen passenderen Straßennamen ausdenken können! Und dann ist das auch noch eine Straße mit einschlägiger Vergangenheit: Dort wohnte nämlich im 19. Jahrhundert die schöne Engländerin Elizabeth-Ann Howard, wie Julie Gayet übrigens eine Schauspielerin, der der damalige französische Präsident und spätere Kaiser Louis Napoléon Bonaparte seine allabendliche Aufwartung machte.[12] Da ist doch Hollande in bester Gesellschaft!

Und bevor er morgens wieder Abschied nehmen musste, wurden dem Paar –wir sind in Frankreich!- vom präsidialen Sicherheitspersonal frische Croissants gebracht.

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Plantu macht daraus eine hübsche Karikatur, indem er den Croissant-Service des Präsidenten –den man durchaus sympathisch im Fenster turteln sieht- mit dem gleichzeitig bekannt gewordenen Prämiensystem der Polizei verbindet. Da teilt also der Polizist auf dem Motorrad mit, er habe eine Prämie beantragt, als er morgens auch noch die Croissants habe holen müssen.

Ganz und gar unfranzösisch ist allerdings, dass es sich bei dem von dem Präsidenten benutzten Zweirad um ein italienisches Modell (Piaggio) handelte und nicht um eines aus französischer Produktion von Peugeot![13] Und das, obwohl doch Arnaud Montebourg,  „der Minister der produktiven Wiederaufrichtung“ Frankreichs -so sein offizieller Titel!- landauf, landab das „made in France“ propagiert[14] und den staatlichen Beschaffungsbehörden schon mit Auflösung gedroht hat, wenn sie nicht –ungeachtet aller europäischer Regelungen- das „made in France“  zu ihrer  obersten und absoluten Leitlinie  machten. Aber jetzt ist ja der Staat dabei, den –kein Wunder!- angeschlagenen Konzern Peugeot/Citroen zu retten, so dass man davon ausgehen kann, dass der Präsident bei seinem nächsten Vaudeville- Stück auf einem französischen Fabrikat unterwegs sein wird.  Und wenn es denn nicht mehr ein  aus Sicherheitsgründen wenig empfehlenswerter Scooter sein soll, dann vielleicht ein –dann aber bitte garantiert französisches!- Auto mit getönten Scheiben der Autovermittlung Sixt.[15]

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Herr Präsident, das nächste Mal vermeiden Sie den Scooter. Sixt vermietet Wagen mit abgedunkelten Scheiben

Immerhin war der Helm „Dexter“, den Hollande bei seinen nächtlichen Ausflügen trug, ein französisches Fabrikat der Firma „ch’ti“ Motoblouz. Die taufte den Helm schnell pfiffig um in: „Dexter Président“

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– und schaltete auch gleich eine Anzeige in Libération:  „Vielen Dank, dass Sie unseren Helm zu Ihrer Sicherheit gewählt haben.“  Der  Verkaufserfolg war damit garantiert.[16] Hier der Wortlaut des launigen Briefs an Hollande (von Präsident zu Präsident):

Cher Président,

Depuis la publication récente de photos vous montrant à scooter coiffé d’un casque de notre marque Dexter, ce modèle est en rupture de stock, victime de son succès. Nous saluons le choix d’une marque française pour vos déplacements en deux-roues… Dexter est en effet une création exclusive de Motoblouz.

D’autres modèles de notre nouvelle collection vous attendent sur notre site pour vos prochaines escapades sécurisées.Vous y trouverez également une collection de blousons pour femmes… le cadeau idéal pour une Saint Valentin réussie.

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Bien cordialement,
Thomas Thumerelle
Président Directeur Général de Motoblouz

Bestes Vaudeville war natürlich auch der in der „people-Presse“ und in internet-Foren kolportierte „Ehekrach“ zwischen dem Präsidenten und seiner Compagne, wonach die offenbar völlig von den Eskapaden ihres Partners überraschte Valérie Trierweiler durch den Elysée Palast gerauscht sei und mit der ihr nachgesagten Impulsivität und Unberechenbarkeit einiges wertvolle Sèvres- Porzellan habe zu Bruch gehen lassen. Kosten des Eifersuchts-Vandalismus für die Staatskasse: 3 Millionen Euro.[17] Nein, das treffe so nicht zu, beeilte sich der zuständige Mobilier national mitzuteilen. Dass es aber „ein wenig Bruch“ gegeben habe, sei schon richtig, verriet das Frau Trierweiler wohlgesonnene Magazin „Closer“, das durch seine Veröffentlichung der Paparazzi-Bilder von den nächtlichen Eskapaden Hollandes das präsidiale Vaudeville offiziell eröffnet hatte.[18]

Das hatte allerdings schon eine passende Vorgeschichte, an die jetzt gerne wieder erinnert wird. Dazu gehört die –lange aus wahltaktischen Gründen verheimlichte-  Beziehung zu Valérie Trierweiler und das Eifersuchtsdrama in mehreren Akten zwischen ihr und Ségolène Royal, mit der Hollande 25 Jahre zusammen lebte und 4 Kinder hat. Aber das ist ein anderes Vaudeville- Stück, das auch einen hohen Unterhaltungswert hat. Da wird getwittert und intrigiert, da werden Beziehungs-Tischtücher zerschnitten, öffentliche Liebesbeweise eingefordert und abgegeben – es fehlt an nichts.

Der von Hollande vor die Elysée-Tür gesetzten Valérie bleibt dann immerhin noch das Angebot der Partnerschaftsvermittlungs-Agentur be2, sich dort kostenlos einzuschreiben und damit –auf eine ganz spezifische Weise- dem Wahlslogan Hollandes „Le changement c’est maintenant“ –Jetzt ist die Zeit des Wechsels- zu folgen.

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Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen…

Die zwei Körper des Präsidenten: vie privée versus vie politique

Mit all dem befindet sich Hollande in bester politischer und präsidialer Gesellschaft, an was jetzt natürlich auch gerne wieder erinnert wird. Da muss man gar nicht bis zu Louis Napoleon Bonaparte ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Die 5. Republik bietet Stoff genug: Da gab es Mitterand, der heimlich auf Kosten des Staates eine Zweitfamilie unterhielt. Es  gab den Präsidenten Giscard d’Estaing, von dem sein Außenminister Couve de Murville etwas spitz sagte, er sei der einzige Staatsmann der Welt, von dem man ziemlich sicher sagen könne, wo er nachts nicht schlafe. (gemeint war damit das eheliche Schlafzimmer).[19] Giscard nährte auch durchaus Spekulationen über seine diversen Affären; die über eine Beziehung mit Lady Di allerdings dementierte er schließlich. Besonders hübsch und verbürgt ist die Geschichte von Giscard, der zu früher Morgenstunde am Steuer eines Ferraris den Lieferwagen eines Milchhändlers zerlegte- ein Husarenstück, das lange der Öffentlichkeit vorenthalten wurde. Vielleicht auch deshalb, weil sich Giscard in „galanter Begleitung“ befand –dem Vernehmen nach einer berühmten Schauspielerin.[20] Offenbar haben französische Staatspräsidenten ein besonderes Faible für Schauspielerinnen. Auch Präsident Chirac war alles andere als ein Frauenverächter. Er erhielt sogar den Spitznamen „dix minutes, douche comprise“ -10 Minuten, einschließlich Dusche  –  Derartiges sollte wohl seine Sekretärin in seinen Terminkalender eintragen, wenn er im Elysée Damenbesuch empfing. Seine Frau Bernadette, die immer zu ihm hielt, bemerkte dazu etwas süffisant, dass es bei ihm mit den Frauen immer im Galopp gegangen sei-  avec lui, „les femmes, ça galopait“. Und der Pferdefreund Chirac liebte es auch, in geselliger Runde einen Trinkspruch „auf die Pferde und Frauen“ auszubringen, „die wir besteigen“.  Immerhin blieben sein Affären anonym und schadeten nicht dem Ansehen des Präsidenten.[21]

Die Trennung zwischen Privatleben und der präsidialen –und generell politischen-  Funktion wurde hier noch in teilweise äußerst rigider –bis zur Selbstzensur gehender- Weise eingehalten. Das war zunächst auch noch so bei dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Strauß-Kahn, der sich gerne mit Prostituierten im Bois de Boulogne herumtrieb und in exquisiten Partnertausch-Clubs (clubs libertins) ein gern gesehener Gast war. Das alles wusste „tout Paris“- und ebenso natürlich, dass eine Mitarbeiterin des IWF sich ganz offiziell über Strauß-Kahn beschwert hatte, weil er ihr gegenüber seine Stellung als Chef des IWF missbraucht habe. Aber auch das galt als Privatsache und tat den Ambitionen Strauß-Kahns auf die französische Präsidentschaft keinen Abbruch. Das änderte sich erst mit der Affäre im New Yorker Hotel Sofitel- auch wenn die von nachsichtigen Kommentatoren zunächst eher heruntergespielt wurde: Immerhin sei doch kein Blut geflossen, oder: Strauß-Kahn habe doch nur von einem alten Recht des Adels bzw. des Großbürgertums Gebrauch gemacht, sich seiner Hausangestellten nach Belieben zu bedienen.[22] Aber jetzt kamen auch Strauß-Kahns „parties fines“ mit jungem hübschem „matériel“, wie er es nannte, im Hotel Carlton in Lille ans Tageslicht, wegen derer er inzwischen wegen schwerer Zuhälterei (proxénétisme aggravé) angeklagt ist.[23]

Aber gerade die Affären von Stauß-Kahn führten in Frankreich zu einer intensiven Diskussion über die Haltung der Medien gegenüber dem politischen Personal des Landes: Bis dahin  hatte man die Trennung des präsidialen Körpers in einen offiziellen, der das Gemeinwesen repräsentiert, und einen privaten noch allseits respektiert und strikt eingehalten. Damit knüpfte die republikanische Monarchie der 5. Republik nahtlos an die monarchistische Tradition an.[24] Angesichts des Doppellebens von Dominique Strauß-Kahn stellten sich die Medien aber die Frage, ob nicht die Zurückhaltung bezüglich des Privatlebens von Politikern schon fast den Charakter einer Omertá habe, der das Recht der Bürger auf Information zum Opfer falle.[25]

Hollande hat nach der Veröffentlichung von Closer im Sinne der traditionellen Lehre das Recht auf Schutz seines Privatlebens herausgestellt und –wohl etwas voreilig-  mit juristischen Schritten gegen die Zeitschrift gedroht. Von juristischen Schritten ist aber inzwischen nicht mehr die Rede. Denn die Rechtsprechung in Europa (EuGH), aber auch in Frankreich, hat sich inzwischen in eine Richtung entwickelt, die bei Personen öffentlichen Interesses eher die Informationsfreiheit begünstigt.[26] . Insofern geht auch die etwas naiv-treuherzige Argumentation von Libération in die Leere, die die Leser/innen auffordert, sich doch einmal vorzustellen, ihr Privatleben werde so in die Öffentlichkeit gezerrt wie das des Bürgers François: „Et si François, Julie et Valérie, c’était moi ? »[27]  Der Bürger François Hollande ist aber nun einmal Präsident, er hat sich aus freien Stücken für dieses Amt  beworben und konnte kaum so naiv sein, davon auszugehen, dass ein solches Amt nicht auch sein Privatleben in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt.

Hollande hat übrigens selbst der Vermischung der öffentlichen und der privaten Sphäre Vorschub geleistet und sein Privatleben gezielt zum Nutzen seiner politischen Ambitionen in die Öffentlichkeit gebracht. Zusammen mit Ségolène Royal verbreitete er das Bild einer Familienidylle. Und als es  damit zu Ende war, bezeichnete er  in einem Interview mit der Zeitschrift Gala Valérie Trierweiler als die Frau seines Lebens – was auf der Titelseite der Zeitschrift plakativ aller Welt verkündet wurde.[28] Ein solcher Satz nach 25 Jahren Ehe und gemeinsamer politischer Arbeit mit Ségolène Royal hatte natürlich etwas Peinliches, und Hollande bekannte später, er hätte „der Frau seines Lebens“ noch ein „aujourd’hui“- also: heute- hinzufügen müssen. Vielleicht hat Hollande bei diesem späten Eingeständnis ja  nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch schon an die Zukunft gedacht- die da in Gestalt von Julie Gayet möglicherweise sogar schon Gegenwart war.[29]

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Confidences exclusives. François Hollande; „Valérie est la femme da ma vie“

Hollande ging mit diesem öffentlichen Bekenntnis zu Valérie Trierweiler im Grunde sogar noch weiter als sein Vorgänger Sarkozy, der auf einer Pressekonferenz verkündet hatte: „Avec Carla, c’est du sérieux“. (Mit Carla ist es ernst). Die von Sarkozy betriebene intensive Verknüpfung von Amt und Privatleben hat Hollande zwar heftig kritisiert – aber überzeugend war das nicht: Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen…

Bemerkenswert ist übrigens aus deutscher Sicht, dass in diesem Zusammenhang die deutsche Bundeskanzlerin in den Internet-Foren immer wieder als Gegenbild herausgestellt wird: Sie mache ernsthafte politische Arbeit, die nicht von ihrem Privatleben beeinträchtigt werde. Und bezogen auf die Cécilias, Carlas, Valéries und Julies ist den Franzosen die Rolle des geheimnisvollen „Herrn Sauer“, des Mannes von Frau Merkel, schon fast etwas unheimlich und er wird –als regelmäßiger Bayreuth-Gast zusammen mit seiner Frau- zum „Phantom der Oper“… [30] Ein bisschen weniger protestantische Strenge darf es dann doch sein in Frankreich.

François Hollande: ein allzu normaler Präsident

François Hollande wollte –im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Sarkozy, aber auch in
Abgrenzung zu Dominique Strauß-Kahn- ein „normaler Präsident“ sein. Vielleicht gehört zu dieser Normalität für ihn vielleicht auch, dass die Beziehungen zwischen Mann und Frau heutzutage eher nicht mehr dem rigiden Modell katholischer Orthodoxie entsprechen. Dann wären die nächtlichen Exkursionen in die Rue du cirque schlichter Ausdruck der geltenden gesellschaftlichen Normalität.[31]

Aber vielleicht ist diese Normalität bei einem Präsidenten doch weniger angebracht. Von einem Präsidenten scheinen die von ihm repräsentierten Bürger doch etwas weniger gesellschaftliche Normalität und etwas mehr präsidiale Würde zu erwarten. Serguei hat das in der hier abgebildeten, „Herzensbrecher“ überschriebenen Karikatur (Le Monde 16.1.14) zum Ausdruck gebracht:

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Auch wenn Hollande da beteuert, er sei doch seiner Marianne immer treu geblieben, zeigt sie ihm die kalte Schulter: „Für mich bist du allzu normal!“ Und die negativen Umfragewerte – Hollande hält in dieser Hinsicht den Negativrekord unter den Präsidenten der 5. Republik- kann er damit sicherlich nicht umkehren.[32] Das brachte auch –wie immer sehr pointiert- die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo mit einem entsprechenden Titelbild zum Ausdruck:

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Es bezieht sich auf die die inzwischen berühmte Anapher Hollandes „Moi Président“ und seine feierliche Verpflichtung in einer Fernsehdebatte mit Sarkozy während des Präsidentschaftswahlkampfs, dass sein Verhalten als Präsident in jedem Moment vorbildlich sein werde. „Moi Président je ferai, à chaque instant, que mon comportement soit exemplaire“… [33]

Das Thema, um das es hier letztendlich geht, ist die Autorität des Präsidenten, des republikanischen Monarchen in all seiner Widersprüchlichkeit. Hier der allzu menschliche Francois, der im Stil eines Heranwachsenden sich aus dem Haus zu seiner Freundin stielt, den Helm tief übers Gesicht gezogen- falls er vielleicht im Hausflur einem verräterischen Nachbarn begegnet; und dort der Präsident, der im grandiosen Stil seiner Vorgänger seine Pressekonferenzen inszeniert, umgeben von dem gesamten als andächtige Statisten angetretenen Kabinett[34]; der scheinbar omnipotente „moi président“, der seine Verlautbarungen gerne mit „je“ einleitet, der hochheilig verspricht, das Haushaltsdefizit Frankreichs 2013 unter die Maastricht-Marke von 3% zu senken, was, wie sein Finanzminister hinzufügte, eine nicht verhandelbare Verpflichtung sei und noch daran festhält, als längst alles Spatzen von den Dächern es besser wissen.[35] Inzwischen wurde –mit nachsichtiger Brüsseler Billigung-  diese Verpflichtung auf 2015 verschoben. Man darf gespannt sein….

Im September 2012 kündigte Präsident Hollande außerdem verwegen an, er werde die seit Jahren ansteigende Kurve der Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende 2013 umkehren. Auch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich erreichte –obwohl Petrus dem Präsidenten gnädig war-  im Dezember 2013 einen neuen absoluten Rekord.

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Arbeitslosigkeit: Das Scheitern

Wenn er schon wesentliche politische Versprechungen nicht eingehalten hat- auf die privaten Verhältnisse bezogen haben sie durchaus –satirische- Realität – auch wieder eine Steilvorlage für Karikaturisten:

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Da wird dann – unter der Überschrift Hollande/Gayet- aus der Umkehrung des Anstiegs der Arbeitslosigkeit eine anzügliche „Veränderung der Kurven“, die er für das Ende des Jahres versprochen hatte…. [36]

Ein weiteres Autoritätsproblem Hollandes ist die ihm nachgesagte Entscheidungsschwäche. Der Präsident wird ja gerne als „mou“, als sanft und weich, beschrieben bzw. kritisiert.[37] Das mag falsch sein, denn Hollande hat durchaus –etwa bei der Entlassung seiner Umweltministerin Batho, vor allem aber bei der Durchsetzung seines Wahlversprechens der „mariage pour tous“ –der Ermöglichung der Heirat gleichgeschlechtlicher Partner- gezeigt, dass trotz  erheblicher gesellschaftlicher Widerstände hart und entschieden sein kann. Und  seine Absicht, gesellschaftliche Probleme im Dialog anzugehen, ist sehr anerkennenswert und für Frankreich eher ein –überfälliges- Novum. Aber es gibt doch auch genügend Beispiele, dass sogar sinnvolle Reformschritte im Dickicht widerstreitender Interessen hängen bleiben. Da soll endlich die schon zu Sarkozys Zeiten in Gang gebrachte Umweltabgabe für Lastwagen umgesetzt werden. In der Bretagne erhebt sich dagegen ein Widerstand der roten Mützen, also: Zurück, marsch, marsch.Da soll das korporatistisch organisierte Taxigewerbe einer gewissen Konkurrenz ausgesetzt werden. Die Taxifahrer drohen mit einer Verkehrsblockade von Paris, also: ….. (s.o.) Da sollen die Lehrer der sogenannten Cours préparatoires, in denen Abiturienten auf die Aufnahmeprüfungen der französischen Eliteschulen vorbereitet werden, etwas von ihren Privilegien zugunsten der Schulen und Lehrer in den Problemzonen abgeben. Es gibt Proteste von Lehrern, betroffenen derzeitigen und inzwischen einflussreichen ehemaligen Schülern, also…. (s.o.) Da sollen die niedrigen Steuern für Reitställe und Gestüte auf den normalen Satz von 20% angehoben werden; die rücken dann mit ihren Pferden in Paris ein, besetzen die Place de la Bastille und drohen mit Arbeitslosigkeit für die Mitarbeiter, Euthanasie (!) für die Pferde und – das immerhin ganz witzig- dem nächsten Pferdefleisch-Skandal, also…. (s.o.)

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Da sollen in einem neuen Familiengesetz u.a. längst überfällige und z.T. auch schon von konservativen Vorgängerregierungen beabsichtigte Veränderungen beim Scheidungsrecht beschlossen werden, die einen möglichst weitgehenden Ausgleich aller Betroffenen zum Ziel haben; Es gibt dagegen eine Massendemonstration in Paris, die sogenannte „Manif pour tous“, die die Mobilisierung gegen die mariage pour tous mit z.T. falschen Behauptungen und Unterstellungen fortführt – und was macht Präsident Hollande? Völlig unerwartet wird am Tag nach der Demonstration das Projekt auf Eis gelegt und die Regierung weicht auch in diesem Fall zurück.

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Frankreich bietet, wie ein Kommentator schreibt, das Bild eines tief gespaltenen Landes, das von extremistischen Auswüchsen bedroht sei, mit einer Staatsmacht, deren Autorität völlig infrage gestellt werde und die vor dem Druck der Straße zurückweiche.[38]

Nun hat allerdings François Hollande Ende Januar mit zwei Paukenschlägen seine (präsidiale) Autorität wieder dokumentieren wollen: In einer kurzen lakonischen Mitteilung hat er der Nachrichtenagentur AFP mitgeteilt, dass er das gemeinsame mit Valérie Trierweiler geteilte Leben beendet habe.[39] Das war „ein autokratisches und brutales Verstoßungs-Dekret“ und gleichzeitig eine trockene Mitteilung der Entlassung Trierweilers als „première dame“, die damit auch umgehend ihren Platz im Elysée mit allem, was dazugehörte, verlor.[40] Aber auf jeden Fall zeigte Hollande, dem 2007 von Ségolène Royale der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, dass er allein Herr im Haus ist – demonstrativ unterstrichen mit einem zweifachen „Ich“ –ich gebe bekannt, ich habe Schluss gemacht.

Und parallel dazu verkündete Hollande auf  seiner Pressekonferenz vom 14. Januar seine sozialdemokratische Wende: In  einem Pacte de responsabilité sollen die Sozialpartner gemeinsam Schritte zum Abbau der Arbeitslosigkeit vereinbaren. Die Arbeitgeber sollen, wie von ihnen gefordert, von Sozialabgaben entlastet werden, sich aber im Gegenzug zu Arbeitsmarkt-relevanten und genau bezifferbaren Gegenleistungen verpflichten. Auf dieses Projekt will Hollande in seiner verbleibenden Amtszeit alle Anstrengungen konzentrieren und damit auch das Vaudeville elyséen –allerdings offenbar nicht die Beziehung zu Julie Gayet- beenden.

Ob er mit beidem Erfolg hat, ist nicht ausgemacht: Es erscheint doch eher unwahrscheinlich, dass die gedemütigte Valérie Trierweiler sich still zurückzieht und der Versuchung widersteht,  publizistisch Rache zu nehmen… Von einem Buchprojekt über Untreue ist die Rede. Und was den Pacte de responsabilité angeht: Plantu sieht schon Hollande im Bett mit dem Arbeitgeberverband MEDEF. Der Zylinder als Unternehmer-Emblem- ist ein satirisches Danaer- Geschenk, das Hollande geschmeichelt annimmt. (MEDEF: „Der Hut ist ein Geschenk“, Hollande: „Oh, wäre doch nicht nötig gewesen…)[41]

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Der neue Vorsitzende der CGT, der mächtigsten französischen Gewerkschaft, bezeichnete sogar den Chef des Arbeitgeberverbandes als heimlichen Ministerpräsidenten und forderte Hollande auf, endlich unter dem Rock von Merkel –auch ein bekanntes Stück-  hervorzukommen…[42]

Die Aussichten auf einen unterhaltsamen, heißen Sommer in Frankreich sind also gut…

Abgeschlossen 6.2.14

Anmerkungen

(0) Sehr eindeutig auch das Urteil von Anne Sinclair über Holland: „il n’a  jamais été  considéré comme un premier rôle de la politique“… (Le Parisien, 27.2.2017)

Zitat aus  Le Monde, 12./13. März 2017

[1] Bild aus: http://images.google.fr/imgres?imgurl=http%3A%2F%2F1.bp.blogspot.com%2F-W4T0doxx0kg%2FUHfItdHrPuI%2FAAAAAAAABEg%2F9oCrH_ACu10%2Fs1600%2Fnormal.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Flouisdesaussure.blogspot.com%2F2012%2F08%2Fpresident-normal.

[2]Un président ne devrait pas dire ça.“ Ce titre a valeur d’épitaphe et le livre qui le porte ressemble à une pierre tombale.

http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/election-presidentielle-2017/20161201.OBS2058/presidentielle-comment-francois-hollande-s-est-pris-a-son-propre-piege.html

[3] Mit der Nummer von der Amour sécret von Hollande hat Closer seine Auflage immerhin verdoppelt. (s. Le Monde, 16.1.14)

[4]  http://www.lefigaro.fr/politique/2014/01/25/01002-20140125ARTFIG00363-francois-hollande-et-valerie-trierweiler-se-separent.php

[5] Par LEXPRESS.fr, publié le 15/01/2014 à  18:55 En savoir plus sur http://www.lexpress.fr/actualite/politique/l-affaire-hollande-gayet-source-d-inspiration-pour-les-jeux-en-ligne_1314483.html#5PS6tyZRqIwfdGbr.99

[6] Das französische Wort des Jahres wird in Charité-sur-Loire gekürt, und zwar einmal von „Experten“ und dann auch öffentlich (Internet und die Bewohner des Ortes). 2013 haben sich die Experten für Transparence entschieden, während die öffentliche Wahl auf mensonge(s) fiel: zwei Seiten einer Medaille

[7] „en riant au feuilleton des amours présidentielles“ Express No 3265, S. 5).

[8] http://www.lemonde.fr/politique/article/2014/01/21/brice-teinturier-une-france-qui-se-fragmente_4351405_823448.html

[9] Le Monde 23.1.14: „L’extrème défiance de la société française”, S. 8

[10] Arnaud Leparmentier in Le Monde 23.1.14 In Paris gab es von 1792 bis 1927 das Théâtre de Vaudeville. Das letzte Gebäude auf dem Boulevard des Capoucines ist heute in Kino, das Opéra Gaumont.

[11] Zitiert von Cécile Amar, Jusqu’ici tout va mal”. Paris 2013. Siehe auch Les Echos, 24./25.1.14

[12] L’Express 22.1.14, S.31

[13] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/2014/01/18/20002-20140118ARTFIG00343-un-concessionnaire-s-offusque-que-le-scooter-presidentiel8230-soit-italien.php

[14] Siehe Bericht aus Paris Nr 27 (Juni 2013)

[15] Diese Werbung gab es auch als ganzseitige Anzeige in Le Monde vom 17. Januar, S. 9

[16] http://www.lerepairedesmotards.com/actualites/2014/actu_140122-casque-dexter-motoblouz-lettre-president.php

Oui, mais le casque était… français …! In: http://forums.pelerin.info/viewtopic.php?f=5&t=6238 („Merci Monsieur  d’avoir choisi notre casque pour votre sécurité…“) s.a. Le Monde vom  2./3. Februar, S. 13

[17] „La première dame se serait livrée à du vandalisme, projetant à terre vases, pendules et objets d’art appartenant aux prestigieuses collections du Mobilier national. Coût de cette supposée scène: 3 millions d’euros.“

http://www.lefigaro.fr/culture/2014/01/22/03004-20140122ARTFIG00216-trierweiler-le-mobilier-national-dement-tout-vandalisme-du-bureau-presidentiel.php

[18] “Le palais de l’Ellysée bruit encore de leur scène de ménage au matin du 10 janvier, lorsque Valérie Trierweiler a parcouru au pa de course qui mène au bureau du Président avant d’y débarquer avec fracas. ‘Tout ce qu’a écrit Closer est vrai’, reconnaît-il. Valérie est alors entrée dans une colère noire, ces fameuses colères qui, à l’Elysée, lui valent sa reputation. Il y a eu un peu de casse, c’est vrai, mais elle n‘a pas … détruit pour … 3 millions d’euros de mobilier national!“ (Closer, 23.-30. Januar, S.6)

[19] Christophe Duboi et Christophe Deloire, Sexus politicus. Paris 2006, Kapitel 5: Quand les femmes menaient Giscard par le bout du nez…

[20] http://www.20min.ch/ro/news/monde/story/12505905  Bekannt gemacht wurde die sogenannte Affaire „du camion du laitier“ übrigens von der satirischen Wochenzeitung Canard enchaîné, die immer wieder für –auch politisch höchst brisante- Enthüllungen gut ist.

[21] http://news.fr.msn.com/m6-actualite/politique/liaisons-au-sommet-sexe-rumeur-et-secret-detat?page=5  Allerdings wird die Präsidentschaft Chiracs in Frankreich eher kritisch gesehen als Zeit des Stillstands. Aber immerhin widersetzte er  sich dem amerikanischen Irak-Abenteuer und wagte es, zum ersten Mal die Mitwirkung und Mitverantwortung des französischen Staates an der Ermordung der französischen Juden durch die Nazis offiziell anzuerkennen.

[22] Es war der Herausgeber der Wochenzeitschrift Marianne, François Kahn, der von einer „ troussage de domestique“ sprach. Allerdings rief diese Äußerung dann doch so viel Empörung hervor, dass Kahn seinen Posten räumen musste. Um den Prozess gegen Strauß-Kahn wegen gewerbsmäßiger Zuhälterei  (Die Carlton-Lille-Affäre) ist es inzwischen –warum auch immer- ziemlich ruhig geworden.

[23] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/12/18/01016-20131218ARTFIG00421-carlton-le-renvoi-en-correctionnelle-confirme.php

[24] Siehe Ernst Kantorowicz,  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Klett-Cotta 1992 . Der Begriff wurde dann auch auf Frankreich  übertragen und polemisch auf François Hollande angewendet, um dessen angebliche Unfähigkeit zum Präsidentenamt aufzuzeigen: Thierrry Saussez, Les deux corps du Président. Paris 2013

[25] Zum Beispiel:  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/05/16/l-etrange-omerta-des-medias-sur-le-cas-dsk_1522552_3232.html und  http://www.contrepoints.org/2011/05/23/25837-dsk-lomerta-des-medias-sur-ce-que-tous-savaient

[26] http://www.liberation.fr/societe/2014/01/14/la-maitresse-d-un-homme-politique-contribue-t-elle-au-debat-d-interet-general_972743. s.a. Vie privée: l’Europe met à nu les politiques. In: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2014/02/vie-priv%C3%A9e.html

Außerdem hat auch Valérie Trierweiler als « première dame » – der französischen Variante der amerikanischen « first lady » einen offiziellen Status mit Wohnung, Mitarbeiterstab und Bediensteten im Elysée-Palast.

[27] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/17/politiques-et-medias-l-intime-entame_973757

[28] „C’est une chance exceptionnelle de pouvoir réussir sa vie personnelle et de rencontrer la femme de sa vie. Cette chance, elle peut passer, moi je l’ai saisie.“  (Gala Oktober 2010)  http://www.lexpress.fr/actualite/politique/hollande-gayet-l-histoire-d-un-president-qui-veut-vivre-sa-vie_1314338.html#aUHOkTHD66JBPHAG.99

[29] „La phrase était maladroite. J’aurais dû dire : „C’est la femme de ma vie d’aujourd’hui““, convient le futur candidat socialiste quelques mois plus tard, en février 2011, interrogé von zwei Journalistinnen, die danach ein Buch über die „amours hollandaises“ schrieben. Entre deux feux (Grasset)

[30] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/13/monsieur-sauer-le-fantome-de-l-opera_972596

[31] Siehe: Compréhension adultère pour l’homme casqué 20 janvier 2014 à 17:06

http://www.liberation.fr/societe/2014/01/20/comprehension-adultere-pour-l-homme-casque_974206 Das würde übrigens auch zu der Begründung für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot, einer der beiden im Pantheon bestatteten Frauen, passen – sie hat ja –siehe Bericht Nr. 29- diese Ehre der Ehe mit ihrem Mann und ihren –offenbar ganz außergewöhnlichen- ehelichen Tugenden zu verdanken.

[32] Siehe Les Echos vom 9.1.14:  La cote de popularité de Hollande reste au plus bas. (sie pendelt um die 25%)

[33] http://www.midilibre.fr/2014/01/17/quand-hollande-disait-moi-president-je-ferai-que-mon-comportement-soit-exemplaire,809339.php   Und schon zu Beginn des Wahlkampfs hatte Hollande sich zu einer Ethik bekannt, die dem ausgeübten Amt entspreche: Avoir une éthique qui correspond au métier excercé et en être respecteux.“ http://www.purepeople.com/article/francois-hollande-parle-enfin-de-sa-compagne-la-femme-de-ma-vie_a65714/1

[34] Eigentlich hatte Hollande im Wahlkampf versprochen, diese Inszenierung der Pressekonferenzen im Elysée nicht fortzusetzen, aber ….

[35] Siehe Le Figaro  31.1., S. 15

[36] Dazu passt auch eine Äußerung in einem Internet-Forum von Liberation: „Pourquoi voulez vous que notre 1er socialiste se préoccupe des affaires sérieuses ?? Il est occupé à d’autres courbes , et celles ci sont bien plus attractives et plus fascinantes…” http://www.liberation.fr/politiques/2014/02/01/peu-importe-que-francois-hollande-soit-social-democrate-ou-socialiste_977134

[37] http://www.lepoint.fr/invites-du-point/daniel-salvatore-schiffer/hollande-le-grand-mechant-mou-09-07-2013-1702206_1446.php

[38] Thierry Borsa in Le Parisien, 4.2.14, S.2. Libération vom 5.2. titelt: Gouverner, c’est reculer. Und erklärt: „Pourquoi Hollande s’est couché“ (S.1)

[39] „Je fais savoir que j’ai mis fin à la vie commune que je partageais avec Valérie Trierweiler. Übrigens eine sehr eigentümliche und  bemerkenswerte Wortwahl –  Siehe:

http://www.lepoint.fr/invites-du-point/nathalie-rheims/rheims-hollande-trierweiler-jeux-de-mots-26-01-2014-1784546_1452.php

[40] Renaud Machard in Le Monde, 29.1.14, S. 16: „un décret de répudiation autocratique et brutal“; „un avis de licenciement sec”. s.a. Valérie Trierweiler. Vingt mois à l’Elysée. Portrait. Le Monde 28.1.14, S. 17

[41] L’Express 22.1.14, S.13

[42] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/28/lepaon-cgt-hollande-doit-sortir-de-sous-les-jupons-de-merkel_976028 siehe auch:  Le Monde 2./3.2.14

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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 Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons (Vive l’empéreur Teil 1)

Neben dem Eiffelturm,  Notre Dame und Sacre Coeur gehört der Arc de Triomphe zu den bekanntesten  Sehenswürdigkeiten von Paris.  Immerhin ist er der größte aller Triumphbögen und er ist „dans le monde entier une image symbolique de Paris“ und nicht zuletzt „das berühmteste napoleonische Monument.“[1]

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Dass der Arc de Triomphe nicht nur für Paris steht, sondern für ganz Frankreich, haben wir übrigens bei einer Reise auf die Seychellen festgestellt. Dort haben sich die Promoter der  französischen Milch neben einer Kuh in den Nationalfarben ausgerechnet den Triumphbogen ausgesucht, um die Herkunft des Produkts augenfällig zu machen.

Der Triumphbogen verdankt seine Prominenz  sicherlich vor allem seiner exponierten Lage an der voie Triomphale zwischen dem Louvre und der Place de l‘ Étoile, die inzwischen noch verlängert ist bis zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense mit der anlässlich der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution errichteten Grande Arche.

Dazu kommt die große  Rolle, die er bei besonderen Anlässen spielte und noch heute spielt:

  • Am 14. Dezember 1840 beispielsweise empfingen mehr als 400 000 begeisterte Menschen mit dem Ruf „Vive l’empereur!“ die Asche Napoleons, die auf einem  riesigen Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt wurde, bevor sie dann im Invalidendom ihre letzte Ruhe fand.[2]
  • Am 22. Mai 1885 starb Victor Hugo in seiner Wohnung in der Nähe des Arc de Triomphe. Sein Leichnam wurde auf einem Katafalk von 22 Metern Höhe unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt, bis er am 31. Mai in die Kirche Saint-Geneviève gebracht wurde- die damit endgültig ihre Bestimmung als Pantheon der „großen Männer“ erhielt.
  • Am 13. und 14. Juli 1919 fand rund um den Arc de Triomphe die Siegesfeier Frankreichs statt. Eine riesige Militärparade, angeführt von 1000 Kriegsversehrten und danach den  Marschällen Frankreichs hoch zu Ross, an der Spitze ihrer Truppen, marschierte durch den Arc de Triomphe – was damals noch möglich war,  weil das Grab des unbekannten Soldaten und die ewige Flamme unter dem Triumphbogen  erst später installiert wurden.

Natürlich nahm auch die französische Luftwaffe an der Parade teil, musste dies aber zum Leidwesen der Piloten wie die Infanterie zu Fuß tun. Eine Gruppe von Piloten entschloss sich deshalb, ohne den Segen oder auch nur die Information ihrer Vorgesetzten eine besondere Demonstration zu veranstalten. Ausgewählt dafür wurde Charles Godefroy, der am 7. August 1919 in einer spektakulären Aktion unter der Öffnung des Triumphbogens hindurch flog. Einige Bildreporter waren  informiert, so dass das Geschehen für die Nachwelt festgehalten ist. Die  völlig überraschten Fahrgäste in der gerade vorbeifahrenden Trambahn gerieten allerdings in Panik… Aber Frankreich war dann doch so  stolz auf seinen tollkühnen Piloten, dass er mit einer einfachen Abmahnung davon kam…

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  • Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 paradierten deutsche Truppen vor dem Arc de Triomphe und Hitler erwies Napoleon im Invalidendom seine Reverenz. Viereinhalb Jahre später war diese Schmach beendet:  Am 11. November 1944 fand–nach der Befreiung von Paris und des größten Teils Frankreichs- eine große Militärparade, angeführt von General de Gaulle, Winston Churchill und Anthony Eden,  vor dem Arc de Triomphe statt.

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Auch heute noch steht der Arc de Triomphe immer wieder und regelmäßig im Zentrum großer Veranstaltungen:

  • bei Gedenktagen wie dem 8. Mai und dem 11. November, an dem der Staatspräsident unter dem  Arc de Triomphe die Flamme des unbekannten Soldaten erneuert.[3]

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  • beim 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wo auf den Champs-Elysées zwischen Arc de Triomphe und der Place de la Concorde die große Militärparade stattfindet, die von der Patrouille de France eröffnet wird. Sie überfliegt  den Arc de Triomphe und zeichnet die Farben der Tricolore in den Himmel.

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Der Arc de Triomphe ist aber auch Schauplatz anderer Veranstaltungen: Das nachfolgende Foto zeigt eine Demonstration vom  18.3. 2014: Damals wurde an das Ende des Algerien-Krieges durch die Verträge von Évian erinnert.  Demonstrationen  am Arc de Triomphe sind  eher außergewöhnlich, in diesem Fall aber wohl der Tatsache zu verdanken, dass das Ende des Algerienkriegs vor allem de Gaulle zu verdanken ist, nach dem ja auch die Place de l’Étoile benannt ist.

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In ganz besonderer Weise zeigte im Januar 2015 Paris seine Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charly Hebdo“.[4]

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Und traditionell endet die Tour de France, indem die Fahrer  noch mehrmals die Champs Elyssées hinauf- und herunterfahren  und dabei den Arc de Triomphe umrunden –  eine eher rituelle Veranstaltung, weil der Sieger der Tour schon vorher feststeht.

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Lliterarischen  und filmischen Ruhm hat der Arc de Triomphe natürlich auch erlangt….[5]

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Napoleon wäre sicherlich stolz auf die Prominenz dieses Monuments gewesen, dessen Bau er selbst angestoßen  hat.  Ziel Napoleons war es, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Schon auf der Überfahrt nach Ägypten 1798 sann er: „Wenn ich Herrscher Frankreichs wäre, dann würde ich aus Paris nicht nur die schönste Stadt machen, die es je gegeben hat, sondern die schönste Stadt, die es jemals geben kann.“ [6]

Zahlreiche monumentale Projekte dienten diesem Ziel:

  • So der Säulengang vor dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung,  südlich der Seine, als dessen  Gegenstück die antikisierende Madeleine nördlich der Place de la Concorde fungierte, aus der Napoleon ein Pantheon zum Ruhm seiner Armeen machen wollte[7] :  So entstand  eine monumentale, die Seine überspannende  Nord-Süd- Achse mit der Place de la  Concorde als Mittelpunkt.
  • Das größte urbanistische Projekt der Napoleonzeit war die Ost-West-Verbindung mit der neu angelegten Rue de Rivoli. Bonaparte hatte sich von den Arkaden inspirieren lassen, die er in Norditalien gesehen hatte, und ließ identische Wohn- und Geschäftshäuser mit genau reglementierten  Säulengängen anlegen.  (Die für Paris eigentlich untypischen Arkaden gab es bis dahin nur rund um die Place Royal/Place des Vosges- einem Projekt Henri Quatres, der sich ebenfalls –wie bei dem pont neuf- von der italienischen Architektur anregen ließ.)
  • Und immer ging es Napoleon auch um die Verherrlichung seiner Taten und der seiner grande armée. Diesem Zweck diente nicht nur  die Madeleine,  sondern auch die auf der Place Vendôme  errichtete, aus der Bronze erbeuteter Waffen hergestellte und mit seinem Standbild gekrönte Säule.
  • und natürlich und vor allem dienten die beiden  auf der großen Ost-West-Achse gelegenen Triumphbögen dem Ruhm Napoleons und seiner Truppen:  der kleine arc de triomphe du Carrousel und der große auf der place de l’Étoile, dessen Vollendung Napoleon aber nicht erlebt hat.

Die Vorliebe Napoleons für die Antike und das imperiale Rom ist bei all diesen Plänen offenkundig:  Antike Tempel (für die Attika des  Palais Boubon und für die Madeleine), die Trajan-Säule in Rom (für die Vendôme-Säule) und die Triumphbögen des Septimius Severus (für den arc de triomphe  de la Carrousel) und des Titus (für  den arc de triomphe de l’étoile) sind eindrucksvolle Belege dafür.  Diese städtebauliche Vorliebe Napoleons hat auch einen politischen Hintergrund: denn  hatte nicht auch Rom sich von einer Republik zu einem Kaiserreich entwickelt, konnte also auch insofern als Vorbild dienen?[8]

Geschichte des Baus

Den Anstoß für den Bau des Arc de Triomphe gab Napoleon im Februar 1806 – auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ursprünglich hatte er dafür den damals noch leeren Platz im Osten von Paris ausersehen, auf dem einmal die Bastille gestanden hatte. Dieser Platz war damals in einem ziemlich lamentablen Zustand. Den Triumphbogen  dort zu errichten hätte nicht nur eine erhebliche symbolische Bedeutung gehabt, sondern er hätte auch Katalysator für ein weiteres städtebauliches Großprojekt Napoleons sein sollen: Eine Achse vom Louvre bis zum Bastille-Platz zu schlagen, der dann übrigens auch die Kirche St.  Germain l’Auxerrois zum Opfer gefallen wäre. Die mit der Planung beauftragte Architektengruppe plädierte dann aber für die Place de l’Étoile als Standort. Auf dem  dortigen Hügel war schon im 18. Jahrhundert ein étoile (Stern) genannter  zentraler Platz eingerichtet worden, von dem Wege in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Es waren im 18. Jahrhundert auch schon diverse Pläne entwickelt worden, wie man den Hügel besonders ins Blickfeld rücken könnte. Beispielsweise durch einen riesigen Elefanten: Dessen Bauch sollte Konzert- und Theatersäle enthalten. Der Zugang sollte über eine Treppe erfolgen, die in eines der vier Beine des Elefanten eingebaut war.   Im Kopf des Elefanten sollte ein Orchester platziert werden; die Ohren sollten als Lautsprecher dienen und der Rüssel als Fontaine. Diese Pläne wurden  allerdings nicht verwirklicht und das  Elefantenprojekt wurde eine Zeit lang auf den Bastille-Platz verschoben. So war der étoile frei und wurde dem Kaiser vom Innenminister Champigny auch entsprechend angepriesen:  Ein Triumphbogen an dieser Stelle ziehe auf äußerst majestätische Weise den Blick vom kaiserlichen Schloss der Tuilerien auf sich. Der Reisende, der Paris betrete, werde von dem Anblick überwältigt; wer Paris verlasse, behalte so einen unvergesslichen Eindruck und eine Erinnerung an die unvergleichliche Schönheit der Stadt. So bleibe er –auch aus der Ferne- immer mit dem „Triomphateur“ verbunden.[9]

Dieser Argumentation konnte sich der Kaiser nicht verschließen.  Am 15. August 1806, dem Tag des kaiserlichen Festes, wurde der Grundstein gelegt. Auch wenn als Vorbild der Titusbogen in Rom diente: Der Triumphbogen Napoleons sollte alle bisherigen Triumphbögen  an  Größe weit übertreffen und den Ruhm des Kaisers  und seiner Truppen eindrucksvoll in Szene setzen.

Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen, bis schließlich 1808 der Architekt Jean-François-Thérèse Chalgrin mit der alleinigen weiteren  Planung beauftragt wurde. Zwei Jahre später war zwar der Bau des Triumphbogens noch nicht sehr weit gediehen, aber Chalgrin hatte Gelegenheit, das Ergebnis seiner Planung in voller Größe zu zeigen: Anlässlich der Hochzeit von Napoleon mit Marie-Louise von Habsburg im Jahr 1810 wurde an Ort und Stelle aus Holz und bemaltem Stoff ein Modell des zukünftigen  Arc de triomphe errichtet, durch das das kaiserliche Paar mit Gefolge nach Paris einziehen konnte.

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Auf der zeitgenössische Abbildung  („Das kaiserliche Gefolge verlässt den Arc de Triomphe[10]) sieht man übrigens  rechts und links des Bogens noch die beiden Zollhäuser von Ledoux- Teile der Paris umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux, die 1860 geschleift wurde.[11]

Die weiteren Bauarbeiten ließen  allerdings  aus nur allzu verständlichen Gründen auf sich warten: Zunächst aufgrund der pausenlosen Kriege und der leeren Staatskassen, dann durch die Rückkehr der Bourbonen: Ihnen galt Napoleon als Emporkömmling, als illegitimer Parvenü, der kein Recht auf einen Arc de Triomphe hatte.  Nach der Julirevolution von 1830, also dem Sturz der Bourbonen und der Regierung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe,  wurden die Arbeiten  am Arc de Triomphe aber wieder aufgenommen und ihr Ende von vielen Zeitgenossen mit Ungeduld erwartet, wie das nachfolgend zitierte Gedicht von Victor Hugo zeigt.

Arc triomphal, la foudre en terrassant ton maître
Semblait avoir frappé ton front encore à naître.
Pour nos exploits nouveaux te voilà relevé!
Car on n’a pas voulu, dans notre illustre Armée,
Qu’il fût de notre renommée
Un monument inachevé !
Dis aux siècles le nom de leur chef magnanime
Qu’on lise sur ton front que nul laurier sublime
A des gloires françaises ne peut se dérober.
Lève-toi jusqu’aux cieux, portique de victoire !
Que le géant de notre gloire
Puisse passer sans s’y courber !

Victor Hugo.[12]

Am  29. Juli 1836 konnte schließlich  der  Arc de Triomphe von dem damaligen Regierungschef Adolphe Thiers eingeweiht werden.

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Die Einweihung fand zwar  unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, aber doch in relativ bescheidenem Maße. Louis Philippe fürchtete nämlich nicht nur Attentate, sondern er wollte auch Reibungen mit dem Ausland vermeiden, das sich ja möglicherweise irritiert zeigen könnte durch die Erinnerung an napoleonische Siege, die durch den Arc de Triomphe gefeiert wurden: Siege  gegen Österreicher, Deutsche, Osmanen, Italiener, Spanier, Holländer, Russen…

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Die wichtigsten Schlachtenorte und Siege sind auf vier Friesen  auf den Innenseiten der Pfeiler noch besonders hervorgehoben.

Die Siege der Revolutionsheere im Westen (Belgien) in den Jahren  1792 und 1794:

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Die Siege im Süden gegen Österreich: Der Italienfeldzug Napoleons in den Jahren 1796/7 begründete seinen militärischen Ruf und Ruhm. Dementsprechend wird seine Büste auf dem  Fries mit einem  Lorbeerkranz versehen – Der  Podest der Büste ist mit den  kaiserlichen Insignien versehen.  Kaiser war Bonaparte damals aber noch nicht, sondern erst ein „einfacher“ General. (12a)

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Die Siege im Osten: Damit ist der  ägyptische Feldzug in den Jahren zwischen 1798 und 1800 gemeint – erkennbar auch an den exotischen Früchten (Datteln, Ananas) und Palmwedeln. Der von Bonaparte hervorragend vermarktete Feldzug  – Archeologen waren publikumswirksam „embedded“- steigerte über Frankreich hinaus  seinen Ruhm  noch weiter – und war eine Grundlage für den  erfolgreichen Staatsstreich des  18. Brumaire (9. November 1799), womit sich Napoleon zum Ersten Consul und Alleinherrscher machte.  Wenn auf  diesem Fries übrigens auch der Name Aboukir aufgeführt ist, dann ist damit sicherlich nicht die vernichtende Niederlage der französischen  Flotte durch die von Admiral Nelsen kommandierte englische Flotte bei Aboukir gemeint (an der Napoleon ja auch gar nicht beteiligt war), sondern der ebenfalls nach diesem Ort benannte Sieg Bonapartes gegen die Osmanen ein Jahr später:

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Die Siege im Norden (zwischen  1805 und 1809)  errang Napoleon, der sich inzwischen zum Kaiser ausgerufen  hatte, gegen Österreich, Russland und Preußen. Mit diesen Siegen wurde er Herrscher über den europäischen  Kontinent und  erreichte den Höhepunkt seiner Macht.

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Diese Zurschaustellung französischer Eroberungen mag befremdlich erscheinen. Denn Völker zögern, wie Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“ [12b] Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht verspürt….

Neben den Schlachtenorten sind auch etwa 600 Namen von kaiserlichen Marschällen, Admiralen und Generälen in die Pfeiler des Arc de Triomphe eingraviert.  Ursprünglich waren „nur“ 383 Namen ausgewählt worden, aber dann gab es erhebliche Debatten und Beschwerden von Nicht-Berücksichtigten bzw. deren Angehörigen, so dass bis  1895, als die Eingravierungen abgeschlossen wurden, noch etwa 200 Namen hinzukamen…

Und die Opfer? Die gab es unzweifelhaft ja auch. Thierry Lentz, Direktor der Fondation Napoleon, von dem  in diesem Punkt kaum Übertreibungen  zu erwarten  sind,  schätzt die Zahl der in den napoleonischen Kriegen  umgekommenen  französischen  Soldaten  auf etwa 700 000 –  und dazu kommen dann noch erhebliche zivile Opfer und die  Opfer unter den –oft sehr unfreiwilligen- ausländischen, überwiegend deutschen,  Hilfstruppen Napoleons. Nimmt man die militärischen und zivilen Opfer auf Seiten der Gegner hinzu, bewegen sich die Schätzungen zwischen 3 und 6 Millionen Menschen, die in den napoleonischen Kriegen ihr Leben verloren haben. [13]

Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe durchaus auch: Es sind Feinde, die am Boden  liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von  Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem  Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise  auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und  der österreichische  Erzherzog  legt eine Krone auf  seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

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Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“ das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“ sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“ und noch süßer und ehrenvoller waren  natürlich die Siege, deren Orte und Strategen auf dem Arc de Triomphe verewigt wurden.

Der Arc de Triomphe ist monumentaler Ausdruck  einer  Verherrlichung von Krieg, Eroberung und Heldentod. Da ist es nur allzu verständlich, dass die Linke in der französischen Nationalversammlung 1919 heftig – und vergeblich-  gegen den Arc de Triomphe als Ort des Grabmals für den  unbekannten Soldaten stritt.[15] Die Verherrlichung von dem auf dem Schlachtfeld erworbenen  Ruhm und  Heroismus  wurde, wie Patrice Gueniffey in einem Aufsatz über das Napoleon-Verständnis von François Furet schrieb, lange als Bestandteil einer Erziehung zu Tugend und Tapferkeit verstanden. Aber, Tatsache oder Wunsch…?: „Toute cette magie guerrière est morte avec les hécatombes du XXe siècle.“[16]

Wenn in den 1830-er Jahren die Siege Napoleons und die Namen seiner Generäle  in die  Wände des Arc de Triomphe eingemeißelt wurden, so war das Ausdruck einer damals gängigen Idealisierung und Verherrlichung des Kaisers und des heroischen napoleonischen Zeitalters. 1835 erschien das Buch von Alfred de Vigny „Servitude et grandeur militaires“, das noch den Pulverdampf atmen lässt und in dem „die Liebe zu den Waffen“ und der „Traum der Schlachten“  lebendig sind.[17] Der Arc de Triomphe war aber nicht nur Ausdruck einer Nostalgie, sondern  er hatte auch einen Aufforderungscharakter: Etwas Glanz von dem Ruhm Napoleons sollte auf das Frankreich des Bürgerkönigs fallen und es sollte sich des napoleonischen Ruhms würdig erweisen.

Die damaligen Möglichkeiten Frankreichs, in die Fußstapfen Napoleons zu treten und sich den „Traum der Schlachten“ zu erfüllen,  waren allerdings begrenzt. Immerhin bezeichnete sich der Bürgerkönig Louis Philippe schon mal etwas großmäulig als „Kaiser der Franzosen“ – so jedenfalls 1845 in einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit China, der gerade (Okt/Nov 2016) in einer Ausstellung des Petit Palais zum Thema „L’art de la paix“ gezeigt wird.

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Aber wie groß wäre doch der Ruhm des Louis Philipps, wenn es ihm gelänge,  die  in den 1790-er Jahren eroberten, dann annektierten, aber im  Wiener Kongress wieder verlorenen linksrheinischen Gebiete Deutschlands „zurückzugewinnen“, an deren Eroberung schon  Ludwig XIV.  -eine verbrannte Erde zurücklassend- gescheitert war. Regierungschef Adolphe Thiers, ein großer Bewunderer Napoleons, betrachtete den Rhein als natürliche Ost-Grenze Frankreichs und befand sich damit im Einklang mit der öffentlichen Meinung seines Landes und sogar  mit  Victor Hugo. Der vertrat nämlich in seinem 1842 veröffentlichten Reisebericht „Le Rhin, récit de voyage“ die Auffassung, man  müsse  Frankreich zurückgeben, was Gott ihm gegeben habe, („rendre à  la  France ce que Dieu lui a donné.“), also den Rhein als Grenze. [17a]  Und in seinem Arc de Triomphe-Gedicht hatte er ja ausdrücklich festgestellt, der Arc de Triomphe solle nicht nur die Ruhmestaten der napoleonischen Armeen verherrlichen, sondern auch die neuen, noch folgenden (nos exploits nouveaux)…  Thiers forderte also in der sogenannten Rheinkrise die Herausgabe der linksrheinischen Gebiete und  drohte dem Deutschen Bund mit Krieg. Nach den sogenannten  Freiheitskriegen gegen Napoleon war dies  ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft.  Die Verherrlichung des Eroberers Napoleon war also in den 1830-er Jahren keine ganz harmlose geschichtliche Reminiszenz. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens bemerkenswert, dass bis heute  „outre Rhin“ eine übliche französische Bezeichnung für Deutschland ist – so als sei der Rhein tatsächlich durchgängig die deutsch-französische Grenze….

 

Napoleon als Triumphator

Auf der nach Osten zu den Champs-Elysées ausgerichteten Schauseite des Arc de Triomphe gibt es zwei große Reliefs, die damit besonders hervorgehoben werden: Auf dem linken Pfeiler „der Triumph Napoleons“, rechts „der Auszug der Freiwilligen von 1792“, ein Relief, das im Allgemeinen unter der Bezeichnung „die Marseillaise“  firmiert.

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Der triumphierende Napoleon ist mit römischer Tunika bekleidet dargestellt, in seiner rechten Hand hält er ein Schwert. Eine Siegesgöttin bekränzt ihn gerade mit einem  Lorbeerkranz.  Auf der  linken Seite schreibt die Muse der Geschichte die Ruhmestaten Napoleons auf eine Tafel.

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Die dargestellte Szene illustriert das Jahr 1810,  als sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Nach dem Sieg über Habsburg bei Wagram war Napoleon uneingeschränkter Herrscher über den  europäischen Kontinent, die Heirat mit Marie-Louise von Österreich sollte die Annäherung an Habsburg besiegeln- und den ersehnten  Nachkommen bringen.  Frankreich umfasste damals 130 Departements. 1790, als Frankreich in Departements eingeteilt wurde, waren  es 83 gewesen.  Zu den  130 Departements gehörten –aus französischer Sicht selbstverständlich-  die Departements „Sarre“ (Trèves/Trier),  „Roer“ (Aix-la-Chapelle/Aachen)  „Mont-Tonnere“ (Donnersberg)  mit der Präfektur Mayence/Mainz,  Rhin-et-Moselle (Coblence/Koblenz). Und dazu kamen –als annektierte deutsche Territorien- auch die Departements „Bouches-du-Weser“ und „Bouches de l’Elbe“ mit Bremen und Hamburg  bzw. natürlich: Brême et Hambourg als Präfekturen und  die Departements Ems-Supérieur und Ems-Oriental mit Osnabrück und Aurich als Präfekturen. Diese annektierten Gebiete Deutschlands  wurden –wie die weiteren Annexionen –  von Napoleon noch nach dem Rückzug aus Russland als untrennbare Bestandteile Frankreichs betrachtet, so dass er Friedensangebote der Alliierten ausschlug, die Frankreich sogar- wenigstens-  „seine“ Rheingrenze eingebracht/erhalten hätten. Napoleon und seine Generäle brannten darauf weiterzukämpfen und glaubten noch an den Sieg – une victoire totale (Englund) – es fällt fast schwer, in diesem Zusammenhang nicht das Wort „Endsieg“ zu verwenden…[18]

Die Karte mit den 130 französischen Departements wird in französischen Schulbüchern  gerne gezeigt, zum Beispiel hier in dem Lehrbuch Histoire für die seconde, also die vorletzte Klasse des französischen Gymnasiums.[19]

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Bemerkenswert ist bei dieser Karte, dass die großen Siege Napoleons mit einem roten Stern eingezeichnet sind: Ulm, Iena, Austerlitz, Wagram und Friedland- Siege, die, wie wir gesehen haben, in den  Arc de Triomphe eingemeißelt sind und die auch in der Topographie von Paris eine wichtige Rolle spielen- wie ja auch die Namen der napoleonischen Marschälle. Nicht berücksichtigt ist auf der Karte –und natürlich auch nicht auf dem Arc de Triomphe- die entscheidende Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Mit ihr war ja immerhin der Plan einer Eroberung Großbritanniens gescheitert und die auf dem Arc der Triomphe verzeichneten weiteren Siege waren damit im Grunde nur vergebliche Siege.[20]  Aber auf dem Arc de Triomphe ist Napoleon ohne wenn und aber der Sieger und Triumphator, Zweifel und Kritik haben da keinen Platz.

Die Marseillaise: Napoleon als legitimer Erbe der Französischen Revolution?

Auf dem rechten Pfeiler der den Champs-Elysées zugewandten „Schauseite“ des Arc de Triomphe befindet sich die große Plastik des Auszugs  der Freiwilligen 1792, im Allgemeinen „Die Marseillaise“ benannt. Gegenstand ist die sogenannte  „levée en masse“, die Aushebung von 200 000 Soldaten im Jahre 1792, die von der Gesetzgebenden Versammlung angeordnet wurde,  um Frankreich gegen die gegenrevolutionäre  Koalition des Auslands zu verteidigen.

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Diese levée en masse ermöglichte dem revolutionären Frankreich seinen ersten großen Sieg über eine ausländische Macht: den Sieg über die preußisch-österreichischen Truppen  bei Valmy in der Champagne im September 1792. Goethe erlebte im Gefolge des Herzogs von Weimar die sogenannte „Kanonade von Valmy“ mit und berichtete in seiner dreißig Jahre später niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ davon. Am Abend der Niederlage sei er von den bedrückten Landsleuten  nach seiner Meinung befragt worden und er habe sie mit den Worten getröstet:

„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und  ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Goethe hat damit den revolutionären Aufbruch Frankreichs mit  einem dem Anlass und dem Autor angemessenen „geflügelten Wort“ auf den Punkt gebracht. Flügel hat auch die Allegorie der Freiheit, die Marianne,  im oberen Teil der Plastik- das kompositorische Gegenstück zur Allegorie des Ruhms auf dem linken Pfeiler. Accessoire des Ruhms ist die Trompete, die blanke Waffe die der Freiheit.  Ihre wilde Entschlossenheit wird besonders deutlich im Modell des Kopfes, den man  in der Attika des Arc de Triomphe aus der Nähe ansehen kann. Eher eine Furie, deren furchterregender Gesichtsausdruck noch gesteigert wird durch die Ungeheuer auf ihrer Jacobinermütze. Sie scheint die in den Kampf Ziehenden anzufeuern mit dem Ruf der Marseillaise:  Aux armes citoyens…..

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Während die Darstellung des Triumphators Napoleon auf dem linken Pfeiler als zwar handwerklich korrekte, aber eher uninspirierte, seelenlose Darstellung gilt, ist das mit der „Marseillaise“  anders. Sie wird allgemein als künstlerischer Höhepunkt der gesamten  plastischen  Ausgestaltung des Arc de Triomphe angesehen. Ob sie wirklich „one of best-known sculptures in the world“ ist,  kann ich nicht beurteilen,  aber sicherlich gehört sie zu den künstlerischen Werken, „qui ont fait la France.“[21]

Das im Arc de Triomphe ausgestellte Modell der Marianne wurde übrigens am 2. Dezember 2018 von gewalttätigen Demonstranten (gilets jaunes) beschädigt. Das wurde in Frankreich als besonderes Sakrileg empfunden – noch nicht einmal die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg hätten Derartiges gewagt….

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Schöpfer der „Marseillaise“ vom Arc de Triomphe  ist der Bildhauer François Rude, der mit diesem Werk berühmt wurde. Rude war auch ein großer Verehrer Napoleons.

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Für das Museum und den Parc  Noisot bei Dijon, von einem Mitglied der kaiserlichen Garde geschaffen „à la gloire de Napoléon“ , hat Rude einen auf dem (für ihn natürlich viel zu kleinen) Felsen von St. Helena liegenden lorbeerbekränzten Napoleon geschaffen, der gerade zur Unsterblichkeit erwacht.[22] Und Rude zog nach dem Sturz seines verehrten Kaisers das  belgische Exil einem Leben unter dem bourbonischen Restaurations-Regime vor. Damit repräsentieren das Werk Rudes und der  Arc de Triomphe den „roman national“, also das historisch gegründete Selbstverständnis des „offiziellen“ Frankreich der 1830- Jahre:  Es ging darum, eine Synthese herzustellen zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Kaiserreich Napoleons und um die Selbstdarstellung Louis Philippes als aktuellem  Repräsentanten dieser Synthese.

Wenn  die Armeen der Revolution und die Grande Armee auf dem  Arc de Triomphe also gemeinsam verherrlicht werden und Napoleon  als Triumphator gefeiert wird, dem ewiger Ruhm sicher ist, so hat  das programmatischen  Charakter: Napoleon wird  als legitimer Erbe, als „fils de la Révolution“ in Szene gesetzt, so wie  auch der Bürgerkönig Louis Philippe als rechtmäßiger Erbe der Französischen Revolution (und des empire) angesehen werden wollte.  Dazu passt ja  auch das Schicksal  der Tricolore, der Fahne der Französischen Revolution:  Sie wurde  -Symbol der proklamierten Einheit zwischen erster Republik und Empire-  von Napoleon übernommen,  von den Bourbonen 1814 aber wieder  verbannt, bevor sie  seit der Julirevolution von 1830 und dem Herrschaftsbeginn Louis Philippes erneut und endgültig zur offiziellen Fahne Frankreichs erhoben wurde.

Die „Marseillaise“ und der triumphierende Napoleon: Diese Kontinuität ist Teil der napoleonischen Legende, an der er selbst kräftig und kontinuierlich gearbeitet hat – bis zu seinem Exil in St. Helena, wo er seine Memoiren diktiert. Napoleon sagte und wiederholte, dass er die Verkörperung der Revolution sei, er stellte sich als Erbe von Aufklärung und Revolution dar, auf die er sich allerdings in sehr strategischer, d.h. opportunistischer und selektiver Weise bezog.[23]

Ob bzw. inwieweit  Napoleon tatsächlich legitimer Erbe der Französischen Revolution ist, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Der Streit darüber dauert nun schon mehr als 200 Jahre an. Immerhin gibt es gewichtige Argumente, die gegen die Kontinuität von Republik und Kaiserreich sprechen[24]:

  • Zuerst und vor allem: Napoleon beseitigt am 9. November 1799, dem 18. Brumaire „mit dem ersten Militärputsch der Moderne“[25] die Republik, macht sich zum Kaiser und etabliert eine Erbmonarchie.
  • Durch die Heirat mit einer Habsburgerin, Großnichte von Marie-Antoinette, verbindet er sich mit den alten, von der Revolution und anfänglich auch von ihm selbst bekämpften alten Mächten: Er knüpft damit ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Herrscherpaar des Ancien Régime, das von der Revolution guillotiniert worden war.[26]
  • Die aus Wahlen hervorgegangenen Institutionen werden beseitigt zugunsten eines autoritären Regimes.
  • Die revolutionäre Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ wird von der Fassade des Pariser Rathauses entfernt.[27]
  • Napoleon macht seinen Frieden mit der von der Republik bekämpften katholischen Kirche.
  • Die von der Republik bekämpften Emigranten können im Kaiserreich wieder zurückkehren und werden stillschweigend rehabilitiert.
  • Die von der Republik abgeschaffte Sklaverei in den französischen Kolonien der Karibik wird wieder eingeführt. (27a)
  • Die neue republikanische Zeitrechnung wird wieder beseitigt zugunsten des römischen Kalenders.
  • Freiheiten wie die Pressefreiheit werden eingeschränkt – an ihre Stelle treten Zensur und offizielle Sprachregelungen.[28]
  • Das Schloss des „Sonnenkönigs“ in Versailles sollte zur Residenz des Kaisers ausgebaut werden.(28a)
  • Napoleon wünschte sich, neben den französischen Königen in der Basilika von Saint Denis begraben zu werden.

Insofern erscheint die Zusammengehörigkeit von Revolution und Empire, wie sie auf dem Arc de Triomphe präsentiert wird, als eher problematisch.

Es war übrigens Ludwig van Beethoven, der diese Problematik deutlich gesehen hat: Seine dritte Sinfonie, die „Eroica“ war ursprünglich Bonaparte, dem „Befreier Europas“,  gewidmet. Beethoven hoffte, dass Napoleon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Leben erfüllen würde – als würdiger Erbe der Französischen Revolution. Aufgrund von Napoleons selbstinszenierter Kaiserkrönung änderte Beethoven den Titel der Sinfonie. Er ersetzte den Triumphmarsch durch einen Trauermarsch und nahm die Widmung an Napoleon mit den Worten zurück: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“.(28b)

Aber  natürlich sind die Verdienste Napoleons für Frankreich ganz unbestreitbar: Die Herstellung des sozialen  Friedens nach den langen Wirren der Revolutionszeit, die Sanierung der Staatsfinanzen, der Aufbau eines effizienten Staatswesens, der Code Civil, „Prototoyp jedes Bürgerlichen Gesetzbuches“.[29] Diese Verdienste beziehen sich vor allem auf die Phase des Consulats zwischen dem 18. Brumaire und der Etablierung des Kaiserreichs, die man auch die „poule-au-pot“ Phase Napoleons genannt hat – in Anlehnung an den „guten König“ Henri Quatre, der 200 Jahre zuvor jedem Franzosen  sein sonntägliches Huhn im Topf versprochen hatte.[30]

Auch in Deutschland hat Napoleon tiefgreifende Reformen angestoßen und einen erheblichen Modernisierungsschub ausgelöst.  Er hat, was Friedrich Engels ausdrücklich anerkannte,  wesentlich zur Umwandlung der ständisch-agrarischen in eine egalitär-bürgerliche Gesellschaftsordnung  in Deutschland beigetragen  – ganz direkt in den von Frankreich beherrschten Gebieten, aber auch indirekt: Die „defensiven“ preußischen  Reformen wären  ohne die vernichtenden Niederlagen Preußens wohl kaum erfolgt. Und die Beseitigung des deutschen territorialen „Flickenteppichs“  wurde ja selbst von dem ansonsten der Restauration verpflichteten Wiener Kongress gut geheißen.

Aber Napoleon war nicht nur grenzüberschreitender Herold der Freiheit und des Fortschritts. Er war auch Eroberer und Unterdrücker. Seine Kriege und Siege überspannten die Ressourcen des Landes- da mussten neue Kriege und Siege her. Die benötigte er auch zur Dotierung der  von ihm geschaffenen neuen  Führungsschicht und zur Versorgung seiner Familie in bester Tradition des korsischen Klientilismus.  So knüpfte er  „mit der Eroberung und Unterwerfung fast des gesamten europäischen Kontinents an jene Praktiken an, die seit alters her zu den Zielen  oder Folgen von Eroberungszügen gehörten.“[31] „Die imperialistische Besatzungspolitik Napoleons“ – zu der Plünderungen, massive Kontributionen und Zwangsaushebungen gehörten-   „bedeutete das Ende des  von den Ideen der Revolution gespeisten Kosmopolitismus als normativer politischer Kraft und die Notwendigkeit, die nationale Freiheit gegen den Usurpator zu erkämpfen. Unter Napoleon eskalierte die weltpolitische Mission des revolutionären Frankreichs zur  Herrschaft der französischen Nation über die Völker Europas.“[32] Freiheitsliebe und Patriotismus, die den Impetus der „Marseillaise“ begründeten, wendeten sich nun gegen Napoleon. Sein Bild als lorbeerbekränzter Triumphator und legitimer Erbe der Französischen Revolution ist damit, gerade wenn man  seine Eroberungspolitik einbezieht,  ein einseitiges ideologisches Produkt der 1830-er Jahre, aber auch des bis heute noch andauernden Napoleon-Kults. Allerdings ist es  völlig unangemessen und geschichtsblind, die den Kontinent beherrschenden Eroberer Napoleon und Hitler auf eine Stufe zu stellen, wie gerade kürzlich wieder auf einem Buchcover.

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Gerade  britische Historiker haben öfters solche Parallelen hergestellt, was sicherlich kein Zufall ist. Und  der ehemalige  Londoner Oberbürgermeister und jetzige britische  Außenminister Johnson  hat  ja sogar  Napoleon und Hitler – auf eine Stufe gestellt- bemüht, um den Austritt aus der EU zu begründen.[33]

Wie man die Frage nach dem Zusammenhang von Französischer Revolution und napoleonischer Herrschaft beantwortet, hat übrigens auch politische Relevanz:  Immerhin gibt es ja in Frankreich eine bonapartistische Tradition, also eine politische Richtung, die, skeptisch bis feindlich gegenüber den demokratischen Institutionen und Prozeduren, von einem den Volkswillen unmittelbar repräsentierenden „starken Mann“ an  der Spitze das Heil erhofft. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., und General Boulanger im 19. und der Marschall Pétain im 20. Jahrhundert waren  Adepten eines solchen Bonapartismus. Und bei allen gravierenden Unterschieden: In der die Größe und Unabhängigkeit Frankreichs betonenden Politik de Gaulles und der von ihm  geschaffenen „monarchie républicaine“ lassen sich Elemente des Bonapartismus beobachten.[34] Die gibt es nach dem Urteil kundiger Beobachter  auch in der aktuellen französischen Politik und ihrem Personal:   Für den Journalisten Alain Duhamel ist Nicholas Sarkozy ein Bonapartist und in einer kürzlich von Le  Monde  publizierten Vorstellung der potentiellen Präsidentschaftskandidaten  der französischen Rechten wird Sarkozy als „jacobinischer Bonapartist“ vorgestellt[35], eine interessante  und aus Sicht von Le Monde sicherlich nicht sehr schmeichelhafte Ahnenreihe. Es ist dies eine Kombination, in der Elemente der Französischen Revolution und die Herrschaft Napoleons zusammengeführt sind. Und je weitgehender und umfassender man Napoleon als legitimen Erben, als Sohn der Revolution versteht, desto mehr wird man geneigt sein,  auch spätere bonapartistische Tendenzen oder Nachfolger gutzuheißen.

Der Blick von oben

Aber kehren wir nach diesem  Exkurs zum Arc de Triomphe zurück beziehungsweise klettern wir endlich die Stufen hinauf zu seiner grandiosen Aussichtsplattform. Hier hat man einen wunderbaren Rundblick über die ganze Stadt, auf die Champs Elysées und das Louvre (Foto von Bernd Kursawe)..

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und auch auf das Hochhausviertel La Défense und die Grande Arche, unter der  genau am Tag  der Sommersonnenwende die Sonne untergeht.

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Und es gibt in der Attika  eine Kamera, die das Geschehen unter dem Arc de Triomphe aufnimmt: So kann man –ohne Ehrengast zu sein-  direkt von oben die tägliche  Flammen-Zeremonie am Grabmal des unbekannten  Soldaten beobachten.  Auf dem nachfolgenden, um 18. 20 Uhr aufgenommenen Foto stehen schon die Ehrenformationen bereit und warten, dass der feierliche Akt (um 18.30 Uhr) beginnt.

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Nach dem Heruntergehen sollte man sich  auf der „Rückseite“ des Triumphbogens  das Relief des Friedens ansehen, das es immerhin doch auch gibt. Hier ein Ausschnitt:

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„Minerve,casquée et armée de sa lance domine la composition comme déesse de la victoire et inspiratrice  des arts et des travaux de la paix.“ [36]  Der Frieden, der hier propagiert wird, ist also ein „Siegfrieden“ – so wie ihn Napoleon bis zuletzt immer anstrebte; ein scheinbarer Frieden, der den Keim künftiger Konflikte und Kriege schon in sich trägt.

Praktische Informationen:

Öffnungszeiten:

Vom 1. April bis 30. September täglich von 10 – 23 Uhr

Sonst: täglich von 10 – 22.30 Uhr

Eintrittspreise:

Kostenlos bis zum Alter von 25 Jahren, wenn man aus einem Land der EU kommt.

Sonst: 12 Euro.

Karten kann man sich von der Website des Arc de Triomphe herunterladen und ausdrucken. Sie sind ein Jahr lang gültig. Man muss sich damit nicht in die Schlange vor dem Kartenhäuschen stellen.

Es gibt ein Faltblatt mit Informationen in verschiedenen Sprachen, das man auch  auf Deutsch von der website  des Arc de Triomphe herunterladen kann

http://www.paris-arc-de-triomphe.fr/  Dort unter der Rubrik „approfondir“ der grün unterlegte Kasten:  Lire le document de visite.

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

In der Buchhandlung des Arc de Triomphe kann man auch viele schöne Napoleon- Devotionalien bewundern und erwerben:

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Für 95 Euro gibt eine Figur Napoleons auf dem Schlachtfeld von Jena, 225 Euro kostet Napoleon hoch zu Ross in Berlin….

Und natürlich sollen auch die Kleinen den großen  Napoleon kennen und lieben lernen….

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Anmerkungen:

[1] Centre des Monuments Nationaux (Hrsg): L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014, S. 1 und http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

siehe dazu auch: L’Arc de Triomphe, vu par le écrivains. Nouvelles éditions Scala 2017

[2] Siehe  dazu: Jean Tulard, Le retour des cendres. In: Les lieux de mémoire.  Sous la direction de Pierre Nora. II. La Nation, Band 2, S. 81ff

[3] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober 2016)

[4] http://images.google.de/imgres?imgurl=https://igeekart.files.wordpress.com/2015/01/09-paris-est-charlie-arc-du-triomphe-w529-h352-2x.jpg&imgrefurl=https://igeekart.wordpress.com/tag/arc-de-triomphe/&h=681&w=1024&tbnid=Xt7-0np_PuXllM:&tbnh=90&tbnw=135&docid=Ax2kcTLVUVbF7M&usg=__D0pwy4Afgum6e1J802XQ8FyvNrc=&sa=X&ved=0ahUKEwj9hJ65lsnPAhUJEiwKHY8OAoYQ9QEIIzAB

[5] http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.htm&h=551&w=376&tbnid=7tRDLoO4gsKtgM%3A&docid=PR0lbjyhVEdxlM&hl=de&ei=2P_3V-X-Ecqv6ATux7vYCA&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=11624&page=0&start=0&ndsp=28&ved=0ahUKEwjlyojdvsnPAhXKF5oKHe7jDosQMwgpKAswCw&bih=613&biw=1366

[6] https://beta.welt.de/kultur/article142645109/So-monumental-wollte-Napoleon-Paris-sehen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&betaredirect=true

[7]  Am 2. Dezember 1806 unterzeichnete Napoleon in seinem Lager in Posen (mitten  im Krieg gegen Preußen) eine Dekret zur Errichtung eines Tempels zum Ruhm der französischen Armeen: « Le Monument dont l’Empereur vous appelle aujourd’hui à tracer le projet sera le plus auguste, le plus imposant de tous ceux que sa vaste imagination a conçus et que son activité prodigieuse sait faire exécuter. C’est la récompense que le vainqueur des Rois et des Peuples, le fondateur des empires, décerne à son armée victorieuse sous ses ordres et par son génie. La postérité dira : il fit des héros et sut récompenser l’héroïsme. […] À l’intérieur du monument, les noms de tous les combattants d’Ulm, d’Austerlitz et d’Iéna seront inscrits sur des tables de marbre, les noms des morts sur des tables d’or massif, les noms des départements avec le chiffre de leur contingent sur des tables d’argent. »

[8]http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe

[9] Zitiert in: http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

« Un arc de triomphe y fermerait de la manière la plus majestueuse et la plus pittoresque le superbe point de vue que l’on a du château impérial des Tuileries… Il frapperait d’admiration le voyageur entrant dans Paris… Il imprimerait à celui qui s’éloigne de la capitale un profond souvenir de son incomparable beauté… Quoique éloigné, il serait toujours en face du Triomphateur. Votre Majesté le traverserait en se rendant à la Malmaison, à Saint-Germain, à Saint-Cloud et même à Versailles »

[10] http://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/de-la-fresque-louis-pierre-baltard_le-cortege-imperial-quitte-l-arc-de-triompheé

[11] Es sind in Paris  noch einige wenige Zollhäuser erhalten, so die Rotonde de  la Villette oder die Zollhäuser neben der Place de la Nation. Dazu soll es bei Gelegenheit einen Blogbeitrag geben.

[12] http://reflexionsettemoignages.20minutes-blogs.fr/tag/triomphe

(12a) Auf dem Relief sieht man auch den Namen Arcole – womit die von Bonaparte gewonnene entscheidende Schlacht bei Arcole (bataille de pont d’Arcole) von 1796 gemeint ist. In einem Kommentar des Wirtschaftsteils von Le Monde vom 16. März 2018 habe ich einen Bezug zu dieser Schlacht gefunden. Er zeigt, wie sehr die napoleonischen  Schlachten noch heute im allgemeinen Bewusstsein der Franzosen und sogar in der französischen Sprache verankert sind. Es geht um den gescheiterten Versuch einer Unternehmensübernahme durch den französischen Geschäftsmann Bolloré:

Unter der Überschrift „Le retrait du général Bolloré“ heißt es da: „Ce devrait être son pont d’Arcole.  Une conquête éclair en terre italienne pour renforcer son pouvoir en France. Cela a toutes les chances de se transformer en bérézina….“  berezina steht dabei für ein totales Scheitern – abgeleitet von der vernichtenden Niederlage Napoleons an der Berezina bei de Rückzug der grande  armée aus Russland.

[12b] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[13]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Pertes_humaines_lors_des_guerres_napol%C3%A9oniennes

[14] Englund, Napoleon, S. 566

[15] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober2016/Rubrik Geschichte)

[16] http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html

[17] https://fr.wikisource.org/wiki/Servitude_et_grandeur_militaires/I/1 siehe dazu auch Englund, Napoleon 566/7

[17a]  Siehe folgenden Auszug aus Hugos Rhein-Buch:

… Man mag sich daran erinnern, dass vor etwa sechs oder acht Monaten eine erregte Debatte über die Rheinfrage entbrannte. Rühmliche und edle Geister erhitzten sich damals in Frankreich aufgebracht und heftig. Dabei bildeten sich, wie fast immer, zwei gegnerische Parteien, zwei extreme Positionen. Die einen betrachteten die Verträge von 1815 als vollendete Tatsache und überließen auf dieser Grundlage das linke Rheinufer Deutschland – als Gegenpfand für dessen Freundschaft; die andere Seite protestierte mehr denn je – und unserer Meinung nach zurecht – gegen 1815, forderte heftig, wenn nötig mit Gewalt, das linke links: Le Charivari, Paris, 1835, Abb. Maison Victor Hugo rechts: Victor Hugo (1802–1885) fotografiert von Étienne Carjat, 1876 / aus Wikicommons ©Markt1 // 2020 Rhein-Main Urban Sketchers Rheinufer und wies die Freundschaft Deutschlands zurück. Die Einen opferten den Rhein dem Frieden, die Anderen opferten den Frieden dem Rhein. Nach unserer Auffassung hatten beide Recht und Unrecht zugleich. Zwischen diesen beiden ausschließlichen und diametral entgegengesetzten Haltungen erschien uns Raum für eine versöhnliche Position. Frankreichs Anspruch aufrecht zu erhalten, ohne die deutsche Nation zu verletzen, das war das delikate Problem, für das derjenige, der diese Zeilen schreibt, in seinem Ausflug an den Rhein eine Lösung zu erblicken glaubte.   Zitat aus: https://www.markt1-bacharach.de/pdf/sketcher/1_Handout_DE.pdf

Auch Victor Hugo betrachtete also den Rhein als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, lehnte aber eine gewaltsame Annexion ab, sondern strebte eine -wie auch immer zu erreichende- Lösung mittels einer friedlichen Verständigung im europäischen Kontext an.

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_d%C3%A9partements_fran%C3%A7ais_de_1811

Siehe dazu: Steven Englund, Napoléon, Paris 2004, S. 481/484 und 496

[19] Histoire. Classe de seconde. Paris: Hatier 1990,  S. 114

[20]  http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html „ les guerres napoléoniennes sont l’épilogue de la nouvelle Guerre de Cent ans qui a opposé depuis la fin du XVIIe siècle la France et l’Angleterre pour la domination mondiale, et que la France devait perdre dès lors que les difficultés financières du règne de Louis XVI, puis la Révolution, l’avaient privée de la marine qui lui eût permis de rivaliser avec les Anglais sur les mers. Napoléon accompagne une défaite inéluctable en lui donnant un tour flamboyant.“

[21] https://www.khanacademy.org/humanities/becoming-modern/romanticism/romanticism-in-france/a/rude-la-marseillaise

Siehe: http://www.abcfrancais.com/le-depart-des-volontaires-en-1792-ou-la-marseillaise/

http://www.cndp.fr/crdp-dijon/IMG/pdf/doc_pedagogique_exporude.pdf

Die Darstellung als Bestandteil der „identité nationale“: http://identitenational.canalblog.com/archives/2008/09/20/10677717.html  Das Relief gehört auch zu dem Bildmaterial, das gerne in französischen Geschihtsbüchern verwendet wird. Z.B. Europes d’hier et aujourd’hui. 4ième. Paris: magnard, 1983, S. 177

[22] https://www.google.fr/webhp?sourceid=chrome-instant&ion=1&espv=2&ie=UTF-8#q=Noisot+Parc+et+Musee

http://salon-litteraire.linternaute.com/fr/beaux-livres/review/1800081-bertrand-tillier-napoleon-rude-et-noisot-hidoestoire-d-un-monument-d-outre-tombe

[23] Steven Englund, Napoleon. Paris 2004, S. 439

Wiedergabe der Memoiren unter:: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6151195z/f433.image

Analyse: siehe https://ahrf.revues.org/1871

[24] Ich beziehe mich hier vor allem auf die Zusammenstellung von Maurice Agulhon, Professor am Collège de France: http://www.archivesdefrance.culture.gouv.fr/action-culturelle/celebrations-nationales/recueil-2004/1804-l-empire/napoleon-fils-de-la-revolution

[25] Der Fall Napoleon. Der Spiegel 5.8.2013, S. 113

[26] Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 437

[27] A.a.O. S. 438

(27a) siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (November 2017) 

[28] „La période de 1811 au début de 1813 fut l’apogée de la pire suppression de la liberté de la presse en France jusqu’à Vichy“. Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 383                                                                           siehe auch  http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

(28a) s. Gerald van der Kemp und Pierre Lemoine, Versailles et Trianon, 1979, S.20: „1806/1807: Napoléon 1er fait étudier des projects de restauration et d’agrandissement du château dont il compte faire sa résidence. 1810: début d’importants traveaux…“

(28b) http://1.brf.be/sendungen/klassikzeit/667693/  Im Beiheft zur Aufführung der Eroica in der Pariser Philharmonie am 7.12.2016 durch das Orchestre de Paris findet sich die Information, dass Beethoven den ursprünglich zu Ehren Bonapartes geplanten „marche triomphale“ durch den „marche funèbre“ ersetzt habe: „la Troisième Symphonie est donc tout à la fois une oeuvre de protestation contre le despotisme et une sorte de requiem pour l’idéal démocratique bafoué“. 

[29] Der Spiegel, 32/2013, S. 113

[30] Dazu Laurent Joffrin, Herausgeber von „Liberation“ zu dieser Phase Napoleons: „. S’il était mort en 1805, il serait comme Washington : on trouverait sa statue partout dans Paris ; il aurait sa tête sur les billets. Mais après, il est devenu un peu fou, sa volonté de puissance était sans limite. Il voulait dominer l’Europe parce qu’il avait une capacité militaire supérieure à celle de ses contemporains. Et la France comptait à l’époque un réservoir d’hommes énorme.“ http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

[31] „l’Empereur manque de fonds. Il compte sur la victoire contre l’Angleterre et ses alliés pour résoudre tous les problèmes.“  http://www.larousse.fr/encyclopedie/personnage/Napol%C3%A9on_I_er/134747

Und:  https://books.google.fr/books?id=ak-a7_HnGk0C&pg=PA11&lpg=PA11&dq=napoleonisches+zeitalter+kritik&source=bl&ots=LmxdVEoUUc&sig=6poFzmDtoh9IiUxIKyxhOFnpyQ&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA2vSyxcXOAhUInBoKHQx3Bg8Q6AEITzAJ#v=onepage&q=napoleonisches%20zeitalter%20kritik&f=false

[32] Hans-Walter Krumwiede in:  Kirchengeschichte Niedersachsens:  Vom Deutschen Bund 1815 bis zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland

Siehe auch Götz Aly: http://www.berliner-zeitung.de/kolumne-zweihundert-jahre-voelkerschlacht-i-3826436

[33] siehe: http://www.napoleon.org/magazine/revues-de-presse/la-revue-des-deux-mondes-avril-2005-napoleon-vu-dallemagne-lhomme-du-destin-et-le-non-destin-de-hitler-si-lhabit-ne-sied-pas-la-comparaison-napoleon-hitler-au-rebut/

http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555  Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562. Nicht ganz nachvollziehen kann ich allerdings die Feststellung Englunds, Hitler habe –ebenso wenig wie Stalin und Mussolini- zu den Bewunderern Napoleons gehört – dagegen steht immerhin der spektakuläre Besuch Hiters des Napoleon-Grabes im Invalidendom im Juni 1940.

[34] Michel Winnock: De Napoléon à de Gaulle: la tentation bonapartiste. In. mensuel 124, 1989

Auch unter: http://www.lhistoire.fr/de-napol%C3%A9on-%C3%A0-de-gaulle-la-tentation-bonapartiste

http://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/la-tentation-recurrente-du-bonapartisme

[35] Alain Juppé und Nathalie Kosciusko-Morizet werden dagegen der politischen  Familie der „modérés girondins“ zugeordnet. Le Monde 22. Sept. 2016, S.8

(36)  Éditions du Patrimoine, L’arc de triomphe de l’Étoile, S. 33

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der 11. November: Ein französischer Feiertag im Wandel

Der 11. November ist in Frankreich ein Feiertag, der an den Waffenstillstand von 1918 erinnert. Die zentralen Feierlichkeiten an diesem Tag finden –natürlich- in Paris statt und folgen einem bestimmten Ritual: Zunächst legt der Staatspräsident ein Blumengebinde in den Farben der Tricolore vor der Statue von Georges Clemenceau an der Place Clemenceau zwischen Grand und Petit Palais nieder. Clemenceau war als französischer Vertreter an der Aushandlung der Waffenstillstandsbedingungen mit Deutschland beteiligt und wurde von seinen Landsleuten als Vater des Sieges gefeiert.  Nach dieser ersten Kranzniederlegung fährt der Präsident in Begleitung von Reitern der Garde républicaine in einem offenen  Wagen die Champs –Élysées hinauf zum Arc de Triomphe, wo  er dem Grab des unbekannten Soldaten seine Ehrerbietung erweist. „Avec sa minute de silence, version laïque de la prière, la sonnerie aux morts et l’appel aux morts, la tombe du Soldat inconnu et la flamme du souvenir deviennent les lieux d’un rituel national patriotique“, wie es in einer Sendung von Karambolage über das Ritual des 11. November heißt. [1]

Vom Freudentag zum Gedenk- und  Feiertag

Schon vor dem 11. November 1918 hatte es  Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand gegeben – deren Wahrheitsgehalt bei vielen Menschen  auch für völlig irreal gehalten wurde: Immerhin schien der Feind ja noch lange nicht besiegt, die Front verlief noch quer durch Ostfrankreich.  Als dann am Montag, dem 11. November, der Waffenstillstand offiziell verkündet wurde,  verfiel  Paris  in einen Freudentaumel,  den,  wie der Historiker Jean-Jacques  Becker schrieb, manche Zeitgenossen schon fast als irrsinnig (démente) charakterisierten.[2]

Die erste große Siegesfeier fand zwar am 14. Juli 1919 statt[3], aber dass auch und gerade der 11. November  einen gebührenden Platz in der französischen Erinnerungskultur erhalten müsste und würde, war selbstverständlich. Dies geschah in mehreren Schritten:

  • Am 11. November 1919 wurde zum ersten Mal eine Schweigeminute zur Erinnerung an den Waffenstillstand und die Toten des Krieges eingeführt.
  • Am 11. November 1920 wird unter dem Arc de Triomphe das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht
  • Ab 1922 ist der 11. November offizieller Feiertag in Frankreich
  • Am 11. November 1923 wird zum ersten Mal die ewige Flamme  am Grab des unbekannten Soldaten  entzündet.

Der  Arc de Triomphe als Ort des Grabmals

Die Idee, die Soldaten des „Großen Krieges“ in besonderer Weise zu ehren und einen Ort des Andenkens an sie zu schaffen, entstand in Frankreich schon während des Krieges.  Die  Frage war allerdings, in welcher Form und an welchem Ort.

Am 20. November 1916 stellte der Präsident der Vereinigung  Souvenir français, François Simon, die  Frage, warum man denn nicht die Tore des Panthéons öffne für einen der  vergessenen Soldaten, die für das Vaterland gefallen seien:

Pourquoi la France n’ouvrirait-elle pas les portes du Panthéon à l’un de nos compatriotes oubliés, mort bravement pour la patrie ? pour inscription sur la pierre, deux mots : « un soldat » ; deux dates : « 1914-1917 » [4]

In der Folgezeit werden  viele Ideen diskutiert: Vielleicht doch  besser ein goldenes Buch mit den  Namen aller Opfer des Krieges? – vielleicht eine Kapelle? Die Diskussionen ziehen sich hin bis weit über das Kriegsende hinaus, und es sieht fast so aus, als würde nicht ein unbekannter Soldat beerdigt werden, sondern die Idee überhaupt, ihn in besonderer Weise  zu ehren.

Der entscheidende  Anstoß kommt dann aus Großbritannien. Dort wird Ende Oktober 1920  beschlossen, die sterblichen Überreste eines unbekannten britischen  Soldaten in der Kathedrale von Westminster  neben den Gräbern der Monarchen  zu bestatten- und zwar am ersten Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November 1920. Frankreich fühlt sich erniedrigt und verraten. „Und was macht Frankreich? Nichts!“ empört sich der Abgeordnete André Paisant in einem Zeitungsartikel.[5]  Frankreich mit fast 1,5 Millionen gefallener Soldaten  darf doch nicht hinter den Briten zurückstehen!  Und das Pantheon kann es als würdevoller Ort mit Westminster ja durchaus aufnehmen!  Aber da gibt es zwei Probleme: Am 11. November 1920 ist das Pantheon gewissermaßen schon „ausgebucht“- da soll nämlich dort  -anknüpfend an eine feudale Tradition der Totenbestattung-  das Herz von Gambetta aufgenommen  werden – in der Erinnerung an die 50 Jahre vorher ausgerufene 3. Republik und den Sieg von 1918 gleichermaßen. Zwar könnte man neben dem Herz Gambettas auch den unbekannten  Soldaten pantheonisieren, aber dagegen läuft  die Rechte Sturm: Für sie ist das Pantheon eher eine entweihte Kirche und eine  republikanische Einrichtung. Außerdem sei der unbekannte Soldat kein dem Pantheon angemessener „großer Mann“, sondern „le peuple tout entier„. Die Rechte plädiert also für  den Arc de Triomphe, der allerdings von den Linken als kaiserliches Symbol und „trop militaire“ abgelehnt wird.

(Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Am 8. November 1920 debattiert  die Nationalversammlung   heftig und lautstark über die beiden Alternativen und die Rechte setzt sich durch: Der unbekanne Soldat soll also unter dem  Arc de Triomphe seine letzte Ruhestätte erhalten.[6]

Die Auswahl des unbekannten Soldaten

Jetzt gilt es, in kürzester Zeit den unbekannten  Soldaten auszuwählen. Der 21-jährige Soldat Auguste Thin erhält den ehrenvollen Auftrag, diese Auswahl vorzunehmen. Dafür werden die Reste von 8 nicht identifizierten, aber eindeutig französischen Soldaten  aus 8 französischen Regionen ausgewählt, in denen die schwersten Kämpfe des Weltkriegs stattgefunden hatten. Eigentlich hatte man für die Auswahl 9 Soldaten aus 9 Regionen vorgesehen, aber in einem Fall bot keiner der exhumierten Körper die Garantie, dass es sich auch tatsächlich um einen französischen Kombattanten  handelte. Die Särge der 8 Soldaten werden nach Verdun gebracht – für Frankreich Symbol für die Leiden des Krieges und für die Größe des Sieges.[7]  Auguste Thin wählt den 6. Sarg aus – weil er zum 6. Korps und zum 123. Regiment (zusammengezählt also auch 6) gehörte.

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Der Sarg wird danach zum Bahnhof von Verdun gebracht, so dass er –auf einem fahnengeschmückten Panzer   installiert- rechtzeitig  zu den Feierlichkeiten des 11. November unter dem Arc de Triomphe eintrifft- zusammen mit dem Herz Gambettas.

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Während dies  seinen Weg fortsetzt zum Pantheon, werden die sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten unter dem Arc  de Triomphe bestattet.  Darüber eine Granitplatte mit der Inschrift:

„Ici repose un soldat français mort pour la patrie. 1914-1918.

4 septembre 1870, proclamation de la République.

11 novembre 1918: retour de l’Alsacce-Lorraine à la France“

(Hier ruht ein für das Vaterland gefallener französischer Soldat. 1914-1918

4. September 1870, Ausrufung der Republik

11. November 1918: Rückkehr von Elsass-Lothringen nach Frankreich)

Der Maler Ernest Jules Renoux hat den Augenblick der Bestattung des unbekannten Soldaten in einem  im Petit Palais ausgestellten Bild verewigt und ihm sakrale Weihe verliehen.

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In der Attika des Arc de Triomphe ist die Skulptur eines unbekannten Soldaten  ausgestellt mit brozenen Siegespalmen….

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Die Flamme der Erinnerung

Sakralen Charakter hat auch die ewige Flamme der Erinnerung, die der damalige Kriegsminister André Maginot „–der „Erfinder“ der sogenannten Maginot-Linie- am 11. November 1923 unter den Klängen des Marche funèbre von Chopin zum ersten Mal entzündet. Der Schriftsteller Roland Dorgelès, 1919 berühmt geworden mit dem Kriegsroman  Les Croix de bois, schrieb damals:  «ce sera l’enfant de tout un peuple en deuil et chaque mère pourra dire, s’inclinant sur la dalle : “C’est peut-être le mien…”[8]

Seitdem organisiert die Vereinigung  „La Flamme sous l’Arc de triomphe“ jeden Abend um 18.30 Uhr eine Zeremonie, während derer nach einem sehr feierlichen Ritual die Flamme mit neuem Leben erfüllt wird. Es lohnt sich, schon gegen 18 Uhr an Einmündung der Champs-Elysées in die Place d’Étoile zu sein- da versammeln sich die Teilnehmer der Zeremonie, die i.a. gerne für Erinnerungsfotos posieren.

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An der Zeremonie unter dem Arc de triomphe  „patriotische Organisationen“, vor allem natürlich Veteranen, aber auch Vertreter ganz  verschiedener Organisationen  aus ganz Frankreich und dem Ausland beteiligt – für sie gewissermaßen eine patriotische Wallfahrt.

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Es werden Kränze niedergelegt, die Flamme wird symbolisch neu entzündet und zum Abschluss die Marseillaise gespielt und von vielen Anwesenden auch mitgesungen.

„Diese Flamme, mit der die Nation alle diejenigen ehrt, die für Frankreich gestorben sind, brennt  ununterbrochen seit dem 11. November 1923“ und zwar selbst während der deutschen Besatzung von Paris.[9]

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Die Bodenplatte mit der Inschrift und der ewigen Flamme ist die sogenannte „dalle sacrée“-  sie wird also als heilig bezeichnet. Das ist –gerade in einem laizistischen Land- bezeichnend für die religiöse Überhöhung des Patriotismus rund um den Ersten Weltkrieg: Geheiligt war da schon 1914 die von Clemenceau ausgerufene nationale Einheit, die union sacrée. Diese  französische Variante des Wilhelminischen „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ wird in Krisensituationen wie den terroristischen Anschlägen in Paris heute noch gerne beschworen.[10] Geheiligt war auch der Nachschubweg nach Verdun, der voie sacré, und für viele Kriegsteilnehmer war auch der Krieg insgesamt geheiligt.  Romain Rolland zitiert  in Au-dessus de la mêlée  den Brief eines Freundes aus dem Jahr 1914:

„Quelle race admirable! Si vous voyiez comme moi notre armée, vous seriez enflammé d’admiration pour ce peuple. C’est un élan de la Marseillaise, un élan heroïque, grave, un  peu religieux…. On parlera de nous dans l’histoire. Nous aurons ouvert une ère dans le monde…. La France n’est pas prête de  finir. Nous voyons sa résurrection. Toujours la même: Bouvines, croisades, cathédrales, Révolution, toujours les chevaliers du monde, les paladins de Dieu.“

Philippe Contamine bezeichnet in seinem Artikel Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle, der in der Reihe Les Lieux de Mémoire  veröffentlicht ist, den Patriotismus, wie er sich hier äußert, geradezu als eine neue Religion:

„La nouvelle religion eut ses mystiques et ses dévots, zélateurs convaicus de l’amour de la patrie dont ils se persuadaient, sans trop de peine, qu’il était un sentiment naturel et éternel. Elle eut aussi ses sceptiques, ses agnostiques, ses athées, ses hérétiques.“[11]

Anhänger eines solchen übersteigerten Patriotismus empfanden sicherlich auch die nachfolgenden Gedanken als häretisch, die  einem Besucher des Grabmals des unbekannten Soldaten 1925 durch den Kopf gingen:

‚Mort pour la patrie‘ steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie. Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“ (11a)

Der das schrieb war der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, ein Häretiker dann natürlich auch für die Nazis, vor denen er sich -wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und andere- gerade noch rechtzeitig durch die Flucht über die Pyrenäen retten konnte. (11b)

Die Demonstration des 11. November 1940: Ein Akt des Widerstands

Die Feiern  des 11.  November waren allerdings in den 20-er und 30-er Jahren in Frankreich nicht unumstritten. Das Gedenken an die Toten war es weitgehend, auch wenn es Pazifisten gab, die sich –vereint unter dem Slogan „À bas la guerre“ weigerten, an den offiziellen Zeremonien des 11. November teilzunehmen. Vor allem aber versuchten Extremisten von links und rechts dem 11. November einen anderen  Sinn zu geben, und nahmen den Feiertag zum Anlass, ihre Ideen zu propagieren: Da  ist die 1920 gegründete KPF, die die bourgeoise Republik und den zum Profit der Kapitalisten geführten Krieg  unter der Parole „guerre à la guerre“ ablehnten. Und es waren die Vertreter der extremen Rechten, die,  Republik, Kapitalismus und Kommunismus bekämpfend,  den 11. November nutzten, um ihre Vorstellung eines autoritären, ethnisch reinen und kämpferischen Frankreich zu propagieren- ein Konzept, das dann auch die Neuorientierung des 11. November durch das Regime von Vichy und Pétain prägte: Ihm ging es vor allem um  einen „männlichen Heroismus und den Mythos des vergossenen Blutes“:  So wurde der 11. November  von den Vertretern  der „Révolution Nationale“  in einer Weise gefeiert, dass es auch für die deutsche Besatzungsmacht akzeptabel war.[12]

Die „maréchalistische“ Konzeption des 11. November und die Besatzungsmacht wurden aber am  11. November 1940  in Paris herausgefordert:

Mehrere tausend junge Menschen, überwiegend Schüler/innen und Student/innen kamen  am 11. November 1940  zum Arc de  Triomphe, legten am Grabmal des unbekannten Soldaten Blumen nieder und schmückten sie mit den französischen Nationalfarben. Nach einer gewissen Zeit griffen deutsche Soldaten und französische Polizisten ein und „zerstreuten“ die Menge. Viele Demonstranten wurden verletzt und verhaftet (die Zahlen schwanken zwischen 105 und 143); sie wurden nach wenigen Tagen entlassen.
Es war das erste kollektive Aufbegehren gegen Besatzung und Kollaboration. Vorausgegangen war die Empörung über die Verhaftung des international renommierten Physikprofessors Paul Langevin  am 30. Oktober 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Nach einer ersten Protestaktion am 8. November vor dem Collège de France, wo Langevin unterrichtete, wurde die Parole durch Mund-zu-Mund-Propaganda und vereinzelte Flugblätter verbreitet, sich am 11. November am Arc-de-Triomphe zu treffen. Die Behörden hatten dekretiert: „Öffentliche Verwaltungen und Betriebe arbeiten normal; Gedenkzeremonien finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen werden nicht geduldet.“[13]

Es gibt vier Gedenkplaketten, die an diese Demonstration erinnern:  eine am 11. November 1954 vom damaligen Staatsspräsidenten René Coty enthüllte Tafel an der Einmündung der Champs-Elysées (Nr.  156) in die Place de l’Étoile.[14]

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Die Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 massenhaft vor dem Grabmal des unbekannten  Soldaten  demonstrierten, waren die ersten, die dich dem  Besatzer widersetzten.

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Eine weitere Gedenktafel wurde am  11. November 2010 von Staatspräsident Sarkozy unter dem Arc de Triomphe eingeweiht:

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« En hommage aux lycéens et étudiants de France qui défièrent l’armée d’occupation nazie le 11 novembre 1940 au péril de leur vie »[15].

Weitere  Gedenktafeln  wurde an  dem Maison d’Arrêt de la Santé an der Ecke zwischen dem Boulevard Arago und der Rue  de la Santé (siehe Bild)  und an dem Ort des ehemaligen  Gefängnisses Cherche Midi  angebracht, in die die  verhafteten Studenten und Schüler eingeliefert wurden.

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 Dass sie schnell wieder entlassen wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass weder die deutschen Besatzungsbehörden noch die Regierung von Vichy wenige Tage nach dem historischen Treffen von Montoire zwischen Hitler und Pétain (24. Oktober 1940)  die Politik der Collaboration beeinträchtigt sehen wollten.[16]

Die Feiern des  11. November  1944 und 1945

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 Am 11. November 1944 – Frankreich war damals noch nicht wieder vollständig befreit-  nehmen de Gaulle und Winston Churchill gemeinsam an der Feier des  11. November teil – auch wenn beide ansonsten eher durch „relations tumultueuses“ verbunden waren, wie es selbst auf der offiziellen Website der Organisation heißt, die das Andenken de Gaulles hoch hält.[17] Für Gaullisten und Sozialisten ist diese britische Präsenz bedeutsam, weil für sie damit symbolisiert werden soll, dass die beiden Weltkriege für die demokratischen Werte geführt wurden, die auch von den westlichen Alliierten repräsentiert sind: Hier kündigt sich schon der Kalte Krieg an  und der Gegensatz zu den Kommunisten, die den 11. November in eine Linie mit der russischen Revolution rücken.  Aber dieser sich ankündigenden Auseinandersetzungen über die Zukunft Frankreichs zum Trotz ist der 11. November 1944 in Paris vor allem ein allgemeines Volksfest, in dessen Mittelpunkt ein fünfstündige Zug von mehr als einer Million Menschen die Champs-Elysées hoch zum Arc de Triomphe ist.[18]

Am 11. November 1945 wird besonders die Résistance geehrt:  Die sterblichen Überreste von 15 Männern und Frauen des Widerstands, von Kriegsgefangenen und Deportierten werden an diesem Tag am Arc de Triomphe aufgebahrt, bevor sie dann in der an diesem Tag eröffneten Krypta auf dem  Mont Valérien bestattet werden  – womit eine Brücke zwischen 1914 und 1945 geschlagen wird, dem, wie de Gaulle es formulierte, 30-jährigen Krieg.[19]

Dass die Auseinandersetzungen zwischen rechts und links auch weiter in die Feierlichkeiten des 11. November hineinwirken, sei nur am Rande vermerkt und an einem Beispiel veranschaulicht: Am 11. November 1971 legen 20 Studenten der École Normale der rue d’Ulm in Paris – dem „Tempel der republikanischen Meritokratie“ – einen Kranz nieder für die  normaliens, die (ehemaligen) Angehörigen dieser Eliteschule also, die „victimes des marchands de canons“ geworden seien, und sie singen  die Internationale, während ihre rechten  Kommilitonen  mit der Marseillaise dagegen  halten.[20]

 

Das Gedenken  des 11. November verändert sich

Die 1944 und 1945 praktizierte  Ausweitung des Gedenkens an die Toten beider Kriege  erhält schließlich in einem  Gesetz von 2012  offiziellen Charakter:

« Le 11 novembre, jour anniversaire de l’armistice de 1918 et de commémoration annuelle de la victoire et de la Paix, il est rendu hommage à tous les morts pour la France. Cet hommage ne se substitue pas aux autres journées de commémoration nationales.« [21]

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Die Karikatur aus der Tageszeitung La Croix vom 9.11. 2011[22] zeigt eine Abordnung vor einem Denkmal für die „tapferen Kämpfer“ des Krieges von 1914/18;  und darunter einen Bildschirm mit der Aufschrift

Algerien  und –Libyen

und der Aufforderung, für die weiteren Kriege -und ihre Opfer-  auf diesen Bildschirm zu klicken. Damit wird  veranschaulicht, dass am 11. November nicht nur der Toten des Großen Kriegs gedacht wird, sondern der Toten aller Kriege, an denen französische Soldaten beteiligt waren und noch sein werden: Dazu gehören dann auch die Toten in den Kolonialkriegen wie den Kriegen in Indochina oder Algerien und es gehören dazu die bei internationalen Kriegseinsätzen wie in Afghanistan, Libyen oder dann auch Mali gefallenen französischen Soldaten.  Dass damit eine nicht ganz unproblematische Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege vorgenommen bzw. ihr zumindest Vorschub geleistet wurde, ist kritisch angemerkt worden (zum Beispiel von Rémi Dalisson).  Immerhin ist es ja ein  deutlicher Unterschied, ob ein Krieg  dem Land aufgezwungen wurde  (wie der 2. Weltkrieg) oder bewusst und in höchst problematischer Weise  betrieben wurde (wie der Kriegseinsatz in Libyen[23]), ob er  im Namen der Freiheit geführt wurde (wie der Kampf gegen die deutsche Besatzung) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft, wie der Krieg in Indochina. Aber das scheint im öffentlichen Bewusstsein wohl durchaus vereinbar zu sein, wie das mich sehr irritierende Straßenschild zeigt, auf das ich kürzlich gestoßen bin.

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Jedenfalls ist die Erweiterung des Gedenkens  inzwischen parteiübergreifend Grundlage der Feiern des 11. November. Immerhin wurde  diese Erweiterung von Präsident Giscard d’Estaing initiiert, unter der Präsidentschaft Sarkozys in Gesetzesform gebracht und von Präsident Hollande in seiner ersten  11. November – Rede  2012 zum ersten Mal umgesetzt.

Wenn ausdrücklich von „tous les morts pour la  France“  die Rede ist, dann gehören dazu natürlich auch die Kolonialtruppen, die in den Feiern des 11. November lange keine oder eine eher marginale Rolle spielten. Immerhin wurden im Ersten Weltkrieg etwa 700 000 Mann Kolonialtruppen ausgehoben und besonders  die sogenannten tirailleurs sénégalais haben in den großen Schlachten  des 1. Weltkriegs einen außerordentlich hohen Blutzoll entrichtet.  Auch im Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Kolonialsoldaten auf französischer Seite gekämpft und sie wurden bei der großen Truppenparade des 11. November 1944 bejubelt. Aber das Versprechen, den Kolonialsoldaten des Großen  Krieges nach Kriegsende die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wurde schnell vergessen und die ihnen gezahlte Rente entsprach nur einem Viertel oder gar einem Zwölftel dessen, was  ein Soldat mit französischer Nationalität erhielt.[24] Es hat lange gedauert, bis auch diese Soldaten bei den Feierlichkeiten des 11. November angemessen gewürdigt wurden.[25]

Und es stellt sich,  wenn von allen Toten die Rede ist, auch die Frage, ob in das Gedenken nicht auch die französischen Soldaten einbezogen werden müssen, die –unter manchmal heute kaum noch nachvollziehbaren Umständen- demonstrativ und zur Abschreckung erschossen wurden. In der neuen Gedenkstätte von Verdun wird auch an Ihr Schicksal erinnert.[26]

Und ganz aktuell gehören zu allen Kriegstoten auch die Opfer terroristischer Anschläge in Paris, Nizza und andernorts, denn nach offiziellem Verständnis befindet sich Frankreich ja in einem Krieg mit dem Terrorismus – was unter anderem ja auch bedeutet, dass die Nachkommen der Opfer wie Kriegshinterbliebene behandelt werden, also eine  vom Staat garantierte entsprechende Unterstützung erhalten. (26a)

Einer Erweiterung des Gedenkens hat auch insofern  stattgefunden, dass es nicht mehr ausschließlich/hauptsächlich auf Verdun konzentriert ist: Ein Zeichen  dafür ist die am  11. November 2014 eingeweihte internationale  Gedenkstätte Notre Dame de Lorette: Dort sind auf einen  Ring von 345 Metern  Umfang die Namen von 580 000 Soldaten  eingraviert, die in Flandern  zwischen 1914 und 1918 gefallen sind – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Trennung nach Rang,  Religion oder Nationalität.

Besonders Präsident Sarkozy hat den Feiern des 11.  November neue Akzente verliehen. In der Zeitung Le  Monde wurde sogar von einem Traditionsbruch, einer „rupture“ gesprochen. [27]  Vor allem natürlich für die von ihm angestoßene Ausweitung des Gedenkens an alle für Frankreich gestorbenen Franzosen. Dann durch die Einführung einer Rede unter dem Arc de Triomphe: Hatten sich die Präsidenten  bis 2007 darauf beschränkt, am Grabmal des unbekannten Soldaten ein Gebinde niederzulegen, nutzt er jetzt diese Gelegenheit für eine große  Rede – zentriert um die gemeinsame nationale Erfahrung des Krieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen: wesentliche Bestandteile des französischen „roman national“.

2009 gibt es eine weitere bedeutsame Neuerung: Sarkozy lädt zum 11. November Bundeskanzlerin Merkel ein – gemeinsam verneigen sie sich vor den Opfern  der Kriege und beide halten unter dem Arc de Triomphe eine Rede. Sarkozy verbindet darin den gemeinsamen deutsch-französischen Auftritt mit dem Händedruck zwischen Mitterand und Kohl am 22. September 1984 in Verdun/Douaumont.

Bemerkenswert finde ich an seiner Rede besonders zwei Aspekte: einmal das Eingeständnis, dass Versailles nicht geeignet war,  nach dem schrecklichen Krieg den Weg in  eine friedliche Zukunft zu eröffnen. Allerdings wird das sehr vorsichtig, fast euphemistisch formuliert: Die  Sieger hätten sich geweigert, die Gemeinsamkeit des tragischen Schicksals zu sehen, die sie  mit den Besiegten verbindet, und  es habe ihnen an Großzügigkeit gefehlt[28]: Hier wird immerhin die unnachgiebige Haltung gerade  der französischen Nachkriegspolitik in dem Plural „die Sieger“ aufgelöst, und es wäre doch wohl  selbstverständlich gewesen und hätte kaum besonderer Großzügigkeit bedurft, -beispielsweise-  das demokratisch gewordene Deutschland nach Abschluss des Friedensvertrags in den Völkerbund der Nationen aufzunehmen…  Aber dass in einer solchen Rede an diesem Ort überhaupt eingeräumt wird, dass  1918 zwar der Krieg gewonnen, aber danach der Frieden verloren wurde,  ist wohl schon etwas Besonderes.

Und wichtig ist m.E. auch der Hinweis Sarkozys, dass 2008 der letzte poilu, der letzte französische Soldat des 1. Weltkriegs,  gestorben war. Jetzt sei niemand mehr da, der aus eigenem Erleben und Leiden   „Nie mehr das!“  ausrufen könne.

„Avec le dernier poilu, s’est éteint le dernier témoin qui pouvait encore crier avec la force si grande qu’ont les vrais cris de souffrance : « plus jamais cela ! ».

C’est quand tous les témoins ont disparu qu’il faut prendre garde que l’Histoire ne tue pas le souvenir.[29]

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In der Tat ist es eine große Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem aber auch für Europa, dass  die Kriegserfahrungen der Gründerväter für die Menschen  heute kaum noch nachvollziehbar sind, dass der Frieden in unserem Teil Europas so selbstverständlich geworden  ist, so dass er als zentrale raison d’être für das vereinte Europa nicht mehr ausreicht.  Umso wichtiger ist es deshalb in der Tat, die gemeinsame Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten – aber natürlich und vor allem auch zukunftsweisende  und die Lebensqualität der Menschen betreffende,  überzeugende Perspektiven für das gemeinsame Europa zu eröffnen.

Verwandte Beiträge:

Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)  https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevoix und der (französischen) Teilnehmer des 1. Weltkriegs (Ceux de 14) ins Pantheon am 11. 11. 2020    https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Zum Weiterlesen:

Centre des monuments nationaux: L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014

Rémi Dalisson, 11 Novembre. Du souvenir à la mémoire. Paris: Armand Colin 2013

Rémi Dalisson, Le 11 Novembre tend à devenir une fête de paix. Interview mit Le Monde vom 10.11.2014.

www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/11/10/remi-dalisson-le-11-novembre-tend-a-devenir-une-fete-de-paix_4521409_3448834.html#h6odiMfJOcYkB1co.99

Anette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire ? In: Vingtième Siècle, revue d’histoire  Année 1996  Volume 49  Numéro 1  pp. 31-44  Auch unter: http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

http://centenaire.org/fr/tresors-darchives/fonds-publics/bibliotheques/archives/les-ceremonies-du-11-novembre-entre-les-deux

http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html

Anmerkungen

[1] So der französische Text der Arte-Serie Karambolage von 2006, die dem 11. November in Frankreich gewidmet ist und das dortige Ritual beschreibt:  http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-symbole-le-soldat-inconnu-karambolage.  Die deutsche Variante der Sendung liefert nur eine sehr abgespeckte Version des Rituals:

Der französische Staatpräsident begibt sich unter den Triumphbogen in Paris und legt während einer sehr feierlichen Zeremonie einen Kranz vor die ewige Flamme, die über das Grab des unbekannten Soldaten wacht.“ http://sites.arte.tv/karambolage/de/das-symbol-der-unbekannte-soldat-karambolage

Ein Jahr später ging es dann um den 11. November in Deutschland: Den Beginn der Faschingssaison – was für ein Kontrast!

http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-rite-le-11-novembre-karambolage

[2] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[3] Annette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire? http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombe_du_Soldat_inconnu_(France)  Offenbar ging Simon damals davon aus, dass der Krieg  1917 siegreich beendet sein würde. Souvenir français ist eine 1887 gegründete Einrichtung, die das Andenken an die französischen Soldaten wachhält – zunächst die die des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71

[5] Le pays tout entier se sent humilié et trahi. «Et la France, que fera-telle ? Rien !» s’emporte le député de l’Oise André Paisant dans les colonnes du quotidien «Le Journal » http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

[6] 10 novembre 1920 : un soldat inconnu pour dire l’horreur d’une guerre

FRANCE INFO Y ÉTAIT  dimanche 13 juillet 2014

http://www.franceinfo.fr/emission/france-info-y-etait/2013-2014/10-novembre-1920-un-soldat-inconnu-pour-dire-l-horreur-d-une-guerre-07-13-2014-10-00

In einem 2016 neu aufgelegten Paris-Reiseführer von Waltraud Pfister-Bläske und norbert Kustos (Bruckmann-Verlag)  fand ich übrigens folgende absurde  Information: „Unter dem Bogen liegen die Gebeine von fast 10 Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs“. (S.156) Wie eine angeblich profunde Paris-Kennerin so einen offensichtlichen Unsinn schreiben und wie ein Verlag das durchgehen  lassen kann, ist mir ein Rätsel.

[7] siehe auch den Beitrag über die neue Gedenkstätte in Verdun auf diesem Blog. Und natürlich immer noch grundlegend: Antoine Prost, Verdun. In: Les lieux de mémoire. Sous la direction de Pierre Nora. II. Nation, Bd 2, S. 111-141

[8] http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

Norhttp://www.laflammesouslarcdetriomphe.org/la-ceremonie-du-ravivage/deroule-type-dune-ceremonie/

Siehe auch den Bericht  einer Schulklasse, die an der Flammen-Zeremonie teilgenommen hat:

http://www.ladepeche.fr/article/2016/03/31/2315125-raviver-la-flamme-sous-l-arc-de-triomphe.html

http://memoire1418.free.fr/histoires/histoiresarticle33.html

[10] 13-Novembre: union sacrée après les attentats, les partis suspendent la campagne électorale

http://www.slate.fr/story/109893/13-novembre-union-sacree

[11] Philippe Contamine, Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle  In: Pierre Nora (dir), II, La Nation. Gallimard 1986, p.39  Dort wird auch die  Textstelle von  Romain Rolland zitiert.

(11a) Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902,  München 1990, S. 189/190

(11b) siehe Blog-Text über Sanary, Les Milles und Marseille: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[12] Dazu im Einzelnen: Rémi Dalisson, 11 novembre, Kapitel 2 und 3, S. 76ff

[13] http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

Siehe auch. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[14] Heute Botschaft von Quatar (1, Rue de Tilsit)

[15] „Zu Ehren der Schüler und Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 unter Lebensgefahr die Nazi-Besatzungsarmee als erste herausforderten.“  http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

[16]  „Militärgefängnis Cherche-Midi, 11. November 1940. Hier wurden Schüler und Studenten eingekerkert, die sich nach dem Appell vom 18. Juni 1940 als erste gegen die Besatzer erhoben haben“. Bei dem Appell vom 18. Juni handelt es sich um den berühmten Aufruf de Gaulles zur Fortsetzung des Widerstands. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[17] http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/les-acteurs-de-l-histoire/de-gaulle-et-churchill/reperes/de-gaulle–churchill-des-relations-tumultueuses.php

[18] Im Einzelnen: Dalisson, 11 novembre, S. 116f     Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in dem Andenkenladen der Monuments nationaux im Arc de Triomphe eine Postkarte von der  Parade verkauft wird, die de Gaulle direkt nach der Befreiung von Paris unter dem Arc de Triomphe abgenommen hat, aber keine von der großen Demonstration mit Churchill am 11. November.

[19] http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/onze-novembre-histoire-dune-commemoration-nationale

[20] Dalisson, 11 novembre, S. 166

[21]https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do;jsessionid=5A7B51413B56FAF5DE47F2F351400344.tpdila15v_2?cidTexte=JORFTEXT000025413468&idArticle=&dateTexte=20160309 siehe auch:

http://parhei.hypotheses.org/116

[22] abgedruckt bei Dalisson, 11 novembre, S. XV

[23] Nach einem britischen Parlamentsbericht vom September 2016 war das Frankreich Sarkozys „le principal moteur“ der Militärintervention in Libyen (Mediapart, 15.9.2016). Danach war ein Beweggrund für die Intervention, die Schlagkraft des französischen Militärs –und da vor allem des Kampfflugzeugs Rafale-  zu beweisen. Der französische Staat war nämlich eine Verpflichtung zur kontinuierlichen Produktion des Flugzeugs eingegangen, die er aber –allein schon aus finanziellen Gründen- nicht übernehmen konnte. Man war also dringend auf Exportaufträge angewiesen. Und die „démonstration concrète des possibilités du Rafale en conditions de combat réel“ war erfolgreich. Nach der Libyen-Intervention  kamen endlich die Aufträge: Quatar, Ägypten und im September 2016 der allgemein bejubelte Großauftrag aus Indien. Insofern hat sich –zynisch formuliert- die Intervention in Libyen für Frankreich gelohnt. (http://www.opex360.com/2016/09/16/rapport-parlementaire-britannique-critique-severement-lintervention-en-libye-de-2011/ )

[24] https://blogs.mediapart.fr/gilles-manceron/blog/101114/les-soldats-coloniaux-de-14-18-eternels-oublies

http://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/09/09/verdun-comble-ses-trous-de-memoire_4484577_3448834.html

https://www.herodote.net/1830_a_1962-synthese-43.php

http://www.islamophobie.net/articles/2010/11/10/11-novembre-hommage-aux-soldats-musulmans-morts-pour-la-france

[25] http://www.najat-vallaud-belkacem.com/2014/11/11/rendons-hommage-ensemble-aux-combattants-de-la-1ere-guerre-mondiale/

[26] Zu den drakonischen und z.T. demonstrativen Erschießungen im Ersten Weltkrieg siehe: Nicolas Offenstadt, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914 – 1999) Paris 1999

(26a) http://www.sos-attentats.org/aide-victimes-victime-civile.asp    Insofern war es auch folgerichtig, dass die Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Nizza im Hôtel national des Invalides stattfand.

[27] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[28] „Cette paix nous n’avons pas su la faire en 1918, non seulement parce que les vainqueurs manquèrent de générosité mais aussi parce qu’ils refusèrent de voir le destin tragique qui les liait aux vaincus et que l’indicible horreur de la guerre venait de révéler.“ http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html

[29]Die Rede von Präsident Sarkozy:  http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html  (Um Missverständnissen  vorzubeugen: Ich bin wahrhaftig kein Fan  Sarkozys und finde sein Vorhaben, noch einmal französischer Präsident zu werden, geradezu peinlich und politisch schädlich).

Die Rede von Bundeskanzlerin Merkel: http://www.france-allemagne.fr/Bundeskanzlerin-Merkel-nimmt-an,4962.html

Die Corrèze (Teil 2): touristische Impressionen

Im ersten Blog-Beitrag zur Corrèze ging es um die allgegenwärtige Erinnerung an die Zeit von 1940-1944, also die Zeit zwischen der französischen  Niederlage von 1940 und der Befreiung von 1944. Die  Corrèze hat damals  als ein Zentrum der Résistance  auch bezogen auf den nationalen Rahmen  Frankreichs eine ganz herausragende  Rolle  gespielt.

Es  wäre aber bedauerlich, die Corrèze nur aus diesem begrenzten  Blickwinkel zu sehen, ist sie doch eine äußerst interessante, vielfältige und reizvolle Gegend. Das soll  anhand einiger Fotos wenigstens ansatzweise gezeigt werden. Und vielleicht macht das auch Lust und weckt die Neugierde, dieses Gebiet etwas zu erkunden, das zwar nicht zu den ersten touristischen Destinationen Frankreichs gehört, dessen Besuch sich aber unbedingt lohnt.

Bei der Vorstellung der Corrèze möchte ich mich auf zwei unterschiedliche Landschaften konzentrieren, die wir besonders schön finden : Die Dordogne im Süden des Départements und das Hügelland Millevaches im Nordosten.  Nicht, dass es auch andernorts in der Corrèze schöne Orte und Landschaften gäbe, aber es ist ja hier nicht darum, nach dem Motto:  „Alles über die Corrèze“  einen Reiseführer zu ersetzen.

 

Das Plateau des Millevaches und die Monédières

Das Millevaches-Plateau liegt im Zentrum der Corrèze.  Der Name hat nichts mit „vaches“, also Kühen zu tun, sondern mit dem okzitanischen „vacca“, also Quellen. Und die gibt es dort reichlich. Zum Beispiel  die Quelle der Vienne….

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…. und die Quelle der Vézère.  Ideale Ziele für schöne Wanderungen.

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Auf der Hochebene….

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weiden  Schafe…

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… aber auch die berühmten Limousin-Rinder….

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die nicht  in Fleischfabriken produziert, sondern in freier Natur leben.  Und der Nachwuchs ist, entsprechend dem schönen Marketing-Slogan,  „élevé sous sa mère“ – wächst also unter bzw zusammen mit der Mutter auf.

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Das Fleisch ist dann auch entsprechend schmackhaft.

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In den weiter südlich gelegenen Monédières  gibt es wunderschöne Hochmoore, schöne Wälder, die charakteristischen Granit-Findlinge und viel Heidekraut. Auch ein Wanderparadies.

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Bekannt sind die Monédières auch für ihre Heidelbeeren

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An ganz vielen Stellen des plateau de Millesvaches und der Monédière findet man  am Wegesrand, manchmal auch mitten im Wald Kreuze aus Granit. Zeichen der traditionellen Frömmigkeit der Menschen dieser Gegenden.

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In der ganzen Corrèze hat man insgesamt 174 solcher Kreuze gezählt.

Hier abgebildet sind das Croix du Pey und das Croix de Combe-Longue (Lestards)

In den  kleinen Orten der GeCgend findet man auch ganz viele mittelalterliche Kirchen- immer aus dem heimischen Granit errichtet und immer mit der für die ganze Corrrèze typischen Turmform – einer vor den Eingang gesetzten Scheibe mit meist zwei oder drei Bogenöffnungen oben für die Glocken und oft einem sehr kunstvoll verzierten Portal.

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Kapitell in der Kirche in Meymac

Hölle,  Himmel und Heil waren hier immer präsent: Durch diese Gegend führten früher Pilgerwege nach Santiago de Compostella hindurch,wie die in eine Hauswand in St Merd eingebaute Muschel zeigt. Vermutlich handelt es sich um ein Fragment aus einer Pilgerkirche:  eine der vielen Entdeckungen, die man in dieser Gegend machen kann.

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Am Südhang des Plateau de Millevaches, in Sarran, gibt es noch eine besondere Attraktion, das Musée Jacques Chirac. Chirac war lange Jahre Bürgermeister von Paris, dann auch Staatspräsident, aber er war und blieb immer ein Mann der Corrèze. Seine Frau Bernadette ist übrigens noch bis heute lokalpolitisch (und darüber hinaus) engagiert.

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Natürlich wird  da auch reichlich Personenkult betrieben, aber der Besuch des Museums lohnt sich auf jeden Fall. Vor allem wegen der Ausstellung von  Geschenken, die Chirac bei seinen Staatsbesuchen erhielt. Gezeigt wird eine kleine globale Auswahl: Manches Schöne und Kostbare, viel Kurioses.

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Diejenigen, die diese Geschenke überreicht haben, möchten ihre Länder ja in einer ganz spezifischen Weise repräsentieren. Dieser Blickwinkel macht die Ausstellung zusätzlich interessant. Bei unserem Besuch war Deutschland leider nicht mit einem Staatsgeschenk vertreten. Interessant wäre aber bestimmt, einmal zu sehen, welche Staatsgeschenke die deutsche Seite gemacht hat und wie sich das im Laufe der Jahre –und im Wechsel der politischen Repräsentanten- vielleicht verändert…

 

Die  Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu

Der Abschnitt der Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu, der die südliche Grenze der Corrèze markiert, ist sicherlich nicht so  spektakulär wie der stromabwärts  anschließende im Périgord.  Aber er ist sehr abwechslungsreich und in vielfacher Hinsicht attraktiv . Bis Argentat ist die  Dordogne eingezwängt in eine Schlucht, die Georges de la Dordogne, an deren unzugänglichen Abhängen sich im 2.  Weltkrieg Widerstandskämpfer einen Unterschlupf gesucht hatten. (siehe Teil 1). Es gibt dort aber auch schöne Spazierwege  durch Eichen- und Esskastanienwälder.

Die Esskastanien wurden gesammelt,  in speziellen Hütten getrocknet, so dass man  daraus Mehl herstellen  konnte: in einer Gegend ohne  Getreideanbau eine  wenn auch mühsame Alternative.

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Dach einer alten Trockenhütte für Esskastanien an den Abhängen der Dordogne. Die Schieferabdeckung ist typisch für die gesamte Corrèze.

 Bei diesen Spaziergängen hat man oft  wunderbare Ausblicke auf die Dordogne, z.B. vom „fauteuil de dieu“ aus.[1]

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Früher war die Dordogne hier ein ganz gefährlicher Fluss, der nur schwer für Schiffe passierbar war. Heute ist er durch mehrere Dämme gestaut und  gezähmt, so dass er sich manchmal geradezu wie ein ruhiger See ausmacht.

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Ab Argentat weitet sich das Tal der Dordogne aus. Hier gab es einmal den wichtigsten Hafen an der Dordogne.

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Vor allem das für den Weinanbau und die Fassproduktion wichtige Eichen- und Kastanienholz wurden  hier gesammelt und auf eigens dafür gebauten Schiffen mit geringem Tiefgang verladen. Das waren die sogenannten „gabares“. Am Ankunftsort Libourne (vor Bordeaux) wurden sie zerlegt, das Holz verkauft und die Schiffer wanderten die Dordogne hoch zurück nach Argentat, um eine neue Ladung zu übernehmen.

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Blicke von der Brücke von Argentat

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Ein Fischer und ein Badender   in der Dordogne zwischen Argentat und Beaulieu

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In Beaulieu gibt es einen malerischen Badeplatz an der Büßerkapelle. Hier ist das Wasser etwas  angestaut,  sodass man in der Dordogne auch schwimmen kann. Das Wasser ist allerdings auch im Hochsommer ziemlich frisch….

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Unbedingt ansehen sollte man sich in Beaulieu die Abteikirche Saint-Pierre. Das Südportal ist „ein Meisterwerk romanischer Skulptur“.  Besonders ins Auge fallen die zu Füßen Jesu dargestellten Kräfte des Bösen, das siebenköpfige Ungeheuer aus der Apokalypse und diverse menschenverschlingende Monster.

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Im nördllchen Querschiff ist der Kirchenschatz ausgestellt, darunter ein emaillierter Reliquienschrein, eine Madonna mit Kind und diverse Reliquienbehälter.

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Etwa nordwestlich von Beaulieu liegt das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählende Curemonte.  Es liegt malerisch auf einem Hügel- wenn man vom Tal aus den Ort erreicht und die Straße noch etwas weiter hoch fährt, erreicht man  einen Platz mit Park- und Picknickmöglichkeit, von dem aus man einen  schönen Blick auf den Ort hat. Auffällig sind die beiden direkt nebeneinanderliegenden burgartigen Schlösser Saint-Hilaire und  de  Plas.

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Die Schriftstellerin Colette hat  1940 – im Jahr der Niederlage in den beiden –damals halb verfallenen- Burgen gewohnt, die ihrer Tochter  Colette  de Jouvenel gehörten. Sie hat  darüber in ihrem Tagebuch berichtet:

Danger…. Défense de visiter les ruines, défense de laisser les enfants jouer au pied des ruines. Mais libre à nous, qui habitons au sein du chaos, de cueillir la grande marguerite et la mauve dans la salle des gardes, tendre une ficelle dans un appartement  d’honneur et y mettre le linge à sécher, quand il ne pleut pas. Tout les poutres des planchers sont tombées.Là gît notre dépôt de bois de chauffage, qui durera plus longtemps que la paix elle-même. … Quel  motif amena les seigneurs de Plas et ceux de Saint-Hilaire, environ au XVe siècle, à construire si proches l’un de l’autre leurs deux châteaux que sépare, dans un étroit enclos au  sommet du village, un espace de six ou sept mètres?

Saint Hilaire commença, Plas le suivit. Celui-ci aima le cylindre, et celui-là le cube. Nous ne savons rien sur eux et avons bien autre chose en tête, car la radio est muette, sourd le télégraphe, nous n’avons pas de beurre depuis trois semaines, ni de journal, ni d’essence“[2]

 

Die wunderbare Veränderung der Grange von Marcillac-la-Croisille

Dass wir das Plateau de Millevaches und die Dordogne für die Vorstellung der Corrèze ausgewählt haben,  hängt vor allem damit zusammen, dass sie für uns gut und schnell zugänglich sind, wenn wir in der Corrèze sind. Da wohnen wir nämlich in Marcillac-la-Croisille  bei  unserer Freundin Marie-Christine, und zwar in der inzwischen ausgebauten Scheune,  die gelegentlich der Resistance als Versteck diente.

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Jetzt ist dort  eine sehr geschmackvolle kleine Wohnung eingerichtet, die es Marie-Christine gelegentlich erlaubt einen Wohnungstausch zu machen. [3]

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Marcillac ist ein kleiner sympathischer Ort, es gibt noch die notwendigen Geschäfte (Bäcker, Metzger, eine épicerie,  einen Tabac –Laden, wo man Zeitungen bekommt)  und einen Wochenmarkt, wo es aus einem großen Kupferkessel frisch zubereiteten Aligot gibt.  Das ist eine Art Kartoffelpüree, das mit Tomme-Käse verrührt wird.  Das Gericht wurde  von Priestern entwickelt, die damit die Pilger auf dem Jacobsweg durch das Zentralmassiv verköstigten. Absolut lecker. Dazu am besten die schön gewürzte Wurst  „chipolata aux herbes“ des Metzgers von Marcillac.

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Und einer der größten Pluspunkt des Ortes: Es gibt einen großen Stausee, in dem man -om diesem Jahr bei  angenehmen  Wassertemperaturen bis in den September hinein- wunderbar schwimmen kann.  Ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der Corrèze. Es lohnt sich!

 

 

[1] Vorschläge für Spaziergänge mit entsprechendem Kartenmaterial gibt es im Tourismus-Büro von Marcillac

[2] Colette, Journal à rebours. Zit. In: Claude Latta, Le guide de la Corrèze. Lyon 1988, S.264

[3] Wer Interesse hat, kann sich direkt mit Marie-Christine in Verbindung setzen: mchs@orange.fr

 

Die Corrèze (Teil 1): Besatzung und Widerstand/ occupation et résistance

In diesem Beitrag geht es um das  im Südwesten Frankreichs gelegene Gebiet der Corrèze. Franzosen ist die Corrèze wohl vor allem bekannt als Heimat des ehemaligen Präsidenten Chirac, der dort auch ein nach ihm benanntes Museum eingerichtet hat, und als politische Heimat von François Hollande, beides ausgemachte Lokalpatrioten, deren gemeinsame Verbundenheit mit der Corrèze manchmal sogar schwerer wiegt als ihre politischen Gegensätze. Das hat sich vor der letzten Präsidentschaftswahl gezeigt, als Chirac zum Befremden seiner rechten Parteifreunde für den Sozialisten Hollande Partei ergriff.  

Und dann gibt es natürlich –wie auf diesem Blog nicht anders zu erwarten- ein spezifisch historisches Interesse an der Corrèze, gerade auch aus deutscher Sicht. Denn die Corrèze war ein Zentrum der Résistance während des Zweiten Weltkriegs und sie war auch Schauplatz besonders schlimmer mörderischer Aktionen deutscher Truppen: Auf dem Weg zur Invasionsfront verübte die SS-Division „Das Reich“ in Tulle, der Hauptstadt des Département Corrèze,  ein grauenhaftes Massaker, bevor sie dann auf ihrem weiteren  Weg nach Norden den Ort Oradour- sur- Glane und seine Bewohner auslöschte. Das Interesse an diesem historischen Hintergrund ist nicht nur „professionell“, sondern hat einen ganz persönlichen Grund: Die Corrèze wurde und wird uns nahe gebracht durch unsere Pariser Freundin Marie-Christine, die aus Marcillac-la-Croisille stammt und die wir kürzlich wieder dort besuchten. Am Eingang ihres (Eltern-)hauses  ist eine Erinnerungstafel für ihren Vater, Marcel Fieyre, und ihren Onkel, Lucien Fieyre, angebracht, beides engagierte und führende  Mitglieder der Résistance in der Corrèze.

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Da liegt es nahe, sich etwas für die Résistance in der Corrèze zu interessieren und dabei vor allem auch für die beiden Brüder Fieyre und an ihrem  Beispiel zu erfahren, was es konkret  bedeuten konnte, ein „résistant“ der ersten Stunde zu sein.

Es geht dabei nicht darum, ein umfassendes Panorama des Widerstands in der Corrèze zu entwerfen. Es sollen nur einige Aktionen angesprochen werden, an denen die beiden Brüder, bzw. einer von ihnen, beteiligt waren – einmal sogar auch die Mutter Marie-Christines. Und vor allem wird es um das abenteuerliche Schicksal von Marcel Fieyre  gehen, der 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, dem es aber auf gerade märchenhafte Weise gelang, im Winter 1942/43 zu entkommen und sich von seinem Arbeitskommando in Schleswig-Holstein bis in die Corrèze durchzuschlagen, wo er dann in ganz besonderer Weise für den Maquis tätig war… Ein Schicksal, das nur aus Bruchstücken rekonstruiert werden kann, das es aber wert ist, erzählt und festgehalten  zu werden….

Überblick:

  • Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze
  • Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement
  • Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle
  • Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Und dann gibt es auch noch einen zweiten Teil über die Corrèze – mit touristischen Impressionen: Immerhin hat die Corrèze gerade auch in dieser Hinsicht viel zu bieten….     https://paris-blog.org/2016/09/11/die-correze-teil-2-touristische-impressionen/

 

 

Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze

In der Corrèze ist, wie auch in anderen Gegenden Frankreichs, die Geschichte  allgegenwärtig:  An der Somme und in und um Verdun ist das der Erste Weltkrieg, in der Normandie der Zweite Weltkrieg bzw. konkret die Landung der Alliierten und die nachfolgenden Kämpfe[1]; in der Corrèze sind das die deutsche Besatzung und der Widerstand.  An ganz vielen  Stellen stößt man auf Denkmäler oder plaques commémoratives, die an diese Zeit erinnern. Hier nur eine kleine  und völlig zufällige Auswahl:

Auf dem Weg zum Musée Jacques Chirac zwischen Égletons und Sarran liegen am  Rand der Straße zwei Grabmäler von getöteten Widerstandskämpfern:

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(Ausschnitt)

An einem Haus in Gros-Chastang an der D 18 zwischen Argentat und Égletons, gibt es gleich  zwei Gedenktafeln:

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Eine erinnert daran,  dass hier der 1942 in Compiègne von den Deutschen erschossene Leopold Rechaussière geboren wurde; die andere, dass im März 1943 in den Gorges de la Dordogne ein großes Lager von Maquisards der F.T.P.F.,  das seinen Namen trug, aufgebaut wurde.

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Die französischen Feriengäste, die in dem Haus wohnten und mich neugierig beim Fotografieren beobachteten, hatten  die Gedenktafeln übrigens noch nicht bemerkt. Sie fanden es aber dann sehr erhebend, in einem solchen Haus zu wohnen, und waren voll Anerkennung für den deutschen Touristen, der sich für diese Geschichte interessiert.

Das nid d’aigle (Adlershorst) genannte Lager liegt völlig abgelegen am Abhang der Dordogne-Schlucht. Bei schönem Wetter ist das ein wunderbarer malerischer Platz und man kann sich nur mit Mühe vorstellen, wie die Maquisards dort gelebt haben…

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Auch hier gibt es inzwischen eine plaque commemorative, auf der mitgeteilt wird, dass zwischen Februar und Juni 1943 „Le Nid d’Aigle“ einer der ersten bewaffneten Gruppen der F.T.P.F. als Lager mit dem Namen „Léopold Rechossière“ gedient hat.

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Allerdings konnte sich der Widerstand noch vor der Befreiung 1944 im Untergrund administrative Strukturen  aufbauen – mit Büros, Druckereien, Krankenstationen. Es gab dann sogar schon -in dem kleinen abgelegenen Ort  Nougein in den Gorges de la Dordogne- eine Präfektur des Widerstands und ein Befreiungskomitee des Département Corrèze. Marcel Fieyre wird damals als „chef départmental des renseignements généraux de la  Corrèze“ möglicherweise öfters  dort gewesen  sein, wenn er nicht mit auswärtigen Aufgaben betraut war.

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Die hier vorgestellten Tafeln und Grabmäler weisen nicht nur auf die starke  Verbreitung der Résistance hin, sondern auch darauf, dass der Widerstand durchaus nicht einheitlich war. Es gab verschiedene Richtungen: Vor allem die  Francs-tireurs et partisans français, der militärische Arm der KPF- abgekürzt FTPF  bzw. oft auch nur FTP. Dies waren  zum Teil Maquisards,  also im Untergrund –zum Beispiel in Lagern  wie dem an der Dordogne- lebende Widerstandskämpfer, aber auch sogenannte „légaux“, also „ordentliche“ Bürger, die den Widerstand unterstützten. Dann gab es die  Armée secrète (AS),  den gaullistischen Zweig des Widerstands, der in der Corrèze aber eine weniger wichtige Rolle spielte als die FTP. Allerdings hatte die AS  gute Kontakte nach London und eine ihrer wichtigsten Aufgaben war die Bereitstellung von Plätzen, über denen  Waffen und anderes Material für den Widerstand von den Alliierten  abgeworfen wurden. Aus der  Verbindung –allerdings nicht der Integration-  der verschiedenen Widerstandsgruppen, also vor allem der FTP und der AS, entstanden am 1. Februar 1944 die  FFI (forces françaises de l’intérieur). Durch eine verbesserte Organisation und Koordination sollte die Schlagkraft des Widerstands erhöht und ihm ein legaler Rahmen gegeben werden. Es ist  in diesem Zusammenhang  bezeichnend, dass auf dem abgebildeten Grabstein Baptiste Gibiat als „Soldat FFI“ bezeichnet wird. Er hat damit also, anders als die von Vichy und den Deutschen als „Terroristen“ bezeichneten maquisards, einen offiziellen militärischen Status.

In Marcillac-la-Croisille gibt es Tafeln, die an ganz besondere Ereignisse aus dieser Zeit erinnern:

Eine Granittafel an der Schule erinnert daran, dass in dem Ort dank des mutigen Schutzes der Bevölkerung mehrere jüdische Familien  gerettet wurden. „Drei Kinder, die in dieser Schule unterrichtet wurden, werden das nicht vergessen“.

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Diese Gedenktafel wurde am 14. Juli 2014 in Anwesenheit der drei darauf genannten Personen – aus Rumänien stammenden  Juden- angebracht als Dank für die Bürger von Marcillac:  Jeder wusste, dass es sich um Juden handelt, aber alle hüteten es als Geheimnis, es gab keine Denunziation. Die Kinder, deren  Eltern in der Schweiz überlebten, wurden von Lucien Fieyre nach Marcillac gebracht, wo sie von einer Frau aufgenommen wurden, „qui leur apporta leur tendresse.[2]

Gleich nebenan, in Clergoux,  wird daran erinnert, dass die Gemeinde und ihre Umgebung sich zwischen Juni 1940, der französischen Kapitulation, und der Befreiung der Corrèze am 21. August 1944, einhellig („unanimes“) gegen das Regime von Vichy und die Besatzung durch die Nazis aufgelehnt hätten.

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Clergoux war im Zweiten Weltkrieg in der Tat ein „haut lieux de la Résistance du Limousin. On l’appelait la ‚capitale du Maquis Corrézien.‘“  In der Umgebung des Ortes kamen 62 Widerstandskämpfer ums Leben: Franzosen, Deutsche, Spanier,  Polen, Nordafrikaner, Italiener, Russen und Tschechen…[3]  Allerdings war durchaus nicht die ganze Bevölkerung der Corrèze ausnahmslos vereint im Widerstand gegen Vichy und die Besatzer. Anfang Juli 1942 wurde der Staatschef des État français,  Marschall Pétain,  bei einem  Besuch in der Corrèze vom sozialistischen Bürgermeister der Stadt Ussel herzlich begrüßt: „Ici, on vous aime, Monsieur le Maréchal, et cela depuis longtemps déjà!“  Selbst die engagierten Widerstandskämpfer mussten zur Kenntnis nehmen, dass  ihre  Aktionen- zumindest bis  zur Einführung des obligatorischen  Arbeitsdienstes S.T.O., oft nicht viel Widerhall fanden bei einer Bevölkerung „qui restait indifférente, souvent hostile.“[4]

Ein kurioser Beleg dafür, dass  Pétain auch in der Corrèze seine Anhänger hatte, ist ein 1940/41 entstandenes Fenster in der Kirche Saint-Barthélemy in Lamazière-Basse, das Maria, der „Königin des Friedens“ gewidmet ist. Im unteren Teil wird die Niederlage von 1940 dargestellt:

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Ein Zug wird von einem deutschen Flugzeug bombardiert, Frauen fliehen mit ein paar Habseligkeiten, hinter ihnen liegt ein Toter, davor detoniert gerade eine Bombe.

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Im oberen Teil des Fensters, über der Darstellung der Maria, sieht man auf der linken Seite eine Mutter mit ihren vier Kindern, rechts –vor der Kirche von Lamazière- einen Bauern mit seinem Ochsengespann. Und darüber in der Mitte –gewissermaßen als Motto des Fensters-  ein Wappen in den Farben der Tricolore  mit den Worten: Travail, Famille, Patrie – Arbeit, Familie, Vaterland: Das Programm des Marschalls Pétain. Umrahmt wird die Darstellung von den Namen der Spender, die zur Finanzierung des Fensters beigetragen haben, vielen Ortsansässigen, aber auch Flüchtlingen aus dem besetzten Frankreich.[5]

Bemerkenswert ist, dass auf dem Denkmal in Clergoux Vichy und Nazi-Besatzer (übrigens nicht: deutsche Besatzer) im gleichen Atemzug genannt werden. Und in der Tat hatten es die Widerstandskämpfer ja –selbst nach der Besetzung der sogenannten „zone libre“  durch deutsche Truppen-  vor allem mit französischen Gendarmen  oder fanatischen Milizionären zu tun. Die deutschen Besatzungstruppen dagegen seien, wie sich ein Résistant erinnert,  oft schon etwas älteren Semesters und eher kriegsmüde gewesen:

„Les ‚pépères‘ de la Wehrmacht ne manquent … aucune occasion de se lamenter en cette fin d’année 1943, et murmurent même aux Français qu’ils ont la  charge d’arrêter ‚Krieg nicht gut, Krieg gross malheur‘“.

Und ein anderer résistant berichtet von der anschließend thematisierten Sabotageaktion im Eisenbahndepot von Brive, das von zwei deutschen Soldaten bewacht wurde:

Les deux soldats âgés, qui ont fait la guerre de 14-18, sont abasourdis et paraissent plus occupés de leur sort que de celui du grand Reich. Ils expliquent. ‚Nous avons petits enfants… nous pas hitlériens.‘“[6]

Ganz anders allerdings die SS-Division „Das Reich“, die im Juni 1944 durch die Corrèze zog, um an den Kämpfen gegen die alliierten Invasionstruppen teilzunehmen. Auf ihrem Weg lag auch Tulle.  Dessen deutsche Garnison und die dort stationierten französischen Milizen waren am 6./7. Juni von Einheiten des bewaffneten  Arms der KPF, den FPTF,–parallel mit der Landung der Alliierten- angegriffen worden war.  Bei der Vorbereitung dieser Aktion hatte übrigens auch wieder Lucien Fieyre als Chef des Nachrichtendienstes der FPTF erheblichen  Anteil.[7]  Jedenfalls war die Aktion zunächst erfolgreich. Der größte Teil der Stadt wurde erobert, die Bevölkerung feierte die Befreier. Als am 8. Juni –für die Résistants unerwartet- Einheiten der Division „Das  Reich“ anrückten, zogen sich die Widerstandskämpfer mangels ausreichender Bewaffnung, Stärke und Koordination zurück, so dass die Bevölkerung schutzlos der brutalen Vergeltung durch die SS ausgeliefert war. Die Stadt erlebte „un drame hors du commun, qui fait de Tulle une ‚ville martyre‘“.[8] 99 Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden öffentlich und demonstrativ an Straßenlaternen und Strommasten erhängt, 18 für die Überwachung und Sicherung von Transportwegen zuständige Arbeiter werden erschossen, 149 Menschen  deportiert, von denen 101 nicht überlebten.

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Die zur Deportation bestimmten Menschen werden willkürlich aus einer Gruppe von zunächst 3000 zusammengetriebenen Einwohnern der Stadt ausgewählt. Unter denen, die deportiert werden sollten, war auch Marie-Christines Großvater. Er saß schon auf einem Lastwagen, der auf das Kommando zum Losfahren wartete. Dabei wurde den Angehörigen aber noch einmal die Gelegenheit zum Verabschieden gegeben. Unter ihnen ist auch die damals 17-jährige Tochter Georgette, also die spätere Mutter Marie-Christines. Einer der zur Deportation bestimmten Männer flüstert Georgette zu, bei diesem Lastwagen sei keine Zählung vorgenommen worden. Er habe ein Messer dabei, um die seitliche Befestigung der Plane aufzuschneiden. Sie solle auf das Trittbrett des Wagens steigen, um mit ihrem weiten Rock für Ablenkung der Deutschen und Deckung zu sorgen. So gelingt es dem Großvater und zwei, drei anderen, unbemerkt vom Lastwagen zu springen und ihr Leben zu retten. Was für eine wunderbare Episode in diesem grauenhaften Geschehen!

Es ist auffällig und merkwürdig, dass die Erinnerung an das Massaker in Tulle in Frankreich eher wenig ausgeprägt ist. Während Oradour sur Glane, wo die SS-Division „Das Reich“ auf ihrem weiteren Weg zur Front anschließend wütete, „un symbole de la barbarie nazie“ geworden ist und zum festen Bestand des französischen Schulunterrichts gehört, ist das  mit Tulle anders.  Es spielt in der nationalen  Erinnerungskultur keine Rolle: „Tulle a échappé à  la mémoire nationale.[9] In Tulle allerdings wird an zahlreichen Stellen an das Massaker erinnert, die in einer u.a. von der Stadt herausgegebenen Broschüre in einem „Chemin de Mémoire“ zusammenfassend vorgestellt werden. Am eindrucksvollsten ist wohl der „Champ de Martyrs“, eingezwängt zwischen dem Fluss Corrèze und der Straße von  Tulle nach Brive.

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Auf dieser ehemaligen Müllkippe wurden die Leichen der 99 Erhängten von Tulle verscharrt.

Die Namen der Gehängten und Deportierten sind auf Bronze-Tafeln verzeichnet und es  wird ausführlich über das Geschehen zwischen dem 6. Juni und dem 17. August –Datum der Kapitulation der deutschen Garnison- informiert.

Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement

Dass der Widerstand in der Corrèze besonders stark war,  hat seine Ursache vor allem darin, dass das Département traditionell politisch links eingestellt war und dass es dort eine ganze Reihe von kommunistischen Bastionen gab.  Einen besonderen Aufschwung erfuhr der Widerstand durch die Einführung des S.T.O. (Service de Travail Obligatoire) im Februar 1943. Damit wurden junge Männer der Jahrgänge 1920-1922 verpflichtet, in Deutschland zu arbeiten – z.T. aber auch  in Frankreich für die Organisation Todt (da vor allem Teilnahme am  Bau des sog. Atlantikwalls). Für junge Männer, die nicht für die Besatzungsmacht arbeiten wollten, die sogenannten „réfractaires“, bot sich der Untergrund, der maquis, als patriotische Alternative an.

Zur Bedeutung der Corrèze für den Widerstand trug auch die große strategische Bedeutung als wichtige Durchgangsstation für die Eisenbahn von Toulouse nach Paris und als Standort der Waffenproduktion bei. So waren denn auch das Eisenbahndepot von Brive la Gaillarde und die Waffenfabrik von Tulle besonders wichtige Ziele der Résistance. Bei solchen Sabotageaktionen gab es teilweise eine enge Kooperation mit den Alliierten bzw. mit den Vertretern  des Freien Frankreich in London. Die Zerstörung des großen Eisenbahndepots in Brive zum Beispiel wurde, wie ein Mitglied des Widerstands berichtet, vom englischen Geheimdienst lanciert. Mitte Februar 1944 habe er einen englischen Hauptmann  des I.S. (Intelligence service) getroffen, der ihm erklärt habe, die Invasion stehe bevor und dafür müssten  die wichtigen Transportwege der Wehrmacht zerstört werden. Der Eisenbahnknotenpunkt von Brive gehöre zu den strategischen Zielen.

Et il n’y va pas par quatre chemins pour dire: ‚Ou bien une unité armée opèrera un sabotage massif capable de paralyser longuement l’activité ferroviaire, ou bien il faudra décider un bombardement aérien. La première solution me paraît de beaucoup supérieure, car le bombardement comporte de gros risques pour la  population.“[10]

Den Einheiten der FTP werden auch Waffen und Sprengmaterial von den Alliierten zur Verfügung gestellt, die sie für diese Aktion benötigen: Eine sehr bemerkenswerte Kooperation zwischen dem kommunistischen Widerstand  und den Alliierten und eine ebenso bemerkenswerte, Menschleben schonende Alternative zu einem ansonsten angekündigten Bombardement der Stadt.[11]

Der französische Widerstand wurde –nicht nur in diesem Fall- von den Alliierten  mit Waffen versorgt.  Sie wurden –an Fallschirmen befestigt-  nachts aus großer Höhe abgeworfen,  landeten deshalb aber nicht immer an den vorgesehenen und der Résistance mitgeteilten Landeplätzen. Dann mussten sie auch über eine größere Entfernung dorthin transportiert werden, wo  sie einigermaßen sicher gelagert werden konnten, z.B. in der am Rand von Marcillac gelegenen Scheune der Familie Fieyre, in der große Stapel Holz gelagert waren, die sich als Versteck gut eigneten.

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 Es gibt dazu eine im Ort gerne erzählte Geschichte dazu:

Die  Résistance war wieder einmal informiert worden, dass von amerikanischen Flugzeugen Waffen abgeworfen würden. Die gingen in einiger Entfernung und in großen Mengen an Fallschirmen nieder, so dass die Männer des Widerstands ein Ochsengespann für den Transport organisierten,  ohne allerdings –verständlicher Weise- die Besitzer über den genauen Zweck der Aktion zu informieren. Die Waffen wurden dann auch gefunden und –einigermaßen getarnt- auf dem Gespann verstaut. Allerdings hatten inzwischen auch die deutschen Besatzungstruppen von dem Waffenabwurf erfahren und sich auf die Suche gemacht. Die Résistants brachten sich  also in Sicherheit und ließen ihr waffenbeladenes Ochsengespann im Wald zurück. Die guten Tiere kannten aber ihren Weg und fanden alleine zurück zu ihren  Besitzern. Die waren allerdings kaum stolz auf ihre Ochsen, sondern eher empört über die Männer des Widerstands, die sie in große Gefahr gebracht hatten: Denn hätten die deutschen Soldaten das Gespann entdeckt, wäre deren Besitzern ihre Ahnungslosigkeit kaum abgenommen worden…

Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle am 1./2. März 1944 

Eine Aktion der Résistants ist die Befreiung von Widerstandskämpfern, die im Winter 1943/1944 im Gefängnis von Tulle einsaßen. Lucien Fieyre -Deckname Séverin-, dessen Erinnerungstafel zu Beginn gezeigt wurde, bereitete diese Aktion genau vor. Zwei Wochen lang erkundete er das Gefängnis, seinen Grundriss und vor allem seine Zugänge, seine Besatzung   Ziel war es, eine Gruppe von Widerstandskämpfern, darunter drei wichtige F.T.P.- Verantwortliche, zu befreien, die vom Tod oder zumindest von der Deportation bedroht waren. Alles wird peinlichst genau vorbereitet. Zwei lange Leitern und Seile werden beschafft, ein alter ausgedienter Bus wird reaktiviert . „Comme il n’a pas roulé depuis trois ans, le mécanicien, Marcel Agnoux, le mettra en état et le conduira le jour ‚J‘“.  Dann gibt es aber noch „un point inquiétant: le chien-loup de la prison. S’il aboie, il faut le tuer pour ne pas  donner  l’alerte, mais comment? Maurice Chassagnard s’en occupera: d’une main un gros bifteck et de l’autre une hache bien aiguisée.“

Zunächst müssen die Angreifer über die hohe Gefängnismauer die zum Gefängnis führende Telefonleitung kappen und in den Innenhof gelangen:

„Par malheur, en levant la première échelle pour couper les fils téléphoniques, la ligne électrique est touchée et pendant quelques secondes un magnifique feu d’artifice illumine la prison et aussi les assaillants.“

Aber die Gefängniswärter bekommen von all dem nichts mit, und auch der Gefängnishund erweist sich bald  als ungefährlich:

„Pendant qu’il descend, Chassagnard  laisse malencontreusement tomber sa hache qui tinte au  sol de la cour. Le chien-loup s’approche sans aboyer en  trottinant et remuant la queue. A-t-il flairé  l’odeur du bifteck? On le lui donne volontiers et il aura la vie  sauve pour sa gentillesse.“

Die französische Besatzung des Gefängnisses ist also völlig überrascht und  Lucien Fieyre ist kaltblütig genug zu bluffen: Das ganze Gebäude sei  umstellt und vermint, ruft er den Bewachern zu – Widerstand sei zwecklos. Als Beweis könne er ihnen auch gerne sein Gewehr überlassen, er brauche das nämlich gar nicht. Da ergibt sich die Besatzung lieber der scheinbaren Übermacht und lässt sich widerstandslos in Gewahrsam nehmen. Die gefangenen Widerstandskämpfer werden freigelassen, während die „détenus de droit commun“ wieder in ihre Zellen zurück müssen. Insgesamt werden 20 Résistants befreit und mit dem Bus nach Clergoux in Sicherheit gebracht.  Dort warten auch schon drei Delegierte von „France libre“ aus London, die am Vortag mit dem Fallschirm angekommen waren…  Man singt die Internationale und die Marseillaise. „Nous pleurons de joie“.[12]

Bemerkenswert ist, wie schonend hier mit den Gefängniswärtern und den Polizisten umgegangen wird:  „Les armes sont confisquées, les policiers et les gardiens sont rapidement enfermés“.[13]

Das Gefängnis gibt es heute nicht mehr. An seiner Stelle wurde -wie schön!-  eine Schule errichtet, die école Turgot. Dort wird im März 2014 eine plaque commemorative angebracht, die an die Gefangenenbefreiung vom März 1944 erinnert. Dabei wird die besondere Rolle Lucien  Fieyres und der unblutige Verlauf der Aktion  besonders hervorgehoben.

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Inspiriert wurde die  Aktion von dem Chant des Partisans. Eine Strophe  des Liedes:

« C’est nous 
qui briserons 
les barreaux 
des prisons »

(La Montagne, 5.3.2014 und http://l-echo.info/article/11551/un-hommage-solennel-rendu-d-audacieux-r-sistants-ftpf)

Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Luciens Bruder, Marcel, kann sich erst im Januar 1943 dem Maquis Correzien anschließen, auch wenn er- wie auf der Gedenktafel zu lesen ist- ein Résistant der ersten Stunde war. Die Erklärung dieses Widerspruchs ist einfach – aber dahinter verbirgt sich eine abenteuerliche Geschichte, die leider nirgends so aufgezeichnet ist, wie sie es verdient hätte. Sie muss also aus Bruchstücken rekonstruiert werden:

Marcel war im Mai 1940 in Lille als französischer Soldat in deutsche  Kriegsgefangenschaft geraten und in ein Gefangenenlager in Schleswig-Holstein gebracht worden (PG- prisonnier de guerre No 66099).  Und  damit begann auch seine Tätigkeit als Résistant „der ersten Stunde.“

Aus seinen nach dem Krieg angefertigten Aufzeichnungen:

„J’insistais près de mes camarades sur les devoirs d’un prisonnier de guerre français qui, à l’exemple du Général de Gaulle, n’acceptait pas la défaite: Travailler le moins possible, saboter, s’évader…. Principes que je mis moi-même toujours en application.“

Die Selbstverpflichtung zur Sabotage setzt er auch gleich um:

„j’ai saboté successivement 3 botteleuses et fait disparaître une grande quantité d’outillage et d’instruments aratoires.“

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Portrait von Marcel Fieyre als Kriegsgefangener (Zeichnung eines Kameraden)

 Offenbar gab es einen regelmäßigen Postverkehr zwischen dem französischen Kriegsgefangenen und den Angehörigen in der Corrèze. Jedenfalls gibt es in den Unterlagen Marcel Fieyres mehrere Postquittungen von französischer und deutscher Seite.

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Marcel  unternimmt im August 1941  –offenbar mit einem Kameraden- einen ersten Ausbruchsversuch, der aber nach 4 Tagen und 120 km in Hamburg Altona endet. Dabei wird er, wie er seiner Mutter zu deren Beruhigung schreibt, von der Polizei gut behandelt. Man bietet den flüchtigen Kriegsgefangenen sogar Kaffee und Zigaretten an und ein verständnisvoller Schupo erzählt, er habe im Ersten  Weltkrieg drei Ausbruchsversuche unternommen:

„La police a été très gentille à notre égard et nous a offert café, cigarettes.  Un schupo (policier) nous a dit  qu’il s’était évadé 3 fois pendant la  dernière guerre. En général, les évadés sont très bien traités. Ne crains rien, pas de risque de coup de feu: nous ne risquons que d’être repris et renvoyés au camp“.

Dies schreibt er allerdings nicht für die offizielle Gefangenenpost, sondern (nur schwer zu entziffern) auf einem kleinen engst und beidseitig beschriebenen Zettel aus dünnem Papier , und er kündigt  auch gleich seinen nächsten Fluchtversuch an.

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Dabei nennt er den Kameraden aus St. Etienne, mit dem er fliehen will, mit Name und Adresse und bittet seine Mutter, Kontakt mit dessen Frau aufzunehmen. Außerdem gibt er ihr genaue Instruktionen, was sie ihm schicken und auf welche Weise sie ihm heimlich zurück schreiben soll:

Er benötige eine Uhr mit Leuchtziffern und einen Kompass, außerdem wenn möglich Schokolade. Briefe solle sie in eine Aspirin-Tube stecken und die dann auf dem Boden eines Honig- oder Buttergefäßes befestigen.

„Mon copain vous tiendra au courant  pour m’écrire clandestinement. Mettre les lettres dans un tube d’aspirine et ceux-ci dans un pot de miel ou beurre. Prevenir Mme Arnaud …. que son mari est avec moi et que nous nous évaderons ensemble – pas avant mars. L’espoir d’être bientôt près de vous nous fait vivre.“

Es ist schon außerordentlich, wie dieser so sensible Brief an die Mutter aus dem Gefangenenlager in Norddeutschland in die tiefste Corrèze gelangen konnte. Marcel musste sich ja ganz sicher sein, dass der Brief nicht in unbefugte Hände fallen würde. Die Folgen  wären für ihn und seinen  Kameraden sicherlich verheerend gewesen.

Nach seiner Wiedereinlieferung in ein Gefangenenlager in Schleswig wird er allerdings durchaus bestraft- er spricht in seinen Aufzeichnungen von einer „cellule“ und einer „diète forcée“. „Considérablement affaibli“ wird er der Werkstatt des Lagers  (cordonnerie, Schuhmacherei) zugeteilt.

„Je rassemblai là une documentation sérieuse sur les possibilités d’évasions qui s’offraient à un prisonnier. Avec la complicité d’un interprète… je pus interroger tous les évadés malchanceux et obtenir d’eux une foule de renseignements. Ma baraque fut vite l’office de renseignements pour évasion et pour distribution de  chaussures aux évadés.“

Nach einer Denunziation und einem erneuten Ausbruchsversuch wird er dem Arbeitskommando 2015 auf einem abgelegenen Bauernhof in Schleswig-Holstein zugeteilt (Boel/Schleswig). Möglicherweise will man so einen potentiellen Rädelsführer und Unruhestifter isolieren und einen erneuten Fluchtversuch unmöglich machen. Die Bauern  waren offenbar umgängliche Leute: Dass Marcel sich heimlich im Hühnerstall an den Eiern gütlich tut, bemerken sie und weisen ihn aber lediglich darauf hin, möglichst –auch im eigenen Interesse-  das Porzellanei auszusparen.

Auch in dieser Zeit gibt es regelmäßigen, offiziellen Postverkehr zwischen dem  Kriegsgefangenen und den Angehörigen, der jetzt offenbar über die Adresse des Bauern abgewickelt wird, dem er zugewiesen ist.

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In dieser Zeit nun lernt Marcel, wie auch immer,  den Schneider Peter Schmidt kennen. Der ist überzeugter Hitler-Gegner und stellt dem Kriegsgefangen sein Radio und sein Haus zur Verfügung:

„Ayant  appris l’allemand, je fis la  connaissance d’un démocrate allemand qui farouchement anti-nazi mis sont poste de radio et sa maison à ma disposition.“

Von der ersten Begegnung mit Peter Schmidt hat Marcel später oft erzählt: Wie erschrocken er  gewesen sei, als er beim ersten Besuch im Flur eine SS-Uniform  gesehen habe. Die habe dem Sohn der zweiten Frau von Peter Schmidt gehört, der gerade zu Besuch gewesen sei. Aber die Frau habe ihn beruhigt: Der Sohn würde bald wieder gehen, und  es bestehe keine Gefahr für ihn.

Peter Schmidt und seine Frau – und nun wird die Geschichte völlig abenteuerlich, ja geradezu  märchenhaft-  unterstützen den französischen Kriegsgefangenen bei einem erneuten  Fluchtversuch: Er wird –es ist tiefer Winter- mit einem Mantel  ausgestattet, der ihn eher als Gestapo-Mitglied denn als flüchtigen Kriegsgefangenen erscheinen lässt.  Er erhält Geld, und zwar offenbar so viel, dass er sich die notwendigen Fahrkarten und Verpflegung kaufen kann. Marcel hat inzwischen so viel Deutsch gelernt, dass er sein jeweiliges Reiseziel nennen und auf die Frage  „hin und zurück?“ –aus Tarnungsgründen- grundsätzlich mit einem überzeugenden „Ja!“ antworten kann. Frau Schmidt beobachtet aus der Ferne, wie Marcel in den Zug einsteigt und der Freiheit entgegenfährt. Und tatsächlich gelingt die abenteuerliche Flucht:

„Le 17/12/42 je m’évadai du petit village de Boel près de Suderbrarup (Schleswig) et le 15 Janvier 1943 j’entrai dans le Maquis Corrézien.“

Einen Monat lang war Marcel also auf der Flucht. Wie kann man sich das vorstellen? Wie war sein Fluchtweg? Der Familie hat er  erzählt, er sei über Mannheim gekommen. Aber wie kam er dorthin und wie ging es weiter? Wie viele Tage hat die Flucht in Deutschland gedauert? Hat er vielleicht gleich eine Fahrkarte  nach Saarbrücken oder Straßburg gekauft? Doch eher unwahrscheinlich.  Wo hat er übernachtet? In Hotels oder anderen „offiziellen“ Unterkünften kann das ja nicht gewesen sein. Draußen im Freien?  Mitten im Winter….  Wie hat er es geschafft, sich neue Fahrkarten zu kaufen ohne aufzufallen? – so perfekt war sein Deutsch ja ganz und gar nicht, auch wenn er sich in sein Gefangenenlager eine deutsche Grammatik hatte schicken lassen? Ist er nie bei Fahrkartenkontrollen aufgefallen oder bei möglichen Gesprächsangeboten von Mitreisenden? Oder beim Einkauf von Proviant? Wovon hat er während der Flucht gelebt? Supermärkte, in denen man gewissermaßen sprachlos sich hätte versorgen können, gab es noch nicht…  Viele Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, aber dafür ist es jetzt zu spät. Marcel Fieyre ist 1988 gestorben. Die  „Medaille des évadés“ hat er sich jedenfalls reichlich verdient.

Über eine wichtige Information zur Flucht verfügen wir immerhin. Es gibt einen handschriftlichen Brief von Marcel Fieyre aus dem Jahr 1985 an einen ehemaligen Résistant, der sich bemüht, diejenigen Menschen zu würdigen, die Flüchtlingen geholfen haben, die deutsch-französische Grenze zu passieren. In diesem Brief nennt er die Namen seiner „passeurs“: z.B. den Friseur, Monsieur Jalabert aus Thionville, der ihn –ohne ihn zu kennen- weitervermittelt habe an Monsieur Fliss, der ihn zu einem Hotel gegenüber der deutschen Kommandantur gebracht habe, wo er ohne Personenkontrolle übernachten konnte- das  war am 23. 12. 1942. Am 24. 12. fuhr er mit dem Zug nach Ancy-sur-Moselle. Dort wurde er von einem weiteren „passeur“ abgeholt und  zur Grenze gebracht, die er am 24.12 überquerte. Mit Bedacht hatte er den Weihnachtsabend als Datum gewählt, weil da die Chancen für einen unerkannten Grenzübertritt am größten waren.

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Marcel Fieyre auf der Flucht (Foto nach glücklicher Ankunft in der Corrèze)

Als Marcel schließlich in seinem Heimatort angekommen war, war die Freude der Familie natürlich riesengroß. Als er den Bürgermeister trifft, fragt der ihn allerdings, warum er denn nicht beim S.T.O. sei. Wenn die Deutschen kämen, würde er ihn melden, also denunzieren. Die Antwort Marcels, die er gerne seiner Familie weitergab: „Tun Sie, was Sie meinen tun zu müssen. Aber wenn wir gesiegt haben, dann werde ich wieder zu Ihnen kommen….“ (Bemerkenswert übrigens, dass der Bürgermeister die drei in seiner Gemeinde aufgenommenen jüdischen  Kinder  nicht verrät!)

Marcel schließt sich also dem Maquis an, in dem schon sein Bruder aktiv ist. Als Deckname wählt er –eine hommage an Romain Rolland- den Namen „Jean Christophe“.  Allerdings ist Marcel eher selten  in der Corrèze: Er wird beauftragt, Kontakt mit Organisationen des Widerstands in Paris aufzunehmen und ein Netz zur Rekrutierung von Freiwilligen und von „réfractaires au S.T.O“ aufzubauen. Es werden auch Kontakte mit Kriegsgefangenen geknüpft, denen die Flucht  aus deutschen Gefangenenlagern geglückt war.[14] Einer davon ist der russische Offizier und Chirurg Yvan Boguinski, der von Marcel in die Corrèze gebracht wird. Dort  (in Gros Chastang) war im März 1944 in einer von Marcels Bruder Lucien „requirierten“ leer stehenden Villa ein „Untergrund-Krankenhaus“ mit 40 Betten  eingerichtet worden.

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Dort praktiziert Boguinski zusammen mit einem rumänischen  jüdischen  Arzt und einem Arzt aus Brive mit teilweise primitivsten Mittel, allerdings dann auch mit medizinischem Material, das von englischen Flugzeugen abgeworfen worden war. In der Klinik werden –auch mit Hilfe eines deutschen Arztes- verletzte Mitglieder des Widerstandes untergebracht, die sonst womöglich Repressalien der Division „Das Reich“ zum Opfer gefallen wären.

Im Frühjahr 2016 –also 72 Jahre später- wird an der Scheune des Hauses eine plaque commemorative angebracht.[15]

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Nach dem Krieg absolvierte Marcel Fieyre eine  Lehrerausbildung und wurde dann in St. Etienne Lehrer. Man kann sich gut vorstellen, dass er gerade in der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen eine gute Figur machte. Mit seiner Lebenserfahrung, seinem Engagement und seiner Führungsstärke war er ganz offensichtlich ein gutes Vorbild für Jugendliche, die Schwierigkeiten hatten, ihren Weg zu finden.

Anfang der 1960-er Jahre hat Marcel Fieyre mit seiner 13-jährigen Tochter Marie-Christine den damals schon über 80-jährigen Peter Schmidt, inzwischen Witwer, in Schleswig-Holstein besucht. Danach ist aber die Verbindung zu dem Fluchthelfer abgerissen. Auch da bleiben viele Fragen offen: Wusste dessen Familie von seinem Engagement? Vielleicht auch Nachbarn?  Wie haben die Nazi-Behörden auf die Flucht reagiert? Haben sie Verdacht geschöpft? In der Familie Marcels kursierte jedenfalls die Nachricht, Frau Schmidt sei auf grauenhafte Weise von den Nazis umgebracht worden: Sie sei eingegraben worden und man habe Hunde auf sie gehetzt. Aber das ist offensichtlich falsch – immerhin fand sich in den Unterlagen Marcel Fieyres  –merkwürdiger Weise- ein 1952 ausgestellter Personalausweis von Anna Schmidt…

2001 wurde am Eingang des Hauses in Marcillac, in dem Lucien und Marcel Fieyre wohnten, die  Erinnerungstafel angebracht und feierlich eingeweiht, die zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde.

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Bei dieser Gelegenheit hat unsere  Freundin Marie-Christine eine kleine Rede gehalten, aus der ich einige Sätze zitieren  möchte:

Une pensée pour mon père, Marcel, Jean-Christophe dans la Résistance. Nous sommes fiers qu’il ait combattu le camp de la collaboration et que la victoire sur le fascisme ait été pour lui une question  de vie ou de mort. Nous sommes fiers que les souffrances qu’il avait endurées lui-même et vu endurer par tant d’autres, en captivité et dans le maquis, ne l’aient pas conduit à  enseigner la haine à  ses enfants.  

Je n’ai pas oublié le jour où nous sommes partis pour le nord de l’Allemagne, dans le Schleswig-Holstein, rendre visite à un vieux monsieur. Un vieux monsieur qui en 1942 avait risqué sa vie pour l’aider à  s’évader. Tailleur de profession, il lui avait confectionné un costume, lui avait appris les mots nécessaires pour acheter un billet de train et l’avait conduit à la gare. Cette rencontre émouvante n’est pas étrangère à l’envie que j’ai eue par la  suite  d’apprendre la  langue  allemande, et de l’enseigner avec passion.“

So haben wir übrigens auch Marie-Christine  kennenglernt: Sie machte einen Austausch mit einem deutschen Kollegen und unterrichtete ein Jahr lang an dem Frankfurter Gymnasium, an dem ich damals Lehrer war. Das war zu Beginn der 1980-er Jahre, politisch bewegte  Zeiten: Gemeinsam nahmen  wir an  einer der größten Demonstrationen teil, die es jemals in Deutschland gab – gegen die sogenannte  Nachrüstung, die Aufstellung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik. Eine Gruppe von Kollegen meiner Schule hatte einen Bus gechartert, um gemeinsam nach Bonn zu fahren….

Seitdem kennen wir uns. Und ohne Marie-Christines Unterstützung wäre wohl nichts aus unseren Paris-Plänen geworden: Sie  stellte uns für einen Monat ihre Wohnung in Paris zur Verfügung,  so dass wir über Telefon und Internetanschluss verfügten und uns in Ruhe auf die Suche machen konnten. Am vorletzten Tag hat es dann geklappt…..

Anmerkungen

[1] Siehe dazu die Beiträge auf diesem Blog über Verdun und Normandie, Teil 1:  die allgegenwärtige Vergangenheit auf diesem Blog (jeweils unter den Rubriken Geschichte und Frankreich)

[2] „Marcillac ravive la mémoire“, „L’hommage de trois enfants au village qui les a protégés pendant la guerre. Un acte  de transmission. In: La Montagne, Tulle, 15.7.2005, S. 1 und 2

[3] Aus einer von der Mairie de Clergoux herausgegebenen Broschüre

[4] Maquis de Corrèze, S. 242. In der Unterlagen von Marcel Fieyre findet sich auch eine Denunziation mehrerer Personen der Ortschaft Eyrein vom 7. Oktober 1943:

„Une bande de terroristes est en formation dans les bois de la Gadie….. (des voyous, des bandits et même on peut dire des assassins), où ceux-ci dans la nuit du 4  au 5 octobre ont avec barbarie et sauvagerie attaqué plusieurs maisons dont particulièrement une où il n’y a que trois femmes où celles-ci ont subits les plus mauvais traitements de sauvagerie et de vol. Nous demandons messieurs de vouloir faire votre effort pour que  cette bande qui fait tant de mal…. soit punie sévèrement.“  Dann werden einzelne Personen namentlich genannt und das, was ihnen zugeschrieben wird: „poseur de tractes“, „aide ravitaillement“, „chercheur de munitions“, „voleur d’essence“, „tout à fait contre Messieurs les Allemands“….  Abschließend wird noch einmal die Bestrafung der „Bande“ gefordert: „Nous demandons que cette bande soit punie et traitée de la façon dont ils ont traité de bons français et des françaises qui font leur devoir honnête. Ces êtres bandits ont  promis la mort à ceux qui les dénoncent.“

[5] Jean-Loup Lemaitre und Michelle et Stéphane Vallière: Corrèze, 100 lieux pour les curieux. Paris 2010, S. 38/39

[6]  150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 160/161 und 206

[7] Maquis de Corrèze, S. 342 Die AS hatte bei der Aktion die Aufgabe, Tulle nach außen hin abzusichern.

[8] Ville de Tulle: Tulle, Resistante et Martyre. Chemin de Mémoire. Es gibt unterschiedliche Darstellungen, was genau und im Einzelnen den schrecklichen Taten der Division „Das Reich“ vorausging.   Darauf einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen – und ein intensiveres Literatur- und Quellenstudium voraussetzen.

[9] http://peupleetculture.fr/Site/niveau1/juin44.htm

Entsprechend auch Fabrice Grenard in seinem Buch: Tulle, Enquête sur un massacre. 9 juin 1944. Paris 1944: http://historicoblog3.blogspot.fr/2015/02/fabrice-grenard-tulle-enquete-sur-un.html

[11]  Umso fraglicher ist deshalb für mich, warum z.B. St Lô in der Normandie durch alliierte Bombardements völlig zerstört wurde:  War da die Einschaltung der Résistance nicht erwünscht oder möglich? Siehe dazu den Beitrag: Normandie, Teil 2: Schattenseiten der Vergangenheit  auf diesem  Blog

[12]  L’attaque de  la prison de Tulle. In: 150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 198-204

[13] Macquis de Corrèze, S.203

[14] In einem nach dem Krieg erhobenen Personalfragebogen (Fiche individuelle de officier) finden sich im Abschnitt „Action das la clandestinité“ u.a. folgende Angaben: „organisation et ravitaillement des  premier groupes clandestins du plateau corrèziens. Liaisons avec Paris: organisation du recrutement à Paris, aide aux évadés et aux emprisonnés. Transport des prisonniers évadés….“

[15] „L’hôpital des FTP recconnu 72 ans après“.  Zeitungsbericht Le Montagne 2016

Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune

Der Friedhof Père-Lachaise  ist auf dreifache Weise ein ganz besonderer Erinnerungsort an den „Bürgerkrieg in Frankreich“, die  Pariser Commune von 1871[1]:

  • Hier fanden am Ende der semaine sanglante die letzten Gefechte statt zwischen den fédérés, also den Kämpfern der Commune,  und den Regierungstruppen, den Versaillais.
  • An der mur des fédérés wurden die letzten überlebenden Kämpfer der Commune erschossen und weitere Aufständische verscharrt
  • Und schließlich gibt es auf dem Père -Lachaise zahlreiche Gräber von Kommunarden oder von Personen, deren Leben und Werk bedeutsam für die Commune waren.

In dem nachfolgenden Text sollen einige dieser Erinnerungsorte vorgestellt und Anregungen zu einem historisch orientierten Spaziergang über den Friedhof  gegeben werden. Nirgendwo sonst  ist in dieser Dichte und Intensität ein wichtiges Kapitel der – nicht nur- französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts erfahrbar. Der Spaziergang weicht etwas von der Route ab, die von der Mairie de Paris vorgeschlagen  wird. Er ist deutlich konzentrierter- er umfasst 11 „Stationen“ innerhalb des Friedhofs statt 35, aber zu diesen 11 Stationen gehören auch zwei, die auf der Commune-Karte der Mairie nicht berücksichtigt sind: Dies sind eindrucksvolle Zeugen des Triumphs der Gegenrevolution, die meines Erachtens unbedingt auch zu einem Commune-Rundgang gehören: Die Commune ist bis heute eine eher unbekannte und umstrittene Phase der französischen Geschichte. Nicht zuletzt soll der Rundgang auch einen Eindruck von der Größe, Vielfalt und Schönheit des Père-Lachaise vermitteln. Empfehlenswert ist es, sich den von der Mairie de Paris herausgegebenen Plan des Père-Lachaise als „haut lieu de la Commune de Paris“ auszudrucken: Er ist eine gute Grundlage für die Orientierung.

https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

 

Prolog:  Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Übersicht des Spaziergangs:

  1. Jules Vallès, der Autor des Insurgé
  2. Charles Delescluze und der Ort der letzten Kämpfe der Commune
  3. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort
  4. Auguste Blanqui (mit einem Exkurs über Jules Dalou, den Schöpfer der Grabmäler von Noir und Blanqui)
  5. Eugène Pottier, der Autor der „Internationale“
  6. Die Mauer der erschossenen Communarden (le mur des fédérées) und die Gräber von
  • Jean-Baptiste Clément, Autor der Commune-Hymne „Le Temps des Cérises“
  • Valéry Wrobleswsky, Verteidiger der Buttes aux Cailles
  • Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx und Autor von „Das Recht auf Faulheit“
  1. Das Mausoleum von Adolphe Thiers, monumentaler Ausdruck des Triumphs der Gegenrevolution
  2. Das Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas mit der zertretenen Schlange der Commune

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen Friedhofsmauer und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ de Maximilien Luce im Musée d’Orsay

 

 

Prolog: Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Wie kam es dazu, dass gerade auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfe  in der semaine sanglante stattfanden? Der Pariser Osten war eine Hochburg der Commune – wie auch schon aller anderen vorausgegangenen Revolutionen. Und das 11. Arrondissement, an das der Père-Lachaise angrenzt, tat sich auch in der Commune besonders hervor: Am 6. April 1871 beispielsweise verbrannten Nationalgardisten an der Place Voltaire in einem demonstrativen Akt vor einer Büste Voltaires zwei  Guillotinen aus dem nahe gelegenen Gefängnis de la Roquette, um damit gegen die Todesstrafe zu demonstrieren.[2] Und nachdem die Communarden das Hôtel de Ville im Zentrum von Paris aufgegeben und in Brand gesteckt hatten, richteten sie  am 24. Mai  in der Mairie des 11. Arrondissements an der Place Voltaire ihr letztes Hauptquartier ein, „ultime cellule de la Commune agonissante.“ (Bourgin).

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Genau 140 Jahre später fand hier – in der Eingangshalle des Rathauses-  eine Feierstunde statt, in der eine Gedenktafel enthüllt wurde: „Nachdem die Commune de Paris das Hôtel de Ville verlassen hatte, tagte sie vom 24. bis zum 26. in diesem Rathaus, von wo aus sie den Widerstand gegen die Versailler Truppen während der letzten Kämpfe der ‚blutigen Woche‘ organisierte“.

Im 11. Arrondissement gab es auch eine der letzten Barrikaden der Commune – es war auch die letzte   der vielen Barrikaden, die im Laufe der vier französischen Revolutionen des „langen 19. Jahrhunderts“ auf dem Faubourg-St-Antoine errichtet wurden. Sie stand an der Einmündung der Rue de Charonne und sollte im Mai 1871  den Vormarsch der Versailler Regierungstruppen in die Rückzugsgebiete der Commune in den östlichen Arbeiter- und Handwerkervierteln verhindern.

Download Barricade Rue de Charonne

Bei der Verteidigung dieser  Barrikade wurde am 25. Mai der aus Ungarn stammende Leo Fränkel, der –u.a. Vertreter der deutschen Sektion der Internationale in Paris und ein führender Vertreter der Commune war, verletzt. Als „Arbeitsminister“ der Commune  hatte Fränkel unter anderem das Nachtarbeitsverbot erlassen. Gerettet wurde er von Elisabeth Dmitrieff, einer russischen Sozialistin und Feministin, die von Karl Marx nach Paris entsandt worden war und dort während der Commune die „Union des Femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés“ gründete. Fränkel und Dmitrieff: Zwei grandiose Gestalten der internationalen Arbeiterbewegung mit abenteuerlichen Lebenswegen, wie sie ein Romanschriftsteller nicht besser hätte erfinden können. An  diese Barrikade an dem Faubourg-St-Antoine erinnert aber immer noch keine Gedenktafel.

Ganz versteckt ist auch ein faszinierendes Relikt der Commune, das Kommunarden bei ihren Rückzugsgefechten auf dem Weg in den Faubourg-St-Antoine und zum Père-Lachaise hinterlassen haben: Es befindet sich in der Jesuitenkirche St. Paul in der Rue St. Antoine (Métro St. Paul). Dort hatten sich offenbar einige Kommunarden in der semaine sanglante verschanzt und in hoffnungsloser Situation in einen Pfleiler der Kirche (1. Pfeiler vom Eingang aus rechts) die Parole „République Française ou la Mort“ geritzt. (Obwohl der Klerus später versucht hat, diese Spur der verteufelten Commune zu beseitigen, ist ihm das –wie man sieht- glücklicherweise nicht ganz gelungen).

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Das Graffiti zeugt von der äußersten Entschlossenheit der Communarden und lässt etwas von der extremen, ja verzweifelten Situation ahnen, in denen sie sich angesichts der Übermacht der anrückenden Versailler Truppen befanden. Für mich ist dies einer der intensivsten Erinnerungsorte der Pariser Commune außerhalb des Père-Lachaise, dem wir uns nun zuwenden.

Der Rundgang:

Der vorgeschlagene Rundgang beginnt an der Porte des Amandiers an der südwestlichen Ecke des Friedhofs, direkt an der Métro-Station Père-Lachaise (Linie 2)

  1. Das Grab von Jules Vallès

Zunächst geht es zum Grab von Jules Vallès. Er war ein führendes Mitglied der Commune, Journalist und Schriftsteller, engagierte sich besonders für eine Erziehungsreform, war Herausgeber der Zeitschrift „Le Cri du peuple“, entschiedener Vertreter der Pressefreiheit,  und er hat in dem autobiographisch gefärbten Roman „L’insurgé“ der Commune ein literarisches Denkmal gesetzt.

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 1885 starb er, nach langem Exil,  in Paris und wurde, von tausenden Menschen begleitet,  auf den Père- Lachaise gebracht und dort bestattet. Als am Grab deutsche Sozialisten einen Kranz niederlegten, kam es zu vereinzelten deutschfeindlichen Reaktionen, die aber schnell mit Sprechchören zur internationalen Solidarität beendet wurden.

Verehrer hat Vallès jedenfalls noch bis heute….

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2016 startete die Mairie  des 11. Arrondissements eine Aktion, den Menschen/Männern, nach denen Straßen  des Arrondissements  benannt sind, ein  Gesicht zu geben. So auch Jules Vallès, dessen  Protrait am Square R. Nordling -vor der Kirche Ste Marguerite – in der Nähe „seiner“ Straße- ausgestellt wurde. Schade allerdings, dass  nicht über ihn mitgeteilt wurde: So hat er für die  Menschen  den Viertels zwar ein Gesicht erhalten, aber leider bleibt er damit wohl für die meisten ein  Unbekannter….

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(66. Division an der Avenue des Peupliers. Nummer 2 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris).

  1. Das Grab von Charles Delescluze und die letzten Kämpfe der Commune (49. Division)

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune, deren „Kriegsminister“ er in den letzten  Maiwochen  war. Als solcher beantragte er,  alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug die öffentlichen Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm[3] u.a. ) in Brand zu setzen. Am 25. Mai suchte er den Tod auf einer Barrikade an der place Château d’Eau, weil er, wie er in einem letzten Brief an seine  Schwester schrieb,  unter keinen Umständen „der siegreichen Reaktion als Opfer oder Spielzeug dienen“ wollte:     « Ma bonne sœur. Je ne puis ni ne veux servir de victime et de jouet à la réaction victorieuse… Mais je ne me sens pas le courage de subir une nouvelle défaite après tant d’autres. »  [4] 

Sein Leichnam wurde einen Tag später von den siegreichen Versaillais gefunden und in Montmartre in einem Massengrab verscharrt. Es sollte verhindert werden, dass das Grab von Delescluze zu einer Gedenkstätte oder gar einem Wallfahrtsort werden könnte. 1883 wurde sein Leichnam dann in dem Massengrab identifiziert und  in den Père Lachaise überführt.

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An der Spitze der Grabstele befinden sich -kaum noch identifizierbar- Auszüge aus dem schon zitierten Brief an seine -hier ebenfalls bestattete Schwester Azema, den Delescluze am Vorabend seines selbstgewählten Todes schrieb.

Die Inschrift auf der Grabstelle ist kaum noch entzifferbar, was das offizielle Bulletin municipal der Stadt Paris schon 1913 bemerkte. Sie lautet:

A la mémoire de Charles Delescluze, Commissaire général de la République, 1848 ; Rédacteur en chef du Réveil en 1868 ; Député de Paris à l’Assemblée nationale, 8 février 1871 et de sa sœur Azéma, décédée le 31 oct. 1876, leurs amis.

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Bemerkenswert ist hier, dass die Rolle Delescluzes während der Cummune nicht berücksichtigt ist:  Das ist auch kaum anders zu erwarten, denn als das Grabmal errichtet wurde, war die Commune immer noch geächtet.  Heute gehört sie zwar zum weithin anerkannten historischen Erbe und sie wurde ja auch anlässlich ihres 150. Jahrestags entsprechend gefeiert (siehe den Blogbeitrag zur Commune-Ausstellung „Nous la Commune“ 2021), aber auch dort hat man sich schwer getan, die problematischen Seiten der Commune offen zu thematisieren.

Bezeichnend ist ja auch, dass die Rolle Delescluzes bei der in der Commune umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt ist. Ein zusätzlicher Hinweis  darauf, wie delikat auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.

(49. Division,  Nr. 6 auf dem Commune- Plan der Mairie  de Paris)

In diesem Bereich des Père Lachaise fanden am 28. Mai 1871 die letzten Kämpfe der semaine sanglante statt. Einschüsse von Kugeln sind noch auf dem Sockel des  Grabes von Charles Nodier zu sehen, das etwas oberhalb und gegenüber dem Grab  von Honoré de Balzac liegt.

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Der Zeitzeuge Prosper Lissagaray schreibt zu den lezten Kämpfen:

„Seit 4 Uhr Nachmittags belagern  die Versailler den Père la Chaise.  Derselbe enthält nur zweihundert Föderierte, entsclossene Leute, aber ohne Disciplin, ohne Umsicht; die Officiere hatten sie nicht dazu bringen können, Schießscharten in die Mauer zu machen. Fünftausend Versailler greifen die Enceinte zugleich von allen Seiten an, während die Artillerie  von der Bastion das Innere durchwühlt. Die Geschütze der Commune haben seit Nachmittg beinah keine Munition mehr. (…) Jetzt beginnt ein verzweifelter Kampf. Hinter den Gräbern  gedeckt, vertheidigen  die Föderierten Schritt für Schritt ihren Zufluchtsort. Man  kämpft grauenvoll Mann an Mann. In den Grüften finden  Gefechte mit blanken Waffen statt. Freund und Feind rollt sterbend in dieselben Gräber. Die früh einbrechende Dunkelheit macht dem Verzweiflungskampf ein Ende.“[5]

Mit dieser letzten Schlacht „des Volks von Paris“ gegen  die von Thiers kommandierten Versailler Truppen wird der Père-Lachaise, wie es auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris heißt, „ein Symbol des Kampfs und des Opfers der Kommunarden.“

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Kampf der Fédérés  und der Versaillais auf dem Pére-Lachaise. Gravur von Amédée Daudenarde.      Veröffentlicht in „Le Monde illustré“ vom 24. Juni 1871

 Ein eindrucksvolles Panorama dieser Kämpfe von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux ist  im Musée d’art et d’histoire de Saint-Denis zu sehen.

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 Gemalt ist es aus der Perspektive der Föderierten, die trotz ihrer verzweifelten Lage noch die rote Fahne hochhalten. Geschwenkt wird die Fahne übrigens von einer Frau. Eine weitere Frau im Vordergrund versorgt einen Verletzten: Hinweise auf die wichtige Rolle der Frauen in der Commune.  Im Hintergrund sieht man die Stadt Paris mit der Kuppel des Pantheons und den Türmen von Notre Dame. Die Rauchsäulen markieren wohl die Gebäude, die von den Kommunarden auf ihrem Rückzug in Brand gesteckt wurden. Allerdings ist damit nicht- wie bei vielen anderen Darstellungen der 1870-er Jahre- eine Anklage der Commune verbunden, sondern es wird dadurch –wie durch die Rauchwolken der einschlagenden Granaten- die  Heftigkeit der Kämpfe illustriert.  Bei diesem Bild handelt es sich gewissermaßen um eine Antwort auf den Schriftsteller Alphonse  Daudet. Der hatte 1871 eine Geschichte mit dem Titel „La bataille du Père-Lachaise“ veröffentlicht. Auf der ausgezeichneten und höchst empfehlenswerten Internet-Seite „L’histoire par l’image“ findet sich dazu folgende Erläuterung:

Par le truchement du gardien du cimetière, l’écrivain présente son récit comme une démythification : « ― Une bataille ici ? Mais il n’y a jamais eu de bataille. C’est une invention des journaux. » En niant la bataille, le témoin-narrateur nie l’existence de combattants : face aux troupes régulières de Versailles, il n’y aurait eu dans le cimetière qu’un « ramassis » sacrilège d’ivrognes et de femmes de mauvaise vie faisant bombance au milieu des tombes. Avec cette œuvre, Philippoteaux semble contredire les allégations de l’écrivain anticommunard.“[6]

 

  1. Grab von Louis-Auguste Blanqui

Blanqui war ein Theoretiker der sozialistischen Revolution und ein praktischer Revolutionär. Seit der Revolution von 1830 war er eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung.  Fast die Hälfte seines Lebens, insgesamt 37 Jahre!- verbrachte er wegen „revolutionärer Umtriebe“ in Gefängnissen. Am spektakulärsten war seine Haft in den „cachots noirs“ auf dem Mont –Saint- Michel, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene diente. Verantwortlich dafür war übrigens Adolphe Thiers, von dem später noch die Rede sein  wird. Er hatte, als Staatssekretär während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe eine neue Form der Strafe eingeführt, nämlich die Festungshaft. Und eine dieser Festungen war der Mont-Saint-Michel.

Die Haftbedingungen dort –Dunkel- und Einzelhaft, Nahrungsentzug- waren derart katastrophal, dass sich sogar eine Kommission der Nationalversammlung damit beschäftigte. Berichterstatter war übrigens Alexis de Tocqueville. Blanqui unternahm mit seinem Mitgefangenen Armand Barbès einen Fluchtversuch, der aber scheiterte.[7]

Ein  erneuter Aufstandsversuch am 31. Oktober 1870, bei dem kurzzeitig das Hôtel de Ville von Paris besetzt wird  –Vorbote der Commune- scheitert. Blanqui kann untertauchen und wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 17. März 1871 wird er auf Betreiben von Adolphe Thiers verhaftet, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte. Thiers war sich (darin übrigens in voller Übereinstimmung mit Karl Marx) der Bedeutung Blanquis für die sozialen Bewegungen in Frankreich und für den Widerstand der Commune bewusst. Deshalb weigerte er sich, auf das Angebot der Commune einzugehen, die von ihr festgehaltenen Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, freizulassen, wenn im Gegenzug Blanqui freigelassen werde.  Thiers‘ Sekretär kommentierte das zynisch: „Die Geiseln! Pech für sie! Les otages ! Les otages, tant pis pour eux !».   So werden am 24. Mai in dem Gefängnis La Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter Erzbischof Darboy, erschossen.[8]

1879 fällt Blanqui unter die Generalamnestie und kehrt nach Paris zurück. Dort gibt er seine Zeitschrift „Ni Dieu ni maître“ heraus. 1881 stirbt er und wird auf dem Père-Lachaise beigesetzt. 100 000 Menschen sollen an seiner Beerdigung teilgenommen haben.

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(91. Division, Nr. 14 auf dem Commune Plan der Mairie de Paris)

Jules Dalou, der große republikanische Bildhauer, erhält nach einer öffentlichen Subskription den Auftrag für die Gestaltung des Grabmals. Er stellte Blanqui auf dem  Totenbett liegend dar, sein Kopf ist nach der  Totenmaske modelliert. „Tout comme pour le gisant de Victor Noir, Dalou a doté Blanqui d’une virilité „généreuse et polie“, source de commentaires infinie.“[9] Zu einem Wallfahrtsort –entsprechend dem Grab von Victor Noir- ist die Grabstätte von Blanqui allerdings nicht geworden. Vielleicht liegt es an dem weniger zugänglichen Platz in einem Seitenweg des Friedhof und an dem Podest, auf dem Blanqui aufgebahrt ist, so dass die entsprechenden anatomischen Besonderheiten weniger ins Auge fallen. Umso deutlicher dafür allerdings die Hand Blanquis- vielleicht ein Hinweis auf die vielen Schriften des Revolutionärs und Theoretikers.

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Exkurs: Dalou, der große republikanische Bildhauer und Schöpfer der Grabmäler von Victor Noir und Blanqui

Bevor es weiter geht zum Grab von Louis-Auguste Blanqui ein paar Worte zu Jules Dalou, dem Schöpfer der beiden Grabmäler von Victor Noir und Blanqui. Dies erscheint auch deshalb angebracht, weil es sich um zwei der bedeutendsten Kunstwerke auf dem Père-Lachaise handelt und weil der Name Dalou untrennbar verbunden ist mit der Pariser Commune und dem Stadtbild von Paris – immerhin hat Dalou u.a. auch die repräsentative Figurengruppe – Der Triumph der Republik– auf der Place de la Nation geschaffen.

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Auguste Rodin : Büste von Jules Dalou (im Musée Rodin in Paris und im Musée de la  piscine in Roubaix)

Dalou war am Vorabend des deutsch-französischen Krieges ein junger, aufstrebender Bildhauer. Von ihm war schon einmal auf diesem Blog die Rede, und zwar in dem Beitrag über das Hôtel Païva, das deutsch-französische Märchenschloss auf den Champs-Élysées, zu dessen Skulpturenschmuck auch Dalou beitrug (Rubrik Stadtviertel Paris, 8. Arrondissement). 1871 wurde Dalou vom « Kultusminister » der Commune, Gustave Courbet, beauftragt, als « administrateur provisoire adjoint » das Louvre vor einem eventuellen Vandalismus zu schützen. Obwohl es sich dabei um eine noble Aufgabe im Sinne des Gemeinwohls handelte, wird Dalou nach der Niederschlagung der Commune bedroht und ins Exil gezwungen. 1874 verurteilt ihn ein Kriegsgericht in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit. Erst 1879 – im Zuge einer allgemeinen Amnestie-  kann Dalou aus Großbritannien, das ihm Asyl gewährt hatte, nach Frankreich zurückkehren. Sein Wettbewerbsbeitrag für eine monumentale Statue auf der Place de la République wird zwar zurückgewiesen, aber von der Stadtverwaltung für die Place de la Nation ausgewählt, wo sie heute steht. Dalou erhält nun weitere bedeutsame Aufträge, unter anderem für die beiden « politischen Grabmäler »  von Victor Noir und Blanqui auf dem Père-Lachaise. 1902 stirbt Dalou, er ist auf dem  Friedhof Montparnasse begraben.

  1. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort

Victor Noir war kein Communarde, konnte es auch nicht sein, denn er wurde schon vorher, am 11. Januar 1870, ermordet. Trotzdem gehört sein Gab (Commune- Plan der Mairie de Paris Nummer 17) zu den unverzichtbaren Stationen eines Commune-Rundgangs auf dem Père-Lachaise, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Umstände seines Todes und der darauf folgenden politischen Konsequenzen (9a):

Noir war Journalist und hatte den Auftrag, als Sekundant eines Zeitungsverlegers die Modalitäten von dessen geplantem Duell mit Prinz Pierre Napoleon Bonaparte, einem Verwandten Napoleons und des damaligen Kaisers Napoleon III. auszuhandeln. Dabei kam es zum Streit und Victor Noir wurde von Pierre Napoleon erschossen. An dem Begräbnis nahmen über 100 000 Menschen teil.  Auf dem Commune-Plan der Mairie ist (wohl etwas übertrieben) von 200 000 zum Aufruhr entschlossenen Parisern die Rede: Ein Vorbote der Commune.[10] Die revolutionäre Stimmung wurde noch dadurch verstärkt, dass Pierre Napoleon freigesprochen wurde, was einen Sturm öffentlicher Entrüstung gegen die ungeliebte Monarchie auslöste.

1891 wurde der zum republikanischen Symbol gewordene Leichnam Victor Noirs von Neuilly-sur-Seine, wo er zunächst begraben war, auf den  Père Lachaise umgebettet.  Der Bildhauer Jules Dalou erhielt den Aufrag, eine Grabplastik zu gestalten, die mit den  Mitteln einer öffentlichen Subskription finanziert wurde- ein Gegenmodell zur Finanzierung des Denkmals für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas aus öffentlichen Mitteln.

Dalou stellte Victor Noir in der Situation dar, als er –gerade erschossen- rücklings auf dem Boden lag: mit leicht geöffnetem Mund, im Ausgehanzug mit sichtbarem Einschussloch und auf die Seite gerolltem Zylinder.

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Auffällig sind an dem Grabmal die durch vielfache  Berührungen von der Patina ausgenommenen glänzenden Stellen der Bronze-Plastik am Gesicht, an den Füßen und vor allem an der unter der Hose deutlich zu erkennenden Schwellung des Geschlechtsorgans. „Nur der große Zeh des heiligen Petrus im Petersdom glänzt genauso schön durch all die Küsse und all das Gestreichel“, wie Cees Nooteboom schreibt, für den das Grab des Victor Noir das schönste auf dem Père Lachaise ist. (10a)  Der Grund für die glänzenden Stellen:  „La légende veut qu’en frottant le gisant, surtout à l’endroit de son sexe, on retrouve la fécondité ou la virilité.[11]„Tausende von Mädchenhänden und Frauenmündern müssen“ -so noch einmal Nooteboom- hier am Werk gewesen sein, bei dieser letzten Fruchtbarkeitsfigur der westlichen Welt.“

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So wurde seit Ende der 1960-er Jahre das Grabmal von einem politischen Manifest zu einem Symbol der Fruchtbarkeit und zu einem Wallfahrtsort für „sexual worship“, wie es Emelyanova-Griva formuliert. Auch Deutsche haben dazu in gewisser Weise einen  Beitrag geleistet: War das Grab zunächst von einer bronzenen Kette umgeben, wurde diese während der occupation an die Deutschen ausgeliefert: Kanonen statt Kunst.[12] Damit war der Weg frei…  Inzwischen gehört das Grabmal zu den  Kultstätten des Père-Lachaise wie die Gräber von Héloïse und Abelard, Jim Morrison, Oskar Wilde oder wie das immer blumengeschmückte Grab von Allan Kardec, dem französischen Spiritisten, dessen Büste zu berühren angeblich Wünsche wahrwerden lässt….

(92. Division, Nr. 17 auf dem Commune-Plan der Mairie)

 

  1. Grabmal von Eugène Pottier, dem Autor der „Internationale“

(96. Division, Nr. 20 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris)

Das Grabmal Eugène Pottiers ist ein aufgeschlagenes Buch.

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Die Aufschrift auf der linken Buchseite (vom Betrachter aus gesehen):
Au Chansonnier
EUGÈNE POTTIER
MEMBRE DE LA COMMUNE
DE PARIS
1816 – 1871 – 1887
SES AMIS & ADMIRATEURS
– 1905 –

Pottier, der schon an der Revolution von 1848 teilgenommen hatte, engagierte sich 1871 in der Commune und nahm an den Kämpfen der Semaine sanglante teil. Nach der Niederschlagung der Commune konnte er nach Großbritannien fliehen, dann in die USA. 1873 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte –wie viele andere Kommunarden- infolge der Amnestie von 1879 nach Paris zurückkehren, wo er 1887 starb.

Die Aufschrift auf der rechten Buchseite:

L’Insurgé.
Jean Misère.
La Toile d’Araignée.
Ce que dit le Pain.
La mort d’un Globe.
L’internationale.

Den Text des ersten auf der rechten Buchseite aufgeführten Liedes hat Pottier zu Beginn der 1880-er Jahre zu Ehren Blanquis und der Kommunarden geschrieben- der Titel ist von dem autobiographischen Roman von Jules Vallès übernommen.

Der Text der „Internationale“ stammt aus den Tagen unmittelbar nach der gewaltsamen Niederschlagung der Pariser Commune. Er bezog sich auf die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), den ersten übernationalen Zusammenschluss von verschiedenen, politisch divergierenden Gruppen der Arbeiterbewegung, der 1864 von Karl Marx  initiiert worden war.

Der ursprüngliche französische Text hat sechs Strophen. Die bekannteste und bis heute verbreitete deutschsprachige Nachdichtung schuf Emil Luckard  1910. Seine Version ist an den französischen Originaltext lediglich angelehnt und beschränkt sich auf die sinngemäße, dabei in der Radikalität etwas abgeschwächte und romantisierte Übersetzung der ersten drei Strophen des französischen Liedes.[13]

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

die stets man noch zum Hungern zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht. 😐

Es rettet uns kein höh’res Wesen,

kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!

Leeres Wort: des Armen Rechte,

Leeres Wort: des Reichen Pflicht!

Unmündig nennt man uns und Knechte,

duldet die Schmach nun länger nicht!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.

  1. Le mur des fédérés – die Mauer der erschossenen Kommunarden

Höhepunkt (auch im topographischen Sinn des Wortes)  eines Rundgangs über den Père-Lachaise auf den  Spuren der Commune ist natürlich le Mur des fédérés in der nord-östlichen Ecke des Friedhofs. Am 28. Mai 1871 wurden an dieser Stelle 147 Kommunarden erschossen, die in die Hände der Versaillais gefallen waren. Sie wurden in einem Massengrab verscharrt ebemso wie weitere Kämpfer der Commune, die auf dem Père Lachaise oder schon vorher im Laufe der semaine sanglante getötet worden waren.[14]

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Zeichnung von Alfred Darjou (1832-1874) im Musée Carnavalet in Paris

Wie sehr das brutale Vorgehen der Versaillais in der semaine sanglante viele Zeitgenossen aufwühlte und empörte, wird auch am Beispiel des Malers Edouard Manet deutlich. Edouard Manet hat zwei Lithographien zum Thema Commune angefertigt. Die Lithographie, „Guerre civile“, zeigt einen toten Nationalgardisten bzw. Kommunarden. Der Bezug zu Manets berühmtem Bild des toten Torreros von 1864/65 ist offenkundig. Während aber der im Stierkampf getötete Torero ein rotes Tuch in der Hand hat, ist es bei dem getöteten Kommunarden  ein weißes Tuch: Manet will hier wohl das brutale, rücksichtslose Vorgehen der Versailler Truppen veranschaulichen.

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Eine zweite Lithographie zeigt die Erschießung von Kommunarden, wie sie am Ende der semaine sanglante auf dem  Père-Lachaise stattgefunden hat.  Dabei stand eines der berühmtesten Bilder Manets Pate, nämlich die Erschießung des mexikanischen Kaisers Maximilian.  Manet hat also zwei seiner erfolgreichsten Bilder zum Ausgangspunkt genommen, den Toten der Commune ein Denkmal zu setzen.

Der Platz an der Friedhofsmauer entwickelte sich, trotz aller Verbote, zu einem Wallfahrtsort von Sozialisten aus aller Welt. 1908 wurde für die getöteten Fédérés eine große Erinnerungstafel an die Opfer der „Semaine sanglante“ angebracht. Das Original befindet sich übrigens in den Räumen der Amis de la Commune auf der Butte aux Cailles.

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Jedes Jahr findet seit 1880 am letzten Maiwochenende ein großer Demonstrationszug statt- die sogenannte Montée au Mur des Fédérés, gewissermaßem  eine „pèlerinage laïque“. An ihr nehmen Menschen und Gruppen teil, die sich mit der Commune und ihrem Erbe verbunden fühlen und die darauf hoffen, dass das, was die Kommunarden vom März 1891 vergeblich anstrebten, noch erreicht werden kann: Mitglieder und Anhänger linker Parteien, Gewerkschaftler, Freimaurer.[15]

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Am 24. Mail 1936, wenige Wochen nach dem Sieg des Front Populaire, waren es 600 000 Menschen, an der Spitze die Führer der Sozialisten und Kommunisten, Léon Blum und Maurice Thorez, die an der monté au mur teilnahmen. So viele sind es heute nicht mehr und das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist heute wohl auch deutlich höher als damals: Eine eindrucksvolle Demonstration der linken Bewegungen ist die monté au mur aber nach wie vor.

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Gegenüber der Mauer der Föderierten sind mehrere Kommunarden oder für die Commune wichtige Persönlichkeiten bestattet. Auf drei dieser Gräber möchte ich besonders hinweisen:

Das Grabmal von Clément, dem Autor von „Le Temps des Cerises“

Clément war während der Commune Bürgermeister des Montmartre-Arrondissements, aber vor allem  ist er  Autor des Liedes „Le Temps des Cerises“. Es ist ein Liebeslied, schon 1866, zur Zeit Napoleons III. geschrieben und von Anfang an populär. In diesem Lied wird die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen:

Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.

Das Lied erhält in der semaine sanglante  auf tragische Weise neue Aktualität. Dem besungenen Liebeslied wird eine politische Dimension verliehen. Es wird zur Hymne der Commune und ihrer Anhänger, während der Blütezeit der Commune,  „au temps des cerises“, aber auch danach, als die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Clément unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 «à la vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

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Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine schöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum. Mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Am besten gleich anklicken! Dauert 6 Minuten:

http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Das Grabmal von Wroblewski, dem Verteidiger der Butte –aux- Cailles

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus.[16]

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Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehört zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Das Grab von Wróblewski ist –wie auch das von Chopin auf dem Père-Lachaise- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind wohl auch ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

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Das Grab von Paul Lafargue, dem  Schwiegersohn von Karl Marx und dem Autor von „Das Recht auf Faulheit“

Der Sozialist Paul Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx und Autor der 1880 erstmals erschienenen Schrift „Das Recht auf Faulheit“. Darin kritisiert er die „seltsame Arbeitssucht“ seiner Zeitgenossen. Lafargue plädiert stattdessen für eine radikale Reduktion der Lohnarbeit und damit für mehr Muße und Zeit für selbstbestimmte Tätigkeit. Damit knüpft er an den frühen Marx an, der eine Gesellschaft entwarf, die es dem Individuum ermöglichen sollte, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Solche Ideen wurden später –auch von Sozialisten- als romantischer Utopismus diffamiert und dagegen das Recht auf Arbeit oder gar ein puritanischer Laborismus proklamiert. Lafargues marxistische Apologie des Nichtstuns ist aber immer noch aktuell, stellt er doch die einfache Frage, warum Menschen immer mehr arbeiten sollen, auch wenn ihre Arbeitsleistung durch den ständigen Produktivitätsfortschritt immer größer werde.[17]

In Bordeaux, wo Lafargue 1870 mit seiner Frau lebte, verbreitete er die Ideen der Commune. Nach einem kurzen Besuch in Paris im April 1871 schrieb er begeistert an Karl Marx: „Paris devient invincible“. 1911, im Alter von 69 Jahren, wählte Paul Lafargue zusammen mit seiner Frau den Freitod: Jetzt sei er noch gesund an Geist und Körper, und er wolle nicht erleben, dass das Alter seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten und seinen Willen zerstöre. Fast 20 000 Menschen sind bei der Bestattung auf dem Père – Lachaise zugegen. Die Rede auf den Verstorbenen hält Jean Jaurès.[18]

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Für den Weg zurück bietet sich der Chemin des Chèvres (zwischen der 19. und der 30.und 18. Division und den Chemin Talma (zwischen der 11. und 12. Division)  an. Dieser Weg ist malerisch eingebettet in den Hügel, der zum neueren (rechtwinklig angelegten) Teil des Père-Lachaise hinauf führt. Eine ganze Reihe schöner Art-Déco-Gräber gibt es hier, ebenso wie das spektakuläre Grabmal der russischen  Aristokratin Elisabeth Demidoff.

  1. Das Mausoleum von Thiers (rechts neben der Friedhofskapelle, 55. Division)

Das Mausoleum des 1877 verstorbenen Adolphe Thiers ist leider nicht im Commune-Rundgang der Marie de Paris enthalten. Ich finde das äußerst bedauerlich, weil es, ebenso wie das anschließend betrachtete Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas in sehr eindrucksvoller Weise den Triumph über die verhasste Commune zum Ausdruck bringen. Damit gehören sie meines Erachtens unbedingt zu einem entsprechend thematisch orientierten Rundgang über den Père-Lachaise. Zu übersehen ist das Mausoleum von Thiers ja kaum – es ist „une colossale chapelle“ direkt neben der zentralen Friedhofskapelle.[19] Thiers ist hier mit seiner Frau, Élise Dosne, und seinen beiden Geliebten, der Mutter und der Schwester von Élise [20], bestattet.

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Wie beim Monument für die beiden Generäle Lecomte und Clément-Thomas, das wir uns anschließend ansehen,  ist die christliche Symbolik sehr deutlich: das doppelte verschränkte D steht für Deo Domino, den Dank an Gott, den Herrn- das T natürlich für Thiers.   Thiers war ein entschiedener Freund der katholischen Kirche und ihres Einflusses auf das Bildungswesen. Paul Lafargue, dessen Grab auf dem Père-Lachaise schon besucht wurde, zitiert in seiner Schrift „Das Recht auf Faulheit“ eine Erklärung von Thiers vor einem Parlamentsausschuss aus dem Jahr 1849. Darin spricht sich Thiers dafür aus, dass die gesamte Erziehung im Grundschulbereich von der katholischen Kirche übernommen werden solle. Er, Thiers rechne darauf, dass der Klerus „die gute Philosophie“ propagiere, nach der der Mensch zum Leiden geboren sei.[21]  Auch insofern war Thiers  also ein entschiedener Gegner der laizistischen Commune. Vor allem aber war er der Hauptverantwortliche für  das Gemetzel der Versailler Truppen in der semaine sanglante. Thiers gab den Befehl, den Aufstand der Commune mit größter Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit niederzuschlagen.

Auf seinem Grabmal allerdings wird er als Staatsmann gepriesen, der das Vaterland liebte und die Wahrheit verehrte …

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Wie verhasst Thiers bei den Communarden und ihren Anhängern war,  wird auch daran deutlich, dass das noble Hôtel Dosne-Thiers an der Place St Georges, das die reiche Élise in die Ehe einbrachte, eines der symbolträchtigen Gebäude war, das die Commune auf ihrem Rückzug in den Osten  von Paris in Brand setzte. Anlässlich des 100. Jahrestages der Commune 1971 wurde das Grabmal, Symbol des Sieges  der bourgeoisen Republik“ über die“soziale Republik“  stark beschädigt und es soll auch schon öfters mit „inscriptions vengeresses“ wie „Assassin du peuple“ versehen worden sein.[22]  Inzwischen erstrahlt es aber wieder im alten Glanz und man kann, wenn man es betrachtet, an den schönen Satz denken, den Victor Hugo ausgerufen haben soll, als er an dem Grabmal vorbeikam: „Un si grand monument pour un homme aussi petit!“ [23] – eine Anspielung sicherlich nicht nur auf die geringe körperliche Größe von Adolphe Thiers, den Marx als „Zwergmissgeburt“ verhöhnte.

(neben der Kapelle, 55. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris  nicht berücksichtigt)

  1. Grabmal für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas

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An ebenso prominentem Ort wie das Mausoleum von Thiers und ebenso auffällig präsentiert sich  auf der Nordseite der zentralen Avenue Principale und  kurz vor dem Monument aux morts  ein merkwürdiges Grabmal: Im Zentrum steht eine mächtige Marianne. Trotz entblößter rechter Brust entspricht sie so ganz und gar nicht dem gewohnten Idealbild einer attraktiven Marianne, sondern erinnert eher an manche Darstellungen der wehrhaften Germania aus dem 19. Jahrhundert.

Der Lorbeerkranz in der Hand Mariannes steht für den Triumph der Republik über die verhasste Commune. Sie wird durch eine mehrköpfige Schlange symbolisiert, die von Marianne zertreten wird.

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Oben ist das Grabmal mit einem großen Kreuz dekoriert, womit deutlich gemacht wird, dass die von der Commune verfügte Trennung von Kirche und Staat wieder aufgehoben ist- auch in diesem Punkt war die Commune übrigens ihrer Zeit voraus, denn die strikte Trennung von Kirche und Staat gehört ja seit 1905 zu den fundamentalen Prinzipien der französischen Republik.

Es handelt sich hier um das Grabmal der beiden  Generäle Lecomte und Clément-Thomas, deren Geschichte zu erzählen sich lohnt, denn ihr Tod markiert den Beginn der Commune, deren Entstehung untrennbar verbunden ist mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71[24]. Nach dem Sturz des schmählich in Sedan besiegten und kapitulierenden Napoleon III.  war die  im Februar 1871 gewählte und provisorisch in Bordeaux installierte Nationalversammlung bereit, sich den preußischen Friedensbedingungen zu unterwerfen und dem am 28. Februar 1871 zwischen der provisorischen Regierung der Republik unter Adolphe Thiers und dem Deutschen Reich abgeschlossenen Vorfrieden von Versailles zuzustimmen.  Die mehrheitlich republikanische bzw. sozialistische Bevölkerung von Paris war nicht bereit, diese Schmach hinzunehmen, zumal angesichts der preußischen Provokation einer Militärparade auf den Champs-Elysées und rund um den Arc de Triomphe. Immerhin standen in Paris fast 180 000 Nationalgardisten unter Waffen, Freiwilligenverbände, die vorwiegend aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft stammten.[25] Und in Belleville und Montmartre standen 227 Kanonen, die durch eine Subskription der Bevölkerung finanziert und vor den preußischen Truppen in Sicherheit gebracht worden waren. Der Konflikt zwischen Paris und der Nationalversammlung eskalierte, als am 10. März 1871 die Nationalversammlung  einem möglichen „Druck der Straße“  vorbeugen wollte und ihren Umzug nach Versailles beschloss. Dazu beschloss die Nationalversammlung eine Reihe diskriminierender Maßnahmen gegen die Nationalgarde, deren Bataillione sich zu den „fédérés“ zusammenschlossen. Zum Eklat kam es, als Adolphe Thiers, der „chef du pouvoir exécutif de la République française“, am 18. März den General Lecomte beauftragte, sich der Kanonen von Montmartre zu bemächtigen. Das Vorhaben scheiterte aber völlig. Gerade noch rechtzeitig schlägt Louise Michel, die „louve rouge“ der Commune, Alarm.  Die Nationalgardisten und die Bevölkerung von Montmartre  verteidigen „ihre“ Kanonen. Ein Teil der Versailler Truppen verweigert den Befehl, auf die eigenen Landsleute zu schießen und fraternisiert mit den Verteidigern. General Lecomte wird von den Aufständischen gefangen genommen. Am gleichen Tag wird auch der General Clément-Thomas von aufständischen Parisern festgesetzt.  der bei der Niederschlagung der Revolution von 1848 „eine der niederträchtigsten Henkerrollen“ übernommen hatte, wie es Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ ausdrückte. Mit beiden Generälen wird kurzer Prozess gemacht und sie werden –unter dem Beifall einer „entfesselten Meute“ (Promenades, S. 132) von ihren eigenen Leuten erschossen, auch wenn der  Bürgermeister von Montmartre, der junge Clemenceau, vergeblich versucht das zu verhindern.  Die Gegenrevolution hat nun ihre Märtyrer und Adolphe Thiers seine Legitimation, das aufsässige Paris, die Commune also –mit freundlicher Unterstützung der preußischen Truppen- zu belagern  und dann zu erobern und blutige Rache zu nehmen.

Die Generäle Lecomte und Clément-Thomas erhalten auf dem Père-Lachaise eine kostenlose Grab-Konzession an einem zentralen Platz des Friedhofs und mit einer souscription nationale wird für sie das imposante und triumphale Grabmal errichtet.  Und in Montmartre, wo sie beiden Generäle erschossen wurden (in der heutigen Rue du Chevalier de la Barre) und wo die Kanonen der Nationalgarde stationiert waren, wird  als Zeichen der Sühne für die „horreurs de la Commune“ die Basilique Sacré- Coeur errichtet und der Bau wird auf Beschluss der Nationalversammlung mit staatlichen Mitteln gefördert.[26] Es ist -wie das Grabmal auf dem Père-Lachaise- ein ostentativer gegenrevolutionärer Akt.

Dazu passt die Darstellung der Commue als mehrköpfige Schlage: Für die Dritte Republik waren die Kommunarden ja nichts anderes als „criminels“,  „eine Handvoll von Fanatikern und Spitzbuben“, die Paris zum „Sammelpunkt der Perversitäten der ganzen Welt“ machten- so Jules Favre, der für die Versailler Regierung die Bedingungen des Friedens von Frankfurt mit Bismarck verhandelte.

(Avenue Latérale du Nord, 57. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris nicht berücksichtigt).

 

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen  Friedhofsmauer des Père- Lachaise und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ von  Maximilien Luce im Musée d’Orsay

Das letzte Wort soll aber nicht die triumphierende Gegenrevolution haben! Sondern das Gedenken an die vielfachen  Opfer der Commune. Für sie gibt es ein eindrucksvolles Denkmal auf der anderen Seite des Père- Lachaise, an der äußeren Friedhofsmauer am Square Samuel de Champlain, zwischen den Métro-Stationen Gambetta und Père- Lachaise.

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Georg Stefan Troller weist in „Paris geheim“, auf dieses Denkmal hin  – und das ist auch wirklich der angemessene Platz, denn in unseren anderen Reiseführern  ist dieses Denkmal nicht erwähnt. Schade, denn es handelt sich wirklich um „ein ergreifendes Denkmal“, aus dem Jahr 1909: „Aus der Mauer kaum hervortretend wie Gespenster: ein Arbeiter, ein Pfarrer, ein Soldat, eine Mutter mit Kind. Rundherum Einschüsse. Errichtet aus demselben Stein, gegen den die letzten Kommunarden 1871 … füsiliert wurden.“[27]

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„Das, was wir von der Zukunft fordern, und das, was wir von der Zukunft wollen, ist Gerechtigkeit, es ist nicht  Rache“. Victor Hugo

Maximilien Luce: Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune

Bei früheren Besuchen im Musée d’Orsay war mir dieses Biild noch nicht aufgefallen. Erst als ich mich etwas näher mit der Pariser Commune beschäftigte, entdeckte ich : „Une rue de Paris en mai 1871 ou La Commune“ von Maximilien Luce.[28]  Luce war zusammen mit Seurat und Signac „Gründer“ des Neo-Impressionismus. 1894 wurde er als „gefährlicher Anarchist“ verurteilt und ging nach Belgien ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er Präsident der Gesellschaft unabhängiger Künstler, trat aber 1940 –ein Jahr vor seinem Tod- aus Protest gegen die Diskriminierung jüdischer Künstler durch die Vichy-Regierung zurück. Ein bewegtes Leben also und ein eindrucksvolles, zwischen 1903 und 1906 gemaltes Bild.

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Die Toten sind an den roten Hosen-Litzen als Nationalgardisten, also Communarden, zu identifizieren. Dass auch eine Frau dabei ist, weist auf den großen Anteil hin, den Frauen an der Verteidigung von Paris gegen die anrückenden Truppen hatten. Rechts unten sieht man noch einige Pflastersteine, die offenbar für den Bau einer Barrikade bestimmt waren. Die ist aber nicht gezeigt, der Kampf ist vorbei, man sieht nur die tote Stadt und  die Gefallenen- einige der über 20.000, die in der „Semaine sanglante“ dem Wüten der Versailler Truppen zum Opfer fielen. Am 29. Mai telegraphiert Ministerpräsident Thiers, der „Schlächter der Commune“, triumphierend an die Präfekten: „Der Boden ist bedeckt mit ihren Leichen. Dieses schreckliche Schauspiel wird eine Lehre sein“. Luce erinnert an dieses „spectacle affreux“, aber nicht im obszönen Gestus des Triumphators, sondern im Mitgefühl mit den Opfern und den Verlust veranschaulichend, den die Niederschlagung der Commune für die Stadt Paris bedeutete.

Praktische Informationen:

Einen kostenlosen Übersichtsplan mit dem Verzeichnis der am  meisten besuchten Gräber  gibt es kostenlos bei der Friedhofsverwaltung (vom Haupteingang –porte principale am Boulevard de  Ménilmontant-  leicht erreichbar über die Avenue Principale, dann rechts abbiegen in die Avenue du Puits. Es gibt den Plan auch im Internet unter:

https://api-site.paJuleis.fr/images/142836.pdf[29]

Im Allgemeinen nur im Internet gibt es auch einen speziellen Plan der Mairie  de Paris zum Père Lachaise als „haut lieu de la Commune“: https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

Öffnungszeiten:

Vom 6. November bis 15. März:

  • Mo bis Fr: 8 h bis 17.30 h
  • Sa: 8.30 bis 17.30h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Vom 16. März bis 5. November:

  • Mo bis Fr: 8h bis 18h
  • Sa: 8.30h bis 18h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Zum Weiterlesen:

Les Amis de la Commune de Paris 1871: Histoire de la Commune de Paris. 18 mars- 28 mai 1871 und weitere Broschüren über die Commune (Rolle der Frauen, der Ausländer, der Kunst, der Erziehung etc)

Braire,  Jean: Sur les traces des communards. Guide de la commune dans le Paris d’aujourd’hui

Courbet et la Commune. Katalog der Ausstellung im musée d’Orsay vom 13.3.-11.6.2000. Hrsg. von der Réunion des musées nationaux. Paris 2000

Lissagaray, Prosper: Geschichte der Commune von 1871. Unveränderter Nachdruck der deutschen Übersetzung von 1877. Edition suhrkamp 577. FFM 1971

Philip Nord: Les Impressionistes et la politique. 2009

La mairie du 11e; La Commune, à l’assaut du ciel. Histoire, lieux de mémoire et  figures de la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. (Mai 2011)

Karl Marx (als Polemiker in Hochform): Bürgerkrieg in Frankreich: http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm

Rebérioux, Madeleine,  Le Mur des Fédérés : Rouge, “sang craché” . In: Nora (Hrsg): , Les Lieux de mémoire, vol. 1 : La République, Paris, Gallimard

Thoraval, Anne: La Commune de Paris. In: Promenades sur les lieux de l’histoire. Paris 2004, S. 124-139

Troller, Georg Stefan: Paris geheim. Artemis und Winkler Sachbuch 2008

Jules Vallès:  L’insurgé (3. Band einer autobiographischen Roman-Trilogie) Taschenbuch folio classique

Watkins, Peter: La Commune (Paris 1871). (Schwarz-Weiß-Film,  franz/engl. DVD)

Das Pariser Stadtmuseum Carnavalet ist für die Commune weniger ergiebig. Umso mehr das musée d’art et histoire in Saint-Denis. www.musee-saint-denis.fr   Métro Linie 13 Richtung Saint-Denis-Université. Station Porte de Paris, Ausgang 4

Zum 150. Jahrestag der Commune 2021 gibt es natürlich zahlreiche Publikationen und Sendungen: 

Zum Beispiel eine vierteilige Reihe in France Culture:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-cours-de-lhistoire/la-commune-150-ans-14-la-commune-un-chantier-transnational

 Anmerkungen

[1] Es war nicht nur Karl Marx, der den Begriff „Bürrgerkrieg“ für die Commune verwendete. Z.B. gibt es eine eindrucksvolle Lithographie von Edouard Manet zur Commune mit dem Titel „guerre civile“:  https://www.histoire-image.org/etudes/repression-commune

[2] Zu den Gefängnissen der Grande und der Petite Roquette und zur dort stationierten Guillotine siehe den Blog-Beitrag: Wohnen auf historischem Boden:  La Grande et la Petite Roquette in der Rubrik Geschichte oder Wir in Paris.

[3] Zum Hôtel de Salm siehe auch den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Charles_Delescluze

Bei Lissagary liest sich das so: „Delescluze setzte allein seinen Weg fort. Hier das Schauspiel, wie wir es mit angesehen  haben; möge es der Erinnerung erhalten bleiben! Der alte Geächtete schritt, ohne sich umzusehen, ob ihm Jemand folge, gleichmäßig weiter. Er war das einzige leende Wesen auf der Chaussée. Als er an der Barrikade angekommen war, wendete er sich nach links und erstieg die Pflastersteine. Zum letztenmale  erblickten wir dieses ernste, vom weißen Barte umrahmte Gesicht, das  dem  Tode zugewandt war. Plötzlich verschwand Delescluze. Er war wie vom Blitzstrahl getroffen auf dem Platze von Château d’Eau gefalllen.“ Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S.342

[5] Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S. 356

[6] https://www.histoire-image.org/etudes/pere-lachaise-derniers-combats-commune  Hierbei handelt es sich übrigens um eine ganz hervorragende Fundgrube: Bildmaterial zur französischen Geschichte wird vorgestellt und interpretiert.

[7] https://www.histoire-image.org/etudes/armand-barbes-prisonnier-mont-saint-michel-1839-1843

https://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui . Hier findet sich übrigens die falsche Information, Blanqui sei  „nach der blutigen Niederschlagung der Kommune …. erneut ins Gefängnis“ gekommen. Dort befand er sich schon vorher.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

zum Mont-Saint-Michel als Staatsgefängnis: http://images.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fsites%2Fdefault%2Ftil1_luce_001f.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fetudes%2Fecrasement-commune&h=931&w=1400&tbnid=GOTA9-INsTCKLM%3A&docid=lUfYslQKMJUoaM&ei=aA6nV9SzJ-yRgAavnLr4Dw&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=953&page=1&start=0&ndsp=15&ved=0ahUKEwjUh_Gcja_OAhXsCMAKHS-ODv8QMwgcKAAwAA&bih=623&biw=1366

[8] siehe dazu den Blog-Text: Wohnen auf historischem Boden: La Grande et la Petite Roquette. (Rubriken Geschichte und Wir in Paris

[9] http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=231

(9a) Ausführlich zu zum Grabmal und seinen geschichtlichen Hintergründen: Michel Dansel, Les lieux de culte au cimetière de Père Lachaise. Paris 1999, S. 172-186

[10] „Le 10 janvier 1870, ses funéraillles réunirent deux cent mille Parisiens, décidés à l’emeute, signe avant-coureur de la Commune.“  https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf   Allerdings stimmt das Datum nicht: Noir wurde ja am 11. Januar erschossen und die Beerdigung fand am 12. Januar statt.

(10a) Cees Nooteboom, Eine Totenglocke läutet. In: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, FFM 1999, S. 97/98. Dort auch das nachfolgende Zitat von Nooteboom

[11] Sehr lesenswert:  Marina Emelyanova-Griva, La tombe de Victor Noir au cimetière de Père-Lachaise. In: Archives de sciences sociales des réligions, 149, 2010. https://assr.revues.org/21870?lang=en  Auf der Internetseite von „Herodot“ ist das etwas kryptisch formuliert: „On dit que des jeunes filles et des femmes en mal d’amour viennent sur la tombe de Victor Noir caresser certaine protubérance de son gisant dans l’espoir qu’elle leur portera chance.“ https://www.herodote.net/tombes6.php

[12] Ein ähnliches Schicksal erlitten in Paris auch zahlreiche andere Kunstwerke aus Bronze: so wurde ein Teil des  „Triomphe de la République“ von Dalou (s.u.) ausgeliefert, ebenso die Statue von Baudin im Faubourg Saint-Antoine (siehe Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel  der Revolutionäre.  Rubrik Stadtviertel Paris, 11. Arrondissement)

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale

[14] Ici, au pied du mur qui porte leur nom, furent inhumés les “fédérés” retranchn:és dans le cimetière le 27 mai 1871 et tués lors de cet ultime combat. Le 28 mai, au cours de la répression, 147 fédérés y sont exécutés et ensevelis à la hâte. Dans les jours suivants, de nombreux corps provenant des prisons parisiennes ou des dernières barricades sont également mis en terre en bordure de ce mur.“ (Aus dem Plan der Mairie de Paris)

[15] Franck Frégosi: La „montée“ au Mur des Fédérés  du Père-Lachaise. Pèlerinage laïque partisan. In:  Archives des sciences sociales des religions, No  155,  2011  https://assr.revues.org/23359

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Walery_Antoni_Wr%C3%B3blewski

https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_la_Butte-aux-Cailles

[17] http://www.zeit.de/1967/03/lob-der-faulheit

http://www.laika-verlag.de/mbp/stephan-lessenich-zu-paul-lafargue-das-recht-auf-faulheit

[18] « Sain de corps et d’esprit, je me tue avant que l’impitoyable vieillesse (…) me dépouille de mes forces physiques et intellectuelles, ne paralyse mon énergie et ne brise ma volonté (…) »  Zitiert in: http://www.humanite.fr/tribunes/paul-lafargue-1842-1911-pas-de-dieu-mais-un-maitre%E2%80%A6-46-479033

[19]https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

[20] http://www.lepoint.fr/societe/plus-fort-que-hollande-le-president-thiers-et-ses-trois-femmes-02-05-2015-1925729_23.php#xtor=RSS-221

[21] Text von Paul Lafargue: http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Originalversion der Stellungnahme von Thiers: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Droit_%C3%A0_la_paresse : „ Je suis prêt à donner au clergé tout l’enseignement primaire. Je demande formellement autre chose que ces instituteurs laïques, dont un trop grand nombre sont détestables ; je veux des Frères, bien qu’autrefois j’aie pu être en défiance contre eux ; je veux rendre toute-puissante l’influence du clergé ; je demande que l’action du curé soit forte, beaucoup plus forte qu’elle ne l’est, parce que je compte beaucoup sur lui pour propager cette bonne philosophie qui apprend à l’homme qu’il est ici pour souffrir.“

[22] Michel Ragon, L’espace de la mort. Essai sur l’architecture, la décoration et l’urbanisme funéraires. Albin Michel 1981

https://books.google.de/books/about/L_Espace_de_la_mort.html?id=a9ZY3Kv0jtYC&redir_esc=y

[23] https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

Zum „Sündenregister“  von Thiers gehört –aus deutscher Sicht- unbedingt seine treibende Rolle in der Rheinkrise von 1840, als die französische Regierung forderte, den  Rhein  (in seiner ganzen Länge) zur deutsch-französischen Grenze zu machen- ein wichtiger Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalismus und der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeinschaft“.  Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in Frankreich sehr häufig und sicherlich ganz naiv von Deutschland als „outre Rhin“- also dem Land jenseits des Rheins gesprochen wird.

[24] „C’est le début de l’insurrection que l’on appellera la Commune“. http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=373

[25] Eine Parallele zur Fortsetzung des Widerstands durch de Gaulle 1940 bietet sich da natürlich an, so z.B. in einer Rede vor der mur des fédérés aus dem Jahr 2007:

La Commune est donc un acte de résistance sociale et patriotique, (…) c’est le peuple en armes qui a mis en déroute les monarchies coalisées contre la révolution. C’est le peuple de Paris qui a voulu continuer le combat plutôt que de pactiser avec l’occupant, c’est le peuple de l’ombre qui a choisi la Résistance, et ce furent les anonymes, les sans-grades qui rejoignirent de Gaulle à Londres“. Zit von Frégosi:  https://assr.revues.org/23359

[26] http://www.paris-tourisme.com/monuments/sacrecoeur/index.html

[27] Troller, S. 295

[28] https://www.histoire-image.org/sites/default/til1_luce_001f.jpg

[29] Bilder und Infos zu  bedeutenden  Gräbern:  http://www.linternaute.com/sortir/monument/cimetiere-pere-lachaise/

Hinweis: 

Dieser Blog-Beitrag wurde von der Internet-Seite Europa verbinden  ( https://europaverbinden.de/)  übernommen und ins Internet eingestellt, was mich natürlich sehr freut.

https://europaverbinden.de/wp-content/uploads/W.J.-Brgerkrieg-in-Frankreich.-Der-P%C2%BFre-Lachaise-ein-Erinnerungsort-der-Commune.pdf

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise und zur Commune:

Chinatown in Paris (3., 8., 13. und 20. Arrondissement)

Gegenstand dieses Beitrags ist die chinesische „community“ in Paris. Sie ist von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihren Wohnvierteln  äußerst vielfältig. Chinesen, zu denen  auch Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien in Südostasien gezählt werden, trifft man vor allem im 3., 13. und 20. Arrondissement an. Besonders sichtbar ist ihre Präsenz bei den Feiern zum chinesischen Neujahrsfest. Aber auch sonst lohnt es sich, Streifzüge durch die chinesischen quartiers zu unternehmen. Dazu will der nachfolgende Beitrag einige Hintergrundinformationen geben und anregen.

Chinatown in Paris? Das mag ziemlich merkwürdig erscheinen. Dass es chinesische Viertel in London, San Francisco oder New York gibt, ist ja bekannt, aber in Paris?

In der Tat: Wenn man den aktuellen Michelin-Führer von Paris (Erscheinungsjahr 2010) aufschlägt und im Stichwortverzeichnis nachschlägt: Fehlanzeige; und bei Ulrich Wickert, der einem immerhin „Alles über Paris“ mitzuteilen verheißt, desgleichen. Dafür gibt’s bei unserem alten „Guide du Routard“ von 1985 das Stichwort „Chinatown“- allerdings in Anführungszeichen. Und einer der 15 soziologischen Stadtrundgänge, die die renommierten Pariser Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorschlagen (Paris 2009), hat die Schlagzeile:  Chinatown- ganz ohne Anführungsstriche, so wie ja auch in dem nachfolgenden Bild eines chinesischen Supermarkts.

Bastille und Quartier Chinois 013

Also gibt es doch eine Chinatown in Paris, die allerdings, wenn man etwas genauer hinsieht, doch keine „richtige“ Chinatown ist: Denn das, was mit diesem Begriff bezeichnet wird, ist keine Stadt der Chinesen, sondern ein Stadtviertel, in dem viele Asiaten leben: Vietnamesen, Laoten, Kambodschaner, darunter und dazu allerdings auch viele, die aus China stammen. Und es gibt neben dem asiatischen Viertel im 13. Arrondissement, das mit dem Begriff „Chinatown“ gemeint ist, auch einen kleinen chinesischen Bezirk im 3. Arrondissement und selbstverständlich – und wohl am besten bekannt- die Chinesen in Belleville[1]. Und das ist noch nicht alles….

Insgesamt in der Tat  „une communauté multiple[2], was ihre Geschichte, ihre Herkunft und ihre bevorzugten Wohnorte in Paris angeht.

Ich versuche es mal –wie es sich als Historiker gehört- schön der Reihe nach.

Eine kleine chinesische Präsenz gab es in Paris schon seit dem 17. Jahrhundert: Der erste chinesische Student soll dem Sonnenkönig einige chinesische Schriftzeichen und den Gebrauch der Stäbchen beim Essen beigebracht haben. Um 1850 lebten etwa 50 Chinesen in Paris und das erste chinesische Restaurant wurde  eröffnet. Die Weltausstellung von 1900 trug dazu bei, das Interesse an chinesischen Produkten und der chinesischen Küche zu erweitern. Die erste nennenswerte Anzahl von Chinesen kam seit 1912 nach Frankreich. Damals  wurde nämlich zwischen der französischen und der chinesischen Regierung ein Vertrag abgeschlossen, der es jungen Chinesen ermöglichen sollte, in Frankreich kostengünstig ausgebildet zu werden. „Travail et Etudes en France“ hieß das Programm- sozusagen ein Vorläufer der bei heutigen Jugendlichen so beliebten aktuellen „travel and work“-Programme. Die meisten der etwa 2000 „étudiants-ouvriers“ kamen allerdings erst nach dem 1. Weltkrieg. Einer dieser Studenten war der spätere chinesische Ministerpräsident Tschu-En-lai, der zwischen 1922 und 1924 bei Renault in Billancourt arbeitete und in der rue Godefroy Nr. 17 im 13. Arrondissement wohnte- im gleichen Haus, in dem 1922 die französische Sektion der Kommunistischen Partei Chinas gegründet wurde. Tschu-en-lai war Führer des europäischen Zweigs der chinesischen Kommunisten und Mitglied der Gruppe der chinesischen Jungsozialisten von Paris, zu der übrigens auch ein weiterer, später prominenter „travailleur étudiant“ gehörte. [3]

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„Chou en lai 1898-1976 wohnte während seines Aufenthalts in Frankreich in diesem Haus“.

Kurz nachdem ich die Plakette fotografiert hatte, kam übrigens eine Frau vorbei und sah sich aufmerksam an, was ich da gerade aufgenommen hatte- möglicherweise hatte sie die Plakette noch nie beachtet).

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Angebracht wurde die Plakette übrigens 1976 bei einem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Hua Guofeng in Paris von dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der berichtet davon in seinen Erinnerungen „Le Pouvoir et la Vie“: Er habe bei dieser Gelegenheit seinem chinesischen Gast auch das Zimmer zeigen wollen, in dem Tschou gewohnt habe: „Hurlements de protestation à l’intérieur, poussées par une voix d’homme et une voix de femme, réunis dans la même indignation, et sans doute la même intimité.“ Der Betreiber des Hôtels hatte seine Zimmer offenbar stundenweise vermietet…

Eine ganz andere und viel größere Gruppe von Chinesen kam während des Ersten Weltkriegs nach Frankreich. Um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern, schloss Frankreich 1915 einen Vertrag mit der chinesischen Regierung, der die Anwerbung von maximal 200 000 chinesischen Arbeitern vorsah. Rekrutierungsbüros wurden in Peking, Shanghai, Hongkong und anderen Städten eingerichtet. Insgesamt kamen 140 000 Chinesen, vor allem aus dem südlich von Shanghai gelegenen Wenzhou, nach Frankreich. Um die Zahl der Angeworbenen zu erhöhen, wurde übrigens auch eine Methode angewendet, die auch in Deutschland zu Zeiten des Absolutismus wohlbekannt war: Junge Leute wurden betrunken gemacht, so dass sie dann einen Vertrag unterschrieben. In China nannte man das offenbar  « shanghaïser ».[4]

Bei einem Ausflug ans Meer stießen wir vor einiger Zeit zufällig in der Nähe der Somme-Mündung auf ein uns sehr merkwürdig erscheinendes Hinweisschild: „Chinesischer Friedhof“. Also kurz entschlossen abgebogen und hingefahren! Zunächst fanden wir in  einem kleinen Dörfchen –Noyelles-sur-mer-  auf dem bescheidenen Dorfplatz zwei chinesische Löwen  bzw. Wächter des Buddha.

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… und dann außerhalb des Ortes den Friedhof mit  Gräbern bzw. Erinnerungstafeln von 884 zwischen 1917 und 1919 gestorbenen chinesischen Arbeitern.

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In Noyelles gab es nämlich im 1. Weltkrieg das „Basislager“ der chinesischen Kriegs-Hilfsarbeiter und für sie speziell auch ein Lazarett. Deshalb gibt es hier den einzigen rein chinesischen Friedhof auf französischem Boden. Unterhalten wird er übrigens von den Engländern, weil die meisten der dort begrabenen Chinesen von den Briten angeworbenen waren, die wie die Franzosen einen Vertrag mit China über die Anwerbung von Arbeitskräften abgeschlossen hatten.  Die Chinesen durften/mussten keine Waffen tragen, wurden aber durchaus an der Front für schwierige Missionen eingesetzt: Bei der Aushebung von Schützengräben, der Bergung von Toten oder der Säuberung eroberten Geländes von Minen. Und als 1917 die schlimme spanische Grippe wütete, setzte man sie auch in der Krankenpflege ein. Entsprechend groß war die Zahl der Opfer.[5]

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Ein Teil der von den Franzosen angeworbenen chinesischen Arbeiter –etwa 3000-  kehrte nicht mehr nach China zurück, sondern blieb in Frankreich bzw. vor allem in Paris : Sie siedelten sich aufgrund der billigen Mieten und der verkehrsgünstigen Lage zunächst um den Gare de Lyon an und  eröffneten Geschäfte und Restaurants:  Es war die erste chinesische „Kolonie“ in Paris, die bald auch weitere Chinesen anzog. Die meisten dieser Chinesen, die im allgemeinen Analphabeten waren, verdienten ihr Geld als „Colporteurs“, das heißt sie boten als fliegende Händler auf den Märkten vor allem Lederwaren an.

Heute erinnert noch eine plaque commemorative in der Rue Chrétien du Troyes no 13 am Gare de Lyon an die chinesischen Arbeiter:

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Von 1916 bis 1918 beteiligten sich 140 000 chinesische Arbeiter in Frankreich an den Kriegsanstrengungen der Alliierten und mehrere Tausende verloren dabei ihr Leben. Nach dem Sieg ließen sich 3000 von ihnen im Bereich des Gare de Lyon nieder und bildeten die erste chinesische Gemeinde“. 

Und seit 1918 gibt es auf dem Vorplatz des Bahnhofs die Statue eines chinesischen Arbeiters, die einmal in der Umgebung des Bahnhofs wohnten. Sie ist ein Werk des chinesischen Künstlers Li Xiao und erinnert an ein wenig bekanntes Kapitel der chinesischen Präsenz in Paris. [5a]

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Heute ist davon nichts mehr zu sehen- eine Konsequenz der Sanierung des Viertels um den Gare de Lyon. Aber dafür gibt es in der Avenue Daumesnil, die am Gare de Lyon vorbeiführt, ein chinesisches Computergeschäft am anderen. Alle spezialisiert auf Laptops, deren Reparatur und entsprechendes Zubehör. In einem dieser Geschäfte war ich auch, als mein letzter Laptop seinen Geist aufgab, und ich wurde dort mit der zu erwartenden chinesischen Höflichkeit und außerdem sehr umgehend und korrekt bedient. In gewisser Weise kommt man sich da vor wie in einer mittelalterlichen Stadt mit ihren Weckmärkten, Seilergassen und Weißgerbergräben.

Auch die Soldaten und Arbeitskräfte aus dem südostasiatischen Kolonialreich, die während des ersten Weltkriegs in Frankreich eingesetzt wurden, waren nach dem allgemeinen Verständnis und Sprachgebrauch „Chinesen“. Insgesamt waren das über 40 000 sogenannte tiralleurs aus Tonking und Annam, die im Allgemeinen an die Front versetzte französische Arbeitskräfte ersetzten und wegen ihres exotischen Aussehens –nicht nur von Kindern- beäugt und bestaunt wurden.[6]

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Das Chinesenviertel im 3. Arrondissement  

Das älteste heute noch existierende Chinesenviertel ist das im 3. Arrondissement  in und um die Rue au Maire (Métro Arts et Métiers). Es waren vor allem Chinesen aus der Gegend um den Hafen von Wenzhou im Süden Chinas, die zwischen den beiden Weltkriegen nach Frankreich kamen Im 3. Arrondissement eröffneten sie kleine Geschäfte, stellten Lederwaren her und verkauften sie, vor allem in der Rue des Gravilliers. Außerdem arbeiteten sie in kleinen Textilwerkstätten, die meist jüdische Besitzer hatten. « L’expansion des Chinois dans le quartier des Arts-et-Métiers date véritablement de la seconde guerre mondiale, précise Marie Holzman. Beaucoup de Juifs ont alors été déportés par les Allemands. Dès qu’un atelier était vide, les Chinois s’installaient »[7]  1997 stellten die Chinesen im Quartier Arts et Métiers 1997 immerhin 27% der Bevölkerung![8]Ce petit Chinatown“ ist allerdings kein Touristenmagnet und nur wenige Auswärtige verirren sich in die kleinen Geschäfte und Restaurants, in denen man freundlich bedient wird – auch wenn man von den manchmal rein chinesischen Aushängen nichts versteht.

Und es gibt einen von außen gut sichtbaren buddhistischen Tempel, in dem man auch einen Tee serviert bekommt.

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Nicht versäumen sollte man es, in der Seitenstraße –Rue Volta Nr. 3- einen Blick auf den dortigen Fachwerkbau zu werfen. Das Haus galt lange als das älteste in Paris, seit 1978 wird es allerdings ins 17. Jahrhundert datiert. Eigentlich war diese Bauweise aus Feuerschutzgründen seit dem 16. Jahrhundert in Paris verboten, was aber nicht verhindern konnte, dass bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts weiter so gebaut wurde. Übrigens ist das bis  heute ein Problem in Frankreich: Kürzlich wurde in Le Monde berichtet, wie viele Gesetze in den letzten Jahren vom französischen Parlament verabschiedet wurden, die aber nicht in Kraft treten können, weil es an den notwendigen Ausführungsbestimmungen der Ministerialbürokratie fehlt.

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Unten gibt es  das Song Heng, ein kleines chinesisches/vietnamesisches Restaurant, das nach Auskunft der davor Wartenden sehr empfehlenswert ist: schnell –wenn man mal reingekommen ist- gut und preiswert!

Die Pagode des Ching Tsai Lao   (8. Arrondissement)      

Allerdings waren es nicht nur arme chinesische Arbeiter und „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Wenzhou, die sich in dieser Zeit in Paris niederließen. Paris zog auch chinesische Kaufleute an, die sich hier gute Geschäfte versprachen. Einer davon war Ching Tsai Loo. Aus einer reichen Familie von Grundbesitzern, Gelehrten und hohen Beamten stammend, gründete er 1908 eine erste Galerie chinesischer Kunst in Paris.  1928 ließ er in der Nähe der Grands Boulevards ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Wohnhaus im chinesischen Stil umbauen und verkaufte dort chinesische Antiquitäten, die er über seine Niederlassungen in Peking und Shanghai erworben hatte. Außerdem war sein Haus offen für chinesische Landsleute, unter anderem für den – auch aus „gutem Hause“ stammenden- Tschu-En-lai. Ob der kunstsinnige Großkaufmann Ching etwas von den revolutionären Aktivitäten seines Gastes wusste?

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Man traut  kaum seinen Augen, wenn man die Rue de Courcelles hochgeht und plötzlich auf diese chinesische Pagode stößt. Ich war ja schon zig-mal in Paris, aber das hatte ich noch nie gesehen. Eine wunderbare Entdeckung! Und es lohnt sich sehr, das Haus nicht nur von außen zu betrachten.

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Die Erben des Gründers betreiben hier immer noch einen Kunsthandel, und man kann die zum Teil aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammende chinesische Inneneinrichtung und  die erlesenen Kunstwerke der Galerie besichtigen. Außerdem erfährt man auf Informationstafeln Interessantes über das Leben und Wirken von Ching Tsai Loo, eher bekannt unter dem Kürzel C.T. Loo.

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C.T.Loo -eigentlich Lu Huan Wen- stammt aus bescheidenen Verhältnissen.  Als Koch der  reichen chinesischen Familie Zhang folgt er dieser 1902 nach Paris, als sein Arbeitgeber Zhang Jinjiang an die Botschaft in Paris berufen wird. Zhang eröffnet dort auch an der place de la Madeleine ein Geschäft für chinesische Waren, die damals sehr in Mode waren, wo Loo nun arbeitet. Rasch entdeckt er, dass mit chinesischen Waren grandiose Geschäfte zu machen sind: Eine Vase aus Porzellan kann in Paris zum 10 000-fachen ihren Einkaufwertes verkauft werden! Loo macht sich also rasch selbstständig, eröffnet ein erstes Geschäft in Paris, es folgen weitere in London, Shanghai und in der 5th avenue in New York. Loo ist nun der weltweit erfolgreichste und  bekannteste Händler chinesischer Kunst. Mit der Gründung der Volksrepublik China versiegt der Nachschub von chinesischer Kunst und man wirft ihm heute in China vor, für den Ausverkauf chinesicher Kunst mitverantwortlich zu sein. Andererseits kann man ihm auch zugute halten, dass auf diese Weise  viele Kunstschätze vor dem Wüten der Kulturrevolutionäre gerettet wurden.

Praktischer Hinweis: 48 rue de Courcelles, 75008 Paris (Métro Courcelles oder besser St Philippe du Roule)  dienstags bis samstags zwischen 14 und 18 Uhr

Zu C.T.Loo siehe die Biographie von Geraldine Lenain, Monsieur Loo. éd. Philippe Picquier 2013 und den Artikel in Le Monde vom 2. April 2019: Le Musée Guimet sur les traces du mystérieux C.T. Loo (culture, S. 21) anläßlich der Übergabe von Dokumenten aus dem Besitz der Universität von New York an das Pariser Museum.

Das chinesische Viertel in Belleville   

Nach der kommunistischen Machtübernahme  im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder –wie schon in den 1920-er Jahren Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben  arbeiteten.  So entstand die „Chinatown“ von Belleville.[9]

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Die Herkunft vieler  Geschäftsinhaber aus Wen Zhou ist  kaum zu übersehen.

Das  Wenzhou in der Rue Belleville Nummer 24 soll übrigens „der beste Chinese der Stadt“ sein.[10]

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Zu den Einwanderern aus Wen Zhou kamen dann auch noch Flüchtlinge aus dem ehemaligen französischen Indochina, die überwiegend zu den dortigen chinesischen Minderheiten gehörten.  Allerdings ist Belleville alles andere als ein reines Chinesenviertel:  Es ist ein altes Arbeiterviertel von Paris mit einer langen Tradition der Aufnahme und Integration von Fremden: Von Franzosen aus armen Provinzen wie der Auvergne, die sich im 19. Jahrhundert in Paris ein besseres Leben erhofften; von Elsässern/Franzosen, die nach der Annexion von Elsass-Lothringen 1871 durch das Deutsche Reich dort nicht länger leben wollten; von Juden aus Mittel- und Osteuropa auf der Flucht vor Pogromen und dann vor dem Nationalsozialismus. Und nach dem Krieg kamen dazu auch schwarzafrikanische und  vor allem nordafrikanische  Einwanderer.

Belleville wird gerne als Beispiel für ein erfolgreiches Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe und Religion angeführt. Es gibt allerdings durchaus auch Probleme des „vivre ensemble“ in Belleville – auch solche, die die Menschen mit chinesischen bzw. südostasiatischen Ursprungs betreffen.  Dazu gehören die expansive chinesische Präsenz in dem Viertel, die Kriminalität, als deren bevorzugte  Opfer sich gerade Chinesen betrachten, und die chinesische Prostitution. Entsprechende Informationen gibt es in dem Blog-Beitrag über  Belleville vom Juli 2016.

Ein Spaziergang durch das „chinesische Belleville“ kann an der Métro-Station Pyrénées beginnen (Linie 11)  und die Rue de Belleville hinunterführen bis zur Station Belleville (Linien 11 und 2). Dabei sollte man  öfters Blicke in die Seitenstraßen rechts und links werfen (incl. Bd de la Vilette und Bd de Belleville) und ggf. kleine Abstecher machen. Ein Einkauf in einem der chinesischen Supermärkte ist ebenfalls äußerst empfehlenswert.

Und natürlich auch ein Imbiss in einem der kleinen  chinesischen Restaurants an der Rue de Belleville oder auch im noblen Président, an der Ecke zwischen dem Bd de Belleville und der Rue  du Faubourg du Temple an der Métro-Station Belleville. Der Président ist eine Institution in Belville, seine Treppe à la Cannes ist legendär, „un vrai festival de Cannes à lui seul“, sein Ruf wurde vor Jahren durch einen Besuch Mitterands verbreitet. In der Mitte des großen Saals steht noch zwischen riesigen Aquarien und vergoldeten Drachen der Sessel, auf dem Mitterand bei seinem Besuch gesessen haben soll und der inzwischen den Status einer Reliquie innehat.[11]

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(aus Le Monde vom 31.1.2014)

Ein schöner Abschluss eines Rundgangs  ist übrigens der  Besuch bei der Association de l’Union des Indochinois en France in der Rue du Buisson St. Louis/Einmündung der Rue Civiale. Man wird dort sehr freundlich empfangen und kann sich die buddhistischen Altäre ansehen.

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Auf einem stehen in einem Glas Holzstäbchen, mit denen es folgende Bewandtnis hat:  Wenn man eine Frage/ein Problem hat, kann man sich ein Holzstäbchen nehmen, auf dem jeweils eine bestimmte Nummer aufgedruckt ist. Dann holt man sich aus dem Wandkasten ein Orakelkärtchen, das der gezogenen Nummer entspricht und findet dort –hoffentlich- die passende/erhoffte Antwort.

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Dem Altarraum angeschlossen ist auch ein äußerst spartanisch eingerichteter Klassenraum, in dem Kinder des Chinesenviertels am Wochenende chinesisch lesen und schreiben lernen, um so den Kontakt mit ihrer heimatlichen Kultur nicht zu verlieren.

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„Chinatown“  im 13. Arrondissement

Eine „multikulturelle“ Solidaritäts- Demonstration für die Chinesen des Viertels, wie es sie in Belleville gab,  wäre wohl in der „eigentlichen“ Pariser Chinatown im 13. Arrondissement kaum möglich und auch kaum erforderlich. In diesem alten/ehemaligen Arbeiterviertel von Paris haben sich vor allem seit den 1970-er Jahren viele Asiaten niedergelassen. Wie viele es genau sind, ist kaum exakt zu ermitteln. Georg Stefan Troller spricht von  35 – 40000 Asiaten meist chinesischer Herkunft oder Abstammung, die dort leben und die wahrscheinlich die größte Chinatown Europas bildeten (Paris geheim, S. 225). Nach Costa-Lascoux/Yu-Sion, die sich auf die offizielle Statistik von 1990 beziehen, sind es dagegen lediglich genau 5086 Personen im 13.Arrondissement, die zu diesem Zeitpunkt die chinesische Nationalität oder die eines der drei Länder  Indochinas hatten. Diese Unterschiede hängen sicherlich damit zusammen, dass die gewiss auch vorhandenen illegalen Einwanderer hier natürlich nicht mitgerechnet sind, die  inzwischen eingebürgerte Migranten ebenso wenig- und gerade bei den Südostasiaten ist der Anteil derer, die die französische Staatbürgerschaft anstreben und erhalten, besonders hoch. (Paris-XIIIe, S.27/28).  Wie auch immer: Selbst  Chinesen, die hier leben, sprechen von dem „quartier chinois du 13ème arrondissement“ und fügen dann noch –wenn auch in Klammern an:  „Le Chinatown parisien“ (Amicale des Teochew).

Dass der Begriff „Chinatown“ auch keine Kreation des Pariser Tourismus-Marketings ist, wird schnell deutlich. Sehr pittoresk ist diese Chinatown nämlich ganz und gar nicht – architektonisch jedenfalls verweist –soweit ich das gesehen habe-neben dem Tempel, zu dem wir noch kommen,  nur ein einziges Gebäude ganz bewusst und ostentativ auf den besonderen Charakter des Viertels: Und zwar ausgerechnet die Filiale von Mc Donalds in der Avenue de Choisy.

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Die lackierten Enten gibt’s allerdings bei Mc Donalds (noch) nicht!

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Ansonsten stehen aber im Zentrum der „Chinatown“ völlig gesichtslose Hochhäuser, die seit den 1960-er Jahren auf dem  Gelände der stillegelegten Autofabrik Panhard & Lavassor –einem der ältesten Autohersteller der Welt- errichtet wurden, an den heute fast nichts mehr erinnert.

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Es handelt sich um ein von den städtebaulichen Theorien Le Corbusiers inspiriertes Projekt: Ein Hochhausviertel mit dem schönen Namen Olympiades, weil die Hochhäuser –aus welchen Gründen auch immer- die Namen von Olympia-Städten tragen.

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Vorgesehen waren Sozialwohnungen (HLM- Habitations à loyer modéré), etwas  anspruchsvollere Wohnungen für den Mittelstand, vor allem aber Wohnungen für junge, gutverdienende Freiberufler und höhere Angestellte. Diese wollte man vor allem durch ein breites Angebot an Geschäften, Freizeitangeboten und schulischen und kulturellen Einrichtungen  anziehen. Allerdings erwies sich diese Hoffnung  als trügerisch. Die Besserverdienenden, die man vor allem im Auge hatte, wollten nicht in einer Umgebung im Stil der  HLM-Siedlungen im tristen banlieue wohnen.

In die freistehenden Wohnräume zogen vor allem seit dem Fall von Saigon 1975 Südostasiaten –oft chinesischer Herkunft- ein, die vor der Machübernahme der Kommunisten geflohen waren. Dazu kamen nach 1979 weitere –ebenfalls oft chinesisch-stämmige- Vietnamesen, Laoten und Kambodschaner als Folge chinesisch-vietnamesischen Krieges – oft „boat people“ ohne finanzielle Mittel. Um die hohen Mieten in den  Olympiades-Türmen  zu bezahlen, wurden die Wohnungen meist völlig überbelegt, oft  von mehreren Familien. Und es wurde dort nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet: vor allem in kleinen Familien-Betrieben der Textil-Herstellung, wobei da wohl, was Arbeitsbedingungen, Steuern und Sozialabgaben angeht, die rechtlichen Rahmenbedingungen gerade in den ersten Jahren zum Teil unbeachtet blieben.  Und das Geld, eine Wohnung zu kaufen oder zu mieten und das Startkapital für ein Geschäft oder einen kleinen Betrieb erhielten die mittellosen Neuankömmlinge nicht durch eine „klassische Bank“, sondern durch die sogenannte „tontine chinoise“,  ein ganz traditionelles chinesisches System der Geldbeschaffung –das auf gegenseitigem Vertrauen und persönlichen Beziehungsgeflechten beruht. Den Ruf von „Chinatown“ förderte das alles nicht. In etwas maliziös gemeinten Bezeichnungen wie „chinesisches Dreieck“ oder „triangle de Choisy“ kommt das zum Ausdruck.[12] (Gemeint ist damit das Dreieck zwischen den Avenuen d’Ivry, Choisy und der Rue de Tolbiac, wozu auch noch das Olympiades-Gelände kommt. Und die Grenzen zwischen „ville européene“ und „ville chinois“ sind sowie fließend. Und wenn dieses Viertel –und vor allem die Olympiades-Betonwüste-  architektonisch eher abschreckend wirken mag: Ein Rundgang, so wie er hier von dem Soziologenpaar Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorgeschlagen wird, lohnt sich auf jeden Fall. (Paris, S.130ff).

Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[13]

 Dass man in einer anderen Welt ist, merkt man schon sehr schnell, nachdem man die Metrostation verlassen hat: Am Zeitungskiosk gibt es chinesische Zeitungen –einige werden von Peking, andere von Taipeh unterstützt- man findet chinesische bzw. ostasiatische Geschäfte jeder Art: Reisebüros, Versicherungen, Immobilienbüros, Reinigungen, Kunsthandwerk, Lebensmittelläden, Video-Clubs, Reinigungen, Restaurants, Frisöre, Schönheitssalons…

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Alle Aushänge auf chinesisch – oder in anderen ostasiatischen Sprachen;  manchmal kann man mit Mühe kleingedruckte –und oft unvollständige-  französische Übersetzungen finden– so in einem Reisekatalog der Compagnie Franco Asiatique de Voyage, die im „Chinesenviertel“ zwei Niederlassungen unterhält und offenbar für dessen Bewohner Reisen vor allem in die alte Heimat anbietet.

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Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[14]

Zwei Orte sollte man bei seinem Rundgang durch das chinesische Viertel unbedingt ansteuern: den buddhistischen Tempel auf der Ostseite des Olympiades-Geländes und den Supermarkt der Tang-Brüder:

Dieser 1989 entstandene buddhistische Tempel ist eine Einrichtung der „Amicale des Teochew en France“.

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 Die Teochew oder –wie sie nach der Aussprache auch bezeichnet werden: Chaozhou- stammen aus der im Süden Chinas gelegenen Provinz Guangdong. Vor 1975 war ihre Zahl in Frankreich völlig unbedeutend. Heute bilden sie die größte Gruppe unter den Chinesen in Paris und alle großen chinesischen Händler der Hauptstadt gehören zu ihnen. Dieser Wohlstand wird auch an dem Tempel sichtbar. Liegt der zweite Tempel der Olympiades unter dem Beton-Boden des Geländes und versteckt neben der Zufahrt zur Tiefgarage (Rue de Disque/Avenue d’Ivry- siehe Plan), so ist der Tempel der Teochew kaum zu verfehlen: Hinweisschilder verweisen auf ihn und seine Architektur hebt ihn aus  dem betongrauen Einheitsbrei der darum herumstehenden Hochhäuser und Einkaufszentren heraus. Besucher werden freundlich empfangen und es gibt auch ein Informationsblatt zum Tempel und der Amicale des Teochew.

Die Vereinigung bietet eine Vielzahl von pädagogischen, künstlerischen, sportlichen und religiösen Aktivitäten an. Ziel ist es vor allem, die landsmannschaftliche Verbundenheit und die Traditionen der Teochew in Frankreich zu bewahren und Neuankömmlinge dabei zu unterstützen, in Frankreich Fuß zu fassen.  Im Tempel beeindrucken vor allem die 18 „wilden Kerle“ an beiden Seiten. In Wirklichkeit sind das aber so etwas wie buddhistische Heilige, sogenannte „Luohans“ oder „arhats“: Sie haben übermenschliche Kräfte, mit denen sie das Wohlergehen der Menschen fördern und Gutes für sie tun. Jeder hat seine speziellen Aufgaben, meist an ihren Attributen erkennbar:   einer zum Beispiel jagt den Tiger, ein anderer bringt die Löwen zum Lachen, und ein weiterer der  18 zähmt den Drachen- ich nehme an, dass das der abgebildete Luohan ist.

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Zum Abschluss des Rundgangs sollte man unbedingt in den Supermarkt der Tang Frères gehen. Und dafür gibt es viele gute Gründe:

Dieser Supermarkt ist der größte ostasiatische Markt in Paris. Besonders an den Wochenenden kommen Ostasiaten aus dem ganzen Großraum von Paris zum Einkaufen hierher.  Allein schon hindurchzugehen und sich die Produkte und die Menschen anzusehen ist ein Abenteuer.                                                                                                                     Die Geschichte der Tang frères ist eine wunderbare ostasiatisch-französische Erfolgsgeschichte.

Die Brüder Khambou und Bounmy Rattanavan verließen 1975 ihr Heimatland Laos, emigrierten nach Paris und gründeten dort 1976 eine Export-/Importfirma mit dem Namen Tang-Frères. Inzwischen ist das –laut Wikipedia- „the biggest Asian supermarket chain west of China“. Umsatz  2009: 174 Millionen €! Erreicht wurde dies u.a. durch eine breite Diversifizierung. Es gibt nicht nur Tang- Supermärkte, sondern auch Tang- China-Imbiss-Stuben –etwas übertrieben Tang Gourmet benannt- , z.B. am Place d’Italie und –natürlich- in der Rue de Belleville. Außerdem importiert und produziert das Unternehmen chinesische DVDs,  ist im TV-Geschäft aktiv und hat zahlreiche lukrative Alleinvertriebsrechte: unter anderem für Danone-Produkte in China und in Frankreich für das Tsingtao-Bier (gegründet 1903, wie stolz auf den Dosen vermerkt wird, und zwar von deutschen Braumeistern in der damaligen Kolonie Tsingtao, was allerdings nicht auf den Dosen steht. Damals hatte das Bier allerdings noch einen anderen Namen: Es hieß „Germania“[15]).

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Einer der beiden Tang-Brüder äußerte sich in einem Gespräch mit Time Europe vom 26. Juni 2000 folgendermaßen zum Verhältnis von Identität und Integration:

„The problems [of integration into France] are mainly problems of communication. At first, the Chinese community made the mistake of remaining closed. They didn’t communicate. But now there’s a second generation that’s been to school here, and it’s opening up more. I think it would be a shame for my children to lose their Chinese culture. Europe needs young people with a dual culture. When you’ve known war and poverty, it makes you stronger. When you’ve got a strong sense of family, you want your kids to succeed. So you keep an eye on them and make sure they study hard. When parents attach importance to their children’s studies and offer encouragement, the children can only succeed.”[16]

Diese Verbindung von Traditionsbewahrung, Integration in die neue Heimat, Familiensinn- bzw. weiter gefasst: landsmannschaflicher Verbundenheit, Lernwillen und Aufstiegsbewusstsein scheint mir, soweit ich das beurteilen kann, typisch zu sein für die Chinesen/Südostasiaten in der Pariser „Chinatown“. Und es ist ja sicherlich auch kein Zufall, dass in dem kurzen Statement zweimal die Begriffe „study“ und „succeed“ verwendet werden: Wenn –wie auch jetzt wieder anlässlich der PISA-Ergebnisse- auch in Frankreich von den schulischen Problemen der Kinder mit „Migrationshintergrund“ gesprochen wird: Die Kinder aus der „Chinatown“ sind damit sicherlich nicht gemeint.  Costa-Lascoux/Yu-Sion heben in ihrer Arbeit über das 13. Arrondissement ausdrücklich die von allen Seiten bestätigte  Motivation,  Arbeitsqualität und den schulischen Erfolg der Schüler/innen asiatischer Herkunft hervor- und dies, obwohl zu Hause i.a. nicht französisch gesprochen würde und die Eltern die Sprache ihrer neuen Heimat oft auch nur sehr unvollkommen beherrschten. Die Schule sei für sie aber gewissermaßen „heilig“.  „Wenn ich nur asiatische Schüler hätte“, wird z.B. der Kollege einer Schule im 13. Arrondissement zitiert, „könnte ich abends früher und wesentlich weniger erschöpft nach Hause gehen“ (S.120). Die asiatischen Schüler sind also in vielfacher Hinsicht „des élèves modèles“ (S.119). Und dazu passt ja übrigens auch, dass das „außer Konkurrenz“ teilnehmende Shanghai bei der letzten PISA-Untersuchung weltweiter Spitzenreiter geworden ist.

Das chinesische Neujahrsfest

Jedes Jahr gibt es zum chinesischen Neujahrsfest den traditionellen Umzug durch das 13. Arrondissement. Hier wird einerseits das Traditionsbewusstsein der Asiaten deutlich, aber auch ihr Wunsch, sich nach außen zu öffnen und darzustellen. Der Umzug mit seinen spektakulären Drachen- und Löwentänzen, der mehrere Stunden dauert, ist ein Anziehungspunkt für die chinesischen Gemeinden der Ile-de-France, aber auch für viele alteingesessene Pariser und Touristen. Aufgrund der traditionellen, farbenfrohen Kostüme, der Böller und der „Motivwagen“ kommt man sich ein wenig vor wie auf unseren Faschingsumzügen, und die Veranstalter sprechen ja auch selbst von einem „Carnaval du nouvel an chinois“.

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Während es bei uns die verschiedenen Karnelvals- und sonstigen Vereine sind, die die einzelnen Wagen und „Nummern“ gestalten, sind es hier meistens die Vereinigungen von Chinesen aus verschiedenen Gegenden ihrer Heimat:  Die „Association amicale des Cantonais“,  die „Association de la Communauté de Hainan  en France“, die „Association des Panyu en France“…  Manche der Namen, die auf den jeweils vorangetragenen bestickten Transparenten erschienen,  hatte ich noch nie gehört, aber neben mir stand bei meinem letzten Besuch des Neujahrsfests ein freundlicher junger „Asiate“, der mir eine kleine Nachhilfestunde in chinesischer Geographie gab.

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Dieser Umzug zum chinesischen Neujahrsfest ist ein eindrucksvoller und anschaulicher Ausdruck der Bedeutung der „Asiaten“ in Frankreich.

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Und dabei ist dieser Umzug im 13. Arrondissement nur ein Teil der Festivitäten, die es zum chinesischen Neujahrsfest in Paris gibt. Auch die chinesischen Gemeinden im 3. und 20. Arrondissement veranstalten Umzüge, vor dem Rathaus des 11. Arrondissement und an  vielen anderen Stellen werden Löwentänze aufgeführt, es gibt oft auch Konzerte mit traditioneller chinesischer Musik, wie –hier zu sehen- im Festsaal des Rathauses  des 13. Arrondissements.

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Und überall sind die Rathäuser, in deren Bezirken eine größere chinesische Gemeinde lebt, und die „chinesischen Straßen“ und Geschäfte mit den glücksbringenden roten Lampions geschmückt.

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Das Rathaus des 3. Arrondissement

Gerade das chinesische Neujahrsfest ist also ein schöner Anlass, einen Eindruck von der Vielfalt,  Bedeutung und Vitalität des „chinesischen Paris zu gewinnen.

Pour en savoir plus:

Costa-Lascoux, Jacqueline und Live Yu-Sion: Paris-XIIIe, lumières d’Asie. Paris 1995

Marie Holzman, Chinois de Paris (1989).

Loizeau, Emmanuelle: Le 3e Arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Paris 2000

Pinçon, Michel und Pinçon-Charlot, Monique: Chinatown, un ghetto chinois à Paris? In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2009, S. 130-156

Führungen durch das ”chinesische Belleville”:  Donatien Schramm Tel. 06.30.75.47.22 cffc75@yahoo.fr (samstags 14.30)

Anmerkungen:

[1]  siehe dazu den Blog-Beitrag über Belleville vom Juli 2016

[2] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[3] Zur Geschichte der chinesischen Präsenz in Frankreich/Paris siehe den kleinen Text von Donatien Schramm: http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

Schramm ist Président de l’Association Chinois de France – Français de Chine

[4] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/ und Schramm (a.a.O.)  Dazu auch : Ma Li, Travailleurs chinois dans la première guerre mondiale (2012)

[5] www.tao-yin.com/wai-jia/cimetiere_noyelles.htm

[5a] siehe z.B. https://blogs.mediapart.fr/freddy-mulongo/blog/040321/paris-gare-de-lyon-la-remarquable-sculpture-de-chinois-de-li-xiao-ciao 

[6] Manon Pignon, 1914-1918. Paris dans la Grande Guerre. Paris, Parigrmme 2014

[7] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/

[8] Loizeau, S. 54- eine neuere Statistik habe ich nicht.

[9]http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer. Siehe dazu auch den Blog-Beitrag über Belleville (20. Arrondissement) vom Juni 2016

[10] http://www.weltenbummlermag.de/paris-naschkatzen

[11] http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/01/31/l-or-retrouve-du-restaurant-le-president-symbole-de-la-mue-chinoise-de-belleville_4357852_3224.html

http://www.evous.fr/Restaurant-Le-President,1128405.html#2jBLTGVD7cJ5VqxL.99

http://www.leparisien.fr/espace-premium/actu/comment-vote-13-04-2012-1952538.php

[12] Costa-Lacoux/Yu-Sion, 148

[13] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[14] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[15] http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

[16] http://www.time.com/time/europe/specials/immigration/voices_tang.html

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