Daniela David ist Reisejournalistin, Filmautorin, Gartenliebhaberin und Gartenkennerin. Sie ist fasziniert von der Gartenkultur verschiedener Epochen, Länder und Kulturen. In ihrem Blog gibt es ein weltweites Spektrum von Garten-Beiträgen, es werden aber auch weitere französische Gärten in der Provence, in Paris und der Normandie vorgestellt…
Der Garten der Villa Eilenroc
Der Garten der Villa Eilenroc an der Spitze von Cap d’Antibes hat eine sensationelle Lage, auf einem Plateau direkt am Mittelmeer. Und die Villa? Sie ist gigantisch. Mit ihren Säulen erinnert sie an das Weiße Haus in Washington. Charles Garnier, der berühmte französische Architekt der Alten Oper in Paris, hatte den Auftrag „Klotzen!“ Das war 1865. Der Meisterarchitekt sollte ein bombastisches Bauwerk schaffen.
Die Villa Eilenroc ruht auf der Halbinsel von Cap d’Antibes, die ins Meer hineinragt. Blau der Himmel und azurblau die See. Palmen wedeln im Wind.
Doch ursprünglich war hier nichts, kein Baum, kein Strauch – außer einem Felsen im Wasser mit grandioser Aussicht. Den Garten gab es noch nicht. Wie auch, auf einem Felsen? Der erste Gärtner kapitulierte sofort. Garten, geht nicht. Nicht hier.
Der zweite Gärtner, ein einfacher Mann, überlegte, zeichnete kurz einen Plan mit Struktur und Achsen. Der reiche Eigentümer winkte ihn durch und los ging es. Unzählige Esel schafften mit Karren die Erde herbei. Dies war die Voraussetzung für die Pflanzen: Palmen und Pinien, Olivenbäume und grüne Eichen, Jakaranda und Zypressen. Eilenroc ist die unglaubliche Geschichte von unmöglichen Ideen und von Machbarkeit. Esel sei Dank!
Und heute? „Inzwischen kämpfen wir, das üppige Grün im Zaum zu halten“, erklärt Jean-Pierre Schaefer vom Grünflächenamt in Antibes. Das sonnenverwöhnte Mikroklima der Côte d’Azur lässt exotische Pflanzen gut gedeihen. Durch Erbschaft gelangte das Anwesen in die öffentliche Hand. Da inzwischen nur noch eine Handvoll Gärtner zur Verfügung stehen und nicht wie einst rund 30, wird zwangsläufig der „natürliche Stil“ gepflegt.
In der Villa Eilenroc ist fast alles eine Nummer größer als üblich.
Die anfangs gepflanzten Bäumchen sind längst zu stattlichen Bäumen ausgewachsen. So promeniert der Besucher durch schattenspendende, mediterrane Wäldchen und Olivenhaine. Von den beiden großen Rosengärten kann der Neugierige auf die Nachbarvillen blicken. Sie gehören den Reichsten der Reichen dieser Welt, wie etwa dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Die Gärten jener Anwesen an der Côte d’Azur bleiben für reguläre Besucher allerdings verschlossen.
Der Jardin Thuret
Der Jardin Thuret ist ein wissenschaftlicher Garten, der stellenweise wie ein Urwald aussieht.
Für jeden Besucher offen und dazu ohne Eintrittsgebühr ist der Jardin Thuret, ein dschungelartiger Garten ein Stück weiter auf Cap d’Antibes. „Es ist der schönste Garten, den ich je gesehen habe“, hat Georg Sand über den Jardin Thuret in Antibes geschrieben. Vermutlich war es die unermessliche Vielfalt der exotischen Gehölze, die die Französin betörte. Doch der Besuch der Schriftstellerin ist schon eine Weile her.
Heute wuchert es in diesem Garten. Bäume strecken sich in den Himmel. Darunter sind seltene Exemplare, die die südländische Hitze lieben, wie der Arbutus andrachne. Ein Erdbeerbaum mit rotfarbenem Stamm! Diese Art stammt vom Balkan. Zuerst wächst die Rinde in Grün, dann schält sie sich und gibt den glatten Stamm frei in Rot. Dieser Baum ist ein Exzentriker! Er stich im Kreise seiner Nachbarn deutlich hervor und zieht die Blicke auf sich.
Ein seltenes Rot: Arbutus andrachne, der Erdbeerbaum.
Forschungsgarten mit Historie
„Wir führen in unserem Jardin Thuret viele Forschungen durch“, sagt Catharine Ducatillon, die Direktorin des Forschergartens. „So untersuchen wir, wie sich die Bäume auf den Klimawandel einstellen.“ Die Wissenschaftlerin ist eine Frau mit Erfahrung. Pflanzen sind ihre Leidenschaft. So passioniert war auch der Begründer dieses Gartens an der französischen Riviera: Gustave Thuret (1817-1875). Der Pflanzenkenner kaufte 1857 ein fünf Hektar großes Grundstück auf der Halbinsel Cap d’Antibes. In 20 Jahren pflanzte er dort rund 4.000 Pflanzenarten. Viele der teils exotischen Gewächse stammten aus Kolonien.
„Thuret hatte in gewisser Weise einen extremen Charakter“, versucht Catherine zu erklären. „Er zog Dinge durch!“ Protestantisch, diskret, seriös. Ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine wohlhabende hugenottische Familie stammte aus den Niederlanden. Gustave Thuret sprach mehrere Sprachen und war in der Welt unterwegs, auch als Attaché in der Botschaft Frankreichs in Konstantinopel.
Seine Schwägerin, die später den Garten mit der Villa an der Côte d’Azur erbte, vermachte das Anwesen dem französischen Staat. „Noch heute leben Mitglieder der Familie Thuret in der Region“, berichtet Catherine. „Und sie interessieren sich nach wie vor für den Garten.“
Pflanzenjäger im Auftrag der Wissenschaft
Büste von Gustave Thuret
Doch Thuret war kein üblicher Pflanzenjäger wie die gartenanlegenden Engländer zu der Zeit an der Riviera. Thuret war Botaniker. Sein Interesse galt der Wissenschaft. Er untersuchte die exotischen Pflanzen in seinem Garten und protokollierte, wie sich die eingeführten Bäume an das Mittelmeer adaptierten.
Dank seiner Aufzeichnungen, die nach seinem Tod fortgeführt wurden, weiß man heute ganz genau, wann welcher exotische Baum gepflanzt wurde. Ein unermesslicher Schatz für Wissenschaftler. Wie haben die Pflanzen sich an den Ortswechsel angepasst? Wie reagieren sie auf Trockenheit? Wie ertragen sie Schädlingsbefall? Fragen, die heute aktueller denn je sind.
„Der Jardin Thuret ist der einzige Garten in der Gegend, in dem eine aktive wissenschaftliche Recherche stattfindet“, erklärt Cathrine etwas stolz. Gestern waren Studenten von der Uni in Montpellier im Garten und untersuchten bestimmte Baumarten. Forscher aus der ganzen Welt besuchen den Jardin Thuret für ihre Forschungszwecke. Insgesamt zählt der Garten an der Côte d’Azur 15.000 bis 20.000 Besucher im Jahr.
Die Côte d’Azur ohne Palmen – unvorstellbar!
Der Mann mit der Phoenix Palme
So ist der Jardin Thuret das Gegenteil eines typisch französischen Gartens: nicht streng geordnet und beschnitten, sondern wild und natürlich. In diesem Park mit dem großen Pflanzenreichtum haben die Bäume die Chance, zu ihrer eigenen Gestalt heranzuwachsen. Kein Gärtner beschneidet sie. „Für mich ist das die Harmonie der Natur“, schwärmt Catherine.
Gustave Thuret war es auch, der die Phoenix-Palme von den Kanarischen Inseln an die Côte d’Azur brachte. Vor dem 19. Jahrhundert gab es dort nur zwei eigene Palmenarten. Thuret ließ die Phoenix Palme von den Kanarischen Inseln heranschiffen. Diese groß wachsende, einstämmige Palme sollte zum Emblem der Riviera werden. Das Postkartenmotiv schlechthin.
Praktische Hinweise:
Jardin Eilenroc: Avenue Mrs Beaumont 06160 Cap D’Antibes, Antibes
Samstags 10-17 Uhr geöffnet
Jardin botanique de la villa Thuret:
90, chemin Gustave Raymond 06160 Antibes Juan-les-Pins
Öffnungszeiten: April bis Oktober 8 h 00 – 18 h 00; November bis März 8 h 30 – 17 h 30
Daniela David veröffentlicht auch Romane unter dem Pseudonym Elena Eden, zuletzt den Côte d‘Azur Gartenroman „Der Garten im Licht.“ Es ist eine deutsch-französische Familiengeschichte, kann aber gleichzeitig als Gartenreiseführer dienen. Am Ende werden zahlreiche Gärten mit Adressen, Informationen und Tipps der Autorin aufgeführt.
Elena Eden, Der Garten im Licht – Côte d’Azur-Roman, E-Book (3,99 Euro) und Taschenbuch (13,99 Euro) bei Amazon und im Buchhandel, 2024
Baden in der Seine? Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen. Immerhin war seit 1923 das Baden in der Seine verboten… 1988 hatte Bürgermeister Jacques Chirac es zwar vollmundig angekündigt, aber als er 2019 starb, war nichts geschehen und kein Seine-Bad in Sicht.[1]
Dass seit 2025 das Bad in der Seine dann doch für die Öffentlichkeit möglich ist, ist vor allem den Olympischen Spielen Paris 2024 zu verdanken. Es war der Ehrgeiz der Organisatoren, spektakuläre Spiele zu veranstalten und dazu einige Schwimmwettbewerbe in der Seine auszutragen. Zur Verbesserung der miserablen Wasserqualität wurden 1,4 Milliarden Euro investiert, u.a. für ein 50 000 m3 umfassendes Rückhaltebecken am gare d’Austerlitz, das verhindern soll, dass bei Starkregen Schmutzwasser ungefiltert in die Seine gelangt.[2]
Start des olympischen Frauen-Triathlons am Pont Alexandre III[3]
Zwar mussten Wettbewerbs-Termine wegen unzureichender Wasserqualität verschoben werden. Und es gab bei den Athleten vereinzelt Beschwerden wegen sehr kurzfristig angesetzter neuer Termine und wegen gesundheitlicher Probleme nach den Wettkämpfen. Aber wie auch immer: Die vorgesehenen Wettkämpfe konnten alle durchgeführt werden.
Und ein Jahr später ist nun im Rahmen des jährlichen Paris-plages-Programms für die Öffentlichkeit kostenloses Baden in der Seine möglich…
…. und zwar an drei Stellen vom 5. Juli bis Sonntag, 31. August (bzw. an zwei Stellen bis 7. bzw 14. September – siehe unten)
Es sind Bercy im Osten der Stadt gegenüber der Bibliothèque François Mitterand, Bras Marie gegenüber der Île Saint-Louis im Zentrum und Grenelle mit Blick auf den Eiffelturm im Westen.
Dazu kommen noch wie in den letzten Jahren die beiden Badestellen am Canal Saint-Martin und im Bassin de La Villette. Hier ein kleiner Überblick mit näheren Informationen und ersten fotografischen Eindrücken-und dazu noch ein Bick auf eine stadtnahe Badestelle an der Marne…
Baignade Bercy
Baignade Bercy 183, quai de Bercy, Paris 12e Täglich von 11 bis 21 Uhr
Die Badestelle liegt gegenüber den Türmen der Bibliothek François Mitterand und unterhalb der eleganten Passerelle/Fußgängerbrücke Simone de Beauvoir.
Gleich bin ich auch dabei….
Baden ist leider nur mit den gelben luftgefüllten Kissen erlaubt. Das stört zunächst etwas, aber man kann sich daran gewöhnen. Und sich auch mal darauflegen und damit in der leichten Strömung flussabwärts treiben lassen.
Allerdings war es bei unserem Besuch ziemlich voll: Also schön, im Flusswasser zu baden. Schwimmen war da aber nicht möglich…
Auf der anderen Seite der Seine liegt das Badeschiff Josephine Baker. [2a] Das bietet sich als Alternative für diejenigen an, die -aus welchen Gründen auch immer- Badin der Seine scheuen, aber ein Bad auf der Seine. Hier war aber ganz offensichtlich der Andrang beim Badeschiff sehr gering. Das Bad in der Seine war offenbar attraktiver ..
Baignade Bras Marie
Baignade Bras-Marie 2, port des Célestins, Paris 4e Montag bis Samstag 8-11.30 und Sonntag 8-17.30 Uhr
Gute Bedingungen fürs Schwimmen: Zwar etwas wolkig, aber gute Wasserqualität („bomme“ bedeutet wohl/hoffentlich „bonne“) und 24 Grad Wassertemperatur
Ein Selfie fürs Fotoalbum, im Hintergrund der Pont Marie. Es ist -nach dem Pont Neuf- die zweitälteste noch erhaltene Brücke der Stadt. Auf der anderen Seite des Seine-Arms auf der Île Saint-Louis stehen noble Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert; den Anfang macht das exquisite hôtel Lambert: in der Tat „un tableau théâtral parisien.“ (Télérama 23.7.2025). Ein paar Schritte weiter flussabwärts gibt es die bar des Nautes im ehemaligen Maison des Célestins, und hinter dem Pont Marie die als Bars und Restaurants dienenden Flussschiffe; dazu genug Platz entlang der Seine zum Hinsetzen, Hinlegen, „Chillen“ – da, wo noch vor wenigen Jahren auf der Voie Pompidou die Autos entlangrasten….
Sehr schön ist auch, dass es, anders als in Bercy, hier keine feste Absperrung zur Seine gibt. Das ist ein ganz anderes Badegefühl. Allerdings lag bei unserem Besuch ein Polizeiboot in der Nähe. Das ist offenbar abgestellt, um zu verhindern, dass jemand mal ins „Freie“ schwimmt… Die Stadtverwaltung von Paris tut alles nur Erdenkliche dafür, um Beeinträchtigungen des „Grand Bain“, des großen Seine-Badefestes zu verhindern…
Montag bis Freitag und Sonntag 10-17.30, Samstag 10-16.45 Uhr
Metro Station Bir-Hakeim
Als wir am 20. Juli bei schönstem Wetter zur Badestelle kamen: Kein Zugang. Enttäuschte Schwimmfreunde, „außerordentliche Schließung“ – ohne weitere Erklärung. Der allein anwesende Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma konnte auch keine Auskunft geben.
Ganz offensichtlich handelte es sich um ein Problem der Wasserqualität. Am 19. Juli hatte es einen Starkregen gegeben, der offenbar die Pariser Kanalisation überfordert hatte. Das hatte es ja auch schon bei den Olympischen Spielen gegeben, wo Wettbewerbe verschoben werden mussten, und auch kurz nach dem 5. Juli, als gleich nach Beginn der Seine-Badesaison die Badegelegenheiten schon wieder geschlossen werden mussten. Das Bad in der Seine ist also mit einigen Unwägbarkeiten verbunden, zumal man aufgrund des Klimawandels mit solchen Starkregen-Ereignissen immer häufiger rechnen muss.
Wir konnten am 20. Juli also nur Bilder von der menschenleeren Anlage vom Bras de Grenelle machen.
Blick auf das Grenelle-Bad vom Pont Bir-Hakeim
Auf der Seite von www.paris.fr gibt es immerhin auch Bilder mit Badegästen.[5]
Insgesamt war allerdings die Einrichtung der drei Badeanstalten in der Seine ein großer Erfolg. Der Parisien vom 5. August meldete am 5. August 2025, also nach genau einem Monat seit Beginn der Seine-Badesaison, dass insgesamt etwas über 35 000 Personen von der neuen Möglichkeit Gebrauch gemacht hatten – eine doch beträchtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass im ersten Monat aufgrund der „kapriziösen Wetterbedingungen“ nur an 17 Tagen das Baden in der Seine möglich war….
Aktueller Nachtrag (28. August und 6. September 2025)
Insgesamt waren es von Anfang Juli bis Ende August etwa 100 000 Badegäste, die das Angebot des Seine-Schwimmens genutzt haben. (Le Parisien vom 27.8.: La baignade dans la Seine prolongée en septembre sur deux sites)
Aufgrund des großen Erfolgs hat die Pariser Stadtverwaltung beschlossen, die Badesaison an der Seine zu verlängern: Zunächst hieß es, Grenelle schließe erst am 7. September, Bercy am 14. September. Dann wurde aber die Badesaison in der Seine publikumswirksam bis zum 21. September verlängert.
Für den Bras Marie bleibt es beim vorgesehenen Abschluss Ende des Monats. Verantwortlich ist dafür der Schiffsverkehr, der an dieser Stelle bei Badebetrieb unterbrochen werden muss, aber ab September wieder in vollem Umfang aufgenommen werden soll. Auch im nächsten Jahr wird am Bras Marie kein Baden mehr möglich sein. Ein alternatives Angebot wird geprüft.
Insofern ist dieses Werbeplakat leider unkorrekt: Es handelt sich bei dem Foto ja eindeutig um die Badestelle Bras Marie, wo das Baden gerade nicht verlängert wurde…. Das gilt auch für dieses Foto aus der „Verlängerungs-Serie“.
Ganz offensichtlich ist/war das Bad am Bras Marie das schönste und werbewirksamste. Wie schade, dass gerade dieses Bad dauerhaft geschlossen wird…
Bassin de la Villette
Baignade estivale – La Villette 40 Quai de la Loire, Paris 19e
Wie schon in den vergangenen Jahren [6] gibt es auch in diesem Jahr wieder bis 31. August die Möglichkeit, im Bassin de la Villette zu baden und zwar sonntags von 11-18 Uhr und montags bis samstags von 11-21 Uhr
Auch in der Marne kann man -wenn Wetter und Wasserqualität mitspielen- wieder schwimmen!
plage de Maisons-Alfort
1, avenue Joffre, Maisons-Alfort (94).
Die Badestelle 2017
In den ersten Jahren unseres Paris-Aufenthaltes waren wir oft im Sommer an der Marne. Da gab es gut erreichbar mit der Métro Linie 8 die Stufen einer ehemaligen Badeanstalt. Offiziell war das Baden verboten, aber selbst die städtische Polizei, die ab und zu vorbeikam, ermahnte höchstens die Sonnenanbeter und (potentiellen) Badegäste, wegen der Wasserqualität und des Schiffsverkehrs auf das Bad im Fluss zu verzichten, ließ es aber dabei bewenden.[7] Verzichtet haben wir dann erst auf das Bad in der Marne, als ich beinahe beim Kraulen im Fluss von einem Lastkahn „überfahren“ worden wäre und als einmal an der Badstelle große tote Fische im Wasser dümpelten.
Die ehemalige Badestelle 2025
Im Rahmen der Vorbereitung für die Olympischen Spiele wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, das Wasser auch der Marne zu säubern. Sie mündet ja kurz Paris in die Seine und hat deshalb große Bedeutung für deren Wasserqualität. [8] So konnten 2025 auch an der Marne vier Badeanstalten eröffnet werden, darunter die von Paris aus gut erreichbare in Maisons-Alfort: Es gibt dort zwar jetzt weniger freizügiges und auch nicht mehr kostenloses Schwimmen, aber dafür mehr Komfort und mehr Sicherheit.
Badestelle Maisons-Alfort. Täglich 10-18 Uhr. Mittwoch 10-20 Uhr, Samstag 10-19 Uhr. Für auswärtige Besucher 8 Euro Eintritt für ein Zeitfenster von zwei Stunden. (Einheimische zahlen 3 Euro). Reservierung (max 3 Tage vorher) unter marneboisplages.fr
Es gibt zwei Becken, eines, in dem auch Kinder stehen können, ein zweites, immerhin 50 Meter langes Becken zum Schwimmen. Und das ist im Vergleich zu den Badestellen in der Seine doch etwas Besonderes und versöhnt vielleicht mit dem hohen Eintrittspreis.[9]
Ein Nachteil ist allerdings ein permanenter Geräuschpegel: Entlang der anderen Seite der Marne verläuft die Autoroute de l’Est, in der Nähe der Badeanstalt überqueren zwei Brücken mit Autobahnzufahrten die Marne….
Wir wären trotzdem sehr gerne nach so vielen Jahren wieder in der Marne geschwommen, aber dann war auch dort geschlossen… .
Die Badeanstalt erreicht man in „20 Minuten von der Metro„[10] Wenn man nicht im Sturmschritt läuft, dauert es allerdings etwas länger : Métro Linie 8, Station École Vétérinaire Maisons-Alfort. Von dort sind es nur wenige Schritte bis zur Marne, dann flussaufwärts entweder die Straße (Rue du maréchal Juin und dann Avenue Foch) oder den alten/neu angelegten Treidelpfad/Leinpfad (chemin de halage) entlang der Marne. Den sollte man für einen Weg nutzen: Ein schöner Spaziergang!
Seit einigen Jahren gehört der Besuch der Jahresausstellung in der Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles zu unserem „Sommerprogramm“.
Da ist es immer wieder die Freude des Wiedersehens: Es ist gleichsam ein Besuch bei alten Freunden. Das beginnt am Eingang mit dem -jedes Jahr neu zusammengestellten- Kräutertee.
Dann der Weg hoch zur Villa.
Dort wird man von Miquel Barcelós bronzenem Alycastre empfangen, einem legendären Insel-Ungeheuer.
Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf da, halb als mächtigen Herrscher der Meere dar, der über den Ort und seine Besucher wacht.
Und dann freuen wir uns natürlich auf Bruce Naumans „One Hundret Fish Fountain“.
Aus 97 bronzenen Fischen sprudelt da das Wasser. Es gibt neben dem Brunnen eine Bank zum Hinsetzen, zum Zusehen, Zuhören – ein idealer Ort auch zur Meditation.
Das gilt auch oder sogar noch mehr für Barcelós Unterwasserpanorama in einem kapellenartigen Seitenflügel des Untergeschosses.
Und dann sind wir natürlich gespannt auf VERTIGO, die neue Jahresausstellung.
Anspruch der Ausstellungmacher ist es, ausgehend von den Erfahrungen der heißen Mittelmeersonne, des Mistrals, der Wellen, der Weite des Himmels und der Meerestiefen auf der Insel Porquerolles „die Verbindungen zwischen der Wahrnehmung von Naturphänomenen und der Abstraktion seit den 1950-er Jahren“ zu erkunden.
Als Motiv des Ausstellungsplakats dient das Bild von Oliver Beer (Großbrittannien 1985): Resonance Painting (Lovesong), 2024 (Ausschnitt), das auch die die Ausstellung prägende Farbe Blau des Meeres und des Himmels vorgibt.
Besonders gespannt sind wir natürlich darauf, wie der zentrale sonnenüberflutete Raum der Villa mit seinem gläsernen Dach und der Wasserfläche darüber gestaltet ist. Das ist ja eine große Herausforderung, weil hier das jeweilige Thema der Ausstellung sichtbar und erlebbar gemact werden soll. Sehr eindrucksvoll war das beispielsweise bei den zerbrochenen Segeln der Odysseus- Jahresausstellung von 2022…
…. oder der mächtigen Spinne der Louise Bourgeois bei der „Infinite Woman“- Ausstellung von 2024.
Diesmal ist es eine Installation des venezolanischen Künstlers Jesús Rafael Soto (1923-2005)
Jesús Rafael Soto, Esfera Amarilla (1984)
453 gelb bemalte Metallstäbe sind kugelförmig an der Decke befestigt. Je nach der Sonneneinstrahlung, dem Wind, der das Wasser auf der Glasdecke bewegt, und den eigenen Bewegungen werden unterschiedliche flirrende Spiegelungen und Schattierungen erzeugt. Es gibt einen Prozess ständiger Veränderung, Verwandlung: also genau das, was mit dem vom lateinischen vertere abgeleiteten Namen der Ausstellung bezeichnet wird.
Die Ausstellung ist in verschiedene Abschnitte gegliedert, die sich auf die Bereiche des Wassers, der Erde, der Luft, des Weltraums und des Unendlichen beziehen. Ich werde diesen -für mich auch nicht durchweg unmittelbar nachvollziehbaren- Einteilungen der Exponate nicht folgen, sondern nur einige Werke vorstellen, die uns besonders angesprochen haben.
Flora Moscovici (Frankreich 1985), À la poursuite du rayon vert/Romancing the Light, 2025 (Ausschnitt)
Der untere Eingangsbereich des Gebäudes wurde für die Ausstellung von Flora Moscovici ausgemalt. Hier ein kleiner Ausschnitt. Die Künstlerin ließ sich vom Meer, den Pflanzen und dem Licht von Porquerolles anregen und bezog dabei auch ihre Erfahrungen als Taucherin anregen. Und auch das Tauchen ist ja ein Prozess ständiger Bewegung und Veränderung.
Passend dazu:
Helen Frankenthaler (USA, 1928-2011), Petroglyphs, 1990)
Thomas Ruff (Deutschland, 1958) d.o.pe.05/2022 (Ausschnitt)
Diese Arbeit ist angeregt von Aldous Huxleys 1954 erschienenem Buch The Doors of Perception (Die Pforten der Wahrnehmung), in dem er seine Erfahrungen mit der Einnahme von Drogen beschreibt und reflektiert. Dem beigefügten Informationstext zufolge lädt Ruff uns mit seiner Arbeit dazu ein, unsere gewohnten Wahrnehmungsweisen beiseite zu lassen und uns „von den Tiefen eines unendlich fragmentierten Motivs“ inspirieren zu lassen. Ich habe hier -aus dem Ausstellungsbereich des Aquatischen kommend- eher an einen Korallengarten gedacht, teilweise noch bunt „blühend“, teilweise aber auch schon von der immer mehr sich ausbreitenden Bleiche befallen….
Bernard Frize (Frankreich 1949), Rami, 1993
In einer Ausstellung, in der das Blau des Meeres und des Himmels eine zentrale Rolle spielt, darf Yves Klein natürlich nicht fehlen, ist er doch der Schöpfer des nach ihm benannten „Blau“, 1960 patentiert unter der Bezeichnung IKB (International Klein Blue).
Hier ist ein monochromer blauer „Teppich“ ausgestellt, über dem 12 blau bemalte hölzerne Stäbe hängen: pluie bleu/ blauer Regen – erste Version 1957 – ein Versuch, „sich der blauen Unendlichkeit des Himmels anzunähern“ (beigefügte Informationstafel).
Hinter dem „blauen Regen“ Yves Kleins ein aus kleinen silbernen Metalltäfelchen gefertigtes Werk von Anna-Eva Bergman (Schweden, 1909-1987), in dem sich das Blau Yves Kleins spiegelt. Es handelt sich um eine Leihgabe der Fondation Hartung-Bergman in Antibes, einem künstlerischen highlight der an Kunstwerken so reichen Côte d’Azur.
Auch von Bergmans Ehemann Hans Hartung (Deutschland/Frankreich, 1904-1989) gibt es ein zur dominanten Farbe Blau passsendes Bild in der Ausstellung (T1967-H22, 1967) – hier kann man vielleicht an ein sich zusammenbrauendes Gewitter denken…
Rotraut (Deutschland 1938), Éclipse, undatiert
Und es gibt auch ein Bild von Rotraut, die 1962 Ehefrau von Yves Klein wurde. Rotraut hat bewusst ihren Vornamen als Künstlernamen gewählt, weil sie als eigenständige Künstlerin gesehen werden wollte und nicht als Ehefrau von Yves Klein; und auch nicht als Schwester von Günther Uecker, der seit den 1960-er Jahren eine europaweit bekannte Persönlichkeit der künstlerischen Avantgarde war.
In diesem für Uecker charakteristischen Nagelbild geht es sehr stürmisch zu. Die Geburtsstunde dieser Nagelbilder war vielleicht 1945, als der 15-jährige Günther beim Einmarsch der Roten Armee Türen und Fenster des elterlichen Hauses in Mecklenburg vernagelte, um ein Eindringen der Soldaten und die Vergewaltigung seiner Mutter und Schwestern zu verhindern.
Günther Uecker (Deutschland, 1930-2025) Spirale I, 2002 (Detail)
Günther Uecker gehörte auch 1958 zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe Zero. Der Name war Programm: Er sollte auf die Notwendigkeit eines völligen Neubeginns der Kunst nach der Katastrophe des Nationalsozialismus hinweisen. Die beiden anderen Gründungsmitglieder der Gruppe waren Otto Piene (1928-2014) und Heinz Mack, die ebenfalls in der Ausstellung vertreten sind.
In Pienes Lightroom with Mönchengladbach Wall, 1963-2013) wird es kosmisch. Mehrere Scheinwerfer und Installationen erzeugen ein Light Ballet, eine Choreographie des Lichts.
Ganz anders dann eine kleine Zeichnung von Heinz Mack (Deutschland, 1931), die den Abschluss der Ausstellung bildet und gleichzeitig ihr ältestes Exponat ist.
Die Zeichnung entstand 1950, als Heinz Mack, damals 19 Jahre alt, das Grab seines im Krieg gefallenen Vaters in Bordeaux besuchte und dabei das Meer entdeckte mit den Spiegelungen der Sonne auf der Wasseroberfläche und in der Luft. Auf dieser Zeichnung erkennt man zwei Schichten von Linien: Eine Schicht mit geraden Linien eine andere mit sägezahnförmig gezackten Linien. „Ihre Beziehung untereinander und mit dem weißen Untergrund erzeugt“ nach den Worten der beigefügten Informationstafel, „eine feine optische Bewegung“. Ein schöner Abschluss der Ausstellung.
Aber halt! Da müssen wir doch noch etwas übersehen haben! Zu allen Jahresausstellungen in der Villa Carmignac gehört doch auch das kleine bronzene Pflänzchen, ein Unkraut, das nicht totzukriegen ist, das immer irgendwo anders eine kleine Spalte gefunden hat.
Tony Matelli, Weed #389, 2017
„Unkraut ist immer zugleich ein Triumph und eine Niederlage. Unkräuter sind nicht totzukriegen. Sie feiern das Unerwünschte. Sie sind Unrat und Leben zugleich“. Tony Matelli
Diesmal mussten wir allerdings die Hilfe einer Dame der Stiftung in Anspruch nehmen, um Tony Matellis Pflanze zu finden: Unten am Gang zu dem Aufzug und den Toiletten – und die hatten wir nicht in Anspruch genommen.
Darüber die Plakate der letzten Jahresausstellungen.
Danach lädt der Garten zu einem Rundgang ein.
Blick nach draußen auf das Meer und die Küste
Blick nach innen
Auch im Garten ist es eine Freude, Bekanntes wiederzusehen und Neues zu entdecken.
Olaf Breuning, Mother Nature, 2018
VHILS, Scratching the Surface Porquerolles 2018
Breuning und VHILS sind alte Bekannte, neu ist dagegen die geflochtene Hütte von Flora Kuentz: Sie soll zur schöpferischen Kommunikation einladen (Espace dédié aux ateliers créatifs), bietet aber auch ganz schlicht die Möglichkeit zu einer kleinen Rast und Schutz vor Sonne und Hitze…
Eine schöne Möglichkeit zur Rast sind aber auch die Liegestühle und Tische unter den alten Olivenbäumen. Es gibt dort auch einen Foodtruck mit freundlicher Bedienung und kalten und warmen Getränken.
Da kann man noch einmal die Ausstellung an sich vorbeiziehen lassen und freut sich schon auf das Wiedersehen im nächsten Jahr.
Praktische Informationen
Villa Carmignac, Porquerolles Island, Var, France Vom 26. April bis zum 2. November 2025 Die Insel Porquerolles erreicht man in ca 20 Minuten mit der Fähre von der Halbinsel Giens aus. Abfahrten i.a. alle halbe Stunde von der Fährstation La Tour Fondu. Bezahlte Parkplätze sind dort ausreichend vorhanden. Vom Hafen Porquerolles bis zur Villa Carmignac sind es ca 20 Minuten Fußweg. Ein Inselplan liegt im Touristenbüro am Hafen aus.
Im Frühjahr 2025 fand in den Archives Nationales in Paris eine Ausstellung statt, in der die erste bildliche Darstellung der Jeanne d’Arc zu sehen war: Eine kleine Zeichnung, angefertigt am 10. Mai 1429, als sich in Paris die Nachricht von der Niederlage der Engländer bei Orleans verbreitete. Sie befindet sich am Rand des Régistre du conseil, des Protokolls des Parlaments von Paris: Der Protokollant, Clément de Fauquembergue, hat Jeanne d’Arc nie gesehen und stellte sie so dar, wie er sie sich aufgrund der umlaufenden Berichte vorstellte und wie sie bis heute unser Bild von Jeanne d’Arc geprägt haben.
Diese Ausstellung hat mich angeregt, mir einmal gezielt die Pariser Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc anzusehen, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen und in ihren unterschiedlichen Darstellungsformen besser zu verstehen.
Das Andenken an Jeanne d’Arc ist nicht neutral: Es ist „Ausdruck der geistigen Konflikte, welche die französische Gesellschaft seit Beginn der Moderne gespalten haben.“ Über nahezu 50 Jahre stritten sich die Linke und die Rechte in Frankreich um sie. [1] Für die Linken war sie eine “Bannerträgerin des antiklerikalen Republikanismus“; aber auch der nationale Katholizismus entdeckte Jeanne d’Arc als Kultfigur. Und die extreme Rechte beanspruchte sie als Ahnherrin und versammelte sich einmal im Jahr vor ihrem Reiterstandbild auf der place des Pyramides in Paris.
Jeanne d’Arc war damit gleichzeitig republikanische Nationalheldin und katholische Nationalheilige, und in der Erinnerung an die „Heilige des Vaterlandes“ konnte sich das republikanische mit dem katholischen Frankreich aussöhnen. Es gibt jedenfalls keine andere historisch belegte Frauengestalt, die noch nahezu 600 Jahre nach ihrem Tod im kulturellen Gedächtnis der Franzosen so lebendig geblieben ist. Dem entsprechend ist auch keine andere Person, erst recht keine Frau, derart oft im öffentlichen Raum von Paris präsent: Es gibt hier insgesamt 7 Jeanne d’Arc – Statuen -wozu noch viele andere in Kirchen kommen.
Nachfolgend möchte ich einige dieser Statuen vorstellen: Sie geben einen Einblick in die Geschichte des Mythos der Jeanne d’Arc, aber auch in den Zusammenhang dieses Mythos mit der Sozialgeschichte und der politischen Geschichte Frankreichs.
Beginnen möchte ich mit einem Standbild der betenden Jeanne d’Arc vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau (16. Arrondissement). Es handelt sich um die Kopie eines Werks der Marie d’Orléans (1813-1839). Marie d’Orléans war eine Tochter des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe. Bevor sie durch ihre Heirat Herzogin von Württemberg wurde, betätigte sie sich, Schülerin des romantischen Malers Ari Scheffer, als Bildhauerin. Besonders intensiv beschäftigte sie sich mit der Gestalt der Jeanne d’Arc: In Versailles gibt es die Marmorstatue einer betenden Jeanne, von der zahlreiche Kopien angefertigt wurden. Eine davon steht vor der Kirche Saint Honoré-d’Eylau in Paris.
Es ist das anrührende Bild eines im Gebet versunkenen jungen Mädchens. Es tragt zwar Rüstung und ein Schwert in ihren Händen, aber es ist nichts Martialisches an ihr. Dazu passt auch eine weitere Jeanne d’Arc- Skulptur der Marie d’Orléans: Das im Musée des beaux-arts Lyon ausgestellte Standbild der reitenden Jeanne d’Arc, weinend angesichts der verwundeten Engländer: Jeanne d’Arc ist zwar eine Kämpferin, aber sie hat auch Gefühle: Sie bekämpft die Engländer, sieht aber auch das Leid. Sie ist demütig, senkt ihr Haupt vor den Opfern und vor Gott.[2]
Aus der Zeit vor 1871 stammt auch die Jeanne d’Arc-Statue von François Rude. Rude wurde berühmt durch das Marseillaise genannte Relief am Arc de Triomphe, das den Auszug der Freiwilligen 1792 darstellt und verherrlicht. Die von ihm geschaffene Jeanne d’Arc-Statue gehörte zu der Galerie bedeutender Frauen, die im Jardin du Luxembourg aufgestellt sind. Um sie allerdings vor den Witterungseinflüssen zu schützen, wurde sie 1872 ins Louvre überführt und durch eine andere Statue ersetzt. [3]
Rude hat Jeanne als einfaches Mädchen dargestellt. Sie kommt vom Feld oder Garten und trägt in der linken Hand das, was sie dort gesammelt hat. Die andere Hand hat sie ans Ohr gelegt: Sie hört die Stimmen, die zu ihr sprechen. So steht sie zögernd da zwischen Erde und Himmel- drei Jahre soll es ja gedauert haben, bis sie sich entschloss, ihren Stimmen zu folgen. Auf den Boden hat Rude aber schon eine Rüstung gestellt, die auf ihre Bestimmung verweist.
Ganz anders die vier Standbilder, die zwischen 1871 und 1914, dem „goldenen Zeitalter“ der städtischen Skulptur, in Paris errichtet wurden. Insgesamt wurden in diesen Jahren etwa 150 Skulpturen in Paris aufgestellt, die fast ausschließlich „großen Männern“ gewidmet waren. Nur acht stellen bedeutende Frauen dar, vier davon Jeanne d’Arc. Die vier anderen Frauen-Skulpturen waren in dem zurückgezogenen Bereich öffentlicher Gärten und Grünanlagen aufgestellt – wie etwa die Skulptur der Marguerite Boucicaut, der Besitzerin des Kaufhauses Bon Marché. Drei der Jeanne d’Arc- Skulpturen dagegen befinden sich an prononcierten Stellen: Plätzen (place des Pyramides) oder Verkehrsadern (Saint-Augustin, Saint-Marcel). Und dass gleich vier Standbilder der Jeanne d’Arc aufgestellt werden, zeigt ihre Bedeutung als Verkörperung des Patriotismus und der nationalen Einheit nach der Niederlage von 1871 und dem Verlust des Elsass und eines Teils von Lothringen.[4]
Jeanne d’Arc, Place des Pyramides
Das Standbild auf der place des pyramides ist das erste überhaupt, das in Paris nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 errichtet wurde, und zwar 1874. Der Standort ist in dreifacher Hinsicht bedeutsam:
Er liegt nahe an der Stelle, an der Jeanne d’Arc bei ihrem gescheiterten Versuch Paris zu erobern, verwundet wurde, was ihren Kampfeswillen aber nicht brechen konnte.
Der Platzname erinnert an die -von Bonaparte publikumswirksam entsprechend benannte- Schlacht bei den Pyramiden, die den Franzosen 1798 den Weg nach Kairo öffnete
Der Platz selbst liegt an der noblen rue de Rivoli, benannt nach dem Ort eines weiteren Sieges Bonapartes 1797 gegen die Österreicher. Die Straße verbindet die place de la Bastille, Symbol der Revolution, mit der place de la Concorde, Ort eines großen Straßburg-Denkmals, das nach dem verlorenen Krieg an den Verlust des Elsass erinnert und zur patriotischen Pflicht seiner Rückgewinnung mahnt.
Und schließlich ist der Platz in der Nähe von Tuilerien, Louvre und Palais Royal symbolisch der Mittelpunkt von Paris, ja Frankreichs.
Es war der Staat, der das Standbild bestellte und finanzierte, was seine Bedeutung unterstreicht. Emmanuel Frémiet, ein zu jener Zeit bekannter Bildhauer, wurde für diese wichtige Aufgabe ausgewählt. Und knauserig war der doch immerhin von hohen Reparationen belastete Staat nicht: Das Material des Denkmals ist leuchtende vergoldete Bronze und nicht der preisgünstigere Marmor. Jeanne d’Arc ist hoch zu Ross dargestellt: Lange Zeit Ausdruck königlicher Macht verleiht eine Reiterstatue im 19. Jahrhundert eine patriotische Aura. Jeannes Blick ist entschlossen geradeaus gerichtet, das -wie bei Fauquembergues erstem Portrait– geschweifte Banner hoch erhoben. Gekrönt ist sie mit einem Lorbeerkranz, dem weltlichen Pendant des Heiligenscheins. So ist Jeanne ein Symbol des Widerstands, des Kampfes- und Siegeswillens Frankreichs.
Die mythische Figur der Jeanne d’Arc wurde von verschiedenen Gruppen reklamiert, auch von Monarchisten und antirepublikanischen Nationalisten. Die Standbilder wurden zu Orten von Kundgebungen und politischen Auseinandersetzungen. Dies gilt gerade für das Reiterstandbild auf der place des pyramides, das der extremen Rechten als Versammlungsort diente: Anhänger der Action française und später des Front National Le Pens versammelten sich dort am 1. Mai. Im Zuge ihrer Bemühungen um „De-Diabolisierung“ hat allerdings Marine le Pens „Rassemblement National“ 2024 mit dieser Tradition gebrochen.[5]
T Samson/AFP
Jeanne d’Arc, libératrice de la France: boulevard Saint-Marcel
Diese Statue, ein Werk des Bildhauers Émile-François Chatrousse, wurde 1891 auf Vorschlag der Einwohner des Viertels an der Kreuzung des Boulevard Saint-Marcel und der Straßen Jeanne-d’Arc und Duméril errichtet. Jeanne d’Arc war zwar niemals hier gewesen, aber viele Straßennamen der Umgebung erinnern an die Zeit des Hundertjährigen Krieges: Die rue de Domremy an den Geburtsort Jeanne d’Arcs, die rue Xaintrailles, die rue Dunois und die rue Lahire an Waffengefährte Jeanne d’Arcs, die rue de Patay an einen Sieg Jeannes über die Engländer. Dazu gibt es den Platz Jeanne-d’Arc und die Kirche Notre-Dame-de-la Gare, die auch gerne église Jeanne-d’Arc genannt wird. Diese Namensgebung geht auf das Zweite Kaiserreich Napoleons III. zurück und ist ein Hinweis auf den durchgängigen Jeanne d’Arc- Kult im 19. Jahrhundert, ungeachtet aller politischer Veränderungen. [6]
Das Denkmal ist ausdrücklich der Libératrice de la France gewidmet, womit der Gegenwartsbezug deutlich betont wird; zumal es ja auf einer Straßenverbindung zwischen der Place de la Bastille und der Place Denfert -Rochereau liegt: Die Julisäule auf dem Place de la Bastille ist ein Symbol des Freiheitskampfes, den Place Denfert-Rochereau beherrscht die große Skulptur des Löwen von Belfort, die „an die heldenhafte Verteidigung der Stadt im deutsch-französischen Krieg erinnert. [7]
Schild der Jeanne d’Arc mit ihrem Wappen (Schwert, Krone und zwei königlichen Lilien)[8]
Eine Kopie dieser Statue wurde 1891 vor dem maison d’éducation de la Légion d’honneur in Saint-Denis aufgestellt.[9]
Jeanne d’Arc, place Saint Augustin, ein Beitrag zur Volkserziehung
Diese Reiterstatue Jeanne d’Arcs (8. Arrondissement) ist -wie die auf der place des Pyramides- an einem sehr prononcierten Ort aufgestellt: Die place Saint Augustin befindet sich an der Schnittstelle des Boulevard Haussmann und des Boulevard Malesherbes, zwei der neuen vom Baron Haussmann konzipierten großen Verkehrsachsen der Stadt. Und sie steht vor der Kirche Saint Augustin, einem von Victor Baltard, dem Architekten der Pariser Hallen, konzipierten Bau: Zum ersten Mal wurden hier bei einem Kirchenbau dieser Größe wesentliche aus Metall gefertigte Bauteile verwendet. Und Napoleon III. bestimmte, dass Prinzen und Prinzessinnen der kaiserlichen Familie in der Krypta der Kirche bestattet werden sollten. Das verhinderte dann die französische Niederlage im Krieg 1870/71.
Der von noblen Cafés gesäumte Platz in einem neu entstandenen bourgeoisen Viertel galt den Zeitgenossen als angemessener Ort für die Reiterstatue Jeanne d’Arcs. 1900 dort aufgestellt, ist sie mit ihrem hoch erhobenen Schwert in der rechten Hand Ausdruck eines gesteigerten Nationalgefühls.[10]
In Auftrag gegeben wurde das Standbild nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der zur Abtretung des Elsass und von Teilen Lothringens an das Deutsche Reich führte. Die aus Lothringen stammende Jeanne d’Arc verkörpert damit eine höchst politische Botschaft: Den Willen zum Widerstand- damals gegen die Engländer, heute gegen die Deutschen, die Teile Frankreichs besetzt hatten bzw. haben.
Den Blick zum Himmel gerichtet und vor die Fassade der Kirche postiert, erhält Jeanne d’Arc hier gewissermaßen göttliche Weihen. Sie ist, auf dem Weg zur Heiligsprechung durch die katholische Kirche, schon dargestellt wie eine Heilige.
Bemerkenswert sind die ausführlichen Inschriften auf der Vorderseite und den Seiten des Sockels. Die Inschrift auf der Vorderseite: „Jeanne d’Arc (1412-1431). Im Alter von 17 Jahren macht sie sich daran, die Feinde aus Frankreich zu verjagen. Sie durchbricht die Belagerung von Orléans, vernichtet die englische Armee bei Patay, führt Charles VII nach Reims und lässt ihn zum König krönen. Als sie Paris befreien will, wird sie verwundet, vor Compiègne gefangen genommen und lebendigen Leibes von den Engländern in Rouen verbrannt. Sie wurde 19 Jahre alt.“[11]
Diese Inschrift dramatisiert den Tod der jungen Jeanne und beschuldigt direkt die Engländer. Das für die Inschriften auf Pariser Denkmälern zuständige Komitee votierte dann allerdings für eine abgemilderte Inschrift:
„Jeanne d’Arc/Befreierin Frankreichs/ geboren in Domrémy/ am 6. Januar 1412/Lebendigen Leibes in Rouen verbrannt/am 30. Mai 1431.“ [12]
Christel Sniter bezeichnet diese Version als Ausdruck des allgemein anerkannten Verständnisses von Jeanne d’Arc als „Befreierin Frankreichs“. Insofern nimmt die Inschrift eine neutrale Position ein gegenüber den verschiedenen innenpolitischen Deutungen und Inanspruchnahmen Jeannes. Außenpolitisch ist die neue Version aber ganz und gar nicht neutral: Denn die zweite Version erwähnt nicht mehr die Engländer als Verantwortliche für den Tod Jeannes, auch nicht ihre Kämpfe gegen die Engländer. Dafür wird ihr Geburtsort in Lothringen genannt. Die Rolle Jeannes als „Libératrice de la France“ hat damit nicht nur eine historische, sondern auch eine ganz aktuelle Bedeutung. Die „Schonung“ der Engländer in dieser zweiten Version könnte m.E. vielleicht auch mit der außenpolitischen Situation Frankreichs im Kräftespiel der europäischen Mächte um 1900 zusammenhängen. Frankreich war damals schon mit Russland verbunden, Großbritannien aber noch ungebunden. Es hatte durchaus gemeinsame Interessen mit dem Deutschen Reich, aber koloniale Interessengegensätze mit Frankreich. Vielleicht spiegelt sich in der zweiten Version eine französische Behutsamkeit gegenüber Großbritannien- ganz im Gegensatz zu der wahnwitzigen deutschen Flottenpolitik Kaiser Wilhelms II. und des Admirals Tirpitz, die Großbritannien in die Arme Frankreichs trieb (Entente cordiale von 1904).
Heute ist an der Vorderseite des Sockels wieder die ursprüngliche Version angebracht.
Eglise St-Denys de la Chapelle (XVIIIème arrondissement)
Die Statue vor der Basilique Ste Jeanne d’Arc geht auf einen Wunsch des Geistlichen der Kirchengemeinde St-Denys de la Chapelle zurück. Sie wurde 1894 vor der Kirche aufgestellt, also in dem Jahr, in dem der Vatikan Jeanne d’Arc als verehrungswürdig anerkannte.
Das Dorf La Chapelle war kürzlich eingemeindet worden. Die Statue vor der Kirche, ein Werk von Félix Charpentier (1858-1924), sollte den neuen Stadtteil aufwerten und ein Bezugspunkt für die Bevölkerung sein. Jeanne ist zu Fuß und trägt ihre Standarte. Sie ist weniger kriegerisch als die republikanischen Reiterstatuen von der place des Pyramides und der place Saint Augustin, eher beschützend und nachdenklich: Ein Beispiel dafür, wie sich die Kirche die Kultfigur aneignete.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschloss die Kirchengemeinde, neben der bisherigen Kirche eine Basilika zu Ehren Jeanne d’Arcs zu errichten. Sie war damals zwar noch nicht heiliggesprochen, wie es die Tafel feststellt, aber das war nur noch eine Frage der Zeit.
Der Bau der Basilika litt aber unter einem Mangel an Geldmitteln, so dass sie wesentlich bescheidener ausfiel als ursprünglich geplant und in der Straßenfront des Boulevard Saint Chapelle kaum auffiel. Deshalb erhielt die Statue 2004 einen neuen Platz neben dem Eingang der Basilika.[13]
Die Reiterstatue Jeanne d’Arc neben dem Hauptportal von Sacré Coeur (1927)
Die Kirche Sacré-Cœur gehört zu den Wahrzeichen von Paris. Dass es sich bei der rechts neben dem Hauptportal auf halber Höhe aufgestellten Statue aber um Jeanne d’Arc handelt, dürfte weniger bekannt sein.[14] Die Statue – das Pendant zu der des heiligen Ludwig auf der linken Seite- ersetzte 1927 die bisher an dieser Stelle aufgestellte Statue des heiligen Martin. Der Unterschied könnte nicht ausgeprägter sein: Statt des Heiligen der Barmherzigkeit jetzt eine extrem kämpferische, das Schwert hoch erhobene Jeanne d’Arc, bereit alle Feinde Frankreichs zu vernichten. Dass Jeanne eine Frau, eine Jungfrau, war, ist nicht zu erkennen. [15]
Vertreter/innen der LGBTQ+ Bewegung mögen hier eine non-binäre Jeanne d’Arc erkennen. Aber das ist eine unhistorische Perspektive. Die androgyne Jeanne d’Arc von Sacré-Cœur bringt zum Ausdruck, dass stark und kämpferisch offenbar nur ein Mann sein kann. Aber beide Sichtweisen sind, wie Robert Tombs, Professor in Cambridge feststellt, eine Beleidigung für alle Frauen: Als hätten sie nicht den Mut, ihr Leben für ihre Überzeugungen einzusetzen, als gäbe es kein weibliches Heldentum.[16] Und dies ausgerechnet in den 1920-er Jahren, einer Zeit also, in der die Emanzipation der Frau ein zentrales gesellschaftliches Thema war. Aber insofern passt die auf Paris herabblickende Jeanne d’Arc zu Sacré-Cœur: Ist die Kirche doch ein Werk der Reaktion, gebaut ab 1875 als Sühnezeichen für die (angeblichen) Verbrechen der Pariser Commune und als ein ganz Paris beherrschendes triumphales Fanal der siegreichen Gegenrevolution.
„La France Renaissante“ alias Jeanne d’Arc: Pont de Bir-Hakeim (XVIème arrondissement)
Diese Statue auf dem Pont- Bir Hakeim ist in mehrfacher Hinsicht kurios:
Es ist eine Jeanne d’Arc- Statue, die aber nicht ihren Namen trägt.
Es ist eine Statue, die aus dem Rahmen der üblichen Jeanne d’Arc-Ikonographie herausfällt
und es ist die einzige der Pariser Jeanne d’Arc-Statuen, die nicht von einem Franzosen geschaffen wurde.
Die Statue ist ein Werk des dänischen Künstlers Holger Wederknich (1886 – 1959), der sie 1930 im Grand Palais ausstellte und 1948 der Stadt Paris schenkte.
Die Folge waren heftige und lange Debatten wegen der Gestaltung des Werks und wegen seines ausländischen Schöpfers. Kann oder darf ein Ausländer überhaupt eine Statue der französischen Nationalheiligen schaffen, und dann auch noch eine solche? Und wenn ja, wo sollte der Platz für dieses etwas dubiose Geschenk sein? 1955 endlich akzeptierte der Pariser Stadtrat die Statue und bestimmte die île aux cygnes, auf deren westlichem Ende eine Replik der Freiheitsstatue steht, als Standort. Dazu passt ja auch der Strahlenkranz um das Haupt der Jeanne d’Arc.
Ein Jahr später erhob allerdings die Commission des Monuments Commémoratifs Einspruch: Das Standbild entspreche nicht der traditionellen Ikonographie. Was tun, nachdem die Stadt doch schon das Geschenk angenommen hatte? Der Künstler, die dänische Botschaft und die Stadt Paris fanden schließlich eine Lösung: Die Statue, die dann schließlich 1958 auf der Schwaneninsel aufgestellt wurde, trägt nicht den Namen Jeanne d’Arcs, sondern wurde „La France Renaissante“ getauft. Und dazu passt auch die Erinnerungstafel an die Kämpfe französischer Truppen in Nordafrika: Sie hätten damals der Welt gezeigt, dass Frankreich niemals aufgehört habe zu kämpfen. Da ist also wieder die kämpferische Jeanne d’Arc der Jahre nach der Niederlage von 1871….
Und so darf das wieder auferstehende Frankreich darf seitdem mit gezücktem Schwert in Richtung Eiffelturm galoppieren… [17]
Jeanne d’Arc als Nationalheilige
Dass Jeanne d’Arc auch von den „nationalen Katholiken“ Frankreichs als Kultfigur entdeckt wurde, ist auch einem Deutschen zu verdanken: „In den 1830-er Jahren hatte Guido Görres, Sohn des berühmten katholischen Publizisten Joseph Görres, eine ‚Johanna von Orleans‘ verfasst, in der Jeanne … als Frau aus dem Volk mit göttlichem Auftrag agierte.“ [18] Das Buch war seit den 1840-er Jahren in mehreren französischen Ausgaben zugänglich. Der Bischof Dupanloup, seit 1849 Bischof von Orleans und Protagonist einer Neubestimmung Jeanne d’Arcs als katholischer Heldin, bezog seine historischen Kenntnisse und seine These von der Heiligkeit Jeanne d’Arcs im kanonischen Sinne hauptsächlich aus Görres‘ Buch. 1867 brachte Dupanloup mit Unterstützung aller katholischer Bischöfe Frankreichs ein formelles Heiligsprechungsbegehren vor den Heiligen Stuhl. Pius IX. leitete 1894 einen entsprechenden Prozess ein. „1894 wurde Jeanne als venerabilis (ehrwürdig), die erste Stufe der Heiligsprechung anerkannt, 1909 folgte die Seligsprechung und 1920 schließlich -nach einigen Verzögerungen“- die Heiligsprechung.“[19]
Dementsprechend gibt es auch zahlreiche Figuren der heiligen Jeanne d’Arc in Kirchen. Auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wird sie von katholischen Gläubigen als Märtyrerin verehrt:
Nach Gottes Willen sollte Johannas Leben mit der Verherrlichung des Martyriums gekrönt werden: Sie wurde in Compiègne verraten, an die Engländer verkauft und nach langer Gefangenschaft, in der sie jede Schande erlitt, verurteilt und am 30. Mai 1431 in Rouen verbrannt. Ihre Seele verließ ihren Körper in Gestalt einer Taube, und ihr Herz blieb von den Flammen verschont.[20]
Jeanne d’Arc als Märtyrerin in der Basilique Jeanne d’Arc de la Chapelle
Andere Jeanne d’Arc-Skulpturen in Kirchen stellen sie -so wie die republikanischen Statuen- in Rüstung mit Banner und Schwert dar, aber anstelle des Schwertes ist das Gesicht deutlich zum Himmel erhoben, von dem sie ihre Eingebungen und Weisungen erhalten hat:
„Mit dreizehn Jahren hörte sie geheimnisvolle Stimmen…. Drei Jahre lang forderten der Erzengel Michael, die heilige Katharina von Alexandrien und die heilige Margarete von Antiochia sie auf, Frankreich zu befreien und den König in Reims krönen zu lassen.“[21]
Dieses Standbild der betenden Jeanne d’Arc wurde 1921, ein Jahr nach ihrer Heiligsprechung, in Notre-Dame de Paris aufgestellt. In der „Kirche der Nation“ musste selbstverständlich auch die neue Nationalheilige ihren Platz haben. Das Material ist weißer Marmor, Symbol der Reinheit.
Neben der Statue der Nationalheiligen ist eine Marmorplatte angebracht, die an den Besuch de Gaulles, Führern der Résistance und des Generals Leclerc in Notre-Dame erinnert, um die Befreiung von Paris mit einer Messe zu feiern.
Statue der heiligen Johanna in Saint Eustache
Und weil zur Heiligsprechung auch die Fähigkeit gehört, Wunder zu vollbringen, gibt es bei der Statue in Sainte Eustache auch eine Votivtafel mit einem entsprechenden Dank.
Anmerkungen:
[1] In der Einleitung zu diesem Beitrag beziehe ich mich auf: Michael Winock, Jeanne d’Arc. In: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H.Beck 2005, S. 368 und Gerd Krumeich, Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans. C.H.Beck 2006 Nachleben, S. 111ff Zu den Darstellungen Jeanne d’Arcs in der Kunst siehe: https://balises.bpi.fr/jeanne-darc-beaux-arts/
Alle Bilder des Blog-Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
[4] Christel Sniter, La guerre des statues. La statuaire publique, un enjeu de violence symbolique : l’exemple des statues de Jeanne d’Arc à Paris entre 1870 et 1914 https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
[11] Sur le socle, la mention se veut pédagogique : « Jeanne d’Arc (1412-1431) à l’âge de dix-sept ans entreprend de chasser les ennemis hors de France. Elle fait lever le siège d’Orléans, détruit l’armée anglaise à Patay, conduit Charles VII à Reims et le fait sacrer roi. Blessée en voulant délivrer Paris, elle est prise devant Compiègne et brûlée vive par les Anglais à Rouen. Elle avait dix-neuf ans. » https://shs.cairn.info/article/SR_011_0263?lang=fr
Das hier angegebene exakte Geburtsdatum Jeanne d’Arcs ist allerdings Bestandteil ihres Mythos. Siehe die Rezension von Gerd Krumeich von Claude Gauvard, Jeanne d’Arc. Héroïne diffamée et martyre, Paris (Gallimard) 2022 in Francia recensio 2,2022
Fast auf Augenhöhe mit dem Genius der Freiheit auf der Bastille-Säule: Für diese außergewöhnliche Begegnung muss man aufs Dach der Bastille-Oper steigen.
Das ist möglich im Rahmen eines Besuchs des „urban farming“-Projekts, das seit fast 10 Jahren auf den Flachdächern der Bastille-Oper betrieben wird.
Allerdings sind die Anbaumöglichkeiten eingeschränkt, weil das Dach der Oper nur sehr begrenzt tragfähig ist. Beim Bau der Oper hat man an eine spätere landwirtschaftliche Nutzung noch nicht gedacht. Es können deshalb nur flachwurzelnde Pflanzen hier wachsen. Auch die Anlage von Gewächshäusern ist nicht möglich, was die Nutzung der Anlage zusätzlich jahreszeitlich einschränkt.
Trotzdem werden etwa 100 verschiedene Sorten von Gemüse, Obst und Kräutern auf vier, teilweise allerdings weit auseinander liegenden Dächern hier angebaut, sogar Hopfen! Der Salbei -hier im Bild- freut sich im Frühjahr über eine sonnige, windgeschützte Stelle.
Ganz oben auf dem Wind und Wetter voll ausgesetzten „Aussichts-Dach“, das man nach einem langen Weg durch die „Eingeweide“ der Oper erreicht, wachsen widerstandsfähige Kräuter wie Rosmarin, Thymian und Zitronenmelisse .Zum Schluss des Besuchs erhält man ein Tütchen mit Kräuter-Kostproben und kann den grandiosen Rundumblick genießen.
Vorne links die Kuppel des Temple du Marais, im 17. Jahrhundert als Sainte-Marie de la Visitation von François Mansart gebaut; dahinter das Dach und die Kuppel von Saint Paul, einer ebenfalls aus dem Grand Siècle stammenden ehemaligen Jesuitenkirche. Dahinter links der Turm von Saint Gervais und in der Mitte der Tour Saint-Jacques, Rest einer großen gotischen Kirche, die in der Französischen Revolution zerstört wurde. Rechts im Hintergrund die Hochhäuser des Geschäftsviertels La Défense, zwischen denen man die zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution erbaute Grande Arche erkennen kann.
Veranstaltet wird die Besichtigung durch Explore Paris. Der Kostenbeitrag von 20 Euro kommt dem gemeinnützigen Projekt zugute. Es fügt sich ein in die ehrgeizige Politik der Stadt, die Pariser Flachdächer zunehmend zu begrünen: Ein Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel und zur Biovdiversität. Seit 2014 werden Begrünungsvorhaben von der Stadt fachlich und finanziell unterstützt und es werden konkrete Ziele für die Dachbegrünung festgelegt: 2013 gab es in Paris 44 Hektar begrünte Dächer, 2020 waren es schon 120 Hektar und bis 2026 sollen es 150 sein. Die aktuelle Hitzewelle, unter der gerade auch die Bewohner und Besucher der engbebauten französischen Hauptstadt besonders leiden, zeigt, wie wichtig solche Projekte sind- eine kleine Facette der Bemühungen der Pariser Stadtverwaltung, die Stadt an die großen Herausforderungen des Klimawandels anzupassen und sie auch in Zukunft noch lebenswert zu erhalten.
Das Centre Pompidou wird im September 2025 für fünf Jahre geschlossen: Grund sind umfangreiche Renovierungsarbeiten, vor allem die Beseitigung von Asbest. Die Schließung des 1977 eingeweihten Kulturzentrums mit seinem Museum für moderne Kunst und der großen Bibliothek ist ein großer Verlust für das kulturelle Leben der Stadt. Das scheint auch die Tricolore an der südwestlichen Ecke des Gebäudes auszudrücken.
Dass das Centre Pompidou nach 48 Jahren seines Bestehens allerdings eine Renovierung gebrauchen kann, lässt sich schon mit bloßem Auge erkennen.
Seit Beginn des Jahres wurde das Centre Pompidou schon sukzessive geräumt und in Teilen geschlossen.
Andere kulturelle Einrichtungen, wie das Atelierhaus von Jean Arp und Sophie Taeuber in Meudon profitieren durch großzügige Ausleihungen von Kunstwerken davon. Jetzt aber noch einmal eine Ausstellung im Centre Pompidou, die letzte vor seiner Schließung.
Titelbild der Ausstellungsbroschüre
Die Ausstellung von Werken des Fotografen Wolfgang Tillmans findet in den fast vollständig leergeräumten Räumen der Bibliothek statt: Eine große Herausforderung.
Hier sind auf Tischen der Bibliothek Spiegel installiert: Die Deckenkonstruktion des Centro Pompidou wird damit gewissermaßen zum Ausstellungsobjekt:
Ich muss gestehen, dass ich den Namen Wolfgang Tillmans noch nie vorher gehört hatte- obwohl er immerhin von 2003 bis 2006 Professor an der Frankfurter Städelschule war und obwohl er, wie ich dann erfuhr, als erster Fotograf und Nichtengländer 2000 den renommierten Turner-Preis erhielt.
In die Ausstellung sind wir vor allem deshalb gegangen, weil ein ganzseitiger Bericht in Le Monde unser Interesse weckte[3] und weil ein Pariser Freud ganz begeistert von der Ausstellung berichtet hatte; außerdem eine gute Gelegenheit, vom Centre Pompidou, jedenfalls für die nächsten fünf Jahre, Abschied zu nehmen.
Tillmans erhielt vom Centre Pompidou carte blanche, ein besonderes Privileg: Er konnte also selbstständig Arbeiten für die Ausstellung auswählen und vor allem: Er konnte selbst darüber entscheiden, wie sie präsentiert werden sollten. Dazu richtete Tillmans sogar in seinem Berliner Atelier ein Modell der Pariser Bibliothek ein.
Tillmans hat nicht nur die alten Teppichböden der Bibliothek übernommen, sondern auch noch einzelne Tische, Sessel und Regale, die er für seine Ausstellung nutzt.
Titel der Ausstellung: Rien ne nous y préparait/Tout nous y préparait. Eine offizielle deutsche Version gibt es, auch wenn Tillmans Deutscher ist, nicht. In der deutschsprachigen Pressemitteilung des Centre Pompidou wird der englische Ausstellungstitel verwendet: Nothing could have prepared us- Everything could have prepared us.[4] Tillmans bezieht sich damit, wie er im Interview mit Le Monde darlegt, auf die Frage, wie es kommt und seit wann die Idee des Fortschritts aufgehört habe, große Teile unserer Gesellschaften anzuziehen. Es geht ihm damit um das Erstarken rechtspopulistischer und rechtsradikaler Bewegungen. Der Titel lässt sich aber auch auf aktuelle weltpolitische Krisen und Kriege beziehen wie die in der Ukraine und im Nahen Osten. Tillmans präsentiert sich als politisch engagierter Fotograf. Aber natürlich kann man in der Ausstellung, so breit und vielfältig sie auch ist, höchstens Anregungen zum Nachdenken, aber keine Antworten erwarten.
Immer wieder wird in den Ausstellungsberichten die auffallende Vielfalt des visuellen Universums Tillmans‘ hervorgehoben, das sich einer genauen Identifizierung entziehe. „Tillmans dekonstruiert die disziplinäre Logik der Geschichte der Fotografie. Körper von Jungen, Portraits von Stars, Zigarettenkippen, sonnige Früchte, Orangenschalen, halbierte Kiwis, befleckte T-Shirts, hängende Drapierungen, Meeresufer, abstürzende Flugzeuge, wütende Demonstranten, abstrakte Bilder etc: Das Spektrum von Tillmans‘ fotografischer Produktion ist inhaltlich und formal extrem breit und entzieht sich jeder Klassifizierung.“[5]
Geldwechsel, Bahnhof Zoo 1990
Frank in the shower 2015
Aus der Ratten-Serie von 1995: Rats coming out
Sehr eindrucksvoll ist das nachfolgend abgebildete Foto: Ein bewegtes Meer, ganz weit hinten der Horizont, aber darüber nur ein schmales Band Himmel.
The State We’re In, A, 2015/L’état dans lequel nous nous trouvons, A. Dieser Titel passte für die Welt im Jahr 2015 und noch viel mehr heute, 10 Jahre später…
New Years Note, 1923: Drei Reihen von Jahreszahlen zum Nachdenken…
Engagement für das vereinte Europa: In 22 Sprachen….
Memorial for the Victims of Organized Religions II, 2024
Diese Würdigung der Opfer eines religiösen Fanatismus und Fundamentalismus stellte Tillmans zuerst 2006 in Washington D.C. aus. Seitdem hat sie nichts an Aktualität eingebüßt- im Gegenteil: Gerade in Paris, das mehrfach Schauplatz islamistischen Terrors war, ist das besonders deutlich, und aktuell werden ja religiöse Argumente/Verweise auf die Bibel herangezogen, um den unerbittlichen Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung Gazas zu rechtfertigen.
Bei näherem Hinsehen kann man übrigens feststellen, dass die Tafeln farblich und strukturell unterschiedlich gestaltet sind. Tillmans will damit den „Absolutheitsanspruch vieler organisierter Religionen“ symbolisch infrage stellen. [6]
Moon in earthlight 2015
Für Tillmans spielt neben der Fotografie auch die Musik eine große Rolle. Das zeigen etwa eine seit 1984 entstandene Reihe von Musikerportraits und seine Nachtklub-Bilder der 1990-er Jahre. Aber er ist nicht nur Fotograf, sondern auch Komponist. Seit zehn Jahren hat er mehrere Alben veröffentlicht, 2022 Moon in earthlight. In der Ausstellung werden auch mit seiner Musik unterlegte Videos von Tillmans gezeigt.
Die anstehende Renovierung des Centre Pompidou wird die zunächst höchst umstrittene Struktur des Gebäudes mit seinen offen liegenden Tragwerksteilen und den Rohren für Gebäudetechnik und Erschließung achten und bewahren; auch die von blau (Klimaanlage), weiß (Tragwerk und Belüftungsrohre) und rot (Treppen) dominierte charakteristische Farbigkeit.
Auch der Invader wird sich dann sicherlich wieder einfinden…
Die lange Schließung soll auch genutzt werden, um das Innere des Gebäudes zu modernisieren und nutzerfreundlicher zu machen.[7]
Während der Staat die Mittel für die Asbestentfernung aufbringt, muss das Centre Pompidou die Kosten der Modernisierung seiner Innenausstattung selbst aufbringen. Das scheint noch nicht in vollem Umfang gesichert.
Nächtlicher Blick auf ein Lüftungsrohr auf der place George-Pompidou vor dem Centre Pompidou
[1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
[2] Siehe Le Monde 17. Juni 2025 und DIE ZEIT 26/2025: Was man kurz vor dem Ende sieht.
[3] Claire Guillot, La bibliothèque personelle de Wolfgang Tillmans. Le photographe a, de façon inédite, installé ses œuvres visuelles et sonores au niveau 2 du Centra Pompidou avant sa fermeture. Le Monde 17. Juni 2025, S. 24
[8] Projet de rénovation du Centre Pompidou pour 2030. Vue d’artiste du pôle Nouvelle génération, 2024
In 15 Metro- und RER-Stationen zeigt die Pariser Verkehrsgesellschaft RATP während der Ausstellung Fotografien von Wolfgang Tillmans. Ein schöne Alternative zur üblichen Werbung….
Als wir einem französischen Bekannten erzählten, wir würden auf der Rückreise von Südfrankreich in Bourg-en-Bresse Station machen, rümpfte er etwas verständnislos die Nase, nach dem Motto: Warum ausgerechnet dort? Was wollt Ihr denn da?
Die Landschaft Bresse ist den meisten Franzosen natürlich sehr vertraut, denn daher kommt das nicht nur bei Feinschmeckern wohlbekannte poulet de Bresse, nach dem sogar eine Autobahnraststätte benannt ist.[1]
Aber es war nicht das Bresse-Huhn, das für unseren Aufenthalt verantwortlich war, sondern das in Bourg-en-Bresse gelegene königliche Kloster Brou. Es war von Margarete von Österreich für ihren früh verstorbenen Mann Philibert von Savoyen erbaut worden. Es ist nach dem überschwänglichen Urteil einer aktuellen Autorin „ein Monument der Liebe, das in seiner klaren Schönheit in nichts dem weltberühmten Zeugnis einer großen Leidenschaft, dem Tadsch Mahal in Indien, nachsteht.“[2] Über Vergleiche lässt sich gerne trefflich streiten. Dass aber das Kloster Brou ein ganz außerordentlicher Bau ist, lässt sich kaum bestreiten.
Der Kirchturm und das typisch burgundische Dach mit den bunt lasierten Ziegeln
Die prächtige Westfassade der Kirche
Im Zentrum der Fassade die Statue des heiligen Andreas mit seinem schräg gestellten Kreuz, an dem er den Märtyrertod erlitt. Andreas ist der burgundische Hausheilige. Seinem Attribut begegnet man im Inneren der Kirche immer wieder.
Dass das Kloster Brou bei Franzosen weniger bekannt ist, hängt mit seiner Geschichte zusammen, und da vor allem mit der Frau, der das Kloster seine Entstehung verdankt: nämlich Margarete von Österreich.
Portrait der Margarete von Österreich in einem Kirchenfenster des Chors
Margarete war die Tochter von Maximilian I., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Und ihr Neffe war sein Nachfolger Karl V. – zwei Habsburger also, mit denen Frankreich in heftiger machtpolitischer Konkurrenz stand. Vor allem, nachdem Karl der Kühne, der Herzog des reichen Burgund, seine Tochter, um Burgund vor dem Zugriff der begehrlichen französischen Könige zu schützen, mit Kaiser Maximilian verheiratet hatte. Dessen Wappen ist ebenfalls unübersehbar im Chor der Klosterkirche zu sehen.
Der Habsburger Doppeladler, umgeben von der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, bekrönt mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs. Ein beträchtlicher Teil der Kirchenfenster des Chors sind mit Wappen geschmückt, die die Herkunft Margretes illustrieren: Ausdruck ihres Standesbewußtseins und einer hocharistokratischen Architektur (Hörsch).
Die „allerchristlichen“ Könige scheuten im Kampf gegen Habsburg sogar nicht davor zurück, mit den Türken gemeinsame Sache zu machen und sich mit den -ansonsten verhassten- deutschen Protestanten zu verbünden… Da passt die Kaisertochter Margarete schwerlich in die nationale Geschichtserzählung Frankreichs und hat kaum einen Platz im „kollektiven französischen Gedächtnis“.[3]
Margarete von Österreich, die Emanzipation einer verkauften Braut
Umso mehr allerdings sollte Margarete von Österreich einen Ehrenplatz in der europäischen Geschichte haben, denn sie war eine außerordentliche Frau mit einem unglaublichen Werdegang: Schon bei der Geburt mit einem beträchtlichen Erbe ausgestattet (Flandern, Artois, Comté) wird sie im Alter von drei Jahren mit dem französischen Thronfolger, dem zukünftigen Karl VIII., verheiratet. Erzogen wird sie als zukünftige französische Königin auf dem Loire-Schloss Amboise, das damals als Internat für die Hocharistokratie diente. Die kleine Königin, la petite reine, wie sie dort genannt wird, erhält nach dem Tod Ludwigs XI. dann auch den offiziellen Titel einer Königin Frankreichs.[4] Dann aber die Enttäuschung: Als sie 11 Jahre alt ist, wird sie von dem ihr zugedachten Charles zurückgewiesen. Frankreich hatte nämlich die Bretagne erobert und um diese Neuerwerbung dynastisch abzusichern, heiratet Karl die bretonische Herzogin Anne. Für Margarete und Kaiser Maximilian eine ungeheure Demütigung. Für ihn war klar: „Es gibt keinen größeren Schuft als den französischen König“.
Für Margarete gibt es aber einen durchaus gleichwertigen Ersatz: Mit 15 Jahren heiratet sie Don Juan, den spanischen Infanten. Durch die Verbindung Habsburgs mit Spanien wird Frankreich gewisermaßen in die Zange genommen… Die Hochzeit wird per procurationem in Mechelen vollzogen, also noch in Abwesenheit des Ehemanns, aber gleichwohl mit kirchlichem Segen und rechtsgültig. Als auf dem Weg nach Spanien ihr Schiff in einen Sturm gerät, veranstaltet Margarete ein makabres Spiel, das sie in Amboise gelernt hatte: Jeder soll für den Fall aller Fälle einen Grabspruch für sich verfassen. Ihr Spruch: „Hier ruht Margarete, die edle Dame, zweimal verheiratet und dennoch als Jungfrau gestorben.“ Immerhin erreicht das Schiff dann Spanien und Margarete kann bald ihrem Vater schreiben: „Mein Gemahl ist edel und von so minniglichem Wesen, dass ich bald alle Angst verlor. Ich habe in diesen Tagen ein großes Wunder erlebt und weiß nun, wieviel Lieblichkeit in dem Wort Minne ist.“[5] Das große Wunder dauert aber nur ein halbes Jahr. Don Juan, von Geburt an kränklich, verstirbt schon bald nach der Eheschließung. Mit 17 Jahren ist Margarete also Witwe. Drei Jahre später folgt die dritte Eheschließung: diesmal mit Philibert dem Schönen, dem Herzog von Savoyen. Dies ist jetzt keine königliche Partie, aber wegen der Lage Savoyens eine durchaus in die Heiratspolitik des Hauses Habsburg passende Ehe. Dazu kennt Margarete den schönen Herzog von ihren Jugendjahren in Amboise, wo Philibert ebenfalls erzogen wurde und zu ihren Spielkameraden gehörte. Es ist denn auch nach dem Urteil eines zeitgenössischen Historiographen eine glückliche Ehe: „ Diese Ehe ward zu der zyt unter allen christlichen Fürsten die lustigste und hübscheste geachtet, dann die beiden von Lyb, Gestalt und Tugend ganz wohl geschöpfet waren.“ [6] Aber auch dieser Ehe war nur ein kurzes Glück beschieden, denn auch Philibert verstirbt schon in jungen Jahren.
Altar des Lebens des heiligen Hieronymus, 1518, Ausschnitt. Die Darstellung ist von einer Miniatur inspiriert, die den Tod Philiberts und die trauernde Margarete zeigt. Musée de Brou
Eine erneute Ehe kommt für die junge Witwe danach nicht mehr infrage, auch wenn ihr Vater sie gerne mit dem englischen König Heinrich VII. verheiratet hätte, um damit einen Verbündeten im Kampf gegen Frankreich zu gewinnen bzw. zu sichern. Auch andere Heiratspläne lehnt sie ab.[7]
Statt dessen greift Margarete ein nicht erfülltes Gelübde ihrer Schwiegermutter, Margarete von Bourbon, auf, das heruntergekommene und fast schon aufgegebene benediktinische Kloster Brou, wo Philibert bestattet wurde, neu aufzubauen. Es soll Ausdruck ihrer großen Liebe sein und die Gräber von Philibert und dessen Mutter aufnehmen. Daneben ist es aber auch ein Ausdruck machtpolitischer Interessen, die Grabkirche bei Bourg-en-Bresse zu errichten: Die habsburgische Präsenz in diesem Raum, dessen Stellung zwischen Frankreich und Habsburg immer schwankend um umstritten war, soll damit manifestiert werden.
Die Initialien von Philibert und Margarete, verbunden durch das Band der Liebe. Detail von der Westfassade der Kirche
Mit großer Energie bringt sie ihr Projekt auf den Weg und legt am 28. August 1506 den Grundstein. Dann aber eine erneute Wendung ihres Lebens: Ihr Bruder Philipp der Schöne, Regent der Niederlande, stirbt und hinterlässt eine geistig verwirrte Frau und sechs kleine Kinder. Der älteste, der spätere Kaiser Karl V., ist gerade einmal sechs Jahre alt. So wird Margarete von ihrem Vater mit der Regentschaft der Niederlande und der Erziehung seiner sechs Enkelkinder betraut. Margarete verlässt Savoyen für immer und richtet einen glanzvollen herrschaftlichen Hof in Mechelen ein. Dort schart sie die großen Familien Burgunds, Savoyens und der Niederlande, aber auch eine intellektuelle Elite um sich, darunter Erasmus von Rotterdam. Sie sammelt Handschriften und Kunstwerke, die von durchreisenden Künstlern, darunter auch Dürer, bewundert werden: Eine starke Frau, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und sich einen dazu passenden Wahlspruch gegeben hat:
Fortune Infortune Fort Une (Glück oder Unglück Stark nur allein)
Glasfenster im Chor des Klosters Brou mit dem Wahlspruch Margaretes
Von ihrem Witwensitz in Mechelen aus engagierte sich Margarete auch in der europäischen Politik. Große Verdienste erwarb sie sich 1513 um das Zustandekommen des Vertrags von Mechelen zwischen Maximilian, Heinrich VIII. von England und König Ferdinand von Aragon gegen Frankreich. Nach dem Tod ihres Vaters sah Margarete ihre wichtigste Aufgabe in der Sicherung der Wahl ihres Neffen Karl zu seinem Nachfolger. Denn für das Amt hatten sich gleich mehrere Kandidaten beworben, darunter auch der verhasste französische König Franz! 1519 wurde Karl schließlich von den sieben Kurfürsten in der Wahlkapelle des Frankfurter Doms einstimmig zum römisch-deutschen König gewählt.
Bernard von Orley, Portrait des jungen Karl V. (um 1515). Karl trägt das Band des zunächst burgundischen, dann habsburgischen Ordens vom Heiligen Vlies, um damit seine Verbundenheit mit Burgund zu demonstrieren. (Musée de Brou)
Die Teilnahme an der anschließenden Krönung Karls V. in Aachen war „ein Triumph für die Statthalterin.“ Bei dieser Krönung wurde ihr der Ehrentitel „Erste Dame des Reiches“ verliehen. Sie rangierte damit vor allen Königinnen und Fürstinnen, und dies allein kraft ihrer außerordentlichen Persönlichkeit.[8]
Bernard van Orley, Offizielles und weit verbreitetes Portrait der Margarete von Österreich in ihrer Witwentracht, 1515-1518 (Museum von Brou)
Die Krönung ihres politischen Wirkens war dann 1529 der sogenannte Damenfrieden von Cambrai, der einen grausamen Krieg wischen Franz I. und Karl V. beendete. Da die beiden Herrscher es ablehnten, direkt miteinander zu verhandeln, waren es in ihrem Auftrag Luise von Savoyen, die Mutter des französischen Königs, und Margarete von Österreich, die Tante des gewählten Kaisers Karls V., die sich auf einen Interessenausgleich verständigten und den Vertrag unterzeichneten. „Diese Großtat trug ihr in den Kanzleien Europas den Ehrentitel ‚Europas bester Diplomat‘ ein.“[9]
Der Umzug in die Niederlande und das große politische Engagement bedeutete aber nicht, dass ihr Interesse an Brou nachließ. Ganz im Gegenteil: Sie legte testamentarisch fest, auch selbst in Brou bestattet zu werden. Die ursprüngliche Planung erschien nun zu bescheiden. Sie wollte ein einzigartiges Bauwerk errichten- einzigartig durch seine Größe, seine Schönheit, seinen Glanz und seine Neuartigkeit. Um den Ruhm der Bourgogne und Österreichs zum Ausdruck zu bringen, brauchte es „ein grandioses Werk“.[10]
Von Mechelen aus nahm Margarete regen Anteil an der Entstehung dieses grandiosen Werks. Künstler und Handwerker aus Brabant, aus Deutschland und aus Frankreich wurden dafür engagiert. Waren es für die zunächst errichteten Klosterbauten eher lokale Handwerksmeister, so berief Margarete als „Bauleiter“ für den Bau der Kirche den renommierten Brüsseler Steinmetz Loys/Louis van Boghem/Bodeghem, der „ein Meisterwerk der flämischen Flamboyant-Gotik“ schuf.[11]
In dem monumentalen Chor- Altar der „sieben Freuden der Jungfrau“ Maria hat Loys van Boghem einer biblischen Gestalt seine eigenen Züge verliehen: Ausdruck eines schon neuzeitlichen künstlerischen Selbstbewusstseins.
Mittel- und Höhepunkt des Baus ist der Chor: Wegen seiner großen Ausmaße, seiner reichen Verzierung und Farbigkeit, seiner wunderbaren Glasfenster. So bildet er den festlichen Rahmen für die drei Grabmäler, die hier aufgestellt sind. Im Mittelpunkt das Grabmal von Philibert dem Schönen.
Der Verstorbene ist doppelt dargestellt: Oben auf der Grabplatte mit offenen, dem Grabmal seiner Frau zugewandten Augen, Prunkgewand und Schwert; unten nach seinem Tod in Erwartung der Auferstehung fast nackt mit geschlossenen Augen.
„Doch ist die irdische Hülle des Herrschers nicht wie bei früheren Doppelgrabmälern als in Verwesung übergegangen und von Würmern zerfressen dargestellt, sondern quasi schlafend, in idealer Schönheit.“[12]
Die Steinmetzen, die den zu Füßen Philiberts liegenden Löwen gestaltet haben, hatten offensichtlich noch keinen wirklichen Löwen gesehen…
In den Nischen, die das Grabmal umgeben, stehen in zehn Sibyllen, Prophetinnen der Antike, die Weissagungen über das Leben Christi gemacht haben sollen. Gefertigt wurden sie in den Brüsseler Werkstätten des Loys van Boghem und des deutschen Bildhauers Conrad Meit/Meyt. Geboren in Worms, trat Meit in den Dienst Margerites von Österreich und hatte wesentlichen Anteil an den kunstvollen Steinmetzarbeiten des Klosters Brou.
Besonders anmutig ist die Figur der Sibylle Agrippa, die die Auspeitschung Christi vorausgesagt haben soll.
Darauf verweist die Peitsche an ihrer Seite.
In einer Grabnische der Südwand befindet sich das Grabmal der Margarete von Bourbon, der Mutter Philiberts.
Die liegende Figur ist ein Werk Conrad Meits. Zu ihren Füßen ein Hund, Symbol der Treue.
Umrahmt wird das Grabmal von aus Alabaster gefertigten Trauernden (pleurants), wie man sie auch von den Grabmälern der Herzöge von Burgund kennt.
Auf der Nordseite wurde dann das Grabmal der Margarete von Österreich errichtet. Sie starb 1530 in Mechelen, noch vor der Vollendung der Kirche, die sie nie gesehen hat. Nach deren Fertigstellung wurde ihr Leichnam nach Brou überführt und neben Philibert und Marguerite de Bourbon in einer Gruft unter dem Chor bestattet.
Ihr Grabmal ist -entsprechend ihrem dynastischen Rang- ein imposantes und reich verziertes Bauwerk….
…. mit gewaltigem Baldachin, kunstvoll gestaltetem Wahlspruch…
…. und von Engeln gehaltenem Wappen und Krone. Wie beim Grabmal Philiberts gibt es auch hier zwei Ebenen: Auf der oberen ist Margarete realistisch dargestellt als 50-jährige Regentin der Niederlande in höfischer Kleidung mit allen Abzeichen ihrer Würde.
Unten ist sie in mittelalterlicher Tradition als jüngere, nur mit einem Tuch bekleidete Frau dargestellt, den Kopf nach Osten gewendet, die Augen halb geöffnet – im Blick ins Jenseits und auf das verheißene ewige Leben.
Für „das Werk ihres Lebens“ wollte Margarete von Österreich nur das Beste.[13] Das zeigt sich auch an den Materialien, die sie für die Gestaltung der Grabmäler auswählte: Basis und Grabplatten sind aus sogenanntem schwarzer Marmor gefertigt. Er stammt aus Steinbrüchen in Belgien und der Schweiz. Für die Verstorbenen in ihren Prunkgewändern in Augenhöhe der Betrachter wurde Carrara-Marmor aus Italien verwendet und für die kleineren Statuen und Arabesken, die die Gräber schmücken, Alabaster aus dem Jura. Der war nicht nur leichter zu bearbeiten, so dass damit Gestalten und Ornamente von großer Feinheit geschaffen werden konnten, sondern der Stein drückt auch die Verbundenheit mit ihren burgundischen Wurzeln aus: Auch für die berühmten Gräber der Herzöge von Burgund war dieser Stein verwendet worden. Jura, Italien, Schweiz, Belgien… Auch was die Herkunft der Materialien angeht: Die Gräber von Brou sind wahrhaft europäische Werke!
Dies gilt auch für die wunderbaren Glasfenster des Chors. Die Vorlagen (cartons) wurden in den Niederlande gezeichnet, wobei auch Dürer Anregungen lieferte: Er hatte Margarete eine Sammlung aller seiner Lithografien geschenkt.
Blick von der Galerie des Lettners in den Chor
Die Krönung Marias in eher mittelalterlicher Tradition, oben eher von der italienischen Renaissance beeinflusste Grisailles-Malerei
Bunt waren auch die Fliesen, mit denen der Boden des Chors ausgelegt war. Davon sind heute nur noch einige Reste vor den Grabmalen zu sehen.
Die meisten der Kacheln wurden aber im Laufe der Jahre abgenutzt und schließlich durch einen einfachen und einfarbigen Bodenbelag ersetzt. Im Museum sind allerdings noch einige erhaltene Kacheln ausgestellt und vermitteln einen Eindruck von der ursprünglichen Schönheit.
Zu dem wunderbaren Ensemble des Chors gehört und passt auch das Chorgstühl aus Eichenholz. [14]
Die dort dargestellten Figuren aus dem Alten Testament (Südseite) und dem Neuen Testament (Nordseite) stammen aus einer niederländischen Werkstadt.
Sie sind ausgesprochen raffiniert gestaltet, meist in Bewegung, miteinander kommunizierend.
Ganz anders die von lokalen Handwerkern hergestellten Verzierungen und Misericordien (von latein misericordia=Mitleid) , die es den Mönchen ermöglichten, sich während langer Messen hinzusetzen, aber dabei doch scheinbar zu stehen. (Wie sympathisch: Offenbar gingen die Mönche davon aus, dass der liebe Gott die Schummelei durchgehen lässt).
Dort sind alltägliche Szenen zu sehen, zum Beispiel Handwerker bei ihrer Arbeit, hier ein Gerber…
…. ein Trinker….
Es gibt auch derbe erotische Szenen…
… und phantastische Figuren. Hier auf Entdeckungsreise zu gehen, ist ein Vergnügen.
Insgesamt ist der Chor ein wunderbares einheitliches Ensemble, ein würdiger und festlicher Raum für die drei Grabdenkmäler und für den Gottesdienst der Mönche, deren alleinige Aufgabe es war, für die hier Bestatteten zu beten.
Margarete von Österreich hatte schon frühzeitig Mönche aus der Lombardei für ihr Kloster angeworben. Es waren Augustiner, die als ihren Heiligen Nikolaus von Tolentino verehrten. Ihn als Kirchenpatron auszuwählen, lag insofern nahe, als der Todestag Philiberts genau auf den Tag des Heiligen fiel. Dies versprach besonders intensive Fürbitte. Die Klosterkirche trägt also den Namen des Heiligen: St. Nicolas-de-Tolentin.
Ein Bild von ihm und den ihm zugeschriebenen Wundertaten befindet sich am Lettner, der Chor und Kirchenschiff trennt.[15] Der gezackte Stern auf der Brust des Heiligen ist sein Erkennungszeichen.
Er erstrahlt auch auf einem Kirchenfenster.
Der Lettner von Brou ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare in Frankreich. Die meisten Lettner französischer Kirchen (mit Ausnahme der Bretagne) wurden im Zuge des gegenreformatorischen Konzils von Trient zerstört, um den Gläubigen den Blick auf den Chor zu öffnen und sie an der Inszenierung katholischer Liturgie teilhaben zu lassen.
Im Gegensatz zu dem Chor ist der Kirchenraum auf der anderen Seite des Lettners eher schlicht und einfarbig. Seine Ausmaße sind auch, im Vergleich zum Chor, relativ bescheiden. Allerdings entfaltet die Architektur an den Pfeilern des Langhauses „die ganze Pracht ihrer Profile“, wie auch der nachfolgende Blick in ein Seitenschiff zeigt.
Blick vom Lettner in das südliche Seitenschiff
Flamboyantes Maßwerk
Die schöne und eindruckvolle Schlichtheit des Kirchenschiffs hat seinen Grund wohl vor allem in dem bewussten Kontrast zur überwältigenden Gestaltung des Chors. Sie hängt aber auch damit zusammen, dass der Raum kaum genutzt wurde. Er wurde nur an besonderen Feiertagen für Gläubige geöffnet. Insofern bestand wohl auch keine besondere Notwendigkeit, den Lettner, ebenfalls ein flamboyantes Schmuckstück, zu zerstören. Außerdem verfügte er über eine Galerie, die einen direkten Zugang von den Klostergebäuden zum Chor der Kirche ermöglichte. Der war zunächst gedacht für Margarete von Österreich, wurde später aber sicherlich auch von den Mönchen genutzt.
Aus einem im Museum gezeigten Video über die Geschichte des Klosters
Das an die Kirche angrenzende Kloster verfügte -eine Besonderheit- über drei Kreuzgänge. Der erste war der Gästekreuzgang, in dessen oberer Galerie Räume für die Prinzessin und ihr Gefolge vorgesehen waren.
Der zweite und größte Kreuzgang war für die Mönche bestimmt.
An den Kreuzgang grenzten wie üblich der Speisesaal (refectorium) und der Kapitelsaal. Einen gemeinsamen Schlafsaal (dormitorium) gab es nicht, weil die Mönche auf der Einrichtung individueller Mönchszellen bestanden.
Eine Mönchszelle des Klosters, neu eingerichtet nach den alten Inventarlisten
Die Architektur der Erdgeschossarkaden ist schlicht und streng und wird nur von unterschiedlich gestalteten Konsolen aufgelockert.
Drachenkonsole im Großen Kreuzgang
An den beiden Enden einer Galerie des Kreuzgangs ist ein Werk von Richard Serra aus dem Jahr 1985 installiert. Es sind zwei große Blöcke aus Stahl: voneinander entfernt, aber aufeinander bezogen…
Hier der Philibert gewidmete Stahlblock auf der einen Seite des Ganges
… um den dritten Kreuzgang gruppierten sich Wirtschaftsgebäude: Küche, Wärmestube, Vorratslager, eine Bäckerei, ein Raum für die Bediensteten, im Obergeschoss eine Krankenstation. Es gab sogar Gefängniszellen, deren Anzahl nach Einschätzung sachkundiger Beobachter „un peux nombreux“ war für ein Kloster…[16]
Die Kirche und all diese Gebäude haben die Zeitläufte relativ unbeschadet überstanden. Zur Zeit der Französischen Revolution mussten die Augustiner das Kloster verlassen, das aber in den Besitz und Obhut des Staates überging. So wurde nur die royale Bekrönung des Glockenturms zerstört. Die Gebäude dienten dann u.a. als Gefängnis, als Kavalleriekaserne und als Hospiz für Geisteskranke, bevor sie 1823 an die Kirche zurückgegeben wurden, die darin ein Priesterseminar einrichtete.
Seit dieser Zeit sind die offenbar als unzüchtig betrachteten Geschlechtsteile der Grabdenkmals-Putten verstümmelt…
Infolge der Trennung von Kirche und Staat räumte das Seminar 1907 das Kloster. Seit 1922 ist dort das Museum der Stadt Bourg-en-Bresse eingerichtet.
Das Museum
Man findet dort vielfache Informationen über das Leben der Margarite von Österreich und über den Bau es Klosters. Darüber hinaus gibt es Sammlung religiöser Skulpturen vom 12. bis zum 17. Jahrhundert und eine reiche Sammlung von Gemälde vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Hier nur der Hinweis auf zwei Schwerpunkte: die niederländische Malerei und das Werk von Gustave Doré.
Dass Gustave Doré mit einigen hochkarätigen Werken im Museum von Brou vertreten ist, hat seinen Grund darin, dass Doré einen Teil seiner Schulzeit in Bourg-en-Bresse verbrachte.[17] In Brou ist sein monumentales Gemälde Dante und Vergil im 9. Kreis der Hölle aus dem Jahr 1861 ausgestellt. Hier ein Ausschnitt:
Dante in roter mittelalterlicher Kleidung dargestellt, Vergil in blauem antikem Gewand.
Verdammte im Eis
Dass niederländische Malerei reichlich im Museum vertreten ist, passt zu der Bauherrin, der niederländischen Statthalterin Margarete.
Hier zwei Ausschnitte aus der entzückenden „Storchenjagd“ von Jan Brueghel dem Älteren, dem zweiten Sohn Pieter Brueghels. (um 1600)
Und hier -passend zur Hühnerlandschaft Bresse- ein Hahnenkampf.
Frans Snyders, Hahnenkampf (Ausschnitt)
Nach dem Besuch der Kirche, des Klosters und des Museums -oder auch zwischendurch- empfiehlt es sich, in der Bar/dem Tabac gegenüber der Kirche ein poulet de Bresse aux morilles zu verzehren, die lokale Spezialität, die dort angeboten wird.
Es ist zwar wohl kaum genau à la Paul Bocuse zubereitet wie das Huhn auf dem abgebildeten Teller[18], aber auf jeden Fall ausgesprochen lecker und sicherlich deutlich preiswerter als bei Paul Bocuse…
Bei gutem Wetter kann man auch draußen sitzen mit Blick auf die Westfassade der Kirche, und bei Sonne zeigt sich vielleicht auch das Schattenteufelchen…
Markus Hörsch, Architektur unter Margarethe von Österreich, Regentin der Niederlande. Eine bau- und architekturgeschichtliche Studie zum Grabkloster St.-Nicolas-de-Tolentin in Brou bei Bourg-en-Bressse. Brüssel 1994
Thea Leitner, Europas bester Diplomat. Margarete 1480-1530. In: Dies, Habsburgs verkaufte Töchter. München/Berlin 2017, S. 57-92
Marie-Françoise Poiret, Le monastère royal de Brou. Éditions du patrimoine. Paris 2023
Ein Kormoran an der Seine, mitten in Paris, am Pont de l’Alma, offenbar seinem Stammplatz. Inzwischen sind die Kormorane dort heimisch und das bedeutet: Diese gefräßigen Tiere finden genügend Nahrung. Gab es 1990 im Pariser Abschnitt der Seine 14 Fischarten, so sind es heute 34. Und kürzlich hat man dort 20 Süßwassermuschelarten registriert, davon drei besonders empfindliche. (Le Parisien vom 4.2.2025). Die Wasserqualität der Seine hat sich also deutlich verbessert. Nachdem schon im Sommer 2024 mehrere Schwimmwettbewerbe der Olympischen Spiele in der Seine ausgetragen wurden, gibt es gute Chancen, dass auch wir in diesem Sommer wie versprochen in der Seine baden können. Die Vorbereitungen dafür sind im Gange.
Drei solcher Badeanstalten sollen im Sommer 2025 in der Seine betriebsbereit sein. (Le Parisien 9.1.2025)
Für uns ist besonders erfreulich, dass eine der drei Badeanstalten am Pont Marie (4. Arrondissement), unserer Pariser Lieblingsbrücke, eingerichtet werden soll, da wo noch vor wenigen Jahren die Autos auf der voie Pompidou, einer Seine-Schnellstraße vorbeibrausten. Heute drängen sich dort bei gutem Wetter Einheimische und Touristen, es gibt vor Anker liegende Schiffe, die auf dem Wasser und an Land Essen und Trinken anbieten – und demnächst dann hoffentlich auch die Seine-Badeanstalt…
Einen Kormoran bei der Unterwasserjagd nach Fischen (wie z.B. im Mittelmeer) werden wir dort aber kaum „Aug’in Aug'“ beobachten können. Nicht nur, weil die Seine-Bassins von dem Fluss mit seiner starken Strömung und dem intensiven Schiffsverkehr abgetrennt sein werden, sondern weil das Wasser für solche Begegnungen denn doch bei weitem (noch) nicht klar genug ist …
Dies ist der Blick auf die nördliche Fassade des Palais idéal des Facteur Cheval in Hauterives (Drôme), seines palais imaginaire.[1] Es ist ein imposantes Bauwerk: 26 Meter lang, 14 Meter breit und bis zu 12 Meter hoch. Ein Märchenpalast, ganz allein gebaut von einem Land-Briefträger, einem Autodidakten mit rudimentärer Schulbildung, zwischen 1879 und 1912, in 33 Jahren, 10 000 Tagen und 93 000 Stunden, wie es Ferdinand Cheval auf einer Tafel seines Palais verzeichnet hat.
Und schalkhaft fügte er noch an, wer hartnäckiger sei als er, solle sich doch gleich an die Arbeit machen.
Ferdinand Cheval legte auf seiner Briefträgertour täglich zwischen 30 und 43 km zurück, „bei Schnee oder Eis oder blühenden Landschaften“, wie er rückblickend schrieb – in einer Gegend, die wegen der rauhen Winter auch „terres froides“ genannt wird. Während er die Post zu den oft abgelegenen Gehöften brachte, träumte er davon, „einen märchenhaften Palast jenseits aller Vorstellungskraft“ zu erbauen. Der -im wahrsten Sinne des Wortes- Anstoß, diesen Traum zu verwirklichen, war nach seinen Angaben ein „bizarrer und pittoresker Stein“, auf den er 1879, damals 43 Jahre alt, während seiner Tour trat. Er gab ihm den bilblischen Namen pierre d’achoppement. Heute hat dieser Stolperstein auf der Terrasse des Palais einen Ehrenplatz. [2]
Cheval begann nun, auf seinen dienstlichen Wegen markante Steine zu sammeln, sie direkt in seine Briefträger-Tasche zu stecken oder beiseitezulegen, um sie dann nach Dienstschluss mit einer einfachen hölzernen Schubkarre einzusammeln und nach Hause zurückzubringen. Das ist die „brouette bien-aimée“ aus André Bretons Gedicht über den Facteur Cheval.[3]
Hier sind es allerdings selbst geformte Zementblöcke, die er mit seiner Schubkarre transportiert.
Cheval sammelte Steine und Ideen. Eine umfassende Konzeption des Bauwerks, wie es einmal aussehen sollte, gab es nicht. „Als ich anfing, dachte ich noch nicht an solche Dimensionen“, schrieb er 1905, „aber ich fand immer etwas Neues in meinen Träumen“.[4] Es gibt aber eine Zeichnung wohl aus dem Anfang der 1880-er Jahre, in der Cheval erste Ideen für sein Palais skizzierte. Es sind sechs Blätter mit einer Länge von fast einem Meter. Die Zeichnung, von der in dem kleinen Museum der Anlage Ausschnitte abgebildet sind, zeigt unten einen kleinen Wasserlauf und oben phantasievoll gestaltete Springbrunnen.
Das Wasser spielte in den Vorstellungen Chevals eine große Rolle. Sein erstes Werk war eine mit Muscheln geschmückte Source de la vie, die er in seinem Gemüsegarten anlegte, den er zum verständlichen anfänglichen Missfallen seiner Frau zum Bauplatz machte. Als dann der Bau immer größer und höher wurde, reichte das Wasser zwar nicht mehr für anspruchsvollere Wasserspiele, aber immerhin für die Bauarbeiten. Und als das Palais fertig war, wurde zu besonderen Anlässen Wasser für kleine Wasserläufe oder Wasserfälle nach oben getragen.
Im Laufe der Zeit erweiterte Cheval sein Bauwerk immer mehr. Er fungierte damit als Architekt und verstand sich auch als solcher, obwohl er keinerlei entsprechende Ausbildung erhalten hatte: Bevor er Postbote wurde, war er als Bäcker und Tagelöhner tätig gewesen. Und das ganze Bauwerk errichtete er mit einfachsten Mitteln: Vor allem den von ihn gesammelten Steinen, Kalk und Zement. Und aus Baumstämmen baute er abenteuerliche Baugerüste zusammen.
Eine örtliche Genehmigungs- und Aufsichtsinstanz gab es nicht- sonst hätte es dieses außerordentliche Palais sicherlich nie gegeben. Es wurden aber keinerlei gravierende Baumängel festgestellt, als das Palais idéal 1969 vom damaligen Kultusminister André Malraux unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Man entdeckte aber dabei, dass Cheval in den Zementboden der langen Terrasse[6] Eisendrähte eingearbeitet und sie so befestigt hatte: Eine frühe Form des béton armé… Die große „unterirdische“ Galerie[7] darunter war deshalb -wie das gesamte Bauwerk- nie von Einsturz bedroht.
Galerie souterraine du Palais idéal
Möglich wurde der imposante und phantasievolle Bau auch durch den Kauf mehrerer angrenzender Grundstücke. Vor allem aber durch Anregungen, die er aus Illustrierten und Postkarten bezog. Postkarten hatten damals, auch begünstigt durch die Weltausstellungen, Hochkonjunktur. Besonders beliebt waren koloniale Motive, die ferne architektonische Wunderwerke wie Moscheen, hinduistische und ägyptische Tempel zeigten.[8]
Postkarten aus der Sammlung Chevals (Museum)
Mehr als Lesen und Schreiben hatte Cheval in der Schule nicht gelernt, und er hatte nie größere Reisen unternehmen können. Aber er abonnierte zwei illustrierte Zeitschriften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Erfolg hatten und wesentlich zur Volksbildung beitrugen. So konnte der Landbriefträger Cheval mit seiner bescheidenen Bildung die große weite Welt, die Geschichte und die Philosophie in sein Lebenswerk einarbeiten.
Die große weite Welt, Geschichte und Religion im Palais idéal
Das Palais idéal ist ein Werk mit einer unübersehbaren universalistischen Programmatik: Mensch und Natur, verschiedene Religionen, Geschichtsepochen und Regionen stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Das Christentum ist zum Beispiel mit einer Marienfigur, betenden Engeln, dem Kreuz und den falschen Schlangen vertreten, auf die Eva hört.
Vor allem aber sind es exotische Bauwerke und fremde Religionen, die Cheval in sein Palais integriert.
Dies ist der Turm „de Barbarie“, ein Gebäude des Orients, wo, mit den Worten Chevals „in einer Oase Feigenbäume, Kakteen, Palmen, Aloen und Olivenbäume wachsen.“[9]In dem Turm war ein Wasserreservoir eingebaut, das dazu bestimmt war, die Source de la vie mit Wasser zu versorgen.
Das „ägyptische Grab“ ist sicherlich der spektakulärste Teil des Bauwerks. Mit den Worten Chevals: „Mein Grab hat 10,50 Meter Höhe, 5 Meter Breite und 4 Meter Tiefe. Ich habe 7 Jahre lang daran gearbeitet.“[10]
Ein markantes Element des Bauwerks ist auch die „Moschee“. Sie betont den universalistischen Charakter der Palais, „in dem Religionen und ganz unterschiedliche architektonische Traditionen in einem brüderlichen Geist nebeneinander stehen und miteinander harmonieren.“[11]
Der Halbmond über der Moschee
In die Nischen der Westfassade hat Cheval verschiedene architektonische Modelle aus aller Welt eingebaut: Ein Schweizer Chalet, eine mittelalterliche Burg, ein algerisches Haus…
… und einen hinduistischen Tempel.
Vorbilder können hier neben Postkarten und Illustrierten die damals sehr populären Nachbauten solcher Bauwerke auf den Weltausstellungen gewesen sein.
Die Natur: Material und Gegenstand der Gestaltung
Steine nicht nur als Baumaterial, sondern auch zur Dekoration von Fassaden zu verwenden, war gerade in der Gegend von Drôme und Ardèche durchaus üblich. Cheval steht in dieser Tradition. Er nutzte aber nicht nur verschiedene Steine als Gestaltungselemente, sondern auch Muscheln und Austernschalen, die er von einem Vetter aus Marseille bezog.
Deutlich zu erkennen ist hier, dass Cheval für viele seiner Skulpturen sorgfältig ausgewählte Steine verwendete, dass er zum Teil gar nicht selbst modellierte, sondern nur passende Steine zusammensetzte wie für das Maul des bissigen Tieres, das gewissermaßen darüber wacht, dass das Gebot, nichts anzurühren, auch eingehalten werde.
Der Körper des Kalbs ist aus flachen Steinen zusammengesetzt.
Die Harmonie zwischen Mensch und Natur
Die Lebensphilosophie von Ferdinand Cheval
Cheval hat insgesamt über 150 Inschriften an seinem Palais angebracht. Es handelt sich zum Teil um literarische Zitate, vor allem um einen Lobpreis der menschlichen Schaffenskraft – auch seiner eigenen- und um die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.
An einer Decke, die einer barocken Rocaille-Grotte nachempfunden ist: La vie sans but est une chimère
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“
„Indem ich diesen Felsen schuf, wollte ich beweisen, was Willenskraft möglich machen kann“.
Das Grabmal auf dem Friedhof
Cheval wäre gerne selbst in seinem Palais beerdigt worden, was die Gemeinde allerdings ablehnte. So baute er schließlich nach Abschluss der Arbeiten an seinem Palais auch noch ein eigenes Familiengrab auf dem Friedhof des Ortes. Acht Jahre war er damit beschäftigt und hatte im Alter von 86 Jahren das einem hinduistischen Tempel nachempfundene „Grabmal der Stille und der ewigen Ruhe“ (Tombeau du Silence et du Repos sans fin) vollendet.
In dem Grabmal sind auch andere Mitglieder der Familie bestattet, so seine zweite Frau Philomène und die gemeinsame Tochter Alice, die 1879 geboren wurde, im gleichen Jahr, als Cheval mit den Arbeiten an seinem Palais begann. Alice nahm als Kind freudigen Anteil an der Entstehung des Palais, das Nils Tavernier, Autor eines Buches über Cheval und des Films über ihn als „une espece de cabane pour enfants“, als eine Art Kinderhaus, bezeichnet hat.[12] Der frühe Tod von Alice 1894 war ein schwerer Verlust für den Vater.
Großes Selbstbewusstsein
Zunächst gab es wenig Verständnis bei der Dorfbevölkerung, Cheval wurde eher für verrückt erklärt. Man hielt ihn, wie er im Rückblick schrieb, für einen „armen Irren“, einen „Idioten, der in seinem Garten Steine aufhäuft.“[13] Bei seinen ersten Bauten vermutete man, es handele sich vielleicht um einen Kaninchenstall… In jedem Fall muss ein Mensch, der 33 Jahre, zum Teil neben seinem höchst herausfordernden Beruf, bis tief in die Nacht an einem solchen Projekt arbeitet, eine außerordentliche Persönlichkeit gewesen sein, vielleicht mit autistischen Zügen.[14] Für Cheval passen im wahrsten Sinne des Wortes die deutschen Ausdrücke Arbeiten wie ein Pferd (cheval) und Arbeiten wie verrückt. Jedenfalls bietet es sich offensichtlich an, sein geradezu wahnwitziges Projekt als Fall für psychologische Begutachtung zu betrachten. [15] Aber das gilt wohl für die meisten Menschen, die Außerordentliches vollbracht haben….
Cheval hat dieses Projekt gegen alle Widerstände und Anfeindungen verwirklicht. Und er war sich sicher, dass ihm dadurch einmal Ruhm und Ehre zuteil würden. Im Palais stößt man immer wieder auf Zeichen dieses Selbstbewusstseins.
In die Säulen der Westfassade ist in großen Lettern sein Name (CH-E-V-A-L) eingezeichnet. (In den Nischen die Architekturmodelle)
Eingang zur Galerie mit der Inschrift: Wo der Traum Wirklichkeit wird
Von großem Selbstbewusstsein zeugen auch Inschriften wie diese: Dieses Wunderwerk, auf das der Erbauer stolz sein kann, wird einzigartig im Universum sein.[16]
Hier redet sich Cheval selbst als „gigantischen Bildhauer“ an, der seinen „übermenschlichen Traum“ verwirklicht habe. „Gestern war es Mühe und Arbeit, morgen ist es der Ruhm“.
Cheval zeigte sein Wunderwerk auch gerne den Besuchern, die sich immer zahlreicher einfanden.
Er hatte für sie sogar einen festen Rundgang vorgesehen und ein Gästebuch lag aus, in das die Namen fein säuberlich eingetragen wurden.
Die Besichtigungsplattform
Cheval baute auch eine Aussichtsplattform (Belvédère), von der aus man „die majestätische Westfassade bewundern konnte.“[17]
Die Aussichtsplattform mit der Sonnenuhr (cadran de la vie): „Jedesmal, wenn du mich betrachtest, siehst du, wie dein Leben vorbeigeht.“
Vom Belvedere aus hat man einen schönen Blick auf die gesamte östliche Fassade…..
… und dabei auch auf die „drei Giganten“: Caesar, Vercingetorix und Archimedes“. Gewidmet im Jahr 1899 -mitten im Zeitalter von Nationalismus und Imperialismus- der „Brüderlichkeit zwischen den Völkern“.
Und darunter eine ägyptische Mumie mit der Aufschrift: „Den großen Männern. Die dankbare Menschheit“ – eine universalistische Umformung der Inschrift auf dem Pantheon von Paris: „Den großen Männern. Das dankbare Vaterland“.
Nachwirkung
Zunächst war das Palais idéal eine eher lokale Sehenswürdigkeit. Nach der Jahrhundertwende gab es allerdings schon Berichte in der überregionalen und internationalen Presse, es gab Postkarten und Bilder des Bauwerks. Und es gab 1904 einen Dichter aus Grenoble, Emile Roux Parassac, der dem Facteur Cheval das Gedicht „ton Idéal, ton Palais“ schickte, das dem entstehenden Bauwerk seinen Namen gab. Aber die etablierte Kunstwelt rümpfte noch die Nase. Das änderte sich erst in den 1930-er Jahren, als die Surrealisten, die in dem Palais einen traumhaften Bau sehen, der sich der herrschenden akademischen Kunstauffassung entziehe. Allen voran war es André Breton, der das Palais entdeckte und Cheval ein Gedicht widmete. Und er begeisterte den damals ganz in der Nähe in Saint Martin d’Ardèche wohnenden Max Ernst für das Palais.
Die Collage Max Ernsts zum Facteur Cheval (Peggy Guggenheim Sammlung, Venedig) stammt aus dem Jahr 1932.[18] Zur Faszination, die das Palais idéal auf Max Ernst ausübte, trug vielleicht auch die große Bedeutung bei, die Vögel in seinem Werk und dem von Cheval spielen. Insofern bezieht sich nicht nur der Briefumschlag in der Collage auf Cheval, sondern wohl auch die Gestalt mit dem Vogelkopf.
Max Ernst bei einem Besuch des Palais mit seiner zweiten Frau, Dorothea Tanning, im Jahr 1950.[19]
1937 besuchte Picasso in Begleitung von Paul Eluard und Dora Maar das Palais idéal und widmete ihm ein ganzes Heft mit Zeichnungen. [20]
Paul Eluard und Pablo Picasso 1937 am Entrée d’un palais imaginaire
Dass Cheval als Pferd mit der Aufschrift PTT (Abkürzung der französischen Post) dargestellt ist, erscheint wenig originell, eher schon, dass das Pferd mit einem Vogelkopf ausgestattet ist. Auch hier also ein Hinweis auf die Bedeutung der Vögel im Palais idéal.
Die Fotos, die Dora Maar bei diesem Besuch von dem Bauwerk machte, sind derzeit in dem zur Anlage gehörenden Atelier ausgestellt.
Dora Maar, Foto von der Galerie (galérie souterraine)
Eine besondere Bewunderin Chevals war Niki de Saint Phalle. In einem Brief an Jean Tinguely schrieb sie: „Ich habe dir von Gaudi und dem Facteur Cheval erzählt, die ich entdeckt und zu meinen Helden gemacht habe. Sie repräsentieren die Schönheit des Menschen, alleine in seinem Wahnsinn, ohne jeden Vermittler, ohne Museum, ohne Galerien. Ich habe dich dadurch provoziert, dass ich sagte, der Facteur Cheval sei ein größerer Bildhauer als du.“[21]
Zeugnis der Bewunderung Niki de Saint Phalles für Cheval ist auch ihr „Fragment de l’Hommage au Facteur Cheval“. Und dass Niki de Saint Phalle Gaudi und Cheval zusammen als ihre „Helden“ nennt, liegt insofern nahe, als es in der Tat eine strukturelle Verwandtschaft zwischen beiden gibt, was die Unbedingtheit und Außerordentlichkeit ihrer Projekte und ihres Schaffens angeht.[22]
Die offizielle staatliche Würdigung des Palais idéal ließ allerdings noch lange auf sich warten. Erst 1969 wurde es von dem damaligen Kultusminister Malraux unter Denkmalschutz gestellt. Während die Kultusbürokratie das Palais als „absolut hässlich“ und als „ein erbärmliches Sammelsurium von Unsinn“ bezeichnete, sah Malraux darin das weltweit einzige erhaltene Bauwerk der „art naïf“. Die Franzosen könnten stolz darauf sein. Es wäre kindisch, es nicht zu erhalten. [23]
Inzwischen hat die Gemeinde Hauterives die Verantwortung für das Palais übernommen: Sie kann sich glücklich schätzen, einen touristischen Anziehungspunkt ersten Ranges zu besitzen, von dem die ganze Gemeinde profitiert.
Seit einigen Jahren hat sich das Palais auch der modernen Kunst geöffnet.
2022 hat zum Beispiel der Glaskünstler Jean Michel Othoniel, Paris-Besuchern bekannt durch den extravaganten Eingang zur Metro-Station Palais-Royal, das Palais ausgestaltet.[24] Im Zentrum seiner Arbeit standen 10 gläserne Fontänen aus Murano-Glas, mit denen er auf seine Weise den Traum Chevals von dem im Palais sprudelnden Wasser erfüllte.[25]
Im Garten des Palais steht seit 2024 ein Brunnen in Gestalt von Philomène, der zweiten Frau von Ferdinand Cheval.
Es ist ein Werk von Claire Tabouret, einem breiteren Publikum bekannt, weil sie ausgewählt wurde, die modernen Kirchenfenster in Seitenkapellen von Notre-Dame de Paris zu gestalten. Mit dem Brunnen würdigt Tabouret eine Frau, die -wohl nach anfänglichem Zögern- ihren Mann emotional und finanziell dabei unterstützt hat, seinen Traum zu verwirklichen. Zwei Jahre nach Fertigstellung des Palais verstarb sie und hat nun ihren Platz neben dem Werk ihres berühmten Mannes.[26]
[4] Le Palais idéal du Facteur Cheval. Connaissance des arts 899 2025, S. 17/18. Auf diese Veröffentlichung beziehe ich mich im Wesentlichen bei meiner Darstellung.
Was wissen wir schon von den seelischen Verletzungen, der Verzweiflung, den Ängsten Ferdinand Chevals, der elf war, als seine Mutter starb, der mit 17 Jahren seinen Vater verlor, dessen einjähriger Sohn verstarb und 8 Jahre später auch seine erste Frau Rosalie Revol, die gerade mal 32 Jahre alt wurde und dann auch noch den Tod seiner 15-jährigen Tochter Alice-Marie-Philomène erleben musste. Ihm bleiben die schmerzhaften Erinnerungen und Träume einer anderen Welt, die den Tod überwindet. Diese andere Welt erscheint ihm in der Natur, die er auf seinen langen, täglichen Fußmärschen als Landpostbote durchquert und ihm mit einem Stein „von solch bizarre doch pittoresken Form“ ein Zeichen gibt. „Da die Natur die Bildhauerei übernehmen will, kümmere ich mich um die Maurerarbeit und die Architektur.“ Am Ende unsäglicher Mühen steht das Palais idéal, eine Kollage aus Bildern der Geschichte, fremder Kulturen und auch der Natur in ihren vielfältigen, auch phantastischen, Erscheinungen.
Man muss keine psychopathologische Schublade bemühen, wenn man Chevals Werk einordnen will. Man kann Chevals Werk auch als eine gigantische Kompensation seiner schlimmen Erlebnisse oder als Flucht aus diesen sehen, oder auch als Suche nach Harmonie, Ruhe und Frieden verstehen, oder aus allem zusammen. Mit derselben ungeheuren Energie, mit der er seinem Beruf nachgeht, schafft er auch sein Palais idéal. Das ist für die meisten von uns unverständlich, ja „irre“, „aber“, wie Sie lieber Herr Jöckel richtig schreiben, „gilt wohl für die meisten Menschen, die Außerordentliches vollbracht haben….“
„Mythos Paris: In neun biografischen Essays portraitiert Frankreichkennerin Andrea Reidt unterhaltsam und informativ die bewegenden Liebesgeschichten berühmter Künstlerinnen und Künstler: Marlene Dietrich & Jean Gabin, Edith Piaf & Georges Moustaki, Hadley Richardson & Ernest Hemingway, Collette & Missi, Coco Chanel & Hans-Günther von Dincklage, Meret Oppenheim & Max Ernst, Juliette Gréco & Miles Davis, Jean Seberg & Romain Gary sowie Simone de Beauvoir & Claude Lanzmann. Nebenbei lassen sich mit diesem besonderem Paris-Führer Originalschauplätze der portraitierten Liebespaare erkunden- Cafés, Hotels, Plätze, Parks u.v.m.“
Dies ist der Klappentext des Buches „Pariser Amouren. Auf den Spuren berühmter Paare“ von Andrea Reidt. Verlag eberbach & simon Berlin 2023
Ich danke Autorin und Verlag für die Genehmigung zum Abdruck des Essays über Hadley Richardson und Ernest Hemingway, an dessen Ende ein Hemingway-Rundgang durch Saint-Germain-des-Prés vorgeschlagen wird. Die Fotos zu einigen der erwähnten Schauplätze habe ich beigesteuert.
Wolf Jöckel (Mai 2025)
Dort, unter uns, lag grau und schön wie immer die Stadt, die ich von allen Städten der Welt am meisten liebte.
Ernest Hemingway: »How we came to Paris«
Lausanne, 28. November 1922. Brief von Ernest Hemingway an seine Frau Hadley in Paris: »Ich war ganz verrückt darauf, dass Du kommst, und bin es immer noch … Liebes süßes kleines Federkätzchen … ich bin nur Dein kleines Wachspüppchen …« Vier Jahre später, im November 1926, derselbe an dieselbe: »Du bist der gütigste und treueste, der liebenswerteste Mensch, den ich kenne.« Das klingt dankbar, ergeben, leidenschaftslos. Im Januar 1927 lässt sich Hadley nach fünfjähriger Ehe scheiden. Im Mai heiratet Ernest seine Geliebte, die elegante amerikanische VogueModejournalistin Pauline Pfeiffer. Sie war zeitweilig eine enge Freundin von Hadley gewesen und dann für einige Monate an der Côte d’Azur Teil einer ménage à trois, in der sich die drei jungen Menschen vollkommen elend und unglücklich fühlten.
Als sich Ernest, ein kantiger, umschwärmter Naturbursche, und Hadley, eine hübsche Rothaarige, Typ burschikosfürsorglich und klug, 1920 auf einer Party in Chicago begegneten, trennten sie zwar acht Jahre Lebenszeit, aber an Weltläufigkeit und Abenteuern hatte der jüngere Kriegsveteran der älteren hochbegabten Pianistin einiges voraus. Hadley war in St. Louis im Bundesstaat Missouri als sechstes Kind eines zwar humorvollen, aber depressiven Apothekers und einer herrschsüchtigen Mutter aufgewachsen. Tragödien prägten das Familienleben: Zwei Säuglinge starben, eine ältere Schwester kam bei einem Brand ums Leben, Hadley selbst stürzte aus dem Kinderzimmerfenster und musste wegen der dabei entstandenen Rückenverletzung ein Jahr das Bett hüten. Ihr Vater James erschoss sich 1903, als sie zwölf Jahre alt war. In der Villa der Richardsons standen zwei Steinways, und obwohl Hadley das musikalische Talent ihrer Mutter Florence geerbt hatte, durfte sie nicht Konzertpianistin werden, sondern sollte »sich schonen«. Infolge all dessen waren Hadleys Selbstbewusstsein und Kampfgeist nicht sehr ausgeprägt, und sie hatte mit ihren 29 Jahren außer einem abgebrochenen Collegestudium und einer unerwiderten Liebe zu einem Klavierlehrer nicht viel erlebt. Erst nach dem Tod der Mutter hatte sich das trotz dieser Widrigkeiten lebensfrohe Mauerblümchen aufgerafft und war der Einladung einer Freundin gefolgt, ein paar Wochen in Chicago zu verbringen. Dort traf sie auf Ernest, damals Reporter des Toronto Star, der fest entschlossen war, ein berühmter Schriftsteller zu wer den. Sie verstanden sich auf Anhieb.
Ernest war als zweites von ebenfalls sechs Kindern in der Provinzstadt Oak Park bei Chicago in einer streng religiösen Familie groß geworden. Seine Mutter Grace, eine gescheiterte Opernsängerin, dafür erfolgreiche Frauenrechtlerin, vergnügte sich damit, ihre beiden ersten Kinder Marcelline und Ernest als vermeintliche Zwillingsschwestern in puppenhafter Mädchenkleidung aufzuziehen. Ernest litt früh unter Ängsten und Alp träumen und wünschte sich glühend einen Bruder. Erst im Schulalter durfte er ein ›richtiger Junge‹ mit Kurzhaarfrisur sein; vielleicht erklärt das sein späteres prahlerisches Draufgängertum und seine Leidenschaft für ›männliche‹ Aktivitäten wie Boxkampf, Krieg und Stierkampf. Der Vater Dr. Clarence Hemingway, ein an gesehener Arzt und Geburtshelfer, neigte zu extremen Gefühlsausbrüchen und Jähzorn. Er lehrte die Kinder schwimmen, fischen, jagen und in der Natur zu über leben, konnte sich aber unversehens vom liebevollen Daddy in einen prügelnden Schulmeister verwandeln. Nach drakonischen Strafen mussten die Kinder nieder knien und Gott um Verzeihung für ihre Verfehlungen bitten. Auch Ernests Vater erschoss sich, wenn auch erst 1928. Der »dunkle Vogel der Nacht«, wie Ernest seine eigenen Seelenängste in einem Jugendgedicht nannte, soll te nie von seiner Seite weichen – auch er selbst sollte sich schließlich erschießen. Manch ein Biograf vermutet bei Vater und Sohn eine bipolare Störung, eine psychische Erkrankung mit Stimmungsextremen.
Anders als Hadley kann Ernest sich bereits als 18Jähriger aus dem familiären Milieu lösen; er verzichtet zugunsten seiner Schwester Marcelline auf ein Studium, fängt als Jungreporter beim Kansas City Star an und meldet sich zum Militärdienst. Im letzten Kriegsjahr übernimmt er in Italien freiwillig Botendienste für das amerikanische Rote Kreuz zur Versorgung von Frontsoldaten und wird dabei durch eine Granate schwer verwundet, verliert beinahe ein Bein. Im Mailänder Lazarett erlebt er eine erste Liebesbeziehung mit einer Krankenschwester. Er kehrt zurück in die Staaten, flirtet mit diversen Mädchen, wird 1920 Reporter beim Toronto Star und hält sich oft in Chicago auf. Dort stößt er auf Hadley, die ungebundene FastDreißigerin in Aufbruchsstimmung, die ihn nicht nur sofort anhimmelt wie alle anderen weiblichen Wesen, sondern ihm Geliebte, Kumpel, Assistentin und Reisegenossin in einer Person sein möchte. Wie er will sie fremde Länder erobern. Und – in Zeiten strenger Prohibition keineswegs unwichtig für den aufmüpfigen Teil der amerikanischen Jugend – sie trinkt gern Schnaps und kann bei den täglichen Saufgelagen mithalten. Später entdeckt Ernest weitere Übereinstimmungen. Sie zeigt sich offen für Schabernack, hat Humor und Spaß an Sex, kann auf Komfort und teure Klamotten verzichten – zähneknirschend sogar auf ein Klavier. Und sie bleibt dauerhaft verliebt in ihn, ordnet eigene Wünsche seinen schriftstellerischen Zielen unter, trotz langer Karrieredurststrecken seinerseits. Ebenso erweist sie sich nicht nur als begeisterte Tennisspielerin, sondern als sensationell gute Skiläuferin. Kurz: Ein Mensch zum Pferdestehlen, dabei gutmütig und anschmiegsam, die ideale Ehefrau!
Zu Ernests 22. Geburtstag schenkt Hadley ihm eine Corona-Schreibmaschine. Sie informiert ihn darüber, dass sie aus einem Treuhandvermögen jährlich 3000 Dollar bezieht, die zusammen mit seinem erhofften Verdienst als Zeitungskorrespondent ein bescheidenes Leben in Europa finanzieren könnten. Im September 1921 heiratet das Paar in einer ländlichen Kirche im Norden von Michigan. Die Braut erscheint in Spitzenkleid und Schleier eine Viertelstunde zu spät, weil sie noch schwimmen gewesen ist und ihre langen, feuchten Haare frisieren musste. Im Dezember bricht das Paar erwartungsvoll nach Europa auf, allerdings nicht auf eine italienische Bildungsreise. Paris ist das neue Rom der amerikanischen Bohème.
Frankreich erlebte in den 1920erJahren infolge des Ersten Weltkriegs eine tiefe wirtschaftliche Krise. Etwa anderthalb Millionen Männer waren gefallen, mehr als eine Million Soldaten gingen als Invaliden in eine ungewisse Zukunft, ebenso viele Menschen hatten Haus, Hof und Vieh verloren, und die Industrieschäden waren immens. Der Bau neuer Wohnungen stagnierte und Bestandsimmobilien wurden wegen einer verlängerten Mietpreisbindung nicht modernisiert. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gab es im Hexagon einen Sanierungsstau, Häuser ohne Elektrizität, Wohnungen ohne Bäder und eigene Klosetts. Pferdekutschen prägten immer noch den Straßenverkehr der Hauptstadt, Ochsen und Pferde die Landwirtschaft. Als ›golden‹ empfanden vor allem Amerikaner die Zwanzigerjahre in Paris: Sie tauschten einen Dollar anfangs gegen 12, später gegen bis zu 25 Francs ein. Als Ernest und Hadley im Dezember 1921 in Paris eintrafen, lebten dort zwischen 15 000 und 35 000 USBürger, vor allem Literaten, Maler, Bildhauer, Musiker und talentlose Lebenskünstler, manch armer Schlucker, manch reicher Erbe. Vergnügungssüchtige Privatiers bildeten eine gut betuchte pseudokünstlerische Community, welche Restaurants, Bars, Bordelle und die beim Volk beliebten Pferde und Radrennbahnen bevölkerte.
Für 12 Francs bekamen die Hemingways ein Mittagsmenü, eine Flasche Rotwein kostete 60 Centimes.
Nach der ersten Nacht im Hôtel d’Angleterre (1, vgl. Karte) bezogen sie eine schäbig möblierte Wohnung ohne Wasseranschluss im vierten Stock des Hauses 74, Rue du Cardinal-Lemoine (8) im Quartier Latin unweit der Place de la Contrescarpe (9).
Von Januar 1922 bis August 1923 wohnte der Schriftsteller Ernest Hemingway mit seiner Frau Hadley in der dritten Etage dieses Gebäudes
In seinem Erinnerungsbuch Paris, ein Fest fürs Leben beschreibt Hemingway den Platz als eine »Senkgrube der Rue Mouffetard, jener wunderbaren, schmalen, bevölkerten Marktgasse«. In heißen Sommern muss der Gestank bestialisch gewesen sein: »Die Hochklosetts der alten Mietshäuser, eins auf jedem Treppenabsatz … entleerten sich in Senkgruben, deren Inhalt nachts in von Pferden gezogene Tankwagen gepumpt wurde.«
Die Place de la Contrescarpe ist inzwischen allerdings ein beliebter Treffpunkt, auch wenn die wunderbaren alten Paulownien kürzlich durch kümmerliche Neupflanzungen ersetzt wurden und der nègre joyeux in eine Ecke des Musée Carnavalet verbannt wurde. W.J.
Um die Ecke, in der Rue Descartes (10), fand Hemingway ein Dachstübchen zum Arbeiten, hier entstand (mithilfe einer Flasche Kirsch gegen die Kälte) sein erstes Buch mit Erzählungen.
Zwei Erinnerungstafeln neben dem Eingang zum Restaurant La Maison de Verlaine
Das Portrait Hemingways mit dickem Pullover passt zu dem kalten Dachstübchen, das er hier bewohnte.
Später wohnten Ernest und Hadley über einem Sägewerk in der Rue Notre-Dame-des-Champs (5). Von dort aus zog Ernest sich mit Notizheft und Stift in die Kultkneipe La Closerie des Lilas (6) zurück, manchmal in Begleitung von Baby Bumby alias Jack.
Neben der Bar hängt ein Foto Hemingways…
….. und am Tresen, wo Hemingways Stammplatz war, ist ein Schild mit seinem Namen angebracht…
Unweit davon konnte man in der American Dingo Bar (4) interessante Leute treffen – Pablo Picasso, die Tänzerin Isadora Duncan, Zelda und Scott Fitzgerald.
La Coupole
Hemingway benutzte häufig den Jardin du Luxembourg als Abkürzung und besuchte phasenweise täglich das Musée du Luxembourg (12). In diesem hingen damals die Werke Cézannes, Monets und anderer Impressionisten, die er so bewunderte.
Vor allem das linke SeineUfer, die Rive Gauche oder Left Bank, übte als inspirierendes Geistesbiotop eine geradezu mythische Anziehungskraft auf Intellektuelle aus. Schon seit der Jahrhundertwende 1900 fanden Frauen aller Nationalitäten, Hautfarben und Begabungen – Dichterinnen, Malerinnen, Fotografinnen, Designerinnen, Tänzerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen, Journalistinnen und Verlegerinnen – in Paris eine förderliche Umgebung ohne Konventionszwang. Hemingway öffneten einige Empfehlungsschreiben des Chicagoer Schriftstellers Sherwood Anderson Türen zu dem Dichter Ezra Pound, den Buchhändlerinnen Sylvia Beach und Adrienne Monnier sowie zum berühmten Salon der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein und ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas. Neben Hadley, die Ernest als seelische Stütze in der Brandung seiner Gefühlswelt und als ruhenden Pol brauchte, um ihn vor den Exzessen der Partyszene zu schützen, prägten die se Personen maßgeblich Hemingways sieben Pariser Lehrjahre, in denen er Stil, Tonalität und Strukturen seines literarischen Schaffens entwickelte. Ezra Pound wurde sein wichtigster Mentor in literarischen und Lebensfragen. Pound favorisierte auch Hemingways spätere Hinwendung zu Pauline Pfeiffer, deren fachliche Kompetenz als Erstleserin und Lektorin sowie ihre gut gefüllten Konten er dem in seinen Augen banalen Einfluss der weniger intellektuellen Hadley auf den Freund vor zog.
Samstags und manchmal auch zwischendurch fanden sich Ernest und Hadley in der Rue de Fleurus (3) bei Stein und Toklas ein.
Gertrude prägte den Begriff Lost Generation für die literarische Szene dieser Zeit. Während sich die Literatur-Youngsters Hemingway, Wilder, Joyce, Fitzgerald, Bowles und die Maler Matisse, Bracke, Picasso zu tiefschürfenden Gesprächen um ihre geistreiche Freundin scharten, verbrachte Hadley in der »Ehefrauenecke« nette Abende mit der stets strickenden Alice. Die Freundinnen übernahmen bei Bumbys Taufe 1923 freudig das Patinnenamt.
In ihren Räumen traf sich die Crème der Pariser Literatenszene. Beach versorgte Hemingway gezielt mit englisch-amerikanischer Pflichtlektüre, während Monnier ihm die französischen Autoren nahebrachte. Sylvia erlangte Berühmtheit, weil sie den Roman Ulysses von James Joyce, den alle Verlage zunächst als zu um fangreich und zu obszön abgelehnt hatten, herausbrachte. Joyce, dessen Familie sie dadurch praktisch vor dem Hungertod rettete, sollte sie jedoch fallen lassen, als sein Stern stieg; Sylvia ging fast pleite daran.
Auch in der Brasserie Lipp (Rundgang Nr.2) war Hemingway Stammgast. Er aß dort meist die billigen pommes à l’huile, die auch heute noch auf dem Speisezettel stehen. W.J.
Gut fünf Jahre verbrachten Ernest und Hadley gemeinsam in Paris. Obwohl er diese Phase in seinem Pariser Erinnerungsbuch eindrücklich als Zeit tiefer Armut schildert, war das Paar nicht wirklich mittellos. Hadleys Zinseinnahmen schrumpften zwar im Laufe der Jahre, dafür erhielt Ernest erste Honorare für seine Short Storys und für den Roman Die Sturmfluten des Frühlings. Das Paar erkundete die italienische Riviera und verbrachte mit Kind zwei ganze Winter in Schruns im österreichischen Vorarlberg, wo man im Gasthof Traube günstig und komfortabel unterkam. Mehrmals blieb Hadley allein in Paris zurück, während Ernest in Konstantinopel für den Toronto Star über den Krieg zwischen Griechenland und der Türkei berichtete oder in Lausanne an einem Kongress teilnahm. Mehrmals verbrachte die kleine Familie die Sommerferien an der Côte d’Azur im mondänen Kreis und teils auf Kosten des reichen amerikanischen Ehepaars Murphy, und mehrmals verfolgten sie die Stierkämpfe in Pamplona hautnah. Aus diesen Erlebnissen entstand der Roman Fiesta, der dem Autor den internationalen Durchbruch brachte. Danach begann Ernest, sich für andere Frauen zu interessieren, vor allem für Pauline Pfeiffer. Und im Gegensatz zu den Anfangsjahren integrierte er sich stärker in den Kreis der amerikanischen ParisSchickeria, während Hadley sich in dieser Gesellschaft unwohl fühlte. Außerdem hatte bereits ein frühes traumatisches Erlebnis wohl einen Keil zwischen die Liebenden getrieben. 1922 hatte Hadley den Zug nach Lausanne bestiegen, wo sie ihren Mann treffen sollte. Unterwegs wurde ihr eine Reisetasche gestohlen – darin Ernests unwiederbringliche gesamte Notizen, Fragmente und Entwürfe samt Kopien, die sie ihm mit bringen sollte. Der angehende Schriftsteller war außer sich, Hadley am Boden zerstört, die Beziehung ernsthaft angeknackst. Ezra Pound behauptete gar, Hadley habe den Koffer absichtlich verloren. Zurück blieb ein Stachel. Pauline Pfeiffer, reiche Erbin einer pharmazeutischkosmetisch tätigen Industriellenfamilie in St. Louis, ging in Hemingways Lebensgeschichte als die »Rücksichtslose« ein, die mit dem »ältesten Trick der Welt«, nämlich Freundschaft mit der Ehefrau, eine stabile Beziehung gezielt und erfolgreich unterwanderte. Der Ehemann ließ sich erobern, nicht ohne Gewissensbisse, aber mit Freuden. Pauline zuliebe konvertierte Ernest 1927 zum katholischen Glauben und gestattete, dass seine protestantisch geschlossene erste Ehe samt Sohn Bumby mit dem Status ›unehelich‹ abgestempelt wurde. Auf diese Weise galt die neue Ehe entsprechend einer zweifelhaften Kirchenmoral als clean. Hadley soll kein großes Gewese darum gemacht haben, erstaunt war sie aber durchaus.
Vorübergehend wohnte sie im Hôtel Beauvoir (7), bevor sie sich eine eigene Wohnung in Paris suchte.
Ernest überließ Hadley lebenslang die Tantiemen für alle Fiesta Ausgaben, dafür durfte er Bumby sehen und einladen, wann immer er wollte. Fairerweise würdigte er ihre Verdienste als Frau an seiner Seite: »Nie hätte ich ›In unserer Zeit‹, ›Sturmfluten‹ oder ›Fiesta‹ geschrieben, wenn ich Dich nicht geheiratet und nicht Deine treue und auf opferungsvolle und immer anregende, liebevolle – und in der Tat finanzielle Unterstützung im Rücken gehabt hätte.«
Die puritanische Familie Hemingway in Oak Park in Michigan war not amused über die Kapriolen ihres Sohnes. Der Vater bezeichnete in einem Brief Leute wie Pauline, die ein intaktes Familienleben zerstören, als »Love Pirates« und wünschte sie »to hell«. Der zerknirschte Sohn beantwortete die Vorwürfe mit einer seitenlangen Lügenpostille. Er habe Bumby allein versorgt, »während Hadley auf einer Reise war« (es klingt, als habe sie sich ohne ihn vergnügt). Er habe sie nicht im Stich gelassen, mit »niemandem« Ehebruch begangen, Hadley habe sich selbst »zur endgültigen Scheidung« entschlossen, und wenn sie es nach der Scheidung gewünscht hätte, wäre er zu ihr zurückgekehrt. Immerhin gab er zu, mehr als ein Jahr in zwei Menschen verliebt gewesen zu sein; trotzdem aber sei er Hadley »absolut treu gewesen«, und er werde nie aufhören, Hadley und Bumby zu lieben und sich um sie zu kümmern – »und ich werde nie aufhören, Pauline Pfeiffer, mit der ich verheiratet bin, zu lieben.«
Pauline wurde von da ab zwar von einigen früheren Wegbegleitern missachtet oder gemieden, weil sie die Ehe der Hemingways bewusst untergraben hatte. Für die meisten Beobachter der Tragödie jedoch, vor allem für die männlichen, zählte ihr Erfolg. Einer Kämpferin gibt ihr Sieg Recht, die Niederlage der Konkurrentin er weckt nur Mitleid. Hadley, für die tatsächlich eine Welt zusammenbrach, verbitterte nicht, sondern blieb Ernest freundschaftlich verbunden, obwohl sie sich nur noch zweimal im Leben persönlich getroffen haben sollen. Sie verfolgte seinen Weg von fern. Einige Wochen nach der Scheidung freundete sie sich in Paris mit dem Lyriker und Auslandskorrespondenten der Chicago Daily News, Paul Scott Mowrer an, heiratete ihn sechs Jahre später und zog mit ihm und Bumby zurück in die Staaten. Mowrer erhielt 1929 den ersten Pulitzerpreis für Korrespondenten. Hemingway erhielt den Pulitzerpreis für Literatur erst 1953 für sein Buch Der alte Mann und das Meer, 1954 so gleich gefolgt vom Nobelpreis für Literatur. Bumby und Paulines Söhne Patrick und Gregory (später Gloria nach einer Geschlechtsumwandlung) pflegten geschwisterliche Beziehungen.
Ernest lebte mit Pauline in Florida auf Key West, ließ sich 1940 von ihr scheiden und heiratete die Kriegsreporterin und Schriftstellerin Martha Gellhorn, mit der er sich auf einer Finca in Kuba niederließ. Diese Ehe scheiterte 1945; ihr folgte 1946 eine Heirat mit der Kriegsreporterin Mary Welsh. Auch diese letzte Ehe verlief nicht ohne Krisen und Affären, aber man arrangierte sich.
Am 2. Juli 1961 schießt sich der gesundheitlich schwer angeschlagene und vermutlich depressive Ernest Hemingway in seinem Haus in Ketchum (Idaho) eine Kugel in den Kopf. Pauline war bereits 1951 gestorben, Hadley folgte 1979, Mary 1986 und Martha 1998.
Hemingway-Rundgang Saint-Germain-des-Prés
Pariser Schauplätze (in der Reihenfolge eines möglichen Rundgangs, siehe Karte)
Hôtel d’Angleterre, 44, Rue Jacob, Métro Saint Germain des Prés