Die Église Saint-Vincent-de-Paul – Hittorffs Ringen um ein Gesamtkunstwerk durch „die glückliche Allianz“ von Architektur, Malerei und Skulptur. Von Ulrich Schläger

Vorwort von Wolf Jöckel

In Paris wird derzeit (bis zum 21. Juni) in der Bibliothèque Historique de la Ville de Paris eine Ausstellung über deutsche Auswanderung ins Paris des 19. Jahrhunderts gezeigt: eine „vergessene Emigration“ (FAZ, 12. Mai 2025) (Untertitel der Ausstellung: une immigration oubliée). Für diesen Blog gilt diese Charakterisierung allerdings nicht. Paris als Zentrum deutscher Migration im 19. Jahrhundert war vor einem Jahr Gegenstand eines Blogbeitrags, in dem deutsche Handwerker, Straßenkehrer und Dienstmädchen im Mittelpunkt standen. Und davor gab es schon Beiträge über die prominenten Emigranten Heinrich Heine  und Ludwig Börne. Vor allem aber gab und gibt es die Beiträge Ulrich Schlägers über das Wirken des aus Köln stammenden Stadtbaumeisters Jacob Ignac/Jaques Ignace Hittorff in seiner Wahlheimat Paris. Hittorff hat Paris mit prägenden Bauwerken ausgestattet: Die Place de l’Étoile, die Place de la Concorde, die Anlagen entlang der Champs-Élysées, der wunderbare Cirque d’Hiver und der Pariser Nordbahnhof sind seine Werke und bezeugen, wie viel Paris ihm verdankt. Dazu kommt die Kirche Saint-Vincent-de-Paul, eine der bedeutendsten der Stadt, der sich Ulrich Schläger im nachfolgenden siebten und letzten Beitrag seiner Hittorf-Reihe auf diesem Blog widmet. Aber obwohl Hittorff „enormen Anteil an der Gestaltung des Pariser Stadtbildes“ hatte, wie Jürgen Ritte in seinem FAZ-Bericht über die oben genannte Ausstellung schreibt, ist sein Name selbst in Paris weitgehend unbekannt. Der Platz vor dem Nordbahnhof oder der vor Saint-Vincent-de-Paul könnten seinen Namen tragen. Aber nichts von Belang erinnert in Paris an ihn. Umso verdienstvoller sind die mit profunder Sachkenntnis, großem Engagement und viel Liebe verfassten Beiträge von Ulrich Schläger über das Wirken Hittorffs in Paris. Merci Monsieur Schläger und bonne lecture, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs.

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Keines der Bauwerke Hittorffs war von einem Ehrgeiz, einem Willen und einer Leidenschaft, ein Chef-d’œuvre zu schaffen, so geprägt wie der Bau der Kirche Saint-Vincent-de-Paul. Hier konnte er seine Vorstellungen und Studien zur Baukunst der Antike, namentlich zu ihrer Polychromie, seine in Rom und Sizilien gewonnenen Eindrücke zur christlichen Basilika und der nachantiken Malerei und Mosaikkunst künstlerisch umsetzten. Auch die Faszination von den farbigen Glasfenstern mittelalterlicher Kathedralen, die er schon als Kind im Chor des Doms seiner Heimatstadt Köln gesehen hatte, floss in sein Werk ein. Und bei keinem anderen Bauwerk hat Hittorff die Verbindung von Architektur, Malerei (die Glaskunst eingeschlossen) und plastischen Künste so vehement und allumfassend gesucht. „In der Tat stellte sich Saint-Vincent-de-Paul als Summe sanktionierter Meisterleistungen der Vergangenheit und als Kulminationspunkt des Kanonischen vor. Hier wurden nämlich die Antike, das frühe Christentum, die Monumentalmalerei der Nachantike sowie die Glasmalerei des französischen Mittelalters zu einer höheren konzeptuellen Synthese vereint.“[1] 

Abb. 1: Der Chor der Kirche

Im Dienst übergeordneter Ziele

Der Bau der Kirche zu Ehren des heiligen Vinzenz von Paul im heutigen Xe arrondissement, der von Jean-Baptiste Lepère begonnen wurde, mit seinem Schwiegersohn Hittorff gemeinsam fortgeführt und von diesem vollendet wurde,  stand im programmatischen Dienst der Re-Christianisierung, genauer der Re-Katholisierung Frankreichs der auf den Thron zurückgekehrten Bourbonen. Dabei wurden drei Ziele verfolgt: die Legitimierung ihrer Herrschaft, die Wiederherstellung oder der Ersatz von Sakralbauten, die während der Französischen Revolution säkularisiert, ausgeraubt oder zerstört worden waren, um den Ikonoklasmus und die Brandschatzungen der Revolution vergessen zu machen sowie die Rückbindung an die Kirche mittels prachtvoller Bauten und Bilder. Der Kirchenbau wurde zu einem wichtigen Propagandamittel und erinnert in der Zielsetzung an die Gegenreformation, die die calvinistische Bilderstürmerei durch visuelle Überwältigung rückgängig zu machen trachtete.

Schon bei seiner Rückkehr aus dem Exil im Jahre 1814 ließ Ludwig XVIII. die Senatsverfassung zur sogenannten Charte constitutionnelle umformen, in der der Empfang der französische Krone nicht Werk der Volkssouveränität, sondern zum monarchischen Gnadenakt wurde. Statt des „König der Franzosen“ nannte er sich „Ludwig, von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra“. Die Kontinuität der Monarchie sei durch die Revolution und Napoleon nur unterbrochen, aber niemals rechtsgültig abgeschafft worden; er stehe deshalb „jetzt im 19. Jahr seiner Regierung“. Mit der Berufung auf das Gottesgnadentum war unmittelbar die Wiedereinführung der katholischen Religion als Staatsreligion verbunden.

Stationen dieser Resurrektion sind das Konkordat zwischen Frankreich und dem Heiligen Stuhl, das diese Allianz besiegelt, die Etablierung von dreißig Bistümern auf französischem Territorium und das umfassende Neubauprogramm von Pfarrkirchen in Paris in den 1820er Jahren.[2] 

La Madeleine wurde wieder in eine Kirche umgewandelt. Ludwig XVIII. ließ 1826 die Chapelle Expiatoire, die Sühnekapelle, erbauen, die Ludwig XVI. und Marie-Antoinette gewidmet war. Neue Kirchen im neoklassizistischen Stil entstanden seit Anfang der 1820er Jahre in allen Teilen von Paris:  Saint-Pierre-du-Gros-Caillou 1822–1830 im VIIe arr., Saint-Denis-du-Saint-Sacrement 1826–1835 im IIIe arr., Sainte-Marie des Batignolles 1826-1829 im XVIIe arr., Notre-Dame de Bonne-Nouvelle 1828–1830 im IIe arr. In den beständig wachsenden nördlichen Stadtquartieren wurden Notre-Dame-de-Lorette  1823–1836 im Quartier Nouvelle Athènes (heutiges IXe arr.) und Saint-Vincent-de-Paul 1824–1844 im Quartier Poissonnière  (heutiges  Xe arr.) errichtet.

Die Regie bei diesen Bauten lag aber nicht mehr in den Händen der Kirche, deren Besitztümer mit der Säkularisation im Gefolge der Revolution in die öffentliche Hand geraten waren. Trotz der restaurativen Kirchenpolitik wurden alle öffentlichen Bauangelegenheiten in Frankreich, auch das Kultusbauwesen, innerhalb der zentralistisch organisierten Baubehörde mit der wichtigen Instanz des Conseil des Bâtiments civils abgewickelt. Die Kirche hatte nur noch eine beratende Funktion.

In welchem Stil soll gebaut werden?

Die Auslobung des Wettbewerbs für den Kirchenneubau lag 1823 in den Händen einer Kommission, der u.a. die Beaux-Arts-Architekten und Akademiemitglieder Charles Percier, Pierre-François-Léonard Fontaine und vor allem Antoine Chrysostome Quatremère de Quincy als Secrétaire perpétuel der Akademie, angehörten. Für ihn galt Santa Maria Maggiore in Rom als das „perfekteste Modell einer christlichen Kirche und die genaueste Kopie einer antiken Basilika“. Die frühchristliche Basilika in Verbindung mit der antiken Tradition sollte zum Signum der christlichen Erneuerung und Muster der Kirchenneubauten werden.

Notre-Dame-de-Lorette wurde Anfang der 1820er Jahre von der Baubehörde zum Modell des Rekatholisierungsprogramms erhoben, da Hippolyte Lebas’ Wettbewerbsentwurf mit der Kolonnade, der Kasettendecke, dem Triumphbogen und dem ausgesparten Querhaus (Transept) den Ansprüchen und Anforderungen am meisten entsprach. In Roms frühchristlichen Kirchenbauten blieb die Kolonnade eher eine Ausnahme. An ihrer Stelle steht, so  in San Paolo fuori le mura und Santa Sabina, die Rundbogenarkatur. Die Kolonnade, im  Säulen-Architrav-Bau der klassizistischen Kirchenarchitektur Frankreichs noch dem antiken Peripteraltempel verpflichtet, also dem Typus des antiken heidnischen Tempels, bei dem die Cella von einem durch einen Säulenkranz begrenzten Umgang umgeben ist – mustergültig ist hier Chalgrins Église Saint-Philippe-du-Roule – konnte nun, so Salvatore Pisani, durch den Bezug zu Santa Maria Maggiore in Rom gleichsam christlich geläutert werden. „An der Entscheidung zugunsten der Kolonnade wird in Notre-Dame-de-Lorette eine für das frühe 19. Jahrhundert bezeichnende Wende transparent. Mit anderen Worten: Im Referenzwechsel vom heidnischen Tempelbau zur altchristlichen Basilika hatte sich die Kolonnade rekatholisiert…Der Tempel („temple“) des Klassizismus konvertierte in der Restaurationszeit, wie das politisch gewünscht war, gleichsam ganz diskret zurück zur Kirche („église“).“ [3]

Bevor wir wieder zur Kirche zurückkehren, wenden wir uns kurz dem besonderen Bauplatz und dem Architekten, Jean-Baptiste Lepère zu, der mit dem Bau von St. Vincent-de-Paul begonnen hat.

Der Bauplatz 

Die Kirche St. Vincent de Paul wurde im ehemaligen Quartier bzw. Faubourg Poissonière erbaut, der, wie alte Karten zeigen, mit der Region Nouvelle-France den westlichen Teil des Faubourg Poissonnière  umfasste, während der nordöstliche Teil als ‚Clos Saint-Lazare‘ oder ‚Enclose de Saint-Lazare‘ bezeichnet wurde. Der erstere entspricht dem heutigen IXe, der letztere Teil dem heutigen Xe  Arrondissement.

Abb. 2: Die Kirche von Sacré-Coeur de Montmartre aus gesehen

Der Enclos de Saint-Lazare beherbergte bereits im Jahr 1110 eine  Heimstätte für Leprakranke (Leprosorium). Als im 17. Jahrhundert die Lepra immer seltener  wurde, wurde die Heimstätte aufgelöst und 1632 ging das zugehörige Priorat an  Vinzenz von Paul und seine Congrégation de la Mission. Der Hl. Vinzenz gründete hier gemeinsam mit Louise von Marillac die Gemeinschaft der  Filles de la Charité, der Töchter der christlichen Barmherzigkeit, die sich um Kranke und Findelkinder kümmerten.  Neben seiner Funktion als Kloster, Kranken- und Waisenhaus war das Maison Saint-Lazare auch eine Art Haftanstalt für undisziplinierte Priester. Inhaftiert wurden auf Wunsch ihrer Familien  auch Ehefrauen oder junge Männer aus gutem Hause, deren Lebenswandel Anstoß erregte.

Abb. 3 Le plan de Paris, ses faubourgs et ses environs. Par Guillaume de l’Isle   1742    (Auschnitt)

In der Französischen Revolution wurde das Maison Saint-Lazare am 12. und 13. Juli 1789 vollständig geplündert und verwüstet und die Lazaristen vertrieben. Das Maison Saint-Lazare wurde während der Terrorherrschaft in ein Gefängnis umgewandelt. Dort wurden der Dichter André Chénier, der auf der Guillotine endete,  und der Maler Hubert Robert, der durch den Sturz von Robespierre der Guillotine entkam, inhaftiert. Zu den späteren Gefangenen gehörte auch die Spionin Mata Hari. Die letzten Gebäude des Gefängnisses wurden erst 1935 abgerissen.

Biographische Notiz zu Jean-Baptiste Lepère

Die Planungen der Kirche Saint-Vincent-de-Paul lagen anfangs in der Verantwortlichkeit von Jean-Baptiste Lepère (1761–1844). Es lohnt sich deshalb einen Blick auf diesen Architekten zu werfen, auch weil sich sein Werdegang so ganz  von dem der Beaux-des-Arts-Architekten unterschied.

Jean-Baptiste Lepère wird am 1. Dezember 1761 in Paris geboren. Soweit wir von Anna-Sarah Schlat[4] wissen, hat er keine finanziellen Möglichkeiten zu einem akademischen Studium.  

      Abb. 4: Jean-Baptiste Lepère, par Merry Joseph Blondel , 1823  Ausschnitt.

In einer kostenlosen Schule erlernt er Zeichnen und Kenntnisse der Geometrie. In  öffentlichen Kursen und ihm zugänglichen  Publikationen erweitert er sein Wissen in Mathematik, Physik und Chemie und eignet sich durch handwerkliche Ausbildung die Kenntnisse an, die erforderlich sind, um als Architekt zu arbeiten und technische Probleme zu lösen.  Als 27-jähriger geht er für 2 Jahre auf die Insel Saint-Domingue, wo er Unterkünfte baut.  Zurück in Frankreich widmet sich weiteren Studien zur Architektur. In der Zeit der französischen Revolution wird Lepère mit dem Entwurf und der Ausarbeitung der Dekorationen des neuen Théatre Français beauftragt. Hierbei wird das Interesse geweckt, Orte des klassischen Altertums zu bereisen und die antiken Monumente zu studieren, damals unerlässlich für erfolgreiche Laufbahn als Architekt. Die Gelegenheit ergibt sich 1796, als er gemeinsam mit anderen auf dem Landweg – der Seeweg ist von den Engländern blockiert – nach Konstantinopel reist, um dort im Auftrag der französischen Regierung für den Sultan Pläne von Kanonengießereien und ihrer Maschinen anzufertigen. Die Reise führt über Italien, Dalmatien, Bosnien und die europäischen Türkei. Er sieht eine Fülle antiker Bauten. Seine Zeichnungen hierzu bezeugen seine technisch-konstruktive und künstlerische Begabung.

Bereits kurz nach seiner Rückkehr nach Frankreich nimmt er 1798, gemeinsam mit 151 Wissenschaftlern und Künstlern als Mitglied der Commission des sciences et des arts, unter Bonaparte an der berühmten Ägypten-Kampagne teil. Lepère soll die antiken Monumente Ägyptens dokumentieren. Sie sind auf 50 Kupferstichen in der von Napoleon geförderten Description de l’Égypte zu finden, ein Monumentalwerk in 23 Bänden, publiziert von 1809 bis 1828, das die Ägyptologie als moderne Wissenschaft begründet. Neben der Erforschung der ägyptischen Monumente wird er mit den Entwürfen eines Quartiers für General Bonaparte, Krankenhäusern, Lazaretten und anderen wichtigen Bauten beauftragt. Lepère wird auch ehrenvolles „Membre de l’Institut d’Egypte“, 1798 von General Bonaparte gegründet. Die Jahre in Ägypten beschreibt Lepère später als die schönste Zeit seines Lebens. Lepères Entwürfe in Ägypten bringen ihm die Anerkennung Napoleons, der für die folgenden Jahre weiterhin sein Auftraggeber bleibt.

Napoleon ernennt ihn 1802 zum Architekten seines Sommerschlosses Malmaison. Im Auftrag von Dominique-Vivant Denon, Generaldirektor der französischen Museen und ebenfalls Teilnehmer der Ägypten-Expedition gestaltet er  den Sockel für das geplante Denkmal zur Erinnerung an den bei Marengo gefallenen General Desaix auf der Place des Victoires. Bedeutsamer sind seine Arbeiten an Säule zu Ehren der Grande Armée auf der Place Vendôme nach dem Vorbild der Trajansäule in Rom. [5] 

1810 nimmt Lepere am Wettbewerb für den Entwurf eines Obelisken auf dem Pont-Neuf teil. Am Ende des Ersten Kaiserreiches wird das Projekt aufgegeben. 1818 stellt Lepère den Sockel für die aus Bronze gefertigte neue Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont-Neuf fertig. Das Material stammt von der ersten Statue Napoleons auf der Colonne der Grande Armée. In den Jahren 1832 und 1833 ist er wieder als „Architecte de la Colonne“ tätig, und entwickelt eine Maschine zur Platzierung einer neuen Statue Napoleons auf der Säule.[6]

Wahrscheinlich kommt es über Jean-Francois Joseph Lecointe, mit dem Hittorff gemeinsam  ab 1814 für die Ausgestaltung der Feste und Zeremonien des Königs, der sogenannten Menus-Plaisirs du Roi, tätig ist, zu einer Verbindung von Hittorff zu Lepère.  Die Verbindung vertieft sich, als Hittorff am 2. Dezember 1824 Elisabeth, die einzige Tochter Lepères, heiratet.  

Lepère stirbt am 16. Juli 1844 und findet auf dem Friedhof Montmartre seine letzte Ruhe. Das Grabmal gestaltet Hittorff. Auf dem ursprünglichen Entwurf, der sich im Kölner Wallraf-Richartz-Museum befindet, ist zwischen den beiden Obelisken mit den Namen von Lepère und seiner Frau tragen, eine Säule zu sehen, die ein dorisches, ionisches und korinthisches Kapitell trägt und zwei große Werke Lepères vermerkt sind: „COLONNE DE LA GRANDE ARMEE – EGLISE ST.VINCENT DE PAUL“. Das Grabmal wurde ohne diese Säule ausgeführt.

Abb. 5: Jakob-Ignaz Hittorff: Entwurf für das Grabmal der Familien Lepère und Hittorff 1844 (Ausschnitt)

Im Gedenkschreiben von 1844 ehrt Hittorff besonders die menschlichen Eigenschaften von Lepère: „Ohne ihn intim gekannt zu haben, ist es unmöglich zu wissen, wie viel Adel und Tugend in dieser schönen und ausgezeichneten Natur steckte.“[7]

Hittorffs Eingriffe in Lepères Bauplan

Am 25. August 1824 findet die Grundsteinlegung der Kirche Saint Vincent-de-Paul statt. Aber erst 1826 wird mit dem Bau begonnen, der aus Mangel an Krediten nur langsam vorankommt und Ende der zwanziger Jahre, nicht zuletzt auch wegen des Sturzes der Bourbonen 1830 zum Stillstand kommt. Als unter der Julimonarchie die Arbeiten wieder aufgenommen werden, ist der Bau nicht über die Grundmauern gediehen. so dass noch weitreichende Veränderungen durch Hittorff, der 1831 die Bauleitung übernommen hatte,  möglich und unproblematisch sind. Lepère bleibt aber eng mit dem Bau verbunden.

Wie müssen wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen? Wir glauben, dass wir es hier mit einem Fall zu tun haben, wo der Ältere die Anregungen und Vorstellungen des Jüngeren bereitwillig übernimmt:  Trotz aller beruflicher Erfahrung kennt er seine Defizite in baukünst-lerischen Fragen. Er hat sich bei weitem nicht so intensiv mit der christlichen Basilika beschäftigt  und kennt, anders als sein Schwiegersohn, diesen Bautyp nicht aus eigner Anschauung. Nicht zu unterschätzen dürfte auch die Energie und Überzeugungskraft des Jüngeren, der diese schon in der Auseinandersetzung zur Polychromie in der Antike bewiesen hatte.

Zwar war auch Lepères Entwurf für St. Vincent-de-Paul schon der Versuch die antike Tradition bzw. die klassizistische Baukunst – emblematisch ist der Portikus – mit der frühchristlichen Basilika als Zeichen der christlichen Erneuerung zu verbinden. Perspek-tivische Ansicht, Grundriss und Querschnitt aus dem Plakat für die Grundsteinlegung der Kirche vom 25. August 1823 und Entwurfzeichnungen, die im Wallraf-Richartz-Museum in Köln aufbewahrt werden, lassen dies erkennen.

Abb. 6: Entwurfszeichnungen von Lepère für die Grundsteinlegung von Saint-Vincent de Paul 25. August 1823

Hittorffs Eingriffe in Lepères Plan lassen sich als Suche nach der perfekteren christlichen Basilika und als korrektere Verwendung antiker Bauelemente und somit als Verbesserung von Lepères Bauentwurf lesen. In Kenntnis von Lepères Plänen sind diese zwischen 1831 und 1833 von Hittorff durchgeführten Eingriffe genau zu bestimmen.:

Der Portikus

Hittorff erhöhte beim Portikus die Zahl der Säulen von zehn (im Entwurf bei Lepère) auf die symbolische Zahl zwölf, die Anzahl der Aposteln, um die Umdeutung des Portikus als Teil eines heidnischen Tempels zu dem einer christlichen Kirche deutlicher zu machen.

Überdies krönte Hittorff  die Giebelspitze des Portikus mit einem Kreuz. Wie die Päpste in Rom den heidnischen Obelisken ein Kreuz auf die Spitze setzten und sie so für das Christentum vereinnahmten, so wird hier das antike pagane Tempelmotiv des Portikus christlich umgewidmet.

Die Kolonnaden

Lepères Bauentwurf sah für alle Säulenreihen im Kircheninneren eine korinthische Ordnung vor. Hittorff wird sie nur für die Emporen belassen, die große Kolonnade im Grundgeschoss aber in eine für frühchristliche Basiliken übliche Ionica konvertieren, weil er nur so die „Eroberung der Kunst der Hellenen durch die moderne Kunst und des Heidentums durch die christliche Religion“[8] verwirklicht sieht. „Im Verständnis des archäologischen Klassizismus war die ionische Ordnung jene Griechenlands, die korinthische jene Roms.“[9] Hittorff warf den Zunftgenossen vor, hier nicht orthodox genug vorzugehen, wenn sie „fast überall korinthische Säulen“ verwendeten, den römischen Architekten nachgebildet“. Die Ionica versah er mit einem Halsband, das mit Traubenranken und Ähren geschmückt frühchristliche Symbolik zitiert. „Es lässt sich bis in Details hinein immer wieder nachzeichnen, wie orthodox Hittorff das restaurative Programm der religiösen Erneuerung mit dem Kanon der Beaux-Arts abglich.[10]

Die Doppeltürme und der Aufstieg zur Kirche

Abb. 7: Hittorffs Entwurf für die Église de St. Vincent-de-Paul, Fassade und Treppenaufgang

Die spektakulärste Änderung Hittorffs an Lepères Plan sind die Zwillingstürme, die in den Kirchenneubauten in Paris im 19. Jahrhundert einzigartig waren,  und der Aufstieg zur Kirche über ein Ensemble aus Treppen und Rampen, das der besonderen Topographie des Ortes Rechnung trug und bei Lepère außer Acht geblieben war.

Die Doppelturmfassade

Lepères Projekt sah nur einen einzigen Turm über der Apsis vor. Dies war in der klassizistischen Architektur des frühen neunzehnten Jahrhunderts üblich. Keine der anfangs genannten Kirchenneubauten in Paris, in die sich auch Lepères Entwurf einreihte, hatte eine Doppelturmfassade, einige nicht einmal einen richtigen Kirchturm.

Für Hittorff mit seinem Sinn für einen großartigen Auftritt, wie wir ihn auch von seinem letzten Großprojekt, dem Gare du Nord, kennen, war die Doppelturmfassade unerlässlich für einen glanz- und machtvollen Bau der christlichen Wiedererneuerung. Eindrucksvolle Beispiele dafür konnte man ja  unmittelbar in Paris an Notre-Dame und an der von  Jean-Nicolas Servandoni erbauten Kirche Saint-Sulpice (1631-1732) sehen.[11]

Der Aufstieg zur Kirche

Der Bau oberhalb eines Abhangs bot die Gelegenheit, die Kirche spektakulär in Szene zu setzen und geht sicherlich auf den unvergesslichen Augenblick zurück, den er am 31.1.1823 in einem Brief an seinen Freund und Kollegen Jean-François-Joseph Lecointe aus Rom beschreibt: „Kaum waren wir auf der Straße, hatten wir die Spanische Treppe vor uns und mit ihr den Barkenbrunnen, das außergewöhnliche Spiel, die Rampen, Terrassen und Treppen von Monte della Trinità.“[12]

Abb. 8: Treppenaufgang zur Kirche Trinità dei Monti: Die Spanische Treppe

Ähnlich wie bei der Kirche SS. Trinità dei Monti in Rom, deren Doppel-Türme sich über die großartige Treppenanlage von Francesco De Santis erheben, sollte die Kirchenfassade mit ihren Doppeltürmen hoch über ein Ensemble von Treppen und Rampen emporragen.

Zeichnungen aus dem Kölner Wallraff-Richartz-Museum zeigen, wie intensiv Hittorff sich mit dem Aufgang zur Kirche beschäftigt hat. Ein Plan mit einer einfachen, breiten,  geraden Treppe, die mehr klassizistischen Vorstellungen entsprach,  wurde verworfen. Letztlich orientierte er sich mehr am römischen Vorbild mit schmaleren Treppen, eingefasst von Hufeisen-förmigen Rampen.

Was den Platz vor der Kirche anbetrifft, so blieben, wie Karl Hammer in seiner Monographie über Hittorff schreibt, „die Hoffnungen des Architekten auf Schaffung eines großartigen Platzes unerfüllt. Die Stadtväter verschlossen sich seinen nimmermüden Vorschlägen zu rechtzeitigem Ankauf des umliegenden und unbebauten Geländes aus finanziellen Gründen und versäumten so eine einzigartige Gelegenheit. Die bedeutende Anlage von einst ist heute in ihrer Wirkung durch die Place Lafayette [die Rue Lafayette und heutige Place Franz-Liszt], die Treppenlauf und Auffahrten verkürzte, erheblich herabgemindert.“ [13]

Die Seitenkapellen oder Erweiterung zur mehrschiffigen Basilika

Eine weitere Änderung des ursprünglichen Lepère-Projektes betraf die Seitenkapellen, vier auf beiden Seiten. Sie waren nun nicht, wie in Lepères Entwurf durch Wände getrennt, sondern nur noch durch niedrige Gitter, so dass der Eindruck einer fünfschiffigen Basilika als frühchristliches Revival entstand. 

 Abb. 9: Grundriss der Kirche St. Vincent de Paul von Hittorff   Aus : Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen. 5. 1855 (Ausschnitt)

Hittorff kannte auch die fünfschiffige Abteikirche Sankt Bonifaz in München von Georg Friedrich Ziebland, die 1835 vollendet wurde und ebenfalls Zeichen dieser Wiederbelebung war. Nicht zufällig führt er diese in seiner Parallèle d’Églises, seiner vergleichenden Darstellung berühmter Sakralgebäude auf.[14]

Die offene Decke

Lebas und Lepère hatten ihren Entwürfen für das Mittelschiff eine Flachdecke vorgesehen, die man seit dem Mittelalter und der Renaissance in frühchristlich Bauten nachträglich einbaute und wie dies noch im 19. bzw. 20. Jahrhundert beim Wiederaufbau der zerstörten Kirchen Sankt Paul vor den Mauern in Rom und der Abtei Sankt Bonifaz in München geschah. Historisch korrekt war für Hittorff nur der offene Dachstuhl für das Mittelschiff, den er in Lepères Entwurf einfügte.

Abb. 10: Der offene Dachstuhl des Mittelschiffs

„Dass in dieser Korrektur wieder das Griechenideal durchschlug, macht Hittorffs Rekonstruktion des Tempels T in Selinunt deutlich, den er als hohen, von einem offenen Dachstuhl abgeschlossenen Emporenraum rekonstruierte. Schließlich bildete die römische Basilika mit offenem Dachstuhl das Zwischenglied zwischen griechischem Tempel und altchristlicher Basilika.“[15]

Betrachtung des ausgeführten Baus von außen

Die Hauptfassade hinter dem Portikus ist ein schlicht gehaltener Kubus-artiger Baukörper aus Quadersteinen. Seine beiden Stockwerke werden durch dorische und korinthische Pilaster gegliedert und von einem breiten schmucklosen Fries getrennt. Nur die seitlichen Flächen des Obergeschosses werden durch fensterartige Nischen mit den Statuen der Apostel Petrus und Paulus durchbrochen. Ein weiterer breiter Fries schließt das Obergeschoss ab. Zwischen den beiden Türmen wird das Geschoss von einer von Sockeln mit den vier Evangelisten unterbrochenen Balustrade bekrönt. Die relativ schmalen viereckigen, stumpfartigen Türme steigen zu einer Höhe von 56 m auf.

Abb. 11: Detail des nördlichen Turms mit Balustrade und der Statue eines Evangelisten

Die Fassade wird einem breiten, fast zwei Geschosse hohen, imposanten Portikus mit 12 ionischen Säulen dominiert. Das Tympanon des Dreieckgiebels verherrlicht den Schutzpatron der Kirche, den Heiligen Vincenz von Paul, mit einer Skulpturengruppe von Charles-François Lebœuf, genannt Nanteuil. Anders als in anderen Giebelfeldern der meisten Kirchen in Paris sind die Figuren der besseren Sichtbarkeit wegen nicht als Flach- oder Hochrelief, sonders als Vollplastiken ausgeführt. 

Abb. 12: Westfassade von St.-Vincent-de-Paul mit Treppenaufgang

In der Mitte des Giebels sieht man den Hl. Vinzenz mit zwei Engeln zu seiner Seite. Links, vom Betrachter aus gesehen, folgen drei Männer: ein kniender Priester, die Kongregation der Mission symbolisierend, dann ein Galeerensklave, auf die Befreiung von Sklaven durch den Heiligen verweisend, und ein „Ungläubiger“ oder sogenannter „Barbareske“, dessen Bekehrung Vizenz sich zum Ziel gesetzt hatte.

Abb. 13: Tympanon des Portikus

Auf der anderen Seite des Hl. Vinzenz wird die Fürsorge der Filles de la Charité für Kinder veranschaulicht: Vinzenz hatte für Findelkinder ein Heim geschaffen.

Das Hauptportal von St. Vincent-de-Paul

Hat man zum Portikus hinaufgeschritten, so gelangt man zum Hauptportal mit seinen beiden Nebenportalen, die in den Achsen der drei Kirchenschiffe liegen.

Abb. 14: Das Hauptportal

Das Hauptportal ist nicht allein durch seine Größe, sondern auch durch seine Dekoration hervorgehoben: Eingefügt in eine bildhauerisch mit christlichen Motiven geschmückte Zierleiste zeigt sich ein zweiflügeliges Tor aus Eisenguß, das von François Calla, einem Pariser Eisengießer gefertigt wurde, von dem wir in der Kirche weitere Kunstwerke sehen werden. In Nischen-artigen Feldern des Tors befinden sich die 12 Apostel, darüber steht in der Mitte auf einer Konsole eine überlebensgroße Christusfigur.

Abb. 15: Zwei Apostelfiguren des Hauptportals

Der Bilderzyklus der Portalrückwand

Am eindrucksvollsten ist zweifellos der Bilderschmuck über und seitlich des Hauptportals. Diese farbkräftigen emaillierten Lavaplatten mit einem Bilderzyklus aus dem Alten und Neuen Testament, die laut Hittorff der Höhepunkt der Monumentalausstattung der Kirche werden sollten, sind heute wieder zu sehen. Hittorff versuchte hier, seine Untersuchungen zur Polychromie in der Antike und ihre Bedeutung gerade für die Bauten unter nördlichen Himmelkünstlerisch umzusetzen [16]:

Abb. 16: Jules Jollivet: Neutestamentlicher Zyklus auf emaillierten Lavaplatten der Portikusrückwand von Saint-Vincent-de-Paul, 1859. 1860 abgenommen, 2010 erneut angebracht

 „Die Farbe ist in Paris mehr als in Athen notwendig, um Materialien und Farben zu bewahren, mehr als unter dem Himmel Griechenlands, Siziliens oder Italiens, um Skulpturen und die wichtigeren architektonischen Teile zu schützen. Sie benötigen die notwendige Hilfe unter einem sonnenlosen Himmel“.

Auch seine Eindrücke und Studien zur Cappella palatina des Normannenpalastes in Palermo und des Doms von Monreale, dargelegt in Architecture moderne de la Sicile, ou Recueil des plus beaux monumens religieux, et des édifices publics et particuliers… ; 1835, wollte Hittorff in den Bau der Kirche einbringen. „In seiner Programmschrift für L’Artiste,“ hatte Hittorff, „in kaum überbietbaren Worten „le grandiose de leur ensemble“ gepriesen und die beiden Kirchenbauten in ihrer Einheit von Bau und Bildschmuck als maßgeblich für Saint-Vincent-de-Paul erklärt.

Dieser „effet grandiose“, den  Hittorff nicht nur in der Kirche, sondern auch schon an der Portikusfassade zu erzielen suchte, war lange Zeit nicht mehr zu sehen. Doch gerade hier erlebte Hittorff einen kolossalen Fehlschlag. Gerade hier, wo er schon am Entrée zur Kirche seine Forschungen, Theorien, Reiseeindrücke, ja auch seine geschäftlichen Interessen als Produzent emaillierter Lavaplatten durch seine Firma Hachette & C.ie.  künstlerisch umzu-setzen trachtete, wurde ihm dies verwehrt.

Erst 1853 hatte der beauftragte Künstler Jules Jollivet eine Probeplatte, sie zeigte die Heilige Dreifaltigkeit, fertiggestellt  und  über dem Haupteingang angebracht. Der frischernannte Präfekt  Georges-Eugène Haussmann und die Baukommission reduzierten den ursprünglich geplanten dreizehnteiligen Zyklus mit Themen und Motiven aus dem Alten und Neuen Testament zunächst aus Kostengründen auf sieben Bildfelder. Den ursprünglichen Zyklus hatte Hittorff schon im Rahmen seiner Publikation Restitution du Temple d’Empédocle à Sélinonte, ou l’architecture polychrôme chez les Grecs. Paris 1851, Tafel XXIII, vorgestellt.

Abb. 17: Portikus der Église saint Paul de Vincent. Ausschnitt aus Tafel XXIII aus : Restitution du Temple d’Empédocle à Sélinonte, ou l’architecture polychrôme chez les Grecs. Paris 1851

Als dann endlich im Februar 1860 die Platten montiert worden waren, erregten die Nacktheit der Adam- und Evaszenen sowie die intensive Farbigkeit der Tafeln bei zahlreichen Gemeindemitgliedern und dem Klerus heftigen Unmut, der dem Präfekten Haussmann mitgeteilt wurde.

Abb. 18: Sündenfall Adams und Evas

Haussmann bestimmte per Ordonanz im März 1861,  dass die Platten zu entfernen und zu magazinieren seien. „Hittorff,“, so schreibt Pisani, „der diese Nachricht mit größter Verbitterung entgegennahm, schloss den Schriftverkehr mit der Administration mit den Worten: „Il ne me reste qu’à me soumettre!“ (Es bleibt nur noch, mich zu unterwerfen!), was er bis dahin immer zu umgehen sich bemüht hatte.“

Hittorff scheiterte an der Prüderie von Gemeindemitgliedern und dem Klerus, der „sündige Eindrücke“ befürchtete, vor allem aber an Haussmann, dem die ganze Polychromie ein Dorn im Auge war. Die emaillierten Lavaplatten verschwanden nach ihrer Abnahme für 150 Jahre im Depot und wurden erst 2010 erneut angebracht. So lange währte offensichtlich der Widerstand gegen Darstellung und Farbigkeit der Tafeln.

Betrachtung des ausgeführten Baus von innen

Abb.19: St.-Vincent-de Paul Innenansicht

Tritt man durch das Hauptportal, so blickt man auf eine querschiffslose, scheinbar fünfschiffige Emporenbasilika mit einem halbkreisförmigen Umgangschor. In der Tradition der christlichen Basilika markiert ein hoher Triumphbogen die Grenze zwischen Apsis mit dem Chorraum und Mittelschiff. In seinen seitlichen Bogenfeldern halten Engel die Inschrift „Gloria in excelsis Deo“ (Ehre sei Gott in der Höhe).

Abb.20: Triumphbogen zwischen Mittelschiff und Chorraum

In der Mitte erhebt sich goldglänzend der Altar mit seiner  Baldachin-gekrönten Kreuzigungsgruppe, ein Werk von François Rude.

Abb.21: Kreuzigungsgruppe von François Rude.

Er ist berühmt für das 1833-36 entstandene Relief  Le Départ des volontaires de 1792,  allgemein bekannt als La Marseillaise  am Arc de Triomphe in Paris.[17] Rude hat aber auch religiöse Themen gestaltet wie diese eindrucksvolle Kreuzigungsgruppe, die zu seinen bedeutendsten Werken gehört.

Abb. 22: Detail der Kreuzigungsgruppe von Rude

Auf der kuppelartigen Wölbung der Apsis, von François Picot auf Goldgrund gemalt, sehen wir Christus als Pantokrator, als Weltenherrscher, umgeben von Engeln und ihm zu  Füßen der Heilige Vincenz mit seinen Schützlingen. Im Fries darunter, ebenfalls von Picot und im gleichen Stil, sind die Sakramente szenisch dargestellt: die Taufe, die Eucharistie, die Firmung, die Ehe, die Ordination, die Buße und die Letzte Ölung.  

Abb. 23: Christus als Weltenherrscher

Die dem Chor gegenüber liegende Seite des Mittelschiffs wird dominiert von einer durch eine Fenster-Rosette durchbrochenen Orgel von Aristide Cavaillé-Coll, dem renommiertesten Orgelbauer seiner Zeit. Unter anderem baute er die Orgeln der Basilika Saint-Denis, der Madeleine, der Kathedrale Notre-Dame und von Saint-Sulpice. Der Fries von Hippolyte Flandrin unterhalb der Emporenorgel und über dem Hauptportal zeigt die Heiligen Petrus und Paulus, die die Völker des Ostens und des Westens evangelisieren.

Abb. 24: Orgel mit  Fries

Bestimmend für den Bau ist das hohe und lange Mittelschiff mit seiner dreiteiligen Wandstruktur, bestehend aus offenen Emporen mit korinthischen Säulen, einer Frieszone und einer Kolonnade aus dicht gestellten glatten ionischen Säulen. Das Zweite Stockwerk wird von einem Medaillen-Portraitfries angeschlossen, das von jenem an der Basilika San Paolo fuori le mura inspiriert wurde.

Der Blick öffnet sich weit bis auf die äußeren Seitenschiffe, die wie schon erläutert, eigentlich eine Aneinanderreihung von jeweils vier Kapellen sind. In gleicher Flucht wie die Kapellen befinden sich die Sakristeien, die Treppenhäuser und die Zugangsräume zu den Seiteneingängen der Kirche.  Jede Kapelle wird von einem Fenster oberhalb eines Altars erhellt. Weiteres Tageslicht fällt über die Fenster der Emporen in die Kirche.

Abb. 25: Inneres Seitenschiff

Die inneren Seitenschiffe setzten sich mit ihren ionischen Säulen als Chorumgang fort, während die Säulen des Mittelschiffs an einspringenden Pfeiler mit Pilaster, die den Triumphbogen tragen, enden und den Übergang zum Chor markieren. Blickt man aber auf die figurengeschmückte Frieszone des Mittelschiffs, so wird diese im Halbrund des Chores über den ionischen Säulen fortgeführt, so dass sich die säulenbekränzte Chorrundung zugleich als Weiterführung der Peristasis des Mittelschiffes zeigt.

Anders als in der frühchristlichen Flachdeckenbasilika, bei der Mittelschiff und anschließende Apsis gleich breit sind, wird in Saint-Vincent-de-Paul die Apsis über das Mittelschiff hinaus auf die Dimension der inneren Seitenschiffe vergrößert. Das dreischiffige Langhaus endet nun nicht mehr an der Apsis. Vielmehr werden die beiden Seitenschiffe in einem Halbrund hinter dem Chor hinausgezogen. So entsteht ein Umgang, auch Deambulatorium genannt, wie er vor allem aus der französischen Gotik bekannt ist, wo er u.a. die Pilger zu den Reliquien leitete.[18]

Bevor wir uns den weiteren Kunstwerken der Kirche zuwenden, wollen wir zeigen, wie Hittorff versuchte, ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk  zu schaffen.

Die Ausstattungskampagne von Saint-Vincent-de-Paul beginnt unmittelbar vor der Kirchweihe 1844  und zieht sich bis Ende der fünfziger Jahre hin. Sie umfasst vom Kirchen-boden, über  das  Kirchenmobiliars (Weihwasser- und Taufbecken, Altar, Kanzel, Leuchter u. a. m.), die Glasfenster, bis hin zum bildhauerischen und malerischen Schmuck, an Portikus-giebel wie Mittelschiffs- und Apsiswänden, die gesamte Breite der Gestaltungsfragen.

Hittorff, anfangs zusammen mit Lepère, ist unablässig um die Einheit der Künste bei seiner Kirche bemüht und wird deshalb immer wieder bei den Baubehörden bis hin zum Präfekten vorstellig. Schon 1838 in einem Memorandum an den Präfekten Rambuteau und erneut 1842 in der Zeitschrift L’Artiste, noch vor Beginn der Ausstattungskampagne, übermitteln Hittorff und Lepère ihr Credo für die Ausstattung von Saint-Vincent-de-Paul:  Nur eine konzeptionelle Einheit von Architektur, Malerei und Skulptur („l’heureuse alliance des trois arts“) erschaffe vollendete Kunstwerke („des ouvrages accomplis“). Kronzeugen für die Gültigkeit ihrer Behauptung seien die „immortels ouvrages“ der Griechen sowie die „chefs-d’œuvre“ neuerer Zeiten. Hittorff und Lepère erklären, dass Saint-Vincent-de-Paul nur dann zu einem Chef d’œuvre werde, wenn der Ausstattungsentwurf  einer „seule pensée directrice“, [einem einzigen leitenden Gedanken], d. h. ihnen allein, [und nicht der Bauverwaltung] unterstellt werde.[19]

So konnte sich Hittorff „als zentrale Instanz beratend, kontrollierend und anweisend zwischen Präfekten, Administration, Bistum und ausführende Künstler  positionieren, so dass das vielgestaltige Dekorationsprogramm weitgehend seiner Zuständigkeit unterstand. …Seine Anweisungen „sprechen die autoritäre Sprache des sich als Dirigenten des Künstlerorchesters verstehenden Architekten“, der allen Beteiligten ohne Unterlass einbläut, „dass hier ein Opus magnum entstehen soll“ und sie „doch die einmalige Chance erkennen sollten, in Saint-Vincent-de-Paul ihren Namen glorieusement … à la postérité  überantworten zu können.“[20]

Im Zentrum der Ausstattung steht der Bildschmuck der Apsis und die hohe umlaufende Frieszone entlang der Chorrundung und des Mittelschiffes. Der Auftrag hierzu geht zunächst an Hittorffs Favoriten Jean-Auguste-Dominique Ingres,  spöttisch, auch bewundernd „Raffael“ des 19. Jahrhunderts genannt. Aus der Verwirklichung wurde laut Pisani wegen dessen „aufgespreiztem Selbstbewusstsein“ nichts. Stattdessen werden Hippolyte Flandrin, wichtigster Ingres-Schüler, und François Picot, ab 1848 Mitglied der Akademie, mit der Ausführung der Malereien im Mittelschiff (Flandrin) und in der Apsis (Picot) beauftragt. Auf sein Konzept des Zusammenhalts von Architektur und Ausmalung bedacht, fordert Hittorff Picot auf, sich mit Flandrin zu beraten und schickt ihm überdies ein Exemplar seiner Architecture moderne de la Sicile mit dem Hinweis, sich eingehender dem Studium des Mosaikschmucks der Cappella palatina des Normannenpalastes in Palermo und jenes im Dom von Monreale zu widmen.

Abb. 26: Dom von Monreale

Insbesondere der aus dem 12. Jahrhundert stammende Dom von Monreale bei Palermo war für Hittorff Maßstab und bewundertes Vorbild. Seine Kirche sollte eine ähnliche und außerordentlich prächtige Ausstattung haben. Er konnte dieses Anliegen aber nur erreichen, wenn ihm eine Einheit des Schaffens aller Künste gelang. Deshalb versuchte er nahezu die gesamte Ausstattung selbst zu entwerfen oder doch zumindest die Künstler dahin zu bringen, seinen Ideen zu folgen. Das gelang nicht immer, aber gerade da, wo ein Künstler wie Flandrin eigenen Ideen folgte, war das Resultat sogar großartiger, wie er zugeben musste, als seine ursprünglichen Vorstellungen.

Flandrins breiter Fries des Mittelschiffs erinnert an die Mosaiken von Ravenna. Er zeigt  anstatt der von Hittorff geplanten Darstellung aus dem Leben des Heiligen Vincenz einen Prozessionszug wie jener bei der heidnischen Prozession der Panathenäen im Parthenon von Athen. Mit Recht lobt Théophile Gautier Flandrins „Idee d’un Parthénon chrétien“.

Abb. 27: Saint-Vincent-de-Paul. Mittelschiff mit der Heiligenprozession von Hippolyte Flandrin, 1848

Auf jeder Seite des vierzig Meter langen und fast drei Meter hohen Friesbandes bewegen in feierlich gemessenem Schritt zwei Prozessionszüge auf den Chor und den in der Apsis thronenden Christus zu.

Abb. 28: Prozession der heiligen Männer

Auf der einen Seite ist es der Zug der von Engel angeführten heiligen Männer, das sind die Aposteln, heroische Märtyrer, Bischöfe, gelehrte Doktoren und mutige Bekenner, auf der anderen Seite ebenfalls von Engeln geleitete heilige Frauen,  Märtyrerinnen, unschuldige Jungfrauen, ungebeugte Frauen, Büßerinnen und kanonisierte heilige Ehepaare.

Abb. 29:  Prozession der  heiligen Frauen

Zu den eindrucksvollen Werken in Saint-Vincent-de-Paul zählen sicherlich die farbigen Glasfenster in den Seitenkapellen. Hittorffs Bekenntnis zur Polychromie in der zeitge-nössischen Baukunst verhalf einer lange vergessenen Kunst, der Glasmalerei, die im Mittelalter ihre Blüte hatte, zu neuem Leben. So erhielt jede der Seitenkapellen über den Altären ein transparentes Bild der Person, der diese Kapelle geweiht war.

Ihr Schöpfer ist Laurent-Charles Maréchal,  ein Vertreter der „Schule von Metz“, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der größten Spezialisten der Glaskunst wurde.

Abb. 30: Sankt Martin   

Das erste Fenster auf der Nordseite zeigt Johannes den Täufer und Christus. Die nun folgenden Fenster sind Figuren der Nächstenliebe gewidmet: Es sind Sankt Martin, Elisabeth von Ungarn und Franz von Sales.

Abb.31: Der Glaube ohne Werke ist tot

Passend zu diesem Bildprogramm und zu dem Heiligen, dem die Kirche geweiht ist, trägt Sankt Martin ein Bibelwort (Jacobus 2,26) in den Händen: „Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“

Auf der Südseite wird zuerst Christus als Erlöser gezeigt, es folgen in den nächsten Kapellen Heilige, die sich durch Glaubensstärke ausgezeichnet haben: die Heiligen Denis, Clotilde und Karl Borromäus. Saint Denis, der für Paris und die Monarchie ja eine besondere Rolle spielt, wird hier übrigens einmal nicht als geköpfter Märtyrer dargestellt, der seinen Kopf in der Hand trägt…

                Abb. 32: Saint Denis 

An vielen Stellen musste bei der Ausstattung der Kirche gespart werden. Stuck ersetzte den Marmor. An die Stelle von Bronze trat Gusseisen, das wegen der angestrebten Polychromie und in Angleichung an die Malerei gleichfalls reich vergoldet wurde, so z.B. bei Weihwasser- und Taufbecken, Kandelabern, Gittern, Schranken und der Figurengruppe des Altars.

Abb. 33: Kandelaber

Abb. 34: Säule aus Stuck mit dem Schattenwurf eines Kandelabers

    Abb. 35: Gitterschranke aus Gusseisen

Fast alle diese Objekte wurden, wie Zeichnungen aus dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum belegen,  von Hittorff entworfen, ebenso die Werke aus Holz wie die Kanzel, das Chorgestühl, die Beichtstühle und sogar der Fußboden des Mittelschiffs.[21]

Die weitere Ausstattung der Kirche mit Ausmalungen der Kapellen und Emporen verzögerte sich. Seinen Wünschen wurde nicht stattgegeben. Vielmehr wurde er, wie Karl Hammer schreibt,  von Haussmann aufgefordert  „die Verwendung von Farbe in Saint-Vincent-de-Paul zu mäßigen“[22]. So bleibt der bedeutendste Versuch des 19. Jahrhundert, nach den Vorbildern der Antike und des frühen Christentums einen Sakralbau zu errichten.

Die Würdigung von Hittorffs Saint-Vincent-de-Paul

Für Salvatore Pisani gilt Hittorff als der wichtigste Wortführer im Prozess der Erneuerung der sakralen Monumentalmalerei der Epoche. Ihm ist gelungen, eine Kohärenz der Malerei  mit der Architektur zu bewahren. Es gelang ihm, weil sowohl Picots Pantokrator- und Sakramentsdarstellungen als auch  Flandrins  vielfigurige Heiligenprozession,  allesamt vor Goldhintergrund gestellt, auf Illusionseffekte verzichteten. Es gelang ihm, die Künstler zu überzeugen, welche Flächenwirkung die frühchristliche Mosaikkunst vor Einführung der Perspektive hatte. So konnte er den Monumentalcharakters seiner Architektur bewahren. „Nicht von ungefähr liest sich die Würdigung der sizilianischen Wandmosaiken in der Architecture moderne de la Sicile wie eine Beschreibung des Bilderschmuckes in Saint-Vincent-de-Paul: „Die großartige Wirkung, um die es hier geht, ist nicht nur das Ergebnis der Reproduktion desselben Stils und Charakters, die alle Gemälde untereinander aufweisen, sondern auch das Ergebnis des Hintergrunds in derselben Farbe, auf dem sich alle Kompositionen abheben. Die Verwendung von Gold für diese Hintergründe zeigt außerdem, dass die Künstler nicht die Absicht hatten, die Wände zu verstecken, sondern dass sie die aus Stein gebauten Wände für das Auge und den Verstand in Wände aus kostbaren Materialien verwandeln wollten. Die Figuren waren immer einfach in ihren Posen, immer ernst in ihren Ausdrücken, aber sie konnten die Idee der goldenen Mauer nicht auslöschen. So wurde der Geist nie durch den Widerspruch von Hintergründen aller Art, vorspringenden und zurückspringenden Körpern, perspektivischen Illusionen und Hell-Dunkel-Malerei schockiert, die die architektonischen Formen mehr oder weniger verfälschten…“[23]

Am 23.November 1844 schreibt Jean-Auguste-Dominique Ingres, Maler und Chefideologe der École und der Académie des beaux-arts an den Freund Jean-François Gilibert, Jakob Ignaz Hittorffs Kirchenbau von Saint-Vincent-de-Paul, sei „le plus beau des monuments modernes de Paris“ und sei „von einem Geschmack“, “der an alles erinnert, was uns die schönsten Basiliken in Sizilien und Rom zeigen. Er ist [Hittorff] definitiv ein großer Architekt“.

Die Kunstkritiker des 19. Jahrhundert waren sich, je nachdem welchen Schulen sie anhingen, uneinig in ihrer Würdigung der Kirche, insbesondere ihrer Malerei.[24] Das mag die Kunsthisto-riker interessieren. Wir, mit weniger historischer Gelehrsamkeit ausgestattet, sollten Vincent-de-Paul besuchen und uns einfach unseren eigenen Gefühlen, Empfindungen überlassen und vielleicht die sakrale Feierlichkeit erleben, die Hittorff zu erschaffen trachtete.


Anmerkungen

[1] Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022

„Titelfoto“: Ausschnitt aus dem Tympanon. Saint Vincent de Paul zwischen Engeln. Foto: Wolf Jöckel

[2] Die weiteren Geschehnisse während der französischen Restauration nach 1814/15 werden zeigen, dass die klassischen Beschwörungsformeln des »oubli« und »pardon«, des »Vergessens« und »Verzeihens«,  nicht mehr funktionierten, nicht mehr funktionieren konnten, und dass die verlorene Ordnung und die Identität der nation weder unter den Bourbonen, noch unter Louis-Philippe wieder hergestellt wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.

[3] Pisani, ebd.

[4] Anna-Sarah Schlat,  Jean-Baptiste Lepère (1761-1844) – „Architecte de l’Empereur“ – Die Zeichnungen der Paläste von Saint-Cloud, Meudon und Saint-Germain-en-Laye im Kontext der Architekturpolitik Napoleon I. 1811-1814, Dissertation 2019

[5] Material sind die bei der Schlacht von Austerlitz erbeuteten Bronze-Kanonen. Der 1806 als Architekt berufene Jacques Gondoin hat aber konstruktive Probleme bei den Reliefplatten. Von Denon hinzugezogen, überwindet Lepère jegliche Hindernisse und leitet von nun an dieses prestigeträchtige Projekt allein. Ein Vergleich mit den 1822 publizierten Kupferstichen zur Säule von Ambroise Tardieu zeigt, dass es sich bei diversen Kupferstichen aus Lepères Nachlass, um Vorlagen der Bronze-Reliefs der Säule handelt. Darüber hinaus verfügt das Wallraf-Richartz-Museum über einen unausgeführten Entwurf der Place Vendôme mit vier Brunnen.

[6]  Dazu unpublizierte Pläne finden sich in der Bibliothèque National de France.

Dokumente aus den Archives Nationales sowie Archives du Domaines de Saint-Cloud  und den Archives Nationales und Archives du service d’architecture et de la conservation du Domaine de Fontainebleau weisen nach, dass Lepère sowohl als Architekt der Division von Saint-Cloud als auch der Division vonFontainebleau tätig ist. Dort begegnet Jakob-Ignaz Hittorff 1822, wie er  in seinem Tagebuch Voyage en Italie festhält,  auf dem Weg nach Italien Lepère. Im Alter von 64 Jahren wird Lepère nach der Krönung Karl X. der Titel Chevalier de la légion d’Honneur verliehen.

[7] „Sans l’avoir connu dans l’intimité, il est impossible de savoir ce qu’il y avait de noblesse et de vertu dans cette belle et excellente nature.“

[8] „conquête de l’art moderne sur l’art des Hellènes, et de la religion chrètienne sur le paganisme“   Salvatore Pisani, ebd.

[9] Salvatore Pisani, ebd.

[10] Salvatore Pisani, ebd.

[11]  Hittorff dürfte auch den siegreichen Entwurf einer Basilika mit Doppeltürmen für den Grand-Prix-Wettbewerb von 1801 von Hippolyte Lebas gekannt haben.

[12]  Orginalbrief in Französisch im Kölner Stadtarchiv, N.H. Bd. Voyage d’Italie.

Neben dieser unmittelbaren römischen Inspiration durch die Scalinata delle SS. Trinità dei Monti dürften Hittorff auch  historische Entwürfe der Treppenanlage aus der Biblioteca Apostolica Vaticana bekannt gewesen sein, die alle eine Kombination von Treppen und Rampen zeigen. So die Entwürfe von Alessandro Specchi und Francesco De Santis,  vielleicht auch das Progetto per la scalinata di Trinità de’ Monti von Elpidio Benedetti (ideazione), Plautilla Bricci (esecuzione), 1660.

[13] Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968

S.157/58)

[14] Der Wegfall der Trennwände zwischen den Seitenkapellen lässt den Kirchenraum größer erscheinen, gleichwohl erweitern diese scheinbaren äußeren Seitenschiffe bzw. die Kapellenreihen nicht  wie die inneren schmaleren Schiffe, die sich als Chorumgang fort-setzen, den Bewegungsraum.  Vielmehr enden sie an den Stirnseiten der seitlich liegenden Sakristeien, bleiben, auch wenn nur durch niedrige Zierschranken, getrennt und zeigen dies durch ein zwei Stufen höheres Bodenniveau und durch eine unterschiedliche Abdeckung: Bei den inneren Seitenschiffe ist es eine Kasetten-Flachdecke, bei  einzelnen Kapellen sind es quer zu Kirchenlängsachse  flache Satteldächer.

[15] Pisani, ebd.

[16] Hittorff in: Restitution du temple d’Empédocle à Selinonte; ou, L’architecture polychrôme chez les Grecs… ; Paris,1851

[17] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[18]  Für Pisani ist „der durch eine Kalotte gewölbte Chorraum …das Resultat von zwei miteinander kombinierten Raumtypen: Die Halbrundapsis der altchristlichen Basilika geht mit dem Umgangschor der französischen Kathedralgotik eine Synthese ein. Saint-Vincent-de-Paul ist damit ein Verschnitt hochrangiger Raumtypen, vom frühen Christentum über das französische Mittelalter bis zum Säulen-Architrav-Bau des Klassizismus   Pisani, ebd.

[19] Pisani, ebd. Die Publikation erhöhte den Druck auf die Pariser Administration und verhinderte, dass wie  bei Notre-Dame-de-Lorette in Paris die malerische Ausstattung von nicht weniger als 26 eigenverantwortlich entwerfenden Künstlern ausgeführt wurde mit dem Resultat mangelnder konzeptioneller Einheit und eines stilistischen Mixtums.

[20] Pisani, ebd.

[21] Beim ursprünglichen Bau der Kirche hatte Hittorff nur eine kleine Kapelle hinter dem Chor errichtet. Die heutige, der Jungfrau Maria geweihte, Kapelle wurde erst 1869, d.h. nach Hittorffs Tod  von Édouard Villain erweitert. Die künstlerische Ausgestaltung steht Hittorffs Konzept diametral entgegen und zeigt, dass die beteiligten Künstler Hittorffs Konzept nicht verstanden haben.

[22] „à modérer son emploi de la couleur à Saint-Vincent-de-Paul“.  Karl Hammer, ebd.

[23] Zitiert nach Pisani (original in franz., hier übersetzt)

[24] Siehe bei Syvain Bellenger: Hittorff und die Malerei von Saint-Vincent-de-Paul, S.165-174; in: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhundert. Ausstellungskatalog des Wallraf-Richartz-Museums, Köln, 1987

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Der Chor der Église de St. Vincent-de-Paul. Foto: Wolf Jöckel
Abb.2: Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/St-Vincent-de-Paul_(Paris)#/media/Datei:Saint-Vincent-de-Paul_Paris.jpg
Abb.3: Nouvelle France & Enclose de Lazare Bildquelle: Le plan de Paris, ses faubourgs et ses environs, 1742, par Guillaume de l’Isle (Auschnitt) Abb.4: Jean-Baptiste Lepère, par Merry Joseph Blondel , 1823 (Ausschnitt)
Bildquelle: Collection Château de Versailles
Abb. 5: Jakob-Ignaz Hittorff Entwurf für das Grabmal der Familien Lepère und Hittorff 1844
(Ausschnitt) Bildquelle: Anna-Sarah Schlat, Jean-Baptiste Lepère (1761-1844) – „Architecte de l’Empereur“ – Die Zeichnungen der Paläste von Saint-Cloud, Meudon und Saint-Germain-en-Laye im Kontext der
Architekturpolitik Napoleon I. 1811-1814, Dissertation 2019 Abb. 6: St.-Vincent-de-Paul ( Vue perspective, Plan, Coupe transversale) Entwurf J.B. Lepère
Bildquelle: Affiche avec gravure et texte en caractère Didot pour la pose de la première pierre de l’Eglise Saint- Vincent de Paul 25 août 1823. Musée Carnavalet (Ausschnitt)
Abb. 7: Hittorffs Entwurf für die Église de St. Vincent-de-Paul, Aufriss, Fassade, Treppenaufgang
und Seitengebäude, 1845 Bildquelle : Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek Abb. 8: Treppenaufgang zur Kirche Trinità dei Monti https://www.artesvelata.it/scalinata-trinita-monti-fontana-trevi/
Abb. 9: Grundriss St. Vincent de Paul von Hittorff.
Bildquelle: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen. 5. 1855 (Ausschnitt) Abb. 10: Der offene Dachstuhl des Mittelschiffs. Foto: Wolf Jöckel Abb. 11: Detail des nördlichen Turms mit Balustrade und der Statue eines Evangelisten. Foto: Wolf Jöckel Abb. 12: Westfassade von St.-Vincent-de-Paul mit Treppenaufgang Foto: Wolf Jöckel
Abb. 13 Tympanon des Portikus – Glorification de Saint Vincent par Charles Leboeuf Nanteuil 1846
Foto: Wolf Jöckel
Abb. 14: Hauptportal Foto Wolf Jöckel
Abb. 15: Hauptportal (Detail). Foto: Wolf Jöckel
Abb. 16: Jules Jollivet: Neutestamentlicher Zyklus auf emaillierten Lavaplatten der
Portikusrückwand von Saint-Vincent-de-Paul. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 17: Portikus der Église saint Paul de Vincent. Ausschnitt aus Tafel XXIII aus Restitution du
Temple d’Empédocle à Sélinonte, ou l’architecture polychrôme chez les Grecs. Paris 1851
Bildquelle : Ausschnitt aus Tafel XXIII aus Restitution du Temple d’Empédocle à Sélinonte, ou
l’architecture polychrôme chez les Grecs. Paris 1851
Abb. 18: emaillierte Lavaplatten – Sündenfall Foto: Wolf Jöckel
Abb. 19: St.-Vincent-de Paul Innenansicht. Foto: Wolf Jöckel Abb.20: Triumphbogen zwischen Mittelschiff und Chorraum. Foto: Wolf Jöckel Abb. 21: Kreuzigungsgruppe von Rude: Foto: Wolf Jöckel
Abb. 22: Kreuzigungsgruppe von Rude. Detail. Foto: Wolf Jöckel Abb. 23: Christus als Weltenherrscher. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 24: Orgel mit Rosette und Fries. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 25: Inneres Seitenschiff. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 26: Dom von Monreale, auch als Kathedrale Santa Maria Nuova bekannt
Bildquelle: https://www.jeanpaulbarreaud.com/en/tours/monreale/
Abb. 27: Saint-Vincent-de-Paul. Mittelschiff mit der Heiligenprozession von Hippolyte Flandrin
Bildquelle:https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Vincent-de-Paul.htm
Abb. 28: Prozession der Heiligen Märtyrer. Detail. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 29: Prozession der heiligen Ehepaare. Detail. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 30: Sankt Martin. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 31: Sankt Martin. Der Glaube ohne Werke ist tot. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 32: Saint Denis. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 33: Kandelaber. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 34: Säule aus Stuck mit dem Schattenwurf eines Kandelabers. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 35: Gitterschranke aus Gusseisen von François Calla. Foto: Wolf Jöckel

Literaturverzeichnis

Hittorff, Jacques Ignace; Zanth, Ludwig: Architecture moderne de la Sicile, ou, recueil des plus beaux monumens réligieux, et des édifices publics et particuliers les plus remarquables de la Sicile; Paris 1835

Mémoire présenté par MM. Lepère et Hittorff, architectes, à M. le Préfet de la Seine. L’Artiste 1 (1842) p. 3-5 & p.19-22

Hittorff, Jacques Ignace: Restitution du temple d’Empédocle à Selinonte; ou, L’architecture polychrôme chez les Grecs; Bd. 1 & Bd. 2 (Atlas), Paris,1851

Sylvain Bellenger: Hittorff und die Malerei von Saint-Vincent-de-Paul, S.165-174; in: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhundert. Ausstellungskatalog des Wallraf-Richartz-Museum, Kön, 1987

Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968

Kiene, Michael Ph.D. (2015): Antique Polychromy Applied to Modern Art and Hittorff’s Saint Vincent de Paul in Paris, the Architectural Showpiece of the Renouveau Catholique, Vincentian Heritage Journal: Vol. 32: Iss. 2, Article 5.

Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022

Anna-Sarah Schlat,  Jean-Baptiste Lepère (1761-1844) – „Architecte de l’Empereur“ -Die Zeichnungen der Paläste von Saint-Cloud, Meudon und Saint-Germain-en-Laye im Kontext der Architekturpolitik Napoleon I. 1811-1814, Dissertation 2019

Claudine de Vaulchier: Saint-Vincent-de-Paul: Reminiszenzen und kreative Schöpfung. In: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhundert. Ausstellungskatalog des Wallraf-Richartz-Museum, Kön, 1987

Eglise Saint Vincent de Paul. Paris (2). Vitraux. Saints. In Montmartre secret. Publié le 11 Janvier 2013   https://www.montmartre-secret.com/article-eglise-saint-vincent-de-paul-paris-vitraux-saints-114033843.html    

Eglise Saint Vincent de Paul. Paris (3). Façade peintures. Lave émaillée..Pierre Jules Jollivet. In: Montmartre secret.Publié le 15 Janvier 2013 par chriswac https://www.montmartre-secret.com/article-eglise-saint-vincent-de-paul-paris-facade-peintures-lave-emaillee-114033818.html

Die Beiträge von Ulrich Schläger zu Hittorff in Paris:



			
					

Malmaison: Das „allerliebste Landhaus“ Napoleons und Josephines

Der Name Malmaison ist wenig animierend: Er ist abgeleitet von dem zuerst im 13. Jahrhundert erwähnten „mala domus“ (mauvaise maison). Der Ort hatte einen schlechten Ruf, weil von einem dort gelegenen Stützpunkt aus die normannischen Invasoren Überfälle unternommen haben sollen. Seit aber 1799 Joséphine, die Gemahlin Napoleon Bonapartes, das im 17. Jahrhundert errichtete Schloss kaufte, ist Malmaison alles andere als schlecht oder minderwertig. Das Ehepaar Bonaparte engagierte nämlich die Architekten Percier und Fontaine, „die das alte Anwesen in ein heute beispielloses und einzigartiges Bauwerk im eleganten und raffinierten konsularischen Stil“ umwandelten.[1]

Dazu wurde Malmaison auch berühmt für seine Gartenanlagen. Josephine, eine Kreolin aus Martinique, liebte nämlich Pflanzen über alles und ließ im Laufe der Jahre, die sie in Malmaison verbrachte, die Gartenanlagen völlig umgestalten. Schöne und seltene Pflanzen aus aller Welt wurden dort kultiviert, so dort kein traditioneller Schlosspark entstand, sondern eher ein botanischer Garten. Man hat ihn als den damals „schönsten Garten Europas“ gerühmt. [2] Josephines besonderer Stolz war der Rosengarten, der in der ursprünglichen Form nicht mehr existiert. Seit 2014 wurden allerdings zwei neue Rosengärten angelegt, einer für alte Rosensorten und ein weiterer für Neuzüchtungen. Zum Park von Malmaison und zu Josephines Leidenschaft für die Rosen in einem späteren Bericht mehr.

Da Josephine, die zwar mit ihrem ersten Mann, dem 1794 guillotinierten Eugène de Beauharnais, zwei Kinder hatte, „dem Kaiser keinen Erben gebären konnte“[3], willigte sie 1809 in die Scheidung ein und zog sich nach Malmaison zurück, das ihr von Napoleon überschrieben wurde. Nach ihrem Tod 1814 erbte ihr Sohn Eugène das Anwesen. Er überführte einen Teil des Mobiliars in sein Münchner Exil, verkaufte anderes, konnte aber das Anwesen seiner Mutter nicht weiter nutzen. Nach seinem Tod verkam Malmaison immer mehr, bis es Kaiser Napoleon III., der Enkel Josephines, 1861 erwarb. Durch sein Engagement und nachfolgende Renovierungen erstrahlt das Schloss wieder weitgehend in dem von Josephine gewünschten Zustand und Glanz. [4] Seit 1903 ist es ein staatliches Museum.

Nachfolgend einige Eindrücke des Schlosses, die in drei Bereiche gegliedert sind:

  • Räume und Dekorationen
  • Die ägyptische Mode
  • Portraits von Josephine, Napoleon und Eugène Beauharnais

Der von Josephine veranlasste Umbau und die Inneneinrichtung des Schlosses von Malmaison wurden entworfen von den beiden Architekten Charles Percier und Pierre-Francois Léonard Fontaine. Percier war 1786 von der Académie royale d’architecture mit dem Prix de Rome ausgezeichnet worden, der mit einem längeren Studienaufenthalt in Rom verbunden war. Er lebte und arbeitete dort -und lebenslang- mit seinem Freund und Partner Fontaine zusammen. Intensiv beschäftigten sie sich mit der klassischen Architektur und Dekoration, deren Erforschung durch die Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum wesentlich befördert wurde. 1790 kehrten sie nach Paris zurück und wurden durch ihre praktischen und theoretischen Arbeiten stilbildend für die Architektur und Inneneinrichtung der napoleonischen Ära.[5] Als „Hofarchiteken“ der Bonapartes entwarfen sie beispielsweise die einheitlichen und repräsentativen Fassaden der Bauten an der unter Napoleons Ägide entstandenen rue de Rivoli und der zur Place Vendôme führenden rue de Castiglione mit ihren charakteristischen Arkaden.[6] Von Napoleon erhielten sie auch den Auftrag zum Bau des Triumphbogens zwischen Louvre und den Tuilerien, dem Arc de Triomphe du Carrousel.

Dass sich Percier und Fontaine in ihren Entwürfen intensiv an antike Vorbilder und Motive anlehnen, wird auch in Malmaison deutlich. 

Das Vestibül. Mit seinen Stucksäulen aus falschem Granit, Porphyr und Holz erinnert es an ein römisches Atrium. Zu Zeiten von Josephine gab es hier Volieren mit Vögeln aus Amerika, Afrika und Asien.[7]

Der  Speisesaal wurde im Jahr 1800 von Fontaine im pompejanischen Stil eingerichtet. Ursprünglich gab es dort nicht nur Stühle, sondern auch zwei Sessel für Napoleon und Josephine.[8]

Die Wände sind mit den Darstellungen von acht Tänzerinnen dekoriert, die von pompeijanischen Wandmalereien inspiriert sind.

Gemalt hat sie Louis Lafitte, der 1791 den prix de Rome gewonnen hatte und von daher mit der antiken Kunst und den im 18. Jahrhundert begonnenen Ausgrabungen von Pompeji bestens vertraut war. [9]

Das Billardzimmer[10]

Madmoiselle Avrillion, erste Kammerfrau der Kaiserin, schildert in ihren Memoiren, dass „sich ihre Majestät nach Verlassen des Tischs in das Billardzimmer begab, wo sie eine oder zwei Partien spielte, was sie bestens beherrschte.“

In Malmaison wurde aber auch gearbeitet. Es gab eine große, schöne Bibliothek, die Fontaine aus drei kleineren früheren Räumen schuf. Sie füllte sich so schnell, dass ein Teil in das benachbarte Schlösschen Bois-Préau ausgelagert werden musste.

Die Decke der ist mit Portraits klassischer Autoren geschmückt, die Napoleon besonders schätzte, hier dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Dazu verfügte Napoleon über ein Arbeitszimmer und einen Salon.

Der Einfluss der Antike wird auch im Frieszimmer deutlich, benannt nach dem Fries eines Festzuges mit Motiven der griechisch-römischen Mythologie.

Der Ratssaal (salle de conseil)[11]

„Ab Juli 1800 erforderten die häufigen Zusammenkünfte der Minister in Malmaison die Einrichtung eines Ratszimmers, das innerhalb von zehn Tagen von dem Architekten Fontaine gestaltet wurde.“ Fontaine ließ sich dabei von den bei den Feldzügen Napoleons aufgebauten Armeezelten inspirieren. Es ist, wie auch das für die Dienerschaft bestimmte Zeltzimmer, mit gestreiften Stoffen drapiert.

Dies ist das mit Schwänen verzierte Bett der Kaiserin in ihrem Schlafzimmer, in dem sie 1814 verstarb. Die Schwäne sind im Empire-Stil immer präsent: Sie verweisen auf Apoll, aber die gebogenen Hälse beziehen sich auch auf Zeus, der sich in Gestalt eines Schwans Leda näherte und sie verführte…  Angefertigt hat das Bett ebenso wie auch andere Möbelstücke des Schlosses, die Ebenisten-Werkstatt Jacob.[12] Die Brüder Jacob hatten im Ancien Régime Erfolg gehabt und die königliche Familie mit feinen Möbeln beliefert, so dass sie mehrfach verhaftet wurden und fast unter dem Fallbeil geendet hätten. Während des Konsulats und des napoleonischen Kaiserreichs konnten sie dann aber wieder an frühere Erfolge anknüpfen: Dann aber nicht mehr mit dem Stil Louis XVI, sondern mit Möbeln im modischen Akazienholz und in einem der neuen Zeit angepassten Stil mit griechisch-römisch-ägyptischen Elementen.

Josephines mit Blumen geschmückte Initiale ist bescheiden am Bettrand angebracht…

Darüber thront mächtig der napoleonische Adler – kaiserliches Symbol in der Tradition des Römischen Reichs. Und der Kaiser ist selbst am Toilettentisch präsent…[13]

Für Josephine war dies übrigens ein höchst bedeutsames Utensil. Josephine war ja sechs Jahre älter als ihr Ehemann. „Zunehmend machten ihr, wie es Napoleon nannte, die Schwierigkeiten des Alters zu schaffen. Im Almanach impériale war sie als um sechs Jahre jünger verzeichnet, und um auch so zu erscheinen, ließ sie sich entsprechend zurechtmachen. Sie schminkte sich immer stärker in einem krassen Kontrast von Rot und Weiß, gebrauchte reichlich Parfüm…“[14] Genutzt hat es ihr allerdings nicht. Nicht nur, weil sie Napoleon keinen Thronfolger schenken konnte, sondern weil dieser ganz grundsätzlich der Meinung war, eine einzige Frau könne einem Mann nicht genügen…

Napoleon hatte in Malmaison auch ein eigenes Bett, das allerdings wesentlich bescheidener war als das Prunkbett seiner Frau.

Dafür hatte er aber einen wahrhaft kaiserlichen Bettvorleger…

In Napoleons Schlafzimmer hängt das 1798/1799 entstandene Bild von François Louis Joseph Watteau, La Bataille des Pyramides.

Es handelt sich um die Kopie eines der napoleonischen Propaganda dienenden Gemäldes aus der Zeit des Ägyptenfeldzugs.  Am 21. Juli 1798 fand bei dem Ort Embabeh eine Schlacht zwischen den Mameluken und der französischen Armee statt, die dieser den Weg nach Kairo öffnete. Auch wenn die Pyramiden  ca 15 km entfernt waren, prägte Napoleon den eingängigeren Begriff Schlacht bei den Pyramiden. Und dazu passen ja auch seine legendären Worte an die Soldaten – aus seinen in Sankt Helena diktierten Memoiren: „Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.“

Ägypten-Mode in Malmaison

Bei einem Rundgang durch das Schloss sind die Bezüge zu Ägypten unverkennbar. Fast in jedem Raum gibt es entsprechende Möbelstücke, Ornamente und Bilder. Mit dem napoleonischen Feldzug nach Ägypten (1798-1801) ist die ägyptische Mode in Frankreich zwar nicht entstanden, sie wurde dadurch aber wesentlich befördert und steigerte sich bis zu einer Ägyptomanie. Die Abbildungen ägyptischer Landschaften und Bauwerke, die Vivant Denon in Le voyage dans la Basse et et la Haute Égypte  publizierte [15]  , inspirierten französische Künstler und wurden zu einem prägenden  Element des Empire-Stils. Nachfolgend einige Beispiele:

Applikationen an einem Sekretär aus dem Boudoir Josephines

Sphinx von einem Sessel des Salon doré

Sessel im Salon doré,  um 1800. Er gehörte zu einer umfangreicheren Lieferung von Möbeln der Jacob-Brüder für den Salon.[16]    

Stütze eines Erard-Pianos mit Sphinx

Subraporte mit zwei Greifen

Dies ist eines von sechs Portraits ägyptischer Würdenträger, die in Malmaison zu sehen sind.  Gemalt hat sie um 1800 Michele Rigo, ein aus Genua stammender Maler, der zu den 160 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Künstlern gehörte, die von Bonaparte für seinen Ägypten-Feldzug engagiert wurden.[17] Die Portraits waren Teil der napoleonischen Propaganda: Die abgebildeten Würdenträger gehörten zu der von Napoleon eingesetzten ägyptischen Marionettenregierung. Napoleon stilisierte sich damit zum Befreier von ottomanischer und englischer Vorherrschaft und versuchte damit, seine eigenen machtpolitischen Interessen zu verschleiern.[18]

Auch die Manufacture de Sèvres trug zur Verbreitung der Ägypten-Mode bei.

Kaiserin Josephine bestellte bei der Porzellanmanufaktur Sèvres ein Tee-Service, ein sogenanntes cabaret, das zur Feier des neuen Jahres 1809 nach Malmaison geliefert wurde. Ein solches Service hatte zuvor Zar Alexander I. als Geschenk erhalten; da wollte Josephine wohl nicht nachstehen… Und Napoleon bestellte sich dann auch selbst dieses Service. 

Die ägyptischen Motive sind überwiegend dem Reisebericht von Vivant Denon entnommen, der zahlreiche Stiche von Landschaften und Bauwerken enthielt.

Diese mit Hieroglyphen verzierten Schale war für Punsch bestimmt. Die in Martinique geborene Kaiserin Josephine liebte dieses Getränk ihrer Heimat und servierte es gerne in den Teetassen ihren Gästen. Der Punsch wird aus fünf Zutaten hergestellt: Tee, Zucker, Zimt, Zitrone und Rum. Den Rum ließ sich Josephine aus Martinique kommen. 1814 gab es in ihrem Keller 332 Flaschen zum Teil sehr alten Rums… [19]

Noch vor der kaiserlichen Manufaktur von Sèvres entwarf die Pariser Porzellan-Manufaktur von Pierre Louis Dagoty ebenfalls auf der Grundlage der Abbildungen Denons ein Service mit ägyptischen Motiven. Nachdem er es 1904 der Kaiserin präsentiert hatte, konnte er es mit höchster Protektion und Unterstützung produzieren.

Ägypten ist also in Malmaison allgegenwärtig und ein anschauliches Beispiel für die Ägyptomanie dieser Jahre. Diese Begeisterung mag erstaunlich erscheinen, endete doch der Feldzug Napoleons mit einem militärischen Fiasco: dem Sieg der englischen Flotte des Admirals Nelson und der Kapitulation des französischen Heeres bei Alexandria 1801; Napoleon hatte da schon längst Ägypten den Rücken gekehrt. Aber die napoleonische Unternehmung war ja nicht nur ein gescheiterter Feldzug, sondern auch eine höchst erfolgreiche Expedition:  Sie befeuerte die Begeisterung für das exotische Land, beeinflusste wesentlich den Kunststil des Empire, und sie markierte auch den Anfang einer neuen Wissenschaft, der Ägyptologie. Und nicht zuletzt beförderte das ägyptische Abenteuer auch noch den weiteren Aufstieg Napoleons.

Portraits von Josephine, Napoleon Bonaparte, Hortense und Eugène Beauharnais

Wie in jedem Schloss oder hochherrschaftlichen Haus (hôtel particulier) dieser Zeit gehörte auch in Malmaison eine reichhaltige Sammlung von Bildern zu der Ausstattung des Schlosses. Die verschwenderische Josephine kaufte Bilder, profitierte aber auch von den napoleonischen Raubzügen. Beispielsweise zweigte Vivant Denon von den in Schwerin konfiszierten Prezisonen einen guten Teil direkt für Josephine ab. Und ihr selbst gelang es, sich zahlreiche -eigentlich gut versteckte-  Meisterwerke aus der berühmten Kasseler Kunstsammlung zu sichern. Eigentlich sollten die im Musée Napoléon (dem Louvre) ausgestellt werden, aber Napoleon, der die Eskapaden seiner Frau zwar oft missbilligte, aber letztendlich akzeptierte, war auch hier nachsichtig: „Elle ne seroit pas Impériatrice, si elle agiroit autrement“ – sie wäre keine Kaiserin, wenn sie anders handelte.“ So zierten die Kasseler Preziosen die Wände von Malmaison, heute die der Sankt Petersburger Ermitage. Denn was Josephine nicht verkauft oder verschenkt hatte, erwarb nach ihrem Tod der russische Zar Alexander I., der 1812 die ehemalige Kaiserin in Malmaison besucht und die dortige Gemäldegalerie bewundert hatte: eine abenteuerliche Geschichte. Mehr dazu im Blog-Beitrag über Vivant Denon und seine Raubkampagnen in Deutschland.

In dem nun als Museum dienenden Schloss gibt es aber immer noch eine reichhaltige Sammlung an Gemälden und Stichen. Bemerkenswert sind aus meiner Sicht dabei vor allem die Portraits. Besonders präsent ist natürlich Josephine, die eigentliche Herrin des Schlosses.

François Gérard ist der Maler dieses Portraits Josephines. Allerdings handelt es sich nicht um das Original von 1801, sondern um eine spätere vom Maler signierte Kopie des Bildes. Joséphine ist in ein leichtes an der Antike orientiertes Gewand gekleidet. Auch die Säule im Hintergrund verweist auf die Antike.  Sie sitzt auf einer bequemen Eckcouch, die durch das Gemälde den Rang eines modischen Möbelstücks erhielt. Der Raum ist zur Natur geöffnet. Zusammen mit dem Blumenstrauß wird so die Liebe Josephines zur Natur und zu Blumen als wesentlicher Teil ihre Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht. Die Verwandtschaft des Bildes mit dem ebenfalls von Gérard gemalten Portrait der Madame Récamier ist auffällig.[20]

Das Original des Gemäldes hängt heute -wie zahlreiche andere Gemälde aus Malmaison- in der Ermitage in Sankt Petersburg. Zu den nach dem Tod Josephines von Zar Alexander I. erworbenen Gemälden konnte das Portrait Gérards allerdings kaum gehören: Eugène de Beauharnais hatte es in sein Münchner Exil mitgenommen und sich kaum vom Portrait seiner Mutter getrennt. Es konnte also erst später -wie auch immer- von München nach Sankt Petersburg gelangt sein… [21]  

Von Josephine gibt es auch zwei Büsten in Malmaison. Bemerkenswert ist dabei die natürliche Haartracht – hier mit einem Diadem aus Blumen. Josephine markiert damit demonstrativ den Bruch mit dem Ancien Régime, galten dort doch die extravaganten Haartürme von Marie Antoinette als letzter Schrei der Adelsgesellschaft.

Von Napoleon gibt es in Malmaison mehrere Portraits aus verschiedenen Phasen seines Lebens.

Dieses Gemälde aus dem Jahr 1887, eine Neuerwerbung des Museums, zeigt den jungen Bonaparte, der 1779 im Alter von 10 Jahren in die Kadettenschule von Brienne eintrat. Der Neuankömmling wird wegen seiner Kleidung und seines korsischen Akzents von den Mitschülern gehänselt. [22]  

Ganz anders dieses Gemälde: Auf einem sich aufbäumenden Schimmel überquert Bonaparte -in der Nachfolge Hannibals und Karls des Großen- mit wild wehendem Mantel in bizarrer Felslandschaft die Alpen am Großen Sankt Bernhard. Das Bild von Jacques-Louis David entstand 1800/1801 kurz nach Napoleons erfolgreichem Italienfeldzug. Es ist ein propagandistisches Werk, das Napoleon als visionären Führer glorifiziert. David entsprach damit dem Wunsch seines Auftraggebers, der ruhig auf einem feurigen Pferd gemalt werden wollte.  Niemand werde überprüfen, ob die Portraits großer Männer auch der Realität entsprächen, hatte er dem Maler erklärt. Es genüge, dass ihr Genie in dem Bild lebendig sei.[23] David folgte dieser Vorgabe: In Wirklichkeit überquerte Bonaparte die Alpen nämlich nicht auf einem feurigen Pferd, sondern  auf einem trittsicheren Maulesel… Napoleon war denn auch so zufrieden mit dem Bild, dass er gleich fünf weitere Versionen davon bestellte. Es ist das Original, das in Malmaison zu sehen ist.

Aber überquerte Napoleon die Alpen denn ganz alleine? Hatte er  nicht auch, so möchte man mit Brecht fragen, auch Soldaten dabei, mit denen er die Österreicher aus Italien vertreiben wollte? Natürlich gab es die auch.

Und es gibt sie sogar auf dem Gemälde Davids.  Immerhin war der Maler ja überzeugter und engagierter Republikaner und Jakobiner gewesen… Eine versteckte Kritik an dem Kult um Napoleon darf man in dem Gemälde aber nicht sehen…

Fotos: Wolf Jöckel

Dann gibt es in Malmaison auch noch Portraits der beiden Kinder, die Josephine mit ihrem ersten Ehemann, Alexandre de Beauharnais, hatte, der der jakobinischen Schreckensherrschaft zum Opfer fiel.

Anne-Louis Girodet de Roussy-Triosonhat dieses Portrait von Hortense de Beauharnais gemalt. Sie heiratete Louis Bonaparte, den dritten Bruder Napoleons, mit dem sie drei Söhne hatte. Einer von ihnen, Louis-Napoleon, war der spätere Kaiser Napoleon III. Das Gemälde ist auch wegen seiner Geschichte interessant. Offenbar wurde es von den Nazis konfisziert und war für das „Führermuseum“ in Linz bestimmt. Nach dem Krieg kehrte es wieder nach Frankreich zurück und wartet seitdem bzw. immer noch „auf die Rückgabe an seine legitimen Besitzer“, wie es auf der Website des Museums von Malmaison heißt.[24]

Eugène de Beauharnais war Josephines Sohn, von dem es dieses Portrait in Malmaison gibt. Es handelt sich um die 1839 entstandene Kopie eines Gemäldes von Karl Joseph Stieler aus dem Jahr 1816 (heute im Puschkin-Museum Moskau).[25] Eugène lebte damals in München. Verheiratet mit Augusta Amalia, der Tochter des bayerischen Königs, war er nach der Niederlage Napoleons dorthin ins Exil gegangen, wo er 1824 starb und begraben wurde.

Josephine legte großen Wert auf einen standesgemäßen Pariser Wohnsitz ihres Sohnes, immerhin ja zweitweise potentieller Thronfolger seines Stiefvaters. Sie engagierte das  Architekten-Duo Percier und Fontaine, das schon Malmaison neu gestaltet hatte, für den Umbau und die Ausschmückung des Hôtel de Beauharnais,  dem wohl hervorragendsten und am besten erhaltenen Bauwerk des Empire-Stils, heute Residenz des deutschen Botschafters in Paris und nach dem Urteil der ZEIT „das schönste Haus Deutschlands.“ Mehr dazu in den entsprechenden Blog-Beiträgen:   

und

Praktische Informationen[26]:

Zufahrt: Mit dem RER oder der Metro bis La Défense. Von dort Bus 258 bis Station Bois-Préau (oder Le Château). Von dort jeweils einige Fußminuten zum Parkeingang Bois-Préau oder dem Schloss.  

Öffnungszeiten:

Vom 1. Oktober bis 31. März täglich außer Dienstag. Schloss von 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 17.15 (Wochenenden 17.45) Park: Von 10-18 Uhr

Vom 1. April bis 30. September: täglich außer Dienstag. Schloss: 10-12.30 Uhr und 13.30 -17.45. Park: 10-18.30 Uhr

Literatur

H. Walter Lack, Jardin de la Malmaison. Ein Garten für Kaiserin Joosephine. München: Prestel Verlag 2004

Bernard Chevallier: Musée national des châteaux de Malmaison et Bois-Préau. Réunion des musées nationaux, Paris 2006

Joséphine. Katalog der Ausstellung im Pariser musée du Luxembourg 2014. Réunion des musées nationaux, Paris 2014

https://www.boutiquesdemusees.fr/fr/product/7079-josephine-la-passion-des-fleurs-et-des-oiseaux-catalogue-exposition.html

Die Gattinnen des Napoleon Bonaparte. Joséphine de  Beauharnais und Marie-Louise von Österreich. München: GRIN-Verlag 2023


Anmerkungen

[1] Aus dem Flyer des Schlosses. Das „Titelbild“ (Foto Wolf Jöckel) zeigt einen Teller der Manufaktur von Sèvres mit einem Blick auf das Schloss von Malmaison. Der Teller gehört zu einem 1807 bis 1810 speziell für Napoleon hergestellten Service, das auch für seine Hochzeit mit der österreichischen Erzherzogin Marie-Louise verwendet wurde.  https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/assiette-plate-de-dessert-du-service-particulier-de-lempereur

„Das allerliebste Landhaus“ – ein Ausdruck von U.T.von Uklanski aus seinem Reisebericht „Ansichten von Paris im Jahr 1809“. Abgedruckt in Lack, Jardin de la Malmaison, S. 52

[2]  https://www.boutiquesdemusees.fr/fr/product/7079-josephine-la-passion-des-fleurs-et-des-oiseaux-catalogue-exposition.html

Ute Missel, Die Rosen von Malmaison. Informationsdienst Wissenschaft 7.12.1999   https://idw-online.de/de/news?print=1&id=16472

[3] Flyer des Schlosses

[4] Nachfolgendes Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Malmaison#/media/Datei:Chateaudemalmaison.jpg

[5] Siehe z.B. https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/percier1812/0015/image,info,text_ocr

[6] https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/971df661-6520-48fa-bb60-a7784e9cd883-rue-rivoli/article/eac248de-4d7d-4816-8145-522bf94b6783-histoire-la-rue-rivoli

[7] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rueil-Malmaison_%2892%29,_ch%C3%A2teau_de_Malmaison,_vestibule_1.jpg

Text aus dem Schloss-Flyer

[8] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Malmaison#/media/Datei:Ch%C3%A2teau_de_Malmaison_-_Salle_%C3%A0_manger_002.jpg

[9] Zum Esszimmer insgesamt siehe: https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/danseuse-pompeienne

[10] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Malmaison#/media/Datei:Ch%C3%A2teau_de_Malmaison_-_Salle_de_billard_001.jpg

Text aus dem Schloss-Flyer

[11] https://www.akg-images.com/CS.aspx?VP3=SearchResult&ITEMID=2UMDHUNZPL7Z&LANGSWI=1&LANG=German

Text: Schloss-Flyer

[12] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/biographies/jacob-famille-debenistes-1765-1847/

[13] Mehr dazu: https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/necessaire-1806

[14] Herre, Joséphine, S. 185

[15] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5787505v.r=egypt.langEN

[16] Näheres, vor allem auch zu den wechselhaften Geschichte der Einrichtung des Salons: https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/fauteuil-vers-1800

[17] Siehe dazu: https://www.editions-labisquine.com/les-savants-de-bonaparte-en-egypte.html#:~:text=On%20cite%20toujours%20les%20plus,et%20les%20m%C3%A9decins%20Desgenettes%2C%20Larrey%E2%80%A6  Eine Liste der wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Begleiter Bonapartes in Ägypten, die die Commission des sciences et des arts de l’armée d’Orient bildeten:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Commission_des_sciences_et_des_arts

[18] https://en.wikipedia.org/wiki/Michel_Rigo

[19] https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/service-dit-cabaret-egyptien-de-limperatrice-josephine

https://panoramadelart.com/analyse/cabaret-egyptien-de-limperatrice-josephine

[20]https://www.carnavalet.paris.fr/en/collections/portrait-de-juliette-recamier-nee-bernard-1777-1849 

[21]Bild aus:  https://en.wikipedia.org/wiki/File:Fran%C3%A7ois_G%C3%A9rard_-_Portrait_of_Josephine_-_WGA08595.jpg

Erläuterungen zu dem Bild:  https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/madame-bonaparte

[22] https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/actualite/nouvelles-acquisitions

[23] „Personne ne s’informe si les portraits des grands hommes sont ressemblants. Il suffit que leur génie y vive.“ https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/le-premier-consul-franchissant-les-alpes-au-col-du-grand-saint-bernard 

[24] Bild und Info  aus: https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/collection/objet/portrait-de-la-reine-hortense  

[25] Bild aus: https://www.napoleon.org/en/history-of-the-two-empires/images/portrait-of-prince-eugene-de-beauharnais/  Zu Eugène auch: https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/en/eugene-and-hortense-de-beauharnais

[26] https://musees-nationaux-malmaison.fr/chateau-malmaison/en/practical-information

Bild des Monats Mai 2025:  10 Jahre Pariser Philharmonie

WF Jöckel

Die Pariser Philharmonie feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubliläum: Ein von Jean Nouvel entworfener grandioser Bau, um den es viele Auseinandersetzungen gab. Da ging es zunächst um den Ort: nicht im Zentrum von Paris, da wo das kulturelle Leben sich traditionell abspielt, sondern am nord-östlichen Rand der Stadt, direkt neben der Autobahn (Periphérique), auf dem früheren Gelände der Schlachthöfe. Dann die galoppierenden Kostenüberschreitungen: Zunächst waren 200 Millionen eingeplant, es gab aber Probleme bei der Bauausführung, mit den beteiligten Unternehmen, Verzögerungen, die Inflation… Zum Trost wird jetzt im Rückblick auf die exorbitanten Kostensteigerungen bei der Elbphilharmonie verwiesen (von 77 auf 789 Millionen). In Paris aber zog der Staat bei 386 Millionen die Notbremse. Unter anderem soll darunter die Ausführung der Fassade mit ihren ca 300 000 auffliegenden, den großen Aufbruch der Kultur symbolisierenden Vögeln gelitten haben. Für „naive“ Besucher wie wir ist das allerdings nicht erkennbar.

Nouvel war aber tief gekränkt, boykottierte sogar das offizielle Eröffnungskonzert am 14. Januar 2015.  Inzwischen ist die Philharmonie aber ein fester und allseits akzeptierter Bestandteil des Pariser kulturellen Lebens, und Jean Nouvel hat seinen Frieden mit dem Bau geschlossen.

Wir sind der Philharmonie in vielfacher Weise verbunden: In unserer ersten Pariser Wohnung hatten wir einen jungen griechischen Architekten als Nachbarn, der im Büro von Jean Nouvel arbeitete und an den Planungen für die Philharmonie beteiligt war. Er erzählte beispielsweise, dass Jean Nouvel, der sich in erster Linie als Künstler sah,  gerne am späten Nachmittag mit wehendem Schal und einem Bündel Zeichnungen vorbeirauschte, kurz seine neuen Ideen präsentierte und sich dann mit dem Auftrag an sein Team verabschiedete, bis zum nächsten Tag konkrete Ausführungspläne zu erarbeiten…

Das Ergebnis ist jedenfalls grandios; ästhetisch und akustisch – u.a. dank der charakteristischen „Wolkenreflektoren“ an der Decke des großen Saals.

Wir haben schon viele wunderbare Konzerte in der Philharmonie erlebt, unter anderem mit Daniel Barenboim. Der war in seinen jungen Jahren musikalischer Leiter des Orchestre de Paris. 2018 zelebrierte er in der Philharmonie den gesamten Zyklus von Beethovens Klaviersonaten. In dem Großen Saal mit seinen 2400 Plätzen hat man selbst von den entferntesten Plätzen den Eindruck, ganz nahe dabei zu sein.

Konzert Brad Mehldau in der Philharmonie im Januar 2025

Und Preise und Programm passen zu dem Anspruch der Philharmonie, ein Ort nicht nur für die traditionellen Konzertbesucher zu sein, sondern sich für alle Menschen zu öffnen, unabhängig von Alter, Herkunft, sozialem Milieu, kultureller Prägung … Das scheint zu funktionieren, wie wir in diesem Jahr wieder bei dem Konzert mit Brad Mehldau gesehen haben. Unsere schöne Alte Oper in Frankfurt, gebaut nach dem Vorbild des Pariser Opernhauses, sieht dagegen ziemlich alt aus…

Archäologische Schätze Gazas, wundersam gerettet: Eine Ausstellung im Institut du Monde Arabe (IMA) in Paris (April bis November 2025)

„Gaza war nicht immer ein Ruinenfeld und auch nicht immer ein Gefängnis unter freiem Himmel“[1]: Das sind Worte von Jack Lang, ehemaliger französischer Kultusminister und jetzt Präsident des Institut du Monde Arabe (IMA), anlässlich der vom 2. April bis 2. November 2025 gezeigten Ausstellung „Gerettete Schätze aus Gaza. 5000 Jahre Geschichte“.

Und in der Tat: Gaza hat eine reiche ägyptische, neoassyrische, griechische, römische und islamische Geschichte. Sein florierender Hafen war ein wichtiges Scharnier im Austausch vor allem zwischen Asien (Mesopotamien) und Afrika (Ägypten). Das „Tal von Gaza“ (Wâdî Ghazza) war eine letzte Oase zwischen Meer und Wüste, nach dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon „die größte Stadt Syriens“. [2]

Kein Wunder also, dass es eine Fülle historischer Denkmäler und archäologischer Funde gab. Das meiste davon ist zerstört, unrettbar verloren. Aber auf geradezu wundersame Weise gibt es noch einen Bestand von Funden aus 5 Jahrtausenden, von denen etwa 100 im IMA gezeigt werden: Ein wehmütiger Blick zurück angesichts der fortdauernden apokalyptischen Zerstörungen, der bizarren Riviera-Fantasien des amerikanischen Präsidenten und der Vertreibungs- und Annexionsbestrebungen israelischer Ultras.

Ausschnitt einer in der Ausstellung gezeigten Karte zur zentralen Rolle Gazas im Handel zwischen Asien, Afrika und Europa. Er ist  die wesentliche  Grundlage für den Reichtum Gazas, der sich in der Vielzahl und Vielfalt der Ausstellungsstücke spiegelt.

Von der Bronzezeit zu den Römern

Mit geometrischen Mustern verzierter Rinderknochen aus der Bronzezeit (2700-2350 vor Chr.) Solche Knochenfunde gab es auch an der (heutigen) libanesischen Küste. Ihre Funktion ist nicht bekannt.

Vor der Küste Gazas gefundener Ring aus Marmor aus dem 5. Jahrhundert vor Chr. Er diente vermutlich dazu, den Druck der Seile zu regulieren, mit denen am Hafen liegende Schiffe befestigt waren.

Eine glückliche Zeit erlebte Gaza, „die Perle des Mittelmeers“ unter persischer Herrschaft, die mit der Belagerung und Zerstörung der Stadt durch Alexander den Großen endete (332 vor Chr.)  Aber auch danach behielt die Stadt ihre Bedeutung als Handelszentrum.

Vermutlich aus dieser Zeit stammt diese entzückende Marmorstatue einer griechischen Göttin (wahrscheinlich Aphrodite), die ebenfalls  vor der Küste Gazas im Meer gefunden wurde.

Erneut erobert und zerstört wurde Gaza 97 vor Chr. durch das jüdische Herrschergeschlecht der Hasmonäer, die einen selbständigen jüdischen Staat in Palästina begründeten, zu dem Gaza allerdings nicht gehörte. Es wurde sich selbst überlassen und blieb Gaza deserta, bis sich Pompeius 61vor Chr. der Stadt bemächtigte. Unter römischer Herrschaft erlebte Gaza eine erneute Blütezeit: Die Stadt wurde wieder aufgebaut, ein Theater wurde errichtet, eine Pferderennbahn, Sportanlagen…

Aus dieser Zeit stammen diese Bronzefiguren:

                                                     Eine Brosche in Form einer Schnecke….

…. und diese Maus…

Löwenkopf einer Öllampe, die 2004 von Tauchern vor Gaza gefunden wurde.

Exkurs 1: Wie die Sammlung entstand

Die Archäologie im Gebiet des heutigen Gazastreifens geht zurück auf das 19. Jahrhundert und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Zeit des britischen Mandats intensiviert. Nach den Oslo-Verträgen 1993 entwickelte sich eine palästinensisch-französische Kooperation mit mehreren Grabungsstätten, zum Beispiel auf dem Gelände des um 520 vor Christus gegründeten griechischen Hafen von Anthédon. Allerdings hatte die Archäologie einen schweren Stand angesichts der „zunehmenden Abriegelung des Gazastreifens und wiederholten Unterbrechungen der Grabungen aufgrund israelischer Bombenangriffe“, wie der Dominikanermönch und Archäologe Jean-Baptiste Humbert beklagt, der die von der  École biblique et archéologique française de Jérusalem (EBAF) organisierten  Grabungen ab 1995 leitete.[3] Dazu kam die extrem dichte Bebauung: Nach der Einrichtung des „Gaza-Streifens“ im Zuge des israelisch-arabischen Kriegs 1948/1949 kamen zu den 80 000 „alteingesessenen“ Einwohnern 200 000 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem  neuen  Staat Israel hinzu, für die Platz geschaffen  werden musste.  Raubgrabungen und Diebstähle erschwerten zusätzlich die Bewahrung des noch vorhandenen kulturellen Erbes.

Ausgrabungen am Hafen von Anthédon[4]

Bis 1994 waren nur einige Tonscherben bekannt,  die auf die Existenz des alten Hafens hinwiesen. Er war von einer langen Sanddüne bedeckt und zum Teil von einem Flüchtlingslager überbaut. Dazu hatten Wellen erhebliche Schäden verursacht. Die Schwierigkeiten bei den Ausgrabungsarbeiten waren enorm.

In dieser -nicht nur in Anthédon- extrem schwierigen Lage trat nun Jawdat Khoudary, ein reicher Bauunternehmer aus Gaza, auf den Plan. Bei Bauarbeiten hatte er 1986 ein Glasmedaillon aus der Omajjaden-Zeit (7. Jh) entdeckt. Das war der Auslöser für seine Sammlungstätigkeit.  Er entschloss sich, bei Bauarbeiten oder Fischfang entdeckte Kunstwerke zusammenzutragen. So kamen tausende Objekte aus verschiedenen Epochen zusammen: Amphoren und Münzen, Säulen, Fragmente von Marmorskulpturen. Dabei entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit den französischen Archäologen.  

Das 2007 von Jawdat Khoudary errichtete Hotel/Museum, in dem etwa 350 Stücke seiner Sammlung ausgestellt waren. Der größte Teil seiner Sammlung befand sich in seiner ebenfalls auch als Museum dienenden Villa.

Geplant war auch der Bau eines großen archäologischen Museums auf dem Gelände des antiken Hafens unter der Ägide der UNESCO. Die Realisierung scheiterte aber an der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen. Die Museums-Villa und das Museums-Hotel Khoudarys versanken im israelischen Bombenhagel, ebenso wie die in Gaza gelagerten Funde der französischen Archäologen und ihre Dokumentation. Der exotische Garten der Villa Khoudarys mit einer Allee byzantinischer Säulen wurde von israelischen Panzern und Bulldozzern niedergewalzt.  Dass es aber trotzdem noch „Schätze“ aus Gaza gibt, die gerettet wurden und jetzt in Paris ausgestellt sind, ist eine wunderbare Geschichte… 

Die byzantinische Phase

Im 5. Jahrhundert wurde  Gaza, dessen Bevölkerung bis dahin noch der römischen Religion anhing, gewaltsam christianisiert. Die Stadt wurde unter byzantinischer Herrschaft zu einem Zentrum christlichen Lebens und durch die berühmte Rhetorik-Schule des Prokop von Gaza[5] zu einer Stadt mit intellektueller Ausstrahlung. Neue repräsentative Bauten wie ein Bischofspalast, eine Markthalle und Thermen entstanden.  In der Ausstellung werden zahlreiche Stücke aus dieser Zeit präsentiert, die die Bedeutung Gazas in dieser Zeit eindrucksvoll veranschaulichen. 

Dieses dekorative Palmenrelief und die nachfolgend abgebildete Balustrade (möglicherweise Teil einer Kanzel) wurden in Gaza-Stadt gefunden.

                                         Öllämpchen aus einem Grab, vermutlich von Mönchen

Korinthisches Kapitell aus dem 5. Jh. Entdeckt 1992 auf dem Gelände des antiken Hafens Anthédon.

Besonders eindrucksvoll sind die Mosaike aus byzantinischer Zeit.

Bei Ausgrabungsarbeiten freigelegter  Mosaikfußboden einer verschwundenen byzantinischen Kirche

Entdeckt im Gebiet von Gaza-Stadt 1997 von einem Team französisch-palästinensischer Archäologen

Byzantinisches Mosaik einer byzantinischen Basilika. Französisch-palästinensische Grabungsstätte.

Ausschnitt des Mosaiks von Jabaliyah. (links oben im Übersichtsfoto) © J.-B.Humbert

Exkurs 2: Glück im Unglück: Die wundersame Rettung der Sammlung

Dass Teile des archäologischen Erbes Gazas erhalten sind und jetzt in Paris ausgestellt werden können, ist glücklichen Umständen zu verdanken. Im Jahr 2000 veranstaltete das IMO schon einmal die Ausstellung „Gaza méditerranéenne“ mit 220 Objekten, die der Palästinensischen Autonomiebehörde gehörten. Nach einer Tournee durch Europa waren sie Teil einer großen Ausstellung im Genfer Musée d’art et d’histoire (MAH), zusammen mit 300 Leihgaben von Jawdat Khoudary.  

Nach der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen war eine Rückkehr der Kunstwerke nicht möglich. In dieser dramatischen Situation übertrug Khoudary seine Sammlung der Autonomiebehörde, und die bat nun die Schweizer, die Werke in der Hoffnung auf bessere Zeiten aufzubewahren. Für das Museum war das eine große Bürde, bis man schließlich Lagerräume im Genfer Freihafen fand. Im Juli 2023 schien dann eine Lösung nahe: Die Sammlungsstücke sollten nach Ramallah geschickt werden, was dann allerdings nach dem Massaker der Hamas nicht weiterverfolgt wurde. Im Oktober 2024, zum 70. Jahrestag der Konvention über den Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten,  zeigte dann das MAH 44 Gaza-Objekte. Und jetzt die Ausstellung der „Kunstwerke im Exil“ im IMA: Eine eindrucksvolle Präsentation des kulturellen Erbes Gazas und seiner existentiellen Bedrohung.

Die islamische Zeit: Glanz, Niedergang und Zerstörung 1917

                           Grabstelle aus der Zeit der Abassiden. 8.-9. Jahrhundert

Viele der den ausgestellten Kunstwerken beigefügten Informationstafeln enthalten diesen Vermerk

Ein grundlegender kultureller und politischer Wandel erlebte Gaza mit der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert. Seitdem entwickelte sich Gaza zu einer arabischen Stadt, in der aber Christen, Juden und Samariter ihren Platz hatten. Das heimische Handwerk, die Landwirtschaft und der Handel, vor allem mit Gewürzen und Weihrauch sorgen für Wohlstand.  Im 12. Jahrhundert erobern die Kreuzfahrer die Stadt und errichten eine große, Johannes dem Täufer geweihte Kirche im romanischen Stil. Es folgen die Mameluken[6] und 1516 die Osmanen, die Gaza ihrem Reich eingliedern. Dies war auch die Zeit der großen Entdeckungen und der Entwicklung neuer Handelsrouten, die zum kontinuierlichen Bedeutungsverlust der Region führten. Aus der tausendjährigen vom Islam geprägten Geschichte Gazas gibt es zahlreiche schöne Ausstellungsstücke.

Marmor-Grabstein. Epoche der Mameluken (13.-16. Jh)

Teil eines Türsturzes. Mamelukische Epoche. 1995 bei Ausgrabungen in Gaza-Stadt entdeckt.

Mit Rosetten verzierter Türbalken aus Kalkstein. Ottomanische Zeit (19. Jh). Die Öffnung (oculus) diente der Belüftung.

Wer zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gaza besuchte, entdeckte dort den Charme einer alten ottomanischen Stadt, umgeben von kleinen Gärten, dazu malerische Palmenhaine in den Dünen und einen kleinen Fischerhafen. Die École biblique et archéologique française de Jérusalem (EBAF) begann sich damals für diesen geschichtsträchtigen Ort zu interessieren und ihn fotografisch zu dokumentieren. Ab 1922, zur Zeit des britischen Mandats, wurde das noch vorhandene archäologische Erbe systematisch erfasst. Es entstanden Tausende von Fotos, ein einzigartiges Dokument.  

                                          Panorama der Stadt Gaza Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Idylle war aber dem Untergang geweiht: Im Zuge des Ersten Weltkriegs bombardierten die Briten die Stadt, die Teil einer Befestigungsanlage war, mit der die Mittelmächte den Briten den Weg zum Suezkanal versperren wollten. Die historische Substanz Gazas fiel den Kämpfen zum Opfer. Auch diese Zerstörungen wurden von der EBAF dokumentiert.  Die Dominikaner interessierten sich dabei vor allem für die in diesen alten Fotos noch unversehrt zu sehende Große Moschee: Ein Bauwerk, das zunächst eine Kreuzfahrer-Kirche war, bevor sie im 13. Jahrhundert in eine Moschee umgewidmet wurde.

Bilder von der Zerstörung der Großen Moschee und ihrer christlichen Ursprünge durch die britischen Bombardements von 1917. Rechts im Bild ein Dominikaner der EBAF.

Ein besonderes Relikt aus dieser Zeit findet sich in der Ausstellung:

Es handelt sich um eine in den Dünen von Gaza gefundene byzantinische Säule, die in Erinnerung an den britischen Leutnant Fas Lansdowne in eine Grabstele umgewandelt wurde. Er kam 1917 bei den Kämpfen um Gaza ums Leben…

Was bleibt?

Die Zukunft des geschichtlichen und künstlerischen Erbes des Gazastreifens sieht vor allem nach dem schrecklichen Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 denkbar düster aus. Die Menschen, die damals getötet, verwundet oder verschleppt wurden, waren, wie man weiß, alles andere als nationale, rassistische oder religiöse Fanatiker. Die aber haben derzeit in Israel das Sagen und nahmen und nehmen das Hamas-Massaker zum Anlass, den Palästinensern im Gazastreifen systematisch jede Lebensgrundlage zu entziehen. Le Monde International hat dafür den Begriff des „Futuricide“ verwendet.[7] Davon betroffen ist auch das kulturelle Erbe. Anwar Abu Eisheh, ehemaliger Kulturminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, sieht darin ein gezieltes Vorgehen: „Es handelt sich um einen israelischen Krieg gegen die Palästinenser in allen Bereichen. Es soll bewiesen werden, dass es kein palästinensisches Volk gibt und noch nicht einmal ein palästinensisches kulturelles Erbe.“[8]  

Ob gezielt, was die israelische Seite bestreitet, oder kollateral: Fakt ist das immense Ausmaß der Zerstörungen.[9]  Der von der EBAF freigelegte griechische Hafen von Anthédon, der auf einer Liste für zukünftige Stätten des UNESCO- Welterbe stand, wurde nach Angaben des zuständigen maltesischen Experten „fast völlig zerstört“.

Auch der weitläufige Grabungskomplex der EBAF von Jabaliyah mit dem wunderschönen Palmen-/Hasen- Mosaik wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Vieles spricht dafür, dass Grauen und Vernichtung im Gazastreifen weitergehen: Die Hamas und der islamische Dschihad werden wohl kaum kapitulieren, auch wenn die Bevölkerung im Gazastreifen eine Waffenruhe herbeisehnt. Und der israelischen Regierung mit ihren messianisch-suprematistischen Ministern kommt offensichtlich eine Fortsetzung des Krieges bis hin zu einer „freiwilligen Emigration“ der Palästinenser aus dem verwüsteten Gazastreifen sehr entgegen.[10] Mit einem nachhaltigen „Futuricide“ würde das Ziel eines Groß-Israel „from the river to the sea“[11] ein großes Stück näher rücken. Im Westjordanland ist man da schon  seit Längerem und immer ungehemmter am Werk.[12] „No Other Land“, der von einem Israeli und einem Palästinenser gedrehte und Oscar-prämierte Dokumentarfilm über den Widerstand eines palästinensischen Dorfes gegen die von der Besatzungsmacht verfügte Umsiedlung, zeigt ja, dass es schließlich, wenn die elementarsten Lebensgrundlagen zerstört sind, keine Alternative zur Kapitulation, also der „freiwilligen“ Akzeptanz der Vertreibung, gibt. Plantu, der langjährige Karikaturist von Le Monde, hat dies schon vor über 10 Jahren auf seine Weise so dargestellt:

„Ein palästinensischer Staat ist auf dieser Zeichnung versteckt. Ob du ihn entdeckst?“

Unmissverständlich hat Ministerpräsident Netanjahu 2023 bei einer Rede vor der UN-Vollversammlung der Welt seine „Friedenskarte“ des Nahen Ostens präsentiert, auf der der Gazastreifen und das Westjordanland als Teile das Staates Israel eingezeichnet waren[13] Die archäologischen Funde aus  Gaza werden also wohl kaum aus dem Genfer Exil in ihre Heimat zurückkehren. Zu wünschen wäre aber wenigstens, dass die Ausstellungsstücke nach Beendigung der Präsentation in Paris nicht wieder in Kisten verschwinden, sondern auch andernorts gezeigt werden. Vielleicht ja sogar in Deutschland…[14]


Anmerkungen:

[1] Zit. in: Roxana Azimi, Le patrimoine archéologique de Gaza retrouve la lumière. En avril, une exposition à l’Institut du monde arabe, à Paris, réunira une centaine de pièces ‚miraculées‘ qui  dorment, depuis 2007, au port franc de Genève. Le Monde 16./17.2.2025

Alle Bilder des Beitrags, soweit nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2] Soweit nicht anders angegeben stammen die Erläuterungen zur Geschichte und zu den abgebildeten Objekten von den der Ausstellung beigefügten Informationstexten. Einen Katalog zur Ausstellung gab es nicht.

[3] Zit. in Le Monde  vom 16./17.2.2025

[4] Bilder der Grabungen aus:  Photographies de l’Anthédon de Palestine à Gaza : archéologie franco-palestinienne.  Une mission de l’École biblique et archéologique française de Jérusalem, 1994-2012 https://www.reseaubarnabe.org/expositions/gaza/

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Prokopios_von_Gaza

[6] https://www.uni-bonn.de/de/universitaet/presse-kommunikation/presseservice/archiv-pressemitteilungen/2010/199-2010

[7]  Le  Monde diplomatique, September 2024, S. 16. Dossier Proche-Orient

[8] Zit. in Le Monde 15.2.2025 Clotilde Mraffko und Samuel Forey, La mémoire de Gaza ensevelie sous les bombes. Plus de 200 sites culturels et historiques de l’enclave ont été détruits par les avions de chasse Israéliens.

[9] In der Ausgabe von Le Monde vom 15.2.2025 werden einige prominente Beispiele genannt

[10] Siehe den Leitartikel  von Le Monde vom 19. März 2025: https://www.lemonde.fr/idees/article/2025/03/19/la-guerre-perpetuelle-d-israel_6583490_3232.html

Siehe auch: Gaza- die alte Fantasie der Vertreibung. Le Monde diplomatique 13.3.2025  https://monde-diplomatique.de/artikel/!6069416  Entsprechend die von Le Monde (7.4.2025) zitierte Einschätzung des für eine norwegische ONG arbeitenden Briten Gavin Kelleher: „Israël a réussi dans son ambition de rendre Gaza inhabitable. … Le but est de créer une situation où les Palestiniens quittent Gaza dès qu’ils le peuvent.“

In einem Interview mit Le Figaro vom 4. April 2025 hat der israelische Außenminister Gideon Saar diese Perspektive unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Die Frage, ob der Gaza-Plan Trumps „tot“ sei, verneinte er eindeutig. „Non, il n’est pas mort“. Es gäbe genug Palästinenser, die freiwillig den Gazastreifen verlassen wollten. Man (?) müsse ihnen nur die Ausreise ermöglichen und Staaten finden, die bereit seien, sie aufzunehmen. „Ich verstehe nicht, warum das Recht zur Emigration den Syrern und Afghanen zugestanden wird, aber nicht den Palästinensern“. Man wolle sie absolut in den Flüchtlingslagern behalten und damit Druck auf Israel ausüben… 

[11] Siehe: Le Monde diplomatique vom  07.12.2023 Die israelische Rechte und ihre Pläne für Gaza. Ein Teil der israelischen Rechten träumt seit jeher von einem Großisrael, inklusive Westjordanland und Gazastreifen.

[12] Siehe Le Monde vom 31.3. 2025: La Cisjordanie étranglée par les soldats et les colons israéliens, Reportage Raids dans les camps de réfugiés, frappes aériennes, déplacements forcés : le territoire palestinien est le théâtre d’une guerre qui ne dit pas son nom.

[13] https://www.zeit.de/politik/ausland/2023-09/nahostkonflikt-benjamin-netanjahu-israel-palaestinenser-un-vollversammlung-kritik

.[14] In der Rubrik „Fremde Federn“ der FAZ haben am 17.4.2025 vier ehemalige im Nahen und Mittleren Osten akkreditierte deutsche Botschafter allerdings „das Desinteresse vieler Medien“ und die „zögerliche Kommunikation unserer politischen Eliten zum Geschehen in Gaza“ kritisiert. Aber schon „seit Jahrzehnten sehen wir zu, wie Palästinenser von der israelischen Armee und Siedlern schikaniert, vertrieben und getötet werden und wie Israel völkerrechtswidrig immer mehr Land besetzt.“ Deutschland setze sich dem Vorwurf der Doppelmoral aus, wenn es mutmaßliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Besetzung und Annexion im Fall Russland/Ukraine lautstark verurteile, sich aber gegenüber Israel zurückhalte. „Wir können nicht weiter dazu schweigen, dass in Gaza palästinensisches Leben unmöglich gemacht wird.“ Beklagt wird in dem Beitrag auch die Zerstörung von „Kirchen, Moscheen, Museen und 90% aller Schulen und Hochschulen … mit verheerenden Auswirkungen auf die kulturelle Identität Gazas.“ Die Chance, dass die Ausstellung auch in Deutschland gezeigt wird, erscheinen unter diesen Umständen eher gering…

Der Maler Gustave Courbet in Ornans (Franche-Comté), wo er geboren und schließlich beerdigt wurde

Zur Erinnerung an unsere vor einem Jahr verstorbene Freundin Sybille Stein, die uns zu der Fahrt nach Ornans angeregt hat. Frauke und Wolf Jöckel

Ornans ist ein kleines sympathisches Städtchen in der Franche-Comté, knapp 30 km südlich von Besançon an der Loue, einem Nebenfluss des Doubs, gelegen. Dort wurde Gustave Courbet am 10. Juni 1819 geboren und dorthin wurden 100 Jahre später seine sterblichen Überreste überführt. Courbet hatte sein ganzes Leben lang eine enge Beziehung zu den Menschen und den Landschaften seiner Heimat, was auch viele seiner Bilder bezeugen. Umgekehrt verlief die Beziehung von Ornans zu Courbet jedoch nicht gradlinig. Zeitweise war er nicht nur in Frankreich, sondern auch in seiner Heimat persona non grata: Coubets revolutionäre Malweise und sein Engagement in der Pariser Commune wurden auch in seiner Heimatstadt vielfach kritisiert. Erst nach Courbets Tod begann ein langwieriger Prozess der Rehabilitierung und Anerkennung, vor allem des heimatverbundenen Malers. Heute erinnert die Stadt gerne und ausgiebig an ihren berühmtesten Sohn, dem sie viel zu verdanken hat.[1]

Place Gustave Courbet

In Ornans geht kein Weg an Courbet vorbei. Der zentrale Platz des Ortes trägt seinen Namen.[2]

Blick auf den Platz mit seinen schon zur Zeit Ludwigs XVI. gepflanzten Linden:   

Foto: Jean-Claude G.[3]

Das erste Atelier

Das erste Atelier des Malers in Ornans befand sich in dem am Platz gelegenen Haus Nr. 24.

Courbets Vater stellte es seinem Sohn im Speicher des der Familie gehörenden Hauses zur Verfügung.

Courbet schuf dort eines seiner berühmtesten Werke L’Enterrement à Ornans (Das Begräbnis von Ornans) : Es ist ein monumentales, heute im Musée d’Orsay in Paris ausgestelltes Gemälde. Erstaunlich, wie der Maler angesichts der doch beengten Verhältnisse dort ein solches Werk  von 3,15 Metern Höhe und 6,68 Metern Länge (!) schaffen konnte. Möglich wurde es durch ein ausgeklügeltes System von zwei Trommeln, zwischen denen die leere Leinwand gespannt wurde. Die wurde dann nach und nach aus- bzw. aufgerollt. So entstand sukzessive in diesem engen und schlecht beleuchteten Raum das monumentale Werk, von dem Courbet sagte, er habe es blind gemalt…[4]   Das Bild erregte allerdings wegen seines Themas und der lebensgroßen realistischen Darstellung kleiner Bürger von Ornans einiges Ärgernis, auch in Courbets Heimatstadt. Jetzt gibt es im Musee Courbet eine Projektion des Bildes im originalen Format mit abrufbaren Hintergrundinformationen.  

Der Fischerjunge

Die Place Courbet ist nicht nur der zentrale Platz des Ortes, sondern in seiner Mitte gibt es auch einen Brunnen mit einer Statue aus Bronze. Die hatte Courbet 1860 seiner Heimatstadt geschenkt.  Dargestellt ist ein pêcheur des chavots: Nach den Worten Courbets ein zwölfjähriger Junge, der die damals in der Loue weit verbreiteten Groppen jagt. Das sind auf dem Grund lebende kleine Fische, die mit einer langen Gabel aufgespießt wurden. Dieses schöne Geschenk Courbets an seine Heimatstadt war allerdings nicht durchweg willkommen. Die Nacktheit des kleinen Jungen schockierte einige Bürger und es zirkulierte eine Petition, die -allerdings erfolglos- die Beseitigung der Statue forderte.

Es war dann Courbets Engagement in der Pariser Commune, das am 28. Mai 1871 zur Entfernung der Statue führte. Courbet hatte als „Kulturminister“ der Commune die Versetzung (déboulonnement) der Napoleon und seine Siege feiernden Vendôme-Säule in die Invalides vorgeschlagen und war deshalb als „déboulonneur“ verschrien. Man machte ihn sogar -zu Unrecht-  für die Zerstörung der Säule verantwortlich.  Jetzt wurde sein Geschenk an die Heimatstadt selbst Opfer eines déboulonnements. Courbet war empört. Diese hilflosen, neidischen Burschen hätten kein Recht, ohne jede Kenntnis Urteile zu fällen.[5]

Aber erst einmal hatten Courbets Feinde das Sagen und konnten nach Belieben ihre Urteile fällen: Die Rache der siegreichen Versaillais traf auch Courbet: Der Vorwurf:  „Attentat, Aufwiegelung und Aushebung von Truppen, Amtsanmaßung und Beihilfe zur Zerstörung von Monumenten“.  Courbet wurde zu einer immerhin vergleichsweise milden Strafe verurteilt und am 22. September 1871 in das Pariser Gefängnis von Sainte-Pélagie eingeliefert.[6]

Im Musée Courbet gibt es das einzige Bild des Malers, das sich direkt auf die Zeit der Commune bezieht.[7]

Courbet malte es nach seiner Entlassung: Es ist ein idealisiertes Bild seines Gefängnisaufenthaltes. Man verweigerte ihm dort nämlich den Status eines politischen Gefangenen, behandelte ihn als gewöhnlichen Kriminellen und tat, wie Courbet einem Freund schrieb, alles, um ihn zu diffamieren und ihm seine Würde zu nehmen. In diesem Selbstbildnis stellt er sich in Anzug, Pfeife rauchend und mit rotem Schal in einer Zelle mit Ausblick auf den Hof als politischen Häftling dar: Er bekennt sich zu seinen Überzeugungen und stellt seine Würde wieder her. [8]

1873 wird Courbet allerdings unter dem reaktionären Staatspräsidenten Mac Mahon erneut angeklagt und wegen seiner angeblichen Verantwortung für die Zerstörung der Vendôme-Säule zu einer exorbitanten Entschädigungszahlung verurteilt. Der kann er nur entgehen, indem er aus Frankreich flieht und sich ins Exil in die Schweiz begibt. Dort stirbt er am 31. Dezember 1877.

Totenmaske von Courbet, vom 1. Januar 1878 (Musée Courbet)

So hat Courbet nicht mehr die -auch auf Betreiben Victor Hugos- 1880 beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden erlebt. In ihrer Folge wurde 1881 auf dem zentralen Platz von Ornans ein neuer Abguss der Statue des Fischerjungen aufgestellt. Als die 1909 schon wieder Opfer von Courbet-Feinden und umgestürzt wurde, brachte man den Fischerjungen im Rathaus der Stadt in Sicherheit und auf dem Platz steht jetzt ein moderner Abguss.


Dies ist der erste Entwurf, den Courbet in seinem Pariser Atelier herstellte. Er ist im Courbet-Museum in Szene gesetzt.

Das zweite Atelier

Am westlichen Ortseingang von Ornans befindet sich eine ehemalige Gießerei: Zwischen 1860 bis zum Beginn seines Schweizer Exils 1873 das zweite Atelier Courbets in Ornans. [9]

Courbet war mit seinem neuen Atelier höchst zufrieden: Er könne dort in Ruhe arbeiten, das Grundstück sei groß, von Bäumen bestanden, nahe am Fluss, das Atelier hell und weiträumig: „…Jetzt bin ich in der Lage, alles auszuschöpfen, was die Malerei zu bieten hat.“ [10]

Courbet konnte in diesem Atelier problemlos Bilder mit extrem großen Formaten malen. Hier entstanden zahlreiche Bilder mit Jagdmotiven, darunter das monumentale Halali du cerf aus dem Jahr 1865, sein letztes großes Format – und wie das Enterrement d’Ornans– auch wieder ein Ärgernis: Ein Bild der Jagd in den Ausmaßen eines Historiengemäldes!  Etienne Carjat, den Courbet 1859 bei dessen Aufenthalt in Frankfurt am Main kennengelernt hatte, fotografierte Courbet im Atelier von Ornans bei der Arbeit an diesem Gemälde. [11]

Die Zeit zwischen seiner Entlassung aus dem Gefängnis und seinem Schweizer Exil war für Courbet sehr produktiv. Er erhielt eine solche Fülle von Aufträgen, dass er sie nicht bewältigen konnte. Er löste das Problem, indem er hier kurzerhand ein „Gemeinschaftsatelier“ (atelier commun) einrichtete, in dem junge Künstler und Schüler ihm zuarbeiteten…. [12]

Nach dem Tod Courbets im Jahr 1877 erweiterte die jüngere Schwester und Nachlassverwalterin Juliette das Atelie, um dort einen Erinnerungsort an  ihren Bruder einzurichten:

„In der Stadt, die seine Wiege war, möchte ich die charakteristischsten Werke seines Lebens wie in einem Wohnzimmer aufstellen.“ Juliette Courbet, 1903.

Daraus wurde aber nichts. Nach dem Tod Juliettes 1915 wurde das Haus an einen Weinhändler verkauft, der das immer mehr verfallende Atelier Courbets als Lager nutzte. Die Geschichte des Hauses geriet in Vergessenheit.  2007 wurde es unter Denkmalschutz gestellt und bis 2021 vom Département du Doubs renoviert.

Einige Reste der ursprünglichen Dekoration sind noch erhalten. [13] Jetzt ist das ehemalige zweite Atelier Courbets in Ornans ein offizieller Erinnerungsort des Projekts Pays de Courbet, pays d’artiste und wird für kulturelle Zwecke genutzt.

Das Grab Courbets

Zur Rehabilitierung Courbets gehört vor allem die Überführung seiner sterblichen Überreste nach Ornans. Courbet war 1877 in seinem Schweizer Exil in Tour-de-Peilz gestorben. Seine jüngere Schwester und Nachlassverwalterin Juliette engagierte sich intensiv für das Erbe und Ansehen ihres Bruders. Zu diesen Bemühungen gehörte auch seit den 1880-er Jahren der Wunsch, die sterblichen Überreste Courbets in seine Heimat zu überführen. „Wir wünschen“, hieß es in einem entsprechenden Plädoyer aus dem Jahr 1885, „dass seine Asche in dieses Tal der Loue zurückkehrt, das er so geliebt und so gerne gemalt hat.“[14] Es dauerte aber noch bis zum Jahr 1919, dem 100. Geburtstag Courbets, dass sein Grab aus der Schweiz auf den Friedhof von Ornans überführt wurde, den er mit seinem Bild vom „Enterrement d’Ornans“ berühmt gemacht hatte.

Das ist der Grabstein von Tour-de-Peilz, der mit den sterblichen Überresten Courbets nach Ornans überführt wurde. Das falsche Geburtsdatum (10. August statt 10. Juni) wurde auch übernommen.

Das Museum

Der bedeutendste und unübersehbare Erinnerungsort an Courbet in Ornans ist das Haus, in dem Gustave Courbet am 10. Juni 1819 geboren wurde. Seit 1971 befindet sich dort das Courbet-Museum. Es wurde 2011 wesentlich erweitert und neu gestaltet: geöffnet zum Fluss und der Landschaft, die Courbet so liebte. [15]

Unter einem Gang mit gläsernem Boden fließt die Loue

Blick aus dem Museum über die Loue

Gezeigt werden rund 80 Werke, nicht nur die bekannten Landschaftsbilder aus der Gegend um Ornans, sondern auch Portraits, Skulpturen und Zeichnungen, die die sozialen Verhältnisse seiner Zeit thematisieren. Die Ausstellung ist thematisch und chronologisch aufgebaut, so dass sich die künstlerische und politische Entwicklung Courbets gut nachvollziehen lässt. [16]

Die Büsten

Im Museum ist auch eine Büste Courbets ausgestellt, die Kopie einer Arbeit von Jules Dalou. Im Zuge der allmählichen Rehabilitierung Courbets entstand in den 1880-er Jahren das Projekt, eine Büste des Malers anzufertigen. Beauftragt wurde Jules Dalou, wie Courbet engagiert in der Pariser Kommune und wie er danach verfolgt und ins (englische) Exil gezwungen. Dalou konnte aber 1879 nach Frankreich zurückkehren und wurde zu einem der bedeutendsten Bildhauer der Dritten Republik. Seine monumentale Figurengruppe auf der Place de la Nation Le Triomphe de la République ist dafür ein eindrucksvoller Beleg. Allerdings wurde die originale Büste nicht in Ornans aufgestellt, sondern 1890 im Musée des Beaux-Arts in Besançon, das Courbet nun ebenfalls für sich reklamierte.[17]

1932 wurde daraufhin in Ornans ein Komitee gegründet für ein Monument zur Erinnerung an Courbet. Georges Laëthier, Professor an der Kunstschule von Besançon, erhielt dafür den Auftrag. Am 23. Juli 1939 wurde die Büste eingeweiht.

Foto: Patricia G. 2020[18]

Sie steht vor der Grundschule (Allée du parc Piffard) und trägt -neben dem Namen und den Lebensdaten Courbets- die Aufschrift: Die dankbare Stadt Ornans/La ville d’Ornans reconnaissante:  End- und Höhepunkt der Rehabilitierung Courbets in seiner Heimatstadt.

Der Bauernhof von Flagey

Wie man an den Straßenschildern ablesen kann, ist Courbet aber nicht nur in Ornans präsent, sondern auch in der Umgebung, dem „pays de Courbet“, der Heimat Courbets. Dazu gehört der Bauernhof der Familie Courbet in dem Weiler Flagey, 15 Autominuten südlich von Ornans.

Zu dem Familienhof in Flagey gehörte ein üppiger Nutzgarten mit abwechslungsreichem Baumbestand, der ein Leben als Selbstversorger ermöglichte. Außerdem gab es einen Garten mit Blumen, der nach den Worten Courbets „das ganze Jahr über blühte und das Schmuckstück des ganzes Dorfes darstellte.“[19]

Seit 2008 ist auch der Bauernhof Teil des Courbet-Projekts des Département Doubs. Dazu gehörte auch die Neuanlage des Gartens, für die seine ursprüngliche Form im 19. Jahrhundert als Vorbild diente.

Das ehemalige Wohnzimmer des Bauernhauses ist heute ein Café mit Buchhandlung.  Von der Terrasse aus hat man einen schönen Blick in den Garten. Es wurde „Café de Juliette“ genannt, um der jüngsten Schwester von Gustave Courbet, die sich um die Würdigung des Werkes ihres Bruders bemühte, ein Denkmal zu setzen.[20]

Ohne Courbet wäre Ornans sicherlich der Name eines der vielen pittoresken französischen Orte ohne größeren Nachhall. Dank Courbet ist das anders: Viele Bilder, die er in seiner geliebten Heimat gemalt hat, haben im Titel den Namen  Ornans und von Orten der Umgebung: Après-dinée à Ornans, Vendange d’Ornans sous la Roche du Mont, l’Enterrement à Ornans, Château d’Ornans, les Rochers d’Ornans und dutzende Paysages près d’Ornans, La Chêne de Flagey, Les paysans de Flagey revenant de la foire….  um nur einige zu nennen. Courbet hat damit seine Heimatstadt bekannt gemacht und ihr den Adelstitel verliehen, „il a imposé le nom de sa ville“ et il „lui a donné ses lettres de noblesse moderne“.[21]

In einem nachfolgenden Beitrags sollen einige der Bilder vorgestellt werden, in denen Courbet seine Heimatstadt und die Schönheit der umgebenden Landschaft gefeiert und ihm nahestehende, aber auch unbekannte, einfache Menschen in einer damals revolutionären Weise gemalt und ihnen so eine zeitlose Bedeutung und Würde verliehen hat.


Anmerkungen

[1] Wenn nicht anders angegeben, sind die Abbildungen in diesem Beitrag von Frauke und Wolf Jöckel aufgenommen. Titelbild des Beitrags ist ein Foto von Étienne Carjat (um 1866): Courbet bei der Arbeit in seinem Atelier in Ornans an dem Gemälde Hallali du cerf

[2] https://www.destinationlouelison.com/decouvrir/des-villages-de-caractere/ornans-les-maisons-sur-la-loue/place-courbet/

[3] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g1675375-d10460986-Reviews-Place_Courbet-Ornans_Doubs_Bourgogne_Franche_Comte.html

[4] https://www.destinationlouelison.com/decouvrir/des-villages-de-caractere/ornans-les-maisons-sur-la-loue/place-courbet/

[5] j’appendrai à ce tas de  polissons qu’ils  ne sont pas en  droit de rien juger d’abord avant de connaître malgré leur impuissance, leur envie et leur basse politique. Zitiert auf einer Informationstafel des Museums.

[6] Zum Engagement Courbets in der Commune siehe: https://www.commune1871.org/la-commune-de-paris/histoire-de-la-commune/illustres-communards/711-courbet-dans-la-commune-2 und

[7] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Gustave_Courbet_-_Self-Portrait_at_Sainte-P%C3%A9lagie_-_WGA05498.jpg    Siehe  auch Katalog S. 150/151 und: https://histoire-image.org/etudes/courbet-sainte-pelagie

[8] Katalog, S. 150/151

[9] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ornans,_atelier_de_Gustave_Courbet.jpg

[10] Zitat und nachfolgendes Bild aus: http://www.musee-courbet.fr/?page_id=759&lang=de

[11]  Gustave Courbet peignant „L’Hallali du Cerf“ . Bild und nähere Informationen dazu bei: https://www.petitpalais.paris.fr/en/collections/actualites/gustave-courbet-peignant-l-hallali-du-cerf

[12] https://www.destinationlouelison.com/decouvrir/des-villages-de-caractere/ornans-les-maisons-sur-la-loue/latelier-courbet/

[13] Bild aus: http://www.musee-courbet.fr/?page_id=4532

[14] Lavallée/Galy, Gustave Courbet, d’Ornans, S. 152

[15] Bild aus: http://www.musee-courbet.fr/?page_id=748&lang=de

[16] Sabine Herre, Französischer Jura. Berlin 2022. Berlin 2022 https://www.trescher-verlag.de/ornans-wie-gemalt/ 

[17] Bild aus: https://www.tripadvisor.com/LocationPhotoDirectLink-g1675375-d2262440-i275962741-Musee_Gustave_Courbet-Ornans_Doubs_Bourgogne_Franche_Comte.html

[18] https://e-monumen.net/patrimoine-monumental/buste-de-gustave-courbet-allee-du-parc-piffard-ornans/

Im Museum gibt es einen Terrakotta-Entwurf der Büste. Siehe Katalog, S. 12

[19] http://www.musee-courbet.fr/?page_id=953&lang=de  Bild aus http://www.musee-courbet.fr/?page_id=756&lang=de

[20] http://www.musee-courbet.fr/?page_id=780&lang=de  Bild aus:  http://www.musee-courbet.fr/?page_id=756&lang=de  

[21] Fernier u.a., Courbet et Ornans, S. 15

Praktische Informationen:

Museum: 

Musée départemental Gustave Courbet  1 Place Robert Fernier
Öffnungszeiten täglich außer dienstags:
– von Juni bis September 10 bis 18 Uhr
– von Oktober bis Mai: montags 14-17 Uhr; Mittwoch bis Sonntag 10-12 und 14-17 Uhr  

Atelier Courbet:

14 avenue Maréchal de Lattre de Tassigny, 25290 Ornans

Öffnungszeiten: Vom 1. Juni bis 1. Oktober Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr

Es werden auch Führungen angeboten. Näheres unter http://www.musee-courbet.fr/?page_id=4532

Ferme de Flagey:  

28 Grande Rue, 25330 Flagey,

Öffnungszeiten: Vom 1. Juni bis zum 30 September täglich von 11-19 Uhr. Von Oktober bis Mai Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr.

Literatur

Le musée Gustave Courbet à Ornans et sa collection permanente. Ornans 2021 (Museumskatalog)

Jean-Jacques Fernier/Jean-Luc Mayaud/Patrich Le Nouene, Courbet et Ornans. Herscher 1989

Marie-Hélène Lavallée und Bérangère Galy, Gustave Courbet, d’Ornans. Infolio éditions 2007

Jean-Luc Mayaud, Courbet, L’Enterrement à Ornams: un tombeau pour la République. Boutique de l’Histoire. Paris 1999

Michel Ragon, Gustave Courbet. Peintre de la liberté. Fayard 2004

Dieter Scholz, Pinsel und Dolch: Anarchistische Ideen in Kunst und Kunsttheorie 1840–1920, Berlin 1999, S. 27–100

Marcel Truche/Marie-Christine Truche, Gustave Courbet. Sur les chemins de sa vie. 9 randonnées „biographiques“.  Cêtre 2014

Franz Zelger, Begräbnis als Selbstinszenierung : Courbets „Enterrement à Ornans“ – eine Neuinterpretation.  In:  Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich  (5,1998) https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=gbj-002%3A1998%3A5%3A%3A231

Zu Courbet siehe auch diese Blog-Beiträge:

Ausflug zum Park von Sceaux -nicht nur- zur Kirschblüte

In Jedem Frühjahr wird im Park von Sceaux das Kirschblütenfest gefeiert. Ein Ereignis, das viele Besucher anzieht.

Kein Wunder:  Die in voller Blüte stehenden Kirschbäume sind eine Pracht! Und man darf sich im Schatten der blühenden Bäume niederlassen, seine Decke ausbreiten, sein mitgebrachtes Picknick verzehren, die meist alten wunderbaren Bäume und ihre Blüten bewundern, sich ausruhen, lesen, das Treiben um einen herum betrachten… Manchmal hat man fast den Eindruck, man sei nicht in Sceaux, sondern beim Kirschblütenfest in Japan…

Aber es lohnt sich, den Ausflug zu den Kirschblüten mit einem Spaziergang durch den Park zu verbinden. Der ist immerhin ein Werk des großen Le Nôtre, des Gartenarchitekten Ludwigs XIV., des Schöpfers des Parks von Versailles und vieler anderer großen barocker Gartenanlagen. Le Nôtre wurde von Colbert, dem „Finanzminister“ des Sonnenkönigs, für seine Schlossanlage in Sceaux engagiert. Und bei der Verwaltung der königlichen Finanzen kam Colbert offenbar auch auf seine Rechnung, so dass er sich ein wunderbares Schloss mit zahlreichen Nebengebäuden und einem riesigen, aufwändig angelegten Park leisten konnte…

Dazu passt die Statue des Herkules Farnese[1], der sich gerade, auf seine Keule gestützt, von seinen Kämpfen ausruht – natürlich vor blühendem Kirschbaum…

Man erreicht den Park von Paris aus einfach mit dem RER B.

Verlässt man den Bahnhof Parc de Sceaux wird man durch auf den Boden gesprühte Hinweisschilder zu einem der Parkeingänge geführt – Hanami ist der Name des japanischen Kirschblütenfests. Durch blühende Kirschbäume an den Straßenrändern wird man schon entsprechend eingestimmt.

An allen Eingängen zum Park gibt es Hinweistafeln, die die Orientierung erleichtern.

Die dem Bahnhof am nächsten liegenden Eingänge sind Mitte/rechts im Bild angegeben. Die Nummer 1 im oberen Teil bezeichnet das Schloss, die Nummer 2 die Orangerie, die Nummer 3 ganz oben rechts der Pavillon de l’Aurore.

Möchte man sich vor Beginn der Wanderung durch den Park etwas ausruhen, kann man unter den Kirschbäumen auf der Plaine de l’Orangerie (Mitte rechts auf dem Plan) schon eine kleine Pause einlegen.

Da hat man sogar die Auswahl zwischen „rot“ und „weiß“…

Der weitere Weg führt an der Orangerie vorbei…

Ein programmatisches Giebelrelief der Orangerie:  In Colberts Schloss herrschen Freude, Geselligkeit und Überfluss – hier ist man gewissermaßen auf Rosen gebettet. Und so konnte denn auch -wenn auch später einmal-  Voltaire schreiben, dass man sich in Sceaux ebenso gut unterhalten konnte, wie man sich in Versailles langweilte.[2]

Allerdings fehlt von der Orangerie ein Stück – es wurde im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 von preußischen Kanonenkugeln zerstört.

Schlimmer getroffen hat es allerdings das Schloss Colberts. Es wurde in der Französischen Revolution geplündert, schließlich an einen Unternehmer verkauft und zu Beginn des napoleonischen Kaiserreichs abgerissen.  Zwischen 1856 und 1862, also im Zweiten Kaiserreich Napoleons III., entstand dann der „Neubau“ im Stil Louis XIII, dem Baustil also, der die Bauten des großen Königs Henri Quatre prägt. Die Kombination von roten Backsteinen und behauenen weißen Kalksteinen kennen Paris-Besucher ja beispielsweise von der place des Vosges oder der place Dauphine auf der Île de la Cité.  Das Gebäude beherbergt ein Museum, das die Geschichte des Schlosses und die „art de vivre à la française“ zwischen Ludwig XIV. und Napoleon III. veranschaulicht.  Wir verzichten aber auf einen Besuch zugunsten der „art de vivre“ unter Kirschblüten…  

Auf dem Weg dorthin kommen wir zum pappelgesäumten Grand Canal. Der wurde erst 1687/88, also nach dem Tod Colberts gegraben. Schlossherr war damals der Marquis de Seignelay, der älteste Sohn Colberts. Aber verantwortlicher Gartenarchitekt blieb auch weiterhin Le Nôtre.  Der Kanal ist 1140 Meter lang, also fast so lang wie der des königlichen Schlosses von Fontainebleau (1,2 km), aber deutlich kürzer als der Grand Canal von Versailles (1670 m): Colberts Sohn vermied damit alles, seinen Herrn, den Sonnenkönig, zu übertrumpfen: Er kannte ja nur zu gut das Schicksal Fouquets, des Schlossherrn von Vaux-le-Vicomte und Konkurrenten seines Vaters, der der königlichen Sonne zu nahe kam, abstürzte und in schlimmster Festungshaft endete…

Hat man das nördliche Ende des Kanals umrundet, ist es nicht mehr weit zum Bosquet Nord: Japanische Lampions markieren die Zugänge.

Dieser Bosquet ist mit  insgesamt 144 japanischen Kirschbäumen (Prunun serrulata ‚Kanzan‘) bepflanzt, viele davon sind schon sehr alt…

Man ist eingeladen, sich in ihrem Schatten niederzulassen, die Blütenpracht zu bewundern, sein mitgebrachtes Picknick auszubreiten…

Nach einer entsprechend ausgiebigen Rast geht es weiter zum Bosquet Sud mit seinen weißblühenden Kirschbäumen, die es aber mit den japanischen bei weitem nicht aufnehmen können. (Und  -da kann ich einer lokalpatriotischen Anmerkung nicht widerstehen- sie können es schon gar nicht aufnehmen mit der wunderbaren Blüte von 42 000 (!) Kirschbäumen in den Streuobstwiesen von Ockstadt in der heimischen Wetterau…)

Also geht’s gleich weiter zum südlichen Rand des Großen Kanals. Da kann man sogar angeln und Boote mieten  (wenn die Warteschlange nicht zu lange ist…).

Zu den großen französischen Barockgärten, die im 17. Jahrhundert entstanden und deren bedeutendster Schöpfer Le Nôtre war, gehörten neben den großen Wasserflächen, den Alleen, Blumenrabatten und Bosquets auch Statuen. Colbert engagierte für seinen Park die bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit. Besonders beliebt waren Themen der antiken Mythologie.

Hier zum Beispiel die Kopie einer Statue von Bernini: Apoll verfolgt die sich ihm entziehende Daphne, die sich schließlich in einen Lorbeerbaum verwandelt. Die Skulpturen im Park waren vornehmlich aus Stein – der edle Marmor war dem König vorbehalten: Colbert , wie dann ja auch sein Sohn, kannten die Empfindlichkeiten ihres Herrn und nahmen darauf Rücksicht…

Die meisten Statuen des Colbert’schen Parks sind den Wirren der Zeit zum Opfer gefallen. Vieles wurde bei der Restaurierung des Parks in den 1930-er Jahren ergänzt: So die beiden Gruppen von Hirschen am südlichen Ende des Großen Kanals.

Zur ursprünglichen Anlage des Parks gehört das Octogon, ein großes Wasserbecken im Südosten des Parks:  In seiner Mitte eine 25 Meter hohe Fontäne. Le Nôtre musste dafür eine ganze Reihe von höher gelegenen Reservoirs schaffen, was allerdings aufgrund der günstigeren topographischen Bedingungen ungleich einfacher war als im Park von Versailles mit den Wasserspielen eines absoluten Herrschers, der auch der Natur seinen größenwahnsinnigen Willen aufzwingen wollte. Aber auch hier übten sich Colbert und Le Nôtre in untertäniger Zurückhaltung: Die höchste Fontäne von Versailles steigt immerhin 27 Meter in die Höhe!

Der Rückweg führt die wunderbare „Grande Cascade“ hinauf, die sich gerade in der abendlichen Sonne von ihrer schönsten Seite zeigt. Sie wurde wohl gemeinsam entworfen von Le Nôtre und Le Brun.

Über 17 kleine Wasserbecken mit jeweils zwei kleinen Fontänen fließt das Wasser hinunter zum Oktogon.

Das obere Ende wird durch wasserspeiende phantastische Köpfe (mascarons) markiert, die aber ebenfalls erst in den 1930-er Jahren installiert wurden. Sie stammen von dem für die Weltausstellung 1878 errichteten Palais de Trocadéro, das in den 1930-er Jahren dem für die Weltausstellung von 1937 errichteten Palais de Chaillot weichen musste.

Es ist nun nicht mehr weit zu den Ausgängen des Parks. Man sollte ihn aber nicht verlassen, ohne einen Blick in den Pavillon de l’Aurore zu werfen. Er steht am Rand des Parks, von wo aus man einen weiten Blick in die Umgebung hatte, vor allem auch über den heute nicht mehr existierenden Obst- und Gemüsegarten. Den ließ sich Colbert von Jean-Baptiste de La Quintinie anlegen, dem Hofgärtner Ludwigs XIV. und Schöpfer des königlichen Obst- und Gemüsegartens (potager du roi) in Versailles.

Für die Ausmalung der Kuppel engagierte Colbert den Hofmaler Ludwigs XIV, Charles Le Brun.  Le Brun hatte auch das Schloss von Sceaux ausgemalt. Nach dessen Zerstörung bleibt immerhin noch die Kuppel, die als ein Meisterwerk gilt.[3]

In dem Kuppelsaal liegen Faltblätter aus, die  die allegorische Bedeutung der Malerei erläutern. Hier eine Allegorie der Natur. Der Löwe, König der Tiere, steht für Colbert.

Die Tiere der Nacht werden von der Morgenröte verjagt…

… und dem neuen Tag, und damit der Sonne, werden Blumen gestreut:  So zollt Colbert seinem Sonnenkönig den gebührenden Respekt…

Wir verlassen -nach einem Tag voller Wunder der Natur und der Kunst- den Pavillon und es geht zurück nach Paris…


[1] Moderne Kopie der von Giovanni Comino zwischen 1670 und 1672 für Sceaux angefertigten Statue, einer Nachbildung der 1546 in Rom entdeckten Statue, die wiederum die Kopie einer antiken Statue ist.

Alle Fotos dieses Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel

[2] Zit. von Dominique Brême, directeur du domaine de Sceaux. In: Le domaine de Sceaux. Dossier de l’art No 169, S. 5

[3] Siehe Dominique Brême, La coupole du pavillon de l’Aurore , chef-d’œuvre de Le Brun. In: Dossier de l’Art No 169: Le domaine de Sceaux, S. 16/17

Das erste Portrait der Jeanne d’Arc in den Archives Nationales (Hôtel Soubise) März bis Mai 2025

Es gibt derzeit in den Archives Nationales im Marais eine kleine Ausstellung, in deren Mittelpunkt das erste „Portrait“ Jeanne d’Arcs steht, das zu ihrer Lebenszeit angefertigt wurde.

Die Ausstellung ist Teil der Reihe „Les Remarquables“, in der einzelne herausragende Dokumente des Archivs vorgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie ist noch bis zum 19. Mai im Hôtel Soubise zu sehen.[1]

Es bietet sich an, bei dieser Gelegenheit auch die Dauerausstellung des Nationalarchivs anzusehen und das anlässlich der Sonderausstellung zugängliche Appartement du Prince des noblen Stadtpalais zu bewundert. Es gehört zu den schönsten Beispielen des Rokokostils in Paris.

Und dazu gibt es noch eine Austellung zur politischen Dimension der Musik zwischen Französischer Revolution und der Front Populaire in den 1930-er Jahren. Gründe genug also für einen Besuch des Nationalarchivs…

Die jetzt ausgestellte Jeanne d’Arc- Zeichnung fertigte der Amtsschreiber des Parlaments von Paris, der Kanoniker Clément de Fauquembergue, an. Frankreich befand sich damals im 100-jährigen Krieg mit England, und Paris war seit dem Vertrag von Troyes (1420) unter englischer Herrschaft. Am 10. Mai 1429 verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer die Nachricht von der Niederlage der englischen Truppen bei Orleans: Am 8. Mai hatten die Engländer die Belagerung der Stadt aufgegeben – ein Wendepunkt des Krieges. Und zu den Nachrichten aus Orleans gehörte auch, dass „une Pucelle“ -ein junges Mädchen- als Bannerträgerin der französischen Truppen dabei gewesen sei und eine entscheidende Rolle gespielt habe. [2]

                                                                    Foto: Wolf Jöckel

Diese für die Engländer desaströse Nachricht wurde am 10. Mai im Parlament von Paris besprochen, und Fauquembergue nahm sie in sein Protokoll, das Régistre du conseil,  auf. Am Rand des eng beschriebenen Pergamentblatts fertigte er dazu eine Zeichnung der „Pucelle“ an, wie er sie sich entsprechend der umlaufenden Beschreibungen vorstellte.

Im Ausstellungsraum des Archivs liegt der an der entsprechenden Stelle aufgeschlagene Foliant der Parlaments-Protokolle in einer Vitrine unter einer schützenden Samtdecke. In regelmäßigen Abständen wird das kostbare Dokument ganz kurz beleuchtet, und man muss dabei fast schon eine wenig Glück haben, die nur etwa 10 cm hohe und etwas verblasste Zeichnung links oben auf dem rechten Blatt zu finden.

Clément de Fauquembergue hat Jeanne d’Arc nie gesehen. Dass aber mündliche Beschreibungen im Umlauf waren, wird durch die Initialien im Banner deutlich:

Das JHS im Banner steht für Jhesus. Das Banner ist zwar nicht erhalten, es wurde bei der Gefangennahme Jeanne d’Arcs zerstört, aber von ihren Aussagen im Inquisitionsprozess weiß man, dass das Banner die Devise Jhesus Maria trug. [3] Fauquemberges Zeichnung des Banners ist also kein reines Produkt seiner Phantasie.

Nicht verbürgt ist, wie seine Haltung zu Jeanne d’Arc war. Die Zeichnung lässt verschiedene Deutungen zu:

Da Fauquembergue auf Seiten der Engländer und der mit ihnen verbündeten  Burgunder stand, liegt es natürlich nahe, dass die Zeichnung deren kritische Haltung zu Jeanne widerspiegelt. Die offenen Haare und die ausladende Brust könnten dafür sprechen, dass Jeanne hier, wie damals bei ihren Feinden üblich, als „putain ribaude“ dargestellt ist, also als Soldatenhure. Sogar der englische Kommandant der Festung Tourelle, William Glasdale, hatte Jeanne, die ihn bei der Belagerung von Orleans zur Aufgabe aufgefordert hatte, als „putain des Armagnacs“ beschimpft.[4] Zu einer solchen Deutung der Zeichnung würde auch passen, dass Jeanne zwar Schwert und Banner trägt, aber keine Rüstung oder Männerkleidung. Solche Diffamierungen Jeannes, kursierten damals, auch wenn ihre Jungfräulichkeit mehrfach überprüft und sie bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen als „virgo intacta“ bestätigt wurde. Es war ja in der damaligen Zeit auch schwer vorstellbar, dass ein junges hübsches Bauernmädchen -und das war die historische Jeanne zweifellos- als Kriegerin eine führende Rolle spielen könnte.[5]

Jeanne d’Arc verjagt die Prostituierten der Armee [6]

Die Diffamierung Jeannes als Hure war so verbreitet, dass die andere Seite, also die des französischen Thronfolgers Charles, der angetrieben von Jeanne sich in Reims zum König krönen ließ, darauf entsprechend reagierte: Auf dieser Abbildung verjagt Jeanne gerade die Prostituierten aus dem Lager ihrer Truppen.

Mag eine pejorative Einstellung Fauquembergues zu Jeanne nahe liegen, so ist auch eine andere Deutung möglich, die Amable Sablon du Corail,  Kurator der Ausstellung, in Betracht zieht: Fauquembergue war ein gebildeter Mann, zu dessen Bibliothek auch das Epos Äneis von Vergil gehörte. Und dort wird Penthesilea erwähnt, die Tochter des Kriegsgottes Ares, eine Jungfrau und Kriegerin, die es wagt, „sich mit Männern im Kampf zu messen.“[7]  Fauquembergue könnte also bei seiner Zeichnung Jeannes -im positiven wie im negativen Sinne-  daran gedacht haben.[8]

Für Jeanne d’Arc gilt in hohem Maße das auf Wallenstein bezogene und entsprechend leicht abgewandelte Wort Schillers: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt / Schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte.“ Der Prozess, der zu ihrer Verurteilung und ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen führte, und der nachfolgende Prozess ihrer Rehabilitierung illustrieren das auf eindrucksvolle Weise.

Im Zuge der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons wurde Jeanne d‘Arc allmählich zu einem grundlegenden Baustein nationaler Identität. [9] Napoleon ließ in allen französischen Archiven Akten zur Geschichte Jeanne d’Arcs recherchieren. Sie habe bewiesen, „dass es kein  Wunder gibt, das der französische Genius nicht zu vollbringen vermöchte, wenn die nationale Unabhängigkeit gefährdet ist.“  

Die nationale Bedeutung Jeanne d’Arcs wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts noch durch die romantische Bewegung verstärkt. Und dann waren es liberale und republikanische Publizisten und Historiker wie Jules Michelet, die „den Mythos von Jeanne d’Arc als Vorkämpferin der nationalen Befreiung und schließlich als Personifizierung der aus dem Volk erwachsenen Nation“ im kollektiven Bewusstsein der Franzosen verankerten.[10]

Eine über dem Parteienstreit stehende Identifikationsfigur ist Jeanne d’Arc allerdings nie geworden. Republikaner, Monarchisten, nationale Katholiken, Rechtsradikale, Antisemiten und neuerdings auch die feministische und queere Bewegung reklamierten und reklamieren sie für sich.

Es gibt keine andere Person, erst recht keine Frau, die in Paris derart oft im öffentlichen Raum präsent ist: Insgesamt gibt es von der Nationalheldin 6 Statuen. Zur deren Verbreitung hat wesentlich die Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 beigetragen. Die Statuen symbolisierten den Widerstandswillen des Landes und die Gewissheit einer siegreichen Revanche. Und die Seligsprechung vor und die Heiligsprechung nach dem Ersten Weltkrieg haben Jeanne d:Arc -Heiligenstatuen angeregt, die in Notre-Dame und vielen anderen Pariser Kirchen zu finden sind: Der Sieg im „Großen Krieg“ konnte damit von Gläubigen als ihr und Gottes Werk dargestellt und verstanden werden. Zu den Pariser Helden- und Heiligenstatuen Jeanne d’Arcs ist ein nachfolgender Blog-Beitrag geplant.


Anmerkungen

1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

[2] „les ennemis qui avaient en leur compagnie une Pucelle, seule ayant bannière entre les ennemis“

[3] Musée Jeanne d’Arc de Rouen, étendard http://www.jeanne-darc.com/etendard.htm

[4] Archives Nationales, Livret de visite zur Ausstellung, S. 11

[5] Claude Gauvard, Jeanne : le portrait griffonné du greffier. In L’Histoire  492, Februar 2022 Auch im Internet zugänglich bei http://www.histoire.fr

[6] Jeanne d’Arc . chassant les ribaudes de l’armée. Miniature issue du manuscrit de Martial d’Auvergne, Les Vigiles de Charles VII, vers 1484, BnF. Bild aus: https://www.sudouest.fr/faits-divers/en-1946-la-loi-marthe-richard-ferme-les-maisons-closes-histoire-de-la-prostitution-en-france-en-six-dates-10584992.php

[7] Äneis Buch I, 490f

[8] Un portrait unique et énigmatique représentant Jeanne d’Arc en 1429 exposé aux Archives nationales à Paris. In: http://www.historia.fr/guide-culture-loisirs

[9]: Gerd Krumeich, Jeanne d’Arc. Die  Geschichte der Jungfrau von Orleans. München: Verlag C.H. Beck 2006, S. 112. Dort auch das nachfolgende Zitat Napoleons.

[10]  Zur Geschichte des Mythos siehe den Abschnitt „Nachleben“ in Krumeich, Jeanne d’Arc, S. 111ff und vor allem: Michel Winock, Jeanne d’Arc. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H. Beck 2015

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Diese Ausstellung hat mich dazu angeregt, mir einmal etwas genauer die Pariser Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc anzusehen, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen und die unterschiedlichen Darstellungsformen zu verstehen:

Bild des Monats: April 2025 (Das beste und das größte Croissant von Paris)

Foto: WF Jöckel

Es gibt -neben dem baguette- wohl kaum ein für Frankreich typischeres Backwerk als das Croissant. Und so wie jährlich das beste baguette von Paris in einem prestigeträchtigen Wettbewerb ermittelt wird – der Sieger ist ein Jahr lang „Hoflieferant“ des Präsidenten- so wird auch das beste Croissant ermittelt. Bewerben darf sich jede Bäckerei von Paris und den umliegenden Departements, die die gesamte Herstellung selbst vornimmt. Und wie kompliziert die ist, hat Klaus Lintemeier in Paris-magie, dem neuen Paris-Blog, eindrucksvoll beschrieben.

Im Mai 2024 wurde für die Saison 2024/25 eine Bäckerei im Faubourg Saint-Antoine ausgewählt, einem Viertel das in allen französischen Revolutionen eine wichtige Rolle gespielt hat und ehemals Zentrum der französischen Möbelherstellung war. Im kulinarischen Bereich ist es aber bisher meines Wissens eher weniger hervorgetreten. Umso überraschender und für Liebhaber des Viertels (wie wir) erfreulicher ist aber, dass die Bäckerei Doucet, ein kleiner -und passend zum Viertel: eher unscheinbarer-  Familienbetrieb mit Sitz im Faubourg Saint-Antoine 2024 ausgewählt wurde.

Der Sieger kann für seine Croissants entsprechend Werbung machen und auch etwas höhere Preise verlangen. Das Privileg, den Elysée-Palast zu beliefern, hat er aber nicht. Wir lassen uns jetzt aber gerne zum Nachmittagskaffe das leckere Croissant aus dem Hause Doucet schmecken… Dazu gehört natürlich auch, wie auf dem Bild des Monats zu sehen, die aktuelle Ausgabe von Le Monde: In Paris kann man die des folgenden Tages schon am frühen Nachmittag kaufen. Quel privilège!

Allerdings müssen wir nicht unbedingt bei Doucet die Croissants kaufen: In unmittelbarer Umgebung unserer Wohnung gibt es nicht weniger als VIER Bäckereien, und wenn wir bereit sind, einen fünfminütigen Fußweg in Kauf zu nehmen, noch vier weitere… Und dort gibt es auch leckere Croissants und dazu noch deutlich preisgünstigere….

Das wohl größte Croissant von Paris gibt es übrigens in Montmartre- es ist fast so groß wie ein Kinderkopf, es wiegt 750 Gramm, also so viel wie 15 „normale“ Croissants und scheint ein Verkaufsschlager zu sein – und dies trotz seines stolzen Preises von 32 Euro.

Das XXL-Croissant gibt es bei Philippe Conticini in der Rue de Steinkerque, durch die sich die Touristenmassen auf dem Weg zur Kirche Sacré-Coeur drängen- ein idealer Platz also und ein Marketing-Gag….

Nie wieder! Nirgendwo! Die Ausstellung „Entartete Kunst“ im Picasso Museum Paris (Februar bis Mai 2025)

Vom 18. Februar bis 25. Mai 2025 wird im Picasso-Museum Paris die Ausstellung „Entartete Kunst – Der Prozess der modernen Kunst unter dem Nationalsozialismus“ präsentiert.[1]

Diese Ausstellung ist aus mehreren Gründen besonders sehenswert:

  1. Es ist -abgesehen von einer kleinen Präsentation im Goethe-Institut Paris- die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankreich.
  2. Sie findet im Picasso-Museum statt und hat dort zu Recht ihren, wenn auch etwas beengten, Platz: „Der Maler von Guernica verkörperte in den 1930er Jahren auf emblematische Weise die Figur des sogenannten „entarteten“ Künstlers „, wie das Museum betont.[2] Und die Präsentation der Ausstellung im Picasso-Museum eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, auch die wunderbare Sammlung von Werken Picassos in dem ebenso wunderbaren Ambiente des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hôtel Salé im Pariser Marais-Viertel anzusehen.
  3. Es werden in der Ausstellung auch Werke gezeigt, die erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind, zum Beispiel aus der lange als zerstört angenommenen Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt.
  4. Die Ausstellung findet in einer Zeit statt, in der es in Deutschland wieder Stimmen gibt, die bedenklich an den Kampf der Nazis gegen die avantgardistische Kunst erinnern. So bezeichnete die AfD- Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt im Oktober 2024 das Bauhaus als einen „Irrtum der Moderne“. Es habe eine „globalistische Uniformität“ erzeugt. Damit gehe die AfD, so die damalige Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, „mit erschreckend ähnlichen Argumenten und Formulierungen wie einst die NSDAP“ gegen das Erbe des Bauhauses heute vor. [3] Und in den USA gibt es beängstigende Tendenzen, neben Presse, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft auch die Kultur gleichzuschalten. Es ist bezeichnend, dass zum Beispiel die Zeitung Le Monde für die aktuellen Entwicklungen in den USA das Verb „metre au pas“ verwendet, das bisher eher für die nationalsozialistische Politik der „Gleichschaltung“ nach der „Machtergreifung“ reserviert war. Insofern hat eine Ausstellung über „Entartete“ Kunst derzeit leider eine „brennende Aktualität“ (France Culture). [4]

Im ersten Ausstellungsraum sind vier Skulptur-Fragmente ausgestellt. Sie gehörten zu den Exponaten der Nazi-Ausstellung „entarteter“ Kunst (München 1937) und wurden 2010 bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Trasse in Berlin entdeckt.

Emy Roeder (1890-1971), Schwangere, 1918

Dahinter sind in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 1400 Künstlerinnen und Künstlern aufgeführt, die von den Nazis verfemt, verfolgt oder umgebracht wurden.

Marg Moll (1984-1977), Tänzerin (um 1930)

Einige Namen sind schwarz hervorgehoben: Es sind die der 37 Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung im Picasso-Museum mit ca 60 Werken vertreten sind.

Insgesamt waren es 16558 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die auf der von den Nazis erstellten Liste der entarteten Kunst aufgeführt waren: Deutsche Museen waren schon vor dem Ersten Weltkrieg und danach in den „goldenen 20-er Jahren“ des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Präsentation avantgardistischer Kunst. „Welches französische Museum“, so fragt Le Monde in seinem Ausstellungsbericht, „konnte sich vor 1947 rühmen, einen Picasso zu besitzen?“. In Deutschland gab es dagegen mehrere…  Die Nazi-Ausstellung von 1937 war deshalb auch die bedeutendste Präsentation avantgardistischer Kunst ihrer Zeit, allerdings veranstaltet und mit entsprechenden propagandistischen Mitteln präsentiert zum Zwecke ihrer Denunzierung. [5]

Umso bedeutender ist der von den Nazis verursachte große Verlust von Kunstwerken, vor allem für die deutsche Museumslandschaft. Das wird auch deutlich, wenn man auf die den ausgestellten Objekten beigefügten Informationstäfelchen schaut: Manche Werke wurden zwar nach dem Krieg wieder von deutschen Museen erworben, viele aber sind jetzt in der Schweiz zu sehen: Dort wurden im Auftrag der Nazis Kunstwerke versteigert, um so zur Finanzierung der Kriegsvorbereitung beizutragen. Und der Schweiz/dem Kunstmuseum Bern vermachte Cornelius Gurlitt auch die als verschollen gegoltene große Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand[6]. Manche Werke sind jetzt auch in Belgien zu sehen: Belgische Kunstfreunde hatten in der Schweiz Kunstwerke ersteigert: Sie hatten sich vorher abgesprochen, sich nicht gegenseitig zu überbieten. Und natürlich haben die USA , wo die finanziellen Mittel für die Ersteigerung von Kunstwerken ja reichlich vorhanden waren, von dem Kunstausverkauf der Nazis profitiert.

Nachfolgend nun eine Bilderstrecke zur Ausstellung. Sie soll einen kleinen Eindruck von der Breite, der Qualität und der Bedeutung der von den Nazis verfemten Kunst vermitteln und damit natürlich auch zum Besuch der Ausstellung anregen.

Das für das Ausstellungsplakat ausgewählte Gemälde: Georg Grosz (1893-1959), Metropolis, 1916/17. (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Rosa Straße mit Auto, 1913 (The Museum of Modern Art, New York

Paul Klee (1879-1940), Sumpflegende, 1919 (Lenbachhaus München)

Max Pechstein (1881-1955), Stilleben: Südseefigur und Blumen 1917 (Kunsthalle Mannheim). Die Kunsthalle Mannheim war in den 1920-er Jahren eine der fortschrittlichsten Ausstellungshäuser.

Ludwig Meidner (1884-1966), Die Verzückung Pauli. Aquarell 1919 (Privatsammlung Karlsruhe)

Erich Heckel (1883-1970), Vorberge 1923. Museum für Kunst und Kultur, Münster

Vassily Kandinsky (1866-1944), Landschaft mit Fabrikschornstein, 1910 (Solomon R. Guggenheim Museum, New York)

El Lissitzky (1890-1941), Proun 2, Constuction, 1920 (Philadelphia Museum of Art)

Ernst Barlach (1870-1938), Frierendes Mädchen, 1917 (Ernst Barlach Haus, Hamburg)

Alexej von Jawlensky (1864-1941), Variation: Strenger Winter (Kunstmuseum Basel)

Joachim Ringelnatz (1883-1934), 11 Uhr nachts, 1930 (Pinakothek der Moderne, München)

Georg Grosz (1893-1959) Abends, (Ausschnitt, Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

Otto Dix (1891-1969), Gasmaske, 1916 (Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

„Bleiben wir, was wir sind. Es lebe die Entartung!“ Otto Dix 1936

Jedes dieser „entarteten“ Kunstwerke und natürlich auch jeder Künstler, der sie geschaffen hat, hat eine ganz besondere Geschichte, die man erzählen könnte. Hier wenigstens ein besonderer Blick auf fünf in der Ausstellung vertretene Künstler:

Karl Hofer

Karl Hofer (1878-1955), Freundinnen. 1923/24 (erworben 1924 von der Hamburger Kunsthalle, die damals auch zu den fortschrittlichsten Ausstellungshäusern Deutschlands gehörte; von den Nazis konfisziert 1937, zurückgekauft von der Hamburger Kunsthalle 1947)

Diesem Bild ist in der Ausstellung folgende Erläuterung beigefügt: „Das Gemälde Freundinnen entwirft das Bild einer verletzlichen und brüderlichen Humanität in einer von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägten düsteren Umgebung. Beurlaubt von seiner Stellung als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Berlin, wurde er im Sommer endgültig seines Postens enthoben. 10 Werke  des Künstlers, darunter dieses Gemälde, wurden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. 1938 wurde Hofer aus der Kunstkammer des Reichs ausgeschlossen, weil seine Frau Jüdin war. Das bedeutete das Verbot, Werke auszustellen und zu verkaufen. Nach der Scheidung von seiner Frau 1939 wurde er wieder in die Kunstkammer aufgenommen. Mathilde Hofer wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“

Emil Nolde:

Emil Nolde, (1932 – 1956), Begegnung am  Strand, 1909 (Stiftung Seebüll, Neukirchen)

                                          Emil Nolde, (1932 – 1956), Hülltoft Hof, 1932.

Dieses Gemälde war noch 1934 von einem Sammler der Hamburger Kunsthalle geschenkt worden, die auch zu den fortschrittlichsten Museen Deutschlands gehörte.   1937 wurde das Bild von den Nazis konfisziert, nach dem Krieg dem Sammler zurückgegeben, dessen Erben es 2002 erneut der Hamburger Kunsthalle schenkten. Der Expressionist Nolde ist der wohl berühmteste „entartete Künstler”: von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt und derartig prominent in der Propagandaausstellung ‚Entartete Kunst’ zur Schau gestellt.[7] Lange lebte die Legende von Nolde als unschuldigem Opfer der NS-Kunstpolitik. Nolde war allerdíngs Parteimitglied, vehementer Antisemit und sogar Denunziant,  und er verlor bis zum Kriegsende nicht den Glauben an das nationalsozialistische Regime. Wiederholt bekannte er sich in Briefen an Goebbels zum NS-Regime. Dass auch dieses wunderbare Gemälde zu den in München ausgestellten „entarteten“ Werken gehört, ist nur schwer nachzuvollziehen, und es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, wie hohe Kunst und niederste politische Gesinnung und Verhaltensweisen Hand in Hand gehen können.

Georg Schrimpf

Georg Schrimpf (1889-1938), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1926 (Museum Ludwig Köln)

Im Julie 1937 wurden 5 Werke von Georg Schrimpf von den Nazis konfisziert,  darunter auch diese Gemälde aus der Kunsthalle Mannheim. Der „Fall Schrimpf“ ist insofern besonders interessant, weil der die Meinungsverschiedenheiten deutlich macht,  die es auch innerhalb der Nazi-Hierarchie bezüglich der Definition „entarteter“ Kunst gab. Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, gehörte nämlich zu den Sammlern von Werken Schrimpfs. Er forderte deshalb auch, dass der Name von der Liste „entarteter“ Künstler gestrichen werden solle. Goebbels lehnt das ab. Wenn er jeden aus der Ausstellung nehme, für den sich jemand einsetze, könne er gleich ganz zumachen… [8]

Pablo Picasso

Pablo Picasso (1881-1973), La Famille Soler (Ausschnitt), 1903 (Musée  des Beaux-Arts Lüttich)

Dieses Gemälde Picassos wurde 1913/14 von dem Kölner Museum erworben, 1937 von den Nazis konfisziert und in Luzern versteigert. Die Stadt Lüttich erwarb das Bild mit acht anderen von den Nazis versteigerten Bildern, von Marc Chagall, Paul Gauguin und Franz Marc.

Picasso war seit „Guernica“ eine Ikone des antifaschistischen Kampfes. Gleichwohl konnte er auch während der Herrschaft Vichys und der deutschen Besatzung unbehelligt in Paris leben. Es gab zwar keine öffentliche Ausstellung seiner Bilder, aber er konnte in seinem Atelier in der rue des Grands-Augustins unter dem wachsam-wohlwollenden Auge der Besatzer höchst produktiv weiterarbeiten und erhielt dafür auch die erforderlichen Ressourcen.[9] Ein Beispiel dafür, dass in Paris auch unter nationalsozialistischer Herrschaft -jedenfalls für Nicht-Juden- ein Maß an künstlerischer Freiheit existierte, das im Dritten Reich selbst völlig undenkbar war.

Otto Freundlich

Otto Freundlich (1878-1943), Hommage aux peuples de couleurs, 1935 (Centre Pompidou)

Otto Freundlich ist eine ganz außerordentliche Künstlerpersönlichkeit.[10] Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris und war ein Pionier der abstrakten Kunst. In Montmartre war er Nachbar Picassos, mit dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war.  

Brief an Picasso aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber 1925 endgültig in Paris nieder. Während im Deutschland der Weimarer Republik seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten.  Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner Werke für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte Freundlich perfekt in das Feindbild der Nazis. Versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen denunzieren ihn Nachbarn und die französische Gendarmerie liefert ihn an die Nazis aus. Mit einem Konvoi vom Bahnhof Bobigny wird er desportiert[11] und am 9. März 1943  im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.

Im Picasso-Museum wird auch der Führer zur Ausstellung „Entartete“ Kunst von 1937 gezeigt. Dort ist allerdings „Kunst“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich ja nach Auffassung von Goebbels und der Nazi-Doktrin nicht um Kunst handelte. Auf der Titelseite ist eine ironisch L’homme nouveau (der neue Mensch). betitelte Skulptur von Otto Freundlich abgebildet. Ich sehe darin eine Karikatur des skrupellosen Machtmenschen, wie er gerade wieder weltweit Konjunktur hat.


[1] Ausstellungskatalog: L’exposition « L’art „dégénéré“. Le procès de l’art moderne sous le nazisme », organisée par le Musée national Picasso-Paris, explore et met en perspective l’attaque méthodique du régime nazi contre l’art moderne. 39 Euro

https://expo.paris/exposition/l-art-degenere-musee-picasso-2025 Siehe auch: La revanche des artistes „dégénerés“. France culture 20.3.2025

Alle Bilder des Beitrags habe ich in der Ausstellung aufgenommen. Da es sehr voll und eng war, musste ich manchmal die Seiten etwas begradigen.

[2] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/321702-exposition-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-photos

[3] https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/bauhaus-afd-kulturkampf-100.html In der Sendung von France Culture vom 20.3. wird zur Erläuterung der Aktualität der Ausstellung darauf hingewiesen . Schon im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wurde 2021 gefordert, „nur solche Kunst zu fördern, die ihrer eigenen deutschen Kultur bejahend gegenübersteht.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/afd-kritik-bauhaus-dessau-kultur-100.html

[4] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/international/article/2025/03/15/donald-trump-met-les-juges-sous-pression_6581191_3210.htmlFrance Culture in einer Sendung über die Ausstellung. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-midis-de-culture/critique-expo-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-3077095

Der Figaro bezieht die auch von ihm gesehene Aktualität der Ausstellung in der sowjetischen Kulturdoktrin mit ihrer Gegenüberstellung traditioneller russischer Werte und westlicher Dekadenz/“dégénérance. «Dégénérescence», c’est exactement de cela que Vladimir Poutine noux taxe, nous autres Occidentaux. Eh bien, « restons donc ce que nous sommes. Vive la dégénérescence ! » lui aurait lancé le peintre Otto Dix. Le Figaro, 7. März 2025

[5] Harry Bellet, Au Musée Picasso, l’art honni des nazis. In: Le Monde 18. Februar 2025

[6] https://gurlitt.kunstmuseumbern.ch/de/static/background/

[7] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus/ 

[8] Siehe Le Monde, 18.2. 25

[9] https://atlantico.fr/article/decryptage/-les-artistes-en-france-sous-l-occupation–le-drole-de-diner-entre-picasso-la-bete-rouge-des-nazis-et-werner-lange-le-nazi- 

[10] Siehe den Blog-Beitrag zu Otto Freundlich: https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2023/09/01/der-bahnhof-von-bobigny-seit-2023-erinnerungsort-der-deportation-von-juden-nach-auschwitz/

Zum Picasso-Museum siehe auch diesen Blog-Beitrag:

Das älteste Kaufhaus der Welt:  Das Pariser Kaufhaus „Le Bon Marché“ und Zolas „Paradies der Damen“

Die Geschichte des Ehepaars Boucicaut, den Gründern des Bon Marché, ist gewissermaßen eine europäische Version des amerikanischen Traums: Marguerite, eine  Gänsemagd vom Land, kommt im Alter von 13 Jahren als Wäscherin nach Paris, lernt dort lesen und schreiben und Aristide, ihren künftigen Mann, kennen.

Aristide ist zunächst kleiner Angestellter im elterlichen Geschäft, dann reisender Verkäufer auf Märkten und Messen; seit 1835 arbeitet er in einem magasin de nouveautés  rue de Bac in Paris und macht da Karriere.  Als der Laden 1848 schließen muss, beteiligt er sich an dem in der Nähe gelegenen „Au Bon Marché“, das er 1863 als alleiniger Eigentümer übernimmt.

Das erste Bon Marché- Kaufhaus Boucicauts vor der großen Erweiterung[1]

Es beginnt nun eine fulminante Expansion: Boucicaut leitet eine kommerzielle und architektonische Revolution ein. Es entsteht eine „Kathedrale des neuzeitlichen Handels, fest und leicht zugleich, für ein ganzes Volk von Kunden geschaffen.“  So formulierte es Émile Zola in seinem Roman „Au bonheur des dames“/“Das Paradies der Damen“.  (S.279)

Der Titel des Romans ist der Name eines fiktiven Pariser Kaufhauses, anhand dessen Zola die kommerzielle und architektonische Revolution des Handels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt. Sein Vorbild war dabei vor allem das Kaufhaus Le Bon Marché, das Zola mehrere Monate lang intensiv studierte. Das Bon Marché wurde wiederum zum Vorbild für andere große Kaufhäuser in Paris, in Frankreich und dann auch Europa- und weltweit. Es ist damit das älteste noch existierenden Kaufhaus der Welt.[2]

Im nachfolgenden Beitrag möchte ich zunächst zeigen, dass das neue Kaufhaus in seiner Größe, technischen Ausführung und ästhetischen Gestaltung alle bisherigen Maßstäbe sprengte. Für Zola war das Bon Marché und waren seine Nachfolger die städtebaulichen Gravitationszentren der neuen Zeit, so wie es die Kathedralen im Mittelalter gewesen waren.

Im zweiten Teil sollen die nicht weniger revolutionären kommerziellen Neuerungen im Mittelpunkt stehen, die den Erfolg des Bon Marché begründeten und sicherten. Viele dieser Neuerungen sind heute selbstverständliche unternehmerische Praxis im Bereich des Handels.

Dabei werde ich mich im Wechsel konkret auf das historische Bon Marché und auf Zolas Roman beziehen – eine doppelte und, wie ich hoffe,  der gegenseitigen Bereicherung dienende Perspektive.

Das Bon Marché: Die „Kathedrale des Handels“

Diese Darstellung vermittelt einen Eindruck vom Bon Marché zu der Zeit, als Zola seinen Roman schrieb.[3] Der gesamte rechteckige Baukomplex ist hier noch nicht fertiggestellt.  Zola hat in seinem Roman das Plakat einer Verkaufsausstellung des Paradies der Damen mit seinem „Emporkömmlingsgesicht“   beschrieben, bei dem vielleicht diese oder eine ähnliche Abbildung des Bon Marché Pate gestanden hat:

„Nun hatte es sich, wie der Reklamestich zeigte, dick und fett gefressen… Zunächst sah  man im Vordergrund dieses Stiches“ die Straßen, „erfüllt von kleinen schwarzen Figuren und unverhältnismäßig verbreitert, als sollten  sie der Kundschaft der ganzen  Welt Durchlass gewähren. Dann kamen die Gebäude selber, in übertrieben riesiger Ausdehnung, aus der Vogelperspektive gesehen, mit ihren festen Dächern, die die Galerien andeuteten, den Glasdächern der Höfe, darunter man die Hallen ahnte, der ganzen Unendlichkeit dieses Sees aus in der Sonne schimmerndem Glas und Zink. Jenseits davon breitete sich Paris aus, aber ein klein gewordenes, von dem Ungeheuer halbverzehrtes Paris: die Häuser in seine Nähe nur bescheidene Hütten, waren weiter weg als ein Staub undeutlicher Schornsteine verstreut; die großen Gebäude schienen zusammenzuschmelzen, links zwei Striche für Notre-Dame, rechts ein Accent circonflexe für den Invalidendom, im Hintergrund das Pantheon, verschämt und verloren, kleiner als …eine Linie. Der Horizont war zu nichts geworden, diente nur als geringgeschätzter Rahmen, bis zu den Höhen von Châtillon, bis zu dem weiten flachen Land, dessen verwischte Fernen Knechtschaft andeuteten“.[4] 

Auffällig sind auch die vielen Pferdefuhrwerke auf den Straßen: Das Bon Marché unterhielt damals einen Fuhrpark von etwa 150 Gespannen zur Auslieferung von Waren. Die Pferdeställe lagen auf der anderen Seite der Rue de  Babylone, bevor sie, zu klein geworden, ausgelagert wurden.

Hier errichteten sich die Boucicauts ein nobles Wohnhaus (hôtel particulier).

Zola beschreibt auch die neue „Ehrenpforte“ des Paradies der Damen – eine Beschreibung die sicherlich von der Porte de Sèvres des Bon Marché inspiriert wurde:[5]

„Dieser Eingang, hoch und tief wie ein Kirchenportal, überragt von einer Gruppe- Industrie und Handel, die, umgeben von einer Vielfalt von Emblemen, einander die Hand reichten-, war durch eine breite Markise geschützt, deren frische Vergoldung die Bürgersteige mit einem Sonnenstrahl zu erhellen schien. Nach rechts und links erstreckten sich die Fassaden in einem noch grellen Weiß, … nahmen den ganzen Häuserblock ein …“ (Zola, 278)

Mosaik vom Eingang rue de Babylone aus dem Jahr 1876 mit den Initialien des Firmengründers

„Und vor allem bestaunten die Neugierigen den Haupteingang, der, hoch wie ein Triumphbogen, … verschwenderisch mit Mosaiken, Fayencen und Terrakotten verziert war… Der Palast war erbaut, der Tempel für den Verschwendungswahnsinn der Mode. Er überragte ein ganzes Stadtviertel und bedeckte es mit seinem Schatten.“ (Zola, S. 464)

Die Mosaike dienten auch dazu, die  in dem Kaufhaus angebotenen  Waren anzuzeigen.

Leider ist von der prächtigen Fassade des alten Bon Marché kaum noch etwas erhalten. Immerhin sind noch einige der alten Mosaiken erhalten, und seit 2015 gibt es einen im alten Stil rekonstruierten Fassadenabschnitt in der rue de Sèvres. [6]

Durchschreitet man in Zolas Paradies der Damen den mit einem Triumphbogen und einem Kirchenportal verglichenen Haupteingang, so gelangt man in „das „riesige“, „das unermesslich große Kirchenschiff.“ (Zola 341 und 297).[7]

„Man hatte die in Hallen verwandelten Höfe mit Glasdächern versehen, und aus dem Erdgeschoss führten eiserne Treppen nach oben, eiserne Brücken waren in beiden Etagen von einer Seite zur anderen geschlagen worden. Der Architekt, ein glücklicherweise intelligenter junger Mann, der auf alles Neuzeitliche versessen war, hatte Steine nur für die Untergeschosse und die Eckpfeiler verwendet und dann das ganze Gerippe aus Eisen errichtet, die Verbundstellen der Giebel- und Deckenbalken stützten Säulen. Die Vouten an den Decken und die inneren Zwischenwände bestanden aus Ziegelsteinen. Überall hatte man Platz gewonnen. Luft und Licht hatten freien Zutritt, das Publikum bewegte sich unbehindert unter dem kühnen Wurf der nur in weiten Abständen abgestützten Dachkonstruktion. Es war die Kathedrale des neuzeitlichen Handels, fest und leicht zugleich, für ein ganzes Volk von Kunden geschaffen.“ (S.279)

Die zentrale Treppe des Bon Marché 1880[8]

 „Gerade trat Frau Desforges (eine Stammkundin des Hauses W.J.), nachdem sie in der Menschenmenge fast ihren Mantel eingebüßt hätte, endlich ein und durchquerte die erste Halle. Als sie dann bei der großen Galerie angekommen war, blickte sie in die Höhe. Weit wie eine Bahnhofshalle war die Galerie, umgeben von den Balustraden der beiden Stockwerke, durchschnitten von freitragenden Treppen, überspannt von schwebenden Brücken.

Die doppelarmigen eisernen Treppen zeigten kühne Kurven, schufen vermehrte Podeste; die über die Leere geworfenen eisernen Brücken zogen sich in großer Höhe schnurgerade dahin; und all dieses Eisen bildete unter dem weißen Licht der Glasdächer eine schwerelose Architektur, ein dem Tageslicht Zugang gewährendes Spitzengewebe, die moderne Verwirklichung eines Traumschlosses, eines Babel, das Etagen aufeinandertürmte, Raum für große Säle schuf und bis ins unendliche Ausblick auf andere Etagen und andere Säle auftat.

Übrigens herrschte das Eisen überall vor, der junge Architekt war ehrlich und mutig genug gewesen, es nicht unter einer Stein oder Holz imitierenden Mörtelschicht zu verbergen. 

… mit der zunehmenden Höhe des metallenen Gerüsts wurden die Kapitäle der Säulen reicher, die Niete  entfalteten sich zu Blumen, die Konsolen und Kragsteine waren mit Skulpturen geschmückt.“ (296/7)

Auch hier ist der Bezug zum historischen Bon Marché unverkennbar. Denn der 1869 begonnene und ab 1879 erweiterte Neubau des Kaufhauses war in seiner Eisenbauweise architektonisch und technisch revolutionär. Das „ganze Gerippe aus Eisen“ (297) ermöglichte den Verzicht auf tragende Wände, die Schaffung offener Verkaufsräume, die großzügige Verwendung von Glas, auch die damals nur bei Industriebauten (und vereinzelt auch bei Museen) verwendeten gläsernen Dachkonstruktionen. Das Bon Marché ist erste reine, wenn auch ummauerte Eisenskelettbau seiner Art. [8a]

Und anders als in Industriebauten war die eiserne Dachkonstruktion nicht direkt sichtbar, sondern es gab darunter gewissermaßen noch eine zweite Haut, die den damaligen ästhetischen Ansprüchen entsprechen sollte.

Die äußere eiserne Konstruktion ist allerdings durchaus erkennbar.

Als Architekt engagierten die Boucicauts  Louis-Charles Boileau, einen Schüler des großen Viollet-le-Duc, des Retters von Notre-Dame im 19. Jahrhundert. Für die Metallkonstruktionen wurden die Ingenieure Armand Moisant und später Gustave Eiffel verpflichtet. Moisant hatte schon das innovative Metallskelett der Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne errichtet, später auch noch die Metallkonstruktion des Grand Palais.  Insgesamt war das Bon Marché ein alle bisherigen Dimension sprengendes Bauwerk: Bei der Schokoladenfabrik von Nosiel wurden 1000 Tonnen Eisen verbaut, beim Bon Marché 8000 Tonnen, also noch 500 Tonnen mehr als bei dem 1789 errichteten Eiffelturm!

Bei den nachfolgenden Pariser Warenhäusern ist eine Tendenz zur verstärkten Eisenanwendung und damit zur Verdrängung der Steinarchitektur zu beobachten. Die offen liegende Eisenkonstruktion wurde mehr und mehr akzeptiert bzw. die ästhetischen Vorbehalte nahmen ab.  Beim Bon Marché war das Eisen nur in den Lichthöfen unverkleidet sichtbar, bei den beiden Printemps beherrscht es bereits den gesamten Innenraum und beim Samaritaine No 2 hatte sich die Eisenarchitektur innen wie außen endgültig durchgesetzt. Architekt des Samaritaine No 2 war Frantz Jourdain, der Zola bei der Arbeit an seinem Roman beriet: Er ist der ehrliche, mutige junge Architekt des Paradies der Damen. 20 Jahre später war er kühn genug, die sich über zwei Etagen erstreckende Metallkonstruktion des Samaritaine von außen sichtbar zu machen und als ästhetisches Stilmittel zu verwenden. So weit waren die Architekten des Bon Marché noch nicht gegangen.

1912 expandierte das Bon Marché weiter: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde ein Annexe errichtet. In einer Werbung aus dem 1912 wird das Kaufhaus mit dem Erweiterungsbau als „eine der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten von Paris“ angepriesen. [9]

Hervorgehoben wird auch -etwas vollmundig- dass für ausländische Kundinnen „Dolmetscher in allen Sprachen“ zur Verfügung stehen.

Der neue Komplex des Kaufhauses wurde allerdings schon 1915 durch einen Brand zerstört, aber von 1921 bis 1923 im Art déco-Stil wieder aufgebaut.[10]

Ausgestellt werden in dem neuen Anbau moderne und noble Möbel und Einrichtungsgegenstände, hergestellt von dem Atelier Pomone, einem 1922 eigens vom Bon Marché gegründeten Atelier für Kunsthandwerk.[11]

Frau mit Reh. Bemalter Teller des Bon Marché- Ateliers Pomone. Ca 1925. Ausstellung La saga des grands magasins.  Foto: Wolf Jöckel

Außerdem war in dem neuen Anbau eine Lebensmittelabteilung untergebracht, ein Comptoir de l’Alimentation, aus der später die noble  Grande Épicerie de Paris  hervorging.[12]

Innendekoration aus den 1930-er Jahren

Revolutionäre Verkaufsmethoden als Erfolgsrezept

Aristide Boucicaut war ein echtes Marketing-Genie.  Der überwältigende Erfolg des Bon Marché beruhte vor allem auf den von ihm eingeführten revolutionären Verkaufsmethoden, die danach zur üblichen Praxis aller nachfolgenden großen Kaufhäuser wurden.

William Bouguereau, Portrait Aristide Boucicaut 1875[13]

Die Darstellung dieser neuen Methoden nimmt im Roman Zolas einen breiten Raum ein. Hier ein Auszug über die den Chef seines „Paradies der Damen“, Mouret, und seine Erfindungen:

„Mouret hatte nur eine einzige Leidenschaft: sich die Frau zu unterwerfen. Er wollte, dass  sie in seinem Hause Herrscherin sei, er hatte ihr diesen Tempel erbaut, um sie dort in seiner Gewalt zu haben. Seine ganze Taktik bestand darin, sie mit galanten Aufmerksamkeiten zu benebeln, einen schimpflichen Handel mit ihren Begierden zu treiben, die Verwirrung ihrer Sinne auszunutzen. Daher zerbrach er sich Tag und Nacht den Kopf bei der Suche nach neuen Einfällen. Schon hatte er, um den zarten Damen die Mühe, in die Stockwerke hinaufzusteigen, zu ersparen, zwei mit Samt ausgepolsterte Aufzüge einbauen lassen. Ferner hatte er gerade ein Büfett eröffnet, wo unentgeltlichen Fruchtsäfte und Biskuits verabreicht wurden, und einen Lesesaal, eine monumentale, mit allzu üppigem Aufwand ausgeschmückte Galerie, in der er sogar Gemäldeausstellungen zu veranstalten wagte.“

 Der Lesesaal des Bon Marché 1878[14]                

Weiter mit Zola und Mouret: „Doch sein scharfsinnigster Einfall war, die Mutter durch das Kind zu gewinnen; er ließ nichts außer Acht, was wirksam sein konnte, spekulierte auf alle Gefühle, schuf Abteilungen für kleine Jungen und Mädchen, hielt die vorübergehenden Mamas an, indem er den Kleinen Bilder und Ballons anbot. Eine geniale Idee, diese Ballonzugabe, die an jede Käuferin ausgeteilt wurde, rote Ballons aus einer dünnen Gummihaut, die in großen Lettern die Namen der Firma trugen und, an einer Schnur gehalten in der Luft schwebend, eine auffallende Reklame durch die Stadt umherführten.“ (Zola 279/280)[15]

 „An dem Tisch, wo die Ballons ausgegeben wurden, nahm man gerade das vierzigste Tausend in Angriff: vierzigtausend Ballons, die ihren Flug in der heißen Luft der Ladenräume begonnen  hatten, eine ganze Wolke roter Ballons, die zu dieser Stunde von einem Ende von Paris bis zum anderen schwebten und den Namen Paradies der Damen bis in den Himmel trugen!“ (Zola 316)

Einen Billardsaal gab es im Bon Marché übrigens auch noch: Ein Anreiz für die Herren, ihre Frauen ins Kaufhaus zu begleiten, ohne sie auf dem Weg durch alle Abteilungen begleiten zu müssen.[16]

                               Félix Vallotton  Le Bon Marché  1898 (linkes Bild eines Triptychons)

Auch feste, ausgezeichnete Preise gehörten zu den Neuerungen des Bon Marché. Und diese Preise waren deutlich niedriger als bei den Einzelhändlern der Stadt. Das Bon Marché konnte auf Grund der Abnahme großer Mengen nicht nur günstiger einkaufen, es begnügte sich auch mit deutlich geringeren Gewinnspannen, die aber durch den Massenabsatz mehr als ausgeglichen wurden.

Medaillon mit der Devises des Hauses. Um 1880[17]

Mit den geringen Gewinnmargen ist es allerdings heute sicherlich vorbei: Das Bon Marché gehört inzwischen zum LVHM- Imperium von Bernard Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs. Und das Bon Marché mutierte dementsprechend auch zu einer „Ikone des Luxus-Einzelhandels“[18]. An manchen Traditionen knüpft das neue Bon Marché allerdings an, beispielsweise durch die jährlichen Kunstinstallationen von Ai Weiwei 2016 bis zuletzt die des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto.

Nicht übernommen hat Zola übrigens eine weitere Erfindung Boucicauts, der nämlich einen Esel für die  Kinder der Kunden anschaffte.[19] Der trottete dann wohl, begleitet von den Müttern, die Schaufensterfronten mit ihren damals ebenfalls revolutionären Schaufensterpuppen entlang und schuf damit zusätzliche Kaufanreize.

Yves Alix, les vitrines 1927[20]

Und weiter Zola: „Das Allerwirksamste war das Reklamewesen. .. .Für seine Verkaufsausstellung von Sommerneuheiten hatte er zweihunderttausende  Kataloge verschickt, davon fünfzigtausend in alle Sprachen übersetzte ins Ausland. Jetzt ließ er sie mit Gravüren bebildern, er fügte ihnen sogar Stoffproben bei, die auf die Blätter geklebt waren. …  Er setzte die Preise der nicht verkauften Artikel immer weiter herab, da er sie, getreu seinem Grundsatz von der schnellen Erneuerung der Waren, lieber mit Verlust verkaufte. Dann hatte er das Herz der Frau noch tiefer ergründet und war auf den Einfall mit dem ‚Zurückgeben‘ gekommen, ein Meisterstück jesuitischer Verführungskunst. ‚Nehmen Sie es nur, gnädige Frau: Sie werden uns den Artikel zurückbringen, wenn er Ihnen nicht mehr gefällt.‘ Und die Frau, die bis dahin widerstanden hatte, fand hierin eine endgültige Entschuldigung, die Möglichkeit, eine Torheit gutzumachen: sie kaufte mit beruhigtem Gewissen. Fortan gehörten das Rückgaberecht und die Preissenkung zum vorbildlichen Betrieb des neuen Handels.“ (280/281)

                                                      Félix Vallotton,   Le Bon Marché  1893[21] 

„Sehen Sie doch!“, rief Frau de Boves (eine Kundin des Hauses W.J.), die wie erstarrt stehenblieb, den Blick emporgerichtet. Es war die Ausstellung der Sonnenschirme. Weit geöffnet, rund wie Schilde bedeckten sie die Halle von dem verglasten Dach bis zum oberen Rand des Getäfels aus gefirnisstem Eichenholz. Als Festons schmückten sie die bogenförmigen Öffnungen der oberen Stockwerke; an  den Säulen hingen sie als Girlanden herab; in dichtgedrängten Reihen zogen sie sich an den Balustraden der Galerien und sogar an den Treppengeländern entlang; und überall in symmetrischer Anordnung die Wände buntscheckig mit Rot, Grün und Gelb bemalend, wirkten sie wie  große venezianische Laternen, die man für ein riesiges Fest angezündet hatte“. (Zola, S. 288)

Illustration zur Buchausgabe von „Au bonheur des dames“ 1906[22]

„In den Ecken gab es komplizierte Motive, Sterne aus Sonnenschirmen zu neununddreißig Sous, deren helle Tönungen, Mattblau, Cremefarben, Zartrosa, mit dem sanften Schein eines Nachtlichts brannten, während weiter oben ungeheuer große japanische Schirme, auf denen goldfarbige Kraniche durch einen Papierhimmel flogen, loderten wie der Wiederschein einer Feuersbrunst.“ (Zola, S. 288)

                                Innendekoration der Herbstaktion Paris Paris im Bon Marché 2024[23]

Ein besonderer Verkaufstrick Mourets bestand auch darin, verschiedene eigentlich zusammengehörende Abteilungen über die gesamte riesige Verkaufsfläche zu verteilen. Im Roman erläutert er das seinem skeptischen Verkaufsleiter so:

Die Kundinnen sollen sich wohl alle in derselben Ecke zusammendrängen, was? Einen schönen Mathematikereinfall habe ich da gehabt! … Begreifen Sie doch, dass ich die Menge an einer Stelle festgehalten hätte. Eine Frau wäre hereingekommen, hätte sich geradewegs dorthin gewandt, wohin sie gehen wollte, wäre vom Unterrock zum Kleid weitergegangen, vom Kleid zum Mantel und hätte sich dann davongemacht, ohne sich auch nur ein wenig verlaufen zu haben!- Keine einzige hätte alle unsere  Ladenräume auch nur gesehen!“   Jetzt müssten die Kundinnen im ganzen Kaufhaus herumlaufen. „Mag man einander totdrücken, alles wird gut gehen!“  Durch die „Wanderungen in alle Richtungen“ werde den Kundinnen „das Haus dreimal so groß vorkommen.“ Sie seien „genötigt, durch Rayons zu gehen, in die sie sonst nie den Fuß gesetzt hätten, dort werden sie im Vorüberkommen von dieser und jener Verlockung gefesselt und erliegen ihr…“ (Zola, S. 283)

Ich musste bei dieser Darstellung unwillkürlich an das Möbelhaus Ikea denken, wo man selbst bei dem gezielten Einkauf eines einzigen Produkts genötigt wird, auf dem Weg zur Kasse alle Abteilungen des Hauses zu durchwandern….

                           Félix Vallotton Bon Marché 1898 (zentrales Bild eines Triptychons)

Eine weitere verkaufsfördernde Maßnahme Boucicauts war die Einrichtung des mois du blanc, eines weißen Monats.[24]

Spezieller Verkaufskatalog für den mois du blanc Anfang 20. Jahrhundert.  In der Mitte gab es auch, wie von Zola erwähnt, ein eingelegtes Blatt mit Stoffproben.[25]

Boucicaut hatte festgestellt, dass nach Weihnachten die Verkaufszahlen rapid abfielen. Als Gegenmittel richtete er einen Monat ein mit Sonderangeboten von Weißwaren aller Art: Handtücher, Bettwäsche, Unterwäsche etc.

                                        Alexey Brodovitch, Katalog für den mois du Blanc 1936.[26]

Auch nach dem Tod des Firmengründers 1877 blieb das Bon Marché ein Pionier in der Erfindung neuer publikumswirksamer Attraktionen. Ab 1893 gab es vor Weihnachten besondere Schaufensterdekorationen, die seit 1909 mit beweglichen Figuren ausgestattet waren. Das erste Schaufenster dieser Art bezog sich auf die Entdeckung des Nordpols durch Robert Peary. Das Bon Marché engagierte dafür Gaston Descamps, einen Hersteller von Automaten. Da gab es Inuits, die aus ihren Iglus schauten, herumtappende Eisbären und -wenn auch geographisch nicht passend- tanzende Pinguine.[27]

Diese vitrines animées de Noël gehören seitdem zu den weihnachtlichen Attraktionen aller großen Pariser Kaufhäuser.

Weihnachtsfenster des Bon Marché 2021 mit tanzenden Lebkuchenmännern. Vor den Schaufenstern sind, wie bei den vitrines animées de Noël üblich, Podeste für Kinder aufgebaut.[28]  

Denise, Frau Boucicaut und der paternalistische Kapitalismus des Bon Marché

Émile Zola hat das „Paradies der Damen“ mit einem Hüttenwerk verglichen und mit einer Mischung von Bewunderung und Schauder beschreiben. Für ihn sind die großen Kaufhäuser, wie die Dampfmaschinen, Symbol und Triebkraft der modernen Welt:

  „Dass das Haus von einer Hitze wie in einem Hüttenwerk flammte, kam vor allem vom Verkauf, von dem Gedränge an den Ladentischen, das man durch die Mauern hindurch spürte. Da war das ununterbrochene Schnauben der in Gang befindlichen Maschine, ein Verheizen von Kunden, die sich vor den Abteilungen stauten, angesichts der Waren jegliche Besonnenheit verloren und dann der Kasse zum Fraß vorgeworfen wurden. Und das alles mit mechanischer Genauigkeit geregelt und organisiert, wodurch ein ganzes Heer von Frauen der Kraft und Folgerichtigkeit des Räderwerks verfiel.“ (S. 21)

Die Kundinnen sind aber nicht nur Opfer dieses Räderwerks, sondern auch Nutznießer: Sie profitieren von den niedrigen Gewinnmargen, der großen Auswahl und der Transformation des Kaufaktes in ein Kauferlebnis. Opfer und nichts als Opfer sind aber die kleinen Einzelhandelsgeschäfte, die von dem Paradies der Damen überrollt werden. Zola beschreibt deren Schicksal eindrucksvoll vor allem anhand des gegenüberliegenden kleinen Tuchgeschäft Au Vieil Elbeuf zwar mit Wärme, aber als einen unausweichlichen Prozess, als notwendiges Tribut an die neue Zeit.

Im Vieil Elbeuf arbeitet auch Denise, ein Mädchen vom Lande, das aber schließlich die Zeichen der Zeit erkennt und eine Anstellung im Paradies der Damen erhält. Sie wird dort von Vorgesetzten und Kolleginnen gedemütigt und ausgebeutet, steigt dann aber auf und wird schließlich die Frau des Chefs, dem sie sich lange verweigert hatte. Sie kann nun Mouret mit ihrer „jungen Stimme, die noch von den ausgestandenen Qualen zitterte“, zu Verbesserungsmaßnahmen bewegen, „die die Firma festigen sollten. … Das Los der Verkäufer besserte sich nach und nach, an die Stelle von Massenentlassungen trat die Gewährung regelmäßigen Urlaubs während der toten Zeit, schließlich schuf man eine Kasse der gegenseitigen Hilfe, welche die Angestellten bei unfreiwilliger Arbeitslosigkeit schützen und ihnen eine Altersversorgung sichern sollte.“ (Zola 422)

Es wird auch ein Orchester zusammengestellt, „dessen Musikanten sämtlich unter dem Personal ausgewählt“ wurden. „Dann richtete man einen Spielsaal für die Kommis ein, mit zwei Billards und Tricktrack- und Schachbrettern. Abends wurden im Hause Kurse abgehalten, Kurse für Englisch und Deutsch, Kurse für Grammatik, Rechnen und Geographie; man ging sogar bis zu Reit- und Fechtstunden. Eine Bibliothek wurde geschaffen, zehntausend Bände standen den Angestellten zur Verfügung. Und zu all dem kam noch ein ständiger Arzt hinzu, der kostenfreie Sprechstunden abhielt…“ (Zola, 422/423)

Vorbild für Zolas Figur der Denise und die von ihr initiierten sozialen Maßnahmen ist Marguerite Boucicaut, die Frau Aristides.

William Bouguereau, Marguerite Boucicaut, 1875[29]

All das, was Zola in seinem Roman an Verbesserungsmaßnahmen im Paradies der Damen beschreibt, gab es tatsächlich im realen Bon Marché: Allerdings gab es auch eine Kehrseite des patriarchalischen Kapitalismus: Das Personal des Bon Marché hatte kein Streikrecht (was Émile Zola übrigens nicht erwähnt). Marguerite Boucicaut führte nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes das soziale Engagement der Firma fort. Sie schuf eine Pensionskasse (caisse de retrait), die sie mit einem Anfangskapital aus eigenem Vermögen ausstattete, ermöglichte und förderte die Beteiligung von Angestellten am Kapital der Firma und die soziale Fürsorge und Bildung des Personals. [30]

Auch das von Zola erwähnte Orchester gab es in der Realität. Es wurde von ehemaligen Dirigenten der Garde républicaine geleitet und trat im Winter im Kaufhaus und im Sommer auf dem Platz vor dem Bon Marché auf. „Oft wurden dazu als Mitwirkende Berühmtheiten der Pariser Musikszene eingeladen. Diese Veranstaltungen zogen viel Publikum aus allen Gesellschaftsschichten an und leisteten dadurch einen beachtlichen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit des Bon Marché.“[31]

                          Programmzettel des Blasorchesters des Kaufhauses Bon Marché, 1894.

Da Marguerite Boucicaut keinen nahestehenden Erben hatte, vermachte sie testamentarisch ihr Vermögen, das auf mehr als 100 Millionen Francs geschätzt wurde, an zahlreiche soziale Werke und die Mitarbeiter des Bon Marché.

In ihrem Testament vom 16. Dezember 1886 setzte sie die Assistance publique – Hôpitaux de Paris zur Universalerbin ein, die damit den Auftrag zur Ausführung ihres testamentarischen Willens erhielt. Dazu gehörten viele Einzelvermächtnisse, z.B. ein Vermächtnis zu Gunsten der Beschäftigten des Bon Marché nach ihrem Rang und ihrer Beschäftigungsdauer (zwischen 16 und 20 Millionen Francs) und ein Vermächtnis von 2.615.000 Francs zur Einrichtung von Zufluchtshäusern für junge Mütter in Schwierigkeiten (sog. „Mädchenmütter“)  « Es sollen Häuser sein, um die bei ihrer Entbindung unverheirateten Frauen aufzunehmen, die zuallererst das Unglück hatten, verführt worden zu sein… » 

Außerdem verfügte sie, ein Krankenhaus auf dem linken Seineufer zu errichten. Ein Teil der Betten sollte für das Personal des Bon Marché reserviert sein.[32] 1897 wurde das hôpital Boucicaut in der rue de la Convention im 15. Arrondissement von Paris eröffnet.

Eingang des Krankenhauses, Gartenseite. Bei etwas genauerem Hinsehen ist noch der Schriftzug „Fondation Boucicaut“ zu erkennen.

Im Jahr 2000 stellte das Krankenhaus seinen Betrieb ein. Das weitläufige Krankenhaus-Gelände wurde unter Einbeziehung der früheren Gebäude zu einer Öko-Siedlung umgewandelt. Der ehemalige, jetzt neu gestaltete Garten ist für die  Öffentlichkeit zugänglich.[33]

In der Nähe gibt es auch eine rue Boucicaut und eine Métro-Station Boucicaut.

An einem Gebäude neben dem Kaufhaus gibt es ein Art Deco-Relief, das an das philanthropische Engagement Marguerite Boucicauts für Kinder erinnert.

Diesem Engagement ist auch ein 1914 errichtetes Denkmal In der Grünanlage vor dem Bon Marché, dem Square Boucicaut, gewidmet.

Dargestellt ist Marguerite Boucicaut, zusammen mit ihrer Freundin, der Philanthropin Clara de Hirsch. Vorne links eine Allegorie der Barmherzigkeit

Im Hintergrund sieht man das Hotel Lutetia. Dieses Hotel ist nicht nur räumlich mit dem Bon Marché  verbunden, sondern es verdankt seine Entstehung 1910 dem Kaufhaus. Es war vor allem für wichtige auswärtige Kunden und Lieferanten bestimmt, die in der Nähe des Kaufhauses ihrem Lebensstil entsprechend logieren konnten: „Le MAXIMUM du confort et du bien-être pour le MINIMUM de dépense“, wie es 1919 in einer Werbung für das Hotel hieß. Es war deshalb auch nicht ganz so protzig ausgestaltet wie das Ritz, das Carlton, das Majestic oder das George V auf der anderen Seite der Seine, ist aber gleichwohl ein Juwel des Jugendstils und des Art Deco. Und sein Architekt war auch derselbe, der den Art-Deco-Anbau des Bon Marché errichtete…

Literatur

Émile Zola, Paradies der Damen. (Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich). Berlin: Rütten & Loenig 1988

Le Bon Marché Rive Gauche. Sonderheft connaissance des arts. September 2020

La saga des grands magasins. Exposition cité de l’architecture et du patrimoine. Beaux Arts 2024

Helmut Frei: Frankreich – die elegante Welt der „Grands Magasins“ in Paris. In: Tempel der Kauflust : eine Geschichte der Warenhauskultur. Leipzig 1997, Seite 20–42.

Michael B. Miller,  Au Bon Marché 1869 – 1920. Le consommateur apprivoisé. Paris 1987.  compte rendu von Pierre Dubois in: https://www.persee.fr/doc/sotra_0038-0296_1989_num_31_2_2464_t1_0264_0000_4

Der Bon Marché. Karambolage. Arte https://www.youtube.com/watch?v=Du2DBRu5mNY 

Französische Ausgabe:  Le Bon Marché : temple du bon goût parisien  Karambolage. Arte  https://www.youtube.com/watch?v=rswoEUfqk5M

Connaissance des arts, Le Bon Marché Rive Gauche. L’art au cœur d’un grand magasin. Paris 2020

Souvenir of the Bon Marche, Founded by Aristide Boucicaut, Paris 1896  (A 36 page promotional booklet for the Bon Marche department store in Paris)   http://toto.lib.unca.edu/booklets/bon_marche/default_bon_marche.htm 


Anmerkungen

[1] https://fr.pinterest.com/pin/434738170250193529/

[2] https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/bienvenue-au-bon-marche-le-plus-ancien-grand-magasin-au-monde-encore-en-activite-18-12-2021-OQ36UNOPGFCFHPISS2ARYR4HSQ.php

[3] https://francearchives.gouv.fr/fr/pages_histoire/39894

[4] Paradies der Damen, S. 465. Die Topografie bei Zola ist natürlich etwas anders als bei dem realen Bon Marché. Zolas Kaufhaus liegt ja nicht rive gauche, sondern im Zentrum  der Stadt.

[5] Nachfolgende Abbildung des Eingangs aus: https://www.paris-unplugged.fr/1852-le-bon-marche/

[6] https://www.ateliers-st-jacques.com/en/ouvrage/portails-et-facades-bon-marche-restauration-en-translation/  

[7] Abbildung aus: https://lesitedelhistoire.blogspot.com/2013/12/au-bon-marche-daristide-boucicaut.html

[8]  © Bibliothèque Nationale de France. Aus: http://www.lebonmarche.com.fr

[8a] Ich danke Herrn Ulrich Schläger für die Zusendung der nachfolgenden Abbildung und für die z.T. von mir übernommenen Bemerkungen zur Entwicklung der Eisenkonstruktion in der Pariser Kaufhausarchitektur. Dazu: Ruth-Maria Ullrich: Les Grands Magasins – Pariser Ingenieurarchitektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In „Eisen-Architektur“, ICOMOS, Deutsches Nationalkomitee,(Bad Ems, 5-9 October 1981)

[9] https://peopleplacesandbling.com/2012/08/17/paris-shopping-tips-tripping-to-le-bon-marche/

[10] Siehe: http://www.paris1900.lartnouveau.com/paris00/gds_magasins/le_bon_marche.htm

[11] Das Atelier Pomone war auf der Ausstellung des Arts décoratifs 1925 mit einem eigenen monumentalen Pavillon vertreten. Siehe:  https://in.pinterest.com/pin/121737996148152022/

[12] Nachfolgende Abbildung aus: https://www.lebonmarche.com/fr/lbm_gazette-art-deco-gep.html

[13] Aus der Ausstellung La Saga des Grand Magasis. Foto: Wolf Jöckel

[14] Abbildung aus: https://www.lebonmarche.com/fr/lbm-gazette-univers-livre-bon-marche.html

[15] Nachfolgende Abbildung aus: https://de.pinterest.com/pin/431149364326731676/

[16] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/le-bon-marche-une-cathedrale-du-commerce-moderne-11147417/

[17] Aus der Ausstellung: La saga des grands magasins

[18] https://www.high-society.de/unterhaltung/welche-firmen-gehoeren-zu-lvmh-moet-hennessy-louis-vuitton/#Le_Bon_Marche

[19] https://francearchives.gouv.fr/fr/pages_histoire/39894

[20] Aus der Ausstellung la saga des grands magasins. Foto: Wolf Jöckel

[21] Le bon marché | Musée d’art et d’histoire de Genève

[22] Abbildung aus: La saga des grands magasins, S. 27

[23] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/loisirs/shopping-mode/articles/317182-paris-paris-la-nouvelle-exposition-du-bon-marche-entre-culture-mode-gastronomie-derniers-jours  

[24] https://groupebonmarche.com/histoire-et-heritage/le-mois-du-blanc/

[25] Bild aus: https://www.legrenierdelisette.com/produit/catalogue-le-mois-du-blanc-au-bon-marche-debut-xx/

[26] Aus: Le Bon Marché rive gauche, S. 15. Siehe dazu in diesem Heft den Beitrag von Julien Baulu, L’avant-garde d’Alexey Brodovic pour le mois du Blanc. S. 14 ff

[27] https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/bienvenue-au-bon-marche-le-plus-ancien-grand-magasin-au-monde-encore-en-activite-18-12-2021-OQ36UNOPGFCFHPISS2ARYR4HSQ.php

[28] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/album-photo/96058-photos-les-vitrines-et-decorations-de-noel-du-bon-marche-2021

[29] Aus der Ausstellung La sage des grands magasins. Foto: Wolf Jöckel

[30] http://toto.lib.unca.edu/booklets/bon_marche/default_bon_marche.htm

[31] Zitat und nachfolgende Abbildung aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Bon_March%C3%A9#/media/Datei:Le_Bon_March%C3%A9,_005.jpg

[32] Siehe Marguerite Boucicaut – Wikipedia  s.a.  https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001407919306430 und https://blogs.aphp.fr/wp-content/blogs.dir/113/files/2013/04/30_Boucicaut-Paris.pdf

[33] https://www.paris.fr/pages/un-nouveau-jardin-dans-l-ancien-hopital-boucicaut-4642/

Zum Bon-Marché siehe auch diesen Blog-Beitrag:

Zum Hotel Lutetia: