Der König der Tiere: Die Menagerie und das Labyrinth Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Noch vor der Verlegung seines Hofes nach Versailles im Jahr 1682 richtete Ludwig XIV. zwei unterschiedliche Sammlungen von Tieren im Park des Schlosses ein: Die von tausenden exotischen und heimischen Tieren bevölkerte Ménagerie royale und das mit 333 Tierplastiken bestückte Labyrinth (bosquet du Labyrinthe). Beide entstanden 1663, entworfen von dem Architekten Louis Le Vau (Menagerie) und dem Gartenarchitekten André le Nôtre, die zu dem Dreigestirn der Schöpfer von Versailles gehören. So unterschiedlich und auch räumlich getrennt beide Anlagen sind, sie sind doch aufeinander bezogen: Die Menagerie als geordneter Kosmos friedlich zusammenlebender Tiere, das Labyrinth als Ort des Kampfes, also gewissermaßen als Anti-Menagerie. Sie sind damit Ausdruck der die widerstreitenden Elemente bändigenden und die gesellschaftliche Ordnung garantierenden absoluten Macht, die der junge König nach dem Tod des Kardinals Mazarin für sich beanspruchte. Als Manifestation der Macht des Sonnenkönigs sind sie damit zentraler Bestandteil von Schloss und Park von Versailles.  Beide Anlagen existieren heute nicht mehr. Die Menagerie wurde in der Französischen Revolution zerstört, das Labyrinth 1778 durch einen englischen Garten zu Ehren von Königin Marie Antoinette ersetzt (bosquet de la reine). Es gibt aber Zeichnungen, Gemälde und zeitgenössische Berichte, die eine genaue Kenntnis der damaligen Anlagen ermöglichen. Und 2021/2022 wurde im Schloss von Versailles die Ausstellung Les Animaux du roi präsentiert, in der Menagerie und Labyrinth entsprechend vertreten waren. Diese Ausstellung war Anlass und Anregung für diesen Bericht.

 Die Ménagerie royale: Die Zurschaustellung königlicher Macht

Die Menagerie Ludwigs XIV. im Schlosspark von Versailles war die erste barocke Anlage ihrer Art, und sie war Vorbild späterer höfischer Tierhaltungen:  So für die Menagerie des Schlosses von Chantilly, das einer Nebenlinie der königlichen Bourbonen gehörte[1], und für die Anlage von Schönbrunn bei Wien. Diese ist die einzige erhaltene Menagerie ihrer Art und gilt, 1752 eröffnet, als ältester heute noch bestehender Zoo der Welt.

Erfunden hat Ludwig XIV. die Einrichtung einer Menagerie nicht. Schon im 13. Jahrhundert besaß Friedrich II. von Hohenstauffen, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, an seinem süditalienischen Hof eine umfangreiche Menagerie, die größte des Mittelalters. Die seltenen Tiere, die von arabischen und äthiopischen Wärtern versorgt wurden, dienten der Prunkentfaltung des Kaisers:  Seine exotische Sammlung von Löwen und Leoparden, Straußen und Fasanen, Kamelen und Affen beeindruckte mächtige Fürsten und reiche Städte. An vielen europäischen Fürstenhöfen gab es Menagerien. Oftmals wurden die dort gehaltenen Raubtiere wie zu Zeiten der Römer aufeinander gehetzt, um die höfische Gesellschaft zu unterhalten. Im königlichen Schloss von Vincennes gab es eine solche Menagerie mit einer angegliederten Arena, die ausschließlich für Tierkämpfe bestimmt war. 1663 wurde dort für Maria Theresia von Spanien, die junge Gemahlin Ludwigs XIV., und den dänischen Königssohn ein Kampf zwischen einem heimischen und einem exotischen Raubtier präsentiert. Es war das gleiche Jahr, in dem das Labyrinth und die Menagerie von Versailles als programmatische Bauwerke des Absolutismus entstanden: Die kämpfenden Tiere, die dort -im Labyrinth-  gezeigt wurden, waren gemalt oder aus Blei, die lebenden Tiere aber gehörten friedfertigen Spezies an, die in aller Muße von der Hofgesellschaft bewundert werden konnten. Peter Sahlins, auf den ich mich in den nachfolgenden Passagen im Wesentlichen beziehe, hat darin einen Paradigmenwechsel gesehen, der in den von Norbert Elias beschriebenen „Prozess der Zivilisation“ vom Mittelalter zur Neuzeit einzuordnen ist. In diesem zivilisatorischen Prozess spielte die höfische Gesellschaft mit ihren festen Regeln, wie sie gerade am Hof Ludwigs XIV. bis ins Detail festgeschrieben waren, eine wesentliche Rolle. So trug der absolute Staat nach seinem Selbstverständnis dazu bei, psychische Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse zu domestizieren und zu einem friedlichen Ausgleich zu bringen und damit den Naturzustand des Menschen zu überwinden, der im Hobbes’schen Verständnis von dem Wolfscharakter des Menschen (homo homini lupus) bestimmt war. Die Menagerie von Versailles demonstriere, so Sahlins,  im friedlichen Neben- und Miteinander der ausgestellten Tiere diesen absolutistischen Anspruch.

Le Vau hat die Anlage als ein symmetrisches Rondell angelegt, in dessen Mitte ein Pavillon mit Kuppeldach stand.  Die Gehege waren fächerförmig um einen Platz herum angeordnet und konnten von dem Salon im ersten Stock des Zentralbaus eingesehen werden. Vielleicht könnte man den Bau insofern als eine Vorform des Panoptikums ansehen, wo die in der Mitte eines architektonischen Ensembles postierte Autorität das gesamte umliegende Geschehen im Blick hatte: So in Ledoux‘ klassizistischer Saline von Arc et Senans oder in den entsprechenden Gefängnisbauten  des 19. Jahrhunderts wie dem Roquette-Gefängnis in Paris.[2]

Pierre Aveline, die höfische Menagerie im Schlosspark von Versailles zur Zeit Ludwigs XIV. (1689)[3]

Die Bedeutung der Anlage wird auch durch ihre Positionierung im Schlosspark unterstrichen. Sie lag am Ende des südlichen Seitenarms des Großen Kanals, genau gegenüber dem Grand Trianon, dem privaten Rückzugsort des Sonnenkönigs.

Auf diesem Plan von 1746 ist die Menagerie rot eingerahmt.[4]

So konnte sich Ludwig XIV. bequem -zum Beispiel mit einer der auf dem Kanal stationierten Gondeln- vom Trianon zur Menagerie bringen lassen.

Plan der Menagerie aus dem Jahr 1747[5]

Von Ludwig XIV. im achteckigen Salon der Menagerie zum Souper eingeladen zu werden, war ein ganz besonderes Privileg, das der König nur ausgewählten Gästen zu Teil werden ließ. Das gehörte zu der „machine de gloire“ (Sahlins), um Angehörige des Hofs und auswärtige Würdenträger zu beeindrucken.

Dabei war es durchaus möglich, dass in der Menagerie gehaltene Tiere auf der königlichen Tafel landeten. Denn zu der Menagerie gehörten auch Nutztiere, die für solche Zwecke bestimmt waren wie Hühner, Enten, Truthähne und Elstern. In diesem Nutzteil der Menagerie wurden aber auch Säugetiere für die königliche Tafel vorgehalten wie persische Ziegen, Wildschweine oder Hirsche. Den Großteil der Menagerie beanspruchten allerdings Vögel, die zum Betrachten und Bewundern bestimmt waren.

Das waren zum Beispiel farbenprächtige Pfaue und Fasane, Strauße und Kasuare, dazu Singvögel, Eulen, Adler und viele Arten von Wasservögeln, wie zum Beispiel die Flamingos….[6]

Pieter Boel, Étude d’un flamant rose. Photo: Wolf Jöckel

…. oder Pelikane

Die Pelikane der Menagerie. Im Hintergrund Gänse und Pfaue und der achteckige zentrale Pavillon mit dem umlaufenden Balkon.[7]  Foto: Wolf Jöckel

Eine besondere Attraktion der Menagerie waren die Kraniche: Da vor allem der königliche Kronenkranich, der von Boel und vielen anderen Malern nach ihm portraitiert wurde und als „königlicher Vogel“ galt. [7a]

Boel Pieter (1622/1625-1674). Paris, musée du Louvre.

Die unangefochtenen Stars der Tiersammlung waren „die eleganten und verführerischen Jungfernkraniche“ (Sahlins). 

Auf dieser Studie von Pieter Boel, einem von Ludwig XIV. sehr geschätzten Tiermaler, sind sie zusammen mit einer Trappe in einer geradezu höfischen Szene abgebildet.[8] In ihrem 1669 veröffentlichten, dem König gewidmeten Bericht „La promenade de Versailles“, der ersten publizierten Gesamtdarstellung von Schloss und Park,  hebt Mlle de Scudéry ausdrücklich die Jungfernkraniche wegen ihrer Grazie und Schönheit, „acause de leur bonne grace & de leur beauté“, hervor.[9]

Auch die Anatomen der von Ludwig XIV. gegründeten Akademie der Wissenschaften konnten nicht umhin, vor der Beschreibung ihrer wissenschaftlichen Arbeit an einigen Exemplaren der Menagerie die Demoiselles de Numidie (Jungfernkraniche) zu rühmen. Mit ihren Gesten, ihren Sprüngen, ihrer Art zu schreiten und sich zu bewegen schienen sie den Tanz von „bohémiennes“ (Zigeunerinnen) nachzuahmen. Wenn man sich ihnen nähere, fingen sie an zu tanzen und zu singen – nicht wie andere Tiere, damit man ihnen etwas zu essen hinwerfe, sondern um von den Betrachtern bewundert zu werden.[10] Der zeitgenössische Vergleich der Jungfernkraniche mit Zigeunerinnen ist dabei keineswegs pejorativ. Ganz im Gegenteil: Er ist Teil einer philosophischen Tradition, in der Tiere als Modelle für Tugenden und zivilisiertes Benehmen angesehen wurden, die Bewunderung und Nachahmung verdienten. Während Descartes und seine Adepten in den Tieren von Automatismen gesteuerte Lebewesen sahen, war am Hof von Versailles eine genau entgegengesetzte Denkrichtung bestimmend. Dort wurden den Tieren durchaus Gefühl, Intelligenz, Lernfähigkeit, ja zum Teil sogar Sprache und eine -wenn auch nicht unsterbliche- Seele zugebilligt. Die Menagerie ist nach Sahlins in diesem Zusammenhang zu sehen.[11]

Der Salon des Oktogons

Mlle de Skudéry beschreibt in ihrer „Promenade de Versailles“ das achtseitige große Cabinet im ersten Stockwerk des Zentralbaus der Menagerie, von dessen Umgang aus vergoldetem Gusseisen man einen Blick auf die umliegenden Gehege habe, „remplies de toutes sortes d’oiseaux et d’animaux rares.“ Gemälde der Tiere befänden sich im Cabinet/Salon, als wolle man damit auf das vorbereiten, was man sehen werde, oder um das in Erinnerung zu behalten, was man gesehen  habe.[12]  Ursprünglich waren in dem  Salon 61 Tierbilder von Nicasius Bernaerts ausgestellt, von denen allerdings nur noch 22 erhalten sind.

Der 1620 geborene Bernaerts stammte aus Antwerpen, machte aber zwischen 1660 und seinem Tod im Jahr 1678 in Paris Karriere. Er war Mitglied der königlichen Akademie für Malerei und Skulptur und erhielt prestigeträchtige Aufträge -u.a. für die Schlösser Vaux-le-Vicomte, die Tuilerien und Versailles. Dass der französische Hofmaler Le Brun mit Bernaerts und Pieter Boel zwei ausgewiesene holländische Tiermaler rekrutierte, war kein Zufall: Antwerpen und Amsterdam waren Umschlagplätze des Handels der Ostindischen Kompanie (VOC), wozu auch der Import exotischer Tiere gehörte. Schon 1601 brachte beispielsweise ein Handelsschiff der VOC einen ersten Kasuar nach Amsterdam. Diese vor allem in Indonesien und Neuguinea verbreiteten und bis dahin in Europa unbekannten Tiere waren natürlich wie die anderen exotischen Neuankömmlinge beliebte Motive der Malerei. Pieter Boel malte einen Kasuar -zusammen mit einem weißen Raben- zwischen 1650 und 1675- vielleicht also schon einige Zeit, bevor 1671 der erste „französische“ Kasuar in Versailles eintraf. Es war ein Bild, das wie andere der beiden holländisch-französischen Maler,  dann auch als Vorlage für die Herstellung eines Wandteppichs diente.[13]

Als die Menagerie von Versailles gegründet wurde, gab es also in Holland  – anders als in Frankreich- schon längst eine Tradition der Tiermalerei. Und es waren Bernaerts und Boel, die nun auch an ihrem neuen Wirkungskreis eine solche Tradition begründeten. Denn das colbertistische Frankreich hatte keine Probleme mit dem „Import“ ausländischen know-hows, wenn es um Versailles ging. Andere Beispiele sind die Glas- und Luxusmöbelproduktion und … die Bekämpfung der notorischen Rattenplage im königlichen Schloss.[14]

Zur bildlichen Ausstattung des Salons der Menagerie gehörten 7 von Bernaerts gemalte  Friese, die jeweils einer der sieben Abteilungen des Geheges zugeordnet waren.

Hier ein Bild des Hühnerhofs, wobei deutlich ist, dass selbst die zum Verzehr bestimmten Tiere auch ästhetischen Ansprüchen genügen sollten.[15] Dazu kamen Einzelportraits von Tieren wie dem  effektvoll aufgeplusterten Strauß, der sich dann auch auf einem von der Manufacture royal de Beauvais hergestellten Wandteppich wiederfindet.. [16]

Bemerkenswert ist hier übrigens die Bildunterschrift auf dem Rahmen: Ecole française. Nicasius Bernaerts ist hier gewissermaßen schon als Franzose eingemeindet….

Dazu kamen Abbildungen weiterer Tiere, die Bernaerts bald nach dem Bau der Menagerie malte und für die vermutlich die ersten ihrer Bewohner als Modell dienten wie der Damhirsch (Cerf de Gange) oder das Stachelschwein.[17]

Vermutlich war die bildliche Ausstattung des Salons zunächst nur eine einfache Repräsentation der Pensionäre des Menagerie, so wie es Madeleine de  Scudéry in ihrem Bericht beschreibt. Aber sie passte auch zu der symbolischen Botschaft der Anlage: Die Tiere werden fast ausnahmslos im friedlichen Zusammenleben oder in ruhender, den Betrachter interessiert ansehender Form präsentiert. Die Menagerie stellt sich damit als Idealbild harmonischen Zusammenlebens dar. Ein paradiesischer Zustand war das allerdings keinen Falls:  Die Tiere waren ja streng voneinander getrennt, teilweise zum Verzehr bestimmt und nicht zuletzt auch durch das Stutzen von Flügeln in ihrer Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt… Ein „miroir idéal“[18] war die Menagerie also höchstens im absolutistischen Sinne.  

Die Elefanten von Versailles

Natürlich war die Menagerie auch und vor allem dazu bestimmt, den Ruhm des Sonnenkönigs zu mehren. Vögel, auch wenn sie noch so selten waren wie der Kasuar, genügten diesem Anspruch nur bedingt. Das wohl imposanteste Tier, das die Macht eines Herrschers am eindrucksvollsten verkörpern konnte, war der Elefant, bekannt vor allem aufgrund seiner legendären Rolle im Heer Hannibals, kaum aber aus eigener Anschauung. Im europäischen Mittelalter gab es nur drei Elefanten in Europa: Aboul Abbas, der Elefant, den der Kalif Harun-al-Raschid Karl dem Großen geschenkt hatte, der Elefant in der Menagerie Friedrichs II. von Hohenstauffen, ein Geschenk des Sultans al-Kamil[19], und schließlich der Elefant, den der französische König Ludwig IX, der Heilige, vom 7. Kreuzzug mitbrachte und dem englischen König schenkte.

Friedrich II.  nutzte seinen Elefanten auch für Triumphzüge.

Gerade im monarchistischen Selbstverständnis hatte der Elefant eine eminente Bedeutung als Symbol königlicher Macht, aber auch der Weisheit. Das illustriert die Darstellung des Elefanten in der Galerie  François I im Schloss von Fontainebleau. [19a]

Aus dieser Übersicht wird deutlich, dass der Elefant als ein äußerst prestigeträchtiges diplomatisches Geschenk dienen konnte: Es unterstrich gleichermaßen die Bedeutung des Schenkenden wie die Wertschätzung und Bedeutung des Beschenkten. Allein der Transport eines Elefanten nach Europa war eine logistische Meisterleitung des Schenkenden, ebenso wie dann auch seine angemessene Unterhaltung durch den Beschenkten. 

Es war der König von Portugal, der Ludwig XIV. einen Elefanten für die neue Menagerie von Versailles schenkte. Die Könige von Portugal hatten schon vorher mehrere asiatische Elefanten verschenkt (zum Beispiel dem Papst, dem spanischen König und dem Habsburger Kaiser), dieser allerdings stammte aus Afrika, war also – auch wenn es sich um ein Jungtier von vier Jahren handelte- ein besonders imposantes Exemplar. Man weiß nicht, wie dieser Elefant nach Versailles gelangt ist, aber wie aufwändig das gewesen sein muss, kann man aus den Informationen schließen, die es von dem Transport des afrikanischen Elefanten gibt, den die Seeleute von Dieppe 1591 dem französischen König Heinrich IV. schenkten.[20] Für diesen Zweck musste beispielsweise eines der üblichen Schiffe erst umgebaut werden, weil die Höhe der Decks auch für einen jungen Elefanten nicht ausreichte. Und für eine Fahrt nach Europa von etwa 30 Tagen mussten etwa 450 kg Nahrung (Heu, Äste mit Blättern) und 2400 bis 4200 Liter Süßwasser mitgeführt werden, insgesamt 10 – 12 Kubikmeter Ladung. Dazu mussten die Reisebedingungen besonders an die Bedürfnisse des Elefanten angepasst sein, damit er auch in guter Verfassung seinen Bestimmungsort erreichte. Dies gelang auch.  Aber da damals in Frankreich Bürgerkrieg herrschte, schenkte Henri Quatre  den Elefanten dem englischen Königshaus, das das Tier in der königlichen Menagerie im Tower von London der staunenden Öffentlichkeit präsentierte. Vermutlich hat er dort aber nicht lange überlebt: Denn man glaubte in London, einen Elefanten ausreichend zu füttern, wenn man ihm Wein zu trinken gäbe.[21] Auch der Elefant von Versailles erhielt Wein zu trinken -jeden Tag 12 Liter- aber er bekam auch 80 Pfund Brot und weitere Nahrung. So verbrachte er immerhin 13 Jahre in der Menagerie und erfreute und erstaunte in dieser Zeit die Besucher. Im Allgemeinen sei er, so der Tenor der zeitgenössischen Berichte, sehr umgänglich gewesen, habe aber auch einige Besucher verletzt, die sich über ihn lustig gemacht hätten.  Ein junger Mann, der ihm nur zum Schein etwas Futter hingeworfen habe, sei von ihm umgeworfen worden. Ein Maler, der das offene Maul des Elefanten habe malen wollen, der aber an den dafür verwendeten Früchten gespart habe, sei von vom Elefanten so mit Wasser bespritzt worden, dass das Bild unbrauchbar geworden sei- was sicherlich auch als Bestätigung für die am Hof von Versailles übliche Wertschätzung von Tieren kolportiert wurde.[22]

Ein besonderer Anziehungspunkt war der Elefant auch für die Maler des Königs. So fertigte Pieter Boel eine Reihe von sehr eindrucksvollen Zeichnungen an.

Pieter Boel, Elefant des Kongo. Ca 1668-1674  © Musée du Louvre[23] 

Nach dem Tod wurde der Elefant aufwändig seziert, eine Prozedur, der sogar der Sonnenkönig selbst die Ehre gab. Als er dazu kam, fragte er nach dem Anatom, dessen Anwesenheit er vermisste. Der kam dann aber -entsprechend aussehend- aus dem Bauch des Elefanten, wo er gerade am Werk war.

Das Skelett des Elefanten befindet sich heute im Pariser Musée national d’Histoire naturelle. Die Stoßzähne sind allerdings nicht original, weil 2013 ein Stoßzahn bei einem Einbruch in das Museum abgesägt und gestohlen worden war.

Hier zwei Füße des Versailler Kongo- Elefanten und der Schatten seines Brustkorbs. Foto: Wolf Jöckel

Zu Zeiten Ludwigs XV. und Ludwigs XVI. gab es dann noch einmal einen Elefanten in der Menagerie von Versailles: Es war ein Geschenk des französischen Gouverneurs im indischen Chandernagor/Chandannagar an den König, um auf diese Weise das Interesse des Hofes für die kommerziellen Interessen der Compagnie française des Indes orientales zu befördern. Der Transport des Elefanten von Ostindien an seinen Bestimmungsort war auch hier ein höchst anspruchsvolles logistisches Unternehmen.  Am 12. Februar 1772 wurde der Elefant auf ein Schiff der Handelskompanie verladen. Mit Zwischenstationen in Pondichéry, in Mauritius und La Réunion erreichte er nach 10 Monaten und der Umfahrung Afrikas am 14. Dezember 1772 den französischen Atlantikhafen Loriot. Nach einer Pause ging es am 21. Juli 1773 zu Fuß weiter in das etwa 500 Kilometer entfernte Versailles, das am 19. August des Jahres erreicht wurde: Insgesamt also eine Reise von 18 Monaten! 9 Jahre lebte der indische Elefant, der den Namen Shanti erhielt, in der Menagerie und war dort die große Attraktion. Sehr ruhig und gelehrig streichelte er mit seinem Rüssel Besucher, die ihm Blätter zum Fressen brachten. Wenn er aus seinem Unterstand ins Freie gelassen wurde, reagierte er mit freudigem Trompeten, mit anderen heftigen Trompetenstößen reklamierte er eine Fütterung, die sich verspätet hatte. Natürlich diente auch für ihn der Wein als Nahrung. Shanti soll sogar in der Lage gewesen sein, mit seinem Rüssel eine Weinflasche zu öffnen. So war er Liebling des  Hofes, bis er bei einem Ausbruch aus seinem Gehege im Grand Canal ertrank. Die Haut des Elefanten wurde allerdings konserviert und 1805 von Napoleon der Universität von Pavia geschenkt- ein bescheidener Ausgleich für die Plünderung italienischer Kunstschätze.  Der Präparator des dortigen Naturkundemuseums stellte mit der Haut eine Dermoplastik her, die für die Ausstellung Les Animaux du Roi nach Versailles ausgeliehen wurde und dort bewundert werden konnte.

Foto: Wolf Jöckel (Ausstellung Versailles)

Der Kampf der Tiere: Das Labyrinth als Gegenstück zur Menagerie

Sahlins hat das Labyrinth von Versailles als eine Art „Gegen-Menagerie“ bezeichnet. Denn während in der Menagerie das friedliche Neben- und Miteinander der dort versammelten Tiere präsentiert wurde, ist das Labyrinth von Terror und Gewalt zwischen den Tieren bestimmt. Entworfen von dem königlichen Gartenarchitekten Le Nôtre war das Labyrinth in den ersten Jahren  nach seiner Entstehung ein traditioneller Ort höfisch-galanter Festivitäten im Zeichen der Liebe. Zwischen 1672 und 1674 wurde das Labyrinth dann an das hydraulische System des Parks angeschlossen und von etwa zwanzig Künstlern mit einem Bildprogramm der Äsop-Fabeln bestückt.  39 Fabeln wurden durch Brunnen und 333 Tierplastiken aus farbig gefasstem Blei symbolisiert.

Offizieller Plan und Führer des Labyrinths aus dem Jahr 1777 von Charles Perrault und Isaac de Benserade. Dort ist auf einer Seite jeweils ein Brunnen abgebildet, auf der dazu gehörigen anderen wird in einem Vierzeiler von Benserade seine Botschaft zusammengefasst.[24]

Das Bildprogramm hat verschiedene Dimensionen: Es werden Tugenden wie Bescheidenheit propagiert wie im Brunnen 16. Dort beklagt sich der Pfau, warum er nicht so gut singen kann wie die Nachtigall. Die Antwort der befragten Göttin: „Crois-tu que dans ce monde on puisse tout avoir?“ – glaubst du denn, dass man in dieser Welt alles haben kann?  Mit dem Brunnen 31 wird der Absolutismus gefeiert. Thema ist da die Schlange, die zwar sieben Köpfe hat, aber der anderen mit nur einem Kopf unterlegen ist. Die Botschaft ist eindeutig: „Un chef est absolu, plusieurs ne le sont pas.“  

Vor allem geht es in den Stationen des Labyrinths um Neid, Bosheit, Streit und Kampf. Da gab es den Brunnen 21 zur Fabel vom Wolf und dem Kranich: Der Kranich hatte dem Wolf einen Knochen, an dem der sich verschluckt hatte, aus dem Hals gezogen. Den versprochenen Dank erhält er aber nicht – er solle froh sein, nicht gefressen zu werden.[25]  

Das Thema der Gewalt und Aggressivität ist in dem Labyrinth omnipräsent: In aller Deutlichkeit am Brunnen 6, der die Fabel vom Adler und dem Fuchs illustriert.[26]

Das Nest mit sechs kleinen Adlern ist auf einem Baumstumpf postiert, an den ein Fuchs Feuer legt: Der Adler hatte sich der kleinen Füchse bemächtigt, aus Rache wird der Fuchs die vom brennenden Nest herunterfallenden Adler-Jungen fressen. Dazu der Vierzeiler:

Compères et voisins assez mal assortis,/ À la tentation tous deux ils succombèrent:/ Car l’aigle du renard enleva les petits/Et le renard mangea les aiglons qui tombèrent.

In einer einfachen Sprache wird hier ein Hobbes’scher Naturzustand illustriert (Sahlins).[27]

Auch bei dem bedeutendsten Brunnen des Labyrinths (Nummer 12) geht es um Kampf und zusätzlich um Verrat. Thema ist der Kampf zwischen Landtieren und Vögeln: „guerre des deux costez sanglante & meurtière“. Die auf einem Felsen versammelten Vierfüßler versuchen mit ihren Wasserfontänen die an der Kuppel eines halbrunden Pavillons befestigten Vögel zu treffen. [28]

Im Halbkreis darum gibt es weitere wasserspeiende Tiere wie dieser Ziegenbock, auf dem ein Affe reitet.[29]

Bilder der Ausstellung von Wolf Jöckel

Auch der heulende Wolf gehört ebenso wie der kampfeslustige und rachsüchtige gallische Hahn zu den im Halbrund postierten wasserspeienden Landtieren.

Die etwa 50 aufsteigenden Fontänen formten sich im Inneren des Pavillons zu einem beeindruckenden Gewölbe. Die Fledermaus allerdings, die auf Seiten der Landtiere kämpft, wird zur Strafe von Licht und Sonne ausgeschlossen.  

Die Darstellung der animalischen, wölfischen Natur des Menschen im Labyrinth wurde in der Versailler Ausstellung „Les animaux du roi“ noch durch Bilder des Tiermalers Jean Baptiste Oudry illustriert, die Mitte des 18. Jahrhunderts vom königlichen Hof bestellt worden waren. Es sind Darstellungen von Fabeln de La Fontaines.

Hier die beiden Ziegen, die um den Vorrang kämpfen, zuerst den Bach überqueren zu dürfen und die dann beide von der Brücke stürzen.

Und dies ist die Illustration der berühmten Fabel vom Wolf und dem Schaf. Es steht starr vor Schreck da und ist dem Zähne-fletschenden Wolf hilflos ausgeliefert. Die Botschaft: „La raison du plus fort est toujours la meilleure.“ (Der Stärkere hat immer Recht).

Das Labyrinth ist aber nicht nur eine Welt des Kampfes, des Kriegszustandes,  sondern auch des Schattens. Die Wege des Labyrinths waren von so hohen Hecken eingefasst, dass die Sonnenstrahlen nicht eindringen konnten. Schon 1668 wurde dies in einem zeitgenössischen Bericht festgestellt: „l’épaisseur des arbres empêche que le soleil ne se fasse sentir“.[30]  – ganz anders als sonst im Park, in dem die Sonne, das Symbol des Königs, die Fontänen und Wäldchen beschien.

Die einem zeitgenössischen Labyrinth-Führer entnommene Abbildung des Brunnens 31 mit seiner Illustration der Fabel über die Schlange mit den sieben  Köpfen bereitet die Besucher in aller Deutlichkeit auf einen Ort vor, wo die Sonne nicht scheint.[31]

Menagerie und Labyrinth gehören damit, gerade in ihrer Gegensätzlichkeit, zusammen. [32] Seit 1674 war es üblich, bei einem Rundgang durch den Park von Versailles zunächst das Labyrinth zu besuchen und zum Abschluss die Menagerie. Im Schatten des Labyrinths herrschte der Krieg aller gegen alle, der bellum omnium contra omnes, und es wird in vielfachen Variationen die Wolfsnatur des Menschen präsentiert. Hier weht der Geist Hobbes‘ und des Absolutismus.  Die Menagerie dagegen ist das Modell einer Welt der Harmonie, der gIVezügelten Leidenschaften, der Schönheit.  Die Zivilisation hat gesiegt und mit ihr und durch ihn der Sonnenkönig. Sein Ruhm erstrahlt auf dem Weg von Dunkel des Labyrinths ins Licht der Menagerie umso heller.

Thema des nachfolgenden Blog-Beitrag ist der Saal der Hoquetons im Schloss von Versailles, wo jetzt die noch erhaltenen Tierfiguren des Labyrinths dauerhaft zu sehen sind.


Weitere Blog-Beiträge zu Versailles:

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Anmerkungen

[1] http://www.noblesseetroyautes.com/exposition-la-menagerie-de-chantilly/  Zum Schloss von Chantilly siehe  auch den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2016/04/09/schloss-und-park-von-chantilly-eine-alternative-zu-versailles/

[2] Zu der Saline von Ledoux siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

Zu den nach dem Panoptikum-Modell gebauten Gefängnissen des 19. Jahrhunderts siehe: https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

[3] Abbildung aus: Peter Sahlins, https://ageofrevolutions.com/2021/07/19/absolute-animals-the-royal-menagerie-and-the-royal-labyrinth-at-versailles/  und   https://de.wikipedia.org/wiki/Menagerie#/media/Datei:Versailles_M2.JPG

[4] Abbildung aus: http://thisisversaillesmadame.blogspot.com/2013/12/the-menagerie.html

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/M%C3%A9nagerie_royale_de_Versailles#/media/Fichier:Plan_de_la_m%C3%A9nagerie_de_Versailles_sous_Louis_XV.jpg

[6] Das Bild aus dem musée des Beaux-Arts in Limoges gehörte zu der Versailler Ausstellung,

[7] Pieter Boel (Zeichnung) und Gérard Scotin (Gravure), Vue latérale de la Ménagerie de Versailles. Siehe dazu: Ausstellungskatalog S. 74. Ausstellungsfoto.

[7a] Kronenkranich: https://presse.chateauversailles.fr/expositions/expositions-au-chateau/les-animaux-du-roi/  und https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung-les-animaux-du-roi-in-versailles-tiere-am-hof-17703770.html siehe auch Ausstellungskatalog S. 135

[8] Bild aus: https://.com/2021/07/19/absolute-animals-the-royal-menagerie-and-the-royal-labyrinth-at-versailles/

[9] Madeleine de Scudéry, La promenade de Versailles, S. 96 https://books.google.de/books?id=l1tfAAAAcAAJ&printsec=frontcover&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

[10] Mémoires pour une histoire naturelle des animaux (Paris: Imprimérie Royale, 1676), S. 157.  Zitiert von Sahlin, Ausstellungskatalog S. 44

[11] Siehe dazu auch: Nicolas Milovanovic, Versailles contre les animaux-machines. Ausstellungskatalog, S. 33ff und Pressedossier der Ausstellung. Herunterzuladen unter: Les animaux du Roi | Château de Versailles (chateauversailles.fr)  Eingesehen am 22.2.2022

[12] Madeleine de Scudéry, a.a.O., S. 94/95. Dieser Abschnitt ist vor allem auf folgenden Text gestützt: Vincent Delieuvin, Nicasius Bernaerts, Portraitist des animaux de Versailles. In: Ausstellungskatalog, S. 20-27

[13] Zu dem Kasuar von Boel und weiteren Abbildungen des Vogels siehe den Ausstellungskatalog S. 108/109 und S. 94

[14] Zur Glas- und Möbelproduktion für Versailles siehe den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine (1): Das Viertel des Holzhandwerks  https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/  

Zur Rattenplage, zu deren Bekämpfung „ein deutscher Jude“ engagiert wurde, siehe das entsprechende Kapitel bei William Ritchey Newton, Hinter den Fassaden von Versailles.  Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin: Ullstein 2010 (Die Ratten von Versailles, S. 178f)

[15] Bild aus: https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010059337

[16]   © Musées de la ville de Montbéliard  https://www.arts-in-the-city.com/2021/10/20/les-animaux-du-roi-exposes-au-chateau-de-versailles/  Wandteppich Verdure à l‘autruche

[17] Damhirsch:  https://musees.ville-senlis.fr/Collections/Explorer-les-collections/OEuvres-commentees-musee-de-la-Venerie/Nicasius-BERNAERTS-Cerf-du-Gange

Stachelschwein: https://img.wikioo.org/ADC/Art.nsf/O/AQSNYH/$File/Nicasius-Bernaerts-PORC-EPIC.jpg

[18] Den Ausdruck -allerdings mit Fragezeichen versehen- verwendet Delieuvin in seinem Artikel über Nicasius Bernaerts. Ausstellungskatalog S. 24

[19] Siehe: https://www.klosterlorch.de/wissenswert-amuesant/persoenlichkeiten/kaiser-friedrich-ii  Die nachfolgende Abbildung ist dieser Seite entnommen. Zu der Darstellung von Elefanten im Mittelalter siehe auch: L’éléphant au Moyen-Âge, entre réalisme et fantaisie – L’expo qui ne trompe pas ! (wordpress.com)

[19a] Zur symbolischen  Bedeutung des Elefanten siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2022/02/02/der-elefant-der-bastille/

[20] Siehe: Marie-Pascale Colace/ Christophe Maneuvrier,  L’éléphant africain offert à Henri IV par des marins de Dieppe (1591)  In:  Annales de Normandie 2018/2 (68e année), S.  61 – 76  https://www.cairn.info/revue-annales-de-normandie-2018-2-page-61.htm

[21] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Tower-Menagerie

[22] Zu den Elefanten von Versailles: Philippe Candegabe und Edoardo Razetti, Les deux éléphants de Versailles. In: Ausstellungskatalog, S. 50-54; Außerdem Ausstellungskatalog S. 84-88

[23] Bild aus: https://www.arts-in-the-city.com/2021/10/20/les-animaux-du-roi-exposes-au-chateau-de-versailles/

[24] © BNF  Bild aus Absolute Animals: The Royal Menagerie and the Royal Labyrinth at Versailles – Age of Revolutions

[25]https://en.wikipedia.org/wiki/The_labyrinth_of_Versailles#/media/File:BELLAMY(1768)_p298_THE_LABYRINTH_OF_VERSAILLES_(26).jpg

[26] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fable_6_-_L%E2%80%99aigle_%26_le_Renard_-_Perrault,_Benserade_-_Le_Labyrinthe_de_Versailles_-_page_59.png

[27] Siehe Ausstellungskatalog S. 46 und 248

[28] Fable XII : Le Combat des Animaux terrestres et des Oyseaux. CC0 Paris Musées / Petit Palais  https://www.petitpalais.paris.fr/oeuvre/le-labyrinthe-de-versailles  s.auch Ausstellungskatalog, S. 249

[29]

[30] Zitiert im Ausstellungskatalog S. 46

[31] Schlange mit mehreren Köpfen im Labyrinth von Versailles. BNF. Abbildung aus: https://ageofrevolutions.com/2021/07/19/absolute-animals-the-royal-menagerie-and-the-royal-labyrinth-at-versailles/

[32] Zu dieser abschließenden Wertung siehe Sahlins, Absolute animals und  Ausstellungskatalog S. 46/48

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 1: große Männer)

Am 31.  August 2019 wurde im Marais eine Serie von Portraits von Männern und Frauen eingeweiht, die das  „Grand Siècle“ des Marais geprägt haben.

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Mit dem Begriff des großen Jahrhunderts  des Marais ist die Periode zwischen dem Beginn der Herrschaft Heinrichs IV.  und dem Tod seines Enkels Ludwig XIV. bezeichnet.

In dieser Phase war das Marais ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Frankreichs und auch ein Ort der Macht. Die Entwicklung des Marais unter Henri Quatre und Ludwig XIII. war ein ungeheures städtebauliches Entwicklungsprojekt. Auf dem eher sumpfigen Gelände -deshalb ja der Name Marais- entstand um die Place Royale/Place des Vosges ein neues Viertel mit noblen Stadtpalais – hôtels particuliers-  wie es sie in dieser Fülle sonst nirgends in Paris gibt und die in ihrer raffinierten Architektur und Ausstattung vorbildlich wurden.  In diesem Viertel ließ sich besonders gerne eine meist  durch  Handel neu zu Reichtum gekommene Schicht von Adligen nieder. Und diese schufen sich auch ein kulturelles und geselliges Leben unabhängig vom Hof:  Es war im Marais, wo die Theatertruppe Molières zu Beginn seiner Karriere ihren Sitz hatte;  im Garten des hôtel Salé, des heutigen Musée Picasso, wurde der Cid  Corneilles uraufgeführt und im Marais entwickelte er sich zum gefeierten Dramenautor; es gab eine Fülle von literarischen Salons und berühmte Kurtisanen, die dort ihre noblen, libertären Gäste empfingen.

Der Bürgermeister des 4. Arrondissements, zu dem das Marais gehört, hatte die Idee, den Street-Art Künstler Christian Guémy alias C215 einzuladen, in dem Viertel Portraits von Männern und Frauen des  „großen Jahrhunderts“ auszustellen. Vorbild war der ebenfalls von C215 entworfene „Circuit des Illustres“,  ein Rundgang rund um das Pantheon anhand der Portraits  berühmter im Pantheon bestatteter Persönlichkeiten.[1]

C215 hat für beide Aktionen sehr ungewöhnliche Ausstellungsorte gewählt: Nämlich die überall   herumstehenden Schaltkästen  für die Stromversorgung;  und zwar  jeweils solche Kästen, die in der Nähe von Orten stehen, die mit den Portraitierten in besonderer Weise verbunden sind. Insgesamt handelt es sich um 21 Portraits. Eine Übersicht mit Plan liegt im Rathaus des 4. Arrondissements aus, aber es gibt den Flyer auch im Internet.[2]

Ich möchte im Folgenden einige Portraits von C 215 vorstellen und dabei auch etwas über ihre Bedeutung und die mit ihnen verbundenen Orte des Marais informieren. Das fehlt bei den Portraits von C215 und kommt in dem Flyer verständlicher Weise viel zu kurz. Und vielleicht regt der Beitrag damit auch dazu an, sich auf den Spuren von C215 etwas genauer im Marais umzusehen und vielleicht auch das eine oder andere bisher Neue zu entdecken.

In einem ersten Teil sollen folgende  Persönlichkeiten und Orte berücksichtigt werden:

  1. Die Könige Heinrich IV. (Henri Quatre) und Ludwig XIII. und die place des Vosges
  2. Maximilien de Béthune, Duc de Sully, und das hôtel de Sully
  3. François Mansart, der Architekt Ludwigs XIV., sein Wohnhaus in der rue Payenne 5 und der temple du Marais
  4. Le Vau, le Brun, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis
  5. Der Komponist Couperin, der Maler Philipp de Champaigne und die Kirche Saint  Gervais

Zwei nachfolgende Beiträge sollen dann mehreren starken Frauen gewidmet werden, die das Marais geprägt haben und deren Potraits auch von C215 ausgestellt sind, vor allem:

Françoise d’Aubigné, die künftige Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb

Die Prinzesse de Soubise, Mätresse Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

und abschließend:

Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place ds Vosges, dem hôtel de Carnavalet und ihrem literarischen Salon 23, rue de Sévigné

Natürlich handelt es sich dabei um eine persönliche Auswahl: Weil ich die vorgestellten Personen besonders interessant  und meistens auch die mit ihnen verbundenen Orte besonders sehenswert finde. Die entsprechenden Orte  liegen auch im Allgemeinen nahe beieinander, lassen sich also gut in einem Rundgang verbinden. (Die Fotos wurden selbstverständlich noch vor dem Beginn des aufgrund der CV-19 – Pandemie verhängten confinements gemacht).

 

1. Henri Quatre, Ludwig XIII. und die place royal/place des Vosges

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Heinrich IV. (1553-1610) Boulevard Henri IV Nummer 15

Henri Quatre muss am Anfang dieses Überblicks stehen. Denn immerhin markiert seine Regentschaft (von 1589 bis zu seiner Ermordung durch einen religiösen Fanatiker 1610) den Beginn dessen, was als das „Grand Siècle“ bezeichnet wird.  Die Bedeutung dieses Königs liegt vor allem darin, dass er mit dem Edikt von Nantes die Phase der grauenhaften Religionskriege beendete und den Hugenotten –in gewissen Grenzen- die Freiheit ihrer Religionsausübung  gestattete. Und was Paris angeht, so hat er die Stadt durch eine ganze Reihe großer Projekte umgestaltet und modernisiert: So durch den Bau des hôpital Saint Louis, des pont neuf und die Planung großzügiger Plätze, von denen zu seiner Zeit die place Dauphine vollständig und die place royal teilweise fertiggestellt wurden, während die place de France nie realisiert wurde.

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Wie der pont neuf orientiert sich die place royale/des Vosges an italienischen Vorbildern: Der Platz war streng symmetrisch geplant. Die Fassadengestaltung mit der für diese Zeit typischen Kombination von roten Ziegeln und weißen Kalksteinquadern war streng vorgeschrieben, ebenso wie die für Paris damals revolutionären Arkaden.  Gedacht war der Platz als Wohnort und Treffpunkt einer reichen Schicht von Bürgern und Adligen, von Manufaktur-Besitzern und Vertretern der Finanzindustrie, die hier abseits der mittelalterlich-engen Stadt einen großzügigen Lebensstil pflegen konnten.

Die place royal/des Vosges wird gemeinhin als der erste der sogenannten königlichen Plätze von Paris bezeichnet. Einerseits hat das seine Berechtigung, denn immerhin ist dieser Platz einer königlichen Initiative zu verdanken und sein ursprünglicher Name: place royal ist ja auch eindeutig.  Aber ein königlicher Platz im engeren Sinne, wie später zum Beispiel die place des victoires oder die place Vendôme war dieser Platz nicht[3]: Denn seine Funktion war ja nicht die Feier eines Königs, symbolisiert durch eine entsprechende Statue in der Mitte. Eine solche Statue  gehörte nicht zur ursprünglichen Konzeption, sondern kam erst später hinzu.

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Ludwig XIII. 1601-1643, rue du pas de la mule, in der Nähe der place des Vosges

Fertig gestellt wurde der Platz erst unter Henri Quatres Sohn Ludwig XIII. Und eingeweiht wurde er am 15., 16. und 17. April 1612 mit einem großen „carrousel“, einem festlichen Umzug, der aus Anlass der Verlobung des jungen Ludwigs XIII. mit Anna, der Tochter Philipps III. von Spanien, veranstaltet wurde. (3a)

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1639 wurde dann in der Mitte des Platzes eine Reiterstatue Ludwigs XIII. aufgestellt. Die, die wir heute sehen, stammt allerdings aus dem Jahr 1825, weil die ursprüngliche wie alle königlichen Statuen auf den königlichen Plätzen der Revolution zum Opfer fiel. Und natürlich änderten die Revolutionäre auch den Namen des Platzes: Er erhielt den Namen des ersten Departements, des département des Vosges,  das brav seine Steuern bezahlte.

Henri Quatre selbst ist  auf der place des Vosges immerhin  auch präsent, und zwar mit einer gekrönten Büste über dem zentralen Durchgang  des Platzes in Richtung der rue de Birague.

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Erstaunen mag vielleicht, dass das Bild Heinrichs IV. von C215 nicht an der place des Vosges ausgestellt ist. Aber der Ort am Boulevard Henri IV hat nicht nur wegen des Straßennamens seine Berechtigung: Denn er liegt zwischen der place des Vosges und dem Arsenal, in dem Henris wichtigster Minister und Freund, der duc de Sully, seinen Arbeitsplatz hatte. Und der König verbrachte viel Zeit mit seinem Freund im Arsenal, ja er soll sich dort sogar eigene Zimmer habe einrichten lassen. Mehr zu Sully und dem Arsenal  im nächsten Abschnitt.

 

2. Maximilien de Béthune (Duc de Sully) und das hôtel de Sully

Das Portrait von Sully findet sich in der  rue Saint-Antoine Nummer 47  gegenüber dem hôtel de Sully.

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Sully  (1559-1641) war Minister und enger Vertrauter Heinrichs IV. Er war surintendant des finances, also Finanzminister und damit auch für große  öffentliche Bauvorhaben zuständig wie das neue Marais-Viertel  mit der place royale. Außerdem war er Grand maître de l‘artillerie, so dass sein Arbeitsplatz als Minister vor allem das Arsenal war., wo ihn Henri Quatre oft besuchte.

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Die Büsten von Heinrich dem Vierten und des duc de Sully im ersten Stock des Arsenals. Heute  ist dort die exquisite  bibliothèque de l’Arsenal untergebracht.

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Nach der Ermordung Henri Quatres zog sich Sully auf sein Altenteil zurück.  Aber er kaufte das dann nach ihm benannte Stadtpalais in unmittelbarer Nachbarschaft zur place royal,  ein typisches  hôtel particulier  im Geschmack der Zeit, dazu mit dem Privileg eines direkten Zugangs zu diesem Platz.

Nach außen- zur rue Saint Antoine zu- ist das Anwesen durch ein großes, aber repräsentatives Tor abgeschlossen. Tritt man durch das Tor, erreicht man den Innenhof mit dem Blick auf das Hauptgebäude, dessen Eingang von Sphingen eingerahmt ist.

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Darüber befinden sich Jahreszeitenreliefs: Der Herbst und der Winter auf der Hofseite, Frühling und Sommer auf der Rückseite des Gebäudes.

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Auf den Seitenflügeln gibt es Statuen der vier Elemente, Feuer und Wind auf der linken, Erde und Wasser auf der rechten Seite. Hier die Allegorie des Wassers, die man in ähnlicher Form auch am Brunnen des Innocents findet.

Geht man durch das Hauptgebäude, erreicht man den kleinen Garten mit der Orangerie. Und in der rechten hinteren Ecke befindet sich der Durchgang zur place des Vosges.

Heute beherbergt das hôtel Sully das Centre des Monuments Nationaux, das auch eine sehr schöne Bücherei unterhält, deren Besuch sich unbedingt lohnt. Dabei sollte man auch einen Blick auf die Decke werfen- einer schönen bemalten Eichenholzdecke, wie sie in den hôtel particuliers des Marais üblich war.

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Nach dem Tod Henri Quatres zog sich Sully mehr und mehr aus der Politik zurück.  Da er als Protestant nicht in Paris bestattet werden konnte, wählte er als  seine letzte Ruhestätte Nogent-le-Rotrou, dessen Seigneur er war. Dessen ungeachtet  durfte er als Protestant aber  nicht in der Kirche selbst bestattet werden, sondern zusammen mit seiner Frau nur in einem gesonderten Anbau außerhalb des Kirchenraums.

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3. François Mansart, sein Wohnhaus in der rue Payenne und der temple du Marais

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François Mansart (1598-1666) rue Payenne

 Dieses Portrait befindet sich in der rue Payenne gegenüber dem Haus Nummer 5, dem Geburts- und Wohnhaus Mansarts, das heute die Chapelle de l’Humanite beherbergt.

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Aber natürlich gibt es an dem Haus auch eine Plakette, die an Mansart erinnert.

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Denn in der Tat war Mansart ein „berühmter Architekt“.[4] 1625 wurde er zum „Architekten des Königs“ ernannt und somit oberster Baumeister für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im zentral verwalten Frankreich Ludwigs XIII.  Dieses Amt hatte er auch nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 unter seiner Witwe, der Regentin Anna von Österreich, und später unter dem jungen Ludwig XIV. inne. Der hielt große Stücke auf ihn, was aus dieser Anekdote deutlich wird:  Als der junge König Ludwig XIV. einmal an einem heißen Sommertag mit dem nicht mehr ganz so jungen Architekten François Mansart im Park von Schloss Versailles spazieren ging, um neue Bauvorhaben zu besprechen, brannte die Sonne heiß auf den Kopf des barhäuptigen Architekten. Ganz gegen die strenge Hofetikette reichte der Sonnenkönig ihm daraufhin seinen Hut. Als seine Höflinge ihn verwundert fragten, warum er das getan habe, antwortete Ludwig:

„Wenn ich will, kann ich an einem einzigen Tag eintausend neue Herzöge  machen; aber in eintausend Jahren nicht einen einzigen neuen Mansart.[5]

Temple du Marais

Von den zahlreichen Bauten, die Mansart auch in Paris entwarf, ist der Temple du Marais in der Rue Saint-Antoine Nr. 17, eines der ersten Bauwerke François Mansarts. Vorbild des Baus war das Pantheon in Rom. (5a)

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Ursprünglich hieß die Kirche  Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation. Es war die Kirche eines  Ordens, der von der Großmutter der Madame de Sévigné gegründet worden war.  Madame de Sévigné gehört auch zu den großen Persönlichkeiten des Marais. Von ihr wird im dritten Teil dieses Beitrags noch die Rede sein. Die Mitglieder der Familie Sévigné wurden hier beerdigt, ebenso Fouquet, der in Ungnade gefallene Finanzminister Ludwigs XIV.   Heute ist der  Temple du Marais eine protestantische Kirche.

Ebenfalls ein Werk Mansarts ist das Hôtel Guénégaud, das heutige Jagd- und Naturkundemuseum in der rue des Archives. Es ist das einzige hôtel particulier Mansarts, das noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist und schon deshalb einen Besuch lohnt.

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4. Le Vau, Eustache le Sueur, Le Brun und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis

Das Portrait  Le Vaus  (1612-1670)  soll  auf der Île de la Cité  am Boulevard Henri IV am Zaun des squarre Barrye ausgestellt sein.  Allerdings  konnte ich es dort nicht ausfindig machen.  Der Ort ist aber insofern gut gewählt, weil man da einen schönen Blick auf das hôtel Lambert hat, ein von Le Vau geplantes und von 1640-1644 gebautes hôtel particulier.

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Blick von der Seinebrücke auf das hôtel Lambert und seine Rotunde

Le Vau gehörte zu dem spektakulären Dreigestirn Le Brun, Le Nôtre und Le Vau, das in den Diensten von Nicolas Fouquet stand, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Die drei hatten für Fouquet dessen Schloss Vaux -le- Vicomte errichtet: Le Vau war für die Architektur zuständig, Le Brun für die innere Ausstattung und Le Nôtre für die Gartenanlagen. Als Fouquet nach seinem legendären, den Sonnenkönig in den Schatten stellenden Fest in Ungnade fiel, wurden die drei von Ludwig XIV. für den Ausbau und die Ausgestaltung  von Versailles und seiner Gartenanlagen engagiert.  Das hôtel Lambert war eines der ersten Arbeiten Le Vaus und  gewissermaßen sein Meisterstück.

Bauherr war zunächst Jean-Baptiste Lambert und nach dessen Tod sein Bruder Nicolas Lambert de Thorigny, Präsident der königlichen Rechnungskammer (Chambre des comptes) und einer der reichsten Männer Frankreichs, der dann allerdings auch im Zuge des Prozesses gegen Fouquet von Ludwig XIV. zurechtgestutzt wurde.

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Den berühmten Innenhof des hôtel Lambert mit der noblen Fassade von Le Vau konnte ich leider nicht selbst fotografieren. Das Stadtpalais gehört jetzt dem Emir von Quatar und der ist an Öffentlichkeit  offensichtlich nicht interessiert. Als ich Anfang des Jahres einmal mit dem Fahrrad an dem hôtel Lambert vorbeifuhr, stand gerade das Hofportal offen, weil Wäsche angeliefert wurde. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und schnell ein Foto machen, aber da stürzte schon ein bulliger Wachmann auf mich zu und drängte mich ab. Da half auch freundliches Bitten nichts. Also ein Bild aus dem Internet.[6]

An der prachtvollen Ausgestaltung des hôtel Lambert waren zwei außerordentliche Künstler beteiligt, nämlich Eustache le Sueur und Charles Le Brun, die auch in der Bildergalerie von C215 ihren Platz haben.  Sie trugen wesentlich dazu bei, das hôtel Lambert zu einem der der „prunkvollsten städtischen Repräsentationsbauten des 17. Jahrhunderts“  (Wikipedia) zu machen.

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Eustache Le Sueur (1616-1655) Kreuzung des  quai des Célestins und des  boulevard Henri IV

Le Sueur war ein bedeutender  Maler und Zeichner des französischen Barock;  er wird auch gerne als der französische Raphaël bezeichnet.  Fünf Jahre lang arbeitete er an der Ausstattung des hôtel Lambert. Unter anderem malte er 1652 bis 1655  für dessen  Cabinet des Muses  fünf Bilder der neun Musen.  Ludwig XVI. war von diesen Bildern so entzückt, dass er sie 1777 in seine Kunstgalerie im Louvre aufnahm, wo sie sich noch heute befinden. [7]

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Hier das Bild mit den Musen Clio (Trompete), Euterpe (Flöte) und Thalia (Maske).

Das letzte Werk Le Sueurs im hôtel Lambert war das cabinet des Bains, ein grandios ausgestatteter Raum, dessen ausgemaltes Gewölbe Ludwig XVI. auch gerne ins Louvre transportiert hätte. Aber das erwies sich als technisch nicht machbar. Wie bedauerlich, denn 2013 wurde dieser Raum –wie das gesamte hôtel de Lambert-  ein Opfer der Flammen: Der Emir von Quatar wollte das neu erworbene hôtel modernisieren, wozu auch -Petrodollar-„noblesse“ oblige- ein Aufzug zu einem unterirdischen Parkhaus für seine Nobelkarossen gehören sollte, was dann immerhin von der Pariser Stadtverwaltung verhindert wurde. Immerhin gehört das hôtel Lambert zum UNESCO-Weltkulturerbe Seineufer. Bei den  Arbeiten kam es zu einem verheerenden Brand.  Inzwischen ist das hôtel Lambert zwar wieder in Stand gesetzt, aber das cabinet des Bains ist endgültig verloren.

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Charles Le Brun (1619-1690):  quai aux Fleurs  Nummer 1

Auch Charles le Brun, seit 1647  « Peintre et Valet de chambre du Roi »,  war am Ausbau des hôtel Lambert beteiligt. Sein Werk war die Ausmalung der Herkulesgalerie, ein auf den Spiegelsaal von Versailles vorausweisender Bau – aber leider auch er ein Opfer der Flammen. (7a)

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In gewisser Weise ebenfalls ein Opfer der Flammen sind derzeit zwei andere Werke Le Bruns, auf die in dem Flyer der C215-Aktion hingewiesen wird: Nämlich die beiden Mays der Kathedrale von Notre Dame, die zu malen Le Brun die Ehre hatte. Die Mays waren Bilder, die jedes Jahr von der Corporation der Goldschmiede in Auftrag gegeben und der Kathedrale geschenkt wurden.[8]  

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Hier das Mays des Jahres 1647, die Kreuzigung des heiligen Andreas.  Dieses Bild hatte, wie auch das zweite Mays Le Bruns,  seinen Platz in einer Kapelle von Notre Dame. Sie entgingen  dem Brand der Kathedrale und sind jetzt in einem Depot aufbewahrt. Das wird wohl  auch noch einige Jahre andauern…. [9]

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Blick auf Notre Dame von der Seinebrücke aus. (Februar 2020)

 

5.François Couperin, Philippe de Champaigne und die Kirche Saint Gervais et Protais

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François Couperin,  „Le Grand“ (1668-1733)   25 rue du Pont Louis-Philippe

François  Couperin  war seit 1685 Organist der Kirche Saint Gervais, damals eine der bedeutendsten Kirchen von Paris. Daneben war er auch Komponist. Dazu wurde er 1693 zu einem der vier Organisten der chapelle royale in Versailles ernannt und war als Pianist am Hof Ludwigs XIV. tätig – Gründe genug, ihn „der Große“ zu nennen. Auf diese Weise ist er auch leicht identifizierbar: Denn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert waren insgesamt acht Mitglieder der Familie Couperin Organisten in Saint Gervais!

Um ihren erheblichen Verpflichtungen als Organisten der Kirche nachzukommen, hatten sie auch gleich nebenan (heute rue François Miron) eine „Dienstwohnung“.

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Dort befindet sich heute ein plaque commémorative: Hier lebten die Couperins, französische Musiker.

Die Orgel, auf der Couperin spielte, ist im Wesentlichen noch erhalten, auch wenn sie immer wieder erneuert wurde.

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Während der Französischen Revolution entging sie nur knapp der Zerstörung und auch 1918 blieb sie verschont, als die Kirche von einem Geschoss der „Dicken Berta“ getroffen wurde, wobei es 156 Opfer gab.

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Ausgabe der Zeitung Excelsior vom 29. März 1919:  Vor einem Jahr bombardierte die „Bertha“ Paris. 

Einmal im Monat findet am ersten oder zweiten Samstag um  16 Uhr ein Orgelkonzert statt: „L’Heure d’Orgue de Saint-Gervais“ (freier Eintritt): Nachdem die Orgelkonzerte in Notre Dame auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sind, ist das eine schöne, exquisite Alternative.

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Direkt gegenüber der Kirche gibt es zwei weitere Portraits von C 215:

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Salomon de Brosse (1571-1626) –rechts im Bild-   war Architekt und hat die eindrucksvolle Fassade der Kirche entworfen. In seiner Beschreibung der Stadt Paris aus dem Jahr 1684 hat Germain Brice diese Fassade als „le plus beau morceau d’architecture  quil y ait à présent en Europe“ bezeichnet, deren Perfektion höchstens noch von Bernini erreicht werde. (10)

Ein wesentliches Gestaltungselement sind da übrigens die Doppelsäulen, die später ein Markenzeichen seines Schülers François Mansart wurden.

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Philippe de Champaigne  (1602-1674) –links im Bild- war Hofmaler von Maria de Medici, der Witwe Henri Quatres, und unter anderem an der Ausmalung des Palais du Luxembourg beteiligt. Für die Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais  malte er drei Bilder, darunter das berühmte Bild L’invention des reliques de Saint Gervais et Protais, das heute im Musée des Beaux Arts in Lyon ausgestellt ist. (11)

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Zwei weitere für Saint Gervais bestimmte Bilder , Saints Gervais et saint Protais apparaissant à saint Ambroise  und  La Translation des corps des saints Gervais et Protais sind im Louvre ausgestellt.  Sie gehörten zu einer Serie von ingesamt sechs Bildern/Tapisserie-Vorlagen, die dazu bestimmt waren,  zwischen den Pfeilern der Kirche aufgehangen zu werden.

Philippe de Champaigne  wurde in Saint Gervais bestattet.

Anmerkungen:

[1] https://www.par-ci-par-la.com/portraits-du-grand-siecle-du-marais-par-c215/

[2] Das Rathaus des 4. Arrondissements steht am Place Baudoyer 2, 75004 Paris https://lavoixdelarturbain.com/2019/08/29/c215-grand-siecle-marais-streetart-paris-2019/

[3] Zur place des victoire siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

(3a) Das Karussell war ein Schauspiel, das das ritterliche Turnier ersetzte, das seit dem tödlichen Unfall Heinrichs II. bei einem Turnier im Marais im Jahre 1559 verboten war.  Siehe dazu: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 326

[4] Zum Teil wird auch die Schreibweise Mansard verwendet. François Mansart ist nicht zu verwechseln mit seinem Großneffen  Jules Hardouin-Mansart, der sein Nachfolger als erster Baumeister Ludwigs XIV. wurde. Nach ihnen ist übrigens das Mansarddach benannt, das sie gerne verwendeten, aber das nicht von ihnen erfunden wurde.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Mansart

(5a) Bilder aus: http://uemhm2perolaimperfeita.blogspot.com/2011/06/imagens.html

und  https://it.wikipedia.org/wiki/Temple

[6] http://nobleyreal.blogspot.com/2010/04/el-baron-de-rede.html

[7] https://voir-et-savoir.com/les-muses/

(7a) Bild Herkulesgalerie: https://de.wikipedia.org/wiki/

[8] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/

[9] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

(10) Zitiert von Jean-Marie Pérouse (Hrsg), Le guide du patrimoine. Paris. Paris: Hachette 1994, S. 450. Dort übrigens weiter: „on n’a rien vu de plus correct ni de plus parfait dans les ouvrages modernes les plus renommés…“

(11) Bild aus: https://www.mba-lyon.fr/en/node/179

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln: