Der Skulpturenpark von Chaumont-sur-Loire

Das Schloss von Chaumont-sur-Loire gehört eher nicht zu den „ersten Adressen“ unter den Schlössern der Loire wie Chambord, Villandry, Chenonceau oder Azay-le-Rideau. [1] Es ist gleichwohl ein wunderbarer, hoch über der Loire gelegener Bau.

Gebaut wurde das Schloss um 1500 von der einflussreichen Familie d’Amboise. Das war die Zeit von König Ludwig XII., und darauf verweist dessen Wappen, das gekrönte Stachelschwein, am Eingang des Schlosses.

Eine große Rolle in der Geschichte des Schlosses spielte auch Catharina von Medici, die Frau von König Heinrich II. Sie kaufte das Schloss 1550. Als 1559 ihr Mann starb, wurde sie Regentin Frankreichs. Sie nutzte ihre Macht, von Diane de Poitiers, der von ihr gehassten schönen Geliebten ihres Mannes, die Herausgabe des königlichen Schlosses von Chenonceau zu verlangen. Das hatte Henri II Diane geschenkt. Als „Trostpreis“ erhielt sie dafür immerhin das Schloss von Chaumont-sur-Loire, das seine heutige Gestalt wesentlich ihr verdankt.

1875 kaufte Marie-Charlotte-Constance Say, die reiche Erbin der Zuckerraffinerien Say, das Schloss und wurde durch Heirat eine Prinzessin de Broglie. Die Broglies renovierten und modernisierten ihren Besitz beträchtlich und sie ließen in den 1880-er Jahren den großen Schlosspark anlegen, der heute die besondere Attraktion von Chaumont-sur-Loire ausmacht. Das vor dem Schloss liegende Gelände wurde gekauft, die dort stehenden Häuser abgerissen und das Dorf an das Ufer der Loire verlegt. So war genügend Platz für einen großen Landschaftsgarten. [1a] 1938 übernahm der Staat Schloss und Garten. Inzwischen gehören sie der Region Centre – Val de Loire, unter deren Regie die Anlage zu einem Kunst- und Gartenzentrum entwickelt wurde.

Es gibt vor allem den historischen Park (parc historique), auf dem Plan rechts, die Prés du Gualoup, auf dem Plan links unten, und die Jardins du Festival, auf dem Plan links: In Chaumont-sur-Loire findet jedes Jahr ein Gartenfestival statt (Festival international des jardins), das in diesem Jahr unter dem Motto „Il était une fois au jardin“ steht: Die insgesamt 25 kleinen Gärten des dem Festival gewidmeten Arreals haben also einen Bezug zu Märchen aus aller Welt.

Es ist völlig unmöglich, diese Gärten und dazu noch das Schloss mit seinen Nebengebäuden (vor allem die berühmten Pferdeställe) an einem Tag zu anzusehen. Wir haben deshalb -es ist unser erster Besuch in Chaumont- entschieden, uns auf den sogenannten historischen Garten zu konzentrieren. Dies auch deshalb, weil es in diesem Gartenbereich Skulpturen einer Künstlerin und eines Künstlers gibt, die wir ganz besonders schätzen, nämlich Eva Jospin und Miquel Barceló. Deren Beiträge zum Skulpturenpark von Chaumont-sur-Loire wollten wir unbedingt sehen.

Nachfolgend ein kleiner Rundgang durch den Garten mit Fotos von ausgewählten Skulpturen und dabei natürlich vor allem den ganz besonders eindrucksvollen von Jospin und Barceló.

Nicolas Alquin, Bois révélés. (Grange aux Abeilles)

Christian Lapie, La  constellation du fleuve

Im Hintergrund der homme sauvage von Denis Monfleur

Etwas versteckt in einem Gehölz in der Mitte des historischen Gartens befindet sich die Grotte Chaumont von Miquel Barceló. Wir kennen und schätzen Barceló von unseren Besuchen in der Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles.

Dort gehören zwei seiner Werke zum festen Bestand: Ein grandioses Unterwasserpanorama und ein sagenhaftes Ungeheuer am Eingang der Villa. [2]

Barcelós 2024 entstandene Chaumont-Grotte sieht auch eher aus wie das weit aufgerissene Maul eines Ungeheuers, eines riesigen gefräßigen Fisches.

Die Zähne des Monsters aber sind wie Stalaktite einer Eiszeithöhle.

Und dazu passt die Zeichnung eines Höhlenlöwen…. Barceló gehörte übrigens der wissenschaftlichen Kommission an, deren Aufgabe es war, nach dem sensationellen Fund der grotte Chauvet-Pont d’Arc (Ardèche) ein originalgetreues Duplikat der Höhle herzustellen.

Nebeneinander: Fisch und Schädel, Leben und Tod. Und der rote Tuchfetzen in den Zähnen des Ungeheuers? Im Begleittext zu der Skulptur wird dazu auf Pieter Lastmans 1621 entstandenes Gemälde Jonas und der Wal verwiesen. [3]

Da entkommt Jonas unversehrt aus dem riesigen Maul des Wals, und höchstens sein blutrotes Tuch bleibt zurück…

Dieser optimistischen Botschaft schien auch das Rotkehlchen zuzuneigen, das sich unerschrocken und neugierig direkt neben dem Höhleneingang auf der Absperrungs-Kordel niedergelassen hatte.

Im Park gibt es immer wieder Ausblicke auf das Schloss. Hier mit Anastazia von Ursula von Rydingsvard im Vordergrund.

Anastazia: Detail

Nikolay Polisky, Les Racines de la Loire

Der freundliche Drache ist aus mehreren hundert alten Weinstöcken zusammengesetzt.

Lionel Sabatté, Chemins croisés. Dahinter eine der Baumhütten (Cabanes dans les arbres) von Tadashin Kaaawamata. Es gibt im Park mehrere Exemplare.

François Méchain, l’Arbre aux Echelles. Méchain hat mehrere Leitern in dem Baum befestigt, die allerdings keinen Kontakt zum Boden haben und sich deshalb auch leicht im Wind bewegen können. Die Installation bezieht sich auf Italo Calvinos Roman Der Baron auf den Bäumen.

Éva Jospins Folie ist für uns ein Höhepunkt des historischen Parks. Ihr im letzten Jahr in der Orangerie von Versailles ausgestelltes Natur- und Architekturpanorama [4] hat uns sehr begeistert, so dass wir auf ihren Beitrag für den Park von Chaumont-sur-Loire besonders gespannt waren.

Hier hat sie ein geheimnisvolles monumentales Werk geschaffen, eine Folie oder fabrique de jardin, wie sie in Landschaftsgärten üblich waren als Blickfang und anregende Stationen auf einem Spaziergang. [5] Ganz untypisch für sie handelt es sich nicht um ein filigranes Werk und zum ersten Mal hat sie hier auch nicht mit ihrem Lieblingsmaterial, dem Karton, gearbeitet, sondern mit massiven Materialien wie dem Beton. Bei der Betrachtung der Außen- und Innenwände drängen sich Assoziationen auf zu den Versteinerungen, die ja gerade im Gebiet der Loire besonders häufig anzutreffen sind.

Der Raum innen wird durch ein Öffnung in der Decke erhellt.

An den Rändern hängen feine wurzelartige Gespinste herab, wie man sie von Jospins Gestaltung der neuen Métro-Station Hôpital-Bicêtre der Pariser Metro-Linie 14 kennt.

Detail der von Eva Jospin gestalteten Außenwand der Metro-Station Hôpital-Bicêtre

Ein Stück Wand des Innenraums der Folie im Park von Chaumont-sur-Loire

Inzwischen ist die Natur dabei, das Bauwerk zu überwuchern und in ihren Besitz zu nehmen. Dabei können sich ganz überraschende Perspektiven ergeben.

Hier kann man sich den Kopf eines grimmig blickenden Tieres vorstellen und darüber einen von Ranken und abgestorbenen Blättern gebildeten Totenkopf.

Ulrich Schläger hat dies an den  Sacro Bosco des Fürsten Vicino Orsini in Bomarzo erinnert, „wo die Monster auf Schritt und Tritt lauern,  wo Fürchten und Staunen die beherrschenden Gefühle sind, wo die steinernen Figuren, von Moos und Flechten überzogen, im Laufe der Jahrhunderte so vollständig zur Natur zurückkehren, dass sie jetzt aussehen, als wären sie vor Urzeiten gemeinsam mit den Bäumen gewachsen oder aus dem Boden gekrochen. Wo ist man hier? Vielleicht im Kopf eines Verrückten, der den Figuren seiner Albträume eine steinerne Form gegeben hat?  Vieles bleibt trotz komplizierter und weit ausholender  Interpretationen rätselhaft, wie das Leben des Menschen, das ja auch voller  ungelöster Rätsel ist.

TU CH’ENTRI QUI CON MENTE PARTE A PARTE ET DIMMI POI SE TANTE MARAVIGLIE SIEN FATTE PER INGANNO O PUR PER ARTE.

»Du, der du hier eintrittst, betrachte alles  Stück für Stück und sag mir dann, ob so viel Wundersames zur Verwirrung gemacht wurde oder nur für die Kunst?« (Fürst Vicino Orsini)

Und dann ist es auch die Natur selbst, die im Park ihre Kunstwerke schafft…

Nach einer kleinen Mittagspause im Café du Parc werfen wir einen Blick in den Prés du Goualoup.

Die stählernen Bögen von Bernar Venet

Marc Nucera, Bancs Sculptés et Fruits fantastiques

Ein Blickfang sind auch die Pflanzenwände (murs végétaux) des Biologen und Gartenarchitekten Patrick Blanc. Er gilt als der Erfinder solcher Wände und hat sie in Frankreich und besonders in Paris populär gemacht. Die Pflanzenwand der Fondation Cartier und die des Musée du quai Branly in Paris wurden von ihm gestaltet.

Frösche fühlen sich gerade in den Zeiten großer Hitze hier sehr wohl…

Andy Goldsworthy, Cairn. [6] Der aus Steinen zusammengefügte Kegel ruht in den ausgetriebenen Ästen einer abgeschnittenen Platane. Allmählich und immer mehr gehen auch hier Kunstwerk und Natur eine reizvolle Verbindung ein.

Vom nördlichen Rand des historischen Parks, in dem auch Goldworthy’s Cairn steht, hat man schöne Ausblicke ins Tal der Loire.

Dies sind drei auf dem Heck stehende Boote: traditionelle gabarres mit niedrigem Tiefgang zum Transport von Menschen und Waren auf der Loire. Eine Installation von El Anatsui.

Manchmal allerdings ist der Wasserspiegel der Loire so niedrig, dass selbst diese -für touristische Zwecke nachgebauten- speziellen Loire-Boote nur begrenzt fahrtüchtig sind.

Auch das Schloss wird für Ausstellungszwecke genutzt.

Die in den Jahren 1498-1511 errichtete Schlosskapelle wurde in diesem Jahr von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger ausgeschmückt: Les pierres et le printemps (Die Steine und das Frühjahr) nannten sie ihre Installation. Die Fenster der Kapelle stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Hier ein Fenster mit der Abbildung eines Schlossturms:

… und zum Abschied ein letzter Blick von der Schlossterrasse auf die Loire…

Praktische Hinweise:

Chaumont-sur-Loire liegt zwischen Amboise und Blois.

Das Schloss, der historische Park und die Pferdeställe sind während des ganzen Jahres zugänglich, die Gärten des Gartenfestivals und die Prés de Goualoup bis zum 2. November 2025.

https://domaine-chaumont.fr/fr/informations-pratiques

Eintrittskarten und Preise: https://billetterie.domaine-chaumont.fr/

Anmerkungen:

[1] Auf der Seite https://loirelovers.fr/de/schonste-schlosser-loire-tal/ ist Chaumont noch nicht einmal unter den 12 schönsten  Schlössern der Loire aufgeführt.

[1a] Bei Wikipedia.de liest sich das so:  „Das Ehepaar trieb großen Aufwand, um die Schlossanlage umfassend zu restaurieren und einen Abglanz höfischen Lebens zu schaffen. Auch das Dorf profitierte davon: 1882 wurde die Kirche wieder aufgebaut, und die Bewohner erhielten große Schenkungen.“ (!) https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Chaumont (8.9.2025)

[2] Zu den Ausstellungen in der Villa Carmignac (und Miquel Barceló) siehe auch: https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[3] Billd aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Pieter_Lastman#/media/File:Pieter_Lastman_-_Jonah_and_the_Whale_-_Google_Art_Project.jpg

[4] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/

[5] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Park von Ermenoville, den ersten Landschaftsgarten auf dem europäischen Kontinent: https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/

[6] Das schottisch-gälische Wort cairn bezeichnet auf den Britischen Inseln einen meist aus dem Neolithikum stammenden und meist aus Bruchsteinen zusammengesetzten künstlichen Hügel. Das entsprechende bretonische Wort carn (Steinmal) hat dem Ort Carnac seinen Namen gegeben.

Mit Odysseus im Labyrinth: Die Jahresausstellung 2022 der Stiftung Carmignac auf Porquerolles

Nach den beiden Ausstellungs – highlights 2019 und 2021, die schon Gegenstand dieses Blogs waren[1], präsentiert die Fondation Carmignac in diesem Jahr Le songe d’Ulysse  (Der Traum des Odysseus): Auch diesmal wieder eine grandiose Ausstellung, vielleicht sogar die eindrucksvollste dank der Einheit von Thema, Ort, Objekten und Form ihrer Präsentation .

Diesmal geht es um Odysseus, den Helden des Homer’schen Epos, der 10 Jahre vor Troja kämpfte und dann 10 Jahre auf dem Meer herumirrte, bis er schließlich wieder in seine Heimat Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos zurückfand.

Porquerolles ist ein idealer Ort für eine solche Ausstellung: Das Licht, das Meer, die Bäume und die Grotten sind noch immer so wie zur Zeit des Homer. Und es geht die Sage, dass Odysseus auf seinen  Irrfahrten auch auf Porquerolles gewesen sei und die Insel  von dem Riesen Alycastre befreit habe. Der sei von Poseidon, dem Feind des Odysseus, geschickt worden.

Eine von Miquel Barceló geschaffene Skulptur des Ungeheuers empfängt den Besucher am Eingang der Villa  Carmignac.

Eintauchen in die Welt des Wassers

Wie schon bei der Jahresausstellung 2021 zum Thema La mer imaginaire ist das Wasser das vorherrschende Element der Ausstellung.  Denn auf dem Wasser irrte Odysseus umher und durchstreifte das Mittelmeer von Troia über die griechischen Inseln bis -vielleicht- Nordafrika, Italien und eben Porquerolles….  Wenn man wie üblich am Empfang der Villa seine Schuhe ausgezogen hat, geht man die Treppe hinunter und taucht auch schon ein in die faszinierende Welt des Wassers.[2]

Illustriert wird das Eintauchen durch eine Wandtapete, angefertigt nach dem Grabstein des Tauchers (480-470 v. Chr.) im Nationalmuseum von Paestum. Zur Unterwasserwelt der Ausstellung gehören auch zwei große Kunstwerke, die in der Villa  Carmignac  ihren festen Platz haben:

Da ist zunächst Bruce Naumanns One Hundred Fish Fountain (2005). Der Brunnen besteht aus 97 Bronze- Fischen. Es sind sieben verschiedene Arten vertreten, die Naumann in seiner Jugend selbst gefischt hat. Der Brunnen nimmt einen ganzen abgeschlossenen Raum ein: Ein wunderbares Erlebnis, wenn sich das Wasser aus den unzähligen kleinen Fischfontänen ins große Wasserbecken ergießt. Man kann sich auf eine der Bänke am Rand setzen oder einfach auf den Boden und zu- und in-sich hineinhören.

Das andere ist das große Unterwasser-Panorama von Miquel Barceló.

Der schrieb dazu:

Ich habe das große Bild so konzipiert, dass man sich wie in einem Aquarium voll mit diesen schrecklichen Tieren fühlt, diesen Riesen-Kraken und -Calamaren… Ich wollte das Gefühl vermitteln, von der Malerei umgeben zu sein – wie bei den Seerosenbildern von Monet, wie in einer Kapelle, aber mit einem bedrohlichen, ungeheuerlichen Aspekt.“[3]

Schiffbruch, Tod und Leben

Von dem Fische-Brunnen und den Riesen-Kraken und -Kalamaren ist es nicht weit zum zentralen Raum des Gebäudes mit einer -auch diesmal wieder-  spektakulären Installation, in der es -wie auch schon bei der Jahresausstellung von 2021- um Leben und Tod geht. Damals war es das riesige Skelett eines Wals, das aber Grundlage für neues Leben ist.

Diesmal ist es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Zu diese vielen Leiden gehörte auch der Schiffbruch: Nach dem Sieg über Troja gerät Odysseus in einen Sturm, und die Nymphe Kalypso nimmt den Schiffbrüchigen bei sich auf, verliebt sich in ihn und hält ihn sieben Jahre fest. Doch als sie ihn endlich auf Wunsch der Götter ziehen lässt, beginnt die Irrfahrt erst wirklich. Denn der Meeresgott Poseidon sinnt auf Rache für die Blendung seines Sohnes Polyphem, des einäugigen Riesen, der Odysseus und seine Gefährten in einer Höhle gefangen gehalten hatte und dabei war, alle zu verzehren…  Rache bedeutete für den Gott des Meeres, die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos  zu verhindern, also auch Schiffbruch…

Die Installation ist eine für diese Ausstellung konzipierte Koproduktion von Jorge Peris und der Fondation Carmignac:  heroes boca a bajo. Es ist ein Moment der Stille, das Schiff geht unter, die Segel fallen in sich zusammen, Rettung ist nicht mehr möglich. Das Gesicht der Helden blickt nach unten, in den Tod.  Aber der wird nicht siegen: Dafür sorgen die Sonne und die Wolken, die durch die Decke, ein Wasserbecken, ständig sich verändernde Spiegelungen auf den hellen Segeln bilden. Ein grandioses Schauspiel von flimmerndem Licht und Schatten. Sogar aus der Unterwelt, konfrontiert mit dem Tod, kehrt Odysseus unversehrt, ja gestärkt wieder ans Licht. Auch wenn er seine Gefährten auf seinen Irrfahrten verliert, er findet schließlich auch wieder den Weg zu Frau und Kind nach Ithaka.

Faszinierend ist es auch, wenn man -bei unserem Besuch stand gerade eine Tür offen- das Wasserschauspiel von oben beobachten kann.

Die Ausstellung als Labyrinth

Francesco Stocchi, der Kurator der Ausstellung, hatte die Idee, die Ausstellungsräume in ein Labyrinth zu verwandeln. Um den zentralen Raum herum ist eine Folge von engen Kabinetten mit Spiegelungen und Scheintreppen eingerichtet. Das ist äußerst raffiniert gemacht:  Nach dem Ausstellungsbesuch hatten wir uns am Ausgang mit Freunden verabredet und tauschten kurz unsere ersten Eindrücke aus. Und da stellten wir gemeinsam fest, dass allen das eine oder andere -für den einen oder die andere besonders Wichtige- entgangen war.  Also eine neue Runde im Labyrinth….

Durch die Wahl des Labyrinths als Leitidee der Ausstellungsarchitektur wird der Besucher ein wenig in die Situation des Odysseus versetzt. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, keinen Pfeil, der zum Ausgang weist. So muss jeder sich auf seine eigene Suche begeben, seinen eigenen Weg finden.

Das Labyrinth strukturiert aber nicht nur die Szenographie, sondern es ist auch direkt Gegenstand der Ausstellung.

Dieser geknüpfte Teppich von Marinus Boezem (Collection du Mobilier National, Paris), nimmt das Motiv des Labyrinths der Kathedrale von Chartres auf.[4] In ihm kann man sich nicht verlieren- es gibt nur einen Weg, den man nicht verfehlen kann, und der führt zu Gott.  Aber -wie es im Begleittext heißt: Es ist auch ein Weg der Meditation, der den Besucher „zu sich selbst führt“. Nur konsequent also, dass dieser Teppich im Eingangsbereich der Ausstellung angebracht ist, bevor der Besucher in das nachfolgende „Labyrinth“ eintritt… 

Aber daneben gibt es auch noch den Leinen-Stoff aus der peruanischen Nazca-Kultur, entstanden zwischen 80 vor Chr. und 50 nach Chr. Das Motiv erinnert auch an ein Labyrinth, aber in seiner Mitte lauert der Tod, eine Spinne.

Dies ist ein kleiner Ausschnitt einer Boje von Mark Bradford (The loop of deep waters 1, 2014). Die Oberfläche ist mit bemaltem Pappmaché und Reisverschlüssen neu gestaltet: Jahrhunderte-alte chinesische Wasserwege, die für Handel,  Austausch, Kolonisation und Eroberung genutzt wurden – so wie auch die Wasserstraßen im Mittelmeer, auf denen Odysseus bei seinen Irrfahrten unterwegs war.

Keith Haring (Untitled 1982) hat unter vielfältigen Einflüssen wie der steinzeitlichen Wandmalerei (la peinture rupestre) und den indianischen Kulturen Amerikas eine eigene „Iconographie sous forme de labyrinthe narratif“ entwickelt. Dazu gehören das christliche Kreuz als Ausdruck seiner Skepsis gegenüber den Religionen und die ägyptischen Hieroglyphen.

Penelope, die sehnsüchtig Wartende, Hoffende, Ärgerliche…

Gewissermaßen der Bezugsrahmen der 20 Jahre Krieg und Irrfahrten des Odysseus war seine Frau Penelope. Und mit zwei Arbeiten von Martial Raysse zu Penelope beginnt und endet auch die Ausstellung.

Martial Raysse, Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966  (Fondation Carmignac)

Penelope wartet 20 Jahre lang treu auf ihren Gatten und glaubt fest an seine Rückkehr. Drei Jahre lang erwehrt sie sich ihrer aufdringlichen Freier. Sie gibt vor, erst ein  Totentuch für ihren Schwiegervater Laërtes weben zu müssen, bevor sei eine neue Ehe eingehen kann. Aber nachts trennt sie immer auf, was sie tagsüber gewebt hat. Die aus beweglichen Bruchstücken zusammengesetzte Arbeit von Martial Raysse bezieht sich auf diesen Prozess des Machens und des Rückgängig-Machens (faire et défaire).  

Man Ray, Objet indestructible (1965) 

Dieses Werk ist zusammengesetzt aus einem Metronom und dem darauf befestigten Bild eines Auges.  Man Ray setzte es ein, wenn er malte. Es war sein akustischer und rhythmische Begleiter und Beobachter. In seiner ursprünglichen Version hieß es Object à détruire. 1957 wurde das Objekt gestohlen und schließlich von Man Ray durch ein neues, reproduzierbares -und damit unzerstörbares- ersetzt. Das Metronom gibt zwar ein bestimmtes Tempo vor, aber das kann/muss man selbst wählen – und die Dauer ist unbegrenzt…

Man Rays unzerstörbares Objekt verweist auf die Dimension der Zeit: 10 Jahre kämpft Odysseus in Troja, 10 Jahre dauert seine Irrfahrt, bis er endlich zu sich und nach Hause gefunden hat: sehr lange also, gerade auch bezogen auf die damalige kürzere Lebenserwartung. Vielleicht darf man das als Botschaft an die Besucher verstehen, sich auf ihrem eigenen Weg Zeit zu nehmen und zu geben…

Tony Matelli, Weed  (2017) Dauerinstallation

Die äußersten Widrigkeiten zum Trotz sich behauptende Pflanze Tony Matellis und das nachfolgend abgebildete Bild von Roy Lichtenstein verstehe ich als Ausdruck von Hoffnung und Sehnsucht, die die Beziehung von Penelope zu ihrem verschollenen Mann geprägt hat.

Dieses Bild von Martial Raysse aus dem Jahr 1962 hat keinen Titel. Aber im Zusammenhang dieser Ausstellung bezieht es sich auf Penelope, es dient auch als Motiv für Katalog-Cover und Ausstellungspräsentation. Der nachdenkliche fragende Blick der jungen Frau passt gut zu Penelope. Oftmals wurde sie in ihren Hoffnungen enttäuscht, sie zieht sich zurück und träumt von ihrem abwesenden Gatten. Im Traum lebt sie die Sehnsucht nach Odysseus aus und hält sein Bild wach, wie es war, als er in den Troianischen Krieg aufbrach- und dabei wird sie selbst noch schöner und begehrenswerter.[5]

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein weiteres Patchwork Bild von Martial Raysse, bei dem der Bezug zu Odysseus und Penelope ganz explizit ist:  Ulysses, why do you come so late poor fool? – eine immerhin doch etwas befremdliche Begrüßung des endlich zurückgekehrten und herbeigesehnten Gatten.

Aber sie passt doch auch zu dem kühl distanzierten, nahezu abweisenden Verhalten Penelopes im Epos: Immerhin kehrt Odysseus -von Athene perfekt als Bettler getarnt-  gealtert, mit Glatze und Runzeln zurück, und Penelope will und muss ganz sicher sein, dass sie es auch wirklich mit ihrem Mann zu tun hat. Und schließlich war Odysseus ja 20 Jahre verschollen und hatte sich/bzw. wurde 10 Jahre auf dem Meer herumgetrieben, und die eheliche Treue, die Penelope auszeichnete, galt dabei für ihn eher nicht ….  Da darf sie den armen Teufel durchaus fragen, warum er denn erst so spät kommt…

Wind und Wellen, die Sonne und die Sterne…

Winde und Wellen begleiten Odysseus auf seinen Irrfahrten, und heftige Stürme bringen ihn vom Weg in die Heimat ab und machen ihn zum Schiffbrüchigen.[6] In der Ausstellung wird auf sehr originelle Weise die Macht des Windes den Besuchern erfahrbar gemacht: Da ist ein Instrument in die Wand eingebaut, dem Anschein nach ein altes defektes Gebläse, das ab und zu und für einige Minuten einen starken Windstoß erzeugt, der die davor stehenden Besucher erfasst.

Micol Assaël, Senza Titolo (Dielettrico) 2002

Wie müssen da erst die Winde des zürnenden Meeresgottes Poseidon und die von Odysseus‘ Gefährten mutwillig freigelassenen fürchterlichen Stürme von Aiolos, dem Gott der Winde, gewesen sein. Das Werk soll uns aber auch die Gefahren unserer Umwelt bewusst machen, wie es in der  beigefügten Erläuterung heißt: Der historisch/literarische Bezug und die aktuelle Erfahrungsdimension sind in der Konzeption der Ausstellung immer präsent.

Eine außergewöhnliche Idee, die Macht der Winde anschaulich zu machen, ist hier zu sehen: Allessandro Piangiamore hat aus Erde, die er an verschiedenen Orten von Porquerolles gesammelt hat, kleine Formen hergestellt. Die hat er dann an exponierten Stellen der Insel wie dem Leuchtturm an der Spitze oder den Forts im Westen und Osten den winterlichen Winden der Insel ausgesetzt. So wurden sie von ihnen geformt, es sind Skulpturen der Winde. Und die  Farben -von ocker bis violett- stammen ebenfalls von verschiedenen Orten der Insel. (Alessandro Piangiamore, tutto il vento che c’é, 1021/22 und Il cacciatore  di polvere, 2022)  Eine Gemeinschaftsproduktion des Künstlers und der Stiftung Carmignac).

Hier ein spätes Werk von Roy Lichtenstein, eines Lieblingsmalers der Stiftung: Fishing Village, 1987. Eine farbige wilde, den geradezu explosiven Kräften der Natur ausgesetzte Landschaft.

Willem de Kooning, Untitled XLIII (1983)

Das Icarus-Thema, das in diesem Werk von Adger Covans thematisiert ist (Icarus 1970), verweist nicht nur auf die Macht der Elemente, sondern auch auf menschliche Grenzen. Die berücksichtigt Odysseus bei seinen Irrfahrten: So lässt er sich von seinen Gefährten am Mast seines Schiffes festbinden, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen…

Hier zwei Ausschnitte eines wunderbaren Sternenhimmels, den Miguel Rothschild aus kleinen Stecknadeln kreiert hat. Ich musste dabei unwillkürlich an den „bestirnten Himmel über uns“ denken, der Kants Gemüt „mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte. Und für diese Bewunderung gibt es auch seit der Zeit Kants immer neuen Anlass. Es geht aber um mehr: Rothschild hat seine Arbeit mit einem berühmten Shakespeare-Zitat aus dem Drama „Julius Caesar“ überschrieben: The fault is not in our stars, but in ourselves that we are underlings.  Brutus möchte Cassius von der Notwendigkeit überzeugen, Caesar umzubringen, um die Republik zu retten. Da kommt dann Kants „moralische Gesetz in uns“ ins Spiel. Es geht hier also auch um die Grundlagen und Antriebe menschlichen Handelns und um Handlungsspielräume. Im Epos von Homer sind es wesentlich die Götter, die über das Schicksal des Odysseus entscheiden: Athena, Poseidon, letztendlich sogar das Götterkollegium auf dem Olymp mit Zeus als oberstem Richter. Aber selbst in diesem von der Götterwelt bestimmten Kosmos hat Odysseus Raum für eigenständiges Handeln…  

Verführerische, bedrohliche Frauen und andere Gefahren der Reise

Odysseus muss während seiner Reise äußerste Gefahren bestehen, wobei ihm die Götter helfen, aber auch seine Vorsicht, Tapferkeit und List. Da gibt es zunächst die beiden der Götterwelt zuzurechnenden Frauen, die sich in ihn verlieben und ihn bei sich behalten wollen.

Carol Rama, Dorina (1944)

7 Jahre lang wird er von der „schönlockigen Kalypso“ aufgehalten, die sich in ihn verliebt und nicht mehr gehen lassen will. Da muss erst Zeus ein Machtwort sprechen und der Meernymphe befehlen, ihren geliebten Gefangenen freizugeben.

Und dann ist es die Zauberin Circe, auf deren Insel es Odysseus und seine Männer verschlägt. Sie verwandelt die von Odysseus zur Erkundung vorausgeschickten Männer in Schweine. Der Götterbote Hermes versorgt den Helden aber mit einem Kraut, das das Gift der Circe unwirksam macht. Mit dem Schwert in der Hand erreicht Odysseus, dass Circe seine Gefährten wieder zurückverwandelt und  Circe verliebt sich in Odysseus: Zwei Frauen also mit großer Machtfülle, die eine sexuelle Beziehung zu dem Helden eingehen und sein Heimkommen gefährden… [7]   

John Baldessari, Raised Eyebrows/Furrowed Foreheads (Part three) Knife (with hands) 2009

Ein Jahr lang lässt es sich Odysseus bei Circe gut gehen, dann setzt er endlich auf Drängen seiner Gefährten seine Heimreise fort.

Und dann gibt es ja noch die verführerisch singenden und Tod bringenden Sirenen und das männermordende Monster Skylla mit dem Oberkörper einer jungen Frau….

Louise Bourgeois, femme couteau (Die Messerfrau), 2002[8]

In den für die Ausstellung ausgewählten Werken klingen diese Episoden an.  Da gibt es -anders als in der Ausstellung von 2019- keine makellose, jungfräuliche Botticelli’sche Venus, die der Muschel entsteigt … selbst Niki de Saint  Phalles Venus von Milo ist blutverschmiert:  Die „ambiguïté du désir“ ist, wie der Katalog bestätigt, ein zentrales Thema der Ausstellung…

Noch viele andere Gefahren bedrohen Odysseus. Am berühmtesten ist da wohl der einäugige Riese Polyphem, der Odysseus in seiner Höhle gefangen hält und viele seiner Gefährten verzehrt. Aber der listige Held ersinnt einen Ausweg, den Oliver Laric gestaltet hat.  (Ram With Human, 2021).

Die Gefahr und die Angst um sich und seine Gefährten sind ständige Begleiter des Odysseus auf seinen Irrfahrten. Mit dem Thema Angst beschäftigt sich auch das Bild von Rashid Johnson Anxious Red Painting August 19th.  Es ist entstanden 2020 während der ersten Coronavirus-Welle. Die Wiederholung und Intensität dieser roten Figuren verkörperten, so der Begleittext, „ein tiefes Gefühl physischer und psychischer Isolation“ und könnten so eine allgemeinere und zeitlosere Angst symbolisieren.

In diesem Bild klingt aber auch der Lebens- oder Schicksalsfaden an, der gerade in der antiken Mythologie und bei Homer eine zentrale Rolle spielt. In Friedrich Schillers Nachdichtung der „Turandot“ Carlo Gozzis ist das so formuliert:

Es führt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnißvollen Pfaden,
Doch über ihm wacht eine Götterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.[9]

Das passt auch zu Odysseus. Bei Rashid Johnson allerdings mag man an eine wunderbare Entwirrung des Lebensfadens nicht so recht glauben.

 Und wie ist es bei den Bootsflüchtlingen?

Deren Schicksal und Odyseen hat William Kentridge 2017 eindrucksvoll thematisiert.

 Refugees (You Will find no Other Seas)

Vergangenheit und Gegenwart, das bestätigen diese Arbeiten noch einmal eindringlich, sind in der Jahresausstellung der Villa Carmignac immer präsent. Der Weg durch das Labyrinth des Odysseus  führt durch die antike Mythologie, aber er lädt auch dazu ein, sich auf eine ganz persönliche und ganz aktuelle Odyssee zu begeben.

Praktische Hinweise:

Dauer der Ausstellung bis 16. Oktober 2022

Die Ausstellung ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag (montags geschlossen) von 10-18 Uhr. Letzer Kartenverkauf um 16 Uhr. Es werden auch Nocturnes angeboten, die aber nur für Besucher infrage kommen, die auf Porquerolles übernachten.

Es ist äußerst empfehlenswert, Eintrittskarten (Tag und Zeit) zu reservieren unter https://billetterie.villa-carmignac.com/

Zwischen der Presqu‘île de Giens/Tour Fondue und Porquerolles gibt es regelmäßige Fährverbindungen. Auch hier ist eine Reservierung von Tag und Uhrzeit der Hinfahrt dringend zu empfehlen unter https://www.resa-tlv.com/resinternet  Die Uhrzeit der mitgebuchten Rückfahrt ist nicht festgelegt.

Am Tour Fondue stehen hinreichend bezahlte Parkplätze zu Verfügung.  

Von der Anlegestelle zur Villa Carmignac sind es ca 30 Minuten Fußweg. Im Tourismus-Büro am Hafen liegt ein Plan des Ortes aus.

Literatur:

Le Songe d’Ulysse. Katalog der Ausstellung Villa Carmignac Porquerolles. Éditions Dilecta, Paris, 2022

Éditions Beaux Arts. La Fondation Carmignac. Île de Porquerolles.  Paris, 2019

Homer, Odysseus. In der Übersetzung von Wolfgang Schadewald. Rororo Taschenbuch 2008


Anmerkungen:

[1] https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/ und https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[2] Die nachfolgend präsentierten Fotos wurden von Wolf und Frauke Jöckel während des Ausstellungsbesuchs aufgenommen. Es handelt sich dabei meist um Ausschnitte. Die vollständigen Exponate sind in dem hervorragenden Katalog zu sehen.

[3] Beaux Arts, La Fondation Carmignac

[4] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/08/das-labyrinth-von-chartres/

[5] Anton Bierl, Die Wiedererkennung von Odysseus und seiner treuen Gattin Penelope. Uni Basel 2018

[6] Es sind nicht nur die Winde des Poseidon, sondern auch die des Aiolos, des Gottes der Winde.  Der hatte Odysseus freundlich aufgenommen und ihm zum Abschied einen Schlauch geschenkt, in dem alle ungünstigen Winde  gefangen waren. Um sicher nach Hause zu kommen, durfte Odysseus diesen Schlauch auf keinen Fall öffnen. So segelten sie mit gutem Wind zehn Tage lang und konnten bereits die Küsten Ithakas, ihrer Heimat, in der Ferne erkennen. Doch da übermannte Odysseus, der bisher kein Auge geschlossen hatte, der Schlaf. Seine Gefährten hatten schon lange darüber gerätselt, was sich wohl in dem prall gefüllten Schlauch verbarg – vielleicht Schätze, die Odysseus aus Troia mitbrachte? Sie beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und den Schlauch zu öffnen. Kaum war dies geschehen, brachen alle Winde in fürchterlichem Sturm hervor und trieben das Schiff geradewegs von Ithaka weg.  http://www.latein.ch/goetter/odysseus/index.php?file=odysseus&item=3&sort=

[7] https://www.researchgate.net/publication/354650824_Der_Heros_und_die_starken_Frauen

[8] In der beigefügten Erläuterung wird allerdings der bedrohliche Eindruck des Werkes relativiert. Louise Bourgeois habe hier die familiäre Erfahrung der Restaurierung von Teppichen verarbeitet.

[9] https://www.friedrich-schiller-archiv.de/uebersetzungen/turandot-prinzessin-von-china-von-gozzi/vierter-aufzug-fuenfter-auftritt

Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst

Nach längerer Zeit also wieder ein Blog-Beitrag zu einem Ort weit außerhalb von Paris; genau: 875 km entfernt davon. Aber ein Beitrag aus zwei guten  Gründen:  Natur und Kunst.

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Zuerst die Natur:  Porquerolles ist ein Inseltraum, es gibt wunderschöne Strände, kleine versteckte Buchten, glasklares  Wasser. Hier zeigt sich Frankreich von seiner schönsten Seite.  Die Insel ist 7 km lang und 3 km breit, Fortbewegungsmittel der Besucher sind die Füße oder das Fahrrad. (1)

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Der lang gestreckte (aber schmale) Strand Notre Dame  wurde 2015, wie der zuständige Fremdenverkehrsverband stolz verkündet, vor 300 Mitbewerbern zum „schönsten Strand Europas“ gekürt. Das weiß offenbar auch die Gottesanbeterin zu schätzen. [1a]

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Wenn in der Hochsaison allzu viele  Menschen sich dahin auf den Weg machen, wird man aber sicherlich ein ruhigeres Plätzchen an einem der anderen, von der Anlegestelle der Fähren etwas entfernteren Strände oder in einer crique, einer der versteckten kleinen felsigen Buchten, finden.

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Auf dem Weg zu den Stränden geht es durch Wälder von Steineichen und Pinien und vorbei an Weinbergen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Feuerschutzzonen angelegt wurden, um zu verhindern, dass –wie 1897-  bei einem Waldbrand die ganze Insel betroffen ist.  Der hier erzeugte Wein war dann allerdings sogar einer der ersten, der die Klassifizierung „Côtes de Provence“ erhielt.

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Auf dem Weg zum Strand Notre Dame kommt man sogar -eine Besonderheit dieser Insel- durch eine Allee von stattlichen Eukalyptusbäumen, die dort von François-Joseph Fournier eingeführt wurden, der die Insel 1912 kaufte. Inzwischen verhindert die Verwaltung des Nationalparks allerdings eine  unkontrollierte Ausbreitung auf Kosten der heimischen Flora. (1a)   .

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Bei einer Fahrt durch die Insel wird man die typischen Erdbeerbäume (arbousier) nicht übersehen können, wenn im Herbst die Früchte erst gelb und dann rot leuchten. Sie sind übrigens essbar und es gibt davon leckere Gelees zu kaufen![2]

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Sehr verbreitet ist auch der Mastixstrauch, auch Wilde Pistazie genannt (franz: Pistachier lentisque).  Im Frühjahr leuchten seine weißen Blüten, im Herbst die kleinen roten Früchte, die im Winter den Vögeln als Nahrung dienen.

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Dies sind die leuchtenden weißen Blüten der auf Porquerolles ebenfalls weit verbreiteten Braut-Myrte.

Angebaut wird auf Feldern neben Feigen, Kirschen und Aprikosen auch die in Europa seltene schwarze Maulbeere. Hier ein Frühommer-Foto:

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Etwas abseits des Wegs kann man wunderbare überraschende Entdeckungen machen wie diese auf dem kargen Gelände eines ehemaligen Forts wachsenden Lilien.

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Ganz oft an den Weges-  und Waldrändern sieht man natürlich die Blüten des Akanthus, dessen stilisierte Blätter das korinthische Kapitell zieren.   Fotos: Wolf Jöckel

Und immer wieder hat man wunderbare Aussichten auf das Meer. Vor allem natürlich von oben- zum Beispiel von dem über dem Hafen von Porquerolles gelegenen Fort Sainte- Agathe .

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Blick vom Fort auf die Moulin de Bonheur aus der ersten  Hälfte des 18. Jahrhunderts

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Blick auf den Leuchtturm und die Villa Carmignac mit dem Ausstellungsgebäude und links dem kleinen Gartenhaus

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Das Fort Sainte-Agathe gehört zu einer ganzen Reihe von Forts, die auf der Insel  errichtet wurden. Die  ersten waren dazu bestimmt, die gegenüberliegenden Küstenabschnitte und vor allem den Hafen von Toulon vor den Einfällen von Seeräubern zu schützen.

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Heute ist im großen  Turm des Forts eine Ausstellung über die Geschichte der Insel untergebracht. Dort gibt es auch eine Abbildung der ersten Karte der Goldinseln, wie die drei Hyères-Inseln, von denen Porquerolles die größte ist,  auch gerne genannt werden.

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Porquerolles gehört, wie die beiden anderen „Goldinseln“,  zu dem Nationalpark von Port-Cros, dem ersten europäischen Nationalpark übrigens, der Gebiete über und unter Wasser umfasst. Für Taucher ist dieser Nationalpark, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, eine große Attraktion. Vor allem  „La Gabinière“ mit seinen bis zum 1,5 m  großen Zackenbarschen und Barrakudaschwärmen.[3]

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Junge Barrakudas sieht man dort seit einigen Jahren in großen Schwärmen (Schulen). Den Taucher freut das – allerdings ist der das warme Wasser liebende Fisch ein biologischer Indikator des Klimawandels- das trübt dann doch etwas die Freude…  [4]

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Sehr schön ist auch das Tauchgebiet um die  „Zwei Brüder“, eine auffällige aus dem Meer ragenden Felsformation  an der östlichen Spitze von Porquerolles – hier von der Presqu’île de Giens aus im Abendlicht zu sehen.

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Auch Maler hat die Insel angezogen. Hier zwei Beispiele:

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Henri-Edmond Cross, Les Îles d’Or  1891/1892  Musée d’Orsay

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Jean-Francis Auburtin, Matin (Calanque à Porquerolles) Collection particulier (Das Bild wurde auf der Jahresausstellung 2023 der Villa Carmignac auf Porquerolles ausgestellt.)

Die Ausstellung moderner Kunst der Fondation Carmignac

Seit Juni 2018 hat Porquerolles eine weitere große Attraktion zu bieten: Die Kunstausstellung der Fondation Carmignac. Sie ist „680 Schritte vom Hafen“  entfernt auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen domaine de La Courtade, eines provençalischen Gehöfts, untergebracht, Drehort des Films „Pierrot le fou“ von Jean—Luc Godard. In den 1980-er Jahren  wurde das Anwesen von dem Architekten Henri Vidal erworben und zu einer noblen Villa umgebaut. Als dort 1989 seine Tochter  ihre Hochzeit feierte, war auch Edouard Carmignac eingeladen. Der verliebte sich in das Anwesen und kaufte es 2013. Kein Problem für einen der reichsten Männer Frankreichs (Platz 50), der laut Forbes über ein Vermögen von 1,7 Mrd Dollar verfügt.[5] Als „self-made-man“ hat er sich  zu einem der größten europäischen Vermögensverwalter hochgearbeitet, sich dabei aber immer noch eine Affinität zur Kunst erhalten – ursprünglich wollte er einmal Musiker werden. So erwarb er im Laufe der Zeit eine etwa 300 Gemälde und Fotografien umfassende Kunstsammlung, von denen 70 vom 2. Juni bis zum 4. November 2018  auf Porquerolles zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden/bzw. wurden.

Während die Stiftungen Louis Vuitton und Seydoux-Pathé (2014), die Lafayette- Stiftung  (Lafayette Anticipations 2018) und die Collection François Pinault (2019)  in Paris angesiedelt sind oder sein werden (und sich mit prominentesten Namen der internationalen Architektur-Szene schmücken), hat sich Edouard Carmagnac für einen Ort weit außerhalb der Hauptstadt entschieden. Dazu sein Sohn Charles,  Direktor der Stiftung und Chef  der Anlage auf Porquerolles:

 „Mein Vater wollte seine Sammlung an einem abgelegenen Ort zeigen, weg von Alltag, der Stadt und all den Dingen, die darüber hinaus stattfinden. Die Menschen müssen dafür ihren Alltag hinter sich lassen, sie müssen ein Boot nehmen, sie müssen hierherkommen, sie müssen laufen. Und hier sind sie abgeschieden und auch die Gedanken sind frei und klar und man hat eine Art inneren Frieden, um sich auf die Kunstwerke einzulassen und zu hören, was sie vermitteln wollen.“[6]

Allerdings war die Villa Vidals nicht für die Präsentation von Kunst und für Publikumsverkehr geeignet. Eine einfache Erweiterung war aber aufgrund des Nationalpark-Statuts der Insel nicht möglich. Die Lösung war, unter dem Haus zusätzliche Ausstellungsflächen von 2000 qm² zu schaffen. Die werden teilweise durch einen Schacht mit natürlichem Licht versorgt.

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Die gläserne Decke dieser Öffnung ist mit Wasser bedeckt, was unten und oben wunderbare wellenförmige Spiegelungen auf den  Wänden und Pfeilern produziert.

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Vor allem in dem Raum  direkt unterhalb der Glasdecke/Wasserfläche. Dessen „Ausstellungsobjekte“ sind große blaue Rechtecke an den Wänden, die vom einfallenden Licht belebt werden.  So hat der Besucher geradezu das Gefühl, sich auf dem Meeresgrund zu bewegen, wie Julien Bordier im Express schreibt. In der Tat ein genialer Einfall.[7] 

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Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Besucher aufgefordert werden, die Schuhe auszuziehen und barfuß auf den Grund des „sea of desire“ hinabzusteigen.  Und passend dazu kommt man dann auch direkt zu Bruce Naumans „One Hundred Fish Fountain“ von 2005, wo aus hundert verschiedenen und identifizierbaren Fischen Wasser sprudelt. Es ist übrigens der einzige Ausstellungsraum, der mit Türen versehen ist, so dass man sich intensiv dem Sehen und Hören überlassen kann- zumal es ein Gedränge wie bei vielen Pariser Kunstausstellungen nichtgibt: In die Fondation Camignac  werden pro halbe Stunde nur maximal 50 Besucher eingelassen.

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Im Hintergrund/Nachbarraum ein monumentales Bild von Roy Lichtenstein mit spielenden Mädchen am Strand  (Beach scene from Starfish)

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Ein Wels am Boden des Brunnens

Das Privileg eines eigenen Raums hat auch das  eindrucksvolle 16 Meter lange Panorama-Bild von Miquel Barceló. Es zeigt seltsame Tintenfische und Quallen, wie sie –so oder so ähnlich- der Künstler im Mittelmeer angetroffen haben mag.

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Das Werk wurde extra für diesen Raum gestaltet und hat denn wohl auch –wie der Brunnen Naumanns- gute Chancen, dort dauerhaft ausgestellt zu werden. 2019 war es jedenfalls noch da-  sogar mit Polstern auf dem Boden. So kann man gwissermaßen auf Tauchstation gehen und von dort aus das Unterwasserpanorama bewundern.

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Befindet man sich im Untergeschoss eher im aquatischen Milieu, so betont die Architektur des Erdgeschosses das terrestrische Element: Man ist an Land, geöffnet zur umgebenden Natur, dem Garten, den Pinien und uralten Olivenbäumen, aber das Wasser, das Meer, ist immer nahe.

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Blick auf den Leuchtturm…

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     … und über den Garten der Fondation aufs Meer

Die Verbundenheit der Fondation Carmignac mit Porquerolles wird schon am Eingang zum Ausstellungsgebäude deutlich: Da wird man von einer Bronzeplastik Miquel Barcelós empfangen.

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Dargestellt ist der Alycastre, ein Ungeheuer, das  der Legende nach Angst und Schrecken auf der Insel verbreitete. Zum weiteren Verlauf  gibt es offenbar unterschiedliche Versionen: Dem von der Stiftung herausgegebenen Ausstellungs-Flyer zufolge war es kein geringerer als Odysseus, der auf seiner Irrfahrt in die Heimat hier Schiffbruch erlitt und das von Poseidon ausgesandte Ungeheuer besiegen musste, bevor er seine Fahrt fortsetzen konnte.   Einer anderen Version zufolge war es ein kampferprobter Pilger, der dem Schrecken ein Ende machte:  Von einer Fahrt ins Heilige Land zurückkommend war er in Seenot geraten und von hilfsbereiten Inselbewohnern gerettet worden. Als Dank tötete er das Ungeheuer und  brachte der Insel damit Sicherheit und Glück zurück.[8] Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf, halb als Meeres-Ungeheuer dar, das über den Ort und seine Besucher wacht. Was für ein beziehungsreicher und schöner Empfang!

Der Alycastre kann vielleicht auch einen Schlüssel bieten zum Verständnis der Ausstellung:  Denn dort geht es auch um Gewalt und um die Gefahren, denen die Menschheit ausgesetzt ist. Darauf weisen einige der 8 Kapitel hin, in die die Ausstellung eingeteilt ist, wie „Brave New World revisited“ oder „Révolution, terreur et effondrement“.

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Bildausschnitt aus Joseph Kudelka, The Danube Delta, Romania (1994)

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Massimo Berruti: Mahnbanr (2011) Ausschnitt

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Tony Matelli, Weed 389 (2017) 

Und es geht in der Ausstellung auch um Glück und Schönheit in unserer Zeit. Bei dem Ausstellungskapitel Brave new world“ bezieht sich der Kurator der Ausstellung, Dieter Buchhart, ausdrücklich auf Huxleys berühmten Roman, den er in den 1930-er Jahren  ganz in der Nähe in Sanary-sur-mer geschrieben hat.

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David Spiller Be Happy (1998)

Auffällig ist gerade bei dem Thema Schönheit die deutliche Vorliebe des Sammlers für den mit insgesamt 9 Bildern  vertretenen Roy Lichtenstein: Carmignac  besitzt die größte Lichtenstein-Sammlung in Europa! Hier werden seine Arbeiten  mit einer Venus und einer Madonna Botticellis konfrontiert- den einzigen klassischen Gemälden der Ausstellung.  Dazu Edouard Carmignac:

„J’ai toujours vu une relation entre Botticelli et Lichtenstein. Le premier a défini l’archétype de la beauté occidentale à la Renaissance. Roy Lichtenstein, lui, a renouvelé le concept de la beauté contemporaine avec une nouvelle écriture composée de points et de lignes, inspirée par la bande dessinée. Pour moi, il est le plus grand peintre de la fin du XXe siècle.“

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Roy Lichtenstein, Collage for Nude with red shirt (1995)

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Sandro Botticelli, Venus (um 1490) Ausschnitt. Leihgabe der Musei Reali de Torino

 

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Roy Lichtenstein, Collage for Seductive Girl (1996)

Bei einem Rundgang kommt man vorbei an weiteren Werken der amerikanischen Kunst der 1960-er bis 1980-er Jahre, die ein Schwerpunkt der Sammlung ist,  und vielen weiteren Größen der internationalen zeitgenössischen Nachkriegskunst (Gerhard Richter natürlich eingeschlossen).

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Jean-Michel Basquiat: Zing (1984)

Dabei soll es sich um ein Portrait des tanzenden Edouard Carmagnacs handeln, das Basquiat in den 1980-er Jahren malte, als Carmignac an der Columbia-Universität studierte. Einige Jahre später entdeckte der inzwischen vermögende Sammler das Bild in einem Sotheby-Katalog und zückte sein Scheckbuch… Am unteren Rand kann man bei genauem Hinsehen noch ein –niac erkennen. 

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Jean- Michel Basquiat: untitled (Fallen Angel) 1981

Als Carmignac dieses Bild, laut Le Monde (3./4. Juni 2018) vor einigen Jahren für 6,4 Millionen Euro kaufte, wurde er von vielen für verrückt erklärt. Inzwischen haben die sicherlich eine andere Einschätzung. Der „gefallene Engel“ Basquiats soll übrigens in Carmignacs Hauptquartier an der noben place Vendôme seinen Platz im Treppenhaus gehabt haben: Da gingen die höheren Chargen seines Unternehmens vorbei und konnten sich dabei immner bewußt machen, dass man hoch steigen, aber sich auch leicht die Flügel verbrennen und abstürzen kann – eine schöne Anekdote.

Andy Warhol: Lenin (1986)  und Mao (1973)

Die Bilder haben  -dem Katalog zufolge-  sonst  übrigens ihren Platz im Büro von Edouard Carmignac! Der gehört zwar, noch einmal laut Le Monde,   mit einem Vermögen von 1,72 Milliarden Euro zu den reichsten Männern Frankreichs, aber er pflegt einen gewissen antibourgeoisen Nimbus.  Eines seiner Lieblingsworte soll insoumis sein, also aufsässig, widerspenstig. Ich nehme aber an, dass er nicht Melenchons Partei La France insoumise wählen oder gar unterstützen wird: Er dürfte sich ja kaum den bequemen Ast absägen wollen, auf dem er sitzt.

Lohnend ist auch ein Spaziergang durch den großen, allmählich in die umgebende Natur übergehenden Garten des Anwesens, der auch als Ausstellungsraum dient.

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Zum Beispiel für die vom deutschen Künstler Nils-Udo eigens für den Museumsgarten geschaffenen riesigen  Marmoreier mit ihren reizvollen Schattenspielen.

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….oder für die vier im Olivenfeld aufgestellten monumentalen Köpfe von Ugo Rondione (Four Seasons

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und die drei Alchimisten von Jaume Plensa – hier einer der drei.

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Die Assoziation an Jurassic Park oder die Osterinsel liegt da natürlich nahe.[9]

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Das auffällig weiß verputzte Gartenhaus, sichtbar in dem Film Godards, gehört auch zu den Ausstellungsobjekten:

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Der Verputz der Wände ist von dem portugiesischen Künstler Alexandre Farte (AKA VHILS) eingeritzt, so dass Muster und Bilder entstehen: Scraching the surfaces. 

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Der Brunnen im Stelenlabyrinth von Jeppe Hein (Path of Emotions)

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La  femme de ma vie von Patrice Hyber (seit 2019)

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Neu ist auch die Installation des brasilianischen Künstlers  Cildo Meireles Volátil. Des handelt sich um eine Hütte, deren Boden vielleicht 40 cm hoch mit Talg bedeckt ist. Innen ist es völlig dunkel, man tastet sich durch den Raum, watet durch den Talg, versucht sich zu orientieren, vielleicht auch mit Hilfe von (maximal vier) anderen Personen, die sich auch dort befinden. Und schließlich entdeckt man im Dunkel – in der Nähe? wo genau?- ein Licht… Eine spannende Erfahrung.

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Als Fazit kann ich mich nur uneingeschränkt dem Urteil des Deutschlandfunks anschließen:

„Es ist bemerkenswert, wie schnell man hier zur Ruhe kommt und nicht, wie in Museen so oft, von einem Raum in den anderen hetzt, um ja alle Werke innerhalb einer bestimmten Zeit zu sehen. Hier spielen die erstklassigen Kunstwerke vielleicht nicht wirklich die größte Rolle. Es ist vielmehr das Zusammenspiel von Landschaft, Architektur, Kunst, Gerüchen und Geräuschen, das die Fondation Carmignac zu einem neuen, bisher ungewöhnlichen Kulturort macht“.[10]

Prosaischer drückt das der Tripadviser mit seinen 4,5 Punkten aus, davon weit überwiegend  der Bewertung „ausgezeichnet“.[11]

Zu verdanken haben wir dies Edouard Carmignac, dem Kunstliebhaber, Vermögensverwalter und Milliardär. Welche Zusammenhänge es zwischen diesen drei Aspekten  gibt? Die zur Eröffnung des Projekts eingeladenen Journalisten haben, soweit ich das sehe, diese Frage vornehm übergangen. Nur Tim Ackermann von der ZEIT hat den Direktor der Stiftung auf die ökonomische Dimension der Kunstsammlung angesprochen:  Aber garantieren die grundsoliden Werke mit überwiegend klingenden Künstlernamen nicht stabile Preise beim Wiederverkauf?“ eine angesichts der aktuellen Kunstmarkt- Hype mit seinen horrenden Preissteigerungen äußerst zurückhaltende Formulierung. Charles Carmignac weist eine solche Vermutung aber treuherzig  von sich:

„Mein Vater sieht die Sammlung nicht als Investment. Die Kunstwerke sind seine Leidenschaft. Er liebt es, sich mit ihnen zu umgeben und seinen Geschmack mit anderen Kunstliebhabern zu teilen.“ [12]

Mag ja sein.  Aber wenn die öffentlichkeits- und werbewirksame Präsentation der Sammlung auch noch zur Vermehrung seines Vermögens beiträgt, wird Edouard Carmignac sicherlich nicht traurig sein. Die gut 100 Millionen Euro, die Carmignac für die Anlage von Porquerolles (Kauf des Grundstücks, Umbau der Villa, Außenanlagen)  ausgegeben hat, haben sich jedenfalls sicherlich schon längst ausgezahlt.

Denn Monsieur Carmignac ist ganz offensichtlich  sehr darauf bedacht, sein Vermögen zu mehren und er scheint dabei sogar auch Mittel am Rand bzw.  jenseits der Legalität anzuwenden. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Juni/1.Juni findet sich jedenfalls die Information, dass „Carmignac Gestion, fleuron de la gestion de capitaux“ bereit gewesen sei, (zusätzlich zu schon bezahlten 21 Millionen Euro) 30 Millionen Euro an die französische Finanzverwaltung zu bezahlen. Im Gegenzug sei das juristische Verfahren gegen das Unternehmen eingestellt worden.  Man habe ihm vorgeworfen, durch illegale Maßnahmen („un montage à Luxembourg“) seine eigentlich fälligen Steuerabgaben vermindert zu haben…

Henri Nijdam, ein weiterer erfolgreicher Unternehmer, der sich in Porquerolles verliebt und dort niedergelassen hat, sieht in in Carmignac den Endpunkt einer Entwicklung der Insel, in der sich die Geschichte des Kapitalismus im 20. Jahrhundert spiegele (14): Zuerst sei es François Joseph Fournier gewesen, der sein Vermögen in den Goldminen Mexikos gemacht habe. Der habe 1912 die Insel gekauft und  dort seine Utopie eines friedlichen Zusammenlebens verwirklichen wollen. Dann sei ihm Henri Vidal gefolgt, der Erfinder eines Patents, das  den Bau von Pisten zum Starten und Landen von Flugzeugen revolutioniert habe. Der habe die Insel mit der Anlage von Weinbergen geprägt.  Und schließlich und (vorerst endlich) der Finanzmogul Carmignac mit der Kunst…. Fortsetzung folgt…?

Praktische Informationen

Es gibt regelmäßige Fährverbindungen zwischen dem Port de la Tour Fondue an der Spitze der Presqu’île de Giens und Porquerolles. Die Fahrzeit dauert etwa 20 Minuten. Am Port de la Tour Fondue gibt es große Bezahlparkplätze.[13]

Im Touristenbüro am Hafen von Porquerolles erhält man einen Plan des Ortes, in dem auch die Fondation Carmignac eingezeichnet ist, die man bequem zu Fuß in etwa einer Viertelstunde erreicht.

Eintrittskarten sollte man am besten vorreservieren, weil pro halbe Stunde immer nur maximal 50 Personen eingelassen werden. (www.fondationcarmignac.com )   Aber wenn man, wie wir, außerhalb der Hauptsaison  kommt, hat man gute Chancen, auch ohne Vorreservierung dabei zu sein.

Ab April wird eine neue Ausstellung in der Fondation Carmignac präsentiert werden.

Es gibt auch einen Katalog zur Sammlung der Stiftung  zum stolzen Preis von 65 Euro.

Anmerkungen

(1) Die beiden Zeichnungen in diesem Beitrag stammen aus einem schönen Heft von Cécile Pierre über die Insel Porquerolles.  www. callicecilecom

[1a] https://www.hyeres-tourisme.com/equipement-loisir/plage-notre-dame/

[2] Zur Flora der Insel: http://www.horizon-nomade.com/porquerolles-ile-dexception/ Dort auch das Arbousier-Foto.

[3] Bilder aus: http://www.plongees-de-reve.fr/porquerolles

[4] http://www.portcros-parcnational.fr/fr/des-connaissances/patrimoine-naturel/la-faune/poissons/barracuda

Siehe dazu den Bericht aus Le Monde vom 24. Juni 2021: Faune et flore de la Méditerranée boulversées par le réchauffement. La tmpérature de la Grande Bleue augmente 20%, plus rapidement que la moyenne mondiale. Darin werden die desaströsen Folgen der Erwärmung für das Ökosystem des Mittelmeers beschrieben.

[5] https://www.forbes.com/profile/edouard-carmignac/#29ff9b994b16

[6] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[7] https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[8]  Siehe: Dominique Amann, Dragnos et Dracs dans l’imaginaire provençal. Toulon 2006, S. 156/157  Abgedruckt in:  http://www.porquerolles-patrimoine.fr/digressions/alic.html

[9]  „Porquerolles prend alors des allures de Jurassic Park ou d’île de Pâques.“

https://www.lexpress.fr/culture/art/fondation-carmignac-un-lieu-d-art-a-part_2013568.html

[10] https://www.deutschlandfunkkultur.de/fondation-carmignac-auf-porquerolles-ein-kunstmuseum-im.1013.de.html?dram:article_id=419153

[11] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g681252-d14156540-Reviews-Fondation_Carmignac-Porquerolles_Island_Iles_d_Hyeres_French_Riviera_Cote_d_Azur.html

[12] https://www.zeit.de/2018/24/fondation-carmignac-museum-insel-porquerolles

In einem Beitrag von TV 2 über Verrücktheiten des Kunstmarktes, der im November 2018 in den Abendnachrichten ausgestrahlt wurde, wurde übrigens auf einige reiche Kunstsammler verwiesen, die durch ihre immensen Geldmittel die Kunstpreise in die Höhe treiben. In diesem Zusammenhang wurde  ausdrücklich auch Edouard Carmignac verwiesen.

[13] www.tlv-tvm.com

https://voyagesetgourmandises.fr/horaires-des-bateaux-de-la-tour-fondue-a-porquerolles/

Karte aus: http://www.fondationcarmignac.com/fr/villa-carmignac/voyager

(14) Sur l’Île de Porquerolles, le trésor révélé des Carmignac. Le Monde 3./4. Juni 2018 (S. 16 und 17)

Blog-Beiträge zu weiteren Jahresausstellungen der Fondation Carmignac:

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 der Fondation Carmignac:   https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

Mit Odysseus im Labyrinth: Die Jahresausstellung 2022 in der Fondation Carmignac auf Porquerolles  https://paris-blog.org/2022/08/01/mit-odysseus-im-labyrinth-die-jahresausstellung-2022-der-stiftung-carmignac-auf-porquerolles/