Pablo Picasso, von Paul Smith poppig präsentiert: Die Jubiläumsausstellung im Pariser Picasso-Museum (2023)

Aus Anlass des 50. Jahrestages von Picassos Tod am 8. April 1973 hat sich das Picasso-Museum in Paris etwas Besonderes, Extravagantes ausgedacht: Es hat dem englischen Designer Paul Smith freie Hand, „carte blanche“, gegeben, die Werke Picassos in neuem Gewand zu präsentieren.

Smith, der für seine farbenfrohe Mode bekannt ist, hat weltweit Geschäfte eröffnet und seine Kollektionen in über 70 Ländern vertrieben, auch Motorrädern und Fahrradtrikots verlieh er sein Design.  Für seine Verdienste um die britische Modewelt schlug ihn die Queen im Jahr 2000 zum Ritter. Jetzt hat er zum ersten  Mal  auch eine Kunstschau gestaltet. 

Man wolle Picasso in einem neuen Licht zeigen und ein anderes, jüngeres Publikum anlocken, sagte der 76-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Ausstellungen in weißen Räumen zu präsentieren sei streng und seriös. Die junge Generation sei visuell..[1]  In sein buntes Universum hat er nun über 150 Werke des Künstlers getaucht:

Da hängt Picassos „Frühstück im Grünen nach Manet“ (Le Déjeuner sur l’herbe d’après Manet) passend in einem grün ausgemalten Raum. Und die Ziegen werden sich auf dem Grün sicherlich auch wohl fühlen….

Beim sitzenden Akt aus dem Jahr 1906/07, einer Studie für die Demoiselles d’Avignon, nimmt Smith als Wandfarbe die Farbe des Sofas auf.

Und selbstverständlich hängen das Selbstportrait (1901) und La Célestine (1903/04) aus der blauen  Phase Picassos vor einem tiefblauen Hintergrund….

Die Wände des dem Stierkampf-Thema gewidmeten Raums sind -wie könnte es anders sein- rot gestrichen. Es handelt sich um eine Lackfarbe, rot „wie frisches Blut“.[2]

Aber natürlich begnügt sich Smith nicht mit monochrom-farbigen Hintergründen, die inzwischen ja in vielen Museen üblich geworden sind.

Es sind vor allem die bunten Streifen, die in Picassos  Werken der 1930-er Jahre eine große Rolle spielen und die Paul Smith  in seinen  Hintergründen aufnimmt.  Hier die gelben Streifen im Bild der von Marie-Thérèse Walther inspirierten Lesenden.  (La Lecture, 1932)   

Die blauen Streifen haben  es Picasso  und Paul Smith besonders angetan. Sie  finden sich nicht nur in den Werken Picassos und an Ausstellungswänden. Picasso posierte  auch gerne mit einem blau-weiß gestreiften Pullover, wie in der Ausstellung gezeigte Fotografien von Robert Doisenau zeigen.

Robert Doiseneau, Portrait de  Pablo Picasso in seinem Atelier in Vallauris, 1952

Dazu passen dann die darüber aufgehängten Marine-Pullover. Die Verbindung der Farbe Weiß mit etwas Blau ist für Paul Smith Ausdruck der Ruhe: „Es ist die Ruhe des Meeres, der frischen Luft und des Strands.“[3]

Alte Eichenbalken und Smith’sche Streifen im Dachgeschoss des  Museums

Streifen  sind nicht nur ein wesentliches Moment im Werk Picassos, sondern auch ein Markenzeichen von Paul Smith. Die enge Beziehung zwischen beiden zeigt sich gerade hier und im spielerischen Umgang damit, wie  Paul Smith sagt: „Als ich an dem Projekt arbeitete, habe ich gelernt, wie sehr sich Picasso für alles interessierte, dass er spielerisch war wie  ein  Kind. Das hat man oft auch von mir gesagt, und das hat mich sehr ihm nähergebracht.“

Besonders auffällig präsentiert wird in der Ausstellung Picassos Gemälde seines Sohnes Paul, der die  typische Tracht mit dem buntem Rautenmuster eines Harlekins trägt.  (Paul en Arlequin, 1924). Nach den Worten von Paul Smith habe er gerade an dem Rautenmuster der Wand besonders intensiv gearbeitet, damit es „nicht perfekt und mechanisch“ werde.

1925 malte Picasso den kleinen Paul im Pierrot-Kostüm (Paul en Pierrot), und auch hier überträgt Paul Smith ein Motiv des Kostüms, die großen Knöpfe, auf die Wand.

Das Zusammenfügen von Alltagsgegenständen oder das Zusammenkleben von Papierausschnitten (papiers collés) sind typische Techniken Picassos. Smith nimmt das hier auf durch die nebeneinander geklebten unterschiedlichen Tapetenbahnen, die gleichzeitig in ihrer zurückhaltenden Farbigkeit zu dem Bild an  der Wand passen. Es handelt sich um das 1917/18 entstandene Portrait von Olga, mit der Picasso seit 1918 verheiratet war, der Mutter des kleinen Paul.

Dies ist kein Picasso, sondern ein Paul Smith: Ausschnitt eines im Stil Picassos bemalten großen hölzernen Kubus, der in dem Raum mit  Gemälden Picassos und Braques aus der kubistischen Phase aufgestellt ist. Die Straße soll wohl veranschaulichen, dass der Kubismus nur eine Phase in der langen und vielfältigen Entwicklung Picassos ist…  

Picasso, Homme à la guitare, 1911 (Ausschnitt)

Georges Braques, Nature morte à la bouteille, 1910 (Ausschnitt)

An den heimischen Wald der Eule erinnert das Sperrholz der Vitrine, in der sie ausgestellt ist. (Chouette, Vallauris, 30. Dezember 1949)

In dem Raum, in dem Werke Picassos aus den 1950-er Jahren ausgestellt sind, hat Smith große 50-er auf die Wand gemalt. Hier rahmen sie „Jacqueline aux mains croiseées“ aus dem Jahr 1954 ein. Es ist ein Portrait von Jacqueline Roque, der letzten Lebensgefährtin Picassos, die er 1961 heiratete.

Bei den bemalten Tellern, die Picasso in den Jahren 1947 bis 1949 in Vallauris herstellte, hat sich Smith als Umrahmung etwas Besonderes einfallen lassen, nämlich einfache industriell hergestellte Teller- eine durchaus reizvolle Gegenüberstellung.  

Drei mit Faunsköpfen bemalte Teller Picassos und drei industriell hergestellte Gebrauchsteller

Dieses Werk Picassos aus dem Jahr 1942 ist seine wohl bekannteste Schöpfung, bei der er Gebrauchsgegenstände verwendete, um daraus ein Kunstwerk zu schaffen. Hier handelt es sich um einen Fahrradsattel und einen Lenker, die Picasso auf einer Müllkippe gefunden haben soll. Und entstanden ist daraus ein Stierkopf (tête de taureau) ….

Und was macht Paul Smith- selbst ein begeisterter Radfahrer- damit? Er stellt dem Picasso’schen Stierkopf eine Serie von Lenkern und Sätteln gegenüber, einer davon durch Form und Farbe besonders hervorgehoben…  Das surrealistische Meisterwerk Picassos wird dadurch umso mehr ins rechte Licht gerückt.

Dies alles findet statt in einem klassischen Bauwerk im Marais, dem Hôtel Salé, einem Stadtpalais (hôtel particulier) aus dem 17. Jahrhundert.

Gartenseite des Hôtel Salé/Picasso-Museums © Fabien Campoverde

Nach den auf der Website des Museums zitierten Worten des Kunsthistorikers Bruno Foucart handelt es sich um „das größte, außergewöhnlichste, um nicht zu sagen extravaganteste der große Pariser Stadtpalais des 17. Jahrhunderts“.[4]  Sphingen rahmen die Fassade ein. Im oberen Stockwerk mit den repräsentativen  Räumen sind die Bewohner und Besucher des Palais fast auf Augenhöhe mit Zeus – ausgewiesen durch Adler und Herrscherstab…  

Zentrum und Meisterwerk des Palais ist die große Treppenanlage, die nach dem Vorbild der von Michelangelo entworfenen Treppe der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz errichtet wurde: Durch die vielfältigen Perspektiven und reiche Ornamentik ein „salle de spectacle“.[5] Der breite Aufgang wird von einem hochherrschaftlichen Balkon überragt.

Auf der Rückwand nimmt Picassos Akrobat von 1930 zwischen korinthischen Pilastern einen Ehrenplatz ein. Hier hat Paul Smith auf Eingriffe verzichtet. Seitliche, allein funktionale Treppenaufgänge hat er allerdings etwas farbig eingerahmt….

… und eine Rampe sogar mit einem buntgestreiften Teppichboden belegt.

Auf die Fenster dort sind kleine Figuren gemalt, die vielleicht als Suchspiel für Kinder dienen können.

Ich könnte mir vorstellen, dass Picasso mit der neuen poppigen und auch humorvollen Präsentation seiner Arbeiten durchaus einverstanden gewesen wäre, ja, dass er seine Freude daran gehabt hätte.  Denn Humor hatte Picasso, wie in einem Raum mit Blättern aus der Modezeitschrift Vogue vom Mai 1951 gezeigt wird.

Picasso machte sich einen Spaß daraus, Fotos der Zeitschrift mit der Tuschfeder etwas zu verändern.  So werden aus Modefotos teilweise groteske Bilder.

Die von der Modezeitschrift vermittelte bourgeoise „heile Welt“ wird so konterkariert.

Sehr gerne fügt Picasso kleine phantastische Figuren hinzu, eine Mischung aus Teufelchen und Faun.

Dieser nähert sich aufdringlich und handgreiflich der jungen Dame im Hochzeitskleid an heiligem Ort…

Hier zeigt Picasso -natürlich wieder im blau-weißen Pullover-  im September 1952 in Vallauris dem  Fotografen Robert Doisneau die Seite 33 der Ausgabe Mai 1951 von Vogue. Das war für ihn ganz offensichtlich eine wichtige Facette seines Werks.

Insgesamt eine völlig unfeierliche Ausstellung „voll Humor und Frische“ (Le Figaro), wie man sie zum 50. Jahrestag des Todes von Picasso nicht unbedingt an diesem Ort hätte erwarten können. Unbedingt empfehlenswert!


[1] https://www.derstandard.de/story/2000144250988/designer-paul-smith-gestaltet-picasso-schau-in-paris

[2] Valérie Duponchelle und Anne-Sophie von Claer, Le coup d’éclat de Paul Smith au  musée  Picasso. In: Le Figaro,3. März 2023

[3] Interview mit Le Figaro: „Ich suis par natureun optimiste“. Le Figaro vom 3. März 2023

Alle Zitate von Paul Smith  in diesem Beitrag sind diesem Interview  entnommen,

[4] https://www.museepicassoparis.fr/fr/lhotel-sale

[5] a.a.O.

Praktische Informationen

Die Ausstellung Célébration Picasso ist bis 27. August 2023 zu sehen.

Musée National Picasso-Paris

5 rue de Thorigny, Paris 3. Arrondissement

Von 10:30 bis 18 Uhr.   Samstag und Sonntag und während der Schulferien von 9.30 bis 18 Uhr. Montag geschlossen.

https://de.parisinfo.com/wo-ausgehen-in-paris/info/fuhrer/ausstellung-des-nationalmuseums-picasso-paris

Reservierunghttps://parisjetaime.com/billets/musee-national-picasso-paris-visite-libre-m9000596

Im Jubiläumsjahr gibt es eine Vielzahl internationaler Picasso- Ausstellungen.. Darunter auch auch eine im Centre Pompidou in Paris:

Picasso. 2023 Zeichnungen (18.10.2023–22.1.2024)

Nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung wird diese Ausstellung sogar wohl „wichtigstes Ereignis im Jubiläumsjahr“ sein.

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„L’homme qui marche“ (der schreitende Mann) von Alberto Giacometti: Eine exquisite Ausstellung in einem exquisiten Pariser Ambiente

Vom 4. 7. – 29.11.2020 wird im Pariser Institut Giacometti die Ausstellung  L’homme qui marche gezeigt:

  • Eine exquisite Ausstellung, geht es hier doch um eine Ikone der modernen Kunst – mit entsprechenden Konsequenzen für den Kunstmarkt:  2010 wurde ein Exemplar des schreitenden Mannes –es gibt mehrere Versionen- für 74 Millionen Euro versteigert und erzielte damit den bis dahin höchsten Preis, der je für ein Kunstwerk auf einer Auktion bezahlt wurde.[1]  Dieses Werk in seinem Kontext zu präsentieren, ist niemand besser geeignet  als  die Stiftung Giacometti, die den Nachlass des Künstlers verwaltet.
  • Präsentiert wird diese Ausstellung dazu an einem ganz besonderen Ort, dem Institut Giacometti. Das hat seit 2018 seinen Sitz in einem heute unter Denkmalschutz stehenden wunderbaren Jugendstil/Art déco- Stadtpalais in Montparnasse, einem unglaublichen Ort, der jetzt zu einem, wie der Figaro schreibt, petit bijou de musée geworden ist.[2]

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Die Verbindung einer so exquisiten Ausstellung mit einem so exquisiten Ort ist einfach wunderbar.

Gebaut wurde das Haus zwischen 1911 und 1914 von Paul Follot, einem –wie man heute sagen würde- Designer zwischen Art nouveau (Jugendstil) und Art déco. Follot war ein Generalist.  Vom Silberbesteck, über Keramiken (für Wegwood), Teppiche (für die Savonnerie-Manufaktur), Möbel und Seidenstoffe bis zur Ausstattung des Pariser Nobelkaufhauses  Bon Marché und der Normandie, des bei seiner Indienststellung 1935 größten und  luxuriösesten  Überseedampfers der Welt, entwarf er alles.[3]

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Und das Wohnhaus für seine Familie, das gleichzeitig auch als Atelier und als Ausstellungsraum für die von ihm entworfenen Gegenstände diente, entwarf er natürlich auch: Ein Gesamtkunstwerk, das bei seiner Einweihung 1914 Le Tout- Paris  anlockte.[4]

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Das Haus liegt in dem Künstlerviertel Montparnasse, in der Rue Schoelcher Nummer 5.

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Und es liegt damit nur wenige Straßenzüge entfernt von der Rue Hippolyte-Maindron, wo Giacometti sein Atelier hatte und von 1926 bis zu seinem Tod 1966 – mit kriegsbedingter Unterbrechung- lebte und arbeitete, woran eine Plakette am Haus noch erinnert.[5]

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Ein Großteil der Einrichtung von Follots Stadtpalais war zwar schon früher versteigert worden,  aber es gibt noch genug Elemente der Inneneinrichtung zwischen Jugendstil und Art déco, die  an Follot und die Glanzzeiten des Hauses erinnern:

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Hier die Kaminnische im Atelier von Paul Follot:

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Besonders schön gestaltet sind die Glasfenster in den Türen…

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… oder hier in der Trennwand zum Atelier.

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Auch  das Waschbecken in der Toilette hat Follet entworfen.

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Auch ohne das ursprüngliche Mobiliar bilden doch die noch erhaltenen Elemente der Ausstattung  „un ensemble décoratif homogène et unique en France.“[6]

Für die Fondation Giacometti war es ein Glücksfall, Parterre und Zwischengeschoss des Gebäudes für das Institut Giacometti erwerben zu können.

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Es war genau das, was die Leiterin der Stiftung, Catherine Grenier, suchte:

Ich suchte nach einem Ort von rund 350 m2, der keine „white box“ oder ein haussmannisches Interieur ist. Ich suchte nach einem Künstleratelier in Montparnasse, um die Verbindung mit dem für ihn so wichtigen „«génie des lieux“ aufrechtzuerhalten. Beim Verlassen der rue Victor Schœlcher Nummer 5 werden die Besucher in Giacomettis Fußstapfen treten und wie er nach La Coupole, zum Select, gehen können. Simone de Beauvoir lebte in dieser Straße, Picasso hatte dort eine Werkstatt. (…)  Wir kauften zwei Stockwerke, das Erdgeschoss und das Zwischengeschoss dieses denkmalgeschützten Gebäudes.“[7]

Finanziell waren der Kauf und die aufwändige Restaurierung für die Stiftung kein Problem: Geld war durch den Verkauf eines Bildes hinreichend vorhanden, das Miro Giacometti geschenkt hatte….

 

Das Atelier Giacomettis

BILD bildstudio.net

Prunkstück des Instituts Giacometti ist das hier wieder –zum ersten Mal- vollständig rekonstruierte und dauerhaft ausgestellte Atelier des Künstlers.[8]  Giacomettis Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes das Atelier mit allen Einzelheiten gesichert.

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Selbst seine benutzten  Malerutensilien und die letzen Zigarettenkippen sind erhalten und ausgestellt.

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Giacometti hat in dieser nur  23qm2 großen „Höhle“ bis zu seinem Tod  gearbeitet und auch gelebt.

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Auch als arrivierter Künstler änderte er an seinem spartanischen Lebensstil nichts.

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Alberto Giacometti wurde dort von zahlreichen Fotografen portraitiert, unter anderem 1957 von Robert Doisneau.[9]

Die aufwändige Erhaltung des Ateliers ist mit dessen großer Bedeutung für das Verständnis des Werkes Giacomettis und des Künstlerviertels Montparnasse zu erklären:

„Giacometti hat immer wieder den besonderen Charakter seines Ateliers hervorgehoben, eines mythischen Ortes, der im kollektiven Gedächtnis als Symbol des künstlerischen Lebens des Montparnasse-Bezirks erhalten geblieben ist.  Untrennbar verknüpft mit der Legende des Künstlers, ist das Atelier notwendig für das Verständnis seines Werkes. Die mit Zeichnungen bedeckten Wände sind Zeuge der vierzig Jahre langen Arbeit des Künstlers und enthalten wertvolle Hinweise auf seinen kreativen Prozess.[10]

Zur Entwicklung des Ateliers als ein „mythischer Ort“ hat auch Jean Genet beigetragen, der mehrmals Modell für Giacometti gestanden hat und der 1957 den Essay L’Atelier d’Alberto Giacometti geschrieben hat.

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Auf dem Titelbild ist auch ein Gipsmodell des schreitenden Mannes abgebildet, das Giacometti sein Leben lang behalten hat, auch wenn es arg ramponiert war (und ist): Bei der Fragilität von Form und Material nur allzu verständlich.  Erst nach dem Krieg war Giacometti prominent genug, dass seine Skulpturen auch in Bronze ausgeführt wurden. Selbstverständlich ist das Gipsmodell des schreitenden Mannes -neben anderen Entwürfen-  auch  in dem Atelier in der rue Schoelcher zu sehen.

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Impressionen der Ausstellung

In dieser Ausstellung sind  zum ersten Mal die wichtigsten Werke der  mehr als dreißig Jahre dauernden Beschäftigung Giacomettis mit dem aufrechten Gang des Menschen zusammengeführt worden.

Hier im Zwischengeschoss gebührend gewürdigt wird die Femme qui marche von 1932, also noch aus der surrealistischen Periode Giacomettis. Diese an die ägyptische Kunst erinnernde kerzengerade stehende Statue markiert die Wiederentdeckung des menschlichen Körpers durch Giacometti.

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Die Figur zwischen zwei Häusern aus dem Jahr 1950 ist ein Werk der Nachkriegszeit, in dem noch einmal der Geist des Surrealismus anklingt. Das für Giacometti typische Motiv des Käfigs wird hier aufgenommen in den beiden Häusern, zwischen denen die Figur schreitet, aber auch gefangen ist: „Un univers absurde“.[11]

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Das folgende Bild zeigt „Die Nacht“ von 1946, von Giacometti betitelt als study for a monument. Vielleicht gehörte das zu dem Entwurf eines für die Stadt Paris bestimmten, aber abgelehnten Projekts zur Erinnerung an den Pädagogen Jean Macé.

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Giacometti:  Es ist ein schlankes junges Mädchen, das im Dunkeln herumtappt und Nacht heißt.

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Im zentralen Raum des Institut, dem ehemaligen Atelier von Paul Follet, stehen drei der schreitenden Männer Giacomettis. Natürlich gibt es dazu auch zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus über 30 Jahren.  Denn das Thema, wie man mit einer immobilien Statue Bewegung anschaulich machen kann,  hat Giacometti jahrelang intensiv beschäftigt. Das zeigt auch seine Auseinandersetzung mit Rodins Homme qui marche. Eine Abbildung davon war in Rilkes 1920 erschienenem Rodin-Buch enthalten. Giacometti hatte es dort nachgezeichnet und die Arme und den Kopf ergänzt, die bei Rodin fehlen.[12] Trotzdem ist aber, wie die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über die Ausstellung urteilt,  keine  Entwicklung  bei der Bearbeitung des Themas  zu erkennen.  Das erlaube der Ausstellung, es mit wenigen gut ausgesuchten Werken  erschöpfend zu behandeln.[13]

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Ein Werk nur rumore durch seine Abwesenheit, wie die Süddeutsche Zeitung weiter schreibt:  „In einem dem Katalog beigefügten „Erratum“-Zettel nimmt das Institut Giacometti mit scharfen Worten seine dort ausgesprochene Danksagung an die Unesco zurück. Deren Leitung hatte die Ausleihe der seit 1970 in ihrem Besitz befindlichen Version des „Homme qui marche“ von 1960 zugesagt und dann wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung wieder zurückgezogen, weil das Museum der Forderung auf eine Versicherungssumme von 100 Millionen Euro nicht nachkommen konnte. Solche überzogenen Ausleihbedingungen kämen immer öfter vor und seien skandalös seitens einer öffentlichen Organisation, empört sich Catherine Grenier, die Direktorin des Institut Giacometti. Bei der Unesco bedauert man den Vorfall, doch halte man sich bei allen Ausleihen an eine unabhängige Einschätzung des Versicherungswerts.“ [14]

100 Millionen Euro Versicherungswert! Das muss man sich, nachdem man an dem ärmlichen Atelier Giacomettis vorbeigegangen ist, gewissermaßen auf der Zunge zergehen lassen. Und das umstrittene Objekt in der UNESCO ist immerhin (ausschnittsweise)  hier zu sehen:

Giacometti L'homme qui marche

Diese Version des schreitenden Mannes gibt es also nicht im Institut Giacometti  zu sehen. Aber es gibt die Möglichkeit, sich in die Bibliothek im ehemaligen Atelier Paul Follots zu setzen  und in Ruhe in den dort ausgestellten Ausstellungskatalogen zu stöbern.

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Das entspricht dem Konzept des Institut Giacometti, das ausdrücklich kein „normales Museum“ sein möchte. Welch ein Genuss, in diesem Raum zu lesen und dabei ab und zu  einen Blick auf die drei schreitenden Männer zu werfen und das Spiel von Licht und Schatten über ihren Köpfen zu beobachten!

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Praktische Informationen:

L’Homme qui marche. Une icône du XXe siècle.

Fondation Giacometti

5, rue Victor Schoelcher  75014 Paris

Dienstags bis Sonntags 10-18 Uhr

Unabhängig von Corona ist eine Besichtigung  ausschließlich mit Online-Reservierung möglich:   https://www.fondation-giacometti.fr/fr/institut

Eine Leserin des Blogs hat mich auf eine sehr schöne weiterführende Lektüre zum homme qui marche aufmerksam gemacht:

Lydia Salvayre, Marcher jusqu’au soir  (Reihe „Ma nuit au musée“) Stock 2019

Lydia Salvayre (Prix Goncourt 2014)  hat 2016 während der Ausstellung „Picasso -Giacometti“ eine ganze Nacht im musée Picasso zugebracht und ihr Feldbett vor dem l’homme qui marche aufgeschlagen, nach ihrer Überzeugung « l’œuvre au monde qui disait le plus justement et de la ­façon la plus poignante ce qu’il en était de notre condition humaine : notre infinie solitude et notre infinie vulnérabilité (…), notre entêtement à persévérer contre toute ­raison dans le vivre » . 

In diesem sehr persönlichen Buch l’auteure décrypte son rapport à l’art. Elle se plonge dans la vie de Giacometti, se reconnaît dans son acceptation de l’échec, sa radicalité, son désir d’échapper aux diktats de l’époque pour tracer sa voie en répercutant le chaos du monde et l’inacceptable condition humaine.  (Aude Carasco, La Croix 16.5.2019 – dort auch das nachfolgende Bild)

« Marcher jusqu’au soir » de Lydie Salvayre

Nachtrag:

Am 18. November 2022 erschien in der FAZ ein kleiner Artikel mit der Überschrift: Haus in Paris und dem Untertitel Umbau für Giacometti. Bis 2026 soll in der ehemaligen Gare des Invalides, der derzeit als Air-France-Terminal dient, die Fondation Giacometti eine Ausstellungsfläche von stolzen 6000 Quadratmetern  erhalten. Der Umbau wird durch den Internet-Milliardäe Xavier Niel finanziert, „Wird das Projekt in der angekündigten Form  verwirklicht, handelt es sich für die Stiftung um einen Quantensprung“ und der Invaliden-Bahnhof könnte zu einem der großen Pariser Museen werden.

Man darf gespannt sein,

Anmerkungen:

[1] https://www.dw.com/de/schreitender-mann-erzielt-rekordpreis/a-5215537

[2] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2018/06/20/03015-20180620ARTFIG00333-l-institut-giacometti-un-petit-bijou-de-musee-est-ne-a-paris.php

[3]  https://www.diepresse.com/5726509/paris-atelierbesuch-bei-giacometti

[4] http://www.ateliersdelachapelle.com/1760-2/

[5] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Alberto_Giacometti

[6] http ://www.ateliersdelachapelle.com/1760-2/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expo sitions/2018/06/20/03015-20180620ARTFIG00333-l-institut-giacometti-un-petit-bijou-de-musee-est-ne-a-paris.php

[8] Bild von:  https://www.fondation-giacometti.fr/fr/institut#/fr/article/285/architecture-pascal-grasso

[9] Bild aus:  http://www.en-noir-et-blanc.com/Alberto%20Giacometti%20dans%20son%20atelier%20par%20Robert%20Doisneau-id2.html  Siehe auch die schönen Portraits Giacomettis in seinem Atelier von Sabine Weiss aus dem Jahr 1954: https://www.artsy.net/artwork/sabine-weiss-giacometti  und  von Gordon Parks: https://www.pinterest.de/pin/47569339784883220/

[10] https://www.fondation-giacometti.fr/fr/reconstitution-de-latelier

Übersetzung von W.J.

[11] Siehe Broschüre der Ausstellung

[12] Giacometti fait bouger les statues. La fondation consacrée à l’artiste étudie la genèse de son œuvre célèbre ‚Homme qui marche‘. In: Le Monde 9. Juli 2020, S. 23

[13] https://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-in-paris-ein-viel-zu-menschliches-menschenbild-1.4971795

[14] https://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-in-paris-ein-viel-zu-menschliches-menschenbild-1.4971795

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