Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und das auf 2021 verschobene Pantheon-Projekt

Im August 2019 habe ich in diesen Blog eine Besprechung des Buches von Philippe Apeloig „Enfants de Paris 1939-1945“ (éditions Gallimard) eingestellt. In diesem Buch sind die Fotografien aller Pariser Erinnerungstafeln versammelt, die sich auf die Zeit von 1939-1945 beziehen. Ein beeindruckendes Werk, das von der  Académie française zum besten historischen Buch des Jahres 2019 gewählt wurde.

https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

Es war geplant, am Freitag, dem 8. Mai, und am Samstag, dem 9. Mai 2020, die von Apeloig in seinem Buch versammelten Erinnerungstafeln noch einmal auf ganz spektakuläre Weise zu präsentieren: nämlich auf den Außenmauern des Pantheons. Diese Aktion wurde aufgrund der Corona-Virus-Krise  zunächst auf  den 18. und den 19. September, die Tage des offenen Denkmals, verschoben, inzwischen aber, da auch dieses Datum zu unsicher ist, auf das Frühjahr 2021. [1]

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Der 8. und der 9. Mai 2020: Zwei außerordentliche Erinnerungstage

Die beiden ursprünglich für die Projektion gewählten Daten haben eine hohe symbolische Bedeutung: Der 8. Mai 2020 markiert den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges (jedenfalls auf dem europäischen Kriegsschauplatz), auf den sich die plaques commémoratives für die enfants de Paris ja auch beziehen. Die Erinnerung an diesen Tag  hat in Frankreich eine sehr wechselhafte Geschichte, von der hier nur die wesentlichsten Etappen skizziert werden sollen:  Zunächst wurde am 8. Mai an den Sieg erinnert: Frankreich gehörte ja offiziell zu den Siegermächten, und in unserem französischen Wandkalender für das Jahr 2020 findet sich an diesem Tag die lapidare Angabe: Victoire. Erinnert wurde an dieses Ereignis direkt am 8. Mai zunächst nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, ansonsten war der darauf folgende Sonntag der Gedenktag.  1953  wurde der 8. Mai –unabhängig vom Wochentag- zum Feiertag erklärt. 1975 allerdings schaffte der damalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing diesen Gedenktag im Blick auf die deutsch- französische Verständigung und die europäische Einigung wieder ab. Seit der Präsidentschaft François Mitterands ist der 8. Mai aber wieder offizieller Feiertag zur Erinnerung an das Ende des  Weltkriegs. Und es gibt ein traditionelles Ritual: Der jeweilige Präsident legt einen Kranz an der Statue des Generals de Gaulle an der place Clemenceau nieder, danach Truppenparade auf den Champs Elysées, Nationalhymne und Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe und Ehrung der Veteranen.[2]

Für uns Deutsche hat dieser Tag seine eigene Bedeutung. Und die hat auf eindrucksvolle Weise der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere daraus:

„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. (…)

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. (…)

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (…)

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.[3]

Richard von Weizsäcker hat mit dieser wegweisenden Rede die deutsche Kultur der Erinnerung wesentlich geprägt. Die Rede war, wie der damalige israelische Botschafter feststellte, „eine Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ [4] Und den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch für uns Deutsche zu bezeichnen, war ein wichtiger Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Denn natürlich ist der 8. Mai in den von Nazideutschland besetzten Ländern ein Tag der Befreiung- so auch in Frankreich.  Und auch in Frankreich ist dies ein durchaus ambivalenter Gedenktag- denn immerhin fand an diesem Tag auch das grauenhafte Massaker französischer Truppen unter den ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Befreiung,  einfordernden Algeriern von Setif statt. Das wird in offiziellen Darstellungen aber gerne unter den Teppich gekehrt…. [5]

Am 9. Mai 2020 jährt sich zum 70. Mal die  déclaration Schumann, der Schumann-Plan vom 9. Mai 1950.  Damit der Friede wirklich eine Chance habe, müsse es zu allererst ein gemeinsames Europa geben, erklärte der französische Außenminister damals. Fünf Jahre, fast auf den Tag genau, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschland, vollziehe Frankreich den ersten entscheidenden Akt einer Konstruktion Europas und beziehe Deutschland darin ein. Konkret schlug er vor, die (west)europäische, und vor allem die deutsche und französische Kohle- und Stahlindustrie einer gemeinsamen europäischen Behörde zu unterstellen. Indem die Grundlagen jeder Rüstungsproduktion nationalem Einfluss entzogen würden, werde ein Krieg in Europa unmöglich gemacht und der säkulare deutsch-französische Gegensatz beendet. Ermöglicht würden durch die Verwirklichung des Plans aber weitere bisher unmöglich erscheinende Schritte. Aus all dem werde ein dauerhaft geeintes und starkes Europa erwachsen.[6] Und so ist es dann ja auch (trotz aller Irrungen und Wirrungen) gekommen: Dieser Vorschlag führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der ersten supranationalen Organisation in Europa. Er gilt deshalb als Beginn der europäischen Integration überhaupt.

Allerdings waren für den französischen Vorschlag nicht nur so hehre Motive wie die Einigung Europas und die Sicherung des Friedens ausschlaggebend. Denn abgesehen von dem traditionellen Bestreben Frankreichs, Einfluss auf (oder am besten: Kontrolle über) das damals noch als strategisch wichtig  betrachtete Ruhrgebiet und seine Ressourcen zu gewinnen, hatte Frankreich nach dem Krieg ein wirtschaftliches Problem, das mit Hilfe der Montanunion gelöst werden sollte: In Frankreich war nämlich unter der Federführung des Planungskommissars Jean Monnet mit Steuermitteln und Geldern des Marshall-Plans die Stahlproduktion ganz erheblich und weit über den eigenen Bedarf hinaus ausgeweitet worden. Allerdings benötigte man für die Produktion erhebliche Mengen an Koks, über die Frankreich nicht verfügte, dafür aber das Ruhrgebiet. Und man benötigte ausländische Absatzmärkte, wofür sich das Westdeutschland des Wiederaufbaus und des „Wirtschaftswunders“ anbot.[7] Der „geistige Vater“ des Schumannplans war denn auch gar nicht Schumann selbst, sondern Jean Monnet, damals französischer Planungskommissar.  Er war es auch, der die französische Delegation bei den Verhandlungen zur Bildung der Montanunion  leitete. Auf der anderen Seite eröffnete der Plan der  damals noch nicht souveränen Bundesrepublik Deutschland und ihrem Kanzler Konrad Adenauer die Chance,  als gleichberechtigtes Mitglied unter den sechs Mitgliedern der Montanunion anerkannt zu werden, durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu fördern und durch die Integration in den Westen die Sicherheit Westdeutschlands  im Kalten Krieg zu erhöhen.

Ungeachtet der verschiedenen nationalen Interessenlagen, die hinter dem Schumann-Plan standen: Er  gilt  als „Grundstein der heutigen Europäischen Union“  und so  wird in der Europäischen Union mit Fug und Recht am 9. Mai der Europatag, la Journée de l’Europe, begangen.[8]

 

Die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. 2021

Es gibt in Paris über 1000 Erinnerungstafeln zu der  Zeit von 1939 bis 1945: Ein in der Welt einzigartiger Fall. Philippe Apeloig hat sie fotografiert und  in seinem Buch „Enfants de Paris, 1939-1945“ versammelt. Sie sollten am 8. und 9. Mai 2020  zwischen 21.30 und 0.30 Uhr fortlaufend  auf die Außenwände des Pantheons projiziert werden.

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  • Es handelt sich dabei um eine „installation artistique“: Philippe Apeloig ist ja Designer und  ein Meister der Typographie, und die überdimensionale Projektion der Erinnerungstafeln ermöglicht es den Betrachtern, die Vielfalt und Schönheit der Tafeln wie unter einer Lupe zu erkennen und zu würdigen.
  • Und natürlich geht es bei der Aktion um die Erinnerung: Diese Tafeln erzählen ja  die Geschichte der „Enfants de Paris“, der Opfer des Krieges und des Widerstands, der Kämpfer für die Befreiung und der deportierten und ermordeten Juden. Die Projektion der Plaketten soll dazu beitragen, die Erinnerung an diese vielen Opfer wachzuhalten. Aber gleichzeitig soll sie auch –und damit wird die Brücke zum 9. Mai geschlagen- das vereinte Europa feiern, das aus den Ruinen und dem Leid des Weltkrieges entstanden ist und das seinen Mitgliedern eine einzigartige Periode des Friedens eröffnet hat.[9]

Die Verbindung der beiden beziehungsreichen Daten verleiht der Projektion der Erinnerungstafeln damit eine besondere Dimension, indem geschichtliche Erinnerung in einen aktuellen Kontext gestellt wird. Sie gilt der Vergangenheit, aber sie hat auch eine eminente Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft.

Dieser doppelte Bezug der Aktion wird  auf besondere Weise herausgestellt: Am 8. Mai 2020 sollte  der Portikus des Pantheons in den Farben der Trikolore erstrahlen,  am 9. Mai  im Blau Europas. Das wird sicherlich auch bei der im nächsten Jahr nachgeholten Aktion so sein.

 

Die Wände des Pantheons als Projektionsfläche

Ursprünglich war das Pantheon in Paris  eine der heiligen Genoveva (Sainte Geneviève), der Schutzheiligen von Paris,  geweihte Kirche. Entworfen von dem  Architekten Soufflot sollte sie mit dem Petersdom in Rom und Sankt Paul in London wetteifern. Der Kuppelbau und der monumentale Eingang bezogen ihr Vorbild aus dem antiken Pantheon in Rom. In der Französischen Revolution wurde der Bau umgewidmet in eine Begräbnisstätte „großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit“, das heißt ab 1789.  Ausnahmen für vorher gestorbene große Männer wie Voltaire und Rousseau waren allerdings auch möglich. Napoleon missbrauchte dann das Pantheon, um die Krypta hemmungslos mit den Gräbern seiner Generäle und Granden zu füllen. Danach wechselte der Bau mehrfach zwischen einer Bestimmung als Kirche und laizistischem Denkmal, bis mit dem Tod und der grandiosen „Pantheonisierung“ Victor Hugos 1885 das Pantheon endgültig der Ort der letzten Ruhe und der Verehrung der „großen Männer“ Frankreichs wurde:  inzwischen sind es insgesamt 78 Männer und 5 Frauen.[10] Die letzten ins Pantheon aufgenommen Persönlichkeiten waren 2015 während der Präsidentschaft François Hollandes zwei Männer und zwei Frauen des Widerstands: Jean Zay und Pierre Brossolette, Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle-Anthonioz.[11] 2018 kam dann –schon zur Zeit der Präsidentschaft Macrons- Simone Veil hinzu. Und in diesem Jahr wird der Schriftsteller  Maurice Genevois, Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges, als Repräsentant der damaligen Kriegsgeneration („Ceux de 1914“) folgen. Seine sterblichen Überreste werden am 11.11.2020 , dem Gedenktag an das Ende des 1. Weltkriegs, ins Pantheon überführt werden.[12]

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Dieses Foto habe ich aufgenommen am 27.5. 2015 während der feierlichen Überführung der sterblichen Überreste von Jean Zay, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Pierre Brossolette und Germaine Tillon ins Pantheon, das gerade einer gründlichen Renovierung/Sanierung unterzogen wurde. Der Tambour, auf dem die mächtige Kuppel ruht, war damals –statt der sonst inzwischen leider üblichen Werbebanner-  mit einer die Portraits anonymer Menschen zeigenden Hülle umgeben- Teil einer den universalistisch- humanitären Geist des Pantheons popularisierenden Aktion des Foto-Künstlers JR. [13]

Die durch die Aktion vom 8. und 9. Mai   hergestellte Verbindung zwischen der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit und einer europäischen Zukunftsperspektive wird im Leben und der Persönlichkeit der  derzeit letzten ins Pantheon aufgenommenen Persönlichkeit, der schon genannten Simone Veil, anschaulich. Als Jüdin wurde sie im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz deportiert, überlebte aber selbst den „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen und gehörte zu denen, die nach der Befreiung des Lagers im Pariser Hotel Lutetia aufgenommen wurden.[14] Sie studierte, wurde Richterin, Politikerin. Als Gesundheitsministerin während der Präsidentschaft Giscard d’Estaings setzte sie nach harten Kämpfen  das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durch: das entsprechende Gesetz, das loi Veil,  trägt ihren Namen,  Bei der ersten Europawahl 1979 war sie Spitzenkandidatin der liberalen Partei UDF, und als erste Frau wurde sie im gleichen Jahr zur Präsidentin des Europäischen Parlaments gewählt.

Am 27. Januar 2004, dem –wie sie hervorhob- zuerst in Deutschland offiziell begangenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, hielt sie im Bundestag eine sehr persönliche Rede, in der sie ihre eigene Geschichte und ihr Engagement für die deutsch- französische Aussöhnung und die Einigung Europas verknüpfte. Ich zitiere daraus:

Die Ereignisse, derer wir heute gemeinsam gedenken, hat die Person des öffentlichen Lebens, die Politikerin, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Sie in mir vor sich sehen, jedoch zunächst am eigenen Leib erfahren; ich war eine namenlose abgezehrte Gestalt, als das Lager von Bergen-Belsen befreit wurde, wohin mich die Willkürherrschaft der Nazis nach Auschwitz verbannt hatte.
Die Sprache, die hier an diesem Ort gesprochen wird, diese deutsche Sprache, die ich im Laufe der Jahre von meinen Freunden und Partnern zu hören gelernt habe, war die Sprache, die wir damals hastig und in der ständigen Angst, die Befehle, die unser Überleben bedrohten, nicht schnell genug verstehen zu können, zu entschlüsseln versuchten. Es ist die gleiche Sprache, die nun ihren Geist und ihre Menschlichkeit wiedergefunden hat und die heute in diesem schönen Plenarsaal erklingt, in dem das Herz einer der lebendigsten Demokratien der Europäischen Union schlägt. (…)

Es ist nicht leicht, sich auf Leid und Tod, auf Trauer und Tränen zu berufen, um an der Versöhnung zu arbeiten und neue Bande zwischen verfeindeten Völkern zu knüpfen, die sich so oft bekämpft haben. Aber mit dem Zweiten Weltkrieg, mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, mit der Shoah und ihren Millionen Toten ohne Gräber, mit dem Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, einem Plan, dessen Vollendung nur durch das Ende des Krieges knapp verhindert werden konnte, haben wir eine Schwelle überschritten. Die lange Geschichte des Hasses und der mörderischen Bruderkriege hatte einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab. Ohne die gezielte Bemühung um Aussöhnung, so hart sie für uns Überlebende, die wir zudem vielfach unsere Familien großenteils verloren hatten, auch sein mochte, würden sich die Völker Europas nicht von dieser Katastrophe erholen. Dessen war ich mir bewusst: auch wenn es den Anschein haben mochte, als vergäßen wir so unsere Toten. Aus dieser leidvollen Erfahrung rührt mein Engagement für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und die europäische Einigung, die beiden Ziele, die für mich in einem offenkundigen, inneren Zusammenhang stehen.

Mit dem Nationalsozialismus hatte ganz Europa am Boden gelegen. Nur gemeinsam, indem man sich gegenseitig stützte, würde man wiedererstehen können. Dabei gab man sich weder einer beschwichtigenden Naivität hin, noch sollte Deutschland von seiner Verantwortung freigesprochen werden. Es ging hier nicht um Verzeihen, sondern um eine hellsichtige und mutige Versöhnung, die ebenso utopisch wie realistisch und um so notwendiger war, als sie aus der tiefsten Verzweiflung erwachsen musste. Der Teufelskreis musste durchbrochen werden: die deutsch-französische Aussöhnung würde der Eckstein beim Aufbau eines befriedeten Europa sein.[15]

Der Geist des produktiven, zukunftsorientierten Erinnerns, der aus diesen Worten spricht, bestimmt auch die Aktion vom 8. und 9. Mai 2020 bzw. dem Frühjahr 2021.   Philippe Apeloig, dessen Familie selbst Opfer der Shoah ist,  hat sich deshalb ganz bewusst bemüht, auch deutsch-französische Sponsoren für das Pantheon-Projekt zu gewinnen. Und er hat sie im Deutsch-Französischen Jugendwerk/dem Office franco-allemand de la jeunesse (OFAJ/DFJW) und der deutschen Vertretung bei der in Paris ansässigen UNESCO (Délégation Permanente de la République fédérale d’Allemagne auprès de l’UNESCO) auch gefunden. Das gibt, wie ich meine, diesem Ereignis eine ganz besondere Bedeutung.

 

Anmerkungen:

[1] Die beiden Bilder mit den auf die Wände des Pantheons projizierten Plaketten sind während einer „Generalprobe“ der Aktion Ende Februar 2020 aufgenommen worden. Sie wurden mir von Philippe Apeloig freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

[2] Siehe: https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai

http://www.politique.net/2007050804-8-mai-histoire-d-une-commemoration-tres-politique.htm Dort wird allerdings -wie auch in anderen französischen Veröffentlichungen- der 8. Mai als Tag des armistice bezeichnet. Das ist natürlich Unsinn, denn anders als am 11. November 1918 handelte es sich da nicht um einen Waffenstillstand, sondern um eine bedingungslose Kapitulation.

s.a. Cérémonies 2020 du 8 mai à Paris  https://www.evous.fr/Ceremonies-du-8-mai-a-Paris-la-place-Clemenceau-puis-l-Arc-de-Triomphe-1182634.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/rede-vonweizsaecker-wortlaut-101.html

[4] https://www.bz-berlin.de/deutschland/der-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung

[5] https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai In diesem offiziellen französischen Regierungstext wird der 8. Mai auch als Erinnerungstag der Libération bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_S%C3%A9tif

https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai: Da ist von Setif natürlich nicht die Rede, aber das ist ja nun auch wirklich kein Grund zum Feiern…

Präsident Macron hat allerdings die „Vergangenheitsbewältigung“ der französischen Algerienpolitik zu einem wesentlichen Anliegen gemacht und auf die gleiche Stufe gestellt wie die Erinnerungspolitik von Präsident Chirac in Bezug auf die französische Beteiligung an der Ausgrenzung und Deportation von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

[6]„Pour que la Paix puisse vraiment courir sa chance il faut d’abord, qu’il y ait une Europe. Cinq ans, presque jour pour jour, après la capitulation sans conditions de l’Allemagne, la France accomplit le premier acte décisif de la construction européenne et y associe l’Allemagne. Les conditions européennes doivent s’en trouver entièrement transformées. Cette transformation rendra possible d’autres actions communes impossibles jusqu’à ce jour. L’Europe naîtra de tout cela, une Europe solidement unie et fortement charpentée. Une Europe où le niveau de vie s’élèvera grâce au groupement des productions et à l’extension des marchés qui provoqueront l’abaissement des prix. Une Europe où la Ruhr, la Sarre et les bassins français travailleront de concert et feront profiter de leur travail pacifique, suivi par des observateurs des Nations-Unies, tous les Européens.“  Zitiert in:   Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  Die deutsche Version der Rede findet sich unter: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28465

Zum Schumann-Plan: Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. Intérêts nationaux et projet européen, Coll. Organisation internationale et relations internationales, Bruxelles, Bruylant, 2004, 467 p.  Eine Zusammenfassung bei:  Dumoulin, A. (2005). Compte rendu de Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. In: Études internationales, 36 (2), 276–278. https://doi.org/10.7202/011432ar

[7] Siehe dazu und zum Folgenden: Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  s.a. als zeitgenössische Stimme: Der Schumannplan: Die neue Ruhrbehörde. Der Spiegel vom 12.12.1951. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20833254.html

[8] https://europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day_de

[9] Ich beziehe mich hier auf das Pressedossier des Studio Apeloig zu dem „Diaporama sur les mur extérieurs du Pantheon, les 8 et 9 mai 2020“.

[10]https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_transf%C3%A9r%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[11] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[12] https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/06/maurice-genevoix-au-pantheon-un-hommage-a-ceux-de-14_a_23581263/

Zur Bedeutung des 11.11. in Frankreich siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/

[13] http://www.au-pantheon.fr/fr/ und  http://www.jr-art.net/fr/projects/inside-out-au-pantheon

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

[15] https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/veil/rede_veil-245118

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

3 Gedanken zu “Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und das auf 2021 verschobene Pantheon-Projekt

  1. Hubertus GASSNER

    Sehr geehrter Herr Dr. Joeckel,
    erstc vor ca. 2 Monaten habe ich mich bei Ihrem blog angemeldet und möchte Ihnen heute versichern, wie sehr ich Ihre wohl durchdachten und so gut recherchierten Beiträge schätze. Mir ist das blog-Lesen eigentlich fremd, ich bin noch von der alten Sorte der Buchleser, doch Ihre Artikel sind eine so bereichernde Ergänzung zur konventionellen Lektüren, dass ich mich jedesmal wieder auf einen neuen Beitrag freue.
    Besonders schätze ich neben der Sachinformation auch das politische und ethische Verantwortungsbewußtsein, mit dem Sie die Themen auswählen und bearbeiten. Einfach beispielhaft und großartig.
    Zwar bin ich nur hin und wieder mit meiner Frau in Paris, doch nach meiner Pensionierung wohnen wir das halbe Jahr ganz in der Nähe von Menton, sofern es Corona erlaubt. Heuer warte wir auf die Wiedereröffnung der Grenze. Deshalb ist mir Frankreich sehr vertraut und Ihre Beiträge lesen ich mit großem Gewinn. Natürlich auch den über Marseille, wohin ich in diesem Jahr eine Reisegruppe führen werde. Doch wenn wir wieder einmal in Paris weilen, werde ich das Lutetia aufsuchen, zu dem ich den guten Roman von Pierre Assouline vor Jahren gelesen habe.
    Falls Sie folgendes Buch noch nicht kennen: Kersten Knipp. Paris unterm Hakenkreuz. Alltag im Ausnahmezustand. Wiss. Biuchgesellschaft 2020.
    Der leider schon verstorbene Sohn von Richard von Weizsäcker, der Künstler Andreas, mit dem ich lange befreundet war, erzählte mir übrigens, dass er und seine Brüder den Vater zu der von Ihnen zitierten Rede bewegt hätten, wie er auch sonst häufig auf die Einschätzungen und Meinungender jüngeren Generation in seiner Familie gehört hätte. Keine schlechter Weg, um jung zu bleiben.
    In diesem Sinne schicke ich herzliche Grüße aus Hamburg, wo ich nach einer Kindheit und Jugend in Frankfurt ansässig geworden bin.

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    1. Vielen Dank für die freundliche Zuschrift und auch den Buchhinweis. Ich gehöre ja, wie Sie, noch zu der Generation der Buchleser und hätte mir träumen lassen, einmal auf meine alten Tage noch „blogger“ zu werden. Dass es so kam, habe ich einem meiner Söhne zu verdanken und bin jetzt sehr froh darüber. Es trägt in der Tat dazu bei, jung und damit offen und neugierig zu bleiben. Ich werde mich bemühen, Ihre hohen Erwartungen auch weiterhin nicht zu enttäuschen! Mit herzlichen Grüßen -CV-bedingt aus Deutschland- Wolf Jöckel

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  2. Sehr geehrter Herr Dr. Jöckel, gerne möchte ich mich bei Ihnen einmal herzlich für Ihren regelmäßigen Newsletter bedanken. Mit großem Interesse und besonderer Freude lese ich Ihre Nachrichten aus meiner geliebten Stadt Paris. Mit Ihrem Blog leisten Sie eine wertvolle Arbeit für das deutsch-französische Verständnis, für ein hoffentlich weiterhin stets friedvolles Miteinander. In Ihren Beiträgen steckt viel Recherchearbeit. Zwischen den Zeilen Ihrer Texte glaube ich aber auch Ihre Freude an Ihrer Blogarbeit herauszulesen. Mögen Sie auch künftig mit Elan dieses Anliegen weiterverfolgen. Mit schönen Grüßen aus Berlin nach Paris,

    Daniela David Autorin, Journalistin

    Berlin, Germany

    http://www.instagram.com/vonREISENundGAERTEN/ http://www.facebook.com/vonREISENundGAERTEN/ http://www.twitter.com/vREISENuGAERTEN vonREISENundGAERTEN erhielt den Preis „Bester Garten-Reiseblog 2020“ http://www.von-reisen-und-gaerten.de/bester-garten-reiseblog-2020/ vonREISENundGAERTEN ist unter den TOP 10 der deutschen Reiseblogs 2020 http://www.von-reisen-und-gaerten.de/reiseblog-des-jahres-2020/ *************************************************************************************************

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