Im ersten Teil dieses Beitrags (Kapitel I – 5) wurde die Entwicklung der Halle au Blé bis zum Bau der großen Kuppel nachgezeichnet, die bis heute den grandiosen Innenraum überspannt.
Im zweiten Teil (Kapitel 6 und 7) geht es um die Umwandlung zur Getreidebörse und den Einzug der Moderne durch den japanischen Architekten Tadao Ando. Er greift das prägende Kreismotiv des Baus mit einem Beton-Zylinder auf, interpretiert es modern und schafft mit der reizvollen Verbindung und Kontrastierung von Altem und Neuem einen wunderbaren Ort für die Präsentation moderner Kunst. (Lesezeit 20 Minuten)
Kapitel VI HENRI BLONDEL GREIFFT RADIKAL EIN
Der Umbau zur Bourse de Commerce
„Die Politik hat ihre Paläste, die Religion ihre Kirchen, die Industrie ihre Manufakturen und Werften, der Handel seine Häfen, das Kapital seine Banken: Warum sollte die Spekulation in einem rein abstrakten Zustand bleiben? Die Börse ist der Tempel der Spekulation. Die Börse ist das Monument par excellence der modernen Gesellschaft“ P.-J. Proudhon 1854[1]
Wie schon die alte Halle au Blé, war auch der Umbau zur Handelsbörse ein Spekulationsobjekt. Zwischen 1878 und 1886 wurden fast zehn Projekte dem Pariser Stadtrat vorgelegt. Intern fiel die Entscheidung schon früh zugunsten des Architekten Henri Blondel, der nach einer nur noch formalen Ausschreibung am 2. März 1886 mit der Planung und den Bauarbeiten beauftragt wurde. Die Konzession sah außerdem den Bau von zwei Gebäudeblöcken für Handel und Industrie an der Rue du Louvre und die Errichtung von drei Brunnen vor, die jedoch nie realisiert wurden.
Ursprünglich plante Blondel einen größeren Erhalt des bestehenden Gebäudes. Er wollte zwar die Kuppel von Bélanger freilegen, sie aber ansonsten unverändert lassen. Zwei einander gegenüber liegenden Eingängen sollte jeweils ein korinthischer Tetrastilportikus vorgesetzt werden, der eine zur Rue du Louvre, der andere zu Baltarts Markthallen hin. Der letztere verschwand in einem endgültigen Entwurf vom 19. Dezember 1887.

Coupe du premier projet de la Bourse de commerce, 1885, dessin d’Henri Blondel, Archives de Paris, Plans 2116.
Dann änderte Blondel seinen Plan und griff rigoros in die Halle au Blé ein. Ohne die endgültige Bestätigung seines Projekts abzuwarten, verkaufte er 1886 ohne behördliche Genehmigung das Kupfer, mit dem die Kuppel bedeckt war. Dann riss er den ringförmigen Getreidespeicher ein, von dem nur noch der innere Arkadenring mit der Kuppel und eine der beiden Treppen, die doppelte Wendeltreppe, verblieb.
Reduziert auf diesen inneren Arkadenring ragten von der Halle au Blé nur noch die kahle Kuppel und die Medici-Säule aus den Trümmern des Saint-Eustache-Viertels heraus. Bemerkenswert ist dabei, dass die Medici-Säule, letzter Überrest des Palais von Katharina de Medici aus dem Jahr 1572 erhalten blieb. Aber es gab einen breiten Konsens unter Kunstsachverständigen, dass diese Säule zu den markanten Punkten und Sehenswürdigkeiten von Paris gehöre. [1a]

Abriss der Halle au blé 1887. Musée Carnavalet
Das von seiner Kupferabdeckung befreite Eisenskelett der Kuppel offenbarte jetzt seine großartige Struktur.

„Entdeckung der Struktur nach dem Abriss“. Le Genie Civil. 15 – Dezember – 1888. Band 14 Nr. 7.
„In einem Artikel von Emile Rümler in „La Construction moderne“ vom 10. Dezember 1887 wurde sie mit Eiffels Bauwerk verglichen.“[2]
Raphaël Gentilini, einst Eleve der École des Ponts et Chaussées, schrieb: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von Bélanger entworfene Metallkuppel der alten Getreidebörse auch heute noch aufgrund ihrer Solidität und Eleganz ein bemerkenswertes Werk ist und umso wichtiger hervorzuheben ist, als sie die erste nennenswerte Anwendung von Metallen für die Dachkonstruktion von öffentlichen und großen Gebäuden darstellt.“[3] Und Cosimo Canovetti, Absolvent der École Centrale des Arts et Manufactures, kam 1888 nach methodischen Vermessungen und Berechnungen der Struktur zu dem bewundernden Schluss, dass das Bauwerk perfekt erhalten war, und dass Bélanger im Großen und Ganzen die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.[4]
Anders noch als bei ersten Plan griff Blondel jetzt auch in den Kernbereich der Halle au Blé ein. Er schuf ein riesiges Untergeschoss, um die Belüftung, die Heizung und Stromge-neratoren unterzubringen. Das untere Drittel der Kuppel wurde mit Ziegeln zugemauert, um ein riesiges Panorama aufzunehmen, das den Welthandel darstellen sollte.
Um den inneren Kern herum schuf er einen großen Komplex mit einem zusätzlichen Zwischengeschoss (Mezzanin) und ein weiteres Stockwerk. Schließlich errichtete er einen monumentalen Portikus, dekoriert mit einem riesigen allegorischen Giebel – geschaffen von Croissy, der die Stadt Paris inmitten von Handel und Industrie repräsentierte. Die ehemalige Halle au Blé mutierte in einen Tempel der wirtschaftlichen Macht.

Schnitt durch die Bourse du Commerce von Blondel aus: Bourse de commerce – Le Génie civil: revue générale des industries françaises et étrangères, 27.10.1888. gallica, bnf.fr.

Ansicht von Osten (Les Halles) Mai 2024 Foto: Wolf Jöckel
Die Radikalität mit der Blondel zu Werke ging, entsprach dem gleichen Geist, mit der er schon bei der Transformation von Paris mit Enteignungen, Häuserabrissen und Straßendurchbrüchen unter dem Präfekten Georges-Eugène Haussmann als dessen „großer Favorit“ agierte. Auch wenn Haussmann Blondel in seinen Memoiren nicht erwähnt, bestand eine enge Verbindung zwischen beiden. In Briefen an Blondel beginnt Haussmann mit „mon cher Blondel“ und schließt mit der Formel „mille amitiés“. „Es besteht kein Zweifel daran, dass Haussmann Blondel zum „Mann von Paris“ machte und die Entwicklung seiner Geschäfte förderte, von denen ein Großteil während des Zweiten Kaiserreichs abgeschlossen wurde.“ [7] Beide handelten mit einer Energie und Durchsetzungskraft, die wohl ihrem protestantisch-calvinistischen Arbeitsethos entsprang.

Portikus (Foto: Bourse de Commerce/Pinault Collection)

Der allegorische Giebel. Davor der obere Teil von Idee de pietra- 1532 kg di luce von Giuseppe Penone aus dem Jahr 2010 – der Bronzeabguss eines Baums mit vom Wasser geschliffenen Steinen, der dauerhaft auf dem Vorplatz der Bours installiert ist. Foto: Wolf Jöckel

Das Monogramm der Bourse de Commerce im Foyer. Foto: Wolf Jöckel
Auf der Weltausstellung von 1889 präsentierte sich Frankreich mit dem Eiffelturm als weltweit höchstes eiserne Bauwerk und der riesigen Maschinenhalle als größtem überspannten Raum. Mit der zeitgleich eröffneten Bourse de Commerce sollte die zentrale Bedeutung Frankreichs im Welthandel demonstriert werden. Dazu dient das 1400 Quadratmeter große Panorama-Gemälde auf dem unteren Teil der Kuppel.

Die Kuppel mit dem Panorama-Gemälde. Fotos: Wolf Jöckel
Auf vier riesigen Bildtafeln, getrennt durch Allegorien der Regionen Europa, Asien, Afrika, Amerika und des Nordens im Trompe-l‘oeil-Stil, mischen sich Phantasie und Realität: exotische Szenerien mit Bildern aus Industrie und Technik (Fabrikschornsteine, Strommast, Lokomotive).

Unübersehbar ist die Gegenüberstellung der nackten „Wilden , der indigen Bevölkerung Amerikas und Afrikas, mit den korrekt gekleideten Weißen: Demonstrativer Anspruch der Überlegenheit des „weißen Mannes“. „Die rassistische Ikonographie [ist] allgegenwärtig und deckt die gesamte Bandbreite grotesker Kolonialstereotype ab. In der Amerika-Abteilung entspannt sich eine weiße Frau in einem blassrosa Kleid auf einem Baumwollballen, geschützt vor der Sonne unter einem Sonnenschirm, den ihre schwarze Zofe hält. Vor ihr kniet ein indigener Jugendlicher nieder und bietet ihr zur Unterhaltung einen Papagei an, während hinter ihr zwei eingeschüchterte Sklaven, die unbeachtet bleiben, einen Baumstamm tragen. Ein Stückchen entfernt handelt ihr Ehemann mit einer Gruppe Stammesangehöriger und bietet ihnen ein Gewehr und einen Korb mit westlicher Kleidung an.“[5]

Évariste-Vital Luminais, Amerika (Ausschnitt)
Das Panoramabild in der Bourse de Commerce ist ohne Zweifel Ausdruck des europäischen Kolonialismus und der White Supremacy.

Die Bilder wurden von fünf Malern geschaffen, die alle sehr bekannt waren und an großen öffentlichen Bauten mitgewirkt hatten. Évariste-Vital Luminais behandelte Amerika, Victor Georges Clairin Asien und Afrika. F. Hippolyte Lucas stellte die Handelsaktivitäten in Europa dar, Désiré-François Laugée wurden Russland und der Norden zugewiesen und Alexis-Joseph Mazerolle, der Leiter des Teams, schuf die Allegorien der Kontinente und Regionen. „Europa wird durch Kunst und Architektur repräsentiert; Afrika von einem Löwen und der Jagd; Asien und der Orient mit Wasserpfeife und Elefanten; und der Norden von einem Eisbären. Diese große, detaillierte Komposition nimmt den Betrachter mit auf eine visuelle Reise um die Welt.“[6]

Victor Georges Clairin, Asien und Afrika.

F. Hippolyte Lucas, Europa/Der Norden.
Die Gemälde entstanden in ihren Ateliers auf mehreren Bahnen Leinwand, die zurechtgeschnitten, zusammengefügt und mit Kleber auf das Rund der Kuppel befestigt wurden. Das Panorama fand keine einhellige Zustimmung. Die zeitgenössische Kritik entzündete sich aber mehr an der mangelnden Kohärenz in der Gesamtdarstellung und der Qualität der Malerei, nicht aber an der Darstellung der Kolonisation selbst.
Das neue, völlig umgestaltete Gebäude wurde am 24. September 1889 mit großem Pomp eingeweiht
Kapitel VII Tadao Andos Kreis im Kreis
Die Börse wird zum Ort für die Kunst
Nach vielen Jahren als Bourse de Commerce residierte dort zuletzt nur noch die städtische Handelskammer. Das Gebäude wurde vernachlässigt, alles war grau und schmuddelig vor Schmutz, auch das Rundgemälde. 1989, hundert Jahre nach seiner Eröffnung stand der Bau leer. Die Stadt Paris kaufte das Gebäude und bot es 2016 François Pinault, dem Milliardär und Gründer eines Luxus- und Modeimperiums für seine Kunstsammlung zur Pacht an.
Pinault, leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst, hatte schon 2004 versucht, auf der Île Seguin ein Museum für seine 1999 gegründete Collection Pinault zu errichten. Sein Vorhaben scheiterte an diversen Umwelt- und Planungseinwänden. Pinault und sein Architekt Tadao Ando gingen nach Venedig und bauten dort den Palazzo Grassi und das ehemalige Zollhaus Punta della Dogana zu Orten für die Sammlung um.
Pinault beauftragte seinen Lieblings-Architekten, Tadao Ando, den japanischen Pritzker-Preisträger, mit dem Umbau der Börse, der in Zusammenarbeit mit dem Pariser Architekturbüro NeM (Lucie Niney und Thibault Marca), dem Denkmalspezialisten Pierre-Antoine Gatier und der Restauratorin Alix Laveau erfolgte. Die Ausstattung der «Bourse de Commerce» und auch die Gestaltung der Umgebung wurde Ronan und Erwan Bouroullec (Studio Bouroullec, Paris) anvertraut. Die wesentlichen Elemente und Strukturen des Gebäudes sollten nicht nur erhalten, sondern in den Dienst der neuen Funktion des Baus gestellt werden.

Das Äußere des Baus blieb unangetastet. Sorgfältig wurde Bélangers großartige Kuppel restauriert und neu verglast. Das Kuppelpanorama, „ein Überbleibsel aus einer Zeit, als sich die Kolonialmächte hemmungslos bereicherten und feierten: ein stolzer Lobgesang auf den Kapitalismus“[9], wurde gereinigt und repariert. Da es eng mit der Geschichte des Baus verbunden ist, sollte es nicht dem Cancel Culture-Zeitgeist zum Opfer fallen. Darüberhinaus wurden die Räume, die den Kernbau mit der Kuppel umgeben, von entstellenden Eingriffen befreit und in großen Teilen für die Präsentation der Sammlung zur Verfügung gestellt.
Das markanteste Merkmal seiner neuen Nutzung war Andos Einbau eines Hohlzylinders aus Beton in die Rotunde in Form eines konzentrischen Kreises, eines neuen Raums im Raum.

Tadao Ando, Holzmodell des neuen Baus. Ausgestellt in der Bourse de Commerce. Foto: Wolf Jöckel
Er öffnet sich zum Himmel und das wechselnde Licht, das durch die riesige Kuppel fällt, schafft stets neue Stimmungen und Sinneseindrücke und interagiert mit den ausgestellten Objekten. Er kann sowohl als ein Ort der Intensivierung der Fokussierung der Sinne wie auch als Bühne, Arena für ein Schauspiel verstanden werden, wo sich Künstler/-innen mit ihren Werken zeigen, wo sie mit den Betrachter/-innen kommunizieren. Er ist das Gravitationszentrum des Museums.

Es ist eine große Herausforderung, Kunst auszuwählen, die diesem grandiosen Kuppelsaals gewachsen ist.

Eröffnungsausstellung 2021: Urs Fischer, Vanité de Cire. Der Raub der Sabinerinnen von Giambologna aus Florenz (Marmor), in Wachs nachgebildet und langsam im Verlauf der Ausstellung abschmelzend….

Eine besondere Erfahrung war auch 2024 die Installation eines Bodens aus Spiegeln, in denen sich nicht nur die Besucher selbst spiegelten, sondern auch die Kuppel.

Eine Wasserfläche mit Klangschalen 2025: Intensiver und adäquater kann man dem Raum der Rotunde nicht gerecht werden.
Bei der Konzeption des Beton-Zylinders ließ sich Ando nach eigenem Bekunden von den ineinander schachtelbaren russischen Matrjoschka-Puppen inspirieren. „Die Idee war, einen lebendigen Raum zu gestalten, der einen dynamischen Dialog zwischen Alt und Neu fördert, wie es sich für einen Ort gehört, der der zeitgenössischen Kunst gewidmet ist. Die Architektur sollte als Bindeglied zwischen den Fäden der Zeit, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dienen […] Die räumliche Anordnung der Bourse de Commerce besteht aus konzentrischen Kreisen und soll einen intensiven und subtileren Dialog zwischen Alt und Neu schaffen.“[10]

Der Betonzylinder hat einen Durchmesser von 30 m; er ist 9 m hoch und hat eine Wandstärke von 50 cm. Er wirkt dadurch schwer und massiv. Dabei ist er in Wirklichkeit ein hybrides Konstrukt: Nur eine jeweils 12 cm dicke Schicht aus Sichtbeton bildet die Innen- und Außenseite des Zylinders. Die Schichten werden durch eine 26 cm breite Stahlkonstruktion im Innern der Wand gestützt. Diese Konstruktion soll einen möglichen Rückbau des Zylinders erleichtern.

Der Beton, zuvor intensiv getestet, dann geschliffen, erfüllt mit seiner glatten, matten, homogenen, fast samtigen Oberfläche Tadao Andos hohe Ansprüche. Seine Ankerlöcher für die Verschalungsplatten tragen die Signatur Andos. In ihrer Anordnung, Größe und Seiten-verhältnisse erinnern sie japanische Tatamimatten. Die Zahl der Ankerlöcher geht über die technisch notwendige hinaus und folgt der in Japan üblichen Sichtbetonbauten mit ihrer größeren Zahl an Schalungsankern.

Durch insgesamt vier Tore gelangt man ins Innere der Trommel. Diese misst 29 Meter im Durchmesser. (Foto: Wolf Jöckel)
Die fünf Meter breite Passage zwischen der Wand des Zylinders und des Kuppel tragenden ehemaligen inneren Arkadenringes der Halle au Blé, wirkt jetzt wie eine städtische Gasse. An vier Stellen hat Ando durch türförmige Öffnungen die Beton-Ringmauer zur Passage hin durchbrochen. Er hat den zentralen Raum zugänglich gemacht für Aktionen und Interaktionen ohne ihn zu zerstören.
Eine Treppe schraubt sich an der Außenseite des Zylinders nach oben bis zur Spitze, wo ein „Promenoir“ in neun Metern Höhe den zentralen Kreisplatz umläuft und eine spektakuläre Aussicht auf die monumentalen Malereien an der Unterseite der Kuppel bietet.

Alt und neu: Die Treppe zwischen der Wand der ehemaligen Halle au Blé und dem Beton-Zylinder Andos. Fotos: Wolf Jöckel

Auf dem Weg nach oben verbindet sich die Treppe über Stege mit einem Halbgeschoss und dem darüber liegenden Obergeschoss des Bestandbaus. Die dort untergebrachten Ausstellungsräume sind so mit dem Zylinder und der umlaufenden Erschließung, der sogenannten „Passage“, verbunden.

Eine andere Treppe führt entlang des Zylinders nach unten zu einem Auditorium mit über 250 Plätzen und zu einer Block Box, einem großen verdunkelten Raum für Installationen. (Foto: Wolf Jöckel)

Im Untergeschoss sind auch noch die alten Maschinen zur Belüftung, Heizung und Stromerzeugung zu sehen.

Maschinenraum im Untergeschoss. Foto: Wolf Jöckel
Von der Passage kann man über Aufzüge und Treppenanlagen, darunter die Helix-förmige Doppel-Wendetreppe in die beiden oberen Stockwerke mit ihren Ausstellungsräumen, den Galerien gelangen.

Foto: Maxime Verret

Die Lichtinstallation bei der historischen Treppe stammt vom Studio Bouroullec. Foto: Wolf Jöckel

Während der eingestellte Zylinder den Kontrast zwischen Alt und Neu inszeniert (Foto: Wolf Jöckel), wurden die Räume, die den Kernbau mit der Kuppel umgeben, von entstellenden Eingriffen befreit. Mit ihrer runden Wand, der weißen Bekleidung und raffinierte Lichttechnik wurde sie in eine neue Form von „White Cubes“ verwandelt.
Die Ausstellungsflächen, insgesamt sind es 6.800 m2, können in variable Volumina, die von intim bis monumental reichen, verwandelt werden und erlauben ein dynamisches Programm in der Präsentation von Künstler aus der eigener Sammlung, aber auch von neuen künstlerischen Projekten, die ergänzt werden können durch pädagogische Programme, Konferenzen und Begegnungen, Filmvorführungen, Konzerte und Performances. Die Ausstellungsräume beeindrucken Klarheit, Helligkeit und „die Allgegenwart von makellosem Weiß… Das Bühnenbild ist von einer fast manischen Sauberkeit.“[11]
Die Galerien wurden auch durch ausgesuchte Möblierung und Ausstattungselemente – nach Entwürfen der Brüder Bouroullec – belebt. Sie gestalteten auch das Restaurant im obersten Geschoss.

Teppiche und Möbel, die die Designer in der Galerie platziert haben, um eine häuslichere, entspanntere Atmosphäre zu schaffen (Foto: mit freundlicher Genehmigung von Claire Lavabre/Studio Bouroullec).

Unbedingt empfehlenswert ist ein Besuch in der Bar/dem Restaurant La Halle aux Graines im obersten Geschoss. Man kann dort auch den Köchen bei der Arbeit zusehen.

Die kleinen Schoko-Kügelchen, die zusammen mit dem Kaffee serviert werden, haben – dem genius loci entsprechend- einen Kern aus verschiedenen Getreiden.

Besonders schön ist, wenn ein Platz am Rand frei ist – entweder mit Blick nach unten in den Kuppelraum oder nach außen auf das (derzeit wegen Renovierung geschlossene) Centre Pompidou, das Dach von Les Halles und auf die Kirche Saint Eustache. Fotos: Wolf Jöckel

Epilog
Wenn Architektur den Charakter eines Bauwerks ausdrücken soll, so sollten seine Teile so ausgewählt, so gestaltet sein und so zusammenwirken, dass bei den Betrachtenden die Sinne auf dieses Wesensmerkmal hingelenkt werden. Bei Vitruv und noch jahrhundertelang bestimmten die Säulenordnungen die traditionelle Architektursprache. Im Ablösungsprozess von dieser Tradition wurde die Wirkung architektonischer Formen – gleichsam die „Wörter“ der Architektursprache – auf die Sinne/Gefühle untersucht. Der Prozess ging weiter mit der Entwicklung einer neuen, zeitgemäßen, passenden Ausdrucksprache (durch neue Materialen/Baustoffe, neue Konstruktionsweisen).
Unverändert dabei bleibt der Anspruch an die Architektur bestehen, den Nicolas Le Camus de Mézières mit dem Motto, das er seinem Traktat Le génie de l’architecture, ou l’analogie de cet art avec nos sensations (Der Geist der Architektur oder die Analogie dieser Kunst mit unseren Empfindungen) (Paris, 1780) vorangestellt hat:
Non satis est placuisse oculis, nisi pectora tangas
C’est peu de plaire aux yeux, il faut émouvoir l‘âme
[Es genügt nicht, nur die Augen zu erfreuen; man muss auch die Seele berühren.]
Haben Pinault und vor allem Tadao Ando diesen Anspruch eingelöst? Ich denke, ja:
- In der Zurückhaltung, mit der auf jedweden Hinweis und jede Werbung für den Konzern verzichtet wird,
- In der geschmackvollen Gestaltung der Umgebung des Baus,
- insbesondere in der glanzvollen Wiederherstellung der alten Bausubstanz,
- in den reizvollen Kontrasten zwischen Altem und Neuen,
- in der Bereitstellung großzügiger, heller Ausstellungsflächen, Kommunikations- und Aktionsräumen,
- im kreativen Einsatz von natürlichem Licht und von künstlichem Licht durch eine innovative Technik im Eingangsbereich, den Treppenanlagen und in der Rotonde und vor allem aber
- mit der Installation des schlichten und so komplexen Beton-Zylinders, dem Wiederaufgreifen des Kreises als Wesensmerkmal des Gebäudes.
Damit ist etwas wirklich Großartiges gelungen.
Anmerkungen:
[1] Zitiert nach Claire Lemercier : Die Börsen in Frankreich im 19. Jahrhundert: Symbole der Handelsmacht? Dans Histoire, économie & société 2006/1 (25e année), pages 51 à 66. https://doi.org/10.3917/hes.061.0051
[1a] So ist sie auf einem Gemälde, in dem der „Ruinenmaler“ Hubert Robert 1789 in freier Anordnung bedeutende Pariser Bauwerke zusammengestellte, auch die Medici-Säule berücksichtigt. https://paris-blog.org/2024/08/01/die-fontaine-des-innocents-ein-kleinod-der-renaissance-im-zentrum-von-paris-frisch-renoviert-und-mit-einer-ausstellung-im-musee-carnavalet-gewurdigt/ Und ebenso auf dem Dessin dans lequel sont placés les monuments les plus remarquables de Paris der bedeutenden Architekten des Empire-Stils Percier und Fontaine https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/971df661-6520-48fa-bb60-a7784e9cd883-rue-rivoli/article/f41a6470-ff26-4726-bb4e-a10d4eca7020-architectes-percier-et-fontaine
[2] Jean-Roch Dumont Saint-Priest, ebd.
[3] Le Genie Civil. Tome XIV, Nr. 7, 15. Dez. 1888, p.97-101
[4] Le Génie civil Tome XIII, Nr. 16, 18. Aug. 1888, p.242ff
[5] Felix Chabluk Smith: Discrete Contact. Disegno 11. Januar 2021
https://disegnojournal.com/newsfeed/bourse-de-commerce-tadao-ando-bouroullec
[6] Guillaume Picon: Restoration of the „panorama du commerce“
https://www.pinaultcollection.com/en/boursedecommerce/restoration-panorama-du-commerce
[7] Elsa Jamet: An Agency at the Service of Haussmannian Paris: the Agency of Henri Blondel (1821-1897). Online since 28 December 2020, URL: http://journals.openedition.org/craup/5747
[8] Elsa Jamet, ebd.
[9] Martina Meister: François Pinault – Der feinfühlige Milliardär. WELT, Veröffentlicht am 08.06.2021. https://www.welt.de/kultur/kunst/article231488535/Francois-Pinaults-Bourse-de-Commerce-Ein-Privat-museum-in-Paris.html
[10] Zitiert nach: Felix Chabluk Smith: Discrete Contact. Disegno 11. Januar 2021
https://disegnojournal.com/newsfeed/bourse-de-commerce-tadao-ando-bouroullec
[11] La Bourse de commerce, nouvel écrin de la collection Pinault. Expos. Mise à jour le 02/01/2024
https://www.paris.fr/pages/la-bourse-de-commerce-nouvel-ecrin-de-la-collection-pinault-19078
Literatur:
Brian Anderson : Roubo’s dome for Paris’s Halles aux Blés.,Posted on January 19, 2013 by Lost Art Press.
https://blog.lostartpress.com/2013/01/19/roubos-dome-for-pariss-halles-aux-bles/
Bruno Belhoste: A Parisian Craftsman Among The Savants: The Joiner André-Jacob Roubo And His Works. Annals
of Science 65 (4):395-411 (2008)
J.-F. Blondel, Cours d’architecture, 6 vols., ed. Pierre Patte, Paris, 1771–7, Vol. 1, p.108.
La Bourse de commerce, nouvel écrin de la collection Pinault. Expos. Mise à jour le 02/01/2024
https://www.paris.fr/pages/la-bourse-de-commerce-nouvel-ecrin-de-la-collection-pinault-19078
Laura Cantero Esquerdo: LA HALLE AU BLÉ DE PARIS – La primera gran cúpula de hierro fundido; Trabajo de fin
de Grado, Curso 2020/2021. Madrid, 8 de junio de 2022. Escuela Técnica Superior de Arquitectura de Madrid,
Universidad Politécnica de Madrid
La Collection Pinault à la Bourse de Commerce. Ouverture. Édition Beaux Arts, Paris 2021
Helene Marie Conway: Visible Structures. Submitted to the department of Architecture in partial fulfillment of
the requirement for the degree of Master of Science in Architecture Studies at the Massachusetts Institute of
Technology, June, 1991. http://dspace.mit.edu/handle/1721.1/7582
Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La cupola metallica dell’«halle au blé» di Parigi (1806-1813), un’architettura
meccanica. ArcHistoR anno VI (2019) n. 12
The Genius of Architecture; or The Analogy of That Art with Our Sensations. Werner Szambien, Editorial
Consultant, Lynne Kostman, Manuscript Editor. Introduction by ROBIN MIDDLETON. Published by The Getty
Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica, published 1992
Le Genie Civil. Tome XIV, Nr. 7, 15. Dez. 1888, p.97-101
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Benjamin Hays: The transfer of thin wood vaulting from France to America. In: History of Construction Cultures,
Vol. 1. Mascarenhas-Mateus & Paula Pires (eds)© 2021 Copyright the Author(s).
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L’utopie ou la poésie de l’art. https://expositions.bnf.fr/boullee/arret/d7/index.ht

Hier ein Plakat der aktuellen Ausstellung in der Bourse de Commerce. Titelbild: Titriteros (2023) des rumänischen Malers Victor Man, von dem mehrere Bilder zu sehen sind.
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