Die Place de la Concorde oder die Inszenierung des Vergessens. Von Ulrich Schläger

Nach dem einführenden Beitrag Ulrich Schlägers über Hittorffs Leben, Arbeit und Nachwirkung

geht es nun um die prächtige und geschichtsträchtige Place de la Concorde, deren Anlage zum Vermächtnis Hittorffs gehört. Merci Monsieur Schläger und bonne lecture! W.J.

Alles beginnt mit Ludwig XV. Nach dem Frieden von Aachen 1748, der den Österreichischen Erbfolgekrieg beendet, will die Stadt Paris den König mit einer Reiterstatue ehren. Als würdige Umrahmung wählt Ludwig XV. ein freies Gelände zwischen Tuileriengarten und den Champs-Élysées. 

Abb. 1: Die Reiterstatue von Edmé Bouchardon.

Die Place Louis XV, so ihr erster Name, ist der letzte der sogenannten Königsplätze, die seit dem frühen 17. Jahrhundert in Paris entstanden. Die ersten, die Place Royale (heute Place des Vosges) und die Place Dauphine am Pont Neuf, wurden unter Heinrich IV. angelegt, gefolgt von der Place Louis le Grand (heute Place Vendôme) und der Place des Victoires unter Ludwig XIV..

Gestaltet wird die Place Louis XV in den Jahren 1755 bis 1775 nach den Plänen des Premier Architecte du Roi Ange-Jacques-Ange Gabriel.

Abb. 2: Grundriss der Place Louis XV

Die Reiterstatue bildet den Mittelpunkt des achteckigen Platzes, den breite, mit Balustraden eingerahmte Gräben umgeben.  Zusammen mit den kleinen Wachhäusern an den acht Ecken erhält der   Platz einen festungsartigen Charakter. Nur an der nördlichen Kopfseite des Platzes werden mit dem Hôtel de Crillon und der Garde-Meuble, dem späteren Marine-Ministerium, zwei Bauten im klassizistischen Stil errichtet. Der Zugang zum Platz erfolgt von sechs Seiten.

Als letztes Bauwerk des Ancien Régime wird am 20. November 1791 die Brücke zwischen dem linken Seineufer und der Place Louis XV. vollendet. Da war die Bastille schon erstürmt und Steine von ihr wurden beim Bau dieser Brücke verwendet.

In der Französischen Revolution werden auf allen Königsplätzen die Statuen der Könige, gemeinsames Signum und Zeichen des verhassten  Ancien Régime, zerstört und die Namen der Plätze durch Umbenennung ausgelöscht. Dies geschieht auch auf der Place Louis XV.

Am 11. August 1792 wird die Reiterstatue des Bien-Aimé, des „Vielgeliebten“, wie Ludwig XV. anfangs vom Volk genannt wurde, zertrümmert und die Place Louis XV wird zur Place de la Révolution. Dieses Schicksal der Zerstörung der Monumente und der Auslöschung ihrer Namen teilt der Platz mit allen Königsplätzen in Paris während der großen Französischen Revolution. Auf der Place de la Révolution allerdings geschieht Ungeheuerliches:

Hier werden leibhaftig der König und die Königin, Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 und Marie-Antoinette am 6. Oktober 1793, mit der Guillotine hingerichtet, in Sichtweite der Statue der Liberté, die die Stelle des Reitermonuments eingenommen hat.

Abb. 3: Die Freiheitsstatue auf der Place de la Concorde

Über tausend Menschen fallen der Guillotine allein auf diesem Platz bis zum Juli 1794 zum Opfer. Dem Platz wurde „ein nie mehr auszulöschendes Signum der Gewalt eingebrannt“.[[1]]

Marie-Jeanne Roland de La Platière, bekannt als Madame Roland, Schriftstellerin und Anhängerin der Girondisten, wird, bevor sie am 8. November 1793 ihr Haupt unter das Fallbeil legt, beim Anblick der Statue der Liberté ausrufen: „Ô Liberté, que de crimes on commet en ton nom !“ („Oh Freiheit, welche Verbrechen begeht man in deinem Namen!“).

Abb. 4: Eine Hinrichtung auf der Place de la Révolution, ca 1793

Angesichts der Jahre der Terreur, der Schreckensherrschaft Robespierres, ist die Umbenennung der Place de la Révolution in die Place de la Concorde  unter dem Konsulat Napoleons ein erster Versuch, das Wüten der Guillotine und die Zerrissenheit der Gesellschaft vergessen zu machen und die Gemeinschaft aller Franzosen zu beschwören.

Napoleon ist sich der divergierenden Kräfte bewusst: Die Royalisten streben nach Wieder-herstellung ihrer alten Macht, die Bourgeoisie nach Sicherheit der Besitzverhältnisse, die noch virulenten jakobinischen Elemente nach Herrschaft des Volkes. Mit der Umbenennung appelliert er an die Eintracht der Nation: „La Concorde, voilà, ce qui rend la France invincible.“ („Die Concorde, das ist es, was Frankreich unbesiegbar macht.“).[[2]]

Die Guillotine und die Statue der Liberté sind weggeräumt. Doch die Erinnerung an den Königsmord und an die vielen anderen Opfer der Revolution macht es schwierig, ein Konzept für die Neugestaltung des Platzes zu finden, das nicht alte Wunden aufreißt.  Zwei Architekten Napoleons, Louis-Pierre Baltard und Pierre-François-Léonard Fontaine, nehmen sich des heiklen Problems an.

Im Nationalarchiv findet sich ein Projekt von Baltard, das dem Ruhm der Armeen der Republik geweiht ist:

Abb. 5: Projekt der zwei Obelisken von Louis-Pierre Baltard für die Place de la Concorde zum Ruhm der Armeen und der Gründer der Republik

Wir sehen in perspektivischer Ansicht und im Grundriss einen Brunnen im Zentrum des Platzes, flankiert von zwei großen Obelisken und umstanden von Skulpturen-Gruppen auf hohen Sockeln. Die Obelisken, ganz mit Inschriften, Ornamenten und Reliefs bedeckt, feiern vermutlich die glanzvollen Taten der Armee und der Gründer der Republik. Das Projekt wird nicht verwirklicht.

Pierre-François-Léonard Fontaine stellt einen riesigen Brunnen in das Zentrum des Platzes, als wolle er Chateaubriands Vorschlag für einen Brunnens vorwegnehmen, „dessen ewig strömende Wasser, in einem schwarzen Marmorbecken aufgefangen, anzeigten, was ich abgewaschen wissen will“. [[3]]

Gemeint war damit die Reinwaschung vom Königsmord.

Auch dieser Entwurf wird nicht realisiert.

So bleibt die Place de la Concorde ein öder Platz, den Chateaubriand als „mélancolique et abandonné“, als melancholisch und verlassen, beschreibt. Man kann sagen, dass „die monumentale Leere des Platzes, wie sie sich in der napoleonischen Zeit einstellte,(trotz oder gerade wegen der Bemühungen um ein Vergessen) eine szenische und politische Dimension von eigener Qualität erhielt“, die als „durchaus sprechende Reaktion auf die Schrecken der revolutionären Wirren“ gedeutet werden kann.[[4]]

Nach Napoleons Sturz 1815 und der Rückkehr der Bourbonen bleibt unter der Herrschaft von Ludwig XVIII. (1814–1824) auf dem Platz, der seit 1824 wieder seinen ursprünglichen Namen Place Louis XV trägt, alles beim Alten. Erst Ludwigs Nachfolger Karl X. hat einen konkreten Plan: Er will den Platz zu einem Erinnerungsort für den ermordeten König machen. Im Zentrum soll eine Sühnedenkmal Ludwigs XVI. stehen. Den Entwurf für die Statue liefert Jean-Pierre Cortot.

Abb. 6: Jean-Pierre Cortot, Projekt für ein Sühnedenkmal Ludwigs XVI. auf der Place de la Concorde

Mit großem zeremoniellem Pomp wird im Frühjahr 1826 der Grundstein für das Denkmal gelegt und der Platz in Place Louis XVI umbenannt. Die Dekorationen für dieses Fest haben Hittorff und Jean François Joseph Lecointe entworfen.

Hittorff, der als Nachfolger seines Lehrers Bélanger zusammen mit Lecointe das Hofamt für Zeremonien, die „Menus-Plaisirs du Roi“, übernommen hat, kommt hier erstmals mit dem Platz in Berührung.

Abb. 7: Grundsteinlegung für ein Monument zum Gedächtnis an Ludwig XVI. durch Karl X.

Zwei Jahre später, 1828, nimmt Hittorff erstmals an der Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs zur Neugestaltung des Platzes teil, der im gleichen Jahr in den Besitz der Stadt übergegangen war. Dreizehn weitere Architekten legen Entwürfe vor. Die Vorgaben für den Platz sind festgelegt: Im Zentrum soll die Statue des Märtyrer-Königs Ludwig XVI. stehen, in den Ecken symmetrisch angeordnet vier Brunnen außerhalb der asphaltierten Fahrwege, ferner erhöhte, mit Platten belegte Trottoirs für Fußgänger. Die symmetrisch angelegten Straßen sollen sich in einem Ring um das Zentrum treffen. Gehwege und Freiflächen sollen monumental ausgestaltet werden.  Die bestehenden Gräben zur Champs-Élysées sowie die Rückseite der Tuilerien-Gärten sollen unverändert bleiben.

Hittorff verändert in seinem Projekt grundlegend die alte Anlage, aus dem achteckigen wird ein rechteckiger Platz, Wachhäuschen und Balustraden verschwinden, die Umfassungsgräben bleiben nur auf der Seite zu den Tuilerien und vor den Champs-Élysées bestehen, die anderen werden zugeschüttet. Im Zentrum steht das Monument für Ludwig XVI. innerhalb eines Rondells, das von 32 Statuen umgeben ist. Um dieses Zentrum gruppieren sich symmetrisch vier gleich große Teilabschnitte, jeder mit einem Reiterdenkmal und einem großen Brunnen. Die Reiterstandbilder waren zu Ehren von Chlodwig, Karl dem Großen, Ludwig dem Heiligen, Ludwig XIII. oder Ludwig XIV. vorgesehen. Die Seiten zum Tuilerien-Garten und zu den Champs-Élysées sind von Rasenbeeten mit jeweils drei kleineren Fontänen eingefasst. Annähernd 300 Gaslaternen sollten den Platz illuminieren, der ganz von einer Balustrade umgeben war mit kleinen Wachhäusern an der Tuilerien- und Champs-Élysées-Seite.

Abb. 8: Jakob Ignaz Hittorff, erster Entwurf für den Wettbewerb Place Louis XVI 1828/29

Gemessen an den früheren Königsplätzen in Paris ist Hittorffs Entwurf ein völlig übersteigertes Konzept, ein barockes Ensemble eines Königsplatzes. Man könnte es auch die Überinterpretation oder den übersemantischen Entwurf einer place royale nennen. Wie später bei seinem ersten Entwurf (von 1853) für die Gestaltung der Place de l’Étoile sehen wir hier schon eine Häufung unterschiedlicher Denkmaltypen und Dekorationen auf engstem Raum.

Hittorffs Plan, der zwar höfischen Wünschen entgegenkommt, fällt bei den Juroren und in der Presse durch. Die hohen Kosten sind nur ein Grund der Ablehnung, das Übermaß an Dekoration bei zu geringer architektonischer Gliederung der andere Grund.

Hittorff war gescheitert, weil sein Plan die widerstreitenden Kräfte von Erneuerung und Restauration nicht zu bändigen wusste. So hatte er die Fläche noch ganz im Geist barocker Gartengestaltung in Parterres und Wege aufgeteilt, die er dann mit Spalieren von Gaslaternen in unterschiedlichen Höhen umstellte. Alles wirkte summarisch; den Dimensionen des Platzes war das Konzept nicht gewachsen.“[[5]]

Mit dem Sturz Karls X. durch die Julirevolution von 1830 findet das Projekt ein jähes Ende und auch für Hittorff ist das Ende der Bourbonendynastie ein einschneidendes Ereignis. Er verliert durch die Auflösung der Menus Plaisirs du Roi seine angesehene Anstellung als Architekt des Königshauses.

1830 besteigt Louis-Philippe I. aus dem Hause Orléans als „Bürgerkönig“ den französischen Thron. Diese Bezeichnung verdeckt die erheblichen Spannungen zwischen der schon unter Napoleon mächtig gewordenen Großbourgeoisie und den unteren Schichten, die sich schließlich in der Februar-Revolution von 1848 entladen und die „Julimonarchie“ beendeten.

Für den ehemaligen Bourbonenplatz ändert sich in ersten beiden Jahren der Regentschaft Louis-Philippes außer seinem Namen nichts: Er wird im Juli 1830 zunächst in Place de la Charte und im Herbst 1830 dann wieder in Place de la Concorde umbenannt.

Abb. 9: Place Louis XVI

Sein Zustand bleibt aber so desolat wie die Jahre zuvor: Die Umwohner waren über den Zustand des Platzes herzlich unzufrieden und machten ihrer Empörung in vielen Beschwerden Luft. Wenn schon im Sommer das wüste, verlassene und sandige Baugelände kaum passierbar war, verwandelte es sich im Winter in ein wirkliches Verkehrshindernis. Die Gräben dienten als heimlicher Müllabladeplatz und gewährten allerhand herumtreibendem Gesindel Unterschlupf.“ [[6]]

Verschiedene Architekten, darunter Louis-Adrien Lusson und Louis-Nicolas-Marie Destouches, die zwar den Architekturwettbewerb von 1828/29 gewonnen hatten, aber durch den Sturz Karl X. ihr Projekt nicht realisieren konnten, machen neue Vorschläge. Ein fehlendes Konzept für die Gestaltung und ein angespannter städtischer Haushalt führen zur weiteren Stagnation.

Unter den vorgeschlagenen Projekten ist auch eine Säule mit dem Standbild von Louis-Philippe, verknüpft mit der Überlegung, zu Beginn einer neuen Regentschaft die Statue auszutauschen; sehr pragmatisch im Blick auf den häufigen Wechsel an der Spitze des Staates. Angesichts solcher Ideen wundert es nicht, dass sich die Satire des Platzes bemächtigt.

In deutlicher Spitze gegen Louis-Philippe und in Anspielung auf Charles Philipons bekannte Karikatur des Bürgerkönigs, dessen Kopf sich nach und nach in eine Birne verwandelt, schlägt das Journal La Caricature für die Platzmitte die Errichtung eines »Expia-Poire«-Monumentes vor.

Abb. 10:  Satirisches Projekt eines Birnen-Denkmals (monunment Expia-poire) auf dem Platz, wo Ludwig XVI. hingerichtet worden war.  

Der Begriff „monument Expia-poire“ in der Bildunterschrift ist ein Wortspiel und bezieht sich auf das „Monument expiatoire“ (Sühnemonument), das während der Restauration zum Gedenken an die Hinrichtung Ludwigs XVI. auf dem Platz errichtet werden sollte. Nach der Veröffentlichung des Bildes wurde Philipon wegen Anstiftung zum Königsmord angeklagt!

Das gleiche Satire-Journal publiziert einen Obelisken aus »Luxe-Nez«, der Nase des Königs nachempfunden und mit einer Birne als Pyramidion, der in Hieroglyphenform die Geschichte der Birne auf der Place de la Concorde zeigt.

Abb. 11: Satirisches Projekt eines Nasen-Obelisken (Obélisque de Luxe-nez) aus dem Jahr 1833

Während noch zahlreiche Mutmaßungen und Pläne zur Gestaltung des Platzes kursieren, sind unbemerkt von der Öffentlichkeit die Würfel schon gefallen.

Louis Philippe, sein Minister Adolphe Thiers sowie der neu ernannte Préfect de la Seine Claude-Philibert Barthelot, Comte de Rambuteau,  sind sich der explosiven gesellschaftlichen Lage, bewusst,  die in kleineren Revolten immer wieder zum Ausbruch kommt.

Der tatkräftige Rambuteau, schreibt Karl Hammer, weiß genau den Hebel anzusetzen: Für ihn sind die Pariser „wie Kinder“ mit einem ständigem Bedürfnis nach Neuem und einem rebellischen Temperament. Man müsse ihnen deshalb jeden Tag etwas Neues bieten, das sowohl nützlich für die Stadt sei als auch der Ablenkung und dem Vergnügen diene: Die Instandsetzung von Denkmälern, die Eröffnung von Straßen, Plätzen, Grünanlagen, Gärten aber auch Bälle und  Feste…  [[7]]

Dieses Programm gilt es architektonisch umzusetzen. Und wer wäre für Rambuteau wohl geeigneter als Hittorff mit seinen Erfahrungen in den Menus Plaisirs du Roi. Hittorff, der 1832 dank Adolphe Thiers zum  architecte de la ville de Paris berufen wurde, wird von Rambuteau ohne neue Ausschreibung mit der Neugestaltung der Place de la Concorde betraut. Und ein spektakuläres Monument für den Platz ist schon auf dem Weg nach Paris.

Für den Obelisken aus Luxor, ein Geschenk des ägyptischen Vizekönigs Mehmed Ali Pascha an König Louis-Philippe I., ist als nationales Monument nicht die Stadt Paris, sondern die staatliche Verwaltung mit Louis-Philippe und Thiers an der Spitze zuständig, und für diese steht schon bald fest, dass der Obelisk das Zentrum des Platzes bilden soll. Ein Grund ist die große repräsentative Bedeutung eines Obelisken. Schon sein Transport ist ein nationales Ereignis und seine Aufrichtung verspricht zu einer machtvollen Demonstration der technischen Leistung Frankreichs zu werden. Ein weiterers und vielleicht noch bedeutsameres Motiv  spielt auf das Schicksal der Monumente der Pariser Königsplätze an. „Ich habe noch einen anderen Grund,“ äußerte sich Louis-Philippe, „er erinnert an kein politisches Ereignis, und es ist sicher, dass er bleiben wird…“ [[8]]

„Der Bürgerkönig“, meint Wolfgang Kemp, „erweist sich hier als Bürger, nämlich praktisch denkend. Er nimmt den Obelisken nicht nur, weil dieser durch Material und Form zeitlose Dauer verbürgt, sondern auch, weil sein historischer Sinn, die Erinnerung an einen Pharaonen, schon verbraucht ist, trotz oder wegen seiner Inschrift, die dem Passanten unverständlich bleibt.“ [[9]]

Bevor die Gesamtgestaltung des Platzes in Angriff genommen werden kann, muss sich  Hittorff mit der Positionierung des Obelisken, seinem Fundament und der Gestaltung des Sockels beschäftigen. Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln verwahrt hierzu eine Reihe von Zeichnungen Hittorffs. Dank der archäologischen Bauzeichnungen seines Schwiegervaters Jean-Baptiste Lepère, der 1798 zusammen vielen anderen Mitgliedern der Kommission der Wissenschaften und Künste  Napoleons Expedition nach Ägypten (1798–1801) begleitet hatte, ist Hittorff mit den konstruktiven Problemen bei der Aufstellung des Monolithen vertraut. Als Vorbild für die Einbindung in das Gesamtgefüge des Platzes dienten ihm die Obelisken in Rom auf dem Petersplatz und der Piazza Navona.

Abb. 12: Jakob Ignaz Hittorff, Zeichnung des Obelisken von Luxor auf dem von ihm entworfenen Sockel (1833)  

Apollinaire Lebas wird in seinem Bericht L‘ obelisque de Luxor -Histoire de sa translation à Paris seine Aufrichtung des Obelisken auf der Place de la Concorde mit der herausragenden technischen Meisterleistung von Domenico Fontana, der den Obelisken vor St. Peter in Rom 250 Jahre zuvor, 1586, aufstellte, parallelisieren.

Auf den Petersplatz bezieht sich auch das Sitzungsprotokoll des Conseil municipal, in dessen Verantwortlichkeit die Umsetzung der Platzgestaltung liegt, als es 1834 zu den Brunnen um den Obelisken Stellung nimmt:

„„Das Ensemble der beiden Brunnen mit dem Obelisken in der Mitte wird genau die gleiche Anordnung bieten wie die auf dem Petersplatz in Rom, deren Wirkung immer ein Grund zur Bewunderung war.“([10])

Abb. 13: Jakob Ignaz Hittorff,  Projekt zur Verschönerung der Place de la Concorde

Auch wenn für Rom als Vorbild vordergründig ästhetische Gesichtspunkte angeführt werden, so steht dahinter sicherlich auch die Absicht, mit der Gestaltung der Place de la Concorde Paris unter den europäischen Hauptstädten einen besonderen Rang zu verleihen.

Im Herbst 1834 erstellt Hittorff die Fundamente für den Obelisken. Zur Vorbereitung der endgültigen Aufstellung dient ein hölzernes Modell des Obelisken im Maßstab 1:1, das anlässlich der Exposition des Produits de l’Industrie Française 1834 auf der Place de la Concorde aufgestellt wird, um die Wirkung des Originals in Relation zu seiner Umgebung zu ermessen. Der zunächst noch unbeschriftete hohe Granitsockel Hittorffs wird im Herbst 1836 fertig gestellt.

Am 24. Oktober 1836 kann der Obelisk vor 200.000 Schaulustigen in Anwesenheit des Königs und der Regierung feierlich aufgerichtet werden. Die Arbeiten werden von dem Marine-Ingenieur Jean-Baptiste-Apollinaire Lebas geleitet, der auch für den Abbau in Luxor verantwortlich gewesen war.

Abb. 14:  Aufrichtung des Obelisken von Luxor am 25. Oktober 1836

Schon vor der Aufstellung des Obelisken setzte die Diskussion um die Beschriftung seines Sockels ein. Erst 1839 einigt man sich auf einen Kompromiss: Die Seite des Sockels zu den Tuilerien hin erhält eine lateinische – im Duktus an traditionelle Herrscherhuldigungen anknüpfend – , die zu den Champs-Elysées eine französische Beschriftung. Die im Original lateinische Sockelinschrift auf der Tuilerienseite lautet: »Louis Philippe I, König der Franzosen, um der Nachwelt ein uraltes Werk der ägyptischen Kunst und gleichzeitig ein Andenken an die ruhmreichen Taten der französischen Armee an den Ufern des Nils zu überliefern, hat beschlossen, dass der Obelisk, das Geschenk Ägyptens an Frankreich, im hunderttorigen Theben am 25. August 1834 gehoben, in dreizehnmonatiger Arbeit auf einem eigens dafür konstruierten Schiff nach Frankreich gebracht, auf diesem Platz aufgerichtet werde, am 25.Oktober 1836, dem siebten Jahr seiner Regierung«.[[11]]

Die Sockelinschrift zur Seite der Champs-Élysées) lautet vollständig: »En présence du Roi Louis-Philippe Ier cet obélisque transporté de Louqsor en France a été dressé sur ce piédestal par M. Lebas, Ingénieur, aux applaudissements d’un peuple immense, Le XXV octobre MD.CCC.XXXVI.« (In Anwesenheit von König Louis-Philippe I. wurde dieser von Luxor nach Frankreich transportierte Obelisk von Ingenieur M. Lebas unter dem Beifall einer  riesigen Volksmenge auf diesem Sockel aufgerichtet, am XXV. Oktober MD.CCC.XXXVI.). Ein weiteres Jahr vergeht, bis die beiden anderen Seiten des Sockels mit Gravuren geschmückt werden, die in Form von Grundrissen und Ansichten den Abbau und die Verschiffung des Obelisken aus Luxor sowie seine Aufrichtung auf der Place de la Concorde zeigen.

Abb. 15: Entwurfszeichnung des Ingenieurs Apollinaire Lebas für die Aufrichtung des Obelisken (Detail)

Die weitere Gestaltung der Place de la Concorde erweist sich allerdings wegen ständiger Eingriffe in die Planung Hittorffs durch die staatlichen und städtischen Behörden als höchst kompliziert.   

Alle Planungselemente wurden ständig revidiert, was sich in der unterschiedlichen Benennung der Entwürfe zeigt: Plan AA, Plan A‘ oder Plan „A modfié“ etc.

Abb. 16: Jakob Ignaz Hittorff,  Projekt B zur Verschönerung der Place de la Concorde, perspektivische Ansicht, um 1835

Angenommen wird schließlich 1835 der Plan, der den alten achteckigen Grundriss des Platzes einschließlich der Wachthäuser beibehält. Das Zentrum bildet ein langgestrecktes Oval mit dem Obelisken in der Mitte, flankiert von zwei Brunnen, das Rom-Bild der Piazza Navona oder des Petersplatzes zitierend. Acht Zufahrten verbinden den das Oval umlaufenden Fahrweg mit den einmündenden Straßen. Die schmalen Rasenstücke am Rand werden von den acht einmündenden Straßen durchtrennt.  Als weitere Dekorationselemente sind vier Flussgottheiten und acht Löwen an den Eingangsseiten des Platzes und vier auf den Monolithen ausgerichtete Sphinxe vorgesehen.

Abb. 17: Der genehmigte Entwurf Hittorffs aus dem Jahr 1835 mit dem Obelisken und zwei Brunnen im Zentrum

Hittorffs ursprünglicher Plan, den Platz mit den Statuen großer Franzosen zu umgeben und als Ausgangspunkt für eine Triumphstraße zum Arc de Triomphe zu machen, muss er fallen lassen. Zu sehr hätte diese „historische Ausgestaltung“ Erinnerungen an weniger heroische, ja furchtbare Taten an diesem Platz provozieren können.

Stattdessen wählt er eine „nationale“ Gestaltung: die acht Pavillon-artigen Wachhäuschen von Jacques-Ange Gabriel sollen mit sitzenden weiblichen Statuen bekrönt werden, die bedeutende französische Handelsstädte (Bordeaux, Brest, Lille, Lyon, Marseille, Nantes, Rouen und Strasbourg) personifizieren.

Bei allen acht Figuren handelt es sich um zweitverwendete Modelle. Vier Statuen waren ursprünglich für die Balustrade des Börsenplatzes bestimmt, vier weitere sollten Cortots Standbild Ludwigs XVI. flankieren. Vier Bildhauer (James Pradier, Louis-Messidor Petitot, Louis-Denis Caillouette und Jean-Pierre Cortot) arbeiten jeweils zwei dieser Statuen nach einheitlichen Vorgaben um: Jede soll auf ihrem Kopf eine Mauer-Krone tragen, und die jeder Figur beigefügten Attribute sollen die besonderen Merkmale und Bedeutungen der Städte hervorheben. Dafür drei Beispiele:

Abb. 18: Statue „Lyon“

 So entspringen zu Füßen der „Lyon“ strömen die Quellen der Saône und der Rhone aus zwei Kannen. Die rechte Hand der allegorischen Figur stützt sich auf einen Korb mit Seiden- und Woll-Stoffen, die linke hält sie den Caduceus des Hermes/Merkurs. Symbolisiert werden damit Textilmanufaktur und -Handel.  

Abb. 19: Statue „Brest“

Die „Brest“ sitzt auf einer Kanone und hält in der rechten Hand ein Ruder,  Symbole für die Bedeutung der Kriegsmarine in der damals größten Hafenstadt Frankreichs.  

Abb. 20: Statue „Bordeaux“

Die „Bordeaux“ sitzt auf einem Weinberg. In der linken Hand hält sie Füllhorn; in der rechten den Schild mit dem Wappen der Stadt darstellt. Die Symbolik unterstreicht den Reichtum des Terroirs, insbesondere die Weinproduktion.

Die Mauerkrone auf dem Kopf der weiblichen Figuren, seit der Antike Personifikation der Stadt bzw. der Stadtgöttin Tyche, die Bekleidung und die griechisch-römische Haartracht (mit Ausnahme der „Lille“ und der „Straßburg“ von Pradier) sind ein Rekurs auf die Antike, die dem Platz eine besondere Würde und Glanz verleihen sollen.

Daneben wird an der Auswahl der Städte und den Attributen, die ihren Personifikationen beigeben sind, noch ein anderes Bestreben erkennbar: die Kanonen, Kanonenkugeln und Schwerter demonstrieren eine wehrhafte Nation, der  Caduceus-Stab des Merkurs symbolisiert den Anspruch einer großen Handelsnation anzugehören, Ruder und Schiffe stehen für die Beherrschung der Schifffahrt und mit Füllhorn, Ölzweig, Lamm, Woll- und Seide wird auf die Schätze und den Reichtum der Nation verwiesen.

Wesentliches Gestaltungselement der Gestaltung des Platzes sind die beiden Monumentalbrunnen. Möglich wurde deren Bau durch die Fertigstellung des Canals de l’Ourq und zusätzliche von Rambuteau vorangetriebene Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserversorgung der Stadt, deren Dringlichkeit die Choleraepidemie von 1832 erwiesen hatte. So wurden in Paris 200 km neue Wasserleitungen verlegt und 1700 neue Brunnen für die Bevölkerung installiert. Und so war auch die Errichtung der rein dekorativen fontaines de la Concorde möglich, deren täglicher Wasserbedarf von 6000 Kubikmetern durch eine spezielle Zuleitung aus dem Bassin de la Villette  gedeckt wurde.

Wie die acht Städteskulpturen erfüllen auch die beiden Monumentalbrunnen eine doppelte Funktion: Mit ihrem, steinverkleideten, Figuren geschmückten Sockelbassin, aus dem sich in der Mitte ein zweiteiliger Schalenaufbau erhebt, „dem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich beliebten Typus italienischer Renaissancefontänen verpflichtet, sind sie glanzvolle Teile des „Embellissement“ des Platzes. Für den reichen Skulpturenschmuck kann Hittorff mehrere bedeutende Maler und Bildhauer gewinnen, zum Teil Schüler von Louis David oder David d’Angers, zum Teil ausgezeichnet mit dem Prestige-trächtigen Prix de Rome. [[12]]

Inspiriert wurde Hittorff vermutlich von dem Orionbrunnen des Bildhauers  Montorsoli in Messina, der als „der schönste Brunnen des 16. Jahrhunderts in Europa“ bezeichnet wurde.[13] Hittorff hatte ihn auf seiner Studienreise in Sizilien gesehen und später zusammen mit seinem Mitarbeiter Karl Ludwig Wilhelm von Zanth in  Architecture moderne de la Sicile 1835 publiziert.

Abb.21: Jacques Ignace Hittorff , Zeichnung des Orionbrunnens in Messina

Zugleich variiert Hittorff mit dem Element Wasser und dem Figurenprogramm der Brunnen das ikonographische Programm der Beherrschung der Gewässer und Meere und deren Bedeutung für die Wirtschaft, und er bezieht sich damit auf das schon von Gabriel geschaffene Gebäude des Hôtel de la Marine auf der einen Seite und die Seine auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes.

Abb. 22: Jakob Ignaz Hittorff, Ansicht eines Monumentalbrunnens auf der Place de la Concorde

Der Nordbrunnen,  Fontaine des Fleuves (Brunnen der Flüsse), zeigt Allegorien von Rhein und Rhône, Getreideernte und Weinlese, Obst- und Blumenernte, Flussschifffahrt, Landwirtschaft und – ein Novum – Industrie.

Abb. 23: Fontaine des Fleuves Place Concorde (Wikipedia)

Der Südbrunnen,  Fontaine des Mers (Brunnen der Meere),  personifiziert Atlantik und Mittelmeer, Perlenfischerei und Muschelernte, Fischfang und Korallenfischerei, zusammen mit Meeresgöttern und Wassernymphen.

Abb. 24: Fontaine des Mers Place de la Concorde (Wikipedia)

Detail des Südbrunnens. Foto: Wolf Jöckel

„Hier werden also die Ressourcen und Produktivkräfte Frankreichs beschworen. […] Wie Hittorff am 11. März 1837, noch während der Entwurfsarbeit an den Brunnenanlagen, an Rambuteau schrieb, zielte er auf eine Ikonographie, die dem »Charakter, der für unsere Zeit besonders bedeutsam ist«, entspreche.[[14]]

Zeitspezifisch ist auch der Gebrauch des neuen, industriell gefertigten Konstruktionsmaterials, des Gusseisens, dessen geringere Kosten im Vergleich zu den bisher üblichen Materialien wie Stein und Bronze nicht nur bei den Brunnen, sondern auch bei den Laternen und Kandelabern von  Hittorff gegenüber dem Bauherrn hervorgehoben werden.

Abb. 25:. Entwurf von Hittorff: Rostralsäulen auf der Concorde- Brücke zwischen Place de la Concorde und  Palais Bourbon.

Die gusseisernen Kandelaber, besonders aber die Rostralsäulen auf der Place de la Concorde werden das Markenzeichen Hittorffs.

Abb. 26: Hittorffs Entwurf einer Rostralsäule

Die Rostralsäule, d.h. die mit Rammspornen bzw. sogenannten Schiffsschnäbeln gezierte Säule geht auf die antiken columnae rostratae zurück, die als Ehrensäulen den Seekriegssiegern auf dem forum romanum in Rom vor der rostra, der Rednertribüne errichtet wurden. Auch die rostra selbst, daher ihr Name, war mit erbeuteten Rammspornen geschmückt. 

Foto: Detail einer Rostralsäule mit Rammspornen und Anker. Foto: Wolf Jöckel

Hittorff ist auch nicht der Einzige, der diesen Säulentyp wieder verwendet. Man findet Rostralsäulen in St. Petersburg, Wien, Venedig, Bordeaux, Wladiwostok und sogar in New York.

Wie schon bei den Brunnen ist die Rostralsäule mehr als nur ein schmückendes Mobiliar. Mit der Rostralsäule als Symbol für die Seemacht paraphrasiert Hittorff die schon genannte maritime Thematik des Platzes. Ob er dabei auch an das Motto und Wappen der Stadt Paris gedacht hat, das bekanntlich ein Schiff zeigt, das den Wellen trotzt: „Fluctuat Nec Mergitur.“ („Es schwankt, aber es geht nicht unter.“), das wissen wir nicht. Bei der Verwendung des Schiffsmotivs auf den Rostralsäulen der Place de la Concorde nahe.

Foto: Wolf Jöckel

Was wir aber wissen ist, dass Hittorff den schmückenden Einsatz der Säulen zunächst auf der Concorde-Brücke, dann erst auf dem gesamten Platz geplant hatte.  Darüber hinaus lässt er achtzig gusseiserne Gaslaternen auf den Platz stellen. Kandelaber und Säulen werden in einem Bronzeton gestrichen, die Reliefs und Kugeln werden vergoldet.

Am Ende steht Hittorffs Lichtarchitektur. Sie „lässt den Platz bei Nacht einheitlich erstrahlen und bringt Paris den Ruf einer Ville Lumière ein – Stadt der Lichter.“ [[15]]

Abb. 27: Die Place de la Concorde bei Nacht (Wikipedia)

Nach langen Planungen und immer wieder unterbrochenen Arbeiten wird am 1. Mai 1840 die neugestaltete Place de la Concorde der Öffentlichkeit übergeben. Die zeitgenössische in- oder ausländische Presse und die zahllosen Paris-Besucher berichten über den neuen Platz und wie sich denken lässt, gegen die Meinungen weit auseinander, insbesondere, was den Obelisken betrifft:

Mein Gott! Welcher Wahnsinn wurde da übernommen und transportiert! Könnt ihr nicht jedem Kontinent, jeder Region seinen eigenen Ruhm und seinen eigenen Schmuck lassen? Könnt ihr nichts an einem fernen Stande betrachten, ohne es zu begehren, und ohne es mitschleppen zu müssen…“ (Petrus Borel, L’obélisque de Louqsor) [[16]]

Während Borel die anmaßende Aneignung beklagt, ist für den Autor der Zeitschrift L’Ariste, (1835, S.190) der Obelisk Ausdruck eines mangelnden Kunstsinnes: „…es ist uns unmöglich, in diesem sogenannten Monument etwas anderes als den schrecklichsten Klotz zu erkennen, der je in einer französischen Stadt aufgetaucht ist“. [[17]

Und für Heinrich Heine ist es das Rätselhafte, das Geheimnisvolle des Obelisken, die seine Kritik an der Aufstellung des Obelisken gerade an diesem Ort bestimmt: „Es ist doch eine sonderbare Sache mit dem Obelisken des Luxor, welchen die Franzosen aus dem alten Mizraim* herübergeholt und als Zierat aufgestellt haben inmitten jenes grauenhaften Platzes, wo sie mit der Vergangenheit den entsetzlichen Bruch gefeiert am 21. des Januar 1793**. Leichtsinnig wie sie sind, die Franzosen, haben sie hier vielleicht einen Denkstein aufgepflanzt, der den Fluch ausspricht über jeden, welcher Hand legt an das heilige Haupt Pharao’s! Wer enträtselt diese Stimme der Vorzeit, diese uralten Hieroglyphen? Sie enthalten vielleicht keinen Fluch, sondern ein Rezept für die Wunde unserer Zeit! O, wer lesen könnte! Wer sie ausspräche, die heilenden Worte, die hier eingegraben . . .“ [[18]]

Lob hingegen vom Maler und Schriftsteller Étienne-Jean Delécluze im Journal des Débats, 16. Januar 1836: „Nichts kann dieses Ziel (aus der Place de la Concorde einen architektonisch und monumental gegliederten Platz schaffen) auf einfachere und edlere Weise erfüllen als die Aufstellung des ägyptischen Monolithen, der zudem noch auf einem gewichtigen Fundament ruht. Kein Einfall erscheint glänzender, populärer oder schöner.“[[19]]

Begeistert ist auch der  Journalist und Dichter Ludwig Rellstab. 1843 schreibt er: „[…] ringsum erblickt man zahlreiche, im Sonnenglanz funkelnde, Laternenträger von Bronze und reich vergoldet, die dem Platz einen ganz eigenthümlichen Ausdruck verschwenderischer Pracht geben, und ihn doch zugleich wahrhaft verschönern, da sie alle in wirklich edlen Formen gehalten sind. […] Dieser Platz ist das großartigste was ich durch den Verein architektonischer und Gartenanlagen bisher gesehen habe; er ist aber auch der funkelndste Stein in dem überreichen Schmuck dieser Hauptstadt.“ [[20]] Ganz anders das Urteil der berühmten Schriftstellerin Ida Gräfin Hahn-Hahn in ihrer elitären aristokratischen Attitüde: „Die Place de la Concorde stralt von Gold – sehr geschmacklos und unpassend nach meiner Meinung, denn man hat nicht den Römersinn, der Forum und Tempel schmückt und das Haus schlicht lässt, sondern man begehrt im Hause den raffinirtesten Luxus, und da müßte man’s den geradezu mit Perlen und Diamanten decoriren, weil vergoldete Bronze bereits auf den Straßen steht – genug, jener Platz ist ganz extravagant herausgeputzt…“ [[21]]

Insgesamt überwiegen die positiven Stimmen und es scheint, als hätten Louis-Philippe und sein Präfekt Rambuteau mit der Beauftragung von Hittorff ihre Ziele erreicht.

In der Tradition der französischen Könige konnte er sich durch eine große Bauschöpfung auszeichnen und sich als Kenner und Förderer der Künste darstellen, wobei sein Geschmack wie Karl Hammer meinte, „mehr den Neigungen eines reichen Bankiers als denen eines mächtigen Herrschers“ entsprach. Darüber ließen die Hittorffschen Verschönerungsmaßnahmen die geschichtliche Bürde des Platzes als Ort des Königmordes und Terrors verschwinden und die Größe der ganzen Nation glanzvoll demonstrieren.

Darüber hinaus entstanden  durch das „Embellissement“ der Place de la Concorde, das Wachstum der Stadt nach Westen und durch die neuen Vergnügungsbauten im Champs-Élysées-Park „abgerückt vom vieux Paris (und dessen sozialen Missständen) […] an der westlichen Peripherie des Stadtgebietes […] ein Ort neuer kollektiver Identität der gesellschaftlichen Mitte […], der zumal von der Bedeutung, den finanziellen Möglichkeiten und dem Selbstverständnis des sich neu formierenden Juste-Milieu Zeugnis ablegte. […] Die Champs-Élysées wurden zum Prosperitätssymbol der Juli-Monarchie. Mit ihr im Rücken gedieh die Place de la Concorde zum neuen Zentrum des Pariser High life.“ [[22]]

Salvatore Pisani spricht die gesellschaftliche Spaltung schon an. Der Platz wird nur für einen Teil der Pariser Gesellschaft „»das Vestibül« ihrer Vergnügungsstätte, der Champs-Elysées.“[[23]]

Die beschworene Einheit der Nation war, wie der Gang der Geschichte bald zeigen sollte, nur eine Wunschvorstellung. Das Bürgertum, insbesondere die Großbourgeoisie, mit dessen Hilfe Louis-Philippe an die Macht gelangte, war nicht gewillt, diese Macht mit der republikanisch-demokratische Opposition und den Classes laborieuses, zu teilen. Die Folgen waren Radikalisierung (Bildung der Classes dangereuses) auf der einen und Repression auf der anderen Seite, die letztlich in die Februar-Revolution von 1848 einmündeten.

Das Vorhaben, dem politischen Kreditschwund mit „mit einer verstärkten Investition in die Pflege des öffentlichen Images, konkret die Stadtbildverschönerung von Paris, zu begegnen“ (Pisani), insbesondere mit der Neugestaltung der Place de la Concorde, scheiterte. Der maximale Einsatz an Verschönerungen, an Zerstreuungs- und Vergnügungsbauten vermochte die Pariser Bevölkerung, anders als Rambuteau meinte, nicht ablenken und beruhigen.

Heinrich Heine, scharfsinniger Beobachter der „Französische[n] Zustände“ durchschaut, wie mit schönem Schein und falscher Symbolik die Schrecken der Vergangenheit verschleiert werden:  „[…] der Obelisk, stand einst vor den lotosknäufigen Riesensäulen am Eingang des Tempels von Luxor… Neben ihm stand ein Zwillingsbruder von demselben roten Granit und derselben pyramidalischen Gestalt, und ehe man zu diesen beiden gelangte, schritt man durch zwei Reihen Sphynxe, stumme Rätseltiere, Bestien mit Menschenköpfen, ägyptische Doktrinäre. In der Tat, solche Umgebung war für den Obelisken weit geeigneter als die, welche ihm auf der Place-Louis-Quinze zuteil ward, dem modernsten Platz der Welt, dem Platze, wo ganz eigentlich die moderne Zeit angefangen und von der Vergangenheit gewaltsam abgeschnitten wurde mit frevelhaftem Beil. – Zittert und wackelt vielleicht wirklich der große Obelisk, weil es ihm graut, sich auf solchem gottlosen Boden zu befinden…Jedenfalls steht er dort sehr isoliert, fast komisch isoliert, unter lauter theatralischen Architekturen der Neuzeit, Bildwerken im Rokokogeschmack, Springbrunnen mit vergoldeten Najaden, allegorischen Statuen der französischen Flüsse, deren Piedestal eine Portierloge enthält, in der Mitte zwischen dem Arc-de-Triomphe, den Tuilerien und der Chambre des Deputés. [[24]]

Trotz aller Verschönerungsmaßnahmen bleibt für Heine die Place de la Concorde ein „grauenhafter Platz“ auf „gottlose[m] Boden“. Er sieht die Inszenierung des Verdeckens auch in Stilisierung als „Platz der Eintracht“, die die gesellschaftliche Realität ignoriert.  Am 19. Dezember 1841 reflektiert Heine in »Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben«  über die Place de la Concorde, eine neuerliche Revolution und einen neuen Bildersturm: „Alles wackelt, auch der Obelisk von Luxor“. [[25]]

Nach der Februar-Revolution erlebt der Platz noch einmal eine tiefgreifende Veränderung.  In der Zweiten Republik und insbesondere im Zweiten Kaiserreich wird der Platz zum Forum großer nationaler Feste und Ort von Massenveranstaltung. Für die vielen, die hier zusammenströmen, ist der Platz mit seinen immer noch vorhandenen Gabriel‘schen Gräben nicht nur zu klein, sondern zu gefährlich. Hittorff reicht im Februar 1852 einen Plan ein, der den Wünschen des Prinz-Präsidenten Louis-Napoleons entspricht: die Gräben werden beseitigt, das durch die Einebnung gewonnene Gelände soll auf der Tuilerienseite für amphitheatralisch aufsteigende Tribünen mit Sitzmöglichkeiten für ungefähr 5 500 Personen und auf den anderen Seiten für eine Verbreiterung der Fahrbahnen genutzt werden. Die äußeren Balustraden werden beseitigt, die inneren mit Vasen, Statuen und Kandelabern dekoriert. Die Brunnen und der Obelisk bleiben unangetastet. Was die Tribünenanlage anbetrifft, so kann Hittorff sich mit dem

Argument durchsetzen, dass hierzu der Platz nicht ausreicht. Er scheitert aber beim Versuch die Grünanlagen zu erhalten vor allem beim neuen Präfekten Georges-Eugène Haussmann. Der hat noch radikalere Vorstellungen:  Der Mittelteil des Platzes, einschließlich des Obelisken,  soll dem Verkehr geopfert werden. Das kann Hittorff verhindern. „Haussmann hatte eine empfindliche Niederlage erlitten, mit seiner Revanche war zu rechnen. Nach der Zuschüttung der Gräben, der Anlage der Fahrbahnen und Bürgersteige hatte die Place de la Concorde ihre endgültige, die gegenwärtige Gestalt erhalten.“ [[26]]

Abb. 28: Die Place de la Concorde mit den Hittorff’schen Brunnen, dem Obelisken von Luxor,  dem Hôtel de Crillon (links), dem Hôtel de  la Marine (rechts) und im Hintergrund in der Mitte die Kirche La Madeleine

Konnte Hittorff mit seiner Arbeit zufrieden sein?   Er wollte einfach nur einen schönen Platz schaffen. Alles sollte „un repos aux yeux“, „eine Erholung für die Augen“ sein.  Er kannte die jüngste Geschichte des Platzes. Und er hat seine Aufgabe „im Rahmen des programmatischen Oubli“ (Salvatore Pisani), d.h. der vorgegebenen Strategie des „Vergessens“, erfüllt. Der Platz am Kreuzungspunkt der historischen Achsen überstrahlte glanzvoll alles.

Seine Vorstellungen von der Begrünung und Bepflanzung der Place de la Concorde und die Verbindung von Grünflächen und Blumenbeeten des Platzes zum Baumbestand der Champs-Élysées und zum Tuileriengarten konnte er nicht verwirklichen, da er es im Zweiten Kaiserreich mit dem neuen Präfekten  Georges-Eugène Haussmann zu tun hatte, der dem Verkehr Priorität einräumte. Das rächt sich heute umso mehr.

Die Place de la Concorde ist zum Opfer des Straßenverkehrs geworden. Ein Strom von Motorrädern, Autos und Bussen ergießt sich von der Avenue des Champs-Élysées, von der Rue Royale, der Avenue Gabriel, der Rue de Rivoli, vom Cours la Reine und vom Pont de la Concorde auf den Platz und umkreist sein Zentrum. Für die seit einiger Zeit in Paris hofierten Fahrradfahrer ist der Platz eine Zumutung, für Fußgänger ein Horror. Es bedarf einiger Entschlossenheit und Energie, sich den Obelisken und die beiden Brunnen aus der Nähe anzusehen. Und dann ist man froh, wenn man diesen unwirtlichen Ort so schnell wie möglich auch wieder verlassen kann.

Abb. 29: Photo aérienne de Paris, von survoldefrance.fr; Survol de France ist eine kollaborative Website, die Luftbilder aus ganz Frankreich präsentiert.

Dass dies nicht so bleiben kann, ist inzwischen allgemein anerkannt.  Zunächst  allerdings wird zu den Olympischen Spielen 2024 auf dem Platz ein „parc urbain“ installiert und es werden dort mehrere Straßensport-Wettbewerbe ausgetragen  werden (Breakdance, BMX- Freistil, Skateboard und Basketball 3×3). Immerhin wurde und wird der Platz bis dahin etwas „aufgeübscht“. [27]

Abb.30: Die Place de la Concorde als Austragungsort der Olympischen Spiele 2024

Danach und bis etwa 2030 soll der Platz mit einer umfassenden Umgestaltung den neuen Anforderungen und Prioritäten der Pariser Stadtplanung im Zeichen von Verkehrswende und Klimawandel angepasst werden [28]:

Abb.31:  Modell der geplanten Veränderung der Place de la Concorde @PCA-Stream

Also weg von der Dominanz des Autoverkehrs, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, mehr Grün- und insofern geradezu eine Rückkehr zu der ursprünglichen Planung Hittorffs, der ja ein grünes Band zwischen den Champs-Elysées und den Tuileriengärten vorgesehen hatte.

Abb. 32:  Blick auf die den Platz umfassenden geplanten „Regengärten“ (jardins de pluie) @PCA-Stream

Mit der Neugestaltung des Platzes soll auch das für ihn konstitutive Wasserthema darüber hinaus mit zwei Wasserbecken (mirroir d’eaux) aufgegriffen und weiter variiert werden. Und auch damit wird der Platz sicherlich erheblich an Attraktion gewinnen: In Bordeaux jedenfalls gehört der mirroir d’eaux auf der Place de la Bourse inzwischen zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Abb. 33: Einer der geplanten Wasser-Spiegel auf der Place de la Concorde

Einen anderen wichtigen Schritt hat die Stadt Paris immerhin schon unternommen. Sie hat endlich das große Riesenrad entfernt, das nicht nur den Blick auf die historische Achse zwischen Louvre und Arc de Triomphe getrübt hat, sondern den Platz, auf dem so viele Opfer des Terrors ihr Leben ließen, zu einem Kirmesplatz herabgewürdigte. Vielleicht gelingt es nach 230 Jahren sich angemessen dem Vergessenen zu stellen. Die kleine Erinnerungsplakette am Fuß des Obelisken reicht dazu nicht aus.

Zumal die meisten Menschen an ihr vorbei- oder über sie hinweggehen, ohne sie zu bemerken…

Dieser 1763 eingeweihte Platz hieß ursprünglich Platz Ludwig XV. Umbenannt in Platz der Revolution war er von November 1792 bis Mai 1793 der hauptsächliche Schauplatz öffentlicher Hinrichtungen, darunter der von Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 und von Marie Antoinette am 16. Oktober 1793

Abb. 34: Plaque place de la Concorde. Fotos: Wolf Jöckel

Literatur:

  • Hahn-Hahn, Ida Gräfin, Erinnerungen an und aus Frankreich, Berlin 1842, Bd. I, S. 8.
  • Rellstab, Ludwig, Paris im Frühjahr 1843, Briefe und Schilderungen, Leipzig 1844, Bd. 1, S. 24.
  • Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968
  • Salvatore Pisani: Monument wird Mobiliar. Zur Transformationsgeschichte der Place de la Concorde in der Julimonarchie. In: Skulptur und Platz. Raumbesetzung, Raumüberwindung, Interaktion, ed. by Alessandro Nova & Stephanie Hanke, (I Mandorli, 20), Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München 2014
  • Michael Kiene:  Hittorff’s planning of a walk-in utopia. Parisian Art industriel, polychromy, planning and politics in Paris in the 1st half of the 19th century. Place de la Concorde in Paris; Catalog Paris awakens, Apr. to July 2017.pdf
  • Fabian Peters: Platzgestaltung heute und das Erbe Jakob Ignaz Hittorffs. 01.06.2017. https://www.stylepark.com › de › news › stadtplanung-oef..
  • Die kritischen berichte sind das Mitteilungsorgan des Ulmer Vereins (Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V.).
  • Thomas Kirchner: Im Fokus: Von der Place Louis XV zur Place de la Concorde – Die Neugestaltung durch Jakob Ignaz Hittorff im 19. Jahrhundert; Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris; Jahresbericht / Rapport annuel 2020/2021;  https://doi.org/10.11588/dfkjb.2020.1
  • Heinrich Heine: Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, Erster Teil, XXXVIII,  In: Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Band IV, Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Die Reiterstatue von Edmé Bouchardon. Abbildung aus: Pierre Patte -Monuments érigés en France à la gloire de Louis XV. (Ausschnitt) Bildquelle: gallica/BnF

Abb. 2: Place de Louis XV, que l’on exécute sur l’Esplanade du pont tournant en face des Tuileries  d’après les dessins de M. Gabriel ,dont la première pierre a été posée par la ville le 22 avril 1754 (Bildquelle: gallica.bnf.fr/ Bibliothèque nationale de France)

Abb. 3: Statue de la Liberté, Place de la Concorde, par François-Frédéric Lemot. Bildquelle: gallica bnf.fr./Bibliothèque national de France

Abb.4: Abb. 4: Eine Hinrichtung auf der Place de la Révolution, ca 1793  

Abb. 5: Paris, deux obélisques de la place de la Concorde : gloire aux armées ! Gloire aux fondateurs de la République, par Baltard.  (Projet de monument à la gloire des armées de la République, à ériger sur la place de la Concorde. Plan et élévation, dessinés et gravés par Louis-Pierre Baltard, [1800]. Arch. nat., 332/AP/1.)

Abb. 6: Jean-Pierre Cortot, Projekt für ein Sühnedenkmal Ludwigs XVI. auf der Place de la Concorde

Statue de Louis XVI d’après l’oeuvre de Cortot prévue pour la place de la Concorde (Musée Carnavalet)

Abb. 7: Grundsteinlegung für ein Monument zum Gedächtnis an Ludwig XVI. durch Karl X. auf der Place de la Concorde. (Inauguration du monument à la mémoire de Louis XVI par Charles X, place de la Concorde), Bild von Joseph Beaume (Quelle: Wikipedia)

Abb. 8: Jakob Ignaz Hittorff, Erster Entwurf für den Wettbewerb Place Louis XVI 1828/29, perspektivische Ansicht, unbekannte Sammlung. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c004762

Abb. 9: Place Louis XVI, Stahlstich nach Vorlage von Carl Reiss.  in: Meyer’s Universum: oder, Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde, 1843, Band 10, S.105. Kunstanstalt des Bibliographischen Instituts in  Hildburghausen

Abb. 10: Bildunterschrift: ‚Le monument Expia-poire à élever sur la place de la révolution, précisément où fut guillotiné Louis XVI inventé par Ch. Philipon, et dessiné par M…‘,

(Das Expia-Birnen-Denkmal, das auf dem Platz der Revolution errichtet werden soll, genau dort, wo Ludwig XVI. guillotiniert wurde), erfunden von Ch. Philipon, und gezeichnet von M…‘.)

Projet d’un monument Expia-poire à élever sur la place de la révolution, précisément à la place où fut guillotiné Louis XVI. (Wikipedia)

Abb. 11: Obélisque de Luxe-nez. Pyramide nasicale du juste milieu. Attribué à  François-Fortuné-Antoine Ferogio; Journal La Caricature, No. 149, 12. Septembre 1833 (Bildquelle: Pars, Les Musées de la Ville, Maison de Balzac)

Abb. 12: Jakob Ignaz Hittorff, Dessin No. 11. Élévation de l’obélisque de Louqsor avec son piédestal, 1833 . Bild aus: PARIS ERWACHT! Hittorffs Erfindung der Place de la Concorde. Ausstellungskatalog, Kat. 55, S.66, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, 2017

Abb. 13: Hittorff, Jakob Ignaz, Projet d’embellissement de la Place de la Concorde, Elévation de la grande fontaine au centre de la place, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Pl. C. 063a. Projekt zur Verschönerung der Place de la Concorde, großer Brunnen in der Platzmitte, B. Tafel 3. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c004784

Abb. 14: Érection de l’Obélisque de Louqsor, 25 octobre 1836, détails, aquarelle. Cayrac, 1837 (Musée de la Marine)

Abb. 15: Entwurfszeichnung des Ingenieurs Apollinaire Lebas für die Aufrichtung des Obelisken (Detail)  Stahlstich aus der Zeitschrift  „Allgemeine Bauzeitung“, 1844,

https://nat.museum-digital.de/singleimage?imagenr=1096574

Abb. 16: Jakob Ignaz Hittorff,  Projet d’embellissement de la Place de la Concorde, Vue perspective

[Projekt zur Verschönerung der Place de la Concorde, perspektivische Ansicht, Projekt B], 1835 [?]; Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Pl. C. 027. Rheinisches Bildarchiv Köln, Reproduktions-Nr: rba_c004772

Abb. 17: Projet A.A. modifié –  Projet d’Embellissement de la Place de la Concorde, Verkehrswege statt Statuen: Der genehmigte Entwurf Hittorffs aus dem Jahr 1835 mit dem Obelisken und zwei Brunnen im Zentrum © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Abb. 18: Statue „Lyon“ (Wikipedia)

Abb. 19: Statue  „Brest“

Abb. 20: Statue „Bordeaux“                      

Abb.21: Jacques Ignace Hittorff – Architecture moderne de la Sicile, ou Recueil des plus beaux monumens religieux, et des édifices publics

Abb. 22: Jakob Ignaz Hittorff, Ansicht eines Monumentalbrunnens auf der Place de la Concorde. Aus: Charles-Louis-Gustave Eck, Traité de construction en poteries et fer, Paris 1841, Vol. 2, Tafel 15 (Ausschnitt)

Abb. 23: Fontaine des Fleuves Place Concorde (Wikipedia)

Abb. 24: Fontaine des Mers Place de la Concorde (Wikipedia)

Abb. 25: Für den Platz und die anstoßende Brücke entwarf Hittorff prachtvolle und hochmoderne Laternen aus Gusseisen in Form von Rostralsäulen. Im Hintergrund das Palais Bourbon. © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Abb. 26: Hittorffs Entwurf einer Rostralsäule, Bild aus: PARIS ERWACHT! Hittorffs Erfindung der Place de la Concorde. Ausstellungskatalog, S.75, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, 2017

Abb. 27: Die Place de la Concorde bei Nacht (Wikipedia)

Abb. 28: Place de la Concorde   https://www.sortiraparis.com/arts-culture/histoire-patrimoine/articles/172709-histoire-de-la-place-de-la-concorde

Abb. 29: Photo aérienne de Paris, von survoldefrance.fr; Survol de France ist eine kollaborative Website, die Luftbilder aus ganz Frankreich präsentiert.

Abb.30: Die Place de la Concorde als Austragungsort der Olympischen Spiele 2024 https://www.lesechos.fr/pme-regions/ile-de-france/paris-2024-la-place-de-la-concorde-metamorphosee-pour-les-sports-urbains-1324810

Abb.31:  Modell der geplanten Veränderung der Place de la Concorde @PCA-Stream

Abb. 32:  Blick auf die den Platz umfassenden geplanten „Regengärten“ (jardins de pluie) @PCA-Stream

Abb. 33:  Einer der geplanten Wasser-Spiegel auf der Place de la Concorde @PCA-Stream

Abb. 34: Plaque place de la Concorde (Wikipedia)


Anmerkungen

[[1]] Michael Kiene: Die Place de la Concorde als begehbare Utopie – Vom schönsten Panorama, das es geben kann. In:  Ausstellungskatalog PARIS ERWACHT! – HITTORFFS ERFINDUNG DER PLACE DE LA CONCORDE;  Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum& Fondation Corboud, Köln, 7. April – 9. Juli 2017

[[2]]  zitiert nach Karl Hammer: JAKOB IGNAZ HITTORFF – EIN PARISER BAUMEISTER 1792 – 1867. Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1968

[[3]] Chateaubriand 1831 in einem Brief an die Kunstzeitschrift „L’Artiste“,  zitiert nach Wolfgang Kemp: DER OBELISK AUF DER PLACE DE LA CONCORDE; In: Kritische Berichte, 7 (1979), Nr. 2/3. S. 18-29. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2013/2290

[[4]] Salvatore Pisani: Monument wird Mobiliar. Zur Transformationsgeschichte der Place de la Concorde in der Julimonarchie. In: Skulptur und Platz. Raumbesetzung, Raumüberwindung, Interaktion, ed. by Alessandro Nova & Stephanie Hanke, (I Mandorli, 20), Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München 2014

[[5]] Fabian Peters: Platzgestaltung heute und das Erbe Jakob Ignaz Hittorffs. Der revolutionäre Platz. https://www.stylepark.com › de › news › stadtplanung-oef..

[[6]] zitiert bei Karl Hammer, ebd.

[[7]] Originalzitat bei Karl Hammer, ebd. Eigene Übersetzung: „Die Pariser sind wie Kinder, man muss ihren Geist ständig beschäftigen, und wenn man ihnen nicht jeden Monat ein Bulletin einer Schlacht oder jedes Jahr eine Verfassung geben will, ist es gut, ihnen jeden Tag einige Arbeiten zu zeigen, einige Verschönerungsprojekte anzubieten: das ist ein Ventil für ihr Bedürfnis nach Neuem, für ihr aufmüpfiges Temperament, für ihre Diskussionen. … Ich suchte also gleichzeitig das Wohl und die Unterhaltung von Paris in der Instandsetzung von Denkmälern, den Durchbrüchen der Straßen, den Anpflanzungen, Gärten, Bällen, Festen, Schöpfungen aller Art, die sowohl dem öffentlichen Nutzen als auch dem Vergnügen dienten.“

[[8]] zitiert nach Thomas Kirchner: Im Fokus: Von der Place Louis XV zur Place de la Concorde – Die Neugestaltung durch Jakob Ignaz Hittorff im 19. Jahrhundert; Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris; Jahresbericht / Rapport annuel 2020/2021;  https://doi.org/10.11588/dfkjb.2020.1; veröffentlich 31.03.2022.

[[9]] Wolfgang Kemp: Der Obelisk auf der Place de la Concorde. In: Kritische Berichte, 7 (1979), Nr. 2/3. S. 18-29. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2013/2290

[[10]] zitiert nach Salvatore Pisani, ebd

[[11]] Lateinische Inschrift: LUDOVICUS PHILIPPUS I / FRANCORUM REX /UT ANTIQUISSIMUM ARTIS AEGYPTIACAE OPUS / IDEMQUE / REGENTIS GLORIAE AD NILUM ARMIS PARTAE / INSIGNE MONUMENTUM / FRANCIAE AB IPSA AEGYPTO DONATUM / POSTERITATI PROCORRET / OBELISCUM / DIE XXV AUG. A.M.DCCC.XXXII THEBIS/ HECATOMPYLIS AVECTUM / NAVIO AD ID CONSTRUCTA INTRA MENSES XIII IN GALLIAM PERDUCTUM / ERIGENTUM CURAVIT/ D. XXV. OCTB. A.M. DCCC. XXXVI/ANNO REGNI SPTIMO, zitiert nach Jean-Marie Bruson: Die Place de la Concorde; in: Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Ausstellungskatalog, 1987

[[12]] Salvatore Pisani, ebd. und Béatrice Lamoitier, 1830-1848. L’essor des fontaines monumentales. In: Dominique Massounie, Pauline Prévost-Marcilhacy  und  Daniel RabreauParis et ses fontaines : De la Renaissance à nos jours, Herausgegeben von der  Délégation à l’action artistique de la ville de Paris in der Sammlung Paris et son patrimoine, 1995, S. 171ff

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Orionbrunnen_(Messina) und https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:3875133

[[14]] Salvatore Pisani, ebd. Original- Zitats: die dem »caractère plus spécialement significatif pour notre époque« entspreche.

[[15]] Michael Kiene:  Hittorff’s planning of a walk-in utopia. Parisian Art industriel, polychromy, planning and politics in Paris in the 1st half of the 19th century. Place de la Concorde in Paris; Catalog Paris awakens, Apr. to July 2017.pdf

[[16]] zitiert nach Jean-Marie Bruson: Die Place de la Concorde, in: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog 1987; hier S. 118

[[17]] zitiert nach Jean-Marie Bruson; hier S.118

[[18]]  Heinrich Heine: Ludwig Börne, Fünftes Buch, S.129-130. In: Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Artemis & Winkler, 3. Auflage, 1997.

* Mizraim: hebräisch für Ägypten

** Tag der Hinrichtung von Ludwig XVI.

[[19]] zitiert nach Jean-Marie Bruson; hier S.118

[[20]] Ludwig Rellstab, Paris im Frühjahr 1843, Briefe und Schilderungen, Leipzig 1844, Bd. 1, S. 24/25

[[21]] Ida Gräfin Hahn-Hahn, Erinnerungen an und aus Frankreich, Berlin 1842, Bd. I, S. 8.

[[22]] Salvatore Pisani, ebd.

[[23]] Karl Hammer, ebd.

[[24]] Heinrich Heine: Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, Erster Teil, XXXVIII, S. 273-274. In: Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Band IV, Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997

[[25]] Heinrich Heine: Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, Erster Teil, XXXVIII, S. 273.  In: Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Band IV, Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997

[[26]] Karl Hammer, ebd.

[27] https://www.lemoniteur.fr/article/paris-la-place-de-la-concorde-sera-partiellement-renovee-avant-les-jeux-olympiques-2024.2231257

[28] https://www.liberation.fr/france/2020/02/13/comment-reconcilier-pietons-et-voitures-place-de-la-concorde_1778291/

Die napoleonischen Brunnen von Paris

1802 fragte Bonaparte, damals Erster Konsul, den Präfekten von Paris, was er denn Großes und Nützliches für die Stadt tun könne. Seine Antwort: „Geben Sie ihr Wasser.“ Der Mangel an Wasser war im Paris des 18. Jahrhunderts in der Tat ein großes Problem. In seinen berühmten in den 1780-er Jahren erschienenen Tableaux de Paris prangerte Mercier diesen Zustand an, der die Bevölkerung zwang, für „horrendes Geld“ Wasser zu kaufen.[1] Der Bedarf an zusätzlichen Ressourcen und an entsprechenden Infrastrukturen war also erheblich und offenkundig. So wurde am 19. Mai 1802 das Gesetz zum Bau des Canal de l’Qurcq erlassen, durch den die Wasserversorgung von Paris erheblich verbessert und der wachsende Bedarf gesichert werden sollte. Als Baubeginn war schon gleich der 23. September des Jahres festgelegt: Bei Bonaparte/Napoleon wurde nicht lange gefackelt, auch wenn es um die Umsetzung einer so gewaltigen Infrastrukturmaßnahme ging.

Allerdings zog sich der Bau des Kanals dann doch hin, und so wurde das spektakulärste und extravaganteste Projekt eines vom Ourcq-Wasser versorgten Brunnens nicht verwirklicht: Geplant war nämlich ein monumentaler Elefantenbrunnen auf der Place de la Bastille.  Aus dem Rüssel des riesigen Elefanten sollten sich Fontänen ergießen, durch eine Treppe in einem seiner Füße sollte es möglich sein, den Turm auf dem Rücken zu besteigen.

Das Dekret von Saint Cloud

Allerdings wollte Napoleon nicht die Verbesserung der Wasserversorgung von der Fertigstellung des Kanals abhängig machen. Alle schon vorhandenen Ressourcen, Aquädukte und Pumpanlagen wie die Samaritaine auf dem Pont Neuf, sollten mobilisiert werden, um den effektiven Betrieb der vorhandenen Brunnen und den Bau neuer Brunnen der Stadt zu ermöglichen. Am 22. April 1806 beauftragte Napoleon seinen Innenminister, innerhalb einer Woche einen Plan vorzulegen, wie kurzfristig sichergestellt werden könne, dass alle vorhandenen Brunnen der Stadt von Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang Wasser lieferten, um die Märkte und die Straßen zu reinigen, was der Sauberkeit und Gesundheit dienlich sei.[2]

Schon am 2. Mai 1806 wurde das berühmte Dekret von Saint Cloud erlassen, in dem festgelegt wurde, dass ab dem 1. Juli des Jahres „in allen Brunnen von Paris Tag und Nacht das Wasser fließen“ solle.  Und es wurde weiterhin der Bau von 15 neuen Brunnen dekretiert und deren genaue Standorte festgelegt. Entsprechend dem napoleonischen Vorsatz, etwas Nützliches und gleichzeitig auch etwas Großes für Paris zu tun, sollten diese Brunnen auch einen ästhetischen Wert haben. Sie sollten dazu beitragen, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen.[3]

Verantwortlich für die Umsetzung des Dekrets war der für die Wasserversorgung von Paris zuständige Chefingenieur François-Jean Bralle, der auch einige der Brunnen selbst entwarf. Probleme gab es allerdings genug: Vor allem, weil es ja schnell gehen sollte, es aber an vorbereitenden Untersuchungen z.B. zur Bodenbeschaffenheit fehlte; dann gab es während der Bauzeit kostenträchtige Planänderungen, und dies bei einem sowieso schon knapp bemessenen Budget. Trotzdem wurden aber die 15 Brunnen des Dekrets von Saint Cloud mit einer Ausnahme auch gebaut.  

Heute allerdings existieren die meisten dieser Brunnen nicht mehr, viele sind dem radikalen Stadtumbau des Barons Haussmann zum Opfer gefallen. Aber fünf der „Brunnen von Saint Cloud“ gibt es noch. Sie sind ganz unterschiedlich und individuell gestaltet, sie sollten ja nicht nur Wasser liefern, sondern auch ästhetische Markierungspunkte im Bild der Stadt sein – und natürlich auch: das Prestige des Auftraggebers mehren…

Hier ein Stadtplan[4] mit den eingezeichneten Brunnen:

Pa: Fontaine du Palmier

M:  Fontaine de Mars

P: Fontaine de la Paix

L: Fontaine de Léda

F: Fontaine du Fellah

Diese Brunnen sollen nachfolgend vorgestellt werden:

Fontaine du Palmier

Place du Châtelet. 1. Arrondissement, Métro: Châtelet

Der Name des Platzes, in dessen Mitte die Fontaine du Palmier steht, erinnert an das Grand Châtelet, das hier einmal stand. Es diente im Ancien Régime und z.T. auch noch während der Revolution als Gefängnis, Gericht und Leichenschauhaus. Schon unter Louis XVI. war der Abriss des Gebäudes zwar beschlossen, aber ebenso wenig durchgeführt worden wie zu Zeiten der Revolution. Das geschah erst auf Veranlassung Bonapartes. Es war eine der größten städtebaulichen Maßnahmen in Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die Beseitigung des Grand Châtelet war für Napoleon ein wesentlicher Beitrag zur Modernisierung von Paris und zur Ausformung der Stadt als Zentrum eines Reichs jenseits von Ancien Régime und Revolution.

Zu Beginn des Empire war überlegt worden, auf dem durch den Abriss des Grand Châtelet entstandenen freien Platz einen Triumphbogen oder eine Säule zu Ehren Napoleons zu errichten, beides an der imperialen Architektur Roms orientierte Bauformen. Auf Wunsch Napoleons gab es allerdings schon Planungen für eine Siegessäule auf der Place Vendôme, die nach der siegreichen Schlacht bei Austerlitz 1805 konkretisiert wurden.  Und sie war auch der Anlass für Napoleon, den Bau eines Triumphbogens auf der Place de l’Étoile und eines weiteren auf der Place du Carrousel zwischen dem Louvre und dem Tuilerien-Palast errichten zu lassen.  

Auf der Place du Châtelet sollte eine der 15 neuen Fontänen installiert werden.  François-Jean Bralle, der für die Umsetzung der Dekrets zuständige Ingenieur, ließ sich die Planung des Projekts auf diesem städtebaulich besonders bedeutsamen Ort nicht nehmen. Er erinnerte sich an die früheren Pläne und konzipierte die Fontäne als ein Bauwerk zu Ehren des Kaisers in Form einer 22 Meter hohen Säule.[5]

Die Place du Châtelet und die Fontaine um 1810.[6]

Im Unterschied zur Vendôme-Säule krönte Bralle aber die Säule nicht mit einer Statue Napoleons, sondern mit einer vergoldeten Sieges-Göttin, die jeweils zwei Lorbeerkränze in ihren Händen trägt und alle Siege Napoleons feiert.

Die jetzige Victoria ist eine Kopie von 1898. Das Original ist seit 1950 im Pariser stadtgeschichtlichen Musée Carnavalet ausgestellt.

Statt der nach dem Vorbild der römischen Trajans-Säule die Siege Napoleons illustrierenden Reliefs auf der Vendôme-Säule ließ Bralle an der Châtelet- Säule die Orte napoleonischer Siege in goldenen Lettern anbringen: also u.a.  Danzig (Dantzig), Ulm, Austerlitz, Jena, Rivoli und Pyramides: Dies war der von Napoleon aus propagandistischen Gründen gewählte Name für den Sieg über den Mameluckenführer  Mourad Bey: Schlacht bei den Pyramiden klang doch eindrucksvoller als bei Embabech, wo der Kampf tatsächlich stattfand[7]….  

Der Verweis auf die ägyptische Expedition Napoleons hat für die Fontaine du Palmier besondere Bedeutung. Denn die Säule ist als Palmenstamm gestaltet und das Kapitell mit Palmenblättern verziert- deshalb ja auch der Name: Fontaine du Palmier: prominentes Beispiel der durch Napoleons ägyptische Expedition befeuerten Ägyptomanie. Die wasserspeienden Sphingen wurden allerdings erst 1858 hinzugefügt. Damals, zur Zeit des Barons Haussmann, wurde der Platz umgestaltet und der Brunnen 12 Meter nach Westen versetzt. Er steht seitdem in der Mitte des nun symmetrischen Platzes, zwischen dem Théâtre du Châtelet und dem Théâtre Sarah Bernhardt  und auf der Achse der Pont au Change.

Aktuell (2023) speien die Sphingen allerdings kein Wasser, auch die Füllhörner an den vier Seiten liegen trocken und der Brunnen insgesamt ist eher in einem lamentablen Zustand…

Auch einer der beiden napoleonischen Adler im Lorbeerkranz auf dem Sockel der Säule ist – mit seinem ramponierten Kopf- dringend renovierungsbedürftig – dafür hatte der Invader aber schon vor Jahren eine seiner extraterrestischen Mosaike hier angebracht, was die Blicke etwas von dem kopflosen Adler ablenkte….

Im September 2023 allerdings war der Invader verschwunden – der Adler darüber ist aber immer noch kopflos…

Um die Säulenbasis herum stehen vier allegorische Figuren, die sich die Hände reichen. Sie stellen Stärke, Wachsamkeit, Weisheit und Gerechtigkeit dar.

Zu Füßen der vier Damen gibt es verschiedene Attribute, unter anderem  -bemerkenswerter Weise- einen gallischen Hahn. Der Hahn war als Symbol Frankreichs gerade während der Französischen Revolution besonders populär und ersetzte die dynastische Lilie. Napoleon fand allerdings, dass der Hahn zu schwach sei und deshalb nicht ein Kaiserreich wie Frankreich verkörpern könne: „Le coq n’a point de force, il ne peut être l’image d’un empire tel que la France.“ [8] Also wurde der Hahn als nationales Symbol durch den -auf der Fontaine du Palmier doppelt abgebildeten- Adler ersetzt.

Aber aufgereckt und laut krähend darf er hier immerhin die Siege Napoleons feiern…

Die weiteren erhaltenen Brunnen des Dekrets von Saint Cloud gehören nicht zum Typus der monumentalen Fontänen; dies wohl vor allem deshalb, weil das Budget für die 15 geplanten Brunnen eng bemessen war und allein die Fontaine du Palmier schon den vorgesehenen Rahmen deutlich überschritt. Und schließlich war trotz aller Bemühungen das Wasser in Paris immer noch knapp. Die Zeit der monumentalen, rein der Stadtverschönerung dienenden Brunnen wie auf der Place de la Concorde war noch nicht gekommen. Aber auch die kleineren, bescheideneren Fontänen des Dekrets von St. Cloud haben ihren besonderen Reiz. Es sind der Wasserversorgung der Bevölkerung dienende Brunnen, aber sie sind nicht auf ihren Zweck reduziert, sondern ganz individuell und unterschiedlich gestaltet: also auch Kunstwerke.

Die Tauben-tragende Victoria. Links daneben der tour Saint – Jacques, letzter Rest der Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie

M Fontaine de Mars

129, rue Saint-Dominique, 7. Arrondissement. Métro: École-Militaire

Die ebenfalls von F.-J. Bralle konzipierte Fontaine de  Mars verdankt ihren Namen dem nahe gelegenen Mars-Feld, ursprünglich ein Exerziergelände der Militärschule (École militaire).

Neben dem Kriegsgott Mars steht Hygieia, die Göttin der Gesundheit. Auch das passt zur Lage des Brunnens, der ursprünglich in der Nachbarschaft des Militärkrankenhauses Gros-Caillou stand. Der Brunnen wird deshalb z.T. auch fontaine du Gros Caillou genannt. Die Göttin ist mir ihren Attributen, einer Schlange und einer Schale dargestellt. Diese enthält ein stärkendes Getränk, das sie dem Gott des Krieges reicht.

Das Relief ist ein Werk von Pierre-Nicolas Beauvallet, der auch die ägyptische Statue im später vorgestellten Fontaine du Fellah geschaffen hat.

Die Darstellung der beiden antiken Gottheiten ist umrahmt von antikisierenden Architekturelementen: dorischen Pilastern und einem Gebälk mit Metopen.

Und auch hier sieht man -zu Füßen des Kriegsgottes- einen stolzen gallischen Hahn.

Auf der Basis des Brunnens gibt es eine Markierung des verheerenden Hochwassers von 1910: Damals konnte man sich nur mit Booten auf der rue Saint Dominique bewegen.  Neben dem Schildchen ein gedeckter Bistrot-Tisch: Der Brunnen steht nämlich heute auf einem kleinen Platz mit typisch französischen Bistrots, unter anderem der hoch gelobten „Fontaine du Mars“. Und gegenüber gibt es eine außerordentlich reich dekorierte Bäckerei. Auch deshalb lohnt der Brunnen einen Besuch.

P Fontaine de la Paix

Allée du Séminaire, gegenüber 86 rue Bonaparte, 6. Arrondissement, Métro: Saint-Sulpice

Der Brunnen des Friedens hat eine wechselhafte Geschichte. Er sollte Ausdrucks des Wunschs nach Frieden sein nach den zahlreichen napoleonischen Kriegen und Siegen – dass Napoleon auch nach Austerlitz und Jena unablässig weiter Krieg führte, steht auf einem anderen  Blatt. Es gab mehrere Vorschläge für die Gestaltung des Brunnens- unter anderem die Errichtung eines Obelisken, bis dann  schließlich die Entscheidung für die noch heute sichtbare Ausführung getroffen wurde.

Der Standort des Brunnens ist allerdings nicht der ursprüngliche. Standort des Friedensbrunnens war nämlich zunächst der Platz vor der Kirche Saint- Sulpice. Dann allerdings hielt man diesen Brunnen doch nicht geeignet, den großen Platz vor der Kirche angemessen auszufüllen. Er wurde ersetzt durch die 1847 eingeweihte mächtige Fontaine Saint-Sulpice, auch Brunnen der vier Bischöfe genannt. Der Friedensbrunnen wurde versetzt auf den 1817 errichteten Markt Saint Germain, bis er 1935 seinen heutigen Standort – passend in der rue Bonaparte- fand.

Hier gibt es auch noch den alten Straßennamen.

Der Brunnen erhebt sich in einem großen rechteckigen Wasserbecken. Das Wasser fließt über ein mit Löwenköpfen geschmücktes halbrundes Becken in ein kleineres quadratisches Becken, das von einem dekorativen Fries mit stilisiertem Wasser umgeben ist und von dort in das große untere Becken.

Löwenköpfe gehören zu der ägyptischen Mode (Retour d’Égypte), die nach der Rückkehr Napoleons von seinem ägyptischen Feldzug in Frankreich ihre Blütezeit hatte.[9]

Geschmückt ist der Brunnen außerdem mit einem Fries von Girlanden und Lyren und vier Reliefs, die den Zustand des Friedens illustrieren.

Das zentrale Relief ist den Wissenschaften und Künsten  gewidmet. Es zeigt die Göttin Minerva, inmitten von Allegorien der Malerei, der Architektur, der Mathematik, der Bildhauerei, der Astronomie und der Navigation.

Das Friedensrelief zeigt (rechts) die Allegorie des Friedens (mit dem Ölzweig) und (links) des Wohlastands (Abondance, mit Füllhorn), geschützt von den Flügeln der Siegesgöttin mit Schwert und Lorbeerkranz.

Auf diesem Relief präsentiert Merkur/Hermes, der Gott des Handels, die vier Weltteile, die durch die Beigabe verschiedener Pflanzen charakterisiert sind. Eine exakte Zuordnung traue ich mir nicht zu: Ich vermute allerdings, dass es sich bei der Dame mit dem Palmenzweig um Afrika handelt, ganz links wohl Amerika mit Zuckerrohr; auf der anderen Seite Europa mit einer Getreidepflanze und ganz rechts -dick vermummt im Blick vielleicht auf Russland-   Asien mit Blättern von Bäumen. Bemerkenswert erscheint mir übrigens, dass die vier Erdteile hier eher gleichberechtigt dargestellt sind und es die extreme rassistische Verzerrung nicht gibt, wie sie im späteren Imperialismus gängig war -man denke nur an die Darstellungen am und im Pariser musée de l’Immigration.

Das vierte Relief schließlich zeigt die Göttin Ceres vor einem Rind, wie sie den griechischen Held Triptolemos, erkennbar an seinem breiten flachen Hut und dem Stock/Zepter, unterrichtet. Nach der griechischen Mythologie wird dann die Lehre des Ackerbaus an die Menschen weitergeben und damit wesentlich zur Entwicklung der menschlichen Kultur beitragen.

L Fontaine de Léda/Fontaine Médicis

Marie de Médici, die Frau Heinrichs IV., ließ sich nach dessen Ermordung das Palais du Luxembourg als Witwensitz errichten, zu dem ein großer Park gehörte. Auf der Trasse eines römischen Aquädukts wurde ein neues gebaut, das Park und Schloss mit Wasser versorgte. Dieses Wasser speiste den im italienischen Stil konzipierten Medici-Brunnen im Park.

Es ist ein außerordentlich eindrucksvolles Ensemble, sicherlich einer der schönsten Brunnen von Paris mit der Figurengruppe des eifersüchtigen riesenhaften, aus der Odyssee bekannten Polyphem aus dunkler Bronze, der sich über den Rand eines Felsen beugt und seine geliebte Galatea in den Armen des Jünglings Akis, beide aus weißem Marmor, entdeckt.

Ovid hat die mit dem Tod des Acis tragisch endende Geschichte im 13. Buch seiner Metamorphosen erzählt.

Sitzgelegenheiten rund um das 50 m lange, rechteckige Wasserbecken laden zum Verweilen ein.

Auf der Rückseite des Medici- Brunnens ist die im Stil der Neorennaissance gehaltene Fontaine de Léda installiert.

Im Zentrum ein Relief Ledas mit dem Schwan.  Leda liegt mit unbekleidetem Oberkörper und von Rohrkolben umgeben am Ufer des Evrotas und legt ihren rechten Arm um einen Schwan. In den hat sich Zeus verwandelt, um sich auf diese Weise Leda anzunähern. Am linken Bildrand steht Eros, wodurch das Liebesthema unterstrichen wird. Der Kopf des Schwans ragt aus dem Relief und ist aus Bronze gefertigt. Aus seinem Schnabel floss das Wasser.

Hier der ursprüngliche Entwurf des Brunnens. [10]. Im Tympanon über dem Leda-Relief ist ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen zu erkennen, der sich passend zum Thema des Brunnens auf Zeus, gleichzeitig aber auch -passend zum Auftraggeber des Brunnens- auf Napoleon bezog.

Der ursprüngliche Platz des Brunnens war die Ecke der rue de Vaugirard und der rue du Regard (6. Arrondissement), weshalb er auch Fontaine de la rue de Vaugirard oder Fontaine du Regard genannt wurde.

Auf diesem historischen Stich ist das Entstehungsdatum des Brunnens falsch angegeben.[11] Er entstand nicht schon 1799, sondern erst -nach dem Dekret von Saint Cloud- 1807. In den 1860-er Jahren stand er allerdings dem im Zuge des Hausmann’schen Stadtumbaus vorgenommenen Durchbruch der rue de Rennes im Wege. Immerhin wurde er aber nicht zerstört, sondern in die Rückseite der zu dieser Zeit umgestalteten und versetzten Fontaine Médicis integriert. Auf die Adlerschwingen im Giebel  hat man dabei allerdings verzichtet…

F  Fontaine du Fellah

42, rue de Sèvres. 7. Arrondissement. Métro: Vaneau

Bei der ebenfalls von Chefingenieur Bralle konzipierten Fontaine du Fellah ist der ägyptische Bezug nicht nur an Accessoires wie Palmenblättern oder Löwenköpfen zu erkennen, sondern er charakterisiert das Zentrum der Anlage: die Statue eines ägyptischen Jünglings. Der Brunnen wird deshalb auch einfach ägyptischer Brunnen (fontaine égyptienne) genannt. Früher wurde er auch Fontaine des Incurables genannt, weil er an der Mauer des Hospizes für unheilbar Kranke (hospice des Incurables) stand.[12]

Heute ist der Hintergrund weniger trist, aber wegen der neuen Wohnhäuser hinter dem Brunnen sehr nichtssagend. Dafür gibt es daneben die ästhetisch sehr ansprechende Metro-Station Vaneau…

Die Statue des „Fellachen“ ist am Straßenrand in einer Nische aufgestellt, die dem Portikus eines ägyptischen Tempels nachempfunden ist.

Während bei einem echten ägyptischen Portikus allerdings eine für Macht und Göttlichkeit stehende geflügelte Sonnenscheibe angebracht ist, ist es hier der napoleonische Adler: Die damalige Ägyptenmanie ist nicht nur eine Mode, sondern auch ein Bestandteil der Verehrung und Verklärung Napoleons.

Die Statue selbst stellt -anders als der Name des Brunnens nahelegt- keinen altägyptischen Landarbeiter dar, sondern einen jungen Mann namens Antinoos, den Favoriten des römischen Kaisers Hadrian, der nach seinem frühen Tod im Nil als Osiris-Antinoo zum Gott erhoben wurde. Der Jüngling trägt dementsprechend auch wie die Pharaonen im Alten Ägypten das Nemes-Kopftuch und ein königliches feines Tuch um die Lenden.   Eine Statue des Antinoos gehörte zur reichen Raubkunst-Beute des Italien-Feldzuges Napoleons und wurde -bis zur Rückerstattung nach dessen endgültiger Niederlage- im Louvre präsentiert.[13]

Diese antike Statue hat die ägyptische Mode im napoleonischen Frankreich sehr stark angeregt. Pierre-Nicolas Beauvallet fertigte 1803-1806  Kopien der Statue an,  die im Foyer des Hôtel de Beauharnais, dem damaligen Stadtpalais von Napoleons Stiefsohn Eugène, danach Residenz des preußischen und dann deutschen Botschafters, aufgestellt waren. Heute gehören die Statuen zu den Ausstellungsstücken des Musée Marmotton.[14]

Insofern lag es nahe, dass  Beauvallet von Bralle den Auftrag erhielt, eine weitere Kopie für den Brunnen in der rue de Sèvres anzufertigen. Abweichend vom Original trägt der Brunnen-Antinoos allerdings zwei Kannen, aus denen sich das Wasser in die Brunnenschale ergießt. Bemerkenswert ist übrigens, dass bei der Brunnenanlage auf die Verwendung von Hieroglyphen verzichtet wurde. Amaury Duval hat das 1828 in seinem Buch über die Pariser Brunnen jedenfalls kritisch angemerkt.

Abschließend soll noch auf ein schönes Relief hingewiesen werden, das an die Fontaine de la Charité erinnert. Dieser Brunnen verdankte seine Entstehung ebenfalls dem napoleonischen Decret de Saint Cloud.

Ursprünglich befand sich der Brunnen im 11. Arrondissement in der Nähe der Kirche Saint-Ambroise.

1860 verschwand er- auch er ein Opfer des Hausmann’schen Stadtumbaus. Das Relief der Charité wurde aber an einer Wand des Hauses rue de Sévigné in der Nähe des Musée Carnavalet im 3.  Arrondissement angebracht und ist der Obhut des Museums anvertraut.

Literatur:

Dominique Massounie, Pauline Prévost-Marcilhacy  und  Daniel RabreauParis et ses fontaines : De la Renaissance à nos jours, Herausgegeben von der  Délégation à l’action artistique de la ville de Paris in der Sammlung Paris et son patrimoine, 1995

K. Frey und M.-L. Biver, Le Paris de Napoléon. Paris: Plon 1963. Darin Beitrag von K. Frey über die Fontaine du Palmier.

Jacques Barozzi, Paris de fontaine en fontaine. Parigramme 2010

Levadé, Marie-Hélène (text) & Marcouyau, Hughes (images). Les Fontaines de Paris: l’eau pour le Plaisir, Paris 2006

Amaury Pineu Duval, Les fontaines de Paris, anciennes et nouvelles. Paris 1828 https://books.google.be/books?id=VaJFAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=fr&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false


Anmerkungen

[1] Siehe: Louis-Sebastien Mercier, Pariser Nahaufnahmen – Tableau de Paris, Frankfurt 2000

[2] Correspondance de Napoleon 1: 12, Volumes 1 à 32   22. April 1806

„Eaux de Paris: décret à proposer pour l’établissement des fontaines et arrosement des rues“.  Seite 300: „mon intention serait qu’a dater du 1er juin les eaux coulassent de toutes les fontaines de Paris depuis le lever  du soleil jusqu’à  une heure après son coucher, et que, par ce moyen les marchés et les rues se trouvassent lavées; ce qui sera d’un très bon effet pour la propreté et la salubrité de la ville.“

[3] Katia Frey, L’entreprise napoléonienne. In: Paris et ses fontaines, S. 104/105

Dekret unter: Nouvelles politiques, nationales et étrangeres, Band Januar 1806ff Le Publiciste, jeudi 8 mai 1806, Abschnitt Empire Française https://books.google.de/books?id=unj3VGUNg90C&pg=PP510&dq=Decret+de+St+Cloud+1806+15+nouvelles+fontaines

[4] http://keblo1515.free.fr/souterrinterdit/autres/saint_cloud.htm

[5] Katia Frey, L’entreprise napoléonienne. In: Paris et ses fontaines, S. 108

Alain Pegeard, L’œuvre de paix de Napoléon 1800-1815. 200 réalisations pour reconstruire la France. Paris 2014, S. 69/7

Siehe auch: Histoire de Paris et de ses Monuments. Paris 1846, S. 601   https://books.google.de/books?id=sBA7AAAAcAAJ&pg=PA590-IA15&dq=%22Fontaine+du+palmier%

[6] Abbildung aus: Paris et ses fontaines, S. 13

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_des_Pyramides

[8] Zit bei: https://www.elysee.fr/la-presidence/le-coq

[9] Siehe: https://www.napoleon.org/magazine/plaisirs-napoleoniens/le-style-retour-degypte/

Siehe dazu auch den Blog-Beitrag über das Hôtel de Beauharnais: https://paris-blog.org/2023/05/01/deutschlands-schonstes-haus-steht-an-der-seine-das-palais-beauharnais-in-paris-teil-2/

[10] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Fontaine_de_L%C3%A9da#/media/Datei:Fontaine_de_L%C3%A9da.jpg und

https://www.loquis.com/fr/loquis/654880/Fontaine+de+L+da

[11] Bild aus: https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/Fran%C3%A7ois-Courboin/1063920/Frau-und-Kind-vor-dem-Brunnen-der-Leda%2C-Fontaine-de-Leda%2C-in-der-Rue-du-Regard%2C-Paris%2C-Jahr-VII.html

[12] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/fontaine-des-incurables#infos-principales

[13] https://m.museivaticani.va/content/museivaticani-mobile/de/collezioni/musei/museo-gregoriano-egizio/sala-iii–ricostruzione-del-serapeo-del-canopo-di-villa-adriana/statua-di-osiri-antinoo.html 

[14] https://charlesreeza.tumblr.com/post/668980445389668352/a-pair-of-statues-of-antinous-osiris-blue-turquin und https://www.academia.edu/35255162/The_H%C3%B4tel_de_Beauharnais_in_Paris_Egypt_Greece_Rome_and_the_Dynamics_of_Stylistic_Transformation

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

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Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

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Mit der Association Triangle de Weimar (Weimarer Dreieck) auf den Spuren Napoleons in Fontainebleau https://paris-blog.org/2021/12/01/mit-dem-verein-weimarer-dreieck-auf-den-spuren-napoleons-in-fontainebleau/

Nicolas de Staël, „Maler zwischen Himmel und Meer“: eine Ausstellung im Musée d’Art moderne de Paris (Sept. 2023 bis Jan. 2024)

Staëls Straßenbild steht am Anfang dieses Beitrags, weil die Straße als Metapher für das Leben und Arbeiten von Nicolas de Staël gelten kann.

La Route (Die Straße) Ménerbes 1954

Man hat Staël als „peintre voyageur“ bezeichnet, einen Maler, der immer unterwegs war: zu neuen Orten und Landschaften, zu neuen Beziehungen, zu neuen Formen seiner Kunst.  Bekannt ist er vor allem durch seine Bilder südfranzösischer Motive mit dem charakteristischen Blau geworden und durch seine  Sizilien-Bilder.

Mer et nuages (Meer und Wolken) Paris 1953

Dies ist eines der Bilder, denen Nicolas de Staël seinen Beinamen „Maler zwischen Himmel und Meer“ verdankt. [1]

                               Agrigent. Ménerbes 1953-1954

Die Ausstellung im Musée national d’Art moderne de Paris (MAM) zeigt aber wohl zum ersten Mal in großer Breite das ganze Spektrum und die Vielfalt seines Werkes.

Das MAM präsentiert die meist aus privaten Sammlungen stammenden Bilder in chronologischer Reihenfolge. Begründet wird das damit, dass Staël sich in seiner Kunst ständig verändert habe, dass fast jedes Schaffensjahr unbewusst, aber in eklatanter Weise auch einer neuen Schaffensperiode entspreche.[1a]

Vor dem Eingang zur Ausstellung wird der Besucher von dem schwarz gekleideten Nicolas de Staël empfangen: Das schwarz-weiß-Foto auf dem Plakat entstand im August 1954. Die Fotografin, Denise Colomb, veranlasste dazu den Maler, sein Atelier leerzuräumen. So präsentiert er sich, ein attraktiver Mann, in monumentaler Größe, stolz und selbstbewusst, aber auch,  die Arme verschränkt, trotzig, auf sich gestellt.

Das Frühwerk (1932/33 bis 1942

Nicolas de Staël,  eigentlich Baron Nikolaï Vladimirovitch Staël von Holstein,  aus baltischem Adel in russischen Diensten stammend, wurde 1914 in Sankt Petersburg geboren. Infolge der Oktoberrevolution flieht die Familie, die Eltern sterben, der kleine Nicolas wird in Brüssel von einer reichen russischstämmigen Familie aufgenommen. Seit 1933 studiert er an der Brüsseler Kunsthochschule. 1939 reist er nach Marokko, wo er Jeannine Guillou, ebenfalls eine Malerin, kennenlernt.  Jeannine ist zwar mit ihrem Sohn Antek (Antoine Tudal) und ihrem Mann unterwegs, den sie aber für Nicolas verlässt. Mit ihm lebt sie bis  zu ihrem Tod 1946 zusammen. Sie stirbt an den Folgen einer Abtreibung.[2] In der Ausstellung sind mehrere Portraits von ihr zu sehen, die, so in der FAZ zu lesen, an El Greco denken lassen.[3]

Etude. Visage de femme. Um 1939

Staël sagte später: „Als ich jung war, habe ich das Portrait meiner ersten Frau gemalt. Ein Portrait, ein wahres Portrait, ist doch der Höhepunkt der Kunst.“ [4]

Die Brücke von Bercy. Paris 1939

Dies ist eines der wenigen gegenständlichen Bilder Staëls, die erhalten sind, weil er die meisten seiner frühen Werke vernichtet hat. Hier sind allerdings schon wesentliche Elemente seines späteren Schaffens vorhanden: Eine Vorliebe für Landschaftsmalerei, das Nebeneinander von Wasser und Himmel, von fester Architektur und Fluss,  das Motiv des Schiffs…

Abstrakte Phase  (1942/43 bis 1951/52)

1938 kehren Staël und seine Frau nach Paris zurück. Bei Kriegsbeginn engagiert er sich als Staatenloser in der Fremdenlegion, wird aber im September 1940 nach dem Waffenstillstand  demobilisiert. Für drei Jahre lässt er sich unter ärmlichsten Bedingungen in Nizza, also  in der noch „freien“ Zone Frankreichs,  nieder, wo er die Bekanntschaft mit Sonia Delaunay, Hans Arp und der Galeristin Jeanne Bucher macht und mit der abstrakten Kunst in engere Berührung kommt. Davon angeregt vollzieht er seit 1942  er einen Wandel zu der damals in vollem Aufstieg begriffenen Abstraktion. Eine primär politische Motivation zur diesem Wandel, also Abstraktion als Akt des Widerstands, lässt sich allerdings offenbar nicht feststellen.[5]

Dass er 1943 nach Paris zurückkehrt,  mag erstaunlich erscheinen. Aber in Paris herrschte damals unter dem deutschen Besatzungsregime ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit, das in Nazi-Deutschland selbst völlig undenkbar gewesen wäre.

Composition. Paris 1948

Man hat Jeanne  Bucher, die eine Galerie in Paris unterhielt, als die  „La  Jeanne d ́Arc de l ́art  contemporaine“ bezeichnet. Sie  stellte unter anderem Künstler wie Dali,  Klee, Rouault, Gris, Chagall,  Picasso, Braque, Ernst, Mondrian, Freundlich, Arp oder Miró aus. Während der deutschen Besatzung  pflegte sie gute Beziehungen zu deutschen Offizieren und erwarb sich durch Ausstellungen gegenständlicher Malerei einen gewissen Freiraum. So konnte sie selbst in dieser Zeit auch avantgardistische, in Nazi-Deutschland als ‚entartet‘ diffamierte Künstler ausstellen. Für Staël war es eine große Auszeichnung, im Januar/Februar 1944 zusammen mit dem in Deutschland verfemten Kandinsky, dem großen Meister und Pionier der Abstraktion, in der Galerie von Jeanne Bucher ausgestellt zu werden.

Die Ausstellung von 1944 konnte nicht offiziell beworben werden, sprach sich aber in Künstlerkreisen herum. Besucht wurde sie von bedeutenden Künstlern wie Georges Braque, Dora Maar, Pablo Picasso, Hans Hartung und von einflussreichen Vertretern der Pariser Kunstszene.[6]

Composition. Paris 1948

Wie bei Kandinsky (Serie der Kompositionen) tragen viele von Staëls abstrakten Werken den Titel Composition. Langsam erhielt Staël nun auch endlich die erhoffte Anerkennung: 1950 kaufte das Musée national d‘Art moderne ein abstraktes Bild von Staël und in den USA wurden erste Bilder von ihm gekauft.

Composition. Paris 1950

In dieser Zeit experimentierte Staël, vielleicht angeregt durch eine Mosaikausstellung im Musée des Monuments français, mit der Verwendung von farblichen Vierecken, die zu einer abstrakten Komposition zusammengefügt werden.  

Composition fond blanc (Komposition auf weißem Hintergrund) Paris 1951

Die in dieser Zeit entstandenen Bilder können aber durchaus auch eine gegenständliche Dimension haben wie die nachfolgend abgebildete weiße Stadt.  

La Ville blanche (Die weiße Stadt). Paris 1951

Es gibt eine abgegrenzte Farbfläche, die als Umriss der Stadt gesehen werden kann, innen vielfarbige   kleine Mosaikstrukturen als Häuser, die Diagonalen als Straßen.  Auf Grund der Farbgestaltung und der  verschiedenen Farbschichten entsteht so das dynamische Bild einer kleinen Stadt. Die Malerei sollte, wieStaël 1952 in einem Interview sagte, gleichzeitig eine abstrakte und eine gegenständliche Dimension haben: „Je  n ́oppose  pas  la  peinture  abstraite  à  la  peinture  figurative. Une  peinture  devrait  être  à  la  fois  abstraite  et  figurative.“    Damit deutet sich der in dieser Zeit vollzogene Übergang zu einer neuen, der letzten Phase seines Schaffens an.

Zwischen Abstraktion und Figuration (1952 bis 1955)

Seit 1952 findet Staël zu einer eigenen Bildsprache zwischen Abstraktion und Figuration. „Er wurde zu einem Grenzgänger zwischen beiden Lagern“, da für ihn Malerei zugleich figurativ und abstrakt sein konnte. „Seine neuen Werke entwickelten einen eigenen Weg im Grenzbereich und eine Infragestellung gewohnter Seherfahrungen.“[7]

Diese letzte Phase seines Schaffens ist auch die kürzeste. Während die ersten beiden Phasen jeweils eine Dekade umfassen, beschränkt sich das ‚Spätwerk‘ Staëls auf  drei  Jahre.  Diese drei Jahre sind die erfolgreichsten und produktivsten: Der Name Staël wird zu einem Markenzeichen auf dem Kunstmarkt und seine Bilder erzielen vor allem in den USA hohe Preise; nahezu  Dreiviertel seiner gesamten  erhaltenen Werke entstehen in dieser kurzen Zeitspanne, das sind  mehr  als  700 von insgesamt 1100 Werken, die im Werkverzeichnis aufgeführt werden. [8]  

1952 und 1953 ist Staël viel unterwegs – sein Leben ist für ihn eine ständige Reise, „un continuel voyage“. Er verlässt das Atelier und malt draußen in der Natur:  in der Île de France, der Provence, der Normandie, wo er auch seinen Freund Georges Braques besucht.  Es entstehen charakteristische Werke wie der „Himmel in Honfleur“, einem Seebad an der Kanalküste, in denen ein Gleichgewicht herrscht zwischen Beobachtung und Abstraktion.

Ciel à Honfleur (Himmel in Honfleur). Paris 1952

Dazu passt, was der Maler v Kees van Dongen sagte:  „Wenn ich an die Bilder von Staël denke, sehe ich eine horizontale Linie, einen sehr weiten Horizont und darüber einen unermesslichen Himmel“.

Paysage (Landschaft) 1952

Mantes, 1952

Le parc de Sceaux. Paris 1952

Am 26. März 1952 nimmt Staël im Pariser Prinzenparkstadion an dem Fußballländerspiel Frankreich gegen Schweden teil.

Parc des Princes. 19×23,7 cm.  Paris 1952

Das  Spiel endet für Frankreich enttäuschend: Durch ein schwedisches Tor in der 86. Minute verliert die französische Mannschaft 0:1. Aber es ist das erste dort unter Flutlicht ausgetragene Fußballspiel und es inspiriert Staël zu einer Serie von Bildern, die dieses Match gewissermaßen unsterblich machen.  

Parc des Princes. 200×350 cm. Paris 1952

Der Maler hat, so das Künstler-Lexikon „Larousse de la peinture“, im Stadion einen „visuellen und emotionalen Schock“ erlitten. „Zwischen Himmel und Erde“, schreibt de Staël dem Dichter René Char, „auf einem Gras, das entweder rot oder blau ist, wirbelt eine Tonne Muskeln in völliger Selbstaufgabe und einer großartigen Präsenz. Was für ein Vergnügen, René! Ich habe sofort begonnen, an beiden Teams zu arbeiten, und schon ist Bewegung in die Sache gekommen.“

Das Hauptwerk, in einem für Staël neuen monumentalen Format, wird im Mai des Jahres ausgestellt und erregt großes Aufsehen. Man hat es „sicherlich eines der großen Werke des 20. Jahrhunderts“ genannt. [9]

Deux vases de fleurs (Zwei Blumenvasen). Lagnes 1953

Im Sommer 1953 lässt sich Staël mit seiner Familie in Lagnes, einem kleinen Ort in der Nähe von Avignon nieder. Die Familie: Das sind Nicolas und seine Frau Françoise Chapouton, die er 1946  kurz nach dem Tod von Jeannine geheiratet hatte, und es sind die drei Kinder aus der Ehe mit Françoise: Anne, Laurence und Jérôme. „Alle Anfänge sind wunderbar für die Arbeit“, schreibt Staël – und in der Tat: Die Landschaft der Provence, die Sonne, das Licht, der Wind entzücken ihn und beflügeln sein Schaffen. Und dazu kommt die Begegnung mit einer jungen Frau, Jeanne Polge, Ehefrau und Mutter, in die er sich Hals über Kopf verliebt – ein „coup de foudre“, ein wahrhafter Blitzschlag. „Quel lieu, quelle fille“, jubelt Staël, und der Jubel ist noch in der rosa Tischdecke zu spüren, auf der die beiden Blumenvasen stehen – eine vielleicht für die Frau, die andere für die Geliebte.

Grignan 1953

Staël malt die Landschaften der Provence, eher gegenständlich als abstrakt. Die Kritik wittert Verrat an der Abstraktion, sein amerikanischer Kunsthändler mahnt ihn, die Produktion von Bildern etwas zu reduzieren, um nicht die Kunden abzuschrecken.

Paysage de Provence (Landschaft der Provence) Lagnes 1953

Im August 1953 bricht Staël auf zu einem road trip nach Sizilien, für den er sich einen kleinen Lieferwagen gekauft hat. Mit dabei: Seine schwangere Frau Françoise, die drei Kinder, Jeanne Polge und eine Freundin seines Freundes René Char.

In Sizilien zeichnet Staël, Landschaften und Tempelruinen.

Sizilien 1953:  Die Säulen des Tempels von Agrigent

Nach der Rückkehr entstehen auf dieser Grundlage in Lagnes und dann Ménerbes im Luberon, wo er ein burgähnliches Anwesen kaufte,  Sizilien-Bilder mit einer reduzierten Formsprache, aber großer leuchtender Farbigkeit.

Syracuse. Ménerbes 1954

Agrigent. Ménerbes 1953/54

Und es entstehen in dieser Zeit viele mit schnellem Filzstift auf das Wesentliche beschränkte Zeichnungen und Gemälde, die die Landschaft der Provence und das Meer feiern.

Paysage Ménerbes (Landschaft Ménerbes). Ménerbes 1953

Bateaux en Méditerranée 1953/1954 (Boote auf dem Mittelmeer)

Les Martigues. Ménerbes, 1953/1954

Im Sommer 1954 ist Staël wieder in Paris. Da entsteht das schöne Bild der nächtlichen Pont des  Arts- ein Brückenbild, das einen Bogen zu dem von 1939 schlägt.

Le Pont des Arts la nuit. Paris 1954

Antibes und das Ende

Ende des Sommers 1954 verlässt de Staël seine Familie und zieht sich nach einem aufgrund vieler internationaler Ausstellungen und damit verbundener Reisen sehr anstrengendem Jahr nach Antibes zurück, wo er am Meer Ruhe finden will, aber auch die Nähe seiner bei Nizza lebenden geliebten Jeanne sucht. Hier entstehen „unter der schwarzen Sonne von Antibes“[10] noch einmal Bilder großer Intensität: In den letzten sechs  Monaten  seines  Lebens  sind es mehr  als  350!

Les poissons (Die Fische). Antibes 1955

Les Mouettes (Die Möven). Antibes 1955

Bateaux de guerre (Kriegsschiff)  Antibes 1955

Le Fort Carré d’Antibes. Antibes 1955 (Ausschnitt)

Diese Bilder gehören zu den letzten, die Staël vor seinem Freitod gemalt hat. Es ist umstritten, inwieweit sich dieses Ende schon in seinen Bildern abzeichnet. Die Ausstellungsmacher  lehnen eine psychologische Deutung ab, die in den  letzten Bildern einen Ausdruck von Melancholie und einen Vorschein der bevorstehenden Selbsttötung sehen.  Anders Jérôme Coignard und Guitemie Maldonado in Connaissance des arts (39): „Das Blau wird bleiern, das Drama steht unmittelbar bevor“.[11]

Zu dem Entschluss, sich das  Leben zu nehmen, hat sicherlich auch die Beziehung zu Jeanne Polgue-Mathieu beigetragen.  Es ist eine unglückliche Liebe: „Zum ersten Mal in seinem Leben liebt Staël mehr als er geliebt wird. Seine Leidenschaft zieht ihn hinab.“, schreibt sein Biograph Biograph Laurent Greilsamer.[12]

Nu couché bleu. Antibes 1955, 114×162 cm

Die menschliche Figur spielt in den Werken Staëls keine wesentliche Rolle. Seine Landschaften sind menschenleer. Gegen Ende seines Lebens entsteht aber eine ganze Serie von Aktbildern und -zeichnungen. Es sind Traumbilder der geliebten, aber sich immer mehr entfernenden Jeanne. Und in dem Bild der nackten blauen Frau lassen sich die beiden entgegengesetzten Farben, blau und rot, aus Ausdruck der inneren Zerrissenheit zwischen Begehren und Enttäuschung verstehen.

Vergeblich versucht Staël, sie fest an sich zu binden. Sie besucht ihn in Antibes, geht aber wieder, entfernt sich immer mehr von seinen obsessiven Ansprüchen. Er überschwemmt sie mit Briefen, manchmal schreibt er mehrere an einem Tag.  Es sind verzweifelte Briefe: „Danke, dass du mir meine Liebe zerreißt, Ich liebe dich zum Schreien, ich liebe dich zum Sterben“ oder „Kleine, du versetzt mich in einen Zustand des Wahnsinns.“ [13]

Schließlich trennt sie sich von ihm und treibt das Kind ab, das sie von ihm erwartet.

Staël schließt sich immer mehr ab, um ein für alle Mal diese Geschichte zu beenden, „à crever cette histoire“,  wie er schreibt, und beschränkt sich darauf, die ihn in seinem  Atelier umgebenden Gegenstände  zu malen.

Le Bocal. Antibes 1955

Coin d’atelier fond bleu (Ecke des Ateliers auf blauem Grund). Antibes 1955

Am 16. März 1955 stürzt er sich in den Tod. Kurz davor schickt er die von Jeanne erhaltenen Briefe ihrem Mann mit den Worten: „Vous avez gagné!“ (Sie haben gewonnen!)[14]

Praktische Informationen

Ausstellung vom 15. September 2023 bis zum 21. Januar 2024

Musée d’Art moderne de Paris

11 avenue du Président Wilson

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr

Donnerstag bis 21.30

Literatur

Laurent Greilsamer,  Le Prince foudroyé, la vie de Nicolas de Staël, Paris 2001

Petra Oepen, Nicolas de Staël, Überlegungen zu Karriere und Nachleben.  Diss. Uni Bonn 2008 https://core.ac.uk/reader/304638260

https://www.arte.tv/de/videos/111772-000-A/nicolas-de-stael-ein-maler-zwischen-himmel-und-meer/

Nicolas de Staël. Musée d’Art moderne de Paris. Connaissance des arts. Hors-série. Paris 2023

Nicolas de Staël. Musée d’Art moderne de Paris. Éditions Beaux Arts, Paris 2023

Catalogue de l’exposition sous la direction de Charlotte Marat-Mabille et Pierre Wat. Éditions Paris Musées, 2023

Anne de Staël, Nicolas de Staël, du trait à la couleur. Paris 2023


Anmerkungen

[1] So im Titel eines Arte-Films über Nicolas de Staël. Entsprechend auch: Michael Böhm, Zwischen Himmel und Meer. https://www.mare.de/nicolas-de-stael-zwischen-himmel-und-meer-content-1326

Alle Bilder dieses Blog-Beitrags, wenn nicht anders ausgewiesen, von Wolf Jöckel

[1a] Ausstellungskurator Pierre Wat in Beaux Arts, S. 6

[2] https://www.ledelarge.fr/2625_artiste_guillou__jeannine

[3] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/eine-retrospektive-des-malers-nicolas-de-stael-in-paris-19206693.html

[4] Zitiert in der Informationstafel zu den ausgestellten Portraits Staëls.

[5] Oepen, S. 45

[6] Oepen, S. 50/51

[7] Oepen, S. 135

[8] Oepen, S. 131

[9] Zitate aus: Jörg Altwegg, Wie Fußball dem Künstler die Augen öffnet. In FAZ 31.10.2019 und Coignard, „Parc des Princes“, la victoire de la couleur. In: connaissance des arts, S. 23

[10] Perrine Cherchève in connaissance des arts, S. 64 Siehe auch:  https://www.connaissancedesarts.com/artistes/nicolas-de-stael/sous-le-soleil-noir-dantibes-les-derniers-mois-de-nicolas-de-stael-11184292/

[11] Connaissance des arts, S. 39. Anders der Kurator der Ausstellung Pierre Wat: „La lecture psychologisante qui voulait que, Staël s’étant suicidé à Antibes, en 1955, les tableaux de la période finale sont ceux où plane l’ombre du suicide à venir, nous semble totalement fausse.“ Beaux Arts, S. 6; entsprechend im Interview mit connaissance des arts, S. 9/10: „.. nous nous écartons de l’interprétation psychologique souvent convoquée, qui voudrait que les œuvres de la période d’Antibes soient empreintes de mélancholie et témoignent d’une préméditation de son suicide. Si l’homme a des raisons d’être déséspéré, le suicide reste inexpliquable, ou multifactoriel, et le peintre reste émerveillé et interogateur jusqu’à la fin.“

[12] « Pour la première fois de sa vie, Staël aime plus qu’il n’est aimé. Sa passion pour Jeanne le submerge“,   cit.   https://fr.wikipedia.org/wiki/Nicolas_de_Sta%C3%ABl , Anm. 121)

[13] cit. Beaux Arts, S. 16 und  Connaissance des arts, S. 64 Siehe auch: Marie Zawiska, Nicolas de Staël s’est-il suicidé par amour ? Journal des arts, 16. Oktober 2014

[14] Cit. Beaux Arts, S. 19

Der Spot 13: Ein Zentrum ephemerer Street-Art im 13. Arrondissement in Paris. (Street-Art in Paris 8)

Das 13. Arrondissement ist bekannt als ein Zentrum der Street-Art in Paris. Es sind vor allem die XXL-Formate entlang des Boulevard Vincent Auriol, die ein großes Freilicht-Museum der Street Art bilden. Die dort meist an Fassaden von Hochhäusern präsentierten Werke sind in Abstimmung mit der Stadtverwaltung und auch den betroffenen Hauseigentümern und Bewohnern angebracht. Sie erfüllen die eher einförmigen neueren Bauten des Arrondissements mit Leben, Farbe, Bewegung. Oft werden damit auch Botschaften transportiert, die zum Nachdenken anregen.

Der Spot 13 hat einen anderen Charakter: Es ist ein an der Seine gelegener unwirtlicher, unbewohnter Bereich vor allem an der Porte de la Gare und zwischen dem Boulevard du Général Jean  Simon, der zum Pont National führt,  und dem Boulevard Périphérique an der Grenze zu Ivry-sur-Seine.

Auf der anderen Seite des Boulevard Péripherique stehen die beiden markanten Hochhaustürme (Tours DUO) von Jean Nouvel. So kann man den Spot 13 nicht verfehlen.

Der schon länger existierende Spot 13 wird verwaltet von der im März 2021 gegründeten gleichnamigen Assoziation: Sie eröffnet Street-Art-Künstlern die Möglichkeit, dort zu arbeiten und -für eine begrenzte Zeit- ihre Werke zu präsentieren. Der Spot 13 ist also einem ständigen Wandel unterworfen. Insofern werden auch manche/viele der im Lauf des Jahres 2023 von Frauke und Wolf Jöckel aufgenommenen Bilder inzwischen nicht mehr existieren und sie werden anderen Produkten der Street Art Platz gemacht haben.

In dem ständigen Wandel liegt aber auch eine besondere Attraktion des Spots: Man kann fast sicher sein, bei jedem Besuch Neues zu entdecken und Street-Artisten bei der Arbeit zuzusehen:

Dabei kann man beobachten, wie  unterschiedlich die verwendeten  Techniken sind. 

Hier sind es zum Beispiel Blätter und Zweige, die auf die  Wand gelegt und dann besprüht werden: Eine spezielle Art der pochoir-Technik.

Bianca dagegen arbeitet ganz traditionell mit Palette und Pinsel – und freut sich, wenn man sich für ihre Arbeit interessiert und ihr dabei zusieht.

Einen Rundgang durch den Spot 13 beginnt man am besten mit der Galerie Itinerrance (24b Boulevard du Général d’Armée Jean Simon), gut erreichbar mit der Straßenbahnlinie T 3, Haltestelle Avenue de France. Von dort aus sind es nur wenige Schritte (Richtung Seine) zur Galerie.

Die Galerie itinerrance

Diese Galerie hat für die Street-Art des 13. Arrondissement besondere Bedeutung, weil sie, in Zusammenarbeit mit dem Rathaus des Arrondissements den Parcours der großen  Formate entlang des Boulevard Vincent Auriol entwickelt hat und noch weiter entwickelt.

Die Galerie verfügt über einen großen Ausstellungsraum, in dem Künstler der Street-Art ausgestellt werden, die aber auch Werke zum Verkauf anbieten.

Retrograffitism, Acryl auf Leinwand. Der 1974 geborene und 2023 in der Galerie präsentierte Street-Art-Künstler hat hier offensichtlich eine Anleihe bei den Papierschnitten des späten Matisse gemacht….

Am Boulevard du Général d’Armée Jean Simon

Bevor man die Treppe zum „Untergrund“ der porte de la gare  heruntergeht, sollte man sich etwas vor der Urban Arts Butik (20, Boulevard du Général d’Armée Jean Simon) umsehen, weil auch/schon dort Street-Artisten am  Werk waren.

Den bunten Urwald-Traumbildern der Künstlergruppe Louyz sind wir auch schon im kleinstädtischen  Idyll des Viertels Buttes aux Cailles im 13.  Arrondissement begegnet. Dort konnten wir sie sogar bei der Arbeit an einem großem Wandbild beobachten.

Dieser alte Mann hat offenbar aufgehört zu träumen: Erinnerungen und Traurigkeit fallen auf ihn herab wie tote Blätter – so wie in dem beigefügten melancholischen Gedicht von Jacques Prévert….

Die Treppe abwärts

Diese enge lange Treppe mit den hohen Wänden an der Seite scheint ein wahres Eldorado für Street-Artisten zu sein. Hier gibt es kaum ein Fleckchen, das noch nicht entsprechend genutzt wurde.

Links oben einer der weißen Männer von Jerôme Mesnager. Die schwarz-weiße Skelett-Katze am unteren Bildrand von Mr Byste (vielen Dank, Heike, für den Hinweis) jagt die Ratten die Treppe hinunter.

In den Gläsern spiegeln sich Bilder von der anderen Seite des Treppenabgangs.  Hier ist es zum Beispiel ein bunter Schmetterling – vielleicht ein Werk von Gérard Laux und  Michel Allemand  (Mosko), die mit ihren bunten Tieren viele Orte in Paris farbig und phantasievoll bereichern.

Der Krieg in der Ukraine ist in den französischen Medien nur ein peripheres Thema. Das ist nicht weiter erstaunlich, weil Frankreich -anders als Deutschland- bei der Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen und bei der Unterstützung des Landes -selbst bei Waffenlieferungen- einen hinteren Platz einnimmt. Bei der Street-Art ist das anders….

Aus Bomben können nur Gräber entstehen.

Im „Untergrund“ der Porte de la Gare

Auf beiden Seiten des Quai d’Ivry gibt es unterhalb der Straßenüberführung und  Brücke große Räume, die -mit Gittern provisorisch abgesperrt, aber tagsüber geöffnet- zur Gestaltung wie geschaffen  sind.

Allerdings sind diese Räume so düster, dass im Allgemeinen nur mit künstlichem Licht gearbeitet werden kann. Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse.

Dies ist ein Werk von ROA, einem belgischen Street-Artisten, dessen Name nicht bekannt ist. ROA hat schon in allen Erdteilen gearbeitet, auch in Deutschland (Köln und Berlin). Es ehrt natürlich den Spot 13, dass er hier gleich mehrfach vertreten ist.

Und ganz in der Nähe, am den Jardins Abbé-Pierre/Grands-Moulins, gibt es ein großes Wandbild von ihm, das allerdings nicht ephemer sein soll – auch wenn es im (hier nicht abgebildeten) unteren Teil schon mit Plakaten gegen die Rentenreform überklebt ist…

Eine Hommage an die 2022 verstorbene Miss Tic, die „princesse du graffiti“

… und eine weitere an Josephine Baker, deren sterbliche Überreste 2021 ins Pantheon aufgenommen wurden.  

Als wir dieses Bild aufgenommen haben, bezog es sich auf den Krieg in der Ukraine, inzwischen hat es auf tragische Weise neue Aktualität erhalten….

Nelson Mandela: It is in your hands to  make a better world für all who live in it.

Unter den Fahrbahnen des Boulevard Périphérique

Der hauptsächliche Aktionsraum des Spot 13 ist das weite und weitgehend freie Gelände unterhalt des Boulevard Périphérique und seiner Auffahrten. Ein Vorteil dieses Gelände besteht auch darin, dass hier eine Arbeit ohne künstliche Beleuchtung möglich ist.

Frauen der Welt. Mit einem Zitat von Simone Beauvoir: „On ne naît pas femme on le devient“.  (Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es)

Ein Werk des in Paris sehr präsenten Street-Artisten Fred le Chevalier

Unter dem Pflaster liegt der Strand – oder: geht es zum Strand….


Weitere Bilder zum Spot 13 in dem Street-Art-Blog: https://streetartgallery.eu/2023/01/19/paris-silvester-2022/ 

Weitere Blog-Beiträge zur Pariser Street Art

Ein Rundgang durch La Nouvelle Athènes (das Neue Athen), Zentrum der französischen Romantik im 9. Arrondissement von Paris

Ein Stadtviertel Nouvelle Athènes/Neues Athen zu nennen, mag sehr anspruchsvoll, ja vermessen erscheinen. Es hat seine Grundlage aber im traditionellen kulturellen Selbstverständnis Frankreichs. Denn durch die Französische Revolution hatte sich Frankreich befreit, „die Freiheit, die der griechischen Kunst zur Blüte verholfen hatte, bekam nun ihren Sitz in Frankreich. Damit war Frankreich die legitime Nachfolgerin Griechenlands, als das neue Athen erhob Paris den Anspruch kultureller Hegemonie.“[1] Insofern war auch das musée Napoléon/Louvre der selbstverständliche Ort für die griechischen Kunstwerke, die Napoleon in Italien geraubt hatte, und dann auch für die weitere aus seinen Feldzügen mitgebrachte Raubkunst. Und insofern ist es auch verständlich, dass der ehemalige Bürgermeister von Paris, Jean Tiberi, sein Buch über die intellektuelle und künstlerische Attraktion von Paris „La Nouvelle Athènes“ überschrieb.[2]

Dass nun speziell ein in den 1820-er Jahren neu entstandenes Stadtviertel den Namen „La Nouvelle Athènes“ erhielt, ist einer dem Zeitgeist geschuldeten Strategie von Financiers und Architekten des Quartiers zu verdanken. Es war ja die Zeit des griechischen Unabhängigkeitskampfes gegen die osmanische Herrschaft, der eine große Sympathiewelle auslöste.  Dazu passte der Name „Neues Athen“ hervorragend. Und neben dem Bezug zum modischen Philhellenismus wurde damit gleichzeitig eine kulturelle Ambition herausgestellt, die ein entsprechendes künstlerisches, intellektuelles -und natürlich auch zahlungskräftiges Publikum ansprechen sollte. Natürlich musste dieser Anspruch auch architektonisch untermauert werden durch eine entsprechende architektonische Gestaltung, also durch Anklänge an die griechisch-römische Antike in der Tradition des französischen Neoklassizismus.[3]

Ein schönes Beispiel dafür ist das Stadtpalais (Hôtel particulier),  das die Schauspielerin Mlle Duchesnois, eine Diva der Comédie française, 1822 von dem Promoter des neuen Viertels kaufte. Das entzückende, innen reich dekorierte Schlösschen gehörte zu den ersten Bauten von „La Nouvelle Athènes“.

Das einem römischen Triumphbogen nachempfundene Portal in der rue de la Tour des Dames Nummer 7.[4]

Nicht weit davon, in der Nummer 1, befindet sich ein weiteres schönes Beispiel für den das Viertel charakterisierenden Neoklassizismus. Hier wohnte seit 1824 eine weitere bedeutende Schauspielerin, Mlle Mars.

Zwei dorische Säulen umrahmen die Eingangstür dieses hôtel particulier. Anders als in der griechischen Architektur haben sie vor allem eine dekorative Funktion- aber das reichte offenbar:  Es war damit dem Anspruch von „La Novelle Athènes“ hinreichend Genüge getan.

Elegante jonische Säulen schmücken die Rückseite des Gebäudes.

Bei dem Rundgang kann man immer wieder solche antikisierenden Elemente entdecken:

Das war Teil einer höchst erfolgreichen Marketing-Strategie: La Novelle Athènes wurde zu einem Zentrum des kulturellen Lebens von Paris und einem der „haut-lieux“, der wichtigsten Schauplätze der französischen romantischen Bewegung.[5] Dazu gehörten, um nur einige Namen zu nennen, die Maler Horace Vernet,  Delacroix,  Géricault und Gustave Moreau, die Schriftsteller Alexandre Dumas, Georges Sand, Charles Baudelaire und Théophile Gautier, die Musiker Frédéric Chopin, César Franck und Pauline Viardot, die Stars der Comédie française François-Joseph Talma, Mlle Mars und  Mlle Duchesnois, die einen angesagten Salon unterhielt, in dem auch Victor Hugo verkehrte.  

Am Ende des 19. Jahrhunderts verlor das Viertel allerdings an Anziehungskraft, der Westen der Stadt -vor allem das 16. Arrondissement- gewann nun an Attraktion. Nicht mehr das „neue Athen“, sondern der Westen mit Guimards „art nouveau“- Bauten galt nun als Ausdruck der Modernität. Und so ist La Nouvelle Athènes heutzutage, wie die Zeitung Libération 1995 schrieb „so unbekannt, dass selbst die Mehrheit seiner Bewohner noch nicht einmal den Namen kennt.“[6]

Anlass genug also für einen Rundgang durch „das Neue Athen“.  Dessen kultureller Reichtum soll anhand von sechs Stationen veranschaulicht werden.  Anfangs- und Endpunkt verfügen über Metro-Stationen und sind insofern gut zu erreichen.

A. Place Pigalle (Métro Linie 2 und 12)

B. über rue Frochot/Villa Frochot und rue Victor Massé zur

C. Cité Malhesherbes

Unterwegs: Die gusseisernen Türelemente

über rue des Martyrs, rue Clausel, place Gustave Toudouze zur

D. 4. place Saint Georges

über rue Notre Dame  de Lorette zur Kirche

E. Notre Dame de Lorette

über rue Saint-Lazare und rue Taitbout zum

F. Square d’Orléans

über rue Taitbout, rue d’Aumale, rue Catherine de La Rochefoucauld, rue La Bruyère und rue Henner zum

G. Musée de la Vie Romantique

über rue Chaptal und rue Blanche zur

H. Place Blanche (Metro Linie 2)

Es gibt darüber hinaus auch noch andere interessante Stationen: Zum Beispiel das musée Gustave Moreau in der rue de La Rochefoucauld. Das habe ich allerdings nicht berücksichtigt, weil ich kein Freund der symbolischen Malerei von Moreau bin. Da bitte ich um Verständnis…. Und natürlich kann man den Rundgang auch teilen, zum Beispiel in einen östlichen Parcours (A,B, C, D, E) und einen westlichen (E, F, G, H – evtl. mit dem Musée Gustave Moreau) – oder in einen nördlichen und einen südlichen… Es gibt viele Möglichkeiten, das „neue Athen“ zu erkunden… Auf jeden Fall: Es lohnt sich!

Place Pigalle

Aus meiner Jugend habe  ich noch den hübschen Schlager Bill Ramseys im Ohr:

Pigalle, Pigalle
Das ist die große Mausefalle mitten in Paris
Pigalle, Pigalle
Der Speck in dieser Mausefalle schmeckt so zuckersüß…[7]

Die place Pigalle gehört, und darauf bezieht sich dieses Lied, zu dem Pariser Rotlichtviertel. Dazu passt allerdings ganz und gar nicht der Name dieses Platzes: Der ist nämlich benannt nach dem Bildhauer Jean-Baptiste Pigalle, Schöpfer nicht nur der berühmten Merkur- und Venus-Statuen am Fuß des Schlosses von Sanssouci, sondern auch einer wunderschönen Darstellung Marias mit dem Jesuskind auf dem Arm in der Pariser Kirche Saint-Sulpice: Ruhig steht sie da im Glanz des himmlischen Lichts und hat die Macht des Bösen und der Finsternis, verkörpert durch eine Schlange, gebrochen.

Der Platz ist heute ziemlich unwirtlich, kein Ort zum Verweilen. Aber das soll sich bald ändern: Der Autoverkehr soll zurückgedrängt werden, es soll weniger Beton und Asphalt und mehr Platz für Fußgänger und Vegetation geben.

So soll der Platz schon 2024 aussehen! Le Parisien 11. April 2023

Villa Frochot

Verlassen wir nun diesen zu widersprüchlichen Assoziationen Anlass gebenden Platz und machen uns auf den Weg zur place Saint Georges, einem Zentrum des Nouvelle Athènes-Viertels. Auf dem Weg dorthin kommen wir am Eingang zur Villa Frochot vorbei. Das ist ein abgeschlossener Bereich mit exklusiven Villen, früher und heute bewohnt von prominenten, wohlhabenden und Ruhe suchenden Menschen.[8]

 Henri de Toulouse-Lautrec hatte  hier ein Atelier speziell für seine Aktmalerei, Jean Renoir und Django Reinhardt haben hier gewohnt.  Normal Sterblichen ist der Zugang aber leider verwehrt.

 Immerhin kann man vor dem Eingang die schöne Glasmalerei im Art Déco-Stil bewundern, die bei Dunkelheit festlich erleuchtet ist.[9]

Bei diesem Glaskunstwerk soll die berühmte Welle von Hokusai aus dem 19. Jahrhundert Pate gestanden haben:

Sehenswert sind auch die beiden seitlichen gusseisernen Türen.

Hier dienen sie sogar als Hintergrund für Modefotografien.

…. besonders für den Hund war das eine arge Geduldsprobe, und er konnte nur mit zahlreichen „Leckerlis“ dazu bewegt werden, unbeweglich auf seinem Platz auszuharren….

Unterwegs: Die gusseisernen Türelemente

Bei dem Rundgang sollte man auch immer einen Blick auf die Eingangstüren der Häuser werfen..

Man wird dann nämlich immer wieder schöne gusseiserne  Türelemente entdecken, die typisch für das Viertel sind. Besonders in der Entstehungszeit des „Neuen Athens“ waren diese Elemente sehr beliebt. Es gibt sie fast überall in Paris, aber hier sind sie besonders phantasievoll und vielfältig.

Sie haben nicht nur einen ästhetischen Wert, sondern sie hatten auch eine ganz praktische Funktion: Auf diese Weise konnten die Bewohner leicht erkennen, wer da vor der Tür stand und Einlass begehrte….

Diese Türelemente waren keine Einzelstücke. Die aus Katalogen ausgewählten Motive wurden mit Hilfe vorhandener Formen reproduziert, was die Kosten senkte. 

So konnte man es sich leisten, sogar die Tür eines Abstellraums für Hausmüll mit einer solchen Verzierung auszustatten…. Aber vielleicht war das früher ja einmal der Raum für die Concierge…

Gerade in Nouvelle Athènes, das für eine zahlungskräftige Klientel gebaut wurde, gab es oft besonders breite Türen mit zwei Türflügeln. Das waren die sogenannten „cochères“, also Einfahrten für Pferdedroschken, die von einem Kutscher (cocher) gefahren wurden. Solche breiten Türen waren dann auch ein deutlicher Hinweis auf den Wohlstand der dort lebenden Menschen. Auch die gusseisernen Türelemente sollten natürlich dazu passen:

Hier zum Beispiel auf dem linken Türflügel eine gekrönte junge Dame….

…. und auf dem rechten Türflügel der dazu passende noble Mann….

Die Cité Malhesherbes

Bevor es weitergeht zur place Saint- Georges sollte man nicht versäumen, einen kleinen Abstecher zur Cité Malhesherbes zu machen, die man über die rue Victor Massé erreicht. Eine Gedenktafel am Haus Nummer 12 erinnert daran, dass Rodolphe Salis hier sein zweites Kabarett Le chat noir einrichtete.

Die berühmte schwarze Katze Steinleins, die -auf Tassen, T-Shirts, Schlüsselanhängern etc abgebildet- zu den klassischen Paris-Souvenirs gehört, wurde für dieses Kabarett in der rue Victor Massé -damals rue de Laval- entworfen. Hier ist es der Street-Artist AA (Amour/Anarchie), der die Erinnerungstafel entsprechend bereichert hat.

Die Cité Malhesherbes ist wie alles Cités dieser Zeit ein abgeschlossener Bezirk. Im Gegensatz zur Cité Frochot ist es allerdings unter der Woche möglich, über den Eingang an der place Lino Ventura/59, rue des Martyrs hineinzugelangen. Benannt ist die Cité Malhesherbes nach Guillaume de Lamoignon de Malesherbes. Der war Rechtsbeistand von König Ludwig XVI. bei dessen Prozess, der mit dem Todesurteil endete. Am 22. April 1794 fiel auch der Kopf von Malhesherbes unter der Guillotine. Sein Anwesen wurde konfisziert und Mitte des 19. Jahrhuderts neu bebaut. Ein kleiner Rundgang lohnt sich durchaus, weil es dort einige schöne hôtels particuliers zu sehen und zu bewundern gibt.

Vor allem das hôtel Jollivet, das für den Maler Pierre-Jules Jollivet errichtet wurde.

Jollivets Spezialität waren Bilder aus emaillierter/glasierter Terrakotta. Beispiele seiner Kunst ließ er auch auf der Fassade seines Hauses anbringen.

Der deutsch-französische Pariser Stadtbaumeister Jacques Ignace Hittorff  schätzte die Arbeiten von Jollivet sehr und beauftragte ihn deshalb mit der Ausschmückung der Fassade der Kirche Saint-Vincent-de-Paul.

Sehenswert ist auch das Eckhaus Nummer 17, die Villa Clara mit dem neugotischen Türmchen.

Besonders schön die beiden Medaillons auf rotem Grund. In der Villa soll es auch Gästezimmer (chambres d’hôtes) geben: Sicherlich ein nobler Ort für einen kleinen Paris-Trip….

Das Haus Nummer 12 der Cité war übrigens Sitz der SFIO (Section française de l’International Socialiste) und von 1936 bis 1975 ihrer Nachfolgerin, der Parti Socialiste. Heute beherbergt das Haus die Fondation Jean Jaurès, das Pendant der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung.

Der Platz Saint- Georges

Der zu dem städtebaulichen Projekt des „Neuen Athens“ gehörende Platz Saint-Georges sollte unbedingt zu einem Spaziergang durch das Neue Athen gehören. Es handelt sich nicht um einen geschlossenen Platz, sondern mehrere Straßen laufen auf ihn zu. Die Mitte wurde zunächst durch einen Brunnen markiert, den Gustave Caillebotte 1880 malte.[10]  Die breite untere Brunnenschale weist darauf hin, dass der von eleganten Lampen umgebene Brunnen zunächst vor allem als Pferdetränke angelegt war.

Seit 1903 steht hier das Denkmal für Paul Gavarni, einen Grafiker und Karikaturisten des 19. Jahrhunderts.

Vorbild für die Anlage des Platzes soll die im 17. Jahrhundert entstandene Place des Victoires  Ludwigs XIV.  gewesen sein, einer der 5 königlichen Plätze von Paris. So herrschaftlich- monumental und einheitlich ist der Platz Saint-Georges sicherlich nicht, aber er hat einen unverkennbaren Charme; vor allem durch die kleinen Vorgärten der umgebenden Häuser und deren edle Fassaden.

 Place Saint-Georges Nummer 28: Der Salon der Gräfin Païva

Ein schönes Beispiel dafür ist das Haus Nummer 28 mit seiner reich gegliederten Fassade, die schon Balzac bei seinen Spaziergängen durch das Viertel auffiel. [11]

Er habe da „ein Haus aus dem 16. Jahrhundert,  ganz neu,“ entdeckt. [12] In der Tat: Der Stil dieses Hauses ist nicht mehr, wie am Anfang von Nouvelle Athènes, der Neoklassizismus, sondern die Neorennaissance, die -zusammen mit der im Viertel auch präsenten Neogotik- die Ära des Neoklassizismus ablöste. Aber natürlich sind auch da die Anklänge an die Antike unverzichtbar: Hier vor allem durch die an Helm und Schild erkennbare Statue der Minerva/Athena.  Zusammen mit der Abondance, der Allegorie des Überflusses mit ihrem Füllhorn, rahmt sie das Mittelfenster über dem Eingang ein.  Bei den beiden Medaillons zu ihren Füßen könnte es sich um Portraits des Besitzers und des Architekten des Gebäudes handeln.

Foto: Wolf Jöckel

Vor allem ist die Prominenz dieses Hauses allerdings der skandalumwitterten Gräfin Païva zu verdanken, die hier einmal wohnte. Als Tochter eines aus Polen stammenden armen jüdischen Webers war Thérèse Lachmann in Moskau aufgewachsen, hatte sich dann, Mann und Kind zurücklassend, in ihre Traumstadt Paris aufgemacht, um dort ihr Glück zu suchen. Zunächst schlug sie sich als Prostituierte in Neu Athen durch, bevor sie, mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „beauté de diable“ ausgestattet, zur Kurtisane aufstieg. Durch eine nur formelle Heirat mit einem portugiesischen Adeligen wurde sie zur Gräfin Païva. In der von ihr gemieteten Wohnung an der Place Saint-Georges führte sie das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene. Aber das war noch nicht das Ende ihres Aufstiegs: Schließlich gelang es ihr, die Gunst eines der reichsten Männer Europas zu gewinnen, des schlesischen Kohlebarons Henckel von Donnersmarck. Der heiratete sie und  errichtete ihr ein Stadtpalais an den Champs-Elysées, das noch heute existierende Hôtel Païva.  Es ist also irreführend, wenn, wie oft üblich,  das Haus an der Place Saint-Georges Hôtel Païva genannt wird. Es war ja gar kein hôtel particulier, sondern sozusagen ein Haus mit Mietwohnungen, und die Païva war hier nur zwischenzeitliche Mieterin.  An den Champs-Elysées dagegen war sie die unbeschränkte Herrin, die dort mit unbegrenzten Geldmitteln ihren Traum eines Märchenschlosses, ihr eigentliches Hôtel Païva, verwirklichen konnte.

 place Saint-Georges Nummer 27: Fondation Dosne-Thiers und Bibliothèque

Ein weiteres repräsentatives Gebäude am Platz Saint-Georges ist das der Stiftung Dosne-Thiers. Das Stadtpalais (Hôtel particulier) war lange Zeit der Wohnsitz des Historikers und Staatsmannes Adolphe Thiers und seiner Frau Élise Dosne. Die letzte Erbin vermachte das Anwesen 1905 dem Institut de France.

Das noble Interieur [13] kann von zahlungskräftigen Interessenten gemietet werden, es finden aber auch von Zeit zu Zeit öffentliche Konzerte statt.

(Foto Wolf Jöckel)

Ein wesentlicher Bestandteil der Stiftung ist die auf Napoleon und das 19. Jahrhundert spezialisierte Bibliothek, die für Studienzwecke genutzt werden kann.

Allerdings wurde das Gebäude der Stiftung erst in den Jahren nach 1873 errichtet. Davor gab es einen Vorgängerbau  aus den Anfangsjahren von La Nouvelle Athènes, der vom Schwiegervater Adolphe Thiers‘ errichtet worden war. [14]

„Maison de Monsieur Thiers place Saint-Georges. Photographie de Ernest Charles Eugène Appert. Paris, musée Carnavalet.

Thiers kam in den 1820-er Jahren aus der Provinz nach Paris, wo er schnell Karriere machte. Er wurde mehrfach Minister, in den 1830-er und 1840-er Jahren mehrmals Ministerpräsident (Président du Conseil), von 1871 bis 1873 Präsident der französischen Republik. Durch die Heirat mit Elise Dosne residierte er „im Herzen des Neuen Athens“,  als Journalist, Historiker und Politiker also genau am rechten Ort. [15] 1871 beendete er den deutsch-französischen Krieg und schlug mit rücksichtsloser Härte die Pariser Commune nieder. In einem symbolischen, aber hilflosen Akt des Widerstands zerstörte die Commune das Haus. [16]

Dank des Engagements des Malers Gustave Courbet, des damaligen „Kultusministers“ der Commune, konnte aber die wertvolle Einrichtung des Hauses und vor allem die Bibliothek gesichert und gerettet werden. Gedankt wurde ihm das allerdings nicht…. [17]

Fondation Taylor (1, rue la Bruyère)

Am Platz Saint-Georges hat noch eine weitere Stiftung ihren Sitz, und zwar die Fondation Taylor. Sie wurde schon 1844, also zur romantischen Blütezeit von La Nouvelle Athènes, von dem Philanthropen Isidore Taylor gegründet.

Zweck ist die Unterstützung von Künstlern, der vor allem regelmäßige und wechselnde Ausstellungen in den Räumen des Hauses dienen.  Der Erlös der verkauften Werke kommt allein den Künstlern zugute.

Zur Fondation gehört auch das Atelier im obersten Stockwerk: Die jonischen Kapitelle verweisen darauf, dass wir uns hier mitten im Viertel Nouvelle Athènes beffinden.

Und innen gibt es ein schönes  Mosaik der Musen.

Hier ein Blick in die Apsis des Ausstellungsraums anlässlich einer von unserem Freund Carlos Lopez kuratierten Grafik-Ausstellung im November/Dezember 2021 [18]

Neben dem Eingang hat auch der Invader seine Spuren hinterlassen….

Notre Dame de Lorette

Diese Kirche wurde von 1823 bis 1836 im Stil einer römischen Basilika errichtet, ein hervorragendes Beispiel des französischen Neoklassizismus. Dem Namen des Viertels entsprechend hätte ja eher ein Tempel im griechischen Stil errichtet werden müssen, aber der wäre hier völlig fehl am Platze gewesen. Und der französische Neoklassizismus orientierte sich ja sowieso eher an der imperialen römischen Architektur, die Größe, Macht und Autorität ausstrahlte: Zu den Zeiten Napoleons und der bourbonischen Herrscher davor und danach höchst willkommene politische Botschaften. 

Foto: Wolf Jöckel

Der scharfzüngige Kunstkritiker Théophile Gautier hat ein vernichtendes Urteil über die Kirche gefällt: Der Portikus bestehe aus vier viel zu eng nebeneinanderstehenden Säulen und einem Giebel mit einem verabscheuungswürdigen Basrelief. Der viereckige Glockenturm sehe aus wie das Taubenhaus auf einem Bauernhof.[19] Die Kritik am Glockenturm kann ich nachvollziehen, die an den vier eng beeinander stehenden Säulen eher nicht: Gerade in der Perspektive von der rue Laffitte aus, auf die sich Gauthier bezieht, ergibt sich doch ein überzeugender Eindruck des Portikus, der danach noch durch den Bau der Kirche Sacré Cœur gesteigert wurde.

Der Innenraum der Kirche beeindruckt mit ionischen Säulen und einer Kassettendecke.

Aristide Cavaillé-Coll baute in der Kirche 1836–1838 eine seiner ersten  Orgeln auf. Der Komponist César Franck war hier von 1846 bis 1859 Organist.

Bemerkenswert ist übrigens auch in einer Seitenkapelle die Tür der Zelle, in der der Abbé Sabattier eingeschlossen war, bevor er mit anderen Geiseln in den letzten Tagen der Pariser Commune, der semaine sanglante,  in der rue Haxo erschossen wurde.[20]  Es wird sich dabei sicherlich um eine Tür aus dem  Roquette-Gefängnis handeln, wo  die Geiseln vor ihrer Exekution gefangen  gehalten wurden.

Und bemerkenswert sind die Kreuzwegstationen, die von der Porzellanmanufaktur von Sèvres hergestellt wurden.

Aber auch das Innere fand vor Gauthier keine Gnade. Es sähe aus wie ein Boudoir -also ein Damenzimmer mit erotischen Konnotationen-  und auf diese Weise befinde sich die Kirche genau am rechten Platz.

Damit spielt Gauthier auf die 1841 von dem Journalisten Nestor Roqueplan so genannten Lorettes an, einer von der Kirche abgeleiteten Bezeichnung.  Allerdings führten die Lorettes einen wenig Kirchen-kompatiblen Lebenswandel. Es waren nämlich Mädchen, die allein vom „Verkauf ihrer Reize“ (wie es im Französischen so schön heißt) an verschiedene Männer lebten, anders als die Grisettes, die auch noch einem „bürgerlichen Beruf“ nachgingen, oder die Kurtisanen, die von einem reichen Mann ausgehalten wurden. Nach Balzac war das Wort Lorette eine dezente Bezeichnung für den zweifelhaften Status eines Mädchens, weshalb die Akademie française in Anbetracht des (fortgeschrittenen) Alters ihrer Mitglieder auf eine Definition verzichtet habe.[21]  Die Lorettes konzentrierten sich seit den 1820-er Jahren gerade in dem neu entstehenden Nouvelle Athènes: Die Käufer der Appartements vermieteten diese nämlich zunächst gerne zum Trockenwohnen an die Lorettes, die sich so für wenig Geld ein nobles und auch für ihre Kunden attraktives Ambiente leisten konnten. 

Square d’Orléans  (80, rue Taitbout)

1829 erwarb der englische Architekt Edward Cresy das Areal, um dort ein Immobilienprojekt nach englischem Vorbild zu verwirklichen: In der Mitte ein großer rechteckiger Platz, darum herum mehrere mehrstöckigen, zum Teil sehr repräsentative Bauten mit zum Verkauf bestimmten Wohnungen. Antike Anklänge wie auch hier die ionischen Säulen gehörten im „Neuen Athen“ natürlich unbedingt dazu.

Seit seiner Fertigstellung 1832 gehörte der zunächst nach dem damals regierenden „Bürgerkönig“ Louis-Philippe benannte Platz zu den gesuchtesten Adressen der künstlerischen Elite der Stadt.

Einer der ersten Mieter in dem neuen Areal war der Schriftsteller Alexandre Dumas, der 1831 in die Nummer 3 einzog -zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin, seiner gerade geborenen Tochter Marie-Alexandrine und dem 6-jährigen Alexandre. Dumas war aktiv an der Julirevolution beteiligt, dazu passte auch, dass er den Square Louis-Philippe als Wohnsitz wählte, auch wenn er bald auf Distanz zum neuen König ging. In die Geschichte des Platzes ging das Fest ein, das er an Fasching 1833 auf dem Platz veranstaltete und zu dem er, wie er in seinen Memoiren schrieb, „fast alle Künstler von Paris“ eingeladen hatte; mehr als 700 seien es gewesen. [22]

In Nummer 7 wohnte der Maler Edouard Dubufe, der in der Zeit des Zweiten Kaiserreichs Napoleons III. gewissermaßen zum Hofmaler avancierte. Er portraitierte nicht nur Kaiserin Eugénie,sondern auch Künstlerkollegen wie seinen Nachbarn Alexandre Dumas, Alfred de Musset, den Komponisten Gounod und -nicht zuletzt- die Tiermalerin Rosa Bonheur. 23]

Seit 1840 lebte auch die gefeierte Pianistin und Mezzo-Sopranistin Pauline Viardot hier. Sie war sehr eng befreundet mit dem damals liierten Künstlerpaar Frédéric Chopin und Georges Sand. Die ließen sich im Oktober 1842 im Square Louis-Philippe/Square d‘Orléans nieder.

Repräsentativer Eingang zur Wohnung von George Sand (die Nummer 5)–  diesmal sind es Säulen mit dorischem Kapitell, die ein „Nouvelle Athènes“- Gefühl vermitteln sollen. 

Chopin wohnte in einem kleinen Erdgeschoss-Appartement in der Nummer 9.

Georges Sand schrieb über diese Zeit in ihrer Autobiographie, sie und Chopin hätten nur über einen großen Hof gehen brauchen, um sich zu treffen, ob bei ihr oder -wenn er bereit gewesen sei Musik zu machen- bei ihm. [24]

Hier zwei Skizzen von Chopin und George Sand für ein geplantes Doppelportrait der beiden, das allerdings nicht ausgeführt wurde. [25]

Zu den Bewunderern von Georges Sand gehörten ihr Nachbar Alexandre Dumas,  Honororé de Balzac, Gustave Flaubert, Franz Liszt, mit dem sie vor Chopin liiert war, und auch der in der Nähe wohnende Heinrich Heine. Für ihn war George Sand „der größte Schriftsteller, den das neue Frankreich hervorgebracht“, und er verehrte sie, ebenso wie Chopin, den „Raphael des Fortepiano.“ 26]

Allein die hier exemplarisch genannten Personen vermitteln einen Eindruck, welche Bedeutung der Square d‘Orléans in der Mitte des 19. Jahrhunderts als ein Zentrum künstlerischen Lebens in Paris hatte. Heute haben dort teilweise Büros ihren Platz, so dass er immerhin unter der Woche frei zugänglich ist.

Musée de la vie romantique  (16, rue Chaptal)

Das Romantik-Museum befindet sich im ehemaligen Wohnhaus des Malers Ary Scheffer, das 1830 erbaut wurde. Ary Scheffer war Holländer, ließ sich aber in Paris nieder und wurde Zeichenlehrer der Kinder des späteren Königs Louis Philippe. Dazu war er ein gesuchter Portraitist.

Thomas Phillips, Portrait von Ary Scheffer (um 1840)

Le Tout-Paris romantique, das ganze „romantische Paris“ traf sich in seinem Haus: Georges Sand, Chopin, Delacroix, Rossini, Liszt, Thiers, Dickens…

Foto: Wikipedia/Velvet

Das Erdgeschoss präsentiert  Portraits, Möbel und Schmuck aus dem 18. und 19. Jahrhundert und ist Georges Sand gewidmet. Zu sehen sind einige „Devotionalien“….

…und .ihr Portrait von Auguste Charpontier (zwischen 1837 und 1839)….

… und einige schöne Landschaftsbilder von George Sand, die sogenannten „dendrites“.

George Sand verwendete dabei eine spezielle Technik: Sie verteilte Farben auf dem Papier und legte dann das Blatt einer Pflanze darauf. Durch unregelmäßigen Druck auf dieses Blatt entstanden Muster -ähnlich wie bei Versteinerungen- die sie weiter bearbeitete. „Mit Hilfe meiner Phantasie sehe ich Bäume, Wälder oder Seen, und ich verstärke die vom Zufall produzierten ungefähren Forrmen“, schrieb Georges Sand dazu. Im Begleittext zu diesen Bildern wird vermerkt, dass später auch Max Ernst eine solche Technik verwendet habe…

In der ersten Etage befinden sich Gemälde des Malers Ary Scheffer und einige Werke seiner Zeitgenossen.

Hier Scheffers Portrait der Sängerin Pauline Viardot (1840)

 Im Garten des Museums lädt der Teesalon Rose Bakery zu einer Pause ein.

Foto: Pierre Antoine aus: https://museevieromantique.paris.fr/fr/salon-de-th%C3%A9-informations-pratiques

Über die rue Blanche zur place Blanche

Zum Abschluss unseres Rundgangs geht es nun über die rue Blanche zur place Blanche. Der Name, „weiß“ bezieht sich darauf, dass über diese Straße der auf dem Hügel von Montmartre abgebaute weiße Kalkstein (plâtre) in die Stadt und auch zur Verschiffung an die Seine transportiert wurde. Der Kalkstaub färbte die Straße und die umliegenden -sonst eher grauen- Gebäude weiß.[27] Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden diese Steinbrüche von Montmartre ausgebeutet.  

Hier ein Bild des Hügels von Montmartre mit dem Weg zu den Steinbrüchen und einer der früher typischen Windmühlen.[28] Von denen ist kaum noch etwas übrig geblieben. Aber die berühmte, wenn auch erst im 19. Jahrhundert entstandene Moulin Rouge an der place Blanche erinnert noch an diese Vergangenheit. Insofern hat auch dieser Platz -wie die place Pigalle- einen doppelten  Bezug: zu dem Weiß des Kalksteins und dem Rot der Mühle und des umliegenden Vergnügungsviertels.   


Anmerkungen

[1] http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3085/1/Allroggen-Bedel_Winckelmann_Die_Villa_Albani_2007.pdf  S. 114

Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Ich danke Inès Duhesme, die mich auf einem Spaziergang durch das Viertel begleitete, für ihre Anregungen. Detlev Harms danke ich für die Erstellung der Karte.

[2] Jean Tiberi, La Nouvelle Athènes. Paris, capitale de l’esprit. Paris 1992

[3] Siehe dazu: https://www.hisour.com/de/neoclassicism-in-france-29435/

[4] Bild aus: https://www.montmartre-secret.com/2017/11/masemoiselle-duchesnois.une-tragedienne-rue-de-la-tour-des-dames.html

[5] Siehe: Colette Becker, Les Hauts Lieux du Romantisme en France. Paris 1991, S. 234f

[6] https://www.liberation.fr/libe-3-metro/1995/08/19/nouvelle-athenes-au-hasard-des-mysteres-entre-pigalle-et-trinite-hotels-particuliers-et-vieux-jardin_141134/

[7] https://www.youtube.com/watch?v=hR2FnLodERM

[8] https://www.pariszigzag.fr/insolite/histoire-insolite-paris/avenue-frochot-privee-hantee

[9]https://www.architecture-art-deco.fr/verriere-art-deco-2-rue-frochot-paris.html

[10] https://fr.wikipedia.org/wiki/Monument_%C3%A0_Gavarni#/media/Fichier:Gustave_Caillebotte_-_La_Place_Saint-Georges.jpg

[11] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paris_Place_Saint-Georges_2.jpg

[12] Zit. bei Caron, S. 28

[13] Bild aus: https://www.fondation-dosne-thiers.fr/informations-pratiques/

[14] Nachfolgendes Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fondation_Dosne-Thiers#/media/Fichier:H%C3%B4tel_Thiers_1846.jpg

[15] https://www.europexplo.com/visite-de-la-fondation-dosne-thiers/

[16] Bild aus: https://www.commune1871.org/la-commune-de-paris/histoire-de-la-commune/illustres-communards/711-courbet-dans-la-commune-2

[17] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[18] Es gibt in jedem Jahr eine Grafik-Ausstellung in der Fondation. Zu der letzten (2022): https://www.taylor.fr/expositions/2022/choro-bestiarum-la-taille-et-le-crayon

[19] Zit. bei Caron, La Nouvelle Athènes, S. 19

[20] https://www.histoires-de-paris.fr/massacre-rue-haxo/

[21] «Lorette est un mot décent pour exprimer l’état d’une fille d’un état difficile à nommer et que, par pudeur, l’Académie a négligé de définir, vu l’âge de ses quarante membres.» Zit. in: https://www.liberation.fr/libe-3-metro/1995/08/19/nouvelle-athenes-au-hasard-des-mysteres-entre-pigalle-et-trinite-hotels-particuliers-et-vieux-jardin_141134/

[22] Caron, S. 87/88

[23] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2022/12/15/beruhmt-vergessen-und-wiederentdeckt-die-tiermalerin-rosa-bonheur-im-musee-dorsay/ und https://paris-blog.org/2022/08/12/das-chateau-de-by-von-rosa-bonheur-ihre-arche-noah-im-wald-von-fontainebleau/

[24] Le Square d’Orléans http://www.neufhistoire.fr/articles.php?lng=fr&pg=310&prt=1 

[25] Portrait of Frédéric Chopin and George Sand – Wikipedia

[26] DHA (Düsseldorfer Heine-Ausgabe), Bd XIII, S. 125

[27] https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/la-rue-blanche-marquee-par-les-carrieres-de-platre-de-montmartre-7784171855

[28] https://www.montmartre-secret.com/2022/05/la-rue-blanche.paris-9.html

Jakob Ignaz Hittorff, der Pariser Stadtbaumeister aus Köln: Auch eine deutsch-französische Geschichte. Von Ulrich Schläger

Vorwort

Wie nur wenige vor und nach ihm hat Jakob Ignaz Hittorff das Pariser Stadtbild geprägt. Das weltberühmte Prunkstück der Pariser Ost-West-Achse von der Place de l’Étoile um den Triumphbogen über die Champs-Élysées, „die schönste Avenue der Welt“, bis zur Place de la Concorde mit dem Obelisken von Luxor ist mit dem Namen Hittorffs verbunden.  Dazu kommen zahlreiche andere Bauten, die das Pariser Stadtbild prägen,  wie die Kirche Saint- Vincent-de-Paul und der Gare du Nord, der Cirque d’hiver und das Rathaus des 5. Arrondissements – um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen. Hittorff steht damit in einer Reihe mit Henrich IV., Napoleon und -nach ihm- dem Baron Haussmann. Trotzdem ist er -gerade auch im Vergleich mit den genannten Gestaltern der Stadt- eher ein Unbekannter. In Paris erinnern nur eine kleine unbedeutende Straße an ihn und eine noch kleinere und triste, Cité genannte Gasse.

Umso verdienstvoller ist es, dass Ulrich Schläger, Lesern dieses Blogs schon bekannt durch seinen Beitrag über den Engel in der rue Tourbigo, sich der Persönlichkeit und des Werks von Hittorff, seines Kölner Landsmanns, angenommen hat.

In der nachfolgenden Würdigung erläutert Schläger die Bedeutung Hittorfs als Wissenschaftler, Architekt und Stadtplaner, er zeichnet seinen Werdegang nach und er beschäftigt sich mit den Gründen, warum Hittorff weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ich freue mich sehr über diesen Beitrag, zumal es dabei auch um eine auf diesem Blog besonders willkommene deutsch-französische Geschichte geht.

Weitere Beiträge Ulrich Schlägers über emblematische Pariser Bauten Hittorffs werden dann in lockerer Reihenfolge auf diesem Blog erscheinen.

Merci, Monsieur Schläger und allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bonne lecture!

Wolf Jöckel

Hommage für Jakob Ignaz Hittorff

Erinnert werden soll an Jakob Ignaz Hittorff, der am 20. August 1792 in Köln geboren wurde und hochdekoriert am 25. März 1867 in Paris verstarb, „ein Künstler von umfassendem Wissen und Wirken; ein zum Franzosen gewordener Deutscher, der mit gleicher Liebe an dem alten wie dem neuen Vaterland hing“ [1].  Und auch seiner Heimatstadt Köln, die einen Teil seines reichen Erbes bewahrt, blieb Hittorff verbunden.

Abb. 1: Félix-Joseph Barrias:  Jacob Ignace Hittorff  (1869)

Dieses posthume Portrait veranschaulicht Hittorffs außerordentliche Erfolgsgeschichte. Es zeigt ihn in seinem Arbeitszimmer, seine Rechte gestützt auf den Schreibtisch mit den Insignien seines Berufs: Zirkel, Dreieck, Bleistift, Feder und Tintenfass. Die bronzene Statuette der Minerva, Göttin der Künste und Wissenschaften, Bücher und Bilder im Hintergrund illustrieren sein Selbstverständnis als Künstler und Wissenschaftler. Gekleidet ist er im grün bestickten Rock der Académie des beaux-arts, hoch dekoriert mit den Auszeichnungen illustrer Akademien und Fürstenhäuser, darunter die Orden eines Chevalier und Commandeur der Légion d‘honneur, die Goldmedaille des Royal Institute of British Architects und den preußischen Orden „Pour le Mérite“ für Kunst und Wissenschaft.

Als Architekt und Stadtplaner sind in Paris nicht nur so geschichtsträchtige und bedeutende Plätze der Stadt wie die place de la Concorde und die place de l’Étoile/ place Charles-de-Gaulle, sondern auch die Avenue des Champs-Élysées mit seinem Namen verknüpft. Seine Bauten in Paris umfassen ein breites architektonisches Spektrum: Es reicht von Vergnügungs- und Theaterbauten (Restaurants, Rotonde du Panorama, Cirque d’Éte, Cirque Napoléon, heute Cirque d’Hiver,  Théâtre de l’Ambigu sowie Théâtre Marigny), Rathäusern (im 1. und 5. Arrondissement), sozialen Einrichtungen (wie das Waisenhaus Maison Eugène Napoléon, die heutige Fondation Eugène Napoléon), der Kirche Saint-Vincent-de-Paul bis hin zu dem größten Pariser Bahnhof, dem Gare du Nord, nicht gerechnet die Entwürfe zu Brunnen, Gaslaternen, Kandelabern, sonstigem Stadtmobiliar, Privathäusern, Renovierungen und nicht ausgeführten Projekten wie u.a. ein Palais de l‘Industrie ganz aus Eisen und Glas an den Champs-Élysées oder ein Theater- und Museumsprojekt für seine Vaterstadt Köln.

Zugleich hat Hittorff als „Entdecker der Polychromie der antiken Architektur“[2]  die Altertumswissenschaft maßgeblich mitgeprägt. Er stellt damit „einen der letzten Prototypen des Architekten-Archäologen dar, der einst der Schlüssel zu den Fortschritten der europäischen archäologischen Wissenschaft war.“ [3] Das macht ihn zu einer emblematischen Figur, wie Beulé [[4]] in der bewegenden Grabrede, die er zu seinem Gedenken am 12. Dezember 1868 vor der Académie des Beaux-Arts hielt, nachdrücklich betonte:

„Es war dem 19. Jahrhundert vorbehalten, dem Studium des Altertums eine Durchdringung und einen Respekt zu verleihen, die alles wieder zum Leben erwecken. Die Ruinen Griechenlands und Italiens sind eine Schule für ganze Generationen; die geschicktesten Schüler sammeln in verlassenen oder vom Fieber bewachten Ländern die kleinsten Details der griechischen und römischen Denkmäler; sie ernähren sich von diesen gleichzeitig so schönen und so einfachen Werken, sie entdecken sie, sie restaurieren sie, sie messen sie, sie drehen den kleinsten Trümmerteil um, wie ein Kommentator die Sätze eines wertvollen Manuskripts umdreht. Mit einem Wort: Durch Genauigkeit, Feingefühl und Eklektizismus begnügen sich unsere Architekten nicht mehr damit, Wissenschaftler zu sein; sie sind zu Archäologen geworden. Der Mann, den wir heute ehren, meine Herren, war einer der Förderer dieses Triumphs der Archäologie.

Abb. 2: Farbige Restitution des Tempels des Empedokles in Selinunt (Sizilien) durch Hittorff aus seinem Werk über die Polychrome Architektur bei den Griechen. 1851

Hittorff war ein Gelehrter ebenso wie ein Künstler. Die Académie des Inscriptions et Belles Lettres hätte ebenso wie die Académie des Beaux-Arts das Recht gehabt, ihn in ihre Mitte zu berufen. Wenn er seine Kunst liebte, pflegte er die Wissenschaft mit Rausch und lebte inmitten des Altertums wie in einem Heiligtum. Er zählt zu den komplexen und interessanten Figuren unserer Zeit, aufgrund der Vielfalt seiner Fähigkeiten und der Aufrichtigkeit einer Leidenschaft, die sein ganzes Leben erfüllte. […] Deshalb, meine Herren, prägt Hittorff die französische Kunst des 19. Jahrhunderts; er hinterlässt seine Spuren als Künstler und vor allem als Gelehrter.“ [5]

Hittorff zählt zu den bedeutendsten Architekten im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er hat nachhaltig Architekten wie Henri Labrouste und Charles Garnier in Frankreich und Gottfried Semper in Deutschland beeinflusst und fungierte „als Fährmann, als Vermittler zwischen dem Neoklassizismus und dem Eklektizismus“. (Adeline Grand-Clément)

Das Panthéon Parisien, das Album der zeitgenössischen gefeierten Persönlichkeiten, ehrte ihn in den 1860-er Jahren mit einer Auflistung seiner Werke, einer Portraitfotografie und einer Kurzvita.

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Hittorff war noch vieles mehr als „nur“ Architekt und Archäologe: als Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne war er Festdekorateur der Bourbonen. Als Restaurator des Palais Beauharnais [6] (der damaligen preußischen Gesandtschaft und jetzigen Residenz des deutschen Botschafters in Paris) trug er entscheidend zum Erhalt der glanzvollen, von Percier und Fontaine geschaffenen Innendekoration im Empire-Stil bei. Er war freier Unternehmer, der in emaillierten Lavaplatten ein lukratives Marktprodukt erkannte.

Als begnadeter Kommunikator, heute würden wir Netzwerker sagen, bediente er sich des kompletten Programms der Öffentlichkeitarbeit: durch Vorträge, Beiträge in Zeitschriften und Architekturjournalen, durch vielfältige Stellungnahmen zur Baukunst seiner Zeit und nicht zuletzt mit seinem intensiven Briefwechsel. Er fungierte als Übersetzer und Herausgeber bedeutsamer Werke der Altertumsforschung wie dem Werk von James Stuart über die Antiken in Athen. Er benutzte das volle publizistische Instrumentarium auch bei den aufwändigen Publikationen seiner eigenen Studien in Sizilien.

Als Präsident der Société libre des Beaux-arts, einer Vereinigung von Künstlern und Kunstliebhabern, die sich der Förderung der Künste und der Künstler widmete, pflege er engen Kontakt zur Pariser Kunstszene. Als Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften reichte sein Einfluss weit über Frankreich hinaus.

Wir sehen hier eine komplexe, vielschichtige, Persönlichkeit, in der sich geradezu das 19. Jahrhundert mit all seinen Brüchen, Widersprüchlichkeiten, Irritationen, aber auch seiner Dynamik widerspiegelt. Einerseits schuf Hittorff als Subjekt durch seine Neugierde, seine schöpferische Kraft, sein Wissen  und seine Ideen ein beeindruckendes architektonisches Werk, andererseits war er aber als Objekt politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und Veränderungen unterworfen und wurde von ihnen bestimmt. Und in der Tat bestimmten und beeinflussten bedeutende politische und soziale Umwälzungen sein gesamtes Leben und Wirken.

Als der 18-Jährige Hittorff 1810 nach Paris kommt, herrscht noch Napoleon I. Es folgt die Restauration der Bourbonen-Herrschaft. Mit deren Sturz in der Juli-Revolution 1830 beginnt die sogenannte Juli-Monarchie des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe, die gleichfalls mit einer Revolution im Februar 1848 endet. Die nachfolgende 2. Republik hat aber keinen Bestand. Ihr „Prinz-Präsident“ Louis Napoleon reißt mit seinem Staatsstreich im Dezember 1851 die Macht an sich und etabliert sich 1852 als Kaiser Napoleon III.

Diese politische Instabilität spiegelt die Umstrukturierung der Gesellschaft wider: der Adel verliert an Einfluss gegenüber einer immer selbstbewussteren Bourgeoisie. Im Gefolge einer wachsenden Industrialisierung mit einem stärker werdenden Proletariat, das als Bedrohung der Herrschenden wahrgenommen wird, nehmen die sozialen Spannungen zu. Gleichzeitig stellen Bevölkerungszunahme, das Wachstum der Städte, die damit verbundenen hygienischen Probleme und die gesteiger te Mobilität Städte wie Paris vor neue Herausforderungen. Zugleich eröffnen Fortschritte der Technik neue Möglichkeiten des Bauens.

An Hittorff lässt sich verfolgen, wie er auf diese wechselnden Bedingungen reagiert, die auch seine wirtschaftliche Existenz bedrohen.  Charakteristisch ist für ihn, die gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit zu erkennen und zu nutzen. Dazu gehört auch seine Fähigkeit, die technischen Möglichkeiten und Innovationen seiner Zeit in seine Arbeit einzubeziehen.

Um seine Ziele zu erreichen weiß Hittorff um die Bedeutung der Reputation und die Wege dahin. Er weiß, dass sein Ruf nicht allein von seinen künstlerischen Fähigkeiten, einem Übermaß an Einsatz und Fleiß abhängt, sondern auch davon, welche Verbindungen er knüpft, um sich Einfluss zu verschaffen. Man kann dies Opportunismus nennen oder ein Höchstmaß an Flexibilität (Anpassung, Arrangieren). All dies wird, wie wir sehen werden, sein Wirken beeinflussen und über seinen Erfolg entscheiden.

Skizze seines Werdegangs

Jakob Ignaz Hittorf wird 1792 inmitten der Kölner Altstadt am Heumarkt geboren. Zwei Jahre später besetzen französische Revolutionstruppen die Stadt. Mit der Gründung des Département de la Roër (benannt nach dem Fluss Rur) wird Kölns Einverleibung in die Französische Republik vorbereitet. Es beginnt das, was die Kölner die „Franzosenzeit“ nennen. Seit 1801, mit dem Frieden von Lunéville, gehört Köln offiziell zu Frankreich. Hittorff wird erstmals französischer Staatsbürger. Unter der französischen Administration modernisieren sich Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssystem der Stadt. Köln löst sich aus den ständischen Verhältnissen und entwickelt sich zur größten deutschen Gewerbestadt.

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. v.l.) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund

Sein Vater Franz Alexander Hittorff, ein wirtschaftlich erfolgreicher Blechschläger (= Klempner, Spengler), der überdies mit Erwerb und Verpachtung von säkularisierten Kirchenimmobilien sowie durch ein Bestattungsmonopol wohlhabend geworden ist, bestimmt, wie in dieser Gesellschaftsschicht üblich, den Bildungsweg und die Berufswahl seines Sohnes. „Die Investition in den Architektenberuf seines einzigen Kindes folgt der Formel ‚Aufstieg durch Bildung‘ der Mittelschicht des frühen 19. Jahrhunderts und der Aufstiegsperspektive einer Handwerkerfamilie. Die Berufswahl, obwohl von Jakob Ignaz nicht selbst getroffen, wird akzeptiert und ganz im Sinne der familiären und sicherlich auch der eigenen Ambitionen realisiert. Hittorffs Lebenslauf ist eine Mustergeschichte der Subjektivation“, also der Erlangung von Autonomie durch die Unterwerfung unter soziale Machtstrukturen. [7]

Dieses Verhaltensmuster wird seine Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kennzeichnen: Hittorff kann sich mit veränderten Arbeitsbedingungen arrangieren, ohne die eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

In Köln besucht er die öffentliche Zentralschule. Er hört dort Vorlesungen seines Lehrers und Förderers Ferdinand Franz Wallraf, Professor der Schönen Künste, er bekommt Unterricht von dem Architekten Christian Löwenstein und dem Maler Caspar Arnold Grein, ergänzt vom Besuch der Ateliers und Werkstätten von Michael Leidel, des Baurats Schaufs und des Steinmetzen Franz Leister.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792

Er erwirbt damit „von der Pike auf“ zielgerichtet Grundkenntnisse (Mathematik, Geometrie, Zeichnen, Materialkunde, handwerkliche Fertigkeiten) für seinen späteren Beruf.  Noch in seiner Schulzeit entwirft er im Alter von 16 Jahren (!) in der Kölner Schildergasse ein (im Zweiten Weltkrieg zerstörtes) Bürgerhaus, das „frühe Kenntnisse in Sachen klassische Entwurfsprinzipien und Formensprache“ [8] zeigt.

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808

Hittorff kommt, gefördert von Ferdinand Wallraf, zusammen mit seinem Freund Franz Christian Gau 1810 nach Paris. Anders als Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner und Gottfried Semper geht es ihnen aber nicht um die Komplettierung ihrer Fachkenntnisse. Vielmehr wollen sie in Paris Architekten werden und wirken. Paris ist hierzu die erste Adresse. Die Stadt ist das europäische  Macht- und Kulturzentrum. Sie war nach dem Willen Napoleons zu einem „Zweiten Rom“ geworden. Hier können, auch als Folge der napoleonischen Raubzüge, die bedeutendsten Kunstwerke studiert werden; hier gilt die École des beaux-arts als Schmiede der Architekturelite.

Dank der Einstellung im Baubüro von François-Joseph Bélanger  (1745-1818) kann sich Hittorff rasch im Pariser Architektenmilieu etablieren. Bélanger ist Regierungsarchitekt (architecte du gouvernement), sein Atelier zählt „zu den ersten Adressen im napoleonischen Paris.“ [9]  Beim Bau der riesigen Kuppel der Kornhalle, der Halle au Blé, sammelt Hittorff erste Erfahrungen bei der Konstruktion mit Gusseisen und Glas: Es ist die erste Kuppel dieser Art in der Geschichte der Architektur. [10]

Abb. 7: François-Joseph Bélanger, Detail des Grabmals auf dem Friedhof Père Lachaise, division 11                

Mit dem Sturz Napoleon verliert Bélanger zwar sein Amt, avanciert unter den Bourbonen aber rasch zum Architekten der Menus Plaisiers du Roi, zum höfischen Festdekorateur, ein Posten, den er schon im Ancien Régime innehatte.  Hittorff kann von Bélanger lernen, dass „auch privatpolitische Klugheit und Flexibilität“ [11] zu einem erfolgreichen Architekten gehören.

Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft in Paris, also 1811, werden Hittorff und Gau als Schüler der École des beaux-arts immatrikuliert. Von den sechsunddreißig Schülern, die damals den schwierigen »concours« (Wettbewerb) um den Eintritt in die berühmte Ausbildungsstätte bestanden, und auf den sich beide ein Jahr vorbereitet hatten, erlangt Hittorff den fünfzehnten und Gau den siebzehnten Platz. Diese gute Einstufung war insofern belangvoll, als die meisten Teilnehmer des Ausleseverfahrens aus Paris stammten und über ganz andere Ausbildungsmöglichkeiten verfügten als die beiden gebürtigen Kölner.

Charles Percier, Professor an der Académie des beaux-arts, neben Pierre-François-Léonard Fontaine führender Vertreter des Klassizismus und Architekt Napoleons, wird sein zweiter Lehrer. „Beim Ersteren [Bélanger] hatte Hittorff die Baustellenluft kennengelernt beziehungsweise den Architektenberuf als einer Erwerbsbiographie, bei Letzterem [noch Prominenterem] erhielt er die Weihen der höheren Baukunst.“ [11]

Abb. 8: Robert Lefèvre, Portrait von Charles Percier, 1807

Im frühen 19. Jahrhundert wird an der École des beaux-arts Architektur nicht als Praxis, das ist die Sache der Baubüros, sondern als Bau-Kunst nach den Gesetzen der klassischen Ästhetik gelehrt. Dieses duale System bestimmt in Frankreich die Laufbahn des Architekten, wo Bau-Praxis und Bau-Kunst einander ergänzen.

Um 1820 hat Hittorff fast den Status und das Ansehen Bélangers erreicht, er war ihm 1818 als Chef der Menus Plaisiers du Roi in Zusammenarbeit mit Jean François Joseph Lecointe, gefolgt. Sulpiz Boisserée, berühmt als Kunstsammler, Kunsthistoriker und durch die Auffindung des Plans für die Westfassade des Kölner Doms, schildert Hittorff nicht ohne einen leisen Spott als  „arrivierten Hofarchitekten, zu dessen Ambiente längst die tonangebenden Kreise von Paris gehören“ (Pisani, 41). Alexander von Humboldt, bekannt für seine spitze Zunge, bezeichnet den jungen Architekten „als eine Art Dandy“. Beide, Boisserée und Humboldt, werden aber erkennen, dass Hittorff seine Position durch Leistung und weniger durch Klientelismus oder „Weiberprotektion“ verdankt.

Was Hittorff noch fehlt, ist die akademische Anerkennung. Hittorff hatte 1815 nach dem Sturz von Napoleon Bonaparte durch Beschluss des Wiener Kongresses seine französische Staatsbürgerschaft verloren. Er kann zwar in Paris bleiben, aber für das Stipendium der französischen Akademie in Rom, den großen Prix de Rome, nicht kandidieren.

Hittorff findet einen Weg, der zugleich seine Arbeit als Architekt akademisch vertieft und ihm ein Renommée ähnlich dem eines Prix de Rome-Trägers verschafft: Er lässt sich immer wieder beurlauben, reist 1820 nach England, 1821 nach Deutschland, wo er Karl Friedrich Schinkel in Berlin trifft. 1822 begibt er sich frei von akademischen Verpflichtungen zusammen mit seinem jungen Mitarbeiter Ludwig Zanth (1796-1857)  über Norditalien nach Rom.  Zanth wird später württembergischer Hofarchitekt und geadelt. In Rom knüpft Hittorff rasch Kontakt zu den Künstlerkreisen um Berthel Thorvaldsen und zu der Académie de France in der Villa Medici. Rom ist nur eine Etappe. Für die Erforschung der griechischen Tempelanlagen auf Sizilien, das eigentliche Ziel der Reise, engagiert Hittorff  den in Rom lebenden jungen deutschen Maler und späteren Architekten Wilhelm Stier, der die Bauzeichnungen anfertigt. Paestum, besonders aber Pompeji und Herculaneum werden besucht und in über 200 Blättern gezeichnet. Von September 1822 bis Juni 1824 forscht die Gruppe in Sizilien. Hittorff wird das seine „nützliche Pilgerfahrt“ nennen. Es seien „die schönsten Tage seines Lebens“ gewesen. [12]

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff  in Italien von Moritz Daniel Oppenheim, 1824. Im Hintergrund die Ruinen von Agrigent.

Frucht dieser „Pilgerfahrt“ sind die z.T. in Zusammenarbeit mit Ludwig von Zanth publizierten Werke zur Architektur in Sizilien:

  • Antiquités de l‘Attique, L‘Architecture antique de la Sicile,
  • L‘Architecture moderne de la Sicile, De l’architecture polychrôme chez les Grecs, ou restitution complète du temple d’Empédocles dans l’acropolis de Sélinunte,
  • Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs.

Diese Werke bilden die Grundlage zu seiner Farbtheorie der griechischen Architektur. Durch sie wird er zum Vorreiter ihrer Farbigkeit (Polychromie) in einer Jahrzehnte-langen Auseinandersetzung. Sie sind das Eintritts-Billett zur akademischen Architektenelite.

 Abb. 10: Portrait Hittorffs von Carl Joseph Begas, 1821  

Nach seiner Italienreise heiratet er 1824 Rose Élisabeth Lepère. Darüber zerbricht die Freundschaft zu seinem Weggefährten Franz Christian Gau, mit dem zusammen er um die Tochter von Jean-Baptiste Lepère geworben hatten.

Abb. 11: Madame Hittorff als Göttin Juno. Von Jean-Auguste-Dominique Ingres, einem Freund Hittorffs

Auch wenn man beiden mit der Werbung keine Karriereabsichten unterstellen will, so bedeutete doch Hittorffs Heirat die Aufnahme in einen einflussreichen Personenkreis um diesen französischen Architekten, der als Künstler Napoleon Bonapartes Ägyptenkampagne begleitet und einen Großteil der Entwürfe zum wenig später entstandenen, berühmten Monumentalwerk der Description de l’Égypte beigesteuert hatte. Überdies hatte er die Metallarbeiten an der Siegessäule auf der Place Vendôme geleitet. Später wird Hittorff nach Lepères Tod den Bau der Église Saint-Vincent-de-Paul weiterführen.

1842 wird Hittorff per Beschluss von König Louis-Philippe wieder französischer Staatsbürger. Als Krönung seiner Laufbahn, die er als 18-Jähriger in Paris begonnen hatte, wird er am 22. Januar 1853 zum ordentlichen Mitglied der Académie des beaux-arts, Sektion Architektur, gewählt. Er ist damit „membre de l’Institut“ und gehört nun zur crème de la crème der französischen Wissenschaft.

Am Ende seines Lebens kann Hittorff auf ein vielfältiges, internationales  Werk zurückblicken, gegründet auf eine exzellente Fachausbildung im renommierten Baubüro von Bélanger und bei Percier an der École des beaux-arts (1811-1816), auf Fortbildungs- und Forschungsreisen, auf eine nie nachlassende Neugierde, einen  ungeheuren Fleiß und Organisationsvermögen und nicht zuletzt auf die Fähigkeit, Verbindungen zu  führenden gesellschaftlichen Kreisen, zu wissenschaftlichen, akademischen Institutionen und Gesellschaften zu knüpfen – Hittorff spricht neben deutsch und französisch auch italienisch und englisch – sowie auf die Pflege oft lebenslanger Bekanntschaften und Freundschaften zu Künstlern und Berufskollegen.

Ein zu Unrecht Vergessener

Dass heute Hittorff dennoch in der breiten Öffentlichkeit, nicht aber in Fachkreisen, in Vergessenheit geraten ist, hat mehrere Gründe.

Zum einen liegt es daran, dass „die Scheidung zwischen der Welt der Künstler und der Welt der Archäologen begann… Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde jede Welt autonom und die Hellenisten waren nicht mehr auf die Künstler angewiesen, um ihre Forschungen durchzuführen, da sie ihre eigenen Untersuchungsinstrumente und Arbeitsmethoden entwickelt hatten.“ [13] Darüber hinaus war der Polychromie-Streit am Ende des Jahrhunderts ausgefochten.

Zum anderen verringerte sich in Hittorffs Zeit der Einfluss der Architekten aus der Tradition der École des beaux-arts zugunsten der Technokraten der École polytechnique und der École centrale des arts et manufactures bei der Umgestaltung von Paris, maßgeblich forciert durch Georges-Eugène Haussmann, seit 1853 Präfekt des damaligen Départements de la Seine, das Paris einbezog.

Dabei beruhte der Wirkungsverlust von Hittorff keineswegs in seiner Prägung durch die École des beau-arts, der – so bei Walter Benjamin und Sigfried Giedion- eine Hemmung des Fortschritts und damit der Moderne unterstellt wurde. [14].  Hittorff – und das gilt auch für Victor Baltard und Henri Labrouste, beide auch Eleven der École des beaux-arts – war autonom genug und verstand sehr wohl, neuartige Techniken (Einsatz von Fertigbauteilen, innovative Tragkonstruktionen) und Materialien (Glas und Eisen) für eine Architektur zu verwenden, in der moderne Technik und die Formensprache der Hochkunst verbunden waren. Beispiele dafür sind der Pariser Nordbahnhof, Gare du Nord, und die Bibliothèque Sainte-Geneviève. Von einem Kampfplatz zwischen „Konstrukteur und Dekorateur“ [15] kann da keine Rede sein.

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (1860, Musée Carnavalet)

Der wesentliche Grund, warum Hittorff in Vergessenheit geriet, lag in der Dominanz von Effektivität und Funktionalität, die unter Haussmann die städtische Planung und die Transformation von Paris bestimmten und mit den Boulevards, Markthallen, Bahnhöfen, Grands Hotels, Warenhäusern und Parks, den groß dimensionierten Verkehrsschneisen, dem unterirdischen leistungsfähigen Abwasser-, Trinkwasser- und Verkehrssystem (Métro) auf den Trümmern des vieux Paris die „Hauptstadt de 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin) erschufen.  Der „ehemals fraktale Stadtraum [ging] in einen logistischen Gesamtorganismus“ [über], „in dem Menschen, Transportmittel, Waren und Kapital zu zirkulieren begannen[16].

Für Haussmann war die Stadt nicht mehr die Summe einer repräsentativen Architektur, eine „Stadt als Werk der Kunst“[17]. Im Mittelpunkt standen nicht mehr wie bei Hittorff Ästhetik, Streben nach Schönheit und mit Bedeutung aufgeladene Objekte, seien es Plätze, Bauten, Säulen, Obelisken und anderes, sondern strukturierter Raum, der der Nutzung zu dienen hatte, wie die Place de l’Ètoile mit ihren 12 Achsen als riesiger Verteiler und Zirkulationsraum.

Zuvor hatten in der Lebensspanne von Hittorff in Paris andere Kriterien für die Gestaltung der Stadt gegolten:

Unter Napoleon Buonaparte sollte Paris als kulturelles und machtpolitisches Zentrum mit seinen Kunstsammlungen und seinem an der römischen Antike orientierten Klassizismus als neues, glanzvolleres Rom, als Zentrum eines neuen Imperiums alle Hauptstädte Europas überstrahlen und seine Macht und den Ruhm seiner Armee demonstrieren. Diese Botschaft war nicht nur nach außen gerichtet, sondern auch an die eigenen Untertanen. Im Stolz, im Bewusstsein einer so machtvollen Nation anzugehören, sollte die durch die Wirren der Revolution zerbrochene Einheit der Nation wieder beschworen werden.

Die Bourbonen verfolgten mit ihren Aufträgen an die Architekten andere Ziele. Mit ihren Kirchen-Bauten und -Renovierungen wollten sie den Ikonoklasmus an der Sakralarchitektur während der Französischen Revolution auslöschen. Insbesondere Karl X. wollte die Allianz zwischen Thron und Altar wiederherstellen, an das ancien regime anknüpfen und die Erinnerung an das ermordete Königspaar wachhalten. Diesen Zielen dienten die aufwändigen höfischen Inszenierungen einschließlich ihrer ephemeren Architekturen, die Sühnekapelle (chapelle expiatoire) auf dem ehemaligen Friedhof Madeleine (Cimetière de la Madeleine) und die Umwidmung der Place Louis XV in Place Louis XVI. Die Umgestaltung des Platzes mit der Statue Ludwig XVI. wurde nicht mehr realisiert.  

Die Julimonarchie unter Louis-Philippe schließlich, gekennzeichnet durch Bereicherung der produzierenden und finanziellen Bourgeoisie und extremer Armut der Arbeiterklasse, evozierte wiederholte Unruhen der unteren Schichten. In der Beschwörung einer kollektiven Einheit (Stichwort: Place de la Concorde) sollte die gespaltene Gesellschaft durch ikonologische Bilder zusammengeführt und der Terror der Revolution verdeckt werden. Mit der Restaurierung einiger Wahrzeichen von Paris (Notre-Dame, Église Saint-Germain-des-Prés u.a.m.) sollten kollektive Erinnerungsorte neu belebt und ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen werden. Mit Gebäuden in verschiedenen historischen Stilen wollte man der Stadt neuen Glanz verleihen, mit Zonen für Freizeit, Unterhaltung und Spiel die Bürger ruhigstellen. Eine Sanierung der Arbeiterviertel unterblieb bei all diesen Aktivitäten.

Jacques Ignace Hittorff beherrschte als Absolvent der École des beau arts, als ehemaliger Architecte des fêtes et cérémonies de la Couronne der Bourbonen und als Künstler in hohem Maße die Fähigkeit, den architektonischen und städtebaulichen Projekten Glanz und Bedeutung zu verleihen. Hittorff dachte in emblematischen Bildern und Räumen, aufgeladen mit Geschichte und kulturellen Traditionen. Diese Fähigkeit schätzten auch Louis Philippe und danach Napoleon III., der an das Erste Kaiserreich anknüpfen wollte. Doch die Zeiten hatten sich geändert.

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und das damit verbundene rasche Wachstum der Bevölkerung und des Verkehrs hatten in Paris, wie in anderen europäischen Großstädten, zu überfüllten städtischen Zentren, schlechten Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen geführt. Die teilweise noch mittelalterlichen Infrastrukturen mit Mangel an Licht, frischer Luft, sauberem Trinkwasser und leistungsfähigem Abwassersystem waren Brutstätten für die massive Ausbreitung von Krankheiten und haben zu den katastrophalen Epidemien des 19. Jahrhunderts geführt. Gleichzeitig stellte das wachsende Proletariat, das in diesen überfüllten, ungelüfteten und ungesunden Wohnungen leben musste, einen potentiellen revolutionären Sprengsatz dar. Eine umfassende Umwandlung und Sanierung von Paris waren unumgänglich, weil die Stadt als Gemeinwesen nicht mehr richtig funktionierte.

Diese Transformation wurde flächendeckend rigoros, ja oft brutal, aggressiv und diktatorisch von Haussmann vorangetrieben, der die bis dahin dominierende Beaux-Arts-Elite, zu der Hittorff gehörte, in der städtischen Bauverwaltung ablöste, weil er der Auffassung war, dass diese die Modernisierung von Paris nach ihren Beaux-Arts-Normen und wegen ihres Elitebewusstseins nicht bewältigen und mittragen könnten. Das Heer von Architekten wurde zugunsten von Ingenieuren der École des ponts et chaussées und der École polytechnique reduziert, „denn die Ingenieure seien Beamte, die einer straff organisierten Hierarchie angehören und sich ausschließlich dem öffentlichen Dienst widmen…Deren Hierarchieergebenheit befördere die Disziplin und den reibungslosen Ablauf behördlicher Vorgänge.“ [18] Es ging um die Etablierung  technokratischer Regime, „in denen sich Verwalten und Verhalten und nicht zuletzt Gestalten den Kategorien der Rationaliät unterstellen.“ [19]

Die Architekten Victor Baltard und Hittorff behielten zwar ihre Stellen im Service d’architecture. Haussmann wird später in seinen Memoiren behaupten, beiden gleichsam ‚Vernunft‘ eingebläut zu haben. Der Konflikt zwischen Haussmann und Hittorff wird hier überdeutlich und führte zu der zunehmenden Ausgrenzung Hittorffs bei der Gestaltung von Paris. Diese Ausgrenzung hatte ihren primären Grund nicht in Haussmanns technokratischem Regime, wie Pisani meint, sondern sicherlich gleichwertig in einer sehr persönlichen von Neid, Eifersucht und Vorurteilen geprägten Aversion gegenüber Hittorff, wie Haussmanns Memoiren und andere Quellen zeigen.

Hittorffs Wirken in Paris wird im Gedächtnis verschattet und verdrängt von der übermächtigen Gestalt Haussmanns. Und die Stadt Paris hat leider dieser Missachtung Hittorffs Vorschub geleistet.

Während einer der großen Boulevards nach Haussmann benannt wurde, fand sich für Hittorff nur eine kleine, unbedeutende Straße im 10. Arrondissement, die als Sackgasse in der tristen Cité Hittorff endet. [20]

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff, Paris 10. Arrodissement

Ein weiteres Beispiel für die Verdrängung Hittorffs aus dem Gedächtnis der Stadt ist die Informationstafel vor dem repräsentativen Rathaus des 5. Arrondissements am Pantheon-Platz.

Auf dieser Tafel wird der Innenarchitekt genannt, nicht aber die Architekten Jean-Baptiste Guénepin, der den Bau begonnen, und vor allem Hittorff, der dem Rathaus seine charakteristische neo-klassizistische Fassade gegeben hat. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Paris nicht sehr respektvoll mit Hittorff umgeht. In Köln gibt es ein Sprichwort: Me moss och jönne könne (Man muss auch gönnen können). Haussmann konnte das nicht und manche Verantwortliche in Paris auch nicht.

Bestattet wurde Hittorff auf dem Pariser Friedhof Montmartre. Dort befindet sich auch das Grab eines weiteren in Köln geborenen und dann in Frankreich eingebürgerten Deutschen, der ebenfalls Bedeutendes für Paris geleistet hat: gemeint ist der Violoncellist und Komponist Jacques Offenbach.

Abb. 15 Grabmal Hittorffs auf dem Cimetière de Montmartre, 4. Division, Avenue de Montebello.  Hittorff ist dort zusammen mit seinem Schwiegervater Jean-Baptiste Lepère bestattet.

Die neben dem Grabmal Hittorffs liegende prächtige neogotische -und natürlich polychrome- Kapelle der Gräfin Potocka ist übrigens auch sein Werk…

Abb. 16: Grabmal der in St. Petersburg geborenen und in 1845 in Paris verstorbenen comtesse Marie Potocka, princesse Soltikoff

In den nachfolgenden Beiträgen soll Hittorffs Wirken in Paris am Beispiel einiger Plätze und Bauwerke veranschaulicht werden. Ausgewählt werden Werke, in denen sich die künstlerischen Vorstellungen Hittorffs am eindrucksvollsten niederschlagen und für deren Bau er neue Techniken und Materialen zu nutzen verstand; weiterhin soll auch berücksichtigt werden, inwieweit sich an den ausgewählten Bauten die Anpassung an die wechselnden Herrschaftsverhältnisse aufzeigen lässt und wo sich die Konflikte mit Haussmann am deutlichsten manifestierten:

– Place de la Concorde

– Place de l’Étoile  (place Charles-de-Gaulle)

– Gare du Nord (Nordbahnhof)

– Sommer- und Winterzirkus (cirque d’étè und cirque d’hiver)

Ulrich Schläger, Köln im September 2023

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Jacob Ignace Hittorff, 1869 (?), von FélixJoseph Barrias ; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Abb. 2: Élévation principale du temple, in: Restitution du temple d’Empédocle à Sélinonte, ou L’architecture polychrome chez les Grecs. 1851. Quelle: Heidelberger historische Bestände – digital https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hittorff1851bd2/0007/image,info,thumbs

s.a.https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reconstruction_of_the_Temple_of_Empedocles,_Selinunte,_Sicily,_by_Jacques_Ignace_Hittorff,_1830_(published_in_1851).webp

Abb. 3: Albumblatt aus Étienne Carjat: Album des Célebrités comtemporaines. Paris 1861-1864

Abb. 4: Hittorffs Geburtshaus (2. von links) am Heumarkt mit der Kirche Klein-Sankt Martin im Hintergrund. Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

Abb. 5: Anton de Peters, Porträt Ferdinand Franz Wallraf, 1792; Quelle Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln

Abb. 6: Jakob Ignaz Hittorff – Haus Schildergasse 84 in Köln, 1808; Quelle: Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Siehe auch: https://www.wikiwand.com/de/Schildergasse#Media/Datei:K%C3%B6ln_-_Schildergasse_links_Antonsgasse_mit_Apotheke_zum_goldenen_Kopf,_rechts_Nr._84_altes_Polizeipr%C3%A4sidium,_erbaut_1808,_RBA.jpg

Abb. 7: Henri-Victor Roguier: François-Joseph Bélanger portrait de profil en relief enchâssé dans une couronne de lauriers,  marbre, cimetière du Père Lachaise. https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois-Joseph_B%C3%A9langer

Abb. 8: Charles Percier von Robert Lefèvre;   Château de Versailles. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charles_Percier_par_Robert_Lef%C3%A8vre_-_Ch%C3%A2teau_de_Versailles.jpg

Abb. 9: Jacob Ignaz Hittorff in Italien, Moritz Daniel Oppenheim, 1824, zugeschrieben; Quelle: Kölner Stadtmuseum. Siehe dazu: Michael Keine, Jacques-Ignace Hittorff: The Discovery of Polychromy in the Ancient Architecture of Sicily and the Consequences for Contemporary Art and Archaeology in France 

https://www.nga.gov/research/casva/research-projects/research-reports-archive/kiene-2013-2014.html

Abb. 10:  Jakob Ignaz Hittorff, von Carl Begas, 1821; Quelle: Sammlung Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud   https://www.stylepark.com/de/news/stadtplanung-oeffentlicher-raum-best-practice-jakob-ignaz-hittorff-place-de-la-concorde-paris-ausstellung-    

Abb. 11: Portrait von Madame Jacques Ignace Hittorf als Göttin Juno, von Jean-Auguste-Dominique Ingres. 1864 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Portrait_of_Madame_Jacques_Ignace_Hittorf_as_Juno,_by_Jean-Auguste-Dominique_Ingres,_1864,_oil_on_canvas_-_Krannert_Art_Museum,_UIUC_-_DSC06234.jpg

Abb. 12: Portrait de Baron Haussmann, par Henri Lehmann (circa 1860, Musée Carnavalet) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henri_Lehmann_-_Portrait_du_baron_Haussmann_%281809-1891%29,_pr%C3%A9fet_de_la_Seine_%281853-1870%29_-_P2213_-_Mus%C3%A9e_Carnavalet.jpg

Abb. 13. & 14: Straßenschild rue Hittorff und cité Hittorff Paris 10. Arrodissement Fotos: Wolf Jöckel (September 2023)

Abb. 15: Stele des Grabmals von Hittorff auf dem Friedhof Montmartre. http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2015/04/05/la-chapelle-sepulcrale-de-la-comtesse-potocka-1845/

Abb. 16: Das von Hittorff entworfene Grabmal der Gräfin Potocka auf dem Friedhof Montmartre http://voyageursaparistome18.unblog.fr/2020/11/28/les-chapelles-neogothiques-du-cimetiere-de-montmartre-1842-1910/

Literatur

  • Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Auch zugänglich unter: https://perspectivia.net//publikationen/phs/hammer_hittorff
  • Uwe Westfehling: J. I. Hittorffs Pläne für ein Denkmalforum in Paris. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Vol. 36 (1974), pp. 273-294 (22 pages); https://www.jstor.org/stable/24657147
  • Jakob Ignaz Hittorff. Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts.
  • Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graph. Sammlung, 21. Januar – 22. März 1987. In Zusammenarbeit d. Musée Carnavalet Paris u.d. Wallraf-Richartz-Museums Köln. Red. der ins Dt. übertr. Fassung: Uwe Westfehling u. Antje Zimmermann
  • M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994
  • Bruno Klein: Napoleons Triumphbogen in Paris und der Wandel der offiziellen Kunstanschauungen im Premier Empire, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 59. Bd., H. 2 (1996), pp. 244-269
  • Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In:  Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 6, 2007, 6, S.135-156. https://journals.openedition.org/anabases/3459
  • Pierre Pinon, Jacques Ignace Hittorff. Institut nationale d’histoire de l’art 2009. Mit einem Verzeichnis der Publikationen Hittorffs und einem Literaturverzeichnis (die deutschen Titel sind allerdings zum Teil fehlerhaft wiedergegeben). https://www.inha.fr/fr/ressources/publications/publications-numeriques/dictionnaire-critique-des-historiens-de-l-art/hittorff-jacques-ignace.html
  • Paris erwacht! Hittorffs Erfindung der Place de la Concorde. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln (07.04. – 09.07.2017)
  • Christiane Hoffrath und Michael Keine, 1792 – 1867, Hommage für Hittorff. Bilder, Bücher und Würdigungen. Inventar der Zeichnungen von Jacob Ignaz Hittorff in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Band 6. Köln 2020 https://fliphtml5.com/igjcc/gajt/basic
  • Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gruyter Oldenburg 2022


Anmerkungen

[1] Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historisches Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.

[2] NDB 9, 1972  https://www.deutsche-biographie.de/sfz32651.html#ndbcontent

Siehe dazu auch: Adeline Grand-Clément, Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. In: Varia, Traditions du patrimoine antique 6/2007  https://doi.org/10.4000/anabases.3459

[3] Adeline Grand-Clément: Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce  (Anabases 6 ,2007, p. 135-156; hier p. 155)

[4]  Charles Ernest Beulé (1826-1874), Archäologe und Numismatiker. Mitglied derAcadémie des Inscriptions et Belles-Lettres und seit 1862 Secrétaire perpétuel der Académie des Beaux-Arts.

[5] zitiert nach: Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.  Übersetzung von U. Sch.)

[6] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/04/22/das-palais-beauharnais-in-paris-ein-bedeutender-ort-der-deutsch-franzosischen-beziehungen-und-ein-juwel-des-empire-stils-teil-1-bau-und-geschichte/ und https://paris-blog.org/2023/05/01/deutschlands-schonstes-haus-steht-an-der-seine-das-palais-beauharnais-in-paris-teil-2/

[7]Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022,  S.26 und 24

[8] Salvatore Pisani, ebd., S.27.

[9]  Salvatore Pisani, ebd., S.30

[10]  Sophie Flouquet, Un Monument réinventé. In: Éditions Beaux Arts. Heft Bours de Commerce. 2021, S. 66

[11]  Salvatore Pisani, ebd., S.40

[11] Salvatore Pisani, ebd., S.36

[12]  Die Alben von Jakob Ignaz Hittorff. Band 5: Sicile ancienne. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln 2017https://www.academia.edu/31923660/2017_Sicile_Ancienne_Hittorff_and_the_Architecture_of_Classical_Sicily_Die_Alben_von_Jakob_Ignaz_Hittorff_vol_5_?email_work_card=view-paper Zitat auf der inneren Umschlagseite.

[13] Adeline Grand-Clément. Hittorff, un architecte à l’école de la Grèce. Anabases – Traditions et réceptions de l’Antiquité, 2007, 6, pp.135-156.

[14] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[15] siehe hierzu Salvatore Pisani ebd. S.16

[16] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[17] M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994

[18] Salvatore Pisani, ebd., S. 271.

[19] Salvatore Pisani, ebd., S. 272.

[20] Bei Wikipedia (abgerufen am 13.9.2023) sind noch alte Straßenschilder mit falschem Namen (Hittorf) und falschem Geburtsdatum (1793) abgebildet. https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_Hittorf#/media/Datei:Paris_10e_Cit%C3%A9_Hittorf_175.JPG

Auf der offiziellen Seite des Rathauses (https://mairie10.paris.fr/pages/contact-7603  abgerufen am 13.9.2023) wird ebenfalls noch die falsche Schreibweise des Namens verwendet.

Weitere Beiträge zu Hittorffs Bauten in Paris:

Der Bahnhof von Bobigny, seit 2023 Erinnerungsort der Deportation von Juden nach Auschwitz

Am 18. Juli 2023 wurde der ehemalige Bahnhof von Bobigny als Mahnmal für die Deportation von Juden aus Frankreich offiziell eingeweiht.

80 Jahre vorher hatte der erste Konvoi den Bahnhof Bobigny in Richtung Auschwitz verlassen.

Knapp die Hälfte der Deportierten dieses Konvois wurde nach der Ankunft im Lager sofort in den Gaskammern ermordet, nur von 73 Deportierten weiß man, dass sie die Hölle von Auschwitz überlebten. Zusammengestellt wurden die für die jeweiligen Konvois bestimmten Juden im Durchgangslager von Drancy (ein Blog-Beitrag dazu ist geplant) , das über keinen eigenen Bahnanschluss verfügte. Die Juden wurden also zunächst in Bussen des Pariser Verkehrsbetriebs zum Bahnhof Bourget-Drancy  gebracht; ab Juli 1943 diente der Bahnhof Bobigny als Ausgangspunkt für die Transporte.

Der Bahnhof bestand aus zwei Teilen, einem Abfertigungsgebäude für Fahrgäste und einem Güterbahnhof. Der Fahrgastbetrieb war aber schon vor Beginn des 2. Weltkriegs eingestellt worden. Im Bahnhofsgebäude waren einige für die Deportationen abgestellte Bahnbedienstete mit ihren Familien untergebracht, im Erdgeschoss war Raum für die deutschen Soldaten, die die „Verladung“ der aus Drancy Ankommenden in die Wagen organisierten und überwachten.  Es gab also keine unerwünschten Beobachter.

Dies ist der Fahrgastbahnhof aus den 1920-er Jahren, aufgenommen von der Avenue Henri Barbusse. Rechts verlaufen die Gleise der Grande Ceinture. Der Güterbahnhof befand sich auf der anderen Seite des Gebäudes und hatte einen eigenen Gleisanschluss.  Foto Wolf Jöckel, Januar 2011

Nach dem Krieg diente der Güterbahnhof als Industriestandort und Lager für Eisenschrott. Die besondere Vergangenheit des Bahngeländes war nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.

Bild aus einer Fotoausstellung von Sylla Grinberg „Von Bobigny nach Auschwitz“, die 2011 auf dem Gelände des Bahnhofs gezeigt wurde.

Diese Zeit des Vergessens dauerte bis 1987. Damals teilte die SNCF der Stadt Bobigny mit, dass sie den Abriss des Fahrgastgebäudes beabsichtige. [1]  Bürgermeister war damals Georges Valbon,  gleichzeitig auch Präsident des conseil général des Departements Seine-Saint-Denis. Valbon war die historische Bedeutung des Bahnhofs bewusst, wobei man damals sogar fälschlicherweise davon ausging, dass vom Fahrgastgebäude aus die zur Deportation bestimmten Juden in die Züge verladen worden seien. Um das Ansinnen der SNCF abzuwenden, wandte sich Valbon an den damaligen Premierminister Jacques Chirac und schlug ihm die Einrichtung eines Museums der Deportation auf dem ehemaligen Bahngelände vor. Immerhin hatte Chirac eine besondere Sensibilität, was die Erinnerungspolitik an den Holocaust angeht.[2] 1988 erklärte sich dann die SNCF bereit, ihre Abriss-Absicht „zu überdenken“. Aber es dauerte noch bis 2005, bis endlich– vier Jahre nach dem Lager von Drancy-  die Anlage  unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das Gelände wurde von Eisenschrott und Überwachsung befreit, die Bohlen der Eisenbahnschienen freigelegt und einige Informationstafeln angebracht.[3]

Am 25. Januar 2011 übertrug die SNCF in einer öffentlichkeitswirksamen Feierstunde das ihr gehörende Gelände an die Stadt Bobigny, und es wurde vereinbart, die Anlage zu einem „Haut Lieu du Souvenir de la Déportation“ zu entwickeln.

Aufräumarbeiten nach der Feierstunde. Foto: Wolf Jöckel Januar 2011

Die SNCF übergab damals das Bahngelände an die Stadt und verpflichtete sich, die marode große Lagerhalle zu renovieren, an der die Deportationszüge abfuhren.

Immerhin ist der Bahnhof von Bobigny der einzige und bedeutendste noch existierende Ort in Frankreich, der an die Deportation von Juden erinnert. In 13 Monaten, vom Juli 1943 bis zum 17. August 1944- wenige Tage vor der Befreiung von Paris- wurden von hier aus 22 407 Männer, Frauen und Kinder in plombierten Viehwagen im Rahmen der sog. „Endlösung“ nach Osten, vor allem in das Todeslager von Auschwitz-Birkenau, transportiert.

Bis 2023 war das Gelände allerdings abgesperrt und meist unzugänglich. Ein Zutritt war nur im Rahmen von vereinbarten Führungen möglich. Der zögerliche Umgang mit der angemessenen Würdigung des Ortes hat vielfältige Gründe. Ganz generell hat die Bedeutung des Völkermords an den Juden erst spät im öffentlichen Bewusstsein einen gebührenden Platz erhalten. In Frankreich kam dazu, dass General de Gaulle nach dem Krieg von einem einzigen Frankreich sprach, das Widerstand gegen die deutschen Besatzer geleistet habe. Die französischen Polizisten, die Internierungslager bewachten und die den Nazis die von ihnen verhafteten Juden auslieferten, passten ebenso wenig in das Bild des im Widerstand geeinten Volkes wie die Deportationszüge, die aus Wagons der SNCF zusammengestellt waren.

Claude Tartas, der als kleiner Junge mit seinen Eltern in dem Fahrgastgebäude wohnte, berichtet:

„Vom Fenster unserer Wohnung sah ich die Busse, die die Juden die Rampe hinunter zur Lagerhalle fuhren (…) Am Tag vor der Abfahrt eines Konvois wurde Bahnpersonal von den Deutschen requiriert, um bestimmte Arbeiten zu verrichten: Die Wagen zu rangieren, die Öffnungen mit Stacheldraht zu verschließen, einen Wasserbehälter in die Mitte der Wagen zu stellen etc.“ (Broschüre, S. 6)

Und es war auch französisches Bahnpersonal, das die Konvois bis zur deutschen Grenze fuhr. Dass die französische Polizei Handlanger der nationalsozialistischen Judenverfolgung war, konnte aber nicht auf Dauer verdrängt werden: 1967 wurde das Buch von Claude Lévy und Paul Tillard über die große Pariser Judenrazzia La grande rafle du Vel d’Hiv“ veröffentlicht, in dem zum ersten Mal in großer Breite und Eindringlichkeit die Mitverantwortung der Regierung von Vichy und die Beteiligung der französischen Polizei dargestellt wurde. Der Zeichner Cabu von Charlie Hebdo hatte dazu eindringliche Zeichnungen beigesteuert. Und es gab einige Jahre später den spektakulären Fall des Maurice Papon: Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter über die Bahnhöfe Bourget-Drancy und Bobigny nach Auschwitz deportiert wurden. Papon machte nach dem Krieg mit ausdrücklicher Billigung de Gaulles weiter Karriere, wurde Pariser Polizeichef und sogar Minister, bis 1981 die satirische Wochenzeitschrift Le Canard enchaîné seine unheilvolle Vergangenheit aufdeckte.  

Bei der französischen Staatsbahn dauerte die Konfrontation mit der dunklen Seite ihrer Geschichte länger: Die cheminots, die Bahnbediensteten, hatten ja das von Kommunisten, Sozialisten und Gaullisten gemeinsam gepflegte Renommee, gewissermaßen die „Speersitze der Résistance“ gewesen zu sein.[4] Der Mythos eines kollektiven  Widerstands der cheminots entstand schon direkt nach dem Krieg, wobei der Film „La Bataille du Rail“ von 1946 eine wesentliche Rolle spielte. Initiiert wurde er, wesentlich geförderdert von der Direktion des Unternehmens, von der Widerstandsbewegung innerhalb der SNCF. Der Film erhielt auf dem ersten Festival von Cannes die Goldene Palme, der Regisseur  wurde ebenfalls preisgekrönt.[5]

Erst 2011 gestand Guillaume Pepy, der damalige Vorstandsvorsitzende der SNCF zu, dass sein Unternehmen, wenn auch gezwungenermaßen, ein Rad in der nationalsozialistischen Maschinerie der Vernichtung gewesen sei.[6] Nachgeholfen hat dabei wohl auch die Drohung, ohne ein solches Schuldeingeständnis von lukrativen amerikanischen Aufträgen für Schnellzugverbindungen von vornherein ausgeschlossen zu werden…[7]

Das neue Mahnmal

Das im Juli 2023 offiziell eingeweihte Mahnmal ist kein traditionelles geschlossenes Museum. Es umfasst das ehemalige Bahngelände, auf dem so weit wie möglich Spuren der Deportationszeit bewahrt sind und auf dem an mehreren Stationen anschaulich und eindrücklich Informationen vermittelt werden.

Eingangspavillon mit Infotafeln

Hier ein Luftbild des Lagers von Drancy, der cité de la Muette. Es handelte sich eigentlich um ein innovatives Projekt des sozialen Wohnungsbaus, das, kurz vor seiner Fertigstellung Ende der 1930-er Jahre, als Internierungslager genutzt wurde: Von der Französischen Republik für republikanische Spanienflüchtlinge und nach Kriegsbeginn für deutsche Staatsbürger, also vor allem Menschen, die wegen Verfolgung aus politischen oder rassistischen Gründen aus Nazi-Deutschland geflüchtet waren, nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht zunächst  für französische und britische Kriegsgefangene und schließlich als Zwischenstation und Sammellager für Juden, bevor sie im Zuge der „Endlösung“ in die Vernichtungslager transportiert wurden.

Diese Infotafel zeigt die Lage des Ínternierungslagers Drancy, das rot markiert ist, und der Bahnhöfe Bourget-Drancy (links oben auf dem Plan) und Bobigny (Mitte links). Beide Bahnhöfe lagen in der Nähe des Lagers und gehörten zur „Grande ceinture“, einer – im Gegensatz zur Petite Ceinture-  Paris in weitem Bogen umrundenden Eisenbahnlinie, so dass die Transporte – ohne Paris zu berühren- direkt nach Osten dirigiert werden konnten. Der Bahnhof Bobigny hatte dazu den Vorteil, dass er fast völlig von der Umwelt isoliert war. Deshalb wurde er von Alois Brunner, dem SS-Hauptsturmführer und Eichmann-Vertrauten, der im Juli 1943 das Kommando in Drancy übernahm, zum Ausgangspunkt der Transporte in die Vernichtungslager bestimmt.

Der Weg zum Güterbahnhof und zum Fahrgastgebäude

Die Rampe, die die Deportationsbusse zu den bereitgestellten Zügen hinunterfuhren, gibt es nicht mehr. Dafür wurde jetzt ein leicht zick-zack-förmiger Weg angelegt, der von mächtigen Holzpfählen gesäumt ist: Darauf kurze Sätze von Deportierten, auch Botschaften, die sie aus den Fenstern der Viehwagen geworfen haben.

Lastwagen warten darauf, uns zum Bahnhof von Bobigny zu fahren.

Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise

Heute Morgen bin ich nach Osten abgereist. Lebewohl! Auf Wiedersehen vielleicht

Wenn es los geht, sagten die Älteren, gehe es nach Pitchipol. (Pitchipol bedeutet etwas sehr weit Entferntes, Unbekanntes). Simone Lagrange, Konvoi 76 vom 30. Juni 1944.

An der Wand des Fahrgastgebäudes befinden sich zwei Erinnerungstafeln: Die obere erinnert an die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder von den Bahnhöfen Bobigny und Bourget. Sie stammt aus dem Jahr 1993. Initiator der Tafel war der damalige Bürgermeister von Bobigny Georges Valbon. In einer Zeit, in der die Zukunft des Bahngeländes noch völlig ungewiss war, hatte diese Plakette eine eminente politische Bedeutung.

Die kleinere untere Erinnerungstafel erinnert an den Konvoi 73, den einzigen Konvoi, der nur aus Männern bestand und nicht Auschwitz als Ziel hatte, sondern Kaunas in Litauen und Talinn in Estland, was lange nicht bekannt war. Familien und Freunde dieses Konvois gründeten schließlich einen Verein, um die Geschichte des Konvois zu erforschen und an Jüngere weiterzugeben. Dieser Verein stiftete die Plakette und organisierte vor dem Fahrgastgebäude Gedenktage.

Die Mauer

Vor dieser Mauer verliefen die -heute freigelegten- Gleise, auf denen die Deportationszüge bereitgestellt wurden.  Heute befindet sich davor eine Plattform, die den Maßen eines der für die Deportation benutzten Wagons entspricht. Dort können an Gedenktagen Blumen abgelegt werden.

Darüber ein Ausspruch, der Paul Eluard zugeschrieben wird:   

Si l’écho de leurs voix faiblit, nour périrons

Wenn das Echo ihrer Stimmen schwindet, werden wir zugrunde gehen

Davor liegen noch die alten Pflastersteine, über die die Deportierten gegangen sind, bevor sie in die Wagons einstiegen. (Die glatten Steine auf der rechten Seite bestehen aus durchgeschnittenen alten Pflastersteinen).

Aufschriften auf dem vor dem Lager Drancy aufgestellten Wagon: 8 Pferde oder 40 Menschen. Meistens wurden allerdings wesentlich mehr Deportierte in den Wagen zusammengepfercht.

Wenn man in Bobigny aus den Bussen von Drancy aussteigt, gibt es keine französischen Polizisten mehr. Ich höre Schreie, Befehle, Gebrüll. Wir werden gewaltsam zusammengedrängt. Dann werden wir zum Bahnsteig geschoben. Ich sehe den Güterzug und denke naiv, dass er abfährt und ein anderer Zug für uns eintrifft. Aber wir werden wieder zu den Wagons gedrängt: Schnell! Es ist das erste Wort, das ich auf Deutsch lerne. (…)

Die Wagons werden verriegelt.. Die Nacht bricht herein und ich habe keine Angst. Ich denke, dass wir auf den Feldern oder in der Fabrik arbeiten können. Mein kleiner Neffe ist 14 Jahre alt, aber er sieht aus wie ein junger Mann, er ist stark und weiß sich zu helfen. Was meinen Vater angeht, er kann mit einer Nähmaschine umgehen, ich versichere ihm: „Sie stecken dich in die Werkstatt!“ Wie hätte ich daran zweifeln können?“

Ginette Kolinka wurde mit ihrem Bruder, ihrem Vater und ihrem Neffen von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert.[8]

Fotos: Wolf Jöckel, November 2017

Dies ist ein Wagon, wie er für die Deportationen verwendet wurde. Er steht in Drancy zwischen dem früheren Lager und der Außenstelle des Mémorial de la Shoah. Es gab wohl auch Überlegungen, den Wagon in den neuen Erinnerungsort in Bobigny zu überführen, wohin er eigentlich besser passen würde, die allerdings nicht umgesetzt wurden.

Ein Wagon wird von einem Wehrmachtssoldaten verschlossen und verriegelt. Ein französischer Gendarm schaut zu. Eine Zeichnung von Cabu aus dem Jahr 1967 [9]

Ida Grinspan, deportiert am 10. Februar 1944 mit dem Konvoi 68:

Der kleine, altmodische Bahnhof Bobigny war unser letztes Bild einer zivilisierten Welt (…) Die Hölle beginnt mit der absoluten Enge des Wagens, dessen einziges Oberlicht ein dünnes, maschenförmiges Rechteck zum Winterhimmel öffnet. Man hat es schon oft gesagt: Nichts zum Ausstrecken auf dem Boden, kaum genug Platz, um auf ein paar Strohballen zu sitzen. In der Mitte des Wagens ein Eimer Wasser, der bald leer sein wird, und ein Eimer als Toilette, der schnell voll ist.[10]

Die Lagerhalle

Ein Güterbahnhof als Ausgangspunkt für die Judentransporte entsprach völlig der nationalsozialistischen Rassenideologie. Jetzt soll die Lagerhalle als Ort für Konferenzen, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und andere künstlerische Aktivitäten genutzt werden.

An der weißen Tafel auf der von hier aus sichtbaren Seitenwand sind Briefe und Botschaften von Deportierten wiedergegeben.

„Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise. Männer-Frauen-Kinder. Alles durcheinander, Als Wegzehrung zwei  Eimer Wasser und Brote. 40 Menschen in plombierten Viehwagen, die Fenster mit Stacheldraht versperrt.   Aus dem Zug geworfene Nachricht von Jacques Baltar – Konvoi Nr. 57 vom 18. Juli 1943

Die Stelen

Eine lange Reihe von Stelen aus Stahl erinnert an alle Konvois, die in Frankreich zusammengestellt wurden. Eingezeichnet sind die Nummer des jeweiligen Konvois, sein Datum, die Zahl der Deportierten, wobei die Kinder gesondert aufgeführt sind, Ausgangs- und Endpunkt des Konvois, meist auch der Anteil der bei der Ankunft des Konvois sofort Ermordeten und die Zahl der (wenigen) Überlebenden.[11]

Öfters gibt es auch noch zusätzliche Informationen:

Die Deportierten des Konvoi 10 vom 24. Juli 1942 waren ausschließlich ausländische Juden, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten und die bei der großen Judenrazzia des Wintervelodroms (Vel‘ d’Hiv) vom 16./17. Juli 1942 ergriffen worden waren. Zum ersten Mal bestand dieser Konvoi mehrheitlich aus Frauen. Nur 6 Überlebende des Konvois sind bekannt.

Im August 1942 wurden besonders viele Kinder der Razzia des Wintervelodroms deportiert und es wird damit an ein für Frankreich besonders schmerzliches Kapitel seiner Geschichte erinnert. Es war ja die französische Verwaltung, die diese Razzia vorbereitete, und es waren französische Gendarmen, die sie durchführten. Wurden zunächst die von der deutschen Besatzungsmacht angeforderten arbeitsfähigen Männer und Frauen deportiert, so jetzt auf ausdrücklichen Wunsch der Vichy-Regierung auch die Kinder.

Die ersten Stelen für die Konvois aus Le Bourget sind diagonal aufgestellt, die Stelen für die nachfolgenden 21 Konvois aus Bobigny direkt dem Betrachter zugewandt. Dazwischen ist eine „Lücke“ – einen Konvoi 56 gab es nicht.  

Der Konvoi 77 ist der letzte große Konvoi aus Bobigny.  Es ist ein besonders großer Konvoi, was bedeutet, dass die Deportierten noch weniger Platz in den Viehwagen hatten: Die im Bahnhof bereit gestellten Züge hatten immer die gleiche Anzahl Wagen.

 Bemerkenswert ist auch die große Anzahl von Kindern: Alois Brunner machte besonders Jagd auf sie. Am bekanntesten sind die Kinder von Izieu, die überwiegend mit dem Konvoi 71 nach Auschwitz deportiert wurden.

Bemerkenswert ist schließlich das Datum dieses Konvois: Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Genau am 31. Juli, als der Konvoi 77 Bobigny verließ, durchbrachen die alliierten Truppen bei Avranches die deutsche Verteidigungsfront. Der Weg nach Süden und Osten war damit frei. Aber auch in den Wochen der erbitterten Kämpfe in der Normandie wurden die Konvois mit großer Intensität fortgesetzt; anders als 1942/1943: Damals gab es eine Unterbrechung – die einzige in der frenetischen Abfolge der Konvois, und zwar zwischen den Konvois 45 (11.11.1942) und 46 (9.2.1943). Grund war die Besetzung des Vichy-Territoriums durch die damit beschäftigten deutschen Truppen im November 1942. Im Sommer 1944, als der „Endsieg“ in weite Ferne gerückt war,  hatte die Exekution der „Endlösung“  Priorität…

Sammelpunkt für die zur Deportation bestimmten Juden war das Lager Drancy. Es gab noch andere Sammellager wie Pithiviers oder Beaune-La-Rolande, aber der Weg zur Deportation führte über Drancy. Und von dort aus nach Bourget oder Bobigny, wo die Züge nach Auschwitz abfuhren.[12]

Erinnerungsplakette im Gare de l’Est in Paris. Foto: Wolf Jöckel

Von 1942 bis 1944 wurden 70 000 Juden aus Frankreich, davon 11 000 Kinder, aus den Bahnhöfen Drancy, Bobigny, Compiègne, Pithiviers und Beaune-la-Rolande in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Nur 2500 von ihnen überlebten. Vergessen wir das niemals! Die Söhne und Töchter der aus Frankreich deportierten Juden.

Der Weg von Bobigny nach Auschwitz

Abfahrt Paris Bobigny

Nach 6 Stunden 30 Minuten: Bar-le-Duc

Nach 10 Stunden Metz

Nach 13.30 Stunden Saarbrücken

Nach 19 Stunden 40 Minuten Frankfurt

Nach 30 Stunden 35 Minuten Engelsdorf bei Leipzig

Nach 33 Stunden 50 Minuten Dresden

Nach 37 Stunden 50 Minuten Görlitz

Nach 51 Stunden 35 Minuten Kattowitz

Nach 53 Stunden

Ankunft Auschwitz-Birkenau

Dies ist die Stele für den allerletzten Konvoi aus Bobigny. Er verließ Bobigny am 17. August, eine Woche vor der Befreiung von Paris. Zu diesem Konvoi gehörten der Kommandant von Drancy Alois Brunner und weiteres deutsches Militärpersonal – sicherlich nicht in Viehwagons untergebracht. Die Deportierten des Konvois sollten im Bedarfsfall als Geiseln verwendet werden.

Brunner gelang die Flucht, er tauchte zunächst in Ägypten, dann in Syrien unter, wo er unter dem Präsidenten Hafez-el-Assad, dem Vater des heutigen syrischen Machthabers, als Berater beim Aufbau eines Repressionsapparates fungierte. Beate und Serge Klarsfeld machten sich auf seine Suche, konnten aber nicht erreichen, dass Brunner  -wie Eichmann- zur Rechenschaft gezogen wurde.[13] Brunner starb 2001 in einem syrischen Versteck, bis zum Schluss fest davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Der Point X

Der Point Z markiert die Einmündung der Gleise des Güterbahnhofs in die Grande Ceinture und -über den Knotenpunkt Noisy le Sec- in die Vernichtungslager führende Bahnlinie nach Osten. 

Foto: Wolf Jöckel Januar 2011

Simone Veil, die spätere französische Gesundheits- und Sozialministerin und Präsidentin des Europäischen Parlamens,  wurde am 13. April 1944 im Alter von 16 Jahren mit ihrer Mutter und ihrer Schwester mit dem Konvoi 71 von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Aus ihrer Autobiographie:

Am 13. April wurden wir um fünf Uhr morgens verladen für eine neue Etappe dieses anscheinend endlosen Abstiegs in die Hölle. Busse brachten uns zum Bahnhof Bobigny, wo wir in Viehwaggons steigen mussten, die einen sofort nach Osten losfahrenden Konvoi bildeten. Da es weder zu kalt noch zu heiß war, wurde der Albtraum nicht zur Tragödie. (…) Die Reise dauerte zweieinhalb Tage; vom 13. April im Morgengrauen bis zum Abend des 15. in Auschwitz-Birkenau. Dies ist eines der Daten, die ich nie vergessen werde, zusammen mit dem meiner Rückkehr nach Frankreich, dem 23. Mai 1945. Sie sind Meilensteine ​​in meinem Leben. (…) Sie bleiben mit meinem tiefsten Inneren verbunden, wie die eintätowierte Nummer 78651 auf der Haut meines linken Arms.[14]

Praktische Informationen

La gare déportation de Bobigny, lieu de mémoire
151 avenue Henri Barbusse
93000 BOBIGNY

Zugang mit öffentlichen Verkehrsmitteln:

Métro Linie 5 bis Station Pablo Picasso, umsteigen in Straßenbahn T 1 Richtung les Courtilles  bis Station Escadrille Normandie-Niemen. Von dort aus kurzer Fußweg auf der avenue Henri Barbusse

Oder:

Métro Linie 5 bis Porte de Pantin. Von dort Bus 152 in Richtung Bondy Jouhaux-Blum bis Haltestelle gare/Bahnhof (Grande ceinture)

Öffnungszeiten:

Mittwochs bis sonntags von 9.30 bis 12.30h und von 14 bis 17 h

Informationstafeln in französischer und englischer Sprache.


Anmerkungen

[1] Siehe die Broschüre „L’ancienne gare de Bobigny, un lieu de la Déportation des internés du camp de Drancy. L’histoire, passée, présente et à venir d’un site. Herausgegeben von der Stadt Bobigny. Ohne Jahresangabe.  Ich erhielt 2011 bei einem Besuch des Bahngeländes eine noch nicht endgültige Version der Broschüre – damals noch mit zahlreichen Fehlern bei deutschen Ausdrücken. In der Broschüre gibt es eine ausführliche Zeittafel, in der die Zeit von 1946-1987 mit der Überschrift „L’oubli“ versehen ist. Ich hatte im Januar 2011 Gelegenheit, das Gelände mit Anne Bourgon zu besuchen. Anne Bourgon war zwischen 2007 und 2015 seitens der Stadt Bobigny für die „réhabilitation de cette friche ferrovieaire“ zuständig. ( Siehe das Interview mit Anne Bourgon in Libération vom 27. Januar 2023:  la gare de déportation de Bobigny est «un espace vide qui parle de l’absence et il ne fallait surtout pas le remplir»

[2] https://paris-blog.org/2022/07/09/vor-80-jahren-die-grose-razzia-des-wintervelodroms-vel-dhiv/  Siehe auch:  https://books.openedition.org/editionsmsh/3600?lang=de

[3] Siehe dazu: Frédérique Pelletier, Le long chemin vers un lieu de mémoire. In: Ancienne gare de déportation de Bobigny. Un mémorial à ciel ouvert. Bobigny 2023. Diese Broschüre liegt im Eingangspavillion aus. Weiterhin als Broschüre zitiert.

[4] Siehe Sébastien Albertelli,  Les cheminots, fers de lance de la Résistance française et acteurs majeurs de la Libération. In:  Jean Lopez und Olivier Wieviorka (Hrsg), Les mythes de la Seconde Guerre mondiale (2018), S. 113 bis 124  

[5] https://www.lexpress.fr/economie/sncf-1940-1944-conte-enquete-sur-un-mythe-francais_1428784.html

[6]https://www.google.com/search?q=https%3A%2F%2Fwww.lemonde.fr%2Fsociete%2Farticle%2F2011%2F01%2F25%2Fbobigny-la-sncf-doit-s-expliquer-sur-son-role-dans-la-shoah_  „Guillaume Pepy, a reconnu que son entreprise, bien que „contrainte, réquisitionnée“, fut „un rouage de la machine nazie d’extermination“.

[7] La SNCF s’excuse pour son rôle dans la déportation. L’entreprise a exprimé „peine et regret“ alors qu’elle était menacée d’être évincée d’un appel d’offres américain. https://www.lexpress.fr/societe/la-sncf-s-excuse-pour-son-role-dans-la-deportation_936096.html

[8] Auszug aus ihrem Buch Retour à Birkenaus, Grasset 2019. Zitiert in der Broschüre, S. 8

[9] Le „convoi des femmes“: Pithiviers, le 3 août 1942/Der „Konvoi der Frauen“: Pithiviers, 3. August 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967  Siehe: https://paris-blog.org/2022/07/17/zeichnungen-der-razzia-des-vel-dhiv-von-cabu-eine-ausstellung-im-memorial-de-la-shoah-in-paris/ 

[10] Zitiert in Un mémorial à ciel ouvert, S. 7

[11] Eine genaue Auflistung aller Konvois mit näheren Informationen bei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Convois_de_la_d%C3%A9portation_des_Juifs_de_France

[12] Nachfolgendes Bild: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/286742-ile-de-france-le-memorial-de-l-ancienne-gare-de-deportation-de-bobigny-ouvre-ses-portes

[13] Siehe dazu: Beate et Serge Klarsfeld, Mémoires. Flammarion 2015. S. 475f: Sur la piste  de Alois Brunner und S, 521/522: Contre Brunner, de New York à Berlin-Est. Und: S. 531-535: Derniers rebondissements dans l’affaire Brunner.

[14] Aus: Simone Veil, Une vie. 2007. Zit. Broschüre, S. 7, Übersetzung W.J.

Das Museum Capodimonte aus Neapel mit Apollo und Marsyas als Gast im Louvre (Juni 2023 bis Januar 2024)

Das Museum Capodimonte in Neapel hat während seiner Renovierung etwa 60 Werke aus seinen Beständen, vor allem Gemälde, an das Louvre ausgeliehen. Sie sind bis 8. Januar 2024 dort zu sehen.[1]

Die Ausstellung ist -für uns etwas verwirrend- auf drei auseinander liegende Räume in verschiedenen Stockwerken aufgeteilt, was allerdings den Vorteil hat, dass man auf diese Weise Teile des Louvre kennenlernt, die man bei den klassischen Rundgängen eher verpasst.

Der erste Teil veranschaulicht die Blütezeit vor allem des bourbonischen Neapels. Die spanischen Bourbonen, seit 1735 Herrscher über Neapel und Siziilien, gründeten 1738 das Museum Capodimonte und statteten es mit Werken der berühmten Sammlung Farnese aus. (Sully-Flügel, Level 1)

Dieses Gemälde (Ausschnitt) von Antonio Joli aus dem Jahr 1759 zeigt die Abfahrt von Karl VII. von Neapel und Sizilien, dem Gründer des Museums, nach Spanien, wo er als Karl III. den Königsthron bestieg. Im Hintergrund der Vesuv.

Hervorragend bestückt ist die Auswahl von Zeichnungen aus dem großen Bestand des Capodimonte, die in der Salle de la Chapelle (Sully-Flügel, Level 2) gezeigt werden.

Raphael: Kopf eines jungen Mannes

Die Große Galerie des Louvre, der wohl berühmteste Museumssaal der Welt, ist der angemessene Ort für den Höhepunkt der Ausstellung. Die Große Galerie beherbergt dauerhaft eine erlesene Sammlung italienischer Kunst. Die stammt vor allem aus dem Italienfeldzug Napoleons, der gleichzeitig von einem systematischen Kunstraub begleitet war, vor dem kein italienisches Museum und keine Kirche sicher waren. Dass die Große Galerie im Denon-Flügel des Louvre liegt, passt insofern hervorragend, als es Vivant Denon war, der Napoleon auf seinen Kriegszügen begleitete und die gewünschten Kunstwerke für das 1793 vom Königsschloss zum Universalmuseum umgewandelte Louvre auswählte. [2]  Allzu gerne hätten die Franzosen auch die gesamte Sammlung des Capodimonte beschlagnahmt, als sie Neapel 1798 einnahmen. Aber die wichtigsten Kunstwerke waren rechtzeitig nach Sizilien in Sicherheit gebracht worden, das die Franzosen nie erobern konnten. Aber jetzt sind die Meisterwerke italienischer Malerei aus dem Louvre und dem Capodimonte in einem wahren Gipfeltreffen in der Grande Galerie vereint und gemeinsam zu bewundern.[3]

Hier zunächst drei in der Grande Galerie ausgestellte Gemälde aus Neapel:

Caravagio, Die Geißelung, 1607  (Ausschnitt).

Caravaggio hielt sich 1606/07 in Neapel auf, damals -weit vor Rom- die größte Stadt Italiens und ein bedeutendes Kunstzentrum. Es war für ihn eine höchst erfolgreiche Zeit, denn er erhielt viele ehrenvolle Aufträge, so von der Kirche San Domenico Maggiore für dieses für seine revolutionäre Malweise typische Gemälde.[4]

Francesco Guarino, Die heilige Agatha (1637-1640).

Das Bild gehört zu den am weitesten verbreiteten des neapolitanischen 17. Jahrhunderts. Es zeigt die heilige Agatha, deren Brüste amputiert wurden, weil sie sich dem Götzendienst verweigert hatte. Guarino hat das vorsichtig mit den Blutflecken auf dem weißen Hemd angedeutet.

Guido Reni, Atalante und Hippomenes (1615-1618).

Dieses Gemälde zeigt einen von Ovid in seinen Metamorphosen behandelten Wettkampf: Die schöne Atalante „mit beflügeltem Schritt“ ließ jeden Freier, der sie begehrte, ein Wettrennen gegen sich bestreiten. Gewönne der Freier- was noch nie geschah- so würde sie ihn zum Mann nehmen, verlor er aber, tötete sie ihn. Hippomenes gelang es, mit Hilfe der Venus zu gewinnen: Er erhielt von der Göttin der Liebe drei goldene Äpfel, die er fallen ließ, als ihn seine Kräfte verließen. Atalante, unter dem Bann der Venus, musste sie aufheben, verlor dabei aber viel Zeit.  So siegte Hippomenes; Atalante aber verschmerzte die Niederlage: Immerhin gewann sie mit Hippomenes einen Urenkel Neptuns und einen schönen Jüngling, in den sie sich ja auch schon bei der ersten Begegnung „von Verlangen ergriffen“ verliebt hatte. Da hatte die Göttin der Liebe ein gutes Werk getan…[5]

Und ganz in der Nähe von Guido Renis Bild hängen zwei weitere Gemälde  aus Neapel, bei denen es, ebenfalls angeregt von Ovids Metamorphosen, ebenfalls um einen mythologischen Wettkampf geht, nämlich um den zwischen dem Gott Apollo und dem Satyr Marsyas. Aber es ist -anders als bei Guido Reni- kein Wettkampf, bei dem am Ende beide Kontrahenten gemeinsam strahlende Sieger sind, sondern es ist ein Duell auf Leben und Tod, das mit dem Tod des Satyrs endet. Der Wettkampf zwischen Apoll und Marsyas hat Künstler immer wieder angeregt und in der Kulturgeschichte vielfältige Deutungen hervorgebracht. Ich beschränke mich hier auf eine Betrachtung beider Gemälde und auf eine Darstellung meiner subjektiven Sicht, Empfindungen und Assoziationen.

Es ist ein Schreckensszenarium, das der neapolitanische Maler Jusepe de Ribera 1637 gemalt hat. Caravaggios Einfluss scheint unverkennbar zu sein.   

Das Grauen spiegelt sich allein schon in den Gesichtern und Gesten der Beobachter, aber es zeigt sich auch ganz unmittelbar und in aller Drastik im schmerzverzerrten Gesicht des mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden liegenden gefesselten Marsyas, der hier geradezu wie ein christlicher Märtyrer dargestellt wird. Man hat in diesem Zusammenhang auf den Bezug zu der Kreuzigung des Petrus von Michelangelo hingewiesen. Und auch Caravaggio hat ja die Kreuzigung des Petrus in ihrer ganzen Brutalität gemalt. Auch der Stein (griechisch: petrus) rechts unten im Gemäde de Riberas deutet auf den christilichen Zusammenhang hin. [6]

Entsetzlich ist in der Tat, was da geschieht, nämlich die Häutung des Marsyas durch Apoll.  Und die ist, wie der farbliche Unterschied zwischen dem dunklen Kopf des Satyrs und seinem schon enthäuteten Körper zeigt, weit fortgeschritten.

Der Maler bezog sich hier auf die Beschreibung der Szene in Ovids Metamorphosen:

Warum entziehst du mich“, schrie er „mir selber?

„Ach, mich gereut’s. Soviel ist ja nicht an der Flöte gelegen.“

Während er schreit, ist die Haut ihm über die Glieder gezogen.

Wunden bedecken ihn ganz, und das Blut strömt über und über.

Offen und bloß sind die Nerven zu sehn; die zuckenden Adern

Schlagen, der Hülle beraubt, und die wallend bewegten Geweide

Konnte man zählen genau und der Brust durchscheinende Fasern.

Tränen vergossen des Hains Gottheiten, die ländlichen Faune,

Satyrn, die Brüder, um ihn und der schon ruhmreiche Olympos

Samt dem Nymphengeschlecht, und wer nur dort im Gebirge

Weidete wolliges Vieh und hörnergewaffnete Rinder.

Die von Ovid hier genannte Flöte verweist auf den Grund der grausamen Behandlung des Marsyas, „der, auf tritonischem Rohr (einer Doppelflöte)  dem Spross  der Latona (also Apoll) erlegen, Züchtigung litt.“[7]

Als „Naturtalent und Wunderknabe im Flötenspiel“ hatte Marsyas den Neid des Apollo erregt, der siegesgewiss die Herausforderung des Satyrs annimmt. Es kommt zum musikalischen Duell zwischen Marsyas mit der Doppelflöte und Apollo mit seiner Leier (kithara). Vereinbart wird, dass der Sieger mit dem Unterlegenen nach Belieben verfahren darf. Apoll gewinnt (natürlich), aber nur, weil er während des Wettkampfs die Regeln ändert: Er verlangt und setzt durch, dass zu dem Spiel des Instruments auch gesungen werden kann. Damit ist der Vorteil des Marsyas mehr als ausgeglichen. Apoll wird von den als Schiedsrichterinnen fungierenden Musen zum Sieger erklärt, und der rächt die Hybris des Marsyas, ihn, den Gott der Musik und Sohn des Zeus, herausgefordert zu haben, mit höchster Brutalität. Er hängt Marsyas an einer Fichte auf und zieht ihm bei lebendigem Leib die Haut vom Leib. [8]

Bei de Ribera ist Marsyas nicht an dem Baum aufgehangen, sondern er liegt am Boden: Der Sieger oben, geradezu in himmlischen Sphären schwebend mit wehendem Umhang, der Besiegte gefesselt am Boden. Und ausgerechnet an einer Fichte! Das war der heilige Baum der Kybele, als deren Begleiter Marsyas durch Phrygien gezogen war. Eine zusätzliche Demütigung und Auskostung des -zumal noch mit zweifelhaften Mitteln errungenen- Sieges!

Der Wettkampf zwischen Apoll und Marsyas hat eine Vorgeschichte, und die wird am besten und schönsten im Frankfurter Antikenmuseum Liebieghaus veranschaulicht. [9]

Dort steht eine wunderbare marmorne Statue der mädchenhaften Göttin Athena. Es handelt sich um eine römische Kopie -die besterhaltene-  des von dem frühklassischen griechischen Bildhauer Myron geschaffenen und nicht erhaltenen Originals. Myron hatte mit der Statue des Diskuswerfers die wohl bekannteste Figur der griechisch-römischen Antike geschaffen. Seine Athena, erkennbar an dem locker aufgesetzten Helm, blickt hinter sich auf den Boden. Dort liegt die von ihr erfundene Doppelflöte (aulos), die sie gerade weggeworfen hat: Sie hatte sich zwar am Klang des Instruments erfreut, war aber bei einem Bankett auf dem Olymp von den Göttern verspottet worden, weil die aufgeblähten Backen ihr Gesicht verunstalteten. An einem See betrachtete Athena ihr Spiegelbild im Wasser. Sie fand, dass die anderen Götter sie zu Recht verspotteten, verfluchte die Flöte und schleuderte sie so heftig zu Boden, dass sie in zwei Teile zersprang.

Die Skulptur der Göttin Athena war zusammen mit der Figur des Marsyas in Bronze gegossen auf der Athener Akropolis ausgestellt worden- eine besondere Ehre. Im Garten des Liebieghauses ist die auf der Grundlage der erhaltenen römischen Kopien nachgebildete Szene zu sehen. Da ist Marsyas gerade dabei, die von Athena weggeworfene Flöte aufzuheben, was ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Aber zurück zu de Ribera: Verstörend ist an seinem Gemälde vor allem, auf welche Weise der Lorber-bekränzte Gott seine Rache exekutiert: Ruhig und in sich ruhend, als würde er auf seiner Kithara spielen, und wie abgehoben von den Qualen des Marsyas, zieht er diesem eigenhändig die Haut vom Leibe. Sein Folterwerkzeug, ein Messer, steckt noch oberhalb der offenen Wunde in der Rinde des Baums. Ich muss da unwillkürlich an SS-Schergen wie Rudolf Höss, den Kommandanten von Auschwitz, denken, die seelenruhig ihre grauenhafte Pflicht taten und danach  als liebevolle und sanfte Väter begleitet von klassischer Musik in den Schoß der Familie zurückkehrten; auf dem Nachttisch vielleicht ein mit der Haut der Ermordeten bezogener Lampenschirm. Bei de Ribera hängt, so sehe ich das, die abgezogene Haut noch zum Trocknen an der Fichte, an der Marsyas festgebunden ist… [10]

Neben dem Gemälde de Riberas ist im Louvre ein weiteres Exponat aus Neapel ausgestellt , das die Häutung des Marsyas durch Apoll zeigt. Es ist mehr als zwanzig Jahre später von dem neapolitanischen Maler Luca Giordano gemalt und offensichtlich eine Hommage an de Ribera.

Auch hier spiegelt das Entsetzen des aus dem  Hintergrund zusehenden Satyrs die Brutalität der Szene. Und dabei sind es doch – das vom Maler angedeutete Reh weist darauf hin- friedliche Wesen.

Der zweite Satyr kann gar nicht zusehen, was da Apoll, mit dem rechten Fuß auf den wehrlos am Boden liegenden Marsyas tretend, einem der Ihren antut.

Die vom Schmerz verzerrte Faust des Marsyas

Apoll aber ist hier nicht gemalt als ein scheinbar Unbeteiligter, sondern eher als Getriebener.  Er hat sein Instrument – bei de Ribera und Giordano ist es eine Geige- auf den Boden gelegt: Jetzt werden gewissermaßen andere Saiten aufgezogen: Statt der Saiten des Instruments nun Seil und Strick. Und Apoll kann mit größter Konzentration und Intensität seine Rache vollziehen.

Welche Sichtweise auf Apoll es in beiden Gemälden auch gibt: Seine grausame Rache an Marsyas scheint so gar nicht zu dem strahlenden Gott der Musik, zu dem „Gott der sittlichen Reinheit und Mäßigung“ zu passen. Aber auch das ist Apoll. Und insofern war es nur allzu treffend, dass Ludwig XIV. Apoll zu seinem göttlichen Pendant erwählt hat. Dessen Gestalt und Mythos prägen ja die Gärten und Statuen von Versailles und seine Feste. Und da sind es nicht nur der Sonnengott und der Gott der Künste, die gefeiert und in Szene gesetzt werden, sondern auch der grausame, rächende Apollo [11] – so wie auch Ludwig XIV. nicht nur der strahlende Sonnenkönig war, sondern auch ein unerbittlicher, grausamer Herrscher. Man denke nur an das Schicksal von Ludwigs Finanzminister Fouquet, dessen Macht und Einfluss so groß wurden, dass er selbst den Sonnenkönig in den Schatten zu stellen drohte. Das kulminierte dann in dem berühmten glanzvollen Fest, das Fouquet am 17. August 1661 auf seinem Schloss in Vaux-le-Vicomte dem König und 6000 geladenen Gästen gab. Und wie reagiert der König? Nicht anders als Apoll gegenüber Marsyas! Er zieht Fouquet -natürlich- nicht die Haut ab, aber er lässt ihn verhaften und macht ihm den Prozess,  und als das Urteil nicht so ausfällt, wie es der König wünscht, macht er zum einzigen Mal in der französischen Geschichte von dem königlichen Begnadigungsrecht so Gebrauch, dass er ein Urteil nicht mildert, sondern verschärft: Fouquet verschwindet für den  Rest seines Lebens in einem Kerker. Da nützte es gar nichts, dass er anbot, sein Schloss dem König zu schenken, um seine Haut zu retten, genauso wenig wie es Marsyas half, dass er seinen Frevel bereute. Und der Sonnenkönig kostete seinen Sieg aus, indem er das geniale künstlerische Dreigestirn Le Vau, Le Brun und Le Nôtre, das für seinen Herausforderer gearbeitet hatte, engagierte, um in Versailles ein Schloss zu bauen, das Vaux-le-Vicomte noch übertreffen sollte.

Die Capodimonte-Ausstellung im Louvre präsentiert auf eindrucksvolle und verstörende Weise den Mythos von Apollo und Marsyas. Und sie ist Anlass, sich der überzeitlichen Bedeutung und Aktualität dieses Mythos bewusst zu werden: Ganz aktuell auch wieder, wie der Umgang der russischen Autoritäten mit Regimekritikern wie Alexei Navalny zeigt.

Wenn dann die Ausstellung beendet ist, bleiben Apoll und Marsyas auch weiter im Louvre präsent:  

Foto: Rotraut Grün-Wenkel

Dort gibt es nämlich in der Antikenabteilung eine spätantike Marmordarstellung des an einen Baum gefesselten, gehäuteten und leidenden Marsyas. (Sully-Flügel, Saal 348)[12]

Und es gibt – als passenden Kontrast- den im Auftrag Ludwigs XIV. von Le Vau und Le Brun gestalteten auftrumpfend prachtvollen Apollo-Saal [13], die sogenannte Kleine Galerie, die man auf dem Weg durch die Capodimonte-Ausstellung passiert…


Anmerkungen

[1] https://presse.louvre.fr/naples-a-parisle-louvre-invite-le-musee-de-capodimonte/

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von F. und W. Jöckel

[2] Zu dem napoleonischen Kunstraub und Vivant Denon siehe die Blog-Beiträge https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung und https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

[3] Siehe: Andreas Platthaus, Gipfeltreffen in der Großen Galerie. FAZ vom 28.6.2023  https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/der-louvre-entleiht-meisterwerke-aus-neapel-18993784.html

[4] http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2016/07/in-der-hand-der-folterknechte.html

[5] P. Ovidius Naso, Metamorphosen. Epos in 15 Büchern. Übersetzt und Herausgegeben von Hermann Breitenbach.  Reclam Universal-Bibliothek Nr. 356  Buch 10, 559ff (S.338f)

[6] Olivier Chiquet,, Le mythe d’Apollon et Marsyas dans la peinture italienne (XVIe – début XVIIe siècles): la focalisation sur l’épisode de l’´corchement du satyre. In: Interfaces 37/2016 Le mythe d’Apollon et Marsyas dans la peinture italienne (XVIe – début XVIIe siècles) : la focalisation sur l’épisode de l’écorchement du satyre (openedition.org)

[7] Ovid, Metamorphosen. 6. Buch, 382-400  https://www.gottwein.de/Lat/ov/met06de.php#Marsyas

[8] https://www.liebieghaus.de/de/antike/athena-des-myron   und: Olivier Chiquet, Le mythe d’Apollon et Marsyas a.a.O.

[9] Bild aus: https://www.liebieghaus.de/de/antike/athena-des-myron

[10] de Ribera hat noch eine zweite Version der Szene gemalt, die in Brüssel (Musées Royaux des Beaux-Arts) zu sehen ist. Dort ist recht eindeutig erkennbar, dass es sich bei dem, was da an dem Baum aufgehangen ist, um die Flöte des Marsyas handelt. Da hängt also nicht Marsyas entsprechend der mythologischen Überlieferung am Baum, dafür aber stellvertrend seine Flöte. In dem Capodimonte-Gemälde Riberas ist diese Zuordnung zwar sicherlich auch gemeint, aber nicht ganz so deutlich ausgeführt. Ich erlaube mir als gewissermaßen naivem zeitgenössischem Betrachter eine andere Sichtweise.

[11] Siehe den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/ und Gérard Sabatier, Versailles ou la digrâce d’Apollon. Presses universitaires de Rennes. https://books.openedition.org/pur/155555?lang=de#  

[12] Nachfolgendes Bild aus: http://www.lankaart.org/article-la-suplice-de-marsyas-64792301.html

[13] Bild aus: https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl010115716

200 Jahre Canal de l’Ourcq. Ein Ausflug in die Randzonen von Paris: Von der wirtschaftlichen Verkehrsader zum angesagten Ort für Wohnen und Freizeit

2022 feierte der Canal de l’Ourcq, eine Wasserstraße im Nordosten von Paris, seinen 200. Geburtstag. Der Kanal hatte im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung für die Versorgung der Stadt Paris mit frischem Wasser und als Verkehrsader. Vor allem die Erschließung neuer effizienterer Transporte auf Straße und Schiene führte dann zum Bedeutungsverlust des nun von Bauruinen, Industriebrachen und Behelfsunterkünften gesäumten Kanals, bis er in den letzten Jahren eine neue Blütezeit als angesagter Ort für Wohnen, Kultur und Erholung im Grünen erlebte.    

Aber eine grüne Lunge der Region ist der Kanal eher (noch) nicht. Sein Reiz für einen Besucher der Stadt liegt vor allem darin, dass er die verschiedenen Schichten der Peripherie von Paris durchschneidet und sichtbar macht: Industrieanlagen,  Infrastruktureinrichtungen,  Natur und Landwirtschaft, kleine Vorortsiedlungen, und dass die Veränderungen, die sich da vollzogen haben und noch vollziehen, sehr anschaulich werden. Dazu gehören auch soziale Probleme der Stadt, die seit dem großen Stadtumbau des Barons Haussmann „intra muros“ eher und gerne -im wahrsten Sinne des Wortes- verdrängt und in die Peripherie ausgelagert werden. Insofern ist ein Ausflug entlang des Kanals -am besten mit dem Fahrrad-  eine abwechslungsreiche Ergänzung eines Paris-Aufenthaltes.

Die Ursprünge des Kanals reichen zurück bis ins Jahr 1802. Mit einem Dekret vom 29 floréal an X  (19 mai 1802) dekretierte nämlich Bonaparte, das Flüsschen Ourcq im Nordosten von Paris zu kanalisieren und umzuleiten, vor allem um Paris mit zusätzlichem frischem Wasser zu versorgen. Im 18. Jahrhunderts war Wasser ein nur in sehr begrenztem Maße verfügbares, kostbares Gut in Paris: Die Pariser hatten damals durchschnittlich nur 15 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung, heutzutage verbraucht ein Pariser achtmal, der durchschnittliche Franzose sogar zehnmal so viel![1] Um der Wasserknappheit abzuhelfen, verfügte Napoleon 1806 den Bau von 15 neuen Brunnen. Den zusätzlichen Wasserverbrauch sollte der Canal de l’Ourcq sicherstellen, der ein großes Wasserbecken bei dem Dörfchen Villette mit frischem Wasser alimentieren sollte. Der spektakulärste der von Napoleon geplanten Brunnen war ein -allerdings nicht verwirklichter- monumentaler begehbarer Elefanten-Brunnen auf dem Bastille-Platz.

Für dessen Grundsteinlegung sah Napoleon den 2. Dezember 1808 vor, den Jahrestag seiner Krönung und auch des Sieges von Austerlitz. An diesem Tag sollte der Deich geöffnet werden, der bis dahin das Bassin de la Villette abschloss, und die Ankunft des Ourcq- Wassers in Paris gefeiert werden.[2]

Gebaut wurde der Kanal ausgehend von Paris/dem Bassin de la Villette. Allerdings hatte der Architekt in den damaligen Kriegszeiten Schwierigkeiten, genug Arbeitskräfte für den Bau des Kanals zu bekommen.  Um das große Werk rechtzeitig zum 2. Dezember 1808 fertigzustellen, wurden deshalb auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt. Die waren 1806 im Vierten Koalitionskrieg bei der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt in die Hände der siegreichen Franzosen gefallen.[3]

Der Kanal sollte aber nicht nur die Wasserversorgung der Stadt verbessern, sondern auch dem Transport von Getreide, Zuckerrüben und Holz aus dem nordöstlichen Umland von Paris dienen und dessen wirtschaftliche Erschließung fördern. Indem zusätzliches Wasser des Flüsschens Beuvronne in den Kanal eingeleitet wurde, konnten ab 1813 auf einem ersten Teilstück des Kanals Boote mit niedrigem Tiefgang verwendet werden.  

Dieser Teller aus Sèvres-Porzellan zeigt den Warenverkehr auf dem Kanal de l’Ourcq. Er gehörte zu dem kaiserlichen Tafelgeschirr des Schlosses von Fontainebleau, auf dem die Großtaten Napoleons präsentiert wurden: Der Bau des Kanals gehörte im damaligen Verständnis also auch dazu.[4]

Auf dieser historischen Karte ist zu erkennen, dass der Kanal de l’Ourcq zu einem umfangreichen Kanalsystem gehört:  dem Kanal Saint- Denis, der, abzweigend vom Kanal de l’Ourcq,  in nordwestlicher Richtung verläuft und westlich von Saint Denis in die Seine einmündet, und dem Kanal Saint-Martin, der gewissermaßen die Verlängerung des Kanals de l’Ourcq auf Pariser Gebiet darstellt: Er durchquert den Osten der Stadt und mündet hinter dem port de l’Arsenal in die Seine. Dieses zusammenhängende Kanalsystem entstand in den 1820-er Jahren: 1821 wurde der Kanal Saint-Denis eingeweiht, 1822 der bis kurz vor Meaux verlängerte Kanal de l’Ourcq und 1825 der Kanal Saint-Martin, was eine erhebliche Verkürzung des Schifffahrtswegs auf der Seine bedeutete.[5]

Das wirtschaftliche Potential dieses Kanalsystems wurde allerdings erst seit den 1860-er Jahren genutzt: Damals wurden im Zuge des Stadtumbaus des Baron Haussmann die Pariser Schlachthäuser an die Peripherie der Stadt nach Villette verlegt: Durch die Einführung von Kühlanlagen war das möglich geworden. Außerdem wurde der in Dürrezeiten trocken fallende Kanal de l’Ourcq durch Pumpwerke mit zusätzlichem Wasser der Marne versorgt.[6] Damit war auch ein ausreichender Wasserstand für den Schiffsverkehr auf dem Kanal Saint-Denis und dem Kanal Saint-Martin gewährleistet. In den 1880-er Jahren wurde das 700 Meter lange Bassin de la Villette auf 80 Meter Breite erweitert und auf 3.20 Meter vertieft, das Kanalsystem wurde für Lastkähne von 1000 Tonnen tauglich gemacht und ein zusätzliches Hafenbecken in Pantin gebaut. Dies war die Blütezeit des Kanals de l’Ourcq und des Pariser Kanalsystems: Im Nordosten der Stadt war ein großer Hafen entstanden, einer der größten Frankreichs.

Heute hat der Kanal de l’Ourq nur noch eine marginale wirtschaftliche Bedeutung und nur noch sehr selten sieht man Lastkähne auf dem Kanal.

Immerhin wird das Wasser des Kanals noch heute für die Straßenreinigung und die Bewässerung der Pariser Grünanlagen genutzt.

Heute sind es eher Paddelboote, die den Kanal befahren.

Und die ehemaligen Treidelpfade (chemins de halage) am Rand des Kanals sind ein Eldorado für Jogger und Fahrradfahrer (auch wenn Fahrräder offiziell nur auf den speziellen asphaltierten Fahrradwegen zugelassen sind).

Ein Ausflug entlang des Kanals

Etwas von den früheren Glanzzeiten des Kanals de l’Ourcq kann man noch auf einer Wanderung oder einer kleinen Radtour spüren. Sie beginnt in Paris am Ende des Kanals und führt über 13 km auf befestigten Wegen zu dem Parc forestier de Sevran, in dem einmal eine Munitionsfabrik lag: Ein Ausflug, der keine großen Anforderungen stellt, aber sehr interessante Einblicke in das Pariser Umland, also das, was heute „Grand Paris“ genannt wird, ermöglicht. Ist man mit dem Fahrrad unterwegs, bietet sich das Fahrrad auch für den Rückweg an, für Fußgänger gibt es die Möglichkeit, mit dem RER nach Paris zurückzufahren.

Der Ausflug beginnt an dem 1808 gebauten Bassin de la Villette, der größten künstlichen Wasserfläche von Paris.  Auf dem blauen Schild wird über die Entfernung zu verschiedenen Orten entlang des Kanals informiert und rechts oben sieht man ein passendes Mosaik des Street Art-Künstlers Invader.

Das Bassin de la Villette ist ausgerichtet zur Rotonde de la Villette, einem repräsentativen Bau der alten Zollmauer von Paris.

Sie ist eine der vier noch erhaltenen Durchgänge und Zollstationen, die vor der Französischen Revolution von dem Architekten Ledoux im klassizistischen Stil entworfen wurden. Heute wird der Bau von einer Bar genutzt.[8]

Im Sommer kann man vor Beginn des Ausflugs im Bassin de la Villette ein erfrischendes Bad nehmen, so wie das auch ab 2025 in der Seine möglich sein soll.

Es gibt einen durchgängigen Fahrradweg entlang des Kanals, der sehr gut ausgebaut und beschildert ist. Ab und zu werden aber auch Fahrten mit dem Schiff angeboten – mit der Möglichkeit, seine Fahrräder für die Rückfahrt mitzunehmen. Das haben wir auch schon genutzt. Deshalb sind einige der Bilder auch vom Schiff aus aufgenommen.

Am Ende des Bassins beginnt der eigentliche Kanal. Dazwischen liegt der Pont de Crimée, die letzte und einzige Hubbrücke (pont levant) von Paris. Gebaut wurde sie anlässlich der Erweiterung des Bassin de la Villette 1884/1885.

Hier versammeln sich gerne Schaulustige, vor allem wenn die Hubbrücke geöffnet wird, um ein Schiff durchzulassen. Aber auch für Fotoshootings wird die Brücke offenbar genutzt…

Nach einer kurzen Fahrt bzw. einem kurzen Gang entlang des Kanals erreicht man das Gelände der ehemaligen Schlachthöfe, die 100 Jahre lang dieses Viertel prägten. Vor allem in der Zeit des großen Haussmann’schen Stadtumbaus lebten hier Arbeiter der benachbarten großen Steinbrüche von Buttes-Chaumont und der Schlachthöfe. Dazu kamen auch Menschen, die durch den Stadtumbau ihre Wohnungen verloren und an die Peripherie gedrängt wurden.

Foto: Wolf Jöckel, Juli 2018

Solche an den Rand gedrängte Menschen gibt es auch heute noch im Umland von Paris und oft auch entlang des Kanals.

Foto: Wolf Jöckel, Januar 2022

Das sind meist Flüchtlinge oder Roma, die sich dort eine Zeitlang behelfsmäßig niederlassen, bevor sie von der Polizei vertrieben werden und sich dann einen neuen Ort suchen müssen, bis sich dieses grausame Katz und Maus- Spiel wieder und wieder fortsetzt…  

Heute ist auf dem ehemaligen Schlachthofgelände eine futuristisch gestaltete Grünfläche entstanden mit Spazierwegen entlang des Kanals.  Zu dem Parc de la Villette gehören die von Jean Nouvel konzipierte Philharmonie de Paris, die Cité de la Musique, das Conservatoire National Supérieur de Musique, außerdem das interaktive Wissenschaftsmuseum Cité des sciences et de l’industrie.

Die Philharmonie von Paris (https://www.jeanmariehubert.fr/philharmonie-de-paris/)

An das Villette des 19. Jahrhunderts erinnert noch die Grande Halle: Sie wurde 1865 im Auftrag des Baron Haussmann errichtet als – in Nachbarschaft der Schlachthöfe gelegener- größter Viehmarkt Frankreichs. Nicht weniger als 4600 Rinder konnten hier täglich ihren Besitzer wechseln. Heute dient die Halle als Veranstaltungsort für Ausstellungen und Konzerte.

Der große Löwenbrunnen aus dem Jahr 1867 diente als noble Tränke für die Tiere, bevor sie in die Schlachthöfe geführt wurden….

Kurz danach taucht die imposante Silhouette der alten Mühle von Pantin auf.

Die Grands Moulins de Pantin gehörten im 19. Jahrhundert zu den großen Weizenmühlen, die die Versorgung der Stadt Paris mit Mehl sicherstellten. Die Lage zwischen dem Kanal und der Eisenbahnlinie war ideal für den Transport des Getreides aus der großen, fruchtbaren Ebene von Brie im Osten des Pariser Beckens.

Das heutige Gebäude stammt aus den 1920-er Jahren. 2003 wurde die Mühle stillgelegt und das Gebäude sehr behutsam rehabilitiert und unter Bewahrung der alten Strukturen in Büros für die Bank BNP-Parisbas umgewandelt.[11]

Die Grands Moulins de Pantin sind übrigens auch ein schönes Ausflugsziel mit einem der elektrisch betriebenen Boote, die man am Bassin de la Villette mieten kann. Hier eines links im Bild.[12] 

Wenn man etwas Glück hat, kann man dabei auch Kormorane beim Fischen beobachten.

Nachdem man in Pantin auf die linke Seite des Kanals gewechselt ist, kommt auf der rechten Seite der mächtige Bau der Magasins généraux von Pantin in den Blick.

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Es handelt sich um ein großes Lagerhaus, das  1931 an dem kurz davor fertig gestellten großen Hafenbecken von Pantin errichtet wurde. In erster Linie wurden dort sogenannte Kolonialwaren, Alkohol, Getreide und Mehl, die für die Stadt Paris bestimmt waren, gespeichert. Damals konnten  die größten damaligen Binnenschiffe Pantin über die Seine und den Kanal Saint-Denis erreichen und hier ihre Ladung löschen. Aber 70 Jahre später, 2001, hatte der „Speicher von Paris“ (le grenier de Paris) ausgedient.

Street-Art-Künstler nutzten den leerstehenden Bau. Über und über wurde er mit Graffitis besprüht  und so schließlich zu einer „cathédrale du graff“  und einer touristischen Attraktion.[13]

Unverkennbar ist hier (erstes Stockwerk rechts) der grinsende Kater von Monsieur Chat, einem der prominenten Street-Art-Künstler von Paris.[14]

Bilder aus dem Jahr 2012 von F. Jöckel

Jetzt ist auch diese Bauruine wieder rehabilitiert, aber es sind nicht traditionelle Büros dort installiert, sondern ein Kulturzentrum mit einem reichhaltigen Angebot und dazu Dock B, eine Begegnungs- und Arbeitsstätte mit Restaurant und einer Strand-Bar direkt am Kanal – betrieben von dem alternativen Kulturzentrum La Bellevilloise aus Belleville. Mit ihren verschiedenen Leben markieren die Magasins généraux die industrielle und künstlerische Geschichte von Paris.[15]

Für Graffiti-Künstler gibt es aber noch genug Betätigungsfelder auf diesem Abschnitt des Kanals.  

Fresko am Kanal de l’Ourcq in Pantin. Foto: Wolf Jöckel

Fotos: Wolf Jöckel, Juli 2018

Besonders beliebt ist eine lange Mauer, an der man fast immer Graffiti-Künstler bei der Arbeit beobachten kann.

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Hier, zwischen Pantin und Bondy, sind die Ränder des Kanals noch immer von wirtschaftlichen Aktivitäten geprägt, um die der Fahrra- bzw. Gehweg teilweise einen Bogen machen muss- eine wenig attraktive Passage des Ausflugs.

Foto: Wolf Jöckel Mai 2022

Das Schiff, das an dem Betonwerk von Bondy angelegt hat, wurde aus Solidarität mit der Ukraine umgetauft.  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

Danach aber ändert sich das Bild und die Ränder des Kanals sind von einer intensiven Bautätigkeit geprägt: Am Kanal zu wohnen ist offenbar sehr attraktiv. Paris dagegen verliert seit einigen Jahren an Einwohnern. Und es gibt sogar einige weniger attraktive Arrondissements, in denen die durchschnittlichen Kaufpreise für Wohnungen etwas zurückgehen und die Marke von 10 000 Euro pro Quadratmeter etwas unterschritten haben. Aber das sind ja immer noch astronomische Preise, die die meisten Menschen nicht bezahlen können.

Foto: Wolf Jöckel, Juli 2018

Da kann gerade für Familien ein Reihenhäuschen am Kanal durchaus eine Alternative sein…

Foto: Wolf Jöckel, Mai 2022

…. Oder eine der vielen hier entstehenden Wohnungen, die im Rahme einer langfristig geplanten ZAC (Zone d’Aménagement Concertée) errichtet werden. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass durch einen hohen Prozentsatz an Sozialwohnungen der Prozess sozialer Verdrängung sich nicht im Umland von Paris ungebremst fortsetzt. Und ökologische Aspekte spielen in einem solchen „Ecoquartier“ natürlich auch eine große Rolle. Nicht zu vergessen die gute Anbindung an Paris mit dem RER, der S-Bahn. Als Bauland dienen „friches industrielles“, also das brach liegende Gelände nicht mehr genutzter Industrieanlagen. So erhält der Kanal ein völlig neues, freundlicheres Gesicht.[16]

Im weiteren Verlauf unserer Kanalfahrt ändert sich das Bild erneut: Der Kanal verengt sich, hat nur noch eine Tiefe von 85 cm.

Für den Warenverkehr wurden deshalb hier spezielle Boote verwendet, die sogenannten flutes d’Ourq. Die hatten nicht nur den entsprechenden geringen Tiefgang, sondern sie konnten in beiden Richtungen fahren. Da war nötig, weil er enge Kanal nur ganz wenige Ausbuchtungen zum Wenden hat.

Gesäumt ist der Kanal hier von älteren Vorstadthäusern.

An den Rändern ist Platz für etwas Natur.

Der Kanal ist jetzt streckenweise von dicht aneinander gereihten Pappeln gesäumt.

Foto: Wolf Jöckel

Die wurden früher bei der Geburt eines Kindes gepflanzt und bei der Heirat zu deren Finanzierung gefällt, wie uns der Führer einer Bootsfahrt auf dem Kanal erläuterte. Heutzutage werde die Tradition der Pappelanpflanzungen fortgesetzt, allerdings jetzt nicht mehr für Hochzeitszwecke.

Bei Sevran kommt man an einer Schleuse vorbei (bzw. passiert sie, wenn man mit dem Boot unterwegs ist). Sie wurde gebaut, um den Kanal bis zur Marne schiffbar zu machen. Die geplante Verbindung wurde aber allerdings nie fertiggestellt.

Foto: Wolf Jöckel

Der Park der Poudrerie von Sevran

Danach ist man auch gleich am Ziel des Ausflugs angekommen, dem Park der ehemaligen Munitionsfabrik (Poudrerie) von Sevran.

Foto: Wolf Jöckel

Es handelt sich um ein großes Waldstück, in dem einmal eine der 12 zur Zeit Napoleons III. in Frankreich errichteten Munitionsfabriken stand.

Informationstafel des Parks

Es gibt noch einiges, was an die Vergangenheit dieses Parks erinnert:

Zum Beispiel die Schienen, die das Gelände durchziehen…

… oder Überreste der ehemaligen Produktionsstätten

…. oder die Wälle (merlons), die bei der Explosion einer Produktionsstätte den Schaden begrenzen sollten. So wurden 1910 bei der Explosion von zwei Tonnen Sprengstoff zwar mehrere Gebäude beschädigt und die Detonation war noch in einem Umkreis von mehr als 20 Kilometern zu spüren, aber es wurde nur ein Arbeiter verletzt.  

Über solche Bögen, die an vielen Wegen des Parks stehen, liefen einmal Stromleitungen zu den im Gelände verteilten Pulverfabriken.

Die über das Gelände verteilten Teiche dienten als Wasserreservoire für die Bekämpfung von Bränden.

Im Mittelpunkt der Produktionsanlagen steht der Pavillon Gustave Maurouard, das Hauptgebäude der Poudrerie mit Uhr- und Glockenturm. Hier standen früher die Maschinen, die die Energie für die gesamte Anlage erzeugten. Heute ist dort (zeitweise) eine kleine Bar geöffnet. Die Wiese davor ist ideal für Picknick und Spiele.

Das Museum

Das kleine Museum der Poudrerie ist nur sehr unregelmäßig zugänglich. Wenn sich die Möglichkeit dazu bietet, lohnt sich sein Besuch durchaus.

Foto: Wolf Jöckel

Man erfährt dort einiges über die Geschichte der Anlage, über ihre Funktionsweise und die dort hergestellten Produkte – zunächst Munition für Jagdwaffen, später auch für militärische Zwecke.

Ausgestellt sind z.B. Architekturskizzen aus der Entstehungszeit der Poudrerie….

…. für die Produktion verwendete Maschinen wie diese aus einer sächsischen Maschinenbaufabrik….

…. und Werbung für die in der Poudrerie hergestellten Produkte.

Vor der Maschinenhalle steht der Prototyp einer deutschen Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie stammt aus Peenemünde, das  seit 1945 zu der russische besetzten Zone Deutschlands gehörte. Aber offensichtlich wurde die Rakete den Franzosen überlassen, die sie im Laboratorium der Poudrerie von Sevran untersuchten.

Foto: Wolf Jöckel

Praktische Informationen:

Hinweg auf der rechten Seite des Bassin de la Villette (Quai de la Loire), in Pantin auf die andere Seite des Kanals wechseln (Passerelle de l’hôtel de ville) Richtung Claye-Souilly, in Bondy wechselt man vor dem Zementwerk Cemex wieder auf die rechte Seite, auf der auch der Park der Poudrerie liegt.

Für Hin- und Rückfahrt mit dem Fahrrad sollte man etwa 4 Stunden einplanen.

Öffnungszeiten  des Museums: sehr unregelmäßig. Siehe: http://www.apfp.fr/le%20musee.htm

Am einfachsten und wohl auch besten ist aber der Rückweg mit dem Fahrrad, der gegen Abend neue Perspektiven eröffnet.

Verleihstationen für Fahrräder gibt es in Paris flächendeckend, aber auch viele Fahrradgeschäfte, die Fahrräder tageweise oder halbtäglich verleihen.

Die Rückfahrt ist auch möglich mit dem RER B. Die Bahnhöfe Vers-Galant und Sevran-Livry  liegen auf der anderen Seite des Kanals auf der Höhe des Parks. Möchte man noch ein Stück weiter am Kanal entlangfahren, bietet sich der Bahnhof von Villeparisis/Mitry le Neuf für die Rückfahrt an.  Die Mitnahme von Fahrrädern ist kostenlos, allerdings nur in bestimmten Zeitfenstern erlaubt: montags bis freitags zwischen 9.30 bis 16.30 Uhr und nach 19.30 Uhr. Samstags, sonntags und an Feiertagen ohne Einschränkung.  Siehe ratp.fr

In den Sommermonaten werden öfters an Sonntagen im Park der Poudrerie Bälle veranstaltet. Im August 2023 am 13. und 27. August von 16 bis 18 Uhr

siehe: https://www.tourisme93.com/ete-du-canal/l-ete-au-parc-de-la-poudrerie.html    aaa

Auf dieser Website werden auch Kanufahrten von der Poudrerie nach Paris angeboten!

Die Grands Moulins de Pantin im Abendlicht. Foto: Wolf Jöckel

La Géode in der Cité des Sciences et de l’Industrie im Park de la Villette. In der riesigen Halbkugel aus Stahl spiegelt sich der Park de la Villette. Foto: Wolf Jöckel

Die Hubbrücke ist auch bzw. gerade bei abendlicher Beleuchtung sehr sehenswert… Foto: Wolf Jöckel


Anmerkungen

[1] https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/combien-deau-consomme-un-parisien-chaque-jour#:~:text=En%20effet%2C%20un%20Parisien%20ne,de%20150%20litres%20par%20jour.

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2022/02/02/der-elefant-der-bastille/

[3] Histoire du canal de l’Ourcq (aufildelourcq.org) In manchen Texten über den Kanal ist auch von österreichischen Kriegsgefangenen als Arbeitskräften die Rede.

[4] Siehe: https://paris-blog.org/2021/12/01/mit-dem-verein-weimarer-dreieck-auf-den-spuren-napoleons-in-fontainebleau/

[5] Karte aus: https://paris-atlas-historique.fr/resources/canal+de+l$27Ourcq.jpg

Zur Geschichte des Kanals siehe auch: https://www.paris.fr/pages/10-choses-a-savoir-sur-le-canal-de-l-ourcq-19869

[6] Siehe:  Visite usine élévatoire de Trilbardou (exploreparis.com)

[8] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/ und https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/

[11] https://www.tourisme93.com/document.php?pagendx=84&engine_zoom=PcuIDFC930001340

[12] https://www.marindeaudouce.fr/canal-de-l-ourcq/

[13] https://magasinsgeneraux.com/fr/histoire-du-lieu

[14] https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[15] https://magasinsgeneraux.com/fr/histoire-du-lieu

[16]  Zur Entwicklung des Kanals und seines Umfelds siehe: https://www.apur.org/sites/default/files/documents/Ourcq_tome1.pdf

Jean-Michel Folon in der Saline von Arc-et-Senans, UNESCO-Weltkulturerbe im Jura (2023)

Jean-Michel Folon in der Saline von Arc-et-Senans im Jura

Die im Jura gelegene ehemalige königliche Saline von Arc-et-Senans „vaut un détour“, lohnt also in der gängigen Reiseführer-Sprache einen Umweg. Immerhin handelt es sich um ein ganz außerordentliches, einzigartiges architektonisches Ensemble, ein vorrevolutionäres avantgardistisches Projekt des französischen Architekten Ledoux aus dem 18. Jahrhundert. Die UNESCO hat deshalb auch die Saline in ihren Fundus des Weltkulturerbes aufgenommen.

Eine Beschreibung und Würdigung der Saline von Arc-et-Senans findet sich auf diesem Blog unter:

In diesem Jahr lohnt ein Besuch der Saline zusätzlich wegen der dort präsentierten Ausstellung von Werken des belgischen Grafikers, Malers und Bildhauern Jean-Michel Folon.  Es ist die größte Folon-Ausstellung, die bisher außerhalb von Belgien präsentiert wird.[1] Geboren wurde Folon 1934 in Brüssel, wo er auch vier Jahre Architektur studierte. Aus dieser Zeit stammt sein von Mies Van der Rohe übernommener Wahlspruch: „Weniger gibt mehr“[2]. 2005 starb Folon.  Seine  in Arc-et-Senans gezeigten Werke stammen von der Folon – Stiftung im Schlosspark von La Hulpe in Belgien.

Im großen Areal der Saline sind zahlreiche Skulpturen von Folon aufgestellt.[3]

© Fondation Folon/ADAP, Paris, 2023

Die Skulpturen von Folon illustrieren das Selbstverständnis seiner künstlerischen Arbeit, das er 1862 so formulierte:

Ce n’est pas la réalité qui compte, ou la poésie. Mais le passage de l’une à l’autre, et les surprises qu’elles se font.[4] 

Hier schaut man durch ein Folon-Schiff im Koffer auf das Hauptgebäude der Saline, das Haus des Direktors. Dort ist das Zentrum der Folon-Ausstellung.

Fondation Folon/ADAP, Paris, 2023

Empfangen wird man von einer großen gesichtslosen Gestalt, die -wie ein Exhibitionist- ihren Mantel öffnet. Aber da ist nur Leere, da wird nichts zur Schau gestellt: Dafür verweist der Pfeil auf die  Welt Folons, die in mehreren Räumen des Zentralbaus präsentiert wird. Über 200 Werke Folons sind da zu sehen und geben einen Überblick seines Schaffens.

Einige Eindrücke:

Hier geht es um den Ost-West-Konflikt der Nachkriegszeit und das gegenseitige Wettrüsten von USA und UdSSR.

Ein durchgängiges Thema seines Werks ist die Fremdbestimmung des Menschen.

Dazu gibt es auch einen eindrucksvollen meterlangen Fries an drei Wänden des Aufgangs zu den Räumen der Ausstellung im ersten Stock des Direktorengebäudes.

Jacques Steinberg über Folon: „ Die kluge Verwendung von Weiß gibt seinen Werken ein erstaunliches Gewicht. Seine Personen haben kaum Leben, sie sind blicklos und ohne Freude.“[5]

Folon interessierte sich für die gesellschaftliche Stellung des Menschen:  Seine Figuren sind oft einem entmenschlichten, mechanisierten und labyrinthischen Universum ausgeliefert.

Hier steht ein -für Folon typischer- Mann mit Hut und Koffer etwas ratlos da, für welche Richtung er sich entscheiden soll:

Folon: „Ich zeichne Pfeile. In  meinen Zeichnungen gibt es weniger als in der Wirklichkeit, aber ich glaube, dass man immer versucht, aus dem Labyrinth herauszukommen.“ [6]

Für Folon war aber (jedenfalls im nachfolgenden Plakat) doch klar, welcher Weg aus dem Labyrinth herausführt:

Die Richtung unseres Kampfes

Folon arbeitete lange als Zeichner für Amnesty International

Dies ist eine Arbeit Folons zum 200-jährigen Jubiläum der Erklärung der Menschenrechte 1789. (Ausschnitt)  

Bekannt geworden ist Folon auch durch seine Olivetti-Werbung.[7] Ob sich seine Figur in dem Tastengewirr zurechtfindet? Auch als Werbegrafiker hat sich Folon jedenfalls nicht korrumpieren lassen.

Schon seit Beginn der 1980-er Jahre hat Folon sich Umweltthemen zugewandt:

… ein schöner Bezug zu dem ökologischen Projekt des „cercle immense“ in der Saline von Arc-et-Senans.[8]

Und zum Schluss noch zwei wunderschöne „poetische“ Folons mit Mond und Sternen:

In einem dunklen Raum:  Ein Mann hoch oben auf einer Leiter…  angestrahlt von den Sternen, die ihn umgeben…´

Und dann ist er auch ein Artist im Sternenzelt[9]

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Le Monde de Folon in der königlichen Saline von Arc et Senans

Täglich geöffnet von 9 – 18 Uhr bis 5. November 2023

Arc-et-Senans liegt in der Region Bourgogne-Franche-Comté, 35 Kilometer südwestlich von Besançon. Die Saline eignet sich auch als Etappenziel: Sie bietet schöne Übernachtungssmöglichkeiten, und abends hat man die Anlage mit ihren eindrucksvollen Bauten und abwechslungsreichen Gärten für sich.


[1] https://www.lavenir.net/regions/brabantwallon/la-hulpe/2023/04/14/la-plus-grande-exposition-folon-jamais-montee-a-letranger-se-tient-a-la-saline-royale-darc-et-senans-du-5-mai-au-5-novembre-2023-/

[2] Siehe: Folon, Esprit linear. FFM: Bärmeier und Nikel 1963

[3] Wenn nicht anders angegeben, stammen die Fotos von Wolf Jöckel

[4] Zit. in: https://www.fykmag.com/arc-et-senans-folon/  Dort auch das nachfolgende Bild. Voriges Bild aus: Arc-et-Senans. L’exposition sur Folon vient d’ouvrir à la Saline royale Hebdo 25

Nachfolgendes Bild: https://www.fykmag.com/arc-et-senans-folon/

[5] Zit. in: Folon, Esprit linear. FFM: Bärmeier und Nikel 1963

[6] Folon in einem Interview vom September 1974. Zit. in: Plakat-Museum Essen: Folon. Ausstellungskatalog 1976

[7] Bild aus: https://www.rossetorri.it/al-museo-garda-la-mostra-su-folon/

[8] Vorhergehendes Bild aus: Bild aus: https://www.museogardaivrea.it/olivetti-e-l-arte-jean-michel-folon

[9] Bild aus: https://www.fykmag.com/arc-et-senans-folon/