Bild des Monats März 2026: Das gespaltene Paris, West versus Ost

Dieses Schaubild aus dem Parisien vom 16. März zeigt, welche Parteien im ersten Wahlgang der Pariser Kommunalwahlen am 15. März 2026 in den einzelnen Pariser Arrondissements in Führung lagen. In den blauen Arrondissements war das eine Mitte-rechts-Koalition (LR,MoDem, UDI), deren Spitzenkandidatin für das Amt der Bürgermeisterin von Paris Rachida Dati von der konservativen Partei Les Républicains (LR) ist. Dati ist Bürgermeisterin im 7. Arrondissement und wurde dort schon im ersten Wahlgang direkt wiedergewählt. Zuvor war sie Kultusministerin und auch schon Justizministerin, muss sich allerdings im September 2026 in einem Prozess u.a. wegen Vorwürfen der Korruption verantworten. In den roten Arrondissements hatte ein linkes Parteienbündnis (PS, Grüne, PCF) im ersten Wahlgang die Mehrheit. Spitzenkandidat ist hier der Sozialist Emmanuel Grégoire. Er war von 2014 bis 2024 in der Pariser Stadtverwaltung tätig, zuletzt als premier adjoint, also „zweiter Mann“ nach der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nicht mehr kandidiert. In dem gelben 5. Arrondissement lag im ersten Wahlgang Pierre-Yves Bournazel vor, der eine von Macron unterstützte liberale Liste (Renaissance-Horizonts) anführt.

Ich habe dieses Schaubild ausgewählt, weil es -zusammen mit dem Vergleichsbild der Wahlen von 2020- eindrucksvoll die politische Ost-West-Spaltung von Paris zeigt, die für Kommunal- wie auch für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen charakteristisch ist. Die Polarisierung der Wählerstimmen -für die Rechte im Pariser Westen, für die Linke im Pariser Osten- hängt eng mit der sozialen Struktur der Stadt zusammen. Der Westen ist geprägt von einer „gutbürgerlichen“ Wählerschaft (cadre et bourgeois), die Wählerschaft im Osten ist sozial und auch bezogen auf die ethnische Herkunft stärker gemischt (social et ouvrier- Claude Dargent, CEVIPROF). Das geht auf die in den östlichen Vororten wie im Faubourg Saint-Antoine heimischen Handwerksbetriebe und die im Zuge der Industriellen Revolution in den östlichen Arrondissements errichteten Industriebetriebe zurück.

Der Gegensatz zwischen dem reichen Pariser Westen und dem ärmeren Osten bildete sich aber schon früher heraus, als Aristokratie und reiches Bürgertum den Osten der Stadt, vor allem das Marais, verließen und sich im den Faubourgs Saint-Honoré und Saint-Germain oder noch weiter im Westen Richtung Versailles niederzulassen (z.B. Neuilly-sur-Seine). Seit der Juli-Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit der Ära Haussmann hat sich die „ségrégation horizontal“ dann weiter ausgeprägt. (Bernard Marchand: Paris, histoire d’une ville, 1993). Und die bei Haussmann noch vorhandene „ségrégation vertical“ (die Reichen in den noblen Etagen, die Armen/Bediensteten unter dem Dach) gibt es heute auch kaum noch- dazu sind die Wohnungspreise im Pariser Westen viel zu hoch: Ein Quadratmeter Altbau kostet dort aktuell durchschnittlich über 10 000 Euro, im östlichen 19. Arrondissement dagegen „nur“ 7500 Euro (NouvelObs Immobilier März 2026). Für die traditionelle Arbeiterschaft und Geringverdiener ist auch das natürlich nicht tragbar. Die müssen dann in die angrenzende noch ärmere Banlieue abwandern, falls sie nicht das Glück haben, eine Sozialwohnung zu erhalten – von denen gibt es im Osten der Stadt immerhin deutlich mehr als in den westlichen Stadtteilen, wenn auch bei weitem nicht genug. Und dann gibt es ja auch schöne Ecken im östlichen Paris, in denen sich gerne -und mit gutem sozialen und ökologischen Gewissen- wohlhabende Bobos (bourgeois-bohème) niederlassen….

Die politischen Konsequenzen der Spaltung der Stadt zeigten sich in allen Revolutionen von 1789 über 1830, 1848 und 1871, an denen die Bevölkerung des Pariser Ostens einen wesentlichen Anteil hatte. Und sie zeigt sich bis heute in den Wahlergebnissen der Stadt…

Ausblick:

Am Sonntag 22.3. findet dann der zweite Wahlgang statt. An dem stehen drei Listen zur Auswahl: Die beiden Listen von Dati und Grégoire und dazu noch eine Liste der linken LFI (La France Insoumise). Die hatte mit ihrer „Spitzenkandidatin“ Sophia Chikirou, der Partnerin des LFI-Gründers und Chefs Melenchon, im ersten Wahlgang über 10% der Stimmen erreicht (11,7 Prozent) und damit die Berechtigung, am entscheidenden zweiten Wahlgang teilzunehmen. Der im 5. Arrondissement in Führung liegende liberale Kandidat ist dagegen -entgegen vorhergehender Bekenntnisse- ein Wahlbündnis mit Dati eingegangen, und Sarah Knafo, Lebens- und politische Gefährtin des Rechtsextremisten Eric Zemmour, die im ersten Wahlgang ebenfalls über 10% der Stimmen gewann, hat auf eine Teilnahme am 2. Wahlgang verzichtet, um eine Zersplitterung der Stimmen des rechten Spektrums zu verhindern. Diese Zersplitterung gibt es nun aber (aus für mich nachvollziehbaren Gründen) auf der linken Seite… Grégoire hatte zwar im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen als Dati, aber im zweiten Wahlgang sind die Karten neu gemischt, der Ausgang ist völlig offen… Und völlig offen ist auch, wie lange Dati, falls sie denn gewinnen sollte, angesichts des bevorstehenden Prozesses wird im Amt bleiben können… Ihr Förderer, der verurteilte Ex-Präsident Sarkozy, lässt grüßen…

Persönliches Nachwort:

Mit der Ost-West-Spaltung der Stadt wurden wir übrigens persönlich konfrontiert, als wir 2009 eine Mietwohnung in Paris suchten. Wir bekamen da einen Hinweis auf eine sehr schöne -auf Zeit zur Verfügung stehende und deshalb auch bezahlbare- Wohnung im noblen 16. Arrondissement. Unsere Pariser Freunde, denen wir das erzählten, waren entsetzt. Ins 16. …???…!!! Zur allgemeinen Zufriedenheit (vor allem unserer) entschieden wir uns schließlich aber  für eine Wohnung im populären 11. Arrondissement: In der Wohnung im 16. gab es nämlich keine Waschmaschine, und weit und breit kein Waschsalon; und was Lebensmittelgeschäfte und öffentliche Verkehrsmittel angeht, sah es auch nicht viel besser aus…

Grottesco: Eva Jospins Traumwelten aus Karton im Grand Palais

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Eva Jospin schon mehrfach begegnet. So im Beitrag über die verlängerte Metro-Linie 14, wo Eva Jospin eine Außenwand des Bahnhofs Hôpital-Bicêtre künstlerisch gestaltet hat.[1]

Und im Park von Chaumont-sur-Loire, der im September 2025 auf diesem Blog vorgestellt wurde, hat Eva Jospin eine wunderbare „Folie“ gestaltet, eine der in klassischen englischen Landschaftgärten eingestreuten Attraktionen und Blickpunkte.[2]

Es ist eine wunderbare Mischung zwischen Tempelchen und Grotte, inzwischen von der Natur überwuchert: eine für Jospin ideale Verbindung zwischen Natur und Architektur.

Sowohl die Wand des Bahnhofs von Hôpital-Bicêtre als auch die Folie von Chaumont-sur-Loire sind überwiegend aus Beton gefertigt. Die Modelle dafür bestanden aber aus Karton, dem bevorzugten Arbeitsmaterial Jospins. Die aktuelle Ausstellung im Grand Palais bietet nun die einzigartige Möglichkeit, die Meisterschaft ihrer Karton-Arbeiten und deren Variationsreichtum im Detail und aus nächster Nähe zu betrachten und zu bewundern.

Die Ausstellung findet gleichzeitig und gemeinsam mit der Präsentation von Claire Tabourets neuen Kirchenfenstern für Notre-Dame statt.

Blick in die Werkstatt von Eva Jospin[3]

Ein bevorzugter Gegenstand, den Eva Jospin mit ihren Kartons gestaltet, ist der Wald. Am Ende der Ausstellungs- Galerie steht eine monumentale, 9 Meter breite Wald-Wand.

Panorama, 2016, Karton und Holz 480 x 900 x 450 cm

Es ist ein Halbrund und trägt den Titel „Panorama“: Das bezieht sich auf die historischen Panoramen,  die Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und sich, Vorläufer des Kinos,  im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten – gerade auch in Paris: Die Passage des Panoramas und die Panorama-Rotunde an den Champs-Élysées, Nachfolgerin des klassischen Baus Hittorffs, erinnern an die Blütezeit der Panoramen.  Und ein wenig wie damals lädt Jospins Panorama zu einem Spaziergang zwischen tiefem Wald und mineralischen Felswänden ein. Es gibt keine Menschen oder Tiere, aber der Wald ist nicht tot, er ist nur eingeschlafen. Ein Wolf könnte im dichten Unterholz lauern,  Eichhörnchen jederzeit in den Baumwipfeln herumtollen…

Für Jospin ist der Wald „Quelle der Magie. Er verweist auf die Ursprünge der Welt, auf Legenden und Märchen, weckt Staunen und Furcht.“ Mit den Worten Eva Jospins: „Es ist ein Ort, der sofort dazu anregt, neue Welten zu entdecken. Für mich ist es der Raum, der das Sichtbare und das Unsichtbare am besten verkörpert.“[4]

Schleicht hier vielleicht eine Echse durch das Unterholz?

Die Bewunderung des Waldes teilt Jospin übrigens mit Gustave Courbet, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht und in dessen Atelier in Ornans sie 2025 einige ihrer Werke ausgestellt hat. Beide waren fasziniert von den Wäldern, den Felsen, den Grotten und den Quellen. Aber im Gegensatz zu Courbet, dem Meister des Realismus, imitiert Jospin niemals die Natur, sondern erschafft sie immer wieder neu.[5]

Neben den Wäldern sind es phantasievolle Werke der Architektur, die Eva Jospin vor allem aus Karton herstellt. Beide Bereiche ohne jede menschliche Präsenz, geheimnisvoll, aber nicht beunruhigend – verstörend.

Scala, 2025 Karton, Messing

Diorama 2025  Holz, Karton, Bronze, Gips

Bögen, Säulen, Baumstümpfe, Felsen, Stalaktiten: Dieses Diorama vereint einen Großteil der Bildsprache Eva Jospins, zwischen Präsenz und Abwesenheit, Steinen und Bäumen, Ruinen und Höhlen. In diesem kleinen, intimen Theater vermischen sich Natur und Kultur organisch, ähnlich wie in den Kuriositätenkabinetten, deren Idee in der italienischen Renaissance entwickelt wurde.[6]

Betrachtet man die phantastischen Architekturen Jospins drängen sich viele Assoziationen auf: an die Architektur der troglodytischen Siedlungen, an die Säulen und Kapitelle des antiken Griechenlands, an die italienischen Capricci des 18. Jahrhunderts, die Welt des M.C.Escher oder die erträumten Landschaften und Bauten Hubert Roberts….

Es sind auch mächtige Bauten, die Jospin in der Ausstellung präsentiert.

„Traumwelten aus Karton“: Ausstellung in Palais des Papes. Photography: Benoît Fougeirol © ADAGP, Paris[7]

Ausstellungstücke und Ausstellungsort sind nicht ganz so exquisit wie 2024 im Palais des Papes in Avignon, aber eindrucksvoll genug –  trotz des großen Gedränges in der Galerie des Grand Palais.

Im Vordergrund der Cénotaphe aus dem Jahr 2020, u.a. aus Holz, Karton, Muscheln, Buntpapier. Dahinter die Kuppel des 7,3 Meter hohen Duomo aus dem Jahr 2025

Die Kuppel des Duomo erinnert mit der Öffnung zum Himmel und den  herabhängenden Wurzeln an die Folie in Chaumont-sur-Loire.

Da die Fenster der Galerie ausdrücklich nicht zugestellt sind, öffnet sich der Blick auch auf die Architektur der Stadt… Und die Ausstellungsstücke verändern sich mit dem unterschiedlichen Lichteinfall.

Beim Rundgang durch die Ausstellung versteht man auch den Titel, den ihr Eva Jospin gegeben hat: Grottesco: Der Name verweist auf eine Legende, die von einem jungen Römer handelt. Er fällt aus Versehen in eine Höhle, wo er wunderschöne, vergessene Fresken entdeckt: Überreste des Domus Aurea des Nero, die seit Jahrhunderten verschüttet waren. Daraus entstand der Begriff des  „Grotesken“, ein Stil, in dem, so Jospin, „Pflanzen, Architektur, das Illusionäre und das Märchenhafte eine Einheit bilden. Das Groteske ist ein anderer Name für das Fantastische, das Unerwartete.“[8]

In der Ausstellung im Grand Palais gibt es auch einige Stickereien aus Seide und Wollfäden. Ein besonderes Beispiel für Jospins textile Arbeiten konnte man 2024 in der Orangerie des Schlosses von Versailles bewundern: Ein monumentales, 107 Meter langes Natur- und Architekturpanorama.[9]

In der Galerie des Grand Palais sind kleine(re), aber ebenfalls feine textile Werke ausgestellt.

Arche 2025 (Ausschnitt) Seiden- und Metallfäden

Source (Quelle), 2025. Eine Landschafts- Stickerei mit Seidenfäden, Holzrahmen

Source, Detail

Sous-bois (Unterholz, Ausschnitt) 2025 Stickerei mit Seidenfäden

Eva Jospin in ihrer Werkstatt [10]


Anmerkungen

[1] https://paris-blog.org/2024/10/01/die-verlangerte-metro-linie-14-von-saint-denis-zum-flughafen-orly-technische-architektonische-kunstlerische-superlative-und-stadtebauliche-und-soziale-veranderungen/

Alles Bilder dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

5 Minuten Lesezeit

[2] https://paris-blog.org/2025/09/06/der-skulpturenpark-von-chaumont-sur-loire/

[3] https://kultur24-berlin.de/ruinart-kunstprojekt-zum-gallery-weekend-in-berlin/

[4]   „C’est un lieu qui incite immédiatement à découvrir de noveaux mondes. Pour moi, c’est l’espae qui incarne le mieux le visible et l’invisible.“  Connaissance des arts hors-série, Eva Jospin, Grottesco. S. 14

Dieses Heft von Conaissance des arts behandelt auch die Ausstellung von Claire Tabouret, d’un seul souffle, die gleichzeitig in einer benachbarten Galerie des Grand Palais stattfindet.

[5] Guillaume Morel, Eva Jospin, rêver le paysage. In: connaissance des arts, S. 17

[6] Siehe: Le microcosme magique. In: connaissance des arts, S. 23

[7] https://thespaces.com/eva-jospin-palais-des-papes-avignon/?utm_source=Pinterest&utm_medium=organic&epik=dj0yJnU9SGV3X3UxV2VZWGZleUhuX2NqMFJLNmRXWVBPSkE1M3AmcD0wJm49aDhRMF80bTFRYzE4VGp1VjktdWx0ZyZ0PUFBQUFBR2wtQTkw

[8] Eva Jospin in: Connaissance  des arts, S. 6

[9] https://paris-blog.org/2024/08/30/versailles-ein-natur-und-architekturpanorama-eva-jospins-in-der-orangerie-von-versailles/

[10] Bild aus: connaissance des arts, S. 5

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Eva Jospin:

Gruß zum neuen Jahr 2026

Zum letzten und vorletzten Jahreswechsel habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Auch wenn Präsident Trump sich als Friedens-Deal-Maker inszeniert: Im Nahen Osten herrscht noch nicht einmal ein völliger Waffenstillstand, wirklicher Friede ist nicht in Sicht; und in der Ukraine gehen die Kämpfe an den Fronten und die Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Land in unverminderter Härte weiter. Und friedlich geht es auch in vielen anderen Gegenden der Welt leider ganz und gar nicht zu.

Zu Hoffnung ist also derzeit wenig Anlass. Da gibt es wenigstens die Kunst: Im Januar werde ich zweimal das Glück haben, an Aufführungen der 9. Sinfonie von Beethoven teilzunehmen und die Hymne an die Freude mitzusingen. Sie ist ja auch die Hymne eines Europa, dem Trump und Putin den Kampf angesagt haben. Der Text stammt ja bekanntlich von Friedrich Schiller, der, was vielleicht weniger bekannt ist, während der Französischen Revolution als Ehrenbürger Frankreichs geadelt wurde.

Hoffnung heißt auch das „neo-pointilistische“ Wandbild des Street Art-Künstlers Kan, das derzeit auf der M.U.R Bastille in der Rue de la Roquette im 11. Arrondissement von Paris zu sehen ist.

Meine Hoffnung: Dass es Ende dieses jungen Jahres keinen Anlass gibt für ein neues Wandbild der Tränen und der Trauer!

2025 war immerhin, was den Blog angeht, wieder ein sehr intensives und gutes Jahr: Die Zahl der Abonnenten, der Besucher/innen und der Aufrufe hat weiter zugenommen. Zum erste Mal haben in einem Monat über 10 000 Menschen den Blog besucht. Dazu beigetragen haben gegen Ende des Jahres zahlreiche Aufrufe aus China, die zeitweise sogar die aus Deutschland auf den zweiten Platz verdrängt haben.

Natürlich ist im abgelaufenen Jahr auch die Zahl der Beiträge gewachsen: 51 Beiträge kamen hinzu, ein neuer „Rekord“. Das hängt auch damit zusammen, dass mit dem „Bild des Monats“ ein neues, zusätzliches Format in den Blog eingeführt wurde und dass der Blog wieder durch einige schöne Gastbeiträge bereichert wurde, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte.

Deutliche „Spitzenreiter“ im vergangenen Jahr waren diese beiden Beiträge:

und

Trotz der vielen Beiträge des Jahres 2025 wurden aber noch nicht einmal alle vor einem Jahr angekündigten Projekte verwirklicht:

  • Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
  • Le Corbusier II: Villa Savoye
  • Le Corbusier III:  Le Corbusiers Paris-Pläne (Plan Voisin ff): Kahlschlag und totalitäre Neugestaltung
  • Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
  • Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel

Diese Beiträge werden dann -hoffentlich- im Laufe des neuen Jahres in dem Blog erscheinen. Und natürlich -und ganz gewiss!-  die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte.

Und dann gibt es natürlich wieder viele neue Projekte für 2026:

  • Galette aux Rois (Bild des Monats Januar)
  • La Rue de la Femme sans Teste auf der Île Saint-Louis in Paris oder Die Angst der Männer vor starken Frauen
  • Das Louxor: Der „ägyptische“ Art-déco-Kinopalast von Paris
  • Das Palais d’Iéna: Ein Meisterwerk von Auguste Perret, dem Pionier des Eisenbetons.
  • Das Grab Antoine Parmentiers, der die Kartoffel in Frankreich heimisch machte, auf dem Père Lachaise
  • Das Café des Chats im 11. Arrondissement von Paris
  • Der neue Metro- Bahnhof von Villejuif (Linie14): Ausgezeichnet als schönster Bahnhof der Welt des Jahres 2025
  • Die Gerhard Richter- Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton
  • Die Eva Jospin-Ausstellung im Grand Palais
  • Die Ausstellung der neuen Kirchenfenster von Notre-Dame de Paris im Grand Palais
  • Das Zisterzienser-Kloster von Fontenay in Burgund
  • Die Bouillons von Paris
  • Die Pariser Getreidebörse (Pinault Collection)
  • 40 Jahre nach Christo und Jeanne-Claude: Die Umgestaltung des pont neuf im Juni 2026

Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe also, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Bedanken möchte ich mich für freundliche Zuschriften und Rückmeldungen. Auch über kritische Hinweise und Verbesserungsvorschläge freue ich mich.

Mit vielen guten Wünschen für das neue Jahr und natürlich auch weiterhin Interesse und Freude an dem Paris- und Frankreich-Blog

Wolf Jöckel

Der „Aufenthaltszug“: abenteuerliche Erfahrungen mit der Bahn zwischen Paris und Frankfurt

„Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben“. So lautet ein Sprichwort, das wunderbare Reiseerlebnisse verheißt. Ist man aber regelmäßig mit der Bundesbahn/der SNCF zwischen Frankfurt und Paris unterwegs, ist man geneigt, das Sprichwort auch als Drohung zu verstehen: Da kannst du was erleben!!! Und da kannst du auch was erzählen. Aber ich will die Leserinnen und Leser dieses Blogs nicht mit den üblichen Geschichten über Verspätungen und Zugausfälle langweilen. Und ich will mich nicht nur beklagen. Denn die Fahrten, die sonst doch nur Routine wären, bieten immer wieder Gesprächsstoff und bei allen Problemen manchmal auch interessante und positive Überraschungen.

Zum Beispiel Nachhilfe in Landeskunde: Wenn also der ICE auf dem Weg von Paris nach Frankfurt es nur bis Saarbrücken schafft und man dann aufgefordert wird, in einen bereitstehenden Flix-Train umzusteigen. Der tuckert durch schöne Pfälzer Landschaften, durch Weinberge, entlang der Nahe,  und er hält an Bahnstationen, deren Namen man noch nie gehört hat…

Oder wenn im jetzt zu Ende gehenden Jahr wegen der Generalsanierung der Direktverbindung Frankfurt – Mannheim der Zug -wie früher- über Darmstadt mit seinem schönen Jugendstilbahnhof fährt. Für meinen Vater, ein begeisterter Darmstädter „Heiner“, war es ein großer Schock, als der Zug Frankfurt – Paris nicht mehr in Darmstadt Halt machte. Er erzählte auch gerne die Anekdote des Darmstädter Stationsvorstehers, der die ankommenden Fahrgäste auf gut hessisch mit einem kräftigen „Station Dammstadt“ begrüßte. Der volksnahe Großherzog Ernst Ludwig habe ihn bei Gelegenheit freundlich darum gebeten, doch das R nicht zu vergessen, was der gute Mann auch brav befolgte: Das nächste Mal also: StaRRtion Dammstadt… Jetzt hatte immerhin wenigstens der Sohn die verspätete, wenn auch nur zeitlich begrenzte Genugtuung ausgiebiger (allerdings nicht offizieller) Fahrtpausen in „Dammstadt“.

Es hat auch durchaus etwas Gutes, wenn der ICE ein technisches Problem hat und deshalb (nach kräftig verspäteter Abfahrt) nur mit angekündigten maximal 200 km (tatsächlich eher weniger als 150 km) durch Frankreich fahren kann. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn der Zug (ICE oder TGV) mit über 300 Sachen durch die Champagne rast und dann in gefühltem S-Bahn- Tempo gemütlich den Pfälzer Wald durchquert. Stolz verkündete kürzlich die Bundesbahn, dass nach der Generalsanierung der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim sogar Tempo 160 möglich sei!- allerdings nur an einzelnen Abschnitten….

Aber jetzt endlich etwas zu dem Bild von dem „Aufenthaltszug“! Wer hätte denn gedacht, dass die Probleme der Bundesbahn auch der Wortschatzerweiterung dienen können.

Den „Aufenthaltszug“ gibt es zwar bei der Bundesbahn, aber (noch) nicht im Duden. Tippt man das Wort in der neuesten Online-Ausgabe ein, erhält man als Antwort eine Frage:

Meinten Sie AufenthaltsortAufenthaltsdauer oder Aufenthalt?

Dass der Duden hier passt, kann ich verstehen. Denn eigentlich ist ja ein Zug fürs Fahren da und nicht für einen Aufenthalt. Insofern ist der „Aufenthaltszug“ ein in sich widersprüchliches Wortkonstrukt. Aber für die Bundesbahn ist er eine (wohl auch nicht erst ganz neue) Realität, wie wir am eigenen Leibe erfahren haben. Da kam auf dem Weg nach Paris in Saarbrücken die Durchsage, der Zug -wieder ein ICE-  könne wegen technischer Probleme die Fahrt nicht fortsetzen. Die Fahrgäste müssten auf den nachfolgenden Pariszug warten, dürften aber so lange in dem zum Aufenthaltszug umfirmierten Pannenzug bleiben – immerhin war es Winter und ziemlich kalt. Wir konnten uns etwas mit dem ausgesprochen netten Zugführer unterhalten, der gerne nach Paris weitergefahren wäre – er sprach auch perfekt französisch. Er erklärte uns, dass die Bundesbahn im Zuge ihrer früheren Privatisierungsstrategie nicht nur notwendige Investitionen unterlassen, sondern auch Bahnhöfe -u.a. den von Saarbrücken- verkauft oder verpachtet habe. Seitdem gäbe es keinen warmen Wartesaal mehr, dafür aber jetzt einen Aufenthaltszug.  Wie schön! Und für den etwa vierstündigen Aufenthalt im Aufenthaltszug bekamen wir sogar von der Bahn ein kleines Fläschchen Wasser spendiert…. Die netten Inder in unserem Abteil hatten allerdings nichts davon. Das in Frankfurt wohnende Ehepaar hatte die Eltern, die gerade zu Besuch aus Indien gekommen waren, für einen Tag nach Paris eingeladen. Damit war’s nun nichts mehr. Also keine vier Stunden Aufenthaltszug, keine „ville lumière“, keine „schönste Avenue der Welt“, kein Eiffelturm, keine Seine-Rundfahrt, keine Notre-Dame, sondern mit dem nächsten Zug zurück nach Frankfurt…

Wenn einer eine Reise  tut…

Aber da will ich dann doch noch von unserem letzten Eisenbahnabenteuer berichten: Der Zug von Paris nach Frankfurt sollte am 18.8. um 7.07 Uhr in Paris-Est losfahren. Am Abend vorher rief ich gegen 22.30 Uhr vorsichtshalber nochmal die Seite des Bundesbahn-Internetportals auf, in der meine Fahrkarten gespeichert und aktuelle Informationen zu den Fahrten verzeichnet sind. Und da fand ich die Meldung, dass der Zug ersatzlos gestrichen sei. Wir könnten aber ohne Mehrpreis einen anderen Zug wählen. Das Gleiche war uns einige Wochen vorher schon einmal passiert, wir hatten den nachfolgenden 9.55-Zug gewählt und es gab damit keine Probleme. Diesmal allerdings kam alles ganz anders: An der Zugangskontrolle am Bahnsteig des Pariser Ostbahnhofs wurden wir nicht durchgelassen. Wir hätten keine gültige Fahrkarte, der Zug um 7.07 sei gefahren. Ich zeigte auf meinem Handy die Information des Zugausfalls und die Aufforderung, einen späteren Zug zu nutzen.

Barsche, lautstarke Reaktion der SNCF-Dame an der Durchgangskontrolle: Unsinn! Der Zug sei gefahren. Basta! Wir sollten gefälligst zum Schalter gehen und neue Fahrkarten kaufen. Heftiger Protest unsererseits. Aufmarsch einer Polizeitruppe. Hinzukommen des Chefs des Zugbegleitpersonals. Der bedeutete uns, der Zug sei ausgebucht, aus versicherungsrechtlichen Gründen könnten wir nicht mitfahren. Neue Diskussionen. (Wir waren glücklicherweise so rechtzeitig zum Bahnsteig gekommen, dass noch Zeit bis zur Abfahrt und für engagierte Wortwechsel war). Schließlich dann doch ein „Vorschlag zur Güte“: Er würde uns freundlicherweise mitfahren lassen gegen die Ausstellung von zwei Platzkarten zum Preis von 70 Euro. Wo plötzlich die freien Plätze herkamen, war nicht ersichtlich, warum wir 70 Euro (für den Kooperationspartner SNCF) zahlen sollten, wo doch die Bundesbahn ausdrücklich die Kostenfreiheit aller alternativer Züge betont hatte, auch nicht. Aber besser so, als ein späterer Zug zum vollen Preis….

Zu Hause angekommen: Anruf beim Serviceportal der Bundesbahn. Lange Warteschleife. Dann Darstellung des Vorfalls mit dem Ziel einer Rückerstattung der 70 Euro. Weiterleitung an die Beschwerdestelle. Eine höchst ruppige Dame am Apparat: Es wäre unsere Pflicht gewesen, uns zeitnah nochmals zu informieren, ob nicht der (22.30 Uhr als storniert gemeldete) 7.07 Uhr-Zug nicht doch noch fahren würde. Das solle sie sich doch bitte mal, so meine empörte Antwort, konkret vorstellen. Schließlich eröffnete sie mir als Lösung die Möglichkeit, das im Internet zugängliche Antragsformular für Entschädigung auszufüllen. Ich solle den Posten Zugausfall ankreuzen und dann dazu schreiben, dass es um die 70 Euro Reservierungskosten ginge. Das Formular habe ich aufgerufen, das Kästchen Zugausfall angekreuzt, aber die Möglichkeit für eine Zusatzinformation sieht das Formular nicht vor. Also ohne Zusatz (und also auch ohne eine Kopie der Reservierungs-Rechnung abgeschickt. Eineinhalb Monate später erhielt ich ein postalisches Schreiben der offenbar hoffnungslos überforderten Abteilung Fahrgastrechte der Bundesbahn, Ausdruck von good-will (Wir kümmern uns), aber auch einer gewissen Ratlosigkeit: Ich solle doch bitte die Dauer der Verspätung unseres 7.07- Uhr- Zuges mitteilen. Immerhin hatte ich jetzt aber eine Adresse und ein Aktenzeichen und damit die Möglichkeit, mein Anliegen darzustellen… Ein beträchtlicher Aufwand für mich und die bedauernswerten Mitarbeiter/innen der Beschwerdestelle, aber nach all dem Ärger wollte ich die Sache dann doch nicht einfach auf sich beruhen lassen…

Anfang November wieder ein Brief von der Servicestelle, den ich hoffnungsvoll öffne. Aber dann traue ich kaum meinen Augen: Noch einmal das Schreiben wie das letzte Mal, auf das ich doch schon ausführlich geantwortet hatte. Diesmal Anruf beim Servicecenter. Ja, die Post von mir sei angekommen. Man benötige aber die genaue Ankunftszeit des von uns genutzten späteren Zuges. Sonst könne die Angelegenheit nicht bearbeitet werden. Möglicherweise fällt unser „Fall“ aus dem administrativen Raster und es gibt eine Entschädigung über die „Verspätungs-Schiene“…. Vielleicht als „Weihnachtsgeschenk“?

Enttäuschte Hoffnung: Ende November eine abschlägige Antwort: Da ja weder der als gestrichen gemeldete 7.07 h-Zug, der dann doch fuhr, verspätet war, noch der als Ersatz gewählte nachfolgende 9.55h-Zug: „Wir bitten um Verständnis, dass in Ihrem Fall keine Entschädigung gezahlt werden kann.“ Ich habe den Fall dann zähneknirschend auf sich beruhen lassen bzw. mich als kleine Entschädigung entschlossen, ihn dann doch wenigstens hier darzustellen….

Trotz alledem: Nach Paris und zurück fahren wir immer mit dem Zug. Wenn alles gut geht -und das ist sogar mehrheitlich so!- ist es die schnellste, bequemste, billigste und ökologischste Reisemöglichkeit… Und manchmal sogar die abenteuerlichste… Was will man mehr?

Titelbild zu der Jahreschronik 2025 von Greser & Lenz: Ist Deutschland noch zu retten?

Jean Nouvels neue Fondation Cartier – ein weiteres grandioses Zentrum zeitgenössischer Kunst in Paris

Paris verfügte schon bisher über ganz außerordentliche Orte zur Präsentation moderner/zeitgenössischer Kunst. Man denke nur an das Centre Pompidou, das Musée d’Art moderne de la ville de Paris, und natürlich an die wunderbaren privaten Ausstellungsorte: Die Bourse de Commerce, in der François Pinault „die Werke einer der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst der Welt“ ausstellt[1], und die Fondation Louis Vuitton von Bernard Arnault, dem Besitzer des Luxuskonzerns LVHM und einem der reichsten Männer der Welt. Der kann es sich auch leisten, dort die bisher umfassendste und schönste Ausstellung der Werke Gerhard Richters zu präsentieren[2].

Jetzt hat Paris seiner „Kulturkrone“ einen weiteren funkelnden Edelstein hinzugefügt: Das Ausstellungsgebäude der Fondation Cartier mitten in Paris, im Zentrum des gesellschaftlichen, künstlerischen, politischen Lebens der Stadt, ja des Landes. Allein die Adresse ist ein Ausrufungszeichen: 2, place du Palais Royal. Es ist ein monumentales, ein ganzes Straßenareal ausfüllendes Bauwerk, an der Pariser Ost-West-Achse rue de Rivoli gelegen, gegenüber dem Louvre, dem Kultusministerium, der Comédie Française und, natürlich, des Palais Royal mit dem Conseil d’État [3].

Das Ausstellungsgebäude im Haussmann-Stil an der Place du Palais Royal. Bild: © Luc Boegly[4]    

Der fünfstöckige, 153 Meter lange und bis zu 58 Meter breite Riese aus hellem Kalkstein wurde 1854/55 im Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Weltausstellung aus dem Boden gestampft. Das Hôtel du Louvre bildete mit 1200 Zimmern eine Miniaturstadt und bot seiner kosmopolitischen Klientel neben Wasserklosets auch Luxusboutiquen unter den ringsumlaufenden Arkaden. Eine dieser Boutiquen, die Galeries du Louvre, wuchs sich zum -laut Werbung- ‚größten Warenhaus der Welt‘ aus und verdrängte, inzwischen umfirmiert zu Grands Magasins du Louvre, 1887 gar das Hotel aus den Mauern.[5] Die Grands Magasins du Louvre waren neben dem noch älteren Kaufhaus Bon Marché Vorbild für die späteren großen Kaufhäuser in aller Welt und für Zolas Roman Au bonheur des dames/Das Paradies der Damen.  

1978 allerdings musste das Kaufhaus schließen und machte Platz für das Louvre des Antiquaires.  Rund 240 Antiquitätenläden boten dort bis 2019 Kunstwerke aus aller Welt zum Verkauf an. 1995 hatte allerdings eine französische Immobiliengesellschaft den Gebäudekomplex erworben. Zunächst war geplant, dort ein Centre commercial der Mode einzurichten, dann hatte Dominique Perrin, Präsident der Fondation Cartier, das Gebäude als idealen Ort für einen neuen Ort für die Ausstellungen seiner Stiftung ausersehen, wobei zunächst nur daran gedacht war, die Hälfte des Gebäudes anzumieten. Dann war es aber Jean Nouvel, der „Hausarchitekt“ der Fondation Cartier, der Perrin davon überzeugte, den gesamten Gebäudekomplex für die Stiftung zu nutzen: Insgesamt sind in das 8500 für Besucher zugängliche Quadratmeter und davon  6500 m2 Ausstellungsfläche, also fast eine Verfünffachung gegenüber des Gebäudes am Boulevard Raspail. [6]

Dafür waren allerdings erhebliche Umbaumaßnahmen erforderlich, mit denen Jean Nouvel beauftragt wurde. Der hatte schon Ende der 1990-er Jahre das erste, noch erheblich kleinere Pariser Ausstellungsgebäude der Stiftung am Boulevard Raspail konzipiert.

  © Philippe Ruault/Fondation Cartier

Dies ist das bisherige Ausstellungsgebäude Boulevard Raspail, „eines der interessantesten Bauwerke Ende des 20. Jahrhunderts,“[7] war für Nouvel sein „monument de Paris“. Es ist ein transparentes Gebäude aus Stahl und Glas, ohne feste Mauern: offen und flexibel für die Bedürfnisse der jeweiligen Ausstellungen. [8] Im Vordergrund eine Libanon-Zeder, 1823 gepflanzt von dem Schriftsteller Chateaubriand, der damals hier wohnte.

Jean Nouvel, inzwischen 80 Jahre alt und ausgezeichnet mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobel-Preis der Architektur“, ist den Parisern wohlbekannt als Architekt der Philharmonie, des Institut du Monde Arabe und der extravaganten Duo-Türme am östlichen Stadtrand von Paris.

Jean Nouvel in dem roten Auditorium der neuen Fondation Cartier © Adrien Dirand[9]

Das für die Stiftung vorgesehene kolossale Gebäude entsprach nun allerdings ganz und gar nicht seinen Vorstellungen und dem neuen Verwendungszweck des Gebäudes. Es war weder offen, noch transparent, noch flexibel – ihm fehlte also all das, was das alte Ausstellungsgebäude am Boulevard Raspail ausgemacht hatte. Eine große Herausforderung für den Architekten.

Jean Nouvel im Rückblick: „Der Innenraum war sehr dunkel. Es galt, ihm Tiefe zu verleihen, die Höhen zu variieren und die Lichtquellen zu vervielfachen. Wir wollten eine Perspektive schaffen, die es ermöglicht, sich im Raum zu orientieren.“[10]

Nouvel öffnete also unter Bewahrung der Fassade den jetzt lichtdurchfluteten Eingangsbereich hin zur place du Palais Royal,  entkernte den Bau, legte einen 85 Meter langen Innenraum frei und konzipierte drei Glaskuppeln über den Innenhöfen mit steuerbarem Lichteinfall und Blick auf das begrünte Dach.

Bilder: Fondation Cartier/Martin Argyroglo

Außerdem schuf er fünf 200 bis 263 Quadratmeter große Plattformen, die sich mit einer für die Besucher sichtbaren Mechanik über eine Höhe von 11 Metern anheben oder absenken lassen.

Man hat deshalb das Gebäude einen „flexiblen Maschinenraum“ genannt.[11] Assoziationen an die Hebebühnen des Theaters liegen nahe, vielleicht hat es aber auch -so Le Monde- Anleihen bei der Militärtechnik gegeben. [12]

Jean Nouvel zu der so ermöglichten Flexiblität der Ausstellungsflächen:

„In diesem Bauwerk, von dem aus dem 19. Jahrhundert nur noch die charakteristische Fassade und einige strukturelle Elemente erhalten sind, befindet man sich in einer industriellen Kathedrale mit seltener Größe und sehr großen Spannweiten. Es strahlt eine sehr starke Kraft aus. Seine fünf Stahlplattformen, deren Beweglichkeit man sehen kann, stehen in völligem Kontrast zur Haussmann’schen Architektur des Äußeren. Es ähnelt einem Super-Theater, in dem man sehr schwere Böden anhebt. Diese Innovation ist nicht nur funktional oder szenografisch. Für mich ist sie architektonisch, in dem Sinne, dass sie dynamisch wird. Die Innovation besteht darin, dass man über alle möglichen Höhenverstellungen und alle diese Lichter mit variabler Intensität bis hin zur völligen Dunkelheit verfügen kann, je nachdem, wie weit die Glasdächer und Seitenfenster geschlossen sind. Die Fondation Cartier wird wahrscheinlich die Institution sein, die die größte Differenzierung ihrer Räume, die meisten Ausstellungsmöglichkeiten und die meisten Blickwinkel bietet. Die Leistungsfähigkeit der Plattformen ermöglicht es, sehr schwere Werke aufzunehmen und sie auf völlig neue Weise aufzuhängen. Hier kann man, indem man das Ausstellungssystem verändert, Dinge tun, die anderswo nicht möglich wären.“[13]

Was die Umbaukosten für das auf Dauer angemietete Gebäude angeht, hüllt sich die Fondation in vornehmes Schweigen. Es sollen aber zwischen 225 und 245 Millionen Euro gewesen sein.[14] Aber anders als bei staatlichen Kultureinrichtungen, selbst sogar dem Louvre auf der anderen Straßenseite, spielt Geld hier wohl keine Rolle. Denn wenn auch der französische Staat unter seiner Schuldenlast ächzt, die französische Luxusindustrie floriert nach wie vor, und Pinault, Arnault und Cartier stellen das auch ostentativ zur Schau. So musste Nouvel nicht kleckern, sondern konnte klotzen.

Besonders wichtig und typisch für ihn waren „die vielen Durchblicke,“[15] die der neue Bau ermöglicht. Da gibt es die sieben Meter hohen Rundbogenfenster, die früheren Schaufenster, durch die Passanten Einblicke in die Ausstellung haben und durch die die Ausstellungsbesucher nach draußen sehen können.

Blick nach drinnen: Die Trennung von Innen und Außen ist aufgehoben. Mit den Worten von Jean Nouvel:

„Im Erdgeschoss ist die Fassade entlang der gesamten Länge der Rue de Rivoli und der Rue Saint-Honoré verglast, sodass der Blick von einer Straße zur anderen schweifen kann und Innen und Außen miteinander verschmelzen. Diese Transparenz der Seitenfenster bestärkt das Gefühl, im Herzen von Paris zu sein.“[16]

„Im Herzen von Paris“: rue de Rivoli

Besucher des Louvre auf der gegenüberliegenden Straßenseite

Interessierte Blicke auf das kleine Stück Amazonas im Untergeschoss des Gebäudes.

Beim Rundgang durch die Eröffnungsausstellung fällt auf, wie bedeutend der Anteil außereuropäischer, gerade auch indigener Kunst ist. Sie ist ein Schwerpunkt der Sammlungstätigkeit der Fondation Cartier.[17]

Aus der Bilderserie „Künstler des Gran Chaco“. In diesem Wald im Norden Paraquays, der von völliger Zerstörung bedroht ist, leben die autochtonen Volksstämme Guarani und Nivaclé. Sie machen in ihren Zeichnungen auf die Vielfalt der bedrohten Flora und Fauna aufmerksam.

Sheroanawe Hakihiiwe gehört zur Gemeinschaft der Yamomanis in Venezuela. Mit minimalistischen Methoden stellt er Motive der ihn umgebenden Natur dar. Oben: Der Weg der Ameisen, darunter: Blatt mit Früchten.

Jivya Soma Mashe, Fischnetz (2009). Der Künstler aus dem Stamm der Warlis in Maharashtra/Indien hat eine 4500 alte künstlerische Maltradition neu belebt. Seine Szenen des Ackerbaus, der Ernte, der Tierwelt oder -wie hier- des Fischfangs sind mit Kuhdung und Acrylfarben gemalt.

Es gibt immer wieder neue Perspektiven im Innern zwischen den verschiedenen Ebenen des Gebäudes:

Eine Besuchergruppe am Fuß des Miracéus der Brasilianerin Solange Pessoa: ein in der Luft schwebender Pilz aus Stoffen und Vogelfedern ihrer Heimat.

Ron Mueck, Woman with Shopping (2013). Dahinter der obere Teile des Miracéus.

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a] Links an der Wand Masken aus Holz und Metall von David Hammons. Im Geschoss darunter eine Farbkomposition des Bolivianers Mamani.

Blick in das Foyer mit der Petite Cathédrale von Alessandro Mendini (2002)

Blick auf die für die Eröffnungsausstellung konzipierte dreidimensionale  Installation von Sarah Sze, speziell für die Eröffnungsausstellung in der neuen Fondation Cartier im Untergeschoss des Gebäudes aufgebaut.

Von dem oberen Geschoss kann man das Spiel der Farben und die Bewegung eines an Foucault erinnernden Pendels beobachten.

Auch das U-Boot Panamarenkos aus dem Jahr 1996 befindet sich natürlich im Untergeschoss, wo man es auf Augenhöhe betrachten kann.

Durchblicke: Baumstämme für den Küstenschutz von Saint-Malo von Raymond Haynes und Pierrick Sorin. Zum ersten Mal ausgestellt in der Fondation Cartier Boulevard Raspail 1994. Auch eine Reverenz an Chateaubriand, der in Saint-Malo aufwuchs und später auf dem Gelände der Fondation Boulevard Raspail wohnte.

Und dann gibt es auch noch die Blicke nach oben, zu den Glasdächern über den Innenhöfen, über denen Bäume wachsen…

Foto: Sonia Branca-Rosoff [17a]

Der Bau der neuen Fondation Cartier wird als eine architektonische Meisterleistung („une prouesse architecturale“), ja als Wunderwerk („une merveille architecturale“) gerühmt.[18]  Marc Zitzmann, der ebenfalls begeisterte Pariser Kulturkorrespondent der FAZ, formulierte sogar etwas salopp, Jean Nouvel hänge mit dem Bau „die Konkurrenz ab“. Dem kann ich aber nicht ganz zustimmen. Frank Gehrys Schiff mit seinen 12 aufgespannten Segeln für die Fondation Louis Vuitton, die aus dem 18. Jahrhundert stammende Getreidebörse, von Tadaō Ando wunderbar für die Pinault-Kunstsammlung umgebaut, und auch das von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini entworfene Centre Pompidou kann auch ein Jean Nouvel nicht so einfach „abhängen“.

In einem Punkt allerdings hat Nouvel Gehry und Ando in der Tat „abgehängt“: Die Ausstellungsfläche der Fondation Cartier ist mit ihren 6500 Quadratmetern deutlich größer als die der Fondation Louis Vuitton (3500 qm2) und der Bourse de Commerce (ca 3000qm2). Hinter dem Centre Pompidou mit seinen ca 7500 Metern Ausstellungsfläche bleibt sie allerdings etwas zurück.

Aber ungeachtet aller Unterschiede und „Wer ist die Schönste im Lande? –  Eifersüchteleien:  Einen weiteren Edelstein hat Jean Nouvel der Pariser Kunstkrone in der Tat hinzugefügt.

Die Eröffnungsausstellung der Fondation Cartier im neuen Domizil ist überschrieben: Exposition générale.

Das knüpft an die Zeit an, als das Bauwerk die Grands Magasins du Louvre beherbergte, die jährlich eine Exposition Générale des Nouveautés veranstalteten.[19]

In der Exposition générale der Fondation Cartier werden allerdings keine Neuheiten des Sommers gezeigt, wie hier auf dem Plakat des Kaufhauses angekündigt. Präsentiert wird eine „Auswahl ikonischer Werke“ früherer Ausstellungen, „die mehr als vierzig Jahre internationales zeitgenössisches Kunstschaffen nachzeichnet.

An der Schau beteiligt sind unter anderem die brasilianisch-schweizerische Fotografin Claudia Andujar, die kolumbianische Textilkünstlerin Olga de Amaral, der chinesische Konzept- und Performancekünstler Cai Guo-Qiang und der Japaner Jun’ya Ishigami, bekannt für seine Rauminstallationen: ein buntes Bouquet von Kunst, das einen von einer Welt in eine andere versetzt.“ [20]

Empfehlenswert ist, frei durch die Ausstellung zu flanieren. „Der Erkundungsgang macht Spaß: Es geht nach unten und nach oben (…), der Parcours führt über Endlosgänge in Sackgässchen, vom Licht ins Dunkel und vom Lauten ins Leise.“ [21]  Das Zusammenspiel von Kunst und Architektur, von Innen und Außen, von einigem Bekannten und vielem Neuen, von ganz unterschiedlichen künstlerischen Medien, von europäischer und außereuropäischer Kunst sind Garanten einer spannenden Entdeckungsreise.


Anmerkungen:

[1] https://www.pinaultcollection.com/en/boursedecommerce/deutsch  

[2] Der heilige Gerhard. So schön, so umfasend wurde sein Werk noch nie gezeigt. In: Die ZEIT, 30. Oktober 2025

[3] Zum Palais Royal siehe die Blog-Beiträge:

[4] https://www.archdaily.com/1021421/fondation-cartier-reveals-plans-to-move-into-a-historic-landmark-in-paris-reimagined-by-jean-nouvel

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[5] Marc Zitzmann, Neobarocke Kunstmaschine. In: FAZ vom 22. Oktober 2025.  Daraus habe ich auch den Ausdruck „Kulturkrone“ übernommen.

[6] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

und https://www.louvre-antiquaires.com/le-louvre-des-antiquaires-lautre-louvre-qui-faisait-battre-le-coeur-des-collectionneurs/

Die nachfolgende Abbildung stammt von der Eintrittskarte für die Ausstellung.

[7] https://paris-promeneurs.com/la-fondation-cartier-pour-l-art/

[8] https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf

[9] Dana Thomas, La nouvelle Fondation Cartier, une prouesse architecturale signée Jean Nouvel. 29. Oktober 2025  https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel

[10] Zit. bei Dana Thomas a.a.O.

[11] Alexandra Wach, Das neue Museum der Fondation Cartier im Herzen von Paris: Schwebend in die Zukunft. Tagesspiegel 9.11.2035

[12] Au cœur de la capitale, l’architecte a transformé le Louvre des antiquaires en jouant la carte de l’ingénierie militaire. Le Monde 25.10.2025

[13] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf   S. 39

[14] Zitzmann, a.a.O.

[15] Zitzmann a.a.O.

[16] Zit.  https://medias.fondationcartier.com/fondation/documents/press/Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf  S. 38

[17]Siehe:  Fondation-Cartier-DP-40ANS-FR.pdf S. 15/16

[17a] https://passagedutemps.com/2025/11/24/fondation-cartier-premiere-visite/

[18] https://www.admagazine.fr/article/fondation-cartier-jean-nouvel, https://odyssea-paris.com/mot-motivations-fondation-cartier/ etc

[19] Abbildung aus: https://artvee.com/dl/grands-magasins-du-louvre-exposition-generale-des-nouveautes-dete/

[20] Malena Ruder, Fünf Gründe, die neue Fondation Cartier pour l’art contemporain zu besuchen

https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/kultur/fondation-cartier-in-paris-5-gruende-fuer-einen-besuch-am-neuen-standort-ld.1910015  vom 04.11.2025

[21] Zitzmann a.a.O.

Bild des Monats August 2025: Die olympische Flamme zurück in den Tuilerien

Foto: Wolf Jöckel 6.8.2025

Die olympische Flamme faszinierte während der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics 2024 täglich Tausende.

Der Ballon der olympischen Flamme, aufgenommen bei Vollmond am 19. August 2024  Foto: Wolf Jöckel

Seit Juni diesen Jahres ist sie wieder im Tuilerien-Garten zu sehen.

Die Feuerschale war nach den Olympischen Spielen abgebaut worden, Pariser Bürgerinnen und Bürger und die Stadtverwaltung setzten sich aber für ihre Rückkehr ein. Jetzt steigt sie bis zum 14. September jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Heliumballon in 60 Meter Höhe auf.

© Henri Garat/ville de Paris: Ein spektakulärer Blick auf den Ballon mit dem Arc de Triomphe und dem Geschäftsviertel La Défense im Hintergrund. Für den Paris-Besucher bieten sich die place du Carrousel und der jardin du Carrousel als die Orte an, von denen man den aufsteigenden Ballon aus nächster Nähe beobachten kann.

Blick durch den napoleonischen Triumphbogen Arc du Carrousel am Louvre. Fotos: 7.8. 2025 Wolf Jöckel

Weniger frequentierte Beobachtungsplätze gibt es an den Seine-Kais rive gauche zwischen der Monnaie de Paris und der Assemblée nationale. Auf dem Tiefkai vor dem Musée d’Orsay zum Beispiel gibt es direkt am Fluss bequeme Sitzplätze mit freiem Blick, die sich auch für ein abendliches Picknick anbieten.

Blick über die Seine auf den Tuileriengarten, wo derzeit gerade ein Jahrmarkt stattfindet (La Fête des Tuilerien), zu dem auch das Riesenrad gehört.

Bild von AIF: https://www.amnesty.fr/actualites/-stop-genocide-a-gaza–projete-sur-la-vasque-olymp

Anlässlich des ersten Jahrestags der Olympischen Spiele von Paris hatte Amnesty International France am 26. Juli 2025 die Worte Schluss mit dem Völkermord in Gaza auf den Ballon projiziert. Aktivisten hatten dafür ein Hotelzimmer in der Rue de Rivoli angemietet.

Zu dieser spektakulären Aktion Anne Avinel-Barras, die Präsidentin von AIF:

„Was in Gaza geschieht, steht im krassen Gegensatz zu den Werten des Humanismus und Pazifismus, die in der Olympischen Charta verankert sind. Die Schwere der Verstöße der israelischen Armee gegen die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen, ältere Menschen und Kinder, zwingt uns im Rahmen dieses olympischen Festes, daran zu erinnern, dass der Völkermord in Gaza unverzüglich beendet werden muss.“

Traumgärten mit Palmen auf dem Cap d’Antibes. Ein Gastbeitrag von Daniela David

Der nachfolgende Beitrag ist Teil eines Artikels von Daniela David über Gärten an der Côte d‘Azur in ihrem Blog „Von Reisen und Gärten“: https://www.von-reisen-und-gaerten.de/cote-dazur-traumgaerten-mit-palmen/

Daniela David ist Reisejournalistin, Filmautorin, Gartenliebhaberin und Gartenkennerin. Sie ist fasziniert von der Gartenkultur verschiedener Epochen, Länder und Kulturen. In ihrem Blog gibt es ein weltweites Spektrum von Garten-Beiträgen, es werden aber auch weitere französische Gärten in der Provence, in Paris und der Normandie vorgestellt…

Der Garten der Villa Eilenroc

Der Garten der Villa Eilenroc an der Spitze von Cap d’Antibes hat eine sensationelle Lage, auf einem Plateau direkt am Mittelmeer. Und die Villa? Sie ist gigantisch. Mit ihren Säulen erinnert sie an das Weiße Haus in Washington. Charles Garnier, der berühmte französische Architekt der Alten Oper in Paris, hatte den Auftrag „Klotzen!“ Das war 1865. Der Meisterarchitekt sollte ein bombastisches Bauwerk schaffen.

Die Villa Eilenroc ruht auf der Halbinsel von Cap d’Antibes, die ins Meer hineinragt. Blau der Himmel und azurblau die See. Palmen wedeln im Wind.

Doch ursprünglich war hier nichts, kein Baum, kein Strauch – außer einem Felsen im Wasser mit grandioser Aussicht. Den Garten gab es noch nicht. Wie auch, auf einem Felsen? Der erste Gärtner kapitulierte sofort. Garten, geht nicht. Nicht hier. 

Der zweite Gärtner, ein einfacher Mann, überlegte, zeichnete kurz einen Plan mit Struktur und Achsen. Der reiche Eigentümer winkte ihn durch und los ging es. Unzählige Esel schafften mit Karren die Erde herbei. Dies war die Voraussetzung für die Pflanzen: Palmen und Pinien, Olivenbäume und grüne Eichen, Jakaranda und Zypressen. Eilenroc ist die unglaubliche Geschichte von unmöglichen Ideen und von Machbarkeit. Esel sei Dank!

Und heute? „Inzwischen kämpfen wir, das üppige Grün im Zaum zu halten“, erklärt Jean-Pierre Schaefer vom Grünflächenamt in Antibes. Das sonnenverwöhnte Mikroklima der Côte d’Azur lässt exotische Pflanzen gut gedeihen. Durch Erbschaft gelangte das Anwesen in die öffentliche Hand. Da inzwischen nur noch eine Handvoll Gärtner zur Verfügung stehen und nicht wie einst rund 30, wird zwangsläufig der „natürliche Stil“ gepflegt.

                                 In der Villa Eilenroc ist fast alles eine Nummer größer als üblich.

Die anfangs gepflanzten Bäumchen sind längst zu stattlichen Bäumen ausgewachsen. So promeniert der Besucher durch schattenspendende, mediterrane Wäldchen und Olivenhaine. Von den beiden großen Rosengärten kann der Neugierige auf die Nachbarvillen blicken. Sie gehören den Reichsten der Reichen dieser Welt, wie etwa dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Die Gärten jener Anwesen an der Côte d’Azur bleiben für reguläre Besucher allerdings verschlossen.

Der Jardin Thuret

Der Jardin Thuret ist ein wissenschaftlicher Garten, der stellenweise wie ein Urwald aussieht.

Für jeden Besucher offen und dazu ohne Eintrittsgebühr ist der Jardin Thuret, ein dschungelartiger Garten ein Stück weiter auf Cap d’Antibes. „Es ist der schönste Garten, den ich je gesehen habe“, hat Georg Sand über den Jardin Thuret in Antibes geschrieben. Vermutlich war es die unermessliche Vielfalt der exotischen Gehölze, die die Französin betörte. Doch der Besuch der Schriftstellerin ist schon eine Weile her.

Heute wuchert es in diesem Garten. Bäume strecken sich in den Himmel. Darunter sind seltene Exemplare, die die südländische Hitze lieben, wie der Arbutus andrachne. Ein Erdbeerbaum mit rotfarbenem Stamm! Diese Art stammt vom Balkan. Zuerst wächst die Rinde in Grün, dann schält sie sich und gibt den glatten Stamm frei in Rot. Dieser Baum ist ein Exzentriker! Er stich im Kreise seiner Nachbarn deutlich hervor und zieht die Blicke auf sich.

                                  Ein seltenes Rot: Arbutus andrachne, der Erdbeerbaum.

Forschungsgarten mit Historie

„Wir führen in unserem Jardin Thuret viele Forschungen durch“, sagt Catharine Ducatillon, die Direktorin des Forschergartens. „So untersuchen wir, wie sich die Bäume auf den Klimawandel einstellen.“ Die Wissenschaftlerin ist eine Frau mit Erfahrung. Pflanzen sind ihre Leidenschaft. So passioniert war auch der Begründer dieses Gartens an der französischen Riviera: Gustave Thuret (1817-1875). Der Pflanzenkenner kaufte 1857 ein fünf Hektar großes Grundstück auf der Halbinsel Cap d’Antibes. In 20 Jahren pflanzte er dort rund 4.000 Pflanzenarten. Viele der teils exotischen Gewächse stammten aus Kolonien.

„Thuret hatte in gewisser Weise einen extremen Charakter“, versucht Catherine zu erklären. „Er zog Dinge durch!“ Protestantisch, diskret, seriös. Ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine wohlhabende hugenottische Familie stammte aus den Niederlanden. Gustave Thuret sprach mehrere Sprachen und war in der Welt unterwegs, auch als Attaché in der Botschaft Frankreichs in Konstantinopel.

Seine Schwägerin, die später den Garten mit der Villa an der Côte d’Azur erbte, vermachte das Anwesen dem französischen Staat. „Noch heute leben Mitglieder der Familie Thuret in der Region“, berichtet Catherine. „Und sie interessieren sich nach wie vor für den Garten.“

Pflanzenjäger im Auftrag der Wissenschaft

Büste von Gustave Thuret

Doch Thuret war kein üblicher Pflanzenjäger wie die gartenanlegenden Engländer zu der Zeit an der Riviera. Thuret war Botaniker. Sein Interesse galt der Wissenschaft. Er untersuchte die exotischen Pflanzen in seinem Garten und protokollierte, wie sich die eingeführten Bäume an das Mittelmeer adaptierten.

Dank seiner Aufzeichnungen, die nach seinem Tod fortgeführt wurden, weiß man heute ganz genau, wann welcher exotische Baum gepflanzt wurde. Ein unermesslicher Schatz für Wissenschaftler. Wie haben die Pflanzen sich an den Ortswechsel angepasst? Wie reagieren sie auf Trockenheit? Wie ertragen sie Schädlingsbefall? Fragen, die heute aktueller denn je sind.

„Der Jardin Thuret ist der einzige Garten in der Gegend, in dem eine aktive wissenschaftliche Recherche stattfindet“, erklärt Cathrine etwas stolz. Gestern waren Studenten von der Uni in Montpellier im Garten und untersuchten bestimmte Baumarten. Forscher aus der ganzen Welt besuchen den Jardin Thuret für ihre Forschungszwecke. Insgesamt zählt der Garten an der Côte d’Azur 15.000 bis 20.000 Besucher im Jahr.

Die Côte d’Azur ohne Palmen – unvorstellbar!

Der Mann mit der Phoenix Palme

So ist der Jardin Thuret das Gegenteil eines typisch französischen Gartens: nicht streng geordnet und beschnitten, sondern wild und natürlich. In diesem Park mit dem großen Pflanzenreichtum haben die Bäume die Chance, zu ihrer eigenen Gestalt heranzuwachsen. Kein Gärtner beschneidet sie. „Für mich ist das die Harmonie der Natur“, schwärmt Catherine.

Gustave Thuret war es auch, der die Phoenix-Palme von den Kanarischen Inseln an die Côte d’Azur brachte. Vor dem 19. Jahrhundert gab es dort nur zwei eigene Palmenarten. Thuret ließ die Phoenix Palme von den Kanarischen Inseln heranschiffen. Diese groß wachsende, einstämmige Palme sollte zum Emblem der Riviera werden. Das Postkartenmotiv schlechthin.

Praktische Hinweise:

Jardin Eilenroc:
Avenue Mrs Beaumont    06160  Cap D’Antibes, Antibes

Samstags 10-17 Uhr geöffnet

Jardin botanique de la villa Thuret:

90, chemin Gustave Raymond  06160 Antibes Juan-les-Pins 

Öffnungszeiten: April bis Oktober 8 h 00 – 18 h 00; November bis März 8 h 30 – 17 h 30

An Wochenenden und Feiertagen geschlossen.

Informationsbroschüre in deutscher Sprache: https://jardin-thuret.hub.inrae.fr/content/download/6068/49030?version=1

Siehe auch: https://provencelovers.fr/de/besuchen-botanischer-garten-villa-thuret-antibes/

—————————————–

Der Besuch eines der Gärten lässt sich auch verbinden mit einem Besuch des Ateliers von Hans Hartung und Anna-Eva Bergman in Antibes:

——————————————-

Daniela David veröffentlicht auch Romane unter dem Pseudonym Elena Eden, zuletzt den Côte d‘Azur Gartenroman „Der Garten im Licht.“ Es ist eine deutsch-französische Familiengeschichte, kann aber gleichzeitig als Gartenreiseführer dienen. Am Ende werden zahlreiche Gärten mit Adressen, Informationen und Tipps der Autorin aufgeführt.

Elena Eden, Der Garten im Licht – Côte d’Azur-Roman, E-Book (3,99 Euro) und Taschenbuch (13,99 Euro) bei Amazon und im Buchhandel, 2024

Bild des Monats: Juni 2025 (Cormoran an der Seine)

Foto: WF Jöckel

Ein Kormoran an der Seine, mitten in Paris, am Pont de l’Alma, offenbar seinem Stammplatz. Inzwischen sind die Kormorane dort heimisch und das bedeutet: Diese gefräßigen Tiere finden genügend Nahrung. Gab es 1990 im Pariser Abschnitt der Seine 14 Fischarten, so sind es heute 34. Und kürzlich hat man dort 20 Süßwassermuschelarten registriert, davon drei besonders empfindliche. (Le Parisien vom 4.2.2025). Die Wasserqualität der Seine hat sich also deutlich verbessert. Nachdem schon im Sommer 2024 mehrere Schwimmwettbewerbe der Olympischen Spiele in der Seine ausgetragen wurden, gibt es gute Chancen, dass auch wir in diesem Sommer wie versprochen in der Seine baden können. Die Vorbereitungen dafür sind im Gange.

Drei solcher Badeanstalten sollen im Sommer 2025 in der Seine betriebsbereit sein. (Le Parisien 9.1.2025)

Für uns ist besonders erfreulich, dass eine der drei Badeanstalten am Pont Marie (4. Arrondissement), unserer Pariser Lieblingsbrücke, eingerichtet werden soll, da wo noch vor wenigen Jahren die Autos auf der voie Pompidou, einer Seine-Schnellstraße vorbeibrausten. Heute drängen sich dort bei gutem Wetter Einheimische und Touristen, es gibt vor Anker liegende Schiffe, die auf dem Wasser und an Land Essen und Trinken anbieten – und demnächst dann hoffentlich auch die Seine-Badeanstalt…

Einen Kormoran bei der Unterwasserjagd nach Fischen (wie z.B. im Mittelmeer) werden wir dort aber kaum „Aug’in Aug'“ beobachten können. Nicht nur, weil die Seine-Bassins von dem Fluss mit seiner starken Strömung und dem intensiven Schiffsverkehr abgetrennt sein werden, sondern weil das Wasser für solche Begegnungen denn doch bei weitem (noch) nicht klar genug ist …

Bild des Monats: April 2025 (Das beste und das größte Croissant von Paris)

Foto: WF Jöckel

Es gibt -neben dem baguette- wohl kaum ein für Frankreich typischeres Backwerk als das Croissant. Und so wie jährlich das beste baguette von Paris in einem prestigeträchtigen Wettbewerb ermittelt wird – der Sieger ist ein Jahr lang „Hoflieferant“ des Präsidenten- so wird auch das beste Croissant ermittelt. Bewerben darf sich jede Bäckerei von Paris und den umliegenden Departements, die die gesamte Herstellung selbst vornimmt. Und wie kompliziert die ist, hat Klaus Lintemeier in Paris-magie, dem neuen Paris-Blog, eindrucksvoll beschrieben.

Im Mai 2024 wurde für die Saison 2024/25 eine Bäckerei im Faubourg Saint-Antoine ausgewählt, einem Viertel das in allen französischen Revolutionen eine wichtige Rolle gespielt hat und ehemals Zentrum der französischen Möbelherstellung war. Im kulinarischen Bereich ist es aber bisher meines Wissens eher weniger hervorgetreten. Umso überraschender und für Liebhaber des Viertels (wie wir) erfreulicher ist aber, dass die Bäckerei Doucet, ein kleiner -und passend zum Viertel: eher unscheinbarer-  Familienbetrieb mit Sitz im Faubourg Saint-Antoine 2024 ausgewählt wurde.

Der Sieger kann für seine Croissants entsprechend Werbung machen und auch etwas höhere Preise verlangen. Das Privileg, den Elysée-Palast zu beliefern, hat er aber nicht. Wir lassen uns jetzt aber gerne zum Nachmittagskaffe das leckere Croissant aus dem Hause Doucet schmecken… Dazu gehört natürlich auch, wie auf dem Bild des Monats zu sehen, die aktuelle Ausgabe von Le Monde: In Paris kann man die des folgenden Tages schon am frühen Nachmittag kaufen. Quel privilège!

Allerdings müssen wir nicht unbedingt bei Doucet die Croissants kaufen: In unmittelbarer Umgebung unserer Wohnung gibt es nicht weniger als VIER Bäckereien, und wenn wir bereit sind, einen fünfminütigen Fußweg in Kauf zu nehmen, noch vier weitere… Und dort gibt es auch leckere Croissants und dazu noch deutlich preisgünstigere….

Das wohl größte Croissant von Paris gibt es übrigens in Montmartre- es ist fast so groß wie ein Kinderkopf, es wiegt 750 Gramm, also so viel wie 15 „normale“ Croissants und scheint ein Verkaufsschlager zu sein – und dies trotz seines stolzen Preises von 32 Euro.

Das XXL-Croissant gibt es bei Philippe Conticini in der Rue de Steinkerque, durch die sich die Touristenmassen auf dem Weg zur Kirche Sacré-Coeur drängen- ein idealer Platz also und ein Marketing-Gag….

Nie wieder! Nirgendwo! Die Ausstellung „Entartete Kunst“ im Picasso Museum Paris (Februar bis Mai 2025)

Vom 18. Februar bis 25. Mai 2025 wird im Picasso-Museum Paris die Ausstellung „Entartete Kunst – Der Prozess der modernen Kunst unter dem Nationalsozialismus“ präsentiert.[1]

Diese Ausstellung ist aus mehreren Gründen besonders sehenswert:

  1. Es ist -abgesehen von einer kleinen Präsentation im Goethe-Institut Paris- die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankreich.
  2. Sie findet im Picasso-Museum statt und hat dort zu Recht ihren, wenn auch etwas beengten, Platz: „Der Maler von Guernica verkörperte in den 1930er Jahren auf emblematische Weise die Figur des sogenannten „entarteten“ Künstlers „, wie das Museum betont.[2] Und die Präsentation der Ausstellung im Picasso-Museum eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, auch die wunderbare Sammlung von Werken Picassos in dem ebenso wunderbaren Ambiente des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hôtel Salé im Pariser Marais-Viertel anzusehen.
  3. Es werden in der Ausstellung auch Werke gezeigt, die erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind, zum Beispiel aus der lange als zerstört angenommenen Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt.
  4. Die Ausstellung findet in einer Zeit statt, in der es in Deutschland wieder Stimmen gibt, die bedenklich an den Kampf der Nazis gegen die avantgardistische Kunst erinnern. So bezeichnete die AfD- Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt im Oktober 2024 das Bauhaus als einen „Irrtum der Moderne“. Es habe eine „globalistische Uniformität“ erzeugt. Damit gehe die AfD, so die damalige Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, „mit erschreckend ähnlichen Argumenten und Formulierungen wie einst die NSDAP“ gegen das Erbe des Bauhauses heute vor. [3] Und in den USA gibt es beängstigende Tendenzen, neben Presse, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft auch die Kultur gleichzuschalten. Es ist bezeichnend, dass zum Beispiel die Zeitung Le Monde für die aktuellen Entwicklungen in den USA das Verb „metre au pas“ verwendet, das bisher eher für die nationalsozialistische Politik der „Gleichschaltung“ nach der „Machtergreifung“ reserviert war. Insofern hat eine Ausstellung über „Entartete“ Kunst derzeit leider eine „brennende Aktualität“ (France Culture). [4]

Im ersten Ausstellungsraum sind vier Skulptur-Fragmente ausgestellt. Sie gehörten zu den Exponaten der Nazi-Ausstellung „entarteter“ Kunst (München 1937) und wurden 2010 bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Trasse in Berlin entdeckt.

Emy Roeder (1890-1971), Schwangere, 1918

Dahinter sind in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 1400 Künstlerinnen und Künstlern aufgeführt, die von den Nazis verfemt, verfolgt oder umgebracht wurden.

Marg Moll (1984-1977), Tänzerin (um 1930)

Einige Namen sind schwarz hervorgehoben: Es sind die der 37 Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung im Picasso-Museum mit ca 60 Werken vertreten sind.

Insgesamt waren es 16558 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die auf der von den Nazis erstellten Liste der entarteten Kunst aufgeführt waren: Deutsche Museen waren schon vor dem Ersten Weltkrieg und danach in den „goldenen 20-er Jahren“ des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Präsentation avantgardistischer Kunst. „Welches französische Museum“, so fragt Le Monde in seinem Ausstellungsbericht, „konnte sich vor 1947 rühmen, einen Picasso zu besitzen?“. In Deutschland gab es dagegen mehrere…  Die Nazi-Ausstellung von 1937 war deshalb auch die bedeutendste Präsentation avantgardistischer Kunst ihrer Zeit, allerdings veranstaltet und mit entsprechenden propagandistischen Mitteln präsentiert zum Zwecke ihrer Denunzierung. [5]

Umso bedeutender ist der von den Nazis verursachte große Verlust von Kunstwerken, vor allem für die deutsche Museumslandschaft. Das wird auch deutlich, wenn man auf die den ausgestellten Objekten beigefügten Informationstäfelchen schaut: Manche Werke wurden zwar nach dem Krieg wieder von deutschen Museen erworben, viele aber sind jetzt in der Schweiz zu sehen: Dort wurden im Auftrag der Nazis Kunstwerke versteigert, um so zur Finanzierung der Kriegsvorbereitung beizutragen. Und der Schweiz/dem Kunstmuseum Bern vermachte Cornelius Gurlitt auch die als verschollen gegoltene große Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand[6]. Manche Werke sind jetzt auch in Belgien zu sehen: Belgische Kunstfreunde hatten in der Schweiz Kunstwerke ersteigert: Sie hatten sich vorher abgesprochen, sich nicht gegenseitig zu überbieten. Und natürlich haben die USA , wo die finanziellen Mittel für die Ersteigerung von Kunstwerken ja reichlich vorhanden waren, von dem Kunstausverkauf der Nazis profitiert.

Nachfolgend nun eine Bilderstrecke zur Ausstellung. Sie soll einen kleinen Eindruck von der Breite, der Qualität und der Bedeutung der von den Nazis verfemten Kunst vermitteln und damit natürlich auch zum Besuch der Ausstellung anregen.

Das für das Ausstellungsplakat ausgewählte Gemälde: Georg Grosz (1893-1959), Metropolis, 1916/17. (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Rosa Straße mit Auto, 1913 (The Museum of Modern Art, New York

Paul Klee (1879-1940), Sumpflegende, 1919 (Lenbachhaus München)

Max Pechstein (1881-1955), Stilleben: Südseefigur und Blumen 1917 (Kunsthalle Mannheim). Die Kunsthalle Mannheim war in den 1920-er Jahren eine der fortschrittlichsten Ausstellungshäuser.

Ludwig Meidner (1884-1966), Die Verzückung Pauli. Aquarell 1919 (Privatsammlung Karlsruhe)

Erich Heckel (1883-1970), Vorberge 1923. Museum für Kunst und Kultur, Münster

Vassily Kandinsky (1866-1944), Landschaft mit Fabrikschornstein, 1910 (Solomon R. Guggenheim Museum, New York)

El Lissitzky (1890-1941), Proun 2, Constuction, 1920 (Philadelphia Museum of Art)

Ernst Barlach (1870-1938), Frierendes Mädchen, 1917 (Ernst Barlach Haus, Hamburg)

Alexej von Jawlensky (1864-1941), Variation: Strenger Winter (Kunstmuseum Basel)

Joachim Ringelnatz (1883-1934), 11 Uhr nachts, 1930 (Pinakothek der Moderne, München)

Georg Grosz (1893-1959) Abends, (Ausschnitt, Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

Otto Dix (1891-1969), Gasmaske, 1916 (Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

„Bleiben wir, was wir sind. Es lebe die Entartung!“ Otto Dix 1936

Jedes dieser „entarteten“ Kunstwerke und natürlich auch jeder Künstler, der sie geschaffen hat, hat eine ganz besondere Geschichte, die man erzählen könnte. Hier wenigstens ein besonderer Blick auf fünf in der Ausstellung vertretene Künstler:

Karl Hofer

Karl Hofer (1878-1955), Freundinnen. 1923/24 (erworben 1924 von der Hamburger Kunsthalle, die damals auch zu den fortschrittlichsten Ausstellungshäusern Deutschlands gehörte; von den Nazis konfisziert 1937, zurückgekauft von der Hamburger Kunsthalle 1947)

Diesem Bild ist in der Ausstellung folgende Erläuterung beigefügt: „Das Gemälde Freundinnen entwirft das Bild einer verletzlichen und brüderlichen Humanität in einer von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägten düsteren Umgebung. Beurlaubt von seiner Stellung als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Berlin, wurde er im Sommer endgültig seines Postens enthoben. 10 Werke  des Künstlers, darunter dieses Gemälde, wurden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. 1938 wurde Hofer aus der Kunstkammer des Reichs ausgeschlossen, weil seine Frau Jüdin war. Das bedeutete das Verbot, Werke auszustellen und zu verkaufen. Nach der Scheidung von seiner Frau 1939 wurde er wieder in die Kunstkammer aufgenommen. Mathilde Hofer wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“

Emil Nolde:

Emil Nolde, (1932 – 1956), Begegnung am  Strand, 1909 (Stiftung Seebüll, Neukirchen)

                                          Emil Nolde, (1932 – 1956), Hülltoft Hof, 1932.

Dieses Gemälde war noch 1934 von einem Sammler der Hamburger Kunsthalle geschenkt worden, die auch zu den fortschrittlichsten Museen Deutschlands gehörte.   1937 wurde das Bild von den Nazis konfisziert, nach dem Krieg dem Sammler zurückgegeben, dessen Erben es 2002 erneut der Hamburger Kunsthalle schenkten. Der Expressionist Nolde ist der wohl berühmteste „entartete Künstler”: von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt und derartig prominent in der Propagandaausstellung ‚Entartete Kunst’ zur Schau gestellt.[7] Lange lebte die Legende von Nolde als unschuldigem Opfer der NS-Kunstpolitik. Nolde war allerdíngs Parteimitglied, vehementer Antisemit und sogar Denunziant,  und er verlor bis zum Kriegsende nicht den Glauben an das nationalsozialistische Regime. Wiederholt bekannte er sich in Briefen an Goebbels zum NS-Regime. Dass auch dieses wunderbare Gemälde zu den in München ausgestellten „entarteten“ Werken gehört, ist nur schwer nachzuvollziehen, und es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, wie hohe Kunst und niederste politische Gesinnung und Verhaltensweisen Hand in Hand gehen können.

Georg Schrimpf

Georg Schrimpf (1889-1938), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1926 (Museum Ludwig Köln)

Im Julie 1937 wurden 5 Werke von Georg Schrimpf von den Nazis konfisziert,  darunter auch diese Gemälde aus der Kunsthalle Mannheim. Der „Fall Schrimpf“ ist insofern besonders interessant, weil der die Meinungsverschiedenheiten deutlich macht,  die es auch innerhalb der Nazi-Hierarchie bezüglich der Definition „entarteter“ Kunst gab. Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, gehörte nämlich zu den Sammlern von Werken Schrimpfs. Er forderte deshalb auch, dass der Name von der Liste „entarteter“ Künstler gestrichen werden solle. Goebbels lehnt das ab. Wenn er jeden aus der Ausstellung nehme, für den sich jemand einsetze, könne er gleich ganz zumachen… [8]

Pablo Picasso

Pablo Picasso (1881-1973), La Famille Soler (Ausschnitt), 1903 (Musée  des Beaux-Arts Lüttich)

Dieses Gemälde Picassos wurde 1913/14 von dem Kölner Museum erworben, 1937 von den Nazis konfisziert und in Luzern versteigert. Die Stadt Lüttich erwarb das Bild mit acht anderen von den Nazis versteigerten Bildern, von Marc Chagall, Paul Gauguin und Franz Marc.

Picasso war seit „Guernica“ eine Ikone des antifaschistischen Kampfes. Gleichwohl konnte er auch während der Herrschaft Vichys und der deutschen Besatzung unbehelligt in Paris leben. Es gab zwar keine öffentliche Ausstellung seiner Bilder, aber er konnte in seinem Atelier in der rue des Grands-Augustins unter dem wachsam-wohlwollenden Auge der Besatzer höchst produktiv weiterarbeiten und erhielt dafür auch die erforderlichen Ressourcen.[9] Ein Beispiel dafür, dass in Paris auch unter nationalsozialistischer Herrschaft -jedenfalls für Nicht-Juden- ein Maß an künstlerischer Freiheit existierte, das im Dritten Reich selbst völlig undenkbar war.

Otto Freundlich

Otto Freundlich (1878-1943), Hommage aux peuples de couleurs, 1935 (Centre Pompidou)

Otto Freundlich ist eine ganz außerordentliche Künstlerpersönlichkeit.[10] Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris und war ein Pionier der abstrakten Kunst. In Montmartre war er Nachbar Picassos, mit dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war.  

Brief an Picasso aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber 1925 endgültig in Paris nieder. Während im Deutschland der Weimarer Republik seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten.  Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner Werke für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte Freundlich perfekt in das Feindbild der Nazis. Versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen denunzieren ihn Nachbarn und die französische Gendarmerie liefert ihn an die Nazis aus. Mit einem Konvoi vom Bahnhof Bobigny wird er desportiert[11] und am 9. März 1943  im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.

Im Picasso-Museum wird auch der Führer zur Ausstellung „Entartete“ Kunst von 1937 gezeigt. Dort ist allerdings „Kunst“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich ja nach Auffassung von Goebbels und der Nazi-Doktrin nicht um Kunst handelte. Auf der Titelseite ist eine ironisch L’homme nouveau (der neue Mensch). betitelte Skulptur von Otto Freundlich abgebildet. Ich sehe darin eine Karikatur des skrupellosen Machtmenschen, wie er gerade wieder weltweit Konjunktur hat.


[1] Ausstellungskatalog: L’exposition « L’art „dégénéré“. Le procès de l’art moderne sous le nazisme », organisée par le Musée national Picasso-Paris, explore et met en perspective l’attaque méthodique du régime nazi contre l’art moderne. 39 Euro

https://expo.paris/exposition/l-art-degenere-musee-picasso-2025 Siehe auch: La revanche des artistes „dégénerés“. France culture 20.3.2025

Alle Bilder des Beitrags habe ich in der Ausstellung aufgenommen. Da es sehr voll und eng war, musste ich manchmal die Seiten etwas begradigen.

[2] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/321702-exposition-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-photos

[3] https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/bauhaus-afd-kulturkampf-100.html In der Sendung von France Culture vom 20.3. wird zur Erläuterung der Aktualität der Ausstellung darauf hingewiesen . Schon im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wurde 2021 gefordert, „nur solche Kunst zu fördern, die ihrer eigenen deutschen Kultur bejahend gegenübersteht.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/afd-kritik-bauhaus-dessau-kultur-100.html

[4] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/international/article/2025/03/15/donald-trump-met-les-juges-sous-pression_6581191_3210.htmlFrance Culture in einer Sendung über die Ausstellung. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-midis-de-culture/critique-expo-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-3077095

Der Figaro bezieht die auch von ihm gesehene Aktualität der Ausstellung in der sowjetischen Kulturdoktrin mit ihrer Gegenüberstellung traditioneller russischer Werte und westlicher Dekadenz/“dégénérance. «Dégénérescence», c’est exactement de cela que Vladimir Poutine noux taxe, nous autres Occidentaux. Eh bien, « restons donc ce que nous sommes. Vive la dégénérescence ! » lui aurait lancé le peintre Otto Dix. Le Figaro, 7. März 2025

[5] Harry Bellet, Au Musée Picasso, l’art honni des nazis. In: Le Monde 18. Februar 2025

[6] https://gurlitt.kunstmuseumbern.ch/de/static/background/

[7] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus/ 

[8] Siehe Le Monde, 18.2. 25

[9] https://atlantico.fr/article/decryptage/-les-artistes-en-france-sous-l-occupation–le-drole-de-diner-entre-picasso-la-bete-rouge-des-nazis-et-werner-lange-le-nazi- 

[10] Siehe den Blog-Beitrag zu Otto Freundlich: https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2023/09/01/der-bahnhof-von-bobigny-seit-2023-erinnerungsort-der-deportation-von-juden-nach-auschwitz/

Zum Picasso-Museum siehe auch diesen Blog-Beitrag: