Es gibt -neben dem baguette- wohl kaum ein für Frankreich typischeres Backwerk als das Croissant. Und so wie jährlich das beste baguette von Paris in einem prestigeträchtigen Wettbewerb ermittelt wird – der Sieger ist ein Jahr lang „Hoflieferant“ des Präsidenten- so wird auch das beste Croissant ermittelt. Bewerben darf sich jede Bäckerei von Paris und den umliegenden Departements, die die gesamte Herstellung selbst vornimmt. Und wie kompliziert die ist, hat Klaus Lintemeier in Paris-magie, dem neuen Paris-Blog, eindrucksvoll beschrieben.
Im Mai 2024 wurde für die Saison 2024/25 eine Bäckerei im Faubourg Saint-Antoine ausgewählt, einem Viertel das in allen französischen Revolutionen eine wichtige Rolle gespielt hat und ehemals Zentrum der französischen Möbelherstellung war. Im kulinarischen Bereich ist es aber bisher meines Wissens eher weniger hervorgetreten. Umso überraschender und für Liebhaber des Viertels (wie wir) erfreulicher ist aber, dass die Bäckerei Doucet, ein kleiner -und passend zum Viertel: eher unscheinbarer- Familienbetrieb mit Sitz im Faubourg Saint-Antoine 2024 ausgewählt wurde.
Der Sieger kann für seine Croissants entsprechend Werbung machen und auch etwas höhere Preise verlangen. Das Privileg, den Elysée-Palast zu beliefern, hat er aber nicht. Wir lassen uns jetzt aber gerne zum Nachmittagskaffe das leckere Croissant aus dem Hause Doucet schmecken… Dazu gehört natürlich auch, wie auf dem Bild des Monats zu sehen, die aktuelle Ausgabe von Le Monde: In Paris kann man die des folgenden Tages schon am frühen Nachmittag kaufen. Quel privilège!
Allerdings müssen wir nicht unbedingt bei Doucet die Croissants kaufen: In unmittelbarer Umgebung unserer Wohnung gibt es nicht weniger als VIER Bäckereien, und wenn wir bereit sind, einen fünfminütigen Fußweg in Kauf zu nehmen, noch vier weitere… Und dort gibt es auch leckere Croissants und dazu noch deutlich preisgünstigere….
Das wohl größte Croissant von Paris gibt es übrigens in Montmartre- es ist fast so groß wie ein Kinderkopf, es wiegt 750 Gramm, also so viel wie 15 „normale“ Croissants und scheint ein Verkaufsschlager zu sein – und dies trotz seines stolzen Preises von 32 Euro.
Das XXL-Croissant gibt es bei Philippe Conticini in der Rue de Steinkerque, durch die sich die Touristenmassen auf dem Weg zur Kirche Sacré-Coeur drängen- ein idealer Platz also und ein Marketing-Gag….
Vom 18. Februar bis 25. Mai 2025 wird im Picasso-Museum Paris die Ausstellung „Entartete Kunst – Der Prozess der modernen Kunst unter dem Nationalsozialismus“ präsentiert.[1]
Diese Ausstellung ist aus mehreren Gründen besonders sehenswert:
Es ist -abgesehen von einer kleinen Präsentation im Goethe-Institut Paris- die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankreich.
Sie findet im Picasso-Museum statt und hat dort zu Recht ihren, wenn auch etwas beengten, Platz: „Der Maler von Guernica verkörperte in den 1930er Jahren auf emblematische Weise die Figur des sogenannten „entarteten“ Künstlers „, wie das Museum betont.[2] Und die Präsentation der Ausstellung im Picasso-Museum eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, auch die wunderbare Sammlung von Werken Picassos in dem ebenso wunderbaren Ambiente des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hôtel Salé im Pariser Marais-Viertel anzusehen.
Es werden in der Ausstellung auch Werke gezeigt, die erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind, zum Beispiel aus der lange als zerstört angenommenen Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt.
Die Ausstellung findet in einer Zeit statt, in der es in Deutschland wieder Stimmen gibt, die bedenklich an den Kampf der Nazis gegen die avantgardistische Kunst erinnern. So bezeichnete die AfD- Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt im Oktober 2024 das Bauhaus als einen „Irrtum der Moderne“. Es habe eine „globalistische Uniformität“ erzeugt. Damit gehe die AfD, so die damalige Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, „mit erschreckend ähnlichen Argumenten und Formulierungen wie einst die NSDAP“ gegen das Erbe des Bauhauses heute vor. [3] Und in den USA gibt es beängstigende Tendenzen, neben Presse, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft auch die Kultur gleichzuschalten. Es ist bezeichnend, dass zum Beispiel die Zeitung Le Monde für die aktuellen Entwicklungen in den USA das Verb „metre au pas“ verwendet, das bisher eher für die nationalsozialistische Politik der „Gleichschaltung“ nach der „Machtergreifung“ reserviert war. Insofern hat eine Ausstellung über „Entartete“ Kunst derzeit leider eine „brennende Aktualität“ (France Culture). [4]
Im ersten Ausstellungsraum sind vier Skulptur-Fragmente ausgestellt. Sie gehörten zu den Exponaten der Nazi-Ausstellung „entarteter“ Kunst (München 1937) und wurden 2010 bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Trasse in Berlin entdeckt.
Emy Roeder (1890-1971), Schwangere, 1918
Dahinter sind in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 1400 Künstlerinnen und Künstlern aufgeführt, die von den Nazis verfemt, verfolgt oder umgebracht wurden.
Marg Moll (1984-1977), Tänzerin (um 1930)
Einige Namen sind schwarz hervorgehoben: Es sind die der 37 Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung im Picasso-Museum mit ca 60 Werken vertreten sind.
Insgesamt waren es 16558 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die auf der von den Nazis erstellten Liste der entarteten Kunst aufgeführt waren: Deutsche Museen waren schon vor dem Ersten Weltkrieg und danach in den „goldenen 20-er Jahren“ des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Präsentation avantgardistischer Kunst. „Welches französische Museum“, so fragt Le Monde in seinem Ausstellungsbericht, „konnte sich vor 1947 rühmen, einen Picasso zu besitzen?“. In Deutschland gab es dagegen mehrere… Die Nazi-Ausstellung von 1937 war deshalb auch die bedeutendste Präsentation avantgardistischer Kunst ihrer Zeit, allerdings veranstaltet und mit entsprechenden propagandistischen Mitteln präsentiert zum Zwecke ihrer Denunzierung. [5]
Umso bedeutender ist der von den Nazis verursachte große Verlust von Kunstwerken, vor allem für die deutsche Museumslandschaft. Das wird auch deutlich, wenn man auf die den ausgestellten Objekten beigefügten Informationstäfelchen schaut: Manche Werke wurden zwar nach dem Krieg wieder von deutschen Museen erworben, viele aber sind jetzt in der Schweiz zu sehen: Dort wurden im Auftrag der Nazis Kunstwerke versteigert, um so zur Finanzierung der Kriegsvorbereitung beizutragen. Und der Schweiz/dem Kunstmuseum Bern vermachte Cornelius Gurlitt auch die als verschollen gegoltene große Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand[6]. Manche Werke sind jetzt auch in Belgien zu sehen: Belgische Kunstfreunde hatten in der Schweiz Kunstwerke ersteigert: Sie hatten sich vorher abgesprochen, sich nicht gegenseitig zu überbieten. Und natürlich haben die USA , wo die finanziellen Mittel für die Ersteigerung von Kunstwerken ja reichlich vorhanden waren, von dem Kunstausverkauf der Nazis profitiert.
Nachfolgend nun eine Bilderstrecke zur Ausstellung. Sie soll einen kleinen Eindruck von der Breite, der Qualität und der Bedeutung der von den Nazis verfemten Kunst vermitteln und damit natürlich auch zum Besuch der Ausstellung anregen.
Das für das Ausstellungsplakat ausgewählte Gemälde: Georg Grosz (1893-1959), Metropolis, 1916/17. (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)
Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Rosa Straße mit Auto, 1913 (The Museum of Modern Art, New York
Paul Klee (1879-1940), Sumpflegende, 1919 (Lenbachhaus München)
Max Pechstein (1881-1955), Stilleben: Südseefigur und Blumen 1917 (Kunsthalle Mannheim). Die Kunsthalle Mannheim war in den 1920-er Jahren eine der fortschrittlichsten Ausstellungshäuser.
Ludwig Meidner (1884-1966), Die Verzückung Pauli. Aquarell 1919 (Privatsammlung Karlsruhe)
Erich Heckel (1883-1970), Vorberge 1923. Museum für Kunst und Kultur, Münster
Vassily Kandinsky (1866-1944), Landschaft mit Fabrikschornstein, 1910 (Solomon R. Guggenheim Museum, New York)
El Lissitzky (1890-1941), Proun 2, Constuction, 1920 (Philadelphia Museum of Art)
Ernst Barlach (1870-1938), Frierendes Mädchen, 1917 (Ernst Barlach Haus, Hamburg)
Alexej von Jawlensky (1864-1941), Variation: Strenger Winter (Kunstmuseum Basel)
Joachim Ringelnatz (1883-1934), 11 Uhr nachts, 1930 (Pinakothek der Moderne, München)
Georg Grosz (1893-1959) Abends, (Ausschnitt, Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)
Otto Dix (1891-1969), Gasmaske, 1916 (Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)
„Bleiben wir, was wir sind. Es lebe die Entartung!“ Otto Dix 1936
Jedes dieser „entarteten“ Kunstwerke und natürlich auch jeder Künstler, der sie geschaffen hat, hat eine ganz besondere Geschichte, die man erzählen könnte. Hier wenigstens ein besonderer Blick auf fünf in der Ausstellung vertretene Künstler:
Karl Hofer
Karl Hofer (1878-1955), Freundinnen. 1923/24 (erworben 1924 von der Hamburger Kunsthalle, die damals auch zu den fortschrittlichsten Ausstellungshäusern Deutschlands gehörte; von den Nazis konfisziert 1937, zurückgekauft von der Hamburger Kunsthalle 1947)
Diesem Bild ist in der Ausstellung folgende Erläuterung beigefügt: „Das Gemälde Freundinnen entwirft das Bild einer verletzlichen und brüderlichen Humanität in einer von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägten düsteren Umgebung. Beurlaubt von seiner Stellung als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Berlin, wurde er im Sommer endgültig seines Postens enthoben. 10 Werke des Künstlers, darunter dieses Gemälde, wurden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. 1938 wurde Hofer aus der Kunstkammer des Reichs ausgeschlossen, weil seine Frau Jüdin war. Das bedeutete das Verbot, Werke auszustellen und zu verkaufen. Nach der Scheidung von seiner Frau 1939 wurde er wieder in die Kunstkammer aufgenommen. Mathilde Hofer wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“
Emil Nolde:
Emil Nolde, (1932 – 1956), Begegnung am Strand, 1909 (Stiftung Seebüll, Neukirchen)
Emil Nolde, (1932 – 1956), Hülltoft Hof, 1932.
Dieses Gemälde war noch 1934 von einem Sammler der Hamburger Kunsthalle geschenkt worden, die auch zu den fortschrittlichsten Museen Deutschlands gehörte. 1937 wurde das Bild von den Nazis konfisziert, nach dem Krieg dem Sammler zurückgegeben, dessen Erben es 2002 erneut der Hamburger Kunsthalle schenkten. Der Expressionist Nolde ist der wohl berühmteste „entartete Künstler”: von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt und derartig prominent in der Propagandaausstellung ‚Entartete Kunst’ zur Schau gestellt.[7] Lange lebte die Legende von Nolde als unschuldigem Opfer der NS-Kunstpolitik. Nolde war allerdíngs Parteimitglied, vehementer Antisemit und sogar Denunziant, und er verlor bis zum Kriegsende nicht den Glauben an das nationalsozialistische Regime. Wiederholt bekannte er sich in Briefen an Goebbels zum NS-Regime. Dass auch dieses wunderbare Gemälde zu den in München ausgestellten „entarteten“ Werken gehört, ist nur schwer nachzuvollziehen, und es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, wie hohe Kunst und niederste politische Gesinnung und Verhaltensweisen Hand in Hand gehen können.
Georg Schrimpf
Georg Schrimpf (1889-1938), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1926 (Museum Ludwig Köln)
Im Julie 1937 wurden 5 Werke von Georg Schrimpf von den Nazis konfisziert, darunter auch diese Gemälde aus der Kunsthalle Mannheim. Der „Fall Schrimpf“ ist insofern besonders interessant, weil der die Meinungsverschiedenheiten deutlich macht, die es auch innerhalb der Nazi-Hierarchie bezüglich der Definition „entarteter“ Kunst gab. Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, gehörte nämlich zu den Sammlern von Werken Schrimpfs. Er forderte deshalb auch, dass der Name von der Liste „entarteter“ Künstler gestrichen werden solle. Goebbels lehnt das ab. Wenn er jeden aus der Ausstellung nehme, für den sich jemand einsetze, könne er gleich ganz zumachen… [8]
Pablo Picasso
Pablo Picasso (1881-1973), La Famille Soler (Ausschnitt), 1903 (Musée des Beaux-Arts Lüttich)
Dieses Gemälde Picassos wurde 1913/14 von dem Kölner Museum erworben, 1937 von den Nazis konfisziert und in Luzern versteigert. Die Stadt Lüttich erwarb das Bild mit acht anderen von den Nazis versteigerten Bildern, von Marc Chagall, Paul Gauguin und Franz Marc.
Picasso war seit „Guernica“ eine Ikone des antifaschistischen Kampfes. Gleichwohl konnte er auch während der Herrschaft Vichys und der deutschen Besatzung unbehelligt in Paris leben. Es gab zwar keine öffentliche Ausstellung seiner Bilder, aber er konnte in seinem Atelier in der rue des Grands-Augustins unter dem wachsam-wohlwollenden Auge der Besatzer höchst produktiv weiterarbeiten und erhielt dafür auch die erforderlichen Ressourcen.[9] Ein Beispiel dafür, dass in Paris auch unter nationalsozialistischer Herrschaft -jedenfalls für Nicht-Juden- ein Maß an künstlerischer Freiheit existierte, das im Dritten Reich selbst völlig undenkbar war.
Otto Freundlich
Otto Freundlich (1878-1943), Hommage aux peuples de couleurs, 1935 (Centre Pompidou)
Otto Freundlich ist eine ganz außerordentliche Künstlerpersönlichkeit.[10] Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris und war ein Pionier der abstrakten Kunst. In Montmartre war er Nachbar Picassos, mit dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war.
Brief an Picasso aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs
Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber 1925 endgültig in Paris nieder. Während im Deutschland der Weimarer Republik seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten. Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner Werke für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte Freundlich perfekt in das Feindbild der Nazis. Versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen denunzieren ihn Nachbarn und die französische Gendarmerie liefert ihn an die Nazis aus. Mit einem Konvoi vom Bahnhof Bobigny wird er desportiert[11] und am 9. März 1943 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.
Im Picasso-Museum wird auch der Führer zur Ausstellung „Entartete“ Kunst von 1937 gezeigt. Dort ist allerdings „Kunst“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich ja nach Auffassung von Goebbels und der Nazi-Doktrin nicht um Kunst handelte. Auf der Titelseite ist eine ironisch L’homme nouveau (der neue Mensch). betitelte Skulptur von Otto Freundlich abgebildet. Ich sehe darin eine Karikatur des skrupellosen Machtmenschen, wie er gerade wieder weltweit Konjunktur hat.
[1] Ausstellungskatalog: L’exposition « L’art „dégénéré“. Le procès de l’art moderne sous le nazisme », organisée par le Musée national Picasso-Paris, explore et met en perspective l’attaque méthodique du régime nazi contre l’art moderne. 39 Euro
Der Figaro bezieht die auch von ihm gesehene Aktualität der Ausstellung in der sowjetischen Kulturdoktrin mit ihrer Gegenüberstellung traditioneller russischer Werte und westlicher Dekadenz/“dégénérance. «Dégénérescence», c’est exactement de cela que Vladimir Poutine noux taxe, nous autres Occidentaux. Eh bien, « restons donc ce que nous sommes. Vive la dégénérescence ! » lui aurait lancé le peintre Otto Dix. Le Figaro, 7. März 2025
[5] Harry Bellet, Au Musée Picasso, l’art honni des nazis. In: Le Monde 18. Februar 2025
Autor des nachfolgenden Beitrags ist Pierre Sommet, ehemaliger Fachbereichsleiter Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld, Buchautor und Verfasser zahlreicher Lernmaterialien für den Französisch-Unterricht in der Erwachsenenbildung: Le Blog de Pierre Sommet
Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Pierre Sommet bekannt durch seinen Beitrag über die Veuve Cliquot, „die ungekrönte Königin von Reims“, durch seine amüsante Präsentation deutsch-französischer Redewendungen und durch seine Forschungen zu Thierry Hermès, dem Gründer des für seine Luxusaccessoires berühmten Pariser Modehauses. Thierry Hermès wurde 1801 (schon mit obligatorischem französischem Vornamen, aber noch ohne Akzent) in dem damals von Frankreich annektierten Krefeld geboren, dem Wohnort Pierre Sommets und seit 1974 offizielle Partnerstadt Dünkirchens. Anlässlich des 50. Jubiläums dieser Partnerschaft entstand der nachfolgende Artikel, der zum ersten Mal im Oktober 2024 im Krefelder Jahrbuch Die Heimat erschienen ist. Ich freue mich, dass Pierre Sommet ihn, passend zur aktuellen Karnevalssaison, nun auch an dieser Stelle veröffentlicht. Wolf Jöckel
Abb 1: Das Plakat des nordfranzösischen Künstlers Aket, eine Kombination aus Kubismus und Street Art
Les Gens du Nord ont dans leurs yeux le bleu qui manque à leur décor. Les Gens du Nord ont dans le cœur le soleil qu’ils n’ont pas dehors.
Die Menschen aus dem Norden haben in ihren Augen, das Blau, das ihrem Himmel fehlt. Die Menschen aus dem Norden haben im Herzen die Sonne, die draußen nicht scheint. Aus Les Gens du Nord, Chanson von Enrico Macias
Dünkirchen, Dunkerque, die nördlichste Hafenstadt Frankreichs, heute vorwiegend industriell, ursprünglich ein Fischerdorf in Flandern mit einer „Kirche in den Dünen“, lebte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fischfang und von der Fischverarbeitung. Die Dünkirchener, les Dunkerquois: gens du Nord, gens de mer, Menschen aus dem Norden, Seeleute. Und wie feiert man das neue Jahr in der Partnerstadt? Mag der Himmel so grau wie der Alltag sein, das Meer übellaunig und eiskalt, mehrere Hunderte sogenannte Givrés (Durchgeknallte) treffen sich zum traditionellen Bad der Durchgeknallten am Neujahrstag am langen Sandstrand von Dünkirchen. Ein Abhärtungstraining der besonderen Art für manche Karnevalisten, die kostümiert in die Wellen springen.
Für Niederrheiner, erdverbundene Menschen, gens de terre, (und nicht nur für sie! W.J.) ist der Dünkirchener Karneval ein gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. Die Ursprünge des bunten Treibens in der Korsarenstadt liegen im 17. und im 18. Jahrhundert. Damals boten die Reeder den Seeleuten ihrer Fangflotte mit ihrem Heuervertrag ein Festessen, „Foye“ genannt, und die Hälfte ihrer Heuer als Handgeld vor der gefährlichen sechsmonatigen Reise Anfang März zu den isländischen Kabeljau-Fanggründen. Die Fischer feierten den letzten Tag an Land mit ausgiebigem Alkoholkonsum. Dies war die Geburt der ersten „Visscherbende“ (flämisch für Fischerbanden) des Dünkirchener Karnevals.
Am ersten Tag der sog. Drei Fröhlichen (Les Trois Joyeuses) im Februar gibt heute die Fischerbande (La Bande des Pêcheurs) den Ton an, bereits im Januar, denn der Dünkirchener Karneval dauert… drei Monate. Es finden unzählige Bälle und Kinderbälle (bals enfantins) in Dünkirchen und in der ganzen Region statt, zum Beispiel im malerischen Städtchen Bergues, Drehort des Kultfilms „Willkommen bei den Sch’tis“ (Bienvenue chez les Ch’tis).
Nordsee, Mordsee
Grund zur Freude hatten die Fischer damals nicht. Sie schufteten frierend in sechzehnstündigen Schichten an der Reling ihrer offenen Boote, mussten mit langen Angelschnüren bis zu vierzig Kilo wiegende Kabeljaus aus dem eisigen Nordatlantik ziehen. Entlang der Klippen der Insel aus Eis (Île de Glace) fehlte jegliche Küstenbefeuerung, Zerschellungsgefahr drohte, der Ozean wurde beim stürmischen Wetter zum Raubtier. Die Krallen des Wassers umklammerten manches Boot und rissen es in die Tiefe. Das Meer ist nachtragend. Wer sich an seinen Schätzen vergreift, kann dabei sein Leben verlieren. Und dann blieben an Land untröstliche Frauen und Kinder zurück. Der Mensch, ein fragiler Spielball der Natur.
Ein Straßenkarneval zum Mitmachen
Den ersten Höhepunkt des Karnevals bildet der Ball der Schwarzen Katze (Le Bal du Chat Noir) im Kursaal, von Monsieur le Maire, Jean Bodart, offiziell eröffnet. Im Saal toben 8.000 fantasievoll kostümierte Menschen und singen Karnevalslieder. Auf das beste Kostüm, in Dünkirchener Mundart clet’che genannt, wird sehr viel Wert gelegt. Küsschen (bises), in Frankreich ohnehin ein alltäglicher Brauch unter Freunden, werden verteilt.
Der Dünkirchener Karneval ist vor allem ein Straßenkarneval zum Mitmachen. On fait carnaval, sagen die Dünkirchener. Im Gegensatz zu seinem eleganten, spektakulären, weltberühmten Pendant in Nizza, wo man Eintritt für einen Tribünenplatz zahlt, sind hier im hohen Norden keine kunstvoll dekorierten Prunkwagen, kein Blumenkorso zu bewundern. Es werden weder Blumen noch Kamelle in die Menge geworfen, Prunksitzungen sind unbekannt, die Obrigkeit wird nicht verspottet, man verspottet sich selbst. Hauptsache, die sozialen Schranken fallen. Hier ist der enthemmte Mensch das Spektakel. Selbstverständlich verkleidet sich auch der engagierte Bürgermeister. Allerdings sorgt das Leitbild der Karnevalisten (La Charte des carnavaleux) für die Einhaltung von Regeln. Sich amüsieren und nichts kaputtmachen, lautet die Devise.
Die carnavaleux, auch masquelours genannt, sind entfesselt. Geschminkt, oft als matantes, also als Frauen mit Perücken, Pelzmänteln, grellen Federboas und ausladenden Dekolletés verkleidet, tragen sie bunte Regenschirme mit überlangem Stiel und ziehen in Banden durch die windgepeitschten Straßen. Eine feuchtfröhliche Solidargemeinschaft. Geselligkeit (convivialité) und Gastfreundlichkeit (hospitalité) werden großgeschrieben, es wird gerne geteilt und auch für Bedürftige gespendet. Und so richten viele Dünkirchener in ihren Wohnungen sogenannte Kapellen (chapelles) ein. In diesen befreundeten Häusern (maisons amies) werden die umherziehenden Narren aufgenommen und mit Karnevalsbier, Frikadellen, deftigen flamiches au maroilles (Flammkuchen mit der kräftigen Käsesorte maroilles), Zwiebelsuppe (soupe à l’oignon) sowie Rollmöpsen als Heilmittel gegen den Kater, die gefürchtete „Holzfresse“ (gueule de bois) bewirtet.
Während der Trois Joyeuses herrscht in der Hafenstadt der Ausnahmezustand. Der Karnevalsumzug (la Bande), wird von einem hochgewachsenen Tambourmajor in napoleonischer Uniform angeführt und von der Musikkapelle (la clique) begleitet. Hinter den Querpfeifern, den Blechbläsern und Trommlern, die alle Öljacken tragen, haken sich muskulöse carnavaleux in der ehrenvollen ersten Reihe unter und bilden über die ganze Straßenbreite eine Menschenkette als Schutzschild für die Musiker. Der Tambourmajor fungiert als Zeremonienmeister, bestimmt die Strecke und die Musik. Ab und zu hebt er seinen Stab, der Zug hält an, die Querpfeifer hören auf zu spielen, die Blechinstrumente ertönen. Es ist für die carnavaleux hinter der ersten Reihe das Signal für einen Radau (chahut).Ausgelassen und lärmend springen sie in die Luft, drängen nach vorne. Die „Kleiderschränke“ (armoires à glace) der ersten Reihe müssen jetzt Schwerstarbeit leisten, um den Druck der nachschiebenden Massen aufzuhalten. Fällt jemand in der Menschenkette, wird ihm schnell auf die Beine geholfen, das Risiko, zertreten zu werden, wäre zu groß. Apropos „groß“: Überragend im wahrsten Sinne des Wortes ist der Riese Reuze, die Darstellung eines skandinavischen Kriegers, von seiner vierköpfigen Familie und zwei Wachen begleitet. Auch in anderen nordfranzösischen Städten wie Arras, Cassel und Douai wird bei Umzügen die spektakuläre Tradition der bis zu neun Meter hohen „Giganten“ aus (Korb)weide und Holz gepflegt.
Drei verrückte Tage. 50.000 Menschen auf den Straßen. Pfeift der Wind, pfeifen die Karnevalisten darauf, brüllt der Wind, wird er niedergebrüllt. Das Dünkirchener Karnevalsbier fließt reichlich. Wer Zuviel trinkt, ist im Dünkirchener Platt, wie in Deutschland, blau (bleu), und wer sich allzu sehr betrinkt, ist in dieser Hafenstadt erwartungsgemäß bleu marine, und nicht etwa schwarz (noir), wie in den anderen Regionen Frankreichs. Trotz der Charte des carnavaleux führt der Verlust der Selbstkontrolle manchmal leider zu unschönen Szenen, die wie in Deutschland der eigentlichen Intention des Karnevals widersprechen, also sich befreit, aber respektvoll zu amüsieren.
Die Banden aus den Stadtvierteln veranstalten einen Höllenlärm, schmettern oftmals anzügliche Karnevalslieder, aber auch solche berührenden von ihren Vorfahren, wie „Putain d‘Islande“, wortwörtlich „Hure von Island“, im Sinne von „Verfluchtes Island“.
Putain d‘Islande
Depuis trois jours, t’es déguisé, t’es maquillé et t’as picolé. Te voilà à cette heure sur le point de partir. Cap sur l’Islande.
Mort aux flétans ! Tu vas laisser femme et enfants Et peut-être mourir, là-bas sur les bancs Pour des morues ou des harengs. Va! Dans la bande, pense qu’au présent.
Verfluchtes Island
Seit drei Tagen bist du kostümiert, bist geschminkt und hast gebechert. Und da stehst du nun, bereits aufzubrechen: Auf nach Island. Tod dem Heilbutt! Du lässt Frau und Kinder zurück, und wirst vielleicht sterben, da oben auf den Sandbänken für Kabeljau oder Heringe. Doch los! In der Karnevalsbande gilt nur das Jetzt.
Übersetzung: Walter Weitz
Um 17 Uhr fordern die carnavaleux vor dem imposanten Hôtel de Ville im neoflämischen Stil lautstark die „Freilassung“ der Heringe: Libérez les harengs!
Mit dem allerletzten Tanz (le rigodon final) enden die jecken Tage unter freiem Himmel. Am Abend versammeln sich die carnavaleux auf dem Platz Jean-Bart vor dem Denkmal des Korsars und berühmtesten Sohnes der Stadt. (Abb 4 aus Wikipedia)
Wie durch ein Wunder überstand das Werk von David d’Angers aus dem Jahr 1845 den Bombenhagel und die fast vollständige Zerstörung von Dünkirchen Ende Mai 1940. Dünkirchen und Krefeld, zwei vernarbte Städte. Umso wichtiger deren Partnerschaft.
Erst 1662 ging Dünkirchen endgültig an Frankreich. Aufgrund ihrer strategischen Lage gehörte die begehrte Hafenstadt früher abwechselnd Flandern, Burgund, den spanischen Niederlanden und sogar vier Jahre lang von 1658 bis 1662 England. Wie kam es dazu? Als vertragsgemäße Belohnung für den gemeinsamen Sieg am 14. Juni 1658 über die lästigen Spanier bei der Bataille des Dunes (Schlacht in den Dünen), übergab Ludwig XIV. am Abend des 25. Juni das damals spanische Städtchen seinem Cousin, Charles II. von England. Und so mussten die verwirrten Dünkirchener an einem einzigen Tag gleich dreimal die Staatsangehörigkeit wechseln. Binnen 24 Stunden war Dünkirchen spanisch, französisch und schließlich englisch. Diese einmalige Episode ging als folle journée (verrückter Tag) in die Geschichte ein. Als Charles II. 1662 dringend Geld für die leeren Staatskassen brauchte, konnte der Sonnenkönig Dünkirchen für nur fünf Millionen livres, heute 200 Millionen Euro, zurückkaufen.
Als Kind war der Korsar Jean Bart, eigentlich Jan Baert, ein Flame. In einer Ballade von Theodor Storm wird er als Jan und nicht Jean gewürdigt:
Und als es mit England kommt zum Krieg, Wo Jan Bart erscheint, erscheint der Sieg. Wie stolz der britische Banner auch weht Jan Bart ist Herr und fegt die See.
Unter Ludwig XIV. agierte der Korsar in Diensten der Krone. Seine Mannschaft überfiel mit kleinen wendigen Schiffen die großen englischen und niederländischen Flotten. Trumpf im sogenannten Laufkrieg (guerre de course) waren Schnelligkeit, Verwegenheit und Überraschungseffekt. Am 29. Juni 1694 errang Jean Bart mit einem Geschwader von sieben Schiffen einen glänzenden Sieg in der Schlacht bei Texel. Er durchbrach die englische Blockade und brachte einen Konvoi von Handelsschiffen voll mit Getreide in das hungernde Frankreich. In den Adelsstand erhoben, wurde Jean Bart zwei Jahre später zum Großadmiral ernannt. Er wurde reich. In jeder Hinsicht ein Riese. Der 2,05 Meter große Hüne starb 1702 an den Folgen einer Rippenfellentzündung in seiner Heimatstadt, wo man heute seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Kirche Saint-Eloi besichtigen kann.
Ehre, wem Ehre gebührt
Die Dünkirchener verehren Jean Bart. Am ersten Abend der Trois Joyeuses in der zweiten Februarwoche begeben sich die Karnevalisten zum Platz Jean-Bart, knien vor der Statue des illustren Freibeuters und schmettern mit gen Himmel erhobenen Armen inbrünstig bis tief in die Nacht hinein die Kantate (la Cantate) an Jean Bart:
Jean Bart, salut, salut à ta mémoire. De tes exploits tu remplis l’univers. Ton seul aspect commandait la victoire. Et sans rival tu régnas sur les mers.
Jean Bart, sei gegrüßt, ein Gruß zu deinem Andenken. Deine Taten füllten das Erdenrund. Sein bloßer Anblick brachte den Sieg. Und keiner herrschte wie du über die Meere.
Übersetzung: Walter Weitz
Die mitreißende Hommage der carnavaleux lässt den furchtlosen Helden aus Bronze sichtlich kalt. Er ist ganz andere stürmische Zeiten gewöhnt. In stolzer Pose, einen Degen in der rechten Hand haltend, ist Jean Bart im Begriff ein Schiff zu entern. Wahrlich kein Spaßvogel. Ein Kämpferherz und ein feiner Stratege. Die Feinde Frankreichs hat er stets zum Narren gehalten.
Und die Dünkirchener Narren sind seine besten Freunde.
YouTube: Les Gens du Nord Auf YouTube ist das Chanson Les Gens du Nord von Enrico Macias zu hören. Darüber hinaus gibt es mehrere Videos über Le Bain des Givrés (Das Bad der Durchgeknallten) https://www.youtube.com/watch?v=9OnLqQukV9MCarnaval de Nice – Site officiel Informationen in französischer und in englischer Sprache https://www.nicecarnaval.com
Vor einem Jahr habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Daraus ist leider nichts geworden- eher im Gegenteil. Ein kleines Symbol der Hoffnung und Zuversicht gab es immerhin: Am 8. Dezember, fünf Jahre nach dem verheerenden Brand, ist Notre-Dame wiedereröffnet worden, „in aller Pracht und Schönheit“, vielleicht sogar noch prächtiger als zuvor (Gero von Randow).
Foto vom 21.12.2024
Seit dem Brand gab es insgesamt neun Beiträge zu Notre-Dame, zuletzt zwei im Dezember. Vielleicht werden noch weitere folgen. Aber zunächst gibt es viele andere Projekte für das nächste Jahr:
Zum 100. Geburtstag des Surrealismus: Eine Ausstellung über eher unbekannte Facetten des Werks von Jacques Prévert im Musée de Montmartre
Die beiden Zirkusbauten von Hittorff in Paris (vor allem der cirque d’hiver)
„Fort mit dir nach Paris“: Mozarts Aufenthalte in Paris. Vom gehätschelten Wunderkind zum gedemütigten Außenseiter
Dünkirchen, die Hochburg des französischen Karnevals
Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
Le Corbusier II: Villa Savoye und Plan Voisin, viel Licht und viel Schatten
Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Liebe, Macht und Tod
Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
Malmaison: „Das allerliebste Landhaus“ Napoleons und Josephines
Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel
„Kathedralen des Handels“: Die großen Kaufhäuser von Paris
Das Palais Idéal du Facteur Cheval in Hauterives/Drôme
und natürlich die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über Courbet in Ornans und das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte
Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Insgesamt jedenfalls entwickelt sich der Blog weiter sehr positiv: Mehr Abonnenten, mehr Besucher, 30 neue Beiträge im letzten Jahr (eigentlich hätten es höchstens 24 sein sollen…), davon auch einige schöne Gastbeiträge, für die der Blog immer offen ist. Das soll sich auch im neuen Jahr so fortsetzen.
Außerdem wird es ein 2025 ein neues Format geben: Nämlich ein „Bild des Monats“ (was vielleicht auch einmal zwei oder drei sein können). Wir finden in Paris und Frankreich oft schöne Fotomotive, die aber nicht zu einem geplanten Blog-Beitrag passen. Für solche Bilder soll nun auch Platz auf dem Blog sein – eine hoffentlich schöne Ergänzung und vielleicht auch ein kleiner Ausgleich zu den ja oft sehr ausführlichen Blog-Beiträgen…
Mit vielen guten Wünschen für das neue Jahr und natürlich auch weiterhin Interesse und Freude an dem Paris- und Frankreich-Blog
Im gewaltigen Raum des Orangeriegewöbles eröffnet sich eine überwältigende Fülle phantasievoll gestalteter Naturräume, ohne Abbildung real existierender Pflanzen – wie im schönen Frankfurter Paradiesgärtlein – oder von Tieren oder gar Menschen. Von Menschenhand sind lediglich angedeutete Bogenstrukturen, eine Grotte, ein Brunnen als Bezüge zum Ausstellungsthema. Und ein Sakralbau – eine Kirche mit der Kuppel einer Moschee? Alle Darstellungen bleiben Abstraktionen von uns bekannter Natur. Keine Exotik à la le Douanier Rousseau. Bäume, Blumen, Gräser kommen uns heimisch vor, auch ohne konkrete Zuordnung. Ihre Transformation ins Abstrakte erhöht den Reiz des Zauberhaften, des Geheimnisvollen, Magischen. Es lohnt sich, langsam an den Wänden entlangzugehen. Dabei fallen immer wieder lockende kleine Ausschnitte sozusagen in Postkartengröße ins Auge. Auf diese Weise sieht man auch genauer die reiche Detailarbeit, mit der die Stoffe bestickt sind. Die äußerst minutiöse und vielfältige Sticktechnik überrascht wie die zarten Naturfarben, die überwiegen. Besonders viel Schwung entsteht allerdings durch die Strichelung – die an van Gogh erinnert -für einen bewegten Hintergrund. Sehr gelungen die Lösung, sprudelndes herunterstürzendes Wasser mit freihängenden weißen Fäden lebendig zu machen – passend zu den gleichzeitig gezeigten Wasserspielen im Schlosspark. Die Ausstellung ist eine Einladung, die Stickerei mit all ihren Details in Ruhe zu betrachten und sich daran zu erfreuen.[1] Frauke Jöckel
Ein Ausstellungsbericht
Vom 18. Juni bis zum 29. September 2024 ist in der Orangerie des Versailler Schlosses Eva Jospins monumentales Werk „Chambre de soie“ (Ein Zimmer aus Seide) ausgestellt.
Für Eva Jospin ist dies eine ganz neue Facette ihres Werks. Denn das von ihr üblicherweise verwendete Material ist nicht Seide, sondern Wellpappe, die sie mit Messer, Schere und Kleister schneidet und in Schichten verklebt, so dass phantasievolle Naturlandschaften und Architekturen entstehen.
Dies ist eine für Jospins Arbeiten charakteristische, aus Karton gefertigte Waldlandschaft. Sie befand sich im Innern eines 2016 im cour carrée des Louvre aufgestellten Panoramas: Innen die Natur, außen Metall und in dessen Spiegelung die umgebende Architektur des Louvre-Innenhofs.
Diese Installation war der künstlerische Durchbruch Eva Jospins, deren Status als Tochter des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten und unglücklichen Präsidentschaftskandidaten von 2002 anscheinend ihrer Karriere eher hinderlich war. Seit der Louvre-Installation hat sie aber ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb. Beispielsweise erhielt sie den Auftrag, einen der neuen Bahnhöfe des Grand Paris Express künstlerisch zu gestalten.
Fassade des Bahnhofs Hôpital Bicêtre der neuen verlängerten Metro- Linie 14- aufgenommen an einem regnerischen Tag… (Beton-Abguss des Wellpappe-Modells mit Wurzeln/Lianen aus Bronze)
Mit dem Seidenzimmer knüpft Eva Jospin an die Panorama-Installation von 2016 an – allerdings mit gänzlich anderem Material und in linearer Form.
Inspiriert wurde sie bei beiden Projekten von den großen Panoramen des 19. Jahrhunderts[4], bei dem neuen Werk aber auch von dem Seerosen-Panorama Monets im Pariser Musée de l’Orangerie, das sie vor Beginn der Arbeit an dem Seidenzimmer intensiv studiert habe.
Auch insofern bietet die imposante Architektur der Versailler Orangerie für Jospins Stickerei von 107 Länge und mehr als 350 qm2 einen wunderbaren Rahmen.
Den Blick von der Schlossterrasse (Parterre de l’Orangerie) auf den darunter liegenden Garten der Orangerie kann man kaum verfehlen, wenn man den Schlosspark betritt.
Er hat zu allen Jahreszeiten seine Reize.
Im Gewölbe darunter werden im Winter etwa 1500 kälteempfindlichen Gewächse wie Palmen und natürlich Orangen- und Zitronenbäume untergestellt.[5]
Es ist ein grandioser Raum….
… hier der Eingang für die Bäume:
… und hier der für die Besucher der Ausstellung:
…. alles überwacht von Berninis Sonnenkönig hoch zu Ross.
Im Sommer ist dort Platz für Ausstellungen – diesmal für das von Eva Jospin entworfene gestickte Natur- und Architekturpanorama.
Es geht zurück auf die von Dior beauftragte Ausschmückung einer Modenschau im Musée Rodin im Juli 2021. Sie fand in einem Pavillon statt, dessen Wände U-förmig mit der Stickerei Jospins bedeckt waren- deshalb auch der Name „chambre de soie“. Darin war Platz für den Laufsteg der Mannequins und die Plätze der ausgewählten erlauchten Gäste.[6]
Hergestellt wurde die Traumlandschaft nach detaillierten Entwürfen und Angaben Jospins von 320 Stickerinnen der Ateliers Chanakya in Bombay und der zusammen mit Dior gegründeten Chanakya School of Craft: In Europa hätte es wohl kaum das know how für ein solches monumentales Projekt gegeben, und wenn, dann wohl auch nur zu selbst die Möglichkeiten von Dior überschreitenden Kosten. Dior sieht in der Schule aber vor allem ein feministisches Entwicklungsprojekt: Stickerei sei in Indien traditionell den Männern vorbehalten und jetzt erhielten gerade Frauen eine handwerkliche Stickerei-Ausbildung auf höchstem Niveau.[7] Auftraggeber und Abnehmer ihrer Arbeiten sind inzwischen zahlreiche Modehäuser aus aller Welt.
Die Kunstfertigkeit der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sich die Stickerei aus der Nähe betrachtet: Auf die seidene Grundlage wurden Fäden aus Jute, Seide und Baumwelle gestickt, mit 150 verschiedenen Stichtechniken und mehr als 400 Nuancen aus Naturfarben! Dazu Eva Jospin: „Wenn man die unglaublichen Details aus der Nähe sieht, wird deutlich, dass es Werke gibt, die nicht virtuell sein können, sondern leben müssen.“[8]
Nach der Modenschau im musée Rodin war Jospins Werk eine Woche lang dort für die Öffentlichkeit zugänglich und verschwand dann in den Magazinen von Dior: Ein wahnwitziger Aufwand für imgrunde nur wenige Stunden.
Als Parallele sieht Jospin hier den gewaltigen Aufwand, den Fürsten der Renaissance und vor allem des Barock für festliche Ereignisse und Stunden betrieben haben:
„Architekturen, die von transalpinen Künstlern wie Leonardo da Vinci für festliche Ereignisse geschaffen wurden, wurden an allen europäischen Höfen aus Anlass von Hochzeiten, Geburtstagen und Krönungsfeierlichkeiten aufgegriffen. Heutzutage erinnern Modenschauen an diese Art von kurzlebigen Ereignissen: Sie erfordern Monate von Vorbereitung für einige Stunden der Präsentation. Die Kunst und die Mode sind historisch verwandt. Ein fruchtbarer Austausch: Ich hätte sonst niemals so viele finanzielle Mittel und ein so außerordentliches Maß an handwerklicher Kompetenz zusammenbringen können, die notwendig waren, um dieses Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ [9]
Gerade im Zeitalter Ludwigs XIV. spielten aufwändige Feste mit ephemeren Aufbauten eine zentrale Rolle als Repräsentationsmittel von Herrschaft.[11] Auch insofern ist Versailles ein passender Ort für die Ausstellung des monumentalen und vielleicht auch ephemeren Werks von Eva Jospin.
Eva Jospin hat aus Anlass der Ausstellung ihr Panorama erweitert und durch zusätzliche Bildtafeln einen direkten Bezug zu Versailles hergestellt. Da gibt es -ziemlich unverkennbar- die berühmte, aber nicht mehr erhaltene Thetis-Grotte aus dem Park
Die Grotte de Téthys. Kupferstich von Gabriel Perelle (1604-1677)[12]
Ganz deutlich ist auch der Hinweis auf das -ebenfalls nicht mehr erhaltene- Labyrinth von Versailles.[13]
Ein Brunnen im verschwundenen Labyrinth: Der Uhu und die Vögel. Kupferstich von Sébastien Leclerc (1637-1714)
Auch einen Hinweis auf die kunstvolle Umrandung des bosquet de l’Encelade kann man in dem Versailler chambre de soie finden.
Aber immer hat man bei der Betrachtung des Seidenzimmers Jospins den Eindruck, dass die Natur stärker ist als das von Menschen Geschaffene – manchmal drängen sich da Assoziationen zu Stätten wie Angkor Wat auf, wo die Natur allmählich die Architektur überwuchert: Eine der Inspirationsquellen Jospins ist nicht von ungefähr der Maler Hubert Robert, der sich um 1800 vor allem als „peintre de ruines“, als Ruinenmaler, einen Namen machte. Insofern darf man das Panorama, vor dem zunächst die bildhübschen Mannequins entlangschritten und posierten, auch als ein Momento mori betrachten…
Das in der Orangerie von Versailles ausgestellte Werk Eva Jospins lädt zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Assoziieren, zum Meditieren. Es wäre schön, wenn es nach dem Ende der Ausstellung nicht endgültig in den Magazinen von Dior verschwinden und verstauben würde…
Praktische Informationen:
Eva Jospin: Versailles. Ausstellung in der Orangerie des Schlosses. 18. Juni bis 29. September 2024
Danke für die beeindruckenden Impressionen über die wunderschönen Werke von Eva Jospin und die Verweise auf die Inspirationen durch Le Nôtre. Hoffen wir, dass Jospins Phantasien zu Le Nôtres Gartenkunst nicht in den Magazinen von Dior verschwinden und zu einem der vielen ephemeren Kunstwerke werden, die für immer unseren Augen entschwinden und die für uns nur ein kurzer glückhafter Moment waren. Man möchte Jospins Kunst zurufen: Verweile doch, du bist so schön! Doch: »Glück, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverlässigst Ephemere ist das Glück.« (Melanie Unseld: Reizvolles Verschwinden, mdw-WebMagazin, 28. 02.2022)
Unter den Bourbonen gab es die für die Festorganisation zuständigen Menus-Plaisirs du Roi, an deren Spitze bei Ludwig XIV. der Komponist Lully stand, im 19. Jahrhundert der Architekt Hittorff.
Die französische Nationalbibliothek, eine der größten der Welt, hat mehrere Standorte. Der größte und spektakulärste ist der 1996 eingeweihte Neubau im 13. Arrondissement am Ufer der Seine. Ein geradezu pharaonisches Projekt mit vier um einen tief gelegenen Wald gruppierten hohen Ecktürmen in der Form aufgeschlagener Bücher, mit dem sich der damalige französische Präsident François Mitterrand ein -entsprechend auch nach ihm benanntes- Denkmal gesetzt hat.
Der älteste und ursprüngliche Standort der BnF ist der Site Richelieu.[2] Dorthin verlegte Colbert ab 1666 die Bestände der königlichen Bibliothek. Die war zunächst eine Sammlung von Handschriften. Mit dem Buchdruck und entsprechend dem schon 1537 eingeführten dépot légal diente sie dazu, alle neu erschienenen Bücher aufzubewahren, und nicht zuletzt sollte sie durch eine massive Ausweitung der Sammlung von Schriften und Medaillen den Ruhm des „Sonnenkönigs“ vermehren. 1721/1722 konnte die Bibliothek das benachbarte Palais des Kardinals Mazarin beziehen, deren Galerie -etwa 40 Jahre vor dem Spiegelsaal von Versailles gebaut- ein außerordentliches barockes Glanzstück der BnF ist.
Aber auch danach hatte die Bibliothek einen ständig wachsenden Raumbedarf. Im zweiten Kaiserreich Napoleons III. erfolgte eine umfassende Erweiterung und Modernisierung, deren architektonischer Höhepunkt ein großer neuer Lesesaal, die nach ihrem Architekten benannte Salle Labrouste, ist.
In den letzten Jahren erfolgte dann eine umfangreiche Renovierung, und seit 2022 ist der alte Bau der Bibliothèque Nationale/site Richelieu (BnF) im Zentrum von Paris wieder zugänglich. Ich möchte nachfolgend zu einem Rundgang einladen und damit auch Lust auf einen eigenen Besuch machen. Auch wenn man nicht vorhat, die Bibliothek als Leser zu nutzen, ist es doch möglich und äußerst lohnend, den architektonisch reichen Bau, vor allem die beiden monumentalen Lesesäle, zu bewundern. Und dazu ist die BnF nicht nur eine äußerst reichhaltige Bibliothek, sondern zu ihr gehört auch ein an einzigartigen Exponaten reiches Museum, das in einem glanzvollen historischen Ambiente untergebracht ist.
Als Besucher oder gar Nutzer der Bibliothek befindet man sich -gerade auch aus deutscher Sicht- in bester, prominenter Gesellschaft. Rainer Maria Rilke, Paris eng verbunden, schreibt in seinem „Malte Laurids Brigge“:
“Bibliothèque Nationale. Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen.”[3]
Auch Stefan Zweig benutzte bei den Vorarbeiten zu seinen historischen Monografien intensiv die Bibliothèque Nationale. Er wählte dafür sogar gezielt Wohnorte in der Nähe der Bibliothek: So 1912 und öfters danach das Hotel Beaujolais mit Ausblick auf die Gärten des Palais Royal, In seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ blickt Zweig mit wehmütiger Begeisterung auf das „Paris der ewigen Jugend“ und die Aufenthalte im Hotel Beaujolais zurück:
„In diesem historischen Geviert des Palais Royal hatten die Dichter, die Staatsmänner des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts gewohnt, quer gegenüber war das Haus, wo Balzac und Victor Hugo so oft die hundert engen Stufen bis zur Mansarde der von mir so geliebten Dichterin Marceline Desbordes-Valmore emporgestiegen waren, dort leuchtete marmorn die Stelle, wo Camille Desmoulins das Volk zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, dort war der gedeckte Gang, wo der arme kleine Leutnant Bonaparte sich unter den promenierenden, nicht sehr tugendhaften Damen eine Gönnerin gesucht. Die Geschichte Frankreichs sprach hier aus jedem Stein; außerdem lag nur eine Straße weit die Nationalbibliothek, wo ich meine Vormittage verbrachte…“[4]
Auch für Joseph Roth und Walter Benjamin war die Bibliothèque Nationale gewissermaßen das zweite Zuhause, vor allem, als im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr für sie war. Gisèle Freund, die für ihre berühmten Künstlerportraits immer charakteristische Orte und Posen wählte, hat für ihr Foto Walter Benjamins einen Lesesaal der Bibliothèque Nationale gewählt.[5] Ganze Tage verbrachte er dort, sammelte in mikroskopisch kleiner Schrift Tausende von Notizen und Zitaten. Das Buch seines Lebens wäre es geworden: das „Passagenwerk“.[6]
Ein Rundgang durch die BnF/Richelieu
Der Eingang in das große Areal der Bibliothek ist in der rue Vivienne Nummer 5. Man betritt zuerst einen großen Garten, den Jardin Vivienne, der im Zuge der Renovierung neu angelegt wurde und -wie die Bibliothek insgesamt- allgemein zugänglich ist.
Der Papyrusgarten
Angepflanzt sind dort -passend zur Bestimmung des Ortes- vor allem Pflanzen, deren Fasern zu Herstellung von Schreibunterlagen wie Papier genutzt werden können.
Der ovale Lesesaal
Gleich neben dem Foyer liegt die „salle ovale“, der große ovale Lesesaal. Konzipiert wurde er Ende des 19. Jahrhunderts, aber erst Mitte der 1930-er Jahre fertiggestellt.
Vor allem beeindruckt er durch seine Größe und Form. In zwanzig Metern Höhe befindet sich das ovale Glasdach, von runden gläsernen Öffnungen umgeben; dazwischen die Namen von Städten, die für die Weltkultur bedeutsam waren und sind.
…zwischen Ninive und Alexandria: Berlin!
Es gibt dort 160 Leseplätze und eine Präsenzbibliothek von 20 000 Büchern. Zunächst war dieser Lesesaal für Forscher bestimmt, seit der Neueröffnung 2022 allerdings wurde das Konzept der Bibliothek radikal geändert und der ovale Lesesaal für Jedermann geöffnet.[7]
Neben den Leseplätzen mit den charakteristischen hellblauen Tischlämpchen gibt es direkt hinter dem Eingang auch gemütliche Sessel zum Sitzen und Schmökern. Angesprochen sind hier vor allem Kinder und Jugendliche, für die in großen runden Boxen Bilderbücher und die in Frankreich hochgeschätzten Comics (BD) zum Lesen und Betrachten einladen.
Das Herz Voltaires
Im Salon d’honneur zwischen dem ovalen Lesesaal und dem Cour d’honneur steht eine Statue Voltaires.
Es ist die ursprüngliche Gipsversion der Skulptur des Bildhauers Jean-Antoine Houdon.
Es gibt mehrere Versionen dieser Skulptur, u.a. einen Bronze-Abguss im Foyer der Comédie Française und ein Exemplar aus Terrakotta im Musée Fabre in Montpellier. Die Skulptur in der BnF weist aber eine Besonderheit auf.
In dem Podest, auf dem die Skulptur steht, befindet sich nämlich ein Fach mit dem Herz Voltaires. Wie das kam, soll hier kurz berichtet werden.[8]
Am 30. Mai 1778 starb Voltaire in Paris bei seinem Freund, dem Marquis de Villette. Der beauftragte einen Apotheker, eine Autopsie vorzunehmen, den Leichnam einzubalsamieren und für ihn das Herz zu entnehmen. Der Leichnam wurde dann in der Abtei von Scellières bei Troyes bestattet, deren Abt ein Neffe Voltaires war, und am 11. Juli 1791 ins Pantheon überführt. Siehe dazu den entsprechenden Blogbeitrag.
Der Voltaire-Raum im Schloss von Fernay[9] An der Wand Portraits seiner Bewunderer
Für das Herz richtete Villette im Schloss von Fernay, wo Voltaire seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, einen der Verehrung des großen Mannes dienenden Raum ein: In einer Nische ruhte das Herz unter einem Baldachin und auf einem Kissen. 1885 aber musste Villette das Schloss schon wieder verkaufen und das Herz Voltaires in sein Stammschloss überführen. Dort ruhte es bis 1864, als es auf Befehl Napoleons III. der Bibliothèque nationale -bzw. damals impériale- übergeben wurde.
Der Architekt Henri Labrouste, der damals die Bibliothek erweiterte und erneuerte, baute für das Herz und die Statue Houdons sogar einen speziellen noblen Ort, die Rotonde Voltaire[10], die dann aber für andere Zwecke genutzt wurde. So verstaubte die Statue im Depot der Bibliothek, bis sie 1924 im Salon d`honneur ihren jetzigen würdigen Platz fand.
„Der schönste Lesesaal der Welt“: Die salle Labrouste
Dieser in den 1860-er Jahren errichtete eindrucksvolle Lesesaal gehört nach dem Urteil der Neuen Züricher Zeitung zu den „Weltwundern unter den Bibliotheksbauten“, ja er wurde von ihr sogar zum schönsten Lesesaal der Welt gekürt.[11] Benannt ist er nach seinem Erbauer, dem Architekten Henri Labrouste, einem „Pionier des Eisenbaus“, von dem auch die Bibliothek Sainte-Geneviève neben dem Pantheon stammt. Die beiden Bibliotheksbauten Labroustes sind insofern revolutionär, als hier die konstitutiven gusseisernen Strukturen nicht nur sichtbar sind, sondern sogar die Ästhetik der Bauten wesentlich mitbestimmen. Von anderen Architekten dieser Zeit wie Gottfried Semper wurde das höchstens für Zweckbauten wie Bahnhöfe akzeptiert.[12]
Die Schlankheit und große Tragfähigkeit der gusseisernen Stützen ermöglichte die Konstruktion eines durch viele Glaskuppeln lichtdurchfluteten hellen Raums. In einer Zeit, in der es noch keine elektrische Beleuchtung gab, war dies ein unschätzbarer Gewinn für die Ästhetik und Funktionalität des Raums.
Die charakteristischen Tischlampen an jedem Leseplatz gibt es aber natürlich auch.
Zu der opulenten Ausstattung des Saales gehören auch Medaillons bedeutender Schriftsteller aus Frankreich (u.a. natürlich Molière) , Italien (Dante) , England (Shakespeare), Spanien (Cervantes) … Ein Vertreter der deutschen Sprache, in Frankreich gerne langue de Goethe genannt, ist allerdings nicht dabei… Immerhin -wenigstens!- eine einzige Frau, nämlich die berühmte Briefschreiberin Madame de Sévigné, von der wir viel Interessantes und auch Amüsantes über die Zeit Ludwigs XIV. erfahren können. (Ein Blog-Bericht über sie, die in Paris geboren wurde und lange dort wohnte, ist geplant)
Der Lesesaal ist heute Zentrum und Schmuckstück des Institut nationale d’histoire de l’art (INHA), der weltweit größten kunstgeschichtlichen und archäologischen Bibliothek. Er ist -anders als die salle ovale- nicht für ein breites Publikum geöffnet. Vom Eingangsbereich aus ist es allerdings möglich, einen Blick in den Lesesaal zu werfen. An den jährlich im September stattfindenden Europäischen Tagen des Kulturerbes (journées européennes du patrimoine) ist er allerdings auch für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Das Museum
Die BnF war von Anfang an nicht nur eine Bibliothek, sondern gleichzeitig auch ein Museum. Ein Jahr nach Einrichtung der königlichen Bibliothek in der rue Vivienne installierte Colbert dort auch die königliche Kunstsammlung, le cabinet du Roy, die bis dahin im Louvre, dem königlichen Schloss, ihren Platz hatte. Nach einem Zwischenspiel in Versailles kehrte die Kunstsammlung an ihren früheren Platz zurück und wurde 1743/44, damals das einzige Museum der Stadt, für die Öffentlichkeit geöffnet.
Die neue elegante Treppe in der Hall d’Honneur, über die man in die Museumsräume im ersten Stock gelangt. Guillaume Murat BnF
Der Saal der Säulen, in dem Kunstwerke aus kostbaren Materialien und verschiedenen Zeitaltern ausgestellt sind.[13]
Dieser Frauenkopf aus Marmor ist die römische Kopie eines griechischen Originals aus den Jahren um 450 vor Christus. Entsprechend der Beschriftung soll es sich um die griechische Dichterin Sappho handeln, die traditionell mit einem um die Haare geschlungenen Band dargestellt wurde.
Dieser goldene Teller (Ausschnitt) stammt aus dem Römischen Reich (4.-5. Jahrhundert). Weil das Löwenmotiv in der Mitte sich auch in karthagischen Münzen findet, hat man den Teller im 18. Jahrhundert „Schild des Hannibal“ genannt.
Ein Prunkstück des Museums ist der Schatz von Berthouville. 1830 fand ein Landwirt in seinem Acker in Villeret, einem Weiler bei Berthouville in der Normandie, einen Schatz mit 69 silbernen Gegenständen, vor allem Trinkgefäße mit historischen und mythologischen, griechischen Motiven, gefertigt aus getriebenem, vergoldetem und ziseliertem Silber. Sie gehörten zu einem Tempel, der dem Mercurius von Canetonum geweiht war. Canetonum war der römische Name von Villeret. [14]
Der Mercurius von Cantenonum aus dem Schatz von Berthouville
Im anschließenden Saal (salle de Luynes) wird die Kunstsammlung päsentiert, die der Herzog von Luynes 1862 dem Staat schenkte. Dazu gehörte eine wertvolle Sammlung griechischer Vasen, die hier präsentiert werden….
… und auch der Torso einer dem Wasser entsteigenden Venus, einer Venus Anadyomene.
Der folgende Saal, das Cabinet des Médailles, trägt den Namen des abbé Barthélémy, einem Verwalter der königlichen Kunstsammlung. Etwa 600 000 Münzen und Medaillen werden in der BnF aufbewahrt, einige davon sind hier ausgestellt.
Ein besonders schönes Stück ist diese Medaille Ludwigs XIV.:
Der König ist als Kriegsherr dargestellt, mit einer zeitgenössischen Rüstung und Seidenkravatte. Die Aufschrift: „Ludovicus Magnus Fran(ciae) et Nav(arrae) Rex P(ater)P(atriae)“, also Ludwig der Große, König von Frankreich und Navarra, Vater des Vaterlandes“. Pater Patriae war ein römischer Ehrentitel, den bereits der römische Kaiser Augustus trug.
Die Medaille stammt aus dem Jahr 1672, also den frühen Jahren des Königs, und sie ist mit schweren goldenen Ketten ausgestattet, so dass sie um den Hals getragen werden konnte und sollte.
Bestimmt war sie für einen elsässischen Adligen, Theobald von Reinach-Hirtzbach, vermutlich als Dank für dessen Rolle bei der mit dubiosen juristischen Mitteln, Bestechung, Erpressung und militärischer Gewalt vollzogenen Annexion des Elsass.[15]
Seit der Renovierung der BnF ist auch der Salon Louis XV, der reich ausgestattete ursprüngliche Raum des cabinet du Roi, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Die Galerie Mazarin
1721/1722 wurde in dem Stadtpalais des Kardinals Mazarin die königliche Bibliothek installiert. In der Galerie hatte der Kardinal Kostbarkeiten seiner Kunstsammlung ausgestellt. Daran knüpft die BnF 300 Jahre später wieder an: In einem ersten kleinen Teil der Galerie werden nun dauerhaft Preziosen der Nationalbibliothek präsentiert, die aus den Kirchenschätzen der Abtei von Saint-Denis und der Sainte-Chapelle stammen.
So diese Kamee des Augustus, hergestellt zur dessen Lebzeiten in Rom und im 14. Jahrhundert in Paris verziert mit einem Kranz von Edelsteinen und Perlen.
Diese Kamee aus dem Kirchenschatz der Sainte-Chapelle ist das größte erhaltene Exemplar aus römischer Zeit. Entstanden ist es zur Zeit des Kaisers Tiberius um 23 nach Christus. Abgebildet sind 24 Figuren, die in fünf Schichten in einen einzigen Sardonyx-Stein geschnitten sind.
Man vermutet, dass der Heilige Ludwig die Kamee 1247 auf seinem Kreuzzug vom byzantinischen Kaiser als Geschenk erhalten hat. Wegen ihrer Größe und Schönheit wird der Stein auch „die Große Kamee Frankreichs“ genannt.
Abgebildet sind drei Welten: In der Mitte Kaiser Tiberius und seine möglichen Nachfolger; unten die Besiegten, Parther und Germanen; und oben der Olymp mit den um Augustus gruppierten Welt der toten Heroen. Rechts sieht man auf einem geflügelten Pferd Germanicus, der von Augustus zum Nachfolger des Tiberius bestimmt worden war, aber vor diesem starb.
Hier der Ausschnitt einer großen Schale aus dem spätantiken Sassanidenreich (Iran). In der Mitte ein König dieses zweiten großpersischen Reichs. Wegen der Schönheit und Kostbarkeit der Schale wurde sie im 13. Jahrhundert von den Chronisten von Saint- Denis dem König Salomon zugeschrieben.
Diese Schachfiguren aus Elfenbein gehören zu dem sogenannten Schachspiel Karls des Großen, einem der ältesten der westlichen Welt. Hergestellt wurden sie in Süditalien (Salerno) Ende des 11. Jahrhunderts, gelangten dann -wann und wie auch immer- in den Schatz der königlichen Abtei von Saint-Denis. In der Französischen Revolution wurden die 16 noch erhaltenen Stücke der Bibliothek Nationale übereignet.[16]
Die Zuschreibung der Schachfiguren beruht auf einer seit dem 14. Jahrhundert verbreiteten Legende: Danach soll der Kalif Harun-al-Raschid das Spiel Karl dem Großen zu seiner Krönung im Jahr 800 geschenkt haben. Der historische Hintergrund dieser Legende ist sicherlich der Elefant Abul Abbas, den der Kalif von Bagdad Karl dem Großen schenkte. Durch den legendären Bezug zu Karl dem Großen und dem Kalifen von Tausendundeiner Nacht wurde das Schachspiel entscheidend aufgewertet und erhielt gewissermaßen den einer sonst nur einer kostbaren Reliquie zukommenden Status. Wie dieses Schachspiel und die davor abgebildete, dem König Salomon zugeschriebene Schale zeigen, besaß die Abtei von Saint-Denis ganz offensichtlich die Fähigkeit, ihren Schätzen durch eine geschickte Legendenbildung außerordentlichen Glanz zu verleihen.
Die Galerie Mazarin, die man danach in ihrer vollen Pracht bewundern kann, wurde gebaut von François Mansard, dem „Architekten des Königs“, also dem für alle offiziellen Bauvorhaben Ludwigs XIII. und des jungen Ludwigs XIV. zuständigen Architekten. Für die Ausmalung engagierte Mazarin den italienischen Maler Giovanni Francesco Romanelli, der 1646/47 das Gewölbe mit von der griechisch-römischen Mythologie inspiriertes Fresken ausmalte. Ins Zentrum platzierte er die Darstellung des die Giganten züchtigenden Zeus.
Mazarin war damals Premierminister des noch unmündigen jungen Ludwigs XIV. und kurz danach begann offiziell die Fronde, der Aufstand gegen dessen Herrschaft. Der Aufstand wurde schließlich mit Mazarins Hilfe niedergeschlagen.
So kann man das zentrale Fresko der Galerie als eine vorausschauende Darstellung der Auseinandersetzung des künftigen Sonnenkönigs (Zeus) mit dem aufständischen Hochadel (Giganten) deuten. Vielleicht kann man darin sogar eine Warnung vor der sich abzeichnenden Auseinandersetzung sehen.
Eine zentrale Rolle in den weiteren Fresken spielt Apollo, der ja gewissermaßen der „Patengott“ Ludwigs XIV. war.
Hier ist der junge Gott der Musik umgeben von den ihn anhimmelnden Musen. Der Bezug zu Raphaëls Fresko Parnass in den Stanzen des Vatikans liegt nahe. Bei Romanelli kommt allerdings die Überreichung des Lorbeerkranzes hinzu, und da denke ich an Apolls Wettstreit mit Marsyas und die grauenhafte Rache des von den Musen zum Sieger erklärten Gottes.
Auch auf diesem Fresko wird ein Lorbeerkranz überreicht, und zwar von dem Königssohn Paris: Aphrodite geht aus dem Schönheitswettbewerb der drei Göttinnen als Siegerin hervor. Seit der Restauration in den Jahren 2018 und 2019 kann man die authentische Schönheit der Aphrodite/Venus übrigens erkennen und bewundern, denn vorher waren ihre Brüste und ihr Rücken (ebenso bei ihrer Mitbewerberin Juno) mit zarten Schleiern (voiles de pudeur) bedeckt…
Darunter Plakate des Mai 1968: Im zentralen Raum der Galerie Mazarin gibt die BnF in Wechselausstellungen einen Einblick in die ihre reichen und vielfältigen Bestände. Hier einige weitere- gerade aus deutscher Sicht besonders interessante- Beispiele der im September 2023 präsentierten Auswahl:
Dies ist eine Seite der 1687 herausgegebenen Erstausgabe von Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“, seinem Hauptwerk. Das Buch gehörte seit 1715 dem Kölner Jesuitenkolleg, 1794 allerdings auch zu den von der französischen Revolutionsarmee erbeuteten Raubkunst. (An eine Restitution ist -das darf man ironisch wohl anmerken- natürlich nicht gedacht…)
Ob es sich auch bei diesem Fragment von Beethovens Autograph aus dem Finale der 9. Sinfonie um Raubkunst handelt, wird in der beigefügten Information nicht angegeben, dafür allerdings, dass es bis 1912 dem Sammler Charles Malherbe gehörte. Den hätten „les autorités allemandes“ wiederholt gefragt, was das Exemplar denn koste, und er habe geantwortet: „L’Alsace et la Lorraine“…
Zum versöhnlichen deutsch-französischen Schluss dieses Blatt der von Albert Stapfer ins Französische übersetzten Ausgabe von Goethes „Faust“ aus dem Jahr 1828. Eugène Delacroix steuerte dazu 17 Lithographien bei – mit seiner machtvollen Dramatik und der Atmosphäre eines phantastischen Mittelalters ein wahrhaftes Manifest der romantischen Bewegung und ein „chef-d’œuvre de la lithographie“, wie es in der beigefügten Informationstafel heißt. Hier ein Blatt mit dem französisch übersetzten Faust- Zitat:
„Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern/Und hüte mich mit ihm zu brechen./Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,/so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.“
In Frankreich allerdings war die Rezeption ablehnend. Delacroix erinnerte sich noch 1862, dass seine Illustrationen Karikaturen hervorriefen, die ihn „als eine der Hauptstützen der Schule des Häßlichen hinstellten“. Goethe allerdings, der die kunstkritische Auseinandersetzung um Delacroix kannte, würdigte dessen künstlerische Originalität und Modernität und sprach anerkennend von den Faust-Illustrationen als „einem wunderlichen Erzeugniß zwischen Himmel und Erde, Möglichem und Unmöglichem, Rohstem und Zartestem“, in dem die Phantasie „ihr verwegenes Spiel treiben“ könne…[17] Damit endet dieser Rundgang durch die Bibliothèque nationale/Richelieu, die natürlich noch über viele weitere Schätze verfügt und die es verdient, in einen Paris-Besuch von Kunst- und Bücherfreunden einbezogen zu werden.
… Zumal derzeit – noch bis zum 16. Juni 2024- in der Bibliothek eine neue Ausstellung über die Anfänge der Renaissance zu sehen und zu bewundern ist…. [18]
Die Bibliothèque Nationale in der rue Vivienne, die prachtvolle Galerie Vivienne, die place des Victoires und zum Abschluss der Garten des Palais Royal: ein wunderbares Programm für einen Tag in Paris!
Anmerkungen
[1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel
[2] Siehe dazu auch: connaissance des arts. Hors-série: BnF/Richelieur. Bibliothèque et Musée. Paris 2022;
Bruno Blasselle und Gennaro Toscano, Histoire de la Bibliothèque nationale de France. Hrsg. von der BnF 2022;
Gennaro Toscano (Hrsg), 100 chefs-d’œuvre de la Bibliothèque nationale de France. BnF 2022;
Aurélien Conraux, Anne-Sophie Haquin und Christine Menguin, Richelie. Quatre siècles d’histoire architecturale aus cœur de Paris. BnF und INHA, 2017
[15] Im kleinen Begleittext zu der Medaille heißt es dazu: „La fin du 17e siècle marque en effet l’achèvement de la conquête de cette province, où l’autorité française peine à s’imposer.“ Da waren solche Geschenke sicherlich nützlich…
„Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig. […] In vierthalb Stunden reist man jetzt nach Orleans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee“, schreibt Heinrich Heine am 5. Mai 1843 anlässlich der Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen nach Orléans und Rouen.[1]
Heute, wo wir in nicht einmal 10 Stunden von Frankfurt nach Peking fliegen können, vermögen wir uns kaum noch vorzustellen, was die Eisenbahn im 19. Jahrhundert bedeutete. Sie beschleunigte den Transport von Menschen und Gütern in einem nie gekannten Tempo. Die Entfernungen schrumpften zusammen, die Zeit triumphierte über den Raum.
An die neuen Technologien der Fortbewegung (Eisenbahn & Dampfschifffahrt) wurden Hoffnungen geknüpft, die uns heute, wo wir es besser wissen, euphorisch, wunderlich, zum Teil bizarr, ja absurd erscheinen.
Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson sah 1844 die neue Technologie »im Begriff, den Traum der Verfassungsväter einer von Partikularismen befreiten Republik zu verwirklichen. Nun – rund vier Jahrzehnte vor Einführung einer einheitlichen Zonenzeit für die nordamerikanischen Eisenbahnen – schien die Harmonisierung des Kontinents in greifbare Nähe gerückt zu sein. Emerson verglich die neuen Verkehrsmittel mit einer Webmaschine: „Wir beobachten nicht bloß die Auslöschung der Distanz. Gleich dem Schiffchen beim Webstuhl, so gleiten auch unsere Lokomotiven und Kursschiffe täglich über die Tausende von Fäden, die unsere Nation und Arbeit sind, und verwandeln sie in ein einziges Gewebe. Jede Stunde steigert sich dieser Vorgang der Assimilation und bannt damit die Gefahr, dass lokale Besonderheiten und Feindschaften überleben können.“[2] Wie illusorisch diese Hoffnung war, zeigte der Amerikanische Bürgerkrieg zwanzig Jahre später.
Der viermalige britische Premierminister William Ewart Gladstone schrieb der Eisenbahn beinahe magische Kräfte zu. In einer Rede vor Bahnangestellten formulierte er die Utopie einer Gesellschaft, die, indem sie sich einem einzigen Rhythmus fügt, den Schritt zur eigentlichen Moderne erst recht eigentlich vollzieht. „Während wir uns früher ständig mit der Gefahr der Unordnung konfrontiert sahen, verfügen wir heute über ein Instrument, das nichts anderes als ein geordnetes Leben zulässt (Applaus) – ein Leben, das dem alten monastischen System durchaus ähnelt, in dem alles dem Rhythmus der Uhr und der Kirchenglocke unterlag. Diese feste Ordnung bildet die Seele . . . des riesigen Eisenbahnnetzes, das unser Land nach allen Richtungen überzieht (Applaus).“«[3]
»Für den englischen Eisenbahnexperten Edward Foxwell waren die spätviktorianischen Bahnhöfe Orte der Hoffnung. […] Ähnlich wie Gladstone sah er in der Eisenbahn jene Kraft, die die verwirrende Vielzahl menschlicher Rhythmen miteinander versöhnen sollte. So verband sich auch bei ihm die Erfahrung der Beschleunigung mit der Sehnsucht nach der großen symphonischen Gemeinschaft.« [[4]] Auch diese Hoffnung erfüllte sich, wie die großen Weltkriege zeigten, nicht.
Eines aber ist sicher: Mit dem Ausbau des Schienennetzes wird die Eisenbahn weltweit zu einem der wichtigsten Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung, auch des Tourismus.
Nicht lange nach Heines Imaginationen kann die Pariserin früh morgens am Gare du Nord einen der „trains de plaisir“ zu den Stränden von Dünkirchen oder Saint-Quentin-Plage nehmen, sich in ihrer neusten Standmode präsentieren und spät abends nach Paris zurückzukehren, kurz „une journée à la mer“ (einen Tag am Meer) verbringen. Zweifellos eine Bereicherung des Freizeitvergnügens. Für einen Tag zur Ruhe und Erholung in die Wälder von Compiègne flüchten oder den Nervenkitzel auf der Pferderennbahn in Chantilly suchen: mit der Eisenbahn kein Problem.
Reklameplakat der Nordeisenbahn von Ferdinand Bac, 1897[5]
Die Eisenbahn wird zum Symbol des Fortschrittes, und die Bahnhöfe, zumal der großen Städte, sind ihre Kathedralen.
Allein in Paris entstehen bis 1900 sieben Bahnhöfe. Der erste ist la Gare Saint-Lazare. Der Impressionist Claude Monet ist von ihm fasziniert; er malt ihn zwölfmal!
Claude Monet (1877) – Gare Saint Lazare (Musée d’Orsay)
Es folgen 1840 Gare d’Austerlitz und der erste Gare Montparnasse unter dem Namen Gare de l’Ouest. Schon ein Jahr später beginnt der Bau des ersten Nordbahnhofs. Er wird 1846/47 fertiggestellt und trägt die Bezeichnung Embarcadère du Chemin de Fer du Nord. 1850 kommen Gare de l’Est, 1855 Gare de Lyon und schließlich Gare d’Orsay anlässlich der Weltausstellung von 1900 hinzu.
Alter Nordbahnhof (Embarcadère du Chemin de Fer du Nord) in Paris im „Orangerie-Baustil“ (nach der Orangerie von Versailles).Im Hintergrund ist auf dem Montmartre-Hügel der optische Telegraf von Claude Chappe mit seinen schwenkbaren Signalarmen zur Zeichenübermittlung zu sehen.
Die rasche Ausbreitung des Bahnstreckennetzes mit steigendem Verkehrsaufkommen erfordert, dass der Gare de l’Ouest 1848 bis 1852 durch einen größeren Bahnhof ersetzt werden muss. Und auch der erste Gare du Nord erweist sich angesichts der zunehmenden Zahl der Reisenden von 1.500.000 im Jahr 1858 auf 2.100.000 im Jahr 1863 bald als zu klein, sodass er 1860 abgerissen wird, um einem größerer Neubau Platz zu machen.
Das französische Eisenbahnnetz von 1837 bis 1870
Die Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer du Nord mit Baron James Mayer de Rothschild an der Spitze hatte 1857 die Genehmigung zum Bau eines neuen Bahnhofes an gleicher Stelle auf einem größeren Gelände erhalten. Die Planungsarbeiten für den neuen Bahnhof beginnen 1858 vor dem Hintergrund der großen Haussmannschen Transformation und des Wirtschaftsbooms in der Hauptstadt. Die Architekten der Compagnie des Chemins de Fer du Nord, Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet, erstellen erste Studien für einen U-förmigen Kopfbahnhof, in der damaligen Zeit eine häufige Bahnhofs-form. Damit ist ein Problem vorprogrammiert, denn eingezwängt in diese Gebäudeanordnung lässt sich bei steigendem Verkehrsaufkommen die Zahl der Bahnsteige und Geleise nur begrenzt erweitern, was zu wiederholten Umbauten führen wird.
Die Hauptfassade soll an der Place Roubaix (heute Place Napoleon III) als Eingang für die Vorortpassagiere und das Bahnpersonal liegen, während der Zugang zu den Fernzügen über die Seitenfassade erfolgt, wobei die Abfahrten auf der Westseite und die Ankünfte auf der Ostseite liegen. Da diese Räumlichkeiten nicht die gleichen Zuweisungen und Bedürfnisse haben, kann der Gebäudekomplex nicht symmetrisch sein. Die ersten Entwürfe überzeugen die städtischen Behörden allerdings nicht.
Hittorffs letztes großes Werk
Hittorff wird 1861 von James de Rothschild beim Bau des Bahnhofes hinzugezogen. Er steht vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits soll er ein Gebäude errichten, das dem Repräsentationsbedürfnis der Eisenbahngesellschaft entspricht: Der Bahnhof wird sich, wie Hittorff schreibt, „den Blicken der Öffentlichkeit mit dem Charakter seiner Bestimmung präsentieren. Man kann mit einer imposanten Wirkung rechnen, die auf die Größe des Bahnhofs zurückzuführen ist, und die Fassadengestaltung wird seine immense Ausdehnung verdeutlichen.“ [6]
Andererseits ist neueste Technologie gefordert: Das Empfangsgebäude soll mit einer Halle verbunden sein, die dem großen Raumbedarf mit möglichst vielen Gleisanlagen und dem dazugehörigen Equipment gerecht wird.
Hittorff bereitet sich auf die für ihn neue Aufgabe mit einer Reise nach England, das Mutterland der Eisenbahn, vor. Dort standen nicht nur dank innovativer Verfahren bei der Eisenverhüttung Guss- und Schmiedeeisen in größeren Mengen und besserer Qualität zur Verfügung, sondern es wurden auch schon früher als auf dem Kontinent Konstruktionen aus Eisen, Stahl und Glas errichtet, insbesondere auch imposante Bahnhofshallen.
In Vorbereitung auf den Bau der Halle für die Gleisanlagen des Gare du Nord dürfte Hittorff sicherlich bei seiner Englandreise Joseph Paxtons Crystal Palace, vor allem aber Ingenieursbauten mit weit gespannten Tragwerken wie Londons Paddington-Station und Bristol Temple Meads-Station, beide von Isambard Kingdom Brunei, und Lewis Cubitts Kings Cross-Station und andere technische Bauten studiert haben.
Bahnhof Kings Cross. Photo Hugh Llewelyn. Creative Commons
Die ersten Entwürfe für den Gare du Nord sehen noch einen gemeinsamen Gebäudekomplex für die Verwaltung und den Bahnbetrieb vor. Es erweist sich aber als schwierig, beide Bereiche in einem repräsentativen Bau zu vereinigen. Der größere Platzbedarf für die Bahnanlagen infolge des gestiegenen Verkehrsaufkommens führt schließlich in der weiteren Planung zur Trennung von Verwaltung und Bahnbereich.
Hittorff gelingt es, die Asymmetrie der Baumassen aufgrund des unterschiedlichen Raumbedarfs für die Abfahrt- und Ankunftszone des Bahnhofs durch eine triumphale Prunkfassade mit klassischer symmetrischer Proportion zu verdecken.
Abb. 7: Hittorff (Bleistiftzeichnung) – Endgültiger Entwurf für Gare du Nord 1861 Perspektivische Außenansicht[7]
Die Arbeiten Hittorffs werden 1866 fertiggestellt. Der Bahnhof wird aber schon 1864 in Betrieb genommen. Das äußere, von Hittorff geschaffene Erscheinungsbild hat sich seither nicht verändert. Später mussten aus besagten Gründen an seiner Ostseite neuere Teile hinzugefügt werden.
Die Verpflichtung von Hittorff, einem der bedeutendsten Pariser Architekten seiner Zeit, ist eine Prestigesache für die Eisenbahngesellschaft und wichtig für den Bahnhof selbst, der nicht allein durch seine Monumentalität beeindrucken soll. Er soll eine Demonstration des weitgespannten Schienennetzwerkes sein und durch seine künstlerische Gestaltung unter den anderen Bahnhöfen der Metropolen herausragen und neue Maßstäbe setzen.
Der nur schmale Fassadenbau verschafft, ohne Treppen zu überwinden, einen direkten Zugang zu den Zügen. Vom Vorplatz mit den Droschken bis zu den Zuggleisen sind es nur wenige Schritte. Aber mehr als diese auf die Funktion des Bauwerks gerichtete Gestaltung ist das Gebäude vor allem ein Repräsentationsbau der Compagnie des chemins de fer du Nord und ein Monument des technischen Fortschritts.
Die Fassade des Empfangsbaus
Wie Thomas von Joest in seinem Betrag über den Gare du Nord nachweist [[8]], kann die Gestaltung der Fassade nicht als alleiniges Werk von Hittorff betrachtet werden. Wesentliche Vorarbeiten zur Grundstruktur der Hauptfassade wurden bereits vom Baubüro der Eisenbahngesellschaft unter der Leitung der Architekten Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet geleistet, wie sich anhand der in den Archiven der staatlichen französische Eisenbahngesellschaft S.N.C.F. (Société nationale des chemins de fer français) befindlichen Zeichnungen belegen lässt.
„Wenn wir auch“, so Thomas von Joest, „Hittorf nicht das Verdienst zuschreiben können, das Grundkonzept der Fassade kreiert zu haben, so haben wir doch ihre ausgereifte Gestaltung, die die Gliederung des Bauwerkes deutlich zu erkennen gibt, der Erfahrung des Baumeisters und seinem Sinn für Proportionen zu verdanken.“ [[9]]
Die imperiale 180 m lange neoklassizistischen Fassade gliedert sich in einen zentralen riesigen Giebel, der die Konturen der dahinter liegenden Haupthalle aufnimmt und in dessen Mitte sich ein großes Bogenfenster befindet, das von zwei kleineren Glasbögen flankiert wird.
Der zentrale Giebel wird eingerahmt von zweigeschossigen Flügeln, hinter denen sich die Seitenhallen befinden und iegbelständigen Pavillons, ebenfalls mit verglasten Bögen, die beiderseits die Fassade abschließen.
Riesige ionische Pilaster als ornamentaler Schmuck erstrecken sich über zwei Geschosse des zentralen Giebels und der Pavillons. Sie kontrastieren mit der Reihung kannelierter Säulen mit dorischem Kapitell für die Untergeschosse des zentralen Giebel-Teils und der Pavillons sowie für die beiden Geschosse der Seitenflügel.
Das Ensemble wird vervollständigt durch 23 weiblichen Figuren mit einer Mauerkrone auf ihren Häuptern als Sinnbild der Stadtgöttinnen. Sie sind die Personifikationen internationaler und französischer Städte, die von der Nordbahn bedient werden. Dreizehn der besten Künstler Frankreichs werden damit beauftragt. Ein großer Teil von ihnen hatte bereits an der Oper Garnier in Paris gearbeitet.
Am Eingang wird der Besucher seit 2015 von dem geflügelten Bären (angel bear) Richard Texiers begrüßt.
Foto: Wolf Jöckel
Die Figuren auf dem Dachfirst versinnbildlichen Paris – im Zentrum und an der Spitze – und die ausländischen Städte (von links nach rechts): Frankfurt und Amsterdam, Warschau und Brüssel, London und Wien, Berlin und Köln (Cologne).
Die Allegorien von Berlin und Köln. Foto: Wolf Jöckel
Die Statuen im unteren Teil der Fassade repräsentieren die französischen Städte (von links nach rechts): Boulogne und Compiègne, Saint-Quentin und Cambrai, Beauvais und Lille, Amiens und Rouen, Arras und Laon, Calais und Valenciennes, Douai und Dünkirchen.
Abb. 13: Allegorien der Städte Beauvais, Lille, Amiens, Rouen, Arras und Laon[11]
Der Empfangsbau wird so zu einem Ort, an dem sich die Nähe mit der Aura der Ferne versieht. Pilaster, Säulen, Statuen und Fensterachsen lockern die langgestreckte Fassade vielfältig durch eine vorherrschend vertikale Gliederung stark auf und erinnern mit ihren vor- und zurückspringenden Partien an eine scena, den Kulissenbau im griechischen Theater.
In der Gestaltung des Fassadenbaus zeigt sich Hittorff mit seinen Anleihen an klassizistische Elemente in der Tradition der École des beaux arts, die dem Bauwerk über seine Funktion hinaus vor allem Schönheit und Bedeutung geben soll.
Es ist Hittorff mit der Fassade gelungen, die Funktion des Gebäudes ins Macht- und Bedeutungsvolle zu steigern und die Form der dahinter liegenden Halle zum Ausdruck zu bringen.
Die Konstruktion der Bahnsteighalle
Das 19. Jahrhundert war nicht nur das „Zeitalter des Kampfs der Stile“, „in dem die romantische Kraft der Gotik mit der machtvollen klassischen Tradition rang“, es war „ebenso sehr das Zeitalter des Eisens“[12], das sich nicht nur auf Ingenieurbauwerke wie Eisenbahnstrecken, Brücken, Markthallen, Fabriken, Gewächshäuser u.a.m. beschränkte, sondern Einzug hielt in die Architektur, samt den Vorzügen des Einsatzes standardisierter Bauteile.
Erste Erfahrungen mit der Eisenarchitektur hatte Hittorff als angehender Architekt beim Bau der Metall-Kuppel der Halle au Blé gesammelt.[13]
Abb. 14 : Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France
Dieser 1783 errichtete große Rundbau, heute ein Kunsttempel der Pinault-Sammlung, diente als Speicher- und Handelsplatz für Getreide. Die über dem offenen Hof der Kornhalle errichtete Holzkuppel war 1802 abgebrannt und sollte nun durch eine Eisenkuppel ersetzt werden., die erste in der Geschichte der Architektur.[14] Als Commis aux attachments et aux écritures, also Mitarbeiter bei der Dokumentation der Arbeitsvorgänge, skizzierte der junge Hittorff die Entwicklung des Baus. [15]
Hittorff bleibt von seinen Erfahrungen mit der Halle au Blé und der Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Architekten Bélanger geprägt. Das Interesse an Eisen in der Architektur zieht sich durch sein gesamtes Werk. Das zeigen auch seine Entwürfe für einen Industriepalast (1852) und einen Palast für die Weltausstellung (1854).
Die Konstruktionszeichnungen in den Archiven der S.N.C.F. und der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Zürich belegen, dass die Entwürfe für den Dachverband der Bahnsteighalle mit seinem Trägersystem und den Stützpfeilern mit ihren Kapitellen im Baubüro von Jakob Ignaz Hittorff, unterstützt von seinem Sohn Charles, entstanden.
Abb. 24: Die zentrale Einfahrthalle der Gare du Nord. Foto: Wolf Jöckel
Die von Hittorff und seinem Planungsbüro in Zusammenarbeit mit den Eisenbahnarchitekten entworfene Eisenbahnhalle aus Eisen und Glas ist strukturell von den sie umgebenden Steinfassaden getrennt. Ihr Grundriss ist der einer dreischiffigen Basilika mit einem mittleren Teil von 180 Meter Länge und den beiden Flügeln von jeweils 200 Meter Länge.
Foto: Wolf Jöckel
Die Eisenkonstruktion, die das 180 m lange Dach der Haupthalle trägt, überspannt eine Gesamtbreite von 72 m und ermöglicht durch eine optimale Reduktion der Stützelemente die großflächige Einrichtung der Gleise und Bahnsteige.
Abb, 26: Dachträgersystem und Säulen. Bildquelle : Vide en ville; https://videenville.paris › galeries
Zur Überdachung der Halle mit ihrer großen Spannweite wählt Hittorff die Träger-Konstruktion vom Polonceau-Typ. Das Dach der Haupthalle ruht über Stützkonsolen auf nur zwei Reihen von 38 m hohen korinthischen Säulen aus Gusseisen.
Die Säulen werden in Schottland hergestellt, dem einzigen Land zu dieser Zeit, in dem es eine Gießerei gab, die so große Säulen herstellen konnte. Zur Kontrolle der Gussteile schickt Hittorff seinen Sohn Charles nach Glasgow. Auch alle Teile der Dachkonstruktion (Sparren, Druckstützen, Zugbänder, Glas- und Zinkplatten) werden vorgefertigt und können vor Ort schnell durch Bolzen, Steckelemente und Schrauben miteinander verbunden werden. Das beschleunigt den Bau der Halle entscheidend und kommt dem zunehmenden Diktat der Wirtschaftlichkeit des Bauens entgegen.
Gussteile für die Halle des Gare du Nord in der Gießerei in Glasgow.) Aufschrift auf der Rückseite: „To Mr. Hittorff, architect, Paris, from Mr. Gromlay, Glasgow 1862“ [16]
Foto: Wolf Jöckel
Das Trägersystems der unterspannten Dachsparren war eine Erfindung des Eisenbahningenieurs Barthélemy Camille Polonceau, der dieses System erstmals 1838 bei den Dächern für die Bahnhöfe der Eisenbahn von Paris nach Versailles anwandte.[17]
Dieses Trägersystem ermöglichte große Öffnungen im Dach zum Lichteinfall, ohne die Stabilität des Gebäudes zu gefährden. Ein Vorteil war auch, dass kein Seitenschub auf die Wände der Seitenflügel ausgeübt wurde. Die Stützkonsolen, Streben, Druckstangen- und Zugsbänder waren fast nicht wahrnehmbar, so dass sich ein Eindruck großer Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit ergab.
Abb. 28: Paris Nord – 28. Juni 1960 – Innenansicht mit der Architektur des Glasdachs und der Leichtigkeit des Polonceau-Systems (SNCF-Archiv) [18]
Mit dem Einsatz von Eisen und Glas wurden eine Reihe von Prozessen in Gang gesetzt, die nicht nur eine neue architektonische Ästhetik, neue räumliche Wahrnehmungen erzeugte und ein neues Bauen und einen neuen Baustil hervorbrachte, sondern auch die bisherigen Traditionen in Frage stellte und neue Sehweisen postulierte.
Abb. 31: Glas-Eisen-Konstruktion an der Ausfahrt der Halle. Foto: Wolf Jöckel
„Mit den neuen Materialien, die mit der Industrialisierung entwickelt wurden, vor allem mit Joseph Paxtons legendärem Kristallpalast für die erste Weltausstellung 1851 in London, wurden Hoffnungen auf eine alle materielle Schwere überwindenden Architektur aus neuen Baustoffen geschürt. Das Schrumpfen der Materialmassen im Verhältnis zum umbauten architektonischen Raum durch Eisenkonstruktionen einerseits, die optische Entgrenzung durch Glas andererseits, ließen sich in der Rezeption zur Überwindung der Schwerkraft stilisieren.“[19]
Die Entwicklung des Eisens als konstruktives Material und der Erfindung der Skelettkonstruktion führte zu einer Auflösung und Entmaterialisierung der Außenwand und ihrer Entbindung von ihrer tragenden Funktion. Eine völlige Auslöschung der Wand war dann später beim Eiffelturm zu sehen, der mit seiner Absage an die bisherige Steinbauweise heftige Kontroversen auslöste.
Um die Formlosigkeit und Strenge der reinen Eisenkonstruktion abzufedern, und den bisherigen Sehgewohnheiten entgegenzukommen, wurde der neoklassizistische Stil als ästhetische Strategie eingesetzt. Dabei wird die „technische Reproduzierbarkeit“ gerade für Produkte aus Gusseisen ausgeschöpft: eiserne Säulen, Träger und Konsolen können samt ihrer Ornamente, anders als in Stein, schnell, preiswert und in großer Zahl hergestellt werden. [20]
Auch Henri Labroustes nutzt bei der Bibliothèque Sainte-Geneviève und dem Lesesaal der Bibliothèque Nationale[21] das Gusseisen bei der Ornamentierung der freiliegenden Metallstrukturen.
Labroustes Bibliothèque Sainte-Geneviève. Bildquelle : Revue générale de l’architecture et des travaux publics. 11.1853 (beschnitten)
Labroustes Lesesaal der Bibliothèque Nationale. Foto: Wolf Jöckel
Und auch Victor Baltard, der Schöpfer der revolutionären Markthallen, ist »zutiefst in der akademischen Tradition der École des beaux-arts verwurzelt, in der ausgebildet zu sein bis ins späteste 19. Jahrhundert unabdingbar war für eine halbwegs anständige Laufbahn in Frankreich. Baltard […] löste sich selbst nie von dieser Tradition, sondern integrierte die industriell produzierten Materialien in den ästhetischen Kanon der akademischen Baukunst. In einem Brief mokiert er sich 1863 über „die Begeisterung des Publikums für Metallkonstruktionen“.«[22]
Auch Hittorff gestaltet die augenfälligsten Elemente der Eisenkonstruktion, die Säulen der Halle, mit besonderer Sorgfalt. Hittorff hat – wie Labrouste und Baltard – das Eisen in die klassizistische Architektur der École des Beaux-Arts eingebürgert.
Foto: Wolf Jöckel
„Wiewohl die neuen Montage- und Konstruktionstechniken in Hittorffs Entwürfen einen festen Platz einnahmen, blieb die klassisch akademische Tradition ein unangefochtener Bezugspunkt.“ Die Inklusion von Technik ist „ein Schachzug ganz im Sinne der Gebietssicherung.“ [23]
„Die Öffnung gegenüber dem Eisen lässt sich insofern als eine Strategie entziffern, als Hittorff das industrielle Material durch seine Kreuzung mit dem akademischen Kanon auf das Feld der Architektur zurechtbog, ohne dabei eine Polarität zwischen dem und dem anderen aufbrechen zu lassen. Ein einprägsames Beispiel stellt Hittorffs korinthischer Kapitell-Entwurf für die gusseisernen, kolumnisierten Stützen der Einfahrtshalle derGare du Nord dar.„
Abb 37: Detail eines Kompositkapitells. Foto: Wolf Jöckel
Sie tragen statt eines Gebälks einen hohen Gitterbinder, der zwischen den horizontalen und vertikalen Tragelementen vermittelt.An diesem Baudetail wird anschaulich, was die Architektur des 19. Jahrhundert insgesamt kennzeichnet: Sie konnte das Neue bejahen, ohne das Alte zu verwerfen. Mehr noch sprengten Kreuzungen und Kreolisierungen von Klassik und Technik jene Grenzen, an denen sonst neue Formen und neue kulturelle Semantiken scheitern. Bei aller Fixierung auf die klassische Kunstdoktrin eignete der Beau-Arts-Architektur im Zeitalter von Technik- und Industrie ein symptomatischer Hybridcharakter, der den Regelkodex beibehielt und doch zugleich produktiv unterwanderte. Anders als in der postmodernen Architektur ging es nicht um Spiel und Ironie, d.h. die Aufkündigung autoritativer Denksysteme und Entwurfstraditionen, sondern um die Hybriden als eine ernstzunehmende Alternative zu reiner Stein- oder Eisenarchitektur.“ [24]
Die Rezeption von Hittorffs Gare du Nord
Charles Rivière – Gare du Chemin de Fer du Nord (Ausschnitt)[25]
Der neue Bahnhof gefiel nicht jedem. Die Reaktionen gingen weit auseinander. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc, bekannt durch seine Vorliebe für die Gotik, den von ihm entworfenen Dachreiter der Kathedrale Notre Dame in Paris und die Restaurierung mittelalterlicher Bauwerke nach seinen idealistischen Vorstellungen von mittelalterlicher Architektur, schmähte die Fassade im Stil à la Grèce:
Der neue Nordbahnhof ist vielleicht der gröbste Fehler, den die von der Akademie gelehrten exklusiven Doktrinen verursacht haben.[26]
Noch weiter geht Jacob Burckhardt in einem Brief an seinen Freund, den Architekten Max Alioth in Basel, vom 01.08.1879: „Die Fassade der Gare du Nord in Paris ist und bleibt ein Scandal; die ionischen Pilaster von verschiedener Größe, die Dachschrägen welche von den Aufsätzen der kleinern zu denjenigen der großem emporsteigen, und die großen Bogenfenster welche hopopop in die dazwischen liegenden Mauerflächen einschneiden, machen zusammen eine der größten architectonischen Infamien unseres Jahrhunderts aus, was doch etwas sagen will“. [27]
Anatole de Baudot (1834-1915), Architekt, Denkmalpfleger, Architekturhistoriker, ein Schüler von Viollet-le-Duc und Labrouste, später ein glühender Verfechter des strukturellen Rationalismus, lobte zwar die Eisenbahnhalle: „…jedes Element dieser Struktur hat seine genau festgelegte Funktion, keines ist unnütz; in einem Wort: das Werk ist rational…“[28]. Er kritisiert aber schonungslos die Fassade, die nicht rational, nicht zweckmäßig sei; alles „scheint hier der Phantasie entsprungen zu sein, alles wird einem bestimmten Architekturtypus untergeordnet und nach einem dekorativen Prinzip ausgeschmückt, das sich für eine Anwendung in einem Bahnhof angeblich besonders eignen soll.“[29]
Radikaler als bei de Baudet erteilt der englische Kunstkritikers John Ruskin (1819-1900) dem Eklektizismus mit seinen Ornamenten, noch Folge ununterbrochener alter Traditionen, eine Absage, weil er die „necessities“ verhülle, und er lehnt die künstlerischen Verzierungen der Eisenbahnstationen ab: „not to decorate things belonging to active life“ und „not to mix ornament with business“.[30] Hier kündigen sich schon das Diktum von Adolf Loos (1870-1933) „Ornament und Verbrechen“ und die berühmte Formel der modernen Architektur „form follows function” von Louis H. Sullivan (1856-1924) an, der seinen Partner Dankmar Adler zitiert, der diesen Imperativ seinerseits sinngemäß von Henri Labrouste übernommen hatte.
Wie wir sehen, kam die Kritik an Hittorffs Monumentalbau aus ganz unterschiedlichen Seiten: die einen (Viollet-le-Duc und Burckhardt) schmähten ihn, weil sein Werk nicht dem Kanon der traditionellen Architektur entsprach, während andere (de Baudot) seinen Fassadenbau als unangemessen für die Bauaufgabe verwarfen.
Noch deutlicher ist der Architekturhistoriker Sigfried Giedion, der sich zwar nicht ausdrücklich auf den Gare du Nord bezieht, aber an der Sterilität und Unbeweglichkeit der École des beaux-arts und an der eklektischen Architektur vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Kritik übt und ihr „eine ständig wachsende Isolierung der Künste vom Leben“ vorwirft.[31]
Die Architektur, hier ist die der École des beaux-arts gemeint, sei hinter den aktuellen Neuerungen und Entwicklungen sowohl in der Technik als auch in der Kunst zurückgeblieben und habe zu einer Spaltung zwischen Architektur und Technik, zwischen Architekten und Ingenieur, geführt. Sie habe die Verbindung zwischen den Methoden des Denkens [die Naturwissenschaften; die Methode des Ingenieurs] und den Methoden des Fühlens [die Kunst und Architektur] unterbrochen. „Die Naturwissenschaften – das sogenannte Denken – hätten im 19. Jahrhundert einen enormen Fortschritt erzielt und den wahren Zeitgeist erreicht, während Kunst und Architektur – das sogenannte Fühlen – dies nicht vermochten.“[32]
1877 stellte die Akademie eine Preisfrage über ‚L’union ou la seperation des ingenieurs et des architectes‘ (Die Vereinigung oder Trennung von Ingenieuren und Architekten). Davioud, der Architekt des Trocadéro, gewann den Preis mit folgender Antwort: „Die Vereinigung zwischen Architekten und Ingenieur muss untrennbar sein. Die Lösung wird erst dann wirklich, vollständig, fruchtbar sein, wenn Architekt und Ingenieur, Künstler und Wissenschaftler, in einer Person vereint sind … Wir leben seit langem in der einfältigen Überzeugung, dass die Kunst eine Wesenheit sei, die sich von allen anderen Formen der menschlichen Intelligenz unterscheide, durchaus unabhängig habe sie ihre Quellen und ihre einzige Geburtsstätte in der kapriziösen Phantasie der Künstlerpersönlichkeit.“«[33]
Auch wenn dem vielleicht nicht alle zustimmen, lässt sich von Hittorff sagen, dass er beide in sich vereint hat, den Architekten und den Ingenieur. Aber er agierte nicht im luftleeren Raum. Er konnte nicht allein bei seinen Bauaufgaben entscheiden und er war neben seinen eigenen Vorstellungen auch von jenen anderer beeinflusst, ja auch abhängig.
Thomas von Joest ist zuzustimmen, wenn er schreibt, „Hittorff aus seinen Säulen und Kapitellen einen Vorwurf zu machen, ist Böswilligkeit“.[34] Die Auftraggeber von Hittorff wussten ja, dass er „im Jahre 1861 immer noch dem Geist und den Prinzipien der Baukunst seiner Jugendzeit verhaftet“[35] war. Zu ergänzen ist, dass der Bauherr, die Eisenbahngesellschaft, gerade diesen Architekturstil wünschte.
Spätere Urteile berücksichtigen eben diese Zeitumstände: „Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat der Gare du Nord keine größeren Veränderungen erfahren und ist ein großartiges Zeugnis des Selbstbewusstseins und des Erfindungsreichtums des Eisenbahnzeitalters.“ [36]
Hittorfs Gare du Nord zeigt auf brillante Weise, wie eine Sprache, die sich letztlich an der römischen und griechischen Architektur orientierte, einem großen Eisenbahnterminal in einer Großstadt einen seiner Zeit „angemessenen monumentalen Akzent verleihen konnte“.[37]
Der Gare du Nord stellt sich den Anforderungen
Ohne die Grundstrukturen von Fassade und Halle wesentlich zu verändern, war es immer wieder gelungen, den Bahnhof den Erfordernissen der Zeit anzupassen und Hittorffs Erbe zu bewahren. Anstelle der ursprünglich 8 Geleise, konnten 1884 13 Geleise untergebracht werden, durch eine seitliche Erweiterung nach außen wurde 1889 die Zahl der Geleise zunächst auf 18 und durch eine zweite Erweiterung 1900 auf 28 Gleise erhöht.
Gare du Nord/Ostseite: rechts ist -hinter dem Olympiade-Plakat- die Glas-Eisen-Konstruktion der Bahnsteige der Vorortzüge, der „Grande Banlieue“, zu sehen. Foto: Wolf Jöckel (Januar 2024)
1977 bis 1982 erfolgt der Ausbau des unterirdischen Bahnhofs. Ein Jahrhundertereignis war 1994 nach Fertigstellung des Kanaltunnels zwischen Dover und Calais die Ankunft des ersten „Eurostar“, der Paris in nur 2 Stunden mit London verbindet. Zuvor dauerte die Fahrt, bei günstigen Wetterbedingungen für die Fähre auf dem Ärmelkanal, sieben Stunden.
Nach Renovierung des Bahnhofsinneren dominieren mit täglich mehrfachen Hin- und Rückfahrten der „Eurostar“ nach London, der „Thalys“ nach Brüssel, mit Verlängerungen nach Köln oder Amsterdam und die TGVs nach Lille den Fernverkehr.
2001 wurden der hässliche Beton-Parkhaus-Bau, der 1973 an die Stelle der alte Glas-Eisen-Konstruktion für die Bahnsteige der „Grand Banlieue“ bzw der „gare Transilien“ errichtet worden war, abgerissen, eine der alten Hallen restauriert, die andere zerstörte Halle wieder aufgebaut und der Eingangsbereich durch einen leichten Glasbau ersetzt.
Die Geschichte des Bahnhofes ist damit noch lange nicht zu Ende. Bis 2030 wird ein Anstieg der Reisenden von derzeit 700000 auf 900000 erwartet. Schon jetzt ist der Bahnhof, der verkehrsreichste Europas, überlastet.
Die Auseinandersetzung um das Zukunftsprojekt StatioNord (2019-2021) zeigte zum einen, dass Hittorffs Gare du Nord nichts von seiner Bedeutung verloren hat, und zum anderen, wie leidenschaftlich um den Bahnhof der Zukunft gerungen wird.
„Unverschämt“, „absurd“ und „inakzeptabel“ – das waren nur einige der Adjektive, mit denen ein Architektenkollektiv mit Jean Nouvel, Roland Castro und Dominique Perrault die neuen Pläne für den Gare du Nord anprangerten.[38] Stadtplaner und Gewerkschafter schlossen sich dem Protest an. Die Vorwürfe reichten von einer Kommerzialisierung des Bahnhofes zu einem Shoppingcenter, einer Entstellung von Hittorffs Meisterwerk, einer zusätzlichen Belastung des Quartiers durch Einkaufsverkehr bis hin zu einer Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz des benachbarten Einzelhandels. Inzwischen ist das schon genehmigte große Projekt wegen aus dem Ruder laufender Kosten- und Zeitperspektiven abgesagt und bis 2024 wurden und werden noch, vor allem im Blick auf die Olympischen Spiele, nur kleinere Änderungen vorgenommen.[39]
Epilog
Heute ist die Eisenbahn nicht mehr Gegenstand gesellschaftlicher Verklärung und Hoffnung. Die Bahnhöfe sind längst nicht mehr Orte feierlicher Empfänge und Verabschiedungen hoch-gestellter Personen; nur der Ausdruck „Gäste mit großem Bahnhof begrüßen“ erinnert noch daran. Nicht selten sind die Bahnhöfe zu Hinterhöfen, Rotlicht- und Rauschgiftbezirken herabgesunken und das Reisen mit der Eisenbahn hat mitunter gegenüber Automobil und Flugzeug „den Rang der Drittklassigkeit“[[40]] bekommen.
Wenn sich alle, die Gesellschaft, die Politik und die Eisenbahngesellschaften, auf unsere Umwelt und unser historisches Erbe besinnen, dann bleiben uns die Bahnhöfe als „die räumliche Inszenierung der Sehnsucht nach der Ferne wie des Heimwehs“[41], als bedeutende Denkmäler der Architektur- und Ingenieurbaukunst erhalten und werden wieder zu attraktiven urbanen Zentren.
Hoffen wir, dass nicht nur die Reisenden aus Köln, der Geburtsstadt Hittorffs, die mit dem Zug Paris am Gare du Nord erreichen, noch lange sein letztes großes Alterswerk mit seinem grandiosen Eklektizismus bewundern können, bei dem sich prunkvolle Architektur in theatralische Effekte hüllt und sich klassische Baukunst mit Eisenarchitektur vermischt.
Literatur:
Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135
Andrew Ayers: The Architecture of Paris: An Architectural Guide. Edition Axel Menges, 2004; hier: 10.7 Gare du Nord, Place Napoléon III; Jakob Ignaz Hittorff, Lejeune and léon Ohnet.
A.D. Astinus: Die neun größten Bahnhöfe der Architekturgeschichte: Die ganze Welt der Bahnhöfe – Von der Grand Central Station bis zur London Waterloo Station. neobooks, 09.12.2015 – 55 Seiten
Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023
Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792 – 1867. Stuttgart 1968
Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.
La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com
Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023
Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002
Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de
Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013
Train Consultant Clive Lamming. La gare du Nord : monument historique mais grande gare européenne. https://trainconsultant.com
SKRIPTUM BAUGESCHICHTE. Studienjahr 2021/22, Departement Architektur, ETZ Zürich. Prof. Dr.-Ing. Stefan M. Holzer, Professur Bauforschung und Konstruktionsgeschichte.
Anne Ridao-Tardif, “La préservation du patrimoine architectural lors des restructurations de la gare du Nord et de la gare Saint-Lazare (1990-2010)”, Revue d’histoire des chemins de fer, 54 | 2020, 131-149.
Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press
Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingénieurs et architectes suisses, Band (Jahr): 112 (1986), Heft 24
Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. Ankara, September 2008
Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964
[1] Heinrich Heine in „Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, Zweiter Teil“, LVII, hier S.337-338, in: Heinrich Heine – Sämtliche Werke, Band IV; Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997
Titelbild des Beitrags: Gare du Nord, place Napoléon III, façade principale. Musée Carnavalet, Histoire de Paris. Kaum ein Bild erfasst mehr die Dimensionen von Hittorfs Bau als diese Fotografie von Archille Quinet von 1868.
[2] Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023 und Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002 Prof.Dr. Oliver Zimmer ist Sanderson Fellow in Modern History, der University of Oxford.
[5] Bildquelle : Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com › la-gare-du-nord. Textquelle : La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Clive Lamming ist ein französischer Historiker, der vor allem für seine zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich der Eisenbahn bekannt ist.
[6] „Elle s’offrira au regard du public avec caractère de sa destination. On peut d’ailleurs compter, sur un effet imposant, dû à la grandeur de la gare dont les dispositions de la façde feront comprendre l’immense étendue ! “
Zitiert nach Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792 – 1867. Hammer zitiert aus den Arch. Nat., Archives de la Compagnie du chemin de fer du Nord, 48 AQ 13, Procès-Verbaux du Conseil d’Administration, Séance vom 11.5.1860
[8] Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.
[13]Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France
[14] Sophie Flouquet, un monument réinventé. In: Éditions BeauxArts, Bourse de Commerce/Pinault Collection. 2021, S. 66
[[15]] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135
[17]Abb.28: aus: Mathias Küster: Stahltragwerke im Industriebau in der historischen Entwicklung; Bachelor Thesis, Hochschule Neubrandenburg – Fachbereich Bauingenieurwesen. Urn:nbn:de:gbv: 519-thesis 210-0146-1. Abb. von mir modifiziert.
[18]Les quais de la gare de Paris-Nord, SARDO Centre national des archives historiques SNCF)
[19] [[19]] Monika Wagner – Materialien des ‚Immateriellen‘. Debatten um Baustoffe der Moderne. Hornemann Institut, E-Publication, Tagungsbeitrag
[21] Zur Bibliothèque Nationale wird es demnächst einen Blog-Beitrag geben.
[22] Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de › themen › Zwischen-Ingenieurskonstruktion… ; Schulz bezieht sich auf die Ausstellung im Musée d’Orsay: „Victor Baltard (1805-1874). Le fer et le pinceau (Eisen und Pinsel)“, October 16th, 2012 to January 13th, 2013)
[23 Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
Château de Compiègne – Le musée national de la voiture
[26]„La nouvelle gare du Nord est peut-être l’erreur la plus grossière qu’aient fait commettre les doctrines exclusives professées par l’Académie.“ Zitiert nach: Gare du Nord1861-1866, Paris – Jacques-Ignace Hittorff; Cité de l’architecture & du patrimoine. https://www.citedelarchitecture.fr › documents
[27] Zitiert nach: Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023
[30] zitiert nach Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964
[31] Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press
[32] Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. September 2008
[33] zitiert nach: Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press; siehe auch: Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingenieurs et architectes suisses n“ 24 20 novembre 1986
[40] Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013
Anfang März 2024 präsentierte das Organisationskomitee das offizielle Plakat für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Paris.
Im März wurden die beiden Hälften des Plakats -jeweils kurz und alternierend mit anderer Werbung- auf Plakatwänden der Stadt präsentiert.
Die linke Seite bezieht sich auf die Olympischen Spiele (26. Juli bis 11. August), die rechte -hier gerade auf der Plakatwand zu sehen- auf die Paralympischen Spiele (28. August bis 8. September). Es handelt sich um eine „poetisch-futuristische Darstellung“ (Libération) mit etwa 40 000 Figuren und 47 Wettbewerben, also, ganz anders als die bisherigen offiziellen Olympiaplakate, um ein echtes Wimmelbild.[1]
Unschwer zu erkennen ist das olympische Logo, und zwar gleich zweimal: auf der linken, olympischen, wie auf der rechten, paralympischen Seite.
Ganz deutlich in der Mitte des Plakats ist auch das olympische Maskottchen zu erkennen.
Es heißt Phryge, in Anlehnung an die phrygischen Mützen aus der Zeit der Französischen Revolution, denen das Maskottchen nachempfunden ist. Die phrygische Mütze gehört zu den Symbolen der Französischen Republik, auch Marianne trägt eine. So sollen Name und Design des blau-weiß-roten Maskottchens mit seinen Sportschuhen das sportbegeisterte Frankreich und seine Spiele repräsentieren.[2]
Das rote Maskottchen ist passender Weise über dem Obelisken auf der place de la Concorde positioniert, wo der letzte französische König Ludwig XVI. und seine Frau Marie-Antoinette guillotiniert wurden… Soll das an die Köpfe enthaupteter tatsächlicher oder angeblicher Feinde der Republik erinnern, die während der Französischen Revolution auf Piken aufgespießt und triumphierend durch die Straßen getragen wurden? Wohl kaum! Das würde doch nicht zu dem unbeschwerten olympischen Jahrmarktstreiben des Plakats passen. Honni soit, qui mal y pense… Auf der place de la Concorde ist eine große Zuschauertribüne aufgebaut: Auf dem Platz werden ja mehrere neue olympische Straßensportarten ausgetragen: Breakdance, BMX, Skateboard, 3×3-Basketball
Die olympische Flamme selbst fehlt noch auf dem Plakat. Denn wo die nach dem Fackellauf durch Frankreich letztendlich aufgestellt werden soll, ist noch nicht bekannt. Thomas Bach, der Präsident des IOC, hat in einem Interview mit Le Monde (19.3.2024) versichert, es werde sich um einen würdigen und bedeutsamen Platz handeln, aber den wolle/könne er noch nicht verraten. Also ist auf dem Plakat nur eine noch nicht erleuchtete Fackel zu sehen. Sie ist im Hafen von Marseille postiert, wo sie am 8. Mai ankommen und dann einen Parcours durch ganz Frankreich bis nach Paris absolvieren wird.
Über den Hafen und die Fackel fliegt die Patrouille Frankreichs – hier allerdings nur mit 8 statt der obligatorischen 9 Flugzeuge. Es gehört zur Tradtion des französischen Nationalfeiertags, dass am 14. Juli diese Formation die Champs-Élysées überfliegt, die französischen Nationalfarben hinter sich hierziehend. Die gibt es allerdings hier nicht. (Dazu später mehr).
Neben dem Obelisken sind auch andere prominente Bauwerke und Wahrzeichen von Paris zu sehen: Natürlich der Eiffelturm, inmitten des Karussell-ähnlichen Stade de France, des Olympiastadions….
…. darüber der Trocadero-Platz, auf dem die Eröffnungszeremonie der Spiele enden wird.
Mitten auf dem Platz eine hochgereckte Hand mit den olympischen Medaillen.
Rechts oben der Arc de Triomphe, auf dem gerade im Rahmen der paralympischen Spiele ein Tennisspiel von Rollstuhlfahrern stattfindet und durch den gerade ein Metro-Zug fährt…
… rechts unten das in den letzten Jahren für die Olympischen Spiele aufwändig restaurierte Grand Palais…
Links unten der (ebenfalls frei gestaltete) pont Alexandre III., an dem -coûte que coûte- die Freiwasser-Schwimmwettbewerbe starten sollen und das Triathlon-Schwimmen. Einen Plan B bei zu großer Wasserverschmutzung gibt es jedenfalls nicht ..[3] Auch Ruderboote sind hier zu sehen– obwohl die Ruderwettbewerbe natürlich nicht auf der Seine ausgetragen werden, sondern im Stade nautique von Vaires-sur-Marne. Der pont Alexandre ist übrigens voll mit Menschen, konkret Läufern. Das ist ein Hinweis auf den für den 10. August geplanten Volksmarathon, der genau auf dem Kurs des olympischen Marathons stattfinden wird.[4]
…. links oben der Invalidendom (zu dem später mehr): Also eine kleine Auswahl illustrer Pariser Sehenswürdigkeiten.
Aber es gibt auch kleine, wenn auch kaum weniger bedeutende Sehenswürdigkeiten auf dem Plakat. So links unterhalb des Grand Palais einen der vielen grünen Wallace-Brunnen, die in Paris seit den 1870-er Jahren kostenloses Trinkwasser spenden. Auf dem Plakat ist er allerdings überdimensioniert, damit man ihn auf dem Wimmelbild überhaupt wahrnehmen kann.
Dazu sind 47 olympische und paralympische Sportarten berücksichtigt worden. Hier eine kleine Auswahl:
Das Klettern
Die Reitwettbewerbe. Die finden im Schlosspark von Versailles statt, der hier durch die charakteristische Parterre-Gestaltung entsprechend angedeutet ist.
Fußball und zwei Fechter im Rollstuhl auf dem Dach des Grand Palais. Die Fechtwettbewerbe der Olympiade werden zwar nicht auf, aber unter der Kuppel dort ausgetragen.
Boxer und Volleyball unter bzw. neben dem Eiffelturm. Der Ring der Boxer hängt übrigens an Seilen in der Luft, vermutlich ein Hinweis auf die Seile, die den Boxring umgeben.[5]
Auf dem Dach der Metro, die gerade unter dem Arc de Triomphe durchfährt, findet ein Judo-Wettkampf statt. Der Ort passt sehr gut, weil diese Disziplin für Frankreich sehr medaillenträchtig ist…
Die Surfwettbewerbe finden in Tahiti statt, wo es eine „der schönsten und besten Wellen der Welt“ gibt, die hier eindrucksvoll anrollt.[6]
Entworfen hat das Plakat Ugo Gattoni, der seinen Namen, begleitet von einem Maskottchen, auf einer Aussichtsplattform über dem bunten olympischen Jahrmarktstreiben platziert hat. Getragen wird die Plattform übrigens von einer an ihrer phrygischen Mütze erkennbaren Marianne, dem Symbol Frankreichs.[7]
Bekannt geworden ist Gattoni durch seine quadratischen, seidenen und sehr teuren Hermès-Tücher (les carrés d’Hermès) wie zum Beispiel das Tuch Hippopolis, auf dem auch das Hermès-Logo abgebildet ist.
Gattoni hat seine Arbeiten so beschrieben: „ziemlich realistische Darstellungen in einem surrealistischen Universum“. Das gilt für die Hermès-Tücher und auch für das Olympiaplakat. Und immer sind die Darstellungen so vielfältig, dass der Betrachter zum Promenieren und Erkunden eingeladen wird. [8] Das Olympia-Plakat mit seinen Pariser Sehenswürdigkeiten und 47 Sportarten bietet sich geradezu für ein Suchspiel an. Darauf wurde anlässlich seiner Präsentation denn auch öfters hingewiesen. Das Stichwort dazu: Où est Charly? (deutsche Version: Wo ist Walter?)[9] Das ist eine Serie von Heften mit Wimmelbildern, auf denen jeweils ein Weltenbummler namens Charlie/Walter gefunden werden muss. Auf dem Olympia-Plakat wird man den allerdings nicht finden. Aber auf die Suche nach den über das Plakat verteilten acht Maskottchen kann man durchaus gehen. Und für das Suchspiel Ich seh‘ etwas, was du nicht siehst eignet sich das Plakat ebenfalls- jedenfalls in seiner Version als Poster – die beiden Teile zu je 29 Euro…. Eine farblose Version zum Ausmalen ist auch im Angebot, und ein -vielfach angeregtes- Puzzle wird es sicherlich bald geben.
Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Plakat im Musée d’Orsay. Die Botschaft: Es handelt sich um ein Kunstwerk, das entsprechend eingeordnet werden soll: Der hochrenommierte Sender France-Culture hat denn auch Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel den Älteren als ästhetische Ahnherren des Plakats ausgemacht….[10]
Pieter Bruegel hat ja ein wunderbares Wimmelbild zum Thema Kinderspiele gemalt. Und das hat vielleicht die Zeitschrift Marianne zu folgender satirischer „Richtigstellung“ veranlasst. Danach handelt es sich bei dem verbreiteten Plakat um eine mit künstlicher Intelligenz erstellte Fälschung, die „ein Neffe von Anne Hidalgo beim Spielen mit seinem PC erstellt hatte (…) Um die Software zu starten, gab der Teenager folgende Begriffe ein: „Paris“ / „Olympische Spiele“ / „viel Rosa“ / „Walt Disney“ / „Vergnügungspark“ / „voll inklusiv“ / „wo ist Charlie“ / und schließlich „meiner Tante gefallen“ sowie „dem chinesischen Publikum gefallen“. 42 Sekunden später erhielt der Junge diese schillernde, aber dennoch sehr unterhaltsame virtuelle Kreation, die er über eine Whatsapp-Schleife mit seinen Schulkameraden teilte. Das gefälschte Poster hätte diese private Schleife nie verlassen dürfen, aber durch ein schreckliches Missverständnis konnte es sich unkontrolliert verbreiten.“ [11]
Das Olympiaplakat: Ein Skandal!?
Allerdings gab es auch ganz heftige Reaktionen: „Scandaleux“ urteilte Éric Ciotti, der Vorsitzende der konservativen Republikaner (Les Républicains). Nach Auffassung des Spitzenkandidaten der Partei für die Europawahlen François-Xavier Bellamy werden durch das Plakat Frankreich und seine Geschichte ausgelöscht, seine Wurzeln zerstört. Ins selbe Horn bliesen auch die Vertreter der rechtsradikalen Parteien: Es sei unverzeihlich, „unsere Identität“ unsichtbar zu machen, so einer Vertreter des rechten/rechtsextremen Rassemblement National (RN), und die Spitzenkandidatin der ultrarechten Gruppe Reconquête, Marion Maréchal, ging sogar so weit, den Sinn der Olympischen Spiele in Frankreich anzuzweifeln, wenn sie nur dazu da seien, zu verbergen „was wir sind“.[12]
Was ist es, dass Politiker von rechts und ganz rechts so in Aufruhr versetzt hat? Es ist vor allem ein kleines fehlendes Kreuz auf der Spitze des Invalidendoms:
Le Figaro 5.3.2025
Dazu Éric Ciotti: Die Kuppel des Invalidendoms sei doch nicht die eines Supermarkts, sondern einer Kapelle. Indem das Kreuz von seiner Spitze entfernt werde, leugne das offizielle Plakat der Olympischen Spiele die Identität dieses Bauwerks sowie die französische Geschichte. Das sei „scandaleux!“[13]
François-Xavier Bellamy: Sie -also wohl Ugo Gattoni und die Verantwortlichen des Organisationskomittes- seien bereit, die Realität zu verbiegen und damit Frankreich und seine Geschichte zu verleugnen. Wie könne man vorgeben, ein Land zu lieben, wenn man seine Wurzeln zerstöre?[14]
Und Gipfel der nationalen Verleugnung und des Skandals: Auf dem ganzen Plakat fehle ausgerechnet die Tricolore, die Nationalfahne.
Da sehnen sich manche wohl zurück nach 1924 und dem damaligen Plakat, als Frankreich im Vollgefühl des Sieges im Ersten Weltkrieg stolz seine Fahne und die in Reih und Glied aufmarschierenden olympischen Helden präsentierte.
Im Gegensatz allerdings zu dem, was in manchen Presseartikeln und in den sozialen Medien verbreitet wurde, hat das IOC keinerlei Vorgaben für das offizielle Olympiaplakat gemacht. Pflicht ist lediglich, dass das offizielle Logo, die Jahreszahl und Ort und Nummer der Olympiade angeben sein müssen. Ansonsten haben das jeweilige Organisationskomitee freie Hand. Und Ugo Gattoni betonte ja ausdrücklich, er habe etwas Episches, Grandioses und Festliches schaffen und nicht die Realität 1 zu 1 wiedergeben wollen.[15] Und da war Gattoni ja auch sonst im Umgang mit den sogenannten heiligsten Gütern der Nation großzügig: Da fährt ja eine Metro nicht nur durch den Arc de Triomphe, sondern damit auch über die Flamme des unbekannten Soldaten, eine Weihestätte der Republik- wobei da merkwürdigerweise der Aufschrei ausblieb…
Und was die Fahne angeht: Es gibt zwar keine offizielle Regel, aber eine Tradition, keine Landesfahne auf dem offiziellen Olympiaplakat abzubilden. Selbst Hitlerdeutschland hatte 1936 darauf verzichtet, das Hakenkreuz auf dem Plakat der Spiele von 1936 in Berlin zu platzieren. Und das Organisationskomitee für die Pariser Spiele konnte immerhin darauf hinweisen, dass der Dreiklang bleu-blanc-rouge der Tricolore durchaus im Plakat vertreten sei- beispielsweise auf der Cocarde der Maskottchen oder auf den Flugzeugen der Patrouille de France.
Und macht man sich auf die Suche, wird man auch an anderen Stellen die Farben der Tricolore finden…
Außerdem sei als nationales Symbol Marianne auf dem Plakat abgebildet.
Auf der von Marianne getragenen Aussichtsplattform sieht man übrigens ein internatonales Publikum, das wohlwollend und begeistert von oben auf das bunte olympische Treiben herabblickt. Die Dame hält in ihrer Hand einen Ball, vermutlich die Weltkugel symbolisierend, auf dem ein Vogel sitzt; vielleicht eine Friedenstaube: Die Olmpischen Spiele als Veranstaltung des Friedens für die ganze Welt – schön wärs….
Die Kehrseite der Medaille
Dass da alles friedlich-freundlich zugeht und das Fest durch keine Dissonanzen getrübt wird, ist bei einem olympischen Plakat nicht anders zu erwarten und sollte auch kein Kritikpunkt sein.
Dass es aber durchaus eine Fülle von möglichen Problemen rund um die Olympischen Spiele gibt, wird immer deutlicher, je näher sie kommen: Das betrifft vor allem, angesichts eines schon in Normalzeiten völlig überlasteten und teilweise maroden öffentlichen Nahverkehrs, die Bewältigung eines Massenansturms von Olympia-Gästen, und es betrifft die Frage, wie man die Sicherheit der Spiele garantieren kann: ein Problem, das gerade nach dem blutigen IS-Anschlag bei Moskau noch einmal mehr ins öffentliche Bewusstein geraten ist.
Und dann gibt es auch noch den Wunsch der Verantwortlichen, das frohe Fest nicht durch unangenehme Bilder von aufdringlichen Bettlern, heruntergekommenen Obdachlosen, Drogenabhängigen oder an den Seineufern oder in Parkanlagen kampierenden Flüchtlingen zu stören. Diesen Wunsch -und daraus folgende entsprechende Maßnahmen- gab es auch schon bei anderen Olympischen Spielen- Paris macht da keine Ausnahme. Und die Tendenz, das strahende Bild der ville lumière nicht von am Rand der Gesellschaft -aber nicht immer am Rand der Stadt- Lebenden verdunkeln zu lassen, gibt es ja schon seit den Zeiten des Barons Haussmann.
Die Zeitung Libération hat am 22. März den Unerwünschten (Les Indésirables) der Olympischen Spiele einen mehrseitigen Aufmacher gewidmet. Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne legalen Aufenthaltsstatus (sans-papiers), Prostituierte (travailleurs du sexe– sic!) seien schon teilweise aus Paris entfernt worden, andere unter verstärkter polizeilicher Überwachung. Es gäbe zahlreiche Opfer der von manchen Organisationen so bezeichneten «sozialen Säuberung» (nettoyage sociale).
„Paris verbirgt sein Elend“ (Libération 22.März 2024)
In ihrem Leitartikel schreibt Libération dazu: „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass vier Monate vor der Eröffnungszeremonie angestrebt wird, alle diejenigen aus Paris und der Region Île-de-France zu entfernen, für die die Straße die letzte Zuflucht ist. Und das sind in diesen Zeiten der Kriege und der wirtschaftlichen Probleme viele. Das führt zu verzweifelten Situationen wie bei der kürzlichen Auflösung des Lagers von Minderjährigen am Ufer der Seine.“[16] Verzweifelte Situationen auch deshalb, weil es bei vergleichbaren Räumungsaktionen 2023 für die Betroffenen keine längerfristigen alternativen Angebote gab.[17]
Die katholische Hilfsorganisation Secours Catholique de Paris beklagt deshalb, dass der Anspruch der Olympia-Organisatoren, solidarischere, ökologischere und inklusivere Spiele als bisher abzuhalten, nicht eingehalten werde. Die Olympiade werde jedenfalls nicht wie versprochen ein Fest für alle sein.
Es gäbe nämlich noch die vielen „Vergessenen des Festes“, über deren Situation die Organisation eine Informationsbroschüre veröffentlicht hat.[18]
Auch die FAZ hat sich in ihrer Ausgabe vom 27. März des Themas angenommen. Die Paris-Korrespondentin Michaela Wiegel schreibt unter der Überschrift „Die Migranten, die Paris vor Olympia verlassen müssen“:
„Die Regierung hat die Vorstellung zurückgewiesen, dass die Räumungs- und Verlegungsoffensive in Paris im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen steht. Vielmehr würden die Migranten im Namen der nationalen Solidarität in andere Regionen geschleust. (…) Die Hauptstadtregion betreue bereits durchschnittlich 120.000 Menschen in Notunterkünften. Dabei reichen die öffentlichen Aufnahmezentren bei Weitem nicht aus, deshalb werden Hotels zur Unterbringung herangezogen. Doch viele Hotels haben rechtzeitig vor den Olympischen Spielen Eigenbedarf angemeldet. Sie wollen ihre Zimmer lieber lukrativer an Olympia-Besucher vermieten.
Hilfsorganisationen beklagen das Vorgehen der Behörden. Sportlern und Besuchern aus aller Welt solle im Olympia-Sommer ein makelloses Stadtbild vorgeführt werden. ‚Olympia ist ein wunderschöner Lack, der die Armut verbirgt‘, sagte Paul Alauzy für das Aktionsbündnis Die Kehrseite der Medaille.“ (Le Revers de la médaille).
Dies ist ein Zusammenschluss von etwa 80 Hilfsorganisationen, die im Vorfeld der Olympischen Spiele auf die „Vergessenen des Fests“ aufmerksam machen und eine nettoyage sociale verhindern wollen.[19] Zum Beispiel durch Aktionen wie Anfang Februar.
Da wurden u.a. die Worte Olympische Spiele : „Man ist nicht fertig“ auf den Arc de Triomphe projiziert.[20]
Die Plakate, die dabei hochgehalten wurden, interpretieren auf sarkastische Weise den olympischen Slogan Citius, altius, fortius, communiter. Plus vite, plus haut, plus fort, ensemble. Schneller, höher, stärker, gemeinsam.
Schneller um die notleidende Bevölkerung aus der Île-de-France zu entfernen. Foto: Frauke Jöckel. Seineufer. März 2024
„Um alle Nationen hier zu empfangen, mussten alle ausgeschlossen werden, die schon da waren.“
Auch an berühmten Pariser Sehenswürdigkeiten wurden von dem Kollektiv Plakate aufgehangen. „Olympische Spiele 2024: Offene Grenzen für die Reichen, soziale Säuberung für die Armen“, steht darauf.[21]
„Höher bei der Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen ohne offiziellen Aufenthalts-Status“. Foto: Frauke Jöckel
Auf dem olympische Plakat Gattonis gibt es ebenfalls den olympischen Slogan citius, altius,fortius, communiter, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen: auf dem Sprungbrett, auf dem ein junger Mann mit einer Taube auf einem ausgestreckten Arm dabei ist, sich in das olympische Gewimmel zu stürzen. (Rechts oben übrigens der grüne Wallace-Brunnen)
Es ist zu hoffen, dass die Pariser Olympiade die fröhlichen, bunten und friedlichen Spiele bieten kann, die das Plakat verheißt. Und vielleicht kann der öffentliche Druck doch dazu beitragen, dass die Situation der oubliés de la fête stärker ins Bewusstsein der Verantwortlichen rückt und schließlich zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen beiträgt. Immerhin lässt es sich Frankreich einiges kosten, damit während der olympischen Spiele sozial eitel Sonnenschein herrscht: Die öffentlich Bediensteten erhalten zum Beispiel besondere Olympia-Prämien: Nicht auszudenken, wenn etwa die Bediensteten der Nahverkehrsgesellschaft RATP während der Spiele die Arbeit niederlegten. Aber auch ein eklatanter Widerspruch zwischen dem Anspruch solidarischer, ökologischer und inklusiver Spiele und einer „sozialen Säuberung“ würde einen dunklen Schatten auf die Spiele werfen.
Gesamtansicht des Plakats: https://medias.paris2024.org/uploads/2024/02/Paris2024-Contenus-Affiche_Officielle-2.jpg Die nachfolgenden Detailbilder des Plakats sind teilweise Ausschnitte aus dieser Internet-Seite oder es sind Aufnahmen, die ich mit einiger Mühe an den den Plakatwänden gemacht habe. Deshalb zum Beispiel auch die Spiegelung umliegender Gebäude bei dem Foto mit der olympischen Fackel.