Bild des Monats August 2025: Die olympische Flamme zurück in den Tuilerien

Foto: Wolf Jöckel 6.8.2025

Die olympische Flamme faszinierte während der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics 2024 täglich Tausende.

Der Ballon der olympischen Flamme, aufgenommen bei Vollmond am 19. August 2024  Foto: Wolf Jöckel

Seit Juni diesen Jahres ist sie wieder im Tuilerien-Garten zu sehen.

Die Feuerschale war nach den Olympischen Spielen abgebaut worden, Pariser Bürgerinnen und Bürger und die Stadtverwaltung setzten sich aber für ihre Rückkehr ein. Jetzt steigt sie bis zum 14. September jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Heliumballon in 60 Meter Höhe auf.

© Henri Garat/ville de Paris: Ein spektakulärer Blick auf den Ballon mit dem Arc de Triomphe und dem Geschäftsviertel La Défense im Hintergrund. Für den Paris-Besucher bieten sich die place du Carrousel und der jardin du Carrousel als die Orte an, von denen man den aufsteigenden Ballon aus nächster Nähe beobachten kann.

Blick durch den napoleonischen Triumphbogen Arc du Carrousel am Louvre. Fotos: 7.8. 2025 Wolf Jöckel

Weniger frequentierte Beobachtungsplätze gibt es an den Seine-Kais rive gauche zwischen der Monnaie de Paris und der Assemblée nationale. Auf dem Tiefkai vor dem Musée d’Orsay zum Beispiel gibt es direkt am Fluss bequeme Sitzplätze mit freiem Blick, die sich auch für ein abendliches Picknick anbieten.

Blick über die Seine auf den Tuileriengarten, wo derzeit gerade ein Jahrmarkt stattfindet (La Fête des Tuilerien), zu dem auch das Riesenrad gehört.

Bild von AIF: https://www.amnesty.fr/actualites/-stop-genocide-a-gaza–projete-sur-la-vasque-olymp

Anlässlich des ersten Jahrestags der Olympischen Spiele von Paris hatte Amnesty International France am 26. Juli 2025 die Worte Schluss mit dem Völkermord in Gaza auf den Ballon projiziert. Aktivisten hatten dafür ein Hotelzimmer in der Rue de Rivoli angemietet.

Zu dieser spektakulären Aktion Anne Avinel-Barras, die Präsidentin von AIF:

„Was in Gaza geschieht, steht im krassen Gegensatz zu den Werten des Humanismus und Pazifismus, die in der Olympischen Charta verankert sind. Die Schwere der Verstöße der israelischen Armee gegen die Zivilbevölkerung, Männer, Frauen, ältere Menschen und Kinder, zwingt uns im Rahmen dieses olympischen Festes, daran zu erinnern, dass der Völkermord in Gaza unverzüglich beendet werden muss.“

Traumgärten mit Palmen auf dem Cap d’Antibes. Ein Gastbeitrag von Daniela David

Der nachfolgende Beitrag ist Teil eines Artikels von Daniela David über Gärten an der Côte d‘Azur in ihrem Blog „Von Reisen und Gärten“: https://www.von-reisen-und-gaerten.de/cote-dazur-traumgaerten-mit-palmen/

Daniela David ist Reisejournalistin, Filmautorin, Gartenliebhaberin und Gartenkennerin. Sie ist fasziniert von der Gartenkultur verschiedener Epochen, Länder und Kulturen. In ihrem Blog gibt es ein weltweites Spektrum von Garten-Beiträgen, es werden aber auch weitere französische Gärten in der Provence, in Paris und der Normandie vorgestellt…

Der Garten der Villa Eilenroc

Der Garten der Villa Eilenroc an der Spitze von Cap d’Antibes hat eine sensationelle Lage, auf einem Plateau direkt am Mittelmeer. Und die Villa? Sie ist gigantisch. Mit ihren Säulen erinnert sie an das Weiße Haus in Washington. Charles Garnier, der berühmte französische Architekt der Alten Oper in Paris, hatte den Auftrag „Klotzen!“ Das war 1865. Der Meisterarchitekt sollte ein bombastisches Bauwerk schaffen.

Die Villa Eilenroc ruht auf der Halbinsel von Cap d’Antibes, die ins Meer hineinragt. Blau der Himmel und azurblau die See. Palmen wedeln im Wind.

Doch ursprünglich war hier nichts, kein Baum, kein Strauch – außer einem Felsen im Wasser mit grandioser Aussicht. Den Garten gab es noch nicht. Wie auch, auf einem Felsen? Der erste Gärtner kapitulierte sofort. Garten, geht nicht. Nicht hier. 

Der zweite Gärtner, ein einfacher Mann, überlegte, zeichnete kurz einen Plan mit Struktur und Achsen. Der reiche Eigentümer winkte ihn durch und los ging es. Unzählige Esel schafften mit Karren die Erde herbei. Dies war die Voraussetzung für die Pflanzen: Palmen und Pinien, Olivenbäume und grüne Eichen, Jakaranda und Zypressen. Eilenroc ist die unglaubliche Geschichte von unmöglichen Ideen und von Machbarkeit. Esel sei Dank!

Und heute? „Inzwischen kämpfen wir, das üppige Grün im Zaum zu halten“, erklärt Jean-Pierre Schaefer vom Grünflächenamt in Antibes. Das sonnenverwöhnte Mikroklima der Côte d’Azur lässt exotische Pflanzen gut gedeihen. Durch Erbschaft gelangte das Anwesen in die öffentliche Hand. Da inzwischen nur noch eine Handvoll Gärtner zur Verfügung stehen und nicht wie einst rund 30, wird zwangsläufig der „natürliche Stil“ gepflegt.

                                 In der Villa Eilenroc ist fast alles eine Nummer größer als üblich.

Die anfangs gepflanzten Bäumchen sind längst zu stattlichen Bäumen ausgewachsen. So promeniert der Besucher durch schattenspendende, mediterrane Wäldchen und Olivenhaine. Von den beiden großen Rosengärten kann der Neugierige auf die Nachbarvillen blicken. Sie gehören den Reichsten der Reichen dieser Welt, wie etwa dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Die Gärten jener Anwesen an der Côte d’Azur bleiben für reguläre Besucher allerdings verschlossen.

Der Jardin Thuret

Der Jardin Thuret ist ein wissenschaftlicher Garten, der stellenweise wie ein Urwald aussieht.

Für jeden Besucher offen und dazu ohne Eintrittsgebühr ist der Jardin Thuret, ein dschungelartiger Garten ein Stück weiter auf Cap d’Antibes. „Es ist der schönste Garten, den ich je gesehen habe“, hat Georg Sand über den Jardin Thuret in Antibes geschrieben. Vermutlich war es die unermessliche Vielfalt der exotischen Gehölze, die die Französin betörte. Doch der Besuch der Schriftstellerin ist schon eine Weile her.

Heute wuchert es in diesem Garten. Bäume strecken sich in den Himmel. Darunter sind seltene Exemplare, die die südländische Hitze lieben, wie der Arbutus andrachne. Ein Erdbeerbaum mit rotfarbenem Stamm! Diese Art stammt vom Balkan. Zuerst wächst die Rinde in Grün, dann schält sie sich und gibt den glatten Stamm frei in Rot. Dieser Baum ist ein Exzentriker! Er stich im Kreise seiner Nachbarn deutlich hervor und zieht die Blicke auf sich.

                                  Ein seltenes Rot: Arbutus andrachne, der Erdbeerbaum.

Forschungsgarten mit Historie

„Wir führen in unserem Jardin Thuret viele Forschungen durch“, sagt Catharine Ducatillon, die Direktorin des Forschergartens. „So untersuchen wir, wie sich die Bäume auf den Klimawandel einstellen.“ Die Wissenschaftlerin ist eine Frau mit Erfahrung. Pflanzen sind ihre Leidenschaft. So passioniert war auch der Begründer dieses Gartens an der französischen Riviera: Gustave Thuret (1817-1875). Der Pflanzenkenner kaufte 1857 ein fünf Hektar großes Grundstück auf der Halbinsel Cap d’Antibes. In 20 Jahren pflanzte er dort rund 4.000 Pflanzenarten. Viele der teils exotischen Gewächse stammten aus Kolonien.

„Thuret hatte in gewisser Weise einen extremen Charakter“, versucht Catherine zu erklären. „Er zog Dinge durch!“ Protestantisch, diskret, seriös. Ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine wohlhabende hugenottische Familie stammte aus den Niederlanden. Gustave Thuret sprach mehrere Sprachen und war in der Welt unterwegs, auch als Attaché in der Botschaft Frankreichs in Konstantinopel.

Seine Schwägerin, die später den Garten mit der Villa an der Côte d’Azur erbte, vermachte das Anwesen dem französischen Staat. „Noch heute leben Mitglieder der Familie Thuret in der Region“, berichtet Catherine. „Und sie interessieren sich nach wie vor für den Garten.“

Pflanzenjäger im Auftrag der Wissenschaft

Büste von Gustave Thuret

Doch Thuret war kein üblicher Pflanzenjäger wie die gartenanlegenden Engländer zu der Zeit an der Riviera. Thuret war Botaniker. Sein Interesse galt der Wissenschaft. Er untersuchte die exotischen Pflanzen in seinem Garten und protokollierte, wie sich die eingeführten Bäume an das Mittelmeer adaptierten.

Dank seiner Aufzeichnungen, die nach seinem Tod fortgeführt wurden, weiß man heute ganz genau, wann welcher exotische Baum gepflanzt wurde. Ein unermesslicher Schatz für Wissenschaftler. Wie haben die Pflanzen sich an den Ortswechsel angepasst? Wie reagieren sie auf Trockenheit? Wie ertragen sie Schädlingsbefall? Fragen, die heute aktueller denn je sind.

„Der Jardin Thuret ist der einzige Garten in der Gegend, in dem eine aktive wissenschaftliche Recherche stattfindet“, erklärt Cathrine etwas stolz. Gestern waren Studenten von der Uni in Montpellier im Garten und untersuchten bestimmte Baumarten. Forscher aus der ganzen Welt besuchen den Jardin Thuret für ihre Forschungszwecke. Insgesamt zählt der Garten an der Côte d’Azur 15.000 bis 20.000 Besucher im Jahr.

Die Côte d’Azur ohne Palmen – unvorstellbar!

Der Mann mit der Phoenix Palme

So ist der Jardin Thuret das Gegenteil eines typisch französischen Gartens: nicht streng geordnet und beschnitten, sondern wild und natürlich. In diesem Park mit dem großen Pflanzenreichtum haben die Bäume die Chance, zu ihrer eigenen Gestalt heranzuwachsen. Kein Gärtner beschneidet sie. „Für mich ist das die Harmonie der Natur“, schwärmt Catherine.

Gustave Thuret war es auch, der die Phoenix-Palme von den Kanarischen Inseln an die Côte d’Azur brachte. Vor dem 19. Jahrhundert gab es dort nur zwei eigene Palmenarten. Thuret ließ die Phoenix Palme von den Kanarischen Inseln heranschiffen. Diese groß wachsende, einstämmige Palme sollte zum Emblem der Riviera werden. Das Postkartenmotiv schlechthin.

Praktische Hinweise:

Jardin Eilenroc:
Avenue Mrs Beaumont    06160  Cap D’Antibes, Antibes

Samstags 10-17 Uhr geöffnet

Jardin botanique de la villa Thuret:

90, chemin Gustave Raymond  06160 Antibes Juan-les-Pins 

Öffnungszeiten: April bis Oktober 8 h 00 – 18 h 00; November bis März 8 h 30 – 17 h 30

An Wochenenden und Feiertagen geschlossen.

Informationsbroschüre in deutscher Sprache: https://jardin-thuret.hub.inrae.fr/content/download/6068/49030?version=1

Siehe auch: https://provencelovers.fr/de/besuchen-botanischer-garten-villa-thuret-antibes/

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Der Besuch eines der Gärten lässt sich auch verbinden mit einem Besuch des Ateliers von Hans Hartung und Anna-Eva Bergman in Antibes:

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Daniela David veröffentlicht auch Romane unter dem Pseudonym Elena Eden, zuletzt den Côte d‘Azur Gartenroman „Der Garten im Licht.“ Es ist eine deutsch-französische Familiengeschichte, kann aber gleichzeitig als Gartenreiseführer dienen. Am Ende werden zahlreiche Gärten mit Adressen, Informationen und Tipps der Autorin aufgeführt.

Elena Eden, Der Garten im Licht – Côte d’Azur-Roman, E-Book (3,99 Euro) und Taschenbuch (13,99 Euro) bei Amazon und im Buchhandel, 2024

Bild des Monats: Juni 2025 (Cormoran an der Seine)

Foto: WF Jöckel

Ein Kormoran an der Seine, mitten in Paris, am Pont de l’Alma, offenbar seinem Stammplatz. Inzwischen sind die Kormorane dort heimisch und das bedeutet: Diese gefräßigen Tiere finden genügend Nahrung. Gab es 1990 im Pariser Abschnitt der Seine 14 Fischarten, so sind es heute 34. Und kürzlich hat man dort 20 Süßwassermuschelarten registriert, davon drei besonders empfindliche. (Le Parisien vom 4.2.2025). Die Wasserqualität der Seine hat sich also deutlich verbessert. Nachdem schon im Sommer 2024 mehrere Schwimmwettbewerbe der Olympischen Spiele in der Seine ausgetragen wurden, gibt es gute Chancen, dass auch wir in diesem Sommer wie versprochen in der Seine baden können. Die Vorbereitungen dafür sind im Gange.

Drei solcher Badeanstalten sollen im Sommer 2025 in der Seine betriebsbereit sein. (Le Parisien 9.1.2025)

Für uns ist besonders erfreulich, dass eine der drei Badeanstalten am Pont Marie (4. Arrondissement), unserer Pariser Lieblingsbrücke, eingerichtet werden soll, da wo noch vor wenigen Jahren die Autos auf der voie Pompidou, einer Seine-Schnellstraße vorbeibrausten. Heute drängen sich dort bei gutem Wetter Einheimische und Touristen, es gibt vor Anker liegende Schiffe, die auf dem Wasser und an Land Essen und Trinken anbieten – und demnächst dann hoffentlich auch die Seine-Badeanstalt…

Einen Kormoran bei der Unterwasserjagd nach Fischen (wie z.B. im Mittelmeer) werden wir dort aber kaum „Aug’in Aug'“ beobachten können. Nicht nur, weil die Seine-Bassins von dem Fluss mit seiner starken Strömung und dem intensiven Schiffsverkehr abgetrennt sein werden, sondern weil das Wasser für solche Begegnungen denn doch bei weitem (noch) nicht klar genug ist …

Bild des Monats: April 2025 (Das beste und das größte Croissant von Paris)

Foto: WF Jöckel

Es gibt -neben dem baguette- wohl kaum ein für Frankreich typischeres Backwerk als das Croissant. Und so wie jährlich das beste baguette von Paris in einem prestigeträchtigen Wettbewerb ermittelt wird – der Sieger ist ein Jahr lang „Hoflieferant“ des Präsidenten- so wird auch das beste Croissant ermittelt. Bewerben darf sich jede Bäckerei von Paris und den umliegenden Departements, die die gesamte Herstellung selbst vornimmt. Und wie kompliziert die ist, hat Klaus Lintemeier in Paris-magie, dem neuen Paris-Blog, eindrucksvoll beschrieben.

Im Mai 2024 wurde für die Saison 2024/25 eine Bäckerei im Faubourg Saint-Antoine ausgewählt, einem Viertel das in allen französischen Revolutionen eine wichtige Rolle gespielt hat und ehemals Zentrum der französischen Möbelherstellung war. Im kulinarischen Bereich ist es aber bisher meines Wissens eher weniger hervorgetreten. Umso überraschender und für Liebhaber des Viertels (wie wir) erfreulicher ist aber, dass die Bäckerei Doucet, ein kleiner -und passend zum Viertel: eher unscheinbarer-  Familienbetrieb mit Sitz im Faubourg Saint-Antoine 2024 ausgewählt wurde.

Der Sieger kann für seine Croissants entsprechend Werbung machen und auch etwas höhere Preise verlangen. Das Privileg, den Elysée-Palast zu beliefern, hat er aber nicht. Wir lassen uns jetzt aber gerne zum Nachmittagskaffe das leckere Croissant aus dem Hause Doucet schmecken… Dazu gehört natürlich auch, wie auf dem Bild des Monats zu sehen, die aktuelle Ausgabe von Le Monde: In Paris kann man die des folgenden Tages schon am frühen Nachmittag kaufen. Quel privilège!

Allerdings müssen wir nicht unbedingt bei Doucet die Croissants kaufen: In unmittelbarer Umgebung unserer Wohnung gibt es nicht weniger als VIER Bäckereien, und wenn wir bereit sind, einen fünfminütigen Fußweg in Kauf zu nehmen, noch vier weitere… Und dort gibt es auch leckere Croissants und dazu noch deutlich preisgünstigere….

Das wohl größte Croissant von Paris gibt es übrigens in Montmartre- es ist fast so groß wie ein Kinderkopf, es wiegt 750 Gramm, also so viel wie 15 „normale“ Croissants und scheint ein Verkaufsschlager zu sein – und dies trotz seines stolzen Preises von 32 Euro.

Das XXL-Croissant gibt es bei Philippe Conticini in der Rue de Steinkerque, durch die sich die Touristenmassen auf dem Weg zur Kirche Sacré-Coeur drängen- ein idealer Platz also und ein Marketing-Gag….

Nie wieder! Nirgendwo! Die Ausstellung „Entartete Kunst“ im Picasso Museum Paris (Februar bis Mai 2025)

Vom 18. Februar bis 25. Mai 2025 wird im Picasso-Museum Paris die Ausstellung „Entartete Kunst – Der Prozess der modernen Kunst unter dem Nationalsozialismus“ präsentiert.[1]

Diese Ausstellung ist aus mehreren Gründen besonders sehenswert:

  1. Es ist -abgesehen von einer kleinen Präsentation im Goethe-Institut Paris- die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankreich.
  2. Sie findet im Picasso-Museum statt und hat dort zu Recht ihren, wenn auch etwas beengten, Platz: „Der Maler von Guernica verkörperte in den 1930er Jahren auf emblematische Weise die Figur des sogenannten „entarteten“ Künstlers „, wie das Museum betont.[2] Und die Präsentation der Ausstellung im Picasso-Museum eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, auch die wunderbare Sammlung von Werken Picassos in dem ebenso wunderbaren Ambiente des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hôtel Salé im Pariser Marais-Viertel anzusehen.
  3. Es werden in der Ausstellung auch Werke gezeigt, die erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind, zum Beispiel aus der lange als zerstört angenommenen Sammlung des Kunsthändlers Gurlitt.
  4. Die Ausstellung findet in einer Zeit statt, in der es in Deutschland wieder Stimmen gibt, die bedenklich an den Kampf der Nazis gegen die avantgardistische Kunst erinnern. So bezeichnete die AfD- Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt im Oktober 2024 das Bauhaus als einen „Irrtum der Moderne“. Es habe eine „globalistische Uniformität“ erzeugt. Damit gehe die AfD, so die damalige Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, „mit erschreckend ähnlichen Argumenten und Formulierungen wie einst die NSDAP“ gegen das Erbe des Bauhauses heute vor. [3] Und in den USA gibt es beängstigende Tendenzen, neben Presse, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft auch die Kultur gleichzuschalten. Es ist bezeichnend, dass zum Beispiel die Zeitung Le Monde für die aktuellen Entwicklungen in den USA das Verb „metre au pas“ verwendet, das bisher eher für die nationalsozialistische Politik der „Gleichschaltung“ nach der „Machtergreifung“ reserviert war. Insofern hat eine Ausstellung über „Entartete“ Kunst derzeit leider eine „brennende Aktualität“ (France Culture). [4]

Im ersten Ausstellungsraum sind vier Skulptur-Fragmente ausgestellt. Sie gehörten zu den Exponaten der Nazi-Ausstellung „entarteter“ Kunst (München 1937) und wurden 2010 bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahn-Trasse in Berlin entdeckt.

Emy Roeder (1890-1971), Schwangere, 1918

Dahinter sind in alphabetischer Reihenfolge die Namen von 1400 Künstlerinnen und Künstlern aufgeführt, die von den Nazis verfemt, verfolgt oder umgebracht wurden.

Marg Moll (1984-1977), Tänzerin (um 1930)

Einige Namen sind schwarz hervorgehoben: Es sind die der 37 Künstlerinnen und Künstler, die in der Ausstellung im Picasso-Museum mit ca 60 Werken vertreten sind.

Insgesamt waren es 16558 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, die auf der von den Nazis erstellten Liste der entarteten Kunst aufgeführt waren: Deutsche Museen waren schon vor dem Ersten Weltkrieg und danach in den „goldenen 20-er Jahren“ des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Präsentation avantgardistischer Kunst. „Welches französische Museum“, so fragt Le Monde in seinem Ausstellungsbericht, „konnte sich vor 1947 rühmen, einen Picasso zu besitzen?“. In Deutschland gab es dagegen mehrere…  Die Nazi-Ausstellung von 1937 war deshalb auch die bedeutendste Präsentation avantgardistischer Kunst ihrer Zeit, allerdings veranstaltet und mit entsprechenden propagandistischen Mitteln präsentiert zum Zwecke ihrer Denunzierung. [5]

Umso bedeutender ist der von den Nazis verursachte große Verlust von Kunstwerken, vor allem für die deutsche Museumslandschaft. Das wird auch deutlich, wenn man auf die den ausgestellten Objekten beigefügten Informationstäfelchen schaut: Manche Werke wurden zwar nach dem Krieg wieder von deutschen Museen erworben, viele aber sind jetzt in der Schweiz zu sehen: Dort wurden im Auftrag der Nazis Kunstwerke versteigert, um so zur Finanzierung der Kriegsvorbereitung beizutragen. Und der Schweiz/dem Kunstmuseum Bern vermachte Cornelius Gurlitt auch die als verschollen gegoltene große Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand[6]. Manche Werke sind jetzt auch in Belgien zu sehen: Belgische Kunstfreunde hatten in der Schweiz Kunstwerke ersteigert: Sie hatten sich vorher abgesprochen, sich nicht gegenseitig zu überbieten. Und natürlich haben die USA , wo die finanziellen Mittel für die Ersteigerung von Kunstwerken ja reichlich vorhanden waren, von dem Kunstausverkauf der Nazis profitiert.

Nachfolgend nun eine Bilderstrecke zur Ausstellung. Sie soll einen kleinen Eindruck von der Breite, der Qualität und der Bedeutung der von den Nazis verfemten Kunst vermitteln und damit natürlich auch zum Besuch der Ausstellung anregen.

Das für das Ausstellungsplakat ausgewählte Gemälde: Georg Grosz (1893-1959), Metropolis, 1916/17. (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Rosa Straße mit Auto, 1913 (The Museum of Modern Art, New York

Paul Klee (1879-1940), Sumpflegende, 1919 (Lenbachhaus München)

Max Pechstein (1881-1955), Stilleben: Südseefigur und Blumen 1917 (Kunsthalle Mannheim). Die Kunsthalle Mannheim war in den 1920-er Jahren eine der fortschrittlichsten Ausstellungshäuser.

Ludwig Meidner (1884-1966), Die Verzückung Pauli. Aquarell 1919 (Privatsammlung Karlsruhe)

Erich Heckel (1883-1970), Vorberge 1923. Museum für Kunst und Kultur, Münster

Vassily Kandinsky (1866-1944), Landschaft mit Fabrikschornstein, 1910 (Solomon R. Guggenheim Museum, New York)

El Lissitzky (1890-1941), Proun 2, Constuction, 1920 (Philadelphia Museum of Art)

Ernst Barlach (1870-1938), Frierendes Mädchen, 1917 (Ernst Barlach Haus, Hamburg)

Alexej von Jawlensky (1864-1941), Variation: Strenger Winter (Kunstmuseum Basel)

Joachim Ringelnatz (1883-1934), 11 Uhr nachts, 1930 (Pinakothek der Moderne, München)

Georg Grosz (1893-1959) Abends, (Ausschnitt, Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

Otto Dix (1891-1969), Gasmaske, 1916 (Kunstmuseum Bern, aus der Sammlung Gurlitt)

„Bleiben wir, was wir sind. Es lebe die Entartung!“ Otto Dix 1936

Jedes dieser „entarteten“ Kunstwerke und natürlich auch jeder Künstler, der sie geschaffen hat, hat eine ganz besondere Geschichte, die man erzählen könnte. Hier wenigstens ein besonderer Blick auf fünf in der Ausstellung vertretene Künstler:

Karl Hofer

Karl Hofer (1878-1955), Freundinnen. 1923/24 (erworben 1924 von der Hamburger Kunsthalle, die damals auch zu den fortschrittlichsten Ausstellungshäusern Deutschlands gehörte; von den Nazis konfisziert 1937, zurückgekauft von der Hamburger Kunsthalle 1947)

Diesem Bild ist in der Ausstellung folgende Erläuterung beigefügt: „Das Gemälde Freundinnen entwirft das Bild einer verletzlichen und brüderlichen Humanität in einer von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägten düsteren Umgebung. Beurlaubt von seiner Stellung als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Berlin, wurde er im Sommer endgültig seines Postens enthoben. 10 Werke  des Künstlers, darunter dieses Gemälde, wurden 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. 1938 wurde Hofer aus der Kunstkammer des Reichs ausgeschlossen, weil seine Frau Jüdin war. Das bedeutete das Verbot, Werke auszustellen und zu verkaufen. Nach der Scheidung von seiner Frau 1939 wurde er wieder in die Kunstkammer aufgenommen. Mathilde Hofer wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“

Emil Nolde:

Emil Nolde, (1932 – 1956), Begegnung am  Strand, 1909 (Stiftung Seebüll, Neukirchen)

                                          Emil Nolde, (1932 – 1956), Hülltoft Hof, 1932.

Dieses Gemälde war noch 1934 von einem Sammler der Hamburger Kunsthalle geschenkt worden, die auch zu den fortschrittlichsten Museen Deutschlands gehörte.   1937 wurde das Bild von den Nazis konfisziert, nach dem Krieg dem Sammler zurückgegeben, dessen Erben es 2002 erneut der Hamburger Kunsthalle schenkten. Der Expressionist Nolde ist der wohl berühmteste „entartete Künstler”: von keinem anderen Maler wurden während des Nationalsozialismus so viele Arbeiten beschlagnahmt und derartig prominent in der Propagandaausstellung ‚Entartete Kunst’ zur Schau gestellt.[7] Lange lebte die Legende von Nolde als unschuldigem Opfer der NS-Kunstpolitik. Nolde war allerdíngs Parteimitglied, vehementer Antisemit und sogar Denunziant,  und er verlor bis zum Kriegsende nicht den Glauben an das nationalsozialistische Regime. Wiederholt bekannte er sich in Briefen an Goebbels zum NS-Regime. Dass auch dieses wunderbare Gemälde zu den in München ausgestellten „entarteten“ Werken gehört, ist nur schwer nachzuvollziehen, und es ist auch nur schwer nachzuvollziehen, wie hohe Kunst und niederste politische Gesinnung und Verhaltensweisen Hand in Hand gehen können.

Georg Schrimpf

Georg Schrimpf (1889-1938), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1926 (Museum Ludwig Köln)

Im Julie 1937 wurden 5 Werke von Georg Schrimpf von den Nazis konfisziert,  darunter auch diese Gemälde aus der Kunsthalle Mannheim. Der „Fall Schrimpf“ ist insofern besonders interessant, weil der die Meinungsverschiedenheiten deutlich macht,  die es auch innerhalb der Nazi-Hierarchie bezüglich der Definition „entarteter“ Kunst gab. Rudolf Hess, Stellvertreter Hitlers, gehörte nämlich zu den Sammlern von Werken Schrimpfs. Er forderte deshalb auch, dass der Name von der Liste „entarteter“ Künstler gestrichen werden solle. Goebbels lehnt das ab. Wenn er jeden aus der Ausstellung nehme, für den sich jemand einsetze, könne er gleich ganz zumachen… [8]

Pablo Picasso

Pablo Picasso (1881-1973), La Famille Soler (Ausschnitt), 1903 (Musée  des Beaux-Arts Lüttich)

Dieses Gemälde Picassos wurde 1913/14 von dem Kölner Museum erworben, 1937 von den Nazis konfisziert und in Luzern versteigert. Die Stadt Lüttich erwarb das Bild mit acht anderen von den Nazis versteigerten Bildern, von Marc Chagall, Paul Gauguin und Franz Marc.

Picasso war seit „Guernica“ eine Ikone des antifaschistischen Kampfes. Gleichwohl konnte er auch während der Herrschaft Vichys und der deutschen Besatzung unbehelligt in Paris leben. Es gab zwar keine öffentliche Ausstellung seiner Bilder, aber er konnte in seinem Atelier in der rue des Grands-Augustins unter dem wachsam-wohlwollenden Auge der Besatzer höchst produktiv weiterarbeiten und erhielt dafür auch die erforderlichen Ressourcen.[9] Ein Beispiel dafür, dass in Paris auch unter nationalsozialistischer Herrschaft -jedenfalls für Nicht-Juden- ein Maß an künstlerischer Freiheit existierte, das im Dritten Reich selbst völlig undenkbar war.

Otto Freundlich

Otto Freundlich (1878-1943), Hommage aux peuples de couleurs, 1935 (Centre Pompidou)

Otto Freundlich ist eine ganz außerordentliche Künstlerpersönlichkeit.[10] Aus Pommern stammend reiste er nach Studien in Berlin und München 1908 nach Paris und war ein Pionier der abstrakten Kunst. In Montmartre war er Nachbar Picassos, mit dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war.  

Brief an Picasso aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Bei Kriegsausbruch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, ließ sich aber 1925 endgültig in Paris nieder. Während im Deutschland der Weimarer Republik seine Werke von aufgeschlossenen Museumsleitern gekauft und ausgestellt wurden, hatte der von den Nazis verfemte Künstler nach 1933 große Existenzschwierigkeiten.  Erst 1937 wurde auf Initiative prominenter Künstler und Freunde eines seiner Werke für die staatlichen Kunstsammlungen Frankreichs erworben. Als Maler der Abstraktion, als politisch engagierter Künstler und als Jude passte Freundlich perfekt in das Feindbild der Nazis. Versteckt in einem Bauernhof der Pyrenäen denunzieren ihn Nachbarn und die französische Gendarmerie liefert ihn an die Nazis aus. Mit einem Konvoi vom Bahnhof Bobigny wird er desportiert[11] und am 9. März 1943  im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.

Im Picasso-Museum wird auch der Führer zur Ausstellung „Entartete“ Kunst von 1937 gezeigt. Dort ist allerdings „Kunst“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich ja nach Auffassung von Goebbels und der Nazi-Doktrin nicht um Kunst handelte. Auf der Titelseite ist eine ironisch L’homme nouveau (der neue Mensch). betitelte Skulptur von Otto Freundlich abgebildet. Ich sehe darin eine Karikatur des skrupellosen Machtmenschen, wie er gerade wieder weltweit Konjunktur hat.


[1] Ausstellungskatalog: L’exposition « L’art „dégénéré“. Le procès de l’art moderne sous le nazisme », organisée par le Musée national Picasso-Paris, explore et met en perspective l’attaque méthodique du régime nazi contre l’art moderne. 39 Euro

https://expo.paris/exposition/l-art-degenere-musee-picasso-2025 Siehe auch: La revanche des artistes „dégénerés“. France culture 20.3.2025

Alle Bilder des Beitrags habe ich in der Ausstellung aufgenommen. Da es sehr voll und eng war, musste ich manchmal die Seiten etwas begradigen.

[2] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/321702-exposition-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-photos

[3] https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/bauhaus-afd-kulturkampf-100.html In der Sendung von France Culture vom 20.3. wird zur Erläuterung der Aktualität der Ausstellung darauf hingewiesen . Schon im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wurde 2021 gefordert, „nur solche Kunst zu fördern, die ihrer eigenen deutschen Kultur bejahend gegenübersteht.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/afd-kritik-bauhaus-dessau-kultur-100.html

[4] Siehe z.B. https://www.lemonde.fr/international/article/2025/03/15/donald-trump-met-les-juges-sous-pression_6581191_3210.htmlFrance Culture in einer Sendung über die Ausstellung. https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/les-midis-de-culture/critique-expo-l-art-degenere-le-proces-de-l-art-moderne-sous-le-nazisme-au-musee-picasso-3077095

Der Figaro bezieht die auch von ihm gesehene Aktualität der Ausstellung in der sowjetischen Kulturdoktrin mit ihrer Gegenüberstellung traditioneller russischer Werte und westlicher Dekadenz/“dégénérance. «Dégénérescence», c’est exactement de cela que Vladimir Poutine noux taxe, nous autres Occidentaux. Eh bien, « restons donc ce que nous sommes. Vive la dégénérescence ! » lui aurait lancé le peintre Otto Dix. Le Figaro, 7. März 2025

[5] Harry Bellet, Au Musée Picasso, l’art honni des nazis. In: Le Monde 18. Februar 2025

[6] https://gurlitt.kunstmuseumbern.ch/de/static/background/

[7] https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus/ 

[8] Siehe Le Monde, 18.2. 25

[9] https://atlantico.fr/article/decryptage/-les-artistes-en-france-sous-l-occupation–le-drole-de-diner-entre-picasso-la-bete-rouge-des-nazis-et-werner-lange-le-nazi- 

[10] Siehe den Blog-Beitrag zu Otto Freundlich: https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

[11] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2023/09/01/der-bahnhof-von-bobigny-seit-2023-erinnerungsort-der-deportation-von-juden-nach-auschwitz/

Zum Picasso-Museum siehe auch diesen Blog-Beitrag:

Dünkirchen, Hochburg des Karnevals in Frankreich

Autor des nachfolgenden Beitrags ist Pierre Sommet, ehemaliger Fachbereichsleiter Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld, Buchautor und Verfasser zahlreicher Lernmaterialien für den Französisch-Unterricht in der Erwachsenenbildung: Le Blog de Pierre Sommet

Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist Pierre Sommet bekannt durch seinen Beitrag über die Veuve Cliquot, „die ungekrönte Königin von Reims“, durch seine amüsante Präsentation deutsch-französischer Redewendungen und durch seine Forschungen zu Thierry Hermès, dem Gründer des für seine Luxusaccessoires berühmten Pariser Modehauses. Thierry Hermès wurde 1801 (schon mit obligatorischem französischem Vornamen, aber noch ohne Akzent) in dem damals von Frankreich annektierten Krefeld geboren, dem Wohnort Pierre Sommets und seit 1974 offizielle Partnerstadt Dünkirchens. Anlässlich des 50. Jubiläums dieser Partnerschaft entstand der nachfolgende Artikel, der zum ersten Mal im Oktober 2024 im Krefelder Jahrbuch Die Heimat erschienen ist. Ich freue mich, dass Pierre Sommet ihn, passend zur aktuellen Karnevalssaison, nun auch an dieser Stelle veröffentlicht. Wolf Jöckel

Abb 1: Das Plakat des nordfranzösischen Künstlers Aket, eine Kombination aus Kubismus und Street Art

Les Gens du Nord ont dans leurs yeux le bleu qui manque à leur décor.
Les Gens du Nord ont dans le cœur le soleil qu’ils n’ont pas dehors.

Die Menschen aus dem Norden haben in ihren Augen, das Blau, das ihrem Himmel fehlt. Die Menschen aus dem Norden haben im Herzen die Sonne, die draußen nicht scheint. Aus Les Gens du Nord, Chanson von Enrico Macias

Dünkirchen, Dunkerque, die nördlichste Hafenstadt Frankreichs, heute vorwiegend industriell, ursprünglich ein Fischerdorf in Flandern mit einer „Kirche in den Dünen“, lebte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fischfang und von der Fischverarbeitung. Die Dünkirchener, les Dunkerquois: gens du Nord, gens de mer, Menschen aus dem Norden, Seeleute. Und wie feiert man das neue Jahr in der Partnerstadt? Mag der Himmel so grau wie der Alltag sein, das Meer übellaunig und eiskalt, mehrere Hunderte sogenannte Givrés (Durchgeknallte) treffen sich zum traditionellen Bad der Durchgeknallten am Neujahrstag am langen Sandstrand von Dünkirchen. Ein Abhärtungstraining der besonderen Art für manche Karnevalisten, die kostümiert in die Wellen springen.

Für Niederrheiner, erdverbundene Menschen, gens de terre, (und nicht nur für sie! W.J.) ist der Dünkirchener Karneval ein gewöhnungsbedürftiges Erlebnis. Die Ursprünge des bunten Treibens in der Korsarenstadt liegen im 17. und im 18. Jahrhundert. Damals boten die Reeder den Seeleuten ihrer Fangflotte mit ihrem Heuervertrag ein Festessen, „Foye“ genannt, und die Hälfte ihrer Heuer als Handgeld vor der gefährlichen sechsmonatigen Reise Anfang März zu den isländischen Kabeljau-Fanggründen. Die Fischer feierten den letzten Tag an Land mit ausgiebigem Alkoholkonsum. Dies war die Geburt der ersten „Visscherbende“ (flämisch für Fischerbanden) des Dünkirchener Karnevals.

Abb 2: Kräftige Karnevalisten der Fischerbande in der ersten Reihe © Ville de Dunkerque

Am ersten Tag der sog. Drei Fröhlichen (Les Trois Joyeuses) im Februar gibt heute die Fischerbande (La Bande des Pêcheurs) den Ton an, bereits im Januar, denn der Dünkirchener Karneval dauert… drei Monate. Es finden unzählige Bälle und Kinderbälle (bals enfantins) in Dünkirchen und in der ganzen Region statt, zum Beispiel im malerischen Städtchen Bergues, Drehort des Kultfilms „Willkommen bei den Sch’tis“ (Bienvenue chez les Ch’tis).

Nordsee, Mordsee

Grund zur Freude hatten die Fischer damals nicht. Sie schufteten frierend in sechzehnstündigen Schichten an der Reling ihrer offenen Boote, mussten mit langen Angelschnüren bis zu vierzig Kilo wiegende Kabeljaus aus dem eisigen Nordatlantik ziehen. Entlang der Klippen der Insel aus Eis (Île de Glace) fehlte jegliche Küstenbefeuerung, Zerschellungsgefahr drohte, der Ozean wurde beim stürmischen Wetter zum Raubtier. Die Krallen des Wassers umklammerten manches Boot und rissen es in die Tiefe. Das Meer ist nachtragend. Wer sich an seinen Schätzen vergreift, kann dabei sein Leben verlieren. Und dann blieben an Land untröstliche Frauen und Kinder zurück. Der Mensch, ein fragiler Spielball der Natur.

Ein Straßenkarneval zum Mitmachen

Den ersten Höhepunkt des Karnevals bildet der Ball der Schwarzen Katze (Le Bal du Chat Noir) im Kursaal, von Monsieur le Maire, Jean Bodart, offiziell eröffnet. Im Saal toben 8.000 fantasievoll kostümierte Menschen und singen Karnevalslieder. Auf das beste Kostüm, in Dünkirchener Mundart clet’che genannt, wird sehr viel Wert gelegt. Küsschen (bises), in Frankreich ohnehin ein alltäglicher Brauch unter Freunden, werden verteilt.

Der Dünkirchener Karneval ist vor allem ein Straßenkarneval zum Mitmachen. On fait carnaval, sagen die Dünkirchener. Im Gegensatz zu seinem eleganten, spektakulären, weltberühmten Pendant in Nizza, wo man Eintritt für einen Tribünenplatz zahlt, sind hier im hohen Norden keine kunstvoll dekorierten Prunkwagen, kein Blumenkorso zu bewundern. Es werden weder Blumen noch Kamelle in die Menge geworfen, Prunksitzungen sind unbekannt, die Obrigkeit wird nicht verspottet, man verspottet sich selbst. Hauptsache, die sozialen Schranken fallen. Hier ist der enthemmte Mensch das Spektakel. Selbstverständlich verkleidet sich auch der engagierte Bürgermeister. Allerdings sorgt das Leitbild der Karnevalisten (La Charte des carnavaleux) für die Einhaltung von Regeln. Sich amüsieren und nichts kaputtmachen, lautet die Devise.

Die carnavaleux, auch masquelours genannt, sind entfesselt. Geschminkt, oft als matantes, also als Frauen mit Perücken, Pelzmänteln, grellen Federboas und ausladenden Dekolletés verkleidet, tragen sie bunte Regenschirme mit überlangem Stiel und ziehen in Banden durch die windgepeitschten Straßen. Eine feuchtfröhliche Solidargemeinschaft. Geselligkeit (convivialité) und Gastfreundlichkeit (hospitalité) werden großgeschrieben, es wird gerne geteilt und auch für Bedürftige gespendet. Und so richten viele Dünkirchener in ihren Wohnungen sogenannte Kapellen (chapelles) ein. In diesen befreundeten Häusern (maisons amies) werden die umherziehenden Narren aufgenommen und mit Karnevalsbier, Frikadellen, deftigen flamiches au maroilles (Flammkuchen mit der kräftigen Käsesorte maroilles), Zwiebelsuppe (soupe à l’oignon) sowie Rollmöpsen als Heilmittel gegen den Kater, die gefürchtete  „Holzfresse“ (gueule de bois) bewirtet.

Während der Trois Joyeuses herrscht in der Hafenstadt der Ausnahmezustand. Der Karnevalsumzug (la Bande), wird von einem hochgewachsenen Tambourmajor in napoleonischer Uniform angeführt und von der Musikkapelle (la clique) begleitet. Hinter den Querpfeifern, den Blechbläsern und Trommlern, die alle Öljacken  tragen, haken sich muskulöse carnavaleux in der ehrenvollen ersten Reihe unter und bilden über die ganze Straßenbreite eine Menschenkette als Schutzschild für die Musiker. Der Tambourmajor fungiert als Zeremonienmeister, bestimmt die Strecke und die Musik. Ab und zu hebt er seinen Stab, der Zug hält an, die Querpfeifer hören auf zu spielen, die Blechinstrumente ertönen. Es ist für die carnavaleux hinter der ersten Reihe das Signal für einen Radau (chahut).Ausgelassen und lärmend springen sie in die Luft, drängen nach vorne. Die „Kleiderschränke“ (armoires à glace) der ersten Reihe müssen jetzt Schwerstarbeit leisten, um den Druck der nachschiebenden Massen aufzuhalten. Fällt jemand in der Menschenkette, wird ihm schnell auf die Beine geholfen, das Risiko, zertreten zu werden, wäre zu groß. Apropos „groß“: Überragend im wahrsten Sinne des Wortes ist der Riese Reuze, die Darstellung eines skandinavischen Kriegers, von seiner vierköpfigen Familie und zwei Wachen begleitet. Auch in anderen nordfranzösischen Städten wie Arras, Cassel und Douai wird bei Umzügen die spektakuläre Tradition der bis zu neun Meter hohen „Giganten“ aus (Korb)weide und Holz gepflegt.

Drei verrückte Tage. 50.000 Menschen auf den Straßen. Pfeift der Wind, pfeifen die Karnevalisten darauf, brüllt der Wind, wird er niedergebrüllt. Das Dünkirchener Karnevalsbier fließt reichlich. Wer Zuviel trinkt, ist im Dünkirchener Platt, wie in Deutschland, blau (bleu), und wer sich allzu sehr betrinkt, ist in dieser Hafenstadt erwartungsgemäß bleu marine, und nicht etwa schwarz (noir), wie in den anderen Regionen Frankreichs. Trotz der Charte des carnavaleux führt der Verlust der Selbstkontrolle manchmal leider zu unschönen Szenen, die wie in Deutschland der eigentlichen Intention des Karnevals widersprechen, also sich befreit, aber respektvoll zu amüsieren.

Die Banden aus den Stadtvierteln veranstalten einen Höllenlärm, schmettern oftmals anzügliche Karnevalslieder, aber auch solche berührenden von ihren Vorfahren, wie „Putain d‘Islande“, wortwörtlich „Hure von Island“, im Sinne von „Verfluchtes Island“.

Putain d‘Islande

Depuis trois jours, t’es déguisé, t’es maquillé et t’as picolé.
Te voilà à cette heure sur le point de partir.
Cap sur l’Islande.

Mort aux flétans !
Tu vas laisser femme et enfants
Et peut-être mourir, là-bas sur les bancs
Pour des morues ou des harengs.
Va! Dans la bande, pense qu’au présent.

Verfluchtes Island

Seit drei Tagen bist du kostümiert, bist geschminkt und hast gebechert.
Und da stehst du nun, bereits aufzubrechen:
Auf nach Island.
Tod dem Heilbutt!
Du lässt Frau und Kinder zurück,
und wirst vielleicht sterben, da oben auf den Sandbänken
für Kabeljau oder Heringe.
Doch los! In der Karnevalsbande gilt nur das Jetzt.

Übersetzung: Walter Weitz

Um 17 Uhr fordern die carnavaleux vor dem imposanten Hôtel de Ville im neoflämischen Stil lautstark die „Freilassung“ der Heringe: Libérez les harengs!

Der Heringswurf (le jet de harengs Abb 3 © Ville de Dunkerque) ist der Clou des volkstümlichen Karnevals. Vom Balkon des Rathauses werfen der Bürgermeister und die Ratsherren kiloweise in Zellophan verpackte geräucherte Heringe (harengs fumés) in das farbenfrohe Menschenmeer. Auch einen Hummer aus Plastik. Wer diesen ergattert, kann ihn in einem Fischladen gegen einen echten Hummer umtauschen. Die kostbare Trophäe wird allerdings meist behalten.

Mit dem allerletzten Tanz (le rigodon final) enden die jecken Tage unter freiem Himmel. Am Abend versammeln sich die carnavaleux auf dem Platz Jean-Bart vor dem Denkmal des Korsars und berühmtesten Sohnes der Stadt. (Abb 4 aus Wikipedia)

Wie durch ein Wunder überstand das Werk von David d’Angers aus dem Jahr 1845 den Bombenhagel und die fast vollständige Zerstörung von Dünkirchen Ende Mai 1940. Dünkirchen und Krefeld, zwei vernarbte Städte. Umso wichtiger deren Partnerschaft.

Erst 1662 ging Dünkirchen endgültig an Frankreich. Aufgrund ihrer strategischen Lage gehörte die begehrte Hafenstadt früher abwechselnd Flandern, Burgund, den spanischen Niederlanden und sogar vier Jahre lang von 1658 bis 1662 England. Wie kam es dazu? Als vertragsgemäße Belohnung für den gemeinsamen Sieg am 14. Juni 1658 über die lästigen Spanier bei der Bataille des Dunes (Schlacht in den Dünen), übergab Ludwig XIV. am Abend des 25. Juni das damals spanische Städtchen seinem Cousin, Charles II. von England. Und so mussten die verwirrten Dünkirchener an einem einzigen Tag gleich dreimal die Staatsangehörigkeit wechseln. Binnen 24 Stunden war Dünkirchen spanisch, französisch und schließlich englisch. Diese einmalige Episode ging als folle journée (verrückter Tag) in die Geschichte ein. Als Charles II. 1662 dringend Geld für die leeren Staatskassen brauchte, konnte der Sonnenkönig Dünkirchen für nur fünf Millionen livres, heute 200 Millionen Euro, zurückkaufen.

Als Kind war der Korsar Jean Bart, eigentlich Jan Baert, ein Flame. In einer Ballade von Theodor Storm wird er als Jan und nicht Jean gewürdigt:

Und als es mit England kommt zum Krieg,
Wo Jan Bart erscheint, erscheint der Sieg.
Wie stolz der britische Banner auch weht
Jan Bart ist Herr und fegt die See.

Unter Ludwig XIV. agierte der Korsar in Diensten der Krone. Seine Mannschaft überfiel mit kleinen wendigen Schiffen die großen englischen und niederländischen Flotten. Trumpf im sogenannten Laufkrieg (guerre de course) waren Schnelligkeit, Verwegenheit und Überraschungseffekt. Am 29. Juni 1694 errang Jean Bart mit einem Geschwader von sieben Schiffen einen glänzenden Sieg in der Schlacht bei Texel. Er durchbrach die englische Blockade und brachte einen Konvoi von Handelsschiffen voll mit Getreide in das hungernde Frankreich. In den Adelsstand erhoben, wurde Jean Bart zwei Jahre später zum Großadmiral ernannt. Er wurde reich. In jeder Hinsicht ein Riese. Der 2,05 Meter große Hüne starb 1702 an den Folgen einer Rippenfellentzündung in seiner Heimatstadt, wo man heute seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Kirche Saint-Eloi besichtigen kann.

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Dünkirchener verehren Jean Bart. Am ersten Abend der Trois Joyeuses in der zweiten Februarwoche begeben sich die Karnevalisten zum Platz Jean-Bart, knien vor der Statue des illustren Freibeuters und schmettern mit gen Himmel erhobenen Armen inbrünstig bis tief in die Nacht hinein die Kantate (la Cantate) an Jean Bart:

Jean Bart, salut, salut à ta mémoire.
De tes exploits tu remplis l’univers.
Ton seul aspect commandait la victoire.
Et sans rival tu régnas sur les mers.

Jean Bart, sei gegrüßt, ein Gruß zu deinem Andenken.
Deine Taten füllten das Erdenrund.
Sein bloßer Anblick brachte den Sieg.
Und keiner herrschte wie du über die Meere.

Übersetzung: Walter Weitz

Die mitreißende Hommage der carnavaleux lässt den furchtlosen Helden aus Bronze sichtlich kalt. Er ist ganz andere stürmische Zeiten gewöhnt. In stolzer Pose, einen Degen in der rechten Hand haltend, ist Jean Bart im Begriff ein Schiff zu entern. Wahrlich kein Spaßvogel. Ein Kämpferherz und ein feiner Stratege. Die Feinde Frankreichs hat er stets zum Narren gehalten.

Und die Dünkirchener Narren sind seine besten Freunde.

Abb.5: Bis tief in die Nacht singen die Karnevalisten die Kantate an Jean Bart © Ville de Dunkerque

Und hier die Daten des diesjährigen Karnevals von Dünkirchen:

https://evasion.lenord.fr/fr/les-dates-du-carnaval-de-dunkerque-2025

Schriftenverzeichnis

Maunder, Hilke: Dunkerque: der nachhaltige Wandel
https://meinfrankreich.com/dunkerque_nachhaltigkeit/
(abgerufen am 24.01.2024)

Mörsdorf, Markus: Reise Know-How. Reiseführer Nordfrankreich; Bielefeld 2024

Online-Quellen zum Weiterlesen

Dünkirchen Tourismus: Bienvenue à Dunkerque
https://www.duenkirchen-tourismus.com
Touristenführer 2023-2024 in deutscher Sprache

Le Guide Carnaval
PDF in französischer und in englischer Sprache zum Download. Schön illustriert und ausführlich. https://www.dunkerque-tourisme.fr/decouvrir/top-10-des-evenements/le-carnaval-de-dunkerque/

Dünkirchen Die Partnerstadt 
https://www.krefeld.de/de/oberbuergermeister/duenkirchen/
Im Serviceportal der Stadt Krefeld. Mit Nachrichten aus dem Pressearchiv rund um die Städtepartnerschaft mit Dünkirchen

Dünkirchen Guide: alle Infos zu Sehenswürdigkeiten, Aktivitäten & weitere Tipps
https://reisetopia.de/guides/city-guide-duenkirchen/ (abgerufen am 24. Januar 2024)

YouTube: Les Gens du Nord
Auf YouTube ist das Chanson Les Gens du Nord von Enrico Macias zu hören. Darüber hinaus gibt es mehrere Videos über Le Bain des Givrés (Das Bad der Durchgeknallten)
https://www.youtube.com/watch?v=9OnLqQukV9M Carnaval de Nice – Site officiel
Informationen in französischer und in englischer Sprache
https://www.nicecarnaval.com

Pariser Metro: Werbung zum Valentinstag

In zahlreichen Pariser Metro-Stationen gibt es derzeit bemerkenswerte große Plakate zum Valentinstag:

Weitere Versionen haben wir auf unseren Metro-Fahrten durch Paris nicht entdeckt…

Klaus Lintemeier hat noch ein viertes Plakat der aktuellen Valentinstag-Serie entdeckt und dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt:

Merci!

Das war genau die Variante, die wir eigentlich erwartet und nicht entdeckt hatten….

Gruß zum neuen Jahr 2025

Vor einem Jahr habe ich den Leserinnen und Lesern dieses Blog ein gutes und friedlicheres neues Jahr gewünscht. Daraus ist leider nichts geworden- eher im Gegenteil. Ein kleines Symbol der Hoffnung und Zuversicht gab es immerhin: Am 8. Dezember, fünf Jahre nach dem verheerenden Brand, ist Notre-Dame wiedereröffnet worden, „in aller Pracht und Schönheit“, vielleicht sogar noch prächtiger als zuvor (Gero von Randow).

Foto vom 21.12.2024

Seit dem Brand gab es insgesamt neun Beiträge zu Notre-Dame, zuletzt zwei im Dezember. Vielleicht werden noch weitere folgen. Aber zunächst gibt es viele andere Projekte für das nächste Jahr:

  • Zum 100. Geburtstag des Surrealismus: Eine Ausstellung über eher unbekannte Facetten des Werks von Jacques Prévert im Musée de Montmartre
  • Die beiden Zirkusbauten von Hittorff in Paris (vor allem der cirque d’hiver)
  • „Fort mit dir nach Paris“: Mozarts Aufenthalte in Paris. Vom gehätschelten Wunderkind zum gedemütigten Außenseiter
  • Dünkirchen, die Hochburg des französischen Karnevals
  • Die Bauten Le Corbusiers in und um Paris I (Doppelhaus La Roche und Jeanneret, Miets- und Atelierhaus Porte Molitor und Schweizer Pavillon in der Cité Universitaire)
  • Le Corbusier II: Villa Savoye und Plan Voisin, viel Licht und viel Schatten
  • Das königliche Kloster Brou in Bourg-en-Bresse: Die europäische Geschichte einer außerordentlichen Frau um Liebe, Macht und Tod
  • Wem „gehört“ er? Die Gutenberg-Denkmäler in Straßburg und Mainz
  • Malmaison: „Das allerliebste Landhaus“ Napoleons und Josephines
  • Der frisch restaurierte Arc de Triomphe du Caroussel
  • „Kathedralen des Handels“: Die großen Kaufhäuser von Paris
  • Das Palais Idéal du Facteur Cheval in Hauterives/Drôme
  • und natürlich die beiden schon für 2024 vorgesehenen Beiträge über Courbet in Ornans und das Schloss und den Park von Vaux-le-Vicomte

Dazu wird sicherlich -wie im letzten Jahr- noch einiges Weitere hinzukommen, was sich im Lauf des Jahres ergeben wird. Ich hoffe, dass für jede und jeden etwas Interessantes dabei sein wird. Insgesamt jedenfalls entwickelt sich der Blog weiter sehr positiv: Mehr Abonnenten, mehr Besucher, 30 neue Beiträge im letzten Jahr (eigentlich hätten es höchstens 24 sein sollen…), davon auch einige schöne Gastbeiträge, für die der Blog immer offen ist. Das soll sich auch im neuen Jahr so fortsetzen.

Außerdem wird es ein 2025 ein neues Format geben: Nämlich ein „Bild des Monats“ (was vielleicht auch einmal zwei oder drei sein können). Wir finden in Paris und Frankreich oft schöne Fotomotive, die aber nicht zu einem geplanten Blog-Beitrag passen. Für solche Bilder soll nun auch Platz auf dem Blog sein – eine hoffentlich schöne Ergänzung und vielleicht auch ein kleiner Ausgleich zu den ja oft sehr ausführlichen Blog-Beiträgen…

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles (Juni bis September 2024)

Dekorative Naturphantasien

Im gewaltigen Raum des Orangeriegewöbles eröffnet sich eine überwältigende Fülle phantasievoll gestalteter Naturräume, ohne Abbildung real existierender Pflanzen – wie im schönen Frankfurter Paradiesgärtlein – oder von Tieren oder gar Menschen. Von Menschenhand sind lediglich angedeutete Bogenstrukturen, eine Grotte, ein Brunnen als Bezüge zum Ausstellungsthema. Und ein Sakralbau – eine Kirche mit der Kuppel einer Moschee? Alle Darstellungen bleiben Abstraktionen von uns bekannter Natur. Keine Exotik à la le Douanier Rousseau.  Bäume, Blumen, Gräser kommen uns heimisch vor, auch ohne konkrete Zuordnung. Ihre Transformation ins Abstrakte erhöht den Reiz des Zauberhaften, des Geheimnisvollen, Magischen. Es lohnt sich, langsam an den Wänden entlangzugehen.  Dabei fallen immer wieder lockende kleine Ausschnitte sozusagen in Postkartengröße ins Auge. Auf diese Weise sieht man auch genauer die reiche Detailarbeit, mit der die Stoffe bestickt sind. Die äußerst minutiöse und vielfältige Sticktechnik überrascht wie die zarten Naturfarben, die überwiegen. Besonders viel Schwung entsteht allerdings durch die Strichelung – die an van Gogh erinnert -für einen bewegten Hintergrund. Sehr gelungen die Lösung, sprudelndes herunterstürzendes Wasser mit freihängenden weißen Fäden lebendig zu machen – passend zu den gleichzeitig gezeigten Wasserspielen im Schlosspark. Die Ausstellung ist eine Einladung, die Stickerei mit all ihren Details in Ruhe zu betrachten und sich daran zu erfreuen.[1] Frauke Jöckel

Ein Ausstellungsbericht

Vom 18. Juni bis zum 29. September 2024 ist in der Orangerie des Versailler Schlosses Eva Jospins monumentales Werk „Chambre de soie“ (Ein Zimmer aus Seide) ausgestellt.

Für Eva Jospin ist dies eine ganz neue Facette ihres Werks. Denn das von ihr üblicherweise verwendete Material ist nicht Seide, sondern Wellpappe, die sie mit Messer, Schere und Kleister schneidet und in Schichten verklebt, so dass phantasievolle Naturlandschaften und Architekturen entstehen.

Panorama d'Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris)

©  Jean-Pierre Dalbéra [2]

Dies ist eine für Jospins Arbeiten charakteristische, aus Karton gefertigte Waldlandschaft. Sie befand sich im Innern eines 2016 im cour carrée des Louvre aufgestellten Panoramas: Innen die Natur, außen Metall und in dessen Spiegelung die umgebende Architektur des Louvre-Innenhofs.

Außenansicht des Panoramabaus mit der Spiegelung der Architektur des Louvre-Innenhofs                ©  Jean-Pierre Dalbéra [3]

Diese Installation war der künstlerische Durchbruch Eva Jospins, deren Status als Tochter des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten und unglücklichen Präsidentschaftskandidaten von 2002 anscheinend ihrer Karriere eher hinderlich war. Seit der Louvre-Installation hat sie aber ihren Platz im internationalen Kunstbetrieb. Beispielsweise erhielt sie den Auftrag, einen der neuen Bahnhöfe des Grand Paris Express künstlerisch zu gestalten.

Fassade des Bahnhofs Hôpital Bicêtre der neuen verlängerten Metro- Linie 14- aufgenommen an einem regnerischen Tag… (Beton-Abguss des Wellpappe-Modells mit Wurzeln/Lianen aus Bronze)

Mit dem Seidenzimmer knüpft Eva Jospin an die Panorama-Installation von 2016 an – allerdings mit gänzlich anderem Material und in linearer Form.

Inspiriert wurde sie bei beiden Projekten von den großen Panoramen des 19. Jahrhunderts[4], bei dem neuen Werk aber auch von dem Seerosen-Panorama Monets im Pariser Musée de l’Orangerie, das sie vor Beginn der Arbeit an dem Seidenzimmer intensiv studiert habe.

Auch insofern bietet die imposante Architektur der Versailler Orangerie für Jospins Stickerei von 107 Länge und mehr als 350 qm2 einen wunderbaren Rahmen.

Den Blick von der Schlossterrasse (Parterre de l’Orangerie) auf den darunter liegenden Garten der Orangerie kann man kaum verfehlen, wenn man den Schlosspark betritt.

Er hat zu allen Jahreszeiten seine Reize.

Im Gewölbe darunter werden im Winter etwa 1500 kälteempfindlichen Gewächse wie Palmen und natürlich Orangen- und Zitronenbäume untergestellt.[5]

Es ist ein grandioser Raum….

… hier der Eingang für die Bäume:

… und hier der für die Besucher der Ausstellung:

…. alles überwacht von Berninis Sonnenkönig hoch zu Ross.

Im Sommer ist dort Platz für Ausstellungen – diesmal für das von Eva Jospin entworfene gestickte Natur- und Architekturpanorama.

Es geht zurück auf die von Dior beauftragte Ausschmückung einer Modenschau im Musée Rodin im Juli 2021.  Sie fand in einem Pavillon statt, dessen Wände U-förmig mit der Stickerei Jospins bedeckt waren- deshalb auch der Name „chambre de soie“.  Darin war Platz für den Laufsteg der Mannequins und die Plätze der ausgewählten erlauchten Gäste.[6]

Hergestellt wurde die Traumlandschaft nach detaillierten Entwürfen und Angaben Jospins von 320 Stickerinnen der Ateliers Chanakya in Bombay und der zusammen mit Dior gegründeten Chanakya School of Craft: In Europa hätte es wohl kaum das know how für ein solches monumentales Projekt gegeben, und wenn, dann wohl auch nur zu selbst die Möglichkeiten von Dior überschreitenden Kosten. Dior sieht in der Schule aber vor allem ein feministisches Entwicklungsprojekt: Stickerei sei in Indien traditionell den Männern vorbehalten und jetzt erhielten gerade Frauen eine handwerkliche Stickerei-Ausbildung auf höchstem Niveau.[7]  Auftraggeber und Abnehmer ihrer Arbeiten sind inzwischen zahlreiche Modehäuser aus aller  Welt.

Die Kunstfertigkeit der Arbeit wird besonders deutlich, wenn man sich die Stickerei aus der Nähe betrachtet: Auf die seidene Grundlage wurden Fäden aus Jute, Seide und  Baumwelle gestickt, mit 150 verschiedenen Stichtechniken und mehr als 400 Nuancen aus Naturfarben! Dazu Eva Jospin: „Wenn man die unglaublichen Details aus der Nähe sieht, wird deutlich, dass es Werke gibt, die nicht virtuell sein  können, sondern leben müssen.“[8]

Nach der Modenschau im musée Rodin war Jospins Werk eine Woche lang dort für die Öffentlichkeit zugänglich und verschwand dann in den Magazinen von Dior: Ein wahnwitziger Aufwand für imgrunde nur wenige Stunden.

Als Parallele sieht Jospin hier den gewaltigen Aufwand, den Fürsten der Renaissance und vor allem des Barock für festliche  Ereignisse und Stunden betrieben haben:

„Architekturen, die von transalpinen Künstlern wie Leonardo da Vinci für festliche Ereignisse geschaffen wurden, wurden an allen europäischen Höfen aus Anlass von Hochzeiten, Geburtstagen und Krönungsfeierlichkeiten aufgegriffen. Heutzutage erinnern Modenschauen an diese Art von kurzlebigen Ereignissen: Sie erfordern Monate von Vorbereitung für einige Stunden der Präsentation. Die Kunst und die Mode sind historisch verwandt. Ein fruchtbarer Austausch: Ich hätte sonst niemals so viele finanzielle Mittel und ein so außerordentliches Maß an handwerklicher Kompetenz zusammenbringen können, die notwendig waren, um dieses Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ [9]

Eva Jospin vor ihrem chambre de soie in der Orangerie von Versailles © Château de Versailles / T. Garnier)[10]

Gerade im Zeitalter Ludwigs XIV. spielten aufwändige Feste mit ephemeren Aufbauten eine zentrale Rolle als Repräsentationsmittel von Herrschaft.[11] Auch insofern ist Versailles ein passender Ort für die Ausstellung des monumentalen und vielleicht auch ephemeren Werks von Eva Jospin.

Eva Jospin hat aus Anlass der Ausstellung ihr Panorama erweitert und durch zusätzliche Bildtafeln einen direkten Bezug zu Versailles hergestellt. Da gibt es -ziemlich unverkennbar- die  berühmte, aber nicht mehr erhaltene Thetis-Grotte aus dem Park

Die Grotte de Téthys. Kupferstich von Gabriel Perelle (1604-1677)[12] 

Ganz deutlich ist auch der Hinweis auf das -ebenfalls nicht mehr erhaltene- Labyrinth von Versailles.[13]

Ein Brunnen im verschwundenen Labyrinth: Der Uhu und die Vögel. Kupferstich von Sébastien Leclerc (1637-1714)

Auch einen Hinweis auf die kunstvolle Umrandung des bosquet de l’Encelade kann man in dem Versailler chambre de soie finden.

Aber immer hat man bei der Betrachtung des Seidenzimmers Jospins den Eindruck, dass die Natur stärker ist als das von Menschen Geschaffene – manchmal drängen sich da Assoziationen zu Stätten wie Angkor Wat auf, wo die Natur allmählich die Architektur überwuchert: Eine der Inspirationsquellen Jospins ist nicht von ungefähr der Maler Hubert Robert, der sich um 1800 vor allem als „peintre de ruines“, als Ruinenmaler, einen Namen machte. Insofern darf man das Panorama, vor dem zunächst die bildhübschen Mannequins entlangschritten und posierten, auch als ein Momento mori betrachten…

Das in der Orangerie von Versailles ausgestellte Werk Eva Jospins lädt zum Flanieren ein, zum Entdecken, zum Assoziieren, zum Meditieren. Es wäre schön, wenn es nach dem Ende der Ausstellung nicht endgültig in den Magazinen von Dior verschwinden und verstauben würde…

Praktische Informationen:

Eva Jospin: Versailles. Ausstellung in der Orangerie des Schlosses. 18. Juni bis 29. September 2024

Täglich außer montags 9.00 – 18.30 Uhr

Eintritt mit einem Schlossticket (21 Euro) oder einer Eintrittskarte für die Grands Eaux (10.50) oder die Grands Eaux Nocturnes (32 Euro). Daten für die Grands Eaux siehe: https://www.chateauversailles.fr/preparer-ma-visite/billets-tarifs


Ein Kommentar von Ulrich Schläger:

Danke für die beeindruckenden Impressionen über die wunderschönen Werke von Eva Jospin und die Verweise auf die Inspirationen durch Le Nôtre. Hoffen wir, dass Jospins Phantasien zu  Le Nôtres Gartenkunst  nicht in den Magazinen von Dior verschwinden und zu einem der vielen ephemeren Kunstwerke werden,  die für immer unseren Augen entschwinden und die für uns nur ein kurzer glückhafter Moment waren. Man möchte Jospins Kunst zurufen:  Verweile doch, du bist so schön!  Doch: »Glück, so meinte Theodor W. Adorno, sei ein Zustand, den man sich erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. Anders gesagt: Das zuverlässigst Ephemere ist das Glück.« (Melanie Unseld: Reizvolles Verschwinden, mdw-WebMagazin, 28. 02.2022)

Zu Eva Jospin siehe auch folgende Blog-Beiträge:

Anmerkungen:

[1] Alle Bilder dieses Berichts stammen, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

[2]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) L’Intérieur du Panorama

[3]  Panorama d’Eva Jospin dans la cour carrée du Louvre (Paris) Außenansicht des Panoramas

Siehe dazu: panorama d‘ eva jospin (bilingue): AU MUSEE DU LOUVRE. Beaux Arts- Éditions 2016  von Daria de Beauvais u.a.

[4] Zu den Panoramen siehe den Blog- Beitrag über Hittorffs Vergnügungsbauten in den Jardins des Champs-Élysées: https://paris-blog.org/2024/09/10/im-reich-der-sinne-illusionen-und-sensationen-hittorffs-vergnugungsbauten-eine-synthese-von-klassik-und-kirmes-von-ulrich-schlager/

S.a. die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/ und https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

[5] Nachfolgendes Bild aus: https://en.chateauversailles.fr/private-hire-orangery

[6] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[7] Nachfolgendes Bild aus https://chanakya.school/about/index.php. Infos aus: https://chanakya.school/collaborations/eva-jospin.php und https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[8] https://www.francetvinfo.fr/culture/mode/christian-dior/haute-couture-automne-hiver-2021-22-revendiquer-la-valeur-artistique-de-la-broderie-qui-est-consideree-comme-un-travail-domestique-est-un-message-feministe-pour-dior_4691585.html

[9] Laurent Boudier, Continuer so travail sur soie. In: Télérama Sortir 3884 vom 19.6.2024

[10] Eva Jospin devant sa Chambre de soie dans l’orangerie du château de Versailles. Photo service de presse. © Château de Versailles / T. Garnier)

[11] Siehe: Christian Quaeitzsch, Ephemere Kunst am Hofe des Sonnenkönigs changement und mouvement als Repräsentationsmittel von Herrschaft.  https://www.archimaera.de/article/view/30/28 Siehe auch: https://passerelles.essentiels.bnf.fr/fr/chronologie/construction/3d0e56c9-ac99-4aa0-9c3c-1f8fa3d1641b-chateau-versailles/article/9215bad8-2854-4746-a0a5-5deed28fb3e0-fetes-louis-xiv-versailles

Unter den Bourbonen gab es die für die Festorganisation zuständigen Menus-Plaisirs du Roi, an deren Spitze bei Ludwig XIV. der Komponist Lully stand, im 19. Jahrhundert der Architekt Hittorff

[12] Intérieur de la Grotte de Téthys, jardins de Versailles, vue par A. Perelle – André Le Nôtre (andrelenotre.com)

[13] Nachfolgendes Bild aus: https://ateliers.grandpalaisrmn.fr/fr/estampes/KM002927

 Zum Labyrinth von Versailles siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2023/01/01/der-konig-der-tiere-die-menagerie-und-das-labyrinth-ludwigs-xiv-im-park-von-versailles/ und https://paris-blog.org/2023/01/15/der-saal-der-hoquetons-im-schloss-von-versailles-le-brun-le-notre-und-die-fontanen-des-verschwundenen-labyrinths/

Weitere Blog-Beiträge zu Versailles: