Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Am 17. November 2021 fand im Pariser Hôtel de la Marine die glanzvolle Vernissage der Ausstellung „Schätze der Sammlung Al-Thani“ statt. Der Besitzer der Sammlung, „His Highness/Son Altesse Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani“, Mitglied des das Scheichtum Katar regierenden Herrscherhauses, konnte zusammen mit seinem Bruder, dem Prinzen Suhaim Al Thani, eine illustre Schar von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kunstbetrieb und Adel begrüßen. Versammelt war da ein Querschnitt dessen, was der französische Adel auch gut 200 Jahre nach der Französischen Revolution noch zu bieten hat: ein duc, eine  princesse, ein comte samt comtesse, ein marquis…

„Son Altesse le prince Hamad Al Thani“  – im ersten Saal der Ausstellung- standesgemäß postiert vor dem aus Jaspis geschnittenen Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten. © German Larkin[1]

Und das Ganze wurde auch medial entsprechend in Szene gesetzt.[2] Beispielsweise durch ein ganzes Dossier der Pariser Tageszeitung Le Figaro, die gar nicht genug hymnische Beschreibungen für das Projekt und den Sammler mit seinem „goût princier“ finden konnte.  Scheich Hamad Al Thani wird da als einer der wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammler unserer Zeit gerühmt, der seit seiner frühesten Jugend „in der Kultur gebadet“ habe, die Ausstellung als eine einzigartige und geradezu unglaubliche Zusammenstellung des „génie humain“.[3]

Solche Lobeshymnen und der breite ihnen zugestandene Raum mögen ja ihre Berechtigung haben. Aber vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zu dem reichhaltigen Pariser Immobilienbesitz der Al Thani-Dynastie auch der Sitz des Figaro gehört. Und Besitzer der Zeitung ist der Rüstungskonzern Dassault. Der produziert das Kampfflugzeug Rafale. Und wer war  dessen erster, in Frankreich sehnlichst erwarteter und hymnisch begrüßter ausländische Käufer? Dreimal darf man raten-…. Es war Katar…[4]  Nachtigall, ick hör dir trapsen würde da der Berliner sagen.

Das Beispiel Figaro ist exemplarisch für die eminente Rolle, die Katar in und für Frankreich spielt: Das kleine Land am Persischen Golf ist nämlich ein Hauptkunde der französischen Rüstungsindustrie, die neben der Luxusgüterindustrie eine der Säulen des französischen Exports ist.[5] Und Katar gehört zu den großen Investoren in Frankreich, und zwar vor allem im Immobilienbereich, wo katarische Investitionen auch noch ausdrücklich steuerlich begünstigt sind. Einige der besten Pariser Adressen gehören inzwischen Katar: darunter sind mehrere Nobelhotels und das von Le Vau gebaute und von Le Brun ausgestaltete berühmte Stadtpalais Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis.[6]

Courtesy of Simon Upton/The Interior Archive[7]  

Hier posiert Seine Hoheit im prunkvollen Ambiente des Herkulessaals, einem Vorläufer und Vorbild des Spiegelsaals von Versailles. Besichtigen kann man dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kleinod allerdings nicht – nicht einmal an den Tagen des offenen Denkmals.

Aber das ist noch nicht alles[8]: Katar hat auch in der französischen Industrie erhebliche Anteile erworben (z.B. Total, Veolia, Vinci) und ist -wohl das spektakulärste Engagement- Besitzer des Fußballvereins Paris Saint Germain (PSG), in der Sport-Presse gerne auch „der Scheich-Club“ genannt.  Der kann sich dank des katarischen Geldsegens auf dem Spielermarkt nach Belieben -und allen fairness-Regeln zum Trotz- bedienen, zuletzt mit Superstar Messi, der mit seinen beiden Stürmerkollegen Neymar und Mbappé das teuerste Sturm-Trio der Welt bildet. Frankreich hat sich da denn auch entsprechend erkenntlich gezeigt und durch seine Lobbyarbeit wesentlich dazu beigetragen, dass Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen bekam.[9] Und auch wenn es um die Menschenrechte in Katar nicht zum Besten steht[10]: Angesichts der katarischen Großzügigkeit zeigt sich das Land, das sich rühmt, Mutterland der Menschenrechte zu sein, eben auch entsprechend großzügig….

Denn großzügig ist die katarische Herrscherfamilie in der Tat: Diese wunderbare Kommode ersteigerte die Al Thani Collection Foundation 2021 für 1,2 Millionen Dollar und schenkte sie dem Centre des monuments nationaux.

Das ist die für das Hôtel de Marine zuständige Institution, und dort hatte die Kommode vor der Französischen Revolution gestanden. Entworfen wurde sie von dem aus Deutschland stammenden Kunsttischler Jean-Henri (Johann Heinrich) Riesener, einem der bedeutendsten Ebenisten des Ancien Régime.[11]

Diese Schenkung diente gewissermaßen als Türöffner Al Thanis für das  Hôtel  de la Marine, in dem die Schatzkammer der Scheichs 2021 ihren angemessenen Platz erhalten hat.

Blick von der place de la concorde auf das Hôtel de la Marine. Im Hintergrund die Fassade der Kirche La Madeleine.[12]

Im Ancien Régime, also vor der Französischen Revolution, war das Hôtel de la Marine Sitz der königlichen Intendanz für das Mobiliar („Garde-meuble de la Couronne“). Die war zuständig für die Anschaffung und Instandhaltung des Mobiliars der zahlreichen königlichen Residenzen. Außerdem kümmerte sie sich um die Aufbewahrung der königlichen Sammlungen, die Waffen, Stoffe, Wandteppiche, Bronzeskulpturen und schließlich sogar der Kronjuwelen. Nach der Revolution war das Gebäude für 228 Jahre Sitz des Marineministeriums – deshalb auch sein Name- bevor es dem Centre des monuments nationaux übergeben wurde.

Blick von der Bel Étage des Hôtel de la Marine auf die Place de la Concorde. Auf der anderen Seite der Seine die Fassade des Palais Bourbon, Sitz der französischen Nationalversammlung, und die Kuppel des Invalidendoms. Foto Wolf Jöckel [13]

Die Renovierung des riesigen Gebäudes mit seiner breiten Fensterfront zum Platz, dem ägyptischen Obelisken und den vergoldeten Gittern des königlichen Tuilerien-Parks kostete offiziell 130 Millionen Euro, mehr als der Staat ausgeben wollte. Daher unterzeichnete die Verwaltung der staatlichen Denkmalbauten ein sogenanntes „Mäzenaten-Übereinkommen“ mit der Fondation Collection Al Thani, die 20 Millionen Euro in Raten beisteuert, was ihr das Anrecht auf die 20-jährige Nutzung von 400 Quadratmeter Räumlichkeiten garantiert. Das entspricht einem garantierten Fixpreis von 208 Euro pro Quadratmeter – für Pariser Verhältnisse ein absoluter Freundschaftspreis: Für eine popelige Hinterhof- Gewerbeimmobilie in unserem 11. Arrondissement werden beispielsweise aktuell über 500 Euro pro Quadratmeter verlangt- selbstverständlich ohne 20-jähriger Preisgarantie. Immerhin finanziert die Al Thani Collection das Bewachungspersonal, und die Eintrittsgelder für den gemeinsamen Besuch des Hôtel de la Marine und der Sammlung kommen allein dem Centre des monuments nationaux zugute. [14] So kann nun die Al Thani-Stiftung einen Teil ihrer erlesenen Kunstsammlung in einem ebenso erlesenen Ambiente präsentieren: Wie einst die Herrscher der Renaissance und des Absolutismus ihren Reichtum und ihre Macht, aber auch ihren Kunstsinn in ihren Schatzkammern zur Schau stellten, so wird diese Tradition jetzt von der Al Thani-Dynastie fortgesetzt. Und die nutzt die Kunst systematisch, um das unter Vorwürfen der Terrorfinanzierung und der unmenschlichen Behandlung von ausländischen Arbeitskräften leidende Image des Landes zu verbessern.[15] Die Hauptstadt Doha propagiert demgegenüber das Bild einer weltoffenen modernen Stadt als Weltzentrum der Wissenschaft und der Kunst. Und dafür ist das Beste und Teuerste gerade gut genug: Nicht weniger als 11 Träger des Pritzker-Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt, haben an der Entwicklung der Stadt gearbeitet. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel plante den spektakulären Bau des Nationalmuseums, Ieoh Ming Pei,  der Grand Seigneur der Museumsbaukunst und Schöpfer der Louvre-Pyramide, ein Schatzhaus am Meer auf einer künstlich angelegten Halbinsel für das  Museum für islamische Kunst.[16]

Und diese Museen sollen natürlich auch entsprechend mit Inhalt gefüllt werden. Seit Anfang der 90er Jahre kauft und ersteigert die Herrscherfamilie fast schon obsessiv Kunst. Zunächst waren es Manuskripte, Bronzefiguren und Teppiche aus den islamischen Ländern, später Klassiker der Moderne. Im Jahr 2012 erwarb Katar in New York bei Sotheby’s eine Version von Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar, drei Jahre später ein Gemälde des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Dahinter steckt vor allem Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.“[17] Der Vetter des Emirs von Katar, Scheich Saoud Al Thani, galt um die Jahrtausendwende als „größter Kunstkäufer der Welt“.

Und dann gibt es ja auch noch die inzwischen etwa 6000 Stücke umfassende Sammlung von Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani. Seit sieben Jahren zeigt er seine Sammlung, zunächst in New York, dann in Paris, Peking, Venedig, Kyoto, Fontainebleau. Jetzt hat er in Paris ein Schaufenster eröffnet, in dem Teile der Ausstellung präsentiert werden. „Das Motto des über Milliarden verfügenden Scheichs war offensichtlich: nur das Beste vom Besten. Er ließ sich von erstklassigen Kennern beraten, kaufte auf Auktionen und in den anerkannten Galerien in New York, London und Paris.“  Nur wenige Sammler, so wird im Begleitheft der Ausstellung festgestellt, können sich einer derartigen Fülle von Meisterwerken rühmen.  In Paris zeigt Al Thani 120 Preziosen, wobei die oft winzige Dimension der Stücke frappierend ist:  Kunsthandwerk von höchster technischer Vollkommenheit, aus den wertvollsten Materialien; denn, wie der Chef-Konservator der Sammlung, Amin Jaffer, feststellt: „Seine Hoheit sucht vor allem seltene Materialien wie harte und kostbare Steine“, also Jade, Rohkristall, Edelsteine, Perlen, gefasst in Gold und Silber.[18] 

Kein Wunder, dass man, was Sammelleidenschaft, die finanziellen Ressourcen, aber auch Kunstverstand angeht, die Al Thani-Dynastie mit den Medici im Florenz des 16. Jahrhunderts verglichen hat.[19]

Die „Zaubergrotte des Ali Baba“

Die vier Räume der Ausstellung dienten im Ancien Régime der Aufbewahrung von Teppichen. Sie waren also, anders als die aufwändig gestalteten und entsprechend renovierten Repräsentationsräume des Hôtel de la Marine ohne Dekor, was dem japanischen Innenarchitekten der Räume (Tsuyoshi Tane Architects)  die entsprechende Freiheit der Gestaltung gab.

Und die nutzte er auf fulminante Weise: Betritt man die Ausstellung, befindet man sich in einem kleinen goldschimmernden Raum, man wähnt sich, wie die Frankfurter Rundschau begeistert schrieb, „in der Zaubergrotte des Ali Baba“[20]: Von der Decke bis zum Boden sind tausende von funkelnden goldenen Sternen -vielleicht aber auch Blüten, Blätter oder Flügel- gespannt. Dazwischen sind im Kreis schmale Vitrinen aufgestellt, die jeweils nur einem Kunstwerk als Bühne dienen: Die grandiose Inszenierung einer Schatzkammer.

Nachfolgend eine kleine Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Kostbarkeiten.  Hier ist es eine kleine Marmor-Figur aus Kleinasien (3300-2500 vor Christus), gleichzeitig entstanden und eng verwandt mit den Idolen der Zykladen-Kunst. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Fruchtbarkeits-Idol, das schließlich als Grabbeigabe diente. Der Blick der Figur ist nach oben gerichtet, weshalb man ihr den Namen Contemplatice d’étoiles (Stargazer) gegeben hat- und in diesem Raum gibt es ja nun genug Sterne zum Betrachten…

Insgesamt sind in dieser ersten Galerie sieben kleine Figuren ausgestellt, die dem universalistischen Ansatz der Sammlung entsprechen: Werke, die verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Zeiten entstammen, aber sie auch überspannen: Könnte die etwa 5000 Jahre alte Sternenbetrachterin nicht auch von einem modernen Bildhauer wie Jean/Hans Arp gemacht sein oder ihm als Anregung gedient haben?

Dies ist der Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten (XVIII. Dynastie, um 1473-1292 vor Chr.) Ursprünglich gehörten zu der Figur noch eine Krone und ein Bart. Der Kopf ist aus einem Jaspis-Stein von außerordentlich klarer roter Farbe geschnitten, Symbol für das Leben. Vielleicht handelte es sich um eine Figur der Königin Hatschepsut, deren Gesichtszüge auch dem heutigen Schönheitsideal entsprechen.[21]  Dass sich Scheich Al Thani bei der Eröffnung der Ausstellung vor der Vitrine mit dieser Figur hat ablichten lassen, ist wohl kaum ein Zufall.

Eine besondere Kostbarkeit ist auch diese kleine, nur 12 cm hohe Maya-Maske aus dem nördlichen Zentralamerika. Entstanden ist sie zwischen 200 und 600 nach Christus. Auffällig ist dabei neben den verwendeten Edelsteinen die Mütze  in Form eines Jaguars, ein Tier, das bei den Mayas für das Jenseits, den Krieg, das Opfer und hohen Rang stand. Vermutlich gehörte sie einem  hohen Würdenträger, der sie bei Zeremonien trug und die dann als Begleiter für den Weg ins Jenseits und als Garantie für ein ewiges Leben diente.[22]

Diese aus Elfenbein geschnitzte Maske gehörte der Königin-Mutter Idia aus dem Königreich Benin. Ida war auch eine große Heerführerin und sicherte so die Herrschaft ihres Sohnes gegen Gegner im Inneren wie Äußeren. Dabei waren ihre magischen Kräfte und ihr Wissen über Medizin ebenso wichtig wie ihr politischer Rat.  Die großen, leicht hervortretenden Augen sind typisch für die Darstellung von Ahnen. Getragen wurde die Maske während bedeutender Zeremonien am Königshof.[23] Es gibt nur vier weitere vergleichbare Masken. Sie wurden als Ahnenobjekte über Jahrhunderte geehrt und gehütet. In der beigefügten Information erfährt man -hier wie auch sonst- nichts über die Provenienz. Vermutlich wurde sie bei der Eroberung des Königspalastes von englischen Kolonialtruppen erbeutet und dann auf dem Kunstmarkt verkauft. Man darf gespannt sein, wie es Scheich Al Thani mit der Rückgabe sogenannter „Beutekunst“ hält….

Dieser kleine entzückende Bär aus vergoldeter Bronze stammt aus China (Han-Dynastie, 206 vor bis 25 nach Chr.). Es soll sich um ein Gewicht zur Befestigung von Teppichen oder Bambusmöbeln gehandelt haben, aber natürlich hat die Wahl des Bären auch eine symbolische Bedeutung und steht für Tapferkeit, Kraft und Männlichkeit. Der Kriegsgott Chiyou wurde damals mit dem Kopf eines Bären dargestellt.

Ein weiteres Tier, das in dieser ersten Schatzgalerie einen Ehrenplatz hat, ist diese goldene Saiga-Antilope.

Es handelt sich um einen sogenannten Rhyton, ein in den antiken Zivilisationen von Mesopotamien und des Mittelmeers verwendetes Trinkgefäß für festliche und religiöse Anlässe. In seiner Präsentation der Ausstellung versäumt der „Figaro“ es nicht, darauf hinzuweisen, dass es nur noch drei weitere  entsprechende Rhyta dieser Art gibt: In einem privaten Museum in Japan, dem Metropolitan Museum in New York und  der Ermitage in Sankt Petersburg.[24]

Galerie der Köpfe

In der zweiten, in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Galerie werden die Skulpturen von elf Köpfen präsentiert, auch diese verschiedenen Kulturen und Zeiten zugehörig.[25]

Dies ist eine Maya-Maske aus Guatemala (200-600 nach Chr.)[26]. Sie ist hergestellt aus Jade, Obsidian und den Schalen der Stachelauster, die  in Lateinamerika wegen ihres hohen symbolischen Wertes auch oro rojo („rotes Gold“) genannt wird.

Der Kopf einer altägyptischen Prinzessin aus Amarna (18. Dynastie, 1351-1334 vor Christus). Amarna war die von Pharao Echnaton -verheiratet mit Nofretete-  gegründete neue Hauptstadt, in der die Kunst eine beispiellose Blüte  erlebte, die mit den traditionellen, erstarrten Formen brach. Der in der Ausstellung gezeigte Kopf ist mit seiner vermutlich spirituell bedingten expressionistischen Übersteigerung und Verzerrung typisch für die Amarna-Kunst.  

Dies ist eine Büste des römischen Kaisers Hadrian.[27] Das Chalzedon-Haupt stammt höchstwahrscheinlich aus der süditalienischen Hofwerkstatt Friedrichs II. von Hohenstaufen, der 1220 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Friedrich sah sich als Nachfolger der römischen Kaiser und der Antike. Hadrian, der das römische Reich konsolidierte und  -wie Friedrich II.- ein besonderer Förderer der Kultur war, eignete sich ganz besonders als Anknüpfungspunkt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Kopf in einer italienischen Werkstatt einen Torso aus vergoldetem Silber, dessen prachtvolle Ausarbeitung den hohen Wert offenbart, der diesem Stück beigemessen wurde.

Dieser schmale, verlängerte Kopf aus Gabun (19. Jahrhundert) gehörte dem Pariser Kunsthändler Charles Ratton, einem Freund von Amadeo Modigliani. Solche Werke afrikanischer Kunst übten einen erheblichen Einfluss auf den modernen Zeichner und Bildhauer aus.

Islamische Kunst

Die dritte Galerie ist der islamischen Kunst gewidmet.  Gezeigt werden -passend zur Aura der Schatztruhe- Geschmeide, Edelsteine, Ringe, Schwerter, Ornamente, Kleider, ein kunstvolles Astrolabium und kalligraphische Handschriften des Korans. Und auch hier gilt der universalistische Ansatz der Ausstellung, indem Werke aus verschiedenen Zeitaltern und Weltgegenden zusammen präsentiert werden: Denn der Islam verbreitete sich ja in großer Geschwindigkeit über Asien (Anatolien, Naher Osten, Persien, Indien, China), Nordafrika bis nach Andalusien.

Hier eine Seite des Korans von Taschkent, auch Blauer Koran genannt (Ausschnitt): Durch die kunstvolle Kalligraphie und das dafür verwendete Gold wird die Bedeutung des Textes hervorgehoben. (Herkunft aus Südspanien, Nordafrika oder Irak, 9.-10. Jahrhundert nach Chr.

Miniatur aus einer afghanischen Handschrift, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Der Prophet Mohammed besucht das Haus Abrahams im Paradies (Ausschnitt). Während sich die europäischen Herrscher gerne mit Skulpturen und Bildern umgaben, sammelten islamische Herrscher bevorzugt kostbare Handschriften und Miniaturen, deren Meister -wie hier (Mitte unten)- durchaus auch ihre Werke signierten.

Astrolabium Iran 1705-1706. Dieses äußerst kunstvolle Ausstellungsstück verweist auf die Bedeutung, die die Naturwissenschaften in der damaligen Welt des Islam hatten.

Dieser mit Edelsteinen besetzt Vogel gehörte möglicherweise zu dem Thron der Maharadschas von Hyderabat (Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert). Vielleicht war er aber von Anfang an als Geschenk gedacht. Überall, wo die Al Thani-Sammlung dieses Stück bisher ausgestellt habe , sei es -so der Figaro überschwänglich, als ein Wunder (pure merveille) bestaunt worden.[28] Jetzt also im Hôtel de  la Marine….

Die Preziosengalerie

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Galerie von kleinen, aber feinen Kunstschätzen – wiederum aus verschiedenen Zeiten und Regionen. Und natürlich wurden sie aus kostbaren Materialien wie Gold und Silber hergestellt.  Auch hier einige Beispiele:

Goldener Anhänger. 4,3 x 4,2 cm. Östliches Mittelmeer 4500-3500 vor Chr.  

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Auch diese Mondsichel ist aus Gold. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Irlands oder Großbritanniens und ist ca 2000 vor Christus entstanden.

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Goldener Becher aus dem Iran (1100-900 vor Chr.)
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Goldene Brosche aus den hellenistischen Griechenland. Ca 300 vor Chr.[29]  Gerade angesichts der Dimension von nur 2,9 mal 3,8 cm handelt es sich um ein Werk von unglaublicher Feinheit

Dieses fein ziselierte Trinkgefäß (Rhyton) aus Gold und Silber stammt aus dem hellenistischen Einflussbereich (ca 100 vor bis ca 100 nach Chr.)

Teller aus dem Iran (Epoche der Sassaniden 300-500 nach Chr.) Gold und Silber.[30] Die Sassaniden beherrschten in dieser Zeit in großes Reich, das enge Handelsbeziehungen mit der griechisch-römischen Welt im Westen und China im Osten hatte. Auf diesem Teller sieht man den König Shapur II., der gerade seinen Bogen spannt, um ein weiteres Tier zu erlegen.

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Dieser goldene Reiter stammt aus Tibet (Dynastie Yarlung, 600-800 nach Chr.)

Ausblick

Die Collection Al Thani umfasst 5000 bis 6000 Objekte. Die derzeit in Paris ausgestellten Schatzstücke tragen Inventarnummern unter 900. Scheich Hamad kann dementsprechend den Besuchern in den kommenden 20 Jahren noch viele neue Augenfreuden gönnen. Dass die Ausstellung dem höheren Ruhm des katarischen Herrscherhauses dient oder -modern ausgedrückt- Ausdruck von soft power ist, wird man dabei in Kauf nehmen müssen.

Gerade wir Deutschen haben derzeit allen Anlass, mit Katar pfleglich umzugehen. Denn sollte es zum „Gas-Armageddon“ (FAZ 2.2.2022) kommen und Putin die Gaslieferungen nach Westeuropa stoppen oder sollte die deutsche Regierung den Forderungen nach „Frieren für den Frieden“ oder „Frieren für die Freiheit“ nachkommen, dann muss man hoffen, dass Katar uns mit seinem Flüssig-Gas ein wenig aus der Patsche hilft.

Und vielleicht richtet die Collection Al Thani dann sogar einmal eine Dependance im Berliner Humboldt-Forum ein….

Nachwort 19.3.20200: Wirtschaftsminister Habeck ist gerade mit einer Wirtschaftsdelegation in Katar, um die Möglichkeiten der Lieferung von Flüssiggas zu eruieren. Dass es es da Reibungen mit der von den Grünen proklamierten Werteorientierung der Politik gibt, wird angesichts der aktuellen Lage wohl in Kauf genommen…. (Siehe FAZ 18.3.: Mission Gassicherheit: Habeck reist nach Doha)

Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.


Anmerkungen

[1] https://www.pointdevue.fr/society/soirees/le-vernissage-de-la-collection-al-thani-a-lhotel-de-la-marine

[2] Siehe Libération vom 29.11.2021:   „D’une campagne d’affichage massive à deux reportages dans des médias  chantant les louanges d’un cheikh «grand expert, curieux, érudit, voyageur», via une fête organisée in situ pour le gotha, aucun détail logistique et com n’avait été négligé pour le lancement parisien de l’exposition «Trésors de la collection Al-Thani». 

[3] https://www.lefigaro.fr/culture/le-cheikh-hamad-un-amateur-d-art-au-gout-princier-20211116

https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-une-promenade-intime-imaginee-pour-la-delectation-et-la-meditation-sur-le-monde-20211117

[4] Das Rafale-Projekt war auf ausländische Abnehmer angewiesen, um finanziell tragfähig zu sein. Ohne solche Bestellungen hätte der französische Staat mit Milliarden-Subventionen die Lücke füllen müssen.

https://www.leparisien.fr/international/rafale-le-contrat-avec-le-qatar-pour-la-vente-de-24-chasseurs-est-effectif-17-12-2015-5381257.php

[5] https://www.franceinter.fr/monde/ventes-d-armes-qatar-belgique-et-arabie-saoudite-sont-les-plus-gros-clients-de-la-france-en-2018    Aus aktuellem Anlass dazu doch noch eine Anmerkung: Deutschland exportierte 2021 Rüstungsgüter im Wert von 9 Mrd Euro, Frankreich für 28 Mrd. Euro.  Frankreich, das im Gesamtexport weit abgeschlagen hinter der Spitzengruppe mit China, USA und Deutschland liegt, liegt dagegen bei den Waffenexporten auf dem dritten Platz vor Deutschland. Und während in Deutschland Waffenexporte immer wieder Anlass zu politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie in Frankreich Anlass zu allgemeinem Stolz. Die Zeitung La Tribune z.B. sprach in Bezug auf die französischen Waffenexporte 2021 von „l‘année fabuleuse de la France.“ Frankreich liefert auch -anders als Deutschland- Waffen an kriegführende Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien. Vor allem aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Position zu Waffenexporten sind gemeinsame deutsch-französische Rüstungsprojekte denn auch äußerst kompliziert, wenn nicht ausgeschlossen.

[6] https://www.nouvelobs.com/galeries-photos/economie/20151002.OBS6974/photos-tout-ce-que-possede-deja-le-qatar-a-paris.html#modal-msg Zum Hôtel Lambert siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/dossier/splendeurs-de-la-collection-al-thani

[8] Siehe dazu z.B. Régis Soubrouillard,  Quand le Qatar achetait la France.   Outre-Terre 2012/3-4 (n° 33-34), pages 517 à 521  https://www.cairn.info/revue-outre-terre4-2012-3-page-517.htm https://www.journaldunet.com/economie/magazine/1104695-les-investissements-du-qatar-en-france.amphtml/ 

https://photo.capital.fr/ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-17024#ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-303408

[9] https://www.liberation.fr/sports/2019/06/18/enquetes-sur-la-corruption-dans-le-sport-le-qatar-en-premiere-ligne_1734691/

[10] Zur Situation derMenschenrechte in Quatar  siehe taz vom 20.11.21 Menschenrechte im WM-Land: Nichts ist gut in Katar  Die Fußball-WM 2022 könne helfen, das Emirat Katar zu liberalisieren, hieß es einmal. Doch die Menschenrechtslage wurde immer prekärer. https://taz.de/Menschenrechte-im-WM-Land/!5814345/

Zu Frauenrechten in Quatar siehe zum Beispiel: https://www.hrw.org/de/news/2021/03/29/katar-maennliche-vormundschaft-schraenkt-frauenrechte-stark-ein

[11] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/L-Hotel-de-la-Marine/Le-Garde-Meuble-de-la-Couronne/commode-riesener# Zu Riesener siehe auch den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine 1: Das Viertel des Holzhandwerks https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[12] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation

[13] Dieses Bild und die weiteren Abbildungen -wenn nicht anders angegeben- von Wolf Jöckel

[14] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris Für das Vergleichsbeispiel siehe  https://www.kyero.com/de/property/11239554-gewerbeimmobilie-mieten-paris (Stand 26.1.2022)

[15] https://www.sueddeutsche.de/sport/wm-katar-terror-geldwaesche-1.5506874?reduced=true

[16] https://www.dbz.de/artikel/dbz_Das_Schatzhaus_im_Meer_Museum_fuer_Islamische_Kunst_71151.html

https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Nationalmuseum-Katar-Ateliers-Jean-Nouvel-3371758.html

[17] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-fussball-hotels-und-nun-kunst-katar-leistet-sich-paris-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190104-99-430576

[18]  Bérénice Geoffroy Schneiter, Un rêve de musée universelle. In: connaissance des arts. Hors-série. La Collection Al Thani à l’hôtel de la marine. 2021, S. 27; Interview mit Amin Jaffer a.a.O., S. 10 und https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris

[19] Siehe: https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/saoud-al-thani-wie-falkenauge-die-kunstsammlungen-von-katar-aufbaute/26797922.html?ticket=ST-501534-kFbObjRKUCmJvlHWOYCa-ap3  und https://de.wikibrief.org/wiki/Collecting_practices_of_the_Al-Thani_Family

[20] https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[21] https://www.numero.com/fr/art/tresors-collection-al-thani-hotel-la-marine-paris-cheikh-hamad-ben-abdullah-al-thani-qatar

[22] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

[23] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/objekt/maske_12578

[24] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117  Als Herkunftsort wird dort aber -anders als auf der der Vitrine beigefügten Informationstafel –  das zentralasia tische Sassaniden-Reich angegeben

[25] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/264978-les-tresors-de-la-collection-al-thani-l-exposition-a-l-hotel-de-la-marine

[26]  Bild:© Marc Domage/Al Thani Collection  https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[27] Bild und wesentlich auch Text  aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation/Elements-Collection-Al-Thani/Repertoire-Highlights-Collection/Bueste-von-Kaiser-Hadrian

[28] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117

[29] Bild:  https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/les-mille-et-une-merveilles-de-la-collection-al-thani-a-paris-11166359/

[30] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

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Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Nach 60 Jahren noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 (Ici on noie les Algériens) und vom 8. Februar 1962 (Charonne)

Die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 war eine nuit noire in der französischen Geschichte der Nachkriegszeit[1] und der 8. Februar 1962 war ein schwarzer Tag. An beiden Tagen gab es im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg große Demonstrationen in Paris, die zahlreiche Opfer forderten. Die Erinnerung daran ist immer noch lebendig.

Was geschah damals?

Am Abend des 17. Oktober 1961 protestierten ungefähr 30.000 Algerier vor allem aus den Pariser Vorstädten gegen die –allein sie betreffende- nächtliche Ausgangssperre mit einer friedlichen -aber nicht genehmigten-  Demonstration, zu der die Untergrundorganisation der FLN (Front de libération nationale) aufgerufen hatte.  Die Polizei reagierte mit äußerster Härte. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet- die Zahlenangaben schwanken zwischen einigen Dutzenden und über 200 Opfern.[2] Über 10.000 Demonstranten wurden festgenommen und zum Teil mehrere Tage lang in „centres d’internement“  festgehalten. Dort kam es zu weiteren gewalttätigen Übergriffen einer durch Falschmeldungen aufgehetzten Polizei.  Noch Tage nach der „nuit noire“ wurden in der Seine schwimmende Leichen gefunden. Einige Demonstranten waren auf der Flucht vor der Polizei vom Pont St-Michel in die Seine gesprungen und dort ertrunken, andere wurden einfach in den Fluss geworfen, um die offiziellen Todes-Statistiken niedrig zu halten.

Nach dem Urteil der britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster handelt es sich um das brutalste staatliche  Vorgehen gegen eine Demonstration im Westeuropa der Nachkriegszeit.[3]  

Eine scharfe Pressezensur wurde verhängt und auch weitgehend befolgt, durch die das Ausmaß dessen, was in dieser Nacht geschah, nicht ans Licht kommen sollte. Viele Zeitungen beschränkten sich auf die Wiedergabe der offiziellen Polizeiberichte. Immerhin: Ein -natürlich schnell beseitigtes- Graffiti am Seineufer wies unübersehbar auf die Ereignisse der Nacht hin: Ici on noie les Algériens – hier ertränkt man die Algerier.[4]

Quai de Conti, 6. November 1961 © Jean Texier / L’Humanité [5]

Am 24. Oktober 1961 erschien in der Tageszeitung Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congrès eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

Karikatur des Le-Monde Karikaturisten  Plantu Dezember 1997[6]

Aber erst 2001 wurde –gegen den Widerstand der rechten Parteien- vom damaligen Pariser Bürgermeister Delanoë eine Gedenktafel am Pont-St-Michel (Quai du Marché – Neuf) eingeweiht: „Zur Erinnerung an die zahlreichen Algerier, die bei der blutigen Unterdrückung der friedlichen Demonstration vom 17. Oktober 1961 getötet wurden.“ Ich wollte“, stellte dazu der Pariser Bürgermeister fest, „dass für dieses Verbrechen, das von offiziellen Stellen Frankreichs gedeckt oder beschlossen wurde, wenigstens die französische Hauptstadt Verantwortung übernimmt“.[7]

Foto: Wolf Jöckel, aufgenommen 2011, am 50. Jahrestag des 17.10.1961

Diese Gedenktafel wurde 2019 von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo durch eine künstlerisch gestaltete Stele ergänzt, um dem Gedenken an die Opfer mehr Sichtbarkeit zu verleihen.[8]

Bild: Wolf Jöckel 9.2.2022

In Frankreich hat man sich allerdings schwer getan mit dieser „schwarzen Nacht“.  Lange Zeit wurde der 17. Oktober 1961 verdrängt, die Erinnerung daran bewusst ausgelöscht, wie die beiden Le Monde-Journalisten Frédéric Bobin et Antoine Flandrin in einem aktuellen Podcast feststellen.[9]

Ein Grund für das große französische Interesse an einer solchen Verdrängung:  Der für das brutale Vorgehen der Pariser Polizei 1961 (und dann auch noch 1962) Verantwortliche war Maurice Papon. Als Präfekt ordnete er am 17.10. 1961 ein hartes Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten an. Zu Unrecht machte er die friedlich demonstrierenden Algerier für die blutige Eskalation der Demonstration verantwortlich: Sie hätten das Feuer auf die Polizei eröffnet. Allerdings hat damals kein einziger Polizist Schussverletzungen erlitten und erst recht wurde keiner getötet. Demgegenüber spielte Papon die Zahl der Opfer herunter und trug massiv dazu bei –auch mit Hilfe der herrschenden Pressezensur- dass es zu keiner Aufklärung des Ablaufs der Ereignisse kam und zu keiner einzigen Bestrafung eines Polizisten. Papon allerdings wurde in einem Brief des damaligen Ministerpräsidenten Michel Debré ausdrücklich gelobt: Der Präfekt habe Führungsstärke und Organisationstalent bewiesen und auf hervorragende Weise eine schwierige und oft delikate Aufgabe („une mission souvent délicate et difficile“) zu bewältigen gewusst. So von den politisch Verantwortlichen bestärkt, war es am 8. Februar 1962 wieder Papon, der den Befehl zum folgenschweren Vorgehen gegen die Demonstranten gab.[10]

Führungsstärke und Organisationstalent hatte Maurice Papon auch schon vorher hinreichend bewiesen. Er war nämlich im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Der Busfahrer auf der oben abgebildeten Karikatur von Plantu war also niemand anderes als Papon.

Allerdings gehörte er –wie der oberste Polizeichef von Vichy, René Bousquet, zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur Résistance knüpften. Daher konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen: Als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, danach als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 auch noch in zwei Regierungen als Minister. Das endete erst am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné die Rolle Papons bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben, und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

Insofern hat die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 eine dreifache Brisanz:

  • Es geht einmal um ein Ereignis, das inzwischen vielfach als „Massaker“ bezeichnet und als Verbrechen eingestuft wird. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass es sich nicht „einfach“ um vereinzelte oder auch kollektive polizeiliche Übergriffe handelte, sondern dass es institutionelle/staatliche Verantwortlichkeiten gab – auf jeden Fall die des Polizeipräfekten Papon. In Frage steht aber auch die (zumindest politische) Verantwortung des damaligen Innenministers Roger Frey, eines entschiedenen Gegners einer Loslösung Algeriens vom „Mutterland“, und des Premierministers Michel Debré.   
  • Es geht dabei weiterhin um die Rolle der Collaboration mit dem Nazi-Regime und ihre Beteiligung an der Shoah – eine Frage, die derzeit in Anbetracht der revisionistischen Thesen des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour besonders aktuell ist: Für Zemmour war das Collaborations-Regime des Marschalls Pétains nicht Handlanger der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, sondern ein Schutzschild französischer Juden, die vor Deportation und Ermordung gerettet worden seien. Der Polizeipräfekt von 1961, Papon, ist ein Beleg dafür, dass damit die Geschichte auf den Kopf gestellt wird.
  • Brisant ist die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 schließlich auch im Kontext der französisch-algerischen Beziehungen. Emmanuel Macron hatte 2017 als Kandidat für die damalige Präsidentschaftswahl in einem Aufsehen erregenden Interview während eines Besuchs in Algier den französischen Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und eine wahrhafte Barbarei bezeichnet und dazu aufgefordert, davor nicht die Augen zu verschließen- eine Stellungnahme, die ihn, nach dem Úrteil von Michaela Wiegel „beinahe die Wahl gekostet“ hätte. [11] Als Präsident hatte Macron die  Verbesserung der Beziehung zu Algerien und einen versöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit (die „réconciliation des mémoires“)  zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit erklärt.[12] Er beauftragte den aus Algerien stammenden Historiker Benjamin Stora, Vorschläge zu unterbreiten, wie -gerade im Blick auf Kolonialismus und Algerien-Krieg- die Verständigung zwischen dem französischen und algerischen Volk gefördert werden könnte.

Stora unterbreitete im Januar 2021 einen Katalog von 22 Maßnahmen, wozu auch die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 gehörte.[13] Wie schwer dieser Prozess einer réconciliation des mémoires allerdings ist, wird an der erbitterten rechten Kritik deutlich: Man müsse endlich aufhören, sich ständig für seine (insgesamt doch glanzvolle) Geschichte zu entschuldigen, auf die man stolz sein könne, forderten unisono Vertreter der Rechten (Michel  Barnier, Eric Ciotti, Valérie Pecresse) und der Ultrarechten (Marine Le Pen).[14] Und zu dem Frankreich, auf das die Franzosen stolz sein könnten, gehört für den Präsidentschaftskandidaten Zemmour (dem immerhin -ebenso wie Le Pen-  derzeit 14 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme geben wollen) sogar der Marschall Pétain…

Insofern hat der Versuch einer réconciliation des mémoires auch noch eine brisante innenpolitische Dimension. Die den Algerienkrieg betreffenden Trennlinien verlaufen nicht nur zwischen Frankreich und Algerien, sondern sie gehen auch durch die französische Gesellschaft – man denke nur an die aus Algerien vertriebenen Franzosen, die pieds noirs, oder an die algerischen Hilfskräfte der Franzosen in Algerien, die Harkis…

2021©Jean-Claude Coutausse pour Le Monde. Macron ehrt die Opfer des 17. Oktober 1961 (Colombes, Hauts-de-Seine, 16. Oktober).  Im Hintergrund die Brücke von Bezons. Auch dort wurden Demonstranten von der Polizei in die Seine geworfen. [15]

Insofern wurde mit besonderer Spannung erwartet, wie Macron 2021 an den 17. Oktober 1961 erinnern würde. In seiner Stellungnahme beschrieb Macron in aller Deutlichkeit, was damals geschah.  Die Repression der Demonstration sei brutal und blutig gewesen. Fast 12 000 Algerier seien verhaftet worden. Neben vielen Verletzten habe es Dutzende von Toten gegeben, die in die Seine geworfen worden seien. Viele Familien hätten nie die sterblichen Überreste der damals Verschwundenen wiedergefunden. [16] Es handele sich um Verbrechen, die nicht entschuldigt werden könnten. („crimes inexcusables“). Neu waren dabei, gegenüber den Stellungnahmen seines Vorgängers François Hollande, nicht nur die deutlichen Qualifizierungen der damaligen Repression, sondern vor allem, dass mit Macron ein Staatspräsident persönlich einen Kranz an einem Ort des damaligen Geschehens niederlegte. Und neu war auch, dass Macron einen Verantwortlichen benannte, nämlich Maurice Papon. Nach den Worten Benjamin Storas hat damit zum ersten Mal ein Staatspräsident eine staatliche Verantwortung an dem verbrecherischen Massaker anerkannt. Allerdings wurde -nicht nur aus dem linken Spektrum- Kritik laut. Macron sei auf halbem Weg stehen geblieben. In der Erklärung des Elysée seien das Wort Polizei  und Titel und Funktion Papons („préfet de police“)  nicht vorgekommen, der doch immerhin trotz seiner Vergangenheit als Kollaborateur von de  Gaulle ausgewählt worden sei und danach auch noch eine steile Karriere gemacht habe.[17]

Aber dann folgte ja noch der zweite Akt des Dramas, der 8. Februar 1962, in Frankreich bekannt unter dem Kürzel Métro Charonne oder einfach nur Charonne

Was war damals geschehen? Seit März 1961 verübte die Untergrundorganisation OAS (Organisation de l’Armée Secrète) eine Serie von Anschlägen, um die Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens zu torpedieren: Am 31. März wurde der Bürgermeister von Evian ermordet, in dessen  Stadt die Verhandlungen stattfanden. Es folgten Anschläge auf Personen und Einrichtungen, die das Projekt einer Unabhängigkeit Algeriens unterstützten.  Am 7. Februar 1962 verübte die OAS eine neue Serie von Anschlägen, unter anderem auf die Wohnung von André Malraux, dem damaligen Kultusminister, wobei ein vierjähriges Mädchen sein Augenlicht verlor, was besondere Empörung auslöste. Ihr Ziel erreichten diese Anschläge allerdings nicht: Eher beschleunigten sie den Abschluss der Verhandlungen. Am 18. März 1962 wurde in Evian die Loslösung Algeriens vom „Mutterland“ Frankreich vereinbart.

Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements,                                                   erstellt von dem Comité d’Histoire de la Ville de Paris[18]   Bild: Wolf Jöckel 8.2.2022  

Als Reaktion auf die Anschläge der OAS riefen verschiedene linke Organisationen, vor allem die Gewerkschaften CGT, CFDT und UNEF und die Parteien PCF und PSU, für den 8. Februar 1962 zu einer Demonstration gegen den OAS-Terror und für die Unabhängigkeit Algeriens auf, die allerdings von Papon, nach wie vor Polizeipräfekt, verboten wurde. Allerdings hatten die Organisatoren die Hoffnung, dass angesichts der Umstände die Polizei nicht einschreiten würde. Denn immerhin standen die Verhandlungen von Evian kurz vor dem Abschluss, so dass eine Demonstration für den Friedensvertrag und gegen den OAS-Terror durchaus im Sinne der Regierung hätte sein können.[19] Zumal die OAS ja nicht nur de Gaulles Vertrauten Malraux zum Ziel ihrer Anschläge auserwählt hatte, sondern auch den Staatspräsidenten selbst, auf den am 8. September 1961 bei Pont-sur-Seine ein Anschlag verübt wurde.

Es kam allerdings anders. De  Gaulle, der Innenminister Frey und der Polizeipräfekt Papon wollten um jeden Preis die staatliche Autorität durchsetzen und der politischen Linken keine  Gelegenheit geben, ihre Macht zu demonstrieren. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als sei die Unabhängigkeit Algeriens auf „Druck der Straße“ erfolgt.  An der Metro-Station Charonne im 11. Arrondissement wurden die friedlich demonstrierenden Menschen gewaltsam eingekesselt. Mit ihren bidules, hölzernen Schlagstöcken, schlugen Polizisten auf die Demonstranten ein.  Die versuchten in Not und Panik, sich in die Metro-Station zu retten, deren Gitter aber heruntergelassen waren. 9 Menschen starben an den Folgen schwerer Kopfverletzungen oder erstickten, darunter Anne Godeau (24 Jahre, Postangestellte) und Édouard Lemarchand (40 Jahre, Angestellter bei der Humanité).

Das Foto zeigt sie auf dem Demonstrationszug vom 8.2.1962. Eine Stunde später waren sie tot.[20]

Am 13. Februar 1962 beteiligten sich etwa 500 000 Menschen (L‘Humanité sprach von 1 000 000, Le Figaro von 150 000)  an einem feierlichen Trauermarsch zum Friedhof Père Lachaise, wo die „Opfer von Charonne“ gegenüber der Mur des Fédérés, also der Opfer der Pariser Commune von 1871, bestattet wurden.[21]

Grabmal der Charonne-Opfer auf dem Père Lachaise. 97. Division. Auf der Grabplatte spiegelt sich das Denkmal für die Opfer des KZ Ravensbrück. Foto: Wolf Jöckel

Dieses Foto habe ich am 10. Februar 2022 aufgenommen. Das Gebinde hatte der Pariser Polizeipräfekt Didier Lallement im Namen des Staatspräsidenten deponiert, wie das Tricolore-Band ausweist. Dies war, wie auch Macrons Gedenken an die Opfer des 17. Oktober 1961, eine absolute Neuerung: Nicht allein, dass Macron damit den Opfern und ihren Familien seine Ehrerbietung erwies,[22] sondern auch insofern, als durch die Präsenz des Polizeipräfekten die damalige Verantwortung der Pariser Polizei anerkannt wurde. 

Bis es dazu kam, war es allerdings ein weiter Weg. Denn wie nach dem 17. Oktober wurden auch hier die Tatsachen zunächst entweder verschwiegen oder verdreht.

Aus der Ausstellung 11. Arrondissement

So berichtete der Figaro am 9. Februar, „groupes de choc“, also (bewaffnete) Sturmtruppen 23], hätten das Demonstrationsverbot durchbrochen und Demonstranten seien in die von „Agenten der Subversion“ gelegte Falle geraten. Die Rede war lediglich von zwei toten Demonstranten. Der Ministerpräsident beglückwünschte einige Tage später Maurice Papon für sein entschlossenes Vorgehen und 1966 wurde eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg stehenden Handlungen beschlossen.

Aber natürlich gelang es nicht, die Erinnerung an den 8. Februar auszulöschen. Die Kommunistische Partei Frankreichs und die kommunistische Gewerkschaft CGT brachten in der Metro-Station eine Erinnerungstafel für „die Opfer der Repression“ an. Sie waren alle Mitglieder der CGT und mit einer Ausnahme auch der KPF.

Gedenktafel in der Metrostation Charonne, 11. Arrondissement: „Hier sind am 8. Februar 1962 während einer Demonstration für den Frieden in Algerien neun Arbeiterinnen und Arbeiter, von denen der jüngste 16 Jahre alt war, als Opfer der Unterdrückung gestorben.“ Foto Wolf Jöckel

Jedes Jahr werden dort am 8. Februar von verschiedenen Organisationen und Institutionen Blumen niedergelegt. Foto: Wolf Jöckel 8. Februar 2022

Ein Plakat der École des beaux-arts aus dem Jahr 1968[24]. Es zeigt, dass in der französischen Studentenbewegung die Erinnerung an Charonne noch lebendig war.  Roger Frey, 1962 Innenminister, wird hier als „Mörder von Charonne“ titutliert. Aus der Ausstellung 11. Arrondissement.  Foto: Wolf Jöckel

1975 entstand Renauds bitteres Lied „Hexagone“, in dessen Februar-Strophe er an die damals weitgehend verdrängte Niederschlagung der Demonstration vom 8. Februar 1962 erinnert:

Im Februar fällt es nicht schwer, / sich an Charonne zu erinnern,

die vereidigten Schläger (Gendarmen), / die ihr Werk perfekt ausführten.

Frankreich ist ein Bullenstaat ….

Um die öffentliche Ordnung durchzusetzen, / Morden sie ungestraft.[25]

Am 45. Jahrestag des Massakers, am 8. Februar 2007, erhielt der Ort des Geschehens, die Kreuzung zwischen dem Boulevard Voltaire und der Rue de Charonne,  auf Beschluss des Pariser Stadtrats den Namen „Place du 8 Février 1962“, sieben Jahre später die Metro-Station Charonne den entsprechenden Zusatz.

Platz des 8. Februar 1962. Datum der Demonstration gegen den Algerienkrieg, wo neun Demonstranten an der Metro-Station Charonne den Tod fanden.
Foto: Wolf Jöckel  8.2.2012

Am 50. Jahrestag des Massakers hielt der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë eine Rede an der Place du 8 Février 1962, die mich sehr beeindruckte. Er knüpfte dabei sinngemäß an das an, was Robert Badinter, dessen Name mit der Abschaffung der Todesstrafe verbunden ist,  1990 feststellte:

„Es ist eine beklagenswerte Haltung für eine große Demokratie, sich nicht den Schwächen ihrer Geschichte zuzuwenden… Erwachsen zu sein bedeutet, seinen Schwächen ins Auge zu sehen, um ihnen nicht erneut zu erliegen“.[26]  Und Delanoë führte in seiner Rede den Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos als Vorbild an für einen verantwortungsvollen Umgang mit den dunklen Seiten der Vergangenheit eines Landes.

Eine solche Geste ist allerdings in Frankreich in Bezug auf den Algerienkrieg kaum vorstellbar.

Kundgebung am 8. Februar 2022, Place du 8 février 1962. Auf der Tribüne von links nach rechts: Der sozialistische Bürgermeister des 11. Arrondissements François Vauglin (mit der Tricolore-Schärpe), der Vorsitzende der KPF und Präsidentschaftskandidat Fabien Roussel, der Präsident der Association nationale pour la protection de la mémoire des victimes de l’OAS, Jean-François Gavoury (am Mikrophon), der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, und  Henri Cukierman, Vorsitzender des comité Vérité et justice pour Charonne. Foto: Wolf Jöckel

Auf der Kundgebung vom 8. Februar 2022 wurde denn auch kritisiert, dass Macron in seiner Erinnerungspolitik auf halbem Weg stehen geblieben sei und das Charonne-Massaker nicht als „crime d’État“ anerkannt habe. In der Tat lässt sich Präsident Macron bei seinen erinnerungspolitischen Gesten und Schritten auch von politischem Kalkül leiten – das ist von ihm, gerade auch kurz vor den Präsidentschaftswahlen, nicht anders zu erwarten.[27]  Macron hat aber unbestreitbar während seines Quinquennats wichtige Beiträge zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ geleistet. Dazu gehören die offizielle Anerkennung der systematisch von der französischen Armee im Algerienkrieg angewendeten Folter[28]  und seine Entschuldigung gegenüber den Harkis, den algerischen Hilfskräften der französischen Armee, die Frankreich den Repressalien der siegreichen FLN überlassen hat,  soweit sie nicht nach Frankreich überführt und dort unter unwürdigen Bedingungen behandelt wurden –  nach Le Monde „eine der beschämendsten Seiten der Geschichte unseres Landes“.[29] Und dazu gehört auch der– im Vergleich zu seinen Vorgängern viel prononciertere Umgang Macrons mit den Massakern vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962. Aber sicherlich ist es noch ein weiter Weg zu einer réconciliation des mémoires, soweit die überhaupt je möglich ist. Das zeigt auch das nachfolgend abgebildete handbeschriebene Blatt, das an einer Schautafel der Ausstellung des 11. Arrondissements von Paris befestigt war.

Foto: Wolf Jöckel 6.2.2022

Vor 65 Jahren wurde mein Vater in Algerien (der Kabylei) wie viele andere von der französischen Armee verhaftet, gefoltert und exekutiert. Er war in der Blüte seiner Jahre, gerade 24 Jahre alt, so dass er keine Gelegenheit hatte mir noch Brüder und Schwestern zu machen. Ehre all denen, die für die Freiheit kämpfen. Es leben die zwei Länder, Frankreich und Algerien…


Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.

Anmerkungen

[1] So der Titel eines französischen  Fernsehfilms von 2005 über die damaligen Ereignisse, wieder ausgestrahlt von France 3 am 17.10.2010.  Bild aus: https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/france-culture-passe-le-bac-33-reviser-lepreuve-dhistoire-avec-la-fabrique

Zum Thema dieses Beitrags siehe auch: Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

[2]  „La vérité mettra des années pour s’imposer : 200 manifestants au moins tués „à chaud“ comme „à froid (Gaston Deferre); avec une imprécision du nombre à elle seule révélatrice de la logique de guerre dans laquelle on s’inscrit.“ Danielle Tartakowsky, Les manifestations de rue en France 1918-1968. Éditions de la Sorbonne. https://books.openedition.org/psorbonne/62457?lang=de

Die bis heute noch nicht geklärte Opferzahl beruht vor allem darauf, dass  der Zugang zu den Archiven lange Zeit mit dem Verweis auf die nationale Sicherheit bis 2021 blockiert war und -so der Historiker  Gilles Manceron- immer noch behindert wird. Siehe dazu: https://www.la-croix.com/France-ouvre-archives-judiciaires-policieres-Algerie-2021-12-23-1301191586

[3]  Jim House/Neil MacMaster, Les Algériens, la terreur d’État et la mémoire. Neuauflage Paris: Gallimard 2021: „la répression d’Etat la plus violente qu’ait jamais provoquée une manifestation de rue en Europe occidentale dans l’histoire contemporaine“  

Zur Vorgeschichte und zum Ablauf des Massakers vom 17. Oktober 1961 siehe auch: Nina Pauer, Europa und die Frage der Gewalt- die bundesrepublikanische Resonanz auf den Algerienkrieg am Beispiel des Massakers vom 17. Oktober 1961 in Paris.  In: Dietmar Hüser, Frankreichs Empire schlägt zurück. Kassel university press 2010, S. 157ff  978-3-89958-902-3.volltext.frei.pdf (uni-kassel.de)

[4] So auch der Titel eines Dokumentarfilms, der aus Anlass des 50. Jahrestages der Nuit noire in die Kinos kam. Das Bild wurde vielfach veröffentlicht, z.B. https://france3-regions.francetvinfo.fr/auvergne-rhone-alpes/isere/grenoble/on-noie-algeriens-soiree-cine-conference-au-melies-grenoble-1735831.html

[5] Bild aus: Histoire d’une photo : „Ici on noie des Algériens” (1961) – Ép. 3/3 – France Culture passe le bac !

[6] https://histoirecoloniale.net/Papon-et-la-justice.html

[7] https://www.liberation.fr/societe/2001/10/18/a-la-memoire-des-algeriens_380833/

[8] Siehe: https://www.rtl.fr/actu/politique/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-du-17-octobre-1961-7799268720  17.10.2019   und https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-de-la-repression-du-17-octobre-1961-6569414

[9] Podcast. Massacre du 17 octobre 1961 : la fin d’un long silence ? (lemonde.fr Oktober 2021): „ L’histoire du 17 octobre 1961 est celle d’un massacre sciemment oublié, effacé.“  Siehe auch Interview mit dem Historiker Gilles Manceron, Autor von: La triple occultation d’un massacre. In: Le 17 octobre des Algériens (2011) https://www.lemonde.fr/societe/article/2011/10/17/17-octobre-1961-ce-massacre-a-ete-occulte-de-la-memoire-collective_1586418_3224.html Danach hatte nicht nur der für „den Pogrom“ verantwortliche „pouvoir gaulliste“ Interesse an der Verdrängung, sondern auch die französische Linke, „ambiguë sur l’indépendance algérienne“. Und zum Dritten auch die damalige provisorische algerische  Regierung, weil der französische Ableger der FLN eine Konkurrenz darstellte, die nach der Erlangung der Unabhängigkeit ausgeschaltet wurde. https://www.cairn.info/le-17-octobre-des-algeriens–9782707171177-page-111.htm

[10] Sonderausgabe Charonne der Humanité vom 8.2.2012

[11] Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

Dazu z.B. auch: Emmanuel Macron qualifie la colonisation française de „crime contre l’humanité“ – L’Express (lexpress.fr) und https://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/la-colonisation-crime-contre-l-humanite-macron-sous-le-feu-des-critiques_1879756.html

[12] Kritisch dazu: Sylvie Thénault; Sur la guerre d’Algérie parler de ‚réconciliation‘ n’a pas de sens. In: Le Monde. 6.2.2021 und in: Le Monde, Le bilan du monde, édition 2022, S. 217

[13] https://www.lemonde.fr/afrique/article/2020/07/24/emmanuel-macron-confie-a-l-historien-benjamin-stora-une-mission-sur-la-memoire-de-la-colonisation-et-de-la-guerre-d-algerie_6047236_3212.html und Emmanuel Macron fait de la guerre d’Algérie le défi mémoriel de son quinquennat (lemonde.fr)  Zusammenfassung der 22 Empfehlungen  Storas: https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/01/20/france-algerie-les-22-recommandations-du-rapport-stora_6066931_3212.html 

[14] Le Monde 19. Oktober 2021: Droite et extême droite condamnent la „repentance“ du chef de l’Etat. Marine Le Pen comme Michel Barnier ou Valérie Pecresse ont estimé que la France devait cesser de s’excuser à propos de la guerre d’Algérie.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Beschädigung der Statue des Emirs Abdelkader in Amboise Anfang Februar 2022. Abdelkader war ein Held des algerischen Widerstands gegen die französische Eroberung im 19. Jahrhundert. Nach seiner Gefangennahme wurde er im Schloss von Amboise festgesetzt und entwickelte sich dort zu einem „Pionier des Dialogs zwischen den Religionen“, wie Le Monde schrieb. Kurz, eine Figur der französisch-algerischen Freundschaft.“ (A Amboise, vandalisme contre la statue de l’émir Abdelkader. Le Monde, 8.2.2022). Die Errichtung einer solchen Statue gehörte zu den von Benjamin Stora unterbreiteten Vorschlägen zur réconciliation des mémoires.

[15] Bild und Information aus: Le Monde 19. Oktober 2021

[16] „La répression fut brutale, violente, sanglante. Près de 12 000 Algériens furent arrêtés et transférés dans des centres de tri au Stade de Coubertin, au Palais des sports et dans d’autres lieux. Outre de nombreux blessés, plusieurs dizaines furent tués, leurs corps jetés dans la Seine. De nombreuses familles n’ont jamais retrouvé la dépouille de leurs proches, disparus cette nuit-là.“ Zit. In: https://www.leparisien.fr/politique/algeriens-tues-a-paris-le-17-octobre-1961-pourquoi-ils-attendaient-plus-de-macron-17-10-2021-5CY5GNMKXBA7FJXPCWHVHKO6CM.php?xtor=EREC-109&utm_medium=email&utm_source=internal&utm_campaign=newsletter_politique

[17] Siehe z.B. https://www.bfmtv.com/politique/les-propos-de-macron-sur-le-massacre-du-17-octobre-1961-fustiges-de-toute-part_AN-202110170218.html  Auch Le Monde spricht in einem Artikel über Macrons Gedenken an den 17. Oktober 1961 von einem „demi-pas“ des Präsidenten. (Le Monde, Dienstag, 19. Oktober 2021). Entsprechend auch Rachid Benzine, Les hommages  à Samuel Paty et aux manifestants algériens ne sauraient masquer le malaise de nos institutions. In: Le Monde, 20. Oktober 2021

[18] Siehe: https://storymaps.arcgis.com/stories/2df2cacd2d50414183c9021ac4af91ab

[19] Der Historiker Pierre Vidal-Naquet: „C’est le comble de l’absurde. On a du mal à comprendre cette violence de la police alors que le gouvernement est en pleine négociation avec les représentants algériens pour un accord de paix signé un mois plus tard.“ Zit von L’Humanité und Le Monde 8.2.2022 https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/08/paris-commemore-les-60-ans-de-la-repression-meurtriere-d-une-manifestation-contre-la-guerre-d-algerie-au-metro-charonne_6112781_3224.html

[20] Das Foto gehört zu der Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements. Siehe dazu auch: https://mairie11.paris.fr/pages/il-y-a-60-ans-la-manifestation-de-charonne-20333

[21]   Filmbericht aus dem französischen Fernsehen vom 14.2.1962. Dokumentation INA  https://enseignants.lumni.fr/fiche-media/00000000082/les-obseques-des-victimes-de-charonne.html Dort auch ein erläutender von Philippe Tétart, Les obsèques des victimes de Charonne. Contexte historique. Publication: 2003

Zur Mur des Fédérés siehe den Blog Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[22] Aus der Stellungnahme des Präsidenten:  „Soixante ans après cette tragédie, je rends hommage à la mémoire des victimes et de leurs familles“. Zit. https://www.lefigaro.fr/flash-actu/metro-charonne-emmanuel-macron-rend-hommage-aux-victimes-une-premiere-20220208

[23] https://www.cairn.info/revue-historique-2014-1-page-143.htm#:~:text=Car%20si%20la%20guerre%20d,les%20forces%20de%20l’ordre.

[24] Zu den 1968 in der École des beaux-arts  in Paris hergestellten Plakaten  siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[25] Übersetzung und Original: https://songtexte-ubersetzung.com/renaud-renaud-sechan-hexagone/

 Ils sont pas lourds en février, / à se souvenir de Charonne,

des matraqueurs assermentés /qui fignolèrent leur besogne.

La France est un pays de flics ….

Pour faire règner l’ordre public / Ils assassinent impunément

Ihren ausführlichen Artikel über den 8. Februar 1962 hat l’Humanité mit den Gedichtzeilen Renauds überschrieben: Ils sont pas lourds, en février, à se souvenir de Charonne

[26] „C’est une attitude déplorable pour une grande démocratie de ne pas se pencher sur les faiblesses de son histoire… Etre adulte, c’est regarder en face aussi ses faiblesses, pour ne pas y retomber. «

[27] Insofern ist Macron auch nicht dem Vorschlag Storas gefolgt, die französische Rechtsanwältin Gisèle Halimi zu pantheonisieren. Sie war Rechtsanwältin und Anwältin der Unabhängigkeit Algeriens. Ihre Pantheonisierung hätte in Frankreich eher Gräben aufgeworfen und nicht zu einer  réconciliation des mémoires beigetragen.  https://www.sudouest.fr/politique/entree-au-pantheon-de-gisele-halimi-pourquoi-emmanuel-macron-envisagerait-de-dire-non-2672066.php  Statt  dessen hat sich Macron für die Pantheonisierung von Josephine Baker entschieden. Siehe  dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

[28] Anerkennung des Mathematikers Maurice Audin als Folteropfer der französischen Armee: https://www.liberation.fr/france/2018/09/13/mort-de-maurice-audin-macron-reconnait-la-torture_1678582/ 

Anerkennung des Rechtsanwalts Ali Boumendjel als Folteropfer:  https://www.franceculture.fr/emissions/lesprit-public/france-algerie-emmanuel-macron-et-la-reconciliation-des-memoires

Allgemein zur Folter als offiziellem Instrument der französischen Armee im „gegen-revolutionären Krieg“:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Torture_pendant_la_guerre_d%27Alg%C3%A9rie 

[29] Leitartikel von Le Monde vom 21.9.2021. https://www.lemonde.fr/idees/article/2021/09/21/harkis-un-pardon-justifie-au-nom-de-la-france_6095428_3232.html  Mit dieser Entschuldigung ging Macron noch weit über die die Harkis betreffenden Vorschläge Benjamin Storas hinaus. Siehe: France Culture, 26.1.2021:  Le sort des harkis et de leurs descendants dans le rapport de Benjamin Stora fait réagir https://www.franceculture.fr/emissions/le-journal-de-lhistoire/le-journal-de-lhistoire-du-mardi-26-janvier-2021

Weitere geplante Blog-Beiträge:

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Roncesvalles/Roncevaux – Der Mythos lebt … Ein Gastbeitrag von Ortwin Ziemer

Wenn sich in seiner Sprache und seinem kulturellen Erbe die Seele eines Volkes spiegelt, so trifft dies sicherlich ganz besonders auf seine Sagen und Legenden zu, und zwar in ganz speziellem Maße, wenn diese von markanten Orten verkörpert werden. Mythen, zunächst meist mündlich und erst später schriftlich überliefert, verketten erzählerisch bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten und verdichten sich im kollektiven Bewusstsein mehr und mehr zu oft identitätsstiftenden Orientierungspunkten bezüglich der nationalen Vergangenheit. Der eigentliche, ursprüngliche Gegenstand des Mythos wächst dabei meistens über dessen anfängliche Dimension hinaus und fast immer ist der historische Kern nicht mehr eindeutig nachweisbar bzw. nicht mehr klar zu identifizieren. Am Beispiel der Schlacht von Roncesvalles (15. August 778) und des rund zweieinhalb Jahrhunderte später darüber entstandenen Rolandsliedes, das im 19. Jhd. zum französischen Nationalepos wurde, zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie stark die Geschichte in solchen Mythen in ideologisierter Form reflektiert wird. Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des vielleicht berühmtesten Versepos des Mittelalters vor Ort und in ganz Europa gibt noch heute interessante Aufschlüsse über religiöse, politische und geostrategische Vorstellungen, Ideen und Konzepte und den Zeitgeist, sowohl, was die Epoche der zugrundliegenden Ereignisse als auch die Entstehungsperiode des literarischen Werkes selbst betrifft. Gerade in diesem Kontext ist es für die Besucher unserer Tage interessant, welche Spuren davon in der kleinen Pyrenäengemeinde (frz. Roncevaux), die heute auf der spanischen Seite der Grenze in der Provinz Navarra liegt, noch heute sichtbar sind und was sie zu berichten haben.

Wenn man sich heutzutage der kleinen Ortschaft rund um das Kollegiatsstift Santa-Maria-la-Real (frühes 13. Jhd.) nähert, scheint auf den ersten Blick kaum noch etwas daran zu erinnern, dass hier einst eine der denkwürdigsten Schlachten der gesamten Regierungszeit Karls des Großen geschlagen wurde: Nach der erfolglosen Belagerung Saragossas im Rahmen seines Feldzugs gegen die als Mauren oder Sarazenen bezeichneten moslemischen Araber, die damals einen Großteil der iberischen Halbinsel besetzt hielten (Kalifat von Cordoba), hatte der Frankenkönig, der zu diesem Moment wohl gemerkt noch keinen Kaisertitel trug, auf dem Rückzug Pamplona, die Hauptstadt der  – nota bene – christlichen Basken verwüstet. Auf Rache sinnend, legten sich diese daraufhin bei Roncesvalles in einen Hinterhalt, ließen den Hauptteil des Frankenheeres wohlwissend abziehen und metzelten anschließend, aufgrund ihrer Ortskenntnis und zahlenmäßigen Überlegenheit auf der engen Passhöhe klar im Vorteil, die gesamte Nachhut Karls nieder. Dabei fand auch deren Anführer, der Markgraf Roland, den Tod. Mehr ist aus den wenigen Quellen, namentlich der „Vita Caroli Magni“ (ca. 830) von Karls Biograf Einhard, zu der historischen Begebenheit, die dem um 1100 entstandenen altfranzösischen Rolandslied zugrunde liegt, nicht bekannt oder belegt.

Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, im Hintergrund die Kollegiatskirche Santa-Maria-la-Real

Mehr als ein Vierteljahrtausend später, zur Entstehungszeit des Epos im späten 11. Jhd., erklären mehrere zeitgeschichtliche Faktoren die Umdeutungen der Schlacht von Roncesvalles bei der Abfassung des Rolandsliedes: Auf fränkischer Seite wurde diese Schlacht wenngleich nicht als Sieg überliefert, so jedoch zu einem christlichen Martyrium stilisiert. Sowohl Karl als auch Roland selbst werden zu christlichen Märtyrern, die beinahe wider besseres Wissen leidend in den Tod gehen (Roland) bzw. dem Unheil fast bewusst seinen Lauf lassen (Karl der Große). Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Motivparallele zwischen den zwölf Paladinen Karls, die die von Roland geführte, fränkische Nachhut begleiten und wie er aufgeopfert werden, und den zwölf christlichen Aposteln, die Jesus Christus auf seinem Leidensweg zur Seite stehen. Karls Feldzug ins islamisch beherrschte Spanien, bei dem er ebenfalls gegen „ungläubige Heiden“ kämpfte, wird auf diese Weise quasi mit dem zeitlich der Entstehung des Epos sehr nahen Ersten Kreuzzug (1096-1099) gleichgesetzt, zu dessen ideologisch-propagandistischer Rechtfertigung und Verbrämung das Werk somit beitrug. Eine auffallende Ähnlichkeit springt vor diesem Hintergrund auch zur Tafelrunde des Sagenkreises um König Artus ins Auge, die ebenfalls zwölf Mitglieder hatte und wie auch das Rolandslied christlich-höfische Ideale propagierte.

In Spanien werden Karl der Große und Roland zur selben Zeit als Akteure der Reconquista dargestellt, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel, deren erste Versuche ebenfalls bereits im 8. Jhd. begannen und die zur Entstehungszeit des Rolandsliedes und bereits seit der Jahrtausendwende vom christlich gebliebenen Nordspanien aus verstärkt vorangetrieben wurde. Das Rolandslied wurde auch dort reichlich rezipiert, was sicherlich auch ganz im Sinne von König Sancho VII. von Navarra, genannt dem Starken, gewesen sein dürfte, der im Bündnis mit Kastilien, Aragon und Portugal in der Schlacht von Las Navas de Tolosa (1212) die Truppen des Almohaden-Kalifen Muhammad an-Nasir besiegte und damit die islamische Vorherrschaft in al-Andalus bereits empfindlich schwächte. Der siegreiche Sancho ließ die bereits zu Beginn des 12. Jhd. erbaute Kollegiatskirche in Roncesvalles zu ihrer bis heute erhaltenen Form ausbauen und liegt dort seit der Überführung seiner Gebeine mehrere Jahre nach seinem Tod im Jahre 1234 prunkvoll begraben.

 Im vergangenen Jahr wurde der 800. Jahrestag der Weihung des Gotteshauses mit Festakt und Sonderausstellung begangen. Noch immer ist im der Klosteranlage angeschlossenen Museum neben anderen legendären Kuriositäten das sog. Schachbrett Karls des Großen zu bewundern, auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass Karl daran tatsächlich mit dem Verräter Ganelon eine Partie des königlichen Spiels absolviert haben dürfte, als der verzweifelte Hilferuf auf Rolands Olifant an seine Ohren drang.

Aber solche Ausschmückungen sind eben sowohl für die Heldenepen selbst als auch für die entsprechenden Requisiten typisch. Die örtliche Nähe zum 1978 errichteten Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, in Sichtweite vor der Stiftskirche, die das Grabmal Sanchos VII. beherbergt, wirkt da rückblickend fast wie ein verschmitztes Augenzwinkern der Geschichte.

Schließlich spielte der Stoff des Rolandsliedes, ganz in der Tradition der mittelalterlichen Heldenepik der Chansons de geste stehend, gerade auch in den Stationen entlang des Jakobspfades eine wichtige Rolle, wo sie oft zur Erbauung und Unterhaltung der Pilger deklamiert oder auch gesungen wurden.

Dies dürfte insbesondere im Pilgerhospiz zu Roncesvalles der Fall gewesen sein, wo in Form des mühevollen Aufstiegs zum Ibañeta-Pass drei der vier wichtigsten Pilgerwege nach Santiago de Compostela seit ca. 1050 vereint die Pyrenäen überqueren. Ein massiver, rohbehauener Gedenkstein mit der schlichten Inschrift „Roldan“ (der spanischen Variante des Namens Roland) und der Jahreszahl der Schlacht (778) grüßt seit 1967 von der einsamen Passhöhe weit ins Land und hält die Erinnerung wach, fern wie ein Mythos …

Biographische Notiz: Ortwin Ziemer arbeitet seit 22 Jahren als Deutschlehrer auf La Réunion und unterrichtet dort vor allem Geschichte und Geografie bilingual in Abibac- und Europaklassen. Seine Interessen gelten dabei vor allem der europäischen Einigung (dabei speziell dem Platz der
Überseegebiete in diesem Prozess) sowie der Rolle des kulturellen Erbes in den deutsch-
französischen Beziehungen, hier nicht zuletzt den oft etwas unerwarteten Hintertreppen der
Geschichte.

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Noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962 in Paris

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Der Elefant der Bastille

Geht man über den kürzlich neu gestalteten Bastille-Platz, so wird man die verstreut in das Pflaster eingelassenen Symbole entdecken.

Da gibt es Jahreszahlen: 1789, 1830, 1848 und 1871 – also die Daten von Revolutionen, bei denen dieser Platz eine besondere Rolle spielte.

Natürlich gibt es auch ein Bild der Bastille, die hier einmal stand und die dem Platz seinen Namen gegeben hat.

Und dann gibt es auch einen Elefanten.

Einen Elefanten!? Wie kommt der denn auf den Bastille-Platz? Was hat er zu bedeuten?

Hier die interessante und unterhaltsame Geschichte des Bastille-Elefanten:

Entstanden ist der Bastille-Platz 1789, nachdem die Bastille – Festung unmittelbar nach ihrer Erstürmung am 14. Juli 1789 bis auf den letzten Stein niedergelegt worden war. Da war nun ein großer freier Platz, dessen mögliche Nutzung  die Phantasien beflügelte. Natürlich lag es nahe, dort den Jahrestag des 14. Juli zu feiern. Das war zwar noch lange kein Nationalfeiertag, aber schon seit 1790 wurde auf der Place de la Bastille am 14. Juli gefeiert und getanzt – zumal ja den Revolutionären auch das besondere Verdienst zukam, die Bastille in der besten Jahreszeit gestürmt zu haben.

1794, zur Zeit des jacobinischen Terrors,  kam dann eine neue Verwendung hinzu: Da wurde nämlich die Guillotine auf der Place de la Bastille aufgestellt- allerdings schon bald wieder auf die Place de la Nation verlegt: Die durchaus revolutionsfreudigen Bewohner des Faubourg Saint-Antoine hatten sich nämlich über die ständig das Viertel durchquerenden Karren mit den blutigen Körpern der Guillotinierten beklagt. Gerade für die dort ansässigen Handwerker war das wenig verkaufsfördernd. Die Place de la Nation war da geeigneter:  Von dort aus war der Weg zu den Massengräbern in den Gärten des ehemaligen  Klosters Picpus nur sehr kurz… [1]

Jetzt war der Platz wieder frei. Gewissermaßen eine Steilvorlage für Napoleon, den auch städtebaulich hoch ambitionierten Kaiser. Der unterschrieb am 18. Februar 1806 ein Dekret, das die Errichtung eines Triumphbogens zum Ruhm der Grande Armée befahl. Die ersten Pläne wurden erstellt und als Ort zunächst die  Place de  la Bastille in Aussicht genommen: Statt des Symbols des despotischen Ancien Régime jetzt also die Feier der Grande Armée und ihres Feldherrn. Allerdings war die Topographie an dieser Stelle dem Projekt wenig zuträglich. Die Straßen liefen nicht in geometrisch akkurater Form auf den Platz zu, so dass die Architekten die Place de l’Étoile als geeigneteren Standort vorschlugen. Der lag immerhin auch auf der großen Pariser Ost-West-Achse und war von der kaiserlichen Residenz im Palais des Tuilerien aus zu sehen.

Für den Bastille-Platz sah Napoleon nun aber ein anderes Projekt vor, das mindestens ebenso ambitioniert war wie das des großen Arc de Triomphe.  Am 26. Oktober 1808 ließ er seinem Innenminister Emmanuel Crétet einen kaiserlichen Erlass zukommen: Crétet wurde beauftragt, unverzüglich die Planung eines Brunnens auf der Place de la Bastiille zu veranlassen. Dieser Brunnen aus Bronze oder jedem anderen Material solle die Form eines Elefanten mit einem Turm auf dem Rücken haben, wie das „bei den Alten üblich“ gewesen sei. Als Tag der Grundsteinlegung sah Napoleon den  2. Dezember vor, den Jahrestag seiner Krönung, an dem auch die Ankunft des Wassers vom Canal de l’Ourcq gefeiert werden sollte.[2]

Die hier von Napoleon vorgenommene Verknüpfung der Grundsteinlegung des Elefantenbrunnens auf dem Bastille-Platz und der Inbetriebnahme des Canal de l’Ourcq ist Teil eines großen Projekts zur Verbesserung der Wasserversorgung der Stadt und ihrer Bevölkerung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Wasser ein nur in sehr begrenztem Maße verfügbares kostbares Gut in Paris: Die Pariser hatten damals durchschnittlich nur 15 Liter Wasser zur Verfügung, heutzutage verbraucht ein Franzose achtmal so viel! Um der Wasserknappheit abzuhelfen, verfügte Napoleon schon 1806 den Bau von 15 neuen Brunnen. Den zusätzlichen Wasserverbrauch sollte der Canal de l’Ourcq sicherstellen, der frisches Wasser aus dem Nordosten nach Paris leiten und das Bassin de la Villette alimentieren sollte; ein riesiges, aus zwei Teilen bestehendes Wasserreservoir: Das eine 80 Meter breit und 700 Meter lang, das andere 30 Meter breit und 600 Meter lang!

Der Übergang vom breiten unteren zum schmaleren oberen Bassin de la Villette

Um das große Werk rechtzeitig zum 2. Dezember 1808 fertigzustellen, wurden übrigens auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt![3]

Und wie von Napoleon gewünscht, konnte der mit der Planung des Brunnens beauftragte Architekt, Jacques Célerier, eine Bronzetafel präsentieren, die in den Grundstein eingelassen werden sollte: Darin wird natürlich „Napoleon der Große“ gebührend gefeiert, „der Kaiser der Franzosen, König von Italien, Protektor des Rheinbundes und immer siegreich“. Und es wird festgehalten, dass auf den Ruinen der Bastille ein öffentlicher Brunnen errichtet werde, dem der Kanal de l’Ourcq das Wasser liefere.[4]

Und warum sollte der Brunnen ausgerechnet in Form eines Elefanten gestaltet sein? Denn dass es ein Elefant sein sollte, bekräftigte Napoleon noch einmal ausdrücklich in einem Dekret vom 9. Februar 1810: Es solle ein Elefant aus Bronze sein,  fondu avec les canons pris sur les Espagnols insurgés, aus dessen Rüssel das Wasser sprudeln solle.[5]

Napoleon hat sich nicht dazu geäußert, warum er gerade einen Elefanten-Brunnen wünschte. Aber „implizit war die Idee zu diesem Denkmal – im nach-revolutionären Paris entstanden – eine Hommage an die Stärke des französischen Volkes. Der Elefant wird somit als Symbol des siegreichen Volkes gegen die Monarchie aufgefasst“. So verstand es auch Victor Hugo, der in Les Misérables den Bastille-Elefanten als „une sorte de symbole de la force populaire“ bezeichnete. Indem das Brunnenmonument aus den von den Spaniern eroberten Kanonen gegossen werden sollte, wird der Elefant aber auch als Siegesdenkmal und Symbol der Stärke des napoleonischen Heeres verstanden.[6]  Insofern hatte der Elefant eine republikanische Dimension und gleichzeitig sollte er auch- wie anders?- der Glorifizierung Napoleons dienen. Dazu kam aber auch noch eine monarchistische Dimension, was insgesamt genau zu Napoleon passte., der ja seine Herrschaft als Synthese monarchistischer und republikanischer Traditionen verstand.

Die monarchistische Dimension des Elefanten wird im Schloss von Fontainebleau deutlich,  einer Lieblingsresidenz Napoleons. In der dortigen Galerie  François I. ist der Elefant als Symbol königlicher Macht, aber auch der Weisheit dargestellt. [7]

Und 1758 hatte der Ingenieur Jean-Etienne Ribart de Chamoust dem damaligen König, Ludwig XV., vorgeschlagen, die Blickachse der Champs-Élysées durch einen Brunnen in Form eines 60 Meter hohen monumentalen Elefanten abzuschließen,  aus dessen Rüssel Wasser fließen sollte. Im Innern hatte er einen Konzert- und einen Ballsaal und Räume für Staatsbesucher des Königreichs vorgesehen.[8]

Ludwig XV. war allerdings wenig angetan von diesem Projekt – es erinnerte ihn zu sehr an Hannibal und hatte zu wenig Bezug zu seiner eigenen Person- so dass es nicht weiter verfolgt wurde – bis eben Napoleon kam und gewissermaßen einen Tausch vornahm: Der für die Place de la Bastille zunächst vorgesehene Triumphbogen wurde auf der Place  de l’Étoile errichtet und dafür sollte an der Place  de la Bastille ein monumentaler Elefantenbrunnen entstehen.

Für den Feldherrn Napoleon war der Bezug zu Hannibal, der immerhin das römische Weltreich herausgefordert hatte, offenbar nicht anstößig. Und es war auch Vivant Denon, Direktor des musée Napoléon und für die Verschönerung von Paris zuständig, der die Wahl eines Elefanten lebhaft begrüßte. Er hatte ja Napoleon auf seinem Feldzug nach Ägypten  begleitet und der Elefant entsprach der orientalischen Mode, die sich -angefeuert von Denon- nach diesem Feldzug in Frankreich ausbreitete.

Und schließlich gehörte der Elefant auch zu den möglichen Wappentieren, die Napoleon 1804 als Symbol für das Kaiserreich in Erwägung zog. Der gallische Hahn erschien da natürlich als viel zu wenig imperial, „le  coq n’a point de force…“.  Also besser der Löwe, der Elefant oder der Adler, der schließlich das Rennen machte.[9]

Es wurden nun zahlreiche Vorschläge für den projektierten Brunnen gemacht, um sie  dem Kaiser vorzulegen. Hier das „Projekt eines Brunnens für den Bastille-Platz, entworfen von Jean Antoine Alavoine unter der Leitung des Barons Denon.[10]

Im Vergleich zu den beigefügten menschlichen Figuren werden die Dimensionen des Projekts deutlich. Der Elefant sollte 16 Meter lang und 15 Meter hoch sein; das Ensemble, zusammen mit dem Podest und dem Turm auf dem Rücken, sogar 24 Meter hoch.   Architekten schätzten, dass man 177 000 Kilo Bronze benötigen würde, um den  Elefanten herzustellen. Um das  hydraulische System betreiben und warten zu können, war eine Treppe in einem der Elefanten-Füße vorgesehen.

 Hier der letzte Entwurf von Alavoine[11]:

Musée du Louvre, INV23524-recto © RMN-GP Louvre

Allerdings wurde das Dekret Napoleons vom 9. Februar 1810, dass der Elefantenbrunnen spätestens am 2. Dezember 1811, also wieder am Tag seines Krönungsjubiläums, in Betrieb genommen werden sollte[12], nicht erfüllt. Stattdessen wurde der Bildhauer Pierre-Charles Bridan beauftragt, zunächst ein Modell aus Holz und Gips zu erstellen. Dies war der Elefant der Bastille, der von 1814 bis 1846 auf der Ostseite des Platzes stand- etwa im Bereich der heutigen Opéra  Bastille.[13]

Um ihn herum wurde ein riesiger Hangar errichtet, um ihn vor Witterungseinflüssen zu schützen.

Victor Hugo setzte dem provisorischen Elefanten 1862 in seinem Sozialepos Die Elenden ( Les Misérables. 4. Teil, 6. Buch) ) ein literarisches Denkmal und machte ihn zum Wohnort des heroischen Gassenjungen Gavroche. Da heißt es:

„Es war kein Monument, nur ein Modell. Aber auch dieses Modell, diese fabelhafte Skizze, dieser grandiose Leichnam einer Idee Napoleons, den zwei oder drei Winstöße nacheinander erfasst und jedesmal weiter weggetragen hatten, war Geschichte geworden und hatte eine dauernde Gestalt angenommen, so provisorisch es dem Blick erschien. Es war ein vierzig Meter hoher Elefant, aus Balken und Gemäuer erbaut, mit einem Turm auf dem Kreuz, der einem Hause  glich. Irgendein Anstreicher hatte ihn ehedem grün übertüncht, jetzt war er schwarz übermalt durch Unwetter, Regen und Zeit. In diesem verlassenen und nach allen Seiten offenen Winkel des Platzes hoben die breite Stirn des Kolosses, sein Rüssel, seine Stoßzähne, sein Turm, sein ungeheurer Rücken und seine vier säulengleichen Beine sich nachts unter dem Sternenhimmel als überraschende und erschreckende Silhouette ab.“[14]

Dass nach dem Sturz Napoleons die Arbeiten an dem Monument eingestellt wurden, war kaum anders zu erwarten. Die zurückgekehrten Bourbonen hatten andere Pläne mit dem Platz, die aber auch nicht umgesetzt wurden. Und dann kam die Julirevolution von 1830, die Louis Philippe zum „Bürgerkönig“ machte. Louis-Philippe ordnete an, dass auf dem ehemaligen Standort der Bastille ein Monument zur Erinnerung an die Opfer der Juli-Revolution von 1830 zu errichten sei.  Zu Ehren der in den drei Revolutionstagen, den „trois gloirieuses“ Umgekommen wurde die Errichtung der Julisäule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze beschlossen. Am 28. Juli 1840 fand die feierliche Enthüllung statt. Und gleichzeitig die Überführung der sterblichen Überreste der 1830 getöteten Revolutionäre, die in der Gruft unter der Säule bestattet wurden.[15]

Charles-François Daubigny, Cérémonie de l’inauguration de la colonne de juillet, 1840 (Metropolitan Museum of Art)

Victor Hugo verabscheute  übrigens die Siegessäule der Julirevolution. Der Architekt des Elefanten habe mit Gips Großes geschaffen, dem Architekten des „Ofenrohres“ sei es dagegen gelungen, mit Bronze nur Kleines zustande zu bringen .[16]

Allerdings bot der Gips-Elefant in den 1830-er und 1840-er Jahren ein trauriges Bild. Er war abgebröckelt und beschädigt, und wurde nicht von allen Betrachtern so geschätzt wie von Victor Hugo. Der deutsche Paris-Besucher C.G. Frege bezeichnete 1845 den Elefanten als „eines der geschmacklosesten Denkmäler, welche ich je gesehen habe.“ [17]

Der am Rand des Platzes stehende Gipselefant erhielt aber noch einige Jahre nach der Errichtung der Julisäule sein Gnadenbrot. Heinrich Heine kommentierte das auf seine Weise:

Aber die Forträumung des Elefanten erregte große Besorgnisse. Es ging nämlich unter dem Volk das unheimliche Gerücht von einer ungeheuren Anzahl Ratten, die sich im Innern des Elefanten eingenistet hätten, und es sei zu befürchten, daß, wenn man die große Gipsbestie niederreiße, eine Legion von kleinen, aber sehr gefährlichen Scheusalen zum Vorschein käme, die sich über die Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marceau verbreiten würden. Alle Unterröcke zitterten bei dem Gedanken an solche Gefahr, und sogar die Männer ergriff eine unheimliche Furcht vor der Invasion jener langgeschwänzten Gäste. Es wurden dem Magistrate die untertänigsten Vorstellungen gemacht, und infolge derselben vertagte man das Niederreißen des großen Gipselefanten, der seitdem jahrelang auf dem Bastillenplatze ruhig stehenblieb. Sonderbares Land! Wo trotz der allgemeinen Zerstörungssucht sich dennoch manche Dinge erhalten, da man allgemein die schlimmeren Dinge fürchtet, die an ihre Stelle treten könnten![18]

Am 19. Juni 1846 ordnete der Präfekt von Paris den Abriss des baufälligen Gipselefanten an. Mit ihm verschwand ein Wahrzeichen von Paris, an das jetzt wieder die in den Bastille-Platz eingelassenen Elefanten-Platten erinnern….


Eine automatische Übersetzung ins Französische und Veröffentlichung unter fremdem Namen ist ausdrücklich untersagt! Wolf Jöckel

Anmerkungen

[1] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[2] Wortlaut des Erlasses bei Barbara von Orelli-Messerli, Der Elefant auf der Place de la Bastille: Eine Architektur? In: von Orelli-Messerli, Barbara. Ein Dialog der Künste : Neuinterpretation von Architektur und die Beschreibung in der Literatur der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Petersberg: Michael Imhof Verlag 2020, S. 73-97. Erlass zitiert S. 77

Endgültig fertiggestellt wurde der Kanal allerdings erst 1822, weshalb in diesem Jahr sein 200. Geburtstag gefeiert wird.

[3] https://aufildelourcq.org/histoire/

[4] Wortlaut bei von Orelli-Messerli: Le II Décembre MDCCCVIII, V e année du Règne de Napoléon le Grand, Empereur des Français, Roi d’Italie, Protecteur de la Confédération du Rhin, Toujours Victorieux, Une fontaine publique a été fondée sur les ruines de la Bastille. Le canal de l’Ourcq lui fournit ses eaux après avoir traversé une partie de la grande Cité. La première pierre a été posée par S. Exc. Emmanuel Cretet, […] Jacques Célerier, architecte.

[5] Wortlaut des Dekrets: https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/monuments-napoleoniens-le-mysterieux-elephant-de-la-place-de-la-bastille/  Entsprechend wurde ja auch die Colonne Venôme aus der Bronze erbeuteter Kanonen gefertigt.

[6] https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/183960/1/Barbara_von_Orelli-Messerli%2C_der_Elefant_auf_der_Place_de_la_Bastille.pdf   

[7]  Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89l%C3%A9phant_de_la_Bastille#/media/Fichier:Fontainebleau_interior_francois_I_gallery_02.JPG Siehe auch: https://www.amischateaufontainebleau.org/wp-content/uploads/2011/01/D02_Galerie_F11.pdf

[8] http://www.paris-arc-de-triomphe.fr/Explorer/Genese-et-premiere-pierre  Bild des von Chamoust projektierten Elefanten aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Ribart

[9] https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/monuments-napoleoniens-le-mysterieux-elephant-de-la-place-de-la-bastille/

[10] Bild aus: https://www.researchgate.net/figure/English-version-for-German-version-see-below-Jean-Antoine-Alavoine-Dominique-Vivant_fig1_339198307

[11] Bild aus: https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/monuments-napoleoniens-le-mysterieux-elephant-de-la-place-de-la-bastille/  Dort sind auch weitere Entwürfe für den Elefanten-Brunnen abgebildet.

[12] „Les mesures seront prises de manière que cet éléphant soit terminé et découvert au plus tard le 2 décembre 1811.“

[13]https://de.wikipedia.org/wiki/Elefant_der_Bastille

 Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Model_of_the_Elephant_for_the_Place_de_la_Bastille,_1831.jpg

[14] Zitiert in: Uwe Schutz, Paris. Literarische Spaziergänge. Insel taschenbuch 2884. Frankfurt/Leipzig 2003, S. 213

[15] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Charles-Fran%C3%A7ois_Daubigny,_C%C3%A9r%C3%A9monie_de_l%27inauguration_de_la_colonne_de_juillet,_1840.jpg

[16] Quoi qu’il en soit, pour revenir à la place de la Bastille, l’architecte de l’éléphant avec du plâtre était parvenu à faire du grand ; l’architecte du tuyau de poêle a réussi à faire du petit avec du bronze. Victor Hugo, Les Miserables. Zit bei Barbara von Orelli-Messerli, S. 75 https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/183960/1/Barbara_von_Orelli-Messerli%2C_der_Elefant_auf_der_Place_de_la_Bastille.pdf

[17] C.G. Frege, Genrebilder aus Paris im Sommer 1844. Leipzig 1845. Zitiert von: Hans-Jürgen Lüsebrink/Rolf Reichardt: Die Bastille. Zur Symbolgeschichte von Herrschaft und Freiheit. Fischer Taschenbuch Verlag FFM 1990, S. 189

[18] Heinrich Heine, Lutetia, Zweiter Teil, Abschnitt L. Paris 29. Juli 1842. In: Heinrich Heine, Sämtliche Werke Bd XII. München: Kindler 1964, S. 31

Literatur

Achim Hölter, „Un monument manqué“- Der Elefant auf der Place de la Bastille. In: Heine-Jahrbuch 2000, S. 135-164

Hans-Jürgen Lüsebrink/Rolf Reichardt: Die Bastille. Zur Symbolgeschichte von Herrschaft und Freiheit. Fischer Taschenbuch Verlag FFM 1990

Barbara von Orelli-Messerli, Der Elefant auf der Place de la Bastille: Eine Architektur? In: von Orelli-Messerli, Barbara. Ein Dialog der Künste : Neuinterpretation von Architektur und die Beschreibung in der Literatur der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Petersberg: Michael Imhof Verlag 2020, S. 73-97.

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Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Monumentalität und Poesie: „Anselm Kiefer: pour Paul Celan“ im Pariser Grand Palais Éphémère

Das Grand Palais Éphémère in Paris ist ein Übergangsbau, der während der Renovierung  des eigentlichen Grand Palais als Ort für Veranstaltungen wie Messen, Kongresse und Ausstellungen dient. Es steht auf dem Marsfeld zwischen dem Eiffelturm und der École Militaire.

Blick auf die École militaire. Wenn nicht anders angegeben: Alle Fotos von Wolf Jöckel

Dort stand einmal die Mauer für den Frieden. Die musste aber für das provisorische Grand Palais weichen – im Gegensatz zu dem Standbild des Marschalls Joffre, der im Ersten Weltkrieg mit seiner Strategie der offensive à outrance und des coûte que coûte Hunderttausende Menschenleben opferte.[1] 

Die Reiterstatue Joffres wurde in den Bau integriert und steht -jetzt vollständig restauriert- im Foyer der Ausstellungshalle.

Die gewaltige provisorische Holzkonstruktion des Grand Palais Éphémère soll 2024 unter dem Namen Arena de Champ-de-Mars als Austragungsstätte für die Judo- und Ringwettkämpfe der Olympischen Spiele dienen und danach ab­getragen und verkauft werden. Geplant wurde der Bau von dem Pariser Architekten Jean-Michel Wilmotte. Der hat auch eine neue mur pour la paix an einem neuen Standort entworfen, deren Realisierung aber noch auf sich warten lässt…. [2]

Der Eiffelturm ist aus Anlass der französischen EU-Ratspräsidentschaft blau angestrahlt – auf der anderen, dem Trocadero zugewandten Seite leuchten außerdem bis Ende Januar die 12 Sterne der Europaflagge. Zu Beginn jeder vollen Stunde glitzern wie immer auch noch am ganzen Eiffelturm die Lichter. Rechts ein Stück der hölzernen Konstruktion des Grand Palais Éphémère. Foto: F. Jöckel

Alles wirkt hier überwältigend: die Grundfläche von 10 000 Quadratmetern unter den bis zu zwanzig Meter hohen gewölbten Dächern über kreuzbasilikaartigem Grundriss, die zwei gewaltigen Glasflächen an den Stirnseiten mit Aus­blicken auf Eiffelturm und Militärschule, das diffuse Zwielicht: ein angemessener Raum für die monumentalen Arbeiten Anselm Kiefers.  

Überwältigend sind auch die insgesamt mehr als 860 Quadratmeter Leinwandfläche, die in der Ausstellung „Anselm Kiefer – für Paul Celan“ vom 16. Dezember 2021 bis zum 11. Januar 2022 gezeigt wurden.[3]

Das größte Bild war im Zentrum des Gebäudes platziert: „Als Arche verließ es die Straße“ (2020-2021)

Es ist nach den auf der Rückseite eingezeichneten Angaben fast 128 m2 groß.

Selbst für Kiefer sind solche Ausmaße von Gemälden ungewöhnlich; man kennt sie indes von seinen Bühnenbildern. Und in der Tat war das Ensemble dieser Bilder für Paul Celan im Pariser Riesenraum arrangiert wie auf einer Bühne: mit scheinbar beweglichen Akteuren, denn alle Leinwände waren auf Rollwagen befestigt. Das war nach Kiefers Angaben eine Idee von Chris Dercon, dem Theater-affinen Chef des Grand Palais. Kiefer selbst pflegt seine Bilder im Atelier aber auch auf Rollen aufzustellen, um die teilweise jahrelange Arbeit daran zu erleichtern.[4]

Anselm Kiefer, der französische „Staatskünstler“

Es war der persönliches Wunsch des französischen Präsidenten Macron, dass Anselm Kiefer zu Beginn der französischen EU-Ratspräsidentschaft im Pariser Grand Palais Éphémère  Monumentalwerke zur Dichtung Paul Celans ausstellt. Dies ist der (vorläufige) Höhepunkt der besonderen Wertschätzung durch die französische Republik, der sich Anselm Kiefer wie kein anderer bildender Künstler erfreut.

Seit 1992 lebt Kiefer in Frankreich. Es war der damalige Kulturminister François Mitterands,  der ihm eine frühere Fabrik in Barjac (Südfrankreich) als erstes Atelier zur Verfügung stellte.  2007 hatte Kiefer die Ehre, die Ausstellungsserie „Monumenta“ im Grand Palais zu eröffnen, wo jeweils ein Künstler den ganzen Glaskuppelbau gestaltete. 2011 wurde er mit dem „Ordre des arts et lettres“ (deutsch: Orden für Künste und Literatur) ausgezeichnet. 2015/2016 widmete das Centre Pompidou dem Deutschen eine bedeutende Retrospektive, und am 11. November 2020 weihte Staatspräsident Macron anlässlich der Pantheonisierung von Maurice Genevoix[5] im Pantheon, der Gedenkstätte für Frankreichs große Männer und Frauen, seine Auftragsarbeit an Anselm Kiefer ein.

Anselm Kiefer, Qu’est-ce que nous sommes… (2020) Panthéon. © Didier Plowy / CMN[6]

Seit 1924 hatte es keinen staatlichen Künstlerauftrag für den Panthéon gegeben. Sechs große Glasvitrinen mit Kiefers Kunst zum Gedächtnis stehen permanent im säkularen Tempelbau. Seither bezeichnet man Anselm Kiefer in deutschen wie französischen Medien gerne als Staatskünstler.[7] Chris Dercon, der Generalsekretär der die aktuelle Ausstellung organisierenden Vereinigung der Nationalmuseen RMN, geht sogar so weit zu behaupten, die deutsch-französische Freundschaft zwischen Macron und Kiefer sei der zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle zu vergleichen.[8]

Eine besondere Ehrung wurde Kiefer auch 2013 in der Ausstellung „De l’Allemagne, 1800- 1939. De Friedrich à Beckmann“ zuteil. Es war die größte Ausstellung deutscher Malerei, die jemals in Frankreich gezeigt wurde; (vielleicht abgesehen von der großen napoleonischen Raubkunstausstellung von 1806/07[9]).  Und als einziger Künstler der Nachkriegszeit war auch Kiefer vertreten- und das auch noch höchst prominent.

Foto: Wolf Jöckel (2013)

Dazu aus einer damaligen Ausstellungskritik:

„Als düster-raunendes Präludium hat Anselm Kiefer den Ein- und Ausgangsbereich der Ausstellung mit zehn großformatigen (fast vier Meter hoch, drei Meter breit), collagierten Holzschnitten versehen, die eine Art Privatmythologie des Rheins formulieren (De l’Allemagne, 1982-2013). Schwarze senkrechte Strukturen im Vordergrund der Collagen mögen einen, durch Wälder verstellten Blick auf den Fluss vorstellen, oder den, durch einen Grenzzaun gebrochenen Blick auf den Anderen symbolisieren…“[10]  

Foto: Wolf Jöckel (2013)

Die Louvre-Ausstellung war Anlass zu heftigen Polemiken. Die FAZ beispielsweise überschrieb ihre Ausstellungskritik lautmalerisch: Aus tiefem Tal zu Riefenstahl. In der Ausstellung werde das Bild eines Landes entworfen, das „mehr oder weniger geradlinig auf den Nationalsozialismus zusteuerte.“[11] Die einleitenden Bilder von zerstörten Landschaften, Bunkern und Nazi-Architektur haben sicherlich solchen Interpretationen Vorschub geleistet.  Insofern fand ich damals die Präsentation dieser Arbeiten Kiefers in diesem Kontext ziemlich befremdlich. Aber für Kiefer selbst hatte sie wohl eine gewisse Logik. Denn die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, ihren Nachwirkungen und ihrer Instrumentalisierung vor allem durch den Nationalsozialismus sind Konstante seiner Arbeiten.[12] Wie kein anderer bildender Künstler der Nachkriegszeit hat Kiefer die „Erinnerungsarbeit“ zum Kern seines Werkes gemacht.

Anselm Kiefer und Paul Celan: eine imaginäre Beziehung

Und dazu gehört vor allem auch die Erinnerung an den Holocaust. Seit Anselm Kiefer Paul Celans „Todesfuge“ in der Schule gelesen hatte,[13] ließ ihn der Dichter nicht mehr los. Ab 1980 versah er viele seiner Kunstwerke, in denen er sich mit der deutschen Nachkriegsidentität auseinandersetzte, mit Gedicht-Zitaten vor allem Celans, der ihm eine unendliche Quelle der Inspiration war.[14] Celan, dessen Eltern Opfer der nationalsozialistischen „Endlösung“ wurden, schrieb die Todesfuge im Mai 1945 nach seiner Befreiung aus einem rumänischen Arbeitslager. Das Gedicht ist denen geweiht, die ihr Grab in den Lüften haben. Ebenfalls im Mai 1945 wurde Anselm Kiefer im Keller eines noch kurz vor Ende des Krieges von Fliegerbomben zerstörten Krankenhauses in Donaueschingen geboren. Celan und Kiefer waren deutsch-französische Grenzgänger, beide fanden in Frankreich eine zweite Heimat und beide eint die lebenslange Auseinandersetzung mit den Gräueltaten des Dritten Reichs: Celan angetrieben von der conscience malheureuse des Überlebenden, Kiefer von der conscience du mal,  der von Deutschen begangenen Verbrechen.[15] In dem Bild „Für Paul Celan – das Bett Gedächtnis“, das 2022 von der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris/Pantin ausgestellt wurde, hat Anselm Kiefer die Last des Gedächtnisses gestaltet.

Ausstellung „Anselm Kiefer. Hommage à un poète“: Für Paul Celan – das Bett Gedächtnis (2020-2021)  Bild: Wolf Jöckel (2022)

Celan erfindet für seine Gedichte eine neue Sprache: Sie entsteht aus der Verbindung zwischen seinen frühen lyrischen Vorbildern wie Georg Trakl und Stefan George „und der historischen Katastrophe, dem Terror der deutschen Nationalsozialisten ausgesetzt zu sein, die sich nicht zuletzt auch darauf beriefen. In dieser Spannung zwischen Kultur und Barbarei findet Celan zu seinem einzigartigen deutschsprachigen Ton. Celan arbeitet … äußerst konsequent allem entgegen, was mit einer vordergründigen Verständlichkeit, Eindeutigkeit und Harmonie zu tun hat. Es geht um Vieldeutiges, um Ambivalenzen, um etwas Unauslotbares, es geht um die Leerstellen und Zwischenräume, um Assoziationsflächen und Wortvalenzen.“[16] Es war unter dem Eindruck der Lyrik Paul Celans, dass Theodor W. Adorno sein apodiktisches Urteil von 1949, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben sei barbarisch, relativierte. [17]

Auch Anselm Kiefer betritt mit seinen Arbeiten Neuland. Er verlässt die klassische Tradition der Malerei und integriert zusätzliche Materialien wie Stroh, Asche, Sand, Haare und Blei. Und dazu integriert er die Sprache, die Poesie.  Manchmal sind das nur wenige Worte  wie in den frühen Arbeiten zur „Todesfuge“: Da übernimmt er aus dem Gedicht Celans die  Überschriften seiner Bilder wie „dein goldenes Haar Margarete“ oder „dein aschenes Haar Sulamith“. In den monumentalen Werken, die in dem Grand Palais Éphémère ausgestellt sind, hat Kiefer dann ganze Passagen von Gedichten Celans mit Kreide eingearbeitet oder sie auch vollständig übernommen. Sie sind meist  auf die obere Hälfte der monumentalen Bilder geschrieben, deshalb oft auch insofern kaum entzifferbar, während unten die „klassische“ Kiefer’sche Bildsprache herrscht: apokalytische Landschaften, Bunker, Explosionen, Blut, meist in dick aufgetragenen Grautönen und oft plastisch gestaltet mit Materialien, die sich auf die Gedichte Celans beziehen: Farne, wenn es um Celans Gedicht „Das Geheimnis der Farne“ geht, Beile und Sensen für „Die Beilschwärme“, Steine für „Die hellen Steine“; und natürlich der Mohn, den Titel von Celans Gedichtsammlung „Mohn und Gedächtnis“ aufgreifend.

In sein Tagebuch, das er während der Vorbereitung für die Ausstellung im Grand Palais Éphémère führte, schrieb Anselm Kiefer: „Celan betrachtet nicht nur einfach die Leere, er hat sie erfahren, erlebt, durchdrungen. (…) Die Sprache von Paul Celan kommt von so weit her, aus einer ganz anderen Welt, die wir bis jetzt noch nicht betreten haben, sie wirkt auf uns wie die eines Außerirdischen. Es fällt uns schwer, sie zu verstehen, wir verstehen nur hier und da mal einen Bruchteil. Wir versuchen es, ohne je das große Ganze erfassen zu können. Ich habe es in aller Demut sechzig Jahre lang versucht. Nun schreibe ich sie auf meine Bilder, ein Unterfangen, dem ich mich widme wie einem Ritual.“[18]

Während die monumentalen Bilder extra für diese Ausstellung erarbeitet oder fertiggestellt wurden, sind die beiden großen „Mohn und Gedächtnis“-Objekte schon älter: Ein mit Mohn gespickter ehemaliger Bunker des sogenannten Westwalls, den Kiefer aus seiner Jugend kannte und kaufte,  und ein riesiges Flugzeug: Schwer beladen mit bleiernen Büchern wird es aber nicht abheben und Zerstörung verbreiten können: Vielleicht Ausdruck der Hoffnung -trotz alledem- auf die zivilisierende Kraft der Kultur….

Eindrücke der Ausstellung

Am 8. Januar 2022 las die Schauspielerin Anne Cosigny vor dem zentalen Gemälde der Ausstellung, Als Arche verließ es die Straße Auszüge aus der Dankesrede Anselm Kiefers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche 2008: „J’ai grandi au bord du Rhin“.   

Ich nehme das zum Anlass, zwischen den nachfolgenden Bildern kleinere  Passagen aus dieser Dankesrede wiederzugeben.[19]

Auf der Klippe- für Paul Celan (2020-2021) Ausschnitt
Auf der Klippe- für Paul Celan (2020-2021) Ausschnitt

„Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren.“

Auf der Klippe- für Paul Celan (2020-2021) Ausschnitt
An die Haltlosigkeiten (2021)

„Ich bin aufgewachsen am Rhein, dem Grenzfluss. Aber schon damals war es nicht nur eine geographische Grenze. Man hörte das Klatschen des Wassers gegen das mit Steinen befestigte Ufer, man sah die Lichter am anderen Ufer und die gefährlichen Wirbel im Fluss selbst. Das am anderen Ufer gelegene Land war nicht ein Land unter anderen, es war für das Kind, da da nicht hinüber konnte, ein Versprechen in die Zukunft, eine Hoffnung, es war das Gelobte Land.“

Beilschwämme (2020-2021) Ausschnitt
Beilschwämme (2020-2021) Ausschnitt
Die Asche vom Brunnen von Akra (2020-2021) Ausschnitt

Nach dem Naturgesetz von der Erhaltung der Materie geht kein Atom verloren. Wissenschaftler behaupten, dass  jeder von uns eine unerhört hohe Anzahl von Atomen in sich trägt, die schon Jahrmillionen in sehr unterschiedlichen Materialien anwesend waren und nun in uns sind. Wir tragen in uns die Atome vom Strand  von Ostia, Ateome der Steine von der Wüste Gobi, Atome  von Knochen von Dinosauriern- aber auch von Shakespeare, von Martin Luther, von Einstein, den Opfern und Tätern der vergangenen Jahrhunderte.“

Denk dir- die Moorsoldaten  (2018-2021)  Ausschnitt
Denk dir- die Moorsoldaten „2018-2021 Ausschnitt

„Es gibt eine besondere Grenze, die Grenze zwischen Kunst und Leben, eine Grenze, die sich oft irrlichternd verschieb. Aber ohne diese Grenze gibt es keine Kunst. Im Verlauf der Herstellung leiht sich die Kunst das Material vom Leben; und noch im vollendeten Kunstwerk scheinen die Spuren von Leben durch. Die Distanz zum Leben ist aber zugleich das Wesentliche, die Substanz der Kunst. Dennoch hat das Leben seine Spuren hinterlassen. Und das Kunstwerk ist umso interessanter, je mehr es gezeichnet ist vom Kampf um die Grenzen zwischen Kunst und Leben.“

 Geheimnis der Farne (2018-2021)
Geheimnis der Farne (2018-2021) Ausschnitt
Gesang der fremden Brüder (2017-2021) Ausschnitt
Für Paul Celan- Mohn und Gedächtnis (2019)

„Die Reste  des Westwalls wurden geschleift. … Die Wunden wurden nicht verbunden, sondern schamhaft verdeckt.“

Für Paul Celan- Mohn und Gedächtnis (2019)

„Trümmer sind  nicht nur Ende, sondern auch Anfang. Eine sogenannte Stunde Null gab es in Wirklichkeit nie.“

Mohn und Gedächtnis (2016)

Der Mensch, sagt Rabbi Eleasar, ist ein Stück, an dessen Enden Gott und Satan ziehen und am Schluss ist dann freilich Gott der Stärkere. Ich dagegen denke, dass der Ausgang offen bleibt.“ (Ende der Dankesrede Anselm Kiefers)

Arsenal (2021)

Im hinteren Bereich der Halle, vor der Fensterfront mit Blick auf den Eiffelturm, sind drei riesige Regale aufgestellt, in denen gesammelte Objekte für Kiefers Kunst lagern.

Es sind Arbeitsmaterialien aus dem Atelier Kiefers in Croissy-Beaubourg (Seine et Marne), einer ehemaligen riesigen Lagerhalle des  Kaufhauses Samaritaine.  Hier in der Ausstellung sind sie  veredelt zum autonomen Kunstwerk „Arsenal“: Es ist die „Munition“ für die Arbeit des Künstlers – getrocknete oder galvanisierte Farne, Strohhalme und Mohnblumen, Glasscherben, Asche oder andere Fundstücke, die auf eine neue Verwendung warten.

Aus dem Gedicht von Paul Celan Die Krüge (1949)[20]

Aus dem Gedicht Stille von Paul Celan. In den Zeilen davor gibt es eine Anspielung auf die sogenannte Kristallnacht/Pogromnacht vom 9. November 1938: …. ein Glas, das vom Tisch sprang, erklirrte: es läutete ein eine Nacht, die finsterte länger als wir.

Viele der im „Arsenal“ versammelten Materialien haben eine symbolische Bedeutung wie die in der jüdischen Mythologie, aber auch in der Alltagskultur bedeutsamen Scherben oder die zusammengeworfenen Handschuhe und die Koffer, bei denen Assoziationen an Auschwitz und die Shoah sich aufdrängen.

Allerdings beschriftet Anselm Kiefer die Koffer mit dem Begriff „Schechina“, der alttestamentarischen Bezeichnung für die Gegenwart Gottes: Zerstörung und Vernichtung sind also nicht das letzte Wort…

Aus der Kiefer-Retrospektive im Centre  Pompidou. Foto: Wolf Jöckel (2015)

Wie für Celan ist auch für Kiefer die Vergangenheit omnipräsent. Für beide war bzw. ist sie bedrückend, und Celan wurde schließlich von ihr erdrückt. Auch auf Kiefer lastet das Gedächtnis. Aber die überwältigende Monumentalität seiner im Grand Palais Éphémère ausgestellten Werke und die Beschwörung der Poesie Paul Celans verstehe ich als Versuch, der Monstrosität des Grauens zu trotzen – und dazu beizutragen, dass bei dem Ringen Gottes und des Satans um den Menschen, von dem Kiefer am Ende seiner Frankfurter Dankesrede sprach, am Ende doch die Humanität siegen möge.


Anmerkungen

[1]https://paris-blog.org/2016/07/01/die-mauer-fuer-den-frieden-le-mur-pour-la-paix-auf-dem-marsfeld/  

[2] Siehe https://www.lagazettedupatrimoine.fr/blog/files/4de67321ed549cd8a745a7b8b777cf11-187.html  https://www.nouvelobs.com/societe/20210106.OBS38468/tribune-le-mur-pour-la-paix-une-histoire-francaise-par-marek-halter.html

[3] Kritisch dazu die Zeitung La Croix: „Difficile pourtant de ne pas se sentir un peu écrasé par cette démonstration de puissance, où la démesure des formats rivalise avec la débauche des matières, les perspectives centrées, presque martiales, l’abondance des citations et des références. D’autant que face aux longs poèmes en allemand inscrits dans les peintures, le visiteur non germanophone est laissé seul, sans qu’aucune traduction ne lui soit proposée. On en ressort impressionné. Pas forcément touché.“ https://www.la-croix.com/Culture/A-Paris-pesanteur-dAnselm-Kiefer-grace-Paul-Celan-2021-12-25-1201191862  Laurent Wolf sprach 2016 in einer ausführlichen Besprechung der Kiefer-Retrospektive im Centre Pompidou von einem „oeuvre assez intimidante“.  https://www.revue-etudes.com/article/anselm-kiefer-et-le-deuil-infini-de-l-allemagne-17419. Anlässlich der Ausstellung im Grand Palais Éphémère hätte  er sicherlich noch mehr Anlass zu einer solchen Einschätzung gehabt.

[4] Der Text dieses Abschnitts folgt in großen Teilen der Rezension von Andreas Platthaus: Kiefer-Ausstellung in Paris: Olympier unter sich. FAZ vom 18.12.2021

[5] Zur Pantheonisierung von Genevoix siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

[6] https://www.lejournaldesarts.fr/patrimoine/retour-historique-de-lart-contemporain-au-pantheon-152019

[7] So Philippe Dagen in  Le Monde vom 21. Dezember 2021 „Ainsi Kiefer fait-il aujourd’hui figure d’artiste officiel de la République.“  Und -wenig freundlich- danach:  „L’histoire apprend que, prestigieuse du vivant de celui qui en bénéficie, cette position se révèle souvent moins flatteuse au regard de la postérité.“ An wen Dagen da wohl gedacht haben mag?

Zum hervorgehobenen Status von Kiefer siehe auch: https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/12/anselm-kiefer-paris-grand-palais-ephemere-staatskuenstler und  https://www.welt.de/kultur/kunst/plus235825304/Anselm-Kiefer-Staatskuenstler-von-Macrons-Gnaden.html

[8] Bild aus: Anselm Kiefer-Schau in Paris: „Für Paul Celan“.Auf persönlichen Wunsch des französischen Präsidenten Macron zeigt Anselm Kiefer im Pariser Grand Palais Ephémère Monumentalwerke zur Dichtung Paul Celans. Anselm Kiefer-Schau in Paris: ″Für Paul Celan″ | Kunst | DW | 21.12.2021

[9] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

[10] https://www.kulturraum.nrw/ausstellung/de-l-allemagne-ueber-deutschland-ausstellung-paris-louvre.html

[11] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/de-l-allemagne-im-louvre-aus-tiefem-tal-zu-riefenstahl-12141764.html

Siehe dazu auch: https://www.lemonde.fr/culture/article/2013/04/18/de-l-allemagne-le-grand-malentendu_3162455_3246.html

[12] In diesem Zusammenhang sind auch zwei Ausstellungsobjekte im Grand Palais Éphémère  zu sehen, die nicht zum Paul-Celan-Kompex gehören: Das monumentale Bild Mme de Staël, de l’Allemagne (2015-2021) und die  Installation Occupations (1969-2021). Auf beide näher einzugehen würde hier zu weit führen.

[13] So Kiefer in einem Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks anlässlich der großen Retrospektive im Centre Pompidou. https://www.kunstforum.de/artikel/anselm-kiefer-6/

Insofern trifft gerade im Falle Anselm Kiefers nicht die pauschale Feststellung von Marie Minissieux-Chamonard in ihrem Aufsatz  Anselm Kiefer, la fabrique de la mémoire von 2015 zu: Anselm Kiefer (…) fait partie des artistes allemands dits « de la seconde génération », qui n’ont connu ni la guerre ni la Shoah – un véritable trou noir que ni la famille, ni l’école, ni les parents ne permettent de combler. https://www.cairn.info/revue-de-la-bibliotheque-nationale-de-france-2015-3-page-14.htm Immerhin fand 1961 der Eichmann-Prozess statt, da war Kiefer 16 Jahre alt, also wohl am Beginn seiner Zeit als Obertufenschüler. Und damals gab es durchaus schon Lehrer, die im Unterricht die Todesfuge zum Thema machten. Sie gehörte schließlich sogar zum Unterrichtskanon der Oberstufe, was Celan zu der kritischen Anmerkung veranlasste, das Gedicht sei „Lesebuchreif abgedroschen“….

Den Begriff der „imaginären Beziehung“ habe ich von Robert Fleck übernommen. https://journals.openedition.org/critiquedart/871 )

[14] Linda Schildbach:  Blut, Krieg, Heimat: Monumentale Ausstellung von Anselm Kiefer im Grand Palais in Paris

17.12.2021. https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/blut-krieg-heimat-monumentale-ausstellung-von-anselm-kiefer-oeffnet-im-grand-palais-in-paris-100.html

Grundlegend zum Verhältnis von Kiefer und Celan:  Andrea Lauterwein, Anselm Kiefer et la poésie de Paul Celan, Paris : Ed. du Regard, 2006

[15] Robert Fleck:  Andrea Lauterwein. Anselm Kiefer et la poésie de Paul Celan. https://journals.openedition.org/critiquedart/871

[16] https://www.sueddeutsche.de/kultur/paul-celan-todesfuge-holocaust-czernowitz-biografie-1.5123449

[17] Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Gesammelte Schriften, Band 10.1 Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 30. Siehe dazu: Klaus Laermann, Gedichte schreiben nach Auschwitz: Die Stimme bleibt. Theodor W. Adornos Diktum- Überlegungen zu einem Darstellungsverbot. DIE ZEIT vom 27. März 1992

[18] Zit.  https://www.dw.com/de/anselm-kiefer-schau-paris-f%C3%BCr-paul-celan/a-60200281

[19] Dankesrede Anselm Kiefers. Aus: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2008 Anselm Kiefer. FFM:  Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2008, S. 59-72

[20] https://www.deutschelyrik.de/die-kruege.html

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Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Die Marseillaise: Vom Straßburger Kriegslied zur Nationalhymne. Eine Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg

Die Ausstellung „La Marseillaise“ ist eine Koproduktion dreier Museen: Des Musée de la Révolution française in Vizille , des Musée d’histoire de Marseille und des Musée Historique de la Ville de Strasbourg.

Blick von dem MAMCS über die Ponts Couverts und La Petite France auf das Münster

Vom 5. November 2021 bis zum 20. Februar 2022 wird die Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMCS)  in Straßburg gezeigt, danach vom 18. März bis zum 3. Juli 2022 in Marseille.

Ausstellungsplakat am Pont du Corbeau/Rabenbrücke in Straßburg

Auf dem Plakat und auch am Eingang zur Ausstellung im MAMCS ist der Genius des Vaterlandes abgebildet. Es ist das Bild einer wild entschlossenen, kämpferischen Frau mit zum Schrei aufgerissenem Mund, revolutionärer phrygischer Mütze und einem angriffslustigen Hahn als Kopfschmuck: Eine Allegorie des von seinen Feinden bedrohten und siegreichen Vaterlandes. Es handelt sich um die Abbildung einer Gipsreplik, die 1898 von Jean Pouzadoux für die Pariser Cité de l’Architecture hergestellt wurde.

Das der Gipsreplik zugrunde liegende Original ist François Rudes monumentale Skulptur „Auszug der Freiwilligen von 1792“, auch „La Marseillaise“ genannt.[1] Es befindet sich auf der den Champs – Elysées zugewandten Ostseite des Arc de triomphe de l’Étoile in Paris.

Foto: Wolf Jöckel

Dieser von Napoleon projektierte und im Empire begonnene gewaltige Triumphbogen, der größte weltweit, wurde 1836 während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe fertiggestellt. Er sollte die Legitimität des Königs manifestieren durch den doppelten Bezug auf das Reich Napoleons und die Französische Revolution. In diesem Kontext ist der hervorgehobene Platz der „Marseillaise“ auf dem Triumphbogen zu erklären.[2]

Gipsmodell des Arc de triomphe de l’Étoile von Georges-Paul Chedanne. (um 1938/1939) Foto: Wolf Jöckel, Ausstellung Marseillaise. Auf dem rechten Pfeiler die „Marseillaise“ Rudes, links der „Triumph Napoleons“.

Entstanden ist die Marseillaise im April 1792. Am 20. April hatte das revolutionäre Frankreich dem „König von Böhmen und Ungarn“, also dem österreichischen Kaiser, den Krieg erklärt. Die Kriegserklärung wurde am 24. April in Straßburg, einer wichtigen Garnisonsstadt, verkündet.  An diesem Tag hatte es zu den Klängen des Ça ira und der Carmagnole einen offiziellen Umzug durch die Stadt gegeben.  Der Straßburger Bürgermeister, der liberale Baron de Dietrich,  und seine Freunde aus der wohlhabenden Bourgeoisie der Stadt, alles revolutionsfreundliche  gemäßigte Patrioten, fanden diese populären Gesänge reichlich vulgär. So erließen sie am 25. April im Namen der „Gesellschaft der Straßburger Verfassungsfreunde“ einen Aufruf in „weit noblerem Ton“ an alle Mitbürger:

„Zu den Waffen, Bürger! Wir haben die Fahne des Krieges entrollt. …. Es gilt zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben. … Wie sehr erzittern schon diese gekrönten Despoten … Eilt zum Sieg … Voran, voran! Wir wollen frei bleiben bis zum letzten Atemzug…“

Gleichzeitig beauftragte Dietrich den musikalisch ambitionierten Pionierhauptmann  Rouget de Lisle, wie er ein Gegner der radikalen Straßburger Jacobiner, ein Lied zu komponieren, das den besonderen Umständen der Zeit besser entsprechen sollte als das Ça ira und die Carmagnole . So entstand in der Nacht vom 25. auf den 26. April, als die Losungen der Marseillaise bereits in aller Munde waren, das für die Rheinarmee bestimmte Kriegslied.[3]

Stefan Zweig fasst das  in seinen „Sternstunden der Menschheit in diese Worte:

„Eine Nacht ist es dem Kapitänleutnant Rouget de Lisle gegönnt, Bruder der Unsterblichen zu sein: aus den übernommenen, der Straße, den Journalen abgeborgten Rufen des Anfangs formt sich ihm schöpferisches Wort und steigt empor zu einer Strophe, die in ihrer dichterischen Formulierung so unvergänglich ist wie die Melodie unsterblich.

Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens nos bras vengeurs,
Liberté, liberté chérie,
Combats avec tes défenseurs.“

Isidore Pils, Rouget de Lisle chantant la Marseillaise pour la première fois. 1849 (Historisches Museum Straßburg)

Dieses 57 Jahre später entstandene Gemälde, das im Mittelpunkt der Ausstellung steht, zeigt  Rouget de Lisle, der im Salon des Bürgermeisters  sein Kriegslied zum ersten Mal vorträgt.  De Lisle ist in die Farben der Tricolore gekleidet und effektvoll vor einem weißen Paravent postiert.

Bürgermeister Dietrich, im Sessel sitzend, hört aufmerksam zu, eine junge Dame -vielleicht Dietrichs Tochter- begleitet am Piano, eine andere wischt sich mit einem Tuch Tränen der Rührung ab. Das entspricht der Darstellung Lamartines aus in seiner „Geschichte der Girondisten“ von 1847, in der er schrieb: „Eines der jungen Mädchen begleitete. Rouget sang. Bei der ersten Strophe erbleichten die Gesichter, bei der zweiten flossen die Tränen.“[4]

Das Bild wurde vielfach kopiert und reproduziert und hat die populäre Vorstellung der Entstehung der Marseillaise nachhaltig geprägt. Die historischen Fakten waren allerdings etwas anders. Denn das Lied wurde zum ersten Mal von Dietrich selbst angestimmt, der sich sofort dafür begeisterte und -zusammen mit seiner Frau-  seine Verbreitung beförderte. Das half ihm allerdings nicht: Zu Zeiten des jacobinischen Terrors wurde er, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie,  auf Betreiben Robespierres verhaftet und am 29. Dezember 1793 in Paris guillotiniert.[5]  

Le Génie de la Patrie mit gezücktem Schwert vor Speeren und römischen Feldzeichen à la française

Die sechs Strophen des Liedes sind zuerst ein „Kriegslied, das mit einer Schärfe und Heftigkeit, die manchmal sogar als blutrünstig bezeichnet wurden, den Patriotismus einer Nation im Kampf auszudrücken vermag“. Das wird vor allem im Refrain deutlich:

Aux armes, citoyens,
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons !
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons !

Unser Feld! [6]

Bestimmt war das Lied für die in der Pfalz und dem Elsass stationierte Rheinarmee, die damals von Nicolas Luckner kommandiert wurde. Luckner stammte aus Bayern, hatte im 7-jährigen Krieg unter dem Preußenkönig Friedrich II. gedient und war danach in französische Dienste getreten. Als letzter General war er unter dem Ancien Régime in den Rang eines Marschalls erhoben worden, hatte aber die Ideen der Revolution begrüßt.  Ihm widmete de Lisle sein Kriegslied.

Partitur des Chant de Guerre für die Rheinarmee. 1792. Der Name Luckner ist hier falsch geschrieben.

Dass das Kriegslied für die Rheinarmee, also eigentlich eine „Strasbourgeoise“, zur Marseillaise wurde, ist einem Bataillon von Freiwilligen aus Marseille zu verdanken, die im Juli 1792 nach Paris marschierten, um das Vaterland gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen.

Jean Julien, Départ du bataillon des Marseillais en 1792. (1923)

Auf allen Stationen ihres Weges nach Norden gehörte das gemeinsame Singen des Liedes von Rouget de Lisle zum Programm der Truppe. In Paris wurden sie am 30. Juli zunächst im revolutionären Faubourg Saint-Antoine empfangen und dann im Triumphzug zum Rathaus begleitet. An den  nachfolgenden Tagen traten Angehörige des Bataillons mehrfach in Paris auf, forderten die Absetzung des Königs und sangen immer wieder als „neue Barden“, wie sie genannt wurden, ihr Marschlied. Auch an dem Sturm auf das Königsschloss der Tuilerien am 10. August, der zur Absetzung und Gefangennahme Ludwigs XVI. führte, waren sie beteiligt.

Jacques Bertaux, La prise des Tuileries, 1793[7]

Der Sturm auf die von Schweizer Garden verteidigten Tuilerien endete in einem von den Klängen der Marseillaise begleiteten blutigen Gemetzel, dem „massacre des gardes suisses“.  Gefangene oder sich ergebende Schweizer wurden brutal ermordet. „Ich habe an diesem Tag gesehen, was Barbaren sind“, wird sich später Napoleon erinnern, der damals Augenzeuge war und daraus die Konsequenz ableitete, den revolutionären Furor gewissermaßen zu bändigen.[8]

Mit dieser zweiten Revolution (Albert Soboul) wurde aus dem Kriegslied der Rheinarmee ein Revolutionslied, die „Hymne der Marseillais“.  Das war jetzt nicht mehr das Lied der gemäßigten Revolutionäre und Vertreter der konstitutionellen Monarchie um Rouget de Lisle und Dietrich, sondern die Hymne der Nation und der kämpferischen Republik.

Diese Hymne wurde auf Vorschlag des Kriegsministers von den Truppen des Generals Kellermann statt des traditionellen „Te Deum“ gesungen, um den Sieg der Revolutionsarmee bei Valmy am 20. September 1792 zu feiern. Und bei der Eroberung Belgiens im November 1792 ersetzte die Marseillaise, wie Michelet später schrieb, den Schnaps- was ihn allerdings nicht daran hinderte, die Marseillaise auch „ein Lied der Brüderlichkeit“ zu nennen, das im Krieg den Geist des Friedens bewahre.[9]  Die Marseillaise war, wie Vovelle schreibt, „der Gesang des tief gestaffelten Massenangriffs von Soldaten, die ihre mangelnde Erfahrung durch Begeisterung ersetzten.“[10]

Auch in der Heimat erfreute sich die Marseillaise größter Verbreitung und Beliebtheit.  Am 4. September 1792 schrieb André Gréty an Rouget de Lisle: „Ihre Verse des Marseillais, Allons, enfants de la patrie werden bei allen Veranstaltungen und in allen Ecken von Paris gesungen. Die Melodie wird von jedermann gut aufgenommen, weil man sie jeden Tag von guten Sängern hört“.[11]

Dominique Doncre, Chanteurs patriotes. 1794  (Musée Carnavalet, Paris)

Und auch im intimen häuslichen Kreis wurden patriotische Lieder -und darunter sicherlich auch die Marseillaise- angestimmt, wie dieses Bild der „patriotischen Sänger“ zeigt. Es wird aus voller Kehle gesungen, die Frau hat ihre Hand aufs Herz gelegt, der Sänger rechts trägt die zum Himmel  weisende Partitur fest umschlossen in seiner Rechten.  

Wie populär die Marseillaise damals auch in Kreisen der „besseren Gesellschaft“ war, zeigt auch dieser Fächer von 1793, der revolutionäres und freimaurerisches Gedankengut verbindet.[12] Links ist Der Jehova der Franzosen zu sehen, die Anbetung eines freimaurerischen Symbols – ursprünglich ein Druck von Benoît-Louis Prévost; rechts Der Albtraum der Aristokraten, eine zusammengebrochene Frau als Personifizierung der beseitigten Aristokratie.

Fächer aus dem Musée de la Révolution française in Vizille

Auf der anderen Seite des Fächers ist der Marche des Marseillais mit Noten und seinen sechs Strophen abgebildet.[13]

Am 26. Messiodor des Revolutionsjahres III, dem 14. Juli 1795, dekretierte der Nationalkonvent, dass die „Hymne der Marseillais“, jetzt auch „Hymne der Republik“ genannt,  bei der täglichen Wachablösung im Palais-National gespielt werden sollte. Es war dies die Vorstufe zur offiziell am 14. Februar 1879 vollzogenen Bestimmung der Marseillaise als „chant national français.“[14]

Bis dahin war es allerdings noch eine weiter Weg. Napoleon liebte die Hymne nicht. Sie erinnerte ihn zu sehr an das beim Sturm auf die Tuilerien vom 10. August 1792 verübte Massaker an den Schweizer Garden. Verboten war das Singen der Marseillaise aber während seiner Herrschaft nicht[15] und Napoleon soll sogar beim tragischen Übergang über die Beresina das Lied selbst angestimmt haben, um den Truppen Mut zu machen.

In der Zeit der Restauration, der Bourbonen-Herrschaft, war die Marseillaise aber schlicht und einfach verboten und man versuchte, sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Für Rouget de Lisle waren Empire und Restauration, zu denen er in Opposition stand, schlimme Zeiten, geprägt von Krankheit, Armut und Verzweiflung. So war es auch eine philanthropische Geste, dass der ebenfalls Bourbonen-kritische Bildhauer David d’Angers 1827 ein großformatiges Medaillon und eine Büste von Rouget de Lisle anfertigte – beide in Subskription mit einem Verkaufstermin im Juni 1830.[16]   

David d’Angers, Entwurf für das Medaillon Rouget de Lisles. 1827

Nur einen Monat später wurde dann an den „Drei Glorreichen Tagen“ der Julirevolution von 1830 die Marseillaise auf den Barrikaden gesungen und die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet.

Druck zur Feier der drei Tage der Julirevolution. La Marseillaise, 27., 28. und 29. Juli 1830 (Bildausschnitt)

Und der verarmte Rouget de Lisle erhielt nun von dem neuen „Bürgerkönig“ eine-wenn auch bescheidene- Pension, die er allerdings nicht mehr lange genießen konnte: 1836 starb de Lisle. Die revolutionäre Renaissance seiner inzwischen von dem Komponisten Charles Gounot instrumentierten Marseillaise war damals allerdings  schon beendet. Seit 1835 galt die Hymne der Marseiller wieder als aufrührerischer Gesang. Immerhin konnte Rude seine Skulpturengruppe des Aufbruchs der Freiwilligen von 1792 am Arc de Triomphe fertigstellen, die sich eindeutig auf die Marseillaise bezieht.

Das weitere Schicksal der Marseillaise ist ein Auf und Ab: Da wurde sie wieder in Zeiten nationalistischer und chauvinistischer Aufwallungen wie 1840 als aggressives Kriegslied zelebriert, dann wieder als Hymne der Freiheit gesungen wie in der Revolution von 1848 oder zum Schweigen verurteilt wie im 2. Kaiserreich Napoleons III. von 1852 bis 1870.  Während der Pariser Commune  von 1871 erklang sie dann erneut als Freiheitslied und während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 kriegerisch-imperial auf den Schlachtfeldern von Gravelotte, Rezonville und Mars-la-Tour[17]. Beim Abzug der geschlagenen Garnison von Sedan wurde sie sogar von der preußischen Militärmusik intoniert: höhnischer Ausdruck des Triumphs und der Erniedrigung des Gegners, die ja dann in der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles kulminierten.

In der Dritten Republik, aber erst nach der Niederlage der reaktionären Kräfte, kam dann die große Stunde der Marseillaise: Am 14. Februar 1879 wurde ihr von der Abgeordnetenkammer offiziell der Status der Nationalhymne zuerkannt. Damit wurde sie in der Hochzeit des Nationalismus und Imperialismus vom Bürgertum der Dritten Republik beschlagnahmt, aber auch als offizielles Lied für alle Gelegenheiten banalisiert.

Damit einher ging eine weit verbreitete Verehrung Rouget de Lisles. Hier sieht man ihn, wie er „seine“ Marseillaise mit Soldaten der Republik singt.

Henri Gervex/Alfred Stevens, Rouget de Lisle et soldats de la République. Etwa 1887/1888 Musée de la Révolution française, Vizille

Diese Darstellung ist Teil eines großen Panoramas, das für die Pariser Weltausstellung von 1889 angefertigt wurde. Diese Weltausstellung, der ja auch der Eiffelturm seine Entstehung verdankt, markierte den 100. Jahrestag der Französischen Revolution. Aus diesem Anlass wurde im Jardin des Tuileries ein großer Rundbau errichtet, an dessen Wänden 100 Jahre französischer Geschichte seit 1789 präsentiert wurden. Und selbstverständlich wurde Rouget de Lisle hier wie auch sonst  als Republikaner vereinnahmt. Das Panorama war von 1889 bis 1896 zu sehen, danach wurde es in Einzelteile zerlegt und zugunsten der Aktionäre verkauft, die dieses kommerzielle Projekt finanziert hatten.  

An mehreren Beispielen wird in der Ausstellung demonstriert, wie die Marseillaise im weiteren Verlauf der Geschichte verwendet und auch vereinnahmt wurde. Hier ein Plakat des Films von Jean Renoir, der zu Zeiten der französischen Volksfront im Auftrag der kommunistischen Gewerkschaft CGT gedreht wurde. Erstaufführung war am 10. Februar 1938.

War für den Sozialistenführer Jean Jaures noch 1903 die Internationale „die proletarische Nachfolgerin der Marseillaise“[18] so stimmten im Zeichen der Volksfront die Kommunisten Marseillaise und Internationale gleichberechtigt an.[19] Eine der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg trug den Namen „La Marseillaise“.

Auch im État Français von Vichy, der französischen Regierung von Hitlers Gnaden, wurde die Marseillaise regelmäßig und intensiv bei offiziellen Anlässen neben bzw. vor dem Maréchal, nous voilà  angestimmt. Schon als am 17. Juni 1940 Pétain in einer Radioansprache den Waffenstillstand verkündete, also die Kapitulation gegenüber dem Dritten Reich, endete die Rede mit dem Abspielen der Marseillaise; für manche Zuhörer ein Sakrileg- eine „Marseillaise boche“. [20]

Dies ist ein Aufruf der Regierung von Vichy zur Bildung einer französischen Legion zum Kampf auf Seiten  des Dritten Reichs „gegen den Bolschewismus, für Frankreich, für Europa“. (Juni- Dezember 1942) Bemerkenswert, dass für diesen kurzzeitigen Versuch nicht nur die Marseillaise vom Arc de triomphe, sondern auch der napoleonische Adler und die Bourbonen-Lilie mitsamt Krone eingespannt wurden.

Aber selbstverständlich bezog sich auch das Freie Frankreich de Gaulles auf die Marseillaise.

Hier ein Flugblatt der Forces françaises libres (FFL): Aux armes citoyens (Ausschnitt).  Das 1942 in London gedruckte Flugblatt rief zum Kampf gegen die deutschen Besatzer auf.[21]
Deckblatt einer von la France libre 1943 herausgegebenen Broschüre mit einem Zitat aus der Marseillaise. Sie war dazu bestimmt, über Frankreich abgeworfen zu werden.

Deportierte singen die Marseillaise bei ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau. (Ende April/Anfang Mai 1945)

Dies ist ein Propagandaplakat der OAS (Organisation de l’Armée Secrète) von 1961. Die rechtsextreme OAS versuchte mit militärischen Mitteln die Ablösung Algeriens vom Mutterland zu verhindern.  Der Aufruf, zu den Waffen zu greifen, war die Reaktion auf die Verhandlungen zwischen Frankreich und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN in Evian, die 1962 zur Unabhängigkeit führten. Von der OAS wurde die Marseillaise für die Perpetuierung des Kolonialismus in Anspruch genommen. Den hatte übrigens -heftigen Widerspruch provozierend- Emmanuel Macron 2017, kurz vor seiner Wahl zum französischen Präsidenten,  bei einem Besuch in Algerien als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt…

Heute gehört die Nationalhymne mit ihrer bewegten Geschichte und ihren vielfältigen Dimensionen und ihrem unterschiedlichen Gebrauch und Missbrauch zu dem, was die französische Identität ausmacht.  So hat die Marseillaise auch ihren legitimen Platz in Pierre Noras Sammlung der „Erinnerungsorte Frankreichs“. Bei den Demonstrationen nach dem islamistischen Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris hat sie ihre identitätsstiftende Bedeutung auch wieder nachdrücklich bestätigt. Wir waren damals von dem spontanen Anstimmen der Marseillaise durch die Demonstrierenden sehr beeindruckt. In Deutschland sind solche Manifestationen kaum vorstellbar…. [22]

Kritische Stimmen zur französischen Nationalhymne gibt es aber nach wie vor. Am deutlichsten und prominentesten wohl die des ehemaligen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der ließ während seiner Präsidentschaft das Tempo, mit dem die Marseillaise damals gespielt wurde, verlangsamen, um so etwas ihren militärisch-marschmäßigen Charakter abzumildern.[23] Und nach seiner Amtszeit schreckte er sogar nicht davor zurück, den Text der Marseillaise als lächerlich zu qualifizieren. Während sein Nachfolger Nicolas Sarkozy und Angela Merkel sich unter dem Arc de triomphe träfen, „tränken wir unsere Felder mit unreinem Blut…“[24] Das ist schon fast ein Sakrileg!

Ein wirkliches Sakrileg war dann allerdings die Erstürmung des Arc de triomphe durch die Gelbwesten am 1. Dezember 2018, die Verwüstung seiner Inneneinrichtung und dabei auch die Beschädigung eines Abgusses der Marseillaise, der Skulptur von Rude – eine der letzten Abbildungen der Ausstellung.

Zu der Ausstellung gehören auch zwei Kabinette: In dem einen werden Ausschnitte verschiedener Filme gezeigt, in denen die Marseillaise eine Rolle spielt, z.B. die Szene in Casablanca, wo in einem Café mit der Marseillaise eine Gruppe grölender deutscher Offiziere übertönt wird. In dem anderen Kabinett gibt es Hörproben von Musikstücken mit Marseillaise- Zitaten. Angeboten werden dabei auch die Vertonungen von Heinrich Heines Ballade Die beiden Grenadiere von Richard Wagner und Robert Schumann. In dem Gedicht des Napoleon-Verehrers Heine aus dem Jahr 1822  geht es um zwei geschlagen aus Russland zurückkehrende Soldaten der Grande Armee, die die Nachricht von der Gefangennahme ihres Kaisers erhalten und betrauern. Schumann teilte als junger Mann Heines Begeisterung für Napoleon: Der herrliche Napoleon sei der größte Mann aller Jahrhunderte.[25] Schumanns Vertonung entstand 1838 als Reaktion auf die Nachricht von der Rückführung der sterblichen Überreste Napoleons von Sankt Helena nach Frankreich, Wagner schrieb sein Lied zwei Jahre später in französischer Übersetzung während seines Paris-Aufenthalts und seinem Versuch, dort musikalisch Fuß zu fassen. Die Marseillaise-Zitate boten sich da geradezu an, werden aber bei beiden in unterschiedlicher Weise in die Komposition eingebettet.[26]  

Aus deutscher Sicht ist allerdings schade, dass nicht auch Ferdinand Freiligraths Lied „Frisch auf zur Weise von Marseille“ in die Beispielsammlung aufgenommen wurde. Freiligrath war einer der Dichter des deutschen Vormärz und war tief enttäuscht von der Niederschlagung der 1848-er Revolution.  „Am 19. März 1849 fand in Köln ein Bankett zur Erinnerung an die Berliner Barrikadenkämpfe vom März 1848 statt. Veranstaltet vom Kölner Demokratischen und Arbeiter-Verein, nahmen über 5.000 Menschen an dieser Feier im Gürzenich teil. Bei Reden, Bier und Musik wurde dort – wie Der Wächter am Rhein berichtete – das Verlangen für eine zweite Volkserhebung zum Ausdruck gebracht. Für diese Feier hatte Ferdinand Freiligrath (1810–1876) einen neuen Text zur Marseillaise verfasst, der dem revolutionären Geist der Veranstaltung entsprach und von den Teilnehmern mit donnerndem Beifall begrüßt wurde (Neue Rheinische Zeitung). Die demonstrative Verwendung von Symbolen der Französischen Revolution ist bei diesem Festakt auch auf anderen Ebenen praktiziert worden: die Saalordner trugen beispielsweise Phrygiermützen und diese Jakobinertracht zierte neben einer großen roten Fahne auch die Bühne (Neue Kölnische Zeitung). In diesem Rahmen fand die erste Aufführung von Freiligraths Lied mit großem Publikum statt und kurz danach erschien es in Zeitschriften der oppositionellen Kreise im Rheinland.“[27] 

Zu der Ausstellung gibt es einen ausführlichen Katalog, der neben der Entstehungsgeschichte der Marseillaise und ihrer Entwicklung zur französischen Nationalhymne auch ihre internationale Ausstrahlung ausführlich behandelt (Belgien, Polen, Großbritannien, Spanien, Indochina, Lateinamerika, China etc ) 

Im Katalog der Ausstellung wird auch ein vergleichender Blick auf andere Nationalhymnen geworfen[28], vor allem auf die englische (God save the King), die kaiserliche österreichische Hymne (Gott erhalte Franz den Kaiser) und die amerikanische (Star-Spangled Banner). Dabei wird eher beiläufig auf das Deutschlandlied hingewiesen, das nach dem Ersten Weltkrieg das Heil dir im Siegerkranz als Nationalhymne  ersetzt habe. Dazu gibt es noch den Hinweis, dass  das Deutschlandlied unter seiner ersten Zeile Deutschland über alles bekannt sei und der Text 1841 von dem „poète nationaliste Hoffmann von Fallersleben“ geschrieben worden sei. Diese Darstellung finde ich ausgesprochen verkürzt und missverständlich. Hoffmann von Fallersleben war ja ein Demokrat, und seine Forderung nach Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche  Vaterland war zu seiner Zeit des Vormärz, also der Zeit vor 1848,  revolutionär.   Fallersleben erhielt deshalb auch Berufsverbot und wurde ins Exil getrieben. Auch wenn das Deutschlandlied später nationalistisch missbraucht wurde: Es ist eine Liebeserklärung an das eigene Land und braucht sich hinter der blutgetränkten -und wie oft doch auch missbrauchten-  Marseillaise nicht zu verstecken.

Erinnerungsorte an Rouget de  Lisle und die Marseillaise in Straßburg

In der Grande Rue in Straßburg gibt es eine Plakette an dem Haus, in dem Rouget de  Lisle in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 das Kriegslied für die Rheinarmee, die spätere  Marseillaise komponierte.

Eine weitere Plakette gibt es am Gebäude der Banque de France (Place Brogie Nummer 3). Dort stand früher das Stadtpalais des Bürgermeisters Dietrich, in dem -nach der traditionellen Überlieferung- Rouget de Lisle am 26. April 1792 zum ersten Mal die Marseillaise anstimmte.

An der Hauswand sind auch Medaillons von Bürgermeister Dietrich und Rouget de Lisle  angebracht. Dietrich wurde immerhin 1795 vom Nationalkonvent posthum rehabilitiert.[29]

Die Medaillons stammen von einem Straßburger Denkmal für die Marseillaise, das zum 130. Geburtsjahr des Chant der guerre pour l’armée du Rhin am 14. Juli 1922 unter großer öffentlicher Anteilnahme vor dem Eingang des Rathauses an der Place Broglie eingeweiht wurde.

Allerdings zerstörten die deutschen Besatzer am französischen Nationalfeiertag 1940 das Denkmal. Lediglich die beiden am Sockel angebrachten Medaillons mit den Konterfeis von Rouget de Lisle und dem ehemaligen Bürgermeister de Dietrich konnten gerettet werden und haben heute ihren Platz am Gebäude der Banque de France.[30] Das jetzige Denkmal wurde von den Steinmetzen der Straßburger Dombauhütte hergestellt und 1980 eingeweiht.

Literaturangaben:

La Marseillaise. Ausstellungskatalog. Hrsg von den éditions des Musées de Strasbourg. 2021

Jean-Louis Panné, Marseillaises. Paris 2018

Michel Vovelle, Die Marseillaise. Krieg oder Frieden. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. Mit einem Vorwort von Etienne François. München: Beck 2005, S. 63-112

Stefan Zweig, Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25. April 1792. In: Sternstunden der Menschheit. Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/sternstu/chap005.html


Anmerkungen

[1] Nach David d’Angers war es Rude selbst, der seinem Auszug der Freiwilligen diesen Beinamen  gab. Ausstellungskatalog, S. 118

[2] Mehr dazu im Blog-Beitrag über den Arc de triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[3] Vovelle, S. 67/68

[4] Ausstellung Marseillaise. Aus dem Begleitmaterial zum Bild

[5] https://www.wikiwand.com/en/Philippe_Friedrich_Dietrich und https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Dietrich

[6] Text aus: https://www.mayenne.gouv.fr/content/download/24162/186396/file/PAROLES%20DE%20LA%20MARSEILLAISE.pdf

Übersetzung:  Vovelle, S. 68: Die Waffen in die Hand! Auf Bürger, aufgestellt! Marschiert, marschiert, Und böses Blut soll tränken Unser Feld (Eigentlich: unreines Blut… W.J.)

Deutsche Version aller Strophen: https://www.frankreich-info.de/themen/politik/marseillaise

Die Charakterisierung „blutrünstig“ findet sich beispielsweise auch in einem Artikel des Tagesspiegels vom 18.11.2015, in dem der Frage nach der anhaltenden Popularität der Nationalhymne nachgegangen wird:  „Eigentlich ist sie ein blutrünstiger Gesang“. https://www.tagesspiegel.de/kultur/warum-jetzt-alle-die-marseillaise-singen-herzschlag-der-nation/12607936.html

[7] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jacques_Bertaux_-_Prise_du_palais_des_Tuileries_-_1793.jpg

Siehe auch Bildanalyse in L’histoire par l’image:  https://histoire-image.org/de/etudes/chute-royaute  

[8] Zit.: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6824.html; Xavier Mauduit, l’homme qui  voulait tout. Flammarion 2921. siehe auch: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/revolution-francaise-journee-du-10-aout-1792-bonaparte-assistant-a-la-prise#infos-principales

[9] „C’est un chant de fraternité. … C’est un chant qui, dans la guerre, conserve un esprit de paix.“ Zitiert im Ausstellungskatalog, S. 146

[10] Zu Valmy siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ ; Vovelle, S. 73/74

[11] Wandaufschrift der Ausstellung. Übersetzung W.J.  

[12] Bild aus: https://www.fandeventails.fr/fr/eventails-historiques/2393-le-geova-des-francais-eventail-franc-macon-vers-1793.html

[13] Siehe dazu: https://www.coutaubegarie.com/lot/77847/6498074

[14] Katalog Marseillaise, S. 70f

[15] So Thierry Lentz, Napoléon et la Marseillaise. April 2020  https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/napoleon-et-la-marseillaise/  Die These vom Verbot der Marseillaise unter Napoleon ist aber weit verbreitet.  So z.B. in einem Artikel von La Tribune über den chant national:  „le Consulat et l’Empire l’interdisent purement et simplement.“  https://www.latribune.fr/economie/france/la-marseillaise-un-hymne-a-l-histoire-tourmentee-524332.html

[16] Vovelle, S. 85; Ausstellungskatalog, S. 117; siehe auch: https://actualites.musee-armee.fr/expositions/rouget-de-lisle-la-marseillaise-episode-7/

[17] Zu der Schlacht, die von den Franzosen zwar nicht gewonnen wurde, in der sie sich aber doch bravourös geschlagen haben, siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[18] Vovelle, S. 94f

[19] Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf die programmatische Rede des Parteivorsitzendden Maurice Thorez in Choisy-le-Roi, anlässlich des Jahrestages des Todes von Rouget le Lisle: „La Marseillaise a exprimé et exprimera toujours, comme L’Internationale, la grande cause de l’emanzipation humaine.“ Zit. bei Panné, S. 74

[20] Dazu: Nathalie Dompnier, Le succès de La Marseillaise, une ruse de l’histoire?. In: Vichy à travers chants. 1996  https://www.cairn.info/vichy-a-travers-chants–9782091778334-page-55.htm  und https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/  

[21] Nachfolgende Abbildung aus: Marseillaises

Zur Rolle der Marseillaise bei der Kollaboration und dem Widerstand siehe:   https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/; Robert Mencherini, La Marseillaise, Vicha Résistance et les Marseillais pendant la Seconde Guerre mondiale. In: Ausstellungskatalgo, S. 100 ff

[22] Siehe/höre z.B. https://www.youtube.com/watch?v=fC92nzeKW7w

[23] Der langsamere Rhythmus entsprach  auch der ursprünglichen Konzeption, weil zu Zeiten des Rouget de Lisles  auch das Marschtempo langsamer war.  Siehe: https://www.ladepeche.fr/2020/12/12/quand-vge-remaniait-la-marseillaise-9253369.php

[24] https://www.lexpress.fr/actualite/indiscret/giscard-d-estaing-critique-la-marseillaise_836450.html

[25]  In einem Brief an Clara von 9. Juni 1828. Zit. bei: Andreas Lüning, „Ein Katzenfrühling der Poesie“. Heine-Vertonungen im Romantiker-Streit. 2005, S. 41   https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf  

[26] Siehe dazu:  Lüning a.a.O. ; Ausstellungskatalog, S. 156/157; https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf S. 33 ff und Markus Winkler, Die Grenadiere. Heine und Schumann. In: Henriette Herwig, Übergänge. Zwischen Künsten und Kulturen. Dokumentation des Heine-Schumann-Kongresses 2006, S. 275 – 288

[27] David Robb/Eckhard John, Frisch auf zur Weise von Marseille (Reveille). In: Populäre und traditionelle Lieder- Historisch-kritisches Liederlexikon. Juni 2013   http://www.liederlexikon.de/lieder/frisch_auf_zur_weise_von_marseille

[28] Esteban Buch, L’hymne national: un genre musical et son histoire. In: Ausstellungskatalog, S. 182ff

[29] Bilder aus: https://www.kuriocity.fr/la-marseillaise-est-strasbourgeoise/

[30] https://www.inreiselaune.de/strasbourg-marseillaise-rouget-de-lisle/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

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Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers

2019 lancierte der französische Essayist Laurent Kupfermann die Petition „Osez Joséphine“.[1] Es  war eine Aufforderung an den französischen Präsidenten, den Mut aufzubringen, Josephine Baker ins Pantheon, die französische Ruhmeshalle, aufzunehmen. Am 30.11. 2021 war es dann so weit:  Das Portal des Pantheons war in den Farben der Tricolore angestrahlt und der Name und Portraits von Josephine Baker wurden auf die Fassade projiziert.

Josephine Baker - Ikone mit politischer Botschaft

Dann wurde der Sarg von sechs Soldaten der Luftwaffe in das Pantheon getragen, wo sich Präsident Macron vor ihm verneigte[2] und in seiner Würdigungsrede Baker als Verkörperung des esprit français rühmte.[3] Im Elysée-Palast konnte man zufrieden bilanzieren, die Pantheonisierung Josephine Bakers sei auf einhellige, ja begeisterte Zustimmung gestoßen.

Mut brauchte der französische Präsident aber durchaus, diese Entscheidung -die ihm allein zukam- zu treffen. Immerhin ist Josephine Baker die erste schwarze Frau im Pantheon; erst 1937 wurde sie durch ihre Heirat mit einem Franzosen französische Staatsbürgerin; und berühmt wurde sie als gewagte Varieté-Tänzerin und extravagante Repräsentantin der wilden Pariser 1920-er und 1930-er Jahre: In einem Pantheon, in dem fast ausschließlich gesetzte Männer, und zwar vor allem Politiker, Militärs und Wissenschaftler, vertreten sind, eine exotische Ausnahmeerscheinung.

Schon 2013 hatte Regis Debray in einem Meinungsbeitrag der Tageszeitung Le Monde die Idee einer Aufnahme von Josephine Baker ins Pantheon lanciert: Et si Joséphine Baker entrait au Panthéon?[4] Auch ihm war bewusst, dass dies ein mutiger, ja  geradezu revolutionärer Akt sein würde. Denn damit würden dort zum ersten Mal künstlerische Formen repräsentiert sein, die bisher als des republikanischen Ehrentempels unwürdig erachtet wurden: der Tanz, der Jazz, die Musik, auch das so Frankreich-typische  chanson. Selbst dessen herausragendste und populärste Interpreten wie etwa Edith Piaf, Charles Aznavour, Juliette Gréco oder Georges Brassens  -sicherlich doch auch würdige Vertreter des  esprit français-  hatten da  (bisher jedenfalls) keine Chance[5].

Dass Macron es gewagt hat und wagen konnte, Josephine Baker zu pantheonisieren, ist vor allem ihrem Engagement im Zweiten Weltkrieg auf der Seite des „freien  Frankreichs“ des Generals de Gaulle zu verdanken: Das ist zwar nicht so bekannt und populär wie ihr Tanz im Bananen-Röckchen, aber es ist gewissermaßen ein offizieller Türöffner des Pantheons. Engagement in der Résistance ist in den letzten Jahren immer wieder eine entscheidende Grundlage für Pantheonisierungen gewesen.

Insofern ist es nur konsequent, dass Macron  bei seiner feierlichen Würdigung Josephine Bakers durch die Nation von einem Portrait Bakers in der Uniform  eines Unterleutnants der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ flankiert war.

© Sarah Meyssonnier/Reuters

Josephine Baker ist eine faszinierende Frau. Darauf deuten schon die vielen Beinamen hin, die man ihr gegeben  hat- wie, um nur einige zu nennen:  die schwarze Venus, die Muse der Kubisten, eine Ikone der Befreiung (Arte), die Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts,  eine Kriegsheldin und antirassistische Kämpferin (Macron) , eine Humanistin (Le Figaro),  die „schwarze Mata Hari“ (Die ZEIT 1948), la maman du monde, die sensationellste Frau aller Zeiten, die Nofretete der Jetztzeit (beides stammt von Picasso, der immerhin einen  gewissen Überblick hatte).

Aber sie ist auch eine widersprüchliche Frau: In ihren Tänzen bediente sie, wenn auch ironisch gebrochen, rassistische Phantasien und wurde damit zur reichsten schwarzen Frau der Welt; einen ihrer Söhne verstieß sie wegen seiner Homosexualität aus ihrer „Regenbogen-Familie“, obwohl sie doch selbst intensive Beziehungen mit Männern  und Frauen gepflegt hatte. Und ihr Eintreten für internationale Solidarität -auch im Cuba Fidel Castros- hinderte sie nicht daran, sich im Mai 68 auf die Seite de Gaulles und nicht auf die Seite der diese Solidarität einfordernden Pariser Studenten zu stellen.

Bild

Josephine Baker bei der Großkundgebung für de Gaulle und gegen die Revolte von Studenten und Arbeitern am 30. Mai 1968[6]

Regis Debray, ein Kampfgenosse Che Guevaras, hat sie trotzdem für das Pantheon vorgeschlagen: Josephine Baker ist eben, wie er in seinem Plädoyer schrieb, keine Heilige, sondern „une irregulière“, eine, die nicht in die gängigen Schemata passt.[7] Und die spektakulären Höhen und Tiefen ihres Lebens und seine Widersprüche tragen zur Faszination bei, die sie bis heute ausübt.

Man hat von den „1000 Leben“ der Josephine Baker gesprochen. In bitterster Armut und Ausbeutung begann dieses Leben, in Paris wurde sie zum gefeierten Weltstar, engagierte sich dann im Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus, und nach dem Krieg gab sie mit ihren in aller Welt adoptieren 12 Kindern ein Beispiel internationaler Solidarität. Aber am Ende ihres Lebens verarmte sie wieder und wäre fast in Obdachlosigkeit geendet. Aber sie erhielt Hilfe und mit ihrer letzten Revue feierte sie ein triumphales come-back auf der Bühne.

Ich möchte im Folgenden die Etappen ihres Lebens nachzeichnen und dabei jeweils auch darauf eingehen, welche Rolle sie jeweils bei der offiziellen Würdigung gespielt haben. Abschließend soll kurz auf die politischen Implikationen dieser Pantheonisierung eingegangen werden. In Frankreich steht ja eine Präsidentenwahl bevor, und da hat die Auswahl einer Person, die ins Pantheon aufgenommen werden soll – eine der exklusiven präsidialen Befugnisse- eine besondere Bedeutung. Die hat Macron auch deutlich unterstrichen, als er seine Würdigungsrede mit den folgenden Worten abschloss: „Mein Frankreich, das ist Josephine. Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.“

rue Piat Paris 20. Arrondissement. Foto von Kathrin Rousseau

Die Jugend in den Südstaaten der USA: arm, ausgebeutet, diskriminiert;  Paris: die Erfahrung von Freiheit

Geboren wurde Josephine am 3.6. 1906 als uneheliche Tochter einer schwarzen Wäscherin und eines Spaniers in Saint-Louis.  „Sie wuchs in einer Hütte auf, durch dessen Wellblechdach der Regen tropfte“. Mit acht Jahren musste sie als Dienstmädchen in einer Familie reicher Weißer arbeiten. „Als sie versehentlich einen Teller zerbracht, wurde ihr zur Strafe kochendes Wasser über die Hände gegossen. Sie wurde geschlagen und misshandelt und mit 13 Jahren verheiratet.“[8]  Eine zweite Heirat folgte im Jahr darauf, mit Willie Baker, dessen Namen sie ihr Leben lang behielt. „Sie erlebte eines der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der Geschichte der USA“, die  East St. Louis riots vom Mai/Juni 1917.[9]  Bei einer Theatertruppe half sie als Ankleidemädchen aus und sprang dort mit 16 Jahren ein, als eine Tänzerin krank wurde. Sie verließ ihren Mann, trat in New Orleans und Philadelphia auf und machte schließlich Karriere auf dem Broadway. Von einer Produzentin von Revuen in Europa ließ sie sich 1925 überzeugen, alle Brücken hinter sich abzubrechen und in Paris ihr Glück zu suchen.

Josephine Baker hat mehrfach ihre ersten Erfahrungen in Paris beschrieben: Wie glücklich sie gewesen  sei, in der Straße ein  Taxi zu rufen, ohne fürchten zu müssen, es würde sie  -wegen  ihrer Hautfarbe- nicht nehmen; wie glücklich sie auch gewesen  sei, in jedes beliebige Restaurant gehen zu können, um etwas  zu essen oder zu trinken; dass sie nicht mehr auf eine für Schwarze reservierte Toilette habe gehen müssen und nicht mehr habe fürchten müssen, angeherrscht zu werden, sie habe sich als Schwarze hinten in der Reihe anzustellen:  “Toi, la Négresse, tu vas au bout de la queue.” Und wie völlig verblüfft sie gewesen sei, als ihr am Bahnhof Saint-Lazare ein weißer Mann die Hand hingestreckt habe, um ihr beim Aussteigen zu helfen und sie angelächelt habe.  [10]

Josephine Baker verließ ihre Heimat, die doch seit der Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hat, in der sie aber die Erfahrung alltäglicher Diskriminierung machen musste. Und sie kommt nach Frankreich und erlebt Gleichberechtigung und Anerkennung.  Was für eine Genugtuung für das „Land der Menschenrechte“!  Indem Frankreich Josephine Baker ehrt, feiert und ehrt Frankreich auch sich selbst und die idealen Ansprüche der Französischen Revolution.   

Der Aufstieg zur Ikone der wilden 1920-er Jahre

Josephine Bakers  Pariser Karriere begann am 2. Oktober 1925 auf der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, als die 19-Jährige mit ihrem danse sauvage für Furore sorgte.  „Ihre Auftritte in der „Revue nègre“ oben ohne mit Bananenröckchen oder auch gänzlich nackt befriedigten während der Kolonialzeit Stereotype. Baker sei die Fantasie einer Afrikanerin gewesen, nicht die einer schwarzen Amerikanerin, erklärt die Sprecherin des Théâtre des Champs-Elysées, Ophélie Lachaux. Daher sei von ihr gewünscht worden, etwas „Wildes“, „Afrikanisches“ zu tanzen, etwas, das an Stammestänze erinnern sollte.“[11] Kolonialistischen und rassistischen Sterotypen entsprach auch die Werbung für die Revue:

La Revue Negre. Orsi (1889-1947). Lithograph in colours. Dated 1925. 160 x 122cm. Foto: Corbis/Christies Image[12]

Und der Tanz ließ an Wildheit nichts zu wünschen übrig. Aus einer zeitgenössischen begeisterten Kritik:

„Verquetscht und Fratzen schneidend schielt sie, bläst die Backen auf, verrenkt sich, macht Spagat und läuft schließlich auf allen Vieren davon, mit steifen Beinen, den Hintern höher als den Kopf wie eine junge Giraffe. … Und jetzt das Finale. Josephine ist völlig nackt, mit einem kleinen Kranz von blau und roten Federn und einem ebensolchen um den Hals. …. Ein barbarischer Tanz, getanzt von den Girls und von Josephine Baker. Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit….“[13]

Foto: Lorenzo Ciniglio/Corbis/Getty Images[14] 

Hier sieht man Josephine Baker mit ihrem Tanzpartner Joe Alex bei ihrem Pas de deux, den die beiden (im Wesentlichen nur mit Perlen und Federn bekleidet) als Höhepunkt der Revue nègre auf der Bühne hinlegten. 

Kein Wunder also, dass „die Männer ihrer Zeit überwältigt“ sind.[15] Es war dies ja auch die Zeit der Kolonialausstellungen, wo „Eingeborene“ in menschlichen Zoos ausgestellt wurden und sich wie Wilde zu gebärden hatten. Eine Gruppe von Ureinwohnern Neukaledoniens (kanaks) wurde 1931 am Rande der Pariser Kolonialausstellung -und einige von ihnen dann auch im Frankfurter und Hamburger Zoo und auf dem  Münchner Oktoberfest-  als „die letzten Kannibalen der Südsee“  präsentiert und mussten die entsprechenden Rollen spielen.[16]  Aber es war auch die Zeit, wo avantgardistische Künstler -wie der Baker-Bewunderer Picasso-  bei den sogenannten Primitiven Quellen ursprünglicher Ausdruckskraft suchten und fanden.

Im Herbst 1926 lernte Josephine Baker Pepito Abatino kennen, einen sizilianischen Steinmetz, der sich als Graf Di Albertini ausgab. Abatino wurde ihr Geliebter und Manager. Offiziell geheiratet hat sie ihn zwar nicht, bezeichnete ihn aber als ihren Ehemann.[17]

Als Manager war Abatino auch für das Marketing zuständig. Ihm verdankt Josephine Baker ihren internationalen Erfolg.[18]  Systematisch wurde nun das Bild der wilden exotischen Schönheit entwickelt und verbreitet. Dazu gehörte auch der legendäre Auftritt mit dem Bananengürtel in der Revue „Un Vent de Folie“ in den Folies Bergère;

Dazu passte auch Josephine Bakers Haustier, der Gepard „Chiquita“, den das Casino de Paris für sie bei Hagenbeck in Hamburg gekauft hatte.[19]  

© Éditions Assouline[20]  

Der begleitete sie manchmal in Paris bei Fahrten in ihrem Cabrio (mit Schlangenleder-Sitzen) und gehörte auch zu ihren Bühnen-Auftritten. Dann allerdings auch gerne mit einem Edelstein-besetzten Halsband….

Auch das exotische Straußengespann, mit dem sie 1926  anlässlich ihres Gastspiels durch Berlin kutschierte, passte zu diesem von ihr gepflegten  Image.

Foto: General Photographic Agency/ Getty Images[21]

Bereitwillig bediente Josephine Baker rassistische Phantasien ihres Publikums und präsentierte sich als ungezügelte exotische Schönheit. Zwar amüsierte sie sich insgeheim darüber:  „Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“, wird sie von ihrer Biografin Phyllis Rose zitiert; kein Wunder allerdings, wenn sie auf der Bühne auch die letzten Hüllen fallen ließ. Und kein Wunder auch, wenn das Gegenreaktionen provozierte:  In Wien wurden 1928 anlässlich ihres Gastspiels Sondergottesdienste „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ abgehalten. Die Wiener Nationalsozialisten forderten ein Auftrittsverbot für Baker. Das erteilte dann 1929 die Stadt München wegen einer zu erwartenden „Verletzung des öffentlichen Anstands“: Ein schöner Beitrag zur Publicity…. [22]

Zeichnung von Thomas Theodor HEINE (1867-1948) für den Simplicissimus vom 4. März 1929. Credit Coll. Dixmier/KHARBINE-TAPABOR.

Zur Prominenz Josephine Bakers trugen auch ihre Lieder bei: 1930 sang sie ihr wohl berühmtestes chanson: «“J’ai deux amours, mon pays et Paris“, das sie 23 Jahre später veränderte in:  “J’ai deux amours, mon pays c’est Paris“- mein Land ist Paris.

Und ein Leinwandstar wurde sie auch: Hier ein Bild aus dem Film  Zouzou von Marc Allégret (1934)  an der Seite von Jean Gabin.

  © Photo12[23]

Die Liste ihrer Bewunderer, Liebhaber und Liebhaberinnen[25] dieser Zeit ist denn auch lang.

Charlie Chaplin begrüßt und beglückwünscht Josephine Baker nach einem Auftritt. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben. Foto: AP [26]

© Apic/Getty Images[27]

Hier sieht man sie um das Jahr 1828 in ihrem Restaurant und Nachtklub Chez Joséphine, das sie mit  Pepito Abatino gegründet hatte. Der sitzt auf ihrer Linken, rechts von ihr Georges Simenon, nach dem Urteil der ZEIT der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Simenon war ein Jahr lang sogar mit ihr liiert, trennte sich dann aber: Im Jahr ihres Zusammenseins hatte er nur vier Bücher zustande gebracht, was für den Autor der Maigret-Romane und Vielschreiber zu wenig war. Das Bild suggeriert allerdings eine etwas trügerische Harmonie. Eifersuchtsdramen waren  im Hause Baker/Abatino an der Tagesordnung;  wie anders auch bei einem echten Sizilianer und seiner vielgeliebten Partnerin. [28]   

Zu ihren Bewunderern gehörten auch Cocteau, Colette,  Desnos,  Le Corbusier,  Man Ray, Modigliani, Picabia und Hemingway. Der nannte sie “the most sensational woman anyone ever saw“; Picasso rühmte ihre „paradiesischen Beine“.[29]  Die sieht man auch auf einer der Zeichnungen, die Le Corbusier 1929 von ihr anfertigte. Da hatte er in São Paulo eine Aufführung der Tänzerin besucht und war so begeistert, dass er ihr an Bord eines Schiffes nach Montevideo folgte. Man lernte sich kennen. Und da Le Corbusier auch ein guter Zeichner war, saß bzw. stand ihm Josephine Baker bald schon Modell in seiner Kabine. Nackt. [30]

Auch der Maler Foujita zeichnete sie[31] und Kees van Dongen malte sie 1925 gleich zweimal: Hier als Tänzerin in der Revue nègre[32]

Henri Laurens gehörte zum Kreis der Kubisten um Picasso und Braque und stellte die tanzende Josephine Baker auf seine Weise dar.[33]

Auch Alexander Calder, der in den 1920-er Jahren zur künstlerischen Avantgarde von Paris gehörte, war von der tanzenden Josephine Baker, dem Star der Folies Bergère, fasziniert. Calder  erregte damals Aufsehen, weil er meist mit einer Rolle Draht um die Schulter und zwei Zangen in der Tasche herumlief. „I think best in wire“, sagte er einmal. Die heute im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) ausgestellte lebensgroße Drahtfigur der Josephine Baker war eines seiner ersten Werke aus diesem Material. [34]

Und Draht war da ein besonders geeignetes Material. Denn, wie Calder erklärte,  it „moves of its own volition . . . jokes and teases,“ is „deliberately tantalizing,“ and „goes off into wild scrolls and tight tendrils“- was alles wunderbar zur tanzenden Josephine Baker passte.  Kleine Bemerkung am Rande: Die Drahtfiguren Calders entstanden damals in dem von ihm mitbewohnten Pariser Atelier Arno Brekers, des späteren Starbildhauers von Adolf Hitler….

Josephine Baker machte auch Mode: Ihre kurz geschnittenen Haare à la garçonne waren nicht nur ihr Markenzeichen, sondern wurden in den 1920-er Jahren Kult, den sie auch mit ihrer Haarpomade Bakerfix vermarktete.[35]

Sogar der Gepard als Begleiter wirkte als modisches Accessoire nach, wie dieses 1956 entstandene Gemälde Robert Humblots aus dem Musée Carnavalet in Paris zeigt.

Dargestellt ist die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit.[36]

Insgesamt also höchst turbulente Jahre, in denen das Mädchen aus dem Slum von St. Louis zum gefeierten Weltstar wurde. Präsident Macron hat bei seiner Würdigung Josephine Bakers diese Phase ihres Lebens ausführlich gewürdigt. Sie sei eine Amerikanerin, die nach Paris geflohen sei (l’Américaine réfugiée à Paris): Flucht?  Auch wenn Baker später selbst dieses Wort verwendet hat und von Frankreich als einem „märchenhaften Land“ spricht[37]:  Da übertreibt sie und Macron mit ihr; da feierte sie Frankreich und Frankreich feiert sich mit ihr selbst. Und wenn Macron Baker als „le symbole d’une époque“ bezeichnet, dann meint er damit die „Années folles. Années de danse et de musique“, eine sehr verklärende und Paris-zentrierte Sicht auf die Epoche der Zwischenkriegszeit, die ja keinenfalls nur von „Tanz und Musik“ geprägt war.  Und was ist mit den Nackttänzen Josephine Bakers? Mit ihren Gesten und ihren Grimassen habe sie deren Erotik relativiert. Im Geiste der Aufklärung habe sie die kolonialistischen Vorurteile lächerlich gemacht: Esprit des Lumières ridiculisant les préjugés colonialistes.[38] Das mag ja ihre Absicht gewesen und von kritischen Geistern auch verstanden worden sein.  Colette sah in ihren Tänzen eine sublimierte Erotik.[39] Die von der rassistischen und sexistischen Werbung angezogenen und ihr zujubelnden Zuschauermassen- und erst recht ihre sittenstrengen Gegner-   haben die Auftritte Josephine Bakers aber offensichtlich anders wahrgenommen.

Bemerkenswert ist auch, wie offen und deutlich Macron in seiner Würdigung die Bisexualität Bakers anspricht:  Aux côtés d’un homme une nuit, aux bras d’une femme une autre, elle qui a deux amours. An der Seite eines Mannes habe sie in der einen Nacht gelegen, in den Armen einer Frau in einer anderen. Als Regis Debray 2013 Josephine Baker für das Pantheon vorschlug, gehörten diese „deux amours“ wohl eher noch zu den Hinderungsgründen für eine Pantheonisierung.  2021 dienen diverse sexuelle Orientierungen dagegen als wichtiges Aufnahmekriterium. Das zeigt auch die Initiative zur Pantheonisierung des homoxexuellen Dichter-Paares Rimbaud/Verlaine.[40] Auch damit kann sich Frankreich seiner Liberalität rühmen.

Im Krieg und im Widerstand

Es gab gute Gründe dafür, dass  Josephine Baker sich während des Krieges dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland anschloss:

  • Seit ihrer Heirat 1937 mit dem jüdischen Geschäftsmann Jean Lion besaß sie die französische Staatsbürgerschaft.[41] Jetzt war die Gelegenheit, dem Land, das sie aufgenommen hatte und das sie so liebte, etwas zurückzugeben.
  • Als Farbige, die auch noch mit einem Juden verheiratet war, gehörte sie zu den Menschen, die vom Rassismus der Nazis besonders viel zu befürchten hatten.
  • Als Tänzerin, Sängerin mit internationalem Renommee konnte sie sich für ihr neues Heimatland durchaus nützlich machen.

So sind Josephine Bakers Jahre zwischen 1939 und 1945 vom politischen Engagement bestimmt. Jacques Abtey, der Chef der Gegenspionage des französischen Generalstabs, warb sie für Zwecke der Informationsbeschaffung  und -übermittlung an. Zwischen September 1939 und Frühjahr 1940, während des drôle de guerre,  trat sie -zusammen mit Maurice Chevalier- vor Truppen an der Maginot-Linie und im Casino de Paris auf. Ihre besondere Stellung sollte es ihr ermöglichen, Kontakte mit Vertretern der italienischen Botschaft zu knüpfen, um Informationen über die Absichten Mussolinis zu erhalten.

Der leidenschaftliche Aufruf General de Gaulle vom Juni 1940 aus London bewegte sie dazu, sich -zusammen mit ihrem Führungsoffizier Abtey- für das Freie Frankreich zu engagieren: Konzerttourneen und Reisen nach Spanien, Portugal und Nordafrika dienten der Beschaffung und Weiterleitung von Informationen und als Deckmantel, Mitgliedern des Widerstands den Weg nach London zu eröffnen.  Genesen von schwerer Krankheit unternahm sie weitere Tourneen bis in den Nahen Osten und trat  – nun im Rang eines Unterleutnants der Luftwaffe des Freien Frankreichs–  vor alliierten und französischen Soldaten auf als „Symbol einer künstlerischen Szene Frankreichs, die sich niemals mit den deutschen Besatzern kompromittiert hat“.[42]

Portrait von Joséphine Baker in ihrer Uniform. Aufgenommen am 1.1.1948  (STUDIO HARCOURT / MINISTERE DE LA CULTURE / AFP)[43]

Bei einem ihrer Auftritte in Algier war auch de Gaulle anwesend, der die Gelegenheit nutzte, ihr ein kleines goldenes Lothringer Kreuz zu überreichen – für Josephine Baker einer der größten Momente ihres Lebens. Sie ließ es bei einem Auftritt in Beyrouth versteigern. Der beträchtliche Erlös war  -zusammen mit den Erlösen zahlreicher Benefiz-Veranstaltungen- für de  Gaulle/das Freie Frankreich bestimmt.[44]

Nach der deutschen Kapitulation sang sie auch in Deutschland vor französischen Kriegsgefangenen, die auf ihre Heimkehr warteten, und in Buchenwald für befreite, aber noch nicht transportfähige Häftlinge des Konzentrationslagers. Im September 1945 wurde sie demobilisiert. Für ihre Verdienste erhielt sie 1946 die Medaille der Résistance. Bei der Verleihung war auch die Tochter de Gaulles anwesend, die Josephine Baker einen handgeschriebenen Brief ihres Vaters überreichte. De Gaulle beglückwünschte darin Baker zur Ordensverleihung, dankte ihr für ihre „großen Verdienste“ und übermittelte seine „respectueux hommages.“ Mit Enthusiasmus habe sie in schwierigen Umständen ihr großes Talent in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt.[45]

1961 erhielt sie dann auch das Croix de guerre avec palme, einen Orden mit einem Palmenzweig aus vergoldetem Silber, der für ganz besondere Verdienste verliehen wird, und die Légion d’honneur.[46]

In seiner Würdigungsrede im Pantheon hob Präsident Macron natürlich Bakers „Kampf für das freie Frankreich“ hervor und zählte die ihr verliehenen Auszeichnungen auf, die ja auch auf dem im Pantheon aufgebahrten symbolischen Sarg drapiert waren.  Und er schloss diesen  Abschnitt seiner Würdigung mit den  Worten:

„C’est cela Joséphine. Un combat pour la France libre. Sans calcul. Sans quête de gloire. Dévouée à nos idéaux.“ [47]

Bei einem solch hymnischen Lob erstaunt allerdings, warum das Kriegskreuz und die Légion d’Honneur ihr erst 1961 verliehen wurden. Immerhin hatte schon im Juli 1946 der damalige  Armeeminister Edmond Michelet die Absicht gehabt, Josephine Baker zum Ritter der Ehrenlegion à titre militaire, also für ihre militärischen Verdienste, zu machen.[48] Allerdings hatte die Armeeführung offensichtlich erhebliche Vorbehalte gegen eine solche Auszeichnung („beaucoup de réticence“) und verweigerte sie 1947 und 1949. Josephine Baker wiederum weigerte sich, die ihr zwischen 1947 und 1957 vorgeschlagene Auszeichnung à titre civil anzunehmen. Erst aufgrund des Insistierens zahlreicher Persönlichkeiten des Freien Frankreichs wurde ihr schließlich  -mit einer ausführlichen Würdigung- im Dezember 1957 die Légion d’Honneur zuerkannt. Überreicht wurde ihr allerdings  merkwürdiger Weise die Auszeichnung erst im August 1961 (!) im Park ihres Schlosses des Miliandes.[49]  

Die große Wertschätzung Josephine Bakers, die Macron bei der Pantheonisierung zum Ausdruck brachte,  wurde ihr also  lange Zeit -warum auch immer- versagt. Vielleicht hat da  ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt, wie ihre Vorgesetzte es vermutete, vielleicht waren es auch von ihr gesammelte Nachrichten, wie Emmanuel Bonini vermutet.[50] Es gab ja durchaus politisch einflussreiche Personen, die sich nicht so früh und so eindeutig auf die Seite des Freien Frankreichs gestellt hatten wie sie…

Der Kampf gegen Rassendiskriminierung

Es war der Kampf gegen die Rassendiskriminierung, der nach dem Krieg das politische Engagement Josephine Bakers bestimmte. Die hatte sie ja als Kind und Jugendliche in den USA am eigenen Leibe erfahren – und dann wieder 1935 bei ihrer USA-Tournee. Da war sie ein internationaler Star, aber die Diskriminierung von Farbigen machte auch vor ihr nicht Halt: In ihrem feinen New Yorker Hotel wurde ihr vom Direktor signalisiert, doch bitte den Bediensteteneingang zu benutzen und sich nicht in der Hotelhalle aufzuhalten.[51]

Nach dem Krieg machte sie erneut ähnliche Erfahrungen: Diesmal bei ihrem ersten Besuch in Cuba, wo sie mehrere Auftritte hatte. Da konnte sie nicht in dem vorgesehenen Hotel übernachten, weil dort -angeblich- kein einziges Zimmer frei war: natürlich eine Ausrede.[52]  Und dann wieder in den Vereinigten Staaten: Da kehrte sie nach einem Auftritt in New York mit ihren Begleitern im exklusiven Storck Club ein. Doch aufgrund ihrer Hautfarbe wurde ihr nichts zu essen serviert.  Grace Kelly war damals Augenzeugin der demütigenden Szene. Die beiden schlossen Freundschaft, die andauerte, als Grace Kelly Fürstin von Monacco wurde.[53]

Ihr Engagement in der Liga gegen Antisemitismus und Rassismus (LICRA) lag unter solchen Umständen nahe. 1953 trat sie bei einer Versammlung der LICRA in der Pariser Mutualité auf: Sie bekämpfe, so sagte sie damals, die rassische, religiöse oder soziale Diskriminierung. Sie könne nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Unglück derjenigen, die sich nicht selbst verteidigen könnten.[54]

Und ihre Stimme hat sie deutlich erhoben. Am eindrucksvollsten wohl am 28. August 1963, bei der großen Kundgebung am Ende des Marschs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington.[55]

Bevor Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt, sprach Josephine Baker zu den mehr als 200 000 Teilnehmern der Kundgebung- in ihrer Uniform und mit ihren Orden: ganz links das Abzeichen der Ehrenlegion, daneben das Kriegskreuz, die ihr zwei Jahre zuvor verliehen worden waren;  und in der Mitte die Médaille de la Résistance.  Für sie war es einer der bewegendsten Tage ihres Lebens und dem wurde auch bei der Pantheonisierung Josephine Bakers Rechnung getragen, als ihr Portrait neben dem Martin Luther Kings auf die Wand des Pantheons projiziert wurde.[56]

Präsident Macron rühmte in seiner Ansprache, dass es Josephine Baker in ihrer Rede nicht um die Verteidigung einer bestimmten Hautfarbe gegangen sei, sondern um das Recht und die Freiheit eines jeden: „Infiniment juste. Infiniment fraternelle. Infiniment de France.“[57] Auch hier wieder: Mit der Pantheonisierung Josephine Bakers feiert Frankreich auch sich selbst bzw. sein ideales Selbstbild.

Im Namen universeller Brüderlichkeit: Die Regenbogen-Familie im Schloss von Milandes

1938 besuchte Josephine Baker den Arzt des Überseedampfers „Normandie“, mit dem sie 1935 in die USA gefahren war.  So lernte sie im Périgord das Renaissance- Schloss des Milandes kennen:  über der Dordogne gelegen, im Kern aus der Renaissance stammend,  über 30 Zimmer, umgeben von 400 Hektar Land; kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung. Baker mietete das Schloss spontan an, 1947 kaufte sie es.[58] Sie ließ die Innenausstattung erneuern und veranlasste einen Strom- und Wasseranschluss, auch für das angrenzende Dorf, das damit als erstes Dorf im Périgord über diese Annehmlichkeiten verfügte.  

Nach dem Krieg beschloss Baker, die selbst keine Kinder haben konnte, das Schloss für ihr neues  Projekt zu nutzen: eine „Regenbogen-Familie“  aufzubauen mit adoptierten Kindern unterschiedlicher Hautfarbe aus aller Welt.  Allerdings benötigte sie dafür auch einen männlichen Partner, den sie in dem Musiker und Dirigenten Jo Bouillon fand. Den kannte sie schon seit längerem als ernsthaften und vernünftigen Menschen. Und seine Homosexualität war in diesem Zusammenhang kein Hinderungsgrund. Jo Bouillon seinerseits, der in den Kriegsjahren mit dem Radio des Vichy-Regimes zusammengearbeitet hatte, sah ebenfalls Vorteile einer Liaison mit der „Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts“: So konnte er hoffen, sich von der Schmach eines Kollaborateurs zu befreien[59]. Am  3. Juni 1947 wurde auf Les Milandes Hochzeit gefeiert.

1954 begann Josephine Baker ihren Regenbogen-Traum der Adoption von  Kindern mit gelber,  schwarzer, weißer und roter Hautfarbe zu verwirklichen. Zunächst sollten es nur vier oder fünf Kinder sein -von den fünf Kontinenten- aber dann wurden es immer mehr.  Josephine Baker war ständig auf Tournee, und fast von jeder Reise brachte sie ein neues Kind mit. Sie taufte die neue Familie rainbow tribe/tribu arc-en-ciel, Regenbogenstamm, der der ganzen Welt präsentiert werden sollte als Beweis dafür, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft gemeinsam wie Brüder und Schwestern aufwachsen können, dass der Rassenhass also nicht naturgegeben ist, sondern eine Erfindung von Menschen.[60] Das Schloss von Milandes wurde nun in eine Touristenzentrum verwandelt. Auf den Straßen der Umgebung wurden Schilder angebracht, die dazu einluden, das „Dorf der Welt“ oder die „Hauptstadt der Brüderlichkeit“ zu besuchen. Ende der 1950-er  Jahre waren es 300 000 Menschen pro Jahr, die dieser Einladung folgten.

Sonntags, wenn Josephine Baker mal da war, zog sie den Kindern weiße Sachen an und ließ sie auf dem Schlossplatz aufmarschieren, hinter dem Zaun warteten Touristen und Presseleute auf Bilder, ständig klickten die Kameras. Eines der Kinder sagte später, sie hätten sich manchmal wie Affen gefühlt[61].

Es war Jo Bouillon, der sich während der häufigen Abwesenheiten seiner Frau um die Kinder  kümmerte und das  Anwesen mit dem großen Landbesitz und über hundert Angestellten am Laufen hielt. Seine Arbeit als Dirigent hatte er dafür aufgegeben.

Josephine Baker, Jo Bouillon und acht ihrer Adoptivkinder am 12. Dezember 1956 in Les Milandes,  (L. Berzioli/AF/Leemage via AFP) [62]

Aber er sah auch die sich auftürmenden finanziellen Probleme, die die immer mehr anwachsende Regenbogen-Familie und der große Schloss-Betrieb mit sich brachten.  Aber Josephine Baker wollte das nicht wahrhaben und schlug alle Warnungen in den Wind.  „Nach Jahren der Eskapaden und des Streits verlässt Jo Bouillon das Schloss, 1963 geht er nach Buenos Aires. Ohne ihn und sein wirtschaftliches Geschick ist das Anwesen dem Bankrott geweiht. Die Kinder verlieren ihre Vaterfigur, den einzigen Menschen, der ihnen im Chaos Halt gab. 1964, Nummer zwölf, das letzte Kind: ein kleines Mädchen aus Marokko. Baker reist mit den Kindern um die Welt, sie treffen den Papst und machen Urlaub bei Fidel Castro. Das Schloss gerät außer Kontrolle. All die Angestellten, Privatlehrer, all die Affen und anderen Tiere, die sie angeschleppt hat, verzehren Josephine Bakers Vermögen.“[63] Sie aber lebte beharrlich und starrsinnig ihren Traum weiter,  adoptierte noch ein zwölftes Kind, das letzte des „tribu arc-en-ciel“. Und den regierte sie wie „eine eine alternde Regentin, die keine Widerworte duldet und die Kinder wie Untertanen behandelt. Sie legt Reports an über sie, detailliert beschreibt sie jeden Charakter und fasst Pläne für ihre Zukunft.“[64] Der eine soll Diplomat werden, der andere  Hotelier, ein dritter Mediziner. Aber keiner soll Künstler werden. Musikunterricht ist auf Les Miilandes verboten. Schon in ihren Memoiren  von 1928 hatte sie geschrieben, sollte eines ihrer (leiblichen) Kinder, von denen sie damals noch träumte, zum Kabarett gehen wollen, würde sie es „mit (ihren) eigenen Händen erdrosseln.“[65] 

Als alleinerziehende Mutter mit 12 in die Pubertät kommenden, ihre eigenen Wege suchenden Jugendlichen war Josephine Baker überfordert. „Wir durften uns nicht entwickeln, wie wir wollten“, urteilte 2009 einer ihrer Söhne, den sie aus dem Regenbogen-Stamm verstieß, weil er schwul war. „Sie hatte Angst, dass er seine Brüder anstecken könnte. Josephine Baker, bisexueller Revuestar, Darling der Schwulen und Transen, Kämpferin für eine tolerante Welt, verbannte ihren Sohn, weil er Männer liebte.“[66]

Seit 1964 drohte das Unternehmen  von Les Milandes unter seiner Schuldenlast zusammenzubrechen. Hilfe wurde ihr von verschiedenen Seiten angeboten: Brigitte Bardot rief dazu im Fernsehen auf. König Hassan II. von Marokko bot ihr ein Anwesen in seinem Land an, General de Gaulle seine Unterstützung für eines im Allier; es gab sogar zwei Angebote, das Schloss zu kaufen, ihre Schulden zu übernehmen und ihr ein unbegrenztes Wohnrecht einzuräumen. Aber das lehnte Josephine Baker ab. Offenbar ertrug sie nicht die Vorstellung, nicht mehr die alleinige Herrscherin von Les Milandes zu sein.[68]  So wurde das Anwesen zwangsversteigert und zu einem Siebtel seines Wertes verkauft, um die Gläubiger zu bedienen.  Die Schlossherrin und ihre Adoptivkinder wurden aufgefordert, das Anwesen zu verlassen. Baker weigerte sich, verbarrikadierte sich in ihrer Küche und wurde schließlich mit Gewalt herausgezerrt. Auf diesem Foto, das um die Welt ging, sieht man sie auf den Stufen des Schlosses, das nun nicht mehr ihr eigenes ist.

Foto: AFP[67] 

Grace Kelly, inzwischen Prinzessin von Monacco, kam ihr zu Hilfe und ermöglichte es ihr, sich mit ihrem Tribu in einem Haus in der Nähe von Monacco niederzulassen. Josephine Baker ging nun auch wieder auf Tournee und trat mit der Revue „Josephine Baker, 50 ans de music-hall“ mit großem Erfolg in der Carnegie Hall in New York auf, im Sporting-Club von Monacco und in Paris Dort sang sie das Lied, das mit den Worten „Me revoilà Paris“ beginnt und mit den Worten „Je finirai ma vie sur les planches“ endete– ich werde mein Leben auf der Bühne beenden. Und fast kam es auch so: Am 8. April 1975 war die Galavorstellung im Pariser Bobino vor vielen illustren Gästen, am 12. April starb sie im Krankenhaus Pitié-Salpetrière. Als zweite Frau nach Colette erhielt sie ein nationales Begräbnis mit der Tricolore auf dem Sarg, Kanonenschüssen und einer Trauerfeier in der Kirche La Madeleine. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof von Monte Carlo und dort verbleiben auch ihre sterblichen Überreste. Da ist man inzwischen etwas großzügiger: An der von der Familie abgelehnten Exhumierung war 2010 noch die Pantheonisierung von Albert Camus gescheitert. Bei Josephine Baker enthielt der im Pantheon aufgebarte Sarg Erde aus vier Orten, die in ihrem eine besondere Rolle gespielt haben:

  • von St Louis, wo sie 1906 geboren wurde
  • von Paris, wo sie zum gefeierten Star wurde
  • von dem Château des Milandes, wo sie mit ihrer „Regenbogen“-Familie lebte
  • und schließlich von Monaco, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte und begraben ist

Die politische Botschaft der Pantheonisation Josephine Bakers

Präsident Macron hat in seiner Rede im Pantheon Josephine Baker überschwänglich gefeiert, ja gewissermaßen in den Himmel gehoben: Er bezeichnete die Regenbogen-Familie als  „Epiphanie des Universalismus“ und für das Élysée war die Pantheonisierung ein großer Moment der „communion nationale“.[69] Da sind die religiösen Anklänge unüberhörbar.

Josephine Baker war vielleicht eine Heldin – in Deutschland geht man aus guten Gründen mit diesem Ausdruck zurückhaltender um als in Frankreich-  aber eine Heilige war sie gewiss nicht. Sie verkörpert aber, wie Macron betonte, Frankreich als eine große, kämpferische, furchtlose und brüderliche Nation. Macron wolle, so schrieb Le Monde am 27. Augustin einem Leitartikel, angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen an ein von Spaltungen zerrissenes und von der Gesundheitskrise zermürbtes Land eine Botschaft der Einheit, des Stolzes und der Entschlossenheit richten. Und genau diesen Tag wählte der rechtsradikale Publizist Eric Zemmour , um seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen zu erklären.[70]  Der vertritt die xenophobe Theorie eines „grand remplacement“, eines von den herrschenden Eliten herbeigeführten oder zumindest geduldeten Verlusts der kulturellen Identität Frankreichs. Das ist genau das Gegenteil des von Macron beschworenen offenen, brüderlichen Frankreichs der Bürgerinnen und Bürger, der citoyens, jenseits von Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Wenn aber die die republikanischen Ideale Frankreichs bekräftigende Pantheonisierung Josephine Bakers nicht nur eine Selbstbeweihräucherung sein soll, dann bedarf es, wie Le Monde fordert, auch entsprechender Konsequenzen. Die republikanischen Versprechen würden zu oft durch soziale und geographische Ungleichheiten und Diskriminierung verraten.  „Über die Rhetorik hinaus bleibt es an Frankreich, die Lehren aus den Verpflichtungen der großen Tänzerin zu ziehen und ihre Botschaft zu würdigen, indem es sich entschlossen der Vielfalt öffnet, um jedem eine Chance zu geben, unabhängig von seiner Hautfarbe.“[71] 

Dass da in Frankreich noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, ist offenkundig. Und ein Sehnsuchtsort für Flüchtlinge, wie zu Zeiten Josephine Bakers, ist Frankreich schon lange nicht mehr….

Der Sarkophags Josephine Bakers in der Krypta des Pantheons

Der Sarkophag Josephine Bakers befindet sich in dem Gewölbe XIII zusammen mit dem von Maurice Genevoix. [72]

Zum Weiterlesen:

Gérard Bonal, Joséphine Baker. Paris:  Tallandier 2021

Mona Horncastle, Josephine Baker – Weltstar. Freiheitskämpferin. Ikone.“ Molden

Der Film: „Josephine Baker – Ikone der Befreiung“, bis 15.6.22 in der Arte-Mediathek


Anmerkungen

[1] „Osez Joséphine“: une pétition pour panthéoniser Joséphine Baker. https://www.francemusique.fr/emissions/au-fil-de-l-actu/osez-josephine-une-petition-pour-pantheoniser-josephine-baker-94666

Siehe auch: Laurent Seitmann, appel pour l’entrée de Josephine Baker au Panthéon.  31.7.2020 https://www.licra.org/licra-bergerac-appel-pour-lentree-de-josephine-baker-au-pantheon

[2] © Reuters/Sarah Meysonnier https://www.letemps.ch/monde/cause-etait-luniversalisme-josephine-baker-pantheon#&gid=1&pid=1

[3] Der Wortlaut der Rede bei: https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[4] https://www.lemonde.fr/idees/article/2013/12/16/josephine-baker-au-pantheon_4335358_3232.html

[5] Man spricht zwar in Frankreich von dem „Panthéon de la chanson française“, zu dem sie alle gehören, aber das entspricht eben nicht der offiziellen Aufnahme in den republikanischen Ruhmestempel. Zumindest für Edith Piaf gab/gibt es auch Vorschläge für eine Pantheonisierung. Siehe:  https://blogs.mediapart.fr/vingtras/blog/240913/edith-piaf-au-pantheon   Ayant fait partie des anonymes inombrables qui ont accompagné sa dépouille au Père Lachaise, je me plaisais à rêver hier soir après avoir vu l’émission que l’Etat serait bien inspiré s’il prenait la décision de faire transférer les cendres de la „Môme“ au Panthéon …  Georges Brassens würde sich allerdings wohl im Grabe umdrehen, wenn der französische Präsident seine sterblichen Überreste aus Sète ins Pantheon überführen wollte.

[6] Foto: https://twitter.com/Eric_Anceau/status/1429731419765592071/photo/2

Bakers Unterstützung de Gaulles veranlasste den Humoristen Jean Yanne zu dem folgenden Bonmot/Wortspiel: „Elle a commencé avec des bananes, elle continue avec le régime“.

[7] Diesen Ausdruck von Regis Debray hat auch France Culture in ihrer Sendung vom 24. August 2021 in den Titel einer Sendung über die Aufnahme von Baker ins Pantheon übernommen.

[8] Michaela Wiegel, Ich bin wieder da, Paris. Josephine Baker hat ihren Platz im Panthéon. FAZ vom 2.12.21

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/East_St._Louis_riots  Siehe auch: https://www.les-crises.fr/1917-quand-l-echo-des-manifestations-anti-racisme-de-east-st-louis-resonne-encore-aujourd-hui/   

[10] Zitate aus: https://www.lepoint.fr/societe/la-pantheonisation-de-josephine-baker-envoie-valser-le-wokisme-28-11-2021-2454158_23.php  und https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php

[11] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[12] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 6/22

Später  lief die Révue nègre auch im Pariser „Théâtre de l’Étoile“ und gastierte  im Ausland, so ab Silvester 1925/26 für mehrere Wochen im Nelson-Theater auf dem Kurfürstendamm in Berlin.

[13] Pierre de Regnier, Aux Champs Elysées. Die Neger-Revue. Zitiert in: Josephine Baker, Memoiren. München 1928, S. 16/24  Zuerst erschienen in Candide  vom 12. November 1925

[14] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html

[15] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[16] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/06/01/die-kolonialausstellung-von-1931-teil-2-der-menschliche-zoo-im-jardin-dacclimatisation-und-der-tausch-von-teutonischen-krokodilen-und-men-sche/

[17] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/18/

[18] Bild aus: https://www.metalocus.es/en/news/a-house-black-venus  Zu Abatino und seine Bedeutung für die Josephine Baker siehe: Bonal, Josephine Baker, S. 74 ff

[19]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.129

[20] Bild aus: https://espritjoaillerie.wordpress.com/2015/08/04/cartier-panthere/

[21] Foto in: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html  9/22 und Josephine Baker: Mehr als ein Showgirl – [GEO]

[22] https://www.dhm.de/lemo/biografie/josephine-baker

Nachfolgendes Bild: Karikatur von Thomas Theodor Heine aus dem Satire-Blatt Simplizissimus.  Aus: https://www.la-croix.com/Culture/Josephine-Baker-mille-vies-Phenix-2021-11-26-1201187202

[23] Bild aus:  https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

[24] https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

https://www.geo.de/wissen/josephine-baker–mehr-als-ein-showgirl_30969226-30969270.html

[25] Dass Josephine Baker auch zahlreiche Beziehungen mit Frauen hatte, ist wohl erwiesen. Das bestätigte auch ihr Sohn Jean-Claude: „Jean Claude Baker, the French-born son of Josephine, confirms that his mother had several affairs with women, referred to at the time as „lady lovers.“ Jean Claude explained that many of the girls in the show business would often live together, to save on costs. Most of these girls suffered abuse from producers, directors, and so on. Maude Russell, a fellow performer of Josephine’s, stated, „The girls needed tenderness, so we had girl friendships, the famous lady lovers. But lesbians weren’t well accepted in show business—they were called bull dykers. I guess we were bisexual, is what you would call us today.” https://owlcation.com/humanities/When-Frida-Kahlo-Set-Her-Eyes-on-Josephine-Baker  Im Internet wird oft kolportiert, auch Frida Kahlo, die1939 in Paris war, habe eine Beziehung mit Josephine Baker gehabt, wofür es aber offenbar keine Belege gibt. Siehe: https://queerasfact.tumblr.com/post/166037603842/josephine-baker-and-frida-kahlo-did-they-actually

[26] Bild aus: https://www.derstandard.de/story/2000131496298/josephine-baker-hoechste-ehre-fuer-ein-leben-im-widerstand

[27] Bild aus:  https://www.nytimes.com/2016/10/16/books/review/when-paris-sizzled-mary-mcauliffe.html 

    (Buchbesprechung von Mary McAuliffe, Sex, Booze und Jazz in the 1920s Paris.)

[28] https://www.deutschlandfunk.de/georges-simenon-wuerdigung-erst-nach-dem-tod-100.html

Siehe dazu Bonal, Joséphine Baker,  S. 150

[29] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/13/ und https://www.culture.gouv.fr/en/Actualites/Josephine-Baker-une-source-d-inspiration-pour-une-nouvelle-generation-d-artistes

[30] https://www.nzz.ch/folio/was-ware-wenn-le-corbusier-josephine-baker-geheiratet-hatte-ld.1619981

Bild aus: https://www.kettererkunst.de/result.php?kuenstlernr=5050&auswahl=vk&shw=1

[31] https://parisienneries.fr/dessin/foujita-peindre-annees-folles/

[32] https://www.pinterest.de/pin/466263367652975268/  van Dongens Portrait von Josephin Baker: https://www.wikiart.org/en/kees-van-dongen/josephine-baker-1925

[33] https://dianedepolignac.com/en/home-gb/the-newsletters/newsletter-art-comes-to-you-no-9-jean-miotte-painting-and-movement/henri-laurens-josephine-baker-1915-newsletter-art-comes-to-you-9/ Das heute im Centre Pompidou in Paris ausgestellte Bild ist auf das Jahr 1915 datiert, was natürlich unzutreffend ist.

[34] https://www.moma.org/collection/works/81896  Josephine Baker (III) Paris, c. 1927

[35] Bild (und weitere entsprechende Bilder) aus: https://thehairhalloffame.blogspot.com/search/label/Josephine%20Baker

[36] Siehe: https://paris-blog.org/2021/11/03/le-musee-carnavalet-das-museum-der-pariser-stadtgeschichte-ist-wieder-eroffnet-ein-erster-rundgang/

[37]  „ Par la suite, j’ai fui encore plus loin. Jusqu’à un endroit qui s’appelle la France“  Quand Joséphine Baker prononçait un discours aux côtés de Martin Luther King – Le Point

In der Zeitschrift Emma wird die entsprechende Passage der Washingtoner Rede so übersetzt: Letztendlich bin ich sehr weit weg gerannt in ein Land namens Frankreich. Das passt besser zum Kontext der Rede und ihres Lebens.  Josephine Baker: Ihr Traum | EMMA

[38] elysee-module-18840-fr.pdf

[39] Le Monde, 26.11.2021:  Paris ira voir Joséphine Baker, nue, enseigner aux danseuses nues la pudeur“, s’extasiait Colette en 1936. 

[40] Siehe z.B. https://www.change.org/p/pr%C3%A9sident-de-la-r%C3%A9publique-pour-l-entr%C3%A9e-au-panth%C3%A9on-d-arthur-rimbaud-et-paul-verlaine und https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-in-frankreich-duerfen-rimbaud-und-verlaine-ins-100.html

[41] Die Ehe hielt allerdings nur 14 Monate und wurde 1941 offiziell beendet. Bonet, Joséphine Baker , S. 184  und https://www.wikitree.com/wiki/Lion-68

[42] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[43] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/societe/debats/pantheon/entree-de-josephine-baker-au-pantheon-comment-la-star-des-annees-folles-a-combattu-le-nazisme-durant-la-seconde-guerre-mondiale_4813463.html

[44] Bonal, Joséphine Baker S. 234/235 s.a. https://www.history.com/news/josephine-baker-world-war-ii-spy

[45] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.239/240

[46] http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und http://www.france-phaleristique.com/croix_guerre_1939-1945.htm

[47] https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[48] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[49]  Im Einzelnen dazu siehe: http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und Bonal, Joséphine Baker,  S.239f  

[50] https://www.lepoint.fr/livres/josephine-baker-au-pantheon-gare-a-la-recuperation-25-08-2021-2440136_37.php

[51] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.166

[52] https://www.cubaheadlines.com/josephine_baker_a_great_a_friend_of_cuba.html

[53] Michaela Wiegel, “Ich bin wieder da, Paris“. Josephine Baker hat ihren Platz im Pantheon. FAZ 2.12.21

[54] https://www.tagblatt.ch/leben/bewegende-lebensgeschichte-josephine-baker-wird-in-paris-die-hoechste-ehre-zu-teil-ihr-ganzes-leben-war-unwillentlich-von-ihrer-hautfarbe-gepraegt-ld.2219531

[55] https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php  und https://www.emma.de/artikel/josephine-baker-ihr-traum-338995 Dort auch der deutsche Wortlaut der Rede.

[56] https://www.lesoir.be/409555/article/2021-11-30/france-les-images-de-la-pantheonisation-de-josephine-baker

[57] elysee-module-18840-fr.pdf

[58] Zum Schloss siehe den Beitrag von Hilke Maunder: https://meinfrankreich.com/les-milandes-das-schloss-von-josephine-baker/

[59] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.238

[60] « Ça ne sert à rien d’adopter des enfants de toutes les couleurs et de les garder pour soi ! Il faut les montrer, que les gens voient que c’est faisable, que des enfants de races différentes, élevés ensemble, comme des frères, n’ont pas d’animosité, que la haine raciale n’est pas naturelle. C’est une invention des hommes. » Zitiert in: Yves Denéchère, Joséphine Baker et sa « tribu arc-en-ciel », au nom de la fraternité universelle. The Conversation. 22. November 2021  https://theconversation.com/josephine-baker-et-sa-tribu-arc-en-ciel-au-nom-de-la-fraternite-universelle-171858

[61] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[62] https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[63] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[64] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[65] Joesphine Baker, Memoiren. Herausgegeben und eingeleitet von Marcel Sauvage. München 1928, S. 173

[66]https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009  

[67] Foto aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 16/22

[68]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.254 und https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[69] https://www.lejdd.fr/Societe/josephine-baker-au-pantheon-la-ceremonie-sera-tres-politique-4079463

[70] https://www.france24.com/fr/france/20211130-l-annonce-de-candidature-d-%C3%A9ric-zemmour-un-agenda-strat%C3%A9gique

[71] Le Monde, 27. August 2021. Siehe dazu z.B.: https://www.ipp.eu/actualites/note-ipp-n76-discrimination-a-lembauche-des-personnes-dorigine-supposee-maghrebine-quels-enseignements-dune-grande-etude-par-testing/: De nombreuses études montrent que les Français issus de l’immigration maghrébine se heurtent à des difficultés importantes sur le marché du travail, …  La discrimination à l’embauche selon l’origine supposée reste élevée et un élément majeur du marché du travail en France. En moyenne, à qualité comparable, les candidatures dont l’identité suggère une origine maghrébine ont 31,5 % de chances de moins d’être contactées par les recruteurs que celles portant un prénom et nom d’origine française.

[72] Zu Genevoix siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

Aktueller Hinweis (Mai 2022):

Dans le cadre du festival “Quartier du Livre”, organisé dans tout le 5e arrondissement, une fresque géante en hommage à Joséphine Baker sera réalisée le 2 et 3 juin par l’artiste Gwendoline Finaz de Villaine !

Le jour de l’anniversaire de la grande militante, son portrait de 1000 mètres carrés sera dévoilé au public sur l’esplanade du Panthéon. Un beau cadeau pour celle qui a rejoint le monument en novembre dernier !

Pour admirer le tableau urbain éphémère, retenez bien les dates : il sera exposé pendant deux jours seulement, le 2 et 3 juin ! Après 20h, l’oeuvre sera découpée en plusieurs morceaux de 100 centimètres sur 80 centimètres afin d’être redistribuée aux habitants du quartier, aux amateurs d’art ou aux curieux ! L’artiste signera tous les morceaux pour nous offrir un souvenir mémorable…

https://vivreparis.fr/une-fresque-geante-en-hommage-a-josephine-baker-va-etre-devoilee-au-pantheon/ 

Mit der Association Triangle de Weimar (Weimarer Dreieck) auf den Spuren Napoleons in Fontainebleau

Vor 30 Jahren, und zwar genau am 29. August 1991, schlossen die damaligen Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens den Vertrag „Weimarer Dreieck“, benannt nach dem Ort der Vertragsunterzeichnung. „Parallel zum staatlichen Engagement gründete sich zur Beteiligung der Zivilgesellschaft der Verein Weimarer Dreieck e.V. am 27.8.2010 im Weimarer Rathaus. Es ist eine Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft.“[1] 2015 folgte die Association „Triangle de Weimar“ in Frankreich.

Foto: Inès Duhesme

Aus Anlass des 30. Jahrestags der Vertragsunterzeichnung und des 200. Todestages Napoleons schrieb die Association „Triangle de Weimar“ einen Wettbewerb unter Studenten der drei Länder aus: Es sollte ein Essai über das napoleonische Erbe in den jeweiligen Ländern eingereicht werden.

Am 22. November 2021 fand im Pariser Goethe-Institut die Preisverleihung statt.

Foto: Inès Duhesme

Margarte Riegler-Poyet, die Präsidentin der Association Triangle de Weimar, mit den drei Preisträgern, Hubert Korzeniowski (Polen), Eymeric Job (Frankreich) und Attila Philipp Saadaoui (Deutschland)

Foto: Inès Duhesme

Im Anschluss an die Preisverleihung fand eine Podiumsdiskussion statt, an der neben den Preisträgern auch Napoleon-Spezialisten aus den drei Ländern des Weimarer Dreiecks teilnahmen: Aus Frankreich Thierry Lentz, der Direktor der Fondation Napoléon, aus Deutschland der Napoleon-Biograph Johannes  Willms und aus Polen der Historiker Prof.Dr. Jarosław Czubaty von der Universität Warschau.  Moderator war Mathieu Schwarz, Regisseur des von Arte gezeigten Dokumentarfilms „Napoleon-Metternich: Der Anfang vom Ende“ (2021). [2] Dabei wurden die unterschiedlichen Rezeptionen Napoleons deutlich: In Polen dominiert offenbar eine hohe Wertschätzung, weil Napoleon durch die Schaffung eines Großherzogtums Warschau eine -wenn auch beschränkte- Vorform nationaler Einheit geschaffen habe. Dass Napoleon eine polnische Geliebte hatte und mit ihr seine Zeugungsfähigkeit beweisen konnte, schmeichelte sicherlich auch dem Nationalgefühl. In Deutschland dagegen nimmt Napoleon im nationalen Geschichtsbewusstsein keine besondere Rolle ein und sein 200. Todestag wurde kaum wahrgenommen. Ganz anders  in Frankreich, wo dieser Tag eine große Debatte über die Rolle Napoleons auslöste. Immerhin gehört er -mit de Gaulle und Ludwig XIV.- zu den populärsten Figuren des Landes. Aber es gibt eben die „beiden Napoleons“, den Napoleon des Code civil und der Modernisierung Frankreichs, aber auch den Napoleon der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien. Und des gibt den Napoleon der ständigen Kriege: Also einerseits der grandiosen Siege, an die die „Grande Nation“ noch heute gerne erinnert – die rue d’Iéna, in der das Pariser Goethe-Institut liegt, ist ein kleines Beispiel dafür; aber diese andauernden Kriege beförderten nicht nur den nationalen Ruhms, sondern forderten auch viele Opfer und führten zur rücksichtslosen Ausbeutung der eroberten oder „protegierten“ Länder.[3]  Als Thierry Lentz, da ganz napoleonischer Lobbyist, im napoleonischen Empire eine Vorform des vereinten Europas der Sechs sah, war es gut, dass  Johannes Willms Einspruch erhob: Napoleon habe doch nur -ganz im Sinne Ludwigs XIV.- eine Dominanz Frankreichs über den europäischen Kontinent angestrebt und in den europäischen Verbündeten eher Vasallen als Partner gesehen. Mit unseren heutigen Vorstellungen eines vereinten demokratischen Europas hat das wenig gemein.

Insgesamt jedenfalls eine sehr gelungene, anregende Veranstaltung und eine würdige Feier des 30. Jahrestags des Weimarer Dreiecks.

Der Besuch der Napoleon-Ausstellung im Schloss Fontainebleau

Teil des Rahmenprogramms dieses Jubiläums war passender Weise auch ein Besuch von Schloss Fontainebleau. Immerhin hatte Bonaparte kurz vor seiner Krönung im Jahr 1804 beschlossen, Fontainebleau zu einer seiner Residenzen zu machen: architektonischer Ausdruck der von ihm beanspruchten Legitimität. Dort quartierte er auch zweimal Papst Pius VII. ein: Von 1812 bis 1814, als nach der Annexion des Kirchenstaates der Kirchenführer in Fontainebleau gefangen gehalten wurde,  und zuerst 2004, als Napoleon den Papst für die Kaiserkrönung kommen ließ und dort einquartierte.

Davor allerdings musste das Schloss, das in den Revolutionstagen eines Großteils seiner Einrichtung beraubt worden war,  in kürzester Zeit wieder hergerichtet und möbliert werden: Das geschah innerhalb von 19 Tagen, was noch heute – nicht nur auf der homepage des Schlosses- mit Stolz verbreitet wird.

Foto: Inès Duhesme

Hier das neu eingerichtete ehemalige Schlafzimmer der Könige, das Napoleon zu seinem Thronsaal machte.[4] Von nun an existierten in dem Schloss die Symbole des Kaisers und der großen früheren Schlossherren nebeneinander.

Detail des von Napoleon installierten repräsentativen Schlosshof-Gitters.

Wappen von François Ier (der Feuer-Salamander)  in der nach ihm benannten Galerie. François Ier repräsentiert das erste Goldene Zeitalter von Fontainebleau.

Das gekrönte H steht für Heinrich IV. Henri Quatre, der erste König der Bourbonen, erneuerte nach den  Religionskriegen den alten Glanz des Schlosses. Sein Sohn, der spätere Ludwig XIII., wurde hier geboren.

Und dann war es Napoleon, der ehemalige Artillerieleutnant, der  in die Fußstapfen der großen Könige treten wollte, indem er sich in Fontainebleau niederließ. Er betrachtete diese immense Residenz als einen Schlüsselort, um seine Legitimität zu begründen. 

Dies wird unter anderem in der langen Galerie der großen Gemälde anschaulich, die -angeführt von François Gerards klassischem Portrait Napoleons im Krönungsornat (siehe Titelbild des Beitrags)[5]– die Mitglieder der kaiserlichen Familie zeigen. Hier zwei Beispiele:

Marie-Guillemine Benoist, Marie—Louise, Kaiserin der Franzosen (Ausschnitt) 1812. Marie-Louise steht vor dem Thron Napoleons und demonstriert so die Stabilität des Reichs auch während kriegsbedingter Abwesenheiten ihres  Mannes.

Eindrucksvoll sind auch die lebensgroßen Portraits der Familienmitglieder, die Napoleon auf den Thronen Europas platziert hatte. Hier das Portrait seiner Lieblingsschwester Caroline, der Königin von Neapel:

François Gerard, Caroline, Königin von Neapel (Ausschnitt). Nach 1808. Der Sohn Carolines, Achille, trägt die Uniform eines Obersten der kaiserlichen Garde seines Onkels; dessen Portrait zeigt das Amulett der Tochter Laetitia.  Der Kaiser ist also überall präsent…

Die besondere Rolle, die Napoleon für Fontainebleau -und Fontainebleau für Napoleon- spielte, ist der Grund dafür, dass in einem Flügel des Schlosses ein dem ersten Kaiserreich gewidmetes Museum eingerichtet wurde.

Dort fand/findet aus Anlass des 200. Todestags Napoleons eine spezielle Ausstellung statt: Ein Palais für den Kaiser. Napoleon I. in Fontainebleau. (15. September 2021 bis 3. Januar 2022) [6] Es war eine besondere Ehre, dass der Leiter des Museums, Herr Chrstophe Beyeler, extra an einem Sonntag aus Paris anreiste, um die Gruppe des Vereins Weimarer Dreieck durch die Ausstellung zu führen.

Herr Christophe Beyeler während seiner Führung

Er beschränkte sich dabei dankenswerter Weise auf die Präsentation einiger für den europäischen Kontext besonders aussagekräftiger Stücke, die er in ihren historischen Zusammenhang einordnete. Zum Beispiel das Portrait Napoleons in seinem Arbeitskabinett in den Tuilerien, gemalt von Jacques Louis David im Auftrag eines englischen Adligen- und dies mitten im erbitterten Krieg Frankreichs und Großbritanniens!

Napoleon wird in der Uniform eines Obersten der Garde dargestellt, die wir schon von dem kleinen Achill auf dem Portrait von Napoleons Schwester Caroline kennen. Die Uniform ist mit Orden geschmückt, dabei natürlich -mit rotem Band- der von Napoleon selbst gestiftete Orden der Ehrenlegion.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Auf dem Tisch liegt der Code Napoleon, dazu sein Degen: Der Kaiser wird als weiser Staatsmann und -darauf deutet auch die kleine sternenbesetzte Kugel hin- als Kriegsheld und Herr der Welt präsentiert. Und er ist Herrscher über die Zeit: Es ist früh am Morgen, vier Uhr! Auch die Bienen auf dem samtenen Stoff weisen ihn als unermüdlichen Arbeiter aus.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Bevor das Gemälde nach Schottland geschickt wurde, stellte es David öffentlich in seinem Atelier aus. Es wurde allgemein bewundert, auch von Napoleon selbst, der denn auch umgehend eine Kopie bestellte: David hatte, ohne dazu offiziell beauftragt zu sein, ein Stück Propaganda ganz im Sinne Napoleons produziert.[7]

Napoleon stellte ja schon früh die Kunst in den Dienst politischer Zwecke. Ein außergewöhnliches Beispiel ist diese Druckplatte, die uns Herr Beyeler mit einigem Stolz präsentierte. Das Motiv ist nicht ganz leicht zu erkennen, und ohne den Hinweis des Museumsdirektor hätte man dieses Ausstellungsstück wohl kaum beachtet.

Abgebildet ist -halbrechts in der Mitte- der junge, ungestüme General Bonaparte. Er zeigt, den Säbel in der Hand, den Italienern, wie er gerade zwei links auf einer Wolke sitzende und Bonaparte sehnsüchtig die Arme entgegenstreckende Figuren befreit: Es sind die Verkörperungen der Freiheit und der Wahrheit. Die tyrannische Monarchie und der von der katholischen Kirche repräsentierte Aberglauben dagegen flüchten sich, von der Armee  der Revolution geschlagen und gebeugt,  ins Abseits… Mit dieser Kartusche wurde eine Karte des italienischen Kriegsschauplatzes verziert, die  Bonaparte 1798 anlässlich seines Italien-Feldzugs in Mailand drucken ließ.

© Imperial Art | Bas-relief, Jean-Martin Renaud (1746-1821)

Auch dies ist ein außergewöhnliches Ausstellungsobjekt: Es handelt sich um ein aus Bienenwachs gefertigtes Relief auf einer Unterlage aus Schiefer. Außergewöhnlich ist auch die Darstellung: Die geflügelte Allegorie des Friedens ist dabei, die Pferde des Mars vom Wagen des Sieges auszuspannen. Und dann führt sie „Bonaparte zur Unsterblichkeit“, wie es in dem Titel des Reliefs heißt.[8] Es wurde 1802 von Jean-Martin Renaud, der später auch an den Reliefs der Vendôme-Säule arbeitete, auf dem Salon präsentiert; zu einer Zeit also, als Bonaparte als Erster Konsul auf Lebenszeit schon Alleinherrscher Frankreichs war. Und was die ausgespannten Pferde des Mars angeht: 1801 hatten Österreich und Frankreich in Lunéville Frieden geschlossen und damit den 2. Koalitionskrieg  beendet. Und am 27. März schlossen England und Frankreich den Frieden von Amiens. Die Hoffnung auf andauernden Frieden wurden aber bald enttäuscht: Denn knapp 14 Monate später spannte Mars seine Pferde wieder an….

Der Aufstieg Bonapartes ging aber -ob Frieden oder Krieg- unaufhaltsam weiter. Dieses Medaillon entstand zu einer Zeit (1807-1813), als Napoleon sich schon zum Kaiser gekrönt hatte., und hat als künstlerisches Modell die Gemmen der römischen Kaiserzeit.  Caesar und die römischen Kaiser waren Vorbilder für Napoleon, ja er versuchte sie noch zu übertreffen. An den ihre römischen Vorgänger noch in den Schatten stellenden Pariser Bauten des Kaisers wie dem Arc de Triomphe oder der Vendôme-Säule lässt sich das ablesen.[9] Und während die römischen Kaiser sich noch bei der Feier ihrer Triumphe an ihre Vergänglichkeit erinnern ließen, galt dies für den französischen Kaiser nicht: Der wurde schon, wie wir gesehen haben, zu Lebzeiten als „unsterblich“ überhöht.[10]  

Der politischen Propaganda diente natürlich auch das kaiserliche Tafelgeschirr, das in Fontainebleau verwendet wurde und jetzt dort ausgestellt ist.

Hier ein Teller mit den Wasserspielen der Wilhelmshöhe bei Kassel, hergestellt von der Manufacture de Sèvres. Kassel war 1806 von den französischen Truppen erobert worden. Es wurde Sommerresidenz des Königreichs Westphalen, zu dessen Herrscher Napoleon seinen Bruder Jerôme Bonaparte machte. Der Name Wilhelmshöhe passte da natürlich nicht mehr und wurde verändert, und zwar in  -wie könnte es anders sein- Napoleonshöhe….

In der Ausstellung wird auch diese Zeichnung von Benjamin Zix aus dem Jahr 1807 präsentiert. Zix war der Zeichner des napoleonischen Kunstkommissars und Kunsträubers Vivant Denon, der Napoleon bei seinen Feldzügen auf dem Fuß folgte.[11] Hier sieht man ihn bei der Sichtung und Plünderung der Kunstschätze des Kasseler Museums. Etwa 60 Gemälde, die aus der reichen Kasseler Sammlung entfernt wurden, dienten dazu, das Schloss Fontainebleau neu auszustatten.

Auf diesem Teller ist der Canal de l’Ourq abgebildet (Auf dem Stadtgebiet von Paris ist das der Canal Saint – Martin). Seine Entstehung geht zurück auf eine Anweisung Bonapartes aus dem Jahr 1802. Ziel der Anlage war es vor allem, die Versorgung von Paris mit frischem Wasser zu verbessern und die von Napoleon angelegten oder geplanten Brunnenanlagen mit Wasser zu versorgen. Aber auch für den Warentransport wurde der Kanal genutzt, wie auf dem Teller zu erkennen ist. 

Am 2. Dezember 1808, dem Jahrestag der kaiserlichen Krönung, wurde der Kanal eingeweiht. Um dieses für Napoleon so wichtige Datum einhalten zu können, wurden auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt….

Die waren 1806 im Vierten Koalitionskrieg bei der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt in die Hände der siegreichen Franzosen gefallen. Während der vorherigen beiden Koalitionskriege gegen Frankreich hatte sich Preußen neutral verhalten. Aus dieser Zeit stammt eine große Uhr in Form eines „Denkmals zur Erinnerung an  Friedrich den Großen“, das eigentlich als Geschenk an den preußischen König gedacht war, dann aber wegen der preußischen Kriegserklärung in Paris verblieb.

Die von Louis Duguers 1800-1805 hergestellte Uhr ist ein „monument à la mémoire de Frédéric le Grand“ (Ausschnitt): In der Mitte  der sterbende preußische König, links ein -römisch gekleideter- Veteran, der ihm den Lorbeerkranz reicht, rechts die Muse der Geschichte. Und unten der stolz aufgerichtete preußische Adler – das Emblem, das auch Napoleon für sein Empire gewählt hatte.

Die Uhr ist Ausdruck der Verehrung Friedrichs des Großen durch Napoleon. Der sah in Friedrich II. den großen, kühnen Feldherrn und gleichzeitig den Staatsmann, der Preußen weise verwaltete und regierte.  Nur wegen dieses genialen Monarchen und Feldherren sei Preußen zur Großmacht aufgestiegen, so wie das Frankreich nun ihm zu verdanken habe. Zehn Tage nach dem Sieg über Preußen besuchte Napoleon die  Gruft Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonskirche. Und als „Souvenir“ nahm er die Totenmaske, den Schwarzen Adlerorden und den Potsdamer Säbel nach Paris mit….

Dass die preußische Bevölkerung die Franzosen weniger schätzte, zeigt dieser von der Königlich-preußischen Porzellanmanufaktur hergestellte Teller: Die französischen Soldaten werden als eine ziemlich wilde Truppe dargestellt- die Rotweinflaschen fehlen wohl nur deshalb, weil sie schon leergetrunken sind. Es handelt sich um das seltene Beispiel eines Porzellantellers, der für eine Karikatur genutzt wurde. Die Realität war allerdings, dass die tadellos uniformierten, in Reih und Glied aufmarschierenden preußischen Grenadiere von diesen Franzosen vernichtend geschlagen wurden…

Zu der Exkursion der Gruppe des „Weimarer Dreiecks“ nach Fontainebleau gehörte auch eine Besichtigung der „kleinen Appartements“, die nur im Rahmen einer Führung möglich ist. Sie dienten Napoleon und Josephine -und danach seiner zweiten Ehefrau Marie-Louise- als Rückzugsräume. Die beanspruchte Napoleon – im Gegensatz zu Ludwig XIV., der 24 Stunden am Tag eine öffentliche Person war. Napoleon habe sie, wie uns unser Führer erläuterte, auch für sein Familienleben genutzt: Die eigenen Räume und die seiner (jeweiligen) Frau lagen direkt nebeneinander. Hier spielte er auch mit seinem Sohn, dem kleinen König von Rom. Der habe zwar manchmal das Tischtuch mit allen Tellern runtergerissen, aber das habe der Vater als Zeichen des Selbstbewusstseins seines lang ersehnten Thronfolgers verstanden: ganz der Papa…..

Zu den Einrichtungsgegenständen gehört auch der Toilettentisch Josephines:

Auf ihr Erscheinungsbild legte Josephine allergrößten Wert. Ihr Hang zu Pracht und Luxus ist berüchtigt. 400 Schuhe und 600 Kleider soll sie besessen haben! Aber Napoleon akzeptierte das: Immerhin machte sie auf diese Weise Reklame für das französische savoir-faire im Bereich der Luxusproduktion- bis heute eine Säule der französischen Wirtschaft.

Josephine musste dann allerdings Marie-Louise Platz machen, die Napoleon den ersehnten  Thronfolger schenkte, der in diesen privaten Räumen aufwuchs.

Seine Mutter hatte hier auch einen Rahmen zur Anfertigung von Stickereien installiert – verziert mit dem kaiserlichen Symbol der arbeitsamen Biene.

Als unermüdlicher Arbeiter ist auch Napoleon in den Räumen des Schlosses präsent. Hier sein Arbeits- und Schlafzimmer mit dem dominanten Grün- seiner Lieblingsfarbe. [12] Bett und Schreibtisch stehen eng beieinander, und rechts von dem Bett befindet sich eine verdeckte Tür, durch die Napoleon schnell in die darunter liegende Bibliothek in den Petits Appartements gelangen konnte.

Foto: Inès Duhesme

Im Wohnzimmer neben seinem Schlaf- und Arbeitszimmer unterschrieb Napoleon am 18.4.1814 seine Abdankung.[13]

Danach nahm er am Fuß  der berühmten Hufeisentreppe des Schlosses seinen Abschied von der Alten Garde. Hier küsst er, umringt von Offizieren der Garde und Soldaten mit präsentiertem Gewehr, die Siegesfahne der Schlacht von Marengo.[14]

Der Hof wird seitdem auch „Abschiedshof“ genannt (La Cour des Adieux) Im Hintergrund sieht man die berühmte Hufeisentreppe. Die ist allerdings derzeit hinter Gerüsten und Planen verborgen, weil dringende Restaurierungsarbeiten vorgenommen werden. Im April 2022 soll sie aber „dans toute  sa splendeur“ wieder sichtbar sein, also strahlender als auf diesem schon etwas älteren Foto (wo die Treppe noch nicht im Rahmen einer Marketing-Aktion der Firma Kärcher gesäubert ist) . [15]

Dann werden zwar einige jetzt in Fontainebleau gezeigte Stücke der Napoleon-Ausstellung nicht mehr zu sehen sein, dafür allerdings andere prominente, die derzeit für die (bis 24. Dezember 2021 verlängerte) große Napoleon-Ausstellung in Paris/La Villette ausgeliehen sind:

Dort ist der Degen des Ersten Konsuls und späteren Kaisers ausgestellt, den Napoleon auch bei seiner Krönung zum Kaiser getragen hatte (deshalb auch épée du sacre genannt). [16]– Sein Griff war ja schon auf dem oben in Ausschnitten abgebildeten Portrait Napoleons in seinem Arbeitszimmer zu sehen.

Auch der berühmte Zweispitz (bicorne),  die charakteristische Kopfbedeckung Napoleons, gehört zu den noch ausgeliehenen Ausstellungsstücken des Napoleon-Museums in Fontainebleau[17]:

ALO02-060. Musée Napoleon. Salle 4. N290 Bicorne de Napoléon 1°

Anmerkungen

[1] Zitat aus einem  Flyer des Vereins. Mehr zum Verein Weimarer Dreieck siehe: https://www.weimarer-dreieck.org/

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Weimarer Dreiecks gab es eine gemeinsame Erklärung des Präsidenten des Bundesrates, des Präsidenten des französischen Senats und des Marschalls des polnischen Senats: https://www.bundesrat.de/SharedDocs/texte/21/20210218-gemeinsame-erklaerung-weimarer-dreieck.html

Wie in allen Blog-Beiträgen sind die Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel gemacht.

[2] https://www.arte.tv/de/videos/098381-000-A/napoleon-metternich-der-anfang-vom-ende/

[3] Siehe dazu meine Blog-Beiträge über den Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/ und https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (letzter Abschnitt: Der verhüllte Triumph Napoleons)

[4]https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3f/La_salle_du_Tr%C3%B4ne_%28Ch%C3%A2teau_de_Fontainebleau%29.jpg

[5] Bild aus: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/gemaelde-erzaehlen-geschichte/

[6] Ein Überblick über die Ausstellung bei: https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf

[7] Zu dem Bild siehe auch: https://www.chateaudefontainebleau.fr/5-mai-2021-napoleon-de-retour-a-fontainebleau/

[8] « La Paix fait dételer les chevaux de Mars du char de la Victoire, et conduit Bonaparte à l’immortalité ». Text und Bild aus: https://galerieimperialart.com/2021/08/25/don-dune-oeuvre-au-chateau-de-fontainebleau/

[9] Siehe die  Blog-Beiträge zur Vendôme-Säule und zum Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und zum Arc de Triophe:  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (Letzter Teil: Der verhüllte Triumph Napoleons) und: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[10] Siehe: Gérard Gengembre, L’empereur immortel. Éditions du chêne 2002

[11] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  Siehe auch: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/ und -anhand eines Bildes im Museum Fabre in Montpellier- speziell zu der Plünderung der Kasseler Kunstschätze: https://paris-blog.org/2021/06/24/das-musee-fabre-in-montpellier-soulages-courbet-houdon-und/

[12] Bild aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[13]  Bilder aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[14] Siehe dazu:  https://www.napoleon.org/magazine/livres/les-vingt-jours-de-fontainebleau-la-premiere-abdication-de-napoleon-31-mars-20-avril-1814/

[15] https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf S. 11  Foto aus: https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/bilder-schloss-fontainebleau-1482.htm

https://www.kaercher.com/de/inside-kaercher/unternehmen/sponsoring/kultursponsoring/schloss-fontainebleau-hufeisentreppe-fontainebleau-frankreich.html

[16] Bild aus: https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/epee-du-sacre-de-napoleon/

[17] Bild aus: https://www.chateaudefontainebleau.fr/en-2021-rencontrez-napoleon-ier-au-chateau-de-fontainebleau/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

J’ai deux amours: Mon pays et Paris. Josephine Baker im Pantheon

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

Dies ist der zweite Beitrag auf diesem Blog zum deutsch-französischen Krieg on 1870/1871. Im ersten Beitrag ging es um die Schlacht von Gravelotte, die erste dieses Krieges, die eine wesentliche Voraussetzung für den späteren deutschen Sieg war:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Die Schlacht von Champigny war die letzte große und vorentscheidende Schlacht dieses unseligen Krieges. Hier versuchte die französische Armee mit etwa 60.000 Mann, den Belagerungsring deutscher Truppen um das eingeschlossene Paris zu durchbrechen. Dieser Versuch misslang, was diese Schlacht zu einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zum deutschen Sieg machte. Es folgte das Ende des Krieges und die Proklamation des Deutschen Reichs im Spiegelsaal von Versailles.

Allerdings war die Schlacht eine der seltenen Situationen, wo -nach dem Sturz Napoleons III.- die republikanische Armee sich mit Bravour schlug. Deshalb nahm Champigny in der Erinneerungskultur der 3. Republik eine besondere  Rolle ein. Das dort zur Erinnerung an die Schlacht errichtete Monument diente bis zu dem von ihnen ersehnten erneuten deutsch-französischen Krieg, also dem Ersten Weltkrieg,  als Wallfahrtsort französischer Revanchisten.

Und schließlich wurde unter dem Denkmal von Champigny ein Beinhaus (Ossarium) errichtet, in dem die sterblichen Überreste von deutschen und französischen Soldaten nebeneinander bestattet und so im Tod vereint sind. Es wird von Deutschland und Frankreich gemeinsam unterhalten.

Champigny ist damit ein Ort erbitterter deutsch-französischer Feindschaft, aber dann auch ein Ort der aus den unseligen Kriegen der Vergangenheit erwachsenen deutsch-französischen Freundschaft.

Der nachfolgende Text stützt sich wesentlich auf eine sehr beeindruckende Ausstellung über die Schlacht, die 2021 in dem bei Champigny gelegenen Bry-sur-Marne stattfand.[1]

Der Ablauf der Schlacht

Am 4. September 1870 dankte Napoleon III. nach seiner Niederlage bei Sedan ab. Die neu proklamierte Dritte Republik mit der Regierung der Nationalen Verteidigung setzte aber den  Krieg fort und beschwor den Erfolg der revolutionären Truppen gegen eine feindliche Koalition 1792. Allerdings konnte die durch die Niederlage bei Sedan geschwächte Armee der Republik den Vormarsch der deutschen Truppen nicht aufhalten. Ab dem 19. September wurde Paris belagert, in dem zwei Millionen Menschen, darunter 500 000 Soldaten, eingeschlossen waren. Es waren dies gut ausgebildete und ausgerüstete Linientruppen, also Berufssoldaten der ehemaligen kaiserlichen Armee, aber auch Mitglieder der nicht professionellen Garde Nationale.

Die Regierung, die nach Tour ausgewichen war, beauftragte den General Trochu, die Verteidigung von Paris zu organisieren. Der übertrug dem General Ducrot den Oberbefehl über die Linientruppen und beauftragte ihn, einen Plan zur Durchbrechung der Blockade der Stadt zu entwickeln („La Grande Sortie“). Die Absicht war, im Südosten von Paris den Belagerungsring zu sprengen und sich mit einer an der Loire neu aufgestellten Armee zu vereinigen.

Allerdings gelang der für den 28. November vorgesehene Übergang über die Marne nicht. Ein unerwartetes Hochwasser zerstörte die erste Pontonbrücke und Ducrot verschob den Angriffstermin auf den 30. November. Den württembergischen und sächsischen Truppen auf der anderen Seite der Marne waren die Angriffsvorbereitungen der Franzosen nicht entgangen, und sie konnten ihre Positionen auf den Marneanhöhen entsprechend verstärken.[2]

Das zweite französische Armeekorps überquert bei Joinville-le-Pont die Marne. Museum von Bry

Am 30. November überquerten 60.000 französische Soldaten mit 400 Kanonen auf mehreren Pontonbrücken die Marne und besetzten Bry-sur-Marne und Champigny-sur Marne, in denen sächsische und württembergische Vorposten stationiert waren.

Charles Brunei, À Bry-sur-Marne, le 30 novembre 1870. (Ausschnitt). Musée d’art moderne André Malraux (Le Havre)

Das Gemälde von Charles Brunei veranschaulicht die Heftigkeit der Kämpfe Haus um Haus. Es gelang den französischen Truppen aber nicht, die deutschen Truppen aus ihren Stellungen auf den strategisch wichtigen Marneanhöhen zu werfen.

Auf diese Karte sind die Positionen der französischen und deutschen Truppen am Abend des 30. November eingezeichnet.[3]  Die französischen Armee hat die Marne auf den markierten Pontonbrücken überschritten und  Brückenköpfe  in Champigny-sur Marne und Bry-sur-Marne eingerichtet. Die Württemberger und die Sachsen mit dem Schwerpunkt bei Villiers-sur-Marne konnten aber die heftigen Angriffe abwehren und ihre Stellungen halten. Die übliche deutsche Bezeichnung für die Schlacht ist deshalb auch Schlacht von Villiers oder Schlacht von Villiers-Champigny.

Da es auf beiden Seiten hohe Verluste gegeben hatte, vereinbarten Franzosen und Deutsche für den 1. Dezember eine Waffenruhe, um die Toten zu begraben und Verwundete zu bergen. Der kampffreie Tag wurde  auch genutzt, um die jeweiligen Stellungen zu befestigen und Verstärkungen heranzuführen- auf deutscher Seite waren das vor allem preußische Soldaten.  

Schlacht von Champigny (Ausschnitt). Aquarell von Karl Schott (Maler und Offizier in der württembergischen Armee). Landesmuseum Stuttgart

Am 2. Dezember begann im Morgengrauen ein deutscher Gegenangriff. Ziel war es, die Franzosen über die Marne zurückzudrängen und ihre Pontonbrücken zu zerstören. Es gab heftige Straßenkämpfe in Champigny und Bry, aber das Ziel der Angriffe wurde nicht erreicht: Der Status quo blieb erhalten.

Die beiden Abbildungen -es sind Bilder von deutscher und französischer Seite- veranschaulichen, wie erbittert diese Kämpfe waren. Auf zeitgenössischen Abbildungen ist im Schlachtgetümmel teilweise nur schwer zu erkennen, wer zu welcher Seite gehört. Klar ist nur: Die Soldaten mit den roten Hosen gehören zu den französischen Linientruppen….

François-Constant Mès, Bataille de Champigny (Ausschnitt). Musée Carnavalet (Paris)

Trotz ihres relativen Erfolgs in den Kämpfen vom 2. Dezember unternahm die französische Armee keinen weiteren Durchbruchsversuch. Die Truppe war völlig erschöpft, sie litt unter der außerordentlichen Kälte: Es waren 14 Grad unter 0, die Soldaten hatten mehrere Nächte im Freien oder in den Ruinen der eingenommene Dörfer verbracht und die Armeeführung hatte, um das Marschgepäck zu erleichtern, darauf verzichtet, die Soldaten auch mit Decken auszustatten…  General Ducrot befahl also den Rückzug, womit die Kapitulation von Paris unvermeidlich war. Am 28. Januar 1871 beendete ein Waffenstillstand den deutsch-französischen Krieg.

Die Opfer auf beiden Seiten waren erheblich. Die diesbezüglichen Angaben schwanken allerdings. Im Katalog der Ausstellung ist die Rede von ungefähr 9500 Toten, Verletzten und Vermissten bei den Franzosen und etwa 5500 bei den Deutschen.[4]

Paul-Émile Boutigny, Der Tag nach der Schlacht in Bry-sur-Marne (Musée Adrien Mentienne, Bry-sur-Marne

Seit dem Beginn der Kämpfe versorgten die Frères de la doctrine chrétienne und die Ambulances de la Presse im Kampf Verwundete und brachten besonders  schwer Verletzte in Krankenhäuser nach Paris. Nach Beendigung der Kämpfe waren die Frères de la doctrine chrétienne mehrere Tage lang damit beschäftigt, die Toten auf dem Schlachtfeld zu bergen und in großen Massengräbern (fosses communes)  zu bestatten.

Auguste Lançon, Champigny, 8. Dezember 1870. Musée de Nogent-sur-Marne

Zu erkennen ist auf beiden Bildern das Rote Kreuz, das seit der Ersten Genfer Konvention von 1864 Spitäler und Ambulanzen schützt und in diesem Krieg seine erste große Bewährungsprobe bestand.

Der Feigling und der Held

Der für die französischen Truppen insgesamt unglückliche Verlauf der Schlacht machte vor allem den für den Ausbruchsversuch verantwortlichen Kommandeur, General Ducrot, zur Zielscheibe von Kritik, wofür sich die Form der Satire besonders anbot.

Ducrot hatte nämlich  am Beginn der Operation, dem 28.November 1870, einen flammenden Aufruf an die Soldaten erlassen, denen die Ehre zuteil werde, den „eisernen Ring“ um Paris zu durchbrechen. Er wünsche den Soldaten den gleichen Rachedurst und die gleiche Wut, die ihn antreibe und die sie veranlassen sollten, allen Gefahren zu trotzen. Er jedenfalls lege vor ihnen und der ganzen Nation den Eid ab, nach Paris nur tot oder siegreich (mort ou victorieux) zurückzukehren. „Ihr könnt mich fallen sehen, aber ihr werdet nicht sehen, wie ich zurückweiche.“

Aber dann kam es ganz anders: Alle Welt konnte sehen, wie General Ducrot im Widerspruch zu seinem pathetischen Eid zurückwich. Hier ist er abgebildet, wie er sich in einem Paket versteckt, um dem Tod, der ihn sucht und dem er eine lange Nase macht, zu entgehen. Bei dem 8. Büro, der Aufschrift auf dem Paket, handelt es sich um eine Instanz der Nationalversammlung, vor der sich Ducrot am 28.Februar 1871 zu seinem Verhalten während der Belagerung von Paris äußerte. Immerhin war die Armeeführung, nach fachkundiger Einschätzung, wesentlich für das Scheitern des geplanten Durchbruchs verantwortlich.[5] Insofern geht die Karikatur eher milde mit Ducrot um.

Sie nennt nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Spitznamen, den er seit der Schlacht von Champigny erhielt: Trompe-la-Mort, also einer, der dem Tod ein Schnippchen schlägt. Das weckt hier aber, anders als in dem so betitelten Lied von Georges Brassens, keine Gefühle der  Sympathie…

Auf dieser Karikatur werden die Worte von Ducrot aus seinem Tagesbefehl vom 28.11. „mort ou victorieux“ zitiert. Ducrot sitzt träumend über der Karte mit dem  eingeschlossenen Paris und sinnt darüber nach, wie er die Commune, die dort herrscht (ces misérables insurgés),  zur Raison bringen kann. Jetzt geht es für ihn nicht mehr um den Ausbruch aus dem belagerten Paris, sondern um den Angriff aus dem gemeinsamen Belagerungsring von Truppen der Republik (den sogenannten Versaillais) und der deutschen Armee auf das Paris der Commune. Der Lorbeer hängt welk herunter.

Der Titel der Karikatur: Ducrot, genannt Trompe la mort, und seine Verlobte. Die Verlobte ist der Tod, dem er sich versprochen hat, wovon er aber nun nichts mehr wissen will. Der Tod/die Verlobte kommentiert das entsprechend: Und dein Versprechen, du treulose Tomate!

Die Schlacht von Champigny hatte aber auch – und hat bis heute noch- seinen Helden. Und das war der aus dem  Elsass stammende Sergent Hoff.

Béatrice und Gilles Bataille-Winterhalter, Un héros de 1870: Sergent Hoff.  Straßburg 2005

Ignace Hoff gehörte während der Belagerung von Paris zu den dort eingeschlossenen Truppen. Dabei zeichnete er sich durch tollkühne nächtliche Operationen gegen deutsche Vorposten aus, bei denen er -zusammen mit seiner Truppe von Freischärlern- zahlreiche preußische und sächsische Soldaten überraschte und tötete. Durch eine seiner Aktionen sollen sogar die deutschen Soldaten von der kleinen schönen Marneinsel Île des Loups vertrieben worden sein. Für die belagerte, demoralisierte und hungernde Bevölkerung wurde Hoff zum Helden, der die Ehre des gedemütigten Landes wahrte. Die Armee ehrte ihn durch die Auszeichnung mit dem Kreuz der Ehrenlegion, die Presse sorgte dafür, dass seine Taten gebührend und noch entsprechend ausgeschmückt verbreitet wurden.[6]

Während der Schlacht von Champigny geriet Hoff in deutsche Kriegsgefangenschaft, verbarg aber aus Angst vor Repressalien seine eigentliche Identität  -die Preußen hatten 2000 Taler auf seine Ergreifung ausgelobt. Nach seiner Entlassung wurde Hoff schließlich auf Veranlassung von Mac Mahon, dem Präsidenten der Republik, zum Chefaufseher des Arc de  Triomphe ernannt, ein ehrenvolles Amt, das er bis zu seinem Tod 1902 bekleidete.[7]

Beerdigt wurde Hoff auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Die Statue auf seinem Grab ist das letzte Werk seines elsässischen Landsmanns Frédéric-Auguste Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue. [8] Die gemeinsame elsässische Herkunft erklärt auch die Mahnung, die das Mädchen auf den Sockel des Standbilds schreibt: Frankreich, erinnere dich! Es ist die Mahnung, das 1871 an Deutschland verlorene Elsass-Lothringen nicht zu vergessen.

Insofern war Hoff auch eine Verkörperung des damals in Frankreich gepflegten Revanche-Gedankens, der gerade auch in Champigny seinen „Wallfahrtsort“ hatte.

Die Schlacht von Champigny als Gegenstand französischer und deutscher Panoramen

Panoramen erfreuten sich in Frankreich und seit Beginn des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Es waren monumentale Gemälde, die in extra dafür gebauten runden Ausstellungsräumen präsentiert wurden. Ein erstes Beispiel waren die Landschaftspanoramen in Montmartre, die der passage des Panoramas ihren Namen gegeben haben. Sehr geschätzt bei einer gut betuchten Kundschaft waren damals auch die Panoramatapeten wie die Chasse de Compiègne, die Gegenstand eines früheren Beitrags auf diesem Blog war.[9]

Mehrtägige Schlachten waren natürlich auch geeignete Gegenstände für das Panorama-Medium. So entstanden Anfang der 1880-er Jahre zwei Panoramen über die Schlacht bei Gravelotte/Rezonville zu Beginn des deutsch – französischen Krieges[10] und eine weitere über die Schlacht von Champigny. Um diese Panoramen zu präsentieren, wurde in der rue de Berry, einer Seitenstraße der Champs-Élysées,  ein spezieller Rundbau errichtet.

Gemalt wurden die beiden 120 Meter langen und 9 Meter hohen Panoramen von zwei damals bekannten Malern, Édouard Detaille und Alphonse de Neuville. Beide konnten sich dabei auf als Kriegsteilnehmer auf  eigene  Erfahrungen beziehen:  Detaille nahm sogar an der Schlacht von Champigny teil.[11]

Es ist bemerkenswert, wie es den beiden Malern mit ihren Panoramen gelang, ein großes Publikum anzuziehen, obwohl die beiden Schlachten ja mit Niederlagen der französischen Armee endeten und obwohl den Besuchern mit großem Realismus die Grausamkeit des Krieges keineswegs erspart wird.[12]

Infanteristen in einem Hohlweg. Fragment des Panoramas von Champigny (Musée de l’Armée)

Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der in Frankreich der „Schmerz der Niederlage“ kultiviert wurde, in der patriotische Skulpturen wie der Löwe von Belfort oder La Défense, die dem heutigen Hochhausviertel von Paris ihren Namen gegeben hat, entstanden, und in der von Männern wie Paul Déroulède oder Maurice Barrès  der Geist der Revanche beschworen wurde. Dazu passte die „der Ehre des unglücklichen Muts“ französischer Soldaten gewidmete Militär-Malerei Alphonse de Neuvilles und Edouard Detailles.[13] Hier wurden nicht mehr triumphierende Generale, sondern „les uniformes simplifiés (…), l’officier et le soldat confondu dans l’égalité de la défaite“ gezeigt, wie es in einem zeitgenössischen Pressebericht heißt. Dem Bild der kriegsgeschundenen Nation, die nun in ihrer gleichmacherischen Zerrüttung egalitär erschien, wurde so ein würdevoll-stolzer Ausdruck verliehen.[14]

Hier das zentrale Motiv des Champigny-Panoramas. Detaille hatte die eine Hälfte gemalt, Neuville die andere: Die beiden mit den entsprechenden Namen versehenen Soldaten markieren die Mitte, in der sie sich treffen. Und sie bezeichnen auch die beiden Seiten der Schlacht: Den Tod und das siegreiche Voranstürmen.

Fragment des Panoramas von Champigny. Musée de l’Armée

Nach der Präsentation in Paris wurde das Panorama der Schlacht von Champigny von 1887 bis 1891 in Wien gezeigt, danach von Detaille selbst in 65 Teile zerschnitten und 1896 versteigert.  Das Museum von Gravelotte konnte immerhin einige Teile aus einer Sammlung des Milliardärs Forbes erwerben, die zusammen mit Teilen des Rezonville-Panoramas dort zu sehen sind.[15]

Ein Fragment – Soldaten mit Mauleseln einer Ambulanz- ist auch im Museum Carnavalet ausgestellt.[16]

Württembergische und sächsische Panoramen

Auch in Deutschland erfreuten sich Panoramen mit Motiven des deutsch-französischen Krieges und seiner siegreichen Schlachten großer Beliebtheit. Die Schlacht von Champigny war besonders in Württenberg und Sachsen populär, denn immerhin waren es ja württembergische und sächsische Truppen, die dort eingesetzt waren. Für die  Württemberger war Champigny sogar der bedeutendste militärische Einsatz im gesamten deutsch-französischen Krieg.

Dies erklärt, warum es in Stuttgart 1890 sogar zwei Champigny-Panoramen gab: Die  Württemberger bei Champigny-Villiers hatte den ersten  Tag der Schlacht, den 30. November 1870, zum Gegenstand, das zweite Panorama Sturm auf Champigny konzentrierte sich auf den Sturm württembergischer Truppen auf das Dorf Champigny und die dortigen Straßenkämpfe  am 2. Dezember.

Auch auf vielfältige andere Weise wurde die Erinnerung an  die Schlacht wachgehalten. Im Park der Stuttgarter Villa Berg wurde zum Beispiel ein Kriegerdenkmal aus Granit-Blöcken errichtet mit einer Inschrift, einem krönenden Bronzeadler und einer Wappentafel über der Inschrift. Adler und Wappentafel wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.[17]

Und Champigny-Straßen gibt es auch heute noch in Stuttgart und Reutlingen.[18]

Der Mut der sächsischen Soldaten in der Schlacht von Champigny wurde ebenfalls in einem Panorama gefeiert. Das von Eugen Bracht und Georg Koch gemalte Panorama Die Sachsen vor Paris wurde zunächst 1887 in Leipzig und 1890 in Dresden präsentiert.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren es dann noch weitere deutsche Städte, die diese Panoramen zeigten. Allerdings ist von ihnen -anders als von den Panoramen Detailles und de Neuvilles-  nichts mehr erhalten.[19]

Das Denkmal und das Beinhaus (ossuaire) von Champigny: Ein Ort der Erinnerung, der Revanche und des Friedens

Seit 1871 wurden in Bry-sur- Marne und in Champigny-sur-Marne jeweils am 2. Dezember Veranstaltungen zum Gedenken an die Schlacht organisiert. Am 2. Dezember 1873 wurde ein auf einem breiten Sockel postierter Obelisk errichtet, der fünf Jahre später durch eine Krypta ergänzt wurde, in der die sterblichen Überreste von 1400 in der Schlacht getöteten französischen und deutschen Soldaten ruhen, die zunächst provisorisch in Massengräbern bestattet worden waren.[20]

Einweihung des Erinnerungsdenkmals an die Kämpfe von Champigny vom 30 November und 2. Dezember 1870.[21] 10 000 Menschen waren damals dabei, bei der Einweihung des Beinhauses 20 000.

                                             Einweihung des Beinhauses am 2. Dezember 1878

Das Denkmal von Champigny wurde nun zum Mittelpunkt einer offiziellen und auch sehr lebendigen populären Erinnerungskultur an den Krieg 1870/1871. Dies fand auch seinen Ausdruck in der Umänderung des Ortsnamens: Champigny-sur-Marne wurde nämlich umbenannt in Champigny-la-Bataillle.  Auch wenn die Schlacht mit einem Rückzug der französischen Truppen endete, galt sie doch als eine der wenigen Erfolge in diesem Krieg. Vor allem aber wurde die Schlacht als moralischer Sieg der Verteidiger von Paris gesehen, die durch ihren Opfertod der Idee der Vaterlandsliebe wieder zu ihrem Recht verholfen hätten.

„Damit war bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Topos entstanden, der bis zum Ersten Weltkrieg den öffentlichen Diskurs über den Krieg von 1870/71 in allen politischen Lagern gleichermaßen prägen sollte: Durch die extreme Akzentuierung der moralischen Qualität, die man im Akt der Verteidigung begründet sah, konnte der Krieg als ein Ereignis dargestellt werden, mit dem eine positive Identifizierung möglich war. Die Niederlage wurde auf eine „höhere“ Ebene transzendiert, auf der die Ereignisse von 1870/71 als ein moralischer Sieg darstellbar waren, den es für alle Ewigkeit festzuhalten galt.“[22]

Deutlich ist diese Botschaft in dem „Bericht der Schlacht von Champigny“, einer Broschüre,  die seit 1873 an dem Denkmal verkauft wurde: [23]

In den Tagen dieser Schlacht sei mit großer Bravour gekämpft worden und viel Blut geflossen, auch wenn die grauenhaften Opfer nicht den gewünschten Erfolg mit sich gebracht hätten. Immerhin seien die Soldaten in dem Glauben gefallen, für einen siegreichen Kampf ihr Leben gegeben zu haben. Wie auch immer: Soldaten und Offiziere hätten „le salutaire exemple de leur patriotisme“ gegeben und ihres heldenhaften Muts. Sie verdienten -wie die Sieger- die Dankbarkeit ihrer Mitbürger, den Respekt ihrer Feinde und die Wertschätzung der unparteiischen Geschichte.

Das Beinhaus von Champigny ist -wie auch Gravelotte und das Ehrental in Saarbrücken[24]– einer der wenigen Orte, wo miteinander die sterblichen Überreste französischer und deutscher Soldaten bestattet sind. Und wie auch in Gravelotte von deutscher Seite werden hier von französischer Seite die Gefallenen beider Seiten gleichberechtigt geehrt.

Insofern ist Champigny ein Ort der Erinnerung, aber auch ein Symbol des Friedens.[25] Seit 1882 wurde allerdings Champigny auch zum Schauplatz nationalistischer Kundgebungen der antiparlamentarischen und antisemitischen „Ligue des Patriotes“ und zu einem „Symbol der Revanche“ für die Niederlage im deutsch-französischen Krieg.  Am 3. Dezember 1908 beschwor deren Vorsitzender Paul Déroulède den „unvermeidlichen Krieg“, der viel schneller kommen werde als das „die Herren Pazifisten“ glauben machten.[26]  

Mit dem Beginn des Weltkrieges und dem Tod Déroulèdes 1914 erhielten die revanchistischen Strömungen neuen Auftrieb, und es war Maurice Barrès, der die Tradition der chauvinistischen Kundgebungen in Champigny fortsetzte.[27] Jetzt ging es nicht mehr nur um die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen, sondern um die linksrheinischen Gebiete Deutschlands….   Am 1. Dezember 1918 stattete dann der französische Präsident Raymond Poincaré, dem Denkmal von Champigny einen Besuch ab, um nach dem gewonnenen Krieg zu demonstrieren, dass nun die Niederlage von 1871 gerächt sei.[28]

Allerdings hatten die revanchistischen Strömungen, so lautstark sie auch sein mochten, in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Kriegsausbruch keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die französische Politik und Gesellschaft. So konnte auch 1910 in Champigny ein Denkmal für die 1870 dort gefallenen  württembergischen Soldaten eingeweiht werden, das von württembergischen Veteranen gestiftet worden war.[29]

Württemberg seinen tapferen Söhnen/Le Wurtemberg à ses braves fils

Für die Württemberger war Champigny nach zeitgenössischem Urteil immerhin das, was Sedan für die preußische Armee war.  Es gab zwar damals in Frankreich einige kritische Stimmen wegen des Eisernen Kreuzes, das den Obelisken krönte, aber das hinderte nicht, dass das Denkmal in einer gemeinsamen feierlichen Zeremonie von Deutschen und Franzosen der Stadt übergeben wurde. Es unterstrich damit, wie es auf der homepage von Champigny heißt, den Wunsch nach Befriedung zwischen den ehemaligen Gegnern.[30]

Das Denkmal heute[31]

Ein Monument der Versöhnung ist vor allem das Beinhaus (ossuaire) von Champigny.   

Dies nicht nur, weil dort Deutsche und Franzosen Seite an Seite bestattet sind und damit in ihrem Tod ein Symbol des Friedens sind, sondern weil Frankreich und Deutschland gemeinsam Verantwortung für seine Unterhaltung übernommen haben.[32]

Und die ist dringend von Nöten. Denn das Gewölbe ist höchst baufällig, ja sogar einsturzgefährdet. Schon 1939 hätte es renoviert werden sollen, was kriegsbedingt aber unterblieb. 2016 wurde es in Anwesenheit des damaligen deutschen Botschafters Meyer-Landruth nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sehr nachhaltig waren die aber offenbar nicht, denn inzwischen ist die Krypta schon wieder gesperrt….[33] Es ist zu hoffen, dass diesem traurigen Zustand bald ein Ende gemacht wird und es nicht erneut -wie 2010 Le Monde- Anlass gibt,  von dem „ossuaire oublié de Champigny“ zu sprechen….


Anmerkungen:

[1] Ausstellung in Bry-sur-Marne: La Bataille de Champigny, 30 novembre et 2 décembre  1870.  Vincent Roblin, Katalog zur Ausstellung, Bry-sur-Marne 2021. Siehe auch: http://memoiredhistoire.canalblog.com/archives/2021/06/04/39000833.html

[2] Oft wird in französischen Darstellungen von preußischen Truppen  gesprochen, die auf deutscher Seite an der Schlacht von Champigny beteiligt waren. Siehe z.B. Le Monde  vom 17. Dezember 2010:   La ville a célébré, le 4 décembre, la plus grande bataille du siège de Paris qui, il y a 140 ans, opposa pendant trois jours 60 000 Français à 70 000 soldats prussiens. (L’ossuaire oublié de Champigny-sur-Marne (lemonde.fr)   Dabei wurde der Belageerungsring an dieser Stelle von sächsischen und württembergischen Truppen gebildet. Nach dem französischen Angriff vom 30. November wurden dann  allerdings preußische Verstärkungen herangeführt.

[3] Karte aus der Ausstellung in Bry. Siehe auch die Karte bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[4] Ausstellungskatalog, S. 24. Eine vom Office National des Anciens Combattants et Victimes de Guerre herausgegebene Broschüre über La Bataille de Champigny spricht von etwa 6000 Verlusten bei der fanzösischen Armee, darunter 400 Offizieren. Die Opfer bei den Preußen, den Sachsen und Württembergern seien noch höher gewesen. Bei Wikipedia folgende Angabe:  „Die Franzosen verloren an Toten und Verwundeten über 9.500 Mann, die Deutschen über 3.500 Soldaten und Offiziere.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[5] „Le commandement français est essentiellement responsable de l’échec de cette percée. Kes effectifs engagés ont été notamment insuffisants quand beaucoup de troupes, à l’arrière, sonst restées inemployées.“ (Broschüre  La Bataille de Champigny a.a.O., S.5). Außerdem waren die für Entlastungsangriffe vorgesehenen Truppen nicht über die Verschiebung des Angriffstermins informiert worden, so dass sie sinnlos eingesetzt wurden und hohe Verluste erlitten.

[6] Nachfolgendes Titelbild der Zeitschrift L’Eclipse vom 19. Januar 1873

[7] Zu Hoff siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ignace_Hoffhttps://amismuseearmee.fr/en-marge-de/1215-2021-le-sergent-ignace-hoff  und  Lucien Louis-Lande, Le sergent Hoff: Épisode du siège de Paris. 2018  

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[9] https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[11] Marina Taravella, Le panorama animé: La bataille de Champigny. 25.1.2021. https://www.champigny94.fr/article/le-panorama-anime-la-bataille-de-champigny

[12] Nachfolgendes Bild aus: Fichier:Fantassins dans un chemin creux, fragment du panorama de La Bataille de Champigny.jpg — Wikipédia (wikipedia.org) Siehe auch:

https://basedescollections.musee-armee.fr/ark:/66008/01143.locale=fr

[13] [29] https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18-decryptages/article/2014/04/08/1914-la-revanche-de-1870-pas-si-simple_4397706_4366930.html

[14] Siehe: Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. Pariser Historische Studien, Band 70, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris. München: R.Oldenbourg Verlag 2006, S. 448

[15] Einen Überblick über das gesamte Panorama bietet: Version animé https://www.youtube.com/watch?v=k4GGopuUyKk

[16] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/scene-militaire-mobiles-conduisant-des-mulets-d-ambulances-fragment-du#infos-secondaires-detail

[17] https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/lmz_bilddatenbank_02/LMZ992506/Stuttgart+Champigny-Denkmal+im+Park+der+Villa+Berg+um+1930  Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Villa_Berg,_Champigny-Denkmal.jpg

[18] Zur Geschichte einer ehemaligen Champigny-Straße in Stuttgart siehe: https://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=509

[19] Siehe Ausstellungskatalog Bry-sur-Marne, S. 40/41

[20] L’ossuaire, où reposent 1 000 Français et 400 Prussiens, (Le Monde vom 17.12.2010)  http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99 Natürlich sind es vor allem Württemberger und Sachsen, die dort bestattet sind, und nicht Preußen. Aber das entspricht einer gängigen französischen Darstellungsweise, nach der es sich 1870/1871 um einen französisch-preußischen Krieg handelte. Siehe zum Beispiel: https://www.herodote.net/Introduction_la_guerre_en_bref-synthese-543.php : Artikel mit der Überschrift: La guerre franco-prussienne (1870-1871);  https://www.histoire-pour-tous.fr/guerres/5601-la-guerre-franco-prussienne-de-1870.html und http://archives.paris.fr/r/280/guerre-franco-prussienne-de-1870-1871-150-ans-/

[21] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[22] Andreas Metzing, Kriegsgedenken in Frankreich (1871 – 1914). Studien zur kollektiven Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 187071871.  Diss. Uni Freiburg 1995 https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:418/datastreams/FILE1/content

[23] Bild und Zitat aus: Récit Champigny (laguerrede1870enimages.fr)

[24] Zu Gravelotte siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/  Zum Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken -am Fuß der zu Beginn des deusch-französischen Krieges erbittert umkämpften  Spicherer Höhen siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/  In Bry-sur-Marne gibt es  in der Rue du 2 décembre noch ein weiteres Denkmal und Mausoleum mit den sterblichen Überresten  von etwa 500 französischen und deutschen Soldaten.

[25] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[26] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[27] Nachfolgendes Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Discours_de_Barr%C3%A8s_%C3%A0_Champigny.jpg

[28] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[29] https://monumentsmorts.univ-lille.fr/monument/78969/champigny-sur-marne-rueroute/ Siehe auch: https://oldthing.de/AK-Ansichtskarte-Champigny-sur-Marne-Monument-eleve-a-la-memoire-des-Soldats-Wurtembergeois-morts-a-la-Bataille-du-Nov-et-Dec-1870-0038464722

[30] https://www.champigny94.fr/article/monument-des-wurtembergeois-la-presse-en-parle

[31] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Monument_des_Wurtembourgeois_(Champigny-sur-Marne)#/media/File:Monument_Wurtembourgeois_Champigny_Marne_5.jpg

[32] Vorhergehendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/l-ossuaire-de-la-bataille-de-1870-ferme-au-public-a-champigny-19-02-2020-8263128.php

Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/champigny-sur-marne-94500/champigny-l-ossuaire-renove-devoile-ses-sepultures-de-soldats-30-03-2016-5673295.php  Dort wird auch die damalige deutsche Botschafterin zitiert, die 2013, bei Beginn der Renovierungsarbeiten Champigny als Symbol des Friedens bezeichnete.

[33] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

Le musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, ist wieder eröffnet. Ein erster Rundgang

Photo: Juni 2021

Wie das Plakat verheißt, ist „La vie Parisienne“ mit dem Ende des Corona- Lockdowns zurückgekehrt und damit auch „sein Museum“, das nach gut vierjähriger Renovierungszeit wieder geöffnete Musée Carnavalet.

In dieser Zeit ist viel geschehen:

  • Das Museum ist jetzt viel besucherfreundlicher geworden. Es umfasst ja zwei ehemalige Stadtpalais, das hôtel Carnavalet aus dem 16. (mit späteren Erweiterungen) und das hôtel du Peletier de Saint-Fargeau aus dem 17. Jahrhundert. Die Verbindung zwischen beiden Gebäuden wurde nun verbessert, der Ausstellungsparcours wurde einfacher und übersichtlicher, wozu elegante neue Treppen wesentlich beitragen.
  • Die Ausstellungsräume wurden im wahrsten Sinne entstaubt, zum Teil -prosaisch ausgedrückt- auch etwas entrümpelt- und das war auch wirklich nötig: Die erste Frage eines Pariser Freundes, dem wir von unserem Museumsbesuch erzählten: Ist das Carnavalet immer noch so vollgeräumt? Vielleicht hätte man da noch mehr tun können und müssen (zum Beispiel in der Abteilung über die Französische Revolution), aber den Konservatoren wird es ja so ähnlich gehen wie einem Bücherfreund, der sich -auch wenn die Regale überquellen- nur schwer von Stücken trennen kann, zu denen er doch alle eine persönliche Beziehung hat.
  • Das Museum hat den Anspruch, sich für breite Besucherschichten zu öffnen, speziell auch für Kinder: Etwa 10% der Ausstellungsobjekte sind besonders für sie positioniert und aufbereitet.

Insgesamt sind es 3700 Ausstellungsstücke, mit denen die Geschichte der Stadt illustriert wird. Der Überblick reicht von der Vorgeschichte …..

Reste einer über 4500 Jahre alten neolithischen Piroge aus Bercy (heute 12. Arrondissement)

bis zur Gegenwart…

Überdimensionaler Bleistift, der 2015 auf einer Solidaritätsdemonstration für die von islamistischen Terroristen ermordeten Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mitgeführt wurde.

Dies ist nur eine kleine Auswahl aus den Beständen des Museums, die aber nach der Vorstellung von Valérie Guillaume, der Leiterin des Museums, geeignet sein soll, bei einem ersten Besuch bewältigt zu werden. Ein Museum, so meint sie, müsse an einem Tag entdeckt werden können.[1]  Mit diesem Anspruch ist ein Besucher, der zum ersten Mal dieses Museum besucht, sicherlich überfordert. Realistischer ist es, einen ersten groben Überblick zu gewinnen. Dann kann man sich je nach Zeit und Interesse später die eine oder andere Abteilung oder besonders interessierende Ausstellungstücke noch einmal genauer ansehen.

Hier einige erste Eindrücke. Ich habe für diesen Beitrag Ausstellungsstücke ausgewählt, die ich besonders interessant, wichtig, kurios oder schön finde. Es sind auch viele Stücke dabei, die auf Themen verweisen, die schon Gegenstand dieses Blogs waren. Entsprechende Hinweise/Links finden sich in den jeweiligen Anmerkungen. Insgesamt soll damit ein Überblick über das große und vielfältigeAngebot des Museums entstehen und das Interesse geweckt werden, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Blick aus dem Eingangsbereich in den Ehrenhof (cour d’honneur) des Museums mit der Statue Ludwigs XIV. Sie ist ein Werk von Antoine Coysevox und wurde 1689 für das Rathaus von Paris geschaffen und steht seit 1890 im Ehrenhof des Museums.

Der Rundgang beginnt mit dem sehr einladenden Saal der Firmen- und Werbeschilder (salle des enseignes).

Dort sind zahlreiche alte und besonders kunstvolle Schilder von Restaurants, Geschäften und Werkstätten ausgestellt. Zum Beispiel das Schild mit der schlafenden Katze und der Maus…

Es gehörte zu einer Weinhandlung in der rue Mouffetard

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00272ccarnavalet-11-kopie.jpg.

Ausgestellt ist auch das heftig umstrittene Bild „Au nègre joyeux“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts machte es Reklame für eine Café an der place de Contrescarpe.[2]

2017 wurde es auf Beschluss des Pariser Stadtrats entfernt und hängt nun in einer abseitigen Ecke des Museums. Beigefügt ist eine Informationstafel mit dem Text eines nicht näher bestimmten „comité scientifique“. Danach ist das Bild Ausdruck „rassistischer Stereotype“, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts üblich gewesen seien: Deshalb seine Verbannung aus dem öffentlichen Raum. Es gibt allerdings auch ganz andere, gegenteilige Deutungen des Bildes.  Immerhin zeigt es einen „homme de couleur“ nicht als Diener, sondern als Kunden, der gerade von einer Angestellten des Cafés bedient wird. Aber die Bemühungen der betroffenen Hausgemeinschaft, von Bürgerinitiativen und der mairie des 5. Arrondissements, das Bild mit einer Erläuterung des historischen Kontextes an seinem angestammten Platz zu lassen, waren vergebens.[3] In einem späteren Blog-Beitrag vielleicht mehr zu diesem grotesken Schauspiel politischer correctness.

Bei einem ersten Besuch des Museums wird man dann weitergehen zu den  Galeries d’introduction mit ihren einführenden Informationen und Ausstellungsobjekten zur Geschichte der Stadt Paris und den hôtels Carnavalet und Le Peletier de Saint-Fargeau, die heute als Museum dienen.

Dort gibt es beispielsweise einen großen Plan der Stadt Paris aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts oder diese Eichenholztür des Pariser Rathauses: Die alte wurde 1652 während der Fronde, der Revolte gegen die königliche Herrschaft des jungen Ludwig XIV., zerstört und durch die neue Tür mit den Medusen-Häuptern ersetzt. Sie überlebte den von der Pariser Commune gelegten Brand des Rathauses am 24. Mai 1871.

Überlebt hat den Brand des Rathauses auch die Reiterstatue Statue Heinrichs IV. im cour Henri Quatre, in den man von hier aus einen Blick werfen kann. Es gibt dort auch einige ruhige Sitzplätze.

Die Statue schmückte ursprünglich den Tympanon des Haupteingangs des Pariser Rathauses. Dort ersetzte sie eine 1606 aufgestellte und 1792 zerstörte Vorgängerstatue. Am Hals des Pferdes ist noch die Einschussstelle einer Kugel aus dem semaine sanglante 1871 zu sehen

Man kann dann  die Ausstellungsräume im 1. und 2. Stock besuchen, in denen die Geschichte der Stadt vom 16. bis zum 20. Jahrhundert präsentiert wird. Wir folgen hier aber dem am historischen Ablauf orientierten Rundgang, der mit Objekten zur vorgeschichtlichen, römischen und mittelalterlichen Entwicklung der Stadt beginnt. Sie sind im Keller des hôtel Carnavalet ausgestellt, den man über einen originalen Zugang erreicht.

Hier ein Kapitellfragment aus dem römischen  Lutetia

Modell der dichten mittelalterlichen Bebauung der Île de la Cité rund um Notre-Dame:

Kopf und Hand Abélards aus dem Grabmal von Abélard und Héloise auf dem Friedhof Père Lachaise (1814-1818). Das Gegenstück von Héloise gibt es natürlich auch. Als der Père Lachaise zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde, überführte man die sterblichen Überreste des mythischen mittelalterlichen Liebespaares dorthin. Wie auch die damals eingerichteten Gräber von Molière und La Fontaine sollten sie dazu dienen, den neuen Friedhof für die Pariser Bourgeoisie attraktiv zu machen. Bei der Gestaltung der Köpfe soll sich der Bildhauer Pierre-Nicolas Beauvallet an den exhumierten Schädeln von Abélard und Héloise orientiert haben.

Der Rundgang geht weiter im ersten Stockwerk des hôtel Carnavalet. Dort wird natürlich  Madame de Sévigné, die berühmte Briefschreiberin, gebührend gewürdigt. Immerhin war sie fast 20 Jahre lang Hausherrin im hôtel Carnavalet.

Hier ihr Portrait (Claude Levèbvre, ca 1665) über dem aus China stammenden Schreibtisch, an dem sie viele ihrer Briefe an die Tochter in der Provence schrieb. Auch die Adresse des Museums erinnert an Madame de Sévigné: 23, rue  de  Sévigné.  Ihr Geburtshaus befindet sich ganz in der Nähe, an der place des Vosges.

Ein altes Straßenschild: Dort wurde 1610 Heinrich IV. von einem religiösen Fanatiker ermordet. An Ort und Stelle ist -an den Arkaden zur Fontaine des Innocents – eine Erinnerungsplakette angebracht. Und in den Boden ist eine Platte eingelassen mit dem Wappen des Königs, das Frankreich und Navarra (sein Herkunftsland mit seinen Geburtsort Pau) verbindet.

Detail eines Paravant aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit einem Imitationslack der Familie Martin (vernis Martin) hergestellte Lackarbeit mit chinesischen Motiven. Diese Lackarbeiten erfreuten sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit. Der Faubourg Saint-Antoine war bis Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion. Im Ancien Régime wurden dort von den Kunsttischlern des Viertels, den ébénistes, die exquisiten Möbel des französischen Adels hergestellt. [3a]

Eine besondere Attraktion des Museums sind die sogenannten „period rooms“. Ein Beispiel ist dieser Salon de musique mit Holzvertäfelungen aus einem hôtel particulier, einem Stadtpalais, das im 19. Jahrhundert zerstört wurde.

Im Museum hat auch der prächtige Salon de compagnie des hôtel d’Uzès aus der rue de Montmartre seinen Platz gefunden. Gestaltet wurde er von Claude-Nicolas Ledoux. Es gibt im Museum mehrere Räume, die Ledoux gewidmet sind. Immerhin hat er die neoklassizistische Architektur vor der Französischen Revolution entscheidend mitgeprägt und seine utopischen architektonischen Entwürfe haben großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Architektur gehabt. Ausgestellt sind auch die von ihm entworfene Ausstattung des berühmten Café militaire und Modelle der ebenfalls von ihm entworfenen „Barrieren“ der berüchtigten Zollmauer um Paris. Vier dieser klassizistischen Torhäuser und Zollstationen sind heute noch erhalten.[4]

Ein Schwerpunkt des Museums ist die Abteilung zur Französischen Revolution im zweiten Stock des hôtel du Peletier de Saint-Fargeau.

Dabei werden natürlich auch Rousseau und Voltaire als geistige Väter der Revolution gebührend gewürdigt.

Hier ein Bild des Sarkophags von Jean-Jacques Rousseau, der nach seiner Überführung aus dem Grabmal von Ermanonville am 11. Oktober 1794 vor dem Pantheon aufgebahrt wurde, bevor die sterblichen Überreste – zusammen mit denen Voltaires- im Gewölbe des Pantheons ihre letzte Ruhestätte erhielten. [5]

© Paris Musées / Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein berühmtes Ausstellungsstück des Museums ist das Gemälde von Jacques-Louis David, das den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 zeigt – hier ein Ausschnitt. Der Ballhausschwur war sozusagen der Gründungsakt der Französischen Revolution: Die im Ballhaus (jeu de paume) von Versailles versammelten Vertreter des Dritten Standes schworen, nicht eher auseinander zu gehen, bevor nicht eine Verfassung verabschiedet worden sei.

Im Zentrum des Bildes steht Bailly, der Bürgermeister von Paris, der gerade den Eid vorspricht. Deutlich hat David die Begeisterung der Abgeordneten in Szene gesetzt, die -mit einer Ausnahme- den Beschluss mit ihrem Eid besiegeln: Er zeigt die große Menge, aber auch einzelne, detailgenau portraitierte Abgeordnete: Das Volk, dessen Souveränität hier beschworen  wird, ist nicht eine anonyme  Masse, sondern es konstituiert sich aus einer Vielzahl von Individuen. Durch die geöffneten Fenster des Ballhauses scheint das Licht (der Aufklärung), und der leichte Vorhang wird von dem frischen Wind bewegt, der durch den Saal und symbolisch auch durch ganz Frankreich weht.[6]

Hier ein Modell der Bastille, hergestellt aus einem Steinquader der abgerissenen Bastille. Schon am 15. Juli 1789, einen Tag nach der Erstürmung der Bastille, erhielt der Unternehmer Pierre-François Palloy den Auftrag, die Bastille abzutragen, womit etwa 800 Arbeiter beschäftigt waren. Während der größte Teil der Steine für Pariser Bauten wiederverwendet wurde, nutzte Palloy einen Teil davon gewinnbringend für die Herstellung von Souvenirs[7] – so wie das später dann ja auch mit Bruchstücken der Berliner Mauer geschah…. Jedes der neuen Départements erhielt ein solches Bastille-Modell.

Nicht fehlen darf in dem Museum natürlich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 (hier ein Ausschnitt). Frankreich versteht sich ja gerne als das „Vaterland der Menschenrechte“. Aber von Anbeginn an gab es immer eine gewisse Diskrepanz zwischen dem hehren Anspruch und einer mehr oder weniger dahinter zurückbleibenden Realität.[8] Nur ein Beispiel: So forderte am 14. September 1791 Olympe de Gouges in ihrer Deklaration  „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ die Gleichstellung von Mann und Frau.  Zwei Wochen davor war die Verfassung der konstitutionellen Monarchie mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als Präambel proklamiert worden, die -wie auch der spätere Code Napoléon- den Frauen die rechtliche Gleichstellung mit dem Mann verweigerte. Am 3. November 1793 wurde die mutige Vordenkerin der Rechte der Frau von den jakobinischen Machthabern guillotiniert – sie habe vergessen, was sich für ihr Geschlecht ziemt, hieß es.[9] Und auch heute noch gibt es genug Bereiche und Fälle, wo die Beachtung der Menschen- und Bürgerrechte zu wünschen übrig lässt. So wurde Frankreich seit 2012 acht mal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen eines inhumanen bzw. unwürdigen Umgangs mit Asylsuchenden verurteilt.[10] Aber leider fehlt es da in dem Museum an einer beigefügten historischen Einbettung und Problematisierung.

Diese Schreibgarnitur aus der Revolutionszeit trägt die Parole „Frei Leben oder Sterben“ (Vivre Libre ou Mourir), die auch Untertitel des Vieux Cordelier, einer von Camille Desmoulins herausgegebenen Zeitschrift war. Sie bezieht sich auf Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte: Die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte. Jeder Bürger kann also frei schreiben, reden und drucken unter Vorbehalt der Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen.

Diese Figur eines Soldaten aus Holz und Metall entstand zwischen 1789 und 1800 und stand vor einem Rekrutierungsbüro für die 1789 in Paris geschaffene und von La Fayette befehligte Nationalgarde.  Es handelte sich um eine Miliz von Freiwilligen, die dazu dienen sollte, im Frieden Ruhe und Ordnung vor Ort zu sichern und im Krieg die reguläre Armee zu unterstützen.

Das sind die Möbel der königlichen Familie während der Gefangenschaft im Tour du Temple an der Rue du Temple im Marais. Das war der -heute nicht mehr existierende-  Rest einer befestigten Anlage  der Tempelritter, die zu Beginn der Französischen Revolution von der Stadt Paris in ein Hochsicherheitsgefängnis umgewandelt worden war.   Am 10. August 1792 stürmten Revolutionäre das Tuilerien-Schloss, in dem die königliche Familie nach der gescheiterten Flucht arrestiert war. Die Zeit bis zur Hinrichtung Ludwigs XVI./Louis Capets  am 21. Januar 1793 verbrachte die Familie im Temple-Gefängnis.

Den Abschied des zum Tode verurteilten Ludwigs XVI. von seiner Familie am 20. Januar 1793 hielt der Maler Jean-Jacques Hauer in diesem im Museum ausgestellten Ölgemälde fest. Es ist auch wegen des Malers bemerkenswert. Der wurde nämlich als Johann Jacob Hauer im rheinhessischen Gau-Algesheim geboren. 1769 ließ sich Hauer in Paris nieder, wo er an der Kunstakademie Schüler von Jacques-Louis David wurde.

Im Sommer 1789 diente Jean Jacques Hauer, wie er sich inzwischen nannte,  als Kommandant im 2. Bataillon der Garde Nationale. 1792 wurde er als Kapitän der Nationalgarde Kommandant des Bataillons der Section des Cordeliers. Der nach dem Cordeliers-Kloster in der Rue de l’École-de-Médecine benannte Club des Cordeliers  zählte mit Georges Danton und Jean Paul Marat zu den radikalen Clubs unter den Revolutionären. Hauer überstand aber als Maler der Revolution und dann der Restauration die Umbrüche seiner Zeit unbeschadet.[11]

Ohrringe „à la guillotine“ mit phrygischer Mütze oben, an denen die Köpfe von Ludwig XVI. und Marie – Antoinette mit umgedrehter Königskrone baumeln (um 1880): Ein delikater Schmuck. Offensichtlich handelt es sich ein „republikanisches“  Ohrgehänge, mit dem die Guillotinierung  von Ludwig XVI. begrüßt wurde.

Natürlich wird auch das Zeitalters Napoleons ausführlich in dem Museum berücksichtigt – um so mehr,  als die Stadt ja wesentlich von seinen Bauten wie dem Arc de Triomphe, der Madeleine, der Rue de Rivoli etc geprägt wurde.

„Le cortège du Sacre de Napoléon I le 2 décembre 1804″ (Der Krönungszug am 2.Dezember 1804 auf dem Pont Neuf auf dem Weg nach Notre-Dame).  Gemälde von Jacques Bertaux (1745-1818). Ausschnitt

Das Bild zeigt die Kutsche mit Napoleon und Josephine bei der Überquerung des Pont Neuf auf dem Weg zur Kathedrale von Notre-Dame de Paris, wo die Krönung zum Kaiser und zur Kaiserin stattfand. Der mit der Initiale N versehene Wagen wurde speziell für diese Zeremonie gebaut. Insgesamt bestand der von Kavallerie gesäumte und begleitete Zug der Hochzeitsgäste aus über 40 luxuriösen Wagen. Die Balkone und Zimmer vor allem in der Nähe von Notre-Dame wurden an Zuschauer vermietet, die nichts von dem grandiosen Schauspiel verpassen wollten.[12]   

Dieses Ölgemälde von Robert Lefèvre zeigt Napoleon in der Uniform eines Obersten der Garde. Das Bild wurde 1809 von der Stadt Paris für den kaiserlichen Salon des Rathauses bestellt. Bemerkenswert ist übrigens, dass die Hand Napoleons auf eine Landkarte deutet, die Europa und Nordafrika abbildet. Immerhin hatte  Napoleon in diesem Jahr nach dem entscheidenden Sieg bei Wagram dem Kaiserreich Österreich den Frieden von Schönbrunn diktiert und damit den 5. Koalitionskrieg beendet. Napoleon wird damit als siegreicher Stratege und Feldherr gefeiert.

Mit einem großen Sprung geht es jetzt weiter zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Pariser Commune.

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Jules Didier und Jacques Gulaud. Es zeigt den Abschied des jungen Kriegsministers Léon Gambetta, der am 7. Oktober 1870  von Montmartre aus mit dem Ballon L’Armand-Barbès das von deutschen Truppen eingeschlossene Paris verlässt, um von Tours und dann von Bordeaux aus den Widerstand zu organisieren. Rechts oben im Bildausschnitt sieht man  übrigens einen Käfig mit Brieftauben, die einen wesentlichen Beitrag zur Nachrichtenübermittlung mit der belagerten Stadt leisteten.  Im November marschierte dann die Loire-Armee Richtung Paris und am 30. November versuchten 70 000 Soldaten aus Paris den Belagerungsring an der Marne zu durchbrechen und sich mit der Loire-Armee zu vereinigen. Dieser Versuch scheiterte allerdings in der Schlacht von Champigny.[13]

Dies sind die Trümmer der Säule auf der place Vendôme. Errichtet wurde sie von Napoleon zur Feier seiner Siege und der „Grande Armée“. Am 16. Mai 1871 wurde die Säule mit der Napoleon-Statue an ihrer Spitze als ein Monument des Militarismus niedergerissen. Der Maler Gustave Courbet wurde dafür verantwortlich gemacht und nach der Niederschlagung der Commune dazu verurteilt, die Kosten für die Wiederaufrichtung zu zahlen. Da er dazu nicht in der Lage war, musste er Frankreich verlassen und den Rest seines Lebens im Schweizer Exil verbringen.[14]

Dieses Gemälde von Victor Darbaud zeigt die von dem Elsässer Bartholdi entworfene Freiheitsstatue, die in den Werkstätten Gaget-Gauthier in der rue de Chazelles in Paris hergestellt wurde. Zunächst wurden Einzelteile angefertigt, die dann neben der Werkstatt vorläufig zusammengefügt wurden. Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli 1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“. Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt, in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft.[15] 

Auch zu diesem Bild gibt eine spezielle Informationstafel für Kinder. Das bietet sich wohl auch deshalb an, weil es immerhin in Paris drei -natürlich kleinere- Versionen der Freiheitsstatue gibt…So kann an Vorkenntnisse der Kinder angeknüpft oder ihr Interesse geweckt werden.[16]

Für die glanzvolle Zeit der „belle époque“ steht das Bild von Louis Beroud, von dem hier ein Ausschnitt zu sehen ist.

Gezeigt wird der zentrale Kuppelbau der für die Weltausstellung von 1889 errichteten „galerie des Machines“, die auf dem Champ de Mars zwischen der Ecole militaire und dem  Eiffelturm errichtet wurde, der ebenfalls seine Entstehung der Weltausstellung verdankt.  Der Kuppelbau war kein Ort der Präsentation von Maschinen, sondern zentraler Begegnungsort der ganzen Weltausstellung.  Bewusst wird hier die Diversität des Publikums in Szene gesetzt: Die eleganten Damen und Herren der Bourgeoisie, der Offizier, die in landestypischer Tracht präsentierten Besucher aus den Provinzen und den Kolonien.  Die Konstruktion aus Metall und Glas und die reichlichen Vergoldungen sollen die Modernität und Prosperität Frankreichs vor Augen führen.[17]

 Le Chat Noir (Der schwarze Kater) war von 1881 bis 1897 ein berühmtes Pariser Kabarett in Montmartre.  Es war Ende des 19. Jahrhunderts ein Treffpunkt vieler Chanson- Sänger, Künstler, Schriftsteller und Schauspieler und wurde zu einem Inbegriff der Parise Bohème. Im Musée Carnavalet ist natürlich das berühmte Plakat des Kabaretts von Théophile Alexandre Steinlein zu sehen, ausgestellt ist aber auch das Werbeschild aus Blech, das sich am Eingang befand.

Dies ist eine Spardose der Firma Chocolat Menier, die um 1900 eine der bedeutendsten Schokoladenfabriken der Welt war. Der Sitz der Firma war in Noisiel an der Marne, heute residiert dort Nestle/France – ein außerordentliches, das Loire-Schloss Chenonceau aufgreifende Monument der Industriearchitektur. Der Erfolg der Menier-Schokoladen beruhte ganz wesentlich auch auf der damaligen revolutionären Werbestrategie, zu der auch diese Spardosen gehörten.[18]

Es muss schon eine besondere Bewandtnis mit einem unscheinbaren rohen Stück Kork haben, wenn es im Carnavalet-Museum ausgestellt ist. So ist es auch: Denn es handelt es sich um einen Teil der  „phonetischen Isolation“, die die Wände des Zimmers von Marcel Proust  im ersten Stock des Hauses 102, boulevard Haussmann bedeckte. Dort wohnte der Autor von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von 1907 bis 1919.

Proust hatte etwas ungewöhnliche Arbeitsgewohnheiten: Er stand gegen 13 oder 14 Uhr auf und legte sich bei Morgengrauen schlafen. Die Korkplatten sollten den hochgradig lärmempfindlichen Proust von den  Geräuschen der Straße und der Nachbarn abschotten. Im Carnevalet-Museum ist aber von Proust nicht nur dieses Stück Kork zu sehen, sondern es gibt auch das Bett und weitere seiner Einrichtungsgegenstände.[19]

Hier ein Plakat aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Wein für die Soldaten, die „poilus“, zu reservieren.

Das hat schon etwas sympathisch Folkloristisches. Wenn man aber am Pariser Père Lachaise an der langen Mauer mit den nicht enden wollenden Namen der im Krieg Gefallenen vorbeigeht oder auf der Autoroute de l’Est an den vielen Schildern mit Hinweisen auf blutige Schlachten dieses Krieges vorbeifährt,  dann wird direkt erfahrbar, wie schrecklich dieser in Frankreich „La Grande Guerre“ genannte Krieg war und wie tief er noch immer noch in das kollektive Gedächtnis  der Nation eingebrannt ist.[20]

Die „Goldenen Zwanziger“ von Paris werden glanzvoll repräsentiert durch den Ballsaal des hôtel Wendel. Es handelt sich hier nicht um ein Hotel im deutschen Sinne, sondern um das Stadtpalais einer reichen Industriellenfamilie, das am Quai de New York in Paris lag. Die Wandmalereien des katalanischen Künstlers José Maria Sert bedeckten die Decke und Wände des großen Saales, mit Ausnahme der drei Fenster, die sich zur Seine hin öffneten.

Hier ein kleiner Ausschnitt mit der Geburt der Venus aus einer Muschel. Insgesamt ein grandioses Ensemble, das sich seit 1989 im musée Carnalvalet befindet.

Zu der Zeit der Okkupation gibt es einige zeitgenössische Zeitungsausschnitte der offiziellen Vichy-Presse. Sie wurden regelmäßig dem Museum übergeben, um auch dort Propaganda für das Regime und Pétain zu machen. Hier ein Foto von dem Besuch Pétains in Paris am 26. April 1944. Anlass waren die alliierten Bombardements vom 21. April, die -in Vorbereitung der Landung in der Normandie- der Verkehrsinfrastruktur galten, aber auch zahlreiche zivile Opfer forderten. Pétain wurde zunächst in allen Ehren von dem Pariser Kardinal Suhart empfangen und nahm an einer Messe zur Erinnerung an die Opfer teil. Danach hielt er vom Balkon des Pariser Rathauses eine Ansprache an die große dort versammelte Menge.[21]

Natürlich ist hier auch die Vichy-Propaganda am Werk, aber für die alliierten Bombardements von 1943 und 1944 hatte die französische Bevölkerung wenig Verständnis und nach dem Urteil seriöser Historiker hatte Pétain, der Sieger von Verdun, sich bis zuletzt eine erhebliche Popularität bewahrt, die sich gerade bei diesem Besuch von Paris noch einmal zeigte.[22]  Es ist immerhin bemerkenswert, dass das Museum diese gerne übergangene und eher peinliche Episode nicht ausspart, widerspricht sie doch dem weitverbreiteten Mythos vom im Kampf gegen den Besatzer geeinten Frankreich. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass eine große Menschenmenge noch am 26. April 1944 Pétain zujubelte. Genau vier Monate später, am 26. August 1944, jubelte eine große Menschenmenge dann de Gaulle zu, anlässlich der Befreiung von Paris.[23]

Teller zur Erinnerung an die Befreiung von Paris
Schuh in den Farben der alliierten Flaggen. Gestiftet der Stadt Paris von der Schuhmacherei Manoukian „in Erinnerung an die Befreiung von Paris 19-26 August 1944. Vive la France et ses Alliés“

Dieses Gemälde Robert Humblots von 1956 zeigt die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit. 1947 eröffnete sie Le Tabou, einen Keller im Quartier Latin, in dem Cocteau, Gaston Gallimard, François Mauriac, Jean Genet, Simone Signoret, Marlene Dietrich,  Orson Welles, Truman Capote und viele andere verkehrten. Die Texte ihrer ersten Lieder stammten von Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert und Raymond Queneau, die Musik von Joseph Kosma, der besonders als Komponist von Filmmusiken erfolgreich war. Gréco erreichte zwar nie die Popularität von Edith Piaf, aber sie verkörpert wie kaum jemand sonst das intellektuelle Frankreich der Nachkriegszeit.

                                     Cartier-Bresson: Brasserie Lipp, Saint-Germain-des-Prés, 1969

Wie wunderbar hat der Fotograf Henri Cartier-Bresson mit diesem Foto den Generationenbruch von 1968/69 im Bild festgehalten! Cartier-Bresson war auch die Eröffnungsausstellung des renovierten  Museums gewidmet: Henri Cartier-Bresson- Revoir Paris (bis 31. Oktober 2021).

Plakate der Revolte von 1968 aus dem Atelier populaire in der von Studenten besetzten Pariser Kunsthochschule[24]

Zwischendurch und/oder zum Abschluss bietet sich eine Ruhepause in den Höfen des hôtel Carnavalet an. Dort wurde ein weitläufiges Café (Les jardins d’Olympe) eingerichtet.

Bild von Veronique Delacroix aus: http://blogpdj.info/2021/10/01/la-reouverture-de-carnavalet/

Bei entsprechender Witterung ist das ein wunderbarer Ort der Ruhe im quirligen Marais.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00762-carnavaoet-17-1.jpg.

Es herrscht Selbstbedienung. Sein Essen erhält man in kleinen Blechgefäßen, die mich ein wenig an die Quäkertöpfe der Nachkriegszeit erinnern. Aber zwischen dem, was darin damals und jetzt hier geschmacklich und ästhetisch enthalten war/ist, liegen Welten….  


Anmerkungen

[1] https://twitter.com/ltdla/status/1353676110618308618 In der anlässlich der Neueröffnung herausgegebenen Sonderbeilage von Le Point (Carnavalet. Renaissance d’un musée) ist von 3800 Ausstellungsstücken und 625000 Objekten im Depot die Rede.

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-bras-de-fer-autour-de-la-plaque-au-negre-joyeux-31-05-2019-8083749.php

[3] Siehe u.a.: Didier Rykner, Enseigne « Au Nègre Joyeux » : la Mairie de Paris réarrange l’histoire à sa façon.In: La tribune de l’art vom 7.1.2020. Allgemein zu diesem Thema:  Ortwin Ziemer und Séverine Maillot,  Postkolonialer Bildersturm https://dokdoc.eu/politik/5869/postkolonialer-bildersturm/

[3a] Siehe dazu den Blog-Beitrag „Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks“ https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[4] Zu Ledoux siehe auch: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/ und  https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/ und https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[5] Zu Rousseau siehe auch: https://paris-blog.org/2020/09/10/die-rousseau-sammlung-des-museums-jacquemard-andre-im-ehemaligen-koniglichen-kloster-chaalis/v und https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/  Dazu auch den geplanten Bericht über den Kult der großen Männer im Pantheon.

[6] https://histoire-image.org/fr/etudes/serment-jeu-paume-20-juin-1789

[7] Siehe:  https://www.paris.fr/pages/5-oeuvres-incontournables-a-decouvrir-au-musee-carnavalet-17279

[8] Siehe z.B.  https://www.lemonde.fr/idees/article/2020/12/03/la-france-peu-coherente-patrie-des-droits-de-l-homme_6062003_3232.html

[9] https://www.deutschlandfunk.de/vor-225-jahren-olympe-de-gouges-tritt-fuer-die-rechte-der.871.de.html?dram:article_id=365657

[10] Siehe zum Beispiel: https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/07/22/la-france-condamnee-par-la-cedh-pour-la-retention-d-une-malienne-et-de-son-bebe_6089236_3224.html und https://www.lacimade.org/la-france-condamnee-par-la-cour-europeenne-des-droits-de-lhomme/ und https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-07/menschenrechte-migranten-frankreich-urteil-europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Hauer

[12] https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/43085/

Nachfolgendes Napoleon-Portrait aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carnavalet_-_Napol%C3%A9on,_by_Lefevre_01.jpg

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/  Ein spezieller Blog-Beitrag über die Schlacht von Champigny und ihre Rezeption in Frankreich und Deutschland ist geplant.

[14] Mehr zum  Sturz der Vendôme-Säule und der Rolle Courbets auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[15] https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[16] https://paris-blog.org/2017/03/01/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-teil-3-die-freiheitsstatuen-von-paris/

[17] Nicolas Courtin, Le dôme central à l’exposition universelle de 1889. In: L’histoire par l’image, September 2004.   https://histoire-image.org/de/etudes/dome-central-exposition-universelle-1889

[18] Zur Schokoladenfabrik Menier siehe auch: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/ und https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

[19] Siehe: https://www.liberation.fr/culture/2010/07/30/dans-le-bordel-de-marcel_669289/

[20] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/ und https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ und https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/

[21] https://www.youtube.com/watch?v=508EWoNE4fM

[22] Siehe z.B. Jean-Jacques Becker, Pétain. In:  Dictionnaire historique de la vie politique française au XXe siècle.  Paris, PUF, 1995, Seite 787. Zu der Reaktion auf die alliierten Bombardements Frankreichs siehe: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Paris: Éditions du Seuil 1973, S. 289

[23] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

[24] Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

Es gibt auch eine französische Übersetzung des Beitrags: