Es gibt derzeit in den Archives Nationales im Marais eine kleine Ausstellung, in deren Mittelpunkt das erste „Portrait“ Jeanne d’Arcs steht, das zu ihrer Lebenszeit angefertigt wurde.
Die Ausstellung ist Teil der Reihe „Les Remarquables“, in der einzelne herausragende Dokumente des Archivs vorgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie ist noch bis zum 19. Mai im Hôtel Soubise zu sehen.[1]
Es bietet sich an, bei dieser Gelegenheit auch die Dauerausstellung des Nationalarchivs anzusehen und das anlässlich der Sonderausstellung zugängliche Appartement du Prince des noblen Stadtpalais zu bewundert. Es gehört zu den schönsten Beispielen des Rokokostils in Paris.
Und dazu gibt es noch eine Austellung zur politischen Dimension der Musik zwischen Französischer Revolution und der Front Populaire in den 1930-er Jahren. Gründe genug also für einen Besuch des Nationalarchivs…
Die jetzt ausgestellte Jeanne d’Arc- Zeichnung fertigte der Amtsschreiber des Parlaments von Paris, der Kanoniker Clément de Fauquembergue, an. Frankreich befand sich damals im 100-jährigen Krieg mit England, und Paris war seit dem Vertrag von Troyes (1420) unter englischer Herrschaft. Am 10. Mai 1429 verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer die Nachricht von der Niederlage der englischen Truppen bei Orleans: Am 8. Mai hatten die Engländer die Belagerung der Stadt aufgegeben – ein Wendepunkt des Krieges. Und zu den Nachrichten aus Orleans gehörte auch, dass „une Pucelle“ -ein junges Mädchen- als Bannerträgerin der französischen Truppen dabei gewesen sei und eine entscheidende Rolle gespielt habe. [2]
Foto: Wolf Jöckel
Diese für die Engländer desaströse Nachricht wurde am 10. Mai im Parlament von Paris besprochen, und Fauquembergue nahm sie in sein Protokoll, das Régistre du conseil, auf. Am Rand des eng beschriebenen Pergamentblatts fertigte er dazu eine Zeichnung der „Pucelle“ an, wie er sie sich entsprechend der umlaufenden Beschreibungen vorstellte.
Im Ausstellungsraum des Archivs liegt der an der entsprechenden Stelle aufgeschlagene Foliant der Parlaments-Protokolle in einer Vitrine unter einer schützenden Samtdecke. In regelmäßigen Abständen wird das kostbare Dokument ganz kurz beleuchtet, und man muss dabei fast schon eine wenig Glück haben, die nur etwa 10 cm hohe und etwas verblasste Zeichnung links oben auf dem rechten Blatt zu finden.
Clément de Fauquembergue hat Jeanne d’Arc nie gesehen. Dass aber mündliche Beschreibungen im Umlauf waren, wird durch die Initialien im Banner deutlich:
Das JHS im Banner steht für Jhesus. Das Banner ist zwar nicht erhalten, es wurde bei der Gefangennahme Jeanne d’Arcs zerstört, aber von ihren Aussagen im Inquisitionsprozess weiß man, dass das Banner die Devise Jhesus Maria trug. [3] Fauquemberges Zeichnung des Banners ist also kein reines Produkt seiner Phantasie.
Nicht verbürgt ist, wie seine Haltung zu Jeanne d’Arc war. Die Zeichnung lässt verschiedene Deutungen zu:
Da Fauquembergue auf Seiten der Engländer und der mit ihnen verbündeten Burgunder stand, liegt es natürlich nahe, dass die Zeichnung deren kritische Haltung zu Jeanne widerspiegelt. Die offenen Haare und die ausladende Brust könnten dafür sprechen, dass Jeanne hier, wie damals bei ihren Feinden üblich, als „putain ribaude“ dargestellt ist, also als Soldatenhure. Sogar der englische Kommandant der Festung Tourelle, William Glasdale, hatte Jeanne, die ihn bei der Belagerung von Orleans zur Aufgabe aufgefordert hatte, als „putain des Armagnacs“ beschimpft.[4] Zu einer solchen Deutung der Zeichnung würde auch passen, dass Jeanne zwar Schwert und Banner trägt, aber keine Rüstung oder Männerkleidung. Solche Diffamierungen Jeannes, kursierten damals, auch wenn ihre Jungfräulichkeit mehrfach überprüft und sie bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen als „virgo intacta“ bestätigt wurde. Es war ja in der damaligen Zeit auch schwer vorstellbar, dass ein junges hübsches Bauernmädchen -und das war die historische Jeanne zweifellos- als Kriegerin eine führende Rolle spielen könnte.[5]
Jeanne d’Arc verjagt die Prostituierten der Armee [6]
Die Diffamierung Jeannes als Hure war so verbreitet, dass die andere Seite, also die des französischen Thronfolgers Charles, der angetrieben von Jeanne sich in Reims zum König krönen ließ, darauf entsprechend reagierte: Auf dieser Abbildung verjagt Jeanne gerade die Prostituierten aus dem Lager ihrer Truppen.
Mag eine pejorative Einstellung Fauquembergues zu Jeanne nahe liegen, so ist auch eine andere Deutung möglich, die Amable Sablon du Corail, Kurator der Ausstellung, in Betracht zieht: Fauquembergue war ein gebildeter Mann, zu dessen Bibliothek auch das Epos Äneis von Vergil gehörte. Und dort wird Penthesilea erwähnt, die Tochter des Kriegsgottes Ares, eine Jungfrau und Kriegerin, die es wagt, „sich mit Männern im Kampf zu messen.“[7] Fauquembergue könnte also bei seiner Zeichnung Jeannes -im positiven wie im negativen Sinne- daran gedacht haben.[8]
Für Jeanne d’Arc gilt in hohem Maße das auf Wallenstein bezogene und entsprechend leicht abgewandelte Wort Schillers: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt / Schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte.“ Der Prozess, der zu ihrer Verurteilung und ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen führte, und der nachfolgende Prozess ihrer Rehabilitierung illustrieren das auf eindrucksvolle Weise.
Im Zuge der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons wurde Jeanne d‘Arc allmählich zu einem grundlegenden Baustein nationaler Identität. [9] Napoleon ließ in allen französischen Archiven Akten zur Geschichte Jeanne d’Arcs recherchieren. Sie habe bewiesen, „dass es kein Wunder gibt, das der französische Genius nicht zu vollbringen vermöchte, wenn die nationale Unabhängigkeit gefährdet ist.“
Die nationale Bedeutung Jeanne d’Arcs wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts noch durch die romantische Bewegung verstärkt. Und dann waren es liberale und republikanische Publizisten und Historiker wie Jules Michelet, die „den Mythos von Jeanne d’Arc als Vorkämpferin der nationalen Befreiung und schließlich als Personifizierung der aus dem Volk erwachsenen Nation“ im kollektiven Bewusstsein der Franzosen verankerten.[10]
Eine über dem Parteienstreit stehende Identifikationsfigur ist Jeanne d’Arc allerdings nie geworden. Republikaner, Monarchisten, nationale Katholiken, Rechtsradikale, Antisemiten und neuerdings auch die feministische und queere Bewegung reklamierten und reklamieren sie für sich.
Es gibt keine andere Person, erst recht keine Frau, die in Paris derart oft im öffentlichen Raum präsent ist: Insgesamt gibt es von der Nationalheldin 6 Statuen. Zur deren Verbreitung hat wesentlich die Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 beigetragen. Die Statuen symbolisierten den Widerstandswillen des Landes und die Gewissheit einer siegreichen Revanche. Und die Seligsprechung vor und die Heiligsprechung nach dem Ersten Weltkrieg haben Jeanne d:Arc -Heiligenstatuen angeregt, die in Notre-Dame und vielen anderen Pariser Kirchen zu finden sind: Der Sieg im „Großen Krieg“ konnte damit von Gläubigen als ihr und Gottes Werk dargestellt und verstanden werden. Zu den Pariser Helden- und Heiligenstatuen Jeanne d’Arcs ist ein nachfolgender Blog-Beitrag geplant.
Anmerkungen
1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
[2] „les ennemis qui avaient en leur compagnie une Pucelle, seule ayant bannière entre les ennemis“
[9]: Gerd Krumeich, Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans. München: Verlag C.H. Beck 2006, S. 112. Dort auch das nachfolgende Zitat Napoleons.
[10] Zur Geschichte des Mythos siehe den Abschnitt „Nachleben“ in Krumeich, Jeanne d’Arc, S. 111ff und vor allem: Michel Winock, Jeanne d’Arc. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H. Beck 2015
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Diese Ausstellung hat mich dazu angeregt, mir einmal etwas genauer die Pariser Statuen der Nationalheldin und Nationalheiligen Jeanne d’Arc anzusehen, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen und die unterschiedlichen Darstellungsformen zu verstehen:
Ausstellungsplakat im Innenhof des musée Carnavalet
Das Revolutionsjahr 1793/1794: Die Allianz von Tugend und Terror
Dass das musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, zum ersten Mal einem einzigen Revolutionsjahr eine Ausstellung widmet, hat gute Gründe: Das Jahr II des Revolutionskalenders (September 1793 bis September 1794), ist nach den Worten der Museumsdirektorin Valérie Guillaume das komplexeste der Revolution. In einer Phase größter wirtschaftlicher, sozialer, politischer und militärischer Probleme und Krisen etablierte sich damals in Paris die sogenannte Schreckensherrschaft der Jacobiner, la Terreur, wie sie im Nachhinein genannt wurde: Ein Ausnahmezustand mit unbegrenzter Anwendung revolutionärer Gewalt, die aber nicht nur der Abwehr der Feinde dienen, sondern auch der Vernunft und der Tugend zum Sieg verhelfen sollte, wie Robespierre es in seiner Rede über die Prinzipien der politischen Moral vom 5. Februar 1794 formulierte. Absicht der Ausstellungsmacher ist es, nicht nur diese gewalttätige Seite des Revolutionsjahres zu beleuchten, sondern auch die vielfältigen Neuerungen und Errungenschaften dieses Jahres. Dafür werden insgesamt etwa 250 Ausstellungsstücke meist aus den reichhaltigen eigenen Beständen des Museums präsentiert: Gemälde, Skulpturen, dekorative Kunstobjekte, historische Exponate und Objekte der Erinnerung, Tapeten, Plakate, Möbelstücke…. Dazu gibt es jeweils kurze Erläuterungen, aber auch auf einzelne Aspekte intensiver eingehende Videosequenzen. Insgesamt entsteht damit ein sehr anschauliches Bild dieses Pariser Revolutionsjahres.
Nachfolgend einige Eindrücke anhand ausgewählter Ausstellungsstücke.
Das Jahr des Terrors
Die Schreckensherrschaft des année II hat im kollektiven Bewusstsein von Franzosen ihren festen Platz und hat in Paris vielfache Spuren hinterlassen. Sie ist auch in der Ausstellung entsprechend präsent.
Es gibt dazu im musée Carnavalet ein höchst seltenes Ausstellungsstück, nämlich das Eisen einer Guillotine. Die Guillotine galt zwar einerseits als ein Produkt der Aufklärung, nicht nur weil die Todesstrafe, anders als Im Ancien Régime, schnell und ohne vorherige Qualen vollzogen wurde, sondern auch deshalb, weil mit ihrer Einführung verschiedene Methoden der Hinrichtung abgeschafft wurden, die vom Stand der Todeskandidaten abhängig waren: Adlige beispielsweise wurden nicht gehängt, sondern mit dem Schwert enthauptet, wobei allerdings die Geschicklichkeit und Kraft des Henkers eine wesentliche Rolle spielte. So galt die Guillotine bei ihrer Einführung als eine humane und egalitäre Methode zur Vollstreckung eines Todesurteils. Mit der Ausnahmegesetzgebung vom 10. Juni 1794 allerdings wurde das Fallbeil zu einem Symbol eines willkürlichen „Terreur“, im Widerspruch zu den Idealen von 1789.
Pierre-Antoine Demachy, Eine Hinrichtung place de la Révolution (heute: Place de la Concorde). Um 1793 musée Carnavalet.[1] Foto: Wolf Jöckel
Das Bild zeigt, dass Hinrichtungen damals ein öffentliches Spektakel waren: Es gab ja auch etwas zu sehen: Der Todeskandidat, der auf einem Wagen herangefahren wird, der Weg hinauf auf das Gerüst, vielleicht konnte man auch die letzten Worte des Verurteilten hören und dann, wie Guillotine stolz verkündete: „Das Fallbeil saust hinab wie ein Blitz, der Kopf fliegt davon, das Blut spritzt, der Mensch ist nicht mehr“.[2] Es gab geradezu einen vor allem bei Frauen verbreiteten „Kult der heiligen Guillotine“ (culte de la Sainte guillotine): „Die Frauen bildeten in Paris die Mehrheit der Zuschauer bei den Hinrichtungen von Feinden des Volkes“.[3] Die starke Präsenz von Frauen ist auch auf dieser Abbildung unverkennbar.
Allerdings gab es dann doch Probleme mit den Hinrichtungen auf der place de la Révolution. Die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. So wurde die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegt, und weil es auch dort Unmut der Anwohner gab, wurde sie letztlich auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Dort wurden die letzten 1306 Opfer des „terreur“ hingerichtet – nach willkürlichen Anklagen, die jeden treffen konnten, und kurzen Prozessen, in denen die Todesstrafe einziges „Strafmaß“ war. Die Opfer wurden in einem nahe gelegenen ehemaligen Kloster in Massengräbern verscharrt, dem heutigen cimetière de Picpus. Dort ist auch der Dichter André Chenier begraben, dessen Portrait in der Ausstellung zu sehen ist.
Joseph-Benoit Suvée, Portrait von André Chenier, gemalt im Gefängnis Saint-Lazare“ am 17. Juli 1794. (Ausschnitt) Am 25. Juli, zwei Tage vor dem Sturz Robespierres, wurde Chenier hingerichtet.
Chenier galt nach 1789 als Verkörperung des engagierten Schriftstellers. In einer Ode feierte er 1791 den Ballhausschwur (serment de jeu de paume), den Auftakt zur Französischen Revolution. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI., die er verurteilte, geriet er dann in zunehmende Opposition zur revolutionären Entwicklung Frankreichs, was zu seiner Hinrichtung als angeblicher „Volksfeind“ führte. Das Gemälde Suvées trug dazu bei, das Bild Cheniers als eines für seine politischen Überzeugungen sich opfernden Dichters zu verbreiten.
Grabmal Cheniers auf dem Friedhof de Picpus: „Er diente den Musen, liebte die Weisheit, starb für die Wahrheit“ Foto: Wolf Jöckel
Zur revolutionären Gewalt gehörte auch die systematische Zerstörung von Symbolen des Ancien Régime. In der Ausstellung werden dafür zwei Beispiele angeführt: die Zerstörung der Königsgräber in der der Basilika von Saint Denis und die der Königsfiguren an der Westfassade von Notre-Dame de Paris.
Hubert Robert, La Violation des caveaux des rois à la basilique de Saint-Denis en octobre 1793. Musée Carnavalet
Am 31. Juli 1793 wurde von der Rednertribüne des Nationalkonvents die völlige Zerstörung der „mausolées fastueux“ der französischen Könige in der Basilika von Saint-Denis gefordert. Ein entsprechender Beschluss folgte einen Tag später: „Die in der Kirche von Saint-Denis, in Tempeln und an anderen Stätten auf dem gesamten Gebiet der Republik errichteten Grabmäler und Mausoleen der vormaligen Könige sollen am kommenden 10. August zerstört werden.“ Diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Enthusiasmus aufgenommen, gewissermaßen als Fortsetzung dessen, was mit der Einnahme der Bastille am 14. Juli 1789 begonnen hatte. Dieser Begeisterung schloss sich sogar der Abbé Grégoire an, der als erster den Begriff des Vandalismus für die revolutionäre Zerstörung oder Beschädigung von Kunstwerken geprägt hatte.
Im August 1793 wurden dann 51 Gräber und Grabdenkmäler in der Kirche und der Krypta der Basilika von Saint-Denis zerstört und geplündert. Das Gemälde Hubert Roberts zeigt Arbeiter bei ihrem Werk der Zerstörung in der geöffneten Krypta der Basilika von Saint-Denis. Die Botschaft ist zweideutig: Sie kann als Kritik verstanden werden, aber auch als Versprechen einer neuen Welt, die auf den Ruinen des Ancien Régime entsteht.[4]
Die an der Westfassade von Notre Dame zerstörten Statuen stellten die Könige von Juda dar, die als die Vorfahren von Maria angesehen wurden. Aber gleichzeitig wurde mit der Königsgalerie der Anspruch der französischen Könige auf Heiligkeit untermauert. Sie führten sich auf die biblische Ahnenreihe zurück und allmählich vermischten sich diese Zuschreibungen der Königsstatuen. Grund genug für die Revolutionäre, sie 1793 zu zerschlagen und als Baumaterial zu verkaufen. So verschwanden sie im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung. Aber 1977 kamen 21 Königsköpfe bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bankneubau in der Chaussée d’Antin zufällig ans Tageslicht. Sie sind heute im Pariser Mittelaltermusem ausgestellt. Einer der Köpfe wurde für die Ausstellung im Musée Carnavalet ausgeliehen.
Die Köpfe der Könige von Juda, aufgenommen im Pariser Mittelaltermuseum musée de Cluny anlässlich eines Konzerts mittelalterlicher Musik.
Ein besonderes Augenmerk lenkt die Ausstellung auf den Prozess und die Verurteilung Marie-Antoinettes, der letzten französischen Königin.
Pierre Bouillon, Prozess gegen Marie-Antoinette (Jugement de Marie-Antoinette) 1794 Musée Carnavalet. Foto: Wolf Jöckel
Auf dieser zeitgenössischen Abbildung wird sie gezeigt bei ihrer Verteidigung vor dem Revolutionstribunal. Links am Tisch sitzt Jacques-René Hébert, Herausgeber des Père Duchesme, des Kampfblatts der radikalen Jacobiner, hier als Substitut des Gemeindeanwalts; daneben der Ankläger Fouquier-Tinville, der sich selbst als Axt der Revolution bezeichnete. Als Chefankläger des Revolutionstribunals war er an über 2000 Todesurteilen beteiligt.
Hébert hat gerade den ungeheuerlichen Vorwurf des Inzests Marie-Antoinettes mit ihrem 8-jährigen Sohn (dem ehemaligen Thronfolger) vorgebracht. Marie-Antoinette geht darauf zunächst nicht ein. Was dann geschieht, berichtet Stefan Zweig, gestützt auf zeitgenössisches Material, das er ausgiebig in der Pariser Bibliothèque Nationale studiert hatte:
»Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah dies, weil die Natur sich weigert, auf eine solche Beschuldigung gegen eine Mutter etwas zu erwidern. Ich wende mich an alle Mütter, die sich hier befinden mögen.«
Und tatsächlich, ein unterirdisches Brausen, eine starke Bewegung geht durch den Saal. Die Frauen aus dem Volk, die Arbeiterinnen, die Fischweiber, die Trikoteusen halten den Atem an, sie fühlen in geheimnisvoller Verbundenheit: man hat mit dieser einen Frau ihr ganzes Geschlecht beleidigt. Der Präsident schweigt, jener neugierige Geschworene senkt den Blick: der Akzent des schmerzlichen Zornes in der Stimme der verleumdeten Frau hat alle getroffen. Wortlos tritt Hébert von der Schranke zurück, nicht eben stolz auf seine Leistung. Alle spüren, und vielleicht er selbst, seine Anschuldigung hat der Königin gerade in schwerster Stunde zu einem großen moralischen Triumph verholfen. Was sie erniedrigen sollte, hat sie erhöht.“ [5]
Dass Bouillon gerade diese Szene für seine Darstellung ausgewählt hat, zeigt, wie umstritten dieser Prozess war.
Das belegt auch dieses Ausstellungsstück: Teil eines Gürtels, den Marie-Antoinette am ersten Tag ihres Prozesses vor dem Revolutionstribunal getragen haben soll. Solche echten oder nachträglich hergestellten Gegenstände, die der letzten Königin Frankreichs gehört haben (sollen), wurden schließlich wie Reliquien verehrt…
Bis heute erhitzt das Schicksal Marie-Antoinettes französische Gemüter in höchstem Maße: Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele war ihr eine der szenischen Darstellungen entlang der Seine gewidmet: An der mittelalterlichen Conciergerie, die in der Französischen Revolution als Gefängnis diente und in der auch Marie-Antoinette in den letzten Tagen vor ihrer Hinrichtung gefangen gehalten war.
An der Fassade der Conciergerie erschien eine rot gekleidete Frau, die -wie der Stadtheilige Saint-Denis- ihren Kopf in den Händen trug. Gepudert und mit exzentrischer Frisur war damit ganz offensichtlich Marie-Antoinette gemeint. Und die sang dann das „Ça ira“ der Sansculotten, das Revolutionslied, in dem den Aristokraten angekündigt wird, sie an den Laternen aufzuhängen.[7]
Dazu der Historiker Emmanuel de Waresquiel, der ein Buch über den Prozess der Marie-Antoinette und kürzlich ein weiteres über die Mythen der Französischen Revolution geschrieben hat:
„Wenn auch die Eröffnungszeremonie in vielerlei Hinsicht poetisch war, widersprach diese Episode der Botschaft der Olympischen Spiele, die die Frauen, die Brüderlichkeit und die universelle Eintracht herausstellen wollten. Man sieht daran, dass die Revolution in unserer Vorstellungswelt immer noch einen zentralen Platz einnimmt.“[8]
Errungenschaften/Neuerungen des Revolutionsjahres 1793-1794
Den Verantwortlichen für die Eröffnungsfeier wurde oft vorgeworfen, dass durch dieses Bild die Revolution auf den Terreur reduziert worden sei.[9] Der aktuellen Ausstellung im musée Carnevalet kann man diesen Vorwurf freilich nicht machen. Denn den Verantwortlichen kam es darauf an, nicht nur die Schrecken der Justiz, der Gefängnisse und der Hinrichtungen zu zeigen, sondern auch die großen Veränderungen, die es in dieser Zeit gab: „Diese Periode erneuert oder gründet Schulen und Museen, schafft den Begriff des Kulturerbes, proklamiert zum ersten Mal die Abschaffung der Sklaverei und etabliert Strukturen der sozialen Unterstützung.“[10] Dazu kommt gerade in Paris, dass die von der Revolution proklamierte Freiheit des Staatsbürgers auf vielfältige Weise erprobt wird: Durch eine weit verbreitete und rezipierte Presse, durch ein breites politisches Engagement, auch von Frauen. Und trotz aller Not, trotz äußerer Bedrohung und Unruhen und Aufständen im Innern geht das tägliche Leben in Paris weiter, und es wird sogar gefeiert…
Hier einige Beispiele:
Frauenemanzipation
Möglich war für Frauen neben einer im offiziell bestimmten republikanischen Rahmen bleibenden politischen Betätigung auch eine Arbeit als Künstlerin. Die zentrale Rolle als Mutter durfte dabei aber nicht vernachlässigt werden…
Marie-Nicole Vestier, citoyenne Dumont, L’auteur à ses occupations. (Die Malerin bei ihren Beschäftigungen) 1793. Musée de la Révolution française, Domaine de Vizille
Es gab auch einige wenige Frauen, die -wenn auch nicht unangefochten- am wichtigen Salon de peinture dieses Revolutionsjahres teilnehmen durften. Dazu gehörte auch Jeanne-Louise, genannt Nanine, Vallain. Ihr bekanntestes Werk ist eine Allegorie der Freiheit, ein für diese Zeit charakteristisches Werk, das auch für das Plakat der Ausstellung verwendet wurde. Es soll deshalb nachfolgend etwas genauer betrachtet werden. [11]
Es handelt sich um eine geradezu idealtypische Darstellung der Freiheit: Die in antike Gewänder gekleidete Frauenfigur hält in der Hand eine Pike – die übliche Waffe der Sansculotten. Auf der Pike ist aber nicht -wie öfters in diesen Zeiten- der Kopf eines politischen Gegners aufgespießt, sondern eine Jacobinermütze, die aus der Antike übernommene phrygischen Mütze. Als so genannte Freiheitsmütze wurde sie in der politischen Ikonographie Frankreichs und ganz Europas zum Kennzeichen republikanischer Gesinnung. In der rechten Hand hält sie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, ausgerollt über einem Liktorenbündel: Es handelt sich um ein zusammengschnürtes Bündel von Stäben mit einem Beil in seiner Mitte. Im antiken Rom Zeichen der für die Durchsetzung des Rechts zuständigen Liktoren, in der Französischen Revolution Symbol Emblem der französischen Bürger, die die Freiheit verteidigen und seit dem Sturz der Monarchie Emblem der Republik. Unter dem Fuß der Freiheit Relikte des Ancien Régime: Zerbrochene Ketten und eine auf den Boden geworfene umgestürzte Krone. In den behauenen Stein, auf dem die Figur der Freiheit sitzt, sind -auf der Abbildung nicht zu erkennen- zwei Daten eingraviert: 14. Juli (das Datum des Bastillesturms 1789, der als Beginn der Französischen Revolution gilt) und 10. August (das Datum des Tuileriensturms 1792, der die radikale Phase der Revolution einleitete). Links eine Urne mit der Aufschrift A nos frères morts pour elle: Unseren für die Freiheit gestorbenen Brüdern. An seiner Basis wächst Efeu, ein Zeichen der Treue, und darüber ein Lorbeerbusch, aus dessen Zweigen die Kränze für die Märtyrer der Revolution geflochten werden. Die Pyramide ist ein Symbol eines säkularen geschichtlichen Prozesses, der zu einer -noch nicht abgeschlossenen- weltweiten Verbreitung der Freiheit führen wird.
Dieses Gemälde hing im Versammlungsraum der Jacobiner, bis es nach deren Sturz vom Staat requiriert wurde. Die Jacobiner waren bestrebt, anstelle des Christentums einen Kult der Freiheit zu etablieren: Am 10. November 1793 fand in der ehemaligen Kathedrale Notre-Dame eine Zeremonie statt, während der die Hymne gesungen wurde, die Joseph-Marie Chenier, der Bruder des Dichters André Chenier, der Freiheit gewidmet hatte. « Toi, sainte Liberté, viens habiter ce temple, sois la déesse des Français ». (Du, heilige Freiheit, ziehe in diesen Tempel ein, sei die Göttin der Franzosen). Allerdings wurde nach dem Sturz der Monarchie die Kult der Freiheit mehr und mehr ersetzt von dem der Republik in Gestalt der Marianne, die aber ihr Aussehen und ihre Attribute von der Allegorie der Freiheit übernahm
Vallains La Liberté ist eines der wenigen Freiheits-Bilder, das von einer Frau gemalt wurde und das dazu eine außerordentliche Anerkennung erfuhr.
Frauen waren allerdings in den Zeiten der Revolution nicht nur auf künstlerische Aktivitäten beschränkt, sondern sie konnten sich – in begrenztem Maße auch noch in Zeiten des Terreur- politisch betätigen.
Jean-Baptiste Lesueur; Club patriotique des femmes, Musée Carnavalet [12]
In diesem Verein patriotischer Frauen, der sich zweimal wöchentlich trifft, wird, so die Erläuterung des Zeichners, die Arbeit der Convention (Debatten, Gesetze) zustimmend oder kritisch erörtert. Außerdem werde Geld für bedürftige patriotische Familien gesammelt. Allerdings wurden die politischen Frauen-Vereinigungen am 30. Oktober 1793 von den jacobinischen Machthabern verboten.[13]
Und zu weit durfte das politische Engagement von Frauen sowieso nicht gehen. Das musste Olympe de Gouges erfahren, die am 14. September 1791 in ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (Déclaration des droits de la femme et des citoyennes) die Gleichstellung von Mann und Frau gefordert hatte – gewidmet Marie-Antoinette, damals noch Königin Frankreichs …
„Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,auf die Rednertribüne zu steigen.“
Am 3. November 1793 wurde die mutige Vordenkerin der Rechte der Frau von den jakobinischen Machthabern guillotiniert – sie habe vergessen, was sich für ihr Geschlecht ziemt, hieß es. Einen entsprechenden Anklagepunkt gab es kurz zuvor auch schon im Prozess gegen Marie-Antoinette. Nach ihr war Olympe de Gouges die zweite Frau, die auf dem Schafott endete.
Titelblatt des Protokolls der Hinrichtung von Olympe de Gouges
2014 hatte der damalige Präsident François Hollande vorgeschlagen, Olympe de Gouges ins Pantheon aufzunehmen und damit die ihr zukommende Würdigung zukommen zu lassen- bisher allerdings ohne Konsequenzen… [14]
4. Februar 1794: Die Abschaffung der Sklaverei
Vor ihrem Kampf für die Rechte der Frauen setzte sich Olympe de Gouges als Schritstellerin und Frau für die Abschaffung der Sklaverei ein. 1784 schrieb sie das erste französische Theaterstück, das die Sklaverei thematisierte, 1787 veröffentlichte sie ihre Réflexions sur les hommes nègres.[15] Politische Konsequenzen hatte dieses Engagement allerdings nicht. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1791 galt nicht für die Ureinwohner der Kolonien. Erst Aufstände in Guadeloupe und Santo-Domingo führten zu einer Wende. Am 29. August 1793 wurde die Sklaverei in Santo Domingo abgeschafft, das drei Abgeordnete in den Konvent entsandte. Einer davon war derschwarze Jacobiner Jean-Baptiste Belley.[16]
Am 4. Februar 1794 verkündete schließlich der Konvent, dass „die Sklaverei in allen Kolonien abgeschafft“ werde und dass alle Bewohner der Kolonien, unabhängig von ihrer Hautfarbe französische Bürger mit allen Rechten seien. Allerdings wurde dieses Dekret nur in Guadeloupe und Guyana umgesetzt, bevor es 1802 unter Napoleon wieder außer Kraft gesetzt wurde… Belley, inzwischen Chef einer Brigade der Nationalgarde, wurde 1802 auf Veranlassung Bonapartes gefangen genommen und in die Festung von Belle-Île in der Bretagne deportiert, wo er 1805 starb.[17]
Charles Thévenin, L’Abolition de l’esclavage proclamée à la Convention, le 16 pluviôse an II (4. Februar 1794 (musée Carnavalet)
Diese zeitgenössische Abbildung der Abstimmung ist, so die beigefügte Informationstafel, eine ideologische Version des Geschehens: „Die von Thévenin gezeichnete Szene spielt sich im Konvent ab. Der Künstler betont die Freude der Zuschauer. Zahlreiche farbige Bürger sind da, die den Weißen ihre Damnkbarkeit ausdrücken. Die Wahrheit ist aber eine ganz andere: Wenn auch die Abstimmung tatsächlich stattfand, so bestätigt sie nur nachträglich die von den Sklaven selbst erkämpfte Beseitigung der Sklaverei. Die Zeichnung hat also keinen dokumentarischen Charakter, sondern ist eher eine die Rolle des Mutterlandes beschönigende Allegorie.“
Pressefreiheit
Anonym: Die Freiheit der Presse. 1792/1794
Die Pressefreiheit in Frankreich ist eine zentrale Errungenschaft der Revolution. 1790 gab es nicht weniger als 335 Zeitungstitel in Paris! 1793 sind es immerhin noch 113, von denen einige erheblichen politischen Einfluss ausüben. So der Ami du peuple (Volksfreund) Marats oder der Père Duchesne von Jacque-René Hébert.[18]
Frontseite der Nr. 25 des Père Duchesne:Die Empörung des Père Duchesne gegen die Unauflöslichkeit der Ehe und sein Gesetzesvorstoß für die Scheidung.“
Die reichsten Presseorgane leisten sich Ausrufer. Der radikale Père Duchesne beispielsweise wurde auf der Straße mit dem Satz « Il est bougrement en colère aujourd’hui le père Duchesne! » (Er hat heute wieder eine Scheißwut, der Père Duchesne!) ausgerufen.
Standardisierung der Maße und Gewichte
Eine wichtige Errungenschaft aus der Zeit der Convention war die Vereinheitlichung der Maße und Gewichte. Am 26. März 1791 wurde die Maßeinheit des Meters von der Académie des sciences wissenschaftlich exakt festgelegt. Mit dem Gesetz vom 1. August 1794 wurde die Einführung des neuen Messsystems in ganz Frankreich beschlossen. Bis zum 1. Juli 1794 gab es eine Übergangsfrist für die Anwendung der neuen am Dezimalsystem orientierten Maße und Gewichte. Damit wurde dem bisherigen Chaos verschiedener Maßeinheiten ein Ende bereitet. Vor der Einführung des Meters gab es in Frankreich 70 verschiedene Maßeinheiten!
Das in den Archives nationales aufbewahrte Urmeter
Auf Anordnung der Convention nationale wurden an 17 Stellen in Paris Urmeter (mètre étalon) installiert. Zwei davon gibt es noch, eines gegenüber dem Palais du Luxembourg, das andere am Justizministerium Place Vendôme.
Das Urmeter in der Rue Vaugirard, gegenüber dem Palais du Luxembourg, dem Sitz des Senats, befindet sich noch am ursprünglichen Platz.[19]
Eine Schachtel mit den neu geschaffenen, ebenfalls am Dezimalsystem orientierten Gewichten. Solche im Allgemeinen aus Messing gefertigten Muster des „kilogramme divisé“ dienten dazu, die Bevölkerung mit den neuen Maßeinheiten vertraut zu machen.
1801 absolvierte der badische Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla einen Studienaufenthalt an der neu gegründeten École Polytechnique in Paris. Dabei lernte er die neuen Maßeinheiten kennen. Er war davon so beeindruckt, dass er nach seiner Rückkehr sich für die Einführung entsprechender einheitlicher Maße im neu geschaffenen Großherzogtum Baden einsetzte. Die erfolgte im Jahr 1810. Aber erst 1872, nach der Reichsgründung, wurden in ganz Deutschland vereinheitlichte am Dezimalsystem orientierte Maßeinheiten eingeführt.
Der republikanische Kalender
Philibert Louis Debucourt, Illustration zum „republikanischen Kalender“ im Sitzungssaal des Nationalkonvents, 1793 (Musée Carnavalet)
!794 führte der Nationalkonvent auch einen neuen „republikanischen“ Kalender ein. Die neue Zeitrechnung, also das Jahr I, begann am 22. September 1792, dem Ende der Monarchie. Es blieb bei 12 Monaten, die allerdings neue Namen erhielten. Der Wochenrhythmus wurde an das Dezimalsystem angepasst: Eine revolutionäre Woche bestand danach aus 10 Tagen, von denen einer arbeitsfrei war. Insgesamt gab es jetzt nur noch 41 freie Tage – 36 Sonntage und 5 republikanische Feiertage. Vor 1789 soll es noch 130 freie Tage gegeben haben… [20]
Die allgemeine Schulpflicht
Eine wesentliche Rolle bei der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht in Frankreich hat Condorcet gespielt, der 1792 dem Parlament Grundzüge eines öffentlichen Schulsystems von der Grundschule (école primaire) bis zur wissenschaftlichen Ausbildung präsentierte.[21] Nach zahlreichen Diskussionen und Entwürfen wurde schließlich am 19. Dezember 1793 das Dekret Bouquier beschlossen, das die organisatorischen Rahmenbedingungen der Grundschule festlegte[22]:
Mindestens dreijährigen Schulpflicht für Kinder ab dem 6. Lebensjahr
Kostenloser Schulbesuch
Unterricht durch Grundschullehrer (instituteur, institutrice)
Staatliche Besoldung der Lehrkräfte je nach Anzahl der Schüler und nach Geschlecht der Lehrkräfte (männliche Lehrkräfte besser bezahlt als weibliche)
Eine Lehrerausbildung war nicht vorgesehen, aber ein Zeugnis republikanischer Gesinnung
Inhalte sollten Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen sein, dazu eine moralische Erziehung zur Stärkung des republikanischen Patriotismus. Dieses Ziel hatte angesichts äußerer Bedrohung und innerer Aufstände besondere Bedeutung, was auch die nachfolgende Abbildung illustriert.
Jean-Baptiste Lesueur, Le Serment des enfants. Zwischen 1790 und 1793
Dazu die Erläuterung Lesueurs: „Ein Soldat nimmt in seiner Eigenschaft als Grundschullehrer (instituteur militaire) seinen Schülern den Eid ab, die Feinde Frankreichs zu bekämpfen, wenn sie dafür alt genug sind.“[23]
Louvre: Das erste öffentliche Museum Frankreichs
Hubert Robert, Projet d’aménagement de la Grande Galerie du Louvre. 1796. (Collection musée du Louvre)
Schon vor der Revolution gab es Bestrebungen, ein öffentliches Museum für die Pariser zu schaffen. Ausgerechnet in der Zeit des Terreur kam es dann dazu: Am 10. August 1793 öffnete das Louvre, bis dahin königlicher Palast, seine Pforten mit einer Ausstellung von 537 Gemälden, die überwiegend aus den königlichen Sammlungen und dazu aus beschlagnahmten Werken der Kirche und von Emigranten bestand. Allerdings wurde das Museum 1796 wieder geschlossen, weil das Louvre in seinem damaligen Zustand für Ausstellungszwecke nicht hinreichend geeignet war. Der Maler Hubert Robert stellte auf diesem und anderen Gemälden, wie die Große Galerie des Louvre als Gemäldegalerie einmal aussehen könnte. Entscheidende Neuerung ist dabei die Öffnung der Decke, so dass natürliches Licht die Galerie erhellt.[24] 1801 wurde das Louvre dann dauerhaft als Museum eröffnet, dann als Musée Napoléon. In dem Beaux Arts-Heft zur Ausstellung wird dazu lakonisch bemerkt: „Unter der Leitung von Vivant-Denon, der das Vertrauen Napoleons besaß, hat sich der Umfang der Sammlung ganz erheblich erweitert.“[25] Ergänzt sei aber, dass diese erstaunliche und gewissermaße selbsttätige Erweiterung der Sammlung auf Raubkunst beruhte, die Vivant Denon in den von Napoleon eroberten Gebieten erbeutet hatte. Glanzvolle 1806/1807 wurden die in Deutschland konfiszierten Kunstwerke in einer glanzvollen Ausstellung im Louvre präsentiert.
Nicht nur Zerstörung: Der Schutz des kulturellen Erbes
Jean Lubin Vauzelle, La Salle d’introduction du musée des Monuments français. 1804 musée Carnavalet[26]
Von dem revolutionären Vandalismus war schon im Zusammenhang mit der Basilika von Saint-Denis und Notre-Dame de Paris die Rede. Allerdings wurden nicht alle Grabdenkmäler von Saint-Denis zerstärt. Es war Alexandre Lenoir, dem Vorsitzenden der Commission des arts, zu verdanken, dass zahlreiche Kunstwerke gerettet wurden. Er lagerte sie im Couvent des Petits-Augustins ein und schuf dort das Musée des Monuments français, das 1795 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Heute ist dort die École des beaux-arts beheimatet.
Die Köpfe fallen, die Not ist groß, aber das Leben geht weiter…
Die wirtschaftliche Lage in Frankreich und vor allem die der Menschen in Paris war im Revolutionsjahr 1793/94 äußerst schwierig. Dafür gab es vielfältige Gründe: Der Krieg, 14 zur Grenzverteidigung aufgebotene Armeen, also mehr als eine Million Soldaten, die ernährt werden mussten; dazu die Blockade, die Einfuhren von Nahrungsmitteln erschwerte, schlechte Ernten und nicht zuletzt das fehlende Zutrauen von Bauern und Händlern in das eingeführte Papiergeld, die sogenannten Assignate, die schließlich 99% ihres deklarierten Wertes verloren hatten.
Die herrschenden Jacobiner versuchten gegenzusteuern: Mit dem „Großen Maximum“ oder Maximum général vom 29. September 1793 wurden Höchstpreise für Güter des täglichen Bedarfs (z. B. Brot, das damalige Hauptnahrungsmittel, Öl, Textilstoffe, Kerzen und Feuerholz) festgelegt. Außerdem wurde Ende des Jahres 1793 in ganz Frankreich das sogenannte „pain d’Égalité“ eingeführt, das alllerdings von minderwertiger Qualität war.
Aber trotz großer Not: Das tägliche Leben ging weiter, es wurde auch gefeiert, gesungen und getrunken.
Jean-Baptiste Lesueur, Eine Familie auf dem Weg zur Guinguette. Um 1794 (musée Carnavalet)
Auch in Zeiten großer politischer Umbrüche und wirtschaftlicher Not blieb das französische Savoir-vivre also nicht ganz auf der Strecke, wie die beiden hier abgebildeten Zeichnungen Jean-Baptiste Lesueurs zeigen.
Jean-Baptiste Lesueur, Republikanische Mahlzeit in Paris, 1794. Musée Carnavalet
Auch Cafés hatten weiter Konjunktur und Theater wurde weiter gespielt, auch wenn es Versuche der Zensur durch die Pariser Stadtverwaltung (Commune) gab oder das Madame bzw. Monsieur –auch in klassischen Stücken-durch das revolutionäre citoyen bzw. citoyenne ersetzt werden musste.[27]
Claude-Louis Desrais, Mode du jour no 5 : le sérail en boutique (Musée Carnavalet)[28]
Und der Garten des Palais- Royal, 1792 revolutionär umbenannt in Palais-Égalité, blieb, wie zu Zeiten des Ancien Régime, ein Garten der Lüste, ein riesiges Bordell unter freiem Himmel mit bis zu 2000 „filles du plaisir“.
Republikanische Feste: Das Fest der Einheit und Unteilbarkeit vom 10. August 1793 und das Fest des Höchsten Wesens vom 10. Juni 1794 Gefeiert wurde natürlich auch, allerdings republikanisch eingehegt: Der populäre Karneval wurde 1790 sicherheitshalber verboten. Veranstaltet wurden dagegen „revolutionäre Feste“- die sich auf Rousseaus Utopie eines Festes beriefen, bei dem Zuschauer zu Akteuren würden, die Trennung zwischen Handelnden und Betrachtenden, zwischen den vous und den nous, also aufgehoben sei: Ausdruck gesellschaftlicher Einheit und Harmonie.[29]
Pierre-Antoine Demachy, La Fête de l’Unité et de la Réunion sur la place de la Révolution. 1793 Musée Carnavalet
Dieses Fest erinnert an das ein Jahr zuvor vollzogene Ende der Monarchie. Zentrales Element dieses Festes ist die Verbrennung von königlichen Emblemen: Es sind vor allem Einrichtungsgegenstände, die vom Volk auf Karren herangefahren werden: Es hat damit, dem Idealbild einer revolutionären Feier entsprechend, eine aktive Rolle im Geschehen übernommen. Ort des Geschehens ist der Revolutionsplatz (place de la Révolution), vormals place Louis XV, nach dem Ende der Jacobinerherrschaft und bis heute Place de la Concorde. Die königlichen Möbel stammen aus dem Hôtel de la Marine, auf dem Bild Demachys Mitte/halbrechts in seiner ganzen Pracht zu sehen. Das war der Sitz des für die Möblierung der königlichen Schlösser zuständigen Garde Meuble de la Couronne: Dort lagerte hinlänglich königliches Brennmaterial für das Feuer. Links im Bild die Statue der Liberté, die das zerstörte Standbild von Ludwig XV. ersetzte.
Demachy stellt einen Augenblick der Freude und des Friedens dar, auch symbolisiert durch die bei der Freiheitsstatue auffliegenden weißen Tauben. Aber verdunkelt wird die Szene durch Schwaden dunklen Rauchs…
Wenige Wochen vor seinem Sturz veranlasste Robespierre in Paris ein spektakuläres Fest zu Ehren des Höchsten Wesens. Die in der Revolution vollzogene radikale Dechristianisierung durfte seiner Meinung nach nicht zum Atheismus führen. Die Anerkennung des Grand Être bzw. Être Suprême, in der aufklärerischen Tradition Schöpfer des Universums, sollte Bindeglied einer neuen Gesellschaft sein. Schon die Präambel der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 hatte sich auf ein „höchstes Wesen“ bezogen. Auf Robespierres Betreiben wurde am 7. Mai 1794 per Dekret der Kult des Höchsten Wesens verbindlich eingeführt und als Feier in die Reihe der nationalen Feste aufgenommen. Mit dem von Jacques Louis David geplanten Fest vom 8. Juni wurde der neue Kult in Paris von Robespierre höchstpersönlich feierlich eingeweiht.
Vue du jardin national et des décorations, le jour de la fête célébrée en l’honneur de l’être suprême (20 prairial an II = 8. Juni 1794) Museum Schloss Versailles [30]
Das Zentrum der Farblithografie bildet die Statue der Weisheit (sagesse) – sie ist umgeben von einer Rauchwolke, Reste eines pyrotechnischen Spektakels, in dessen Verlauf eine leicht entzündliche Statue des Atheismus verbrannte und darunter die von den Strahlen des Himmels erleuchtete Weisheit sichtbar wurde. Rechts die Tribüne für die Abgeordneten des Nationalkonvents. Die dominierenden Farben der Lithografie sind die Nationalfarben blau, weiß und rot.
Der zweite Teil des Festes fand dann auf dem Marsfeld vor der Kulisse der École militaire statt. Pierre-Antoine Demachy hat das Ereignis auf einem Ölgemälde festgehalten.[31]
Pierre-Antoine Demachy, Fête de l’Etre suprême au Champ de Mars (20 prairial an II – 8. Juni 1794). 1794, Musée Carnavalet
Auf einem dort aufgeschütteten Hügel, einem „heiligen Berg“ (montagne sacré) war ein Freiheitsbaum errichtet, Symbol der Einheit und der allgemeinen revolutionären Gesinnung. Daneben eine römische Säule mit einer fackeltragenden Statue. Insgesamt auch hier eine von David, dem Zeremonienmeister Robespierres, minutiös geplante Veranstaltung, die die Zuschauer, hier allerdings wieder auf eine passive Rolle beschränkt, in ihren Bann ziehen und in ihrer revolutionären Gesinnung bestärken sollte.
Dieses Fest war ein Höhepunkt der letztlich gescheiterten Versuche, nach dem Sturz der Monarchie und dem Kampf gegen das Christentum einen alternativen revolutionären Kult zu etablieren. Schon bald nach dem Fest des höchsten Wesens wurde Robespierre gestürzt und seinerseits guillotiniert: Die Revolution frisst, das bestätigte sich auch hier, ihre Kinder. Mit dem Ende Robespierres endete nicht nur die jacobinische Schreckensherrschaft, sondern auch eine zentrale Phase der Französischen Revolution, die eindrucksvoll in der Ausstellung im musée Carneavalet anschaulich gemacht wird.
MUSÉE CARNAVALET Vom 16. Oktober 2024 bis zum 16. Februar 2025 23 rue de Sévigné, 75003 – M° SaintPaul (1) Von Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr Montags geschlossen Eintritt: 13 € Freier Eintritt für Jugendliche bis 18 Jahre
[8] Emmanuel de Waresquiel: „La Révolution nous a légué und culture politique de l’affrontement“. In Le Monde, 24. September 2024.
Emmanuel de Waresquiel, Juger la reine. 14,15,16 octobre 1793. Paris: Tallandier 2016
[9] Z.B. Loris Chavanette, Avec l’image de Marie-Antoinette décapitée, la cérémonie d’ouverture des JO a réduit la Révolution à la Terreur. In: Le Figaro 29. Juli 2024
[10] Interview mit Valérie Guillaume, Direktorin des musée Carnavalet. In: Beaux Arts, Paris 1793-1794, S. 4
Ein Museum mit Oberlichtsälen wurde schon Mitte des 18. Jahrhundert in Kassel gebaut. Es gehörte zu den deutschen Museen, in denen sich Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, reichlich bediente.
[29] Rousseau, Lettre à d’Alembert sur les spectacles. Siehe dazu: Guillaume Mazeau, La Révolution, les fêtes et leurs images. Spectacles publics et représentation politique (Paris, 1789-1799) https://journals.openedition.org/imagesrevues/4390
Ein Schloss, irgendwo in Mecklenburg, als Gegenstand eines Beitrags auf diesem „Paris- und Frankreich-Blog“: Das hätte ich selbst nicht erwartet, als wir in Ludwigslust eine Pause auf unserem Weg nach Schwerin einlegten. Aber dann wurde schnell deutlich, wie intensiv die Bezüge zu Frankreich und auch zu bisherigen Artikeln in diesem Blog sind:
Da gibt es den Wunsch eines Mecklenburgischen Herzogs, sich eine Residenz nach Versailler Vorbild zu bauen, wofür er zunächst auch einen französischen Architekten engagierte. Man bezeichnet denn auch gerne Ludwigslust als „Versailles des Nordens“ oder als „mecklenburgisches Versailles“.[1]
Es gab -wie in Versailles- aber auch das Problem der Wasserversorgung, weil der Platz diesbezüglich für ein Klein-Versailles nicht geeignet war, was entsprechende wasserbauliche Maßnahmen erforderte.
Frappierend dann vor allem der Rundgang durch die Räume des Schlosses, in denen Teile der Kunstsammlung der Herzöge ausgestellt sind: Da hat man fast den Eindruck, sich in einem französischen Museum zu befinden: Porzellan aus Sèvres, eine ganze Reihe von Büsten von Houdon, die es mit den Exponaten in „seinem“ Museum in Montpellier durchaus aufnehmen können; desgleichen eine eindrucksvolle Sammlung von Gemälden des Hofmalers Ludwigs XV., Jean-Baptiste Oudry, dem Portraitisten der Tiere in der Menagerie Ludwigs XIV., die es in dieser Menge und Qualität nirgendwo sonst gibt.
Und dann stößt man darauf, dass Franzosen an den Kunstschätzen der Mecklenburger Herzöge auch Gefallen gefunden haben: Ganz konkret Napoleons Kunsträuber Vivant Denon, der sich da nach Belieben bediente und jede Menge Gemälde für das Musée Napoléon (Louvre) und Preziosen für die Kaiserin Josephine konfiszierte…
Bezüge zu Frankreich und zu bisherigen Blog-Beiträgen gibt es also genug. Aber es gibt auch deutliche Unterschiede: Nicht nur dass es in Ludwigslust kein Schlosstheater gibt, weil das für den pietistischen Schlossherrn Friedrich des Teufels war; auch das in Versailles so beliebte Kartenspiel war in Ludwigslust Tabu. Der wichtigste Unterschied allerdings: Während in Versailles echtes Gold glänzte, war das in Ludwigslust anders. Die Mecklenburger Herzöge befanden sich seit jeher in finanziellen Nöten, ein bisschen Versailles-Glanz wollten sie aber schon haben: Also Pappmaché und Farbe statt Gold, Bronze und andere teuren Materialien. In Ludwigslust ist also nicht alles Gold, was glänzt…
Hier nun im Einzelnen mehr über Ludwigslust und seinen Bezug zu Frankreich:
Das mecklenburgische Versailles
In der Nähe des Dorfes Klenow südlich von Schwerin mit seinen umfangreichen Wald- und Wildbeständen gab es seit 1735 ein kleines Jagdschloss der Mecklenburgischen Herzöge. 1748 berief Herzog Christian Ludwig II. den französischen Architekten Jean Laurent Legeay als Hofbaumeister. Legay wurde beauftragt, das Jagdschloss fürstlichen Repräsentationsansprüchen entsprechend auszubauen. Es erhielt nun auch einen angemessenen Namen: Ludwigslust. Der englische Reisende Thomas Nugent schrieb 1766 in seiner „Reise durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg“, am Schloss gäbe es „nicht die mindeste Pracht“, aber es falle „doch von außen ganz artig in die Augen.“ Allerdings seien das Schloss und seine Zimmer „für die Durchlauchten Herrschaften“ viel zu klein. „Der Herzog wird also an diesem seinen Lieblingsort bald einen prächtigen Palast bauen lassen.“[2] Herzog war inzwischen -seit 1756- Friedrich, der Sohn Christian Ludwigs II. Friedrich hatte pietistische Neigungen und es zog ihn vom weltlichen Schwerin in die Stille und Einsamkeit von Ludwigslust. Für eine dauerhafte Hofhaltung war das Jagdschlösschen allerdings nicht geeignet. Also erhielt Legeay den Auftrag für eine Grundrissgestaltung der künftigen Residenz. Friedrich war als Kronprinz auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa in Frankreich gewesen und von Versailles tief beeindruckt. Die meisten anderen deutschen Fürstenhäuser hatten ja schon Versailles nachgeeifert, selbst die mecklenburgische Verwandtschaft in Neustrelitz hatte schon eine imposante neue Residenz, da konnte und wollte selbst der sparsam-pietistische Friedrich nicht nachstehen und ein französischer Architekt war genau der Richtige. Legeay war allerdings inzwischen schon in preußische Dienste übergewechselt und von Friedrich dem Großen für die Bauplanung von Potsdam zuständig. Für ein dauerhaftes Engagement in Ludwigslust stand er also nicht zur Verfügung. Also behalf sich Friedrich mit seinem Hofbildhauer Johann Joachim Busch, der schon mit Legay beim Ausbau des Jagdschlosses zusammengearbeitet hatte und auch auf dessen Pläne für die Grundstruktur des Schlossbezirks zurückgreifen konnte: eine deutlich billigere Alternative.
Grundstruktur der auf dem Reißbrett geplanten Residenz Ludwigslust ist die Nord-Süd-Achse, die Schloss (in der Mitte des Kartenausschnitts) und Hofkirche (im Kartenausschnitt unten) verbindet und nach Norden als Hofdamenallee durch den Schlosspark führt.
Blick vom Portikus des Schlosses auf das Standbild Friedrichs und über die Kaskade auf die Kirche
Die zuerst gebaute Hofkirche ist imgrunde ein einfacher Saalbau, dem aber eine tempelartige breite Fassade vorgesetzt ist. Ihre Einpassung in die Nord-Süd-Achse ist zwar ein Bruch mit der eigentlich gebotenen Ausrichtung einer Kirche nach Osten. Aber diese Verbindung zwischen Schloss und Kirche ist Ausdruck des Gottesgnadentums, das Friedrich für sich beanspruchte.
Um den Kirchplatz herum entstanden streng symmetrisch angeordnet eingeschossige Fachwerkhäuser mit einheitlichen Grundrissen für Dienerschaft und Handwerker.
Bedienstetenhäuser am Kirchplatz
Etwas gediegener, ja nobler geht es in der Schloßstraße zu, die, wie der Name schon andeutet, zum Schlossplatz hinführt. Die Bebauung ist auch hier symmetrisch gegliedert: Die Straße selbst bildet die Symmetrieachse für die einzelnen Häuser, die für den Hofstaat und den Adel bestimmt waren. Jedes Haus entspricht seinem Gegenüber in Breite, Höhe und Form. Jeweils vier der unverputzten Backsteinhäuser sind unter einem Dach zusammengefasst, daran schließt sich ein freier Platz mit einem einzelnen etwas zurückgesetzten Haus an. Diese Anordnung wiederholt sich mehrmals. Außergewöhnlich ist auch die Straßenbreite von 35 Metern: Damit kann die Ludwigsluster Schloßstraße durchaus mit den Pariser Boulevards mithalten. Der Boulevard Haussmann zum Beispiel hat „nur“ eine Breite von 30-33 Metern!
Wohngebäude am Anfang der Schloßstraße. Im Vordergrund eine Vase des Hofbildhauers Kaplunger auf der Schlossbrücke.
Das Schloss wurde dreigeschossig errichtet mit einem Mezzanin und einer hohen Attika.[3]
Die Hauptfassade des Schlosses mit einem betonten Mittelbau und einem Portikus.
Der Mittelbau auf der Gartenseite springt weit vor und wird eingerahmt von zwei Seitenflügeln. Für den Bau wurde der kostengünstige landestypische Backstein verwendet. Die dekorativen Fassaden sind allerdings mit Sandstein verkleidet, der aus Pirna/Sachsen importiert wurde.
Blick auf das Schloss von der Gartenseite.
Die Schlosskapelle im Erdgeschoss des Mittelbaus wurde später in einen Jagdsaal umgewandelt und dient heute als Café. Blickfang ist ein außergewöhnlicher Leuchter aus Geweihen des nordamerikanischen Weißedelhirsches.
Seine Herkunft ist nicht exakt bestimmbar. „Es ist aber durchaus möglich, dass einzelne Geweihe oder der Leuchter als Geschenk nach Ludwigslust kamen, hatte doch Herzog Friedrich (der sogenannte Fromme W.J.) 3000 mecklenburgische Soldaten für 50 000 Taler an den britischen König, Georg III., verkauft. Nur wenige Soldaten kehrten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach Mecklenburg zurück.“[4]
Es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Die Vermietung bzw. der Verkauf von Landeskindern an England zur Bekämpfung der nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner war damals eine weit verbreitete Praxis von Fürsten deutscher Kleinstaaten, deren Luxusansprüche ihre finanziellen Ressourcen weit überstiegen. Aber selbst mit dem Soldatenhandel war das mecklenburgische Klein-Versailles nicht finanzierbar, zumal nach dem Siebenjährigen Krieg die Staatskassen leer waren. Der Verkauf von Holz und Sand reichte bei weitem nicht. Trotzdem gelang es Friedrich, im Zentrum seines neuen Schlosses einen über zweistöckigen prächtigen „Golden Saal“ einzurichten: Er braucht einen Vergleich mit französischen Pendants nicht zu scheuen.[5] Wie war das möglich?
Des Rätsels Lösung: Papiermaché. Mitte des Jahrhunderts bot Friedrichs Lakai Johann Georg Bachmann an, Papiermaché als Gestaltungsmaterial einzusetzen. Friedrich nahm das gerne auf, und es wurde in Ludwigslust eine entsprechende Manufaktur, die herzogliche Carton-Fabrique, eingerichtet: Mit großen Mengen von Papierschnipseln, die aus den herzoglichen Aktenbeständen bezogen wurden, und Materialien wie Weingeist, Gips, Mehlkleister und Knochenleim gelang die Imitation fast aller Materialien. Die genaue Rezeptur nahm Bachmann mit ins Grab. Und in der Manufaktur wurde durch strenge Kontrollen, Arbeitsteilung und die Androhung von Strafen dafür gesorgt, dass nichts nach draußen drang. Das Geheimnis des Ludwigsluster Cartons wurde also ähnlich gehütet wie das des Porzellans in Meißen oder der Versailler Spiegelgläser in Paris.
Immerhin stellte Papiermaché ein preiswertes Äquivalent für Marmor, Stein, Ton oder Holz dar. Der gesamte Raumschmuck des Goldenen Saals bis hin zu den Wandleuchtern besteht aus diesem Material.
Auch die prächtigen korinthischen Kapitelle im Goldenen Saal -er wird gerade renoviert: Papiermaché. (Foto: Juli 2024 Wolf Jöckel)
Das Motto: Mehr Schein als Sein gilt auch für die Hofkirche. Auch dort wurde Papiermaché reichlich verwendet.
Wandverzierungen….
… Schmuck der herzoglichen Loge und Kassettendecke: alles Papiermaché.
Und das wunderbare Altarbild, mit 350 m2 das größte Europas, besteht aus Papiermaché-Platten.
Bei näherem Hinsehen ist das deutlich zu erkennen:
Dem Maler dieser entzückenden ländlichen Szenerie wurde es allerdings von seinem knauserigen Landesherrn wenig gedankt. So ersetzte er -etwas versteckt- seine Malersignatur durch eine arme Kirchenmaus…
Aber die Verwendung von Papiermaché beschränkte sich nicht nur auf die Ausstattung von Schloss und Kirche. Auch Kopien antiker Statuen wurden in der Carton-Fabrique hergestellt und zum Verkauf angeboten. Besonderer Beliebtheit erfreute sich etwa die Venus Medici nach dem Original in den Uffizien von Florenz.
Bachmann gelang es sogar, das Papiermaché wetterfest zu machen. Die 16 Büsten römischer Kaiser im sogenannten Kaisersaal des Schlossparks wurden also auch aus Papiermaché gefertigt. Sie haben dort immerhin 100 Jahre überdauert. Dann wurden die Büsten durch Schmuckvasen ersetzt, die es auch heute noch bzw. wieder gibt.
Johann Dietrich Findorff, „Der Kaisersaal im Park von Ludwigslust“ 1767 (Ausschnitt)[7]
Vorbild des Kaisersaals von Ludwigslust war übrigens ausnahmsweise einmal nicht Versailles, sondern das Galerie-Gebäude von Schloss Herrenhausen bei Hannover. [7a]
Hannover-Herrenhausen Galeriegebäude, Innenansicht der Galerie, Kupferstich, um 1725, gestochen von Joost van Sasse, nach Zeichnung von Johann Jacob Müller
Wasser für Ludwigslust: Kanal und Kaskade
Wie Versailles geht auch Ludwigslust aus einem früheren Jagdschloss hervor. Und wie in Versailles bedeutete diese völlig neue Verwendung auch in Ludwigslust, dass erheblich größere Mengen an Wasser gebraucht wurden: Für eine große Zahl von nun dauerhaft hier ansässigen Menschen und für die Wasserspiele, die zu den unabdingbaren Elementen einer (spät-)barocken Residenz gehörten. Sowohl in Versailles als auch in Ludwigslust fehlte es aber vor Ort an entsprechenden Ressourcen. In Versailles war die Wasserversorgung ein massives Dauerproblem, in Ludwigslust wurde noch vor dem Bau des Schlosses von 1756 bis 1760 ein etwa 28 Kilometer langer Kanal angelegt.
Der Kanal im Schlosspark von Ludwigslust
Hauptattraktion der Wasserspiele ist die am Schlossplatz gelegene große Kaskade aus Granitblöcken. Geschmückt ist sie mit drei Sandstein-Figurengruppen.
In der Mitte rahmen Allegorien der Flussgötter von Stör und Rögnitz, den beiden Flüsschen, die den Kanal speisen, das mecklenburgische Wappen ein.
Das Reh hinter dem Flussgott weist auf den Ursprung von Ludwigslust hin und den Reichtum an Wild in der Gegend, die das Flüsschen durchquert. Das kennt man auch von den entsprechenden Beigaben der Fluss-Skulpturen im Park von Versailles (Parterre d’Eau) – allerdings geht es da nicht um Stör und Rögnitz, sondern um Flüsse wie Seine und Marne, Rhône, Loire und Dordogne…[8]
Das gibt es nicht einmal in Versailles: das „ägyptische“ Friedhofstor…
Ganz ungewöhnlich ist in mancherlei Hinsicht der Gottesacker von Ludwigslust. Zunächst wegen seiner Lage: Friedrich ließ nämlich den Friedhof der Residenz nicht, wie damals üblich, direkt bei der Kirche anlegen, sondern von ihr entfernt, wenn auch durch eine Blickachse mit ihr verbunden. Das hatte gemäß damaliger neuester Reformbestrebungen medizinische/hygienische Gründe. Der Ludwigsluster Friedhof ist damit einer der frühesten „Modellfriedhöfe“ des 18. Jahrhunderts. In Versailles dauerte es dagegen noch ein gutes Jahrzehnt, bis der König in einer „Erklärung über die Bestattungen“ vom 10. März 1776 ein grundsätzliches Verbot von Gräbern in der Nähe von Kirchen und Wohnungen erließ, womit Versailles in Frankreich zu den Vorreitern gehörte. In Paris wurde der großes Friedhof der Innocents erst 1786 geschlossen und erst während der Französischen Revolution wurde die Neuanlage von Friedhöfen extra muros, also außerhalb der Stadtgrenzen, für die Toten der Stadt beschlossen.
Ganz außergewöhnlich war (und ist) aber auch der Eingang zu diesem Friedhof. Er hat nämlich die Form von Pylonen, wie sie als Eingang zu Tempelanlagen im alten Ägypten üblich waren. Damit fiel „ägyptischer Herrscherglanz“ auf die Ludwigsluster Begräbnisstätte, die so mit Kirche und Schloss einen einzigartigen Dreiklang bildet. Und apropos Klang: Die Residenzkirche hatte ja keinen Glockenturm- der hätte zu der klassischen Fassade nicht gepasst. Also hatte Friedrichs Hofbaumeister Busch die findige Idee, die Kirchenglocken im oberen Teil der beiden Pylone zu installieren…
Und wie kam der heimische Steinmetz Busch, zum Hofbaumeister avanciert, zu den ägyptischen Pylonen? So wie er sein architektonisches Wissen aus der einschlägigen französischen Fachliteratur bezog, die Friedrich aus Frankreich mitgebracht hatte, so waren es in diesem Fall aller Wahrscheinlichkeit nach die Reiseberichte eines englischen Gelehrten und eines dänischen Marineoffiziers, die als Anregung dienten. Diese Berichte wurden Mitte des 18. Jahrhunderts mit Skzizzen der Tempelanlagen von Karnak und Luxor publiziert und sicherlich bei Hofe mit großem Interesse aufgenommen. Busch plante sogar, „die neue Kirche in Gestalt einer Pyramide zu erbauen, eine Entwurfsidee, die dann aber als zu gewagt ausgeschlossen wurde. Doch zumindest die Gestaltung des Friedhofs sollte an die Monumentalarchitektur dieses neu entdeckten altägyptischen Totenkultes erinnern.“[8a] Da kann Versailles einmal nicht mithalten: Es gab zwar dort schon früher Bezüge zum alten Ägypten, also noch vor der Ägyptomanie einer Marie Antoinette oder der napoleonischen Ära: zum Beispiel die beiden Sphingen am Parterre du Midi hinter dem Eingang zum Park, und Sphingen gab es auch in Paris, z.B. am Louvre, dem königlichen Schloss. Vielleicht haben auch die als Anregung gedient, mit einfachsten Mitteln, zunächst aus Holz, dann aus Back- und Feldsteinen, einen monumentalen „ägyptischen“ Bau zu errichten und damit wenigstens insofern dem bewunderten und natürlich völlig unerreichbaren Versailles doch Paroli zu bieten…
Auch das gehört zu Ludwigslust: Der Ehrenfriedhof für KZ-Opfer
Es gibt in Ludwigslust aber nicht nur diesen alten Gottesacker mit seinem „ägyptischen“ Eingang, sondern noch eine weitere Grabstätte, und zwar einen Ehrenfriedhof zwischen Kirche und Schloss.
Mahnmal des Ludwigsluster Künstlers Herbert Bartholomäus, 1951 (Wikipedia)
Auf ihm sind 200 Tote des Konzentrationslagers Wöbbelin bei Ludwigslust bestattet. Wöbbelin war ab Februar 1945 ein Außenenlager des KZ Neuengamme und diente ab Mitte April als Auffanglager für Transporte aus anderen Konzentrationslagern. In den zehn Wochen seiner Existenz starben von 5000 Häftlingen aus 25 Nationen etwa 1000 an katastrophalen hygienischen Verhältnissen, Hunger und Krankheiten.
Foto: Wolf Jöckel
Als US-Soldaten am 2. Mai das Lagergelände entdeckten, fanden sie mehr als 500 Tote auf dem Lagergelände. 200 von ihnen sind in einfachen namenlosen Gräbern hier bestattet.
Foto: Wolf Jöckel
Oudrys Galerie der Tiere
Nun aber ins Schloss, und dort zunächst in die Gemäldegalerie. Die gehörte zu einer standesgemäßen Residenz dieser Zeit, also gibt es sie auch in Ludwigslust, und nach erfolgter Renovierung sogar wieder im ursprünglichen Zustand, also mit traditioneller Raumaustattung (natürlich aus Papiermaché) und Aufhängung. [9] Die Mecklenburger Herzöge interessierten sich besonders für holländische/flämische Malerie, die in der Galerie denn auch reichlich vertreten ist.
Den einzigartigen Schwerpunkt der Sammlung bilden aber Werke des französischen Malers Jean-Baptiste Oudry. Oudry war ein international geschätzter Maler zur Zeit Ludwigs XV. Er erhielt Aufträge nicht nur vom französischen König, sondern auch vom russischen Zaren Peter dem Großen und der schwedischen Königin. Vor allem als Maler von Tieren und Jagdszenen hatte er sich einen Namen gemacht hat. Aber auch als Direktor der Teppich-Manufaktur von Beauvais, der er viele Vorlagen lieferte, hatte er großen Einfluss.[10] Das Staatliche Museum Schwerin besitzt „mit 34 Gemälden und 43 Handzeichnungen die umfangreichste Oudry-Kollektion überhaupt.“[11]
Was hat es mit dieser besonderen Beziehung des Schweriner Hofes zu Oudry auf sich? Ludwig XIV. hatte sich im Park von Versailles eine Menagerie mit seltenen Tieren eingerichtet, um auch auf diese Weise seine absolute Macht zu demonstrieren – was dann von anderen Fürsten nachgeahmt wurde. Die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin konnten sich aber derart aufwändige Einrichtungen nicht leisten. „Sie taten das Nächstbeste“, und ich zitiere nachfolgend aus dem wunderbaren Buch: Oudrys gemalte Menagerie, „sie kauften Portraits jener Tiere, die in der berühmten Versailler Menagerie gehalten wurden. Dieser Bilder waren zudem ursprünglich als Geschenk für König Ludwig XV. in Auftrag gegeben und von einem berühmten Tiermaler geschaffen worden, der für den französischen König arbeitete und auch in Deutschland bekannt war – Jean-Baptiste Oudry.“ [12]
Oudry hatte eine seit langem bestehende Beziehung zu den Herzögen von Schwerin – Herzog Christian Ludwig kaufte 1732 für sein Jagdschlösschen Ludwigslust die ersten Bilder des französischen Tiermalers. 1738 kam Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg, der Erbauer der Residenz Ludwigslust, auf seiner Grand Tour durch Deutschland und Europa selbstverständlich auch nach Paris, wo er Oudry kennenlernte. Danach reiste er nach Angers weiter, wo er ein Jahr lang die dortige Ritterschule besuchte. Danach kam Friedrich wieder nach Paris und blieb auch dort ein Jahr. Oudry zeigte dem jungen Prinzen die Stadt, nahm ihn mit zu Künstlerateliers, zeigte ihm die Sorbonne und die Gobelin-Tapisseriemanufaktur und malte sein offizielles Portrait. Ursprünglich plante Christian Ludwig, dass sein Sohn von dem angesehensten Maler in Paris, Hyacinthe Rigaud, portraitiert werde, dem Portraitisten des Sonnenkönigs. Aber der verlangte zu viel für seine Bilder, während Oudry ein kostengünstigeres Angebot machte. Am 18. Mai 1739 berichtet Friedrich seinem Vater, dass sein Bildnis fertig und „wie alle Leute sagen sehr wohl getroffen“ sei.[13] Friedrich ist, passend zu seiner Ausbildung auf der Ritterschule in Angers, in Ritterrüstung dargestellt.
Oudry, Bildnis Erbprinz Friedrich zu Mecklenburg 1739 (Ausschnitt)[14]
1750 kam Friedrich erneut nach Paris, diesmal mit seiner Frau und Schwester. Er besuchte Oudry in seinem Atelier. Dort sah er eine Serie von Tierbildern, die Oudry in der Versailler Menagerie gemalt hatte, die „Menagerie-Serie“, und erreichte, dass ihm sein Vater schließlich das erforderliche Honorar nach Paris überwies. Oudry hatte die großformatigen Bilder im Auftrag des Leibarztes Ludwigs XV., La Peyronie, gemalt. Nach dem Tod Peyronies waren sie im Atelier Oudrys verblieben. [15]
Der Erwerb dieses Tierzyklus beruht wohl auf einer „Kombination aus Geldmangel und bereits bestehender Beziehung zu Oudry. …. Die Tatsache, dass dieser Zyklus anfänglich für den französischen König bestimmt war, machte ihn umso attraktiver. Durch den Kauf der Bilder befriedigten die Herzöge von Schwerin mehrere Bedürfnisse und Ambitionen gleichzeitig: Sie folgtem dem Vorbild des französischen Hofes, indem sie ihre Gemäldegalerie erweiterten; sie förderten den gleichen Maler und stellten die gleichen exotischen Tiere zur Schau. So erzeugten sie fürstlichen Glanz und das für einen Bruchteil der Kosten, die der Besitz seltener lebendiger Tiere verursacht hätte. Natürlich waren gemalte Tiere nicht ganz so wunderbar, aufregend und beeindruckend wie lebende, aber durch Oudrys Gemälde wurden sie lebendig. Seine Tierportraits erlaubten den Herzögen von Mecklenburg, die lange Geschichte der fürstlichen Tiersammlungen fortzuführen, die Macht, kultivierte Bildung und Herrschaft über Natur und Länder symbolisierten.“[16]
Vier dieser Portraits werden nachfolgend vorgestellt.
Foto: Wikipedia
Dass die Tiere in den Gemälden Oudrys lebendig wurden, zeigt das Bild dieses Leoparden, der gerade sein Pendant, eine Leopardin, anfaucht und zu beeindrucken sucht. Oudry gelingt es, die Kraft und Energie des Tieres anschaulich zu machen: Der Schweif, in voller Bewegung, scheint geradezu die Bildfläche zu durchbrechen. In seinen Bildern entsteht eine „intime Nähe zu exotischen, gefährlichen Tieren, die normalerweise durch Zäune, Glasgehege, Wassergräben, Menschenmengen verhindert wird.“ [17] Der gemalte Leopard Oudrys ist sicherlich eindrucksvoller als ein in einem engen Menagerie-Gehege eigesperrtes lebendes (und wohl auch leidendes) Tier.
Foto: Wolf Jöckel
Ganz anders als die wilde Raubkatze portraitiert Oudry die Antilope, die zu den ersten Bildern seiner Menagerie-Serie gehört. Es ist eine in Vorderindien beheimatete Hirschziegenantilope. Ruhig und anmutig schaut sie in die weite Gebirgslandschaft. „Oudrys Darstellung der Antilope entspricht der eines Fürsten, der sich gelassen und selbstverständlich vor seinem Land portraitieren lässt.“[18]
Der Kasuar ist sicherlich der exotischste Vogel der Menagerie, den Oudry portraitierte.[19] Es handelt sich um einen vor allem in Neuguinea verbreiteten Laufvogel, der um 1600 zum ersten Mal von der holländischen Ostindischen Kompanie nach Europa eingeführt wurde. 1671 konnte dann auch der Sonnenkönig eines der seltenen Exemplare den Besuchern seiner Menagerie vorführen.[20] Oudrys Kasuar wurde 1745 im Salon ausgestellt und wie folgt beschreiben.: „Er hat weder Zunge noch Schwanz noch Flügel; er verschlingt ungerührt alles, was man ihm gibt, sogar bis hin zur glühendsten Kohle, er zerschlägt das Bein eines Mannes mit seiner Klaue.“[21] Dass der hauptsächlich von Früchten lebende Kasuar glühendste Kohle verschlingt, ist sicherlich effekthascherischer Unsinn, gefährlich werden kann er mit seinen dolchartigen Krallen aber durchaus.[22] Und so verleiht Oudry dem Vogel durch eine leichte Untersicht „einen monumentalen und auch bedrohlichen Charakter.“[23]
Foto: Wolf Jöckel
Oudrys Portrait eines – heute in freier Wildbahn ausgestorbenen- Atlaslöwen ist mit seiner Größe von 307×258 cm nach dem Rhinozeros „Clara“ vom Schweriner Schloss das zweitgrößte Gemälde der mecklenburgischen Oudry-Sammlung und das größte in Ludwigslust. Um die ungewöhnlichen Maße unterzubringen, benutzte der Maler zwei zusammengenähte Leinwandbahnen. Löwen gehörten schon seit jeher als Symbol der Stärke und des Stolzes zur Grundausstattung adliger Menagerien.[24] Selbstverständlich war für sie auch ein Platz in der Versailler Menagerie eingerichtet. Oudry portraitierte den Löwen als mächtigen Herrscher des Tierreichs und damit gewissermaßen als tierisches Pendant des Selbstbildes eines absoluten Herrschers, dem zu unterwerfen man wohl beraten ist…
Oudry lieferte übrigens nicht nur Tierbilder nach Schwerin bzw. Ludwigslust, sondern er fungierte auch als Agent bei der Bestellung französischer Produkte für die herzogliche Residenz. Dazu gehörten beispielsweise Bücher, Kupferstiche, aber auch Möbel, feines Geschirr, Küchenutensilien, Toilettenartikel und Seidenstrümpfe für die Prinzessin. Sogar eine „chaise percée de commodité“, also ein Nachtstuhl, wurden mit Oudrys Vermittlung nach Mecklenburg expediert. Oudry wurde auch engagiert bei der Beschaffung von Gipsabgüssen antiker Figuren. Das stellte ihn allerdings vor unerwartete Probleme, weil der strenggläubig Protestant Christian Ludwig II. und erst recht sein pietistischer Sohn Friedrich, auch „der Fromme“genannt, keine nackten Statuen zu sehen und erst recht nicht zu kaufen wünschten. Da half es auch nicht, dass Oudry darauf hinwies, König Ludwig XV. habe „immer nur schöne nackte Figuren der Antike zu Studienzwecken … gießen lassen.“ [24a] Herzog Friedrich hätte sich wohl im Grabe umgedreht, wenn er mitbekommen hätte, dass bald nach seinem Tod die -natürlich- nackte Venus in seiner Papiermaché-Manufaktur hergestellt und ein Verkaufsschlager werden würde….
Die Portraitbüsten von Jean-Antoine Houdon
Jean-Antoine Houdon war einer der bedeutendsten Bildhauer des 18. Jahrhunderts, für manche Kenner wie Kornelia von Bersworth-Wallrabe, die langjährige Direktorin der Schweriner Museen, sogar der bedeutendste. Houdon wird gerne als Bildhauer der Aufklärung bezeichnet, weil er eindrucksvolle Standbilder und Büsten der großen Gestalten dieser Zeit wie Voltaire, Diderot und Rousseau schuf. Unser Bild des verschmitzt lächelnden Voltaire, wie wir es etwa aus dem Pantheon oder der Bibliothèque Nationale kennen, wurde von Houdon geprägt. Die Portraitbüsten Houdons waren auch international gefragt –in Russland, wo er eine Büste Katharinas der Großen anfertigte, selbst in den USA, in die er eingeladen wurde, um George Washington zu portraitieren. Auch an deutschen Residenzen war Houdon gefragt; vor allem in Gotha/Thüringen. Dort war Houdon sogar zweimal zu Gast, 1771 und 1773, um über Aufträge zu verhandeln und Mitglieder des herzoglichen Hauses zu porträtieren. Bei dieser Gelegenheit traf natürlich auch die Tochter des Gothaer Herzogs, Louise von Sachen-Gotha- Roda, den Bildhauer.[25] Kein Wunder also, dass sie 1882, inzwischen verheiratet mit dem Mecklenburger Erbprinzen Friedrich Franz, auf dessen Grand Tour nach Holland, England und Frankreich dem Atelier Houdons in Paris einen Besuch abstatteten. Ein Begleiter des Erbprinzenpaar schrieb dazu:
Wir „gingen gemeinsam zu M. de Houdon, dem berühmten Bildhauer , der noch dazu gerade eine hervorragende Statue für die Wandelhalle der neuen Comédie Française vollendet hatte“ (also ganz offensichtlich die berühmte Statue des auf einem Imperatorensessel thronenden Voltaire). „Die Hoheiten sahen dort mehrere Büsten ihnen bekannter Personen und waren derart überrascht über deren Ähnlichkeit, dass sie sich sofort entschlossen, die ihren (Büsten) ebenfalls anfertigen zu lassen.“[26]
Hier links die Büsten der Erbprinzession Louise und rechts des Erbprinzen Friedrich Franz. Bei Gelegenheit dieses Besuches bestellte das Paar auch gleich noch weitere Büsten, so dass das Staatliche Museum Schwerin heute über einen Sammlungsbestand von 15 Portraitbüsten verfügt, „Stücke von höchster Qualität und Seltenheit“, die zwischen 1770 und 1792 angefertigt wurden und „einen repräsentativen Einblick in sein Werk“ geben.[27] Mehrere davon sind in Ludwigslust ausgestellt.
Da gibt es -natürlich- eine Büste des alten Voltaire. Kurz vor dessen Tod am 30. Mai 1878 in einer Modellsitzung geformt und nach Voltaires Tod anhand der von Houdon abgenommenen Totenmaske überarbeitet. Voltaire ist hier mit seinem typischen ironisch-verschmitzten Lächeln mit Perücke dargestellt.
Houdon stellte auch Büsten „klassischer“ Franzosen dar. So die von Molière als jungem Mann – auf dem ersten Bild dieses Abschnitts links hinter dem Erbprinzen- und die des Fabeldichters Jean de la Fontaine.
Aus dem Bildnis de la Fontaines spricht „die Weisheit und Gebrechlichkeit des Alters. … Die bei Houdon übliche Ausbohrung der Iris intensiviert den lebendigen Ausdruck des Dargestellten.“[28] De la Fontaines passt auch insofern gut in die Schweriner Sammlung, weil seine Fabeln von Jean Baptiste Oudry illustriert wurden. Insofern gibt es eine Beziehung zwischen den beiden Schweriner „Schwergewichten“, Oudry und Houdon.
Chr.W.Gluck (Ausschnitt). Foto: Wolf Jöckel
Die (nicht nur für mich) beeindruckendste der Ludwigsluster Büsten Houdons ist die des Komponisten Christoph Willibald Gluck aus dem Jahr 1775. (Im obigen Bild der vier Büsten neben Moliere und zwischen dem Erbprinzenpaar). Es ist auch die, die den Ruhm des jungen Bildhauers begründete. Gluck lebte und wirkte damals in Paris. Er revolutionierte die zeitgenössische Opernpraxis, indem er für eine an den Ideen der Aufklärung orientierte Reform eintrat. 1774 fanden in Paris triumphale (Ur-) aufführungen seiner Opern „Iphigenie in Aulis“ und „Orpheus und Euridike“ statt. „Jean-Antoine Houdon zeigt den enthusiastisch Gefeierten ohne Perücke, mit ungeordnetem Haar und leicht geöffneten Mund in einem kühnen strahlenden Antlitz. Houdon wagt es, die Pockennarben nicht zu vertuschen, sondern sie mittels skizzenhafter Behandlung von Gewandung und Haar unlösbar in den Gesamteindruck einzubinden.“ Die wahrhafte Wiedergabe des Menschen markieren den Triumph der Persönlichkeit über die Konvention:[29] Ein impressionistisch-gegenständliches Bildnis, das man mit Rodin in Verbindung gebracht hat und das Houdon den Rang eines Vorläufers der modernen Plastik verliehen hat.[30]
Die Schweriner Herzöge hatten allerdings nicht genug Geld, um -wie Katharina die Große- ihre Houdon-Plastiken aus Marmor anfertigen zu lassen, oder gar in Bronze gießen zu lassen. Es handelt sich um Versionen in Gips bzw. Terracotta, was allerdings ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Auch für die berühmteste Statue Houdons, die sog. Frierende, La Frileuse, reichte das Geld offenbar nicht. Diese Statue ist eigentlich die Allegorie des Winters in einer Reihe der vier Jahreszeiten. Ursprünglich stand neben dem frierenden jungen Mädchen eine vom Frost gesprengte Vase, was aber auch zu anderen Deutungen Anlass gab: Die zerbrochene Vase -wie der zerbrochene Krug bei Kleist- als Symbol der verlorenen Jungfräulichkeit. In späteren Versionen verzichtete Houdon auf die Vase, so dass die Statue ganz unschuldig ihren erotischen Reiz entfalten kann: ein junges Mädchen mit einem um Kopf und Oberkörper geschlungenenTuch nur halbwegs verhüllt: „Schönheit pur“.[31]
Da hatte man in Schwerin eine geniale Idee: Nur drei Jahre nachdem Houdon von der Statue einen Bronzeabguss gefertigt hatte (1787), wurde die Figur in das Sortiment der Ludwigsluster Cartonfabrik aufgenommen, was auch in dem in adligen Kreisen weit verbreiteten Intelligenzblatt des Luxus und der Moden annonciert wurde: „Eine weibl. Nackte Fig. So aus dem Bade kömt“. Dank der verwandtschaftlichen Beziehung der Mecklenburger Herzöge gelangten auch Papiermaché-Versionen der Frierenden nach Weimar und Gotha, aber auch in Frankreich, Holland und den USA gibt es entsprechende Exemplare…[32]
Auch in Mecklenburg: Der napoleonische Kunstraub
In der Ludwigsluster Gemäldegalerie hängt auch ein Bild des niederländischen Malers Abraham Hondius aus dem Jahr 1670: Hunde jagen einen Schwan aus seinem Nest. Niederländische Malerei war in der Gemäldesammlung der Schweriner Herzöge reichlich vertreten. Friedrichs Vater und Friedrich selbst hatten nämlich auf ihrer Grand Tour, die auch eine Einkaufstour für Kunst war, in Holland große Bestände niederländischer Gemälde erworben. [33] Auf die hatte es Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, besonders abgesehen, als er im März 1807, kurz nach der preußischen Niederlage bei Schwerin und der Besetzung der Stadt durch französischen Truppen, die Bestände der herzoglichen Kunstsammlung besichtigte. Und er wurde fündig: Insgesamt 209 Gemälde, über 106 kunsthandwerkliche Objekte, dazu chinesische Vasen und Manuskripte wählte er aus, die nach Frankreich überführt wurden; für das im Louvre eingerichtete musée Napoléon und andere Museen; aber auch die anspruchsvolle Kaiserin Joséphine, „S.M. l’Imperatrice“ wurde bedacht. Zum Beispiel wählte Denon kostbare Elfenbeinschnitzereien für sie aus. Am Jahrestag der preußischen Niederlage von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 wurde im Musée Napoléon (dem späteren Louvre-Museum) eine große Ausstellung der Raubkunst eröffnet, damit „die Franzosen, indem sie das ruhmreich vom Feinde Erbeutete bewundern, gleichzeitig ihren ehrenden Respekt und ihre Dankbarkeiit an den Helden richten können, dem der Sieg die Werke zu Füße legte.“[34] Von den 209 erbeuteten Schweriner Gemälden wurden etwa 70 bei dieser Ausstellung präsentiert. Nach der Niederlage Napoleons mussten die konfiszierten Werke weitgehend wieder zurückgegeben werden, auch das entzückende Gemälde Hondius‘.
Ein Objekt der Raubkunst war übrigens auch Oudrys oben abgebildetes Portrait des Erbprinzen Friedrich. Es „gelangte 1806 unter Napoleon nach Frankreich“, wie es im Schweriner Katalog der Werke Oudrys und Houdons in einer Fußnote rücksichtsvoll umschrieben wird. Als einziges Schweriner Beutekunst- Gemälde kehrte es 1815 nicht wieder nach Schwerin zurück und befindet sich noch heute im Louvre. Im aktuellen Katalog des Pariser Museums wird angegeben, das Bild sei „1755 auf der Nachlassauktion Oudrys in Paris“ erworben worden…[35]
Literatur
Jean-Baptiste Oudry/Jean-Antoine Houdon. Vermächtnis der Aufklärung. Sammlung Staatliches Museum Schwerin. Katalog der gleichnamigen Ausstellung vom 26. Mai bis zum 20. August 2000
Kornelia von Berwordt-Wallrabe (Hrsg), Oudrys gemalt Menagerie. Portraits von exotischen Tieren im Europa des 18. Jahrhunderts. Staatliches Museum Schwerin/Deutscher Kunstverlag 2008
Hilke Maunder, So viel Frankreich steckt in Schwerin. https://meinfrankreich.com/schwerin/ Dies ist eines der interessanten und kurzweiligen 26 Städteportraits aus: So viel Frankreich steckt in Deutschland. Magenta-Verlag Kempen 2020. [36]
[6] Bild aus: Staatliches Museum Schwerin, Schloss Ludwigslust. 1997, S. 43
[7] Die Grafik gehört zu einer Sammlung von acht Abbildungen aus dem Park von Ludwigslust. Ursprüngliche Beschriftung: Der Keyser Saal, in den Holtz von Ludwigslust. La Salle des Empereurs, dans le Bois de Ludwigslust. https://nat.museum-digital.de/object/833703?navlang=de
[7a] Ich danke Herrn Ulrich Schläger für diesen Hinweis und für die Zusendung der Herrenhausen-Abbildung. Er bezieht sich dabei auf die Arbeit von Ellen Suchezky »Die Abguss-Sammlungen von Düsseldorf und Göttingen im 18. Jahrhundert – Zur Rezeption antiker Kunst zwischen Absolutismus und Aufklärung«; de Gryter, Berlin/Bosten, 2019; hier S. 219 ff, insbes. S. 222 & 223.
[8a] Aus der neben dem Friedhofseingang angebrachten Informationstafel. Dort auch die Radierung von Findorff, die den 1765 errichteten ersten hölzernen Bau zeigt.
[32] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, S. 200
[33] Everhard Korthals Altes, The Art Tour of Friedrich of Mecklenburg-Schwerin. Netherlands Quarterly for the History of Art. 31,3 (2004/2005, S. 216ff
[35] Oudry/Houdon, Vermächtnis der Aufklärung, Fußnote 5, S. 33
[36] Dazu eine kleine aktuelle Ergänzung: Maunder schreibt in ihrem Beitrag über Schwerin: „Zu den wenigen Franzosen, die in Schwerin leben, gehört Pierre Congard. Der Bretone, der 1993 Brest gegen Schwerin tauschte, begeistert seitdem die Mecklenburger für den asiatischen Kampfsport Aikido.“ Inzwischen hat das Schweriner Staatsstheater sogar eine französische Operndirektorin, Judith Lebiez! Vive l’amitié franco-allemande!
Deutschland ist, so hat es kürzlich der deutsche Bundespräsident formuliert, ein „Land mit Migrationshintergrund“.[1] Dabei bezog er sich auf die vielen Migranten, die vor allem in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Zu dem Migrationshintergrund Deutschlands gehören aber auch die Deutschen, die ihre Heimat, vor allem im 19. Jahrhundert, zeitweise oder dauerhaft verlassen haben. Bekannt ist da in erster Linie die massenhafte Auswanderung nach Amerika. Weniger bekannt dagegen ist, dass es auch eine bedeutende deutsche Migration nach Frankreich, vor allem nach Paris, gegeben hat. (Unter deutscher Migration wird hier wie in der zugrunde liegenden Literatur deutschsprachige Migration verstanden).
Auch in der neuen viel gerühmten Dauerausstellung des Pariser Immigrationsmuseums, des Musée national de l’histoire de l’immigration[2], im höchst eindrucksvollen Palais de la Porte Dorée ist die deutsche Migration nach Frankreich kaum und die ins Paris des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht präsent. Das mag verständlich sein in Anbetracht wesentlich bedeutenderen Migrationsbewegungen nach Frankreich im Verlauf der neuzeitlichen Geschichte. Man denke nur an die Migranten aus Polen, Portugal, Italien, Nordafrika, den (ehemaligen) Kolonien in Afrika und Südostasien etc. Insofern ist der nachfolgende Beitrag auch als Ergänzung zu der Ausstellung im Palais de la Porte Dorée zu verstehen.
Foto: Pascal Lemaître
Sitz des Museums ist seit 2007 das ehemalige Hauptgebäude der französischen Kolonialausstellung von 1931, das danach als Kolonialmuseum diente. Es ist ein herausragender Bau des Art Deco-Stils. Auf den Reliefs der Fassade wird dargestellt, wie sehr und auf wie unterschiedliche Weise Frankreich von seinem großen Kolonialreich profitiert habe. In den Wandmalereien im Innern wird Frankreich als segensreiche Kolonialmacht gefeiert [3] Einen besseren Ort für ein Museum der Einwanderung hätte man kaum finden können und einen besseren Zeitpunkt für die Neukonzeption der Ausstellung auch nicht: Ist doch Anfang 2024 in Frankreich ein neues Immigrationsgesetz (loi d’immigration) verabschiedet worden, das 117. seit 1945 (!). Ziel des Gesetzes war es ursprünglich -entsprechend dem Macron’schen Prinzip des en même temps– einerseits „die Einwanderung zu kontrollieren“, andererseits aber auch die „Integration zu verbessern“. Diese zweite Zielsetzung blieb dann allerdings in den parlamentarischen Beratungen und Entscheidungen auf Druck der für eine Parlamentsmehrheit erforderlichen Opposition auf der Strecke. Marine le Pen konnte sich die Hände reiben bzw in der Nationalversammlung zustimmend ihre Hand heben… Erst durch eine Notbremse des Conseil constitutionnel, des französischen Verfassungsgerichts, wurde das Gesetz wieder etwas entschärft. [3a]
Foto: Wolf Jöckel
Nun aber zu Heinrich Heine, Börne, den deutschen Handwerkern und Dienstmädchen: Deutschsprachige Immigranten bildeten im 19. Jahrhundert über mehrere Jahrzehnte hinweg die mit Abstand größte Gruppe von Ausländern in Paris. Um 1848 gab es mehr als 80 000 Deutsche, ja sogar an die 100 000, in Paris. Und allein die Anfang 1848 offiziell erfassten 62 000 Deutschen stellten 5 Prozent der Pariser Bevölkerung.[4]
Die Unterschiede zwischen offiziellen und geschätzten Zahlen beruhen unter anderem darauf, dass weibliche Beschäftigte, Wäscherinnen oder Hausmädchen, in kaum einer Statistik erfasst wurden. Dazu kam, dass nach dem Krieg 1970/1871 deutsche „Gastarbeiter“ sich oft als Schweizer oder Österreicher ausgaben, um nicht Rachegelüsten der durch die Niederlage gedemütigten Franzosen Vorschub zu leisten.[5] Große quantitative Einschnitte der deutschen Migration sind in dem Schaubild deutlich zu erkennen: Zuerst durch die wirtschaftliche und politische Krise der Februar-Revolution von 1848 in Paris und die Märzrevolutionen in Deutschland, die viele Migranten zur Rückkehr in die Heimat veranlassten; dann die Kriege von 1871 und 1914, die eine Ausweisung deutscher Staatsbürger aus Frankreich zur Folge hatten. (Erst 1939 kam es zur massenhaften Internierung von Deutschen, auch derer, die in Frankreich vor der Verfolgung durch die Nazis Schutz gesucht hatten).
Am bekanntesten sind unter den deutschen Paris-Migranten des 19. Jahrhunderts Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller wie Heinrich Heine und Ludwig Börne, für die Paris ein Zufluchtsort vor Verfolgung und Zensur war. Das Gros der deutschen Paris-Migranten bildeten aber Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner und Hausangestellte, meist einfache, arme Leute: eine „vergessene Migration“, wie es Mareike König im Untertitel ihres grundlegenden Sammelbands formulierte.
Nach einem Blick auf die politische und intellektuelle Emigration soll auf diese „vergessene Migration“ eingegangen werden.
Paris als Zentrum politischer Migration aus Deutschland im 19. Jahrhundert
Politisch Verfolgte aus den deutschen Ländern suchten und fanden insbesondere in den 1830er und 1840er Jahren in der französischen Hauptstadt die damals in weiten Teilen Deutschland unterdrückte Freiheit. Es war die Zeit des Vormärz, der Epoche vor der Revolution von 1848, die in Deutschland von politischer Unterdrückung und Zensur geprägt war, in Frankreich dagegen von einem revolutionären Aufbruch: 1830 wurden in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt. Zwar blieb Frankreich eine Monarchie, aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern amtierte der neue Regent nicht mehr als König von Frankreich und Navarra, sondern -ein Hinweis auf das neue Prinzip der Volkssouveränität- als König der Franzosen. Die Monarchie Lous-Philippes, so witzelte man in Paris, sei die beste Republik.[6] Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [7]
Während eines Besuchs auf Helgoland erfuhr Heinrich Heine von der Juli- Revolution in Frankreich und war außer sich vor Begeisterung: „Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise… Ich bin wie berauscht… Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muss. Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen.“[8]
Die Julirevolution von 1830 feierte er mit diesen begeisterten Worten:
„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“[9]
Am 1. Mai 1831 reiste Heine, 33 Jahre alt, nach Paris, wo er, abgesehen von zwei kurzen illegalen Besuchen seiner Mutter in Hamburg, bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 blieb. Für Heine war Paris eine „Zauberstadt“, „die geistige Hauptstadt Europas“, „Hort der Revolution“ bzw. „die Hauptstadt der Revolution“, „ein Pantheon der Lebenden“, ja die „Spitze der Welt“, „das neue Jerusalem“. „Paris ist nicht bloß die Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt. … Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit.“
Heine sah in Frankreich die ideale Verbindung von Genuss und politischem Fortschritt. Er reiste ins „Vaterland des Champagners und der Marseillaise“. Als er von einer seiner kurzen Reisen in die alte Heimat zurückkehrte, schrieb er:
„Nach einer vierwöchentlichen Reise bin ich seit gestern wieder hier, und ich gestehe, das Herz jauchzte mir in der Brust, als der Postwagen über das geliebte Pflaster der Boulevards dahinrollte, als ich an den ersten Putzladen mit lächelnden Grisettengesichtern vorüberfuhr, als ich das Glockengeläute der Cocoverkäufer vernahm, als die holdselige zivilisierte Luft von Paris mich wieder umwehte. (…) Warum aber war die Freude bei meiner Rückkehr nach Paris diesmal so überschwenglich, dass es mich fast bedünkte als beträte ich den süßen Boden der Heimat, als hörte ich wieder die Laute des Vaterlandes? Warum übt Paris einen solchen Zauber auf Fremde, die in seinem Weichbild einige Jahre verlebt? Viele wackere Landsleute, die hier sesshaft, behaupten, an keinem Orte der Welt könne der Deutsche sich heimischer fühlen als eben in Paris, und Frankreich selbst sei am Ende unserem Herzen nichts anderes als ein französisches Deutschland.“[10]
Und auch als die Blütenträume der Juli-Revolution verwelkten, gab es in Frankreich immer noch mehr Freiheiten als in anderen europäischen Staaten. Und so konnte Heinrich Heine noch 1844 in seinen Nachtgedanken, als ihn der nächtliche Gedanke an Deutschland um den Schlaf brachte, schreiben: „Gottlob! Durch meine Fenster bricht/Französisch heit’res Tageslicht.“
Der politische Publizist Ludwig Börne aus Frankfurt am Main hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819, während seines ersten Aufenthalts, schrieb er:
„Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“ [11]
Börne erhielt die Nachricht vom Sturz des Bourbonen Karls X. während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur wenige Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.
In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert, schrieb er über seine Ankunft in Paris:
„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy. Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)
Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:
„Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)
Börne, der sich in Paris vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum überzeugten Republikaner wandelte, nahm regen Anteil an den politischen Entwicklungen in Deutschland und an den Versuchen zur Gründung einer deutschen Oppositionspartei in Paris. Ganz besonders lag ihm die geistige und politische Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich am Herzen. Die deutsch-französische Verständigung war ein zentrales gemeinsames Anliegen der politischen Emigration. Deren Vorteile wurden vor allem in einer fruchtbaren Verbindung von Theorie und Praxis gesehen. Die Idee war einfach: Die philosophisch beschlagenen Deutschen wollten sich den politischen Mut der Franzosen borgen. „Selbst unsere Philosophie, worin wir jetzt einen Schritt voraus sind“, schrieb Arnold Ruge, neben Karl Marx Mitherausgeber der Deutsch-Französischen Jahrbücher, „wird nicht eher zur Macht werden, als bis sie in Paris und mit französischem Geiste auftritt.“[12]
Auf spezifische Weise ist die Idee gemeinsamen Handelns der beiden Länder in der hier abgebildeten Lithographie aus dem Jahr 1848 veranschaulicht.
Franzosen und Deutsche an der Spitze der „Universalen, Demokratischen und Sozialen Republik“[13]
Die Völker der ganzen Welt, voran das französische und das deutsche, strömen zu der allegorischen Figur der sich auf die Menschenrechte stützenden Republik. Am Himmel ist als Repräsentant der Brüderlichkeit eine Christusfigur zu erkennen, dazu sind „die geistigen Väter und Schutzheiligen der demokratisch-sozialen Republik“ zu erkennen.
Dass Christus hier -unter dem Banner der Fraternité– der demokratischen Prozession seinen Segen gibt, entsprach auch durchaus dem Denken Börnes: Er war davon überzeugt, dass der Bezug zum Christentum hilfreich dabei sein könnte, auch Arbeiter und Bauern anzusprechen und für eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse zu gewinnen – ganz ähnlich übrigens wie Georg Büchner, dessen revolutionäre Flugschrift Der Hessische Landbote von einem gleichgesinnten Pfarrer mit einer christlichen Terminologie versehen wurde. In diesem Sinne übersetzte Börne auch das Werk des französischen christlichen Sozialisten Lamenais Paroles d’un croyant und verteilte die Übersetzung kostenlos unter den deutschen Arbeitern in Paris. Lamenais war übrigens auch zeitweise Chefredakteur der von französischen und deutschen Demokraten gegründeten kosmopolitischen Tageszeitung Le Monde, die vom November 1836 bis September 1837 in Paris erschien.
Der als Herausgeber genannte Friedrich Ludwig Pistor war ein Rechtsanwalt aus Zweibrücken, der nach mehreren Prozessen im Gefolge des von Metternich im Juni 1832 verfügten Verbots einer freien Presse in Deutschland nach Frankreich floh.
Die Beisetzung Börnes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Sein Grabmal, eine Eloge auf die deutsch-französische Freundschaft, wurde von David d’Angers gestaltet, einem Verehrer Börnes und einem der bedeutendsten französischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.
Frankreich und Deutschland reichen sich die Hände, in der Mitte die Allegorie der Freiheit. Rechts und links Freiheitsbäume, über Büchern von deutschen und französischen Autoren, die für Börne besonders bedeutsam waren und zur deutsch-französischen Verständigung beigetragen haben.
Prominente Emigranten gab es aber auch in vielen anderen Bereichen, in denen Frankreich damals attraktive Karriereaussichten, Betätigungsfelder und wirtschaftliche Chancen bot.[14] Man denke nur an die Pariser Niederlassung des Frankfurter Bankhauses Rothschild, die unter der Julimonarchie (ab 1830) zum mächtigsten französischen Bankhaus aufstieg, an Diederich Hermes aus Krefeld, der als Thierry Hermès Ahnherr einer Dynastie der französischen Luxusindustrie wurde, an Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, und an den Baumeister Ignaz Hittorff aus Köln, der durch seine zahlreichen prominenten Bauten zwischen 1825 und 1865 das Pariser Stadtbild prägte. Auch Musiker zog es nach Paris: So den aus Köln stammenden Musiker Jakob/Jacques Offenbach, der in Paris zum weltberühmten Operettenkomponisten wurde, an Jakob Liebmann Meyer Beer aus Berlin, der als Giacomo Mayerbeer den Ruf von Paris als internationales Zentrum der Oper festigte, oder auch an Georg(es) Schmitt aus Trier, der in den 1840-er und 1850-er Jahren Titularorganist an Saint-Sulpice mit seiner berühmten Orgel war. Ein hervorragendes Beispiel für die wissenschaftliche Migration ist Alexander von Humboldt, der mit wenigen Unterbrechungen von 1804 bis 1827 in Paris lebte: damals das bedeutendste künstlerische und wissenschaftliche Zentrum der Welt, sozusagen der „Nabel der Geisteswelt“. Dort fand Alexander von Humboldt alles, was er für seine wissenschaftlichen Arbeiten benötigte. Einen bedeutenden Teil seiner Werke schrieb er auf Französisch. Im Jahre 1818 stellte Wilhelm von Humboldt sogar fest, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden.“ [15] Ihm folgten zahlreiche andere Wissenschaftler, oft auch solche, denen als Juden in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere verwehrt wurde.
Die deutschen Kunsttischler im Faubourg Saint-Antoine
Zahlenmäßig bedeutsamer waren allerdings die deutschen Handwerker, die auf ihrer Wanderung in Paris Station machten, sich öfters dort aber auch niederließen. Nach einer Erhebung der Pariser Handelskammer von 1847 gab es damals allein 37 000 deutsche Schuster, Schneider und Schreiner in Paris.
Der im März 1848 in Paris eingesetzte Ausschuss für das Schneidergewerbe berichtete, dass zwei von fünft Pariser Schneidern Ausländer waren, in der Mehrzahl Deutsche. In einer zeitgenössischen humoristischen Broschüre mit dem Titel Physiologie des Tailleurs findet sich folgende Passage: „ Was die blasse Hautfarbe des Schneiders … verstärkt, ist die Tatsache, dass er fast immer aus dem Elsass oder aus Deutschland stammt, d.h. aus Landstrichen, deren Bewohner häufig aschblond sind…“ Nicht verwunderlich also, wenn in der Karikatur der Broschüre der Schneidergeselle ausdrücklich als Deutscher gekennzeichnet wird.[16]
Eine besonders große Bedeutung hatten die Kunsttischler (ébénistes), die im Pariser Viertel des Holzhandwerks, dem Faubourg Saint-Antoine, arbeiteten.
Schon im Ancien Régime übte der Faubourg Saint-Antoine eine große Anziehungskraft auf deutsche Handwerker aus.[17] „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädte nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ [18]
In einem Bericht der Evangelischen Kirche Augsburger Konfession zu Paris aus dem Jahr 1863 heißt es: „Das Faubourg Saint-Antoine, das Arbeiterviertel von Paris, wimmelt von Fabriken und Werkstätten jeder Art. Besonders sind es Drechsler, Schreiner, Möbelfabrikanten, welche hier ihren Hauptsitz und Mittelpunkt haben. Jene Pariser Möbel werden hier verfertigt, deren Ruf über ganz Europa geht, deren einzelne einen Wert von bis zu 10, ja 15 000 Franken haben. Alles, von den Mustern bis zur feinsten, kunstvollsten Schnitzarbeit, geht aus diesen weiten, glänzenden Werkstätten hervor. Unsere Deutschen liefern hierzu einen nicht unbedeutenden Beitrag.“[19]
Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., erhielt er zahlreiche Aufträge.
Ein mechanischer, also verstellbarer Tisch, ein Meisterwerk Oebens aus den Jahren 1761-63, angefertigt für Madame de Pompadour. Aus dem Metropolitan Museum of Arts[20]
Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete auch seine Witwe einen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution 30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette.
Les Allemands“ waren ein Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres für eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Ende des 18. Jahrhunderts wurde in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourg Saint-Antoine ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen. Ja, in manchen Werkstädten, Hinterhöfen, Unterkünften und Tavernen des Viertels herrschte auch noch im 19. Jahrhundert die deutsche Sprache vor und mancher fühlte sich dort eher in Berlin oder Leipzig als in Paris.[21]
Und schließlich war der Faubourg Saint-Antoine auch eine beliebte Station auf den Wanderung von Handwerksgesellen. Ein Beispiel, von dem ich in meinem Beitrag über den Faubourg Saint-Antoine als Zentrum der französischen Möbelproduktion berichtet habe, ist der Schweizer Tischler Oskar Bieder, der im Rahmen seiner Gesellenwanderung 1882 bis 1885 bei dem Möbelfabrikanten G. Seuret im Faubourg Saint-Antoine arbeitete, wie sein Gesellenbuch ausweist.
Foto von Ueli Bieder
Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von 1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.
Foto von Ueli Bieder
Es waren aber nicht nur deutschsprachige Kunsttischler, die vom Faubourg Saint-Antoine angezogen wurden. Norbert Ely, ein Leser dieses Blogs, berichtet von seinem Urgroßvater Heinrich/Henri Ely (1820-1886), der in seiner Heimatstadt Kassel das väterliche Handwerk eines Schuhmachers erlernte und anschließend an der Akademie Kunstmaler studierte. „Im Juni 1848 lehnte er sich anlässlich der Revolution in Kassel offenbar ein bisschen weit aus dem Fenster und ging auf Reisen“, wie es in einer Familienchronik heißt. Dass er im Faubourg Saint-Antoine landete, ist wohl kein Zufall angesichts der dort beheimateten deutschen „Kolonie“ und angesichts des politischen Engagements der Einwohner des Viertels. Heinrich Ely konnte sich also dort gut aufgehoben fühlen. Jedenfalls lebte er sehr bald bei einer jüngeren Witwe namens Cécile Anaïs Fleury (1814-1899) in der Rue du Faubourg Saint-Antoine Nr.235, die ihm 1849 Zwillinge gebar, Henri Julien und Louis Adolphe, also mit französischen Vornamen. Und auch wenn der Vater -inzwischen mit französisiertem Vornamen Henri- noch jahrelang am lutherischen Bekenntnis festhielt, wurden die Zwillinge in der Église Saint-Marguerite getauft. Vermutlich angeregt von Freunden aus dem Faubourg wurde er Glasmaler, gründete schließlich ein eigenes Atelier in Nantes und dann, zurückgekehrt nach Deutschland, in Kassel. Für Kirchen in der Bretagne, in Weimar und sogar in den USA erhielt er bedeutende Aufträge… Was für eine schöne deutsch-französische Geschichte!
Natürlich gab es aber auch in diesem Viertel „handwerkliche Kümmerexistenzen“, vor allem Schneider und Schuhmacher, aber überwiegend unterschieden sich die Deutschen des Faubourg Saint-Antoine von den anderen Zuwanderern, wie der Abbé Axinger 1837 berichtete: „Die deutsche oder von deutschem Blut abstammende Bevölkerung dieses Faubourgs unterscheidet sich dadurch von den anderen deutschen Gruppen von Paris, dass sie größtenteils aus Festansässigen (Fabrikanten, Handwerkern etc.) besteht, von denen viele durch Heirat mit Französinnen und langen Aufenthalt in Paris mehr und mehr, in der zweiten und dritten Generation oft schon ganz französisch geworden sind, während unsere Landsleute, wo sie an anderen Stellen kompakter sich zusammendrängen, als Arbeiter oder Tagelöhner mehr wandernd ab- und zuströmend auftreten und darum ihre deutsche Volkstümlichkeit fester bewahren.“[22] Um diese deutschen Gastarbeiter geht es im nachfolgenden Abschnitt.
Ein „Subproletariat auf Zeit“: Das Beispiel der hessischen Straßenkehrer
In den 1830-er und 1840-er Jahren übte Paris auf viele Arbeitssuchende, die in ihrem Heimatdörfern kein Auskommen mehr fanden, eine starke Anziehungskraft aus. Frankreich war damals in der Industrialisierung den deutschen Staaten voraus und hatte großen Arbeitskräftebedarf. Einem Lagebericht der Evangelischen Mission unter der deutschen, nicht ansässigen Bevölkerung in Paris von 1845 zufolge wurde „keine Eisenbahn und kein Kanal gebaut, wo nicht deutsche Tagelöhner und Arbeiter in Masse herbeiströmen; alle Straßen von Deutschland nach Paris sind belebt von deutschen Auswanderern und Reisenden.“[23] Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der spätere Begründer der Bethelschen Anstalten, der von 1858-1864 die evangelischen Deutschen in Paris geistlich betreute, schrieb in sein Tagebuch: Das waren „zum weitaus größten Teil ganz arme Leute, für welche das deutsche Vaterland keinen Raum mehr hatte und die doch nicht die Mittel besaßen, über das Meer nach Amerika hinüberzuziehen. Sehr viele von diesen Einwanderern kamen aus Hessen, und zwar aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Diese hatten in Sonderheit die Arbeit des Gassenkehrens erwählt und wurden auch hierzu ganz besonders von der Pariser Stadtbehörde angestellt.“[24]
Aber auch wenn man faktisch einem „Subproletariat auf Zeit“ angehörte: Auch dieses Gruppenfoto zeigt in Anordnung, Haltung, Kleidung und Präsentation des Arbeitsmaterials durchaus ein unverkennbares Selbstbewusstsein.
Manche deutsche Migranten betrieben auch „das Handwerk des Lumpensammelns“ (Bodelschwingh), andere arbeiteten auf den großen Baustellen, die es im Zuge des Haussmann’schen Stadtumbaus überall gab, oder in den Steinbrüchen. Pariser Unternehmer warben in manchen Gegenden Deutschlands auf der Suche nach billigen Arbeitskräften gezielt deutsche „Gastarbeiter“ an.[25]
Viele der aus Deutschland und speziell aus Hessen kommenden Arbeiter lebten im Norden von Paris, in der Gegend von La Villette.
Die rue bzw. route d’Allemagne/rue Jean Jaurès verläuft unterhalb des bassin de la Villette. Sie hat ihren Anfang bei der Rotonde de la Villette. Nach der rue d’Allemagne war auch die am Anfang der Straße gelegene Metro-Station benannt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der kurz vor Beginn des Kriegs ermordete französische Sozialist und Pazifist Jean Jaurès neuer Namensgeber von Metro-Station und Straße.
Die Deutschen von La Villette bildeten dort geradezu eine Kolonie, „la colonie allemande“, über die der zeitweise in Paris lebende liberale Politiker, Publizist und Bankier Ludwig Bamberger in einem von Victor Hugo eingeleiteten prominenten Paris-Führer aus dem Jahr 1867 berichtete: „Hier, wo die Woge zuerst anprallt, werden wir mit unbewaffnetem Auge den gewaltigen Niederschlag erkennen, den sie in kurzer Zeit gebildet hat: eine wahre Anschwemmung deutschen Erdreichs auf französischem Boden. Schon die Straße (…) trägt den Namen der Route d’Allemagne, und in dem ganzen Viertel ringsumher sehen wir die Häuser mit deutschen Namen bedeckt. Gasthäuser, Hotels Garnis, Kaffeehäuser, Läden und Werkstätten sind von den Angehörigen dieser Nation in Anspruch genommen; aber vor allem beherbergt dieser Stadtteil ein deutsches Proletariat, von dem nur wenige Pariser und selbst wenige der dort lebenden Deutschen eine Ahnung haben.“[26]
In seinem Bericht über die deutsche Kolonie in Paris gibt Bamberger einen Einblick in die Arbeits- und Lebensbedingungen der hessischen Straßenkehrer: „Im Winter tragen die Männer einen Pelz von Hundefell; die Frauen und Kinder- denn auch solche sind in der Brigade einrangiert- tragen alte Kaliko-Lumpen und ein rotes oder grünes wollenes Tuch um den Kopf gebunden. (…) Sehr selten nur schlagen sie Wurzeln in Paris. Die, welche nicht in den ersten Monaten sterben -und die Sterblichkeit ist sehr groß unter ihnen- kehren mit ihrem kleinen Sparpfennig in die Heimat zurück. … Das Geheimnis ihres Handwerks liegt denn auch weit mehr in der Kunst, nicht zu verhungern, als in der Kunst Geld zu verdienen. Es wird schwerlich in Paris irgendeine Arbeiterklasse geben, die es im Entbehren so weit gebracht hat.“[27]
Umso bedeutsamer war dann auch der große landsmannschaftliche Zusammenhalt: Vor allem halfen sich die eingewanderten Hessen gegenseitig, Arbeit und Unterkunft zu finden. Und sie blieben in Kontakt mit der Heimat, in die sie ja wieder zurückkehren wollten. In der protestantischen Schule wurden die Kinder nach dem im Großherzogtum Hessen gültigen Lehrplan unterrichtet. Dies war für die deutschen Gastarbeiter besonders wichtig, wie Friedrich von Bodelschwingh notierte: „Da die Auswanderer selbst kein Französisch sprachen, sie auch nach Deutschland zurückzukehren gedachten, wenn sie sich einige Hundert Mark erspart hätten, so war es ihnen schwer, dass ihre Kinder in den französischen Regierungsschulen sehr schnell Französisch, ja, wenn sie klein waren, nur Französisch reden lernten und die Eltern kaum noch verstanden. Darum war die deutsche Schule für sie der Gegenstand ihrer dringendsten Wünsche, und wo solch eine Schule aufgerichtet wurde, da sammelten sich auch die armen deutschen Einwanderer von Paris, indem sie in die Nähe der Schule zogen.“ Das bestätigte 1862 auch der katholische Pater Modeste: „Ich habe oft Eltern gesehen, die nicht mehr mit ihren eigenen Kindern sprechen konnten. Die Mutter sprach deutsch, das Kind französisch. Dadurch wird das Band der Familientradition zerrissen, weil die Eltern, die meist im Erwachsenenalter ihre Heimat verlasssen, nicht im Stande sind, ein fremdes Idiom zu erlernen.“ [28] Und wie hätte ein hessischer Straßenkehrer, dessen Tag vor allem aus sehr viel Arbeit im Kreis von Landsleuten und etwas Schlaf bestand, auch Französisch lernen können – oder müssen? Mit Franzosen kamen die deutschen Gastarbeiter kaum in Berührung, konnten sich also mit einem armseligen „Kauderwälsch“ begnügen.
Auch wenn dieser deutschen Gastarbeiter ein „Subproletariat auf Zeit“ bildeten. Ihr Schicksal war immerhin weniger schlimm als das ihrer Landsleute aus Nordhessen, die Ende des 18. Jahrhunderts vom eigenen Landesherrn an die Engländern verkauft wurden, um gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner zu kämpfen, so wie das Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel praktiziert hatte. Denn wenn auch die Arbeit hart war: An den Sonntagen trafen sich die Hessen in den Gastwirtschaften am Rande der Stadt, also den Guinguettes, wo es billigen, steuerfreien Wein gab und zogen abends mehr oder weniger angetrunken und deutsche Lieder singend nach Hause. [2] Und nach einigen Jahren kehrten sie -inzwischen oft mit einer jungen Frau aus der Heimat verheiratet- wieder mit etwas Geld in ihre Dörfer zurück.
Französische Arbeiter nannten das Viertel, in dem vor dem Krieg 1870/1871 etwa die Hälfte aller in Paris lebenden Deutschen wohnte, das „petite Allemagne“. Nach der Niederlage von Sedan wurden sie zwar ausgewiesen, aber nach dem Krieg kehrten hessische Straßenkehrer wieder nach Paris zurück: Sie wussten, dass sie gebraucht wurden. Bei ihrer Ausweisung hatten sie schon gleichermaßen zuversichtlich wie verächtlich gemeint: „Sie müssen uns schon wieder holen – dei könne ja nich kehre.“[29]
Die deutschen „Mädchen für alles“
Eine besondere und auch besonders große Gruppe deutscher Migration nach Paris bilden die Dienstmädchen, die „bonnes à tout faire“.[30] Diese Dienstmädchen bildeten die unterste Stufe des Personals gutbürgerlicher Pariser Familien. Der entsprechende Pariser Arbeitsmarkt war im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs fest in den Händen der deutschen ‚Fräulein‘. Die deutschen Dienstmädchen wurden im Allgemeinen gerne eingestellt. In einem Bericht aus dem Jahr 1862 heißt es: „Man liebt in Paris deutsche Köchinnen und Dienstmädchen. Sie arbeiten mehr und fleißiger, sind solider und ruhiger, redlich, verlässig und einfach und leichter zu befriedigen, als die französischen Demoiselles, die nicht leicht durch einen Dienst sich verpflichten lassen und die Ungebundenheit mehr als gut ist lieben.“ (74) Dazu kamen dann wohl bei den großbürgerlichen Familien nach der Commune von 1871 auch noch politisch bedingte Vorbehalte gegen potentiell aufrührerische junge Pariserinnen. Bei den braven, anstelligen Mädchen aus Deutschland hatte man da nichts zu befürchten…
Vor allem für junge Mädchen aus ärmlichen, meist bäuerlichen Verhältnissen war der Dienstmädchenberuf beliebt, „weil es sich um eine unqualifizierte Arbeit handelte, für die keine Ausbildung benötigt wurde. Die jungen Frauen konnten in der Regel sofort mit der Arbeit beginnen. Auch war weder Anfangskapital noch ein Zimmer oder eine eigene Wohnung notwendig, wurden die Mädchen doch bei ihren Dienstherren mit Kost und Logis versorgt.“ (72) Es war zwar ein großes Wagnis, ohne jede Kenntnis der französischen Sprache eine Reise nach Paris und eine Arbeit in der Fremde auf sich zu nehmen, aber es gab dafür doch mehrere gewichtige Gründe: Attraktiv war Paris zunächst einmal wegen der dort gezahlten vergleichsweise hohen Löhne. Die Löhne für ein Dienstmädchen waren dort fast doppelt so hoch wie in Berlin. So konnten die Mädchen hoffen, mit dem in einigen Jahren angesparten Geld eine Aussteuer zu finanzieren und damit die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Ein zweiter Grund für die Auswanderung nach Paris war das Erlernen der französischen Sprache. Dazu die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher 1908: „Eine Deutsche, die in Paris gedient und dort französisch gelernt hat, erhöht ihren Wert auf dem deutschen Markt beträchtlich“. Das galt nicht nur für den Arbeits-, sondern auch für den Heiratsmarkt, wo „die Feinheiten der Pariser Politesse“ ebenfalls gefragt waren. (74) Drittens schließlich war die Suche nach Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit ein wichtiger Grund für einen Aufenthalt in Paris. Die jungen Frauen wollten der heimatlichen Enge und der elterlichen Autorität entgehen und sich nicht mit einem einheimischen Bauern verheiraten lassen. Begünstigt wurde das Paris-Abenteuer teilweise auch durch bestehende informelle Netzwerke: Im Idealfall traten die Mädchen die Nachfolge einer Schwester oder Freundin an oder kamen auf Empfehlung in einen bekannten Haushalt. Dies war eine Art der Kettenmigration, die es ja auch heutzutage noch in manchen Bereichen bei uns gibt: Man denke etwa an den Bereich der Seniorenbetreuung durch junge Frauen aus Polen oder an Putzhilfen aus dem Balkan. Für die Mädchen wie auch für die Herrschaften hatte dieses Vermittlungssystem erhebliche Vorteile: Die Mädchen konnten der Schwester oder der Freundin vorab von der Familie und dem Leben in Paris berichten. Auch genossen sie gegenüber den Herrschaften einen gewissen Vertrauensvorschuss. Schließlich war diese Vermittlung für beide Seiten kostenlos. (78)
„Der Aufenthalt in Paris war demnach Befreiung und gleichzeitig Mittel für einen sozialen Aufstieg der jungen Frauen. Paris haftete das Image der Stadt der Mode, der Liebe, der Freiheit und der Kultur an, wo zusätzlich die Löhne hoch waren. Dieser Mythos war dafür verantwortlich, dass trotz der Warnungen der Kirchen, Hilfseinrichtungen und Zeitungen jedes Jahr so viele jungen Frauen nach Paris gingen.“ (74)
Für solche Warnungen gab es durchaus gute Gründe, die vor allem Mädchen betrafen, die sich auf eigene Faust auf den Weg nach Paris machten. Die mussten dort nämlich die teuren Dienste von Vermittlungsagenturen in Anspruch nehmen, die sich allerdings manchmal erheblich in die Länge zogen. „Wie schwer ist es oft, ein Mädchen zu placieren!“ heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1885. „Die Herrschaften machen entsetzlich viel Ansprüche! Bald ist das Mädchen zu jung, bald nicht fein genug, versteht die hiesige Küche nicht, oder kann nicht französisch sprechen.“ (81)
Für junge Frauen, die ohne ein hinreichendes finanzielles Polster nach Paris gekommen waren, konnte eine sich hinziehende Vermittlung zu einem existentiellen Problem werden. Und an den Bahnhöfen warteten auch schon skrupellose und kriminelle Werber, „wie die Jäger auf das Wild“, wie es in einer zeitgenössischen Quelle von 1869 heißt (78), von denen sie ausgebeutet und manchmal auch in die Prostitution getrieben wurden. Aber selbst bei einer seriösen und erfolgreichen Vermittlung: Eine Garantie für längerfristige Anstellung gab es nicht. Dienstmädchen konnten von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt werden. Und die Hilfsmöglichkeiten der sich allmählich etablierenden, vor allem kirchlicher Netzwerke waren begrenzt.
Ein besonderes Problem war auch die Isolation der Dienstmädchen: Die gutbürgerlichen Familien, die sich ein Dienstmädchen leisten konnten, wohnten überwiegend im Westen von Paris, während die deutschen Arbeiter und Handwerker eher im proletarischen Osten zu Hause waren. Und anders als in Deutschland gab es im Paris des Barons Haussmann eine strenge räumliche Trennung von Herrschaften und Dienstpersonal: Das war in kleinen unbeheizten „bonnes“- Dachkämmerchen untergebracht. Und Freizeit gab es nur einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag…
Trotzdem blieb die Attraktion der „ville lumière“ für junge deutsche Frauen bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen. Während für deutsche Handwerker und Arbeiter mit den Gründerjahren nach dem deutsch-französischen Krieg eine Arbeit in Deutschland eher attraktiver wurde, galt dies -trotz aller Probleme- für die deutschen Dienstmädchen nicht. So erhöhte sich der Frauenanteil an der deutschen Migration nach Paris bis 1914 immer mehr.
Der Erste Weltkrieg beendete dann abrupt die deutsche Migrationsbewegung nach Paris, bis dann die Verfolgung von Oppositionellen und Juden im Dritten Reich Paris erneut zu einem bedeutenden Ziel von Flüchtlingen machte. Aber das ist eine andere Geschichte….
Anmerkungen
[1] Aufmacher der FAZ vom 9. 11. 2023: Steinmeier nennt Deutschland ein „Land mit Migrationshintergrund“
[4] Schaubild aus: Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 12: Siehe dort auch S. 15: „ Die Schätzungen über die Anzahl der Deutschen oder deutschsprachigen Personen in Paris vor der Revolution von 1848 gehen erheblich auseinander. Die niedrigste Schätzung liegt bei 30 000, die höchste bei über 120 000.“ Einen „Anhaltspunkt liefert eine Untersuchung der Pariser Industrie- und Handelskammer vom 1847. Allein rund 37 000 deutsche Schuhmacher, Schneider und Tischler waren gezählt worden.“ Siehe auch die Angaben bei: Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 200
In seiner politischen Geschichte der Stadt Paris seit der Französischen Revolution spricht Klaus Schüle von bis zu 100 000 Deutschen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris gelebt hätten. Tübingen 2005, S. 264
[5] Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert, S. 21 und
Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848, S. 201
[6] Jan Gerber, Karl Marx in Paris. München 2018, S.39
[7] Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977, S 175
[8]Brief an Magnus von Moltke, zit. Kerstin Decker, Heinrich Heine, Narr des Glücks. Berlin 2005, S. 210
[13] Abbildung und erläuternder Text aus: Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten in Deutschland, S. 101
[14] Siehe dazu den Überblick von Jacques Grandjonc und Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815 – 1914). In: Deutsche Emigranten in Frankreich / Französische Emigranten in Deutschland, S. 82-86
[18] Siehe: Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland 1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102
[19] Zit. bei Pabst, Subproletariat auf Zeit. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 266/267
[21] Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010 ; Wilfried Pabst, Subproletariat auf Zeit: deutsche ‚Gastarbeiter‘ im Paris des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland, S. 264 und Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19. Jahrhundert. In: Dies: Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 10
[24] Zitat und Bild aus Pabst, Subproletariat a.a.O., S. 263/264
Hessen gehörte damals zu den ärmsten Gegenden Deutschlands. Und es waren deshalb ja auch vornehmlich die Fürsten hessischer Kleinstaaten, die Ende des 18. Jahrhunderts Landeskinder als Soldaten an England verkauften, um ihre klammen Finanzen aufzubessern und ihren absolutistischen Luxus zu finanzieren. Der Darmstädter Landgraf (damals noch nicht Großherzog) war da allerdings eine rühmliche Ausnahme.
[25] siehe Mareike König a.a.O., S. 12f, worauf ich mich auch im nachfolgenden Abschnitt beziehe.
[29] Zitat aus Martin Gerhardt, Friedrich von Bodelschwingh 1950, S. 490 in: Mareike König a.a.O., S. 21.
[30] In diesem Abschnitt beziehe ich mich auf den Beitrag von Mareike König, ‚Bonnes à tout faire‘: Deutsche Dienstmädchen in Paris um 1900. In: Mareike König (Hrsg), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris, S. 69ff Die nachfolgend angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Beitrag.
Louis Bamberger, La colonie allemande. In: Paris Guide par les principaux écrivains et artistes de la France. Introduction par Victor Hugo. Deuxième partie: La vie. Paris 1867, S. 1017 – 1042 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k200160r/f165.item
Klaus Bade (Hrsg), Deutsche im Ausland- Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. München 1992
Michael Werner, Étrangers et immigrants à Paris autour de 1848: L’exemple des Allemands. In: Paris und Berlin in der Revolution 1848/Paris et Berlin dans la révolution de 1848. Hrsg. Von Ilja Mieck, Horst Möller und Jürgen Voss. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995
Deutsche Emigranten in Frankreich/Französische Emigranten In Deutschland. 1685-1945. Eine Ausstellung des französischen Außenministeriums in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris 1983. Paris 2. verbesserte Auflage 1984
Ausstellungshinweis
Vom 25. März bis 21. Juni 2025 widmet die Historische Bibliothek der Stadt Paris (BHVP) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut eine Ausstellung der oft übersehenen Geschichte der deutschen Einwanderung in Paris. Der Rundgang beleuchtet die wichtigsten Orte, Berufe und Persönlichkeiten dieser Migration – von den ersten Einwanderern vor der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Im 19. Jahrhundert zog Paris zahlreiche Deutsche aus politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen an. Neben bekannten Namen wie Heinrich Heine, Alexander von Humboldt, Karl Marx oder Jacques Offenbach prägten vor allem Handwerker, Arbeiter und Dienstboten das Stadtbild.
1848 stellten sie mit über 80.000 Personen die größte Ausländergruppe in der französischen Hauptstadt.
Die Migration war von historischen Umbrüchen geprägt: Während europäische Krisen und die deutsch-französischen Kriege (1870-71, 1914-18, 1939-45) zu Vertreibung und Internierung führten, suchten in den 1930er Jahren zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere Juden, Schutz vor dem Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Einwanderung deutlich ab, doch ihr Einfluss auf die Stadtgeschichte bleibt bis heute spürbar.
Ort: Historische Bibliothek der Stadt Paris, 24 rue Pavée, Paris 4e – alle Infos hier Zeitraum: 25. März – 21. Juni 2025 Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10:00–18:00 Uhr Eintritt frei, aber nur mit Reservierung / Führung – Reservierungen sind ab dem 31/03/25 möglich
Heute finden in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Wahlen für das Europaparlament statt. Ein guter Anlass, wie ich meine, an den leidenschaftlichen Europäer Heinrich Mann und die Begegnungen von Pontigny zu erinnern, bei denen schon vor ca 100 Jahren der Geist der europäischen Verständigung gepflegt wurde.
Wolf Jöckel, 9. Juni 2024
1114 wurde die Abtei von Pontigny als zweites Tochterkloster der zisterziensischen Mutterabtei von Cîteaux gegründet. Es ist, auch wenn viele Klostergebäude nicht mehr existieren, ein imposanter Bau: zwar von der bei den Zisterziensern üblichen Schlichtheit, aber mit einer Grundfläche von 4000 qm2 und einer Länge von 120 Metern – kaum weniger als Notre-Dame von Paris- die größte Zisterzienserkirche der Welt.
Dass ich der Abtei von Pontigny einen Blog-Beitrag widme, hat zwei Gründe: Einmal wegen der Geschichte und Architektur des Baus -die Zisterzienser haben mich schon immer fasziniert- zum anderen wegen der Décades de Pontigny, einem Treffen internationaler Intellektueller in den Jahren zwischen 1910 und 1939. An ihnen hat als einer der ersten Deutschen 1923 Heinrich Mann teilgenommen, mit dem zu beschäftigen ich vor vielen Jahren bei einem Studienaufenthalt in Besançon angeregt wurde…
Die Abtei von Pontigny
Die imposante Größe der Abteikirche ist Ausdruck der großen Bedeutung, die Pontigny einmal hatte.
Klosterportal mit Blick auf die Fassade der Kirche mit dem Vorraum (Paradies)
Begünstigt wurde die Entwicklung des Klosters durch seine Lage an der Grenze zwischen drei Bistümern (Auxerre, Sens und Langres) und drei Grafschaften. Dies ist der Ursprung der Legende, nach der sich auf der Brücke von Pontigny drei Bischöfe, drei Grafen und ein Abt treffen konnten, ohne ihr Territorium zu verlassen. Deshalb auch die Brücke im Wappen des Klosters.
Pontigny war nicht nur die zweite Tochter von Cîteaux (Clairvaux folgte als dritte Tochter), was ihr einen besonderen Rang verlieh, es gründete auch selbst wieder weitere Klöster. Wenn eine Zisterzienserabtei ausreichend etabliert war, wurden, in Erinnerung an Christus und die 12 Apostel, ein Abt und zwölf Mönche ausgesandt, um eine Tochterabtei zu gründen. Diese Entwicklung war bei Pontigny sehr dynamisch: Bald gehörten zu seiner „Familie“ 43 Klöster, von denen 16 direkt dem Abt des Mutterhauses unterstellt waren. Und wer Abt von Pontigny wurde, hatte Aussicht, in höchste kirchliche Ämter aufzusteigen.
In dem blühenden Pontigny suchten im 12. und 13. Jahrhundert drei Erzbischöfe aus Canterbury Zuflucht. Der erste war Thomas Becket, der aufgrund seiner Verbannung durch den englischen König 1164 nach Pontigny ins Exil ging. Der dritte war Edmond von Abingdon, der 1240 in Pontigny bestattet und 1246 heiliggesprochen wurde. So entwickelte sich Pontigny zum Zentrum der Verehrung des heiligen Edmund (Saint Edme), die den Wohlstand des Klosters erheblich förderte.
Sein prächtiges Grabmal gehört zu dem insgesamt sparsamen Inventar der Kirche. Der Schrein wird von vier muskulösen Engeln getragen.
Vom Baldachin steigt ein weiterer Engel herab, um eine Krone auf das Grab zu legen:
Das Grabmal stammt aus dem 18. Jahrhundert – aus einer Zeit neuer Blüte nach dem von Hungersnöten, Pest und Kriegen verursachten Niedergang vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Vor allem waren es die Hugenotten, die im 16. Jahrhundert dem Bau arg zusetzten, die Kirche anzündeten und die Gräber profanierten – die Reliquien des heiligen Edmund hatten die Mönche allerdings rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
Hier ein Grundriss der Klosteranlage aus der Zeit des Neuanfangs im 17. Jahrhundert:
Eine solche weitläufige Klosteranlage an dieser Stelle zu errichten, war ein äußerst schwieriges Unterfangen: Das sumpfige Gelände in der Niederung des Flüsschens Serein musste trockengelegt und urbar gemacht werden; ein Kanal musste gebaut werden, um die Wasserkraft für Mühle und Schmiede zu nutzen, Fischteiche zu füllen, Brunnen zu alimentieren und das Abwasser einzuleiten.
Für die Klostergebäude und die Kirche wählte man den höchsten Punkt des Geländes, das allerdings nicht eben war: eine zusätzliche Herausforderung. Dazu kam während der Bauarbeiten der Einfluss des neuen gotischen Stils, was Umplanungen, aber auch Abriss und Neubau alter romanischer Teile zur Folge hatte.
Das nördliche Seitenschiff. Blick nach Osten.
Entstanden ist so ein eindrucksvoller Kirchenraum von ungeheurer Weite und einem blendend weißen Inneren: Die cremeweiße Farbe des hellen Kalksteins ist wunderbar erhalten und wird durch die Fenster entsprechend beleuchtet: Zum ersten Mal in Burgund wurde das Kreuzrippengewölbe verwendet, das aufgrund seiner größeren Leichtigkeit eine Erhöhung des Kirchenraums und eine Vergrößerung der Fenster ermöglichte. So tägt -neben dem hellen Kalkstein- auch das Licht zur festlichen Helligkeit des Raums bei und erfüllt ihn mit Leben; zumal es bei den Zisterziensern keine bunten Glasfenster gab, sondern nur solche aus farblosem Grisailleglas, durch die das Licht ungehindert den Raum erhellen konnte.
Die modernen Fenster sind von den weitgehend verlorenen Originalen inspiriert und wurden nach der Explosion eines deutschen Munitionszuges in der Nähe der Abtei 1943 eingesetzt. Die originalen Fenster gab es allerdings schon vorher nicht mehr.
Über der hohen Vierung, wo sich Langhaus und Querschiff kreuzen, wurde das erste Kreuzrippengewölbe errichtet.
Blick vom Langhaus in den Chorraum der Mönche mit dem Chorgestühl. Das Gewölbe über der Vierung ist deutlich zu erkennen, hervorgehoben auch durch die kreisrunde Öffnung, die für das Heraufziehen von Baumaterial bestimmt war.
Das Vierungsgewölbe ist mit vier Wappen geschmückt, darunter das Wappen des Mutterklosters Cîteaux: Bischofsstab und Mitra über einem Schild mit acht Lilien…
… und natürlich das von Pontigny: Mitra und Bischofsstab über einer Brücke mit Baum:
Im Chor der Kirche ist in den Boden ein Stein eingelassen mit einem Kreuz und drei Lilien in blauer Farbe. Er markiert das Grab der Adèle de Champagne.
Adèle war die Mutter des Königs Philippe Auguste – in Paris vor allem bekannt aufgrund der während seiner Regierungszeit errichteten Stadtmauer, von der noch einige Reste erhalten sind. Adèle wurde 1205 vom damaligen Abt während zweier Tage mit ihrem Gefolge im Kloster empfangen, was einen Skandal auslöste. Keine Frau, auch keine Königin, war in einem Zisterzienserkloster zugelassen. Sogar der Papst griff ein und der Abt wurde entsprechend gerügt. Allerdings hatte der, wie Kinder in ihrem Kirchenführer schreibt, seinen Ruf nicht umsonst riskiert: Adèle hat nämlich wahrscheinlich den Bau eines neuen monumentalen Chorabschlusses mit Altarraum, Chorumgang, Kapellenkranz und den neuartigen gotischen Strebebögen finanziert…
Dort wurde sie dann auch 1206 beigesetzt.
Blick auf das südliche Querschiff, das noch im romanischen Stil gebaut wurde: Es ist niedriger und es gibt noch keine Strebebögen. Auffällig ist aber die für einen romanischen Bau außergewöhnlich große Fensterrose: Da deutet sich der Übergang zur Gotik schon an.
Heinrich Mann und die Décade de Pontigny 1923
In der Französischen Revolution wurde das Kloster aufgelöst, seine Besitzungen versteigert. Einige Klostergebäude wurden abgerissen, die Steine benutzte man für den Bau von Häusern im Dorf. Die Kirche blieb aber als Gotteshaus für die örtliche Gemeinde erhalten. 1906, nach der Trennung von Kirche und Staat, kaufte Paul Desjardins die Klosteranlage und machte sie zwischen 1910 und 1939 zum Ort zehntägiger Treffen von Intellektuellen und Künstlern aus ganz Europa, darunter André Gide, François Mauriac, Raymond Aron, Jean-Paul Sartre, André Malraux, T.S. Elliot, H.G. Wells, Ernst-Robert Curtius, Heinrich und Thomas Mann, Martin Buber … Insgesamt fanden über 70 Dekaden in Pontigny statt.
Desjardins war Lehrer und Professor, Schriftsteller und Journalist. Er war der Auffassung, dass Frankreich an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von einer moralische Krise befallen sei, deren wesentliche Ursache für ihn der Materialismus war. Notwendig seien grundlegende Reformen, eine breit angelegte „weltliche Missionsarbeit“ und der Zusammenschluss aller Menschen guten Willens, vor allem von gleichgesinnten Intellektuellen. Zu diesem Zweck gründete er 1892 die Union pour l’Action morale. Im Zuge der Dreyfus-Affaire spaltete sich die Gruppe auf: Die Dreyfus -Gegner gründeten die ultranationalistische und antisemitische Action française, die Dreyfus-Verteidiger mit Desjardins die Union pour la vérité. 1910 initiierte Desjardins die vom Geist des Humanismus und der internationalen intellektuellen Zusammenarbeit geprägten Décades von Pontigny: Dass die gerade in einem ehemaligen Kloster stattfanden, passte sehr gut zum quasi religiösen Ansatz des Agnostikers Desjardins.[1]
Das von Desjardins entwickelte Konzept der Décades sah vor, dass sich mehrmals im Jahr jeweils eine Gruppe ausgewählter Künstler und Intellektueller für 10 Tage in Pontigny treffen sollte, um in einer ungezwungenen Atmosphäre über einen festgelegten Themenschwerpunkt aus den Bereichen der Literatur, der Religion, der Gesellschaft, der Erziehung oder der internationalen Beziehungen zu debattieren. Jede Dekade wurde von einem von Desjardins bestimmten Direktor vorbereitet und geleitet.
Die Décades wurden 1914 durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen und 1922 wieder aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten die Décades einen kosmopolitischen Ansatz, um das gemeinsame europäische Fundament des Geistes zu betonen. Es war vor allem André Gide, der dabei eine wesentliche Rolle als aktiver „recruteur“ und Organisator der literarischen Dekaden spielte und der sich besonders für die Wiederaufnahme des deutsch-französischen Dialogs einsetzte. Für die erste literarische Dekade der Nachkriegszeit standen Rainer Maria Rilke, der große Romanist Ernst Robert Curtius und der mit Gide befreundete Bernhard Groethuysen, ein Spezialist der französischen Philosophie des Ancien Régime und Diderots auf Gides „Wunschzettel“. Es war dann Curtius, der als erster Deutscher 1922 nach Pontigny kam: Deutsche einzuladen bzw. einer Einladung Folge zu leisten war ein beiderseitiges Wagnis in einer Zeit, in der der Krieg und der Versailler Vertrag das Denken in Kategorien der „Erbfeindschaft“ noch einmal bestärkt hatten.
1923 folgte dann Heinrich Mann als zweiter deutscher Teilnehmer einer literarischen Dekade. Die Einladung verdankte er dem französischen Germanisten Felix Bertaux, vor allem aber seinem Renommee als frankophilem, politisch engagiertem Schriftsteller. 1918 wurde Heinrich Manns „Untertan“ veröffentlicht, seine schon vor Kriegsbeginn abgeschlossene Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland. Kurt Tucholsky nannte das Buch „das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit.“[2]
Heinrich Mann, gleichermaßen französisch wie deutsch gebildet, war auch ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber Frankreichs, seiner Philosophie und Literatur. Das bezeugen zahlreiche Essays, die er schon damals geschrieben hatte (weitere folgten in den 1920-er Jahren), z.B. über Rousseau, Voltaire, Choderlos de Laclos, Flaubert, Georges Sand, Talleyrand… Besonders bedeutsam war der 1915 veröffentlichte programmatische Essay über Zola, den kämpferischen Schriftsteller des „J’accuse“. Klaus Mann, Heinrichs Neffe, schrieb später dazu: „Während die ganze Nation sich an den Heldentaten unserer unbesiegbaren Armee begeisterte, wagte Heinrich Mann, dem unbesiegbaren Geist des französischen Kämpfers und Dichters ein literarisches Denkmal zu setzen.“[3] Gleichzeitig war der Essay eine leidenschaftliche Kampfschrift gegen den Krieg. In seinem einleitenden Worten zu einem Vortrag über den Zola-Essay schrieb Heinrich Mann 1916 über die Zeit Zolas, das Zweite Kaiserreich Napoleons III., aber gleichzeitig damit auch über seine Gegenwart, das Kaiserreich Wilhelms II.:
„Das zweite Kaiserreich nämlich hat schlimm geendet, mit einer Niederlage, einem Zusammenbruch, einer Katastrophe von seltener Vollständigkeit. Da aber die Reiche doch nicht zufällig zusammenbrechen, musste dieses viel gesündigt haben, es musste mit viel Unrecht beladen sein und mit viel Lüge. (…) dies Reich aber war ein Militär- und Klassenstaat, in dem der Volkswille nur gefälscht zur Geltung kam. Das Reich bestand also eigentlich entgegen dem besseren Wissen der Zeit, entgegen ihrem Gewissen. Und nicht anders war es mit dem Reichtum der Wenigen und der Armut der Vielen…“[4]
Und dazu und vor allem war Heinrich Mann ein überzeugter Europäer, tief durchdrungen auch von der gemeinsamen europäischen Mission Frankreichs und Deutschlands „mit ihren ähnlichen und ineinander verschlungenen Schicksalen“, wie er 1923 in einem Essay über die „Anfänge Europas“ schrieb:
„So feindlich verbrüdert waren immer nur wir. Will Europa denn eins werden: zuerst wir beide! Wir sind die Wurzel. Aus uns der geeinte Kontinent, die anderen können nicht anders als uns folgen. Wir tragen die Verantwortung für uns und für den Rest.“[5]
Mit diesem politisch-literarischen Opus hatte Heinrich Mann gewissermaßen die Eintrittskarte für die Décade von 1923 erworben und die Einladung dieses deutsch wie französisch gebildeten Schriftstellers war gewissermaßen schon eine Antwort auf das Thema der Dekade: „Gibt es in der Poesie eines Landes einen für Fremde undurchdringlichen Schatz?“.[6a] – aber trotzdem gab es Bedenklichkeiten auf französischer Seite.[6] Und Umgekehrt gab es auch eine „deutsche Missbilligung, wenn ich mit Frankreich verkehrte“, wie Heinrich Mann in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ schrieb.[7] Es war ja gerade die Zeit des Ruhrkampfs, französische Truppen hatten das Ruhrgebiet besetzt, die junge Republik antwortete mit einem Generalstreik, die Inflation erreichte astronomische Höhen. Die Einladung nach Pontigny erhielt Heinrich Mann in Heringsdorf an der Ostsee: „Um dorthin zu gelangen, hatte ich einen Sack Inflationspapier im Schweiß meines Angesichts von der Bank nach Haus getragen. Schon in Berlin war er leer. Aber damit drei Personen (HM, seine Frau und seine Tochter. W.J.) ein Badehotel bewohnten, genügte ein Dollar täglich: den hatte ich bei einem amerikanischen Korrespondenten erschrieben. Dennoch waren dies nicht die Umstände, unter denen man leichten Herzens ein reicheres Land besuchte. Überdies war es den meisten Deutschen ein feindliches, wie im Krieg: eher mehr.“[8]
Wie große die Feindseligkeiten damals waren, wird auch -im Jahr der Olympischen Spiele von Paris- daran deutlich, dass Deutschland nicht nur 1920, sondern auch noch 1924 von den damaligen Olympischen Spielen von Paris ausgeschlossen war. Carl Diem, damals Generalsekretär des Deutschen Reichsausschussen für Leibesübungen, kommentierte das trotzig so: „Welcher Deutsche würde zu einem weltoffenen Fest nach Paris wollen, solange Neger in französischer Soldatenuniform am deutschen Rhein stehen!“ [8a]
Zunächst sagte Heinrich Mann die Fahrt nach Pontigny ab, nahm aber schließlich -dringlich von seinem Freund Felix Bertaux gebeten- doch an. Mit dem Zug gelangte er von Berlin aus „über eine Strecke, die zwischen Kehl und Straßburg glatt abbrach, in das nahezu verbotene Land.“[9] Weiter ging es nach Paris, wo er von Bertaux empfangen wurde, der ihn auch nach Pontigny begleitete.
Ein für die Décades als Gästehaus genutztes Gebäude im Klostergelände von Pontigny
In einer großen Rede aus dem Jahr 1927 über „Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung“ hat Heinrich Mann ausführlich über seine Zeit in Pontigny berichtet:
„Tags darauf ging es nach Pontigny. Man fährt mehrere Stunden in Richtung von Lyon, dann kurz mit einer Kleinbahn und landet in einem Dorf, das eine große alte Abtei hat. Als die Mönche sie … räumen mussten, zog Herr Paul Desjardins dort ein.. …. Seine Gäste, deren er in jedem Sommer drei Gruppen einlädt, sind jedesmal vierzig oder fünfzig, so viele das große Haus fasst. Sie gehören einigen Nationen an, sie bilden eine pädagogische, eine diplomatische und eine literarische Gruppe. Diese letzte kam diesmal mit demselben Zug vollzählig bei ihm an. … Von meiner Nationalität war ich der einzige, blieb es die ganze Zeit, stellte daher eine Art repräsentativen Musters dar und hatte Haltung zu zeigen. …
Das Innere des Gästehauses
Die Gäste kommen an. Sie beziehen ihre, auf die Gebäude des großen Grundstückes verteilten Zimmer, treffen sich beim Tee in dem gewölbten Refektorium des einstigen Klosters, unterhalten sich weiter in dem langen Laubengang des Gartens und dinieren zusammen. …
Man rechnete ein wenig ab mit mir und meinem Lande, ich bekam Gelegenheit, Erklärungen zu liefern. … Es wurde als mutig anerkannt, dass ich hier sei. …
Blick aus dem Gästehaus auf den Kanal, der das Kloster mit Wasser versorgte
Die Vormittage war man frei, draußen oder in der reichen Bibliothek zu verbringen. Ein halbe Stunde nach dem Mittagessen begann die programmäßige Vollversammlung, eine Art von literarischem Parlament. … Über den oder jenen, der jetzt den besten Willen zeigte, erfuhr ich, dass er noch kürzlich gezweifelt hatte, ob man mit Deutschen je wieder werde verkehren können. … Man verstand sich nicht immer. … Gleichwohl ist beachtenswert, dass dies einer der ersten Versuche war, sich ohne Unterschied der nationalen Herkunft zu verständigen, sogar mit soeben noch Verfeindeten. … Mein Besuch in der gotischen Abtei von Pontigny, gelegen in einem französischen Dorf, am Ende einer staubigen Straße, und einer niedrigen, breiten und lückenhaften Häuserreihe, dieser Besuch hat für meine Erinnerung etwas nur halb Wirkliches, weil er so früh kam. Man war der Verständigung, sogar ihrem ersten Vorspiel, noch fern. Wer sie wollte und bekannte, tat es auf seine Gefahr. Unsere Zusammenkunft dort hinten geschah außerhalb der Öffentlichkeit, man könnte sagen: eine Stunde vor Sonnenaufgang.“[11]
Kaminaufsatz mit mittelalterlichen Kacheln aus dem Kloster im sogenannten André Gide-Zimmer im Gästehaus[12]
Der Sonnenaufgang war dann zwei Jahre später die deutsch-französische Verständigung in den Verträgen von Locarno, unterzeichnet von den beiden Außenministern Briand und Stresemann, die ein Jahr später gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden – was gerne vergessen wird, wenn -in der Nachfolge de Gaulles- von einem neuen „30-jährigen Krieg“ von 1914-1945 die Rede ist. Schriftsteller hatten zu der deutsch-französischen Annäherung nach Krieg und Versailles nicht unwesentlich beigetragen, wie Heinrich Mann in seiner Rede von 1927 feststellte – sie waren gewissermaßen die „Vordiplomaten.“[13] Und eine erste Etappe auf dem Weg zur Verständigung war Pontigny.
Neue Perspektiven für Pontigny
Die Tradition der Décades wird inzwischen fortgesetzt von der 1952 gegründeten Association des Amis de Pontigny-Cerisy (AAPC), die jedes Jahr im Schloss von Cerisy in der Normandie internationale Kolloquien veranstaltet.[14] Die Klosteranlage in Pontigny würde in ihrem derzeitigen Zustand kaum mehr die Durchführung solcher Veranstaltungen ermöglichen.
2022 hat nun die Region Bourgogne Franche-Comté nach langen und kontroversen Debatten die ihr gehörende Klosteranlage von 9 h an die Fondation Schneider verkauft, die im Elsass ein Zentrum zeitgenössischer Kunst betreibt. Der mit dem Mineralwasser von Wattwiller reich gewordene Namensgeber der Stiftung, François Schneider, möchte Pontigny aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und ihm neues Leben einhauchen.
Zu diesem auf 10 Jahre ausgelegten Projekt gehören ein 4-Sterne-Hotel mit Spa und Restaurant. Aber es soll auch ein Informationszentrum zu den Zisterziensern geben, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und ein Zentrum biologischer Landwirtschaft mit einer Destillerie[15]: Damit wird vielleicht auch an die Weinbautradition des Klosters Ponstigny angeknüpft, das bei der Entwicklung des Châblis eine wesentliche Rolle gespielt hat.[16]
Die Kirche ist von dem „pharaonischen Projekt“ direkt nicht betroffen, sie ist im Besitz der Gemeinde. Aber sie soll zum Beispiel durch Konzerte in das Projekt eingebunden werden. Die Orgel wird ja gerade schon restauriert. Einen vielversprechenden Vorgeschmack geben die originellen Reliefs auf den Pfeilern des Gehäuses.
Aber auch jetzt schon gibt es von Zeit zu Zeit große Konzerte in der Kirche und musikalische Begleitung der Besuche…
Und in der Kirche wird auch schon zeitgenössische Kunst präsentiert.
Ausstellung „entre-lacs“ von Nicole Dufour im Mittelschiff der Klosterkirche; bis 30. Oktober 2023
Literatur:
Terryl N. Kinder, Die Abtei von Pontigny. Paris: Centre des monuments nationaux 2016
François Chaubet, Paul Desjardins et les Décades de Pontigny. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2009
Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1977
Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung. 1927. In Heinrich Mann, Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Essays.
Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971
Chantal Simonin, Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2005
Anmerkungen:
[1] Jean-Pierre Cap, Les Décades de Pontigny et la Nouvelle Revue Française. Paul Desjardins, André Gide et Jean Schlumberger. In: Bulletin des Amis d’André Gide, Vol. 14, No. 69, 1986), S. 21-32
[2] Zit. in: Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971, S. 14
[3] Klaus Mann 1933 über Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Zit. a.a.O., S. 153
[4] Heinrich Mann: Einleitende Worte zu einem Vortrage. In: Die Aktion. Berlin. Jahrgan 6 vom 8. Juli 1916.
[5] Heinrich Mann, Anfänge Europas. Mai 1923. In: Sieben Jahre, S. 113/114
[6] Chaubet, Paul Desjardins et les décades de Pontigny, S. 114
.[6a] „Y a-t-il dans la poésie d’un peuple un trésor réservé impénétrable aux étrangers?“ a.a.O. S. 114 Curtius und Rilke wären zu diesem Thema natürlich auch prädestiniert gewesen.
[8a] Zit aus: Hans Joachim Teichler, Nicht dabei, aber dagegen. In dieser Woche vor hundert Jahren begannen die Olympischen Spiele von Paris 1924 in Chamonix. Die Deutschen mussten zu Hause bleiben. Sie schauten grimmig zu und kommentierten bissig. In: FAZ vom 27.1.2024, S. 36
[9] Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung, S. 310
Am 3. Dezember 2006 schrieb die Wochenzeitung Der Spiegel unter der Überschrift Zeitungssterben: Das letzte Gefecht der ‚Libération‘: „Das Traditionsblatt der französischen Linken kämpft um sein Überleben: Sinkende Auflage und massive Schulden bedrohen die Existenz der Zeitung.“
Am 14. Februar 2014 titelte die taz: Französische Zeitung ‚Libération‘: Nur noch eine Logo. Die Zeitung stehe kkurz vor dem Konkurs. Ihre Krise spiegele die Mailaise der Linken in Frankreich wider…
Am 15. Januar 2019 verkündete die Frankfurter Rundschau: ‚Libération vor dem Aus : „Die ausgeblutete Zeitung „Libération“ wagt ein letztes Aufbäumen. Redaktion und Aktionäre liefern einander einen ausführlich dokumentierten Schaukampf.“
Aber… trotz allem….:
2023 feierte Libération ihren 50. Geburtstag…
5.2.1973: Die Geburtsstunde von Libération
Wenn Sie jeden Morgen eine freie Tageszeitung haben wollen…
Am 5.2.1973 erschien die erste Ausgabe der Tageszeitung Libération. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch Jean-Paul Sartre. Die Zeitung verstand sich als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit, als Stimme des Volkes (du peuple) und Vertreterin eines Konzepts der direkten Demokratie. Sie versprach, ohne Werbung und Einfluss-nehmende Geldgeber auszukommen. Libération wurde damit auch zum großen Vorbild für die fünf Jahre später gegründete Berliner Tageszeitung/taz.
Eine große Bedeutung spielten für Libération von Anfang an Fotos. Es wurde eine eigene unabhängige Fotoagentur engagierter Fotografen in Selbstverwaltung gegründet, die für Libération arbeiteten. Auch wenn diese Agentur nur bis Ende der 1970-er Jahre bestand , blieben die Fotos ein Markenzeichen der Zeitung. Seit den 1980-er Jahren bekamen sie sogar in einem Prozess zunehmender Professionalisierung einen besonderen Stellenwert: Sie waren nicht einfach nur Illustrationen zu Texten, sondern erhielten eine Eigenständigkeit, die es in dieser Weise in anderen Presseorganen nicht gab. Und dabei genossen die Fotografen auch eine außergewöhnliche Freiheit. Deshalb waren viele hervorragende Fotografen bereit, trotz eines vergleichsweise niedrigen Haustarifs für Libération zu arbeiten.
Es bot sich daher an, zum 50-jährigen Jubiläum eine Ausstellung von Titelfotos der Zeitung zu machen. Sie fand statt im cour d’honneur des hôtel de Soubise im Pariser Marais.
Dort ist nämlich der Sitz der Archives Nationales, des Staatsarchivs, dem anlässlich des Jubiläums das Archiv von Libération übergeben wurde.
Nachfolgend ist eine Auswahl der dort präsentierten Bilder wiedergegeben, teilweise mit kleinen Erläuterungen der jeweiligen Fotografen. Dazu kommen einige weitere von mir ausgewählte Aufmacher-Fotos und Titelseiten.
Juli 1973 (Christian Weiss)
Ein Foto der Uhrenfabrik LIP in Besançon. Die Beschäftigten machten 1973 Europa-weit Furore: Im Kampf gegen Entlassungen nahmen sie Produktion und Verkauf von Armbanduhren in die eigene Hand. Sie wurden damit Vorbild für zahlreiche deutsche Unternehmen in Selbstverwaltung, die damals gegründet wurden. Christian Weiss, ein Gründer des selbstverwalteten Fotolib-Agentur, hatte zu LIP natürlich ein besonders emotionales und professionelles Verhältnis.
11. September 1973: Der Staatsstreich in Chile (Jean Noël Darde)
Der Eingang des vom Militär gestürmten Präsidentenpalais in Santiago de Chile. Der gewählte Präsident, Salvador Allende, war vom Militär gestürzt worden und hatte Selbstmord begangen.
10. September 1976
Dass Libération Mao, dem Gründer der Volksrepublik China, anlässlich dessen Tod eine ganze Titelseite widmete, ist nicht weiter erstaunlich, waren doch die ersten Mitarbeiter der Zeitung überwiegend militante Maoisten. Erstaunlicher ist schon, dass die ganze Seite chinesische Schriftzeichen verwendet. Die handgeschriebene bzw. -gemalte Schlagzeile bezieht sich auf die Mao verherrlichende Hymne der Kulturrevolution: Der Osten ist rot. Die zweite Zeile ist allerdings abgewandelt: statt des chinesischen „Die Sonne geht auf“ geht auf der Titelseite von Libération anlässlich des Todes von Mao die Sonne unter… [1]
16.11.1976
„Gabin ist tot. Giscard steckt in der Scheiße. Der Beaujolais ist gut. Frankreich macht weiter“
Der Schauspieler Jean Gabin war am Vortag gestorben, die Auseinandersetzung zwischen dem Prädidenten Valéry Giscard d’Estaing und seinem Ministerpräsidenten Jacques Chirac erreichte mit der Gründung einer neuen rechten Partei, der RPR, einen neuen Höhepunkt, aber wie Libération zu dieser Titelseite schreibt: Der Beaujolais ist süffig und Frankreich ewig…[2]
August 1977 Larzac (Armand Borland)
Demonstation von Bauern und Pazifisten gegen die seit Beginn der 1970-er Jahre geplante Erweiterung eines Militärgeländes im Larzac, einer Hochebene im französischen Zentralmassiv. Teilweise kamen dort über 100 000 Teilnehmer zu Protestkundgebungen zusammen. Der Kampf dauerte 10 Jahre: Erst als 1981 François Mitterand zum Staatspräsidenten gewählt wurde, wurden die Pläne zum Ausbau des Militärgeländes verworfen.
Mai 1981 (Jacques Torredano)
Das Foto zeigt Giscard d’Estaing auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung. Nach der Niederlage Giscards platzierte Libération das Foto auf der Titelseite mit dem Titel Rideau (Der Vorhang fällt)
17. April 1980: Sartre geht dahin…
Am 15. April 1980 starb Jean-Paul Sartre, einer der Gründungsväter von Libération. Die Zeitung ehrte ihn mit einem ganzseitigen Foto auf dem Titelblatt: eine Premiere- begleitet von Zitaten aus der autobiographischen Schrift Sartres Les Mots.[3]
17. September 1981
„Todesstrafe für die Guillotine“: Titelseite von Libération anlässlich der Parlamentsdebatte über die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich. Es handelt sich dabei um ein vom damaligen Justizminister Robert Badinter verfolgtes und schließlich -auch gegen erhebliche Bedenken in der öffentlichen Meinung- erfolgreich durchgesetztes Projekt. Dass der Anfang 2024 verstorbene Badinter 2025 ins Pantheon aufgenommen werden soll, ist wesentlich auch dieser Initiative zu verdanken.
Dezember 1981
1982 Paris, La Goutte d’Or (Martine Barrat)
Martine Barrat schreibt zu diesem Foto: „Als Aicha Guerma hier gesprungen ist, hatte ich große Angst. Sie sagte mir, sie wolle fliegen. Und danach: Ich wäre gerne ein Schmetterling. 1982 lebte die Familie Guerma in einem Häuschen von 22 Quadratmetern mit ihren sieben Kindern im Goutte d’Or. Herr Guerma verließ um 6 Uhr morgens das Haus und kam spät in der Nacht zurück. Er arbeitete als Spülhilfe in einem Restaurant. Eine größere Wohnung konnte er nicht finden.“
10. Februar 1985, Saint-Ouen (Jean-Claude Coutausse)
Das Foto zeigt den Vorsitzenden der KPF, Georges Marchais, beim 25. Kongress der Partei. Jean-Claude Coutausse zu diesem Foto: „Ein Foto für die Agence France press (AFP) zu machen, für die ich damals arbeitete, bedeutete, ein gefälliges Foto für Jedermann zu machen, und das nahm man in Kauf. Bei Libé war das ganz anders. Sie lassen dir eine ungeheure Freiheit des Ausdrucks, um dich an einen dir bekannten Leserkreis zu wenden. Das machte Bilder möglich, die aus dem üblichen Rahmen fallen. So wie dieses Foto von Marchais, von dem man nur die Augenbrauen sieht.“
11. November 1989, West-Berlin, Fall der Mauer (Raymond Depardon)
Raymond Depardon zu diesem Bild: „Einen Tag nach dem Fall der Mauer hat mich Libération nach Berlin geschickt. Ich habe schnell dieses Foto (rechts unten W.J.) gemacht, das Libé als erste Zeitung veröffentlicht hat. Es gab noch nicht viele ausländischen Fotografen, sie hatten noch nicht genug Zeit gehabt zu kommen. Ich konnte kein Deutsch. Manchmal hatte ich den Eindruck, in einem science-fiction-Film zu sein. Vielleicht war ich weniger sentimental als die deutschen Fotografen. … Man fühlte, dass man einen historischen Augenblick erlebte.“
Tod von Marlene Dietrich Mai 1992
L’ange passe nimmt Bezug auf die Rolle Marlene Dietrichs in dem Film „Der blaue Engel“, der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Un ange passe bezeichnet im Französischen aber auch einen Moment der Stille in einem Gespräch: Ein wunderschönes Foto mit einem dazu passenden Wort…
November 1992 (Alexis Cordessis)
Alexis Cordesse zu diesem Bild: „Laurent war gerade 18 Jahre alt, als er erfuhr, dass er AIDS hatte. Schwer erkrankt konnte er nicht mehr arbeiten und allein leben und kehrte zu seinen Eltern zurück. Ich habe über die letzten drei Wochen vor seinem Tod im Alter von 22 Jahren eine Reportage gemacht. Er wollte ein letztes Mal das Meer sehen, zusammen mit seinen Nächsten, die einverstanden waren, dass ich sie begleite.“
1995 Grozny. (Laurent van der Stockt)
Dieses Bild wurde aufgenommen während des Tschetschenien-Krieges. Dazu Laurent van der Stockt:
„Dieses Foto entstand im Keller des Parlaments-Gebäudes, das bis zu seiner Zerstörung durch russische Bomben von tschetschenischen Kämpfern verteidigt wurde. Es sind russische Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren. Sie wussten nicht, wo sie waren. Sie hatten keine Ahnung, wo Tschetschenien liegt. Sie waren nur kleine Räder in einer riesigen Maschine, die über sie hinweg ging: Kanonenfutter.“
26.11.1997 Tod der Sängerin Barbara
Meine schönste Liebesgeschichte, das seid ihr…
13.7.1998 (Charles Platiau)
„La vie en bleu“ : Am 12. Juli 1998 besiegte die französische Fußball-Nationalmannschaft Brasilien mit 3:0 und wurde damit Fußballweltmeister. Der Spieler auf dem Titelbild ist Didier Deschamps, der Kapitän der Weltmeistermannschaft und spätere Trainer des französischen Nationalteams.
Oktober 1998 (Richard Dumas): Godard dans l’œil de Libé
Der Regisseur Jean-Luc Godard kurz vor einem Interview mit Libération. In einem Raum der Redaktion, rue Béranger, gab es ein großes rundes Fenster mit Blick auf „tout Paris“. Das ist „das Auge von Libération“, l‘œil de Libé.
22.4.2002 (Antonio Ribeiro)
NON mit dem Portrait von Jean-Marie Le Pen. Der hatte im ersten Wahlgang für die französische Präsidentschaft den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin knapp überflügelt. Damit hatte zum ersten Mal ein rechtsradikaler Politiker die entscheidende Stichwahl (gegen Jacques Chirac) erreicht.
29.4.2002 Paris, Place de la Nation (Guillaume Herbaut)
Guillaume Herbaut zu dem Foto: „Place de la Nation zwischen den beiden Wahlgängen der Präsidentschaftswahl. Als ich dieses Foto machte, habe ich zwei Bilder gesehen: la Liberté guidant le peuple von Delacroix und le Radeau de la Méduse von Géricault. Die Darstellung der Republik kurz vor dem Untergang, und wir klammen uns an dem Floß fest. Das Foto erschien auf der Titelseite der Ausgabe zum 1. Mai mit der Aufschrift „Marchons“. Ich habe es auf den Demonstrationszügen gesehen.“
Um einen Sieg Le Pens zu verhindern, stimmten im zweiten Wahlgang auch viele linke Wähler für Chirac: So wurde er mit 82,21 % der Stimmen in eine zweite Amtszeit gewählt. Wenn bei den nächsten Präsidentschaftswahlen die Tochter Jean-Marie Le Pens, Marine Le Pen, wieder im zweiten Wahlgang vertreten sein sollte, was zu erwarten ist, wird man kaum wieder mit einer solchen republikanischen Abwehrfront rechnen können…
2003 Das bombardierte Irak (Bruno Stevens)
Bruno Stevens zu dem Foto: „Ich war zum ersten Mal im Oktober 2002 im Irak, dann wieder Ende Januar 2003 während des Krieges und bin bis Ende Mai dort geblieben. …Dieses Foto habe ich an einem Nachmittag in Bagdad aufgenommen, auf einer Straße, die ein sehr armes und schiitisches Stadtviertel von den anderen Stadtteilen trennt. Ein starkes Bombardement hatte etwa 20 zivile Opfer verursacht. Auf etwa 200 Metern gab es Schäden. Der Himmel war bedeckt wie bei einem Sandsturm. Eine Frau stand unter Schock. Ihr Bruder war gerade getötet worden. Zehn Jahre später, 2013, bin ich nach Bagdad zurückgekehrt und habe genau diesen Ort wieder aufgesucht. Ich wollte wissen, wie der Krieg das Leben der von mir fotografierten Menschen verändert hatte. Ich habe auch den Besitzer des zerstörten Geschäfts getroffen, den man auf dem Foto hinter seinem Auto sieht. Er war überhaupt nicht zufrieden mich zu sehen, der ich aus dem Westen kam. Der Krieg hatte sein Haus zerstört, vielleicht sein Leben.“
Allerdings hatte sich Frankreich (wie auch Deutschland) damals geweigert, an dem Krieg teilzunehmen, der auf der Grundlage bewusster Falschinformationen von den USA betrieben wurde.
Oktober 2006: Evacuation du squat de Cachan (Diane Grimonet)
Dazu Diane Grimonet: „Das war damals die größte Hausbesetzung von Frankreich. Etwa 700 Männer, Frauen, Alleinstehende und Familien, wohnsitzlos oder ohne Aufenthaltsgenehmigung (sans-papiers), lebten seit 2003 in einem ehemaligen Studentenwohnheim von Cachan. Seit Anfang August 2006 wurden sie von dort vertrieben.“
14. Juni 2011
2011 feierte der französische Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier sein 35-jähriges berufliches Jubiläum: 1976 hatte er seine erste eigene Kollektion vorgestellt. Zum Anlass seines Jubiläums wurde Gaultier von Libération eingeladen, um dort einige Tage als Modejournalist zu arbeiten. Dabei entstand eine ausgefallene Idee, wie sie wohl auch nur dort entstehen kann: Gaultier stattete nämlich einige Mitarbeiter/innen mit Kleidern aus, die aus Zeitungsseiten von Libération angefertigt waren… : Habiller des Libé en Libé dans Libé.
11. September 2011
10. Januar 2015, Place de la République: Je suis Charlie (Johann Rousselot)
Große Solidaritätsdemonstration nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die Terroristen drangen mit Sturmgewehren in die Räume der Redaktion ein, in denen gerade eine Konferenz stattfand. 12 Menschen wurden erschossen, 11 verletzt.
7. Juni 2015 Insel Kos: Der Tourist und die Migranten (Oliver Jobard)
Oliver Jobard: „Ich war auf der Insel, um eine syrische Familie bei ihrer Ankunft in Griechenland zu begleiten. Aber die Insel Kos ist ziemlich groß und die Boote kamen nicht immer an der gleichen Stelle an. An diesem Tag war ich an einem sehr touristischen Ort mit Liegen und Sonnenschirmen. Es war früh am Morgen und ein einziger Tourist badete gerade. Als das Boot sich näherte, bekam er Angst und entfernte sich. Es waren Syrer in dem Boot. Kaum waren sie an Land, streckten sie sich auf den Liegen aus, erschöpft von ihrer Fahrt.“
Dazu Boby, der Fotograf: „Ich habe noch niemals so viel Zerstörung gesehen. Und auch nie so viele verschiedene Leute, die sich da zusammengetan hatten: Junge, Alte, man sah, dass das für manche noch ganz ungewohnt war: Sie bewarfen die Polizisten mit Steinen, ohne Helme. Ein Familienvater nahm eine Absperrung und schrie: Vorwärts Leute, wie im Mittelalter. Die Gelbwesten hatten die rond-points (Kreisel) verlassen und die Champs-Élysées gestürmt.“
22. Februar 2019 Place de la République: Greta (Lucile Boiron)
Greta Thunberg auf einer Klima-Demonstration von Schülern und Studenten auf der Place de la République in Paris
15. April 2019: „Notre drame“ (Stephane Lagoutte)
Stephane Lagoutte zu dem Foto: „Ich habe mich, wie die Menge, zuerst an das Geländer der Brücke gedrängt, um die brennende Kathedrale zu fotografieren. Als es Nacht wurde, habe ich diese beiden auf dem Trottoir sitzenden Personen gesehen, mit dem Rücken zum Feuer. Ich habe gehofft, die beiden Szenen in einem Bild zu verbinden. Dieses Foto, das am nächsten Tag in Libération veröffentlicht wurde, ging viral. Zwei Jahre später erfuhr ich die Geschichte der beiden. Damals waren sie befreundet. Und genau zu diesem Zeitpunkt haben sie sich zum ersten Mal umarmt. Als Freunde dieses Foto sahen, dachten sie, die beiden wären ein Paar. Aber das kam erst danach. Sie hatten das Foto im musée Carnavalet gesehen, das einen Abzug gekauft hatte. Sie haben mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, vier Jahre nach dem Brand von Notre-Dame.“
29. März 2020 Paris (Frédéric Stucin)
Stucin hat während der rigiden französischen Covid- Ausgangssperre Fotos vom menschenleeren Paris gemacht: keine touristischen Orte, sondern Fotos seiner vertrauten, nun geradezu surrealen Umgebung.
2. März 2022 Ukraine (Rafael Yaghobzadeh)
Rafael Yaghobzadeh: Das Foto wurde aufgenommen in Butscha am 2. Mai, einen Tag bevor die Russen die Stadt einnahmen und vor den russischen Massakern. Das junge Mädchen steht mitten auf der völlig verbrannten Straße. Es ist die Bahnhofstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt. … Nach der Befreiung der Stadt und der Entdeckung der russischen Massaker bin ich nach Butscha zurückgekehrt. Ich konnte das junge Mädchen nicht finden, um ihr das Foto zu zeigen, das auf der ersten Seite von Libération abgedruckt wurde.
26. Juli 2022: Macrons olympische Bewährungsprobe
26. September 2022: Frau, Leben, Freiheit
„Trotz der Repression lässt die Mobilisation im Iran nicht nach. Und das, was am Anfang eine Bewegung für die Rechte der Frauen war, wird zu einem Aufstand gegen das Regime.“
11. Dezember 2023: Immigration; das Frankreich, das hilft
Anlässlich der heftigen, teilweise von extremer Xenophobie geprägten Debatten um ein neues Einwanderungsgesetz, das an diesem Tag in der Nationalversammlung behandelt wird, macht Libération seinen Aufmacher mit dem Frankreich, das den exilés à la rue, den auf der Straße lebenden Flüchtlingen, hilft“ – ob in Schulen, Vereinen, Sporthallen, Wohnungen….
21. Februar 2024: Missak und Mélinée Manouchian werden ins Pantheon aufgenommen
Der Armenier Missak Manouchian wurde am 21. Februar 2024 mit seiner Frau Mélinée ins Pantheon aufgenommen, die höchste Ehre, die Frankreich zu vergeben hat. Manouchian war im Zweiten Weltkrieg Leiter einer Gruppe von ausländischen Widerstandskämpfern gegen die deutschen Besatzer. Er ist der erste Ausländer und Kommunist im Pantheon. „La France enfin reconnaissante“ – (das endlich dankbare Frankreich) bezieht sich auf die Inschrift auf dem Portikus des Pantheons: la patrie reconnaissante. Das enfin drückt aus, dass es endlich Zeit sei für die Anerkennung des Engagements der ausländischen Widerstandskämpfer.
[3] Später hat Libération durchaus auch die Schattenseiten von Sartre thematisiert. Siehe die Buchbesprechung des damaligen Chefredakteurs Laurent Joffrin über die Auseinandersetzung zwischen Sartre und Camus: https://www.liberation.fr/debats/2019/04/23/albert-camus-a-la-une_1722938/ Vielen Dank, Herr Schläger, für diesen Hinweis.
Am 18. Juli 2023 wurde der ehemalige Bahnhof von Bobigny als Mahnmal für die Deportation von Juden aus Frankreich offiziell eingeweiht.
80 Jahre vorher hatte der erste Konvoi den Bahnhof Bobigny in Richtung Auschwitz verlassen.
Knapp die Hälfte der Deportierten dieses Konvois wurde nach der Ankunft im Lager sofort in den Gaskammern ermordet, nur von 73 Deportierten weiß man, dass sie die Hölle von Auschwitz überlebten. Zusammengestellt wurden die für die jeweiligen Konvois bestimmten Juden im Durchgangslager von Drancy (ein Blog-Beitrag dazu ist geplant) , das über keinen eigenen Bahnanschluss verfügte. Die Juden wurden also zunächst in Bussen des Pariser Verkehrsbetriebs zum Bahnhof Bourget-Drancy gebracht; ab Juli 1943 diente der Bahnhof Bobigny als Ausgangspunkt für die Transporte.
Der Bahnhof bestand aus zwei Teilen, einem Abfertigungsgebäude für Fahrgäste und einem Güterbahnhof. Der Fahrgastbetrieb war aber schon vor Beginn des 2. Weltkriegs eingestellt worden. Im Bahnhofsgebäude waren einige für die Deportationen abgestellte Bahnbedienstete mit ihren Familien untergebracht, im Erdgeschoss war Raum für die deutschen Soldaten, die die „Verladung“ der aus Drancy Ankommenden in die Wagen organisierten und überwachten. Es gab also keine unerwünschten Beobachter.
Dies ist der Fahrgastbahnhof aus den 1920-er Jahren, aufgenommen von der Avenue Henri Barbusse. Rechts verlaufen die Gleise der Grande Ceinture. Der Güterbahnhof befand sich auf der anderen Seite des Gebäudes und hatte einen eigenen Gleisanschluss. Foto Wolf Jöckel, Januar 2011
Nach dem Krieg diente der Güterbahnhof als Industriestandort und Lager für Eisenschrott. Die besondere Vergangenheit des Bahngeländes war nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein.
Bild aus einer Fotoausstellung von Sylla Grinberg „Von Bobigny nach Auschwitz“, die 2011 auf dem Gelände des Bahnhofs gezeigt wurde.
Diese Zeit des Vergessens dauerte bis 1987. Damals teilte die SNCF der Stadt Bobigny mit, dass sie den Abriss des Fahrgastgebäudes beabsichtige. [1] Bürgermeister war damals Georges Valbon, gleichzeitig auch Präsident des conseil général des Departements Seine-Saint-Denis. Valbon war die historische Bedeutung des Bahnhofs bewusst, wobei man damals sogar fälschlicherweise davon ausging, dass vom Fahrgastgebäude aus die zur Deportation bestimmten Juden in die Züge verladen worden seien. Um das Ansinnen der SNCF abzuwenden, wandte sich Valbon an den damaligen Premierminister Jacques Chirac und schlug ihm die Einrichtung eines Museums der Deportation auf dem ehemaligen Bahngelände vor. Immerhin hatte Chirac eine besondere Sensibilität, was die Erinnerungspolitik an den Holocaust angeht.[2] 1988 erklärte sich dann die SNCF bereit, ihre Abriss-Absicht „zu überdenken“. Aber es dauerte noch bis 2005, bis endlich– vier Jahre nach dem Lager von Drancy- die Anlage unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das Gelände wurde von Eisenschrott und Überwachsung befreit, die Bohlen der Eisenbahnschienen freigelegt und einige Informationstafeln angebracht.[3]
Am 25. Januar 2011 übertrug die SNCF in einer öffentlichkeitswirksamen Feierstunde das ihr gehörende Gelände an die Stadt Bobigny, und es wurde vereinbart, die Anlage zu einem „Haut Lieu du Souvenir de la Déportation“ zu entwickeln.
Aufräumarbeiten nach der Feierstunde. Foto: Wolf Jöckel Januar 2011
Die SNCF übergab damals das Bahngelände an die Stadt und verpflichtete sich, die marode große Lagerhalle zu renovieren, an der die Deportationszüge abfuhren.
Immerhin ist der Bahnhof von Bobigny der einzige und bedeutendste noch existierende Ort in Frankreich, der an die Deportation von Juden erinnert. In 13 Monaten, vom Juli 1943 bis zum 17. August 1944- wenige Tage vor der Befreiung von Paris- wurden von hier aus 22 407 Männer, Frauen und Kinder in plombierten Viehwagen im Rahmen der sog. „Endlösung“ nach Osten, vor allem in das Todeslager von Auschwitz-Birkenau, transportiert.
Bis 2023 war das Gelände allerdings abgesperrt und meist unzugänglich. Ein Zutritt war nur im Rahmen von vereinbarten Führungen möglich. Der zögerliche Umgang mit der angemessenen Würdigung des Ortes hat vielfältige Gründe. Ganz generell hat die Bedeutung des Völkermords an den Juden erst spät im öffentlichen Bewusstsein einen gebührenden Platz erhalten. In Frankreich kam dazu, dass General de Gaulle nach dem Krieg von einem einzigen Frankreich sprach, das Widerstand gegen die deutschen Besatzer geleistet habe. Die französischen Polizisten, die Internierungslager bewachten und die den Nazis die von ihnen verhafteten Juden auslieferten, passten ebenso wenig in das Bild des im Widerstand geeinten Volkes wie die Deportationszüge, die aus Wagons der SNCF zusammengestellt waren.
Claude Tartas, der als kleiner Junge mit seinen Eltern in dem Fahrgastgebäude wohnte, berichtet:
„Vom Fenster unserer Wohnung sah ich die Busse, die die Juden die Rampe hinunter zur Lagerhalle fuhren (…) Am Tag vor der Abfahrt eines Konvois wurde Bahnpersonal von den Deutschen requiriert, um bestimmte Arbeiten zu verrichten: Die Wagen zu rangieren, die Öffnungen mit Stacheldraht zu verschließen, einen Wasserbehälter in die Mitte der Wagen zu stellen etc.“ (Broschüre, S. 6)
Und es war auch französisches Bahnpersonal, das die Konvois bis zur deutschen Grenze fuhr. Dass die französische Polizei Handlanger der nationalsozialistischen Judenverfolgung war, konnte aber nicht auf Dauer verdrängt werden: 1967 wurde das Buch von Claude Lévy und Paul Tillard über die große Pariser Judenrazzia La grande rafle du Vel d’Hiv“ veröffentlicht, in dem zum ersten Mal in großer Breite und Eindringlichkeit die Mitverantwortung der Regierung von Vichy und die Beteiligung der französischen Polizei dargestellt wurde. Der Zeichner Cabu von Charlie Hebdo hatte dazu eindringliche Zeichnungen beigesteuert. Und es gab einige Jahre später den spektakulären Fall des Maurice Papon: Der war im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter über die Bahnhöfe Bourget-Drancy und Bobigny nach Auschwitz deportiert wurden. Papon machte nach dem Krieg mit ausdrücklicher Billigung de Gaulles weiter Karriere, wurde Pariser Polizeichef und sogar Minister, bis 1981 die satirische Wochenzeitschrift Le Canard enchaîné seine unheilvolle Vergangenheit aufdeckte.
Bei der französischen Staatsbahn dauerte die Konfrontation mit der dunklen Seite ihrer Geschichte länger: Die cheminots, die Bahnbediensteten, hatten ja das von Kommunisten, Sozialisten und Gaullisten gemeinsam gepflegte Renommee, gewissermaßen die „Speersitze der Résistance“ gewesen zu sein.[4] Der Mythos eines kollektiven Widerstands der cheminots entstand schon direkt nach dem Krieg, wobei der Film „La Bataille du Rail“ von 1946 eine wesentliche Rolle spielte. Initiiert wurde er, wesentlich geförderdert von der Direktion des Unternehmens, von der Widerstandsbewegung innerhalb der SNCF. Der Film erhielt auf dem ersten Festival von Cannes die Goldene Palme, der Regisseur wurde ebenfalls preisgekrönt.[5]
Erst 2011 gestand Guillaume Pepy, der damalige Vorstandsvorsitzende der SNCF zu, dass sein Unternehmen, wenn auch gezwungenermaßen, ein Rad in der nationalsozialistischen Maschinerie der Vernichtung gewesen sei.[6] Nachgeholfen hat dabei wohl auch die Drohung, ohne ein solches Schuldeingeständnis von lukrativen amerikanischen Aufträgen für Schnellzugverbindungen von vornherein ausgeschlossen zu werden…[7]
Das neue Mahnmal
Das im Juli 2023 offiziell eingeweihte Mahnmal ist kein traditionelles geschlossenes Museum. Es umfasst das ehemalige Bahngelände, auf dem so weit wie möglich Spuren der Deportationszeit bewahrt sind und auf dem an mehreren Stationen anschaulich und eindrücklich Informationen vermittelt werden.
Eingangspavillon mit Infotafeln
Hier ein Luftbild des Lagers von Drancy, der cité de la Muette. Es handelte sich eigentlich um ein innovatives Projekt des sozialen Wohnungsbaus, das, kurz vor seiner Fertigstellung Ende der 1930-er Jahre, als Internierungslager genutzt wurde: Von der Französischen Republik für republikanische Spanienflüchtlinge und nach Kriegsbeginn für deutsche Staatsbürger, also vor allem Menschen, die wegen Verfolgung aus politischen oder rassistischen Gründen aus Nazi-Deutschland geflüchtet waren, nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht zunächst für französische und britische Kriegsgefangene und schließlich als Zwischenstation und Sammellager für Juden, bevor sie im Zuge der „Endlösung“ in die Vernichtungslager transportiert wurden.
Diese Infotafel zeigt die Lage des Ínternierungslagers Drancy, das rot markiert ist, und der Bahnhöfe Bourget-Drancy (links oben auf dem Plan) und Bobigny (Mitte links). Beide Bahnhöfe lagen in der Nähe des Lagers und gehörten zur „Grande ceinture“, einer – im Gegensatz zur Petite Ceinture- Paris in weitem Bogen umrundenden Eisenbahnlinie, so dass die Transporte – ohne Paris zu berühren- direkt nach Osten dirigiert werden konnten. Der Bahnhof Bobigny hatte dazu den Vorteil, dass er fast völlig von der Umwelt isoliert war. Deshalb wurde er von Alois Brunner, dem SS-Hauptsturmführer und Eichmann-Vertrauten, der im Juli 1943 das Kommando in Drancy übernahm, zum Ausgangspunkt der Transporte in die Vernichtungslager bestimmt.
Der Weg zum Güterbahnhof und zum Fahrgastgebäude
Die Rampe, die die Deportationsbusse zu den bereitgestellten Zügen hinunterfuhren, gibt es nicht mehr. Dafür wurde jetzt ein leicht zick-zack-förmiger Weg angelegt, der von mächtigen Holzpfählen gesäumt ist: Darauf kurze Sätze von Deportierten, auch Botschaften, die sie aus den Fenstern der Viehwagen geworfen haben.
Lastwagen warten darauf, uns zum Bahnhof von Bobigny zu fahren.
Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise
Heute Morgen bin ich nach Osten abgereist. Lebewohl! Auf Wiedersehen vielleicht
Wenn es los geht, sagten die Älteren, gehe es nach Pitchipol. (Pitchipol bedeutet etwas sehr weit Entferntes, Unbekanntes). Simone Lagrange, Konvoi 76 vom 30. Juni 1944.
An der Wand des Fahrgastgebäudes befinden sich zwei Erinnerungstafeln: Die obere erinnert an die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder von den Bahnhöfen Bobigny und Bourget. Sie stammt aus dem Jahr 1993. Initiator der Tafel war der damalige Bürgermeister von Bobigny Georges Valbon. In einer Zeit, in der die Zukunft des Bahngeländes noch völlig ungewiss war, hatte diese Plakette eine eminente politische Bedeutung.
Die kleinere untere Erinnerungstafel erinnert an den Konvoi 73, den einzigen Konvoi, der nur aus Männern bestand und nicht Auschwitz als Ziel hatte, sondern Kaunas in Litauen und Talinn in Estland, was lange nicht bekannt war. Familien und Freunde dieses Konvois gründeten schließlich einen Verein, um die Geschichte des Konvois zu erforschen und an Jüngere weiterzugeben. Dieser Verein stiftete die Plakette und organisierte vor dem Fahrgastgebäude Gedenktage.
Die Mauer
Vor dieser Mauer verliefen die -heute freigelegten- Gleise, auf denen die Deportationszüge bereitgestellt wurden. Heute befindet sich davor eine Plattform, die den Maßen eines der für die Deportation benutzten Wagons entspricht. Dort können an Gedenktagen Blumen abgelegt werden.
Darüber ein Ausspruch, der Paul Eluard zugeschrieben wird:
Si l’écho de leurs voix faiblit, nour périrons
Wenn das Echo ihrer Stimmen schwindet, werden wir zugrunde gehen
Davor liegen noch die alten Pflastersteine, über die die Deportierten gegangen sind, bevor sie in die Wagons einstiegen. (Die glatten Steine auf der rechten Seite bestehen aus durchgeschnittenen alten Pflastersteinen).
Aufschriften auf dem vor dem Lager Drancy aufgestellten Wagon: 8 Pferde oder 40 Menschen. Meistens wurden allerdings wesentlich mehr Deportierte in den Wagen zusammengepfercht.
„Wenn man in Bobigny aus den Bussen von Drancy aussteigt, gibt es keine französischen Polizisten mehr. Ich höre Schreie, Befehle, Gebrüll. Wir werden gewaltsam zusammengedrängt. Dann werden wir zum Bahnsteig geschoben. Ich sehe den Güterzug und denke naiv, dass er abfährt und ein anderer Zug für uns eintrifft. Aber wir werden wieder zu den Wagons gedrängt: Schnell! Es ist das erste Wort, das ich auf Deutsch lerne. (…)
Die Wagons werden verriegelt.. Die Nacht bricht herein und ich habe keine Angst. Ich denke, dass wir auf den Feldern oder in der Fabrik arbeiten können. Mein kleiner Neffe ist 14 Jahre alt, aber er sieht aus wie ein junger Mann, er ist stark und weiß sich zu helfen. Was meinen Vater angeht, er kann mit einer Nähmaschine umgehen, ich versichere ihm: „Sie stecken dich in die Werkstatt!“ Wie hätte ich daran zweifeln können?“
Ginette Kolinka wurde mit ihrem Bruder, ihrem Vater und ihrem Neffen von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert.[8]
Fotos: Wolf Jöckel, November 2017
Dies ist ein Wagon, wie er für die Deportationen verwendet wurde. Er steht in Drancy zwischen dem früheren Lager und der Außenstelle des Mémorial de la Shoah. Es gab wohl auch Überlegungen, den Wagon in den neuen Erinnerungsort in Bobigny zu überführen, wohin er eigentlich besser passen würde, die allerdings nicht umgesetzt wurden.
Ein Wagon wird von einem Wehrmachtssoldaten verschlossen und verriegelt. Ein französischer Gendarm schaut zu. Eine Zeichnung von Cabu aus dem Jahr 1967 [9]
Ida Grinspan, deportiert am 10. Februar 1944 mit dem Konvoi 68:
„Der kleine, altmodische Bahnhof Bobigny war unser letztes Bild einer zivilisierten Welt (…) Die Hölle beginnt mit der absoluten Enge des Wagens, dessen einziges Oberlicht ein dünnes, maschenförmiges Rechteck zum Winterhimmel öffnet. Man hat es schon oft gesagt: Nichts zum Ausstrecken auf dem Boden, kaum genug Platz, um auf ein paar Strohballen zu sitzen. In der Mitte des Wagens ein Eimer Wasser, der bald leer sein wird, und ein Eimer als Toilette, der schnell voll ist.“ [10]
Die Lagerhalle
Ein Güterbahnhof als Ausgangspunkt für die Judentransporte entsprach völlig der nationalsozialistischen Rassenideologie. Jetzt soll die Lagerhalle als Ort für Konferenzen, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte und andere künstlerische Aktivitäten genutzt werden.
An der weißen Tafel auf der von hier aus sichtbaren Seitenwand sind Briefe und Botschaften von Deportierten wiedergegeben.
„Verladung am 18.7.43 morgens um 6.30 Uhr am Bahnhof Bobigny (Seine) auf unmenschliche und bestialische Weise. Männer-Frauen-Kinder. Alles durcheinander, Als Wegzehrung zwei Eimer Wasser und Brote. 40 Menschen in plombierten Viehwagen, die Fenster mit Stacheldraht versperrt. Aus dem Zug geworfene Nachricht von Jacques Baltar – Konvoi Nr. 57 vom 18. Juli 1943
Die Stelen
Eine lange Reihe von Stelen aus Stahl erinnert an alle Konvois, die in Frankreich zusammengestellt wurden. Eingezeichnet sind die Nummer des jeweiligen Konvois, sein Datum, die Zahl der Deportierten, wobei die Kinder gesondert aufgeführt sind, Ausgangs- und Endpunkt des Konvois, meist auch der Anteil der bei der Ankunft des Konvois sofort Ermordeten und die Zahl der (wenigen) Überlebenden.[11]
Öfters gibt es auch noch zusätzliche Informationen:
Die Deportierten des Konvoi 10 vom 24. Juli 1942 waren ausschließlich ausländische Juden, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten und die bei der großen Judenrazzia des Wintervelodroms (Vel‘ d’Hiv) vom 16./17. Juli 1942 ergriffen worden waren. Zum ersten Mal bestand dieser Konvoi mehrheitlich aus Frauen. Nur 6 Überlebende des Konvois sind bekannt.
Im August 1942 wurden besonders viele Kinder der Razzia des Wintervelodroms deportiert und es wird damit an ein für Frankreich besonders schmerzliches Kapitel seiner Geschichte erinnert. Es war ja die französische Verwaltung, die diese Razzia vorbereitete, und es waren französische Gendarmen, die sie durchführten. Wurden zunächst die von der deutschen Besatzungsmacht angeforderten arbeitsfähigen Männer und Frauen deportiert, so jetzt auf ausdrücklichen Wunsch der Vichy-Regierung auch die Kinder.
Die ersten Stelen für die Konvois aus Le Bourget sind diagonal aufgestellt, die Stelen für die nachfolgenden 21 Konvois aus Bobigny direkt dem Betrachter zugewandt. Dazwischen ist eine „Lücke“ – einen Konvoi 56 gab es nicht.
Der Konvoi 77 ist der letzte große Konvoi aus Bobigny. Es ist ein besonders großer Konvoi, was bedeutet, dass die Deportierten noch weniger Platz in den Viehwagen hatten: Die im Bahnhof bereit gestellten Züge hatten immer die gleiche Anzahl Wagen.
Bemerkenswert ist auch die große Anzahl von Kindern: Alois Brunner machte besonders Jagd auf sie. Am bekanntesten sind die Kinder von Izieu, die überwiegend mit dem Konvoi 71 nach Auschwitz deportiert wurden.
Bemerkenswert ist schließlich das Datum dieses Konvois: Am 6. Juni 1944 waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Genau am 31. Juli, als der Konvoi 77 Bobigny verließ, durchbrachen die alliierten Truppen bei Avranches die deutsche Verteidigungsfront. Der Weg nach Süden und Osten war damit frei. Aber auch in den Wochen der erbitterten Kämpfe in der Normandie wurden die Konvois mit großer Intensität fortgesetzt; anders als 1942/1943: Damals gab es eine Unterbrechung – die einzige in der frenetischen Abfolge der Konvois, und zwar zwischen den Konvois 45 (11.11.1942) und 46 (9.2.1943). Grund war die Besetzung des Vichy-Territoriums durch die damit beschäftigten deutschen Truppen im November 1942. Im Sommer 1944, als der „Endsieg“ in weite Ferne gerückt war, hatte die Exekution der „Endlösung“ Priorität…
Sammelpunkt für die zur Deportation bestimmten Juden war das Lager Drancy. Es gab noch andere Sammellager wie Pithiviers oder Beaune-La-Rolande, aber der Weg zur Deportation führte über Drancy. Und von dort aus nach Bourget oder Bobigny, wo die Züge nach Auschwitz abfuhren.[12]
Erinnerungsplakette im Gare de l’Est in Paris. Foto: Wolf Jöckel
Von 1942 bis 1944 wurden 70 000 Juden aus Frankreich, davon 11 000 Kinder, aus den Bahnhöfen Drancy, Bobigny, Compiègne, Pithiviers und Beaune-la-Rolande in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Nur 2500 von ihnen überlebten. Vergessen wir das niemals! Die Söhne und Töchter der aus Frankreich deportierten Juden.
Der Weg von Bobigny nach Auschwitz
Abfahrt Paris Bobigny
Nach 6 Stunden 30 Minuten: Bar-le-Duc
Nach 10 Stunden Metz
Nach 13.30 Stunden Saarbrücken
Nach 19 Stunden 40 Minuten Frankfurt
Nach 30 Stunden 35 Minuten Engelsdorf bei Leipzig
Nach 33 Stunden 50 Minuten Dresden
Nach 37 Stunden 50 Minuten Görlitz
Nach 51 Stunden 35 Minuten Kattowitz
Nach 53 Stunden
Ankunft Auschwitz-Birkenau
Dies ist die Stele für den allerletzten Konvoi aus Bobigny. Er verließ Bobigny am 17. August, eine Woche vor der Befreiung von Paris. Zu diesem Konvoi gehörten der Kommandant von Drancy Alois Brunner und weiteres deutsches Militärpersonal – sicherlich nicht in Viehwagons untergebracht. Die Deportierten des Konvois sollten im Bedarfsfall als Geiseln verwendet werden.
Brunner gelang die Flucht, er tauchte zunächst in Ägypten, dann in Syrien unter, wo er unter dem Präsidenten Hafez-el-Assad, dem Vater des heutigen syrischen Machthabers, als Berater beim Aufbau eines Repressionsapparates fungierte. Beate und Serge Klarsfeld machten sich auf seine Suche, konnten aber nicht erreichen, dass Brunner -wie Eichmann- zur Rechenschaft gezogen wurde.[13] Brunner starb 2001 in einem syrischen Versteck, bis zum Schluss fest davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben.
Der Point X
Der Point Z markiert die Einmündung der Gleise des Güterbahnhofs in die Grande Ceinture und -über den Knotenpunkt Noisy le Sec- in die Vernichtungslager führende Bahnlinie nach Osten.
Foto: Wolf Jöckel Januar 2011
Simone Veil, die spätere französische Gesundheits- und Sozialministerin und Präsidentin des Europäischen Parlamens, wurde am 13. April 1944 im Alter von 16 Jahren mit ihrer Mutter und ihrer Schwester mit dem Konvoi 71 von Bobigny nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Aus ihrer Autobiographie:
Am 13. April wurden wir um fünf Uhr morgens verladen für eine neue Etappe dieses anscheinend endlosen Abstiegs in die Hölle. Busse brachten uns zum Bahnhof Bobigny, wo wir in Viehwaggons steigen mussten, die einen sofort nach Osten losfahrenden Konvoi bildeten. Da es weder zu kalt noch zu heiß war, wurde der Albtraum nicht zur Tragödie. (…) Die Reise dauerte zweieinhalb Tage; vom 13. April im Morgengrauen bis zum Abend des 15. in Auschwitz-Birkenau. Dies ist eines der Daten, die ich nie vergessen werde, zusammen mit dem meiner Rückkehr nach Frankreich, dem 23. Mai 1945. Sie sind Meilensteine in meinem Leben. (…) Sie bleiben mit meinem tiefsten Inneren verbunden, wie die eintätowierte Nummer 78651 auf der Haut meines linken Arms.[14]
Praktische Informationen
La gare déportation de Bobigny, lieu de mémoire 151 avenue Henri Barbusse 93000 BOBIGNY
Zugang mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
Métro Linie 5 bis Station Pablo Picasso, umsteigen in Straßenbahn T 1 Richtung les Courtilles bis Station Escadrille Normandie-Niemen. Von dort aus kurzer Fußweg auf der avenue Henri Barbusse
Oder:
Métro Linie 5 bis Porte de Pantin. Von dort Bus 152 in Richtung Bondy Jouhaux-Blum bis Haltestelle gare/Bahnhof (Grande ceinture)
Öffnungszeiten:
Mittwochs bis sonntags von 9.30 bis 12.30h und von 14 bis 17 h
Informationstafeln in französischer und englischer Sprache.
Anmerkungen
[1] Siehe die Broschüre „L’ancienne gare de Bobigny, un lieu de la Déportation des internés du camp de Drancy. L’histoire, passée, présente et à venir d’un site. Herausgegeben von der Stadt Bobigny. Ohne Jahresangabe. Ich erhielt 2011 bei einem Besuch des Bahngeländes eine noch nicht endgültige Version der Broschüre – damals noch mit zahlreichen Fehlern bei deutschen Ausdrücken. In der Broschüre gibt es eine ausführliche Zeittafel, in der die Zeit von 1946-1987 mit der Überschrift „L’oubli“ versehen ist. Ich hatte im Januar 2011 Gelegenheit, das Gelände mit Anne Bourgon zu besuchen. Anne Bourgon war zwischen 2007 und 2015 seitens der Stadt Bobigny für die „réhabilitation de cette friche ferrovieaire“ zuständig. ( Siehe das Interview mit Anne Bourgon in Libération vom 27. Januar 2023: la gare de déportation de Bobigny est «un espace vide qui parle de l’absence et il ne fallait surtout pas le remplir»
[3] Siehe dazu: Frédérique Pelletier, Le long chemin vers un lieu de mémoire. In: Ancienne gare de déportation de Bobigny. Un mémorial à ciel ouvert. Bobigny 2023. Diese Broschüre liegt im Eingangspavillion aus. Weiterhin als Broschüre zitiert.
[13] Siehe dazu: Beate et Serge Klarsfeld, Mémoires. Flammarion 2015. S. 475f: Sur la piste de Alois Brunner und S, 521/522: Contre Brunner, de New York à Berlin-Est. Und: S. 531-535: Derniers rebondissements dans l’affaire Brunner.
[14] Aus: Simone Veil, Une vie. 2007. Zit. Broschüre, S. 7, Übersetzung W.J.
Mit und nach LVHM (Bernard Arnault) und Kering (François-Henri Pinault) gehört das Familienunternehmen Hermès zu den großen Drei der weltweit führenden französischen Luxusindustrie. Wie höchst erfolgreich Hermès ist, belegen diese Zahlen: Während der Umsatz von 5,96 Mrd. Euro im Jahr 2018 auf sage und schreibe 11,60 Mrd. Euro 2022 stieg, hat sich der Gewinn im gleichen Zeitraum auf traumhafte 3,38 Mrd. Euro noch mehr als verdoppelt. Und 2023 geht es weiter steil nach oben… [1]
Foto: Wolf Jöckel
Der Sitz des Unternehmens liegt in der noblen rue du Faubourg Saint – Honoré in Paris. Auf der Fassade ist das Firmenlogo angebracht: Ein großes H, das -bei dem Namen Hermès nahe liegend- umgeben ist von zwei geflügelten Heroldstäben des Götterboten der griechischen Mythologie; und darüber ein Pferd mit einer vom Fahrgast selbst gesteuerten Kutsche, einem „petit duc“. Übernommen wurde das Motiv von einem Bild des im 19. Jahrhundert sehr populären Tiermalers Alfred de Dreux.[2]
Nobel sind auch die Produkte des Hauses, zum Beispiel die legendären Birkin-Handtaschen, worauf anlässlich des Todes von Jane Birkin gerne hingewiesen wurde.
Diese Birkin-Handtasche aus Krokodilleder wird zum Beispiel für sage und schreibe 189 066,20 Euro angeboten! Luxus hat eben seinen Preis – und zwar auf Heller und Pfennig…. Vor vier Jahren wurde eine „Himalaya Niloticus Crocodile Diamond Birkin 30“ sogar für 400 000 Dollar versteigert! [2a]
Ein Aushängeschild des Hauses sind die Hermès-Reitturniere (saut Hermès), die traditionell im Grand Palais ausgetragen werden.
Hier das Plakat für das Turnier 2013, das von dem bekannten Pariser Typographen und Designer Philippe Apeloig entworfen wurde, dessen Buch über die Pariser Erinnerungsplaketten der Zeit 1939-1945 auf diesem Blog vorgestellt wurde.[3] Und hier das Plakat für das Turnier dieses Jahres:
Foto: Wolf Jöckel
Während der Umbauarbeiten des Grand Palais wurden und werden die Hermès-Reitturniere im Grand Palais Éphémère ausgetragen und weiter aufwändig in der Öffentlichkeit herausgestellt.
Selbstbewusst präsentiert sich das Unternehmen auch in seiner Nobelboutique rive gauche. Sie ist in dem ehemaligen denkmalgeschützten Art-Deco-Schwimmbad Lutetia eingerichtet: Über dem Treppenaufgang der geflügelte Götterbote Hermes als akrobatischer Reiter.[4]
Dass das Pferd in der Selbstdarstellung von Hermès eine so zentrale Rolle einnimmt, hängt mit den Ursprüngen der Firma zusammen. Und die hat Pierre Sommet aufwändig erforscht und seine Ergebnisse in einem sehr lesenswerten kleinen illustrierten Buch publiziert. Auf dessen Titelbild ist ein Sattler abgebildet, ein Vertreter des Handwerks also, das Thierry Hermès in Krefeld erlernte und mit dem er dann in Paris reüssierte. Sattler stellten damals vor allem Sattel- und Geschirrzeug für Pferde her: Daran erinnern die Hermès-Pferde und die Förderung des Pferdesports. Und auch in der heutigen breiten Angebotspalette des Hauses Hermès sind Produkte „rund um das Pferd“ noch reichlich vertreten.[5]
Pierre Sommet ist Leserinnen und Lesern dieses Blogs kein Unbekannter: Seine Blütenlese deutsch-französischer Redewendungen, die er zusammen mit Waltraud Schleser veröffentlich hat, wurde auf diesem Blog vorgestellt und sein Gastbeitrag über deutsche Beiträge zur Erfolgsgeschichte des (natürlich französischen) Champagners ist auch hier zu lesen. Dass sich Sommet nun auf die Spuren des Thierry Hermès, des Ahnherren der Familiendynastie, begeben hat, liegt auf dieser Linie, geht es doch dabei um „eine deutsch-französische Geschichte par excellence“. Und diese glanzvolle Geschichte hat ihren Ursprung ausgerechnet in Krefeld, wo Pierre Sommet lebt: Da hat also sozusagen zusammengefunden, was zusammengehört.
Es war auch wirklich einmal Zeit, sich intensiver mit Thierry Hermès zu beschäftigen. Denn gerne wird die Geschichte des von ihm gegründeten Unternehmens als eine ausschließliche „histoire française“ erzählt[6], und auch das Unternehmen beginnt in seiner Selbstdarstellung den historischen Rückblick erst mit der Betriebsgründung 1837 in Paris, nach 36 Lebensjahren Thierrys also, in denen die Grundlage für die Erfolgsgeschichte des Unternehmens gelegt worden waren.[7]
Wenn aber einmal weiter zurückgegangen wird, findet man Darstellungen, die im Lichte von Sommets Recherchen überholt, ja manchmal geradezu abenteuerlich erscheinen. Zum Beispiel:
Da wird 1801 Thierry Hermès geboren.[8] Der Familienname hatte damals allerdings noch keinen Akzent: Der kam erst viel später in Paris dazu. Nur die Vornamen waren nämlich während der französischen Annexion der linksrheinischen Gebiete französisiert worden.
Da verlässt die Familie Hermes 1821 fluchtartig das heimische Krefeld und bringt sich in Paris in Sicherheit![9] Tatsächlich aber macht sich Thierry ganz alleine auf den Weg nach Paris, um dort sein Glück und seinen beruflichen Erfolg zu finden. Alles andere als eine Flucht also. Und was die Familie angeht: Thierrys Eltern waren 1821 schon lange tot, und von den ursprünglich sechs Geschwistern gab es nur noch eine ältere Schwester, die allerdings bis zu ihrem Tod 1847 in Krefeld blieb und ein Kind hatte, also den Neffen von Thierry, Friedrich Wilhelm Driessen, der wiederum acht Kinder hatte. (Sommet, S. 57f). Dies bedeutet, dass es heute in Krefeld bzw. am Niederrhein höchstwahrscheinlich Nachfahren der Familie Hermes gibt, auch wenn diese noch nicht entdeckt werden konnten.
Oder Thierry verlässt Krefeld schon gleich nach dem Tod der Eltern, folgt dem „Ruf der Liebe“, zieht ins normannische Pont-Audemer und heiratet.[10] Es war allerdings nicht der Ruf der Liebe, der Thierry nach Pont-Audemer folgt. Als er 1829 dort hinzieht, war er nämlich schon seit einem Jahr verheiratet. Was ihn da anzog, war der Ruf der Stadt als einer „Hauptstadt des Leders“. Und Thierry nutzt die sieben Jahre dort gewissermaßen als Fortbildung und Vorbereitung auf die anschließende Gründung seiner eigenen Werkstadt in Paris. (Sommet, 67ff)
Und was die Ehefrau Thierrys angeht: Sie soll, so kann man wiederholt lesen, eine Protestantin gewesen sein; von Thierry, der reformierten Kirche zugehörig, bewusst gewählt, um mit ihr seinen Kindern die protestantische Ethik vorzuleben und damit die Grundlagen des künftigen Erfolgs zu legen.[11] Tatsächlich ist Christine Pétronille Piérart, in Düsseldorf 1806 geboren, katholisch. Sie war die erste Tochter eines wallonischen Tagelöhners aus Ronquières im Hennegau und einer deutschen Hausfrau aus Köln, Maria Magdalena Cordé. Thierry hatte also wahrhaft multikulturelle Schwiegereltern! Christine, die deutsch sprach, lernte Thierry in Paris kennen, als die Familie Namur verließ und nach Paris zog. Nach dem Standesamt ließ sich das Paar wohl auf Wunsch der katholischen Schwiegereltern in der Kirche Notre-Dame de Bonne-Nouvelle nach katholischem Ritus trauen. Seinem reformierten Glauben blieb Thierry gleichwohl treu und der wurde auch an die drei Kinder André Henri, Charles Émile und Elisabeth Joséphine weitergegeben. (Sommet, 66) Und der Protestantismus der Familie hat wohl auch nicht unwesentlich zum Erfolg des Unternehmens über Generationen hinweg beigetragen.[12]
Da wird kühn in die Welt des Internets gesetzt und immer wieder übernommen, dass Thierry Hermès französische Vorfahren habe, ja dass dies Hugenotten gewesen seien, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 Frankreich hätten verlassen müssen.[13] Tatsächlich zeigen die mit Unterstützung von Jean-Louis Calbat vorgenommenen intensiven genealogischen Forschungen Sommets eine eindeutige deutsche Abstammung der Familie. (Sommet, 35)
Dass sich solche falschen Tatsachenbehauptungen verbreiten und halten, ist eine fast zwangsläufige Folge der neuen Informations- und leider eben auch manchmal: Des-Informationstechnologien. Und sie passen auch gut zu einer Erzählung von Gewalt, Abenteuer, Liebe und Arbeit, in der sowohl französisches Nationalgefühl als auch die sogenannten deutschen Tugenden bedient werden.
Es ist das große Verdienst von Pierre Sommet, auf sicherer Quellen-Grundlage hier Klarheit geschaffen zu haben. Betrachtet man die im Anhang des Buchs aufgeführte Liste von dafür konsultierten Stadtarchiven, dann kann man ahnen, welch beeindruckende Forschungsarbeit da geleistet wurde. Aber Sommet legt andererseits auch offen, wo es Leerstellen gibt: So für die Jahre zwischen der Auswanderung nach Paris und dem Umzug nach Pont-Audemer: „Für die Zeit zwischen 1821/22 und 1828 gibt es keine Quellen und wir verlieren die Spur von Thierry.“ (Sommet, 62). Yann Kerlau dagegen lässt in seinem Buch über die „dynasties de luxe“ seiner Phantasie freien Raum: Er stattet Thierry großzügig mit einem Zeichenblock aus (den es -leider- nicht gibt), auf den dieser Sättel und Zaumzeug skizziert, die er später dann selbst herstellen wird… Und bei Kerlau besteht Thierrys Lehrzeit aus Gelegenheitsarbeiten „rund ums Pferd“ in Paris[14], während die Jahre in Pont-Audemer überhaupt nicht erwähnt sind.
Dafür hat inzwischen „das normannische Venedig“ seinem berühmten kurzzeitigen Bewohner einen touristischen Rundkurs gewidmet, wobei laut der Zeitung Le Parisien „ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ (!), ganz offensichtlich Pierre Sommet, eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt hat.[15]
„Ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ hat daran sicherlich wesentlichen Anteil. Félicitations Monsieur Sommet!
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Ausgesprochen informativ ist es, wie Sommet die Geschichte des Thierry Hermes/Hermès in den zeitgeschichtlichen Kontext einbettet. Wir befinden uns ja in einer Zeit revolutionärer Umbrüche. Und das linksrheinische Krefeld, die Geburtsstadt Thierrys, liegt mitten darin. Es gehört als Teil des Heiligen Römischen Reichs zu Preußen, ist eine blühende Stadt der Seidenweberei. Dann ziehen die Franzosen ein, etablieren 1797 die Cisrhenanische Republik. 1801 erfolgt – einen Monat nach der Geburt Thierrys- mit dem Vertrag von Lunéville die vollständige Annexion durch Frankreich, die bis zum Ende der napoleonischen Herrschaft und dem Wiener Kongress andauert.
Der zeit- und lokalgeschichtliche Hintergrund der „Franzosenzeit“ wird von Pierre Sommet sehr anschaulich beschrieben: Da singen die Kinder Spottlieder auf die so gar nicht dem preußischen Reglement entsprechende französische Revolutionsarmee, die Ende 1792 in Krefeld einzieht:
„Parlevu hät geen Hoasen an, Kiskedi geen Schtrömp“
(Parlevu ist abgeleitet von Parlez-vous-français? – sprechen Sie französisch?- und Kiskedi von Qu’est-ce qu’il dit? – was sagt er?)
Und als im März 1795 in Krefeld von den Revolutionären ein Freiheitsbaum errichtet wird, sind die Einwohner alles andere als begeistert:
„Als Preußen lebten wir ganz frey und aßen friedlich Brodt. Hier steht der Baum der Sklaverey und bringt uns Angst und Noth.“ (Sommet, 21).
Ganz so schlimm kam es dann allerdings nicht, denn Napoleon war am wirtschaftlichen Wohlergehen der vier neuen linksrheinischen Departements interessiert. Er brauchte die Steuereinnahmen zur Finanzierung seiner Kriege und er brauchte Soldaten für seine Grande Armée. Zu ihnen gehörte auch Thierrys älterer Bruder Henrich Hermes, der am guerre d’Espagne teilnahm. Er verstarb, wie Sommet im Stadtarchiv Krefeld herausgefunden hat, am 12. November 1812 in einem französischen Militärhospital im baskischen Vitoria, und zwar an den Folgen eines Fiebers.
Aber die Franzosen brachten auch revolutionäre Errungenschaften mit wie die Abschaffung der Zünfte und der feudalen Privilegien des Adels. Beliebt machten sich die Franzosen, die Pierre Sommet, ganz Krefelder, occupants/Besatzer nennt, aber trotzdem nicht: Dies auch wegen der radikalen Durchsetzung des Französischen als Amtssprache.
Sommet beschreibt das sehr anschaulich am Beispiel der Geburt Thierrys. Die Geburtsurkunde wird im Krefelder Rathaus, jetzt mairie genannt, auf Französisch ausgestellt. Aber was verstehen die Eltern und die beiden Zeugen? „Nivôse an neuf de la République française“? „Genauso gut könnte man von ihnen verlangen, die Hieroglyphen zu entziffern“, wie Sommet (S. 33) lakonisch anmerkt. Eigentlich hätte der Junge ja den Namen des Vaters, also Diederich, tragen sollen. Aber das ist nun nicht mehr möglich. Also wird daraus Thierry. Der Vorname von Thierrys Mutter, Agnes, wird in der Urkunde umgeformt zu Agnese: Das soll wohl französisch klingen. Und aus dem Georg des Zeugen wird ein George, im Französischen eigentlich ein Mädchenname. Der gestandene Vorarbeiter rächt sich aber, so Sommet, indem er mit seinem gewohnten Georg unterschreibt….
Dann die Zeit in Paris: Als Thierry nach seinen Lehrjahren in Krefeld, Paris und Pont-Audemer 1837 seine eigene Werkstatt 56 rue Basse-du Rempart im wohlhabenden Westen von Paris eröffnet, ist er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Paris erlebt eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte, hier konzentriert und akkumuliert sich der Reichtum des Landes – befeuert von dem „enrichissez-vous“ der Julimonarchie (1830-1848). Die Bevölkerung nimmt rasant zu, entsprechend auch der Verkehr, für den der Stadtumbau des Barons Haussmann den nötigen Raum schafft. Verkehr bedeutet damals: von Pferden gezogene Wagen aller Art. Die Nachfrage nach der erforderlichen Ausrüstung steigt entsprechend, und Thierry kann seinen anspruchsvollen Kunden hochwertiges Pferde-Geschirr und Zaumzeug liefern; vor allem Kummets aus leichtem und weichem Leder, die die Pferde schonen und gleichzeitig ihre Zugkraft erhöhen: „eine technische Meisterleistung, für die Hermès auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgezeichnet wird.“[16]
Als Thierry Hermès 1878 im vornehmen Neuilly-sur-Seine stirbt, hinterlässt er seinem Sohn Charles-Émile, Sattler-Meister wie er, ein erfolgreiches, aufstrebendes Unternehmen. Zwei Jahre später verlegt der den Sitz des Betriebs in die noble rue du Faubourg Saint-Honoré, wo noch heute -wenn auch in einem anderen Gebäude- der Sitz des Unternehmens ist. Auf der Terrasse reitet ein eleganter Hermès-cavalier hinaus in die Welt….
Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist, dass das von sechs Generationen der Familie geführte Unternehmen ein Familienbetrieb bleibt. Das war zeitweise ungewiss, nachdem der Weltmarktführer LVHM mit Bernard Arnault, dem reichsten Mann der Welt an der Spitze[17], 2010 heimlich, still und leise ein großes Aktienpaket aufkaufte und mit über 20 % zum größten Anteilseigner aufstieg. Als damals Bernard Arnault den damaligen CEO von Hermès anrief, um ihn- zwei Stunden vor der Öffentlichkeit- von der LVHM-Beteiligung zu informieren, soll dieser völlig konsterniert geantwortet haben: „If you want to seduce a beautiful woman, you don’t start by raping her from behind.” Inzwischen hat die verzweigte Familie Hermès ihre Firmenanteile in einer Holding gebündelt, um eine feindliche Übernahme zu verhindern…[18]
Portrait von Thierry Hermès im Pariser Sitz des Unternehmens. Daneben ein Kummet. Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist auch eine weite Verbreitung von Sommets Buch, gerade auch im Hause Hermès selbst. Und da spreche ich aus eigener Erfahrung: Als ich nämlich im August 2021 dem Sitz des Unternehmens einen Besuch abstattete, um das hier abgebildete Foto zu machen, war die Verwirrung und Ratlosigkeit bei den angesprochenen Mitarbeitern groß. Nein, ein solches Portrait gäbe es nicht… Man habe noch nie davon gehört…. Doch, das gäbe es, aber sehen könne ich es derzeit leider nicht…. Es sei vielleicht gerade für eine Ausstellung ausgeliehen….. oder es werde möglicherweise restauriert… Auch Madame de Bazelaire, die directrice de patrimoine von Hermès, konnte nicht helfen. Sie war gerade im Urlaub. Da ich aber keine Anstalten machte, das Feld zu räumen, erbarmte sich schließlich eine nette junge Angestellte meiner und wir machten uns gemeinsam auf die Suche. Wir hatten dann auch bald das im Treppenhaus zwischen anderen Erinnerungsstücken ausgestellte Portrait gefunden.
Vielleicht könnte das stolze Familienunternehmen Hermès das Buch von Sommet seinen Angestellten überreichen… Ich kann es jedenfalls nur wärmstens zur Lektüre empfehlen: Das Leben des Thierry Hermès ist eine höchst spannende deutsch-französische interkulturelle Geschichte, und es ist auch die Geschichte eines Handwerkers aus kleinsten, bescheidensten Verhältnissen, der am Anfang eines weltweiten Unternehmens der Luxusindustrie steht. Als Thierry Hermès sein Unternehmen aufbaute, gab es eine Vielzahl von Sattlern in Paris, von denen allein sein Name noch bekannt ist. Und es gab, als er starb, etwa 60000 deutsche Einwanderer, die in Paris ihr Glück suchten. Thierry Hermès hat es mit Willenskraft, Talent und Geschäftssinn dort gefunden. Aber weder in Paris noch in seiner Heimatstadt Krefeld erinnert ein Straßenname oder wenigstens eine Erinnerungsplakette an ihn. Möge die Monographie von Pierre Sommet dazu beitragen, dass Thierry Hermès den Platz in der Erinnerung erhält, der ihm gebührt.
Literatur
Pierre Sommet mit Veröffentlichungen zu Hermès. Aus: NRZ vom 17.2.2026
Moritz Sommet und Pierre Sommet unter Mitwirkung von Jean-Louis Calbat, Thierry Hermès – Eine deutsch-französische Geschichte.
Sonderdruck von Die Heimat. Krefelder Jahrbuch. Zeitschrift für niederrheinische Kultur- und Heimatpflege
Teil 1 (Oktober 2022): Niederrheinische Wurzeln und Jugendjahre
Teil 2 (Oktober 2023): Teil 2: Leben und Wirken in Frankreich
Teil 3 (Oktober 2024): Auf den Spuren der Nachkommen der Krefelder Familie Hermes
Pierre Sommet, Sur les traces de Therry Hermès. Une histoire franco-allemande par excellence. Paris: Éditions Complicités 2023. 18 Euro.
2025 ist eine durchgesehene und erweiterte Ausgabe erschienen.
In Frankreich ist das Buch über den Buchhandel oder über die Internet-Adresse der Éditions Complicités zu beziehen. In Deutschland können Sie das Buch z.B. bei Parinfo oder auf Amazon bestellen. Amazon bietet auch eine Leseprobe und eine preisgünstige Kindle-Version an.
Die Geschichte von Diederich Hermes/Thierry Hermès gibt es auch in deutscher Sprache auf dem Blog von Pierre Sommet:
Dazu finden sich dort auch Links zu verschiedenen Rezensionen, unter anderem einer neueren aus dem SPIEGEL vom 15.2.2024: Fabian Hillebrand, Die deutschen Wurzeln der Luxusmarke Hermès:
Sogar BILD hat sich in der Regionalausgabe Nordrhein-Westfalen am 10.3. 2024 -in sehr informativer Weise- des Themas angenommen: Er ging als Preuße nach Paris:
[4] Bild aus Instagram: „Staircase 2__ 17 rue de Sèvres Lutetia swimming pool By RDAI #design #france #paris #rivegauche #rdai #rdaidesign #hermes…“_files
Yann Kerlau: Après avoir vendu ses chevaux, le patriarche ferme l’auberge : pas question de mettre sa famille en danger. Sans état d’âme, il plie bagage et quitte l’Allemagne avec toute sa famille, à destination de la France.
[10]https://meinfrankreich.com/hermes_krefeld_luxusmarke_frankreich/ : Als seine Eltern starben, hielt ihn nichts mehr in Krefeld. Er verließ seine Freunde und folgte dem Ruf der Liebe. Dietrich ging ins normannische Pont-Audemer, nannte sich fortan Thierry, und heiratete. Neun Jahre später zog das Paar nach Paris. Und setzte einen accent grave auf das zweite e des Familiennamens: Hermès.
[11] Yann Kerlau: Quand le temps vient pour lui de fonder un foyer, il choisit pour épouse une femme effacée, protestante, à la foi et aux valeurs solides…. Thierry Hermès et sa jeune épouse inculqueront à leurs enfants le goût de l’effort, les vertus de la discrétion, du travail et un sens de la famille, qui se transmettra de génération en génération.
Aber sie alle sind in guter Gesellschaft, denn auch die FAZ übernimmt und verbreitet diese Erzählung: „Geboren wurde er in Krefeld, wohin seine Familie wegen ihres protestantischen Glaubens geflohen war.“ Dass zu Beginn des Artikels auch noch fettgedruckt 1837 als Geburtsdatum von Thierry Hermès angegeben wird, ist ein bei einer Zeitung wie der FAZ eher etwas peinliches Versehen. Denn die nimmt ja für sich in Anspruch, von klugen Köpfen gelesen und doch sicherlich auch von mindestens ebenso klugen Köpfen gemacht zu werden…. https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/mode/designer-abc/thierry-hermes-im-portrait-designer-abc-der-faz-1306936.html Für mich als einfachen Blogger hat es aber auch etwas Tröstliches, dass dererlei auch „in besten Kreisen“ vorkommt…. Als ich noch Mittelstufenschüler in Deutsch unterrichtete, war es für diese (und mich) immer ein besonderes Vergnügen, wenn sie von mir entsprechend ausgewählte Passagen aus der FAZ korrigieren durften (und konnten).
[14] Yann Kerlau: Muni de son carnet à dessin, il note tout à la hâte, fait des esquisses ici d’un mors, là d’une selle… Sait-on jamais ? Peut-être pourra-t-il un jour créer des objets comparables ? Si l’évolution des techniques et des transports le passionne, il n’en oublie pas pour autant le but qu’il s’est fixé : exercer un vrai métier et devenir son propre patron. Louant ses services à la journée, il est tour à tour cocher, palefrenier, harnacheur, acceptant toutes les tâches pour être sûr d’acquérir une formation solide.
Am 16./17. Juli 1942 wurden in Paris etwa 13 000 Juden – Männer, Frauen und Kinder- in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Wohnungen verhaftet. Alleinstehende wurden in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht. Die Familien, insgesamt etwa 8000 Personen, davon über 4000 Kinder, wurden in einer Radrennbahn in der Nähe des Eiffelturms (dem Vel d’Hiv) interniert und dort mehrere Tage unter unsäglichen Bedingungen festgehalten. Danach wurden sie in zwei Internierungslager südlich von Paris verbracht, schließlich nach Auschwitz deportiert und -mit wenigen Ausnahmen- ermordet.[1]
Diese groß angelegte Razzia, für die sich in Frankreich das Kürzel „Vel d‘ Hiv“ eingebürgert hat, ist ein schmerzhaftes Datum für Frankreich, „eine der dunkelsten Seiten unserer Geschichte“, wie es in einer Stellungnahme des Pariser Mémorial de la Shoah heißt.[2]
Dies aus mehreren Gründen:
Nirgendwo wurden zwischen 1941 und 1943 so viele Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in so kurzer Zeit verhaftet wie im Juli 1942 in Paris.[3]
Die Initiative für diese Razzia kam von den Nazis. Durchgeführt wurde sie aber von französischen Behörden. Etwa 4500 französische Polizisten waren dabei im Einsatz. Kein einziger deutscher Soldat wurde dafür benötigt[4] , auch kein Gestapo- oder SS-Mann.
Die Initiative allerdings, auch Kinder von 2 bis 16 Jahren zu verhaften und zu deportieren, kam von französischer Seite – ungeachtet dessen, dass fast alle dieser Kinder dank des droit de sol, des Geburtsortsprinzips, die französische Staatsbürgerschaft besaßen.
Bei der Durchführung der Razzia spielte das damalige Pariser Transportunternehmen STCRP eine wesentliche Rolle. Es stellte etwa 50 „Busse der Schande“ zur Verfügung – ein wesentlicher Grund dafür, dass nach dem Krieg der Name des öffentlichen Unternehmens in RATP verändert wurde.[5]
Eine unheilvolle Rolle bei der Deportation spielte auch die französische Staatsbahn. Sie transportierte die verhafteten Juden in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers und von dort -auf dem Weg in die Todeslager- nach Drancy.[6]
Anlässlich des 80. Jahrestages wird in Frankreich mit einer Fülle von Veranstaltungen, politischen Kundgebungen, Ausstellungen und Berichten an diese große Razzia, „ein französisches Verbrechen“,[7] erinnert.
Gegenstand dieses Beitrags ist die Vorstellung von zwei Orten, die bei der Razzia des Vel d‘Hiv eine wesentliche Rolle gespielt haben:
Das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, als Beispiel für eines der „centres de rassemblement“, in die die verhafteten Juden zunächst verbracht wurden.
Dann selbstverständlich das Wintervelodrom, das der Razzia vom 16./17. Juli 1942 seinen Namen gegeben hat.
Zwei weitere Orte sollen in einem späteren Beitrag folgen:
Das Internierungslager Drancy, in das ein Teil der damals Verhafteten eingeliefert wurde und das als letzter Sammelpunkt für die Deportationen diente
Der Bahnhof von Bobigny, wo die Fahrt der Zugkonvois nach Auschwitz begann. Allein während des Jahres 1942 transportierten 42 Zugkonvois die meisten der im Juli in Paris verhafteten 13 000 Juden in die Vernichtungslager. Dazu kamen weitere 10 500 aus dem noch nicht von der Wehrmacht besetzten Südfrankreich, die den Nazis von der Kollaborationsregierung des Marschalls Pétain ausgeliefert wurden.[8]
Das Gymnase Japy
Das Gymnase Japy ist eine Sporthalle im 11. Arrondissement. Gebaut wurde sie 1870 zunächst als Markthalle, diente aber auch als Versammlungsort.
Foto: Wolf Jöckel
Im Dezember 1899 trafen sich dort 800 Delegierte der verschiedenen sozialistischen Richtungen, um eine einheitliche sozialistische Partei zu gründen. Teilnehmer des Kongresses von Japy waren unter anderem Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, Jean Jaurès, der am Vorabend des 1. Weltkriegs ermordete Pazifist und charismatische Führer der französischen Sozialisten, und Aristide Briand, der spätere Ministerpräsident, Außenminister und -zusammen mit Gustav Stresemann- Motor der deutsch-französischen Verständigung in den 1920-er Jahren. Der Kongress von Japy war eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Gründung einer einheitlichen sozialistischen Partei in Frankreich (SFIO).
Ausgerechnet dieser vom Geist des Humanismus und der Menschenrechte geprägte Ort spielte eine große Rolle im Prozess der Verfolgung und Vernichtung Pariser Juden.
Daran erinnern zwei große Tafeln, die neben dem Eingang angebracht sind.
Foto: Wolf Jöckel
Auf ihnen wird an drei Razzien erinnert: An die Razzia vom 14. Mai 1941 auf der einen Tafel, an die Razzien vom 20. August 1941 und vom 16. Juli 1942 auf der anderen, nachfolgend abgebildeten.
Zur Erinnerung an die Kinder, Frauen und Männer des 11. Arrondissements, die am 20. August 1941 sowie am 16. Juli 1942 hier zu Tausenden versammelt wurden. Ihr Bestimmungsort war das Vernichtungslager Auschwitz, weil sie Juden waren.[9] Foto: Wolf Jöckel
Die Razzia des Vel d’Hiv war also nicht die erste Razzia in Paris. Den Anfang machte die sogenannte Razzia „du billet vert“ vom 14. Mai 1941: Da wurden 6494 aus Österreich, der Tschechoslowakei, vor allem aber aus Polen stammende männliche Juden im Alter zwischen 18 und 40 Jahren, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten, „eingeladen“, sich zur Überprüfung ihrer Situation an einem angegebenen Ort, unter anderem dem Gymnase Japy, einzufinden.
Herr Pinkus Eizenberg wird aufgefordert, persönlich in Begleitung eines Mitglieds der Familie oder eines Freundes am 14. Mai 1941 um 7 Uhr vormittags im Gymnase 2, rue Japy zur Überprüfung seiner Situation zu erscheinen. Sie werden gebeten, ein Ausweispapier mitzubringen. Wer nicht zur angegebenen Zeit erscheint, hat mit strengsten Sanktionen zu rechnen.
Diese „Einladung“ bzw. Aufforderung war ein raffiniertes Täuschungsmanöver. Denn es ging nicht um Überprüfung, sondern Verhaftung. Und die Begleiter waren dazu bestimmt, Koffer mit Habseligkeiten für die im Gymnase Japy Festgehaltenen herbeizuschaffen. Schwerpunkt der Aktion waren das 11. und das 20. Arrondissement mit ca. 600 bzw. 550 verhafteten ausländischen oder staatenlosen Juden, während das Viertel der alteingesessenen französischen Juden im Marais mit unter 300 verhafteten Juden eher weniger betroffen war.[10] Die insgesamt etwa 3700 verhafteten Juden wurden in den Lagern Pithiviers oder Beaune-la-Rolande in der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs interniert, die meisten ein Jahr später deportiert und ermordet.
Der Protest gegen diese erste Judenrazzia war selbst von Seiten der jüdischen Gemeinde eher verhalten: Sie betraf ja „nur“ „indésirables“, unerwünschte Personen, wie es in der damaligen Terminologie hieß. Und es ging offiziell um einen „Arbeitseinsatz“ der Verhafteten. In der Bevölkerung wurde, jedenfalls nach einem Stimmungsbericht der Pariser Préfecture de Police, höchstens kritisiert, dass jetzt Frankreich für die Frauen und Kinder der internierten Juden aufkommen müsse. Da hätte man doch besser gleich alle internieren sollen „ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht.“ [11]
Die Razzia vom 20. August 1941 betraf ausschließlich das 11. Arrondissement, wo besonders viele nach Frankreich emigrierte Juden lebten. Das Viertel wurde mitsamt seiner Metrostationen abgeriegelt, die Passanten wurden kontrolliert, Polizisten suchten Juden in ihren Wohnungen. 3000 der 5800 gesuchten Juden wurden aufgespürt, zunächst in das neu eingerichtete Lager Drancy im nördlichen Umland von Paris gebracht und später ebenfalls deportiert und ermordet. Etwa 1500 von ihnen waren zwar „naturalisiert“, hatten also die französische Staatsangehörigkeit erhalten. Ihre Verhaftung und Deportation verstieß damit gegen den mit Hitler-Deutschland abgeschlossenen Waffenstillstandsvertrag, aber das kümmerte das Regime von Vichy nicht.[12]
Am 16./17. Juli 1942 folgte dann „la rafle monstre“, die Vel d’Hiv-Razzia, die größte aller Razzien. Auch hier wieder spielte das Gymnase Japy eine entscheidende Rolle als ein erster Sammelpunkt (centre de rassemblement). Bevor nämlich die festgenommenen Juden -diesmal Männer, Frauen und Kinder- entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiv transportiert wurden, fand hier eine Selektion (tri) statt: Grundlage der Razzia war eine Volkszählung von 1940, bei der Informationen über die Juden erfasst wurden. Die auf dieser Grundlage erstellte Liste der zu verhaftenden Juden enthielt allerdings keine speziellen Angaben, die mögliche Ausnahmen von einer Verhaftung betrafen. Dazu gehörten beispielsweise Personen mit nichtjüdischem Ehepartner oder einer offiziellen Anerkennung als Mitglied des französischen Judentums durch die „Union générale des Israélites de France“. Ebenso wurden Frauen mit Kindern unter zwei Jahren oder am Ende ihrer Schwangerschaft -zunächst- von weiterer Verfolgung verschont. Dies galt auch für Frauen, deren Mann Kriegsgefangener war.[13]
Entsprechende Angaben mussten natürlich oft aufwändig überprüft werden, sodass die Prozedur in den centres de rassemblement wie dem Gymnase Japy sich entsprechend hinzog und eine chaotische, explosive Atmosphäre herrschte. Zumal es hier ganz offensichtlich noch eine letzte Möglichkeit gab, dem zu erwartenden schlimmen Schicksal zu entgehen oder es zumindest den Kindern zu ersparen. So entschied beispielsweise der Verantwortliche im Gymnase Japy, drei kleine Kinder gehen zu lassen, die von der nicht verhafteten Großmutter betreut werden konnten. Der 17-jährige Bruder allerdings musste bleiben, obwohl er französischer Staatsbürger war… Viele Kinder weinten, Mütter rissen sich die an sie klammernden Kinder vom Leib, um sie wenigstens zu retten. Und dann warteten draußen die Busse, die die Familien bzw. Frauen mit Kindern ins Vel d’Hiv brachten, die anderen in das Lager Drancy. Und schließlich wartete auf alle der Tod in den Gaskammern von Auschwitz.
Bilder davon gibt es nicht. Immerhin hat aber ein deutscher Soldat, Mitglied der Propaganda-Kompanie der Wehrmacht, Fotos von der Razzia des billet vert gemacht, die kürzlich entdeckt wurden und Grundlage einer Ausstellung an den Wänden des Gymnase Japy zum 80. Jahrestag dieser Razzia waren.
Fotos: Wolf Jöckel
Le Gymnase Japy: Ort der Verhaftung Die Trennung der Familien
Transport der Verhafteten zum Gare d’Austerlitz. Foto: Wolf Jöckel
Solche Bilder waren in Frankreich lange tabu, wofür der Umgang mit Alain Resnais 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung ein anschauliches Beispiel ist. Der Film wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, fiel dann aber der Zensur zum Opfer: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden– selbst dort übrigens ohne képi. Die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[14]
2. Das Wintervelodrom/ Vel d’Hiv, der zentrale Ort der „rafle monstre“
Das Wintervelodrom wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut für Radrennen, vor allem die populären 6-Tage-Rennen von Paris, danach umgebaut zu einem Palais des Sports. 1959 wurde es abgerissen. Auf dem Platz, wo es einmal stand, erinnert heute ein Mahnmal an die „Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die unter der De-facto-Autorität der sogenannten ‚Regierung des État français‘ von 1940-1944 begangen wurden.“
Das Denkmal auf der Place des Martyrs Juifs du Vélodrome d’Hiver, Quai de Grenelle, 15. Arrondissement. Die gewölbte Bodenplatte erinnert an die Piste der Radrennbahn. Fotos: Wolf Jöckel
Die große Razzia des Vel d’Hiv wurde minutiös vorbereitet. Vorgegeben wurde von dem Vertreter Himmlers in Paris, dem SS-General Carl Oberg, das Ziel von 40 000 zu verhaftenden Juden im arbeitsfähigen Alter. Der französische Regierungschef hatte dagegen keine Einwendungen. Wenn Frankreich von unerwünschten ausländischen Juden befreit werde, habe das nur Vorteile.[15] Außerdem war Vichy gerade damals an einer engen Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland interessiert: Im Sommer 1942 feierte die Wehrmacht in Nordafrika und an der Ostfront ihre letzten großen Siege und die Regierung des État français wollte sich mit dem voraussichtlichen Sieger zum eigenen Vorteil arrangieren. So war es ganz in ihrem Sinne, die volle Verantwortung für die konkrete Vorbereitung und Durchführung der Razzia zu übernehmen und ebenso für die Auswahl der zu Verhaftenden: Juden aus Polen, der Sowjetunion, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, für Laval „Abfall“ (déchets), den die Deutschen selbst in Frankreich abgeladen hätten. Federführend waren dabei René Bousquet, Chef der französischen Polizei, und Louis Darquier de Pellepoix, Vorsitzender des Generalkommissariats für Judenfragen unter dem Vichy-Regime. Auch von deutscher Seite war das französische Engagement höchst willkommen, weil die deutsche militärische und administrative Präsenz in Frankreich damals aufgrund der Anforderungen des Krieges im Osten relativ gering war.
Entschieden wurde, die zu Verhaftenden nicht mehr zu einer angeblichen Überprüfung der Personalien „einzuladen“ wie bei der Razzia du billet vert. Auf ein solches Täuschungsmanöver wäre 1942 wohl kaum noch jemand hereingefallen. Stattdessen wurden die zur Deportation bestimmten Menschen bei „Nacht und Nebel“ in ihren Wohnungen aufgesucht und festgenommen, und zwar von jeweils 2 Polizeibeamten, einem in Uniform und einem in Zivilkleidung. Die beiden sollten sich nicht kennen, um so zu verhindern, dass unter Umständen die Aktion im stillschweigenden Einverständnis miteinander vertrauter Kollegen unterlaufen werden könnte. Denn dass die Mission nicht einfach werden würde, war auch der Polizeiführung klar: Diesmal sollten ja nicht nur Männer verhaftet werden -von denen viele schon längst seit den Razzien das Jahres 1941 interniert waren- sondern auch Frauen und Kinder. Jedes Polizei-Tandem erhielt eine Liste mit Adressen, die sie aufzusuchen, und mit den entsprechenden Namen von Juden, die sie zu verhaften und zu einem ersten Sammelpunkt zu bringen hatten, zum Beispiel wieder das Gymnase Japy. Zur Deportation bestimmte Einzelpersonen wurden dort eingeteilt für einen Weitertransport mit Bussen in das Lager Drancy, Frauen bzw. Familien mit Kindern ins Wintervelodrom.
So bürokratisch penibel die Aktion vorbereitet worden war, die Unterbringung von mehreren tausend Menschen im Wintervelodrom über einen Zeitraum von sechs Tagen war völlig unorganisiert. Im Inneren des Vel d’Hiv war die Glasabdeckung abgedichtet und blau gestrichen worden, um den Verdunkelungsvorschriften zu entsprechen, wodurch die Temperaturen in der Sommerhitze rasch anstiegen. Tausende von Menschen waren dicht gedrängt in der Halle zusammengepfercht, saßen auf den Tribünenplätzen oder eng an eng auf den Betonstufen. Für Verpflegung und Schlafmöglichkeiten war nicht gesorgt. Am schlimmsten waren aber nach übereinstimmenden Angaben von Überlebenden die sanitären Einrichtungen. Ein großer Teil der Toiletten war abgeriegelt, weil sie Fenster zur Straße hin hatten. Die Wartezeit für eine der viel zu wenigen Toiletten betrug eine bis über zwei Stunden. Nach kurzer Zeit aber funktionierten sie überhaupt nicht mehr, die Wasserversorgung brach zusammen. Da den Gefangenen außer dem Roten Kreuz und den Quäkern niemand Nahrung und Wasser zur Verfügung stellte, verschlechterten sich die Lebensbedingungen im Inneren rasch. Die Gefahr von Seuchen war erheblich, zumal auch viele Menschen mit ansteckenden Krankheiten eingeliefert waren und eine medizinische Versorgung ebenfalls völlig unzureichend war: „Ein Schauspiel menschlichen Elends“, wie Robert O. Paxton in seinem Buch über das Frankreich von Vichy schrieb.[16]
Bilder dieses „Hölle der Pariser Juden“[18] gibt es nicht. Weder die deutschen Initiatoren noch die französischen Exekutoren der Razzia hatten ein Interesse daran, entsprechende Bilder zu verbreiten.
Es existiert nur dieses eine, 1990 zufällig von Serge Klarsfeld entdeckte Foto. Es zeigt, vermutlich am Nachmittag des 16. Juli 1942 aufgenommen, mehrere Busse mit abgedeckten Fenstern, die gerade Juden zum Vel d’Hiv gebracht haben. Der Name Vel d’Hiv ist auf der Glasfront über dem Eingang zu erkennen. Das Foto war bestimmt für eine Veröffentlichung in der Collaborations-Zeitung Paris-Midi, mit folgender Erläuterung:
Gestern wurden am frühen Vormittag ausländische Juden aufgefordert, in bereitstehende Autobusse zu steigen, die sie zu einem neuen Bestimmungsort brachten: der Arbeit zweifellos…..
Auf der Rückseite ist von der deutschen Zensur vermerkt , dass das Foto nicht veröffentlicht werden darf: Gesperrt/interdiction
Es gibt aber Bilder, die der 2015 bei dem islamistischen Terroranschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordete Zeichner Cabu 1967 zur Illustration des Textes von Claude Lévy und Paul Tillard angefertigt hat. Sie werden derzeit (bis zum 7. November 2022) im Mémorial de la Shoah in Paris gezeigt.[19]
Ausschnitt einer Zeichnung von Cabu. Foto Wolf Jöckel
Und es gibt Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden und Briefe und Nachrichten, die aus dem Vel d’Hiv oder den Lagern an die Außenwelt gelangten.[20]
Nachfolgend möchte ich Annette Muller, „la petite fille du Vel d’Hiv“, zu Wort kommen lassen, die nach dem Krieg ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat. Ihre Eltern stammten aus Galizien und waren auf der Suche nach einem besseren Leben 1929 nach Frankreich emigriert. Vier Kinder wurden dort geboren, Henri, Jean, Annette und Michel, alle französische Staatsbürger. Die Mutter und die Kinder werden am 16. Juli verhaftet. Da es Gerüchte von einem bevorstehenden „grande rafle“ gab, hatte sich der Vater in Sicherheit gebracht. Rachel, die Mutter, hatte versucht, auch die Kinder in Sicherheit zu bringen, aber vergeblich. Auch die Concierge lehnte es ab, die Kinder für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am Tag nach der Razzia plünderte sie die Wohnung der Mullers und ließ nichts übrig; außer einem Foto, aufgenommen 1940 von einem deutschen Soldaten, der sich damals mit der Familie, vor allem dem kleinen Michel, angefreundet hatte.[21]
In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli werden Mutter und Kinder verhaftet.
„Plötzlich hörte ich fürchterliche Schläge gegen die Tür. Mit klopfendem Herzen standen wir auf. Das Hämmern erschütterte die Tür und hallte durch das Haus. Es traf mich hart in meinem Herzen, in meinem Kopf. Ich zitterte am ganzen Körper. Zwei Männer traten in das Zimmer, groß, mit beigen Mänteln. ‚Beeilt Euch, zieht Euch an‘, befahlen sie. ‚Wir nehmen Euch mit‘. Plötzlich sah ich, wie meine Mutter sich auf die Knie warf, die Beine der beigen Männer umklammerte, schluchzte, flehte. ‚Nehmen Sie mich mit, aber ich bitte Sie, nehmen Sie nicht meine Kinder.‘ Sie stießen sie mit den Füßen weg. Ich betrachtete meine Mutter. Ich schämte mich. Meine Mutter! So schön, so groß, so stark. Meine Mutter, die sang und lachte, und nun lag sie auf dem Boden, weinend und die beigen Männer anflehend….“
Für Annette tut sich dann ganz unerwartet eine Möglichkeit zur Flucht auf: Die Mutter besteht darauf, sie noch zu kämmen. Aber es findet sich kein Kamm. Da bietet einer der Polizisten an, Annette könne ja nebenan im Kurzwarenladen einen Kamm kaufen. „Er sah mir fest in die Augen: ‚Du kommst aber sofort wieder zurück‘“. Annette geht auf die Straße, sieht die Juden, die abgeführt werden. „Leute an den Fenstern sahen zu, einige klatschten laut Beifall. Die alte Ladenbesitzerin forderte mich auf, mich zu retten. ‚Geh nicht zurück nach Hause.‘ Aber wohin sollte ich gehen. Ich bezahlte, nahm meinen Kamm und rannte zurück zu meiner Mutter und meinen Brüdern.“
Im „centre de tri“ des Viertels, dem Bellevilloise, gelingt es der Mutter, die beiden älteren Söhne einer Nachbarin anzuvertrauen, die als Frau eines Kriegsgefangenen unter die Ausnahmeregelung fällt und die die beiden Buben als ihre Kinder ausgibt.[23]
Danach werden Rachel, Annette und Michel mit einem Autobus in das Vel d’Hiv gebracht. Die ersten Eindrücke der Kinder: Michel ist beeindruckt von dem Eiffelturm, den er bisher nur von Ménilmontant aus ganz klein gesehen hatte. „Je l’avais jamais vue aussi grande, c’était immense“. Und Annette findet, dass der Eingang zum Vel d’Hiv dem des Cirque d’Hiver ähnelt, wo sie ein Jahr zuvor mit ihrer Mutter Schneewittchen und die sieben Zwerge gesehen hatte…
Dann innen:
„Wir waren auf den Stufen untergekommen, dicht an dicht mit anderen Leuten, den Kopf auf die Kleiderbündel oder Koffer gestützt. Unten, bei den Kabinen, sah man wild gestikulierende Menschen. Man hörte ein Stimmengewirr … und sah das ununterbrochene, chaotische Hin und Her der Menschenmassen auf den Stufen. Und mitten in diesem Lärm wurden den ganzen Tag mit Lautsprechern Namen gerufen. Man sagte, das würde die bevorstehende Freilassung bedeuten. ‚Wir sind Franzosen, man kann uns nicht hier behalten‘, und sie waren voller Hoffnung, den Hals zu den ohrenbetäubenden Lautsprechern gereckt.“ …
„Michel und ich wollten zu den Toiletten gehen. Aber es war unmöglich hinzukommen und wir mussten uns, wie die anderen auch, da erleichtern, wo wir waren. Alles war voll mit Pisse und Scheiße. Ich hatte Kopfweh, alles drehte sich, die Schreie, die grellen herunterhängenden Lampen, die Lautsprecher, der Gestank, die erdrückende Hitze.“ ….
„Es gab nichts mehr zu essen und zu trinken. Eines Tages kamen Frauen mit einem blauen Schleier um den Kopf und verteilten Essen. Inmitten von Schreien und de la bousculade gab man uns eine Madeleine und eine Sardine in Tomatensoße.Ich knabberte an der gewölbten Spitze der Madeleine und ließ die zuckerhaltigen Krümel langsam in meinem Mund zergehen. Ich aß die Sardine, indem ich zuerst die Tomatensoße ableckte. Das war wunderbar. Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas anderes im Vel d’Hiv gegessen zu haben. Nichts anderes. Danach hatten wir großen Durst. Die Lippen und die Zunge waren ausgetrocknet, aber es gab nichts zu trinken.“
Immerhin gab es einige Feuerwehrleute, die Mitleid mit den Eingeschlossenen hatten, und sie mit ihren Spritzen abkühlten und mit Wasser versorgten.
Schließlich wird Annette Muller mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in das Internierungslager Beaune-la-Rolande gebracht. Ihrem Vater gelingt es, mit Geld und guten Beziehungen die Befreiung Annettes und ihres Bruders zu erwirken, die dann von Ordensschwestern in Sicherheit gebracht und geschützt werden. Sie gehören zu den wenigen Kindern, die die Hölle des Vel d’Hiv und der Lager überlebt haben.
Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus rue de l’avenir Nummer 3 im 20. Arrondissement an Rachel Muller und ihre vier Kinder, die am 16. Juli 1942 von der französischen Polizei verhaftet wurden. Für Rachel Muller führte die „Straße der Zukunft“ in den Tod: Sie wurde von ihren Kindern getrennt, deportiert und in Auschwitz ermordet.[24]
Trotz der intensiven Vorbereitung und engmaschigen Durchführung war die Razzia des Veld d’Hiv nicht so „erfolgreich“, wie es die deutschen Initiatoren und ihre französischen Handlanger erwartet hatten.[25] Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 12 884 Personen verhaftet: 8 833 Personen über 16 Jahre (5 802 männlich, 3031 weiblich), dazu 4051 Kinder. Die „Erfolgsquote“ der Operation betrug damit etwa ein Drittel bezogen auf die Ziele.[26] (Kaum vorstellbar, wie die ohnehin schon katastrophalen Bedingungen im Vel d’Hiv gewesen wären, hätte man so viele Menschen wie geplant verhaftet und dort eingeschlossen!). Dass immerhin etwa zwei Drittel der zur Verhaftung vorgesehenen Juden ihrem vorgesehenen Schicksal (jedenfalls vorerst) entgehen konnten, hat wohl ganz vielfältige Gründe: Vor allem führte die große Zahl der bei der Aktion involvierten Personen dazu, dass da und dort auch gezielt Informationen weitergegeben wurden [26a] oder Gerüchte durchsickerten. Das kann auch eine Erklärung dafür sein, dass weniger Männer gefasst wurden als Frauen -abgesehen davon, dass viele Männer ja schon bei den Razzien von 1941 verhaftet worden waren: Dass diesmal auch Frauen und Kinder betroffen sein könnten, konnten sich die meisten wohl nicht vorstellen. Eine wichtige Rolle spielte auch das unterschiedliche Engagement der Polizei-Tandems. Da gab es besonders ehrgeizige und von ihrer Mission überzeugte, aber auch andere, die mal „ein Auge zudrückten“. Die konnten zwar auch nicht am Ende „mit leeren Händen“ vor ihren Vorgesetzten erscheinen; wenn sie aber schon einige Verhaftungen vorgenommen hatten, gab es einen gewissen Spielraum für Menschlichkeit.
Die fanatischen Agenten der „Endlösung“ konnten sich mit dem für sie enttäuschenden Ergebnis natürlich nicht zufriedengeben: Nach dem 16. Juli gab es deshalb noch 15 weitere Verhaftungsaktionen der Pariser Polizei, die letzte am 3./4. Februar 1944. Da wurden dann auch in kriegswichtigen Betrieben arbeitende Juden nicht mehr ausgespart. Am 31. Juli 1944, fast 8 Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, verließ der letzte große Konvoi nach Auschwitz, der 77., den Bahnhof von Bobigny: Da hatte die Exekution der „Endlösung“ Vorrang vor dem schon längst illusionären Glauben an den „Endsieg“.
Die Razzia des Vel d’Hiv und der schwierige Umgang mit der französischen Verantwortung
Frankreich hat sich allerdings sehr schwer getan mit diesem „Symbol des Dramas der Juden während der Besatzung“. „Il a pendant longtemps été tenu à l’écart du récit national“, wie die Zeitung La Croix anlässlich des 80. Jahrestages schreibt.[27]. Vor allem wegen der entscheidenden Rolle der französischen Polizei und wegen der auf französische Initiative zurückgehenden Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen, gewissermaßen einem Akt vorauseilenden Gehorsams. Die Nazis hatten ja zunächst gefordert, dass Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter verhaftet werden sollten. Die französische Regierung war aber daran interessiert, dass auch die Kinder der zu Verhaftenden einbezogen werden sollten. Der Pariser Juden-Jäger Theodor Dannecker fasste die Position des Vichy-Regierungschefs Laval in den schrecklichen Worten „Les enfants aussi“ (Auch die Kinder!) zusammen. Auf dieser Linie lag auch der berüchtigte Satz des Schriftstellers Robert Brasillach vom Juli 1942: «Débarrassez-nous des juifs en bloc, et surtout n’oubliez pas les petits». (Schafft uns die Juden vom Hals, ausnahmslos, und vor allem vergesst nicht die Kleinen).
Die französische Regierung und auch die Polizei als die Exekutanten der Razzia sahen viele Vorteile in der Einbeziehung von Kindern:
Auf diese Weise erhöhten sich die Chancen, die Bilanz der Razzia zu „verbessern“ und den deutschen Vorgaben von 40 000 zu verhaftenden Juden näher zu kommen.
Der Chef der Vichy-Polizei, René Bousquet, wollte unbedingt einen kirchlichen Protest vermeiden. Er versprach deshalb dem Pariser Erzbischof und Vichy-Sympathisanten Suhard, die Familien gemeinsam zu verhaften und zu deportieren.
Die Trennung der Familien sollte besser nicht unter den Augen der Pariser Öffentlichkeit stattfinden. Die Razzia sollte so den zynischen Anschein einer „déportation familiale“ erhalten. Für die Kinder war damit allerdings ein sonst vielleicht noch möglicher Ausweg versperrt.
Heute erinnert ein in der Nähe der Metro-Station Bir-Hakeim gelegener Garten auf dem Gelände des ehemaligen Wintervelodroms ( 7 rue Nélaton) an die Kinder des Vel d’Hiv.
Er wurde 2017 aus Anlass des 75. Jahrestags der Razzia auf Initiative von Serge Klarsfeld und der jüdischen Gemeinde geschaffen.
Auf einer Mauer der Erinnerung sind die Namen und das Alter der damals verhafteten und dann deportierten Kinder verzeichnet. Nur sechs dieser Kinder und Jugendlichen haben überlebt.[28]
Für das nach dem Krieg gepflegte Idealbild eines weitgehend im Widerstand geeinten Frankreich waren der originäre Antisemitismus des Vichy-Regimes und die bereitwillige Beteiligung französischer Behörden und vor allem der Polizei an den Judenpogromen eine schwer erträgliche Provokation. In Geschichtsdarstellungen und Schulbüchern der Nachkriegszeit wurde deshalb gerne die Razzia des Vel d’Hiv als eine Aktion der „autorités nazis“ dargestellt und die Rolle der französischen Polizei verschwiegen.[29]
1946 war am Vélodrome d’Hiver eine Gedenktafel angebracht worden zur Erinnerung an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die am 16. Juli 1942 hier „auf Befehl der Nazi-Besatzer“ (sur l’ordre de l’occupant nazi) versammelt und festgehalten wurden, bevor sie „voneinander getrennt nach Deutschland in die Vernichtungslager deportiert wurden.“
Die Stunde war noch nicht gekommen, so dazu Laurent Joly (S. 305), öffentlich die französischen Komplizen der großen Razzia anzuprangern. Da wären unweigerlich die Pariser Polizisten ins Blickfeld geraten, die doch als „Helden“ der Befreiung gefeiert wurden.
1967 erschien das Buch über „La Grande Rafle du Vel d’Hiv“ von Claude Lévy und Paul Tillard, das nach den Worten von Laurent Joly wie eine Bombe einschlug – zumal gerade 1966 der 50. Jahrestag der Schlacht von Verdun begangen wurde und der 15. Jahrestag des Todes von Marschall Pétain, des „Siegers von Verdun“. [29a]
Das Buch spielte eine herausragende Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung der historischen Verantwortung von Vichy für die Deportation von Juden. Danach konnte die Mitverantwortung von Vichy für die Deportationen nicht mehr geleugnet werden. Allerdings wurde diese Auseinandersetzung bald von der 1968-er Revolte in den Hintergrund gedrängt.
Als Anette Muller 1976 eine erste Kurzfassung ihrer Erinnerungen an verschiedene Verlage schickte, erhielt sie nur Absagen. Tenor: „Ça n’intéresse personne“- das interessiert doch niemanden. Man habe damals, wie sie 2010 bei der Vorstellung ihres nun endlich publizierten Buches im Mémorial de la Shoah bitter bemerkte, nur von der Résistance gesprochen. („On ne parlait que de la résistance“.) Davon, dass sie am 16. Juli 1942 von französischen Gendarmen verhaftet wurde, habe man eher nicht sprechen wollen….
Erst 1995, am 53. Jahrestag der Razzia des Wintervelodroms, erkannte der damalige Präsident Jacques Chirac die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden an, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen- Rede, vergleichbar vielleicht am ehesten mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau.[30]
Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“[31]), auch gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe. Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden, eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in London ansässige Exil-Regierung des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des 50. Jahrestags der Razzia des Vel d‘Hiv, hatte Mitterrand in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“ Die Republik, so die damals gängige Überzeugung, sei das erste Opfer von Vichy gewesen, trage deshalb keinerlei Verantwortung.[32]
Die gegensätzlichen Positionen zur Vel d’Hiv-Razzia bestehen bis heute weiter. Präsident Macron hat sich dabei sehr eindeutig in die Reihe seiner Vorgänger Chirac und Hollande gestellt, die ohne wenn und aber die Verantwortung Frankreichs betont haben. In seiner ersten Rede als neu gewählter Präsident zum Jahrestag der Razzia stellte er 2017 fest, es sei Frankreich gewesen, das die Razzia und die nachfolgenden Deportationen organisiert habe und damit Verantwortung trage für den Tod der meisten damals aus ihrem Leben gerissenen Menschen.[33]
Am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13152 Juden in Paris und Umgebung verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet. In dem Wintervelodrom, das hier stand, wurden 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer auf Befehl der Nazi-Besatzer von der Polizei der Vichy-Regierung unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Dank denen, die versucht haben, ihnen zu helfen. Foto: Wolf Jöckel
Die extreme Rechte beharrt aber darauf, dass Frankreich keine Verantwortung für die Razzia habe. Zemmour, rechtsradikaler Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2022, stellte im Dezember 2021 fest, Frankreich habe „keinerlei Verantwortung für die Razzia des Vel d’Hiv“. Und er vertrat die alte These der Pétainisten von der angeblichen Schutzschildrolle des État français von Vichy[35]: Ihm sei es zu verdanken, dass die überwiegende Mehrheit der französischen Juden gerettet worden sei – im Gegensatz zu anderen besetzten Ländern wie Belgien, Holland, Polen, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Deutschland. Für Zemmour ist die Rede von Jacques Chirac ein Fehler gewesen.[36] Und Marine Le Pen beruft sich süffisant auf François Mitterrand und andere Politiker von links und rechts, die wie sie keinen Anlass sehen, dass sich Frankreich zu entschuldigen habe. In diese Kerbe hieb übrigens 2017 auch Jean-Luc Mélenchon in seiner Kritik an der Rede Macrons: Mit seiner Anerkennung der Verantwortlichkeit Frankreichs für die Razzia des Vel d’Hiv habe dieser in einer „maximalen Intensität“ eine Schwelle überschritten. „Vichy ce n’est pas la France“ und Frankreich sei nichts anderes als seine Republik. Die Jerusalem Post titelte damals, Extremisten von rechts und links würden gemeinsam die Geschichte deformieren…[37]
Laurent Jolys große, aktuelle und überaus empfehlenswerte Monographie über „La Rafle du Vel d’Hiv“ endet mit den Worten:
„Quatre-vingts ans après, la grande rafle résonne toujours douloureusement comme l’un des événements les plus terribles et les plus difficiles à apréhender de notre histoire contemporaine.“ (S. 311) [38]
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Benutzte/Weiterführende Literatur:
Philippe Burrin, La France à l’heure allemande (1940-1944). Paris: Seuil
Serge Klarsfeld, Vichy- Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, Band 1: 1942; Band 2: 1943-1944. Paris 1983 und 1985 (Diese Bücher sind eine nach wie vor grundlegende Pionierarbeit über „die Rolle von Vichy bei der Endlösung der Judenfrage in Frankreich“.)
Kersten Knipp, Tortur im Vel d’Hiv. Die große Pariser Razzia vom Juli 1942. In: ders, Paris unterm Hakenkreuz. wbg 2020, S. 222ff
Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1945. Paris: Édition du Seuil 1973 (Es war ein amerikanischer Historiker, der es zum ersten Mal den originären Antisemitismus von Vichy ins Blickfeld rückte).
Annette Müller, La petite fille du Vel d’Hiv. Paris: Hachette 2012. Livre de Poche Jeunesse
Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942. Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung. Siehe dazu auch: « La Rafle du Vel d’Hiv. Paris, juillet 1942 », de Laurent Joly : une magistrale lecture des événements (lemonde.fr) und: Marc Zitzmann, Gefordert waren Erwachsene, doch auch Kinder wurden deportiert. Judenverfolgung im besetzten Paris: Laurent Jolys umfassende Darstellung der Refle du Vel d’Hiv ergänzt und korrigiert ältere Beschreibungen. In: FAZ vom 16. Juli 2022, S. 10
Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020. Siehe dazu: Joly S. 16/17 und 308
[1] Bei Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 11 finden sich folgende genaue Angaben: Danach wurden 12 884 Personen am 16./17. Juli verhaftet. 4900 wurden direkt in das Internierungslager Drancy gebracht, 8000 ins Wintervelodrom. Entsprechende Zahlenangaben in einer Information des Mémorial de la Shoah (Rundmail vom 18.5.2022) Der im Titel verwendete Ausdruck ist übernommen von: https://www.deutschlandfunk.de/ein-dunkles-kapitel-franzoesischer-geschichte-100.html Dort ist allerdings fälschlicherweise nur von „über 1200“ verhafteten Juden die Rede.
Der Ausdruck „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“ stammt von dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy/Tillard, „La grande rafle du Vel d’Hiv“ von 1967. Die entsprechende Abbildung unten im Text.
[2] Rundmail des Mémorial de la Shoah vom 18.5.2022; entsprechend Serge Klarsfeld im Vorwort zu Anette Muller, La petite fille du Vel d’Hiv, Éditions Cercil 2009: „La page la plus noire de l’histoire de France“
[8] In Bobigny wird derzeit daran gearbeitet, das weitgehend noch im ursprünglichen Zustand erhaltene Gelände des Bahnhofs zu einem lieu de mémoire zu gestalten, das seinem historischen und symbolischen Wert entspricht.
[10] Die Regierung Daladier hatte 1938 die gesetzliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass eingebürgerten Juden die französische Staatsangehörigkeit entzogen werden konnte, wovon Vichy dann ausgiebig Gebrauch machte.
[11] Siehe dazu: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz, S. 19 etc
[12] Zu beiden Razzien siehe Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 40ff
Dazu kam dann noch die sogenannte „rafle des notables“ vom 12. Dezember 1941, als 743 jüdische Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte, Intellektuelle in einer Aktion von Gestapo und französischer Polizei verhaftet wurden. Die meisten wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
[14] Henry Rousso, Le syndrome de Vichy Paris: Éditions du Seuil 1987, S.244/245
[15] Zur Vorbereitung der Razzia siehe Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv, S. 53f
[16] „Ce spectacle de la misère humaine“ – verbunden mit folgendem Zusatz: „ contre quoi s’insurge formellement la hiérarchie catholique“. La France de Vichy, S. 178. Auf die Rolle der katholischen Kirche einzugehen würde hier allerdings zu weit führen.
[29] Siehe dazu auch das von Claude Lévy nach dem Tod von Paul Tillard geschriebene Kapitel „du Vel d’Hiv à la Shoah“, S. 214 ff. Lévy nennt dort als Beispiel die Gedenktafel an einer Schule in Saint-Ouen, wo an die 600 Einwohner der Stadt erinnert wird, die am 16. Juli 1942 „par les troupes allemandes d’occupation“ verhaftet worden seien. (S.219)
[29a] Siehe dazu auch das Interview mit Laurent Joly in Le Monde vom 17. Januar 2025. „Dans Le Savoir des victimes Laurent Joly retrace la lente constitution de la vérité sur la Shoah et, en France, sur le rôle de Vichy, à travers le parcours de quelques historiens tenaces.“ Laurent Joly, Le Savoir des victimes. Comment on a écrit l’histoire de Vichy et du génocide des juifs de 1945 à nos jours. Grasset 2025
Laurent Joly zitiert folgende Aussage von Mitterand: „Non, non. La République n’a rien à voir avec cela. Et j’estime moi, en mon âme et conscience, que la France non plus n’en est pas responsable, que ce sont des minorités activistes qui on saisi l’occasion de la défaite pour s’emparer du pouvoir et qui sont comptables de ces crimes-là, pas la République, pas la France. Et donc, je ne ferai pas d’excuses au nom de la France.“ (S. 309)
[38] Ein trauriges Beispiel für die Debattenkultur aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv Razzia ist ein Tweet der LFI-Fraktionsvorsitzenden in der Assemblée Nationale:
« Il y a 80 ans, les collaborationnistes du régime de Vichy ont organisé la rafle du Vél‘ d’Hiv. Ne pas oublier ces crimes, aujourd’hui plus que jamais, avec un président de la République qui rend honneur à Pétain et 89 députés RN », a écrit Mathilde Panot sur Twitter, samedi 16 juillet. En 2018, Emmanuel Macron avait qualifié le maréchal Pétain de ‚grand soldat‘ durant la Première Guerre mondiale, avant qu’il de ‚conduise des choix funestes‘.“ Le Point vom 17.7.2022
Dieser Bericht fällt etwas aus dem Rahmen dieses Blogs: Denn der Gegenstand hat -wenn überhaupt- nur marginal etwas mit Frankreich zu tun. Er schließt sich aber an den vorausgegangenen Blog-Text über den „Rheindompteur“ Tulla in Paris an:
Die Kühkopf- Insel verdankt verdankt ja ihre Entstehung der von dem badischen Wasserbauingenieur Tulla am Oberrhein begonnenen und dann von seinem Freund Kröncke im hessischen Bereich fortgesetzten „Rectification“ des Rheins: Begrenzt wird der Kühkopf seitdem von dem Altrhein, einer großen ehemaligen Rheinschlinge, und dem durch einen Rheindurchstich entstandenen Neurhein. Gezeigt werden soll an diesem Beispiel, dass diese Rheinbegradigungen nicht nur ursprüngliche Naturlandschaften zerstört, sondern auch natürliche Lebensräume erhalten oder sogar neu geschaffen haben.
Ein naheliegendes Beispiel dafür wäre sicherlich auch der Taubergießen gewesen, der „Amazonas am Oberrhein“, zumal es sich dabei auch um ein deutsch-französisches Projekt handelt. Denn das auf badischer Seite gelegene Naturreservat gehört zum Teil elsässischen Gemeinden auf der anderen Rheinseite: Ein Relikt aus der Zeit vor der Tulla‘schen Rheinbegradigung.[1]
Die Entscheidung für den Kühkopf hat ganz persönliche Gründe: Es gibt in dieser Gegend familiäre Wurzeln. Meine Mutter erzählte manchmal, wie sie in der Notzeit nach dem Weltkrieg mit Hilfe eines alten Bekannten auf den Kühkopf übersetzte -damals gab es noch keine Brücke über den Altrhein- um dort heimlich Kartoffeln und Runkelrüben auszugraben. Und ich erinnere mich noch an den ersten Familienurlaub am Kühkopf- vor allem an die Myriaden von Stechmücken, die einen vor allem bei Einbruch der Dunkelheit überfielen. Dann hatten wir einen Grundschullehrer, mit dem wir zur Vogelbeobachtung auf den Kühkopf fuhren- da war es vor allem die große Reiherkolonie, die uns beeindruckte. Für den Jugendlichen war es dann ein aufregendes Abenteuer mit einem Freund, dessen Vater ein Auto besaß, zum Kühkopf zu fahren und im Rhein zu schwimmen: Es gab damals noch Schlepper, die mehrere tief im Wasser liegende Lastkähne langsam stromaufwärts zogen. Da konnte man vorsichtig an den letzten Kahn heranschwimmen und sich auf die Reling hieven. Nach einiger Zeit sprang man dann wieder ab und ließ sich von der Strömung zurücktreiben. Und natürlich war es auch immer ein aufregendes Abenteuer, auf die andere Seite des Rheins zu schwimmen- auch wenn man dann mehrere hundert Meter mit nackten Füßen etwas mühsam stromaufwärts laufen musste, wollte man wieder an seinem Ausgangspunkt ankommen. Von gefährlichen Strudeln im Rhein wussten wir damals noch nichts, und selbst wenn: Es hätte uns sicherlich nicht von der Rheinüberquerung abgehalten…. Mein erstes etwas linkisches „Rendezvous“ fand auch auf dem Kühkopf statt: Mit einem Mädchen, das ich in einem kleinen Ort im Ried kennengelernt hatte, wo ich mir während der Ferien in einem Tiefbauunternehmen als Hilfsarbeiter etwas Geld verdiente. Später war immer wieder der Kühkopf das Ziel, um mit Kindern und Freunden am Strand des Neurheins Feste zu feiern oder auch, um Bärlauch zu sammeln oder einfach nur die Natur zu genießen. Und inzwischen kann man dank der verbesserten Wasserqualität auch wie früher wieder einigermaßen unbedenklich im Rhein baden.
Wie der Kühkopf zur Insel wurde
Betrachtet man die historische Karte von 1735, so ist deutlich die ausgeprägte Rheinschleife zwischen Gernsheim und Oppenheim zu erkennen.[2] Der Flurname der so gebildeten Halbinsel ist abgeleitet von ihrer ungefähren Kopfform und dem mittelhochdeutschen Wort für König: künec. Denn das Land gehörte ursprünglich zu dem kaiserlichen Bannforst Dreieich. Und allmählich schliff sich der Künec-Kopf ab zu Kühkopf.
Der Kühkopf hat eine gewisse historische Bekanntheit, weil dort während des 30-jährigen Krieges, am 7. Dezember 1631, der schwedische König Gustav Adolf den Rhein überquerte und auf der anderen Rheinseite die dort verschanzten Spanier in die Flucht schlug.[3]
Der Rheinübergang war ein äußerst schwieriges und gefährliches Unternehmen. Immerhin war der Fluss dort etwa 300 Meter breit und hatte eine hohe Fließgeschwindigkeit. Der Übergang gelang, weil man mit Hilfe von gefundenen Booten und in der Nacht herbeigeschafften Scheunentoren eine Pontonbrücke baute. „Mehrere Nachen wurden mit Seilen nebeneinander gebunden und ebenfalls vertäut. Hierzu konnten die Finnen im schwedischen Heer ihre Erfahrung im Bau von Flößen aus ihrer Heimat mitbringen. Solche improvisierten Wasserfahrzeuge waren durch die Tragkraft der Kähne dann auch in der Lage, schweres Gerät und Pferde zu transportieren.“[4]
Zur Erinnerung an diesen Rheinübergang wurde 1632 noch vor dem Tod des Königs auf dessen Geheiß die auf vier Kanonenkugeln postierte sogenannte Schwedensäule errichtet.[5]
Foto: Wolf Jöckel
Auf dem historischen Plan ist die „Schwedische Säule“ ausdrücklich -auf der rechten äußeren Seite der Rheinschleife- markiert und mit einem entsprechenden Symbol gekennzeichnet. Hier eine historische Darstellung des imposanten Bauwerks aus dem Jahr 1642 :
„Abbildung der Seülen so ihr M. / dem Konig in Schweden an dem/ ort da er über Rehin gesetzt, / zu gedechtnus aufgericht worden“. [6]
In seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ hob Friedrich Schiller 1792 den Rheinübergang Gustav Adolfs hervor. „Ein marmorner Löwe auf einer hohen Säule, in der rechten Hand ein bloßes Schwert, auf dem Kopf eine Sturmhaube tragend, zeigte noch siebenzig Jahre nachher dem Wanderer die Stelle, wo der unsterbliche König den Hauptstrom Germaniens passierte.“ Allerdings kann Schiller wohl kaum vor Ort gewesen sein- sonst hätte er nicht von einem marmornen Löwen gesprochen- der Löwe oben auf der Schwedensäule war und ist nämlich aus Sandstein.[7] Er zeigt mit seinem Schwert in Richtung des Schlachtfeldes auf dem Kühkopf. Der Ort, an dem die Kämpfe im Dezember 1631 ausgetragen wurden, trägt heute noch den Namen “Schwedenkirchhof”.
Allerdings befindet sich die Schwedensäule heute nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standort. Sie wurde im 18. Jahrhundert wegen drohender Unterspülung durch das wiederholte Hochwasser landeinwärts versetzt.
Blick auf die Schwedensäule vom Kühkopf aus. Foto: Wolf Jöckel
Dass die Rheinschleife um den Kühkopf – die größte des Flusses überhaupt- sich den „Rheindompteuren“ Tulla und Kröncke für eine Rheinbegradigung geradezu aufdrängte, zeigt ein Blick auf die Karte. Allerdings gab es schon früher Pläne, die Rheinschleife abzuschneiden und den Kühkopf zur Insel zu machen. Und das hat etwas mit Frankreich zu tun : Während der Koalitionskriege 1794 bis 1797 mit dem revolutionären Frankreich sollte nämlich ein zu schaffender Durchstich den Rhein als Frontlinie begradigen. Auf dem zur Insel werdenden Kühkopf, also zwischen den Festungen Mainz und Mannheim, war ein starker Stützpunkt vorgesehen, der ein Vordringen der Franzosen verhindern sollte. Der Kriegsverlauf machte diese Pläne dann entbehrlich. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 wurde die Provinz Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen angegliedert. Somit wurde ein Durchstich, der nun nicht mehr militärische Gründe hatte, allein hessische Angelegenheit.
Der zuständige Oberbaudirektor Dr. Claus Kröncke machte sich für die Rheinbegradigung stark. Mit ihr sollten die gewaltigen Überschwemmungen, die damals die Uferlandschaften auf beiden Seiten des Rheins heimsuchten, verhindert werden. Dazu kamen die Vorteile für die Rheinschifffahrt. Die Schiffe wurden damals stromaufwärts getreidelt, also mit Pferden den Strom hinaufgezogen. Unter den Hochwassern litten allerdings die Treidelpfade, die ständig erneuert oder sogar verlegt werden mussten. Und selbst auf der Kühkopf-Rheinschlinge mussten die Pferde beim Treideln mehrfach die Seite des Flusses wechseln, was äußerst zeitaufwändig war. Durch den geplanten Durchstich wurde die Schifffahrt zwischen Mainz und Mannheim wesentlich verkürzt und erleichtert. Dazu kamen gesundheitliche Gründe: Der Kühkopf und seine Umgebung waren, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, „ein Paradies mit Leichengestalten bevölkert“, weil dort „das Fieber, das entzündlicher Art ist“, die Malaria also, noch weit verbreitet war.[8] Trotz dieser Argumente lehnte die für die Finanzierung zuständige zweite hessische Kammer des Großherzogtums Darmstadt 1824, 1825 und 1826 den Durchstich ab. Vor allem wegen der dafür erforderlichen Geldmittel, aber auch wegen lokaler Widerstände: Immerhin gerieten die an der Rheinschleife gelegenen Orte Stockstadt und Erfelden mit dem Durchstich ins Abseits, und manche Bauern wurden durch ihn von ihren Feldern auf dem Kühkopf abgeschnitten oder verloren die auf dem Gelände des neuen Rhein-Betts gelegenen Besitzungen ganz. Johann Gottfried Tulla riet deshalb seinem Freund Kröncke, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Kröncke publizierte also 1826 die Denkschrift „Über die Durchgrabung der Erdzunge am Geyer“ [8a] und hatte Erfolg: Nach mehreren öffentlichen Diskussionen genehmigte der hessische Landtag im Frühjahr 1827 einstimmig die Mittel zur Ausführung des Durchstichs.
Karte von 1826 mit dem Verlauf des geplanten Rhein- Durchstichs.[9] Eingezeichnet ist auch das ehemalige Bett des Rheins mit einer weiteren Rheinschlinge bei Eich: Der naturbelassene Rhein hatte sich immer wieder ein neues Bett gesucht…
Am 31. März 1828 konnte Kröncke mit der praktischen Arbeit beginnen. Geschickt bezog er, wie vorher schon Tulla bei den Begradigungen des Oberrheins, die Erosionskraft des Flusses in das Werk ein: Er ließ lediglich einen gut 16 Meter breiten und 3625 m langen Graben ausheben. Den vertiefte der Strom selbst, verbreiterte den Durchstich auf 308 Meter und schuf den Durchbruch von insgesamt fünfeinhalb Kilometern. Der Rheinlauf war dadurch um fast 10 Kilometer verkürzt worden, was für die Schiffe eine erhebliche Zeitersparnis bedeutete: Stromabwärts 4-6 Stunden, stromaufwärts eine ganze Tagesreise weniger. Und die Anwohner waren von nun an vom unheilvollen Hochwasser und von der Malaria befreit. Nicht zu vergessen die Freude für die Steuerzahler: Die Kosten der Baumaßnahme waren deutlich geringer als von Dr. Kröncke selbst veranschlagt – ziemlich außergewöhnlich bei einem solch umfangreichen und komplexen Vorhaben. Da gibt es genug andere Beispiele….
Kein Wunder also, dass man Dr. Kröncke schon zu seinen Lebzeiten in Groß-Rohrheim ein Denkmal setzte- den von dem Darmstädter Hofbildhauer Philipp Johann Joseph Scholl geschaffenen Kröncke-Stein.
Auch auf dem Kühkopf erinnert man an Kröncke: Kurz vor seiner Einmündung in den Neurhein weitet sich der Altrhein und es gibt noch einen zusätzlichen Altrheinarm: den Krönkesarm mit der Krönkesinsel.
Hier wie auf dem Denkmal wird der Name übrigens ohne das „c“ geschrieben.
Blick auf Krönkesarm und Krönkesinsel Foto: Wolf Jöckel, April 2022
Der Kühkopf als herrschaftliches Jagdrevier
Gerade als Insel bot der Kühkopf natürlich beste Voraussetzungen als Jagdrevier. Der Wormser Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, ein begeisterter Jäger, hatte dort 1888 den Hof Guntershausen erworben (bis dahin Schmittshausen genannt) und seinen Landbesitz auf dem Kühkopf durch den Ankauf einer Vielzahl von Parzellen erweitert. Er bemühte sich auch, das Jagdrevier interessant zu machen, vor allem durch die Pflege von Fasanen und der damals noch dort verbreiteten wilden Truthähne. Unter den herrschaftlichen Jagden, die in dieser Zeit öfters auf dem Kühkopf veranstaltet wurden, ragt die mit dem Zaren Nikolaus II. am 3. November 1903 heraus.[11] Nikolaus war damals mit seiner Frau zu Besuch in Darmstadt: Die Zarin Alexandra Feodorowna war nämlich eine geborene Prinzessin von Hessen und bei Rhein, und es gab darüber hinaus auch weitere familiäre Beziehungen zwischen dem Zarenhaus und der großherzoglichen Familie und entsprechende gegenseitige Besuche.[12] Das Gruppenbild zeigt den Großherzog Ernst Ludwig mit seinen drei Schwestern und Schwägern am 8. Oktober 1903 [13]:
von links: Ernst Ludwig, Zarin Alexandra Feodorowna und Zar Nikolaus II.; Prinzessin Irene Luise Maria Anna und Prinz Heinrich von Preußen; Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna (geborene Elisabeth von Hessen-Darmstadt) und Großfürst Sergei Alexandrowitsch Romanow; Prinzessin Victoria Alberta Elisabeth Mathilde Marie und Prinz Ludwig Alexander von Battenberg
An der Jagdgesellschaft vom 3. Oktober nahmen neben dem Zarenpaar und dem Großherzog auch Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Wilhelms II., teil: eine wahrhaft noble Jagdpartie. Es handelte sich um eine Treibjagd, in die der ganze Kühkopf einbezogen war.
Hier ein Bild des Zaren während der Kühkopf-Jagd im Ansitz mit seiner Frau.[14] Die Jagdausbeute war erheblich. Geschossen wurden: 67 wilde Truthähne, 1 Königsfasan, 1 Schnepfe, 158 Fasanenhähne, 5 Fasanenhennen, 23 Hasen, 69 Kaninchen und 2 Raubvögel.[15] Bemerkenswert ist, dass Hirsche, Rehe oder Wildschweine nicht zur Jagdbeute gehörten: Ich vermute, dass die damals auf dem weitgehend noch landwirtschaftlich genutzten und waldarmen Kühkopf eher nicht verbreitet waren.
Hier ein Gruppenfoto der um die erlegten Tiere gruppierten Jagdgesellschaft.[16] In der Mitte Zar Nikolaus II. mit den Händen im Muff, rechts neben ihm der Gastgeber Freiherr von Heyl zu Herrnheim. Die zweite Person links neben dem Zaren, ebenfalls mit den Händen im Muff, ist der Großherzog Ernst Ludwig.
Der Kühkopf wird Naturschutzgebiet
Seit 1952 sind der Kühkopf und die im Norden angrenzende Knoblochsaue Naturschutzgebiet. Mit einer Fläche von 2.370 ha ist es das weitaus größte Naturschutzgebiet Hessens. Der Kühkopf selbst ist etwa 1700 ha groß. Davon werden 100 bis 350 ha von Flachwasserbereichen bedeckt, 150 ha von Röhricht und 620 ha von Auwald.
Dem fast 24 Quadratkilometer großen Auenschutzgebiet mit der Rheininsel Kühkopf und der Knoblochsaue wurde durch die Deutsche Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz e.V. 1983 das Prädikat „Europareservat“ verliehen. Es ist Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und hat mit seiner ökologischen Bedeutung europäischen Rang. Nachdem im Frühjahr 1983 wieder die Hochwasserdämme brachen und das komplette Gebiet des Kühkopfs überflutet wurde, wurden die Dämme nicht mehr instandgesetzt. Dadurch sind mehr als 1.000 ha Aue wieder an das natürliche Abflussgeschehen des Rheins angeschlossen. Die in Teilarealen noch betriebene intensive Landwirtschaft wurde damals aufgegeben – begünstigt durch den Umstand, dass die Familie von Heyl ihren Landbesitz auf dem Kühkopf und das Gut Guntershausen schon 1961 an das Land Hessen verkauft hatte. Im Zentralbereich der Insel und auf der Knoblochsaue werden aber noch 400 ha extensiv als Grünland genutzt. Auch die umfangreichen Streuobstbestände des Schutzgebietes werden erhalten und gepflegt. Das sind vor allem Apfelbäume, die auf dem Kühkopf eine lange Tradition haben: Früher gab es noch am südlichen Altrheinarm den alten „Äppeldamm“, dessen Bäume aber inzwischen weitgehend abgestorben und überwuchert sind. Aber dafür gibt es jetzt den Apfelbaum-Lehrpfad (auf der Karte: Nr. 4, Weißstorchweg) mit einer Vielzahl von Apfelbaum-Sorten.
200 ha im Jahre 1983 aufgegebene Ackerflächen wurden weitgehend sich selbst überlassen. Dort erobert der Hartholzauwald sein Territorium zurück. Auch die Pflege der Deichsysteme auf der Insel wurde 1983 eingestellt, so dass sich seitdem wieder eine natürliche Hochwasserdynamik entwickeln kann. 2005 endete schließlich die Forstwirtschaft im gesamten Schutzgebiet.
Eingestellt wurde auch die Erdölförderung auf dem Kühkopf, an die noch die Pferdekopf- Pumpe bei Stockstadt erinnert, die als Industriedenkmal erhalten ist.
Foto: Wolf Jöckel
Sie gehörte zu dem seit 1952 erschlossenen Erdölfeld bei Stockstadt. Insgesamt 47 Bohrungen zur Erschließung des Feldes wurden vorgenommen und bis 1994 mehr als 1 Million Tonnen Erdöl gefördert. Heute dienen die leergepumpten Kavernen als Erdgasspeicher.[17]
Die Auenlandschaft des Kühkopfs
Die Landschaft des Rieds und damit auch des Kühkopfs ist literarisch gestaltet worden in dem Roman „Gang durch das Ried“ von Elisabeth Langgässer. Als junge Lehrerin an der Volksschule in Griesheim bei Darmstadt entdeckte und erkundete sie das Ried und den Kühkopf mit dem Fahrrad. 1936 erhielt sie als „Halbjüdin“ Publikationsverbot. Der im gleichen Jahr erschienene Ried-Roman ist ihr letztes Werk, das im „Dritten Reich“ noch erscheinen durfte. 1950 starb sie und erhielt ein Jahr später den Georg-Büchner-Preis, den bedeutendsten deutschen Literaturpreis.
Im Naturschutzgebiet Knoblochsaue gibt es -ausgehend vom Parkplatz Knoblochsaue- einen Elisabeth-Langgässer-Wanderweg.
Auf einer Informationstafel wird folgende Passage aus dem „Gang durch das Ried“ wiedergegeben:
„Die Erde ist fett, die Erde ist lehmig und hängt sich an die Räder, der Himmel sehr hoch, nur schwach bewölkt und entleert von den Durchzugsvögeln. (…) Es geht nach Südwesten, wenn nicht der Horizont wäre, könnte man endlos weit sehen. Nur im Osten führt eine blaue Welle von Waldbergen ihren Geländestrom bald höher, bald tiefer dahin. Man sieht sie von allen Riedorten aus: den Frankenstein und den Felsenberg mit seiner handvoll Häusern, den Malchen- schneidest du ihn heraus, so denkst du, es ist der Vesuv. Und wer oben steht, dort auf den Höhenwegen, dem zeigt sich das Land wie ein Teller, auf dem man Kresse gesät hat, beworfen mit unregelmäßigen Dörfern aus einer Spielzeugschachtel. Es sind Backsteinbauten, mit Ziegeln bedeckt, mitten drin ist der Kirchturm, daneben das Schulhaus, von Dorf zu Dorf läuft ein schnurgerader Weg, der von hohen Pappeln besäumt wird. An manchen Stellen blitzt Wasser auf, das sind die großen Tümpel, die Löcher, wo Torfstücke ausgetrocknet und Weidenzweige gehauen werden, um Kiepen und Körbe zu flechten. Wie von dem Glasbläser hingezogen schlingt sich der Altrhein durch die Gebüsche. Jetzt teilt er sich und umarmt eine Aue, jetzt wieder und wieder eine; seine Strömung geht langsam, langsamer, leiser; gleich wird er einschlafen, auslaufen, …“ (Aus dem Roman „Gang durch das Ried“. Erstveröffentlichung 1936)
Die Auenlandschaft des Kühkopfs ist außerordentlich vielfältig: Es gibt viel Wasser, nicht nur den Alt- und den Neurhein, sondern dazu auch noch andere stille Arme des Rheins, Tümpel und Wasserlöcher, es gibt Röhricht, Wiesen mit Sommerblumen, Orchideen und Herbstzeitlosen, Apfelbäume, Urwald mit armdicken Lianen, Weich- und Hartholzauen….
Hier einige Eindrücke:
Der Altrhein bei Stockstadt (oben) und beim Forsthaus Knoblochsaue (unten) Fotos: Wolf Jöckel
Bärlauchblüte in der Knoblochsaue. Sie trägt den Namen der Familie von Knobloch, der das Gebiet Ende des 15. Jahrhunderts gehörte. Fotos: Wolf Jöckel
Heuernte Fotos: Frauke und Wolf Jöckel
Urwald auf dem Kühkopf Fotos: Wolf Jöckel
Armdicke Lianen
Misteln sind auf dem Kühkopf weit verbreitet. Es sind Parasiten, die besonders häufig Pappeln, aber auch Apfelbäumen besiedeln. Fotos: Wolf Jöckel
Dort allerdings sind sie wenig willkommen, denn sie gefährden seltene Apfelbaum-Sorten, die Teil des Biotops sind.
„Kopfweiden“ sind Zeugen vergangener Nutzungsformen. Es sind Silberweiden, deren Regenerationskraft früher vielfach genutzt wurde. Weidenruten in geflochtener Form fanden bei der Ufersicherung am Rhein, dem sogenannten Faschinenbau, Verwendung. Einjährige Weidentriebe dienten den Korbmachern als Ausgangsmaterial.[18] Fotos: Wolf Jöckel
Ganze Kopfweidenwälder wurden früher am Rhein angepflanzt. Auf dem Kühkopf sollen sie erhalten werden.
Im September blühen auf den Wiesen des Kühkopfs die Herbstzeitlosen Foto: Wolf Jöckel
Altarm des Rheins am Schusterwörth in der Knoblochsaue. Foto: Frauke Jöckel
Der Kühkopf: Ein Paradies für Tiere
Das Natursschutzgebiet Kühkopf ist vor allem ein Vogelparadies. Auf dem Parkplatz an der Stockstädter Brücke werden wir meist schon von dem Gesang einer Nachtigall empfangen. Und wenn wir dann mit den Fahrrädern an der alten Ölpumpe vorbeifahren und links in den Apfel-Lehrpfad Richtung Neurhein einbiegen (Karte Weg Nummer 4), freuen wir uns schon auf das Zwitschern einer Goldammer.
Foto: Wolf Jöckel
Sie sitzt meist ganz oben auf einem der alten Bäume, ist deshalb auch gut zu erkennen und zu bewundern. Ihren typischen Gesang trägt sie nicht nur im Frühjahr vor, sondern auch den ganzen Sommer und Herbst. Und abends auf dem Weg zurück ruft es „Kuckuck, Kuckuck“ aus dem Wald. Kuckuck und Nachtigall zeigen sich zwar nicht, ihr Ruf und Gesang ist aber nicht zu überhören. Auf dem Weg zurück vom Neurhein an der Knoblochsaue zum Parkplatz sind es oft sogar mehrere Nachtigallen, die versteckt in dem buschigen Gehölz ein mehrstimmiges Konzert anstimmen. Da bleiben wir gerne ruhig stehen und freuen uns über den schönen Abschluss eines Tages im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue.
Der Symbolvogel des Kühkopfs ist der Schwarzmilan.[19]
In Deutschland vom Aussterben bedroht, hat er im Europareservat – im Auwald des Kühkopfs – Überlebenschancen gefunden. Nirgendwo sonst in Mitteleuropa siedeln und brüten so viele Milane wie hier. Elisabeth Langgässer hat dem Milan in ihrem Ried-Roman diese poetische Passage gewidmet:
„Sie fuhren die Wasser- und Weidenschleife in großem Bogen entlang, im Westen schwärmte ein Vogelheer über dem Altrhein hoch, es waren Milane und Krähen; wenn die Krähe stürzte, stieg der Milan mit hellem Schrei noch ein Stück in die Höhe, der Raubvogel über der Bettelliese und zeichnete große Spiralen an den geläuterten Himmel, die, wenn sie vollendet waren, wie eine Kielspur noch weiter zu strömen und nur langsam zu schwinden schienen…“[20]
Wasservögel sind in dem Europareservat natürlich besonders reichhaltig vertreten. Für seine Reiherkolonie, die inzwischen etwa 180 Paare umfasst, war und ist der Kühkopf besonders bekannt.[22]
Hier ein Graureiher, aufgenommen von dem Beobachtungsstand am Krönkesarm. Foto: Frauke Jöckel
„Noch vor zehn, 20 Jahren war ein Silberreiher in unserer Region eine Sensation, die Vogelliebhaber in Scharen anlockte“, berichtet Ralph Baumgärtel, der Revierförster im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue und Leiter des dortigen Umweltbildungszentrums. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, erzählt er, sei das für lange Zeit letzte Brut-Exemplar auf der Königsinsel am Rhein abgeschossen worden: Wegen der langen Schmuckfedern auf dem Rücken der Vögel, die bei den Damen als Hutschmuck en vogue waren, sei die Art fast ausgerottet worden. Und obwohl die Reiher-Jagd verboten wurde, ließ sich bis Anfang der sechziger Jahre keines der Tiere mehr in Hessen blicken.
Mittlerweile allerdings freut sich der Revierförster über regelmäßige Besuche der eleganten weißen Schreitvögel. Gelegentlich sind sie sogar in kleinen Trupps unterwegs. „Die ersten sind bei uns in den neunziger Jahren zugewandert“, erläutert Baumgärtel. Davor pilgerten Vogelfreunde und Fotografen aus ganz Mitteleuropa zum Neusiedler See an der österreichisch-ungarischen Grenze, um die Tiere zu beobachten.[23]
Ein noch seltenerer Gast ist der Löffler, der hier einmal auf der „Durchreise“ von seinem Winterquartier im Mittelmeerraum zurück zum Wattenmeer auf dem Kühkopf Station machte.
Und es gibt sogar recht stattliche Schildkröten in dem Naturschutzgebiet.
Europäische Sumpfschildkröten am Schusterwörth in der Knoblochsaue. Es ist die einzige heimische Wasserschildkrötenart in Deutschland Foto: Wolf Jöckel
Rehe, Füchse und Wildschweine sind inzwischen auf dem Kühkopf auch reichlich vertreten.
Besonders gute Orte für Tierbeobachtungen sind die Aussichtsplattformen am nördlichen Altrheinarm (Karte Weg Nummer 3). Von dort wurde auch diese Wildschweinfamilie aufgenommen.
Sowohl am Kühkopf-Neurhein als auch an der Knoblochsaue gibt es ausgesprochen schöne und -wenn der Rhein nicht gerade Hochwasser hat- auch breite Strände.
Die hat Alexander Jürgs in dem „Familien-Tipp“ der FAZ vom 29. April 2021 sogar als „Traum“ gefeiert. „Man kann dort im Sand buddeln, Muscheln sammeln, Steine übers Wasser springen lassen und in der Sonne dösen… Also: Schuhe aus, Hose hochgekrempelt, rein ins Wasser ….“ Es fühle sich zwar nicht nach Rimini an, aber „nach Nordseeinsel“…
Fotos: Wolf Jöckel
Muscheln gibt es mehr als genug. Das ist vor allem die Grobgerippte Körbchenmuschel, deren Schalen stellenweise Spülsäume wie am Meeresstrand bilden.[24]
Wurzeln der Silberpappeln am Strand – ein wenig Mangroven-feeling. Fotos: Wolf Jöckel
Rheinstrand mit Blick auf die Oppenheimer Landskron
Vögel kann man hier natürlich auch beobachten….
…. wie diese Bachstelze und die Kormorane, denen man beim Fischen zusehen kann. Fotos: Wolf Jöckel
…. und danach beim Sonnen….
DasHofgut Guntershausen und Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf
Sehr empfehlenswert ist auch ein Besuch des in der Nähe der Stockstädter Altrheinbrücke gelegenen Hofguts Guntershausen. Foto: Wolf Jöckel
Es handelt sich um einen früher landwirtschaftlich genutzten und denkmalgeschützten Gebäudekomplex, für den eine neue Verwendung gesucht wurde, nachdem die intensive Landwirtschaft auf dem Kühkopf 1983 aufgegeben wurde. Seit 2014 findet sich dort das Umweltbildungszentrum „Schatzinsel Kühkopf“ mit drei Dauerausstellungen, Wechselausstellungen, Seminarräumen, Werkstätten und einem angeschlossenem Verwaltungstrakt.
Die drei Dauerausstellungen zur Kultur und Geschichte der Auenlandschaft werden im Nordflügel des Gutes präsentiert, dem ehemaligen weiträumigen Stall, der aus einem Untergeschoss mit Kreuzgewölben und einem Obergeschoss besteht.
Am „Grünen Tisch“ können die Besucher an der Planung des Rheindurchstichs von 1829 teilhaben. Schon damals wurden Großprojekte heiß diskutiert und ihre Folgen wirken bis heute. Projizierte Karten zeigen die Landschaftsveränderungen am Kühkopf quasi im Zeitraffer. Auf Monitoren kommen verschiedene Akteure wie der damalige Großherzog oder die örtliche Bevölkerung zu Wort und Flussbaumeister Kröncke erläutert seine Planungen: Geschichte wird lebendig.[25]
Insgesamt gibt es sehr viele anschauliche und pädagogisch aufbereitete Informationen über die Auenlandschaft des Kühkopfs und ihre ökologische Bedeutung.
Hier der Eingang zum Ausstellungsraum über Fische und andere Lebewesen in den Gewässern des Naturschutzgebiet Kühkopfs, den „Schätzen im Fluss“.
Zu den Schätzen des Kühkopfs gehört allerdings wohl kaum die berühmt-berüchtigte Rheinschnake, die in der Ausstellung auch entsprechend in Szene gesetzt ist.
Foto: Frauke Jöckel
Für die Bewohner und Besucher des Rieds war die äußerst anpassungsfähige Schnake eine große Belästigung. „Bis zu 1000 Angriffe pro Mensch und Minute wurden schon gezählt“.[26] Inzwischen wird die Schnake mit dem selektiv wirkenden „Bacillus thuringiensis israelensis“ (BTI) bekämpft, aber als wichtiger Bestandteil des Lebensraums soll sie durchaus ihren Platz behalten. Bei optimalen Entwicklungsbedingungen können trotz der erlaubten Bekämpfung die Schnaken vor allem im Frühsommer „den Naturgenuss erheblich beeinträchtigen“, worauf die Homepage des Umweltbildungszentrums vorsorglich hinweist.[27]
Allerdings gilt das weniger am Rheinstrand und vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs. Wenn man sich da entsprechend anzieht und mit einem geeigneten Mittel die freien Körperpartien schützt, sollten die Schnaken auch im Sommer kein Hinderungsgrund für einen Besuch des Kühkopfs sein. Er ist immer ein lohnendes Ziel. Das bestätigten auch die Störche, die auf dem Dach des Hofguts vernehmlich klapperten, als wir kürzlich die schöne, anschauliche Ausstellung verließen. Foto: Frauke Jöckel
Öffnungszeiten: April bis Oktober Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr; November bis März Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr; Samstag, Sonntag und Feiertag 9 bis 17 Uhr; Montag Ruhetag sowie am 24. und 31. Dezember
[4] Hans Pehle, Der Rheinübergang des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Ein Ereignis im Dreißigjährigen Krieg 1631. Riedstadt: Forum Verlag 2005, Seite 97/98
[8] Gemeinde Guntersblum (Hrsg), 150 Jahre Rheindurchstich Kühkopf. Eine geschichtliche Darstellung des Rheindurchstichs und der Insel Kühkopf.
[8a] Siehe dazu: Gerold Bielohlawek-Hübel, Wie der Kühkopf entstand : (Krönckebuch) ; das Werk des Großherzoglichen Darmstädter Wasserbaudirektors Claus Kröncke mit Auszügen aus seinem Buch „Über die Durchgrabung der Erdzunge am Geyer“ (Anno 1826) Riedstadt: Forum 2004
[9] Karte aus: 150 Jahre Rheindurchstich Kühkopf, S. 11
[11] Dazu: Jörg Hartung und Otto Kraus, Der Zarenbesuch auf dem Kühkopf. Eine Dokumentation zum Jagdausflug des Zaren Nikolaus II. von Russland auf dem Kühkopf am 3. November 1903. Forum Verlag Riedstadt 2004
[12] Siehe Hartung/Kraus, S. 30/31. Zarenbesuche bei der hessischen Verwandtschaft sind in den Jahren 1891,1894, 1896, 1897, 1899, 1903 und 1910 nachzuweisen. Die Großmutter von Zar Nikolaus II. war übrigens auch eine hessische Prinzessin, Marie von Hessen und bei Rhein.
[20] Elisabeth Langgässer, Gang durch das Ried. Roman. FFM/Berlin/Wien: Ullstein 1981 (Ullstein-Buch Nr. 37025, S. 118/119
[21] Nachfolgend sind einige außerordentlich schöne Fotos von Andrea’s Kreativwerkstatt abgebildet. Mit ihnen hat es folgende Bewandtnis: Im letzten Herbst haben wir bei einem Ausflug auf den Kühkopf an einem Beobachtungsstand die Bekanntschaft mit Andrea gemacht. Sie war uns aufgefallen wegen ihrer bemerkenswerten Fotoausrüstung. Also sprach ich sie an, um sie auf die Wildschweinfamilie aufmerksam zu machen, die wir gerade beobachtet hatten. Daraufhin zeigte sie uns die Fotos, die sie schon vor uns aufgenommen hatte- eines davon ist nachfolgend zu sehen. Wir kamen ins Gespräch, sie erzählte von ihrem Hobby, auf dem Kühkopf, in dessen Nähe sie wohne, Tierfotos zu machen. Ich berichtete ihr von meinem Vorhaben, einen Blog-Artikel über den Kühkopf zu schreiben und fragte sie, ob sie vielleicht dazu einige Tierbilder beisteuern könnte. Sie war damit einverstanden und schickte mir kurz danach u.a. die nachfolgend in den Beitrag aufgenommenen Bilder. Bei der Arbeit an diesem Beitrag hätte ich sie gerne noch einmal kontaktiert, hatte aber leider ihre e-mail Adresse nicht gespeichert. Aber vielleicht ermöglicht es dieser Beitrag ja, den Kontakt zu erneuern. Das würde mich sehr freuen.