Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune

Der Friedhof Père-Lachaise  ist auf dreifache Weise ein ganz besonderer Erinnerungsort an den „Bürgerkrieg in Frankreich“, die  Pariser Commune von 1871[1]:

  • Hier fanden am Ende der semaine sanglante die letzten Gefechte statt zwischen den fédérés, also den Kämpfern der Commune,  und den Regierungstruppen, den Versaillais.
  • An der mur des fédérés wurden die letzten überlebenden Kämpfer der Commune erschossen und weitere Aufständische verscharrt
  • Und schließlich gibt es auf dem Père -Lachaise zahlreiche Gräber von Kommunarden oder von Personen, deren Leben und Werk bedeutsam für die Commune waren.

In dem nachfolgenden Text sollen einige dieser Erinnerungsorte vorgestellt und Anregungen zu einem historisch orientierten Spaziergang über den Friedhof  gegeben werden. Nirgendwo sonst  ist in dieser Dichte und Intensität ein wichtiges Kapitel der – nicht nur- französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts erfahrbar. Der Spaziergang weicht etwas von der Route ab, die von der Mairie de Paris vorgeschlagen  wird. Er ist deutlich konzentrierter- er umfasst 11 „Stationen“ innerhalb des Friedhofs statt 35, aber zu diesen 11 Stationen gehören auch zwei, die auf der Commune-Karte der Mairie nicht berücksichtigt sind: Dies sind eindrucksvolle Zeugen des Triumphs der Gegenrevolution, die meines Erachtens unbedingt auch zu einem Commune-Rundgang gehören: Die Commune ist bis heute eine eher unbekannte und umstrittene Phase der französischen Geschichte. Nicht zuletzt soll der Rundgang auch einen Eindruck von der Größe, Vielfalt und Schönheit des Père-Lachaise vermitteln. Empfehlenswert ist es, sich den von der Mairie de Paris herausgegebenen Plan des Père-Lachaise als „haut lieu de la Commune de Paris“ auszudrucken: Er ist eine gute Grundlage für die Orientierung.

https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

 

Prolog:  Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Übersicht des Spaziergangs:

  1. Jules Vallès, der Autor des Insurgé
  2. Charles Delescluze und der Ort der letzten Kämpfe der Commune
  3. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort
  4. Auguste Blanqui (mit einem Exkurs über Jules Dalou, den Schöpfer der Grabmäler von Noir und Blanqui)
  5. Eugène Pottier, der Autor der „Internationale“
  6. Die Mauer der erschossenen Communarden (le mur des fédérées) und die Gräber von
  • Jean-Baptiste Clément, Autor der Commune-Hymne „Le Temps des Cérises“
  • Valéry Wrobleswsky, Verteidiger der Buttes aux Cailles
  • Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx und Autor von „Das Recht auf Faulheit“
  1. Das Mausoleum von Adolphe Thiers, monumentaler Ausdruck des Triumphs der Gegenrevolution
  2. Das Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas mit der zertretenen Schlange der Commune

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen Friedhofsmauer und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ de Maximilien Luce im Musée d’Orsay

 

 

Prolog: Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Wie kam es dazu, dass gerade auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfe  in der semaine sanglante stattfanden? Der Pariser Osten war eine Hochburg der Commune – wie auch schon aller anderen vorausgegangenen Revolutionen. Und das 11. Arrondissement, an das der Père-Lachaise angrenzt, tat sich auch in der Commune besonders hervor: Am 6. April 1871 beispielsweise verbrannten Nationalgardisten an der Place Voltaire in einem demonstrativen Akt vor einer Büste Voltaires zwei  Guillotinen aus dem nahe gelegenen Gefängnis de la Roquette, um damit gegen die Todesstrafe zu demonstrieren.[2] Und nachdem die Communarden das Hôtel de Ville im Zentrum von Paris aufgegeben und in Brand gesteckt hatten, richteten sie  am 24. Mai  in der Mairie des 11. Arrondissements an der Place Voltaire ihr letztes Hauptquartier ein, „ultime cellule de la Commune agonissante.“ (Bourgin).

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Genau 140 Jahre später fand hier – in der Eingangshalle des Rathauses-  eine Feierstunde statt, in der eine Gedenktafel enthüllt wurde: „Nachdem die Commune de Paris das Hôtel de Ville verlassen hatte, tagte sie vom 24. bis zum 26. in diesem Rathaus, von wo aus sie den Widerstand gegen die Versailler Truppen während der letzten Kämpfe der ‚blutigen Woche‘ organisierte“.

Im 11. Arrondissement gab es auch eine der letzten Barrikaden der Commune – es war auch die letzte   der vielen Barrikaden, die im Laufe der vier französischen Revolutionen des „langen 19. Jahrhunderts“ auf dem Faubourg-St-Antoine errichtet wurden. Sie stand an der Einmündung der Rue de Charonne und sollte im Mai 1871  den Vormarsch der Versailler Regierungstruppen in die Rückzugsgebiete der Commune in den östlichen Arbeiter- und Handwerkervierteln verhindern.

Download Barricade Rue de Charonne

Bei der Verteidigung dieser  Barrikade wurde am 25. Mai der aus Ungarn stammende Leo Fränkel, der –u.a. Vertreter der deutschen Sektion der Internationale in Paris und ein führender Vertreter der Commune war, verletzt. Als „Arbeitsminister“ der Commune  hatte Fränkel unter anderem das Nachtarbeitsverbot erlassen. Gerettet wurde er von Elisabeth Dmitrieff, einer russischen Sozialistin und Feministin, die von Karl Marx nach Paris entsandt worden war und dort während der Commune die „Union des Femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés“ gründete. Fränkel und Dmitrieff: Zwei grandiose Gestalten der internationalen Arbeiterbewegung mit abenteuerlichen Lebenswegen, wie sie ein Romanschriftsteller nicht besser hätte erfinden können. An  diese Barrikade an dem Faubourg-St-Antoine erinnert aber immer noch keine Gedenktafel.

Ganz versteckt ist auch ein faszinierendes Relikt der Commune, das Kommunarden bei ihren Rückzugsgefechten auf dem Weg in den Faubourg-St-Antoine und zum Père-Lachaise hinterlassen haben: Es befindet sich in der Jesuitenkirche St. Paul in der Rue St. Antoine (Métro St. Paul). Dort hatten sich offenbar einige Kommunarden in der semaine sanglante verschanzt und in hoffnungsloser Situation in einen Pfleiler der Kirche (1. Pfeiler vom Eingang aus rechts) die Parole „République Française ou la Mort“ geritzt. (Obwohl der Klerus später versucht hat, diese Spur der verteufelten Commune zu beseitigen, ist ihm das –wie man sieht- glücklicherweise nicht ganz gelungen).

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Das Graffiti zeugt von der äußersten Entschlossenheit der Communarden und lässt etwas von der extremen, ja verzweifelten Situation ahnen, in denen sie sich angesichts der Übermacht der anrückenden Versailler Truppen befanden. Für mich ist dies einer der intensivsten Erinnerungsorte der Pariser Commune außerhalb des Père-Lachaise, dem wir uns nun zuwenden.

Der Rundgang:

Der vorgeschlagene Rundgang beginnt an der Porte des Amandiers an der südwestlichen Ecke des Friedhofs, direkt an der Métro-Station Père-Lachaise (Linie 2)

  1. Das Grab von Jules Vallès

Zunächst geht es zum Grab von Jules Vallès. Er war ein führendes Mitglied der Commune, Journalist und Schriftsteller, engagierte sich besonders für eine Erziehungsreform, war Herausgeber der Zeitschrift „Le Cri du peuple“, entschiedener Vertreter der Pressefreiheit,  und er hat in dem autobiographisch gefärbten Roman „L’insurgé“ der Commune ein literarisches Denkmal gesetzt.

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 1885 starb er, nach langem Exil,  in Paris und wurde, von tausenden Menschen begleitet,  auf den Père- Lachaise gebracht und dort bestattet. Als am Grab deutsche Sozialisten einen Kranz niederlegten, kam es zu vereinzelten deutschfeindlichen Reaktionen, die aber schnell mit Sprechchören zur internationalen Solidarität beendet wurden.

Verehrer hat Vallès jedenfalls noch bis heute….

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2016 startete die Mairie  des 11. Arrondissements eine Aktion, den Menschen/Männern, nach denen Straßen  des Arrondissements  benannt sind, ein  Gesicht zu geben. So auch Jules Vallès, dessen  Protrait am Square R. Nordling -vor der Kirche Ste Marguerite – in der Nähe „seiner“ Straße- ausgestellt wurde. Schade allerdings, dass  nicht über ihn mitgeteilt wurde: So hat er für die  Menschen  den Viertels zwar ein Gesicht erhalten, aber leider bleibt er damit wohl für die meisten ein  Unbekannter….

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(66. Division an der Avenue des Peupliers. Nummer 2 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris).

  1. Das Grab von Charles Delescluze und die letzten Kämpfe der Commune (49. Division)

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune, deren „Kriegsminister“ er in den letzten  Maiwochen  war. Als solcher beantragte er,  alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug die öffentlichen Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm[3] u.a. ) in Brand zu setzen. Am 25. Mai suchte er den Tod auf einer Barrikade an der place Château d’Eau, weil er, wie er in einem letzten Brief an seine  Schwester schrieb,  unter keinen Umständen „der siegreichen Reaktion als Opfer oder Spielzeug dienen“ wollte:     « Ma bonne sœur. Je ne puis ni ne veux servir de victime et de jouet à la réaction victorieuse… Mais je ne me sens pas le courage de subir une nouvelle défaite après tant d’autres. »  [4] 

Sein Leichnam wurde einen Tag später von den siegreichen Versaillais gefunden und in Montmartre in einem Massengrab verscharrt. Es sollte verhindert werden, dass das Grab von Delescluze zu einer Gedenkstätte oder gar einem Wallfahrtsort werden könnte. 1883 wurde sein Leichnam dann in dem Massengrab identifiziert und  in den Père Lachaise überführt.

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An der Spitze der Grabstele befinden sich -kaum noch identifizierbar- Auszüge aus dem schon zitierten Brief an seine -hier ebenfalls bestattete Schwester Azema, den Delescluze am Vorabend seines selbstgewählten Todes schrieb.

Die Inschrift auf der Grabstelle ist kaum noch entzifferbar, was das offizielle Bulletin municipal der Stadt Paris schon 1913 bemerkte. Sie lautet:

A la mémoire de Charles Delescluze, Commissaire général de la République, 1848 ; Rédacteur en chef du Réveil en 1868 ; Député de Paris à l’Assemblée nationale, 8 février 1871 et de sa sœur Azéma, décédée le 31 oct. 1876, leurs amis.

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Bemerkenswert ist hier, dass die Rolle Delescluzes während der Cummune nicht berücksichtigt ist:  Das ist auch kaum anders zu erwarten, denn als das Grabmal errichtet wurde, war die Commune immer noch geächtet.  Heute gehört sie zwar zum weithin anerkannten historischen Erbe und sie wurde ja auch anlässlich ihres 150. Jahrestags entsprechend gefeiert (siehe den Blogbeitrag zur Commune-Ausstellung „Nous la Commune“ 2021), aber auch dort hat man sich schwer getan, die problematischen Seiten der Commune offen zu thematisieren.

Bezeichnend ist ja auch, dass die Rolle Delescluzes bei der in der Commune umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt ist. Ein zusätzlicher Hinweis  darauf, wie delikat auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.

(49. Division,  Nr. 6 auf dem Commune- Plan der Mairie  de Paris)

In diesem Bereich des Père Lachaise fanden am 28. Mai 1871 die letzten Kämpfe der semaine sanglante statt. Einschüsse von Kugeln sind noch auf dem Sockel des  Grabes von Charles Nodier zu sehen, das etwas oberhalb und gegenüber dem Grab  von Honoré de Balzac liegt.

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Der Zeitzeuge Prosper Lissagaray schreibt zu den lezten Kämpfen:

„Seit 4 Uhr Nachmittags belagern  die Versailler den Père la Chaise.  Derselbe enthält nur zweihundert Föderierte, entsclossene Leute, aber ohne Disciplin, ohne Umsicht; die Officiere hatten sie nicht dazu bringen können, Schießscharten in die Mauer zu machen. Fünftausend Versailler greifen die Enceinte zugleich von allen Seiten an, während die Artillerie  von der Bastion das Innere durchwühlt. Die Geschütze der Commune haben seit Nachmittg beinah keine Munition mehr. (…) Jetzt beginnt ein verzweifelter Kampf. Hinter den Gräbern  gedeckt, vertheidigen  die Föderierten Schritt für Schritt ihren Zufluchtsort. Man  kämpft grauenvoll Mann an Mann. In den Grüften finden  Gefechte mit blanken Waffen statt. Freund und Feind rollt sterbend in dieselben Gräber. Die früh einbrechende Dunkelheit macht dem Verzweiflungskampf ein Ende.“[5]

Mit dieser letzten Schlacht „des Volks von Paris“ gegen  die von Thiers kommandierten Versailler Truppen wird der Père-Lachaise, wie es auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris heißt, „ein Symbol des Kampfs und des Opfers der Kommunarden.“

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Kampf der Fédérés  und der Versaillais auf dem Pére-Lachaise. Gravur von Amédée Daudenarde.      Veröffentlicht in „Le Monde illustré“ vom 24. Juni 1871

 Ein eindrucksvolles Panorama dieser Kämpfe von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux ist  im Musée d’art et d’histoire de Saint-Denis zu sehen.

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 Gemalt ist es aus der Perspektive der Föderierten, die trotz ihrer verzweifelten Lage noch die rote Fahne hochhalten. Geschwenkt wird die Fahne übrigens von einer Frau. Eine weitere Frau im Vordergrund versorgt einen Verletzten: Hinweise auf die wichtige Rolle der Frauen in der Commune.  Im Hintergrund sieht man die Stadt Paris mit der Kuppel des Pantheons und den Türmen von Notre Dame. Die Rauchsäulen markieren wohl die Gebäude, die von den Kommunarden auf ihrem Rückzug in Brand gesteckt wurden. Allerdings ist damit nicht- wie bei vielen anderen Darstellungen der 1870-er Jahre- eine Anklage der Commune verbunden, sondern es wird dadurch –wie durch die Rauchwolken der einschlagenden Granaten- die  Heftigkeit der Kämpfe illustriert.  Bei diesem Bild handelt es sich gewissermaßen um eine Antwort auf den Schriftsteller Alphonse  Daudet. Der hatte 1871 eine Geschichte mit dem Titel „La bataille du Père-Lachaise“ veröffentlicht. Auf der ausgezeichneten und höchst empfehlenswerten Internet-Seite „L’histoire par l’image“ findet sich dazu folgende Erläuterung:

Par le truchement du gardien du cimetière, l’écrivain présente son récit comme une démythification : « ― Une bataille ici ? Mais il n’y a jamais eu de bataille. C’est une invention des journaux. » En niant la bataille, le témoin-narrateur nie l’existence de combattants : face aux troupes régulières de Versailles, il n’y aurait eu dans le cimetière qu’un « ramassis » sacrilège d’ivrognes et de femmes de mauvaise vie faisant bombance au milieu des tombes. Avec cette œuvre, Philippoteaux semble contredire les allégations de l’écrivain anticommunard.“[6]

 

  1. Grab von Louis-Auguste Blanqui

Blanqui war ein Theoretiker der sozialistischen Revolution und ein praktischer Revolutionär. Seit der Revolution von 1830 war er eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung.  Fast die Hälfte seines Lebens, insgesamt 37 Jahre!- verbrachte er wegen „revolutionärer Umtriebe“ in Gefängnissen. Am spektakulärsten war seine Haft in den „cachots noirs“ auf dem Mont –Saint- Michel, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene diente. Verantwortlich dafür war übrigens Adolphe Thiers, von dem später noch die Rede sein  wird. Er hatte, als Staatssekretär während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe eine neue Form der Strafe eingeführt, nämlich die Festungshaft. Und eine dieser Festungen war der Mont-Saint-Michel.

Die Haftbedingungen dort –Dunkel- und Einzelhaft, Nahrungsentzug- waren derart katastrophal, dass sich sogar eine Kommission der Nationalversammlung damit beschäftigte. Berichterstatter war übrigens Alexis de Tocqueville. Blanqui unternahm mit seinem Mitgefangenen Armand Barbès einen Fluchtversuch, der aber scheiterte.[7]

Ein  erneuter Aufstandsversuch am 31. Oktober 1870, bei dem kurzzeitig das Hôtel de Ville von Paris besetzt wird  –Vorbote der Commune- scheitert. Blanqui kann untertauchen und wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 17. März 1871 wird er auf Betreiben von Adolphe Thiers verhaftet, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte. Thiers war sich (darin übrigens in voller Übereinstimmung mit Karl Marx) der Bedeutung Blanquis für die sozialen Bewegungen in Frankreich und für den Widerstand der Commune bewusst. Deshalb weigerte er sich, auf das Angebot der Commune einzugehen, die von ihr festgehaltenen Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, freizulassen, wenn im Gegenzug Blanqui freigelassen werde.  Thiers‘ Sekretär kommentierte das zynisch: „Die Geiseln! Pech für sie! Les otages ! Les otages, tant pis pour eux !».   So werden am 24. Mai in dem Gefängnis La Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter Erzbischof Darboy, erschossen.[8]

1879 fällt Blanqui unter die Generalamnestie und kehrt nach Paris zurück. Dort gibt er seine Zeitschrift „Ni Dieu ni maître“ heraus. 1881 stirbt er und wird auf dem Père-Lachaise beigesetzt. 100 000 Menschen sollen an seiner Beerdigung teilgenommen haben.

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(91. Division, Nr. 14 auf dem Commune Plan der Mairie de Paris)

Jules Dalou, der große republikanische Bildhauer, erhält nach einer öffentlichen Subskription den Auftrag für die Gestaltung des Grabmals. Er stellte Blanqui auf dem  Totenbett liegend dar, sein Kopf ist nach der  Totenmaske modelliert. „Tout comme pour le gisant de Victor Noir, Dalou a doté Blanqui d’une virilité „généreuse et polie“, source de commentaires infinie.“[9] Zu einem Wallfahrtsort –entsprechend dem Grab von Victor Noir- ist die Grabstätte von Blanqui allerdings nicht geworden. Vielleicht liegt es an dem weniger zugänglichen Platz in einem Seitenweg des Friedhof und an dem Podest, auf dem Blanqui aufgebahrt ist, so dass die entsprechenden anatomischen Besonderheiten weniger ins Auge fallen. Umso deutlicher dafür allerdings die Hand Blanquis- vielleicht ein Hinweis auf die vielen Schriften des Revolutionärs und Theoretikers.

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Exkurs: Dalou, der große republikanische Bildhauer und Schöpfer der Grabmäler von Victor Noir und Blanqui

Bevor es weiter geht zum Grab von Louis-Auguste Blanqui ein paar Worte zu Jules Dalou, dem Schöpfer der beiden Grabmäler von Victor Noir und Blanqui. Dies erscheint auch deshalb angebracht, weil es sich um zwei der bedeutendsten Kunstwerke auf dem Père-Lachaise handelt und weil der Name Dalou untrennbar verbunden ist mit der Pariser Commune und dem Stadtbild von Paris – immerhin hat Dalou u.a. auch die repräsentative Figurengruppe – Der Triumph der Republik– auf der Place de la Nation geschaffen.

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Auguste Rodin : Büste von Jules Dalou (im Musée Rodin in Paris und im Musée de la  piscine in Roubaix)

Dalou war am Vorabend des deutsch-französischen Krieges ein junger, aufstrebender Bildhauer. Von ihm war schon einmal auf diesem Blog die Rede, und zwar in dem Beitrag über das Hôtel Païva, das deutsch-französische Märchenschloss auf den Champs-Élysées, zu dessen Skulpturenschmuck auch Dalou beitrug (Rubrik Stadtviertel Paris, 8. Arrondissement). 1871 wurde Dalou vom « Kultusminister » der Commune, Gustave Courbet, beauftragt, als « administrateur provisoire adjoint » das Louvre vor einem eventuellen Vandalismus zu schützen. Obwohl es sich dabei um eine noble Aufgabe im Sinne des Gemeinwohls handelte, wird Dalou nach der Niederschlagung der Commune bedroht und ins Exil gezwungen. 1874 verurteilt ihn ein Kriegsgericht in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit. Erst 1879 – im Zuge einer allgemeinen Amnestie-  kann Dalou aus Großbritannien, das ihm Asyl gewährt hatte, nach Frankreich zurückkehren. Sein Wettbewerbsbeitrag für eine monumentale Statue auf der Place de la République wird zwar zurückgewiesen, aber von der Stadtverwaltung für die Place de la Nation ausgewählt, wo sie heute steht. Dalou erhält nun weitere bedeutsame Aufträge, unter anderem für die beiden « politischen Grabmäler »  von Victor Noir und Blanqui auf dem Père-Lachaise. 1902 stirbt Dalou, er ist auf dem  Friedhof Montparnasse begraben.

  1. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort

Victor Noir war kein Communarde, konnte es auch nicht sein, denn er wurde schon vorher, am 11. Januar 1870, ermordet. Trotzdem gehört sein Gab (Commune- Plan der Mairie de Paris Nummer 17) zu den unverzichtbaren Stationen eines Commune-Rundgangs auf dem Père-Lachaise, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Umstände seines Todes und der darauf folgenden politischen Konsequenzen (9a):

Noir war Journalist und hatte den Auftrag, als Sekundant eines Zeitungsverlegers die Modalitäten von dessen geplantem Duell mit Prinz Pierre Napoleon Bonaparte, einem Verwandten Napoleons und des damaligen Kaisers Napoleon III. auszuhandeln. Dabei kam es zum Streit und Victor Noir wurde von Pierre Napoleon erschossen. An dem Begräbnis nahmen über 100 000 Menschen teil.  Auf dem Commune-Plan der Mairie ist (wohl etwas übertrieben) von 200 000 zum Aufruhr entschlossenen Parisern die Rede: Ein Vorbote der Commune.[10] Die revolutionäre Stimmung wurde noch dadurch verstärkt, dass Pierre Napoleon freigesprochen wurde, was einen Sturm öffentlicher Entrüstung gegen die ungeliebte Monarchie auslöste.

1891 wurde der zum republikanischen Symbol gewordene Leichnam Victor Noirs von Neuilly-sur-Seine, wo er zunächst begraben war, auf den  Père Lachaise umgebettet.  Der Bildhauer Jules Dalou erhielt den Aufrag, eine Grabplastik zu gestalten, die mit den  Mitteln einer öffentlichen Subskription finanziert wurde- ein Gegenmodell zur Finanzierung des Denkmals für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas aus öffentlichen Mitteln.

Dalou stellte Victor Noir in der Situation dar, als er –gerade erschossen- rücklings auf dem Boden lag: mit leicht geöffnetem Mund, im Ausgehanzug mit sichtbarem Einschussloch und auf die Seite gerolltem Zylinder.

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Auffällig sind an dem Grabmal die durch vielfache  Berührungen von der Patina ausgenommenen glänzenden Stellen der Bronze-Plastik am Gesicht, an den Füßen und vor allem an der unter der Hose deutlich zu erkennenden Schwellung des Geschlechtsorgans. „Nur der große Zeh des heiligen Petrus im Petersdom glänzt genauso schön durch all die Küsse und all das Gestreichel“, wie Cees Nooteboom schreibt, für den das Grab des Victor Noir das schönste auf dem Père Lachaise ist. (10a)  Der Grund für die glänzenden Stellen:  „La légende veut qu’en frottant le gisant, surtout à l’endroit de son sexe, on retrouve la fécondité ou la virilité.[11]„Tausende von Mädchenhänden und Frauenmündern müssen“ -so noch einmal Nooteboom- hier am Werk gewesen sein, bei dieser letzten Fruchtbarkeitsfigur der westlichen Welt.“

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So wurde seit Ende der 1960-er Jahre das Grabmal von einem politischen Manifest zu einem Symbol der Fruchtbarkeit und zu einem Wallfahrtsort für „sexual worship“, wie es Emelyanova-Griva formuliert. Auch Deutsche haben dazu in gewisser Weise einen  Beitrag geleistet: War das Grab zunächst von einer bronzenen Kette umgeben, wurde diese während der occupation an die Deutschen ausgeliefert: Kanonen statt Kunst.[12] Damit war der Weg frei…  Inzwischen gehört das Grabmal zu den  Kultstätten des Père-Lachaise wie die Gräber von Héloïse und Abelard, Jim Morrison, Oskar Wilde oder wie das immer blumengeschmückte Grab von Allan Kardec, dem französischen Spiritisten, dessen Büste zu berühren angeblich Wünsche wahrwerden lässt….

(92. Division, Nr. 17 auf dem Commune-Plan der Mairie)

 

  1. Grabmal von Eugène Pottier, dem Autor der „Internationale“

(96. Division, Nr. 20 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris)

Das Grabmal Eugène Pottiers ist ein aufgeschlagenes Buch.

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Die Aufschrift auf der linken Buchseite (vom Betrachter aus gesehen):
Au Chansonnier
EUGÈNE POTTIER
MEMBRE DE LA COMMUNE
DE PARIS
1816 – 1871 – 1887
SES AMIS & ADMIRATEURS
– 1905 –

Pottier, der schon an der Revolution von 1848 teilgenommen hatte, engagierte sich 1871 in der Commune und nahm an den Kämpfen der Semaine sanglante teil. Nach der Niederschlagung der Commune konnte er nach Großbritannien fliehen, dann in die USA. 1873 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte –wie viele andere Kommunarden- infolge der Amnestie von 1879 nach Paris zurückkehren, wo er 1887 starb.

Die Aufschrift auf der rechten Buchseite:

L’Insurgé.
Jean Misère.
La Toile d’Araignée.
Ce que dit le Pain.
La mort d’un Globe.
L’internationale.

Den Text des ersten auf der rechten Buchseite aufgeführten Liedes hat Pottier zu Beginn der 1880-er Jahre zu Ehren Blanquis und der Kommunarden geschrieben- der Titel ist von dem autobiographischen Roman von Jules Vallès übernommen.

Der Text der „Internationale“ stammt aus den Tagen unmittelbar nach der gewaltsamen Niederschlagung der Pariser Commune. Er bezog sich auf die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), den ersten übernationalen Zusammenschluss von verschiedenen, politisch divergierenden Gruppen der Arbeiterbewegung, der 1864 von Karl Marx  initiiert worden war.

Der ursprüngliche französische Text hat sechs Strophen. Die bekannteste und bis heute verbreitete deutschsprachige Nachdichtung schuf Emil Luckard  1910. Seine Version ist an den französischen Originaltext lediglich angelehnt und beschränkt sich auf die sinngemäße, dabei in der Radikalität etwas abgeschwächte und romantisierte Übersetzung der ersten drei Strophen des französischen Liedes.[13]

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

die stets man noch zum Hungern zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht. 😐

Es rettet uns kein höh’res Wesen,

kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!

Leeres Wort: des Armen Rechte,

Leeres Wort: des Reichen Pflicht!

Unmündig nennt man uns und Knechte,

duldet die Schmach nun länger nicht!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.

  1. Le mur des fédérés – die Mauer der erschossenen Kommunarden

Höhepunkt (auch im topographischen Sinn des Wortes)  eines Rundgangs über den Père-Lachaise auf den  Spuren der Commune ist natürlich le Mur des fédérés in der nord-östlichen Ecke des Friedhofs. Am 28. Mai 1871 wurden an dieser Stelle 147 Kommunarden erschossen, die in die Hände der Versaillais gefallen waren. Sie wurden in einem Massengrab verscharrt ebemso wie weitere Kämpfer der Commune, die auf dem Père Lachaise oder schon vorher im Laufe der semaine sanglante getötet worden waren.[14]

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Zeichnung von Alfred Darjou (1832-1874) im Musée Carnavalet in Paris

Wie sehr das brutale Vorgehen der Versaillais in der semaine sanglante viele Zeitgenossen aufwühlte und empörte, wird auch am Beispiel des Malers Edouard Manet deutlich. Edouard Manet hat zwei Lithographien zum Thema Commune angefertigt. Die Lithographie, „Guerre civile“, zeigt einen toten Nationalgardisten bzw. Kommunarden. Der Bezug zu Manets berühmtem Bild des toten Torreros von 1864/65 ist offenkundig. Während aber der im Stierkampf getötete Torero ein rotes Tuch in der Hand hat, ist es bei dem getöteten Kommunarden  ein weißes Tuch: Manet will hier wohl das brutale, rücksichtslose Vorgehen der Versailler Truppen veranschaulichen.

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Eine zweite Lithographie zeigt die Erschießung von Kommunarden, wie sie am Ende der semaine sanglante auf dem  Père-Lachaise stattgefunden hat.  Dabei stand eines der berühmtesten Bilder Manets Pate, nämlich die Erschießung des mexikanischen Kaisers Maximilian.  Manet hat also zwei seiner erfolgreichsten Bilder zum Ausgangspunkt genommen, den Toten der Commune ein Denkmal zu setzen.

Der Platz an der Friedhofsmauer entwickelte sich, trotz aller Verbote, zu einem Wallfahrtsort von Sozialisten aus aller Welt. 1908 wurde für die getöteten Fédérés eine große Erinnerungstafel an die Opfer der „Semaine sanglante“ angebracht. Das Original befindet sich übrigens in den Räumen der Amis de la Commune auf der Butte aux Cailles.

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Jedes Jahr findet seit 1880 am letzten Maiwochenende ein großer Demonstrationszug statt- die sogenannte Montée au Mur des Fédérés, gewissermaßem  eine „pèlerinage laïque“. An ihr nehmen Menschen und Gruppen teil, die sich mit der Commune und ihrem Erbe verbunden fühlen und die darauf hoffen, dass das, was die Kommunarden vom März 1891 vergeblich anstrebten, noch erreicht werden kann: Mitglieder und Anhänger linker Parteien, Gewerkschaftler, Freimaurer.[15]

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Am 24. Mail 1936, wenige Wochen nach dem Sieg des Front Populaire, waren es 600 000 Menschen, an der Spitze die Führer der Sozialisten und Kommunisten, Léon Blum und Maurice Thorez, die an der monté au mur teilnahmen. So viele sind es heute nicht mehr und das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist heute wohl auch deutlich höher als damals: Eine eindrucksvolle Demonstration der linken Bewegungen ist die monté au mur aber nach wie vor.

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Gegenüber der Mauer der Föderierten sind mehrere Kommunarden oder für die Commune wichtige Persönlichkeiten bestattet. Auf drei dieser Gräber möchte ich besonders hinweisen:

Das Grabmal von Clément, dem Autor von „Le Temps des Cerises“

Clément war während der Commune Bürgermeister des Montmartre-Arrondissements, aber vor allem  ist er  Autor des Liedes „Le Temps des Cerises“. Es ist ein Liebeslied, schon 1866, zur Zeit Napoleons III. geschrieben und von Anfang an populär. In diesem Lied wird die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen:

Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.

Das Lied erhält in der semaine sanglante  auf tragische Weise neue Aktualität. Dem besungenen Liebeslied wird eine politische Dimension verliehen. Es wird zur Hymne der Commune und ihrer Anhänger, während der Blütezeit der Commune,  „au temps des cerises“, aber auch danach, als die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Clément unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 «à la vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

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Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine schöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum. Mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Am besten gleich anklicken! Dauert 6 Minuten:

http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Das Grabmal von Wroblewski, dem Verteidiger der Butte –aux- Cailles

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus.[16]

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Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehört zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Das Grab von Wróblewski ist –wie auch das von Chopin auf dem Père-Lachaise- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind wohl auch ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

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Das Grab von Paul Lafargue, dem  Schwiegersohn von Karl Marx und dem Autor von „Das Recht auf Faulheit“

Der Sozialist Paul Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx und Autor der 1880 erstmals erschienenen Schrift „Das Recht auf Faulheit“. Darin kritisiert er die „seltsame Arbeitssucht“ seiner Zeitgenossen. Lafargue plädiert stattdessen für eine radikale Reduktion der Lohnarbeit und damit für mehr Muße und Zeit für selbstbestimmte Tätigkeit. Damit knüpft er an den frühen Marx an, der eine Gesellschaft entwarf, die es dem Individuum ermöglichen sollte, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Solche Ideen wurden später –auch von Sozialisten- als romantischer Utopismus diffamiert und dagegen das Recht auf Arbeit oder gar ein puritanischer Laborismus proklamiert. Lafargues marxistische Apologie des Nichtstuns ist aber immer noch aktuell, stellt er doch die einfache Frage, warum Menschen immer mehr arbeiten sollen, auch wenn ihre Arbeitsleistung durch den ständigen Produktivitätsfortschritt immer größer werde.[17]

In Bordeaux, wo Lafargue 1870 mit seiner Frau lebte, verbreitete er die Ideen der Commune. Nach einem kurzen Besuch in Paris im April 1871 schrieb er begeistert an Karl Marx: „Paris devient invincible“. 1911, im Alter von 69 Jahren, wählte Paul Lafargue zusammen mit seiner Frau den Freitod: Jetzt sei er noch gesund an Geist und Körper, und er wolle nicht erleben, dass das Alter seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten und seinen Willen zerstöre. Fast 20 000 Menschen sind bei der Bestattung auf dem Père – Lachaise zugegen. Die Rede auf den Verstorbenen hält Jean Jaurès.[18]

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Für den Weg zurück bietet sich der Chemin des Chèvres (zwischen der 19. und der 30.und 18. Division und den Chemin Talma (zwischen der 11. und 12. Division)  an. Dieser Weg ist malerisch eingebettet in den Hügel, der zum neueren (rechtwinklig angelegten) Teil des Père-Lachaise hinauf führt. Eine ganze Reihe schöner Art-Déco-Gräber gibt es hier, ebenso wie das spektakuläre Grabmal der russischen  Aristokratin Elisabeth Demidoff.

  1. Das Mausoleum von Thiers (rechts neben der Friedhofskapelle, 55. Division)

Das Mausoleum des 1877 verstorbenen Adolphe Thiers ist leider nicht im Commune-Rundgang der Marie de Paris enthalten. Ich finde das äußerst bedauerlich, weil es, ebenso wie das anschließend betrachtete Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas in sehr eindrucksvoller Weise den Triumph über die verhasste Commune zum Ausdruck bringen. Damit gehören sie meines Erachtens unbedingt zu einem entsprechend thematisch orientierten Rundgang über den Père-Lachaise. Zu übersehen ist das Mausoleum von Thiers ja kaum – es ist „une colossale chapelle“ direkt neben der zentralen Friedhofskapelle.[19] Thiers ist hier mit seiner Frau, Élise Dosne, und seinen beiden Geliebten, der Mutter und der Schwester von Élise [20], bestattet.

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Wie beim Monument für die beiden Generäle Lecomte und Clément-Thomas, das wir uns anschließend ansehen,  ist die christliche Symbolik sehr deutlich: das doppelte verschränkte D steht für Deo Domino, den Dank an Gott, den Herrn- das T natürlich für Thiers.   Thiers war ein entschiedener Freund der katholischen Kirche und ihres Einflusses auf das Bildungswesen. Paul Lafargue, dessen Grab auf dem Père-Lachaise schon besucht wurde, zitiert in seiner Schrift „Das Recht auf Faulheit“ eine Erklärung von Thiers vor einem Parlamentsausschuss aus dem Jahr 1849. Darin spricht sich Thiers dafür aus, dass die gesamte Erziehung im Grundschulbereich von der katholischen Kirche übernommen werden solle. Er, Thiers rechne darauf, dass der Klerus „die gute Philosophie“ propagiere, nach der der Mensch zum Leiden geboren sei.[21]  Auch insofern war Thiers  also ein entschiedener Gegner der laizistischen Commune. Vor allem aber war er der Hauptverantwortliche für  das Gemetzel der Versailler Truppen in der semaine sanglante. Thiers gab den Befehl, den Aufstand der Commune mit größter Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit niederzuschlagen.

Auf seinem Grabmal allerdings wird er als Staatsmann gepriesen, der das Vaterland liebte und die Wahrheit verehrte …

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Wie verhasst Thiers bei den Communarden und ihren Anhängern war,  wird auch daran deutlich, dass das noble Hôtel Dosne-Thiers an der Place St Georges, das die reiche Élise in die Ehe einbrachte, eines der symbolträchtigen Gebäude war, das die Commune auf ihrem Rückzug in den Osten  von Paris in Brand setzte. Anlässlich des 100. Jahrestages der Commune 1971 wurde das Grabmal, Symbol des Sieges  der bourgeoisen Republik“ über die“soziale Republik“  stark beschädigt und es soll auch schon öfters mit „inscriptions vengeresses“ wie „Assassin du peuple“ versehen worden sein.[22]  Inzwischen erstrahlt es aber wieder im alten Glanz und man kann, wenn man es betrachtet, an den schönen Satz denken, den Victor Hugo ausgerufen haben soll, als er an dem Grabmal vorbeikam: „Un si grand monument pour un homme aussi petit!“ [23] – eine Anspielung sicherlich nicht nur auf die geringe körperliche Größe von Adolphe Thiers, den Marx als „Zwergmissgeburt“ verhöhnte.

(neben der Kapelle, 55. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris  nicht berücksichtigt)

  1. Grabmal für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas

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An ebenso prominentem Ort wie das Mausoleum von Thiers und ebenso auffällig präsentiert sich  auf der Nordseite der zentralen Avenue Principale und  kurz vor dem Monument aux morts  ein merkwürdiges Grabmal: Im Zentrum steht eine mächtige Marianne. Trotz entblößter rechter Brust entspricht sie so ganz und gar nicht dem gewohnten Idealbild einer attraktiven Marianne, sondern erinnert eher an manche Darstellungen der wehrhaften Germania aus dem 19. Jahrhundert.

Der Lorbeerkranz in der Hand Mariannes steht für den Triumph der Republik über die verhasste Commune. Sie wird durch eine mehrköpfige Schlange symbolisiert, die von Marianne zertreten wird.

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Oben ist das Grabmal mit einem großen Kreuz dekoriert, womit deutlich gemacht wird, dass die von der Commune verfügte Trennung von Kirche und Staat wieder aufgehoben ist- auch in diesem Punkt war die Commune übrigens ihrer Zeit voraus, denn die strikte Trennung von Kirche und Staat gehört ja seit 1905 zu den fundamentalen Prinzipien der französischen Republik.

Es handelt sich hier um das Grabmal der beiden  Generäle Lecomte und Clément-Thomas, deren Geschichte zu erzählen sich lohnt, denn ihr Tod markiert den Beginn der Commune, deren Entstehung untrennbar verbunden ist mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71[24]. Nach dem Sturz des schmählich in Sedan besiegten und kapitulierenden Napoleon III.  war die  im Februar 1871 gewählte und provisorisch in Bordeaux installierte Nationalversammlung bereit, sich den preußischen Friedensbedingungen zu unterwerfen und dem am 28. Februar 1871 zwischen der provisorischen Regierung der Republik unter Adolphe Thiers und dem Deutschen Reich abgeschlossenen Vorfrieden von Versailles zuzustimmen.  Die mehrheitlich republikanische bzw. sozialistische Bevölkerung von Paris war nicht bereit, diese Schmach hinzunehmen, zumal angesichts der preußischen Provokation einer Militärparade auf den Champs-Elysées und rund um den Arc de Triomphe. Immerhin standen in Paris fast 180 000 Nationalgardisten unter Waffen, Freiwilligenverbände, die vorwiegend aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft stammten.[25] Und in Belleville und Montmartre standen 227 Kanonen, die durch eine Subskription der Bevölkerung finanziert und vor den preußischen Truppen in Sicherheit gebracht worden waren. Der Konflikt zwischen Paris und der Nationalversammlung eskalierte, als am 10. März 1871 die Nationalversammlung  einem möglichen „Druck der Straße“  vorbeugen wollte und ihren Umzug nach Versailles beschloss. Dazu beschloss die Nationalversammlung eine Reihe diskriminierender Maßnahmen gegen die Nationalgarde, deren Bataillione sich zu den „fédérés“ zusammenschlossen. Zum Eklat kam es, als Adolphe Thiers, der „chef du pouvoir exécutif de la République française“, am 18. März den General Lecomte beauftragte, sich der Kanonen von Montmartre zu bemächtigen. Das Vorhaben scheiterte aber völlig. Gerade noch rechtzeitig schlägt Louise Michel, die „louve rouge“ der Commune, Alarm.  Die Nationalgardisten und die Bevölkerung von Montmartre  verteidigen „ihre“ Kanonen. Ein Teil der Versailler Truppen verweigert den Befehl, auf die eigenen Landsleute zu schießen und fraternisiert mit den Verteidigern. General Lecomte wird von den Aufständischen gefangen genommen. Am gleichen Tag wird auch der General Clément-Thomas von aufständischen Parisern festgesetzt.  der bei der Niederschlagung der Revolution von 1848 „eine der niederträchtigsten Henkerrollen“ übernommen hatte, wie es Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ ausdrückte. Mit beiden Generälen wird kurzer Prozess gemacht und sie werden –unter dem Beifall einer „entfesselten Meute“ (Promenades, S. 132) von ihren eigenen Leuten erschossen, auch wenn der  Bürgermeister von Montmartre, der junge Clemenceau, vergeblich versucht das zu verhindern.  Die Gegenrevolution hat nun ihre Märtyrer und Adolphe Thiers seine Legitimation, das aufsässige Paris, die Commune also –mit freundlicher Unterstützung der preußischen Truppen- zu belagern  und dann zu erobern und blutige Rache zu nehmen.

Die Generäle Lecomte und Clément-Thomas erhalten auf dem Père-Lachaise eine kostenlose Grab-Konzession an einem zentralen Platz des Friedhofs und mit einer souscription nationale wird für sie das imposante und triumphale Grabmal errichtet.  Und in Montmartre, wo sie beiden Generäle erschossen wurden (in der heutigen Rue du Chevalier de la Barre) und wo die Kanonen der Nationalgarde stationiert waren, wird  als Zeichen der Sühne für die „horreurs de la Commune“ die Basilique Sacré- Coeur errichtet und der Bau wird auf Beschluss der Nationalversammlung mit staatlichen Mitteln gefördert.[26] Es ist -wie das Grabmal auf dem Père-Lachaise- ein ostentativer gegenrevolutionärer Akt.

Dazu passt die Darstellung der Commue als mehrköpfige Schlage: Für die Dritte Republik waren die Kommunarden ja nichts anderes als „criminels“,  „eine Handvoll von Fanatikern und Spitzbuben“, die Paris zum „Sammelpunkt der Perversitäten der ganzen Welt“ machten- so Jules Favre, der für die Versailler Regierung die Bedingungen des Friedens von Frankfurt mit Bismarck verhandelte.

(Avenue Latérale du Nord, 57. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris nicht berücksichtigt).

 

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen  Friedhofsmauer des Père- Lachaise und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ von  Maximilien Luce im Musée d’Orsay

Das letzte Wort soll aber nicht die triumphierende Gegenrevolution haben! Sondern das Gedenken an die vielfachen  Opfer der Commune. Für sie gibt es ein eindrucksvolles Denkmal auf der anderen Seite des Père- Lachaise, an der äußeren Friedhofsmauer am Square Samuel de Champlain, zwischen den Métro-Stationen Gambetta und Père- Lachaise.

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Georg Stefan Troller weist in „Paris geheim“, auf dieses Denkmal hin  – und das ist auch wirklich der angemessene Platz, denn in unseren anderen Reiseführern  ist dieses Denkmal nicht erwähnt. Schade, denn es handelt sich wirklich um „ein ergreifendes Denkmal“, aus dem Jahr 1909: „Aus der Mauer kaum hervortretend wie Gespenster: ein Arbeiter, ein Pfarrer, ein Soldat, eine Mutter mit Kind. Rundherum Einschüsse. Errichtet aus demselben Stein, gegen den die letzten Kommunarden 1871 … füsiliert wurden.“[27]

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„Das, was wir von der Zukunft fordern, und das, was wir von der Zukunft wollen, ist Gerechtigkeit, es ist nicht  Rache“. Victor Hugo

Maximilien Luce: Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune

Bei früheren Besuchen im Musée d’Orsay war mir dieses Biild noch nicht aufgefallen. Erst als ich mich etwas näher mit der Pariser Commune beschäftigte, entdeckte ich : „Une rue de Paris en mai 1871 ou La Commune“ von Maximilien Luce.[28]  Luce war zusammen mit Seurat und Signac „Gründer“ des Neo-Impressionismus. 1894 wurde er als „gefährlicher Anarchist“ verurteilt und ging nach Belgien ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er Präsident der Gesellschaft unabhängiger Künstler, trat aber 1940 –ein Jahr vor seinem Tod- aus Protest gegen die Diskriminierung jüdischer Künstler durch die Vichy-Regierung zurück. Ein bewegtes Leben also und ein eindrucksvolles, zwischen 1903 und 1906 gemaltes Bild.

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Die Toten sind an den roten Hosen-Litzen als Nationalgardisten, also Communarden, zu identifizieren. Dass auch eine Frau dabei ist, weist auf den großen Anteil hin, den Frauen an der Verteidigung von Paris gegen die anrückenden Truppen hatten. Rechts unten sieht man noch einige Pflastersteine, die offenbar für den Bau einer Barrikade bestimmt waren. Die ist aber nicht gezeigt, der Kampf ist vorbei, man sieht nur die tote Stadt und  die Gefallenen- einige der über 20.000, die in der „Semaine sanglante“ dem Wüten der Versailler Truppen zum Opfer fielen. Am 29. Mai telegraphiert Ministerpräsident Thiers, der „Schlächter der Commune“, triumphierend an die Präfekten: „Der Boden ist bedeckt mit ihren Leichen. Dieses schreckliche Schauspiel wird eine Lehre sein“. Luce erinnert an dieses „spectacle affreux“, aber nicht im obszönen Gestus des Triumphators, sondern im Mitgefühl mit den Opfern und den Verlust veranschaulichend, den die Niederschlagung der Commune für die Stadt Paris bedeutete.

Praktische Informationen:

Einen kostenlosen Übersichtsplan mit dem Verzeichnis der am  meisten besuchten Gräber  gibt es kostenlos bei der Friedhofsverwaltung (vom Haupteingang –porte principale am Boulevard de  Ménilmontant-  leicht erreichbar über die Avenue Principale, dann rechts abbiegen in die Avenue du Puits. Es gibt den Plan auch im Internet unter:

https://api-site.paJuleis.fr/images/142836.pdf[29]

Im Allgemeinen nur im Internet gibt es auch einen speziellen Plan der Mairie  de Paris zum Père Lachaise als „haut lieu de la Commune“: https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

Öffnungszeiten:

Vom 6. November bis 15. März:

  • Mo bis Fr: 8 h bis 17.30 h
  • Sa: 8.30 bis 17.30h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Vom 16. März bis 5. November:

  • Mo bis Fr: 8h bis 18h
  • Sa: 8.30h bis 18h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Zum Weiterlesen:

Les Amis de la Commune de Paris 1871: Histoire de la Commune de Paris. 18 mars- 28 mai 1871 und weitere Broschüren über die Commune (Rolle der Frauen, der Ausländer, der Kunst, der Erziehung etc)

Braire,  Jean: Sur les traces des communards. Guide de la commune dans le Paris d’aujourd’hui

Courbet et la Commune. Katalog der Ausstellung im musée d’Orsay vom 13.3.-11.6.2000. Hrsg. von der Réunion des musées nationaux. Paris 2000

Lissagaray, Prosper: Geschichte der Commune von 1871. Unveränderter Nachdruck der deutschen Übersetzung von 1877. Edition suhrkamp 577. FFM 1971

Philip Nord: Les Impressionistes et la politique. 2009

La mairie du 11e; La Commune, à l’assaut du ciel. Histoire, lieux de mémoire et  figures de la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. (Mai 2011)

Karl Marx (als Polemiker in Hochform): Bürgerkrieg in Frankreich: http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm

Rebérioux, Madeleine,  Le Mur des Fédérés : Rouge, “sang craché” . In: Nora (Hrsg): , Les Lieux de mémoire, vol. 1 : La République, Paris, Gallimard

Thoraval, Anne: La Commune de Paris. In: Promenades sur les lieux de l’histoire. Paris 2004, S. 124-139

Troller, Georg Stefan: Paris geheim. Artemis und Winkler Sachbuch 2008

Jules Vallès:  L’insurgé (3. Band einer autobiographischen Roman-Trilogie) Taschenbuch folio classique

Watkins, Peter: La Commune (Paris 1871). (Schwarz-Weiß-Film,  franz/engl. DVD)

Das Pariser Stadtmuseum Carnavalet ist für die Commune weniger ergiebig. Umso mehr das musée d’art et histoire in Saint-Denis. www.musee-saint-denis.fr   Métro Linie 13 Richtung Saint-Denis-Université. Station Porte de Paris, Ausgang 4

Zum 150. Jahrestag der Commune 2021 gibt es natürlich zahlreiche Publikationen und Sendungen: 

Zum Beispiel eine vierteilige Reihe in France Culture:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-cours-de-lhistoire/la-commune-150-ans-14-la-commune-un-chantier-transnational

 Anmerkungen

[1] Es war nicht nur Karl Marx, der den Begriff „Bürrgerkrieg“ für die Commune verwendete. Z.B. gibt es eine eindrucksvolle Lithographie von Edouard Manet zur Commune mit dem Titel „guerre civile“:  https://www.histoire-image.org/etudes/repression-commune

[2] Zu den Gefängnissen der Grande und der Petite Roquette und zur dort stationierten Guillotine siehe den Blog-Beitrag: Wohnen auf historischem Boden:  La Grande et la Petite Roquette in der Rubrik Geschichte oder Wir in Paris.

[3] Zum Hôtel de Salm siehe auch den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Charles_Delescluze

Bei Lissagary liest sich das so: „Delescluze setzte allein seinen Weg fort. Hier das Schauspiel, wie wir es mit angesehen  haben; möge es der Erinnerung erhalten bleiben! Der alte Geächtete schritt, ohne sich umzusehen, ob ihm Jemand folge, gleichmäßig weiter. Er war das einzige leende Wesen auf der Chaussée. Als er an der Barrikade angekommen war, wendete er sich nach links und erstieg die Pflastersteine. Zum letztenmale  erblickten wir dieses ernste, vom weißen Barte umrahmte Gesicht, das  dem  Tode zugewandt war. Plötzlich verschwand Delescluze. Er war wie vom Blitzstrahl getroffen auf dem Platze von Château d’Eau gefalllen.“ Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S.342

[5] Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S. 356

[6] https://www.histoire-image.org/etudes/pere-lachaise-derniers-combats-commune  Hierbei handelt es sich übrigens um eine ganz hervorragende Fundgrube: Bildmaterial zur französischen Geschichte wird vorgestellt und interpretiert.

[7] https://www.histoire-image.org/etudes/armand-barbes-prisonnier-mont-saint-michel-1839-1843

https://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui . Hier findet sich übrigens die falsche Information, Blanqui sei  „nach der blutigen Niederschlagung der Kommune …. erneut ins Gefängnis“ gekommen. Dort befand er sich schon vorher.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

zum Mont-Saint-Michel als Staatsgefängnis: http://images.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fsites%2Fdefault%2Ftil1_luce_001f.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fetudes%2Fecrasement-commune&h=931&w=1400&tbnid=GOTA9-INsTCKLM%3A&docid=lUfYslQKMJUoaM&ei=aA6nV9SzJ-yRgAavnLr4Dw&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=953&page=1&start=0&ndsp=15&ved=0ahUKEwjUh_Gcja_OAhXsCMAKHS-ODv8QMwgcKAAwAA&bih=623&biw=1366

[8] siehe dazu den Blog-Text: Wohnen auf historischem Boden: La Grande et la Petite Roquette. (Rubriken Geschichte und Wir in Paris

[9] http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=231

(9a) Ausführlich zu zum Grabmal und seinen geschichtlichen Hintergründen: Michel Dansel, Les lieux de culte au cimetière de Père Lachaise. Paris 1999, S. 172-186

[10] „Le 10 janvier 1870, ses funéraillles réunirent deux cent mille Parisiens, décidés à l’emeute, signe avant-coureur de la Commune.“  https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf   Allerdings stimmt das Datum nicht: Noir wurde ja am 11. Januar erschossen und die Beerdigung fand am 12. Januar statt.

(10a) Cees Nooteboom, Eine Totenglocke läutet. In: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, FFM 1999, S. 97/98. Dort auch das nachfolgende Zitat von Nooteboom

[11] Sehr lesenswert:  Marina Emelyanova-Griva, La tombe de Victor Noir au cimetière de Père-Lachaise. In: Archives de sciences sociales des réligions, 149, 2010. https://assr.revues.org/21870?lang=en  Auf der Internetseite von „Herodot“ ist das etwas kryptisch formuliert: „On dit que des jeunes filles et des femmes en mal d’amour viennent sur la tombe de Victor Noir caresser certaine protubérance de son gisant dans l’espoir qu’elle leur portera chance.“ https://www.herodote.net/tombes6.php

[12] Ein ähnliches Schicksal erlitten in Paris auch zahlreiche andere Kunstwerke aus Bronze: so wurde ein Teil des  „Triomphe de la République“ von Dalou (s.u.) ausgeliefert, ebenso die Statue von Baudin im Faubourg Saint-Antoine (siehe Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel  der Revolutionäre.  Rubrik Stadtviertel Paris, 11. Arrondissement)

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale

[14] Ici, au pied du mur qui porte leur nom, furent inhumés les “fédérés” retranchn:és dans le cimetière le 27 mai 1871 et tués lors de cet ultime combat. Le 28 mai, au cours de la répression, 147 fédérés y sont exécutés et ensevelis à la hâte. Dans les jours suivants, de nombreux corps provenant des prisons parisiennes ou des dernières barricades sont également mis en terre en bordure de ce mur.“ (Aus dem Plan der Mairie de Paris)

[15] Franck Frégosi: La „montée“ au Mur des Fédérés  du Père-Lachaise. Pèlerinage laïque partisan. In:  Archives des sciences sociales des religions, No  155,  2011  https://assr.revues.org/23359

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Walery_Antoni_Wr%C3%B3blewski

https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_la_Butte-aux-Cailles

[17] http://www.zeit.de/1967/03/lob-der-faulheit

http://www.laika-verlag.de/mbp/stephan-lessenich-zu-paul-lafargue-das-recht-auf-faulheit

[18] « Sain de corps et d’esprit, je me tue avant que l’impitoyable vieillesse (…) me dépouille de mes forces physiques et intellectuelles, ne paralyse mon énergie et ne brise ma volonté (…) »  Zitiert in: http://www.humanite.fr/tribunes/paul-lafargue-1842-1911-pas-de-dieu-mais-un-maitre%E2%80%A6-46-479033

[19]https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

[20] http://www.lepoint.fr/societe/plus-fort-que-hollande-le-president-thiers-et-ses-trois-femmes-02-05-2015-1925729_23.php#xtor=RSS-221

[21] Text von Paul Lafargue: http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Originalversion der Stellungnahme von Thiers: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Droit_%C3%A0_la_paresse : „ Je suis prêt à donner au clergé tout l’enseignement primaire. Je demande formellement autre chose que ces instituteurs laïques, dont un trop grand nombre sont détestables ; je veux des Frères, bien qu’autrefois j’aie pu être en défiance contre eux ; je veux rendre toute-puissante l’influence du clergé ; je demande que l’action du curé soit forte, beaucoup plus forte qu’elle ne l’est, parce que je compte beaucoup sur lui pour propager cette bonne philosophie qui apprend à l’homme qu’il est ici pour souffrir.“

[22] Michel Ragon, L’espace de la mort. Essai sur l’architecture, la décoration et l’urbanisme funéraires. Albin Michel 1981

https://books.google.de/books/about/L_Espace_de_la_mort.html?id=a9ZY3Kv0jtYC&redir_esc=y

[23] https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

Zum „Sündenregister“  von Thiers gehört –aus deutscher Sicht- unbedingt seine treibende Rolle in der Rheinkrise von 1840, als die französische Regierung forderte, den  Rhein  (in seiner ganzen Länge) zur deutsch-französischen Grenze zu machen- ein wichtiger Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalismus und der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeinschaft“.  Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in Frankreich sehr häufig und sicherlich ganz naiv von Deutschland als „outre Rhin“- also dem Land jenseits des Rheins gesprochen wird.

[24] „C’est le début de l’insurrection que l’on appellera la Commune“. http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=373

[25] Eine Parallele zur Fortsetzung des Widerstands durch de Gaulle 1940 bietet sich da natürlich an, so z.B. in einer Rede vor der mur des fédérés aus dem Jahr 2007:

La Commune est donc un acte de résistance sociale et patriotique, (…) c’est le peuple en armes qui a mis en déroute les monarchies coalisées contre la révolution. C’est le peuple de Paris qui a voulu continuer le combat plutôt que de pactiser avec l’occupant, c’est le peuple de l’ombre qui a choisi la Résistance, et ce furent les anonymes, les sans-grades qui rejoignirent de Gaulle à Londres“. Zit von Frégosi:  https://assr.revues.org/23359

[26] http://www.paris-tourisme.com/monuments/sacrecoeur/index.html

[27] Troller, S. 295

[28] https://www.histoire-image.org/sites/default/til1_luce_001f.jpg

[29] Bilder und Infos zu  bedeutenden  Gräbern:  http://www.linternaute.com/sortir/monument/cimetiere-pere-lachaise/

Hinweis: 

Dieser Blog-Beitrag wurde von der Internet-Seite Europa verbinden  ( https://europaverbinden.de/)  übernommen und ins Internet eingestellt, was mich natürlich sehr freut.

https://europaverbinden.de/wp-content/uploads/W.J.-Brgerkrieg-in-Frankreich.-Der-P%C2%BFre-Lachaise-ein-Erinnerungsort-der-Commune.pdf

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise und zur Commune:

Chinatown in Paris (3., 8., 13. und 20. Arrondissement)

Gegenstand dieses Beitrags ist die chinesische „community“ in Paris. Sie ist von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihren Wohnvierteln  äußerst vielfältig. Chinesen, zu denen  auch Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien in Südostasien gezählt werden, trifft man vor allem im 3., 13. und 20. Arrondissement an. Besonders sichtbar ist ihre Präsenz bei den Feiern zum chinesischen Neujahrsfest. Aber auch sonst lohnt es sich, Streifzüge durch die chinesischen quartiers zu unternehmen. Dazu will der nachfolgende Beitrag einige Hintergrundinformationen geben und anregen.

Chinatown in Paris? Das mag ziemlich merkwürdig erscheinen. Dass es chinesische Viertel in London, San Francisco oder New York gibt, ist ja bekannt, aber in Paris?

In der Tat: Wenn man den aktuellen Michelin-Führer von Paris (Erscheinungsjahr 2010) aufschlägt und im Stichwortverzeichnis nachschlägt: Fehlanzeige; und bei Ulrich Wickert, der einem immerhin „Alles über Paris“ mitzuteilen verheißt, desgleichen. Dafür gibt’s bei unserem alten „Guide du Routard“ von 1985 das Stichwort „Chinatown“- allerdings in Anführungszeichen. Und einer der 15 soziologischen Stadtrundgänge, die die renommierten Pariser Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorschlagen (Paris 2009), hat die Schlagzeile:  Chinatown- ganz ohne Anführungsstriche, so wie ja auch in dem nachfolgenden Bild eines chinesischen Supermarkts.

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Also gibt es doch eine Chinatown in Paris, die allerdings, wenn man etwas genauer hinsieht, doch keine „richtige“ Chinatown ist: Denn das, was mit diesem Begriff bezeichnet wird, ist keine Stadt der Chinesen, sondern ein Stadtviertel, in dem viele Asiaten leben: Vietnamesen, Laoten, Kambodschaner, darunter und dazu allerdings auch viele, die aus China stammen. Und es gibt neben dem asiatischen Viertel im 13. Arrondissement, das mit dem Begriff „Chinatown“ gemeint ist, auch einen kleinen chinesischen Bezirk im 3. Arrondissement und selbstverständlich – und wohl am besten bekannt- die Chinesen in Belleville[1]. Und das ist noch nicht alles….

Insgesamt in der Tat  „une communauté multiple[2], was ihre Geschichte, ihre Herkunft und ihre bevorzugten Wohnorte in Paris angeht.

Ich versuche es mal –wie es sich als Historiker gehört- schön der Reihe nach.

Eine kleine chinesische Präsenz gab es in Paris schon seit dem 17. Jahrhundert: Der erste chinesische Student soll dem Sonnenkönig einige chinesische Schriftzeichen und den Gebrauch der Stäbchen beim Essen beigebracht haben. Um 1850 lebten etwa 50 Chinesen in Paris und das erste chinesische Restaurant wurde  eröffnet. Die Weltausstellung von 1900 trug dazu bei, das Interesse an chinesischen Produkten und der chinesischen Küche zu erweitern. Die erste nennenswerte Anzahl von Chinesen kam seit 1912 nach Frankreich. Damals  wurde nämlich zwischen der französischen und der chinesischen Regierung ein Vertrag abgeschlossen, der es jungen Chinesen ermöglichen sollte, in Frankreich kostengünstig ausgebildet zu werden. „Travail et Etudes en France“ hieß das Programm- sozusagen ein Vorläufer der bei heutigen Jugendlichen so beliebten aktuellen „travel and work“-Programme. Die meisten der etwa 2000 „étudiants-ouvriers“ kamen allerdings erst nach dem 1. Weltkrieg. Einer dieser Studenten war der spätere chinesische Ministerpräsident Tschu-En-lai, der zwischen 1922 und 1924 bei Renault in Billancourt arbeitete und in der rue Godefroy Nr. 17 im 13. Arrondissement wohnte- im gleichen Haus, in dem 1922 die französische Sektion der Kommunistischen Partei Chinas gegründet wurde. Tschu-en-lai war Führer des europäischen Zweigs der chinesischen Kommunisten und Mitglied der Gruppe der chinesischen Jungsozialisten von Paris, zu der übrigens auch ein weiterer, später prominenter „travailleur étudiant“ gehörte. [3]

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„Chou en lai 1898-1976 wohnte während seines Aufenthalts in Frankreich in diesem Haus“.

Kurz nachdem ich die Plakette fotografiert hatte, kam übrigens eine Frau vorbei und sah sich aufmerksam an, was ich da gerade aufgenommen hatte- möglicherweise hatte sie die Plakette noch nie beachtet).

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Angebracht wurde die Plakette übrigens 1976 bei einem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Hua Guofeng in Paris von dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der berichtet davon in seinen Erinnerungen „Le Pouvoir et la Vie“: Er habe bei dieser Gelegenheit seinem chinesischen Gast auch das Zimmer zeigen wollen, in dem Tschou gewohnt habe: „Hurlements de protestation à l’intérieur, poussées par une voix d’homme et une voix de femme, réunis dans la même indignation, et sans doute la même intimité.“ Der Betreiber des Hôtels hatte seine Zimmer offenbar stundenweise vermietet…

Eine ganz andere und viel größere Gruppe von Chinesen kam während des Ersten Weltkriegs nach Frankreich. Um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern, schloss Frankreich 1915 einen Vertrag mit der chinesischen Regierung, der die Anwerbung von maximal 200 000 chinesischen Arbeitern vorsah. Rekrutierungsbüros wurden in Peking, Shanghai, Hongkong und anderen Städten eingerichtet. Insgesamt kamen 140 000 Chinesen, vor allem aus dem südlich von Shanghai gelegenen Wenzhou, nach Frankreich. Um die Zahl der Angeworbenen zu erhöhen, wurde übrigens auch eine Methode angewendet, die auch in Deutschland zu Zeiten des Absolutismus wohlbekannt war: Junge Leute wurden betrunken gemacht, so dass sie dann einen Vertrag unterschrieben. In China nannte man das offenbar  « shanghaïser ».[4]

Bei einem Ausflug ans Meer stießen wir vor einiger Zeit zufällig in der Nähe der Somme-Mündung auf ein uns sehr merkwürdig erscheinendes Hinweisschild: „Chinesischer Friedhof“. Also kurz entschlossen abgebogen und hingefahren! Zunächst fanden wir in  einem kleinen Dörfchen –Noyelles-sur-mer-  auf dem bescheidenen Dorfplatz zwei chinesische Löwen  bzw. Wächter des Buddha.

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… und dann außerhalb des Ortes den Friedhof mit  Gräbern bzw. Erinnerungstafeln von 884 zwischen 1917 und 1919 gestorbenen chinesischen Arbeitern.

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In Noyelles gab es nämlich im 1. Weltkrieg das „Basislager“ der chinesischen Kriegs-Hilfsarbeiter und für sie speziell auch ein Lazarett. Deshalb gibt es hier den einzigen rein chinesischen Friedhof auf französischem Boden. Unterhalten wird er übrigens von den Engländern, weil die meisten der dort begrabenen Chinesen von den Briten angeworbenen waren, die wie die Franzosen einen Vertrag mit China über die Anwerbung von Arbeitskräften abgeschlossen hatten.  Die Chinesen durften/mussten keine Waffen tragen, wurden aber durchaus an der Front für schwierige Missionen eingesetzt: Bei der Aushebung von Schützengräben, der Bergung von Toten oder der Säuberung eroberten Geländes von Minen. Und als 1917 die schlimme spanische Grippe wütete, setzte man sie auch in der Krankenpflege ein. Entsprechend groß war die Zahl der Opfer.[5]

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Ein Teil der von den Franzosen angeworbenen chinesischen Arbeiter –etwa 3000-  kehrte nicht mehr nach China zurück, sondern blieb in Frankreich bzw. vor allem in Paris : Sie siedelten sich aufgrund der billigen Mieten und der verkehrsgünstigen Lage zunächst um den Gare de Lyon an und  eröffneten Geschäfte und Restaurants:  Es war die erste chinesische „Kolonie“ in Paris, die bald auch weitere Chinesen anzog. Die meisten dieser Chinesen, die im allgemeinen Analphabeten waren, verdienten ihr Geld als „Colporteurs“, das heißt sie boten als fliegende Händler auf den Märkten vor allem Lederwaren an.

Heute erinnert noch eine plaque commemorative in der Rue Chrétien du Troyes no 13 am Gare de Lyon an die chinesischen Arbeiter:

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Von 1916 bis 1918 beteiligten sich 140 000 chinesische Arbeiter in Frankreich an den Kriegsanstrengungen der Alliierten und mehrere Tausende verloren dabei ihr Leben. Nach dem Sieg ließen sich 3000 von ihnen im Bereich des Gare de Lyon nieder und bildeten die erste chinesische Gemeinde“. 

Und seit 1918 gibt es auf dem Vorplatz des Bahnhofs die Statue eines chinesischen Arbeiters, die einmal in der Umgebung des Bahnhofs wohnten. Sie ist ein Werk des chinesischen Künstlers Li Xiao und erinnert an ein wenig bekanntes Kapitel der chinesischen Präsenz in Paris. [5a]

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Heute ist davon nichts mehr zu sehen- eine Konsequenz der Sanierung des Viertels um den Gare de Lyon. Aber dafür gibt es in der Avenue Daumesnil, die am Gare de Lyon vorbeiführt, ein chinesisches Computergeschäft am anderen. Alle spezialisiert auf Laptops, deren Reparatur und entsprechendes Zubehör. In einem dieser Geschäfte war ich auch, als mein letzter Laptop seinen Geist aufgab, und ich wurde dort mit der zu erwartenden chinesischen Höflichkeit und außerdem sehr umgehend und korrekt bedient. In gewisser Weise kommt man sich da vor wie in einer mittelalterlichen Stadt mit ihren Weckmärkten, Seilergassen und Weißgerbergräben.

Auch die Soldaten und Arbeitskräfte aus dem südostasiatischen Kolonialreich, die während des ersten Weltkriegs in Frankreich eingesetzt wurden, waren nach dem allgemeinen Verständnis und Sprachgebrauch „Chinesen“. Insgesamt waren das über 40 000 sogenannte tiralleurs aus Tonking und Annam, die im Allgemeinen an die Front versetzte französische Arbeitskräfte ersetzten und wegen ihres exotischen Aussehens –nicht nur von Kindern- beäugt und bestaunt wurden.[6]

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Das Chinesenviertel im 3. Arrondissement  

Das älteste heute noch existierende Chinesenviertel ist das im 3. Arrondissement  in und um die Rue au Maire (Métro Arts et Métiers). Es waren vor allem Chinesen aus der Gegend um den Hafen von Wenzhou im Süden Chinas, die zwischen den beiden Weltkriegen nach Frankreich kamen Im 3. Arrondissement eröffneten sie kleine Geschäfte, stellten Lederwaren her und verkauften sie, vor allem in der Rue des Gravilliers. Außerdem arbeiteten sie in kleinen Textilwerkstätten, die meist jüdische Besitzer hatten. « L’expansion des Chinois dans le quartier des Arts-et-Métiers date véritablement de la seconde guerre mondiale, précise Marie Holzman. Beaucoup de Juifs ont alors été déportés par les Allemands. Dès qu’un atelier était vide, les Chinois s’installaient »[7]  1997 stellten die Chinesen im Quartier Arts et Métiers 1997 immerhin 27% der Bevölkerung![8]Ce petit Chinatown“ ist allerdings kein Touristenmagnet und nur wenige Auswärtige verirren sich in die kleinen Geschäfte und Restaurants, in denen man freundlich bedient wird – auch wenn man von den manchmal rein chinesischen Aushängen nichts versteht.

Und es gibt einen von außen gut sichtbaren buddhistischen Tempel, in dem man auch einen Tee serviert bekommt.

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Nicht versäumen sollte man es, in der Seitenstraße –Rue Volta Nr. 3- einen Blick auf den dortigen Fachwerkbau zu werfen. Das Haus galt lange als das älteste in Paris, seit 1978 wird es allerdings ins 17. Jahrhundert datiert. Eigentlich war diese Bauweise aus Feuerschutzgründen seit dem 16. Jahrhundert in Paris verboten, was aber nicht verhindern konnte, dass bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts weiter so gebaut wurde. Übrigens ist das bis  heute ein Problem in Frankreich: Kürzlich wurde in Le Monde berichtet, wie viele Gesetze in den letzten Jahren vom französischen Parlament verabschiedet wurden, die aber nicht in Kraft treten können, weil es an den notwendigen Ausführungsbestimmungen der Ministerialbürokratie fehlt.

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Unten gibt es  das Song Heng, ein kleines chinesisches/vietnamesisches Restaurant, das nach Auskunft der davor Wartenden sehr empfehlenswert ist: schnell –wenn man mal reingekommen ist- gut und preiswert!

Die Pagode des Ching Tsai Lao   (8. Arrondissement)      

Allerdings waren es nicht nur arme chinesische Arbeiter und „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Wenzhou, die sich in dieser Zeit in Paris niederließen. Paris zog auch chinesische Kaufleute an, die sich hier gute Geschäfte versprachen. Einer davon war Ching Tsai Loo. Aus einer reichen Familie von Grundbesitzern, Gelehrten und hohen Beamten stammend, gründete er 1908 eine erste Galerie chinesischer Kunst in Paris.  1928 ließ er in der Nähe der Grands Boulevards ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Wohnhaus im chinesischen Stil umbauen und verkaufte dort chinesische Antiquitäten, die er über seine Niederlassungen in Peking und Shanghai erworben hatte. Außerdem war sein Haus offen für chinesische Landsleute, unter anderem für den – auch aus „gutem Hause“ stammenden- Tschu-En-lai. Ob der kunstsinnige Großkaufmann Ching etwas von den revolutionären Aktivitäten seines Gastes wusste?

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Man traut  kaum seinen Augen, wenn man die Rue de Courcelles hochgeht und plötzlich auf diese chinesische Pagode stößt. Ich war ja schon zig-mal in Paris, aber das hatte ich noch nie gesehen. Eine wunderbare Entdeckung! Und es lohnt sich sehr, das Haus nicht nur von außen zu betrachten.

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Die Erben des Gründers betreiben hier immer noch einen Kunsthandel, und man kann die zum Teil aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammende chinesische Inneneinrichtung und  die erlesenen Kunstwerke der Galerie besichtigen. Außerdem erfährt man auf Informationstafeln Interessantes über das Leben und Wirken von Ching Tsai Loo, eher bekannt unter dem Kürzel C.T. Loo.

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C.T.Loo -eigentlich Lu Huan Wen- stammt aus bescheidenen Verhältnissen.  Als Koch der  reichen chinesischen Familie Zhang folgt er dieser 1902 nach Paris, als sein Arbeitgeber Zhang Jinjiang an die Botschaft in Paris berufen wird. Zhang eröffnet dort auch an der place de la Madeleine ein Geschäft für chinesische Waren, die damals sehr in Mode waren, wo Loo nun arbeitet. Rasch entdeckt er, dass mit chinesischen Waren grandiose Geschäfte zu machen sind: Eine Vase aus Porzellan kann in Paris zum 10 000-fachen ihren Einkaufwertes verkauft werden! Loo macht sich also rasch selbstständig, eröffnet ein erstes Geschäft in Paris, es folgen weitere in London, Shanghai und in der 5th avenue in New York. Loo ist nun der weltweit erfolgreichste und  bekannteste Händler chinesischer Kunst. Mit der Gründung der Volksrepublik China versiegt der Nachschub von chinesischer Kunst und man wirft ihm heute in China vor, für den Ausverkauf chinesicher Kunst mitverantwortlich zu sein. Andererseits kann man ihm auch zugute halten, dass auf diese Weise  viele Kunstschätze vor dem Wüten der Kulturrevolutionäre gerettet wurden.

Praktischer Hinweis: 48 rue de Courcelles, 75008 Paris (Métro Courcelles oder besser St Philippe du Roule)  dienstags bis samstags zwischen 14 und 18 Uhr

Zu C.T.Loo siehe die Biographie von Geraldine Lenain, Monsieur Loo. éd. Philippe Picquier 2013 und den Artikel in Le Monde vom 2. April 2019: Le Musée Guimet sur les traces du mystérieux C.T. Loo (culture, S. 21) anläßlich der Übergabe von Dokumenten aus dem Besitz der Universität von New York an das Pariser Museum.

Das chinesische Viertel in Belleville   

Nach der kommunistischen Machtübernahme  im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder –wie schon in den 1920-er Jahren Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben  arbeiteten.  So entstand die „Chinatown“ von Belleville.[9]

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Die Herkunft vieler  Geschäftsinhaber aus Wen Zhou ist  kaum zu übersehen.

Das  Wenzhou in der Rue Belleville Nummer 24 soll übrigens „der beste Chinese der Stadt“ sein.[10]

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Zu den Einwanderern aus Wen Zhou kamen dann auch noch Flüchtlinge aus dem ehemaligen französischen Indochina, die überwiegend zu den dortigen chinesischen Minderheiten gehörten.  Allerdings ist Belleville alles andere als ein reines Chinesenviertel:  Es ist ein altes Arbeiterviertel von Paris mit einer langen Tradition der Aufnahme und Integration von Fremden: Von Franzosen aus armen Provinzen wie der Auvergne, die sich im 19. Jahrhundert in Paris ein besseres Leben erhofften; von Elsässern/Franzosen, die nach der Annexion von Elsass-Lothringen 1871 durch das Deutsche Reich dort nicht länger leben wollten; von Juden aus Mittel- und Osteuropa auf der Flucht vor Pogromen und dann vor dem Nationalsozialismus. Und nach dem Krieg kamen dazu auch schwarzafrikanische und  vor allem nordafrikanische  Einwanderer.

Belleville wird gerne als Beispiel für ein erfolgreiches Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe und Religion angeführt. Es gibt allerdings durchaus auch Probleme des „vivre ensemble“ in Belleville – auch solche, die die Menschen mit chinesischen bzw. südostasiatischen Ursprungs betreffen.  Dazu gehören die expansive chinesische Präsenz in dem Viertel, die Kriminalität, als deren bevorzugte  Opfer sich gerade Chinesen betrachten, und die chinesische Prostitution. Entsprechende Informationen gibt es in dem Blog-Beitrag über  Belleville vom Juli 2016.

Ein Spaziergang durch das „chinesische Belleville“ kann an der Métro-Station Pyrénées beginnen (Linie 11)  und die Rue de Belleville hinunterführen bis zur Station Belleville (Linien 11 und 2). Dabei sollte man  öfters Blicke in die Seitenstraßen rechts und links werfen (incl. Bd de la Vilette und Bd de Belleville) und ggf. kleine Abstecher machen. Ein Einkauf in einem der chinesischen Supermärkte ist ebenfalls äußerst empfehlenswert.

Und natürlich auch ein Imbiss in einem der kleinen  chinesischen Restaurants an der Rue de Belleville oder auch im noblen Président, an der Ecke zwischen dem Bd de Belleville und der Rue  du Faubourg du Temple an der Métro-Station Belleville. Der Président ist eine Institution in Belville, seine Treppe à la Cannes ist legendär, „un vrai festival de Cannes à lui seul“, sein Ruf wurde vor Jahren durch einen Besuch Mitterands verbreitet. In der Mitte des großen Saals steht noch zwischen riesigen Aquarien und vergoldeten Drachen der Sessel, auf dem Mitterand bei seinem Besuch gesessen haben soll und der inzwischen den Status einer Reliquie innehat.[11]

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(aus Le Monde vom 31.1.2014)

Ein schöner Abschluss eines Rundgangs  ist übrigens der  Besuch bei der Association de l’Union des Indochinois en France in der Rue du Buisson St. Louis/Einmündung der Rue Civiale. Man wird dort sehr freundlich empfangen und kann sich die buddhistischen Altäre ansehen.

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Auf einem stehen in einem Glas Holzstäbchen, mit denen es folgende Bewandtnis hat:  Wenn man eine Frage/ein Problem hat, kann man sich ein Holzstäbchen nehmen, auf dem jeweils eine bestimmte Nummer aufgedruckt ist. Dann holt man sich aus dem Wandkasten ein Orakelkärtchen, das der gezogenen Nummer entspricht und findet dort –hoffentlich- die passende/erhoffte Antwort.

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Dem Altarraum angeschlossen ist auch ein äußerst spartanisch eingerichteter Klassenraum, in dem Kinder des Chinesenviertels am Wochenende chinesisch lesen und schreiben lernen, um so den Kontakt mit ihrer heimatlichen Kultur nicht zu verlieren.

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„Chinatown“  im 13. Arrondissement

Eine „multikulturelle“ Solidaritäts- Demonstration für die Chinesen des Viertels, wie es sie in Belleville gab,  wäre wohl in der „eigentlichen“ Pariser Chinatown im 13. Arrondissement kaum möglich und auch kaum erforderlich. In diesem alten/ehemaligen Arbeiterviertel von Paris haben sich vor allem seit den 1970-er Jahren viele Asiaten niedergelassen. Wie viele es genau sind, ist kaum exakt zu ermitteln. Georg Stefan Troller spricht von  35 – 40000 Asiaten meist chinesischer Herkunft oder Abstammung, die dort leben und die wahrscheinlich die größte Chinatown Europas bildeten (Paris geheim, S. 225). Nach Costa-Lascoux/Yu-Sion, die sich auf die offizielle Statistik von 1990 beziehen, sind es dagegen lediglich genau 5086 Personen im 13.Arrondissement, die zu diesem Zeitpunkt die chinesische Nationalität oder die eines der drei Länder  Indochinas hatten. Diese Unterschiede hängen sicherlich damit zusammen, dass die gewiss auch vorhandenen illegalen Einwanderer hier natürlich nicht mitgerechnet sind, die  inzwischen eingebürgerte Migranten ebenso wenig- und gerade bei den Südostasiaten ist der Anteil derer, die die französische Staatbürgerschaft anstreben und erhalten, besonders hoch. (Paris-XIIIe, S.27/28).  Wie auch immer: Selbst  Chinesen, die hier leben, sprechen von dem „quartier chinois du 13ème arrondissement“ und fügen dann noch –wenn auch in Klammern an:  „Le Chinatown parisien“ (Amicale des Teochew).

Dass der Begriff „Chinatown“ auch keine Kreation des Pariser Tourismus-Marketings ist, wird schnell deutlich. Sehr pittoresk ist diese Chinatown nämlich ganz und gar nicht – architektonisch jedenfalls verweist –soweit ich das gesehen habe-neben dem Tempel, zu dem wir noch kommen,  nur ein einziges Gebäude ganz bewusst und ostentativ auf den besonderen Charakter des Viertels: Und zwar ausgerechnet die Filiale von Mc Donalds in der Avenue de Choisy.

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Die lackierten Enten gibt’s allerdings bei Mc Donalds (noch) nicht!

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Ansonsten stehen aber im Zentrum der „Chinatown“ völlig gesichtslose Hochhäuser, die seit den 1960-er Jahren auf dem  Gelände der stillegelegten Autofabrik Panhard & Lavassor –einem der ältesten Autohersteller der Welt- errichtet wurden, an den heute fast nichts mehr erinnert.

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Es handelt sich um ein von den städtebaulichen Theorien Le Corbusiers inspiriertes Projekt: Ein Hochhausviertel mit dem schönen Namen Olympiades, weil die Hochhäuser –aus welchen Gründen auch immer- die Namen von Olympia-Städten tragen.

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Vorgesehen waren Sozialwohnungen (HLM- Habitations à loyer modéré), etwas  anspruchsvollere Wohnungen für den Mittelstand, vor allem aber Wohnungen für junge, gutverdienende Freiberufler und höhere Angestellte. Diese wollte man vor allem durch ein breites Angebot an Geschäften, Freizeitangeboten und schulischen und kulturellen Einrichtungen  anziehen. Allerdings erwies sich diese Hoffnung  als trügerisch. Die Besserverdienenden, die man vor allem im Auge hatte, wollten nicht in einer Umgebung im Stil der  HLM-Siedlungen im tristen banlieue wohnen.

In die freistehenden Wohnräume zogen vor allem seit dem Fall von Saigon 1975 Südostasiaten –oft chinesischer Herkunft- ein, die vor der Machübernahme der Kommunisten geflohen waren. Dazu kamen nach 1979 weitere –ebenfalls oft chinesisch-stämmige- Vietnamesen, Laoten und Kambodschaner als Folge chinesisch-vietnamesischen Krieges – oft „boat people“ ohne finanzielle Mittel. Um die hohen Mieten in den  Olympiades-Türmen  zu bezahlen, wurden die Wohnungen meist völlig überbelegt, oft  von mehreren Familien. Und es wurde dort nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet: vor allem in kleinen Familien-Betrieben der Textil-Herstellung, wobei da wohl, was Arbeitsbedingungen, Steuern und Sozialabgaben angeht, die rechtlichen Rahmenbedingungen gerade in den ersten Jahren zum Teil unbeachtet blieben.  Und das Geld, eine Wohnung zu kaufen oder zu mieten und das Startkapital für ein Geschäft oder einen kleinen Betrieb erhielten die mittellosen Neuankömmlinge nicht durch eine „klassische Bank“, sondern durch die sogenannte „tontine chinoise“,  ein ganz traditionelles chinesisches System der Geldbeschaffung –das auf gegenseitigem Vertrauen und persönlichen Beziehungsgeflechten beruht. Den Ruf von „Chinatown“ förderte das alles nicht. In etwas maliziös gemeinten Bezeichnungen wie „chinesisches Dreieck“ oder „triangle de Choisy“ kommt das zum Ausdruck.[12] (Gemeint ist damit das Dreieck zwischen den Avenuen d’Ivry, Choisy und der Rue de Tolbiac, wozu auch noch das Olympiades-Gelände kommt. Und die Grenzen zwischen „ville européene“ und „ville chinois“ sind sowie fließend. Und wenn dieses Viertel –und vor allem die Olympiades-Betonwüste-  architektonisch eher abschreckend wirken mag: Ein Rundgang, so wie er hier von dem Soziologenpaar Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorgeschlagen wird, lohnt sich auf jeden Fall. (Paris, S.130ff).

Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[13]

 Dass man in einer anderen Welt ist, merkt man schon sehr schnell, nachdem man die Metrostation verlassen hat: Am Zeitungskiosk gibt es chinesische Zeitungen –einige werden von Peking, andere von Taipeh unterstützt- man findet chinesische bzw. ostasiatische Geschäfte jeder Art: Reisebüros, Versicherungen, Immobilienbüros, Reinigungen, Kunsthandwerk, Lebensmittelläden, Video-Clubs, Reinigungen, Restaurants, Frisöre, Schönheitssalons…

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Alle Aushänge auf chinesisch – oder in anderen ostasiatischen Sprachen;  manchmal kann man mit Mühe kleingedruckte –und oft unvollständige-  französische Übersetzungen finden– so in einem Reisekatalog der Compagnie Franco Asiatique de Voyage, die im „Chinesenviertel“ zwei Niederlassungen unterhält und offenbar für dessen Bewohner Reisen vor allem in die alte Heimat anbietet.

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Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[14]

Zwei Orte sollte man bei seinem Rundgang durch das chinesische Viertel unbedingt ansteuern: den buddhistischen Tempel auf der Ostseite des Olympiades-Geländes und den Supermarkt der Tang-Brüder:

Dieser 1989 entstandene buddhistische Tempel ist eine Einrichtung der „Amicale des Teochew en France“.

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 Die Teochew oder –wie sie nach der Aussprache auch bezeichnet werden: Chaozhou- stammen aus der im Süden Chinas gelegenen Provinz Guangdong. Vor 1975 war ihre Zahl in Frankreich völlig unbedeutend. Heute bilden sie die größte Gruppe unter den Chinesen in Paris und alle großen chinesischen Händler der Hauptstadt gehören zu ihnen. Dieser Wohlstand wird auch an dem Tempel sichtbar. Liegt der zweite Tempel der Olympiades unter dem Beton-Boden des Geländes und versteckt neben der Zufahrt zur Tiefgarage (Rue de Disque/Avenue d’Ivry- siehe Plan), so ist der Tempel der Teochew kaum zu verfehlen: Hinweisschilder verweisen auf ihn und seine Architektur hebt ihn aus  dem betongrauen Einheitsbrei der darum herumstehenden Hochhäuser und Einkaufszentren heraus. Besucher werden freundlich empfangen und es gibt auch ein Informationsblatt zum Tempel und der Amicale des Teochew.

Die Vereinigung bietet eine Vielzahl von pädagogischen, künstlerischen, sportlichen und religiösen Aktivitäten an. Ziel ist es vor allem, die landsmannschaftliche Verbundenheit und die Traditionen der Teochew in Frankreich zu bewahren und Neuankömmlinge dabei zu unterstützen, in Frankreich Fuß zu fassen.  Im Tempel beeindrucken vor allem die 18 „wilden Kerle“ an beiden Seiten. In Wirklichkeit sind das aber so etwas wie buddhistische Heilige, sogenannte „Luohans“ oder „arhats“: Sie haben übermenschliche Kräfte, mit denen sie das Wohlergehen der Menschen fördern und Gutes für sie tun. Jeder hat seine speziellen Aufgaben, meist an ihren Attributen erkennbar:   einer zum Beispiel jagt den Tiger, ein anderer bringt die Löwen zum Lachen, und ein weiterer der  18 zähmt den Drachen- ich nehme an, dass das der abgebildete Luohan ist.

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Zum Abschluss des Rundgangs sollte man unbedingt in den Supermarkt der Tang Frères gehen. Und dafür gibt es viele gute Gründe:

Dieser Supermarkt ist der größte ostasiatische Markt in Paris. Besonders an den Wochenenden kommen Ostasiaten aus dem ganzen Großraum von Paris zum Einkaufen hierher.  Allein schon hindurchzugehen und sich die Produkte und die Menschen anzusehen ist ein Abenteuer.                                                                                                                     Die Geschichte der Tang frères ist eine wunderbare ostasiatisch-französische Erfolgsgeschichte.

Die Brüder Khambou und Bounmy Rattanavan verließen 1975 ihr Heimatland Laos, emigrierten nach Paris und gründeten dort 1976 eine Export-/Importfirma mit dem Namen Tang-Frères. Inzwischen ist das –laut Wikipedia- „the biggest Asian supermarket chain west of China“. Umsatz  2009: 174 Millionen €! Erreicht wurde dies u.a. durch eine breite Diversifizierung. Es gibt nicht nur Tang- Supermärkte, sondern auch Tang- China-Imbiss-Stuben –etwas übertrieben Tang Gourmet benannt- , z.B. am Place d’Italie und –natürlich- in der Rue de Belleville. Außerdem importiert und produziert das Unternehmen chinesische DVDs,  ist im TV-Geschäft aktiv und hat zahlreiche lukrative Alleinvertriebsrechte: unter anderem für Danone-Produkte in China und in Frankreich für das Tsingtao-Bier (gegründet 1903, wie stolz auf den Dosen vermerkt wird, und zwar von deutschen Braumeistern in der damaligen Kolonie Tsingtao, was allerdings nicht auf den Dosen steht. Damals hatte das Bier allerdings noch einen anderen Namen: Es hieß „Germania“[15]).

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Einer der beiden Tang-Brüder äußerte sich in einem Gespräch mit Time Europe vom 26. Juni 2000 folgendermaßen zum Verhältnis von Identität und Integration:

„The problems [of integration into France] are mainly problems of communication. At first, the Chinese community made the mistake of remaining closed. They didn’t communicate. But now there’s a second generation that’s been to school here, and it’s opening up more. I think it would be a shame for my children to lose their Chinese culture. Europe needs young people with a dual culture. When you’ve known war and poverty, it makes you stronger. When you’ve got a strong sense of family, you want your kids to succeed. So you keep an eye on them and make sure they study hard. When parents attach importance to their children’s studies and offer encouragement, the children can only succeed.”[16]

Diese Verbindung von Traditionsbewahrung, Integration in die neue Heimat, Familiensinn- bzw. weiter gefasst: landsmannschaflicher Verbundenheit, Lernwillen und Aufstiegsbewusstsein scheint mir, soweit ich das beurteilen kann, typisch zu sein für die Chinesen/Südostasiaten in der Pariser „Chinatown“. Und es ist ja sicherlich auch kein Zufall, dass in dem kurzen Statement zweimal die Begriffe „study“ und „succeed“ verwendet werden: Wenn –wie auch jetzt wieder anlässlich der PISA-Ergebnisse- auch in Frankreich von den schulischen Problemen der Kinder mit „Migrationshintergrund“ gesprochen wird: Die Kinder aus der „Chinatown“ sind damit sicherlich nicht gemeint.  Costa-Lascoux/Yu-Sion heben in ihrer Arbeit über das 13. Arrondissement ausdrücklich die von allen Seiten bestätigte  Motivation,  Arbeitsqualität und den schulischen Erfolg der Schüler/innen asiatischer Herkunft hervor- und dies, obwohl zu Hause i.a. nicht französisch gesprochen würde und die Eltern die Sprache ihrer neuen Heimat oft auch nur sehr unvollkommen beherrschten. Die Schule sei für sie aber gewissermaßen „heilig“.  „Wenn ich nur asiatische Schüler hätte“, wird z.B. der Kollege einer Schule im 13. Arrondissement zitiert, „könnte ich abends früher und wesentlich weniger erschöpft nach Hause gehen“ (S.120). Die asiatischen Schüler sind also in vielfacher Hinsicht „des élèves modèles“ (S.119). Und dazu passt ja übrigens auch, dass das „außer Konkurrenz“ teilnehmende Shanghai bei der letzten PISA-Untersuchung weltweiter Spitzenreiter geworden ist.

Das chinesische Neujahrsfest

Jedes Jahr gibt es zum chinesischen Neujahrsfest den traditionellen Umzug durch das 13. Arrondissement. Hier wird einerseits das Traditionsbewusstsein der Asiaten deutlich, aber auch ihr Wunsch, sich nach außen zu öffnen und darzustellen. Der Umzug mit seinen spektakulären Drachen- und Löwentänzen, der mehrere Stunden dauert, ist ein Anziehungspunkt für die chinesischen Gemeinden der Ile-de-France, aber auch für viele alteingesessene Pariser und Touristen. Aufgrund der traditionellen, farbenfrohen Kostüme, der Böller und der „Motivwagen“ kommt man sich ein wenig vor wie auf unseren Faschingsumzügen, und die Veranstalter sprechen ja auch selbst von einem „Carnaval du nouvel an chinois“.

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Während es bei uns die verschiedenen Karnelvals- und sonstigen Vereine sind, die die einzelnen Wagen und „Nummern“ gestalten, sind es hier meistens die Vereinigungen von Chinesen aus verschiedenen Gegenden ihrer Heimat:  Die „Association amicale des Cantonais“,  die „Association de la Communauté de Hainan  en France“, die „Association des Panyu en France“…  Manche der Namen, die auf den jeweils vorangetragenen bestickten Transparenten erschienen,  hatte ich noch nie gehört, aber neben mir stand bei meinem letzten Besuch des Neujahrsfests ein freundlicher junger „Asiate“, der mir eine kleine Nachhilfestunde in chinesischer Geographie gab.

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Dieser Umzug zum chinesischen Neujahrsfest ist ein eindrucksvoller und anschaulicher Ausdruck der Bedeutung der „Asiaten“ in Frankreich.

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Und dabei ist dieser Umzug im 13. Arrondissement nur ein Teil der Festivitäten, die es zum chinesischen Neujahrsfest in Paris gibt. Auch die chinesischen Gemeinden im 3. und 20. Arrondissement veranstalten Umzüge, vor dem Rathaus des 11. Arrondissement und an  vielen anderen Stellen werden Löwentänze aufgeführt, es gibt oft auch Konzerte mit traditioneller chinesischer Musik, wie –hier zu sehen- im Festsaal des Rathauses  des 13. Arrondissements.

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Und überall sind die Rathäuser, in deren Bezirken eine größere chinesische Gemeinde lebt, und die „chinesischen Straßen“ und Geschäfte mit den glücksbringenden roten Lampions geschmückt.

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Das Rathaus des 3. Arrondissement

Gerade das chinesische Neujahrsfest ist also ein schöner Anlass, einen Eindruck von der Vielfalt,  Bedeutung und Vitalität des „chinesischen Paris zu gewinnen.

Pour en savoir plus:

Costa-Lascoux, Jacqueline und Live Yu-Sion: Paris-XIIIe, lumières d’Asie. Paris 1995

Marie Holzman, Chinois de Paris (1989).

Loizeau, Emmanuelle: Le 3e Arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Paris 2000

Pinçon, Michel und Pinçon-Charlot, Monique: Chinatown, un ghetto chinois à Paris? In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2009, S. 130-156

Führungen durch das ”chinesische Belleville”:  Donatien Schramm Tel. 06.30.75.47.22 cffc75@yahoo.fr (samstags 14.30)

Anmerkungen:

[1]  siehe dazu den Blog-Beitrag über Belleville vom Juli 2016

[2] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[3] Zur Geschichte der chinesischen Präsenz in Frankreich/Paris siehe den kleinen Text von Donatien Schramm: http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

Schramm ist Président de l’Association Chinois de France – Français de Chine

[4] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/ und Schramm (a.a.O.)  Dazu auch : Ma Li, Travailleurs chinois dans la première guerre mondiale (2012)

[5] www.tao-yin.com/wai-jia/cimetiere_noyelles.htm

[5a] siehe z.B. https://blogs.mediapart.fr/freddy-mulongo/blog/040321/paris-gare-de-lyon-la-remarquable-sculpture-de-chinois-de-li-xiao-ciao 

[6] Manon Pignon, 1914-1918. Paris dans la Grande Guerre. Paris, Parigrmme 2014

[7] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/

[8] Loizeau, S. 54- eine neuere Statistik habe ich nicht.

[9]http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer. Siehe dazu auch den Blog-Beitrag über Belleville (20. Arrondissement) vom Juni 2016

[10] http://www.weltenbummlermag.de/paris-naschkatzen

[11] http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/01/31/l-or-retrouve-du-restaurant-le-president-symbole-de-la-mue-chinoise-de-belleville_4357852_3224.html

http://www.evous.fr/Restaurant-Le-President,1128405.html#2jBLTGVD7cJ5VqxL.99

http://www.leparisien.fr/espace-premium/actu/comment-vote-13-04-2012-1952538.php

[12] Costa-Lacoux/Yu-Sion, 148

[13] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[14] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[15] http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

[16] http://www.time.com/time/europe/specials/immigration/voices_tang.html

Weitere „verwandte“ Beiträge:

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Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

Gegenstand dieses Beitrags ist das Stadtviertel Belleville im 20. Arrondissement von Paris. Belleville weist –ähnlich wie der Faubourg Saint Antoine- keine Sehenswürdigkeiten im traditionellen Sinne auf und wird deshalb von den üblichen Reiseführern eher nicht beachtet. Es ist aber ein außerordentlich lebendiges, facettenreiches Viertel, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Es ist ein  Ort der Kunst, vor allem auch der Street-Art, ein  Ort politischen Engagements in Vergangenheit und Gegenwart und nicht zuletzt das multikulturelle Viertel von Paris. Hier wird Belleville oft Modellcharakter zugesprochen, der allerdings in letzter Zeit  immer mehr in Frage gestellt wird. Ist Belleville also auf dem Weg vom Modell zum Mythos? Ich kann die Frage stellen; ich kann auch erläutern, warum man sie sich stellen  kann oder vielleicht sogar muss, beantworten kann ich sie aber nicht.

Der Bericht enthält folgende Abschnitte:

  1. Das Belleville des Wassers und des Weins
  2. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker
  3. Das Belleville der Commune
  4. Das –immer noch- linke Belleville
  5. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle
  6. Das Belleville der Künstler und der Bobos
  7. Das Belleville der Street Art
  8. Das multikulturelle Belleville (Juden, Tunesier, Schwarzafrikaner, Chinesen)

Wenn von Belleville die  Rede ist, fehlt fast nie die Betonung des multikulturellen Charakters des Stadtviertels: Es ist ein „Babel“, ein „laboratoire de la diversité“, une „terre d’asile et d’accueil de populations aux provenances multiples“, geprägt vom „exotisme des communautés mélangées.  „C’est un lieu emblématique des quartiers pluriethniques à la française“, wie es in einer Präsentation des Viertels durch das Pariser Immigrationsmuseum heißt.[1] In der Tat leben dort auf engem Raum zusammen bzw. nebeneinander alteingesessene Franzosen[2], Nordafrikaner. Schwarzafrikaner und Chinesen- bzw. Menschen afrikanischer, asiatischer oder karibischer Herkunft; Chrsten, Juden,  Mohammedaner, Bouddhisten und sicherlich auch Atheisten.

Im Gegensatz zu Arrondissements, wo die Weißen weitgehend unter sich sind (wie im 16.), die Chinesen (wie  im „Chinatown“ des 13. Arrondissements) oder die Afrikaner -bzw. ihre jeweiligen Nachkömmlinge im Goutte d’Or (siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Mai 2016) leben hier Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Ein quartier pluriethnique ist Belleville also ganz gewiss. Wenn allerdings mit dem Zusatz à la français das vielbeschworene „modèle français d’intégration“ gemeint ist, also eine die Unterschiede von Herkunft, Hautfarbe und sozialem Status überwindende Integration in das republikanische Frankreich mit seinen Werten und Idealen, dann ist nicht ganz sicher, inwieweit Belleville hier noch als Modell gelten kann, sondern eher ein Mythos ist. Dazu am Ende dieses Beitrags mehr.

Belleville ist auch darüber hinaus ein Stadtviertel ausgeprägter diversité: soziologisch, indem hier ganz verschiedene Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen zusammen leben:  Handwerker, Künstler, Händler, sehr viele Arme, aber auch sogenannte BoBos, also jüngere, gut verdienende Menschen, die oft im  Kreativbereich arbeiten.  Am Stadtbild lässt  sich die große Vielfalt des Viertels ablesen: Es gibt ein paar wenige Zeugen der mittelalterlichen Vergangenheit, stellenweise ist noch etwas von dem ehemaligen ländlichen und kleinbürgerlichen Charme zu spüren; es gibt sukzessive Fluchten von Hinterhöfen, die auf den ehemaligen Parzellen von Gemüsefeldern errichtet wurden, und es gibt die HLM-Kästen des sozialen Wohnungsbaus als Zeugen der teilweise brutalen Sanierungs-Bemühungen, denen Belleville seit dem 2. Weltkrieg ausgesetzt war und ist. Auch in dieser Hinsicht ist Belleville also ein patchwork-Viertel. Sein Reiz erschließt sich wohl nicht auf den ersten  Blick, aber es lohnt sich, durch das Viertel zu streifen und auf Entdeckungstour zu gehen. Vielleicht kann dieser Text  dazu anregen.

Ein idealer Ausgangspunkt für eine solche Entdeckungstour ist übrigens der Belvedère de Belleville an der Ecke zwischen der Rue Piat und der Rue des Envierges am nördlichen Rand des Parc de Belleville.

Von dort aus hat man  einen der besten Panorama-Blicke über Paris, es gibt ein schönes Café und in dem Amphitheater unter dem Belvedere, das  von dem Street-Art-Künstler Seth ausgemalt wurde,  gibt es im Sommer öfters Konzerte. Ein Ort „à  ne pas manquer!“, wie es in einschlägigen  Führern heißt. (2a)

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1. Das Belleville des Wassers und des Weins

Im 18. Jahrhundert war Belleville ein –wie der Name schon sagt-  schöner und beschaulicher Ort außerhalb von Paris. Hier wurde Gemüsen und vor allem Wein angebaut. Die Quellen der Hügel versorgten schon seit dem Mittelalter Paris mit sauberem Wasser, wohlhabende Pariser errichteten Landhäuser im Grünen, sogenannte folies (vom französischen Wort feuilles, Blätter, abgeleitet) und genossen die frische Luft. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Immerhin gibt es aber noch einige sogenannte mittelalterliche Regards.Das Quellwasser aus den Hügeln von Belleville und Ménilmontant wurde in steinernen Kanälen zu diesen Regards geführt, dort gesammelt und auf seine Qualität geprüft – deshalb auch der Name „regard“- und dann zu den Verbrauchern weitergeleitet. Ein besonders schönes Exemplar ist der Regard St. Martin in der Rue des Cascades – einer von mehreren Straßennamen in Belleville, die an die Bedeutung des Wassers  für dieses Viertel erinnern.

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In der lateinischen Inschrift des Regard wird festgestellt, dass das hier gefasste Wasser für den gemeinsamen Gebrauch der Geistlichen von Saint-Martin de Cluny (oder Saint-Martin des Champs, dem heutigen Museum Arts et Métiers) und ihren Nachbarn, den Tempelherren, bestimmt war. Nach längerer Vernachlässigung der Anlage sei sie in den Jahren 1633 und 1722  von den Quellen an wiederhergestellt worden.[3]

Von den Weinstöcken und Gemüsefeldern ist heute nichts mehr zu sehen: Ihre Parzellen sind aber z.T. noch an der Topographie ablesbar: Da wo heute in der Rue de Bellville enge, langgestreckte Grundstücke mit mehrstöckigen Wohnblöcken und sukzessiven Hinterhöfen dicht bebaut sind, wurde im 19. Jahrhundert Gemüse  gepflanzt. Und im oberen Teil des Parc de Belleville gibt es noch –zur Erinnerung an die Weinbau-Tradition des Viertels- ein kleines Feld mit Weinstöcken…

2. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker

Im Zeitalter der Industrialisierung siedelten sich in  Belleville zahlreiche Handwerks—und kleine Industriebetriebe an. Schwerpunkte waren die Textil-, Leder- und Metallverarbeitung. Dazu kamen die Steinbrüche, die im Norden des Viertels betrieben wurden, die carrières d’Amerique. Sie verdanken ihren Namen der Legende, der hier gebrochene Stein sei teilweise nach Amerika exportiert und zum Bau des Weißen Hauses verwendet worden. Die letzten Steinbrüche in Belleville wurden 1873 geschlossen. Da war Belleville schon das erste Arbeiterviertel von Paris geworden, das Einwanderern zunächst aus ärmeren Gegenden Frankreichs, vor allem der Auvergne, dann aber auch Flüchtlingen aus anderen Ländern die Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben gab.[4] Dazu kamen dann noch die Beschäftigten vieler  kleiner Industrie- und Handwerksbetriebe, die von dem radikalen Stadtumbau des Barons Haussmann aus Paris vertrieben worden waren und sich das Leben in der zunehmend bourgoisen Stadt nicht mehr leisten konnten.

All das waren gute Voraussetzungen für ein reges politisches Leben. Belleviille hatte sich schon während der Französischen Revolution als politisch aktiver Ort hervorgetan: 1791 wurde in der rue de Belleville 130 ein Club des Amis de la Constitution gegründet, der sich ein Jahr später in Club des Amis de l’Égalité et de la  Liberté umbenannte.[5] Im Juli 1840 wurde von Anhängern des Frühkommunisten Babeuf in Belleville das sogenannte Banquet communiste de Belleville organsiert, das erste seiner Art mit ca 1000 Teilnehmern.[6] Dabei handelt(e) es sich um  ein typisch französisches Mittel zur Umgehung des Verbots politischer Veranstaltungen, das auch kürzlich wieder im benachbarten Ménilmontant genutzt wurde, um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren.[7]  Mit der Industrialisierung entwickelte sich auch die Arbeiterbewegung in Belleville: Erste Arbeiterassoziationen  entstanden hier und 1877 die erste Pariser Cooperative. Das war in dem Maison du Peuple de la Bellevilloise. Während oben im ersten Stock der sozialistische Parteiführer Jean Jaurès Versammlungen abhielt, wurde im Erdgeschoss im Sinne des Proudhon’schen mutuellisme associatif ein genossenschaftlich organisierter fairer direkter Handel zwischen Herstellern und Produzenten eingerichtet. Vor dem ersten Weltkrieg hatte die Bellevilloise 9000 Mitgliedern  und war damit die größte Genossenschaft Frankreichs. Die Bellevilloise gibt es heute immer noch- und sie ist immer noch ein Ort mit großer politischer und kultureller Ausstrahlung, von dem noch weiter unten die Rede sein wird. [8]

 Von dem Belleville der kleinen Handwerker und Arbeiter ist heute allerdings nicht mehr viel zu sehen. Die klandestinen chinesischen Textilmanufakturen, die es in Hinterhöfen noch geben soll, wird man kaum finden. Auch nicht mehr die bis vor wenigen Jahren noch in Belleville ansässigen Schuhmacher, die maßgeschneiderte Schuhe zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen herstellten, wie uns Freunde aus Belleville berichteten.

Aber es gibt noch die Metallwerkstatt in der Rue Ramponneau und den aktuellen Kampf um ihre Erhaltung.

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Diese Werkstadt liegt in einem malerischen Hof –zusammen mit den Ateliers verschiedener Künstler. Die Einrichtung erscheint zwar ziemlich museal, aber offenbar verfügt der Betrieb über ein besonderes und immer selteneres savoir-faire/know how, das mit dem von der Stadt Paris zunächst geplanten  Verkauf des ganzen Areals an einen privaten Investor und einer neuen Nutzung als Jugendherberge wohl verloren gegangen wäre.

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Inzwischen hat die Stadt Paris nach energischen Protesten aus dem Viertel – mit mehreren Protestveranstaltungen in der Bellevilloise- wohl eingelenkt, so dass einer der letzten traditionellen Handwerksbetriebe von Belleville vielleicht doch erhalten bleibt und die  Ateliers der Künstler im Hof damit wohl auch.

Am Eingang zum Hof  gibt es  übrigens zwei Erinnerungstafeln für Widerstandskämpfer, die hier gewohnt haben – auch das gehört zu Belleville.

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Etwas weiter unten in der rue  Ramponneau gibt es übrigens eine ehemalige kleine metallverarbeitende Fabrik, in der inzwischen Ateliers untergebracht sind, die Künstlern jeweils für eine begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden: Die Villa Belleville. Die Laufbänder der Dampfmaschine  in der ehemaligen  Fabrikhalle schaffen ein ganz besonderes Ambiente.

Villa Belleville Rue Ramponeau (1) - Kopie

3. Das Belleville der Commune

Im Zuge der 1860 durch den Baron Haussmann vorgenommenen Einteilung der Stadt in 20 Arrondissements wurde Belleville zerschnitten und auf die neuen Arrondissements 19 und 20 aufgeteilt: Ein Versuch, den notorisch aufsässigen Stadtteil nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu pazifizieren- so wie das Haussmann ja auch mit dem Faubourg Saint-Antoine gemacht hatte, der zwischen dem 11. und 12. Arrondissement aufgeteilt wurde. Und die neuen Rathäuser der betroffenen Arrondissements wurden extra weit entfernt voneinander errichtet, um auch insofern die Kommunikation und Koordination zu erschweren. Genutzt hat das allerdings wenig, wie die Commune de Paris von 1871 gezeigt hat. In Belleville wurde während der semaine sanglante an der letzten Barrikade noch verzweifelter Widerstand geleistet[9], bevor dann auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfer der Commune erschossen wurden.

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Graffiti an der Mauer gegenüber  dem Regard St Martin        
DSC01244 Belleville 1871 (1)       

und an der Rue Ramponeau

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            Erinnerungstafel an die letzte Barrikade der Commune am  Südeingang des Parc de Belleville.  Darüber der Ziergiebel  der  alten Kinderkrippe la Goutte de Lait

Zu Ehren der Communarden von Belleville ist übrigens geplant –und von dem Pariser Stadtparlament schon beantragt- die Métro-Station Belleville umzubenennen in Belleville-Commune de Paris 1871.[10]

 

4. Das –immer noch- linke Belleville

Bis auf den heutigen Tag ist der Nordosten und Osten von Paris überwiegend links –im Gegensatz zum eher konservativen/bourgeoisen Westen, wie sich zuletzt wieder eindrucksvoll bei den Kommunalwahlen gezeigt hat. Da entscheiden dann  zwei, drei Arrondissements in der Mitte, wer schließlich die Mehrheit im Conseil, also der Stadtverordnetenversammlung,  erhält und damit den/die Bürgermeister/in bestimmen kann: Bei der Wahl von 2014 waren das die Sozialisten und die mit ihnen verbündeten Grünen, so dass seitdem die Sozialistin Anne Hidalgo  Bürgermesterin (la maire) ist.

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  (blau: Republikaner (vormals UMP); rot: die Linke (Sozialisten, Grüne)

Es ist insoferrn auch kein Zufall, dass die Organisatoren der Bewegung für eine primaire der Linken als Versammlungsort für ihre Auftaktveranstaltung Anfang Februar 2016 die Bellevilloise ausgewählt haben. Da waren  (fast) alle versammelt, die auf der Linken Rang und Namen haben: Vertreter des linken Flügels der Sozialistischen Partei (die sogenannten Frondeurs) und der PCF, prominente Wissenschaftler wie der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und Vertreter der Grünen wie die ehemalige Wohnungsbau-Ministerin Cécile Duflot und die –kurz danach- zur Ministerin aufgestiegene (und dann als Parteivorsitzende der Grünen zurückgetretene) Emmanuelle Cosse- und last but not least der gute alte Dany Cohn-Bendit.[11] Jedenfalls habe ich noch nie –und so hautnah- so viel linke Prominenz zusammen gesehen.

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Die Chancen, dass es 2017 einen von der gesamten Linken unterstützten gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten geben wird, sind allerdings äußerst gering. Hollande tut ja so ziemlich alles nur Erdenkliche, um die Linke zu spalten (sein letztendlich gescheitertes Vorhaben, die Aberkennung der französischen Staatsangeörigkeit gesetzlich zu verankern, oder die völlig unprofessionelle Einführung und provokante Durchsetzung der Arbeitsrechts-Reform). Außerdem hat der unsägliche Jean-Luc Mélenchon schon einseitig seine Kandidatur angekündigt. Angesichts der damit zu erwartenden Zersplitterung der linken Stimmen im ersten Wahlgang wird es wohl im entscheidenden zweiten Durchgang auf einen Zweikampf zwischen Marine Le Pen und dem Kandidaten der Republikaner hinauslaufen. Und da kann man nur hoffen, dass das nicht der –ebenfalls unsägliche-  Sarkozy sein wird, sondern wenigstens Alain Juppé….

 Dass wir uns in Belleville sozusagen auf linkem Terrain befinden, wird immer wieder deutlich, wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht: Beispielsweise wenn man an Hauswänden die eindrucksvollen Versuche sieht, die aktuelle Flüchtlingsproblematik –in französischer Perspektive i.a. sonst allein auf Calais reduziert- künstlerisch/plakativ zu bearbeiten.

Rue des Couronnes IMG_4774

 Rue des Couronnes IMG_4773 Hier wird –zunächst etwas überraschend- das Nomen und Adjektiv étranger als Verb verwendet und durchkonjugiert. Dazu gibt es unten auf dem Plakat folgende Fußnote: Le verbe étranger a existé. Il signifiait „chasser, éloigner, bannir“. La quatrième édition du Dictionnaire de l’Académie de 1762 donne comme exemples: „Les rats, les moineaux ont étrangé les pigeons du colombier“ et „Il a étrangé les importuns qui venoient chez lui.“

Die deutsche Übersetzung: Das Verb étranger hat es gegeben. Es bedeutete: verjagen, entfernen, verbannen. Die vierte Auflage des Wörterbuchs der Akademie von 1762 gibt diese Beispiele: Die Ratten, die Spatzen haben die Tauben aus ihrem Taubenhaus verjagt  und Er hat die unerwünschten/lästigen Personen verjagt, die zu ihm gekommen waren.

…. so wie –möchte/muss man wohl hinzufügen- ganz aktuell die étrangers im jungle von Calais….  Einen besseren Kommentar zu dem derzeit in Europa vorherrschenden Umgang mit Flüchtlingen kann ich mir jedenfalls kaum vorstellen. C’est Belleville!

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5. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle

Belleville war und ist aber nicht nur ein Ort politischen Engagements, sondern auch ein Ort des Vergnügens, des Feierns. Und dafür gab  es vor allem die Guinguettes, die im 19. Jahrhundert nicht nur weiter außerhalb von Paris –an Seine und Marne- sondern gerade auch in Belleville ihren Platz hatten. Für Wein- und Vergnügungslokale war Belleville ein idealer Standort: Wein –den leichten Weißwein Guiguet- gab es dort ja sozusagen sur place und vor allem: Belleville lag bis zur Eingemeindung 1860 außerhalb der Stadtgrenze von Paris und damit außerhalb der Zollgrenze und Zollmauer -der mur des fermiers généraux–  mit der Paris kurz vor der Französischen Revolution umgeben wurde. Nach Paris eingeführte  Waren, auch Grundnahrungsmittel wie Zucker, Salz, Mehl und Wein, wurden hier mit einem Zoll belegt, um die maroden Staatskassen aufzufüllen. Was lag da näher, als seinen Wein ein paar Schritte außerhalb der verhassten Zollmauer preisgünstig in geselliger, anregender Atmosphäre in Montmartre oder eben Belleville in einer guinguette zu trinken. Das galt besonders für das einfache Volk, während es die bürgerlichen Pariser eher am Wochenende in die etwas eleganteren Guinguettes an Seine und Marne zog, die dann auch den Impressionisten als Motive dienten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Belleville ein Ort, „wo  man sich amüsidert, wo man spazieren geht, wo die Verliebten sich treffen.“ (Gerard Jacquemet)  Und wo man in einer Guinguette seinen Schoppen trinken kann. Guinguettes gab es in ganz Belleville: Weiter oben  zum Beispiel gegenüber der Kirche St. Jean Baptiste die Ile d’amour, die sogar in einem Lied besungen wurde. Eigentlich verdankt sie ihren Namen schlicht ihrem Besitzer, einem Herrn Damour,  aber als Insel der Liebe  war die Guinguette natürlich viel anziehender.

L’ile d’amour

C’est un amour d’ile

L’ile d’amour

C’est un chouette séjour

Flaneurs du faubourg

Flaneurs de la ville

V’nez à l’ile d’amour[13]

Später wurde dann in dieserm Vergnügungslokal die Mairie von Belleville installiert, bis nach der Eingemeindung die neuen Rathäuser gebaut wurden. Auch eine schöne Belleville-Geschichte!

Weiter unten in der Nähe der Zollmauer (heute Boulevard de la Viillette/Boulevard de Belleville) gab es natürlich auch zahlreiche Guinguettes – die mit einem unterirdisch verlegten Seil gezogene Straßenbahn nach oben war noch nicht gebaut, die Métro  erst recht nicht; so konnte man sich am kurzen Feierabend den mühsamen Aufstieg sparen. Und direkt hinter der barrière de Belleville, einem Durchgang durch die Zollmauer an der heutigen Métro-Station Belleville, gab es auch große Ballsäle: So La Veilleuse –heute eine gewöhnliche Eckkneipe-, deren Spiegel 1918 durch ein Geschoss der Dichen Berta beschädigt worden war. Dort trafen sich am 13. Juli 1941 junge Kommunisten, sangen Freiheitslieder und feierten den 14. Juli.

Und gleich daneben lag der größte Ballsaal von Paris, der dem Weinhändler Denoyez gehörte. Auch dort gehörten Politik und Vergnügen in einer für Belleville charakteristischen Kombination zusammen: Da wurde getanzt, gefeiert und getrunken und Gambetta und Vallès hielten dort am Ende der Herrschaft Napoleons III. die meisten ihrer Reden.[14] Dieser Ballsaal wurde später  umbenannt in  Folies Belleville, die ihre große Zeit in der sogenannten „belle époque“ hatte.

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Plakat von 1880

Heute ist das eine schlichte, aber  fast immer voll besetzte Bar zwischen der (ehemaligen) Graffiti-Straße rue Denoyez und der rue de Belleville , in der man gut einen Apéro oder einen Pfefferminztee trinken kann.  Es wird aber noch an die glorreiche Vergangenheit erinnert, als beispielsweise Maurice Chevalier und natürlich vor allem Edith Piaf hier auftraten.

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Edith Piaf wurde ja immerhin –der Legende nach- ein paar hundert Meter weiter oben in der Rue de Belleville auf den Stufen der Nr. 72 geboren.

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Eiine Gedenktafel  über dem Eingang  erinnert daran.

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Das an der alten Zollmauer gelegene Amüsierviertel von Belleville wurde auch Courtille genannt. Besonders berühmt war es für seinen alljährlichen grotesken Aschermittwochs-Umzug von der barrière de Belleville, die auch barrière de la Courtille genannt wurde, bis zum Hôtel de Ville. Zu diesem Umzug trafen sich alle, die die Nacht davor in Belleville oder sonstwo in der Stadt oder ihrer Umgebung durchgefeiert hatten. Die Descente de la Courtille war so populär, dass sie vielfach in Bildern festgehalten wurde. Und kein Geringerer als Richard Wagner komponierte während seiner Pariser Jahre dazu ein kleines 1841 aufgeführtes Chorwerk: Descendons gaiement la courtille (WWV 65)[15], das allerdings leider nicht zu meinem Pariser Chorrepertoire gehört. Es sieht auch nicht so aus, als dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird, zumal mein „Heimatchor“ sich gerade in lacrima voce umbenannt hat- dazu passt die Courtille ja nun wirklich nicht…

6. Das Belleville der Künstler und der Bobos

Dass Belleville ein bevorzugter Ort für Künstler ist, erkennt man sofort, wenn man durch die Straßen des Viertels schlendert. Überall gibt es kleine Galerien von Malern, Bildhauern, Graveuren, Kunsthandwerkern aller Art. In jedem Jahr veranstalten die Künstler von Belleville Tage der offenen Ateliers, an denen sie ihre Werke ausstellen, gerne erläutern und natürlich auch am liebsten verkaufen. 2016 waren über 250 Künstler beteiligt: Ein eindrucksvoller Beleg für das rege künstlerische Leben des Viertels.

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Mit den roten  Luftballons auf dem Plakat für die Tage der offenen Ateliers von 2015 hat es übrigens seine besondere Bewandtnis- doch dazu mehr im Abschnitt über die Street Art in Belleville. Der rote Ballon wurde übrigens auch  im Frühjahr 2016 von den  Künstlern von Belleville als Hintergrundsmotiv verwendet, um gegen die Vertreibung von Handwerkern und  von Künstlern aus dem Hof der Rue de Ramponeau zu protestieren (siehe Abschnitt 2) und die „mixité“ des Viertels zu erhalten.

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Plakat am Sitz der Artistes de Belleville in der Rue Francis Picabia Frühjahr 2016

Mit einem  Künstler aus Belleville, Carlos Lopez/Juan de Nubes, sind wir übrigens  befreundet.

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Er ist Graveur und eines seiner neuesten Werke hängt bei uns in der Pariser Wohnung. Es  ist auch ausgerechnet das, mit dem er sich auf der Website der Künstlervereinigung von Belleville vorstellt,[17] – ein Wald im Norden von Berlin, wo Carlos auch arbeitet- und die Farbe der Gravur ist preußisch Blau – also gewissermaßen ein deutsch-französisches Produkt.

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Carlos hat sein Atelier am südlichen  Ausgang des Parc de Belleville. Es ist klein, aber ein schöner ruhiger Ort zum Arbeiten und für kleine Ausstellungen. Aber Carlos hat auch Sorgen, ob er auf Dauer dort bleiben  kann oder ob nicht steigende Mieten ihn zum Ortswechsel zwingen werden – und mit diesen Sorgen steht er  nicht alleine da.

Damit ist der Prozess der Gentrifizierung oder Boboisation angesprochen, der in Belleville zu beobachten ist – womit es das Schicksal auch anderer Pariser Stadtviertel (z.B. des Faubourg Saint Antoine) teilt. Freunde haben uns zum Beispiel berichtet, wie sich in den letzten Jahren immer  mehr feine Boutiquen in der Rue de Belleville um die Métro -Station Jourdain- ausbreiten. Belleville wird (jedenfalls in Teilen) zu einem Viertel der BoBos, der Gruppe der bourgeoisen Bohémiens, die das neue Angebot der teuren Weine und exquisiten Käsesorten zu schätzen wissen und sich leisten können. Die Attraktion von Belleville für die Bobos hat schon Tradition: In der Villa Castel, einem „ensemble harmonieux et campagnard“ aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, [18] oberhalb des Parks von Belleville hat Truffaut 1961 einige Szenen seines Films „Jules et Jim“ gedreht: Mit dem Begriff „Villa“ ist hier -wie an vielen anderen Orten in Paris- ein abgeschlossener nobler Bezirk von Wohnungen und Häusern gemeint, zu dem man -wenn man denn den entsprechenden Code kennt- durch das schmiedeeiserne Eingangstor und einen langen begrünten Gang gelangt. An dessen Ende befindet sich ein „maison féérique“, in dem  die beiden Freunde Jules und Jim in einer Dreiecksbeziehung mit der von Jeanne Moreau wunderbar verkörperten Cathérine leben. Und hier singt Moreau auch das schöne Lied Le Tourbillon: „Elle avait des bagues à chaque doigt, des tas de bracelets… »

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Download Jules et Jim

Vorbild ist die leidenschaftliche deutsch-französische Beziehung von  Franz und Helen Hessel, den Eltern von Stéphane Hessel, und  Henri-Pierre Roché.   Diese Geschichte passt wunderbar zu dem Mythos von Belleville, wie er auch in einem Pochoir der Pariser Street-Art-Künstlerin Miss Tic zum Ausdruck gebracht wird.

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Glücklicherweise ist die Villa Castel den gewaltsamen Sanierungsmaßnahmen in Belleville entgangen und steht seit 1979 unter Denkmalschutz. Andere, ähnliche Ensembles in diesem Viertel hatten diese Chance nicht, wie der Guide Vert (S. 48) bitter anmerkt.

Zu hoffen ist, dass trotz der Sanierungsmaßnahmen des Viertels seine Boboisierung nicht noch begünstigt wird und die Wohnungspreise und Mieten so steigen, dass es für Künstler wie Carlos Lopez und viele andere nicht mehr tragbar ist. Bisher scheint aber die soziologische  Vielfalt des Viertels immer noch zu bestehen. Auch das Kleinbürgertum ist anscheinend in Belleville noch nicht untergegangen , worauf ein Blick in einen Vorgarten in der Rue des Couronnes hindeuten könnte.

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Wenn man aber einen Blick auf das ursprüngliche, authentische Belleville werfen will, sollte man sich den wunderbaren Bildband von Willy Ronis „Belleville Ménilmontant“ ansehen. (zuerst 1954, Neuauflagen 1989 und -mit Texten von Didier Daeninckx- 1999.

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Über seine Beziehung zu Belleville sagte Ronis:

„J’ai vécu à Belleville des bonheurs personels et des bonheurs photographiques, pour moi cela ne fait qu’un, c’est le bonheur tout court.“ 

7. Das Belleville der Street art

Auf welchen Wegen auch immer man  durch Belleville streift: Street-art begegnet man auf Schritt und Tritt.Belleville hat dafür schon einen Ruf, und die rue Denoyez im unteren Belleville wird in manchen Führern sogar als sogenannter Geheimtipp gehandelt- eher stimmt aber,  dass es sich um die wohl berühmteste Straße des 20. Arrondissements handelt.[19]

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Alle Wände der Häuser sind nämlich über und über mit Graffiti bedeckt, manchmal kann man auch Sprayer bei der Arbeit beobachten und bewundern. Allerdings ist die Straße inzwischen arg heruntergekommen, die meisten Boutiquen und Ateliers sind geschlossen. Kein Wunder, denn es handelt  sich um ein Sanierungsprojekt: Eine Kinderkrippe, Sozialwohnungen und Unterkünfte für alleinstehende Frauen sollen hier entstehen: Sicherlich sind das alles sehr zu begrüßende Vorhaben. Die Straße wird dann aber ihren Reiz verloren haben, wenn Künstler und Street-Artisten dort nicht mehr ihren Platz haben. (Nachtrag September 2018: Inzwischen stehen schon die Rohbauten der neuen Häuserzeile. Damit hat die Straße einiges von ihrem alten anarchischen Charme verloren.) Entdecken kann man immerhin noch einiges- zum Beispiel den schönen Dialog zur Rolle der Frau an zwei Häusern der Straße:

Das zweite Statement  befindet sich an dem sehr empfehlenswerten gemütlichen Lesecafé Le barbouquin in der rue Donoyez 1 an der Ecke zur rue Ramponeau.

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Dort haben Kam und Laurene nicht nur außen den Fries mit ihren großäuigen Figuren gestaltet haben, sondern waren -neben anderen Street-Artisten-  auch innen aktiv. (19a)

Fries von Kam & Laurene in der rue Denoyez über dem Café Le barbouquin

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Es gibt ein Werk eines bekannten Street-Art-Künstler in Belleville, das wohl auf Dauer zu den touristischen Attraktionen des Viertels gehören wird: Das große Wandbild von Ben an der Place Fréhel, das bei den ab und zu angebotenen Street-art-Spaziergängen durch Belleville nicht fehlen darf.

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Ben ist der wohl international prominenteste in Belleville vertretene Street Art-Künstler. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute ausgestellt ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Zu den inzwischen prominenten Straßenkünstlern von Belleville/Ménilmontant gehört auch Jerôme Mesnager, dessen „Markenzeichen“ die weißen Männer sind. Zum Ursprung der weißen Männer gibt es eine schöne Geschichte: Während seines Kunststudiums habe sich Mesnager in bester Laune mit seinen Kumpeln nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt. Wie auch immer: Inzwischen sind die weißen Männer aus dem Stadtbild –besonders im Pariser Osten, aus dem Mesnager stammt- nicht mehr wegzudenken.  

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Schneiderei und Frisiersalon Rue de Jourdin

In der Rue de Jourdin hat auch Mosko mit seinen bunten Tieren die Grundschule verziert.

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Seine Schmetterlinge umflatterten ja schon die beiden weißen Männer Mesnagers auf dem Fenster des Frisiersalons: Straßenkünstler arbeiten – das zeigt sich hier wie auch an anderen Stellen in Belleville- gerne zusammen.

Aber der für Mosko typische Tiger ist natürlich auch dabei.

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Und selbstverständlich darf auch in Belleville der Invader nicht fehlen, der hier  -unter anderem- mit zwei recht originellen Beiträgen vertreten  ist

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Der Invader an der Ecke der Rue Mélingue und der Rue de Belville befindet sich übrigens in prominenter Gesellschaft: Das Pariser Wappen unter dem Giebel stammt nämlich aus der Zeit, als hier das Depot der Drahtseilbahn war, die –nach dem Muster des cable-car von San Francisco konstruiert-  von  der  Place de la Republique über die rue de Paris/rue de Belleviille zur  Kirche St. Jean führte. 1924 wurde der Betrieb eingestellt und 1935 die Métro-Linie 11 eingeweiht, mit der der Hügel von Belleville ans Métro-Netz der Stadt Paris angeschlossen wurde.

Es lohnt sich also, durch Belleville zu streifen und die Augen offen zu halten: Da findet sich vieles Interessante, Überraschende und auch immer Neues wie die oben gezeigten Werke zur Flüchtlingsproblematik, denn –von den prominenten Künstlers abgesehen, deren Arbeiten man auch in Galerien sehen und für viel Geld erwerben kann – ist street art eine ephemere Kunst und einem ständigen Wandel unterworfen. Und da viele street-art-Künstler in Belleville und dem benachbarten  Ménilmontant zu Hause sind, ist Belleville geradezu ein Eldorado für Street-Art-Freunde.

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Das ist oft einfach nur phantasievoll und schön und eine Bereicherung des teilweise doch eher tristen Straßenbildes.

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Aber es gibt dabei auch immer wieder politische Botschaften, wie das in Belleville auch kaum anders sein kann. Das kann dann die Liberté von Delacroix sein, die das Schild von Pôle emploi, der französischen Arbeitsagentur in die Höhe hält- ein  Hinweis auf die hohe Arbeitslosigkeit; oder das alte Ehepaar in seinem aus Karton gefertigten Bett- ein Hinweis auf die vielen SDF in Paris, die Menschen ohne einen festen Wohnsitz, die ihre Nächte –selbst im Winter- im Freien  verbringen müssen.

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Dieses Problem wurde dann noch drastischer 2015 in einer Aktion am Fuß des Parks von Belleville aufgegriffen. Da wurde an die  auf der Straße gestorbenen Obdachlosen erinnert – es ist statistisch gesehen jeden Tag einer in Frankreich.

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Das 21. Arrondissement gibt es nicht: Die Obdachlosen haben eben kein zu Hause.Und manchmal kennt man nur den Vornamen.

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Ein sehr eindrucksvoller Erfahrungsbericht über seine Zeit als  Obdachloser in Belleville ist übrigens 2018 erschienen: Christian Page (avec Eloi Audoin-Rouzeau), Belleville au coeur. Page war Sommelier in einem noblen Pariser Restaurant, verlor aber dann gleichzeitig Arbeit, Frau und Wohnung  („le triple sacrement de la paisse„, wie er es nennt.) So verbrachte er drei Jahre auf dem Platz Sainte-Marthe in Belleville (10. Arrondissement), worüber er sehr anschaulich, keinenfalls larmoyant, manchmal sogar humorvoll  berichtet: Eine weitere Seite des vielfältigen Belleville.

8. Das multikulturelle Belleville

Am Anfang dieses Beitrags wurde die große multikulturelle Vielfalt angesprochen, der Belleville einen großen Teil seiner Attraktion verdankt. Dieser Aspekt soll denn auch zum Schluss aufgegriffen und wenigstens skizziert werden.

  • Juden, 

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer ersten großen ausländischen Zuwanderungswelle: Es waren Griechen, Polen, Armenier und vor allem Juden aus Ostmitteleuropa, die nach Belleville kamen. In den 1930-er Jahren  suchten  viele Juden aus  Deutschland, die  vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, in Belleville Zuflucht. Das Viertel wurde so zu einem „quartier juif“ mit einem intensiven Gemeinschaftsleben, einer Dominanz des Jiddischen und einer eindeutig politisch linken Tendenz- während im jüdischen Marais rund um die rue des rosiers, dem  Pletzl,  das orthodoxe Judentum vorherrschte. Das Belleville der Zwischenkriegszeit war auch ein Stedtl mit jiddischen Filmen im Kino Bellevue, einer CGT-Gewerkschaft, die auf ihrer Fahne eine jiddische Aufschrift hatte, der Synagoge in der rue Julien-Lacroix, in der jiddisch gesprochen wurde, und Restaurants, in denen gifiltefish und pickelfleish angeboten wurde. Der erste jiddisch geschriebene Roman über Paris bezieht sich denn auch auf Belleville: „Yidn fun Belleville“ (Baruch Schlewin, 1948)[21]

Allerdings sind die jüdischen Einrichtungen –wie die Synagoge und die jüdische Schule- heute kaum noch zu erkennen- höchstens durch die Präsenz von schwerbewaffneter Polizei, die leider aufgrund der zahlreichen Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Frankreich notwendig ist.  Deutlich zu identifizieren ist immerhin die neue Synagoge am Boulevard de Belleville, an der Stelle des „Bellevue“- Kinos mit seiner jiddischen Tradition, das, bevor es in den 1980-er Jahren als letztes Kino des Viertels zumachte, schließlich zum Porno-Kino heruntergekommen war, wie uns Freunde aus Belleville erzählten.

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Dass Bellville immer noch bzw. wieder auch ein jüdisches Viertel ist, ist für einen Außenstehenden vor allem an den zahlreichen jüdischen Geschäften rund um den  Boulevard de  Belleville zu erkennen.

Die eingewanderten Juden waren es vor allem, die den großen „rafles“ von 1941 und 1942  zum Opfer fielen. Die Bewohner ganzer Straßenzüge von Belleville, insgesamt mehr als 4000, wurden damals ausgerechnet in der Bellevilloise zusammengetrieben und dann über Drancy  nach Auschwitz deportiert.  Einer von ihnen war Henri Krasucki, nach dem heute ein Platz in Belleville benannt ist.

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An dem in der Mitte des Platzes stehenden Baum hängen alte Lampenschirme: Wir sind mitten in Belleville

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Krasuckis Lebensweg ist außerordentlich und wirft ein Licht auf den wichtigen jüdischen Anteil der spezifischen diversité  von Belleville:

Seine politisch engagierten Eltern flohen in den 1920-er Jahren vor dem Antisemitismus und Antikommunismus im Polen des Marschalls Pilsudski und fanden in Belleville Zuflucht.  Dort  betrieben sie eine kleine Schneiderei, der kleine Henri engagierte sich schon früh bei den „roten Pionieren“. Die standen  unter der Obhut der Bellevilloise-Kooperative, von der ja schon die Rede war. Unter der occupation war Krasucki führendes Mitglied in der Widerstandsgruppe FTP-MOI. 1943 verhaftet, wurde er nach Auschwitz deportiert und von dort aus 1945 auf den sog. Todesmarsch nach Buchenwald geschickt, den er aber überlebte. Nach dem Krieg stieg er – der stalinistischen KP- Linie immer treu- in die Führungsriege der kommunistischen  Gewerkschaft CGT auf, deren  Vorsitz er 10 Jahre innehatte: Ein Lebensweg also, auf dem Belleville eine wichtige und prägende Station war.

  • Tunesier

Seit den 1950- er Jahren wurde Bellevlle  durch die tunesische Einwanderung wieder zum bedeutendsten, jetzt sefardisch geprägten,  jüdischen Viertel von Paris. Tunesier kamen nach der Unabhängigkeit des Landes in großer Zahl nach Frankreich und Paris – und dort natürlich vor allem nach Belleville, das deshalb auch gerne „La Goulette sur Seine“ genannt wird, benannt nach einer tunesischen Stadt, die einen Teil der Hafenanlagen von Tunis umfasst. Gerade im Süden von Belleville gibt es viele tunesische Restaurants und Cafés. Wenn man also einen echten  thé à la menthe trinken oder, zum Beispiel in dem kleinen Restaurant „aux bons amis“ in der Rue de l’Atlas,  einen couscous essen will, braucht man in der Tat nicht die Reise von 1500 Kilometer nach Tunis zu unternehmen: Es reicht ein Spaziergang nach/durch Belleville.

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Die Tunesier, die sich in Belleville niedergelassen  haben, waren Juden und Muslime. Bemerkenswert ist dabei, dass nach der Selbsteinschätzung von Betroffenen in Belleville jüdische und muslimische Franzosen „mit tunesischem Migrationshintergrund“ in gegenseitigem Respekt zusammenleben und sich ihrer gemeinsamen Traditionen  bewusst sind. Selbst in der Zeit des letzten  Gaza-Kriegs, in dessen Zusammenahng es in Paris zum Teil zu gewaltsam ausgetragenen jüdisch-muslimischen Auseinandersetzungen kam, sei es in Belleville ruhig und friedlich zugegangen. Dies gilt offenbar auch für die  Zeit der Anschläge auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt. Ein Pariser Jude berichtet im Nouvel Obeservateur unter der Überschrift Belleville, oui, Barbès, non, er habe den Eindruck, dass die i.a. nordafrikanischen Händler auf dem Straßenmarkt von Belleville/Ménilmontant seit den Anschlägen ihm gegenüber noch freundlicher geworden seien. In das mehrheitlich afrikanische Barbès-Viertel gehe er seitdem aber nicht mehr.Das kosmopolitische Modell von Belleville ist also insoweit offenbar immer noch lebendig.[23] Als Zeichen dafür kann auch gesehen werden, dass auf dem Boulevard de Belleville jüdische und muslimische Geschäfte direkt benachbart sind.

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Das jüdische Restaurant wirbt für seine tunesischen Spezialitäten mit dem Siegel von Beth Din, also damit, dass seine Produkte vom Rabbinat kontrolliert und genehmigt sind. Gleich daneben versichert die muslimische Metzgerei unübersehbar, dass ihre Produkte das Gütesiegel der Organsiation AVS (À Votre Service) tragen und damit halal en toute confiance sind.

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Aber leidler gibt es auch  in Belleville  Tendenzen der Reislamisierung und Radikalisierung, die das typisch Belleville’schen Modell des „vivre ensemble“  in Frage stellen- dazu mehr am Schluss dieses Beitrags.

  • Schwarzafrikaner

In den letzten Jahrzehnten waren es vor allem Einwanderer aus den Antillen und aus Schwarzafrika, die sich  im südlichen Belleville rund um die Place Alphonse Allais niedergelassen haben.(23a)

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Hier wird einmal im Jahr ein großes Stadtteilfest gefeiert- mit dem  selbstbewußten Titel: Belleville en vrai. Und selbstbewusst treten auch die jungen Mädchen auf, die sich zu ihrer Herkunft bekennen und damit bei Wahl zur Miss Belleville besonderen Beifall ernten. Stolz auf seine Herkunft war auch der junge Mann, mit dem ich ins Gespräch kam und der bereitwillig für ein Foto posierte – das zweite Attribut -reich- war allerdings, wie er einschränkend bemerkte, eher ironisch gemeint.

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Wie schwierig aber das Leben selbst in dem multikulturellen Belleville für Einwanderer aus einer anderen Kultur  sein kann, zeigt eindrucksvoll das Lied  C’est déjà ça von Alain Souchon über einen Einwanderer aus dem Sudan. Er ist fern von seiner Heimat, alles ist ihm fremd in der Rue de Belleville. Aber immerhin lächeln die Passanten, wenn er in seiner Djellabah vorbeigeht und tanzt. Und er hofft und träumt, dass der Sudan sich erhebt und er wieder zurückkehren kann… [24]

Je sais bien que, rue d’Belleville,
Rien n’est fait pour moi,
Mais je suis dans une belle ville :
C’est déjà ça.
Si loin de mes antilopes,
Je marche tout bas.
Marcher dans une ville d’Europe,
C’est déjà ça.Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.
Y a un sac de plastique vert
Au bout de mon bras.
Dans mon sac vert, il y a de l’air :
C’est déjà ça.
Quand je danse en marchant
Dans ces djellabas,
Ça fait sourire les passants :
C’est déjà ça.Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.

Dass es in Belleville noch eine andere gerne übersehene „dunkle“ Seite der Einwanderung von „Blacks“ gibt, beschreibt der Autor von „Jours tranquilles à Belleville“  Thierry Jonquet, der in Belleville lebt und seine Veränderungen miterlebt:

Da gibt es die halbwüchsigen afrikanischen Jungen und Kleinkriminiellen, die sich bis zum frühen Morgen auf den Straßen herumtreiben. Es gibt die Dealer, die ganz offen in der rue Ramponneau ihren Geschäften nachgehen. Und es gibt die Einwanderer aus Bamako und anderen Gegenden mit anderen Hygiene-Kulturen, die hemmungslos hinpinkeln, wo sie gerade ein entsprechendes Bedürfnis überkommt – zumal es die schönen alten offenen Urinoirs oder Vespasiennes, wie sie für Paris so typisch waren, ja leider nicht mehr gibt, sondern nur noch die „zeitgemäßen“, aber selteneren und vielleicht auch bei manchen Menschen Schwellenangst erzeugenden  Sanitärkabinen von Décaux.[25]

  • Chinesen

Und dann –last but not least- gibt es noch die Chinesen in Belleville. Das Viertel  wird manchmal sogar als das  Chinatown von Paris oder als „Chinatown-sur-Seine“- bezeichnet – neben dem chinesischen Viertel im 13. Arrondissement.[26]  Es gibt in Belleville jedenfalls eine deutlich sichtbare chinesische Präsenz, und das schon seit fast einem Jahrhundert. Denn während des Ersten Weltkriegs kamen etwa 140 000 Chinesen nach Frankreich: Sie waren angeworben worden, um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern. Viele von ihnen, vor allem aus Wenzhou, blieben, einige  in Belleville, andere folgten.

Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben arbeiteten.  So entstand die sogenannte „Chinatown“ von Belleville.[27] Und dann war es vor allem die Welle von Chinesen aus Vietnam und Kambodscha, die nach der kommunistischen Machtübernahme –z.T. als boat people- nach Frankreich kamen. Sie hatten oft französische Schulen besucht und verfügten auch teilweise über erhebliche finanzielle Mittel. Sie waren es, die zahlreiche Geschäfte am Beginn der rue de Belleville aufkauften, ebenso wie die alten Galéries Barbès an der Métro-Station Belleville, aus der das große, repräsentative Restaurant Président wurde.

Die starke und ausgreifende chinesische Präsenz in Belleville wird vielfach als Problem  wahrgenommen

  • weil die Chinesen  immer mehr traditionelle Geschäfte aufkaufen und verdrängen. L’arrivée massive d’une communauté asiatique“  ist aus Sicht der tunesichen Gemeinde ein täglich zu erlebendes dringendes Problem.[28]
  •  weil die Chinesen  über  spezifische Finanzierungsmöglichkeiten verfügen, mit denen sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen ethnischen Gruppierungen haben:  die sogenannte Tontine, eine Finanzierungsform, die auf persönlichen Beziehungen beruht. Sie eröffnet den Chinesen einen  Zugang zu Kapital, der sie  unabhängig macht vom Bankensystem und seinen Restriktionen. (dazu: http://terrain.revues.org/)
  • weil sie eine Tendenz haben, unter sich zu bleiben und teilweise wenig Anstrengungen zur Integration machen. In dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick  auf den Stand mit den chinesischen Zeitungen (zusammen mit der Actualité juive) am Kiosque an der Métro Belleville…

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…. oder in die chinesische Buchhandlung in der rue de Tourtille, das Pendant zu den rein arabischen Buchhandlungen (mit offenbar meist islamischer Tendenz), in die ich mich als „Ungläubiger“ allerdings noch nicht hineingetraut habe. In der chinesischen Buchhandlung kann man sich allerdings ganz unproblematisch umsehen und auf diese Weise auch einen kleinen Eindruck von den Lebensgewohnheiten der Chinesen von Belleville erhalten.

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  • und schließlich wird auch als Problem beschrieben, dass die Chinesen von Belleville gerne ihren Wohlstand offen zur Schau stellen. Bei einem meiner Rundgänge konnte ich einen jungen Chinesen beobachten, der seinen funkelnden Mercedes-Sportwagen an einer Straßenecke abstellte, ohne Rücksicht auf die dadurch massiv behinderten Fußgänger zu nehmen. Jonquet beschreibt, dass man an Wochenenden als Zaungast an grandiosen asiatischen Hochzeiten teilnehmen kann. Mit aufwändigst blumengeschmückten Luxuskarossen, Smoking, feinsten Brautkleidern, Fotografen…. Die Kinder (mit afrikanischem Migrationshintergrund) auf dem gegenüberliegenden Trottoir würden das als Provokation erleben.
  • Eine Konsequenz dieser eklatanten sozialen Gegensätze in dem Viertel sei der Diebstahl, der gerade die Chinesen treffe, zumal die oft auch erhebliches Bargeld bei sich trügen und -da sie teilweise ohne offiziellen Status in Frankreich lebten- bei einem Überfall eher nicht die Polizei einschalteten.  In der Tat fühlen sich Asiaten öfters von „schwarzen und arabischen Banden“ terrorisiert, die die Seitenstraßen der Rue de Belleville kontrollierten, wie der französische Chinaexperte Dr. Pierre Picquart auf der Website der Chinois de France feststellt. Aus diesem Grund fand im Juni 2010 eine Demonstration von etwa 10.000 „immigrés asiatiques“ in Belleville statt, die mit Parolen wie „Stop à la violence“,   sécurité pour tous und I love Belleville auf dieses Problem aufmerksam machten. [29]

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Le Figaro, 2.7.2010: „La révolte des Chinois de Belleville

  • Und dann gibt es noch das Problem der chinesischen Prostitution in Belleville, die gerade derzeit besonders im Rampenlicht steht. Denn in französischen Kinos läuft derzeit  ein intensiv beworbener und hochgelobter Film über die marcheuses, wie die chinesischen Prostituierten von Belleville genannt werden.

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Sie sind meistens zwischen 40 und 60 Jahre alt (das auf dem Plakat abgebildete junge Mädchen ist die Tochter der Protagonistin des Films), sehen eher verhärmt aus, sind ärmlich angezogen, haben weder Arbeitsgenehmigung noch Aufenthaltserlaubnis, und stehen unter dem Druck, für ihre Familien und Kinder Geld beschaffen zu müssen. „Die Emigration ist für uns, was für die Männer der Krieg ist,“  erklärte eine dieser Marcheuses der Zeitung Le Monde. Die Männer hoffen, dass sie schnell mit dem Sieg nach Hause kommen, wir mit Geld.“[30]

Prostitution ist in Frankreich ja offiziell verboten, seit Neuestem sind auch „Kunden“ mit Strafe bedroht. Das entsprechende neue Gesetz soll Prostitutierten den Ausstieg ermöglichen und das Zuhälterwesen bekämpfen. Aber viele marcheuses fürchten, damit noch mehr in eine gefährliche Illegalität abgedrängt zu werden. Außerdem ständen sie als „Selbstständige“ nicht unter dem Druck von Zuhältern, sondern höchstens unter dem Druck der famliären Erwartungshaltungen…

Belleville wurde, wie am Anfang zitiert, ein laboratoire de la diversité genannt. Und es wird immer wieder als Erfolgsgeschichte gerühmt – im Gegensatz zu manchen cités am Rand der Stadt. Eine solche Erfolgsgeschichte ist Belleville in der Tat, wenn man an die vielen Menschen aus vielen Teilen Europas, ja der Welt denkt, die seit 150 Jahren hier eine neue Heimat gefunden haben. Aber es wird bei einem Blick hinter  Kulissen der Exotik, wie ihn Thierry Jonquet mit seinem Buch „Jours tranquilles à Belleville“ (2013) ermöglicht, doch auch deutlich, wie prekär und gefährdet das dort noch überwiegend herrschende Gleichgewicht ist. Vor allem, wenn der Austausch und die gegenseitige Anregung eher zurückgehen und sich auf engstem Raum ethnische Inseln bilden, wie Jonquet berichtet: Da dominieren in der Schule auf der westlichen Seite der rue de Belleville die Asiaten, während in der Schule auf der anderen Seite der Straße die Blacks fast unter sich sind. Das ist für ihn –und da kann ich ihm nur zustimmen- eine gefährliche Entwicklung. Eine Enklavenbildung und Ghettoisierung müsse unbedingt verhindert werden, ebeso wie die Herausbildung von Parallelgesellschaften, in denen fundamentale Integrationsanstrengungen nicht erbracht würden. Und es gibt auch eine schon 15 Jahre alte, aber immer noch aktuelle Warnung des linken Schriftstellers Jonquets: Wenn es um gravierende Probleme des Zusammenlebens, des vivre ensemble, gehe, darunter auch um Kriminialität und ihre Begleiterscheinung, die Unsicherheit, sei es gefährlich, dies zu Tabus zu erklären mit der Begründung, man würde sich mit solchen Themen in rechtsradikales Fahrwasser begeben.[31]

Die Warnung vor dem von ihr selbst lange Zeit  praktizierten Wegsehen und einer falsch verstandenen Toleranz gehört auch zur Quintessenz des 2016 erschienenen Buches von Géraldine Smith  „Rue Jean-Pierre Timbaud“.

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In diesem Buch beschreibt Smith sehr konkret und eindringlich die Gefährung des multikulturellen Belleville und des dortigen „vivre ensemble“. Die Rue Jean-Pierre Timbaud liegt zwar nicht im heutigen Verwaltungsbezirk Belleville, also einem Teil des 20. Arrondissements, der von der Rue de Belleville, dem Boulevard de Belleville, der Rue de Ménilmontant und der Rue de Pixérécourt umschlossen wird. Aber das alte, 1860 eingemeindete Belleville reicht Ja darüber hinaus und umfasst auch Teile der heutigen 11., 12. und 19. Arrondissements. Die im nördlichen 11. Arrondissement gelegene Rue Jean-Pierre Timbaud im quartier Couronnes gehört damit zum „alten“ Belleville. Géraldine Smith, die viele Jahre mit ihrem Mann und zwei Kindern in Beleville wohnte,  berichtet von den  Erfahrungen ihrer Familie, von Freunden und Bekannten  in diesem Viertel; von der anfänglichen Begeisterung, in einem lebendigen, sozial gemischten und multikulturellen Umfeld zu wohnen – und von dessen allmählicher Veränderung und ihrer eigenen Ernüchterung.

Da ist die öffentliche Schule, in die die Kinder gehen –sie sollen ja nicht in der privilegierten Enklave einer privaten Schule aufwachsen. Die weißen frankophonen Kinder sind dort zwar eine kleine Minderheit, die völlig unterfordert ist und sich meistens langweilt,  aber die Schulleiterin propagiert ihre Rolle als „poissons-pilotes“, die das Niveau der ganzen Klasse heben würden.  Es gehe dabei um eine „démarche  citoyenne, die für die Entwicklung des Viertels unverzichtbar sei. (S. 32) Später meldet sie dann ihre eigenen Kinder in einer Privatschule an….  Die Jungen der Schule spielen mit Begeisterung Fußball: Eine Mannschaft ist  PSG –Paris  Saint Germain- die andere Real Madrid. Aber eines Tages möchte ein Kind mit marokkanischen Wurzeln nicht mehr für eine dieser Mannschaften spielen, sondern für die „Löwen des Atlas“, also die marokkanische Nationalmannschaft, obwohl er von der keinen einzigen Spieler kennt: Seitdem spielt „Frankreich“  gegen „den Rest der Welt“, also vor allem  gegen die Kinder mit nord- oder schwarafrikanischen Wurzeln. Und der kleine Sohn kommt ratlos nach Hause und versteht die Welt nicht mehr: „Ils se prennent tous pour leur origine“  S.122)– ein Armutszeugnis für die republikanische  Integration.  Dann wird die „classe vert“, eine gemeinsame Fahrt in die Berge,  gestrichen ebenso wie die Fahrten  nach England: die meisten muslimischen Eltern weigerten sich aus Angst vor Promiskuität, ihre Töchter daran teilnehmen zu lassen.  Géraldine Smith beschreibt auch, was sich draußen ändert. Beispielsweise:  Als sie vor der Schule Cola-trinkend auf ihren Sohn wartet, wird sie von einem Mann in weißer Djellaba angeherrscht  und als saloppe (Schlampe) beschimpft, die abhauen solle (S.134). Frauen dürften nicht trinkend auf der Straße herumstehen.   Ein Bäcker redet seine Kundschaft nur noch auf arabisch an und bedient zuerst die muslimischen Männer, die Frauen grundsätzlich zuletzt. Der radikal-islamische Iman der Moschee ermuntert die Gläubigen, auf der Straße zu beten, auch wenn die Moschee gar nicht voll besetzt ist: Ostentative Demonstration der „Machtergreifung“ des radikalen Islam in einem Teil der Rue Jean-Pierre Timbaud. Dazu kommt das Gefühl zunehmender Unsicherheit und Fremdheit im eigenen Viertel. Erstes Opfer der Radikalisierung sind übrigens die liberalen Muslime. Entweder sie fügen sich dem auf sie ausgeübten Druck wie der nette Kebab-Verkäufer, der plötzlich keine Jeans mehr trägt und nur noch Halal-Cola verkauft, oder sie weichen ihm durch Umzug aus.

Liest man  die Bücher von Jonquet und Smith, wird man die Elogen auf das mulitkulturelle Belleville, in dem alle Gruppen der Bevölkerung in bester Harmonie zusammen leben, mit Vorbehalten und Fragezeichen versehen. Ob es sich hier, wo man es am wenigsten erwarten würde, um einen Niederschlag  der „fractures françaises“ handelt (Le Figaro 29.4.2016), kann ich nicht beurteilen. Es scheint jedenfalls Tendenzen zu geben, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen eher neben- als miteinander leben und dass einige ihren Lebens- und Einfllussbereich kontinuierlich auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen ausweiten: Die Chinesen eher geräuschlos, die muslimischen Integristen eher demonstrativ. Jonquet und Smith kennen  und lieben Belleville. Sie wollen mit ihren Büchern das Bewusstsein für die Besonderheit des Viertels schärfen und dazu beitragen, dass es ein Modell bleibt und nicht zum Mythos verkommt. Man kann nur hoffen, dass sie damit Erfolg haben.

Kleiner ernüchternder Nachtrag Februar 2018:

Die französische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Männern und Frauen, Marlène Schiappa, die in einfachen Verhältnissen in  Belleville aufgewachsen ist, hat in einem ausführlichen Interview mit Le Monde (4./.5. Februar 2018) von dem Glück gesprochen, das sie in ihrem Leben gehabt habe. Sie berichtet:

„Eine tolle Französisch-Lehrerin und eine gute Beratungslehrerin haben sich die Zeit genommen, mit mir zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, dem „lycée de secteur“, (also dem eigentlich für sie „zuständigen“ Gymnasium des Viertels. W.J.)  zu entkommen und statt dessen von einem angesehenen Pariser Gymnasium aufgenommen zu werden. Ich habe Russisch und Latein gewählt, und -hopp!- wurde ich von Belleville ins 16. Arrondissement katapultiert. Mein Glück!“

Dies übrigens auch eine kleine Illustration zum französischen Schulsystem – siehe den Blog-Beitrag über Frankreich als Spitzenreiter der schulischen Ungleichheit.

 

Zum Weiterlesen und –hören:

Thierry Jonquet, Jours tranquilles à Belleville. Paris 2013

Clément Lépidis und Emmanuel Jacomin: Belleville. Paris 2008

http://www.franceculture.fr/emissions/les-nuits-de-france-culture/belleville-par-ses-habitants-avant-entendait-chanter-le-coq (Bewohner von Belleville erzählen von ihrem Quartier aus der Zeit „avant sa destruction par les promoteurs“ in den 1970-er Jahren)

Géraldine Smith, Rue Jean-Pierre Timbaud. Une vie de famille entre barbus et bobos. Paris: Stock 2016

Anmerkungen:

[1] http://www.histoire-immigration.fr/la-cite/le-reseau/les-actions-du-reseau/2009-journees-europeennes-du-patrimoine/quartier-de-belleville-paris

[2] Für sie wird manchmal der Begriff „de souche“ verwendet, der i.a. mit „gebürtig“ übersetzt wird. Wenn von „français de souche“ die Rede ist, sind aber weniger die in Frankreich Geborenen gemeint, sondern diejenigen, die schon seit  (mehreren) Generationen in Frankreich leben. Insofern verstößt der Ausdruck auch gegen die republikanische political correctness, weil es nach ihr eine solche Unterscheidung gar nicht geben dürfte. Vielleicht ist es also auch ein Ausdruck politisch schlechten Gewissens, wenn das de souche öfters auch in Anführungsstriche gesetzt wird. .

(2a) siehe Stéphanie Lombard, Street Art Paris. Paris 2017, S. 59. Auf der vorderen inneren Umschlagseite ist der Belvedere von Belleville mit den Malereien von Seth und den  Arbeiten weiterer Street-Art-Künstler abgebildet.

[3]  « Fontaine coulant d’habitude pour l’usage commun des religieux de Saint-Martin de Cluny et de leurs voisins les Templiers. Après avoir été trente ans négligée et pour ainsi dire méprisée, elle a été recherchée et revendiquée à frais communs et avec grand soin, depuis la source et les petits filets d’eau. Maintenant enfin, insistant avec force et avec l’animation que donne une telle entreprise, nous l’avons remise à neuf et ramenée plus qu’à sa première élégance et splendeur. Reprenant son ancienne destination, elle a recommencé à couler l’an du Seigneur 1633, non moins à notre honneur que pour notre commodité. Les mêmes travaux et dépenses ont été recommencés en commun, comme il est dit ci-dessus, l’an du Seigneur 1722 » https://fr.wikipedia.org/wiki/Regard_Saint-Martin

Zur Bedeutung des Wasser für Belleville:  http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/03/histoires-deaux-belleville.html

Zum Kloster Saint-Martin-des-Champs -heute das musée des arts et métiers- siehe den Blog-Beitrag über die Freiheitsstatue in New York  und ihre Pariser Schwestern, Teil 3

Es gib noch einen weiteren  schönen Regard in Belleville, den 1583-1613 errichteten Regard de la Lanterne, Rue de Belleville/Rue Complans.

[4] Heute erinnern nur noch der Name Quartier d’Amerique mit der Place des Fêtes als Mittelpunkt und die rue des carrières des Amerique an diese Vergangenheit.

[5] https://parisrevolutionnaire.org/important-club-politique-qui-devient-le-club-des-amis-de/

(Für politisch interessierte Promeneurs eine äußerst interessante und ergiebige Quelle)

[6] https://bataillesocialiste.wordpress.com/2012/08/23/allocution-du-coiffeur-rozier-au-banquet-communiste-de-belleville-1840/

[7] https://paris-luttes.info/banquet-contre-l-etat-d-urgence-a-4635?lang=fr  Allerdings –wohl auch aufgrund des schlechten Wetters- mit deutlich geringerer Beteiligung als beim Banquet von 1840 –sieht man von dem massiven Polizeiaufgebot ab. Dabei ging es noch nicht einmal gegen den Ausnahmezustand als solchen, sondern nur um die Art seiner Instrumentalisierung durch die Regierung!

[8] Es gehört übrigens zu den Perversitäten, die die Geschichte manachmal mit sich bringt, dass ausgerechnet an diesem Ort während der großen rafles unter deutscher Besatzung die Juden  des Viertels zusammengetrieben wurden, bevor sie dann ins Vel d’hiver, nach Drancy und schließlich Auschwitz deportiert wurden. Entsprechend geschah es ja auch mit dem  Gymnase Japy im 11. Arrondissement, einem  weiteren mythischen Ort der französischen Arbeiterbewegung.

[9]  So jedenfalls zu entnehmen der Histoire de la Commune de 1871 von Lissagaray. Entsprechend auch Jule Vallès im L’Insurgé. Die Ehre der letzten Commune-Barrikade beansprucht allerdings  auch –unter Berufung auf Louise Michel-  die rue de la Fontaine-au-Rois

[10] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2015/11/12/97001-20151112FILWWW00365-paris-le-metro-belleville-change-de-nom.php

[11] http://www.liberation.fr/france/2016/01/10/pour-une-primaire-a-gauche_1425509

http://www.lefigaro.fr/politique/2016/02/04/01002-20160204ARTFIG00039–la-bellevilloise-la-gauche-de-la-gauche-tente-de-mettre-sur-les-rails-la-primai

[13] http://plateauhassard.blogspot.fr/2011/10/lile-damour.html

[14]  http://www.alain-rustenholz.net/2012/02/belleville-ou-la-revanche-du-lapin.html

[15] https://www.youtube.com/watch?v=oTFQK767Qik

[16] http://ateliers-artistes-belleville.fr/les-portes-ouvertes/les-artistes-participant/

[17] http://ateliers-artistes-belleville.fr/artiste/juan-de-nubes/

[18] Guide Vert, Idées des promenades à Paris, S. 48).

http://www.hellocoton.fr/to/8mnt#http://news.celemondo.com/2010/12/la-villa-castel-lieu-de-tournage-de-jules-et-jim/

[19] http://www.lemonde.fr/culture/visuel/2015/04/16/a-belleville-la-rue-denoyez-perd-ses-artistes_4616550_3246.html)

(19a) http://kamlaurene.com/

[20] Siehe dazu: http://voyage.blogs.rfi.fr/article/2012/06/08/belleville-les-multiples-visages-du-paris-populaire (mit interessanten Berichten aus Belleville zum Abspielen und Mithören)

[21] Eric Hazan, L’invention de Paris. Il n’y a pas de pas perdus. Éditions du Seuil 2002, S. 283

Patrick Simon et Claude Tapia: Le Belleville des Juifs tunisiens. Paris 1998

22]  siehe 10. Bericht aus Paris: Spuren der Erinnerung

[23] http://www.tunisiensdumonde.com/les-rendez-vous/2009/03/quartier-belleville-a-paris-la-goulette-sur-seine/

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/1326242-insultes-regard-menaces-je-suis-juif-aujourd-hui-j-evite-certains-quartiers-de-paris.html

Siehe auch:  Daniel Gordon, « Juifs et musulmans à Belleville entre tolérance et conflit », Cahiers de la Méditerranée, 67 | 2003, 287-298. http://cdlm.revues.org/135

(23a) Schwarzafrikaner hat es allerdings wohl auch schon seit dem Ersten Weltkrieg in Belleville gegeben. Siehe dazu die Legende vom Sekou-Touré-Baum in dem Innenhof des Hauses 10,rue du Jourdan an der Kirche St Jean Baptiste:

„10 rue du Jourdain se trouve une cour bordée d’immeubles bas et planté entre autres de „Sekou Touré“. Cette plante exotique aurait été importée par les tirailleurs sénégalais  à l’issue de la première guerre mondiale“ (.http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/06/la-rue-de-belleville.html)

[24] https://www.youtube.com/watch?v=jBIWL9S32QQ

[25] Jonquet Thierry, « « Jours tranquilles à Belleville ». », Sociétés & Représentations 1/2004 (n° 17) , p. 183-192  http://www.cairn.info/revue-societes-et-representations-2004-1-page-183.htm

[26] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

Siehe zu Belleville auch den Blog-Beitrag über „Chinatown in Paris“ (Rubrik Stadtviertel, 13. Arrondissement)

[27] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[28] http://www.tunisiensdumonde.com/a-la-une/2009/03/au-coeur-du-quartier-de-belleville-%C2%AB-la-goulette-sur-seine-

[29]  www.chinoisdefrance.com

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

[30] Florence Aubenas, Belleville, extérieur nuit. In: Le Monde, 3.2.2016. Enquête, S.

[31] http://www.hommes-et-migrations.fr/docannexe/file/1227/1227_05.pdf

Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

In diesem Beitrag geht es um den Cimetière de Picpus, einen wenig bekannten kleinen privaten Friedhof im 12. Arrondissement von Paris. Dieser Friedhof ist nicht nur ein einzigartiges Zeugnis des jacobinischen Terrors  zur Zeit der Französischen Revolution, sondern auch –eher weniger bekannt- ein ganz besonderer deutsch-französischer (und amerikanischer!) Erinnerungsort, verdankt er doch seine Entstehung einer deutschen Prinzessin… Und es ist ein Ort, der vielfältige Bezüge zur französischen und deutschen Literatur aufweist: Dafür stehen Namen wie Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Gertrud von Le Fort, André Chenier und Patrick Modiano.

Der Friedhof von Picpus gehört sicherlich nicht zu den spektakulären Pariser Sehenswürdigkeiten. Und selbst unter den Pariser Friedhöfen  führt er eher ein Schattendasein: Mit dem Père Lachaise und seinen unzähligen Grabmälern bedeutender Frauen und Männer, dem Cimetière Montparnasse mit den Gräbern von Sartre, Simone de Beauvoir und Stéphane Hessel oder auch dem Cimetière Montmartre mit dem Grab Heinrich Heines kann er kaum mithalten. Schließlich liegt er auch noch versteckt am Rande von Paris, südlich der Place de la Nation, der Eingang ist ganz unscheinbar und nur zu bestimmten  Tageszeiten geöffnet- man muss den Friedhof also schon sehr bewusst ansteuern. Aber der Weg lohnt sich.(0)

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Der Cimetière de Picpus ist nicht nur eine Oase der Stille, abseits des touristischen Trubels, sondern auch ein Erinnerungsort an ein blutiges Kapitel der Französischen Revolution, den jacobinischen Terror. Aber, und das macht einen zusätzlichen Reiz dieses Ortes aus, es geht hier nicht nur um französische Geschichte: Der Ort ist wegen des Grabes von La Fayette auch ein Pilgerort für Amerikaner.

Und eine besondere Pointe: Seine Entstehung hat der Friedhof einer deutschen Prinzessin zu verdanken, die in besonderer Weise von dem jacobinischen Terror betroffen war. Der Friedhof ist also –und nicht nur deshalb- auch ein deutsch-französischer Erinnerungsort.[1]

Dass gerade an dieser Stelle 1306 Opfer der Guillotine verscharrt wurden, hat seine besondere Bewandtnis. Zunächst stand ja die Guillotine auf der place de la Révolution, der heutigen Place de la Concorde,  auf der anderen Seite der Stadt. Aber die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. Das beeindruckte auch die Jacobiner, so dass sie die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegten. Die Opfer wurden nun auf den Friedhof der Kirche Sainte Marguerite im Faubourg Saint Antoine gebracht.[2]  Aber auch das in diesem Viertel ansässige feine Tischlerhandwerk wollte nicht durch den Transport verstümmelter Leichen belästigt werden. Also wurde die Guillotine noch einmal verlegt und auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zu den Gärten des in der Revolution aufgehobenen Damenstifts St. Augustin de Picpus. Das war auch noch von einer hohen Mauer umgeben, so dass die Totengräber hier ungestört zwischen dem 14. Juni und dem 27. Juli 1794, dem Sturz Robbespierres und dem Ende des Grand Terreur,  zu Werk gehen und die Hingerichteten in zwei Massengräbern verscharren konnten.  Eine  Tafel am großen Holztor in der nördlichen Mauer des ehemaligen Klostergeländes und heutigen Friedhofs erinnert daran:

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„Die blutigen Karren der Guillotine, die 1794 an der barrière du trône aufgestellt wurde, rollten in die Gärten der Stiftsdamen von St. Augustin de Picpus durch eine Tür in der nördlichen Mauer des Gartens. Der Türsturz davon ist noch erhalten. Die verstümmelten Leichen der 1306 Opfer  ruhen in zwei Massengräbern.“[3]

Gartentür 016

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In der kleinen Kapelle vor dem Friedhof sind auf zwei gegenüberliegenden Wänden riesige Tafeln  mit den Namen, dem Alter und dem Beruf der Opfer  angebracht, geordnet nach den Daten der Hinrichtung. In den sechs Wochen des Juni und Juli 1874 wurden auf der place du trône renversée mehr Menschen  umgebracht als in den 13 Monaten davor auf der place de la Revolution.  Auch wenn die Beleuchtung etwas düster ist: Die abstrakte Zahl  1306 wird hier  erfahrbar und,  wenn man genauer hinsieht, auch etwas davon, wer alles dem Terror zum Opfer fiel: Menschen jeden Alters, Geschlechts und Standes.

Erinnerungstafel alle Opfer nach Stand 012

Natürlich Adlige und Geistliche, die als Feinde der Republik galten, vor allem und mehrheitlich aber „gens du peuple“, Hausbedienstete, kleine Handwerker, eine Frisöse, ein Bäcker, eine Krankenschwester, ein Gebrauchtwarenhändler[4]…. Die jacobinischen Revolutionstribunale konnten sich nicht nur einer zügigen Abwicklung der Prozesse und der geradezu fließbandmäßiger Vollstreckung der üblichen Todesurteile rühmen, sondern auch –man kennt das aus der deutschen Geschichte- einer peniblen Buchführung. (4a)

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Hier wird auch die Formel von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahre 1805 nachvollziehbar, die Revolution samt Schreckensherrschaft sei ein gefräßiges Ungeheuer gewesen, welches „hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete“, wobei allerdings Revolution und Schreckensherrschaft zu Unrecht in einen Topf geworfen werden.   Aber dass man nach den Protesten im noblen Faubourg Saint Honoré und im Faubourg Saint Antoine der Handwerker die Guillotine am äußersten Ende von Paris aufstellte  und  dass mit den Gärten des Klosters St. Augustin ein “Ort des kurzen Wegs“ für die Massengräber gewählt wurde, zeigt, dass sich der Konvent  der  öffentlichen Zustimmung zu den immer willkürlicheren und teilweise völlig zufälligen Hinrichtungen nicht mehr sicher sein konnte. „Nicht Robespierres Gegner waren die Guillotine und das Guillotinieren leid“, schrieb denn auch Rudolf Augstein 1989 in seiner Spiegel-Serie über die Französische Revolution.  „Das Volk von Paris war des immer gleichen Schauspiels müde, haßte den Blutgeruch und nahm dem Konvent die Blutmaschine aus den blutigen Händen.“[5]

Ein Rundgang durch den Friedhof

Der Cimetière de Picpus besteht aus zwei Teilen: zunächst einem Friedhof im typisch französischen Stil – mit eng aneinander liegenden steinernen bzw. nebeneinander stehenden Grabmälern von adligen Familien, die Angehörige im jacobinischen Terror verloren hatten. Entsprechend respektabel sind denn auch einige dieser Grabstätten – ganz im Gegensatz zu dem hinter einer weiteren Mauer liegenden  und nicht zugänglichen Feld mit den beiden Massengräbern der letzten  Opfer des  Terrors, an die  schlichte Kreuze oder Gedenksteine erinnern.

Beginnen wir unseren Rundgang am Grab von La Fayette.  Das Grab La Fayettes ist nicht zu übersehen, auch wenn es in der hinteren Ecke des Friedhofs liegt. Aber die amerikanische Fahne, der einzige Farbtupfer in dem steinernen Gräberfeld, weist den Weg. Die stars and stripes an diesem Grab sind eine Würdigung der besonderen Rolle, die La Fayette im amerikanischen Bürgerkrieg spielte. Immerhin hatte sich La Fayette als überzeugter Aufklärer mit einer auf eigene Kosten angeworbenen Freiwilligentruppe am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt und war zum Generalmajor des amerikanischen Kontinentalheeres ernannt worden. Mit den Führern der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, George Washington und Thomas Jefferson, war er bekannt. Jeffersons 1776 verfasste „Blll of rights of Virginia“, die Vorläuferin der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, beeinflusste ihn sehr. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung, deren Vizepräsident er drei Tage später wurde, den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte  nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von  Jeffersons erarbeitet hatte, der inzwischen  Botschafter in Paris geworden war.

In Amerika wurde er als Kriegsheld gefeiert. Zahlreiche Städte und Landkreise (counties) tragen seinen Namen. Auf dem Lafayette Square in Washington, D.C. ist er in einer Statue verewigt und auch in Paris gibt es eine von einem Amerikaner gestiftete Lafayette-Statue,  ein Dank für die von Frankreich der USA geschenkte Freiheitsstatue. Sie stand ursprünglich im Hof des Louvre, musste aber aufgrund des Baus der Pyramide an den cours la reine, eine Anlage an der Seine auf der Höhe des Grand Palais, „umziehen“.

Dass La Fayette, der aufgrund seiner Flucht nach Flandern und seiner Gefangenschaft bei Österreichern und Preußen  dem jacobinischen Terror Terror entging, auf dem Friedhof Picpus begraben liegt, hat er seiner Frau bzw. deren Familie zu verdanken.

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Die aus einem alten und bedeutenden französischen Adelsgeschlecht stammende Adrienne de Noailles wurde 1774 im Alter von 14 Jahren mit dem 16-jährigen Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, verheiratet. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester wurden am 22. Juli 1794 hingerichtet, also 5 Tage vor dem Ende der Schreckensherrschaft. Ende Juni waren schon vier weitere Mitglieder des Noialles-Geschlechts hingerichtet worden: Philippe de Noailles, duc de Mouchy, Marschall Frankreichs, seine Frau, eine „madame etiquette“ genannte Ehrendame Marie-Antoinettes, dazu seine Nichte und Schwiegertochter.

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Damit hatten die Noailles/La Fayettes gewissermaßen das Anrecht erworben, auf dem Cimetière de Picpus  begraben zu werden.

Das Grab von La Fayette und der Familie de Noailles markiert nicht nur ein besoders blutiges Kapitel des jacobinischen Terreur, sondern  es ist auch ein Symbol der amerikanisch-französischen Waffenbrüderschaft. Am 13. Juni 1917 besuchte der Oberbefehlshaber des amerikanischen Expeditionsheeres, General Pershing, in Begleitung des französische Generals Pelletier das Grab Lafayettes. (5a)

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An Lafayette und Pershing erinnern auch Tafeln am Eingang des Friedhofs.

Und am 4. Juli 1917,  dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Nationalfeiertag, rief Oberst Stanton, Vertreter des amerikanischen  Expeditionscorps, im Beisein von Marschall Joffre am Grab aus. „La Fayette, nous voici!“- ein berühmt gewordener  Ausspruch, der dann auch wieder 1944  anlässlich der Landung der amerikanischen Truppen in der Normandy zitiert wurde.[6]. Heutzutage  besucht der jeweilige amerikanische Botschafter in Paris am 4. Juli das Grab von La Fayette und eine neue stars and stripes wird gehisst.

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Geht man etwas  durch die Gräberreihen und betrachtet die Inschriften, so stellt man fest,  dass  es sich hier geradezu um ein   who is who?  des französischen Hochadels handelt. Zwar waren zahlreiche Adlige noch rechtzeitig emigriert, aber es gab doch noch genug andere, die davon ausgingen, wegen ihrer Zustimmung zu den Idealen  der Revolution oder wegen ihrer besonderen persönlichen Situation nichts befürchten zu müssen.  Dazu gehörte der schon erwähnte Philippe de Noailles: Als er aufs Schafott stieg –er war damals 79 Jahre alt-  rief ihm einer der Schaulustigen zu: „Courage, Monsieur le Maréchal!“. Seine Antwort: „Als ich 15 Jahre alt war, stieg ich aufs Pferd zum Sturmangriff für meinen König, jetzt, fast 80-jährig, steige ich aufs Schafott für meinen Gott.“[7]

Hingerichtet und verscharrt wurde auch Marie-Louise de Laval-Montmorency, die letzte Äbtissin von Montmartre. Sie war blind und taub und wurde vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, weil sie „sourdement et aveuglément“ gegen die Republik agitiert habe- ein vielzitiertes Beispiel für den Zynismus der Revolutionstribunale.

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Zu den Opfern gehörte auch der Dichter André de Chénier. An ihn erinnert eine schlichte Gedenkplatte an der Mauer, die die Wiese mit den Massengräbern von dem heutigen Friedhof trennt. Die Inschrift der Tafel:  André de Chénier, Sohn Griechenlands und Frankreichs. Er diente den  Musen, liebte die Weisheit und starb für die Wahrheit.

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Rudolf Augstein schrieb in seiner Spiegel-Serie Vom Freiheitsrausch bis Waterloo über das  Ende von Chenier:

„Der Dichter Andre Marie de Chénier, ein erklärter Feind der Jakobiner, wird am 7. März 1794 verhaftet. Man sperrt ihn in das Gefängnis Grande-Force und guillotiniert ihn drei Tage vor Robespierre. Warum hat er diesen nicht überlebt? Nun, in den Gefängnissen sitzen auch die „moutons“, die Spitzel. Einer, der Graf Ferrières-Sauvebeuf, hat ihn beim Sicherheitsausschuß denunziert. Chéniers Geliebte, Madame de Bonneuil, eine erwiesene Feindin der Republik, trifft im Juli 1793 im Gefängnis Sainte-Pelagie ein und überlebt. Unter dem Namen „Camille“ hat sie der Dichter verewigt.“ (Augstein).

Chenier kritzelt, auf den Karren wartend, sein letztes Gedicht. Es zeugt  „von seiner Anstrengung, selbst den letzten Moment im Zeichen der eigenen klassizistischen, auf Freiheit und Tugend gerichteten Poesie zu gestalten. Dem bevorstehenden Tod wird nichts Tröstliches abgerungen.“[8]

Comme un dernier  rayon, comme un dernier zéphyre

Anime la find d’un beau jour,

Au pied de l’échafaud j’essaye encore ma lyre.

Peut-être est-ce bientôt mon tour;

Peut-être avant que l’heure en cercle promenée

Ait posé sur l’émail brillant,

Dans les soixante pas où sa route est bornée,

Son pied sonore et vigilant,

Le sommeil du tombeau pressera ma paupière!

Avant que de ses deux moitiés

Ce vers que ke commence ait atteint la  dernière,

Peut-être en ces murs effrayés

Le messager de mort, noir recruteur des ombres,

Escorté d’infâmes soldats,

Remplira de mon nom ces longs corridors sombres.

Quoi! Nul ne restera pour attendrir l’histoire

Sur tant de justes massacrés;

Pour consoler leurs fils, leurs veuves, leur mémoire;

Pour que des brigands abhorrés

Frémissent aux portraits noirs de  leur ressemblance;

Pour descendre jusqu’aux enfers

Chercher le triple fouet, le fouet de la vengeance,

Déjà levé  sur ces pervers;

Pour cracher sur leurs noms, pour chanter leur supplice!

Allons, étouffe tes clameurs;

Souffre, ô choeur gros de  haine, affamé de justice.

Toir, Vertu, pleure si je meurs.“

 Aber noch auf den Stufen der Conciergerie wird auch er, ähnlich wie Saint-Just, sagen: „Und doch war hier etwas.“[9]

Stefan Zweig berichtet im 9. Kapitel  seiner 1942 posthum erschienenen Memoiren „Die Welt von gestern“, wie er in der Zeit vor dem  Ersten Weltkrieg mit dem damals in Paris lebenden Rainer Maria  Rilke, dem Sekretär Auguste Rodins,  den Cimetière de Picpus und das Grab von Chénier besuchte:

… am schönsten war es, mit Rilke in Paris spazierenzugehen, denn das hieß, auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge sehen; er bemerkte jede Kleinigkeit, und selbst die Namen der Firmenschilder sprach er, wenn sie ihm rhythmisch zu klingen schienen, gerne sich laut vor; diese eine Stadt Paris bis in ihre letzten Winkel und Tiefen zu kennen, war für ihn Leidenschaft, fast die einzige, die ich je an ihm wahrgenommen. Einmal, als wir uns bei gemeinsamen Freunden begegneten, erzählte ich ihm, ich sei gestern durch Zufall an die alte ›Barrière‹ gelangt, wo am Cimetière de Picpus die letzten Opfer der Guillotine eingescharrt worden waren, unter ihnen André Chenier; ich beschrieb ihm diese kleine rührende Wiese mit ihren verstreuten Gräbern, die selten Fremde sieht, und wie ich dann auf dem Rückweg in einer der Straßen durch eine offene Tür ein Kloster mit einer Art Beginen erblickt, die still, ohne zu sprechen, den Rosenkranz in der Hand, wie in einem frommen Traum im Kreis gewandelt. Es war eines der wenigen Male, wo ich ihn beinahe ungeduldig sah, diesen so leisen, beherrschten Mann: er müsse das sehen, das Grab André Cheniers und das Kloster. Ob ich ihn hinführen wolle. Wir gingen gleich am nächsten Tage. Er stand in einer Art verzückter Stille vor diesem einsamen Friedhof und nannte ihn ›den lyrischsten von Paris‹. Aber auf dem Rückweg erwies sich die Tür jenes Klosters als verschlossen. Da konnte ich nun seine stille Geduld erproben, die er im Leben nicht minder als in seinen Werken meisterte. »Warten wir auf den Zufall«, sagte er. Und mit leicht gesenktem Haupt stellte er sich so, daß er durch die Pforte schauen konnte, wenn sie sich öffnete. Wir warteten vielleicht zwanzig Minuten. Dann kam die Straße entlang eine Ordensschwester und klingelte. »Jetzt«, hauchte er leise und erregt. Aber die Schwester hatte sein stilles Lauschen bemerkt – ich sagte ja, daß man alles an ihm von ferne atmosphärisch fühlte –, trat auf ihn zu und fragte, ob er jemanden erwarte. Er lächelte sie an mit diesem seinem weichen Lächeln, das sofort Zutrauen schuf, und sagte offenherzig, er hätte so gerne den Klostergang gesehen. Es tue ihr leid, lächelte nun ihrerseits die Schwester, aber sie dürfe ihn nicht einlassen. Jedoch riet sie ihm, zum Häuschen des Gärtners nebenan zu gehen, von dessen Fenster im Oberstock habe er einen guten Blick. Und so ward auch dies ihm wie so vieles gegeben.“[10]

Eine Tafel an der Friedhofswand erinnert an 23 Bewohner der Vendée, die im Juni 1794 hier verscharrt wurden- sie stehen  stellvertretend für die etwa 200000 Opfer, die die brutale Niederschlagung des konterrevolutionären Aufstandes in der Vendée gekostet hat.

001 Vendées

Zur Durchsetzung der Einheit Frankreichs und der Errungenschaften der Revolution gehörte auch ein teilweise Genozid-Ausmaße annehmender Terror zu den legitimen Mitteln: Nach dem Befehl des Wohlfahrtsausschusses sollte die Vendée „ausgeblutet“ werden, ihre Bewohner deportiert und durch „gute Sansculotten“ ersetzt werden.  „Zwanzig Kolonnen durchkämmten von Januar bis Mai 1794 die vier Départements Maine-et-Loire, Loire-Inférieure, Vendeée und Deux-Sèvres  mit entsetzlicher, an den Dreißigjährigen Krieg  erinnernder Grausamkeit.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Vendée)

Die ungewöhnlich brutale Bestrafung, auch unter Anwendung der Sippenhaft, dokumentierte sich in einem Befehl, den General Turreau gegeben haben soll: „[…] il faut exterminer tous les hommes qui ont pris les armes, et frapper avec eux leurs pères, leurs femmes, leurs sœurs et leurs enfants. La Vendée doit n’être qu’un grand cimetière national.„Wir müssen alle Männer vernichten, die zu den Waffen gegriffen haben und sie mit ihren Vätern, ihren Frauen, ihren Schwestern und ihren Kinder zerschlagen. Die Vendée soll nichts anderes sein als ein großer nationaler Friedhof.“ (a.a.O.)

 Zu den prominentesten  Opfern des jacobinischen Terrors, die auf dem Cimetière de Picpus verscharrt wurden, gehören sicherlich die 16 Karmeliterinnen von Compègne, an die eine weitere  Marmortafel an der Friedhofsmauer erinnert:

„Zur Erinnerung an die 16 Carmeliterinnen  von Compiègne, die am 17. Juli 1794 für ihren  Glauben  starben und am 27. Mai 1906 seliggesprochen  wurden. Ihre Körper ruhen hinter dieser Mauer.“        

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An die 16 Karmeliterinnen erinnert übrigens auch ein Fenster in der Kirche St. Marguerite im Faubourg Saint Antoine, die auch wegen seines kleinen Friedhofs und der mit trompe d’oeil-Technik ausgemalten Kapelle sehenswert ist.

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Die Nonnen hatten sich geweigert, ihr Ordensgelübde zu brechen, und wurden deshalb zum Tode verurteilt. Im Karmeliterkloster von Jonquière, einem Nachbarort von Compiègne, wird  die Erinnerung an die 16 Ordensschwestern wach gehalten. Dort wird auch eine Marienstatue gezeigt, die sie auf dem Weg zum Schafott in den Händen gehalten haben sollen.      

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 Im Kloster von Jonquière hängt auch das  Bild von G. Molinari (1906), das die 16 Karmeliterinnen auf dem Weg zum Schafott zeigt.  Im Hintergrund sind die beiden Säulen der Barrière du Trône zu sehen.

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Die beiden Königsstatuen auf den Säulen gab es damals allerdings noch nicht. Sie wurden erst 1845 hinzugefügt.

Das Schicksal der 16 Karmeliterinnen wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet.  Es inspirierte Gertrud von Le Fort zu ihrer 1931 erschienenen Novelle   Die Letzte am Schafott.  Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge, vormals ängstliche Blanche, die an der Guillotine den frommen Gesang der (anschließend) enthaupteten Nonnen mutig aufnimmt  und damit ihre schwache Stimme gegen den blutigen Terror der Revolution erhebt.

Download Poulenc

             Poulec: Dialogues des Carmélites im Théatre des Champs-Elysées 2013/2014

photo : Vincent Pontet/Wikispectacle)

Georges Bernanos schrieb auf der Basis der Erzählung zunächst 1947 ein Film-Drehbuch, das 1960 unter dem Titel Le Dialogue des Carmélites (dt. Opfergang einer Nonne) verfilmt wurde. Jeanne Moreau spielte in diesem Film die Schwester Marie, Pascale Audret die Blanche.  Und Francis Poulenc  machte aus  diesem Stoff seine Oper Dialogues des Carmélites, die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Wir haben das Stück 2013 in einer beeindruckenden Inszenierung von Olivier Py  im Théatre des Champs-Elysées gesehen.[11]

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Besonders eindrucksvoll fanden wir das letzte Bild: Nach und nach gehen die Nonnen langsam nach hinten, wo eine Treppe nach unten führt, über die sie Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwinden. Ein harter Knall markiert das Ende auf dem Schafott, bevor dann die nächste –und schließlich Blanche, die letzte- an der Reihe ist.

Die Geschichte des Friedhofs von Picpus

Es gibt aber noch zwei weitere prominente Opfer des jacobinischen Terrors, die beide am 23. Juli 1794 guillotiniert und auf dem Gelände des heutigen cimetière de Picpus verscharrt wurden:  Alexandre de Beauharnais, der erste Mann von Josephine,  der späteren Frau Napoleons, und der Prinz Friedrich III. von Salm-Kyrburg. Ohne sie hätte  es wohl diesen Friedhof nie  gegeben. Vor allem aber   ist seine Entstehung der Schwester Friedrichs III. zu verdanken, der Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich abenteuerliche deutsch-französische Geschichte, die es wert ist, hier erzählt zu werden.

 Beginnen wir die Geschichte mit dem Fürsten Friedrich III- Johann Otto zu Salm-Kyrburg  (1745–1794).[12] Sitz seiner Familie war ursprünglich die Kyrburg in Kirn, einem kleinen Städtchen an der Nahe. Die Kyrburg war im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit eine ansehnliche Residenz, bis sie 1734 unter französischer Besatzung gesprengt wurde.

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Das ist übrigens auch insofern  von Bedeutung, weil sich der finanziell stets klamme  Friedrich III. später um eine Kriegsentschädigung seitens der französischen Krone bemühte, die ihm aber verweigert wurde. Nach der Zerstörung des Schlosses richteten die Fürsten von Salm-Kyrburg dort zwar in einem zweistöckigen Neubau eine Garnison ein–heute ein Restaurant-, als Residenz kamen die Ruinen  der Kyrburg aber nicht mehr in Frage.  Wenigstens dienten sie dann  der Bevölkerung als Steinbruch.

Friedrich III., immerhin verheiratet mit einer leibhaftigen Hohenzollern (Johanna Franziska von Hohenzollern-Sigmaringen), beauftragte also keinen Geringeren als den Pariser Architekten Jacques- Denis Antoine mit der Konzeption eines Stadtentwicklungsplans –wie man  heute sagen würde- für Kirn  und mit dem Bau einer standesgemäßen barocken Sommerresidenz. Antoine war – zusammen  mit Soufflot und Ledoux- vor der Revolution einer der bekanntesten und auch international geschätzten französischen Architekten. Antoine verstand es, wie es in einem Informationsblatt über die von ihm entworfene und kürzlich renovierte Monnaie de Paris heißt,  äußerst begüterte und renommierte internationale Auftraggeber zu gewinnen[13]. Dazu gehörte offenbar auch der Prinz von Salm-Kyrburg. Zu Ehren seiner Schwester, Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg, erhielt die Residenz den  Namen Amalienlust.

36e4bef3-446b-44d9-bb5c-3a54606390ac www, Gastlandschaften. Amalienlust

http://www.gastlandschaften.de

Erhalten  sind davon noch zwei Pavillons (Teichweg 7 und 11) und ein Theater (Teichweg 12).[14] Auch wenn bei Wikipedia zu lesen ist, dass dieses Theater  – ein bescheidenes Gebäude vom Umfang eines Ein- oder höchstens Zweifamilienhauses- „mondäne Ansprüche… befriedigt“ habe[15]: Das Provinznest Kirn mit seiner –wenn auch von einem Franzosen geplanten- Duodez-Residenz war dem Fürsten einfach zu eng.

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Portrait von Friedrich III. von Salm-Kyrburg im Salon de l’aurore des Hôtel de Salm (Kopie)

Wohin also? Natürlich nach Paris, der Hauptstadt nicht nur des 19.Jahrhunderts, wie Walter Benjamin es formulierte,  sondern auf jeden  Fall auch  des  18. Jahrhunderts. In Paris hatten schon seine Eltern einen „Zweitwohnsitz“- so wie viele andere linksrheinische deutsche Adelsfamilien, denen es zu Hause zu eng war und die vom Glanz des Pariser Hofes angezogen wurden. So ist es zu erklären, dass  Friedrich schon einen Teil seiner Jugend in Paris verbracht und dort die noble Schule Louis le Grand besucht hatte. Seit 1771 war er sogar „colonel“ in einem in französischen  Diensten stehenden deutschen Infanterieregiment. (Emig, 69)

In Paris  nutzte Friedrich III. seine Aura als deutscher Märchenprinz und die Einkünfte aus seinen Besitzungen in Deutschland und Belgien und ließ durch den Architekten Pierre Rousseau von 1782 bis 1787 ein grandioses Adelspalais (hôtel particulier) in bester Lage an der Seine errichten, das Hôtel de Salm am Quai d’Orsay.[16]

Download Hotel de Salm

Bau des Hôtel  de Salm (anonym) Musée Carnavalet

Dieses Bauwerk erregte damals außerordentliche Bewunderung. In zeitgenössischen Handbüchern  der Architektur wurde es als eines der schönsten Häuser von Paris gerühmt. Als Thomas Jefferson Botschafter der Vereinigten  Staaten von Amerika in Paris war, bat er darum, seinen Sessel im Tuilerien-Garten  so aufzustellen, dass er das Hôtel de Salm betrachten konnte, in dem er auch gerne und oft zu Gast war.[17] Er sei in dieses Gebäude verliebt, schrieb er.[18]

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Kein Wunder,  denn  die Schauseite zur Seine ist von einer außerordentlichen  Eleganz (damals noch zu einem Garten geöffnet und nicht durch den vorbeibrausenden Verkehr beeinträchtigt), während die gegenüberliegende pompöse Seite mit ihrem aufgeblähten Portikus ganz offensichtlich dazu diente, den Rang Friedrichs in der Adelshierarchie ostentativ zur Schau zu stellen.

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Für Jefferson gehörten die beiden Frontseiten des Hôtel de Salm  zu den “celebrated fronts of modern buildings”, die als Vorbild für Amerika dienen könnten. Und als Jefferson sein Landhaus in Monticello entwarf, ließ er sich dabei von seinem geliebten Hôtel de Salm inspirieren.[19]

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Es passt also genau, dass  an der Seine eine Statue Jeffersons platziert ist, der auf das fahnengeschmückte Hôtel de Salm blickt. Und in seiner Hand trägt er die Skizze seines Handhauses in Monticello.

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Die ostentative Präsentation des Ranges in der Adelshierarchie und des erworbenen Sozialprestiges beschränkte sich bei Friedrich aber nicht nur auf die Architektur, sondern umfasste den gesamten repräsentativen Lebensstil:  Anfang des Jahres 1789 gab Friedrich III. zum Beispiel  in seinem noch nicht ganz  fertiggestellten hôtel ein großes Abendessen mit anschließendem Ball, zu dem über 1000 Gäste – halb Paris also, wie ein Gast damals schrieb-  eingeladen waren![20] Seit 1804 ist das Hôtel de Salm Palais und Museum der 1802 gegründeten Ehrenlegion und lässt auch im Innern noch etwas von dem früheren Glanz spüren, auch wenn der Großteil der ursprünglichen Inneneinrichtung dem Feuer der Commune zum Opfer fiel.[21]

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Aber noch ist es nicht soweit: Noch logiert in dem  Hôtel nicht die Ehrenlegion, sondern der Prinz von Salm-Kyrburg,  dessen  Namen  es nach wie vor trägt. Und  bald nach seiner Errichtung wird es ein Treffpunkt der hochadligen Oberschicht des (vor)revolutionären Frankreich.

Und jetzt kommt ein zweites Mitglied des oben genannten  Trios ins Spiel, nämlich Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die Schwester Friedrichs III.[22]

Amalie wurde 1860 in Paris geboren und in der großartigen Kirche Saint-Sulpice getauft – in derselben  Kirche, in der  gut 60 Jahre später Charles Baudelaire ebenfalls getauft wurde und  Heinrich Heine im Todesjahr Amalies seine Mathilde heiratete[23]. Erzogen wurde sie, wie es sich für ein Mädchen ihres Standes gehörte[24], zunächst im katholischen Mädchenpensionat Couvent Port-Royal, danach im noblen Kloster Bellechasse Faubourg Saint-Germain.  1782 heiratete Amalie –allerdings in Kirn-  auf Wunsch ihrer Eltern den Erbprinzen Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen, den Bruder Johannas, der frischvermählten Frau ihres Bruders. Seinen ersten gemeinsamen Winter verbrachte das junge Paar immerhin noch in Paris. 1784 kam Amalie Zephyrine dann zum ersten Mal nach Sigmaringen, wo sie sich nun auf Wunsch ihres Mannes und Schwiegervaters fest installieren sollte. Amalie konnte jedoch keine Zuneigung zu dem ihr angeheirateten Anton Alyois entwickeln, den sie „mon prince héréditaire“ nannte.  Und das von ihrem Schwiegervater streng reglementierte  Leben in der kleinen Residenzstadt an der Donau empfand sie als „unerträglich einengend“. Sigmaringen hatte zwar ein imposantes Schloss, aber es war ansonsten  ein bescheidenes Städtchen von 1000 Einwohnern. Paris dagegen, die Stadt ihrer Jugend und ihrer Träume, war Ende des 18. Jahrhunderts die geistige, künstlerische und politische Metropole Europas.[25] Also floh Amalie bereits ein Jahr später, zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Karl, als Mann verkleidet aus der oberschwäbischen Provinz nach Kirn zu ihrem Bruder. Den Mann und das kleine  Kind  ließ sie in Sigmaringen zurück. Ihr eigentliches Ziel war aber selbstverständlich nicht der Hunsrück, sondern das glänzende Paris, wo Friedrich III. und seine Frau die meiste Zeit des  Jahres verbrachten.

Download Amalia Zephyrine

                             Amalie Zephyrine  (Fürstl. Hohenzoll. Samml. Sigmaringen)

Und nun kommt auch der Dritte im Bunde ins Spiel, Alexandre de Beauharnais.

Download Alexandre de Beauharnais

http://frda.stanford.edu/

Der Vicomte de Beauharnais hatte –wie Lafayette- am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich dort ausgezeichnet, 1779 heiratete er Joséphine, die wie er aus der französischen Kolonie Martinique stammte. Eigentlich hatte er Joséphines drei Jahre jüngere Schwester Catherine-Désirée Alexandre heiraten wollen, doch die starb an Tuberkulose. Die dritte Schwester, Marie Françoise, war erst elf Jahre alt, also noch etwas zu jung zum Heiraten. Schließlich akzeptierte er Joséphine als Frau – sie war ihm mit ihren 16 Jahren aber eigentlich bereits zu alt. Die Ehe verlief alles andere als glücklich, es kam zu einer psychischen und physischen Entfremdung und Alexandre unterstellte seiner Gattin sogar, dass die gemeinsame Tochter ein Kukuckskind sei. Im Jahr 1785 beschloss das Ehepaar mit beiderseitigem Einverständnis die Trennung.[26] So konnte Beauharnais seine wahre Liebe entdecken in Gestalt der …. natürlich!: Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die er –bei allen sonstigen Affairen- seine „einzige wahre Freundin“ nannte.[27] Die lebte jetzt in Paris wie eine Göttin in Frankreich mit ihrem geliebten Bruder Friedrich und ihrem Liebhaber Alexandre. Und Josephine, immer noch Ehefrau Alexandres, freute sich offenbar an dem Liebesglück ihres Mannes und war mit Anna Amalie in einer herzlichen Freundschaft verbunden. Das kam gewissermaßen noch als i-Tüpfelchen dazu und erwies sich später als politisch höchst bedeutsam, als Josephine die Ehefrau Napoleons war und es um die Existenz des Hauses Hohenzollern ging. Aber das ist eine andere Geschichte….

Das Glück der drei Protagonisten unserer Geschichte währte allerdings nicht lange. Da gab es vor allem die finanziellen Probleme  Friedrichs, dessen finanzielle Mittel nicht auf gleicher Höhe waren wie sein Adelsprädikat und seine Ansprüche.  Friedrich hatte schon seit seiner Jugend einen Hang zur Verschwendung. Dazu kamen zahlreiche verlustreiche finanzielle Engagements- zum Beispiel das schließlich gescheiterte Projekt eines Kanals zwischen  Provins und der Seine. Die Schulden wuchsen ihm allmählich über den Kopf, der Druck der Geldgeber wurde immer massiver. Der dem adligen Prestigestreben geschuldete Bau des hôtel de Salm und die aufwändige doppelte Hofhaltung in Paris und Kirn waren absolut ruinös. Da außerdem die französische Krone sich weigerte, ihn für die Zerstörung der Kyrburg zu entschädigen, musste Friedrich  einen  Teil seines Besitzes veräußern oder pfänden, sein Pariser hôtel an den Architekten verkaufen und –das gab es schon damals!- zurückleasen.

Friedrich III. betrachtete insofern die revolutionären Ereignisse bis 1793 durchaus als eine Chance und als eine Art Neubeginn: „wenn nicht in ökonomischer Sicht, so doch in Form einer Distanzierung und Abrechnung mit einem ‚Ancien régime‘, das ihn in seiner finanziellen Misere im Stich gelassen und damit die Aufrechterhaltung seines adligen Status in Gefahr gebracht hatte.“ (Emig, 262)

Friedrichs Sympathie für die revolutionären Ereignisse hatte  ihre Grundlage aber durchaus auch in seiner Offenheit gegenüber den Ideen der Aufklärung:  Wie bei manchen anderen Mitgliedern des Hochadels gehörte es zum guten vorrevolutionären Ton, Kontakte zu den prominenten „gens de lettres“ der Aufklärung zu pflegen. Es galt geradezu als Maßstab des gesellschaftlichen Ansehens, von Voltaire in Fernay in der Nähe von Genf  empfangen zu werden. Friedrich unternahm die Reise im August 1771. Voltaire war offensichtlich von ihm sehr angetan und beschrieb ihn gegenüber d’Alembert als „instruit, modeste, très aimable et digne d’un meilleur siècle.“[28]

In Paris bemühte sich Friedrich auch um Jean Jacques Rousseau, der sich seit 1770 in seine ‚Dachkammer‘ in der rue de la Platrière zurückgezogen hatte, und besuchte ihn dort zusammen mit dem österreichischen Offizier, Diplomaten und Schriftsteller Karl  Charles Joseph de Ligne. Solche Besuche ausländischer Adliger bei französischen Philosophen und Schriftstellern gehörten damals zum Programm von Bildungsreisen und dienten der gegenseitigen Aufwertung. Und sie stärkten das bürgerliche Selbstbewusstsein im vorrevolutionären Frankreich: „Visitant les hommes de lettres parce qu’ils sont devenus le seul étendard prestigieux de l’identité nationale, les princes étrangers confortent le sentiment que l’opinion avait de leur pouvoir.“ [29]

Dass Friedrich dann auch die revolutionären Ereignisse von 1789 mit Anteilnahme und Sympathie verfolgte, zeigt seine  Teilnahme am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, zu dem er  extra mit Amalie Zephyrine aus Kirn anreiste. Dieses Fest hatte der Bürgermeister von Paris, de Bailly, vorgeschlagen, mit dem Friedrich enge Kontakte pflegte- ebenso wie mit anderen der Revolution zuneigenden Adligen  wie La Fayette, Alexandre de Beauharnais und seine Frau Josephine. Gerade auch Frauen wie  Josephine oder Madame de La  Fayette spielten damals eine  wichtige Rolle und führten in veränderter Form die Tradition der vorrevolutionären Salons fort. „Ein zeitgenössischer Beobachter und Gast dieser Salons, der amerikanische Gouverneur Morris, benannte explizit Amalie als  Initiatorin und Gastgeberin eines solchen Salons, der offenbar im ‚Hôtel de Salm‘ stattfand. Morris behauptete in diesem Zusammenhang sogar, dass jenen  Frauen fast eine ‚republikanische Gesinnung‘ unterstellt werden konnte.“ (Emig,  267)

Inwieweit bei Friedrichs aufklärerischem und revolutionsfreundlichem Eifer auch opportunistische Erwägungen, nämlich der Statuserhaltung allen politischen und sozialen Umwälzungen zum Trotz- eine Rolle  gespielt haben, sei allerdings dahingestellt.  Das gilt auch für sein am 19. Dezember 1792  in einem Brief an den Konvent verkündetes Dekret der Untertanenbefreiung:

Ich ging zu den Menschen, die ich einmal meine Untertanen genannt habe und jetzt meine Mitbürger, meine Freunde, meine Kinder nenne, um ihre Knechtschaft und Hörigkeit, die lehnsherrlichen Rechte über ihr Hab und Gut – mit einem Wort, alle barbarischen Reste der Feudalherrschaft abzuschaffen.[30]

Man kann dies, wie Rudolf Augstein,  als Versuch verstehen, die französische Revolutionsideologie auf deutschem Boden auszubreiten, aber auch als ‚Verzweiflungsakt‘ , mit der Friedrich angesichts des Vordringens der Revolutionsarmee in linksrheinisches Gebiet noch etwas von seiner dortigen Stellung bewahren wollte.[31]

Dass Friedrich trotz aller öffentlichen Bekenntnisse zur Revolution ins Visier des jacobinischen Wohlfahrtsausschusses geriet, beruhte offenbar auf Denunziationen und  Namensverwechslungen mit anderen Angehörigen der weitverzweigten Salm-Dynastie, die der Konterrevolution verdächtigt wurden. Anfang April 1794 wurde Friedrich verhaftet und in die in einem aufgehobenen Karmeliterkloster  eingerichtete  Anstalt „Les Carmes“ eingeliefert. Die Haftbedingungen waren dort so, dass er zeitweise geradezu ein Ende fast herbeisehnte:

Il ne reste plus qu’à désirer la fin d’une existence que l’ont ne peut plus supporter“ (cit. Emig,333)

Dieses Ende kam dann sehr schnell. Aus Furcht vor konspirativen Umtrieben in den Gefängnissen wurden sie von verdächtigen „Elementen gesäubert“. Friedrich wurde mit 50 anderen  Gefangenen in die Conciergerie verlegt, und am 23. Juli 1794 verurteilte ihn das Revolutionstribunal zum Tode, weil  er unter der Maske des Patriotismus ein Agent der deutschen Koalition gegen Frankreich sei.[32]

Noch am gleichen Tag wurde Friedrich auf der Place de la Barrière de Vincennes bzw. Place du Trône renversée guillotiniert – zusammen mit Alexandre de  Beauharnais, mit dem er auch schon seine letzten Wochen im Gefängnis verbracht hatte.  Mit ihm war Friedrich –vermittelt über Amalie Zephyrine- schon seit längerem freundschaftlich verbunden. Beauharnais gehörte zu den  ersten  adligen Abgeordneten  der Nationalversammlung, die zum Dritten Stand übertraten. Im Juni und Juli 1791 stieg er zum amtierenden Präsidenten der Nationalversammlung auf und war 1791 eine Zeit lang Sekretär, dann Präsident des Jacobinerclubs. Als  Oberbefehlshaber der ersten  Rheinarmee wurde ihm vorgeworfen, aus Inkompetenz bzw. fehlendem revolutionärem Eifer 1793 den Fall von Mainz verschuldet zu haben. Jedenfalls Grund genug für ein Todesurteil.[33] Seine und Josephines Kinder, Eugène und Hortense, wurden von Napoleon adoptiert und mit höchsten Ämtern ausgestattet. Die beiden  kauften  übrigens 1803 ein zur Zeit Ludwigs XIV. errichtetes Adelspalais, das seitdem den Namen der Familie trägt: Nach dem Sturz Napoleons ging Eugène ins Exil nach München und verkaufte 1818 sein Hôtel de Beauharnais an den  preußischen  König.  Heute ist es Sitz der deutschen Botschaft- auch eine ganz besondere deutsch-französische Geschichte…[34]

Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen erwarb am 14. November 1796  das Terrain mit den  beiden Massengräbern, um ihrem Bruder und ihrem  Geliebten eine würdige letzte Ruhestätte zu schaffen.[35]  Ein Versuch der Exhumierung scheiterte jedoch.  Auch der vorgesehene  Grabstein, auf den sie nach dem Rat des Dichters Treneuil folgende Worte  einmeißeln wollte, wurde nicht ausgeführt:

„C’est ici,qu’avec toi je viens  m’entretenir:

Mon frère! Ô Frédéric!, pour  ta soeur, ton amie

Il n’est qu’une pensée., il n’est qu’un souvenir

Et ta mort l’a rendu étrangère à la vie.“[36]

Ausgeführt wurde aber die Ummauerung des Grundstücks, das  mit einem vergitterten Eingang versehen wurde. Dies ist der Ursprung des Cimetière de Picpus. 1802/03  kaufte mit Hilfe  einer Subskription die Marquise de Montagu das Gebiet des ehemaligen Klosters, seine Gärten und damit auch den Ort der Massengräber.  Familien, deren Angehörige dem  jacobinischen Terror zum Opfer gefallen waren (Noallies, Montagu, Montmorency u.a.) , gründeten die Société de Picpus und errichteten neben den Massengräbern einen zweiten Friedhof, den  privaten Cimetière de Picpus, der heute einer Stiftung gehört und von ihr verwaltet wird. Es ist der einzige private Friedhof von Paris, der heute noch betrieben wird.

In ihm wird in eindrucksvoller Weise die Erinnerung an den jacobinischen Terror wachgehalten – aber auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus: Bevor man den Friedhof verlässt, geht man an Tafeln vorbei, die an Mitglieder der Stiftungsfamilien erinnern, die von den  Nazis umgebracht wurden.[37]

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Auch im Blick darauf kann man den Cimetière de Picpus mit vollem Recht als einen deutsch-französischen Erinnerungsort bezeichnen.

Zu den vielfachen literarischen Bezügen des Cimetière de Picpus  gehört übrigens auch Patrick Modianos Roman „Dora Bruder“.  Darauf wurde ich aufmerksam durch einen Vortrag von Christoph König in der Mediathek Marguerite Duras in Paris am 5.12.2015 im Rahmen einer Veranstaltung über den Cimetière de Picpus, an der auch unsere Freundin Marie-Christine Schmitt und ich teilgenommen  haben.

 In seinem Vortrag wies Christoph König darauf hin, dass die Straßen um den Friedhof von Picpus zu den wichtigsten Schauplätzen des Romans gehören.[38]  „Der Friedhof wird erwähnt…. Und wie beiläufig zur Chiffre für das Unrecht, das im Grande Terreur und in der Zeit der Ermordung der Juden genau an diesem Ort stattfindet.“  Patrick Modianos Roman geht von einer Vermisstenanzeige im Jahr 1941 aus, die die Eltern von Dora Bruder für ihre Tochter aufgegeben haben.  „Sorgfältig und geduldig sucht der Autor nun die Hintergründe, das Leben der bis heute Vergessenen. Doch was Dora in den Monaten  gemacht hat, nachdem sie im Dezember 1941 weggelaufen ist und bis sie wieder, im April 1942, in die Wohnung der Mutter zurück kommt, bleibt ihm unzugänglich. So versucht er sich ihr zu nähern etwa über den Verlauf des Wetters und der politischen Ereignisse und der eigenen Biographie damals:

‚Die einzige Möglichkeit, Dora  Bruder in diesem Zeitraum nicht ganz zu verlieren, wäre vielleicht, von den Wetterveränderungen zu berichten. Am 4. November 1941 war zum ersten Mal Schnee gefallen. Der Winter hatte am 22. Dezember mit empfindlicher Kälte eingesetzt. Am 29. Dezember war die Temperatur noch weiter gesunken, und die Fensterscheiben waren mit einer leichten Eisschicht überogen. Vom 13. Januar an hatte die Kälte sibirische Ausmaße erreicht. Das Wasser gefror. Ungefähr vier Wochen war es so geblieben. Am 12. Februar scheint ein wenig die Sonne. (…) Am Abend dieses 12. Februars wurde mein Vater von den Beamten der Polizei für Judenfragen geschnappt….‘“

 Bevor der Erzähler weiter an der Geschichte Dora Bruders arbeitet, schreibt er einen Roman, ‚Hochzeitsreise‘. Aber auch da ist er Dora Bruder nahe und zugleich den in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft Ermordeten, die gerade an den  Schauplätzen dieses Romans begraben  sind:

Auf dem Plan folgend einander auf der anderen Seite der Rue de Picpus , dem Pensionat (Saint Coeur de-Marie,wo Dora 1940 aufgenommen wurde) gegenüber, die Kongregation der Mutter Gottes, die Ordensfrauen der Anbetung und das Oratorium von Picpus mit dem Friedhof, wo in einem Massengrab über tausend Opfer beigesetzt sind, die während der letzten Monate der Schreckensherrschaft guillotiniert wurden.‘

Die  meisten der im Cimetière Picpus Verscharrten haben keine Zeugnisse hinterlassen- das verbindet sie mit Dora Bruder. Ihr hat Patrick Modiano  mit den Mitteln der Literatur Leben zurückgegeben. Der Roman regt dazu auch,  auch an das Leben der Guillotinierten zu denken, die auf den großen  Tafeln  des Oratoriums von Picpus verzeichnet sind.

Cimetière de Picpus

35, rue de Picpus

Tel. 01 43 44 18 54

Métro: Place de la Nation

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag 14 – 17 Uhr

An Sonn- und Feiertagen geschlossen

Anmerkungen

(0) In einem Beitrag von Le Monde vom 10. Februar 2017 („Paris par la petite porte„) wird der cimetière de Picpus zu den „lieux confidentiels“ gerechnet, die den Charme von Paris ausmachten.

[1] George Lenotre: Le jardin de Picpus. Paris 1955

[2] S. Bericht 3 und http://www.tombes-sepultures.com/crbst_756.html

[3] „Les tombereaux sanglants  de la guillotine, établie 1794 barrière du trône, ont pénétré dans les jardins des dames chanoinesses de St. Augustin de Picpus, par une porte charretière pratiqué dans le mur nord de ce jardin. Le linteau des cette porte existe encore. Les corps mutilés des 1306 victimes reposent  dans deux fosses communes.”

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

(4a) Eine Liste aller vom 14. Juni bis zum 27. Juli hingerichteten Opfer findet sich in der Broschüre „Les Victimes de Picpus“, die am Eingang des Friedhofs verkauft wird.

[5] Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

Dabei hatte Danton die Einrichtung der Revolutionstribunale gerade damit begründet, dass die Entscheidung über das Leben von Revolutionsgegnern nicht den Zufälligkeiten und Stimmungen der Straße überlassen werden sollte: „Soyons terrible pour dispenser le peuple d’être terrible.“

(5a) Bild von: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53002994t

[6] http://www.parisinfo.com/musee-monument-paris/71410/Cimeti%C3%A8re-de-Picpus   siehe dazu auch den zusammenfassenden Text:

Klicke, um auf MC41.pdf zuzugreifen

[7] „A quinze ans, j’ai monté à l’assaut pour mon roi, à près de quatre-vingt, je monterai à l’échafaut pour mon Dieu.”

[8] Christoph König, Manuskript für Vortrag in der Médiathèque M. Duras, Paris vom 5.12.2015

[9] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/7

[11] http://www.diapasonmag.fr/actualites/critiques/au-theatre-des-champs-elysees-des-dialogues-des-carmelites-entre-ascese-et-perfe  Dort auch ein kurzes Video mit einem Ausschnitt der Inszenierung

[12] Joachim Emig: Friedrich III. von Salm-Kyrburg (1745–1794). Ein deutscher Reichsfürst im Spannungsfeld zwischen Ancien régime und Revolution. Lang, Frankfurt a.M. u.a., 1997, ISBN 3-631-31352-7 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 750.

[13]une clientèle parmi les plus prestigieuses et fortunées de son temps“ . (Monnaie de Paris: Salon Dupré, p.2)

[14] www. Google.de Amalienlust in Kirn

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Amalie_Zephyrine_von_Salm-Kyrburg

[16] Joëlle Bertrand et al: L’hôtel de Salm, Palais de la Légion d’honneur. Préface du général Kelche, Grand Chancelier de la Légion d’honneur Saint-Rémy-en-l’eau 2009)

http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/l-hotel-de-salm-en-construction-vers-1786-actuel-7e-arrondissement

[17] Loges, 130/131

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Rousseau_(1751-1829)

[19] http://france.usembassy.gov/jefferson.html

[20] Ein zu dieser ‚Großveranstaltung‘ eingeladener Graf charakterisierte diese Festivität mit den Worten: „Le prince de Salm eut alors la  fantaisie de donner un bal où la moitié  de Paris fut invitée.“ (Emig, 85)

[21] Im Hôtel de Salm gibt es auch einen von der Grande Chancellerie de la Légion d’honneur herausgegebenen Film über „Les Secrets du Palais“ von Eric Beuaducel, der über die Geschichte des Bauwerks informiert und Bilder der normalerweise unzugänglichen Partien zeigt.

[22] Gabriele Loges: Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013. Gunter  Haug: Die Schicksalsfürstin. Amalie Zephyrine, die Retterin von Hohenzollern. Historischer Roman. Leinfelden-Echterdingen 2005

[23] Loges, 37 und 19. Bericht: Auf den Spuren Heinrich Heines durch Paris:  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[24] „fille de grande naissance“ hieß das damals

[25] Noch eine kleine deutsch-französische historische Fußnote: Das Schloss diente ab August 1944 bis Kriegsende als Sitz des Vichy-Regierung. Vor den heranrückenden  Alliierten wurden die Kollaborateure Pétain und die Regierung Laval von den Nazis als Exilregierung in Sigmaringen installiert.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_de_Beauharnais

[27] Zit. bei Loges, S. 134

[28] Cit. bei Emig, 74

[29] http://www.deutsche-biographie.de/sfz51389.html und Olivier Nora. La visite au grand écrivain. In: Pierre Nora (dir): Les lieux de mémoire, Bd II La Nation, p. 570

[30]  Cit. Bei Rudolf Augstein, Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[31] s. Emig,  276ff und Zusammenfassung S. 312

[32] „… qui n’étoit sous le masque du patriotisme que  l’agent caché de la coalition allemande contre la France“. Cit Emig, 339

[33] http://www.executedtoday.com/2008/07/23/1794-alexandre-de-beauharnais-josephine-napoleon-widow/

[34] http://www.allemagne.diplo.de/Vertretung/frankreich/fr/01-Botschaft/03-residenz/00-residenz-uebseite.html

[35] Es ist allerdings bedauerlich, dass weder in dem kleinen Informationsblatt, das am Eingang des Friedhofs ausliegt, noch im neuen Guide Vert von Paris (Ausgabe 2010,  Seite 421) auf ihre entscheidende Rolle hingewiesen wird. In der wesentlich schmaleren Ausgabe von 1997 wird immerhin noch auf „une princesse de Hohenzollern“ hingewiesen, „dont le frère, le prince  de  Salm, était l’une des victimes“ – unerwähnt bleibt dabei allerdings der Geliebte. Sie habe „le terrain mortuaire“ gekauft und mit einer Mauer umgeben. (S. 228)

Bei  Wikipedia wird als Grund für den  Kauf durch Amalie Zephyrine  übrigens  nur der Bruder genannt, nicht der Geliebte….  https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

[36] Zit bei Emig, S. 341

[37] Allerdings ist es zwar vielleicht ehrenvoll gewesen, aber es wird keineswegs  „süß“ gewesen sein,  wie es der Horaz’sche Spruch der Grabinschrift verkündet, in der Hölle von Mauthausen zu sterben, selbst wenn es „pro patria“ gewesen  ist.

[38] Christoph König (Universität Osnabrück) Manuskript für den 5.12.2015. Mediathèque M. Duras, Paris

Die nachfolgenden Passagen sind weitestgehend diesem Vortrag entnommen.

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

Die Mauer für den Frieden (le mur pour la paix) auf dem Marsfeld

Im November 2016  fand in Dresden ein Kongress von Französisch-Lehrern/innen statt zum Thema Friedenspädagogik und Französischunterricht  100 Jahre nach Verdun. Im Rahmen dieses Kongresses habe ich ein Atelier für Lehrkräfte angeboten zum Thema „Orte der Erinnerung an Frieden und Krieg in Paris“. Es sollte Anregungen geben für entsprechend thematisch orientierte Studienfahrten.

Was  Orte angeht, die im Zusammenhang stehen mit Kriegen und Siegen, so sind die –wie in der Hauptstadt der „grande nation“ nicht anders  zu erwarten- reichlich gesät:  Das Stadtbild von Paris ist geprägt von Orten der Erinnerung an Kriege und Siege: Man denke nur an die Place Vendôme mit der Siegessäule, an die Place des Victoires mit dem Reiterstandbild Ludwigs XIV. oder an die vier Triumphbögen Napoleons und des Sonnenkönigs. (1)  Und wenn man die topographischen Bezeichnungen hinzunimmt, so begeget man Kriegen und  französischen Siegen auf Schritt und Tritt: La gare d’Austerlitz, rue de Wagram, avenue d’Iéna, rue d’Ulm, die Paris umgebenden Boulevards des maréchaux, allesamt benannt nach napoleonischen Heerführern usw. usf…..

Aber Orte des Friedens? Natürlich gibt es Friedhöfe, auf denen auch die „in Frieden ruhen“, die Opfer von inneren Kämpfen geworden  sind: So die Opfer des jacobinischen Terrors auf dem wunderbaren Cimetière  de Picpus oder die Opfer der Commune auf dem Père Lachaise. (2) Und es gibt Friedhöfe, auf denen der Opfer von Kriegen gedacht wird, wie zuletzt sehr eindrucksvoll durch die Mauer auf der Südseite des Père Lachaise, auf denen in zeitlicher und alphabetischer Reihenfolge alle Gefallenen des Ersten Weltkrieges verzeichnet sind. (3)

Aber spezifische Pariser Orte, die dem Frieden gewidmet sind?  Spontan fiel mir der Sitz der  Unesco ein: eine Einrichtung, die dem Frieden dient, und ein bemerkenswerter, von prominenten Künstlern ausgestatteter Bau ist.  Dort war ich vor vielen Jahren  schon einmal mit einem Politik-Leistungskurs gewesen, und in dem großen Sitzungssaal hatte ich 2011 als Chorsänger an einem Benefizkonzert teilgenommen, bei dem –passend zu diesem Ort- die 9. Sinfonie von Beethoven auf dem Programm stand.

Dann dachte ich natürlich an die Cité Internationale Universitaire de Paris, die sich  als Cité pour la paix darstellt. Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges gegründet, sollte sie jungen Menschen aus aller Welt ermöglichen, sich kennenzulernen, zusammen zu leben und zu arbeiten  und so zur Völkerverständigung beizutragen.  Dort gibt es auch das deutsche Haus, die Maison Heinrich Heine, wo viele außerordentliche politische und kulturelle Veranstaltungen stattfinden (4)  Wir sind  dort oft zu Gast und viele Bekanntschaften und Freundschaften unserer Pariser Jahre haben dort begonnen.  

Und dann gibt es die Mauer für den Frieden, le mur pour la paix, oft auch le mur de la paix  genannt,  eine Installation vor der École Militaire auf dem Marsfeld.-  ein einzigartiges dem Frieden gewidmetes Monument an einem einzigartigen Ort. Diese Mauer für den Frieden ist  Gegenstand dieses Blog-Beitrags.

An dessen Schluss  wird der Bericht über ein Atelier mit Schülerinnen und Schülern des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden stehen, die sich  in eindrucksvoller handlungsorientierter Weise mit diesem Friedensmonument  beschäftigt haben. 

Welch einen  besseren Ort könnte es geben für ein Friedensdenkmal als das Marsfeld- benannt nach dem  römischen  Kriegsgott- da also, wo früher die in der Kriegsakademie ausgebildeten Soldaten  exerzierten, und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Denkmal des Marschalls Joffre, neben Foch und Pétain einer der großen Marschälle des Ersten Weltkriegs.

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Er  ausgerechnet war es, der den Angriff bis zum äußersten, die „offensive à outrance“ als militärische Doktrin propagierte. Ihr fielen zu Beginn des 1. Weltkriegs hunderttausende französischer Soldaten zum Opfer, am 22. August 1914, einem einzigen Tag, allein 27.000! Es war „le jour le plus meurtrier de l’histoire de France“ (Michel Steg).  Joffre hatte damals den Angriff angeordnet:   ‚il faut passer, quel que soit le prix‘. 

1915 setzte Joffre die mörderische Strategie unbedingten Angriffe fort, um einen Durchbruch durch die feindlichen Linien, also ein Ende des Stellungskrieges,  zu erzwingen, die sogenannte „rupture“. Aber eine ganze Serie von Angriffen in diesem Jahr blieb spätestens an der zweiten deutschen Verteidigungslinie stecken, die Geländegewinne waren minimal. Bei der  großen September-Offensive in der Champagne wurden gerade einmal 4 Kilometer Geländegewinn erreicht.  Insgesamt ließen bei diesen Kämpfen zwischen 310 und 350 000 französische Soldaten ihr Leben- wesentlich mehr als auf der Gegenseite. Ein französischer Offizier schrieb am 15. März 2015 an seine Frau:

„ Dieu sait si je suis soldat dans l’âme et si j’ai le culte de la discipline! Mais il est des choses qui sautent aux yeux et qui sont criminelles dans leur but et dans leur résultat! Et cette façon de faire la guerre (…) est l’une de ces choses. Elle fait sacrifier  sans résultat des milliers de vies humaines.“

Um die von ihm befohlenen Attaken zu rechtfertigen, hatte Joffre eine Formel parat, die aufgrund der vielen und sinnlosen Opfer traurige Berühmtheit erlangte: „Je les grignote!“ (5)

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Auf dem hohen Podest, auf dem die Reiterstatue Joffres steht, ist ein Tagesbefehl von ihm in Stein gehauen mit dem  „coûte que coûte“: Ausdruck der Geringschätzung des Lebens seiner Soldaten, des „Menschenmaterials“.

Daneben steht also  die  Mauer für den  Frieden. Die Bezeichnung mur pour la paix ist eigentlich unzutreffend, vielleicht  ironisch gemeint. Denn um eine trennende, undurchdringliche Mauer handelt es sich ganz und gar nicht. Man kann (bzw. konnte bis Herbst letzten  Jahres) durch die „Mauer“ hindurchgehen, wurde geradezu dazu angeregt. Wenn auch die Ausmaße mit 16 Metern Länge, 13 Metern Breite und 9 Metern Höhe durchaus beeindruckend sind und insgesamt 52 Tonnen Stahl, Holz und Glas für den Bau verwendet wurden, ist es eine eher leichte, elegante Konstruktion. In das Glas ist in 49 Sprachen und den entsprechenden, von Clara Halter entworfenen Schriftzeichen das Wort Frieden eingraviert.

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Die Installation verwehrt durch ihre Konzeption weder den Blick noch den Durchgang. Vielmehr eröffnet sie sogar  – in guter Pariser Tradition- ganz besondere, attraktive und beziehungsreiche Perspektiven…

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… bei Tag und auch bei Nacht…

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Allerdings sind derzeit ein Betreten der Anlage und also auch das Hindurchgehen  nicht möglich. Die Mauer für den Frieden sei, wie die Mairie de Paris plakatiert hat, unstabil und gefährlich. In der Erwartung, dass sie wieder normgerecht instandgesetzt werde, könne der Bereich nicht unterhalten werden. Also –mit der Bitte um Verständnis- Betreten verboten! Eine  Aufforderung, der durch einen entsprechenden Zaun Nachdruck verliehen wird.

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In gewisser Weise handelt es sich jetzt doch um eine Mauer, dafür aber, wie eine auch nur oberflächliche Internetrecherche ergibt,  nicht (mehr) um eine Mauer des Friedens: In den Medien ist von einer „mur de la discorde“ die Rede [6],  von einer mur de la polémique,  von der „affaire de la mur de la paix“  oder gar dem „Mauerkrieg“.[7]

Da wird man neugierig: Was hat es mit dieser Mauer für den Frieden auf sich? Wann wurde sie von wem errichtet? Warum an dieser Stelle? Warum löst ein solches Bauwerk  solche extremen Emotionen aus und mobilisiert entschiedensten Widerstand? Und was ist die Zukunft dieser mur pour la paix?

Am besten der Reihe nach:

Die Mauer für den Frieden  wurde im Jahr 2000 anlässlich der Jahrtausendwende auf Anregung des französischen Kultusministeriums errichtet.[8]  Entworfen hat sie die französische Bildhauerin und Schriftstellerin Clara Halter. Sie hat sich dabei von der Klagemauer in Jerusalem inspirieren lassen:  „Les visiteurs peuvent déposer sur place leurs messages de paix dans les interstices du Mur prévus à cet effet“.[9] Die technische Gestaltung und Umsetzung übernahm Jean-Michel Wilmotte, einer der prominentesten und international gefragtesten Architekten Frankreichs. In Paris wird –unter anderem- gerade die von ihm entworfene neue russische Kathedrale am Pont de l’Alma gebaut. Der Figaro feierte ihn kürzlich als den Architekten, „qui redessine Paris“.[10] Wenn ich mit Freunden oder Parisien-d‘un-jour-Gästen durch den Faubourg Saint – Antoine gehe, versäume ich es nie, auf das Büro Wilmottes hinzuweisen, das –eher bescheiden- mitten im Viertel liegt und nicht etwa im noblen 16. Arrondissement oder im Büroviertel La Défense. Jedenfalls finde ich das sehr sympathisch. Und dass ein so prominenter Architekt an diesem Projekt beteiligt ist, verleiht ihm natürlich zusätzliche Bedeutung. Clara Halter und Jean-Michel Wilmotte haben danach auch noch mehrere weitere Monuments pour la  Paix entworfen:

La Tour de la Paix in St. Petersburg, die Portes de  la Paix in Hiroshima zum 60. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe und die Tentes de la Paix in Jerusalem.

Nimmt man all das zusammen: die Anregung durch das Kultusministerium, die Prominenz von Clara Halter und Jean- Michel Wilmotte,  die  Originalität des Bauwerks und seine Ausdruckskraft gerade auf dem Champ de Mars, dazu auch noch den besonderen Anlass seiner Errichtung am Beginn des neuen Jahrtausends, dann erscheint es folgerichtig, dass die offizielle Einweihung durch den damaligen Präsidenten Jacques Chirac erfolgte. Ich gebe seine Rede im Wortlaut wieder, weil sie die Bedeutung der mur pour la  paix unterstreicht und –vor dem Hintergrund der Situation des Jahres 2000- grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Krieg und Frieden enthält.

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Präsident Chirac und Clara Halter bei der Eröffnung der mur pour la  paix[11]

 

Allocution de M. Jacques CHIRAC, Président de la République, prononcée lors de l’inauguration du „Mur pour la paix-2000“[12].

Champ-de-Mars, Paris, le jeudi 30 mars 2000

Monsieur le Ministre de la Défense,

Monsieur le Maire de Paris,

Chère Clara HALTER,

Vous qui avez prononcé votre discours avec toute la fantaisie qu’un artiste de grand talent, comme vous, peut mettre dans les choses,

Mesdames, Messieurs,

C’est un heureux signe des temps. Le Champ de Mars, dédié jadis à la guerre, à ses héros et à ses chefs, cette grande perspective ouverte par notre Ecole militaire et la statue du maréchal Joffre, accueille aujourd’hui le “ Mur pour la paix „.

Je voudrais saluer ses créateurs, et d’abord Clara Halter, qui a mis tout son talent et toute la force de ses convictions humanistes au service de ce beau projet. Beau parce qu’il exalte l’esprit de paix qui doit habiter chacun d’entre nous. Beau parce que cet élan généreux s’exprime en un geste épuré, lumineux, d’une extrême élégance, où l’on reconnaît aussi, bien sûr, l’empreinte de notre ami Jean-Michel Wilmotte, qui en a été le brillant architecte.

Vous avez voulu que ce mur témoigne du désir universel de paix et réunisse les hommes, en lieux et places de tous les murs qui les ont si souvent séparés dans l’histoire. Vous avez fait oeuvre de passeurs.

Passeurs entre les pays et entre les êtres. Il n’est pas indifférent que cette oeuvre d’art s’élève dans ce site exceptionnel, emblématique de Paris. Paris qui, depuis si longtemps, est une ville de débats, de dialogues et d’échanges. Paris qui accueille le siège de l’UNESCO, institution-phare dans le combat pour la démocratie, la tolérance et le respect des cultures. Paris où se croisent chaque année des millions de visiteurs. Paris, ville-rencontre.

Passeurs, vous l’êtes aussi entre les traditions et les civilisations, avec ce Mur qui donne la parole à toutes les langues, et qui s’inspire du Mur des Lamentations de Jérusalem, ville sacrée pour les trois religions du Livre, et dont le nom même est promesse de paix. Le Mur des Lamentations qui recueille les souhaits les plus ardents de ceux qui viennent y prier. Et d’abord le souhait de voir la culture de paix s’enraciner dans ce Proche-Orient si durement éprouvé par des siècles d’incompréhension et de haine.

Passeurs, vous l’êtes enfin entre hier et aujourd’hui, le passé et le présent.

Le passé, marqué par le risque de guerre, la guerre qui a si souvent écrit l’histoire, dessiné les frontières, décidé du destin des peuples. Le passé, qui a vu s’affronter nos vieilles nations européennes dans des conflits meurtriers dont chaque village de France, chaque monument aux morts, porte encore l’émouvante cicatrice.

Le présent, marqué par le refus de la violence et le désir de paix, après tant d’affrontements. La volonté, aussi, de toujours mieux respecter la dignité et la liberté humaines, valeurs dont le parvis des Droits de l’homme rappelle, en face de nous sur la colline de Chaillot, l’exigence absolue.


     Si cette oeuvre est symboliquement importante, c’est parce que beaucoup reste à faire sur le

     chemin de la paix, sur le chemin de la tolérance.

Bien sûr, la construction européenne a rendu la guerre impensable entre des nations qui, au long des siècles, n’avaient cessé de se déchirer.

Bien sûr, nous avons vu émerger peu à peu une conscience universelle, sous l’égide des Nations Unies.

Bien sûr, il y a onze ans, la chute du Mur de la honte éloignait les menaces de la guerre froide et ouvrait grandes les portes de l’espérance.

Il n’empêche qu’aujourd’hui, alors que tant de régions du monde continuent de s’abîmer dans des rivalités territoriales, ethniques ou religieuses ; alors qu’à l’est de l’Europe, un demi-siècle après la Shoah, l’on a vu resurgir les démons de la pureté raciale, avec leur cortège d’atrocités, nous avons parfois le sentiment que l’histoire recule ou balbutie.

En dépit de ces piétinements ou de ces retours en arrière, j’ai la conviction que, si nous le voulons vraiment, le XXIe siècle verra progresser la paix et l’exigence éthique.

Parce que les peuples, de mieux en mieux informés, de plus en plus conscients, rejettent la violence, sous toutes ses formes. La violence entre les nations. Celle qu’exercent les dirigeants d’un pays à l’encontre des citoyens ou d’une minorité. La violence infligée par quelques-uns au nom d’une vision fanatique ou totalitaire de la société.

Parce que de plus en plus, l’opinion publique exige que la Communauté internationale réagisse quand les Droits de l’homme sont bafoués.

Parce que dans cet esprit, la Communauté des nations s’est donnée les moyens pour rétablir la paix et pour faire passer la justice.

C’est l’effort inlassable de nos démocraties, et l’implication personnelle de leurs dirigeants pour trouver, grâce à une diplomatie agissante, des solutions pacifiques aux conflits.

C’est l’action de la Cour internationale de justice, qui dit le droit et rend des arbitrages.

C’est, lorsque la diplomatie et la médiation ont échoué et que se produit l’inacceptable, le recours à la force, sous l’égide des Nations Unies, comme cela s’est passé en Bosnie ou au Kosovo.

Ce sont les tribunaux qui sanctionnent les atteintes à l’éthique. Au sortir de la guerre, ceux de Nuremberg et de Tokyo ont, pour la première fois, condamné les fauteurs de guerre et les criminels contre l’humanité.

Aujourd’hui, qu’il s’agisse du Tribunal pour l’ex-Yougoslavie, de celui qui doit juger les responsables du génocide au Rwanda, ou de la prochaine Cour pénale internationale, l’ambition est la même : faire en sorte que le crime contre l’humanité ne reste jamais impuni.

Mais, au-delà de ces instruments nouveaux, au-delà de ces politiques au service d’une certaine idée de l’homme et qui fondent notre espérance, nous savons bien que la paix se gagne d’abord dans les coeurs. Contre les préjugés hérités du passé. Contre l’ignorance, terreau privilégié de l’intolérance et de la haine. Avec la mémoire des souffrances que l’homme peut infliger à l’homme. Avec la conviction que la paix est le bien le plus précieux, la condition même du bonheur des peuples.

Ce sont ces messages essentiels, je crois, que porte le Mur pour la paix. La paix, aspiration universelle. C’est bien le sens, Chère Clara Halter, d’une oeuvre qui décline le mot paix dans toutes les langues, toutes les écritures. Qui invite chacun à témoigner. Chaque visiteur mais également tous ceux, toutes celles qui, des quatre coins du monde, et grâce à Internet, pourront lui confier leurs espoirs.

Remercions chaleureusement ses auteurs qui ont su traduire et inscrire dans le paysage parisien le rêve de paix de l’humanité tout entière. Je vous remercie.

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Bei so viel Lob und präsidialer Anerkennung ist es auch nur folgerichtig, dass die noble garde républicaine in ihrer Selbstdarstellung auf der Kasernenmauer des Boulevard Henri IV in Paris sich mit einer besonders kunstvollen Formation vor der Mauer für den  Frieden und dem Eiffelturm präsentiert.

 

Warum so viel Streit um die Mauer für den Frieden?

Liest man diese Eloge Chiracs auf die Mauer für den Frieden und ihre  Schöpfer, dann kann man sich nur wundern, warum seit Jahren ein erbitterter Streit um dieses Bauwerk tobt. Der Figaro sprach  sogar 2011 von einem „guerre des tranchés“ – eine noch schärfere Formulierung ist in dem Land des Schützengräben-Gemetzels kaum denkbar.[13]

Die Auseinandersetzung bezieht sich auf  vier wesentliche Bereiche:

  • die ursprüngliche zeitliche Befristung des Bauwerks
  • sein Ort und seine Qualität
  • seine aktuelle Baufälligkeit
  • und insgesamt seine unzureichende juristische Grundlage

Ursprünglich war die Mauer für den Frieden als eine zeitlich befristete Installation, ein  monument éphémère,  mit einer Genehmigung für 4 Monate geplant[14]– manchmal werden auch 6 Monate, manchmal  nur 3 Monate als zeitiche Befristung genannt. Appelé à un droit de séjour de trois mois seulement, ce mur a bénéficié depuis 11 ans de reconductions successives, de trois ans en trois ans, par les autorités publiques.  Wie anfänglich der Eiffelturm  handele es sich um ein provisoire durable;  so Marek Halter, der Mann Clara Halters, der sich besonders für die Erhaltung der Friedensmauer einsetzt und der in den teilweise mit härtesten Bandagen geführten juristischen Auseinandersetzungen an vorderster Front steht. [15]

Während die Befürworter der Friedensmauer also auf das anfängliche Provisorium Eiffelturm verweisen, das heute ganz unverzichtbar zum Stadtbild von Paris gehört, pochen  die Gegner auf die Verbindlichkeit des Rechts und die Lage auf einem „site classé“ zwischen École militaire und Eiffelturm, wo für eine solche Installation kein Platz  sei.  So argumentiert auch die auf der Seite der Gegner besonders engagierte Bürgermeisterin des betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati (LR), immerhin eine  ehemalige Justizministerin. «Cette construction provoque l’exaspération des habitants (…) car elle obstrue la perspective classée de l’École militaire à la tour Eiffel, en violation de la loi».[16] Das hatte der damalige – und ebenfalls konservative- Präsident Chirac in seiner Eröffnungsrede im Jahr 2000 ganz anders gesehen, als er  gerade den Standort auf dem Champ de Mars und die Nachbarschaft zur École militaire und zum Platz des Marschalls  Joffre als besonders sinnfällig bezeichnet hatte. Dies gilt für den 2011 von Frédéric Mitterand vorgeschlagenen alternativen Standort in La Vilette[17] sicherlich nicht.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Friedensmauer auf einem höchst wackeligen juristischen Fundament steht: Als sie gebaut wurde, hatte sich, wie ein Verantwortlicher der Pariser Stadtverwaltung feststellt, niemand große Gedanken darüber gemacht. Es habe  allgemeine Übereinstimmung geherrscht, dass es eine gute Idee sei, die Friedensmauer auf dem Champ de Mars zu installieren. „Cela montre bien qu’il y avait une adhésion forte et à la démarche du Mur pour la paix et à la qualité de l’œuvre.“ Diesen Konsens gibt es inzwischen nicht mehr,  und da rächt sich das juristische Vakuum und nährt die  Polemik. [18]

Inzwischen hat Rachida Dati in ihrem erbitterten Kampf gegen die Mauer für den Frieden noch nachgelegt. Sie spricht ihr jede Bedeutung und Qualität ab:  „Cette structure n’est pas un monument et n’a pas qualité d’œuvre“. Außerdem sei es allein schon aus Sicherheitsgründen geboten, jetzt endlich diese „structure illegale“ zu beseitigen. Zumal wegen der Fußballeuropameisterschaft in Paris im Sommer 2016, während der das Marsfeld als Fanzone diene und dort die Spiele auf Riesenleinwänden übertragen würden.[19] Aber die mairie von Paris als die Besitzerin des Geländes und die damit zuständige Institution hat der Aufforderung zur Entfernung der mur pour la paix nicht stattgegeben.

Die Auseinandersetzung um diese Installation erhält noch eine zusätzliche Dimension durch den Vandalismus, dem sie von Anfang an ausgesetzt war:  Sie war regulièrement… victime d’attaques racistes et antisémites.[20] 2014 wurden beispielsweise Scheiben der Installation mit dem  Slogan „Vive la Shoananas“ beschmiert (Bild aus Metronews).

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Das ist der Titel eines antisemitischen Liedes, das der vielfach wegen Antisemitismus und Apologie des Terrorismus verurteilte selbsternannte „Humorist“ Dieudonné M’bala M‘bala regelmäßig ans Ende seiner Vorstellungen platziert und das dann von seinen Anhängern mitgesungen bzw. wohl eher mitgegröhlt wurde.[21] Der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë verurteilte diesen Vandalismus: „Ce détournement d’un monument symbolisant la paix et la concorde pour exprimer un message insultant à forte connotation antisémite est à la fois minable et scandaleux“, erklärte er und sah einen Angriff auf die demokratischen Werte, für die Paris stehe.[22]

Die Zukunft der mur pour la paix

Die Stadt Paris, die als Eigentümerin des Grundstücks, auf dem die Mauer für den Frieden steht, für sie und ihre Zukunft allein verantwortlich  ist, [23] hat sich allerdings nie für ihre Unterhaltung zuständig erachtet und engagiert.  Als Verantwortlichen für die Renovierung, die die Sicherheit der Besucher garantiert und die Aufhebung der Absperrungen ermöglicht,  sieht sie die Vereinigung «le Mur pour la Paix-2000», in der das Ehepaar Halter eine wichtige Rolle spielt.

Bei bisherigen Renovierungen, die es natürlich in den 15 Jahren des „Provisoriums“ auch schon mehrfach gab, waren es wohl – wie auch bei seinem Bau- vor allem große Unternehmen gewesen, die die Finanzierung sicher gestellt haben. Diesmal hat Marek Halter  über die Internet-Plattform Ulule zu einer Spendensammlung aufgerufen. Die Wahl dieser Plattform sollte eine  breit gestreute Beteiligung und damit auch eine gesellschaftlich verankerte Identifikation mit der mur pour la paix  ermöglichen. Ziel war, das Bauwerk bis zur Fußball-Europameisterschaft renovieren zu können. Da würden nämlich besonders viele ausländische Besucher und Fans zu dem zur Fanmeile umfunktionierten  Champ de Mars kommen.  « L’image d’un Mur pour la Paix en piteux état serait désastreuse pour la France et la ville de Paris. On ne peut  pas laisser une ruine au milieu de la ville » s’insurge l’intellectuel.[24]

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https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

Hier der Wortlaut des Spendenaufrufs vom Februar 2016, nach den Terroranschlägen von Paris, auf den er sich auch bezieht:  

Nous lançons aujourd’hui un appel pressant aux Internautes du monde entier, pour nous aider à sauvegarder ce monument sur lequel l’artiste Clara Halter a inscrit le mot „PAIX“ dans toutes les langues.

Sommes-nous en guerre ?

Des milliers de monuments en hommage aux victimes

des conflits qui ravagent l’humanité

sont disséminés à travers le monde.

L’artiste Clara Halter et l’architecte Jean-Michel Wilmotte

ont répondu, eux, par la création de monuments dédiés à la paix : 

Hiroshima, Saint-Pétersbourg, Paris… (www.murpourlapaix.org)

Or, au moment où tous les monuments du monde, par solidarité,

affichent les couleurs de la France,

le seul monument qui s’oppose à la violence,

le Mur pour la Paix sur le Champ de Mars à Paris,

risque de disparaître.

Vous qui lirez cette page, aidez-nous! [25]

 

Offenbar sollten insgesamt 45.000 Euro an Spenden zusammenkommen, Ende Juni waren  aber schon 103% erreicht und die Kampagne wurde gestoppt.  Ich hätte auch gerne meinen Obolus dazugegeben, aber dazu gab es keine Möglichkeit mehr.  Zur Fußball-Europameisterschaft im Juni konnte die Friedensmauer zwar nicht mehr erneuert werden, aber man kann nun hoffen, dass sie bald wieder in frischem Glanz  erstrahlt und transparent und zugänglich sein wird. Das spannungsreiche und historisch gesättigte Ensemble von Marsfeld, auf dem am 14. Juli 1790 das Föderiertenfest gefeiert wurde, von École Militaire, Joffre-Standbild, Eiffelturm von 1889 und Menschenrechtsdenkmal von 1989 wäre durch dieses attraktive und symbolisch bedeutsame Kunstwerk dauerhaft und wunderbar ergänzt und bereichert.

Im Moment allerdings bietet die Mauer für den Frieden ein ganz trauriges Bild.

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Das die Mauer umgebende Gelände ist völlig verwildert, ein Teil der Glasplatten abmontiert,  es gibt keinerlei Information darüber, was nun passiert, wie es weitergeht – noch nicht einmal  mehr die Hinweistafeln der Stadt Paris …  Seit neuestem (März 2017) allerdings ein Warnschild, dass gerade eine Rattenbekämpfungsaktion im Gange ist…

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Als Passant kann man  nur ratlos, irritiert und traurig sein… und hoffen, dass ihr das Schicksal ihres Sankt Petersburger Pendants, der Friedenssäule (la tour pour la paix) erspart bleibt.

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Zustand im Februar 2018

Das St. Petersburger  Monument -ein Gegenentwurf zu den üblichen Triumph- und Siegessäulen- war 2003 von Frankreich Sankt Petersburg zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt geschenkt worden. 2010 wurde der Turm allerdings wegen Baufälligkeit abgerissen – endlich! – wie es in einem Petersburg-Blog heißt. Der Turm sei ein Fremdkkörper in der Stadt gewesen und habe einfach nicht zu  ihren Traditionen gepasst…. (26)  Vertraute Argumente für Pariser Beobachter…

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Unumstritten scheinen immerhin die ebenfalls von Clara Halter und Wilmotte entworfenen Portes de la Paix zu sein, die zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Friedenspark der Stadt errichtet wurden.(27)

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Es sind neun Tore, die den 9 Höllenkreisen von Dantes göttlicher Komödie entsprechen – und ein zehntes Tor symbolisiert die Hölle von Hiroshima.

Die Verlegung der Mauer für den Frieden (Nachtrag Oktober 2019)

Inzwischen hat sich die Zukunft der Mauer für den Frieden geklärt. Das hat seinen direkten Grund darin, dass das Gelände, auf dem das Bauwerk steht, für andere Zwecke benötig wird: Zunächst für einen Ersatzbau des Grand Palais, das renoviert wird und für das ein Ersatzbau in kleinerem Format auf dem Marsfeld errichtet werden wird. Dort sollen auch während der  Olympischen Spiele 2024  Wettkämpfe ausgetragen werden.  wollen. Da ist für die Friedensmauer kein Platz mehr.

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Bild aus: https://www.lesechos.fr/industrie-services/immobilier-btp/le-projet-de-grand-palais-ephemere-confie-a-jean-michel-wilmotte-1139058

Jetzt ist vorgesehen, die Mauer auf die place de Breteuil (15./7. Arrondissement) zu verlegen.  Marek Halter, der sich lange gegen die Verlegung gesträubt hat, scheint mit dieser Lösung auch einverstanden zu sein, zumal die Mauer von Jean-Michel Wilmotte neu gestaltet wird – der auch die Planung für den Ersatzbau des Grand Palais übernommen hat.  Offenbar soll das neue Friedensbauwerk die Gestalt eines durchsichtigen Buches aus Stahl und  Glas erhalten. Der hochsymbolische Ort der Friedensmauer vor der Statue Joffres und der École Militaire wird damit allerdings aufgegeben, aber die place Breteuil ist immerhin auch ein repräsentativer Ort inmitten der großzügigen Avenue de Breteuil, in direkter Blickachse zum Grab Napoleons in den Invalides. Und der übertrifft ja noch, was sein rücksichtsloses militärisches Engagement angeht, den coûte-que-coûte-  Marschall Joffre noch bei weitem.

Marek Halter hofft, dass das neue Bauwerk im März 2020 fertig sein wird – genau 20 Jahre nach ihrer Einweihung der Friedensmauer durch Präsident Chirac. ( http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-mur-pour-la-paix-va-etre-deplace-place-de-breteuil-10-10-2019-8170245.php )

Ein Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“

Im November 2016 fand in Dresden ein von unserem Freund Kristian Raum organisierter deutsch-französischer Kongress des Carolus-Magnus-Kreises statt. Thema waren „Friedenspädagogik und Französisch-Unterricht 100 Jahre nach Verdun.“

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Im Rahmen dieses Kongresses nahm ich auch an einem Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“ teil, das Steffi Wolf und Kerstin Plötner, zwei Kolleginnen des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 vorbereitet hatten.

Nach einer kurzen Vorstellung der „Mauer für den Frieden“  erhielten die Schüler folgenden Auftrag:

Qu’est ce que vous voyez, entendez et sentez en pensant au mot ‚la paix‘?

Quel lieu associez-vous à la paix?

Notez vos idées sur une carte (mot-clés)“

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Auffällig war, wie oft als Schlagwort „liberté“ genannt wurde, aber daneben wurden auch viele andere Begriffe und Orte assoziiert wie silence, nature, ma maison, forêt…

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Danach arbeiteten die Schüler/inn sehr konzentriert und motiviert in Kleingruppen zu den hier vorgestellten Aufträgen. Die Ergebnisse wurden am Ende der Doppelstunde an einer vor der Aula aufgstellten „Mauer für den Frieden“ zusammengetragen.

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Drei Beispiele:

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Und wie die Mauer für den Frieden in Paris,  so hat auch diese „Mauer“ im Romain- Rolland-Gymnasium von Dresden Aufforderungscharakter: Auch andere Angehörige der Schulgemeinde sind eingeladen, Beiträge zum Thema Frieden dort zu befestigen: Ein schönes handlungsorientiertes und mit vertretbarem Aufwand durchzuführendes Projekt – und ein Projekt ganz sicher auch im Sinne der Schöpfer der Friedensmonumente in Paris, Petersburg und Hiroshima und des Namensgebers der Schule, denen es ja gemeinsam darum ging, „Brücken menschlichen Verstehens“ im Zeichen des Friedens zu bauen…

Ein Interview zum Projekt

Im Februar hat mich eine Schülerin vom Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden, die an dem Projekt zur Mauer für den Frieden  teilgenommen hatte, gebeten, einige Fragen zu beantworten. Hier der Wortlaut des Interviews:

 INTERVIEW MIT DR. WOLF JÖCKEL

Sehr geehrter Herr Jöckel,

am 11. November 2016 fand an unserer Schule ein Projekt für die 11. und 12. Klassen statt, in dessen Rahmen wir von Ihnen einen eindrucksvollen Vortrag zur „Mur pour la Paix“ in Paris und weiteren Friedensmonumenten hörten und uns danach in Gruppenarbeit mit dem Thema Frieden befassten.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen und einige Fragen dazu  beantworten.

  • Wie empfanden Sie den Umgang der Schüler mit dem Thema Frieden?

Die Arbeit der Schüler/innen an  diesem Projekt hat mich sehr beeindruckt. Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in Frankreich und weiß, wie schwer es an den Schulen dort ist, offenere  Formen von Unterricht zu organisieren. Das Atelier am Romain-Rolland-Gymnasium hat gezeigt, wie intensiv und produktiv das Arbeiten in Projekten sein kann. Frau Plötner und Frau Wolf hatten das hervorragend vorbereitet, und dann haben die Schüler/innen selbstständig und motiviert gearbeitet. Da habe ich mir gewünscht, einige Kolleg/innen aus Paris hätten das miterleben können.

Sicherlich waren die beteiligten Schüler/innen auch und gerade deshalb so motiviert, weil es um das Thema „Frieden“ ging.  Die Schüler/innen waren ja am Anfang aufgefordert, stichwortartig aufzuschreiben, was Frieden für sie bedeutet. Die Antworten darauf waren sehr vielfältig: Oft wurde „Freiheit“ genannt, aber auch „Ruhe“, „mein  Haus“, „die Natur“, der „Wald“, der „kulturelle Austausch“, natürlich auch die „Abwesenheit von Krieg“ u.v.m.: ein Hinweis auf die vielen Dimensionen des Friedensbegriffs und auf die Vielfältigkeit dessen, was Frieden für jede/n einzelne/n bedeuten kann.

  • Als wie wichtig erachten Sie solche Projekte, welche den Frieden und Friedensmonumente in unserer heutigen Welt thematisieren und Schüler damit in Kontakt bringen?

Nach den großen Umbrüchen 1989/1990, dem Ende des Kalten Kriegs, dem Fall der Mauer und der Überwindung der Spaltung Europas in zwei sich feindlich gegenüberstehe Lager schien ja endlich eine Zeit des Friedens angebrochen zu sein. Das hat sich als Illusion erwiesen.  Als Präsident Chirac im Mai 2000 die Friedensmauer in Paris einweihte, war  seine Rede von vorsichtigem Optimismus geprägt. Heute könnte ein verantwortungsvoller Politiker eine solche Rede kaum noch halten, wollte er nicht als  weltfremder Träumer erscheinen. Wie könnte und müsste  aber heute eine Rede zum Stand des Friedens in der Welt aussehen? Und wo könnte oder sollte sie gehalten werden? Vielleicht bei der Einweihung eines neuen Friedensdenkmals? Wo sollte es stehen? Wie könnte es aussehen? Da sind Träume durchaus erlaubt und erwünscht.

Selbst in Europa, dessen Gründung nach zwei selbstmörderischen Kriegen  einem „nie wieder!“ zu verdanken war und in dem der Friede zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein schien, ist Krieg –in verschiedenen Ausprägungen-  als Realität oder Möglichkeit wieder präsent. Dabei ist das vereinte Europa ein außerordentliches  Friedensmonument, und wir können nur hoffen und unseren Teil dazu beitragen, dass es nicht zur Ruine verkommt wie die Friedensmauer in Paris.  Und wenn wir uns auch ohnmächtig fühlen und es weitgehend ja auch wirklich sind:  Die Konsequenz sollte nicht Resignation sein, sondern vielmehr die Frage an sich selbst, was man tun kann, um dort, wo man lebt, einen noch so kleinen Beitrag für den Frieden zu leisten. Dazu können solche Projekte wie das im Romain-Rolland-Gymnasium ermutigen.

  • In Ihrem Vortrag sprachen Sie außer der „Mur pour la Paix“ noch  weltweit weitere Monumente des Friedens an. Wie schätzen Sie den gesellschaftlichen Bedarf am Aufbau weiterer Mahnmale für den Frieden ein?

Mahnmale für den Frieden kann es eigentlich gar nicht genug geben, aber leider gibt es viel zu wenige davon. In Paris zum Beispiel wimmelt es nur so von Denkmälern, die an Kriege und Siege erinnern, viele Straßen und Monumente tragen die Namen von Feldherren und erinnern an siegreiche Schlachten. Die wunderbare  „Mauer für den Frieden“ auf dem Champ- de- Mars dagegen ist einzigartig, allerdings  immer noch umstritten und immer noch eine abgesperrrte Ruine….  Und dabei ist sie –wie die Friedensmauer aus Kartons, die Frau Plötner und Frau Wolf vor der Aula aufgebaut hatten-  ein Anlass zum Nachdenken über Frieden und zum gegenseitigen Austausch. Zu der benachbarten Reiterstatue des Marschalls Joffre, der im Ersten Weltkrieg sein „Menschenmaterial“ rücksichtlos einsetzte und verbrauchte,  soll man dagegen bewundernd aufschauen. Aber gerade solche zum Denken und Handeln  aktivierenden  Denkmäler wie die Friedensmauer sind wichtig. Ich bin deshalb auch froh, dass es am Berliner Schloss ein begehbares und bewegliches Denkmal für die friedliche Revolution von 1989 geben wird.

Vielen Dank für Ihre Antworten.

Außerdem danke ich Frau Plötner und Frau Wolf, die dieses Projekt organisierten.

Helene Krämer

Anmerkungen:

(1) Zum Arc de Triomphe siehe den Blog-Beitrag: Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons. https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

(2)  Zu den Opfern des jacobinischen Terrors auf dem Cimetière de Picpus siehe: Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Zu den Opfern der Commune auf dem Friedhof Père Lachaise siehe: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune  https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

(3)  Zur Namenstafel an der Mauer des Père Lachaise siehe den Blog-Beitrag: Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands am 11. November 1918 https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

(4)  Zur Cité Internationale und der Maison Heinrich Heine siehe die Blog-Beiträge: Die Cité Internationale Universitaire, ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

und: La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris  https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/

(5) Jean-Jacques Becker und Serge Berstein, Victoire et frustrations. 1914-1929. Nouvelle histoire de la France contemporaine. Éditions du Seuil, Paris 1990, S. 47f

[6] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde   Entsprechend: Le monde diplomatique,  April 2012

[7] http://www.leparisien.fr/espace-premium/paris-75/dati-gagne-une-manche-dans-la-guerre-du-mur-de-la-paix-08-05-2014-3823805.php#xtref=https%3A%2F%2Fwww.google.fr%2F

http://www.exponaute.com/magazine/2016/03/07/paris-il-faut-sauver-le-mur-pour-la-paix/

[8] http://www.aufeminin.com/portraits-de-femmes/clara-halter-d48116.html

[9] http://www.murpourlapaix.org/site/mur.html

[10] Le Figaro, 18.2.2016. Siehe auch:  http://plus.lefigaro.fr/tag/jean-michel-wilmotte

http://www.wilmotte.com/en/projects/programs In der umfangreichen Präsentation seiner Arbeiten auf der Homepage hat Wilmotte die mur de la paix allerdings nicht aufgenommen- vermutlich deshalb, weil die künstlerische Gestaltung ein Werk Clara Halters ist und Wilmotte hier wohl eher nur für die technische Ausführung verantwortlich war.

[11] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

[12] http://www.jacqueschirac-asso.fr/archives-elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/interventions/discours_et_declarations/2000/mars/allocution_du_president_de_la_republique_lors_de_l_inauguration_du_mur_pour_la_paix-2000.2394.html

[13] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[14] siehe Brief des damaligen Kultusministers Frédéric Mitterand an die Bürgermeisterin des 7. Arrondissements, Rachida Dati, vom 9. November 2009  http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381

[15] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[16] http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381 Dort gibt es eine ausführliche Zusammenstellung von Initiativen/Anfragen der Bürgermeisterin des 7. Arrondissements bezüglich der mur pour la paix seit dem Jahr 2009

2012 hat das Comité d’Aménagement ein Buch über die mur pour la paix herausgegeben, in dem die Kritik zusammengefasst ist. Auszüge daraus in:  http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

[17] http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

[18] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

[19] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[20] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[21] http://theinglouriousbasterds.com/archives-antisemitisme-2-0/photos/shoananas/

http://www.francetvinfo.fr/societe/justice/dieudonne/

[22] http://www.metronews.fr/paris/des-tags-antisemites-sur-le-mur-pour-la-paix/mnaf!DOx5kaI22KNw/

[23] Brief von Frédéric Mitterand an Rachida Dati vom 9. November 2009

[24] http://www.la-croix.com/Culture/Marek-Halter-veut-sauver-le-Mur-pour-la-Paix-a-Paris-2016-04-05-1200751232

[25] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

(26) http://www.lizotchka-russie.fr/article-bonne-nouvelle-pour-ceux-qui-aiment-saint-petersbourg-54734439.html

(27) http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2Fsite%2Fdiapo%2Fimage%25203.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2F&h=270&w=270&tbnid=v66iAWOe8ZqOqM%3A&vet=1&docid=CjJYYLv_YBOIvM&hl=de&ei=Q_UhWKyQCsK2Ubzkq5AM&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1386&page=0&start=0&ndsp=19&ved=0ahUKEwjsvaDFwpnQAhVCWxQKHTzyCsIQMwgmKAkwCQ&bih=662&biw=1366

Wohnen, wo einmal die Guillotine stand: La Grande et la Petite Roquette

In diesem Beitrag geht es um die Geschichte unseres Viertels, das nach der Straße benannt ist, die es durchquert, der Rue de la Roquette. Und diesen Namen trugen auch die großen Gefängnisse, die hier einmal standen. In ihnen spiegeln sich 100 Jahre französischer Geschichte, spektakuläre Hinrichtungen wurden hier vollzogen, an die heute noch die  Fundamente der Guillotine erinnern….  

Der Eingang unserer neuen Wohnung liegt in der Rue Maillard.  Namensgeber der Straße, in der unsere frühere Wohnung lag, war der französische General Chancy aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871. Der Name Rue Maillard weckt dagegen angenehmere Assoziationen: Gleich nach Verbreitung unserer neuen Adresse wurden wir auf Louis Camille Maillard aufmerksam gemacht, den Entdecker der nach ihm benannten chemischen Reaktion, die u.a. dafür sorgt, dass ein Braten bei entsprechender Zubereitung eine leckere Bräunung und ein geschmackvolles Aroma erhält. Also Bratenduft statt Pulverdampf.

Allerdings kommen dann doch noch weniger angenehme Assoziationen hinzu, wenn man sich etwas  näher mit unserem  neuen Viertel beschäftigt: Nämlich der Knall des Fallbeils, der Guillotine, die hier einmal stand. Darauf wird man hingewiesen, wenn man von der Rue de la Roquette in die Rue du Croix Faubin einbiegt, an der unsere Wohnung liegt. Dort steht eine der Erinnerungstafeln „Histoire de Paris“, mit denen Passanten auf die historische Vergangenheit eines Ortes und –soweit vorhanden- entsprechende sichtbare Spuren hingewiesen werden, an denen sie sonst vielleicht eher achtlos vorübergegangen wären. So sicherlich an diesem Ort: Denn hingewiesen wird auf fünf eher  unscheinbare Steinplatten (aus Granit), die vom Asphalt der Straße ausgespart sind. Es sind, wie die Tafel erläutert, die Fundamente einer Guillotine, die hier –bei Bedarf- aufgebaut wurde, um den Aufprall des Fallbeils aufzuhalten.[1]

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Die Guillotine  gehörte zu dem Gefängnis La Grande Roquette, das -1836 errichtet- auf diesem Areal stand und in dem zu Zwangsarbeit Verteilte gefangen gehalten wurden, die auf ihren Abtransport in die Strafkolonien von Ĭle  de Ré, nach Neu-Kaledonien  oder nach Cayenne warteten- dahin also, wo der Pfeffer wächst… Und zum Tode Verurteilte warteten dort auf die Guillotine.  Im Volksmund hieß das Gefängnis  „Abbaye des Cinq-Pierres“ – eine Anspielung auf die fünf Steine des Fundaments der Guillotine und auf ein Kloster, das sich an gleicher Stelle befunden hatte, bis es zur Zeit der Französischen Revolution aufgelöst wurde.

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Nach der Angabe im unteren Teil der städtischen Erinnerungstafel wurden über 200 Todesurteile mit der hier aufgestellten Guillotine öffentlich vollstreckt.[2]  Obwohl die Hinrichtungen im Allgemeinen in aller Frühe vollzogen wurden, kamen immer Schaulustige zu der am Eingang des Gefängnisses gelegenen Place de la Roquette, um dem „Schauspiel“ beizuwohnen. (1a)

Wie populär solche  Hinrichtungen waren, wird auch daran deutlich, dass der durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec bekannte Kabarettist Aristide Bruant hat die letzten Momente eines Gefangenen der Roquette auf seine Weise besungen hat. Sein Publikum muss das wohl lustig gefunden haben:

220px-Lautrec_ambassadeurs,_aristide_bruant_(poster)_1892

Tout ça, vois-tu, ça n’me fait rien

C’qui m’paralyse

C’est qu’i faut qu’on coupe, avant l’mien,

L’col de ma ch’mise;

En pensant au froid des ciseaux,

A la toilette,

J’ai peur d’avoir froid dans les os,

A la Roquette.

Aussi j’vas m’raidi pour marcher

Sans qu’ça m’émeuve,

C’est pas moi que j’voudrais flancher

Devant la veuve;

J’veux pas qu’on dis’que j’ai l’trac

De la lunette,

Avant d’éternuer dans l’sac,

A la Roquette.“

Die Grande Roquette war –wie bei einem Bauwerk dieser Art nicht anders zu erwarten-  Schauplatz spektakulärer und tragischer Ereignisse. Die Erinnerungstafel verweist ausdrücklich auf die Exekution der beiden Anarchisten Auguste Vaillant und Emile Henry. Auguste Vaillant hatte 1893 von der Zuschauertribune der Assemblée Nationale eine Bombe auf die dort versammelten Parlamentarier geworfen, wobei 50 Menschen verletzt wurden. Vaillant wurde am 5. Februar 1894 vor der Roquette guillotiniert- mit den letzten Worten: „Es lebe die Anarchie! Mein Tod wird gerächt“.[3]

220px-Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre Auguste Vaillant

Die Rache ließ auch nicht lange auf sich warten. Am 12. Februar 1794 verübte der Anarchist Emile Henry einen Anschlag auf das Café Terminus im Gare St. Lazare, bei dem 20 Besucher verletzt wurden, einer davon tödlich. Der Prozess gegen Henry erregte erhebliches Aufsehen wegen des unerschrockenen Auftretens des jungen hochgebildeten Anarchisten und der sozialkritischen Rechtfertigung seiner Tat. Auf den Vorwurf des Richters, er habe einen Anschlag auf Unschuldige verübt, antwortete er: „Il n’y a pas de bourgeois innocents“. Die Erklärung, die er vor Gericht abgab, wurde berühmt.[4]

Am 21. Mai 1894 wurde Henry vor der Roquette guillotiniert- im Beisein übrigens  von Georges Clemenceau und Maurice Barrès- beide alles andere als Sympathisanten des Anarchismus, die aber von dem Schicksal des jungen Manns angerührt waren.

Nicht hingewiesen wird auf der städtischen Hinweistafel auf zwei Ereignisse, die die Grande Roquette in ganz  besonderem  Maße in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückten und dazu –wenn auch in verschiedener Weise- zu ihrer  Bedeutsamkeit beitrugen, und zwar die Hinrichtung des Mörders Troppmann 1870 und die Geiselerschießung der Commune 1871.

Die Hinrichtung Troppmanns

Die Hinrichtung des Mörders Troppmann in der Roquette am 19. Januar 1870 war ein außerordentlich spektakuläres Ereignis.  Troppmann hatte aus Geldgier 8 Mitglieder einer Familie nach und nach auf sehr heimtückische Weise umgebracht.

Von der Entdeckung der Leichen über die Jagd nach dem Täter bis hin zum Prozess und der Hinrichtung verfolgten Moritatensänger und insbesondere die noch junge  Presse den Fall.  Besonders hervor tat sich das 1863 gegründete Le Petit Journal. Dieses konnte die Auflage von dem ersten Bericht über diesen Mord am 23. September von 357.000, drei Tage später auf 403.950, am Tag der Hinrichtung Troppmanns bis auf 594.000 Exemplare steigern. Das Blatt versorgte seine Leser hierbei mit Details; beispielsweise dass Troppmann angeblich seinen Bruder um Blausäure und Äther gebeten habe, um seine Wärter zu vergiften und dass er versucht habe seinen Henker zu beißen. Der mediale  Erfolg der Troppmann-Berichterstattung war Wasser auf die Mühlen der Sensationspresse und trug generell  zur bevorzugten Behandlung der „faits divers“ in den Massenmedien bei, die ja gerade in Frankreich besonders auffällig ist: Noch heute beginnen die Nachrichtensendungen in den großen französischen Fernsehprogrammen, selbst in dem öffentlich-rechtlichen TV 2, sehr oft mit einer ausführlichen Berichterstattung über solche „faits divers“, einen Mord in der Provinz, einen plötzlichen Wintereinbruch in den französischen Alpen oder einer Warnung vor einem Stauwochenende, bevor dann auch das politische Tagesgeschehen –mehr oder eher weniger- zu seinem Recht kommt.

Welches Aufsehen der Fall Troppmann in Frankreich erregte, beschreibt übrigens kein Geringerer als Iwan Turgenew in seinem ausführlichen, zeitnah verfassten Bericht L’exécution de Troppmann, der in der Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe mündet- wie sie damals von vielen aufgeklärten Geistern –in Frankreich etwa von Victor Hugo und später dann im Zusammenhang mit der Hinrichtung Henrys auch von Clemenceau- erhoben wurde. Turgenew hielt sich 1870 in Paris auf und wurde eingeladen, als einer der wenigen „Ehrengäste“ der Hinrichtung des Mörders aus nächster Nähe beizuwohnen.  Schon Tage davor seien in allen Schaufenstern Fotos von Troppmann ausgestellt worden und Tausende von Schaulustigen seien jede Nacht zur Roquette gekommen, um nicht den Aufbau der Guillotine zu versäumen. Die damals äußerst spannungsreiche und bewegte politische Situation in Frankreich (kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges) sei demgegenüber völlig in den Hintergrund des öffentlichen Interesses geraten.

70536893 Execution de Troppmann

Die Nacht vor der Hinrichtung mussten die privilegierten Zuschauer im Zimmer des Gefängnisdirektors verbringen, weil befürchtet wurde, dass am nächsten Morgen die erwarteten Massen der Schaulustigen den Zutritt zur Roquette unmöglich machen würden. So kann Turgenew aus nächster Nähe den Aufbau der Guillotine beobachten, dem Henker die Hand schütteln –nach Troppmann immerhin die wichtigste Figur des bevorstehenden Spektakels-  und die zahlreiche Post betrachten, die Troppmann von allen Seiten erhalten, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte- auch nicht die Billets von Frauen, denen teilweise Blumen wie Margueriten und Immortellen beigegeben worden waren. Schon mitten in der Nacht versammelten sich, wie die Polizei dem Gefängnisdirektor berichtete,  über 25 000 Schaulustige vor dem mit der Überschrift „Dépot des Condamnés“ versehenen Eingang der Roquette.

grande roquette portail

Turgenew beschreibt anschaulich, was von dieser erwartungsvollen Menschenmenge an das Ohr der Ehrengäste im Gefängnis dringt:

„Ce brouhaha m’étonnait par sa ressemblance avec les mugissements lointains du flux et du reflux de la mer, le même crescendo Wagnérien infini qui ne monte pas régulièrement, mais avec de grands chuchotements et des déversements gigantesques. Les notes aiguës des voix des femmes et des enfants jaillissaient comme des éclaboussures fines sur le bourdonnement colossal. La puissance brutale d’une force de la nature se montrait dans tout cela. Tantôt elle s’apaise pour un instant comme si elle était couchée et ramassée… et la voilà encore qui grandit, s’enfle et gronde comme toute prête à s’élancer et à tout déchirer, qui recule encore et peu à peu se calme, puis de nouveau grandit… et cela n’a pas de fin. Que veut dire ce bruit ? pensai-je. Impatience ? Joie ? Haine ?… Non, il ne sert d’écho à aucun sentiment individuel humain. Tout simplement le bruit et le brouhaha de la nature.“

„Tout d’un coup, lentement, comme une gueule, s’ouvrirent les deux battants des portes accompagnés en même temps d’un grand rugissement de la foule réjouie, satisfaite. Soudain, le monstre de la guillotine nous regarda avec ses deux poteaux noirs et le couperet suspendu.

Als Troppmann aufs Schaffott geführt wird:  Totenstille unter den  vielen Tausenden Zuschauern:

„J’eus le temps de remarquer qu’à l’apparition de Troppmann le bruit de la foule se tut comme un monstre qui s’endort. Un silence sans respiration.“

Dann die Vollstreckung des Urteils:

„Enfin retentit un bruit léger de bois qui se heurtent. C’était la chute de la lunette supérieure avec la découpure transversale pour laisser passer le tranchant, la lunette qui prend le cou du criminel et rend sa tête immobile ; puis quelque chose gronda sourdement, roula et éructa comme si un grand animal eût craché. Je ne puis trouver une comparaison plus exacte.

Tout se couvrit d’un brouillard.“

Und danach?

„Je me sentais très fatigué, et je n’étais pas le seul. Tous paraissaient épuisés, quoique tous, apparemment, se sentissent mieux, comme si leurs épaules fussent débarrassées d’un grand poids.

Mais personne de nous, absolument personne, n’avait l’air d’un homme qui a assisté à l’exécution d’un acte de justice sociale. Chacun tâchait de se détourner de cette idée et de rejeter la responsabilité de cet assassinat. … Nous parlions de la barbarie inepte et superflue de toute cette procédure du moyen-âge, grâce à laquelle l’agonie d’un criminel dure trente minutes, de six heures vingt-huit à sept heures….., du dégoût de tous ces travestissements, de cette coupe de cheveux, des voyages par les escaliers et les corridors…..

De quel droit fait-on tout cela ? Comment soutenir cette routine révoltante ? La peine de mort elle-même pouvait-elle être justifiée ?“

 Turgenew sieht keinerlei –wie auch immer gearteten- Nutzen, den eine solche „Nacht der Schlaflosigkeit, der Trunkenheit und der Perversion“ auf die Zuschauer haben  könnte. Und er zieht aus all dem den Schluss, dass die Todesstrafe unabweisbar auf der Tagesordnung der humanité contemporaine stehe. Er hoffe, dass er mit seinem Bericht einen Beitrag zu ihrer Abschaffung, mindestens jedoch zur Beendigung ihrer öffentlichen Zurschaustellung leisten würde.[5]

 Allerdings  hat es noch fast 70 Jahre gedauert, bis in Frankreich auf das Schauspiel öffentlicher Hinrichtungen verzichtet wurde: Am 17. Juni 1939 wurde der Deutsche Eugen Weidmann, der in Frankreich 6 Menschen ermordet hatte, vor 10000 Schaulustigen in Versailles hingerichtet. Dabei kam es zu volksfestartigen Szenen, Champagnerkorken knallten, Frauen tauchten ihre Taschentücher in das Blut des mit Clark Gable verglichenen Frauenhelden.[6] Danach verzichtete man in Frankreich auf weitere Spektakel dieser Art. Aber die Guillotine blieb weiter in Betrieb, auch in der Roquette: So wurde am 30. Juli 1943 die Engelmacherin („faiseuse d’ange“) Marie-Louise Giraudin  in der Petite Roquette guillotiniert. Das Regime des Marschalls Pétin hatte am 15. Februar 1942 die Abtreitung per Gesetz als „Verbrechen gegen die Staatssicherheit“ erklärt. Es wurde hier exekutiert, nachdem Pétin ein Gnadengesuch Giraudins abgelehnt hatte. [6a]

Aber es dauerte dann noch einmal fast 40 Jahre, bis  in Frankreich –mit der Lex Badinter von 1981- die Todesstrafe endlich abgeschafft wurde. In Russland –Turgenjew richtete sich mit seinem Text ja in erster Linie an eine russische Leserschaft- geschah das erst 2009- und in vielen anderen Ländern hat sich –nicht einmal in diesem Punkt- die „humanité contemporaine“ immer noch nicht durchgesetzt…

Die Geiselerschießung in der Roquette 1871

Ein besonders tragisches Ereignis war sicherlich die Erschießung von sechs Geiseln durch die Commune in der Grande Roquette. Sie fand statt am 24. Mai 1871, während der blutigen Niederschlagung der Commune in der semaine sanglante[7], durch die Versaillais, also die Truppen der nach Versailles geflüchteten Regierung unter Adolphe Thiers.

Grundlage der Geiselerschießung war ein Dekret der Commune vom 5. April 1871, dem gemäß alle mit der Regierung in Versailles zusammenarbeitenden Personen Geiseln des Volks von Paris seien. Jede Erschießung von Kriegsgefangenen oder Anhängern der sich als  rechtmäßige  Regierung betrachtenden Commune habe die Erschießung einer dreifachen Anzahl von Geiseln zur Folge- ein auch in den Reihen der Commune und ihrer Sympathisanten umstrittenes Dekret.[8] Allerdings handelte es sich bei der Geiselerschießung in der Roquette um keine automatische  Replik auf die unbeschreiblichen und massenhaften Gräueltaten der Versailler in der semaine sanglante. Die Commune hatte nämlich zunächst angeboten, den von ihr festgehaltenen Erzbischof von Paris, Mgr Darboy, gegen den von den Versaillern gefangenen gehaltenen Revolutionär Auguste Blanqui auszutauschen. Und als dieses Angebot unbeantwortet blieb, schlug die Commune sogar vor, im Gegenzug zur Befreiung Blanquis alle von ihr festgehaltenen 64 Geiseln freizulassen. Blanqui war seit der Revolution von 1830 eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung in Frankreich. Mehrfach wurde er wegen  seiner revolutionären Aktivitäten und Überzeugungen verhaftet. So auch im März 1871 auf Befehl von Adolphe Thiers, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte und der deshalb auch unter gar keinen Umständen auf das Angebot der Commune eingehen wollte. Sein Sekretär kommentiert das zynisch: « Les otages ! Les otages, tant pis pour eux ! »[9]

So werden am 24. Mai in der Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter der Pariser Erzbischof, erschossen.

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Gedenktafel in der Kirche La Madeleine für den Priester J.G. Deguerry, der zu den am 24. Mai 1871 erschossenen Geiseln gehörte.

Dass Blanqui auch heute noch Verehrer hat, zeigt sein Grab mit der von Dalou geschaffenen eindrucksvollen Bronzefigur auf dem Père Lachaise. (91. Division)[10]

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Die Geiselerschießung vom 24. Mai war ein wesentliches  Element in der 1871 einsetzenden groß angelegten Diffamierungskampagne der Commune und ihrer „Verbrechen“, bei der die junge Fotografie systematisch eingesetzt wurde. Fotos vom zerstörten Pariser Rathaus oder der umgestürzten Vendôme-Säule gehörten dazu.[11] Und die Erschießung der Geiseln in der Roquette wurde propagandistisch nachgestellt, fotografiert und verbreitet. Das hatte gleichzeitig auch die Funktion, von dem systematischen Terror der eigenen Seite –mit etwa 30 000 Opfern- abzulenken.

Crimes de la Commune              

 „Crimes de la Commune : Assassinat des otages dans la prison de la Roquette“

 Die Zelle, in der Erzbischof Darboy seine letzten Tage auf dieser Welt verbracht hatte, wurde übrigens beim Abriss der Grande Roquette Stein für Stein abgetragen und in der Krypta des Priesterseminars Saint Sulpice von Issy-les-Moulinaux wieder aufgebaut- zusammen  mit einem  Stück der Mauer, vor der die sechs Geiseln erschossen wurden.[12]

Allerdings haben die Sieger nach Niederschlagung der Commune in der sogenannten „semaine sanglante„, der blutigen  Woche, mit aller Brutalität zurückgeschlagen. Dabei hat wiederum die Grande Roquette eine Rolle gespielt, wie  Prosper Lissagaray in seiner „Geschichte der Commune von 1871“  (es 577, S. 362) berichtet:

Nach beendigtem Kampfe verwandelte sich die Armee in ein ungeheures Executions-Peleton. Am Sonntag wurden mehr als 5000 Gefangene, die in der Umgegend des Père La Chaise aufgegriffen waren, in das Gefängniß la Roquette geführt. Ein Bataillonschef stand am Eingang und musterte die Gefangenen, ohne an einen  Einzigen  eine Frage  zu stellen, indem er nur „rechts“ oder „links“ sagte. Die zur Linken wurden sogleich erschossen. Man leerte ihnen die Taschen, lehnte  sie an eine Mauer und machte sie nieder. Der Mauer gegenüber hielten zwei oder drei Pfaffen  sich die Breviere vor die Nase und murmelten die Gebete der Sterbenden.“

Die Petite Roquette

Auf der anderen Seite der Rue de la Roquette gibt es den Square de  la Roquette, eine kleine hübsche Parkanlage mit einem Springbrunnen, Blumen, Bänken, Spiel- und (in Paris eher selten) Bolz- und Basketballplätzen  für Jugendliche. Davor sogar auch noch einen Boule-Platz, der allerdings von den zahlreichen Hunden des Viertels eher anderweitig genutzt wird.

Dass man sich auch hier auf geschichtsträchtigem Grund befindet, ist noch deutlicher als auf der anderen Seite der Straße: Da gibt es unübersehbar das übliche grüne Schild der Parkverwaltung, das am Eingang aller Pariser Grünanlagen über den Namen  und die Geschichte des Ortes informiert. So auch hier:

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Der Name der Anlage (und der Straße) sei abgeleitet von einer Pflanze, die zwischen den Steinen des Klosters wuchs,  das  sich hier befunden  habe : die roquette, lateinisch eruca, italienisch rucola, die im Mittelalter schon als Salatpflanze genutzt wurde, dann in Vergessenheit geriet und inzwischen wieder über Italien ihren Weg in die deutsche Küche gefunden hat.[13]  1836 habe ein Gefängnis für Frauen, Kinder und junge Straftäter das Kloster ersetzt, dessen Bau sich an der Festungsarchitektur orientiert habe. In der Tat erinnert das Gefängnis, wie der Plan seines Architekten Louis- Hippolyte Lebas zeigt, in seinen Ausmaßen und seinem Grundriss an eine Festungsanlage Vaubans.(13a)

Lebas war damals ein prominenter Architekt, der gerade die Pariser Kirche Notre-Dame de la Lorette im 9. Arrondissement fertiggestellt hatte. Bei seinem Gefängnisentwurf bezog er sich aber weniger auf Vauban, sondern auf das Modell  des britischen Philosophen Jeremy Bentham  und verwirklichte damit ein für Frankreich damals avantgardistisches Projekt.[14] Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept zum Bau von Fabriken und Gefängnissen, das eine möglichst effektive Überwachung und Kontrolle der Arbeiter bzw. Gefangenen ermöglichen sollte, das sogenannte Panopticon.  Von einem zentralen Ort sollten danach alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden. Im Mittelpunkt eines nach dem Panopticon-Prinzip konzipierten Gefängnisses steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in der sogenannten Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen die Gefangenen nicht, ob sie gerade überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter  Überwachungsdruck  regelkonform verhalten (also abweichendes  Verhalten vermeiden, da sie immer davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, sei sehr günstig.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Wirkung des Panopticons als „Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen“ beschrieben, „der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.“ (Frankfurt 1977, S. 258)  Er sieht hier das „kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage“ (253), in der die  Machtausübung immer weniger auf die Ausübung körperlicher Gewalt angewiesen ist. Insofern stehe das Panopticon für das  Herrschaftsprinzip liberaler Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt.

Nach dem Panopticon-Prinzip wurden im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zahlreiche Gefängnisse errichtet- in Deutschland z.B. das ursprünglich als preußisches Mustergefängnis gebaute, aber besonders im Dritten Reich berüchtigte Gefängnis in Berlin-Moabit. Auch das Kölner Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz wurde in den 1830-er Jahren als Panopticum-Bau errichtet. .[14a]

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Und in Frankreich war es eben das mächtige sechseckige La Roquette, das in Abgrenzung zu der für die Schwerverbrecher bestimmten Grande Roquette auf der anderen Straßenseite Petite Roquette genannt wurde, weil es für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 20 Jahren und für Frauen  bestimmt war. Eine Zeit seines jungen Lebens verbrachte hier übrigens in den 1920-er Jahren ein aus schwierigsten Verhältnissen stammender  15- jähriger Jugendlicher- Beginn einer langen Gefängnis-Odyssee: Es war Jean Genet- der mit dem 1942 im Gefängnis geschriebenen eindrucksvollen Gedicht „Le Condamné à mort“ (Der zum Tode Verurteilte) seine literarische Karriere begann.[15]

Keine Fotobeschreibung verfügbar.

Der Eingang zur Petite Roquette

Alle Gefangenen in der Petite Roquette wurden isoliert und voneinander fern gehalten- selbst bei dem überwachten einstündigen täglichen Aufenthalt im Freien, der in getrennten Pferchen stattfand, oder bei einem Besuch des Erzbischofs (s. Anm. 11). Die entsprechenden zeitgenössischen Bilder aus der Petite Roquette lassen für mich Assoziationen an schlimmste Massentierhaltung aufkommen.

La petite Roquette

Die von totaler Isolation und Überwachung geprägten Haftbedingungen waren schon damals nicht unumstritten: Kaiserin Eugénie, die durchaus  sozial engagierte Frau Napoleons III., war bei einem Besuch in der Petite Roquette offenbar ziemlich entsetzt und forderte einen alternativen Strafvollzug für Jugendliche. Es wurden dann zwar auch landwirtschaftliche Kolonien eingerichtet, in denen jugendliche Strafgefangene arbeiten und auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden sollten, aber die Petite Roquette blieb doch auch weiterhin zumindest eine obligatorische Durchgangsstation.

Nachdem 1939 öffentliche Hinrichtungen in Frankreich verboten worden waren, wurde die  Petite Roquette als Ort künftiger Hinrichtungen von Frauen  in Paris bestimmt. Zweimal wurde dieses Gesetz dann angewendet: Am 6. Februar 1942 wurde Georgette Monnerot hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hatte, am 30. Juli 1943 Marie-Louise Giraud wegen der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen– da sind wir in der Ära Vichys und Pétains.

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1974 wurde das Gefängnis abgerissen, um das weitläufige Gelände freundlicheren Verwendungen zuzuführen. Erhalten wurden aber die beiden Eingangstore des Gefängnisses, durch die man nun die neue Park- und Freizeitanlage betritt. An dem linken der beiden  Eingangstore weist eine Erinnerungstafel darauf hin, dass hier zwischen dem 18. Juni 1940, dem berühmten Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand,  bis zum 28. August 1944, der Befreiung von Paris, 4000 Mitglieder der Résistance inhaftiert waren.

Während bei den an allen Schulen angebrachten Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Occupation immer auch auf die Rolle der französischen Polizei hingewiesen wird[16], werden hier zwar die Opfer, aber nicht die Täter und ihre Helfer benannt. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“[17] ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Durant la Seconde Guerre mondiale, 4000 femmes sont emprisonnées à la Roquette par la police française pour faits de résistance.“ Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie ja auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand.[18] Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

Unter den inhaftierten Frauen waren übrigens auch Ausländerinnen, die wegen ihrer antifaschistischen Überzeugung verhaftet worden  waren. So auch die deutsch-tschechische Literatin Lenka Reinerová, in deren Biographie sich die Tragik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll niederschlägt: Zu ihren Freunden der Zwischenkriegszeit in Prag gehörten Franz Werfel, Egon Erwin Kisch und Max Brod, der Herausgeber der Werke von Franz Kafka. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag Flucht nach Frankreich, dort ein halbes Jahr Einzelhaft in der Petite Roquette, danach in einem Frauenlager der Vichy-Zone interniert, Flucht über Casablanca nach Mexiko, wo sie das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera  und natürlich die ebenfalls nach Mexiko emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers trifft. 1948 Rückkehr nach Prag, wo ihr im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“ der Prozess gemacht wird. Erst 1964 rehabilitiert, wird sie  nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der KPC ausgeschlossen.  2008 starb sie – die letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur.[19]

Während die Petite Roquette erst 1974 abgerissen wurde, was das auf der anderen Seite mit der Grande Roquette schon 1900 geschehen. Da platzte Paris aus allen Nähten, die Grande Roquette wurde abgerissen, das Gelände zwischen der Rue de la Roquette, der Rue de la Folie Régnault und der Rue la Vacquerie wurde durch kleine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen in sechs Rechtecke eingeteilt, die nach und nach mit 6- bis 7-stöckigen Häusern bebaut wurden. In einem davon wohnen wir jetzt..

Anmerkungen

[1] Die Angaben für das Gewicht des Fallbeils schwanken zwischen 7 und 200 kg (Turgenew). Übrigens werden auch heute noch Guillotines hergestellt- mit denen allerdings nicht mehr Köpfe abgeschnitten werden, sondern Baguette-Rohlinge aus der Teigmasse: http://rinaldin.it/fra/Cat_fra/34_Guillotines.pdf

(1a) Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/histoire-insolite-paris/une-guillotine-a-paris

[2] Nach Wikipedia waren es 69: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnisse_von_La_Roquette

[3](http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Vaillant)

[4] Zitiert in : http://fr.wikipedia.org/wiki/Émile_Henry_(anarchiste) 

[5] http://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Tourgueniev%20-%20L’Execution%20de%20Troppmann.htm

[6] http://www.welt.de/geschichte/article129139943/Letzte-oeffentliche-Hinrichtung-in-Frankreich.html

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69859512/frankreich-deutscher-serienmoerder-wurde-1939-enthauptet.html

[6aégime de Vichy : quand l’extrême droite était au pouvoir. In: Geo histoire vom 17.6.2024

[7] Siehe dazu Bericht 15: 140 Jahre Commune

[8] Z.B. auch von Victor Hugo in seinem Gedicht Pas  de représailles (In: L’Année terrible, 1871)

[9] http://www.histoire-image.org/pleincadre/index.php?i=71

[10] Zu Dalou s. den 33. Bericht über das Hotel Païva. Zum Père Lachaise vielleicht später einmal mehr.

[11] In der aktuellen großen  Monet-Ausstellung im Frankfurter Staedel-Museum werden entsprechende Fotos von Jules Andrieu und Franck gezeigt.

[12] http://www.sulpissy.info/spip.php?

[13] Ein freundlicher Leser des Berichts hat mich darauf hingewiesen, dass die Rauke sogar im Hessenpark im Taunus  angebaut und gezeigt wird. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola

(13a) Die Federzeichnung aus den 1830-er Jahren ist auch zu sehen in der Dauerausstellung der Architekturgeschichte von Paris im Pavillon d’Arsénal in Paris

[14] Anaïs Guérin, La Petite Roquette, la  double vie d’une prison Parisienne,  1836 – 1974. 2013

[14a] Vielen Dank, Ulrich Schläger, für diesen Hinweis!

[15] Vollständige französische Version und englische Übersetzung:  http://www.sptzr.net/Translations/prisoner.htm  Auf youtube gibt es eine eindrucksvolle (gekürzte) Chanson-Version von Marc Ogeret

Nachfolgendes Bild vom Eingang der Petite Roquette aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=6008082149278211&set=pb.100044544064752.-2207520000&locale=fr_FR

Einen Bericht über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten in der Grande Roquette gibt es übrigens auch von Jules  Valls in seinem Le Tableau de Paris, 1882/1883

[16] Siehe dazu den Blog-Beitrag über Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1) 

[17] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[18] Die Gestapo hatte in Paris ein  eigenes Gefängnis, das Cherche-midi im Boulevard Raspail, das  allerdings nicht der Internierung diente, sondern dem Verhör und damit natürlich auch der Folter.

[19] Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt haben 1982 im Spiegel (30.9.2002) ein sehr lesenswertes Interview mit Lenka Rainerowa  veröffentlicht.   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25327110.html

Hochwasser in Paris (2016 und 2018)

 

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Le  Monde, 4. Juni 2016

An vielen Orten in Frankreich, vor allem aber auch in Deutschland, hatte das Hochwasser katastrophale Ausmaße und Folgen. In Paris ist das- soweit man das bisher weiß- nicht so.

Natürlich führt das Hochwasser zu manchen Beeinträchtigungen:  Die Schiffsrundfahrten auf der Seine sind eingestellt, weil selbst die niedrigen bateaux mouches nicht mehr die Brücken passieren können.

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 Metro-Stationen und eine Linie der Vorort-Bahn RER sind gesperrt. Die  läuft in Paris parallel der Seine und das Gleisbett liegt mehrere Meter unter dem Hochwasser-Spiegel des Flusses. Zwar liegen zwischen Fluss  und Bahn mehrere Meter und eine dicke Wand, aber durch die rieselt und tröpfelt es überall. Auch wenn das Wasser ständig abgepumpt wird, ist das Risiko für einen Betrieb der Bahn offensichtlich zu groß. Das betrifft leider gerade die RER-Linie C nach Versailles. Da wurde also nichts aus den  grands eaux im Park von  Versailles, die Freunde aus Deutschland unbedingt sehen wollten. Dafür gab es eben die grands eaux in Paris.

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Und zusätzliche Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs gab es durch ein mouvement social, die Streikbewegung eines Teils der Gewerkschaften gegen die von der Regierung geplante Reform des loi de travail, des Arbeitsgesetzes.

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Natürlich stehen die Fußgängerzonen auf den Tiefkais der Seine  rive gauche unter Wasser, ebenso. die Voie Pompidou, die Autostraße auf der nördlichen Seine-Seite. Aber die ist am Wochenende sowieso  für den Autoverkehr gesperrt, und die Bürgermeisterin von Paris hat angekündigt,  dass  diese Sperrung generalisiert werden  soll.

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Dazu waren das Louvre und das Musée d’Orsay zeitweise geschlossen, weil dort die in den Kellern gelagerten  Bestände und zum Teil auch die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss  in Sicherheit gebracht werden mussten. Und dann gibt es auch ganz unerwartete Probleme, selbst da, wo man sie am wenigsten  erwartet hätte: Die ja nun wirklich nicht vom Hochwasser bedrohten Türme von Notre Dame waren zeitweise nicht mehr zugänglich, weil die Sromversorgung nicht mehr funktionierte.

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Aber das alles ist zu verschmerzen. Zumal  das Hochwasser an der Seine  eine außerordentliche Touristen-Attraktion ist. So hoch wie jetzt stand das Wasser der Seine seit 1982 nicht mehr.

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Auf den Brücken an an den Rändern der Seine drängeln sich die Zuschauer und Fotografen. Interessante Motive gibt es ja mehr als genug.

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Ein geradezu obligatorisches Hochwasser-Fotomotiv ist die Statue des Soldaten am Pont de l’Alma, der jede Menge von Schaulustigen anzieht.

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Es handelt sich um ein „Überbleibsel“ der ersten Alma-Brücke, die Mitte  des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Diese Brücke hatte zwei Pfeiler, die mit insgesamt vier Statuen verziert waren. Sie repräsentierten vier Regimenter der französischen Armee, die 1854 am Krim-Krieg teilnahmen: Ein Artillerist, ein Zuave,  ein Jäger und ein Grenadier. Als die Brücke in den 1970-er Jahren durch eine neue ersetzt wurde,  blieb nur das Standbild des Zuaven am alten  Platz.

Zuaven  waren eingeborene Söldner,  die von den Franzosen ab 1830 angeworben wurden, um an der Eroberung Algeriens teilzunehmen. Im Krim-Krieg wurden auch Zuaven-Verbände eingesetzt, die sich in mehreren Kämpfen, so auch in der Schlacht an der Alma, auszeichneten. Insofern  ist zu erklären, dass die Zuaven-Statue ihren Platz an der Alma-Brücke behalten hat. Inzwischen ist sie nicht nur ein prominenter Hochwasserindikator, sondern ist sogar Teil der französischen Kultur: In Chansons, Romanen und in den Abenteuern von Tim und Struppi hat er der Zuave seinen Platz.  (1)

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Das Bild wurde am 5. Juni  2016  nachmittags aufgenommen- das war das Hochwasser schon deutlich zurückgegangen und dem Zuaven stand das Wasser nicht mehr „bis zum Hals“, aber immerhin noch bis über die Knie – und das heißt, dass die berges de la Seine, die Tiefkais, nicht mehr zugänglich sind. (Im Hintergrund kann man übrigens bei genauem Hinsehn die goldene Kuppel der gerade im Bau  befindlichen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly erkennen.)

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Anfang Februar 2018 erhielt der Zuave anlässlich eines erneute Seine-Hochwassers eine Rettungsweste, um auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das Wasser stand da ähnlich hoch wie schon 2016. (2)

Zum Vergleich: Bei  normalem Wasserstand hat der Zuave trockene Füße….

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Und so  präsentiert er sich den Bootsfahrern:

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Bis über den Hals steht dem braven Zuaven Hollande allerdings das Wasser der Steikbewegung in Frankreich – und das auch noch eine Woche vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaften:

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Karikatur von Plantu in der Ausgabe von Le Monde vom 7.6.2016

Aber es gibt auch Möglichkeiten,  dem Hochwasser  positive Seiten abzugewinnen:

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Opfer gab es -soweit man bisher weiß- in Paris nicht. Aber es ist -nach Überzeugung der Umweltministerin Ségolène Royal- nicht ausgeschlossen, dass man noch Opfer entdecken wird. Immerhin gibt es sehr viele Obdachlose (SDF) und Flüchtlinge, die auf den  Seinekais ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Verschlägen hausen. Da ist es gut möglich, dass einige von der schnell ansteigenden Flut überrascht wurden – zumal das Ausmaß des Hochwassers und seine Dynamik von den Experten eher unterschätzt wurden.

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Aber größere Schäden  blieben bei dieser Flut (toi,toi,toi!) aus. Und bei 6,10 Metern Höchststand des Wassers kann man zwar ein außergewöhnliches Naturschauspiel erleben, ohne aber selbst nasse Füße zu bekommen. 1955 stand das Wasser der Seine noch einen Meter höher, 1910 bei dem „Jahrhunderthochwasser“ sogar zweieinhalb Meter höher. Da erreichte es genau 8,62 Meter, so dass große Teile von Paris unter Wasser standen und natürlich auch ein großer Teil der Metro-Schächte. An der  Markierung auf der Ile St. Louis kann man sich eine Vorstellung  vom Ausmaß der damaligen Katastrophe machen. Jetzt konnte ich an dieser Stelle aus sicherer Höhe den Strudel auf dem überschwemmten Kai fotografieren…

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Aber auch an vielen anderen Stellen der Stadt erinnern noch Markierungen an die „Jahrhundertflut“ von 1919.

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             Hochwassermarkierung an einem Hauseingang in der rue de Bellechasse, 7. Arrondissement

Eine sehr anschauliche Übersicht über die Hochwasserstände der Seine findet sich übrigens am Porte de plaisance de l’Arsenal, kurz bevor es über die Schleuse zur Seine geht.

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Die Markierung ganz oben bezeichnet das Jahrhunderthochwasser von 1910. Für die Hochwasser von 2016 und 2018 gibt es noch keine Markierungen – sie würden sich ziemlich weit unten befinden- zwischen den beiden unteren Markierungen…  Also gerade im historischen Vergleich kein dramatisches Ereignis. Umso besser.

Außergewöhnlich war allerdings, wie lange es 2018 gedauert hat, bis nach dem Höhepunkt des Pegelstandes Ende Januar  wieder ein Normalzustand hergestellt war. Wochenlang waren die beiden Tiefkais der Seine gesperrt und an Seine-Rundfahrten war nicht zu denken. Also vielleicht tatsächlich ein bedenklicher Vorbote dessen, was Paris bei dem weiteren Klimawandel erwartet.

Die nachfolgenden Fotos wurden Ende Februar 2018 aufgenommen. Auf den berges de la Seine, wo  jetzt immer noch das Wasser steht, kann man sonst laufen, Rad fahren oder  sich in die Sonne legen….

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Die Möwen haben es allerdings gut bei dem Hochwasser und die Kormorane offsichtlich auch: Sonst haben wir die im Stadtgebiet von Paris noch nie gesehen. Aber in den seichten Überschwemmungszonen ist ihre Jagd besonders vielversprechend.

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Zufrieden  sind auch die Angler. Auch sie haben es auf die Fische in den Überschwemmungszogen abgesehen. Allerdings sind sie gegenüber den Kormoranen im Nachteil, denn bei dem kalten Wetter beißen die Fische eher selten an. Den  alten Herrn störte das allerdings nicht.  Er verbringe  hier einen schönen ruhigen Nachmittag und da sei er zufrieden, auch wenn er keinen Fisch zum Abendessen mitbringe…

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Und dann gibt es auch, wenn das Hochwasser wieder etwas zurückgegangen ist, ruhige Plätzchen an der Seine, wie hier in der Nähe des Pont Neuf….

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Anmerkungen

(1) Zur Bedeutung und Geschichte des Zuaven:

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/06/03/01016-20160603ARTFIG00112-qui-est-vraiment-le-zouave-du-pont-de-l-alma.php

Dieser Artikel des Figaro wurde im Januar 2018 anlässlich des erneuten Seine-Hochwassers  noch einmal in aktualisierter Form ins Netz gestellt

(2)  http://www.lemonde.fr/climat/article/2018/01/25/inondations-pas-de-repit-la-seine-de-plus-en-plus-haute-a-paris_5246640_1652612.html

http://www.liberation.fr/depeches/2018/02/04/rechauffement-climatique-un-gilet-de-sauvetage-pour-le-zouave-de-la-seine_1627311

 

La Goutte d’Or oder Klein-Afrika in Paris

Paris ist eine Stadt, die schon immer Zuwanderer angezogen hat: Es waren  Franzosen vom Land, die wegen der Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten  in die Stadt kamen- so wie die Auvergnats, die sich in der Nähe der Bastille niedergelassen haben und die mit ihren Kneipen und Tanzsälen in der Rue de Lappe das kulturelle Leben von Paris bereicherten; es waren Einwanderer aus Europa, wie die deutschen Handwerker, die im 18. Jahrhundert in den Tischlerwerkstätten des Faubourg Saint- Antoine gearbeitet haben, so dass damals in dem Viertel ebenso deutsch wie französisch gesprochen wurde,  und es sind Menschen aus anderen Kontinenten, vor allem aus den ehemaligen  Kolonien Frankreichs, die in Paris das Bild bestimmter Stadtviertel prägen: Chinesen und Vietnamesen das 13. Arrondissement und Belleville, Inder/Tamilen das Viertel von La Chapelle und die Afrikaner das Viertel von Goutte d’Or im 18. Arrondissement.

Eine im Stadtbild besonders auffällige Gruppe von Einwanderern sind natürlich Nordafrikaner und vor allem Schwarzafrikaner, weil es sich um eine „immigration visible“ handelt, also eine Gruppe von Menschen, deren Status als Einwanderer schon an der Hautfarbe erkennbar ist.  Wie sichtbar und auffällig diese Einwanderergruppe  ist, hängt allerdings von den Erfahrungen und Sehgewohnheiten ab, vor allem aber auch von dem Stadtviertel, in dem man sich befindet. Im noblen 16. Arrondissement im Pariser Westen wird man kaum auf einen Menschen mit schwarzafrikanischem „Migrationshintergrund“ stoßen; in unserem gemischten Stadtteil –dem Faubourg Saint Antoine- kann man Menschen mit schwarzer Hautfarbe  in kleineren Seitenstraßen treffen, die wir aber nur selten betreten, vor allem dann, wenn wir dort mal für kurze Zeit unser Auto abstellen. Aber man trifft sie auch gegenüber im Jardin Titon, wo die meist schwarzen Tagesmütter zusammen schwatzen, während die weißen Kinder im Kinderwagen dösen oder sich auf dem Spielplatz amüsieren.

Ganz anders ist es in dem Stadtviertel Goutte d’Or bzw. Château Rouge im nordöstlich gelegenen 18. Arrondissement.

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Hier ist man  -nach einer kurzen Fahrt mit der Métro- sozusagen mitten in Afrika. Steigt man an der Métro-Station Château-Rouge aus und geht in die Rue Poulet oder Rue Dejean hinein, kann man sich bisweilen vorkommen wie wir vor vielen Jahren in Tanzania, als wir fast die einzigen „wasungus“, (Weiße) weit und breit waren. Im November 2013 besuchte ich zum ersten Mal das Viertel mit zwei aus Mali stammenden Franzosen, die in dem Viertel wohnen. Als ich am Ausgang der Métro auf sie wartete, betrachtete ich mit einigem Erstaunen die Menschen, die die Treppe passierten. Wäre nicht im Hintergrund der „Fournil de Paris“ gewesen, konnte man sich durchaus fühlen wie in einer afrikanischen Großstadt. Einige Zeit zählte ich – bis 200- die hinauf- oder heruntergehenden Menschen:  Es waren darunter gerade einmal 24, die keine schwarze Hautfarbe hatten- und unter diesen 24 waren sicherlich auch noch mehrere Maghrebiens, also Nordafrikaner. In der Tat: Klein-Afrika in Paris.

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Nach Auffassung unserer ortskundigen Begleiter, die ich darauf ansprach, gibt es geradezu eine unsichtbare Mauer, die ihrer Meinung nach das petit Mali, wie sie es nannten,  umgibt- sogar mit (wenn auch unsichtbaren) checkpoints wie hier an der Métro Château Rouge: Es seien  fast nur Afrikaner, die von dort aus ins afrikanische Viertel gingen – in eine für  andere Pariser und erst recht für Auswärtige fremde und eher Unsicherheit, ja Ängste erzeugende Welt.

Dass man hier in einer anderen Welt ist, wird auch deutlich, wenn man am Ausgang der Métro einen kleinen Werbezettel in die Hand gedrückt bekommt, wie man ihn auch oft unter den Scheibenwischern der Autos befestigt findet – natürlich vor allem in „Klein-Afrika“, aber auch in Belleville oder in unserem Faubourg St. Antoine. Da bietet der „Maitre Charles“, „le plus grand Marabout de Paris“ seine Dienste an: Kein Fall sei hoffnungslos. „Ich habe immer eine Lösung“.  „J’ai toujours une solution“. Professeur Ali,  ein „grand voyant medium compétant“  garantiert den Erfolg seiner „travaux occultes“,  Monsieur Momo sogar innerhalb von 72 Stunden. Bezahlung jeweils nur nach Ergebnis, und bei Maître Yamba ist die erste consultation  kostenlos.

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Besonders beeindruckend fand ich die Selbstdarstellung von Monsieur Ba, dem „grand voyant medium guerrisseur“, der mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung und einer über Generationen „de père en fils“ reichenden Tradition 100% Erfolg in allen Bereichen garantiert. Aufgrund seiner Wundertaten sei sein Name in der ganzen Welt bekannt. [1] Ob es sich um politische, wirtschaftliche, sportliche, juristische oder gesundheitliche Probleme handele: Er könne sie alle lösen; und natürlich auch die sofortige Rückkehr einer geliebten Person bewirken und die Wiederkehr einer verlorenen Zuneigung: „Ihr Partner wird vor Ihren Füßen liegen.“  Noch eindrucksvoller  beschreibt der „professeur Moro“ auf einem ebenfalls verteilten Waschzettel seine Erfolge: Er kümmere sich darum, wenn ein Partner mit einem anderen durchgegangen sei. Mit seiner Hilfe werde er wiederkommen. „Er wird hinter Ihnen herlaufen wie ein Hund hinter seinem Herrn.“ Wenn das nichts ist!

Die unsichtbare, aber deutliche Abgrenzung des petite Afrique hat sicherlich ganz vielfältige Ursachen. Natürlich gibt es in dem Viertel Kriminalität –bei dem Spaziergang mit den Ortskundigen  haben wir eine kleine Verfolgungsjagd der dort demonstrativ postierten Polizisten miterlebt, die offenbar hinter einem Dieb oder Schwarzhändler her waren.  Denn die vor allem gibt es um die Métro-Station Château-Rouge herum, obwohl diese Konkurrenz von den „offiziellen“ Händlern des Viertels angeprangert wird und obwohl die dort aufgefahrene Polizei sie immer wieder verjagt. Seit September 2012 ist das „petite Afrique“ sogar „Zone de sécurité prioritaire“ (ZSP), also eine von der Polizei besonders intensiv beobachtete und kontrollierte Sicherheitszone.[2] Die Einrichtung solcher Zonen hat dann im Allgemeinen die Konsequenz, dass die Kriminalität dort zurückgeht und sich eher in andere weniger überwachte Bereiche verlagert.  Man muss also in klein-Afrika nicht um seine Wertgegenstände fürchten, wenn man sich entsprechend vorsieht, wozu es in einer Großstadt in Paris ja generell Anlass gibt. Immerhin wird man in der Métro ausdrücklich in vielen Sprachen zur Vorsicht aufgefordert und die großen Pariser Museen sind geradezu ein Eldorado für bandenmäßig organisierte jugendliche Taschendiebe. Im Vergleich dazu ist das Goutte d’Or vermutlich ein relativ sicherer Ort.  Aber der Ruf des Viertels ist offenbar miserabel, woran vor allem rechte Politiker einen wesentlichen Anteil haben[3]: Da gibt es die berüchtigte „bruit et odeur“-Rede Jaques Chiracs aus dem Jahr 1991: Chirac war damals Bürgermeister von Paris und Vorsitzender der RPR, der Vorgängerpartei der heutigen UMP.  Nach einem Rundgang durch das Viertel stellte er in einer Rede vor Anhängern ein hart arbeitendes französisches Arbeiterpaar einer aus Afrika eingewanderten Familie gegenüber, bestehend aus einem Familienvater, drei oder vier Frauen und etwa zwei Dutzend Kindern. Der Mann arbeite « natürlich » nicht, die Familie erhalte aber ein Mehrfaches des Verdienstes der französischen Arbeiterfamilie an Sozialleistungen. Und dazu komme dann noch der Lärm und Geruch –bzw eher: Gestank, was den braven französischen Mitbürger zur Weißglut bringe, und das sei nur allzu verständlich.[4]

Und natürlich setzte die extreme Rechte noch einen drauf  mit ihrer Kampagne gegen  Gebete von Moslems im öffentlichen Raum. Marine Le Pen, inzwischen Vorsitzende des rechtsradikalen Front National, prangerte in einer Rede im Dezember 2010 an,  ganze Straßenzüge und Stadtviertel würden regelmäßig von betenden Moslems in Beschlag genommen. Hier herrsche nicht mehr das Recht des Staates, sondern das islamische Recht.  Das sei eine occupation, eine Besatzung. Und dies unangeachtet dessen, dass es keine Panzer und Soldaten gäbe :  « Es ist gleichwohl eine Besatzung » [5] Le Pen sprach zwar  allgemein von «occupation », aber dieser Begriff ist natürlich vor allem bezogen auf die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, mit der damit das öffentliche Gebet von Moslems auf eine Stufe gestellt wurde. Und  deren Bekämpfung wurde so implizit zu einem notwendigen und ehrenhaften Akt der Résistance erklärt. Dass Le Pen später ergänzte, mit dem Begriff « occupation » könne auch die der Engländer im 100-jährigen Krieg gemeint sein, verschärfte die Hetze nur noch : Denn damit stellte Le Pen sich in eine Reihe mit Jeanne d’Arc, der Nationalheiligen, die jedes Jahr am 1. Mai an ihrem Denkmal auf der Place des Pyramides in Paris vom Front National gefeiert wird.

Wenn Marine le Pen die öffentlichen Gebete von Moslems anprangerte,  dann war damit –was Paris betrifft- vor allem die rue Myrha im Goutte d’Or angesprochen.

In der Tat wurde seinerzeit dort Freitag mittags die Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt und gebetet. Das wurde von den Rechten als Provokation und Angriff auf das geheiligte französische Prinzip der laïcité, der strikten Trennung von Kirche und Staat, angesehen. In Wirklichkeit aber war es Ausdruck einer Notsituation, weil die beiden kleinen Moscheen des Viertels dem Andrang der vielen Gläubigen nicht gewachsen waren. Eine dieser Moscheen war die Khaled Ibn al Walid- Moschee in der Rue Myrha, so dass mit Zustimmung des zuständigen sozialistischen Bürgermeisters des 18. Arrondissements am Freitag die Straße vor der Moschee für den Gottesdienst genutzt werden durfte.

Um dem ein Ende zu machen, wurde den Moslems von dem damaligen rechten Innenminister Guéant eine stillgelegte Feuerwehr-Kaserne als Gebetsraum  zur Verfügung gestellt und die Nutzung der Straße verboten. Aber dies ist natürlich auch keine befriedigende Lösung. Um die bemühten sich  während vieler Jahre der Pariser Bürgermeister Delanoë und der Rektor der großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur.

Am 28. November 2013 wurde dann endlich in der Rue Stephanson im Goutte d’Or- Viertel das Institut des Cultures d’Islam (ICI)  eingeweiht.

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Dieses von der Stadt Paris getragene Institut soll eine kulturelle Brücke zur Welt des Islams sein- « un lieu dédié à la création et la diffusion des cultures contemporaines en lien avec le monde muselman » (Prospekt zur Eröffnung des Zentrums). Beispielsweise gab es 2015 eine sehr eindrucksvolle Ausstellung von Künstlern des Nahen Ostens, in denen das Nebeneinander von Krieg und Frieden zum Thema gemacht wurde:

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Neben Kunstausstellungen gibt es auch  Musik,  Filme, Sprach- und Malkurse, Führungen durch das Viertel und – nicht zuletzt : einen großzügigen Gebetsraum, der das ganze 1. Stockwerk einnimmt.  In der Tat handelt es sich hier um eine –für das laizistische Frankreich- gewagte Verbindung von Gebet und Kunst, wie Le Monde am 29.11.2013 schrieb. Und dass die überregionale Zeitung Le Monde, die immerhin über keinen Pariser Lokalteil verfügt, der Eröffnung des ICI einen großen Artikel widmete, zeigt, welche Bedeutung und Problematik dieses Ereignis hatte und hat, und zwar nicht nur in Bezug auf die fremdenfeindliche Propaganda des Front National. Auch auf der Linken, also der aktuellen politischen Mehrheit in Frankreich, stehen sich ja zwei grundlegend verschiedene Positionen gegenüber, was den Umgang mit Einwanderern angeht : Auf der einen Seite die Vertreter einer Anerkennung ethnischer, kultureller und religiöser Minderheiten, also gewisssermaßen die multikulturelle Fraktion,  auf der anderen Seite die Vertreter einer « unteilbaren Republik », deren Sorge die Entwicklung eines « comminutarisme » ist, also der Herausbildung abgeschotteter gesellschaftlicher Räume.

Der Umgang des Staates mit den Muslimen ist insofern ein besonders sensibler Gegenstand.  Denn natürlich dürfen nach dem Gesetz von 1905, der Grundlage des französischen Laizismus, weder Staat –noch entsprechend auch die Stadt Paris- Glaubensgemeinschaften subventionieren. Aber andererseits müssen Staat und Stadt auch daran interessiert sein, dass den gläubigen Moslems angemessene Gebetsräume zur Verfügung stehen, um die vom Front National angeprangerten öffentlichen Gebete zu vermeiden. Und Staat und Stadt  müssen natürlich auch daran interessiert sein, dass in den Moscheen keine islamistischen Fanatiker das Wort haben. Und so hat man im ICI eine in vieler Hinsicht vorbildliche Lösung gefunden : Der dortige Gebetsraum wurde vom ICI an eine Gesellschaft verkauft, die auch für die Große Moschee von Paris (GMP) verantwortlich ist. Und die GMP verfügt nicht nur –aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Algerien- über die erforderlichen Geldmittel, sondern sie steht auch für einen toleranten, weltoffenen Islam, der sich ohne Probleme in das republikanische Selbstverständnis Frankreichs einfügt.

Zur Geschichte von Goutte d’Or

Dass das Viertel von Château Rouge und Goutte d’Or heute das klein- Afrika in Paris genannt werden kann, ist ein Ergebnis der Migration seit dem 2. Weltkrieg. Noch zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde hier –wie ja auch im benachbarten Monmartre-  Wein angebaut, der im Mittelalter einen hervorragenden Ruf hatte und sogar an der königlichen Tafel serviert worden sein soll. Unter der Herrschaft Ludwigs des Heiligen, also im 13. Jahrhundert, wurden von einer Jury die besten Weine ausgezeichnet: Den ersten Preis erhielten die Weine aus Zypern, den zweiten die aus Malaga und  den dritten zu gleichen Teile der Malvasier, der Wein aus Alicante und der aus diesem Viertel, das davon ja auch noch seinen schönen Namen erhalten hat : goutte d’Or, Goldtropfen.  Ab den 1840er Jahren – es war die Zeit der Industrialisierung und des enrichissez-vous des frühkapitalistischen « Bürgerkönigs » Louis Philippe-  wurde im Goutte d’Or Industrie angesiedelt :  Beispielsweise die Maschinenfabrik des François Cavé, der dort die damals größte französische Dampfmaschine baute und auch das Dampfschiff « Courrier », das Calais und Dover mit der damals sensationellen Geschwindigkeit von 13 Knoten verband.[6] Und vor allem  wurden im Goutte d’Or der Frühindustrialisierung Eisenbahnen gebaut : Nach der in Le Creusot konstruierten « La Gironde » entstand als zweite französische Lokomotive hier « La Gauloise », ebenfalls bestimmt für die Strecke zwischen Paris und Versailles, dem französischen Pendant der deutschen Strecke zwischen Nürnberg und Fürth.  Und mit der Industrie kamen die Spekulanten und errichteten kleine Häuser und Hôtels mit billigen Zimmern, die an Migranten vermietet wurden, die in den Fabriken des Viertels arbeiteten : Menschen aus den ländlichen Gebieten Frankreichs, dann aus europäischen Nachbarländern wie Belgien oder Deutschland. Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man an einigen Stellen noch einige der zwei-bis drei-stöckigen Häuser aus dieser Zeit. Besonders schön erhalten ist noch die Villa Poissonnière zwischen der Rue Polonceau Nr. 41 und der Rue de la Goutte d’Or Nr.42, die allerdings nur mit viel Glück zugänglich ist, wenn man einen Bewohner des abgesperrten Arreals findet, der es einem gestattet, einen Blick in die Villa zu werden:

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Ein schmaler gepflasterter Weg mit kleinen, meist sympathisch verwilderten Vorgärtchen und schönen Häusern rechts und links, deren Fassaden eher nicht nahelegen, dass es sich hier um  Spekulationsobjekte aus den 1840-er Jahren handelt.

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Leider ist die Villa aber –wie ja auch viele der schönsten Höfe im Faubourg St.Antoine- inzwischen « bobo-isiert », also von der neuen Elite des Informationszeitalters und Künstlern bewohnt und nur mit einem Code zugänglich.  Aber vielleicht hat man ja das Glück und ein freundliches Mitglied der Eigentümergemeinschaft öffnet gerade eine Tür und gestattet dem neugieren Besucher einen Blick in dieses kleine und an dieser Stelle völlig unerwartete spezifische Bio- und Soziotop : Dazu passt tatsächlich der Titel von David Brooke’s einschlägigem Buch über die « Bobos in paradise ».

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 Dass das Goutte d’Or im 19. Jahrhundert aber insgesamt alles andere als paradiesisch war, zeigt in aller Deutlichkeit Emile Zolas Roman mit dem bezeichnenden Titel „l’Assommoir“ – auf deutsch: „Der Totschläger“, der in diesem Viertel spielende 7. Band der „Rougon-Macquart“- Romanreihe.[7] Im Vorwort zu diesem Roman schreibt  Zola:

 „Ich habe den verhängnisvollen Verfall einer Arbeiterfamilie in dem verpesteten Innern unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht und des Müßigganges steht eine Erschlaffung der Familienbande, ein Versinken im Schmutz, ein fortschreitendes Abnehmen jeder ehrenwerten Empfindung und schließlich als Lösung die Schande und der Tod.“

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen dann polnische und russischen Juden, die wegen der Pogrome ihre Heimat verlassen hatten, in das Viertel. Sie arbeiteten vor allem in Textilbetrieben : Eine Tradition, die inzwischen vor allem von Westafrikanern  -und zwar immer Männern!- weitergeführt wird.

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Sie fertigen die festlichen, farbenfrohen Kleider an, die besonders an Wochenenden von den aus Schwarzafrika stammenden Frauen getragen werden.

Die Stoffe allerdings kommen nur zum Teil (noch) aus Afrika, die billigen dagegen überwiegend aus China und die besonders kostbaren, die Bazins, aus … Österreich ! Die beliebten Batik-Stoffe (die Wax) sind übrigens auf dem Weg über Indonesien nach Afrika gekommen ! Dort haben nämlich die Niederländer Söldner angeworben für ihre Kolonie in Südostasien. Und diese Menschen fanden so viel Gefallen an den dort gebräuchlichen Batiken, dass sie sie nach Afrika mitbrachten, wo sie dann auch heimisch wurden, und dann natürlich auch nach klein-Afrika in Paris.

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Die ersten Afrikaner kamen  schon nach dem Ersten Weltkrieg. Aber eigentlich müsste man sagen : Sie blieben. Denn es waren demobilisierte Soldaten, die sogenannten « tirailleurs sénégalais »,  die für Frankreich gekämpft hatten und zum Teil –wie ja auch viele der  angeworbenen chinesischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken-  nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten.[9] Zum afrikanischen Viertel wurde das Goutte d’Or aber erst seit dem zweiten Weltkrieg, als zunächst  Algerier kamen, die sich vor allem im Süden des Viertels rund um das Kaufhaus Tati niederließen ; und dann in  den 1960-er Jahren, als die ehemaligen französischen Kolonien unabhängig wurden und junge Männer aus Mali, Sénégal, Mauretanien – später dann auch aus dem Congo, Kamerun und der Côte d’Ivoire- kamen und  in dem damals ziemlich heruntergekommenen Viertel noch erschwinglichen Wohnraum und landsmannschaftliche Vertrautheit und Solidarität fanden. Nach einigen Jahren kamen dann auch die Familien nach, so dass heute der Bezirk des Château Rouge das afrikanische Zentrum von Paris ist.

Ein Spaziergang durch das « petite Afrique » von Paris

Natürlich führen viele Wege durch das afrikanische Viertel von Paris. Man kann einfach hinein gehen und sich etwas treiben lassen, was durchaus lohnend ist. Aber vielleicht wird man auch dem nachfolgenden Vorschlag folgen. Ein guter Zeitpunkt für einen Spaziergang ist der Nachmittag, weil dann aufgrund des Marktes das Viertel besonders belebt ist. Und das gilt besonders für den Mittwoch und den Samstag, wenn auch der große nordafrikanische Markt unter der Hochbahn zwischen den Stationen Barbès Rochechouart und La Chapelle abgehalten wird.

Ein guter Ausgangspunkt für den Spaziergang ist die Métro-Station Château Rouge, wo es sich lohnt, ein wenig die Menschen zu beobachten, die dort hineingehen oder herauskommen. Zu Marktzeiten gibt es auf dem Platz davor meist auch „fliegende Händler“, wenn sie nicht gerade von der Polizei verjagt wurden.

Wenn man dann in die Rue Poulet hineingeht und weiter  in die rue Doudauville, stellt man schnell fest, dass  sich hier überwiegend kleinere Geschäfte angesiedelt haben, die sich an eine afrikanische Kundschaft wenden und im Allgemeinen auch noch von Afrikanern betrieben werden – allerdings sind auch hier die Chinesen auf dem Vormarsch: einige der etwas größeren Lebensmittelgeschäfte des Viertels gehören inzwischen Chinesen, die sich aber voll und ganz auf die Bedürfnisse der afrikanischen Kunden eingestellt haben.

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Die Kunden sind übrigens nicht nur die afrikanischen Bewohner des Viertels. Gerade an Wochenenden kommen offenbar aus ganz Paris, aber auch aus dem Umland und –wie uns gesagt wurde- sogar aus ganz Frankreich und Belgien  Menschen mit afrikanischer Herkunft hierher, um die gewohnten Produkte einzukaufen und gleichzeitig auch Freunde und Verwandte zu treffen. Und auch afrikanische Restaurants decken sich hier in den entsprechenden großen Mengen mit den aus Afrika importierten Produkten ein.

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In der Querstraße, der Rue Léon Nr. 35,  befindet sich auch das lavoir moderne parisien, eine ehemalige Wäscherei von 1870 wie die, in der Gervaise, die Heldin von  Zolas  „L’Assommoir“, ihre Wäsche wusch:

„Die Waschanstalt lag in der Mitte der Straße an einer Stelle, wo das Pflaster bergan zu gehen anfing. Über einem niedrigen Gebäude zeigten drei ungeheure Wasserbehälter von starkem Zink ihre grauen Rundungen, während dahinter in einem zweiten, sehr hohen Stockwerk sich der Trockenraum erhob, von allen Seiten durch Jalousien aus schmalen Holzplättchen geschlossen, zwischen denen die Luft freien Spielraum hatte, und durch deren Öffnungen man auf Messingdrähten trocknende Wäsche sah. Der enge Schlot der Maschine stieß mit regelmäßigem Ächzen den Dampf aus. Gervaise schritt durch die Eingangstür, ohne die Röcke hochzunehmen wie eine Frau, die es gewöhnt ist, durch Wasserlachen zu gehen. Der Zugang war durch große Bütten von Fleckwasser fast versperrt. Sie kannte die Besitzerin der Waschanstalt, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in einem Kabinett mit Glasscheiben saß; vor sich hatte sie Stücke Seife, auf den Regalen stand Waschblau und kohlensaure Soda in Paketen. Im Vorbeigehen forderte sie von ihr ihren Waschschlegel und ihre Bürste, die sie ihr bei der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Nachdem sie ihre Nummer genommen, trat sie in die Waschanstalt. Es war ein ungeheurer Schuppen mit niedriger Decke, deren sichtbares Gebälk auf gußeisernen Säulen ruhte; große helle Fenster erleuchteten den Raum. Das bleiche Tageslicht drang frei durch den heißen Dunst, der wie ein milchweißer Nebel in der Luft hing. Aus verschiedenen Ecken stiegen Dämpfe auf, die sich ausbreiteten und die Enden des Schuppens in bläuliche Schleier hüllten. Eine schwere, mit Seifendünsten geschwängerte Feuchtigkeit tropfte hernieder, die bald von stärkeren Strömen von Fleckwasserdämpfen verschlungen wurde. Längs der Vorrichtungen zum Schlagen der Wäsche, die an beiden Seiten des Mittelganges hinliefen, standen Reihen von Frauen, deren Arme bis zu den Schultern entblößt waren; die Hälse waren nackt, und die verkürzten Röcke ließen farbige Strümpfe und grobe Schnürschuhe sehen. Sie hieben kräftig auf die Wäsche ein, lachten und beugten sich vor, um sich in dem Lärm ein Wort zuzurufen; unmäßig beschmutzt, schlampig und durchnäßt wie von einem Sturzregen, Arme, Gesicht und Busen gerötet und dampfend, beugten sie sich auf den Grund ihrer Wäschezuber nieder. Um sie herum und unter ihnen flutete ein fortwährender Strom, die Eimer heißen Wassers, die herbeigebracht und auf einmal geleert wurden, die geöffneten Kaltwasserhähne, aus denen das Wasser herabfloß, der mit Seifenschaum vermischte Schmutz, der unter den Waschschlegeln hervorquoll, das Abtropfwasser der gespülten Wäsche, und endlich die Pfützen, in denen sie umherpatschten, das alles floß in kleinen Bächen über den abschüssigen steinernen Fußboden dahin. Inmitten all dieses Schreiens, der regelmäßig ertönenden Schläge, des murmelnden Regengeräusches und dieses Sturmgeheuls, das von der niedrigen feuchten Decke erstickt wurde, schien die in einen weißen Tau gehüllte Dampfmaschine zur Rechten, die ohne Unterlaß keuchte und stöhnte, mit dem tanzenden Beben ihres Schwungrades, den ungeheuren Lärm zu beherrschen.“ [10]

Seit 1953 ist das Lavoir  ein Theater, in dem aber noch etwas vom Ambiente des alten Waschhauses spürbar ist.[11]

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Aber es ist auch – wie beziehungsreich-  ein „Stützpunkt“ und „Trainingslager“ der feministischen Gruppe „Femen“, die im letzten Jahr in Paris durch eine „oben-ohne-Aktion“ in Notre Dame großes Aufsehen erregt hat. Und provokativ war auch eine Demonstration halbnackter Femen-Aktivistinnen gegen islamischen Fundamentalismus gerade in diesem Viertel.[12]

Geht  man die Rue Léon weiter, so kommt man  am ICI Léon vorbei, dem ursprünglichen Ort des Institut des Cultures d’Islam. Man kann dort im Innenhof einen Tee trinken und manchmal gibt es dort auch ein Wandgemälde zu bewundern – 2017/2018 beispielsweise anlässlich einer Ausstellung „von der Kalligraphie zur Street-Art“ die Arbeit eines marokkanischen Künstlers.

DSC02484 Street Art febr. 2018 (3) ICI

Danach geht es weiter zur  rue Myrha,  in die man links einbiegt: Hier befindet sich die schon erwähnte Moschee und ein kurioses Geflügelgeschäft, die Ferme Parisienne: Ein alteingesessenes Geschäft „de père en fils“ –  inzwischen aber fest in schwarzafrikanischer Hand. Zwar werden auch Eier verkauft, aber vor allem lebendes Geflügel – nach Aussagen eines Ortskundigen das einzige Geschäft dieser Art in Paris. Zu erklären sei das mit der Fortdauer traditioneller Religionen und Riten, zu denen auch das Opfern von Hühnern bzw. Hähnen gehören könne – deshalb vielleicht auch die vielen Hähne, die dort gehalten werden. In mancher Hinsicht kann man offenbar hier leben, als hätte man sein heimatliches Dorf nicht verlassen und dazu gehört auch das Fortleben einer „conception magique du monde.“[13]

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Manche der Hühner wandern vielleicht ja auch in die Kochtöpfe des benachbarten  senegalesischen Restaurants (Koyaka Kitchen, rue Myrha 38), das sehr empfehlenswert sein soll –  allerdings habe ich bisher nur das schöne Mosaik über dem Eingang bewundert. Da hat sich dann auch gleich der Street-Artist A 2 (Anarchie, Amour), der im Goutte d’Or an vielen Hauswänden seine Spuren hinterlassen hat. Er gehört nicht zu meinen Street-Art-Favoriten, weil sein Repertoire doch etwas eingeschränkt ist. Hier hat er sich aber doch mit der Gestaltung seiner typischen zwei „Zutaten“  A und Herz recht schön angepasst.

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DSC00390 Goutte d'Or Mai 2018 (3)Es lohnt sich übrigens, bei dem Rundgang manchmal auch einen Blick auf die meist sehr heruntergekommenen Fassaden zu werfen, die ab und zu durch Street-Art Künstler wie Mosko etwas Farbe erhalten, wie hier – ebenfalls in der rue Myrha.

Ein Zeichen für die Lebendigkeit des Viertels sind auch  zahlreiche brachliegende Grundstücke. Die werden zum Teil als provisorische Nachbarschaftsgärten genutzt, wie hier von einer „coopérative alimentaire„…

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oder sogar als Ausstellungfläche für Kunstprojekte. Die Ähnlichkeit mit den Kreationen des Italieners Penone, die im letzten Jahr den Park von Versailles schmückten, sind hier ganz auffällig. Dass der entwurzelte Baum im Goutte d‘Or nicht die Penone’sche Eleganz und Schwerelosigkeit aufweist, passt sehr gut in die ganz andere Umgebung: Wir sind eben nicht am Brunnen des Apollo im Schlosspark von Versailles, sondern auf einem Abrissgrundstück in einem Sanierungsgebiet im Pariser klein-Afrika. Vielleicht ist es ja sogar ein afrikanischer Baobab, der hier –auf den Kopf gestellt- eine vorübergehende Bleibe gefunden hat.

Institut Culture Islam Jan 14 016   images Penone Versailles

Inzwischen (April 2019) sieht es dort allerdings ganz anders aus: Es entsteht ein in jeder Hinsicht modernes Gebäude – der Gegensatz zu dem „alten“ Goutte d’Or könnte nicht größer sein.

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Vielleicht lässt sich die Fassade aber als Versuch interpretieren, den Bruch mit dem orientalischen Goutte d’Or nicht allzu brutal erscheinen zu lassen.

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Nun geht es weiter bis zur Rue Stephanson mit dem neuen ICI in der Nummer 56 und danach zur Kirche St. Bernard. Sie wurde nach der 1860 vorgenommenen Angliederung des Goutte d’Or an Paris gebaut, um dem sehr bescheidenen neuen Stadtteil ein monumentales Zentrum zu geben. Interessant ist bei der Kirche weniger die –allerdings durchaus beeindruckende-  neu-/spät-gotische Architektur, sondern die Rolle, die St.Bernard für das Viertel spielte und noch spielt.

Einige Berühmtheit erlangte sie 1996, als sie von über 200 „sans papiers“, also Einwanderern ohne offiziellen juristischen Status, besetzt wurde. Mit dieser Kirchenbesetzung und einem Hungerstreik wollten sie auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen: Teilweise lebten und leben diese sans papiers schon seit Jahren mit ihren Familien in Frankreich, haben dort auch Arbeit –vor allem als Bauarbeiter und im Bereich der  Zeitarbeit- und die Kinder gehen in die staatlichen Schulen, aber ihr Status öffnet der Ausbeutung Tür und Tor und sie sind immer von Ausweisung bedroht. In den letzten Jahren erhielten zwar jährlich –unter der Präsidentschaft Sarkozys und Hollandes- etwa 30 000 sans papiers pro Jahr einen offiziellen Status, aber unter dem Druck des Front National war der bisherige Innenminister  und jetzige Ministerpräsident Manuel Valls bemüht, den Rechtsradikalen durch eine ziemlich rigide Politik im Umgang mit den „Illegalen“ keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, wie sich gerade wieder kürzlich gezeigt hat, als Leonarda, ein junges „illegales“ Mädchen, von der Polizei während einer Klassenfahrt aus einem Schulbus geholt wurde, um mit ihrer Familie ausgewiesen zu werden. Das wurde von vielen –auch dem damaligen  Bildungsminister- als Angriff auf den geschützten Raum der republikanischen Schule angesehen und löste heftige Reaktionen aus, die Präsident Hollande zu einem partiellen und sehr umstrittenen Einlenken veranlassten.[14] Entsprechend war es auch 1996, als ein Großaufgebot der Polizei gewaltsam in die Kirche St. Bernard  eindrang und die Aktion der sans papiers mit massivem Einsatz beendete. Das konnte auch der Priester der Gemeinde, der père Coindé, nicht verhindern, der sich schützend vor die sans papiers in seiner Kirche stellte und sich mit ihrem Anliegen solidarisierte- ebenso wie übrigens auch die Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillon, die 2015 ins Pantheon aufgenommen wurde. [15] Aber bis heute ist die Kirche St. Bernard ein Zufluchtsort für Menschen in Not, ob das nun sans papiers oder SDFs, also Obdachlose, oder Flüchtlinge wie die von Lampedusa sind.  Und dies ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrem Glauben.[16]

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Am Rande des Markts zwischen La Chapelle und Barbès-Rochechouart verteilte übrigens bei einem meiner Spaziergänge durch das Viertel ein junger Mann eine  ziemlich umfangreiche Broschüre zum Thema „sans papiers“- Es werden darin sehr konkrete Informationen gegeben, wie man sich gegen drohende Ausweisungen organisieren und schützen kann und welche Maßnahmen im Fall einer Verhaftung möglich und aussichtsreich sind. Die Broschüre entstand 2009 und wurde 2012 auf den aktuellen Stand gebracht: Das Thema steht  nach wie vor auf der Tagesordnung- gerade in diesem Viertel der Stadt.

Wie sehr die Ereignisse von 1996 auf viele Franzosen traumatisierend gewirkt haben und wie sehr das Flüchtlingsthema gerade im Goutte d’Or auf bedrückende Weise aktuell ist, zeigte sich besonders wieder 2015. Zwischen den Métro-Stationen Barbès-Rochechouart und La  Chapelle hatte sich nämlich ein „jungle“, eine Zeltstadt von afrikanischen Flüchtlingen, angesiedelt.

Als wir im Frühjahr 2015 abends einmal mit Freunden aus Frankfurt dort entlanggegangen sind, waren wir ziemlich entsetzt über die Zustände. Eng gedrängt stand ein Zelt am anderen und außer einem Pissoir waren keinerlei sanitäre Einrichtungen zu sehen. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Mai 2015 wurde angekündigt, dass der „jungle de La Chapelle“ evakuiert werden soll, dass allerdings allen dort hausenden Flüchtlingen humanere Wohnmöglichkeiten angeboten werden  sollen.[17]

Bei der Räumung ging es dann aber wohl doch ziemlich „musclé“ zu, wie man das auf Französisch gerne nennt, und die versprochenen menschenwürdigen Alternativen standen dann offenbar doch nicht für alle bereit. Das hat dann Assoziationen an die Ereignisse von 1996 geweckt: „A gauche chacun se souvient de ce jour de juin 1996 où, à quelques rue de là, les forces de l’ordre avaient ouvert à l hache les porte de l’église Saint-Bernard dans laquelle s’étaient réfugiés des sans-papiers.“ (Le Monde 11.6.15)

Und die ehemalige grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot schrieb in einem offenen Brief an den  Präsidenten:

„Toute la gauche a en mémoire les tristes événements de 1996, quand la droite au pouvoir n’hésitait pas à pourchasser les migrants jusque dans les églises. Nous ne pensions pas alors que le désarroi et la colère qu’ils nous faisaient ressortir, nous les ressentirions un jour sous  un gouvernement de gauche.“ [18]

Anfang Juli 2015 bin ich dann zufällig auf eine  Demonstration der Flüchtlinge des „jungle“ von La Chapelle gestoßen – eine nachdrückliche Erinnerung daran, dass es hier um eine Herausforderung geht, der Europa ganz und gar nicht gewachsen ist – und für Frankreich, das Land der Menschenrechte, gilt dies leider in ganz besonderem Maße.

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Ergänzung 2017/2018: Ein besonderes aktuelles Problem sind übrigens die etwa 60 Flüchtlingskinder aus Marokko, die seit 2017 in den Straßen des Barbès vagabundieren. Le Monde hat ihnen in der Ausgabe vom 18. Mai 2018 aus aktuellem Anlass einen zweiseitigen Artikel gewidmet:  Diese Jugendlichen, oft zwischen 10 und 13 Jahre alt, sind Opfer und Täter zugleich: Opfer, weil sie, angesichts der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat und oft angelockt von prahlerischen Heilsversprechungen von in Europa reüssierten Landsleuten, meist unsägliche Leiden auf sich genommen haben, um ins gelobte Land zu kommen, dann aber erfahren müssen, dass dort keineswegs Milch und Honig fließen. Viele sind/werden dann drogenabhängig, verweigern sich allen Hilfsangeboten, die es in Paris seit 2017 immerhin gibt und -damit werden die Opfer dann zu Tätern- zeichnen sich durch ein sehr hohes Potential an Gewalt aus, die sie untereinander und -meist im Dienst krimineller Gruppierungen- gegenüber der Außenwelt ausüben- , :  Körperverletzungen, Diebstahl, Raub, Einbrüche. Le Monde zitiert eine Bewohnerin des Viertel, die sich davor fürchtet, den Gruppen dieser UMAs, wie sie  in Deutschland genannt werden (Unbegleitete Minderjährige Ausländer) zu begegnen und die deshalb die Rue de Jessaint, wo sie sich vor allem aufhalten, nach Möglichkeit meidet. Und der Staat, von Bürgermeisterin Hidalgo um Hilfe gerufen, hält  sich vornehm zurück…  (18a)

Das machen wir also vorsichtshalber auch und biegen in die Rue Polonceau ein. Dort sollte man auf der rechten Seite die Erinnerungstafel für Louise Michel beachten. Bei den beiden Spaziergängen, die ich mit afrikanischen Führern durch das Viertel machte, gingen wir zwar an diesem Haus vorbei, ohne dass aber auf diese Erinnerungstafel hingewiesen wurde. Dabei hat Louise Michel gerade in diesem Einwandererviertel eine besondere Würdigung verdient. Denn während ihrer Verbannung in die französische Kolonie Neu-Caledonien entdeckte sie die Kultur von deren Ureinwohnern, den Kanaks, lehrte sie die französische Sprache, trat –auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich- für ihre Rechte ein und warb –damals noch ganz außergewöhnlich-  für die Anerkennung ihrer Kultur.[19]

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An mehreren Stellen im Goutte d’Or gibt es übrigens jetzt kleine Tafeln mit dem Namen von Louise Michel und der Jahreszahl 2022 – deren Bedeutung mir allerdings nicht klar ist. Die Tafeln stammen von dem im Goutte d’Or sehr aktiven Street-Art-Künstler A 2 (Amour/Anarchie) und erweitern damit sein ansonsten ja eher begrenztes künstlerisches Repertoire.

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Gleich nebenan gibt es eine afrikanische Apotheke mit vielen Naturprodukten gegen alle möglichen Krankheiten, aber auch Naturkosmetik und  Amulette zum Schutz gegen böse Blicke oder andere Widrigkeiten des Lebens und der Welt.

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Da kann man durchaus auch mal hineingehen – die „Apotheker“ sind freundliche Menschen und  vielleicht  erläutern sie dem interessierten Besucher etwas die Herkunft und Wirkungsweise ihrer Produkte.

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Auf der linken Seite der Rue Polonceau sollte man dann –durch das vergitterte Eingangstor- wenigstens einen Blick in die Villa Polonceau werfen und – dafür braucht man keinen Code-  in die rue Erckmann-Chatrian reingehen. Bevor sie auf die rue Richomme trifft, kann man auf der linken Seite das schöne Multi-Kulti-Wandbild von Thoma Vouille bewundern, das wunderbar in dieses Viertel passt: Die gelben Matous freuen sich mit Recht darüber, wie Marianne die Immigranten aller Hautfarben an ihren Busen drückt.

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Übrigens findet man den Monsieur Chat –so der offizielle Name des gelben Katers- auch noch sonst öfters im Viertel, zum Beispiel an der Ecke der rue Doudeauville und der rue Léon mit der Hand der Fatima als Glücksbringer für das Viertel….

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… oder am Künstlerhaus in der Rue Cavé: Da ist er sogar wie meistens mit seinen Flügeln zu bewundern.

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Für Street-Art-Freunde ist das Goutte d’Or überhaupt ein Eldorado. Auch in dieser Hinsicht gilt hier das Motto: „Open your eyes“. (19a)

Am Künstlerhaus gibt es auch ein Gruppenbild mit multikulturellen Charakterköpfen des Viertels.

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An der Ecke der Rue Polonceau und der Rue des Poissonniers befand sich lange die Ruine der zweiten Moschee dieses Viertels. Hier war eine weitere Dependence des ICI – auch wieder mit einem Gebetsraum-  geplant, die speziell dem schwarzafrikanischen Islam gewidmet sein sollte. Die Einweihung war für 2015 geplant und auch schon groß angekündigt. Aber inzwischen sind die Pläne ad acta  gelegt, Offenbar waren die Kosten für die Stadt zu groß und die Kommune wollte sich wohl auch nicht noch einmal dem Vorwurf aussetzen, mittels eines Kulturzentrum indirekt einen muslimischen Gebetsraum mitzufinanzieren.[20]

Inzwischen gibt es auf dem ehemaligen Baugelände ein paar Tische und Stühle und Spielgelegenheiten für Kinder – alles sehr ärmlich und wenig einladend.

Vor dem ursprünglichen  Bauplatz der neuen Moschee steht (bzw. stand zumindest bei meinen Besuchen im Viertel immer) ein Stuhl mit einem Gefäß von Kola-Nüssen, an dem man nicht vorbeigehen sollte, ohne eine davon – gegen eine kleine Spende- zu nehmen und zu probieren. Die Kola-Nuss spielt in der traditionellen Kultur Westafrikas eine große Rolle : Nicht nur wegen der zahlreichen gesundheitlichen Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden u.a. als Antidepressivum und AphrodisiacumDarüber hinaus hat sie aber auch eine symbolische Bedeutung : Sie wird oft bei feierlichen Anlässen gegessen, z.B. besiegelt sie die Verständigung oder Versöhnung zwischen zwei Parteien. Aber sie ist auch Ausdruck des Willkommens für Gäste und für die Freundschaft.[21] Was für ein schöner Empfang im petite Afrique von Paris !

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Und manchmal trifft man dort auch einen Afrikaner mit einem nach Tuareg-Art um den Kopf geschlungenen Schal und einem mannshohen Stab: Eine in dem Viertel präsente und respektierte Autoritätsperson, die  Konflikte schlichtet und den Zusammenhalt der Einwohner sichert.

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Am, Anfang der Rue des Poissoniers sieht man übrigens auch ein Mosaik des Invaders- die grüne Farbe darf man wohl als Bezug zur islamischen Prägung des Viertels verstehen.

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Der Name der Rue des Poissonniers  erinnert übrigens daran, dass  früher die Wagen aus Calais, die Paris mit frischem Fisch versorgt haben, hier auf ihrem Weg zu den großen Markthallen im Zentrum der Stadt hindurch gefahren sind. Aber das ist- wie vieles in diesem Viertel- nur noch eine Reminiszenz.

Auf dem Weg durch die Rue des Poissoniers  sollte man unbedingt einen Blick in das schöne, aufwändig verzierte ehemalige Kino des Viertels werfen, das « Barbès palace » dessen Decor dem früheren Namen alle Ehre macht. Inzwischen dient es als Verkaufshalle für billige Schuhe.

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Ein besonderes Erlebnis ist dann der afrikanische Straßenmarkt in der Rue Dejean, vor allem nachmittags und an Wochenenden, wenn er besonders belebt ist. Da sollte man sich etwas Zeit nehmen, sich das Treiben in Ruhe anzusehen und vielleicht etwas Obst oder Fisch zu kaufen, der hier sehr frisch und gut sein soll. Es müssen ja nicht unbedingt die ausgestellten Kalbsköpfe oder Schweinefüße sein.

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Eine große Rolle in der afrikanischen Küche spielt offenbar  Maniok, den man in den kleinen Lebensmittelläden oder auf dem Markt kaufen kann;

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auch als eine Art Paste schon (zum Teil?) zubereitet und in Palmblätter eingewickelt. Wie man daraus allerdings ein schmackhaftes Gericht machen kann, habe ich nicht genau verstanden. Mein Versuch, die weiße Maniokmasse aus den Palmblättern in Butter leicht anzubraten, war jedenfalls nicht allzu überzeugend.

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Wenig überzeugend sind auch manche Waren, die von fliegenden Händlerinnen am Straßenrand angeboten werden, zum Beispiel diese geräucherten Fische- natürlich aus Afrika, wie mir die Verkäuferin versicherte.

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Jetzt ist man auch direkt wieder bei der Métro Château Rouge. Wenn man aber noch gerne etwas im petite Afrique bleiben will, kann man die Rue des Poissoniers ein Stück weiter bis zur Rue Labat gehen. Dort gibt es in Nr. 3 das afrikanische Restaurant Taif, das ein Einheimischer empfohlen hat. Die Namen der auf der Speisekarte aufgeführten Gerichte sind mir allerdings völlig unverständlich. Also auf gut Glück versuchen oder fragen. Wenn man danach wieder den Boulevard Barbès hinunter geht bis zur Métro Château Rouge oder einen kurzen Abstecher auf die andere Seite des Boulevards in die Fortsetzung der Rue Dejean, wird man eine Vielzahl von Perücken- und Manikürläden finden.

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Die Perückenläden gehören meistens Indern bzw. Pakistani – deshalb auch die Werbung für Perücken mit echtem indischen Haar. Und die Manikürlädchen, in denen Afrikanerinnen sich für das Wochenende schick machen lassen, werden im Allgemeinen von Chinesen betrieben, zumindest sind die dort arbeitenden Maniküristinnen –so heißen sie wohl- fast immer Chinesinnen – bzw. selten auch einmal ein junger Mann.  Es ist interessant, ihnen  durch die Schaufenster etwas bei der Arbeit zuzusehen, was offenbar akzeptiert wird. Beim Fotografieren hatte ich dann aber doch etwas Bedenken, zumal vor den Türen meistens die männlichen Begleiter der schwarzafrikanischen Kundinnen herumstehen und warten, bis sie ihre herausgeputzten Damen wieder in Empfang nehmen können.

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Ein Zeitungsartikel in Le Monde vom 23./24. März 2014 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Manikürläden: Anlass des Berichts ist ein bisher einzigartiger Streik von 5  chinesischen Maniküristinnen, dem sich auch zwei schwarzafrikanische Frisösinnen anschlossen. Beschäftigt waren sie in dem Schönheitssalon  eines Schwarzafrikaners aus der Elfenbeinküste, der seine „Angestellten“ „schwarz“ arbeiten ließ, was diese akzeptierten: Sie waren nämlich als Touristinnen eingereist, hatten also keine Arbeitserlaubnis, und die Alternative wäre entweder die Arbeit in illegalen chinesischen Textilbetrieben gewesen oder die Prostitution als „marcheuse“ im chinesischen Viertel von Belleville. Als nun aber der Chef des Betriebs abrupt die Bezahlung einstellte, begannen die fünf Chinesinnen –zum völligen Unverständnis vieler ihrer Landsleute („C’est comme ça que ça marche“)- einen Streik, der von der einflussreichen Gewerkschaft CGT unterstützt wird. Die hatte sich ja schon öfters für Arbeitskräfte „sans papiers“ engagiert.  Dabei geht es vor allem –der Chef ist inzwischen spurlos verschwunden- um eine Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis. Da die Maniküristinnen einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und auf keine öffentliche Unterstützung angewiesen sind, wäre das im Prinzip auch erreichbar: Nur hatten sie als Illegale nie eine Verdienstbescheinigung bekommen…. Jetzt hoffen sie aber,  mit Unterstützung der CGT eine Regularisierung ihres Status zu erreichen. Der betreffende Schönheitssalon liegt zwar im Boulevard Strasbourg, also nicht im Goutte d’Or, aber die Gewerkschaft geht davon aus, dass die dortigen  Zustände kein Einzelfall sind und hofft, dass das Beispiel, sich gegen ausbeuterische Verhältnisse zu wehren, Schule machen werde.  Man muss jedenfalls davon ausgehen, dass die von außen so bunt und exotisch erscheinende Welt von Klein-Afrika auch ihre sehr dunklen Seiten hat.[22]

Eine Möglichkeit, den Rundgang noch etwas zu erweitern, besteht darin, den Boulevard Barbès bis zur Métro Barbès Rochechouart weiterzugehen: mittwochs und samstags ist dort –unter der Hochbahn- ein vielbesuchter Wochenmarkt und ein Treffpunkt der Maghrebiens.

Und dann gibt es dort das legendäre Kaufhaus Tati  (2 au 28 boulevard Rochechouart, 2 au 44 boulevard Barbès). Das Kaufhaus wurde 1948 von dem aus Tunesien stammenden Jule Ouaki gegründet, der es nach dem Namen seiner Mutter Tita benannte. Weil dieser Name aber schon urheberrechtlich geschützt war, stellte er die Vokale um, und so wurde „Tati“ daraus.

IMG_0006 Tati

Ouaki führte großformatige Preisschilder und die Selbstbedienung für seine preisgünstigen Textilien ein. So reduzierte er die Schwellenangst seiner Kundschaft, die die Waren problemlos – und auch ohne Französisch-Kenntnisse-  anfassen, anprobieren und kaufen konnte. Die einzelnen Abteilungen sind voneinander abgetrennt und haben den Charakter von Spiegelkabinetten: Eine spezifische Mischung von Zimmeratmosphäre und Weite. Und –wie man/frau sieht- nach wie vor unschlagbare Preise. Also eine echte Alternative zu den Edelkaufhäusern der Grands Boulevards! Für Georg Stefan Troller ist das Tati der „goldene Graal“ der Immigranten „von Tanger und Togo und von Timbuktu“. Hier „schieben sie sich vorüber in ihren farbenfrohen Ttachten, starren auf die (ausschließlich weißen) Mannequinpuppen, die Schlüpfer und die BHs und Unterkleider und Pullis und Jeans und Stöckelschuhe, die eben für sie Paris repräsentieren und die westliche Kultur (obschon wahrscheinlich in Bangalore hergestellt oder in Beijing)…. 5 Millionen Strumpfhosen verkauft Tati im Jahr, 3,5 Millionen Höschen, 1 Million Lippenstifte und 20000 Hochzeitskleider (zehn Prozent des gesamten französischen Marktes, heißt es).[23]

Das Goutte d’Or ist eine eigene Welt. Aber wie lange noch? Der südliche Teil wird wohl seine nordafrikanische Eigenheit behalten, weil die dortigen Händler auch Eigentümer der Läden und Häuser sind, so dass man sie dort nicht so leicht vertreiben kann.  Das ist noch –wie Belleville- eine der „poches de résistence“ in Paris. Um die Metro-Station Barbès-Rochechuoard herum sind  Veränderungen allerdings unverkennbar und die Existenz des Tati, des „temple  de l’habillement à bas prix“ steht auf dem Spiel.

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„Tati. Die niedrigsten Preise“ . Blick von der Metro-Station Barbès – Rochechouard

Am 12.  März 2017 schreibt der Parisien:

„Un quartier en pleine mutation                                                                                                                         Avec la renaissance du cinéma le Louxor, l’installation de la célèbre librairie de la rive gauche Gibert-Joseph, l’ouverture de la brasserie Le Barbès, le carrefour tente de rompre avec ses vendeurs de cigarettes de contrefaçon, et les différents trafics qui lui collent à la peau. Et, même si rien n’est réglé, comme en témoignent les groupes de « sauvette » qui, pour certains, se sont contentés de changer de trottoir, où les marchés aux voleurs et de la misère qui perdurent, la brasserie ne désemplit pas, et le Louxor, qui a surgi de ses cendres après trois années de travaux pharaoniques, commence à se faire une réputation.

Au milieu de cette grande métamorphose, Tati, qui domine les lieux depuis 1948, a voulu, lui aussi, s’adapter. Pionnier du discount textile, qui a quitté il y a une dizaine d’années le giron de la famille Ouaki pour celui du groupe Eram, le vaisseau amiral du boulevard Barbès a sérieusement dépoussiéré ses rayons, tout en continuant à pratiquer les prix bas qui ont fait son succès.“

DSC00197 Reklame Tati RER Cité Univ April 2018 (2)

Werbeplakat im RER-Bahnhof Cité Universitaire April 2018

Aber geholfen hat dieser Versuch einer Modernisierung und „Entstaubung“  offenbar nicht. Vom Tod ihres Gründers Jules Ouaki 1982 hat sich die Ladenkette offenbar nicht erholt und in den letzten Jahren nur Defizite erwirtschaftet. 2017 wurde das Unternehmen dann erneut verkauft und schon  „das Ende eines Mythos“  verkündet. Aber der Käufer hat einen Großteil der bisherigen Läden -und den Namen- übernommen und will einen neuen Anlauf zur Modernisierung unternehmen., der auch im Straßenbild sichtbar ist. Da kann man nur – auch im Sinne der Beschäftigen und der Käufer- hoffen und wünschen, dass diese Anstrengungen Erfolg haben. (23a)

Noch deutlicher sind die Veränderungen  weiter nördlich rund um die Rue Myrha, „où la population est mjoritairement africaine et financièrement fragile“. Dort gibt es „de terribles opérations de logements sociaux“: Alte baufällige Häuser werden abgerissen, die aus Schwarzafrika stammenden Bewohner umgesiedelt, und wenn dann die neuen Sozialbauten fertig sind, ziehen dort meist nicht mehr die ursprünglichen Bewohner ein, sondern eine  „bourgeoisie blanche, instruite et bien plus aisée.“ (Erich Hazan in Le Monde 31.1.14). Insofern ist auch dieses Viertel Teil eines Prozesses des „embourgeoisement“ der Stadt Paris, die im Grunde schon mit der Kahlschlagsanierung des Baron Haussman begonnen hat und sich in den letzten Jahren verschärft fortsetzt. Einige sanierte Straßenzüge wie die zwischen Square Léon und dem Bd de la Chapelle gelegene Passage Boris Vian mit ihren eher unpariserischen Arkaden und den noblen Afro-Modeboutiquen scheinen Erich Hazans These zu bestätigen,  dass das Goutte d’Or immer mehr seinen ursprünglichen spezifischen Charakter verliert.

Der langjährige (ehemalige) Pariser Bürgermeister  Delanoë sieht das natürlich ganz anders.[24] Die –inzwischen sehr behutsamen und auch aufwändigen- Sanierungen seien unvermeidlich  und der Anteil von Immigranten im 18., 19. und  20. Arrondissement –also dann erst Recht im Goutte d’Or- sei immer noch höher als  in dem im nördlichen banlieue  gelegenen Département La Seine-Saint-Denis, das nicht nur das ärmste Département von ganz Frankreich ist[25], sondern gerne auch als Beispiel für eine besonders von Immigration geprägte Problemzone genannt wird. Und trotz des schleichenden Prozesses des embourgeoisement erreicht der Prozentsatz der Armen in Goutte d’Or  immer noch fast 50% – in Paris insgesamt beträgt er etwa 14%.[26]  Dafür sind die Wohnungspreise auch die niedrigsten in Paris: Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt bei „nur“ 6000 Euro, in feineren Vierteln sind es über 12 000 Euro![27] 

Eine stärkere soziale Durchmischung, deren Fehlen (oder Verlust)  in manchen Vororten von Paris ja ein Dauerproblem ist,  kann immerhin auch eine Chance sein. Allerdings haben die beiden Soziologen Monique Pinçon-Charlot und Michel Pinçon, die sich intensiv mit dem Goutte d’Or beschäftigt haben, 2019 in einem Interview mit Le Monde festgestellt, dass zwar inzwischen junge Familien mit guten Gehältern sich in dem Viertel niederlassen. Es gebe also zunehmend ein räumliches Nebeneinander, aber -wie die Villa  Poissonières eindrucksvoll demonstriert-  kein Miteinander: „La population blanche va à l’école privée, la population noire à l’école publique.“ (28)  Aber das ist eine andere Geschichte und dazu mehr an anderer Stelle. (29)

Wie auch immer: Das Goutte d’Or ist  eine kleine eigene Welt für sich, die  zu erkunden ich nur empfehlen kann!

Pour en savoir plus:

ICI: Öffnungszeiten Di bis Do 10-21 Uhr, Freitag 16-21 Uhr, Samstag 10-20 Uhr und Sonntag 12-19 Uhr.  Es gibt dort auch Angebote für Spaziergänge ins Quartier: Daten und Reservierungen über www.ici.paris.fr (Château Rouge, Petite Afrique à Paris, L’Islam à la Goutte d’or und andere)

http://www.bastina.fr/voyage.php?voyage=petit-mali-a-chateau-rouge-a-paris ( ebenfalls Angebote für Spaziergänge durch das Viertel)

http://www.fgo-barbara.fr/infos-pratiques (Centre Musical Fleury Goutte d’Or – Barbara: Dort gibt es u.a. auch afrikanische Musik)

Barbès l’africaine des années 70 à nos jours. Hrsg. von der Association Salle Saint-Bruno. Paris 2011

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La  Goutte d’Or, terre de tous les exodes.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 247ff

Ergänzung 2023:

Derzeit läuft in französischen Kinos der Film  „Goutte  d’Or“. Hauptperson ist ein 35-jähriger junger Mann, der sich als „voyant“ ausgibt und, weil er damit sehr phantasievoll umgeht, viel Erfolg hat – bis eine Gruppe von  entwurzelten Jugendlichen aus Nordafrika das Viertel unsicher macht und auch ihn an den  Rand bringt….  Sehr empfehlenswert!

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Anmerkungen:

[1] . „Son nom a fait le tour du monde grâce aux miracles de ses travaux. Il aide à resoudre les problèmes quels que soient la difficulté”.

[2] Siehe Le Parisien, 15.1.2014: Marché Dejean: haro sur les vendeurs à la sauvette

[3] Aber leider nicht nur rechte: Wenn François Hollande (Le Monde, 22.12.13)  in einer Rede –ausgerechnet!- vor dem CRIF, dem Verband der französischen jüdischen Gemeinden,  „scherzhaft“ mitteilt, sein Innenminister sei „sein et sauf“ aus Algerien zurückgekehrt und das sei schon viel („C’est déjà beaucoup“), dann trägt das sicherlich nicht dazu bei, die Offenheit gegenüber den aus Afrika stammenden Menschen in Frankreich und dem „petite Afrique“ in Paris zu fördern.

[4] http://fr.wikipedia.org/wiki/Le_bruit_et_l%27odeur_(discours_de_Jacques_Chirac):  « avec un père de famille, trois ou quatre épouses, et une vingtaine de gosses, et qui gagne 50 000  francs de prestations sociales  sans naturellement travailler! »

[5] « Maintenant, il y a dix ou quinze endroits où, de manière régulière, un certain nombre de personnes viennent pour accaparer les territoires. C’est une occupation de pans du territoire, des quartiers dans lesquels la loi religieuse s’applique, c’est une occupation. Certes y a pas de blindés, y a pas de soldats, mais c’est une occupation tout de même. »  http://www.lemonde.fr/politique/article/2010/12/11/marine-le-pen-compare-les-prieres-de-rue-des-musulmans-a-une-occupation_1452359_823448.html

[6] Heute erinnert nur noch ein Straßenname an diese industrielle Vergangenheit des Viertels

[7] Der Romantitel bezeichnet übrigens eine frühere Kneipe in der rue des Islettes Nr. 12, wo auch Gervaise, die Heldin des Romans, wohnte.

[8] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/2

[9] siehe Blog-Beitrag : Chinatown in Paris. Der –im Allgemeinen unfreiwillige- Einsatz der schwarafrikanischen tiralleurs wurde übrigens lange Zeit in Frankreich kaum gewürdigt. Erst anlässlich des in Frankreich äußerst intensiv begangenen 100. Jahrestags des Kriegsbeginns scheint sich das etwas zu ändern.

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/3  Eine weitere Beschreibung der Wäscherei gibt es auch in den Carnets d’enquêtes par Emile Zola. La Goutte d’Or 1875 Bei der von Zola an anderer Stelle genau beschriebenen Dampfmaschine könnte es sich übrigens um ein von Cavé in Frankreich eingeführtes Modell handeln.

[11] http://www.theatreonline.com/Theatre/Lavoir-Moderne-Parisien/56

[12] http://www.huffingtonpost.fr/2012/09/18/femen-ouvrent-centre-entrainement-nouveau-feminisme-goutte-or-paris_n_1893413.html

Kürzlich wurden bei einer Theaterveranstaltung im lavoir moderne zwei Zuschauer durch Messerstiche  von einem Mann verletzt, der es aber offenbar auf die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko abgesehen hatte. http://www.liberation.fr/societe/2014/03/29/paris-deux-spectateurs-du-lavoir-moderne-blesses-au-couteau_991332. Inzwischen gibt es aber an dem Theater keinerlei Hinweise mehr auf die Femen-Aktivistinnen. Und auch die grelle Bemalung der Fassade hat einer grauen Tristesse Platz gemacht- und einer über die ganze obere Fassade reichenden Aufforderung an die Kultusministerin, das Überleben des Theaters zu sichern.

[13] Barbès l’africaine, S.65

[14] Siehe http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/10/21/je-pense-qu-il-est-bon-que-je-cloture-cette-sequence-a-estime-le-president_3499913_823448.html

[15] Siehe La Vie 1997 und http://www.dixhuitinfo.com/societe/article/23-aout-1996-les-sans-papiers

[16] Der Platz vor der Kirche wurde übrigens 2012 umbenannt in square « Saint Bernard – Saïd Bouziri“ – zu Ehren eines engagierten Kämpfers für die Rechte von Einwanderern.

[17] http://www.lemonde.fr/societe/article/2015/05/29/comment-sortir-de-la-jungle-parisienne_4643064_3224.html

[18] „Notre politique des migrations est un Waterloo moral“ . Le Monde, 11.6.2015   Insgesamt wurden im Winter 2015/2016 21 „campements“ von Flüchtlingen in Paris aufgelöst, ohne dass ihnen aber dafür menschenwürdige alternative Unterkünfte angeboten werden konnten – Dies wäre Aufgabe des Staates, der allerdings gegenüber Flüchtlingen eine Abschreckungspolitik betreibt. Das führt dazu, dass Asylbewerber monatelang sich selbst -und Hilfsorganisationen- überlassen  sind und auf der Straße leben. Anfang Juni 2016 hat nun die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, angekündigt, zusammen mit Hilfsorganisationen ein „camp humanitaire“ in Paris einzurichten für die etwa 60 Asylbewerber, die täglich nach Paris kommen – eine für französische Verhältnisse äußerst mutige,  ja  kühne Entscheidung…. (s. Le Monde,2.6.2016)

(18a) Dans les pas des enfants migrants de Maroc. Und: Face à ces mineurs, isolés, polytoxicomanes et violents, Paris en appelle à l’Etat. In: Le Monde, 18. Mai 2018, S. 10 und 11

Anne Hidalgo am 16. Mai 2018 auf Twitter: „Il faut sortir de l’impasse. J’appelle l’Etat à assumer ses missions et à mettre à l’abri ces réfugiés vivant à Paris dans des conditions chaque jour plus indignes.“  (Cnews 17. Mai 2018). Dies bezieht sich auf die Situation der Flüchtlinge in Paris insgesamt, aber vor allem natürlich auf die sogenannten UMAs.

s.a. https://www.lesinrocks.com/2018/04/03/actualite/que-faire-face-au-phenomene-des-enfants-des-rues-qui-prend-de-lampleur-paris-111065211/:

„Depuis un an et demi, le quartier de la Goutte-d’Or, connu de longue date pour cumuler les handicaps : pauvreté, habitat dégradé, trafics en tout genre, est confronté à un nouveau problème qui, semble-t-il, a fait franchir un palier inédit dans les difficultés que rencontrent les habitants. Des groupes de très jeunes garçons, de 14 à 17 ans, totalement „ingérables” selon le terme repris par la plupart des médias, se sont installés dans les rues et les squares du quartier et font régner la peur.“

[19] Zu Louise Michel in der Pars.:iser Commune siehe Bericht 15: 140 Jahre Commune. Über die Zeit Michels in Neu-Kaledonien gibt es einen Film von 2010: http://www.commeaucinema.com/film/louise-michel-la-rebelle-drame,124629 . Und in der aktuellen Kanak-Ausstellung im Musée Branly wird die Rolle von Louise Michel für die Würdigung der Kanak-Kultur ausdrücklich hervorgehoben.

(19a)  Siehe den Blog-Beitrag „Open your eyes“ über die Street-Art in Paris und die weiteren Beiträge zu diesem Thema (ua. zu Mosko und M. Chat) https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

[20] http://www.paris-normandie.fr/breves/l-essentiel/paris-la-construction-de-la-2e-partie-de-l-institut-des-cultures-d-islam-abandonnee-CI3956675#.V0s65PmLTIU

[21] http://fr.wikipedia.org/wiki/Noix_de_kola

[22] A Paris, la révolte inédite de Chinoises sans papiers. Les cinq employees d’une onglerie du quartier “afro” de Paris sont soutenues par la CGT. Le Monde 23./24. Mars 2014, S. 9 Vorher hatte schon Libération über die Aktion berichtet: http://www.liberation.fr/societe/2014/02/26/sans-salaire-les-sans-papiers-du-salon-de-beaute-se-rebellent_983032

[23] Georg Stefan Troller, Paris geheim, S. 281

(23a) http://www.leparisien.fr/paris-75018/paris-tati-a-barbes-la-fin-d-un-mythe-12-03-2017-6755826.php#xtor=EREC-1481423604-[NL75]—${_id_connect_hash}@1

http://www.liberation.fr/futurs/2017/06/26/tati-repris-par-le-fondateur-de-la-chaine-de-magasins-gifi_1579613

[24] Paris est riche de sa diversité retrouvée. Le Monde vom 5.2.14 und http://bertranddelanoe.net/

[25] Le Figaro, 25.9.13

(26)  http://www.liberation.fr/societe/2014/01/28/quand-la-pauvrete-se-revele-dans-les-grandes-villes_975822

[27] http://www.notaires.paris-idf.fr/outil/immobilier/carte-des-prix

(28) „Dans la capitale, les inégalités s’aggravent de manière abyssale“. Le Monde 30. Januar 2019, Beilage villes de demain, S. 3

(29) Siehe den Blog-Beitrag über „Frankreich- Spitzenreiter der schulischen Ungleichheit“: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/4630

Weitere „verwandte“ Blog-Beiträge:

Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

Little India, das indische Viertel von Paris

Chinatown in Paris (3., 8., 13. und 20. Arrondissement)

Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs- Elysées

Die Entdeckung des Hotel Païva verdanken wir Abercrombie und Fitch. Die eröffneten nämlich 2012 eine Filiale auf den Champs-Elysées, ein mediales und touristisches Ereignis ersten Ranges: Ein nobles Haus mit goldverzierten Türen, muskelbepackten Türstehern, die sich und ihre six-packs bereitwillig mit Besucherinnen ablichten ließen, und Innen eine geheimnisvoll-dunkle erotisch aufgeladene Atmosphäre mit entsprechender Musik und männlich-schwülstigen Wandgemälden, also ein echter Verkaufstempel.  Da wird man natürlich neugierig und darf es auch sein, wenn Freunde mit jugendlichem Nachwuchs im Abercrombie und Fitch-Alter in Paris sind.  Die Champs-Elysées gehören ja nun nicht gerade zu unseren Lieblingsorten in Paris.   Die Warteschlangen waren allerdings fast so lange wie die vor Notre Dame und reichten bis vor die benachbarte Nr. 25.  Also bis vor das Hôtel Païva,  und wenn ich überhaupt schon einmal an der Nr. 25 vorbeigegangen war, hatte ich weder deren bronzebeschlagenen Eingang noch die reich verzierte Fassade bemerkt. Schließlich ist die auch zurückgesetzt, und davor hat sich die noble Cocktail-Bar Napoleone breit gemacht. Es gibt auch keine der Informationstafeln, wie sie an vielen historisch interessanten Orten von der Pariser Stadtverwaltung platziert sind, und noch nicht einmal ein Schild, das Auskunft geben würde, wer hier residiert.

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Hinter diesem geheimnisvollen und eher abweisenden Äußeren stößt man aber –wenn man Glück hat und einem das Tor geöffnet wird-  auf einen verborgenen Schatz: Das Hôtel Païva ist das einzige noch erhaltene Stadtpalais aus dem second empire, also der Zeit Napoleons III.  vor 1870,  auf den Champs-Elysées. Diese hatten noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren eher ländlichen Charakter bewahrt. Die bessere Gesellschaft besuchte einen der im Grünen gelegenen Tanzpaläste wie das Mabille, in dem die Polka und der Cancan erfunden wurden. Und es war eine Promeniermeile, auf der die Kutschen zum Bois de Boulogne fuhren.  Im zweiten Kaiserreich entwickelten sich die Champs Elysées dann zum „haut-lieu de la vie élégante parisienne.“ Eine Geldaristokratie von Bankiers und Industriellen errichtete entlang der Avenue luxuriöse Villen im historisierenden Stil. Eine davon, die einzig erhaltene, war das Hôtel Païva, ein wahrhaftiges Märchenschloss, wie man es sich phantastischer kaum ausmalen kann. Ein dreistöckiges Gebäude, unten repräsentative, überreichlich ausgestattete Salons für die Gäste, oben die Privaträume von Hausherr und Hausherrin, ebenfalls vom Feinsten dekoriert, und unter dem Dach –so wie es im Paris des Baron Haussmann üblich wurde- die Räume der Bediensteten.

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Der große Saal

Besonders phantastisch ist im oberen Stockwerk das Badezimmer im maurischen Stil:

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Von den drei Hähnen der eisernen Badewanne soll einer für Eselsmilch oder Champagner bestimmt gewesen sein.

Hotel Paiva Champs El 042

Und natürlich waren die ursprünglich nicht so schlicht wie auf dem Foto, sondern mit Edelsteinen verziert, vielleicht Türkise oder Rubine, da gibt es unterschiedliche Versionen. Eine weitere, 900 Kilogramm schwere  Badewanne war aus einem einzigen Onyx-Block gefertigt. Onyx- der nordafrikanische Marmor- war gerade erst einige Jahre vorher in einem römischen Steinbruch nahe Oran wiederentdeckt worden und wurde im zweiten Kaiserreich Napoleons III. aufgrund seines großen Wertes nur zur Ausschmückung der allerfeinsten Häuser verwendet.

Download Onyx Badewanne

Das Schlafzimmer darf dahinter natürlich nicht zurückstehen. In einer mit  einer Geburt der Venus –was sonst?- ausgemalten Nische stand –heute leider nicht mehr- wie ein Altar das extravagante Bett, das ebenfalls das Motiv der aus einer Muschel steigenden Venus aufgreift.

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161 Bett der Paiva

Wie die Badewanne ist auch die grandiose und weltweit wohl einzigartige theatralische Treppe aus Onyx gefertigt, die das Zentrum des weitläufigen Gebäudekomplexes bildet. Nicht nur die Stufen und das Geländer, sondern auch die Wände sind aus Onyx, die  Nischen sind geschmückt mit Marmor-Statuen im Stil von Antike und Renaissance…

81 Vergil Dante Petrarqua im Treppenhaus 110 Treppe von unten

Der Skupturenschmuck ist bewusst gewählt: Die Statuen stellen Dante, Vergil und Petrarca dar, dazu gibt es die Büste eines römischen Kaisers  und ein Medaillon-Relief der schönen Meeresgöttin Amphitrite, die auf einem als Brautwerber ausgesandten Delphin zur Vermählung mit Poseidon reitet: Schönheit, Macht und Kultur sind hier also programmatisch versammelt.

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Zu diesem Märchenschloss passt auch das nicht weniger märchenhafte Leben der Frau, die dort residierte und dem Hôtel de Païva ihren Namen gegeben hat. Geboren wurde sie 1819  in Moskau als Esther bzw. Thérèse  Lachmann,  Tochter des armen, aus Polen stammenden jüdischen Webers Martin Lachmann und seiner Frau Anna Amalie Klein. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie den am Rand des jüdischen Ghettos wohnenden französischen Schneider François Villoing, mit dem sie ein Kind hatte. Thérèse war ausgestattet mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „sensuelle et dangereuse beauté“, ja sogar einer „beauté de diable“. Dass die Schönheit der jungen Dame als gefährlich bezeichnet und sogar mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, lässt ahnen, dass es nicht bei einem trauten Familienleben mit dem Moskauer Schneider bleiben wird:  Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit ließ Thérèse  Mann und Kind in Moskau zurück und machte sich in Begleitung eines Liebhabers nach Paris, in die Stadt ihrer Träume, auf.  In ihrem Tagebuch berichten die Gebrüder Goncourt eine phantastische, romaneske  Version dieser Fahrt:  Stationen seien Wien und Constantinopel gewesen, wo sich Thérèse habe verkaufen müssen, um ihre Fahrtkosten zu bezahlen. Dort sei sie  von Agenten des Sultans entführt und in einem Harem eingeschlossen worden, aus dem sie sich aber habe befreien können. Auf einem Handelsschiff sei sie nach Amsterdam und von dort aus schließlich nach Paris gekommen (AD, 28/29). Hier  erwarb sie sich schnell einen hervorragenden Ruf als „lorette“, wie die Pariser Prostituierten damals genannt wurden, weil sie vornehmlich im Umkreis der Kirche Notre-Dame-de-Lorette ihre Dienste anboten. Schließlich wurde sie die Mätresse von Henri Herz, einem international gefeierten Pianisten, Komponisten und innovativen Klavierbauer. Er führte sie in die bessere Pariser Gesellschaft ein und machte sie u.a. mit Liszt, Wagner und Théophile Gautier bekannt, der ihr lebenslanger Freund und Vertrauter wurde. Aber auch die Beziehung zu Herz war nicht von langer Dauer, wofür vor allem  ihr Hang zu Luxus und Verschwendung und ihr entsprechend ungehemmter Zugriff auf das Vermögen ihres Liebhabers verantwortlich waren. Verständlicher Weise  war seiner Familie diese Liaison ein Dorn im Auge und sie nutzte 1848 die Gelegenheit einer längeren Konzertreise von Henri Herz dazu, Thérèse vor die Tür zu setzen. Krank und mittellos machte sie sich nach London auf, wo sie die Mätresse einiger Lords wurde, aber auch Kontakte zu anderen reichen Männern nicht verschmähte. Eine ihrer Eroberungen war der reiche Bankier Alphonse Gaiffe, von dem sie, wie berichtet wird,  20000 Francs gefordert habe, die sie dann  während des Schäferstündchens nach und nach in Flammen aufgehen ließ. Allerdings habe Gaiffe vorgesorgt und sich mit gefälschten Scheinen zum Rendezvous begeben…

Zurück aus London mietete sie eine Wohnung an der Place St. George in einem noblen Stadtpalais, dessen Fassade mit Statuen im Stil von Gotik und Renaissance reich verziert war. Für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich, eine Informationstafel der Stadt Paris informiert aber über die Geschichte dieses Hauses, das bis heute „Hôtel Païva“ heißt – auch wenn es nicht das eigentliche Hôtel dieses Namens ist. Die Place St. George lag in dem Nouvelle Athène genannten aufstrebenden Viertel der Künstler und Intellektuellen (heute 9. Arrondissement), in dem George Sand, Musset, Chopin und die Brüder Goncourt wohnten.

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Hier führte Thérèse das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene des second empire, mit vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, zum Teil bis ins Kaiserhaus hinauf.  Thérèse muss also eine mysteriöse Aura und Anziehungskraft gehabt haben, um sich solche Männer zu lebenslangen Vertrauten zu machen (AD, S. 67 und 96).

Aber es fehlte ihr immer noch an voller gesellschaftlicher Anerkennung, wie folgende Episode –mit ungesichertem Wahrheitsgehalt- zeigt: Sie habe, noch zu Zeiten ihrer Beziehung zu Henri Herz, diesen zu einer Einladung des Königs Louis-Philippe in die Tuilerien begleitet. Dort sei ihr –obwohl sie allgemein als Madame Herz firmierte-  signalisiert worden, dass sie draußen zu bleiben habe: aus Gründen, die „Madame“ gut kennen müsse… (AD, 48). Da traf es sich gut, dass nach der Trennung von Herz und ihrer Rückkehr aus London  ein reicher Portugiese der schönen Thérèse verfiel: Der Marquis Albino Francisco de Araújo de Païva. Ob es sich wirklich um einen Adeligen handelte, scheint nicht ganz klar zu sein. Unterschiedlich sind auch die Darstellungen, was seine damalige finanzielle Lage anging: Ob er noch der reiche Erbe des in Macao angehäuften elterlichen Vermögens war oder schon bis zum Hals in Schulden steckte. Auf jeden Fall hatte er –zu Recht oder Unrecht- einen respektablen Namen. Und auf den hatte es Thérèse abgesehen. Da gerade rechtzeitig der Moskauer Schneider verstarb, konnte die verwitwete Madame Villoing am 8. Juni 1851 den portugiesischen Marquis heiraten.

Aber schon am Tag nach der Hochzeit soll die frischgebackene Marquise de Païva ihrem Mann das Kündigungsschreiben ausgehändigt haben: Er habe erreicht, was er wolle und sie zu seiner Frau gemacht. Sie trage jetzt seinen Namen. Also seien sie quitt. Nachdem sie ihren Part ehrenhaft absolviert habe, solle er jetzt nach Portugal zurückkehren, was er auch tat.  Mit dem Marquis de Païva nahm es dann ein schlimmes Ende:  Wieder in Paris und völlig ruiniert soll er seine Freunde zu einem Gelage ins Maison Dorée eingeladen haben, und dann schoss er sich – und das scheint verbürgt zu sein-  eine Kugel in den Kopf…

Ganz anders Thérèse-Pauline-Blanche, wie sie sich jetzt als  frischgebackene Marquise  von Païva nannte, deren Aufstieg sich unaufhaltsam fortsetzte. Zunächst kaufte sie sich ein Grundstück auf den Champs-Elysées – der Legende nach genau dort, wo sie einmal von einem wenig galanten Liebhaber aus dem Fiaker geworfen worden war. Und mit dem Kauf dieses Grundstücks an den aufstrebenden Champs schuf sie die Voraussetzung, das zu erfüllen, was sie 1848, verlassen von Henri Herz, krank und mittellos, sich und ihrem Vertrauten, dem Schriftsteller  Théophile Gautier, geschworen hatte, bevor sie sich nach London aufmachte: „Si j’en reviens, je veux avoir aux Champs-Elysées, le plus bel hôtel de Paris.“ (Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf den Champs-Elysées das schönste Stadtpalais von Paris haben). Für das erträumte Märchenschloss reichte ihr Geld aber dann doch nicht. Und da kommt nun der deutsche Märchenprinz ins Spiel: Der Reichsgraf und spätere Fürst Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel von Donnersmarck, kurz auch:  Guido Henckel von Donnersmarck.

Download Guido

Donnersmarck war einer der reichsten Männer seiner Zeit. Von seinem Vater hatte er umfangreichen Grundbesitz in Schlesien und Osteuropa geerbt, dazu zahlreiche Bergwerke und Eisenhütten in Oberschlesien, das sich damals zu einer bedeutenden Bergbauregion entwickelte. Dieses Erbe vermehrte Donnersmarck sehr zielstrebig, wobei er sich als einer der ersten Adligen auch Fremdkapital beschaffte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Belgien. Dem Aufsichtsrat einer seiner Aktiengesellschaften gehörte sogar der Halbbruder von Napoleon III. an. So wird es zu erklären sein, dass Donnersmarcks Wege öfters auch nach Paris führten. Dort –so jedenfalls die anscheinend wahrscheinlichste Version- wurde der Marquise von Païva bei einem Opernbesuch der 25-jährige Guido vorgestellt. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick oder -noch treffender in der französischen Ausdrucksweise: ein coup de foudre, ein amouröser Blitzschlag. Für Guido war die schöne, geistreiche, gesellschaftlich gewandte und geschäftstüchtige Païva ein Geschenk des Himmels. „Sa science amoureuse dans l’intimité“ wird sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Aber sie war für ihn eine Frau ohne Vergangenheit und so redete er sie mit dem Vornamen an, den sie bisher noch nie benutzt hatte: Blanche. Für sie war Guido von Donnersmarck ebenfalls ein Geschenk des Himmels: jung, stattlich, „d’une grande beauté“; eine Erscheinung, die sehr gut in das romantische Milieu des Neuen Athens passte, dabei aber ein Mann von echtem und höchstem Adel und größtem Reichtum. Problematisch war allerdings der große Altersunterschied von 11 Jahren. Aber da wusste die Païva Abhilfe: Sie ließ ihre Geburtsurkunde fälschen: Aus 1819 wurde 1826 (siehe auch die Ahnentafel Anmerkung 4), und da waren es nur noch erträglichere 4 Jahre Unterschied… Aber neu geboren war die Païva seit ihrem Zusammentreffen mit Donnersmarck ja tatsächlich, denn damit endete ihr bisheriges Leben als „Lebedame“ und ein neues Leben an der Seite Donnersmarcks begann für sie. Und zwar wirklich kein schlechtes:

Zunächst kaufte Guido seiner Geliebten als Sommersitz das westlich von Paris gelegene Schloss Pontchartrain, das von keinem Geringeren als dem großen Mansart neu erbaut, von dem Architekten Pierre Manguin renoviert und von Blanche neu eingerichtet wurde und in dessen Park sie nach Herzenslust –zum Befremden ihrer Bediensteten: in Männerkleidung- ausreiten konnte. Das schmiedeeisernen Tor ist mit Krone und den Initialien D und G geschmückt, was zu dem Reichsgrafen Guido von Donnersmarck passen würde. Inzwischen gehört das Schloss irgendeiner anonymen Gesellschaft. Die ist so anonym, das es nicht einmal ein Schild des jetzigen Eigentümers gibt. „On ne visite pas“, wie es auf der homepage des Ortes Pontchartrain heißt, auch wenn das Schloss seine Hauptsehenswürdigkeit ist. Wir mussten also, als wir kürzlich hinfuhren, draußen bleiben, denn über die in Frankreich meistens und hier auch erforderliche Sesam-öffne-dich- Zahlenkombination verfügen wir natürlich nicht. Aber immerhin sprangen zwei Rehe zu unserer Begrüßung über die „Le-Nôtre-Perspektive“. Da hatten wir aber unsere Fotos noch nicht gezückt. Gerne hätten wir natürlich auch einen Blick in den weitläufigen Park hinter dem Schloss geworfen und nachgesehen, ob es die Gewächshäuser noch gibt, in denen auf Anordnung der Païva das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse gedieh, so dass sie auch im Winter ihren Gästen frische Erdbeeren servieren konnte- der Postager du roi Ludwigs XIV. in Versailles lässt grüßen

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Aber dann gab es da ja noch das Grundstück auf den Champs Elysées und das Gelübde der Thérèse von 1848, dort das schönste Haus von ganz Paris zu errichten. Und natürlich war es für Guido von Donnersmarck eine Selbstverständlichkeit, seiner Geliebten auch die Erfüllung dieses Gelübdes zu ermöglichen. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit der Planung beauftragt wurde der  Architekt Pierre Manguin, der schon Pontchartrin renoviert hatte. Und für die opulente Innenausstattung wurde fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte bzw. kostbar war. “Die größten Künstler der Epoche haben“, wie es in einer Führungsankündigung heißt, „an den vergoldeten Holzschnitzereien, den Skulpturen und Gemälden gearbeitet. Der strahlende Reichtum der Ausstattung, des Marmors, der Bronzen, der Keramiken und Mosaiken haben dieses Hôtel zur Legende gemacht.“ Den Auftrag für das Deckengemälde im große Salon erhielt beispielsweise Paul Baudry, der danach berühmt wurde durch die Ausmalung des Foyers  der Opéra Garnier. Und es ist durchaus denkbar, dass Garnier, der zum Bekanntenkreis der Païva gehörte, in ihrem Hôtel Baudry für sich entdeckte.

Als Thema für das Deckengemälde wählte Baudry Der Tag vertreibt die Nacht – und als Modell für die Nacht soll die Païva höchstpersönlich  Modell gestanden (oder gelegen)  haben; ebenso für die  aus blütenweißem Marmor gefertigte Allegorie der Musik auf dem Kamin im großen Salon. Deren Schöpfer war Eugène Delaplanche, ebenfalls ein prominenter Künstler des second empire,  der wie Baudry später auch an der Ausgestaltung der Pariser Oper mitwirkte.

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Es erscheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass bei der Aufzählung der an der Ausschmückung des Stadtpalais beteiligten Künstler teilweise auch der junge Auguste Rodin genannt wird: Das ist aber sicherlich eine der vielen Ungenauigkeiten und Übertreibungen, auf die man immer wieder stößt, wenn es um die Païva und ihr Märchenschloss geht. Unzweifelhaft beteiligt war dagegen der junge Jules Dalou, der große Bildhauer der Dritten Republik, der unter anderem die repräsentative Figurengruppe auf der Place de la Nation gestaltete.

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Hier im Hôtel Païva verdiente er sich seine ersten künstlerischen Sporen und arbeitete am Skulpturenschmuck mit und angeblich soll er sogar das Venus-Muschel-Bett geschaffen haben, das dann von Baudry ausgemalt wurde (AD, 124). Dass auch Rodin genannt wird, hängt vielleicht damit zusammen, dass Dalou mit Rodin sehr eng befreundet war: Rodin hat auch eine Bronzebüste von ihm gestaltet, die im Musée Rodin in Paris zu sehen ist –eine weitere im wunderbaren Musée La Piscine in Roubaix. Und warum hätte nicht auch noch der junge Rodin zur Ausstattung des Hotels Païva beitragen sollen?

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Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Manguin und die Païva das Hôtel nicht mit Antiquitäten ausstatteten, sondern durchweg Künstler ihrer Zeit beauftragten: erfahrene und renommierte, gleichzeitig aber auch noch junge, aufstrebende Künstler wie Baudry und Dalou. So konnte das Hôtel de Païva zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk des second empire werden.

Die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt verfolgte den 10 Jahre dauernden Bau mit größtem Interesse, aber auch mit einiger Häme. So bemerkte Le Figaro während derBauarbeiten, auch wenn das Hôtel noch nicht fertiggestellt sei, könne „Madame la Marquise de Païva“ schon einziehen und fügte dann zur Begründung anzüglich hinzu, das Trottoir sei ja schon fertig.

Aber als 1866 das Märchenschloss eingeweiht wurde und Donnersmarck und die Païva zu Tee, Dîners oder Festen einluden, drängelte sich dann doch „tout Paris“: Aus Neugierde auf das Haus, wegen der erlesenen Speisen mit den frischen Zutaten aus Pontchartrain; teilweise sicherlich auch wegen möglicher geschäftlicher oder politischer Kontakte mit Donnersmarck. Vor allem aber kam man wegen der anregenden und unterhaltsamen Hausherrin. Immerhin war die Païva sehr sprachbegabt: Als sie nach Paris kam, sprach sie schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Polnisch; Während der Beziehung zu Herz kamen dann noch das Englische dazu – und natürlich das Klavierspiel. In seinen Mémoires d’un Parisien berichtet Georges Duval, diese „diablesse de femme“ habe die ganze Welt gekannt, alle Bücher und alle Zeitungen gelesen. Sie erzähle Anekdoten aus Polen, russische Aperçus, Londoner Skandale. Sie wisse alles über die Pariser Gesellschaft. Außerdem sei sie eine vollendete Musikerin. Bei seinem Besuch habe sie sich an den Flügel gesetzt und die Ouvertüre von Bellinis Oper Norma mit einer Intensität gespielt, die alle Anwesenden bezaubert habe (AD,130). Der zum engen Freundeskreis der Païva zählende Kunstkritiker Arsène Houssaye war voll des Lobes über die geistvollen Unterhaltungen an ihrer Tafel. Niemand erlaube es sich, die Ohren mit Allgemeinplätzen und Altbekanntem zu belästigen.  Langweiler, die da nicht mithalten könnten, hätten die Chance weiterer Einladungen verspielt.[1] Einige Besucher sahen das aber ganz anders wie der Maler Eugène Delacroix, der in seinem Journal festhielt, er habe bei der „fameuse comtesse de Païva“ gespeist. Der ganze fürchterliche Luxus missfalle ihm. Von einem solchen Abend bleibe keine Erinnerung zurück, man sei am folgenden Tag nur schwerer, „voilà tout“ (AD 137). Aber das hinderte ihn durchaus nicht daran wiederzukommen… Und manche Besucher kamen wohl vor allem, um sich hinterher genüsslich die Mäuler zerreißen zu können wie die Gebrüder Goncourt in ihrem Journal:  Sie nennen das Haus ein „Louvre du cul“ oder ein „Haus der Prostitution“, das mit einem schlechten Rennaissance-Geschmack völlig überladen sei und nur den Reichtum der Hausherrin in Szene setzen solle. Das Essen sei gut, aber gewönlich, nichts was den Gaumen überraschen würde, was man doch bei einer Courtisane erwarten könne. Den Café habe man im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses eingenommen.  Der sei nach dem Muster von Pompei gebaut, wozu die Statue der Aphrodite passt, die Göttin der Schönheit und Liebe, die sich in einer Nische im Spiegel bewundert.

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Aber auch das konnte die Goncourts nicht gnädig stimmen: Offensichtlich fühlten sie sich gestört von der Musik des nahe gelegenen Tanzpalastes Mabille; also auch daneben. Die Païva ist und bleibt für die Goncourts eine in die Jahre gekommene Kurtisane, die sie in allen Einzelheiten genüsslich-bösartig beschreiben. Entsprechend war auch die Sicht des Dramatikers Emile Augier, der gebeten wurde, etwas über die allgemein bewunderte Treppe zu schreiben, auf der die Païva ihre Gäste empfing. Der bemerkte nämlich trocken: „So wie die Tugend hat auch das Laster seine Stufen.“[2]

Aber dessen ungeachtet: Aus der kleinen Moskauer Jüdin war „die Königin der Champs-Elysées“ geworden, deren Empfänge legendär waren  und die sich mit ihrem lover feiern und bewundern ließ.

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       Adolphe Joseph Thomas Monticelli: Une soirée chez la Païva

Selbst 50 Jahre später war die Legende des Hotel  Païva  offenbar noch lebendiger Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Auf der Bühne der Folies Bergères 1923 stellten einige Herren und zahlreiche Damen mit oder ohne Reifrock die inzwischen legendär gewordenen abendlichen Soupers im Hôtel Païva nach.[3]

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Der Graf von Donnersmarck ließ sich von allem Gerede und allem Naserümpfen aber nicht beirren: Er genoss ganz offensichtlich das glanzvolle Pariser Leben, um das ihn die  mit ihren Kartoffeln und Runkelrüben beschäftigten ostelbischen Standeskollegen sicherlich –wenn auch wohl eher insgeheim-  beneideten. Und Guido hielt sich dabei nur an das wunderbare Motto derer von Donnersmarck: Memento vivere! Ein, wie ich finde, ziemlich bemerkenswertes Motto eines streng-protestantischen ostelbischen Adelsgeschlechts. Guido von Donnersmarck vergaß also bei all seinem ganz und gar nicht verstaubten geschäftlichen Engagement, das ihn von der Mehrheit seiner Adelsgenossen ebenfalls völlig unterschied, nicht das Leben: Und das verkörperte für ihn die Païva: Also keine flüchtige Affäre für die Zeiten seiner Aufenthalte in Paris, sondern die Frau seines Lebens. Donnersmarck ließ also seine Beziehungen und seine finanziellen Mittel spielen und erreichte schließlich, dass 1870 vom Heiligen Stuhl die Ehe der Païva mit dem portugiesischen echten oder falschen Marquis annulliert wurde. Dass die Begründung etwas dubios war, spielte dabei keine Rolle. Donnersmarck hatte nun freie Bahn und war 1871 souverän genug, seine Blanche zu heiraten, wobei, wie schon bei der Heirat mit dem portugiesischen Marquis wieder Théophile Gautier der Trauzeuge war.  Natürlich war das eigentlich eine Mesalliance, aber die konnte er sich offenbar leisten- und immerhin wurde in den Adelsregistern die Sache ein bisschen aufgehübscht, indem aus dem Vater der Esther/Thérèse/Pauline/Blanche,  dem armen Moskauer Weber Lachmann,  ein veritabler Tuchfabrikant gemacht wurde.[4] Und in dem zur Heirat ausgestellten Dokument des evangelischen Pastors der église de la Rédemption in Paris, in der die Trauung stattfand, wird aus dem ersten Ehemann der Païva, dem Schneider Villoing, ein Bankier, und aus dem Vater ein „capitaliste“… Das konnte sich immerhin sehen lassen (AD, 161).

1870/1871 war aber nicht nur ein privater Wendepunkt für die Païva und Donnersmarck, sondern es war auch die Zeit des deutsch-französischen Krieges.  Und Donnersmarck als ostelbischer Magnat und politisch engagierter Konservativer, gleichzeitig aber auch als Kenner Frankreichs mit vielfältigen Beziehungen zu diesem Land, wurde damit zu einem wichtigen Ansprechpartner Bismarcks. Der sei, so eine der durch das Internet geisternden Behauptungen, sogar sein Cousin gewesen – und die Païva damit durch ihre Heirat mit Donnersmarck die Cousine des Reichskanzlers.  Aber das ist eine der vielen sich um die Païva rankenden Legenden. Zutreffend ist jedoch, dass Bismarck Donnersmarck zunächst zum Stadtkommandanten von Metz, dann übergangsweise zum Gouverneur des Bezirks Lothringen ernannte und ihn für die Frankfurter Friedensverhandlungen mit Frankreich engagierte. Dort war Donnermarck –zusammen mit Bismarcks Bankier Bleichröder- vor allem für den wirtschaftlichen Teil des Vertrags zuständig. Dabei habe sich Donnersmarck in Kenntnis des französischen finanziellen Potentials für die Festsetzung einer nicht zu knapp bemessenen Kriegsentschädigung und für deren schnelle Zahlungsabwicklung eingesetzt. Seine Frau habe ihm dabei aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der Pariser Finanzkreise beratend zur Seite gestanden. Als am 10. Mai 1871 im Frankfurter Hotel Zum Schwan der „Frankfurter Friede“ zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde, war Graf Guido von Henckel-Donnersmarck auch dabei. (5)

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Nach dem Krieg war die Lage des Paares in einem Klima grassierender Germanophobie allerdings ziemlich prekär. 1872 soll die Païva beispielsweise bei einer Opernaufführung ausgepfiffen worden sein, worauf der französische Ministerpräsident Thiers höchstpersönlich an einem „Sühne-Dîner“ im Hôtel Païva erscheinen sei oder auch –eine andere Version- das Ehepaar Henckel in den Elysée-Palast eingeladen worden sei. Ein weiteres Indiz: 1873 erschien ein Theaterstück von Alexandre Dumas junior La femme de Claude, das nach der französischen Niederlage den patriotischen Geist stärken sollte: Claude ist ein genialer Erfinder und Vertreter der Menschlichkeit, dessen grandiose Kanone Frankreich unbesiegbar machen oder gar jeden neuen Krieg verhindern könnte. Aber hélas! Verheiratet ist er mit Césarine, einer Frau mit höchst dubioser Vergangenheit und ohne jede moralische Skrupel: Sie verrät das Geheimnis der absoluten Waffe an den Feind,  und so ist es nur allzu berechtigt, dass Claude ihrem finsteren Treiben ein Ende macht und sie tötet. Die Bezüge zur intriganten und –angeblich- nymphomanen antiken Messalina sind unverkennbar, für die Zeitgenossen aber wohl auch die Bezüge zur Païva. Sie habe ganz unverkennbar Dumas zur Gestaltung seiner verkommenen, landesverräterischen Césarine angeregt, die den Tod verdient habe.[6]  In der Tat wurde die Païva –allerdings ohne jede konkrete Grundlage- der Spionage für Deutschland bezichtigt. Nach dem verlorenen Krieg  herrschte in Frankreich geradezu eine Spionage-Hysterie: Ein Versuch zur Erklärung der schmählichen Niederlage. Keine guten Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des glanzvollen Lebens zu Zeiten des second empire. Auf Anraten ihres Mannes verließ Blanche also Paris und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Neudeck/Oberschlesien (heute Świerklaniec).  Dort hatten sich Henckel von Donnersmarck und die Païva von dem französischen Architekten Lefuel von 1868-1875 ein neues Schloss bauen lassen. Lefuel war im Second Empire u.a. Chefarchitekt des Louvre und zeichnete die Pläne für die beiden zum Tuileriengarten weisenden Seitenflügel des Louvre. Für die Schlossanlage in Neudeck standen Versailles und das Tuilerien-Schloss Pate: gewissermaßen eine Wiedergutmachung für den der „Madame Herz“ noch verwehrten Zugang.

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Das neue Schloss, das in den  1960-er Jahren abgetragen wurde, war eine der größten Schloss- und Parkanlagen des Deutschen Reiches. Dort starb die Païva am 21. Januar 1884. Guido liebäugelte wohl damit, das Hôtel als Erinnerung an seine von ihm bis ans Ende leidenschaftlich geliebte Frau von den Champs-Elysées nach Neudeck zu versetzen, was aber unrealistisch war, so dass er es verkaufte.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen erstand 1903 der  Travellers  Club, ein Ableger des gleichnamigen altehrwürdigen und noblen Londoner Clubs, das Anwesen, das heute noch weitgehend im Original erhalten ist und einen einzigartigen Eindruck von den Champs-Elysées des second empire vermittelt. Möchte man nach Lust und Laune Zugang zu dem Märchenschloss  haben, muss man  nur Mitglied des Clubs werden:  Es braucht dazu die Empfehlung von zwei Mitgliedern und die Bewährung in einer Probezeit, nach der die Vollversammlung über die Mitgliedschaft entscheidet. Ganz billig ist die natürlich nicht. Immerhin ist der Club nicht für Krethi und Plethi gedacht, und es müssen immerhin das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und das Personal unterhalten werden, darunter ein veritabler standesgemäß uniformierter Butler.

Einfacher und billiger geht es  im Rahmen von Führungen. Die gibt es allerdings nur sonntags vormittags.  Die Führungen finden nicht  allzu häufig statt, die Gruppengröße ist begrenzt und eine vorherige Reservierung erforderlich. Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch auf jeden Fall. Die 20 Euro (10 Euro Eintritt, 10 E Führungsgebühr) lohnen sich!

Pour en savoir plus:

Janine Alexandre-Debray: La Païva. 1819-1884. Ses amants, ses maris. Paris: Librairie Académique Perrin 1986 (abgekürzt : AD)

http://www.freres-goncourt.fr/paiva/journalg.htm

http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/31-mai-1867-une-petite-juive-moscovite-devient-la-reine-des-champs-elysees-la-paiva-30-05-2012-1466926_494.php

Der beste Überblick über Führungen im Hôtel Païva: http://www.billetreduc.com/lieu/paris/hotel-de-la-paiva/ (Hier kann man sich rechtzeitig anmelden).

Anmerkungen

[1] Arsène Houssaye: “La causerie à l’hôtel Païva était toujour étincelante, imprévue, ruisselante d’innouïsme.“ Zit. AD, 133

[2] Ainsi que la vertu, Ie vice a ses degrés.‘ Zit. in: http://www.parisdeuxieme.com/2007/05/hotel-de-paiva-champs-elyses.html.

[3] Umberto Brunelleschi: un souper chez la Païva

[4] Paris 1871 Blanche (1826–84), T d. Tuchfabr. Martin Lachmann u. d. Anna Amalie Klein, 2) Wiesbaden 1887 Katharina (1862–1929), T d. russ. Staatsrats Wassili Alexandrowitsch Slepzow (russ. Adel) u. d. Sophia Filippowa Christianowitsch (russ. Adel) in:  http://www.deutsche-biographie.de/sfz29662.html

[5]  Bild aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2921, S. 39. Graf Guido ist zweiter von links.

[6] http://www.fabula.org/colloques/document1296.php und AD, 179 f

Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel der Revolutionäre

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese  glanzvolle Periode des Viertels.

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://paris-blog.org/?s=Faubourg+Saint+Antoine+Holzhandwerk

Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels:  In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel  eine wesentliche Rolle.

Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.

Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen  der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja  auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:

Émeute qui éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.

Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst  mit in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.

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Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet

Reveillons Manufaktur litt aber  am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das  Überleben der Betriebe zu ermöglichen.  Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie  ein Lauffeuer verbreitete.  So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)

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Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous,  verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude  an und verjagten den Besitzer.

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Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.

In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese  historische Parallele verwiesen.  Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2)  Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.

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Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern

Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.

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Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür:  Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben.  Die Befreier waren denn auch  etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)

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Und  dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen  Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:

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Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten  Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de  la Bastille einmündet,  sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt.  Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel  auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.

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Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden  eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:

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Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….

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In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.

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Auf  ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe  in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die  auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.

Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem  Batille-Platz dient.

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Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).

Ein eindrucksvolles Bild  einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich  im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘  bekanntem  Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.

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In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels,  erinnert.

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Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….

…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass  dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.

Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.

Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren  allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten  vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals  beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.

IMG_3560 Pichio

Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.

Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:

„La barricade était livide dans l’aurore.   Et comme j’arrivais elle fumait encore;

Rey me serra la main et dit:   Baudin est mort.

Il semblait calme et doux comme    Un enfant qui dort;  Ses yeux étaient fermés,

Ses bras pendaient, sa bouche    Souriait d’un sourire héroique     Et farouche.

Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”

Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine  historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:

„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“ 

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01685-fbg-st-antoine-22.jpg.

Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…

Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber  in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:

Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“

Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen  Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen  Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue  Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine  Methode, die Haussmann  auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.

Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.

Schließlich  stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).

Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.

20555-7 Barricade

Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:

C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de  Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la  fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…

Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse  ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la  Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre  les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!

Anmerkungen

(1) Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789. Um 1789.  Zugeschrieben Laurent Guyot    https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-saccage-de-la-folie-titon-pillage-de-la-maison-reveillon-au-faubourg#infos-principales

(2) Eric Vuillard, 14 juillet. Actes Sud 2016, S. 10 (Das erste Kapitel dieses sehr lesenswerten Buches heißt „La folie Titon“.

(3)  Les légendes révolutionaires: Le comte de Lorges http://www.vendeensetchouans.com/archives/2014/07/14/30254227.html

s.a. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6479943r.r=bastille.langFR

Erster Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:

Der Faubourg Saint- Antoine, Das Vierel des Holzhandwerks   https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.

POUR EN SAVOIR PLUS:

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php  (26.4.2020)

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php