Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs- Elysées

Die Entdeckung des Hotel Païva verdanken wir Abercrombie und Fitch. Die eröffneten nämlich 2012 eine Filiale auf den Champs-Elysées, ein mediales und touristisches Ereignis ersten Ranges: Ein nobles Haus mit goldverzierten Türen, muskelbepackten Türstehern, die sich und ihre six-packs bereitwillig mit Besucherinnen ablichten ließen, und Innen eine geheimnisvoll-dunkle erotisch aufgeladene Atmosphäre mit entsprechender Musik und männlich-schwülstigen Wandgemälden, also ein echter Verkaufstempel.  Da wird man natürlich neugierig und darf es auch sein, wenn Freunde mit jugendlichem Nachwuchs im Abercrombie und Fitch-Alter in Paris sind.  Die Champs-Elysées gehören ja nun nicht gerade zu unseren Lieblingsorten in Paris.   Die Warteschlangen waren allerdings fast so lange wie die vor Notre Dame und reichten bis vor die benachbarte Nr. 25.  Also bis vor das Hôtel Païva,  und wenn ich überhaupt schon einmal an der Nr. 25 vorbeigegangen war, hatte ich weder deren bronzebeschlagenen Eingang noch die reich verzierte Fassade bemerkt. Schließlich ist die auch zurückgesetzt, und davor hat sich die noble Cocktail-Bar Napoleone breit gemacht. Es gibt auch keine der Informationstafeln, wie sie an vielen historisch interessanten Orten von der Pariser Stadtverwaltung platziert sind, und noch nicht einmal ein Schild, das Auskunft geben würde, wer hier residiert.

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Hinter diesem geheimnisvollen und eher abweisenden Äußeren stößt man aber –wenn man Glück hat und einem das Tor geöffnet wird-  auf einen verborgenen Schatz: Das Hôtel Païva ist das einzige noch erhaltene Stadtpalais aus dem second empire, also der Zeit Napoleons III.  vor 1870,  auf den Champs-Elysées. Diese hatten noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren eher ländlichen Charakter bewahrt. Die bessere Gesellschaft besuchte einen der im Grünen gelegenen Tanzpaläste wie das Mabille, in dem die Polka und der Cancan erfunden wurden. Und es war eine Promeniermeile, auf der die Kutschen zum Bois de Boulogne fuhren.  Im zweiten Kaiserreich entwickelten sich die Champs Elysées dann zum „haut-lieu de la vie élégante parisienne.“ Eine Geldaristokratie von Bankiers und Industriellen errichtete entlang der Avenue luxuriöse Villen im historisierenden Stil. Eine davon, die einzig erhaltene, war das Hôtel Païva, ein wahrhaftiges Märchenschloss, wie man es sich phantastischer kaum ausmalen kann. Ein dreistöckiges Gebäude, unten repräsentative, überreichlich ausgestattete Salons für die Gäste, oben die Privaträume von Hausherr und Hausherrin, ebenfalls vom Feinsten dekoriert, und unter dem Dach –so wie es im Paris des Baron Haussmann üblich wurde- die Räume der Bediensteten.

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Der große Saal

Besonders phantastisch ist im oberen Stockwerk das Badezimmer im maurischen Stil:

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Von den drei Hähnen der eisernen Badewanne soll einer für Eselsmilch oder Champagner bestimmt gewesen sein.

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Und natürlich waren die ursprünglich nicht so schlicht wie auf dem Foto, sondern mit Edelsteinen verziert, vielleicht Türkise oder Rubine, da gibt es unterschiedliche Versionen. Eine weitere, 900 Kilogramm schwere  Badewanne war aus einem einzigen Onyx-Block gefertigt. Onyx- der nordafrikanische Marmor- war gerade erst einige Jahre vorher in einem römischen Steinbruch nahe Oran wiederentdeckt worden und wurde im zweiten Kaiserreich Napoleons III. aufgrund seines großen Wertes nur zur Ausschmückung der allerfeinsten Häuser verwendet.

Download Onyx Badewanne

Das Schlafzimmer darf dahinter natürlich nicht zurückstehen. In einer mit  einer Geburt der Venus –was sonst?- ausgemalten Nische stand –heute leider nicht mehr- wie ein Altar das extravagante Bett, das ebenfalls das Motiv der aus einer Muschel steigenden Venus aufgreift.

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161 Bett der Paiva

Wie die Badewanne ist auch die grandiose und weltweit wohl einzigartige theatralische Treppe aus Onyx gefertigt, die das Zentrum des weitläufigen Gebäudekomplexes bildet. Nicht nur die Stufen und das Geländer, sondern auch die Wände sind aus Onyx, die  Nischen sind geschmückt mit Marmor-Statuen im Stil von Antike und Renaissance…

81 Vergil Dante Petrarqua im Treppenhaus 110 Treppe von unten

Der Skupturenschmuck ist bewusst gewählt: Die Statuen stellen Dante, Vergil und Petrarca dar, dazu gibt es die Büste eines römischen Kaisers  und ein Medaillon-Relief der schönen Meeresgöttin Amphitrite, die auf einem als Brautwerber ausgesandten Delphin zur Vermählung mit Poseidon reitet: Schönheit, Macht und Kultur sind hier also programmatisch versammelt.

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Zu diesem Märchenschloss passt auch das nicht weniger märchenhafte Leben der Frau, die dort residierte und dem Hôtel de Païva ihren Namen gegeben hat. Geboren wurde sie 1819  in Moskau als Esther bzw. Thérèse  Lachmann,  Tochter des armen, aus Polen stammenden jüdischen Webers Martin Lachmann und seiner Frau Anna Amalie Klein. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie den am Rand des jüdischen Ghettos wohnenden französischen Schneider François Villoing, mit dem sie ein Kind hatte. Thérèse war ausgestattet mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „sensuelle et dangereuse beauté“, ja sogar einer „beauté de diable“. Dass die Schönheit der jungen Dame als gefährlich bezeichnet und sogar mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, lässt ahnen, dass es nicht bei einem trauten Familienleben mit dem Moskauer Schneider bleiben wird:  Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit ließ Thérèse  Mann und Kind in Moskau zurück und machte sich in Begleitung eines Liebhabers nach Paris, in die Stadt ihrer Träume, auf.  In ihrem Tagebuch berichten die Gebrüder Goncourt eine phantastische, romaneske  Version dieser Fahrt:  Stationen seien Wien und Constantinopel gewesen, wo sich Thérèse habe verkaufen müssen, um ihre Fahrtkosten zu bezahlen. Dort sei sie  von Agenten des Sultans entführt und in einem Harem eingeschlossen worden, aus dem sie sich aber habe befreien können. Auf einem Handelsschiff sei sie nach Amsterdam und von dort aus schließlich nach Paris gekommen (AD, 28/29). Hier  erwarb sie sich schnell einen hervorragenden Ruf als „lorette“, wie die Pariser Prostituierten damals genannt wurden, weil sie vornehmlich im Umkreis der Kirche Notre-Dame-de-Lorette ihre Dienste anboten. Schließlich wurde sie die Mätresse von Henri Herz, einem international gefeierten Pianisten, Komponisten und innovativen Klavierbauer. Er führte sie in die bessere Pariser Gesellschaft ein und machte sie u.a. mit Liszt, Wagner und Théophile Gautier bekannt, der ihr lebenslanger Freund und Vertrauter wurde. Aber auch die Beziehung zu Herz war nicht von langer Dauer, wofür vor allem  ihr Hang zu Luxus und Verschwendung und ihr entsprechend ungehemmter Zugriff auf das Vermögen ihres Liebhabers verantwortlich waren. Verständlicher Weise  war seiner Familie diese Liaison ein Dorn im Auge und sie nutzte 1848 die Gelegenheit einer längeren Konzertreise von Henri Herz dazu, Thérèse vor die Tür zu setzen. Krank und mittellos machte sie sich nach London auf, wo sie die Mätresse einiger Lords wurde, aber auch Kontakte zu anderen reichen Männern nicht verschmähte. Eine ihrer Eroberungen war der reiche Bankier Alphonse Gaiffe, von dem sie, wie berichtet wird,  20000 Francs gefordert habe, die sie dann  während des Schäferstündchens nach und nach in Flammen aufgehen ließ. Allerdings habe Gaiffe vorgesorgt und sich mit gefälschten Scheinen zum Rendezvous begeben…

Zurück aus London mietete sie eine Wohnung an der Place St. George in einem noblen Stadtpalais, dessen Fassade mit Statuen im Stil von Gotik und Renaissance reich verziert war. Für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich, eine Informationstafel der Stadt Paris informiert aber über die Geschichte dieses Hauses, das bis heute „Hôtel Païva“ heißt – auch wenn es nicht das eigentliche Hôtel dieses Namens ist. Die Place St. George lag in dem Nouvelle Athène genannten aufstrebenden Viertel der Künstler und Intellektuellen (heute 9. Arrondissement), in dem George Sand, Musset, Chopin und die Brüder Goncourt wohnten.

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Hier führte Thérèse das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene des second empire, mit vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, zum Teil bis ins Kaiserhaus hinauf.  Thérèse muss also eine mysteriöse Aura und Anziehungskraft gehabt haben, um sich solche Männer zu lebenslangen Vertrauten zu machen (AD, S. 67 und 96).

Aber es fehlte ihr immer noch an voller gesellschaftlicher Anerkennung, wie folgende Episode –mit ungesichertem Wahrheitsgehalt- zeigt: Sie habe, noch zu Zeiten ihrer Beziehung zu Henri Herz, diesen zu einer Einladung des Königs Louis-Philippe in die Tuilerien begleitet. Dort sei ihr –obwohl sie allgemein als Madame Herz firmierte-  signalisiert worden, dass sie draußen zu bleiben habe: aus Gründen, die „Madame“ gut kennen müsse… (AD, 48). Da traf es sich gut, dass nach der Trennung von Herz und ihrer Rückkehr aus London  ein reicher Portugiese der schönen Thérèse verfiel: Der Marquis Albino Francisco de Araújo de Païva. Ob es sich wirklich um einen Adeligen handelte, scheint nicht ganz klar zu sein. Unterschiedlich sind auch die Darstellungen, was seine damalige finanzielle Lage anging: Ob er noch der reiche Erbe des in Macao angehäuften elterlichen Vermögens war oder schon bis zum Hals in Schulden steckte. Auf jeden Fall hatte er –zu Recht oder Unrecht- einen respektablen Namen. Und auf den hatte es Thérèse abgesehen. Da gerade rechtzeitig der Moskauer Schneider verstarb, konnte die verwitwete Madame Villoing am 8. Juni 1851 den portugiesischen Marquis heiraten.

Aber schon am Tag nach der Hochzeit soll die frischgebackene Marquise de Païva ihrem Mann das Kündigungsschreiben ausgehändigt haben: Er habe erreicht, was er wolle und sie zu seiner Frau gemacht. Sie trage jetzt seinen Namen. Also seien sie quitt. Nachdem sie ihren Part ehrenhaft absolviert habe, solle er jetzt nach Portugal zurückkehren, was er auch tat.  Mit dem Marquis de Païva nahm es dann ein schlimmes Ende:  Wieder in Paris und völlig ruiniert soll er seine Freunde zu einem Gelage ins Maison Dorée eingeladen haben, und dann schoss er sich – und das scheint verbürgt zu sein-  eine Kugel in den Kopf…

Ganz anders Thérèse-Pauline-Blanche, wie sie sich jetzt als  frischgebackene Marquise  von Païva nannte, deren Aufstieg sich unaufhaltsam fortsetzte. Zunächst kaufte sie sich ein Grundstück auf den Champs-Elysées – der Legende nach genau dort, wo sie einmal von einem wenig galanten Liebhaber aus dem Fiaker geworfen worden war. Und mit dem Kauf dieses Grundstücks an den aufstrebenden Champs schuf sie die Voraussetzung, das zu erfüllen, was sie 1848, verlassen von Henri Herz, krank und mittellos, sich und ihrem Vertrauten, dem Schriftsteller  Théophile Gautier, geschworen hatte, bevor sie sich nach London aufmachte: „Si j’en reviens, je veux avoir aux Champs-Elysées, le plus bel hôtel de Paris.“ (Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf den Champs-Elysées das schönste Stadtpalais von Paris haben). Für das erträumte Märchenschloss reichte ihr Geld aber dann doch nicht. Und da kommt nun der deutsche Märchenprinz ins Spiel: Der Reichsgraf und spätere Fürst Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel von Donnersmarck, kurz auch:  Guido Henckel von Donnersmarck.

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Donnersmarck war einer der reichsten Männer seiner Zeit. Von seinem Vater hatte er umfangreichen Grundbesitz in Schlesien und Osteuropa geerbt, dazu zahlreiche Bergwerke und Eisenhütten in Oberschlesien, das sich damals zu einer bedeutenden Bergbauregion entwickelte. Dieses Erbe vermehrte Donnersmarck sehr zielstrebig, wobei er sich als einer der ersten Adligen auch Fremdkapital beschaffte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Belgien. Dem Aufsichtsrat einer seiner Aktiengesellschaften gehörte sogar der Halbbruder von Napoleon III. an. So wird es zu erklären sein, dass Donnersmarcks Wege öfters auch nach Paris führten. Dort –so jedenfalls die anscheinend wahrscheinlichste Version- wurde der Marquise von Païva bei einem Opernbesuch der 25-jährige Guido vorgestellt. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick oder -noch treffender in der französischen Ausdrucksweise: ein coup de foudre, ein amouröser Blitzschlag. Für Guido war die schöne, geistreiche, gesellschaftlich gewandte und geschäftstüchtige Païva ein Geschenk des Himmels. „Sa science amoureuse dans l’intimité“ wird sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Aber sie war für ihn eine Frau ohne Vergangenheit und so redete er sie mit dem Vornamen an, den sie bisher noch nie benutzt hatte: Blanche. Für sie war Guido von Donnersmarck ebenfalls ein Geschenk des Himmels: jung, stattlich, „d’une grande beauté“; eine Erscheinung, die sehr gut in das romantische Milieu des Neuen Athens passte, dabei aber ein Mann von echtem und höchstem Adel und größtem Reichtum. Problematisch war allerdings der große Altersunterschied von 11 Jahren. Aber da wusste die Païva Abhilfe: Sie ließ ihre Geburtsurkunde fälschen: Aus 1819 wurde 1826 (siehe auch die Ahnentafel Anmerkung 4), und da waren es nur noch erträglichere 4 Jahre Unterschied… Aber neu geboren war die Païva seit ihrem Zusammentreffen mit Donnersmarck ja tatsächlich, denn damit endete ihr bisheriges Leben als „Lebedame“ und ein neues Leben an der Seite Donnersmarcks begann für sie. Und zwar wirklich kein schlechtes:

Zunächst kaufte Guido seiner Geliebten als Sommersitz das westlich von Paris gelegene Schloss Pontchartrain, das von keinem Geringeren als dem großen Mansart neu erbaut, von dem Architekten Pierre Manguin renoviert und von Blanche neu eingerichtet wurde und in dessen Park sie nach Herzenslust –zum Befremden ihrer Bediensteten: in Männerkleidung- ausreiten konnte. Das schmiedeeisernen Tor ist mit Krone und den Initialien D und G geschmückt, was zu dem Reichsgrafen Guido von Donnersmarck passen würde. Inzwischen gehört das Schloss irgendeiner anonymen Gesellschaft. Die ist so anonym, das es nicht einmal ein Schild des jetzigen Eigentümers gibt. „On ne visite pas“, wie es auf der homepage des Ortes Pontchartrain heißt, auch wenn das Schloss seine Hauptsehenswürdigkeit ist. Wir mussten also, als wir kürzlich hinfuhren, draußen bleiben, denn über die in Frankreich meistens und hier auch erforderliche Sesam-öffne-dich- Zahlenkombination verfügen wir natürlich nicht. Aber immerhin sprangen zwei Rehe zu unserer Begrüßung über die „Le-Nôtre-Perspektive“. Da hatten wir aber unsere Fotos noch nicht gezückt. Gerne hätten wir natürlich auch einen Blick in den weitläufigen Park hinter dem Schloss geworfen und nachgesehen, ob es die Gewächshäuser noch gibt, in denen auf Anordnung der Païva das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse gedieh, so dass sie auch im Winter ihren Gästen frische Erdbeeren servieren konnte- der Postager du roi Ludwigs XIV. in Versailles lässt grüßen

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Aber dann gab es da ja noch das Grundstück auf den Champs Elysées und das Gelübde der Thérèse von 1848, dort das schönste Haus von ganz Paris zu errichten. Und natürlich war es für Guido von Donnersmarck eine Selbstverständlichkeit, seiner Geliebten auch die Erfüllung dieses Gelübdes zu ermöglichen. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit der Planung beauftragt wurde der  Architekt Pierre Manguin, der schon Pontchartrin renoviert hatte. Und für die opulente Innenausstattung wurde fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte bzw. kostbar war. “Die größten Künstler der Epoche haben“, wie es in einer Führungsankündigung heißt, „an den vergoldeten Holzschnitzereien, den Skulpturen und Gemälden gearbeitet. Der strahlende Reichtum der Ausstattung, des Marmors, der Bronzen, der Keramiken und Mosaiken haben dieses Hôtel zur Legende gemacht.“ Den Auftrag für das Deckengemälde im große Salon erhielt beispielsweise Paul Baudry, der danach berühmt wurde durch die Ausmalung des Foyers  der Opéra Garnier. Und es ist durchaus denkbar, dass Garnier, der zum Bekanntenkreis der Païva gehörte, in ihrem Hôtel Baudry für sich entdeckte.

Als Thema für das Deckengemälde wählte Baudry Der Tag vertreibt die Nacht – und als Modell für die Nacht soll die Païva höchstpersönlich  Modell gestanden (oder gelegen)  haben; ebenso für die  aus blütenweißem Marmor gefertigte Allegorie der Musik auf dem Kamin im großen Salon. Deren Schöpfer war Eugène Delaplanche, ebenfalls ein prominenter Künstler des second empire,  der wie Baudry später auch an der Ausgestaltung der Pariser Oper mitwirkte.

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Es erscheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass bei der Aufzählung der an der Ausschmückung des Stadtpalais beteiligten Künstler teilweise auch der junge Auguste Rodin genannt wird: Das ist aber sicherlich eine der vielen Ungenauigkeiten und Übertreibungen, auf die man immer wieder stößt, wenn es um die Païva und ihr Märchenschloss geht. Unzweifelhaft beteiligt war dagegen der junge Jules Dalou, der große Bildhauer der Dritten Republik, der unter anderem die repräsentative Figurengruppe auf der Place de la Nation gestaltete.

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Hier im Hôtel Païva verdiente er sich seine ersten künstlerischen Sporen und arbeitete am Skulpturenschmuck mit und angeblich soll er sogar das Venus-Muschel-Bett geschaffen haben, das dann von Baudry ausgemalt wurde (AD, 124). Dass auch Rodin genannt wird, hängt vielleicht damit zusammen, dass Dalou mit Rodin sehr eng befreundet war: Rodin hat auch eine Bronzebüste von ihm gestaltet, die im Musée Rodin in Paris zu sehen ist –eine weitere im wunderbaren Musée La Piscine in Roubaix. Und warum hätte nicht auch noch der junge Rodin zur Ausstattung des Hotels Païva beitragen sollen?

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Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Manguin und die Païva das Hôtel nicht mit Antiquitäten ausstatteten, sondern durchweg Künstler ihrer Zeit beauftragten: erfahrene und renommierte, gleichzeitig aber auch noch junge, aufstrebende Künstler wie Baudry und Dalou. So konnte das Hôtel de Païva zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk des second empire werden.

Die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt verfolgte den 10 Jahre dauernden Bau mit größtem Interesse, aber auch mit einiger Häme. So bemerkte Le Figaro während derBauarbeiten, auch wenn das Hôtel noch nicht fertiggestellt sei, könne „Madame la Marquise de Païva“ schon einziehen und fügte dann zur Begründung anzüglich hinzu, das Trottoir sei ja schon fertig.

Aber als 1866 das Märchenschloss eingeweiht wurde und Donnersmarck und die Païva zu Tee, Dîners oder Festen einluden, drängelte sich dann doch „tout Paris“: Aus Neugierde auf das Haus, wegen der erlesenen Speisen mit den frischen Zutaten aus Pontchartrain; teilweise sicherlich auch wegen möglicher geschäftlicher oder politischer Kontakte mit Donnersmarck. Vor allem aber kam man wegen der anregenden und unterhaltsamen Hausherrin. Immerhin war die Païva sehr sprachbegabt: Als sie nach Paris kam, sprach sie schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Polnisch; Während der Beziehung zu Herz kamen dann noch das Englische dazu – und natürlich das Klavierspiel. In seinen Mémoires d’un Parisien berichtet Georges Duval, diese „diablesse de femme“ habe die ganze Welt gekannt, alle Bücher und alle Zeitungen gelesen. Sie erzähle Anekdoten aus Polen, russische Aperçus, Londoner Skandale. Sie wisse alles über die Pariser Gesellschaft. Außerdem sei sie eine vollendete Musikerin. Bei seinem Besuch habe sie sich an den Flügel gesetzt und die Ouvertüre von Bellinis Oper Norma mit einer Intensität gespielt, die alle Anwesenden bezaubert habe (AD,130). Der zum engen Freundeskreis der Païva zählende Kunstkritiker Arsène Houssaye war voll des Lobes über die geistvollen Unterhaltungen an ihrer Tafel. Niemand erlaube es sich, die Ohren mit Allgemeinplätzen und Altbekanntem zu belästigen.  Langweiler, die da nicht mithalten könnten, hätten die Chance weiterer Einladungen verspielt.[1] Einige Besucher sahen das aber ganz anders wie der Maler Eugène Delacroix, der in seinem Journal festhielt, er habe bei der „fameuse comtesse de Païva“ gespeist. Der ganze fürchterliche Luxus missfalle ihm. Von einem solchen Abend bleibe keine Erinnerung zurück, man sei am folgenden Tag nur schwerer, „voilà tout“ (AD 137). Aber das hinderte ihn durchaus nicht daran wiederzukommen… Und manche Besucher kamen wohl vor allem, um sich hinterher genüsslich die Mäuler zerreißen zu können wie die Gebrüder Goncourt in ihrem Journal:  Sie nennen das Haus ein „Louvre du cul“ oder ein „Haus der Prostitution“, das mit einem schlechten Rennaissance-Geschmack völlig überladen sei und nur den Reichtum der Hausherrin in Szene setzen solle. Das Essen sei gut, aber gewönlich, nichts was den Gaumen überraschen würde, was man doch bei einer Courtisane erwarten könne. Den Café habe man im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses eingenommen.  Der sei nach dem Muster von Pompei gebaut, wozu die Statue der Aphrodite passt, die Göttin der Schönheit und Liebe, die sich in einer Nische im Spiegel bewundert.

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Aber auch das konnte die Goncourts nicht gnädig stimmen: Offensichtlich fühlten sie sich gestört von der Musik des nahe gelegenen Tanzpalastes Mabille; also auch daneben. Die Païva ist und bleibt für die Goncourts eine in die Jahre gekommene Kurtisane, die sie in allen Einzelheiten genüsslich-bösartig beschreiben. Entsprechend war auch die Sicht des Dramatikers Emile Augier, der gebeten wurde, etwas über die allgemein bewunderte Treppe zu schreiben, auf der die Païva ihre Gäste empfing. Der bemerkte nämlich trocken: „So wie die Tugend hat auch das Laster seine Stufen.“[2]

Aber dessen ungeachtet: Aus der kleinen Moskauer Jüdin war „die Königin der Champs-Elysées“ geworden, deren Empfänge legendär waren  und die sich mit ihrem lover feiern und bewundern ließ.

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       Adolphe Joseph Thomas Monticelli: Une soirée chez la Païva

Selbst 50 Jahre später war die Legende des Hotel  Païva  offenbar noch lebendiger Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Auf der Bühne der Folies Bergères 1923 stellten einige Herren und zahlreiche Damen mit oder ohne Reifrock die inzwischen legendär gewordenen abendlichen Soupers im Hôtel Païva nach.[3]

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Der Graf von Donnersmarck ließ sich von allem Gerede und allem Naserümpfen aber nicht beirren: Er genoss ganz offensichtlich das glanzvolle Pariser Leben, um das ihn die  mit ihren Kartoffeln und Runkelrüben beschäftigten ostelbischen Standeskollegen sicherlich –wenn auch wohl eher insgeheim-  beneideten. Und Guido hielt sich dabei nur an das wunderbare Motto derer von Donnersmarck: Memento vivere! Ein, wie ich finde, ziemlich bemerkenswertes Motto eines streng-protestantischen ostelbischen Adelsgeschlechts. Guido von Donnersmarck vergaß also bei all seinem ganz und gar nicht verstaubten geschäftlichen Engagement, das ihn von der Mehrheit seiner Adelsgenossen ebenfalls völlig unterschied, nicht das Leben: Und das verkörperte für ihn die Païva: Also keine flüchtige Affäre für die Zeiten seiner Aufenthalte in Paris, sondern die Frau seines Lebens. Donnersmarck ließ also seine Beziehungen und seine finanziellen Mittel spielen und erreichte schließlich, dass 1870 vom Heiligen Stuhl die Ehe der Païva mit dem portugiesischen echten oder falschen Marquis annulliert wurde. Dass die Begründung etwas dubios war, spielte dabei keine Rolle. Donnersmarck hatte nun freie Bahn und war 1871 souverän genug, seine Blanche zu heiraten, wobei, wie schon bei der Heirat mit dem portugiesischen Marquis wieder Théophile Gautier der Trauzeuge war.  Natürlich war das eigentlich eine Mesalliance, aber die konnte er sich offenbar leisten- und immerhin wurde in den Adelsregistern die Sache ein bisschen aufgehübscht, indem aus dem Vater der Esther/Thérèse/Pauline/Blanche,  dem armen Moskauer Weber Lachmann,  ein veritabler Tuchfabrikant gemacht wurde.[4] Und in dem zur Heirat ausgestellten Dokument des evangelischen Pastors der église de la Rédemption in Paris, in der die Trauung stattfand, wird aus dem ersten Ehemann der Païva, dem Schneider Villoing, ein Bankier, und aus dem Vater ein „capitaliste“… Das konnte sich immerhin sehen lassen (AD, 161).

1870/1871 war aber nicht nur ein privater Wendepunkt für die Païva und Donnersmarck, sondern es war auch die Zeit des deutsch-französischen Krieges.  Und Donnersmarck als ostelbischer Magnat und politisch engagierter Konservativer, gleichzeitig aber auch als Kenner Frankreichs mit vielfältigen Beziehungen zu diesem Land, wurde damit zu einem wichtigen Ansprechpartner Bismarcks. Der sei, so eine der durch das Internet geisternden Behauptungen, sogar sein Cousin gewesen – und die Païva damit durch ihre Heirat mit Donnersmarck die Cousine des Reichskanzlers.  Aber das ist eine der vielen sich um die Païva rankenden Legenden. Zutreffend ist jedoch, dass Bismarck Donnersmarck zunächst zum Stadtkommandanten von Metz, dann übergangsweise zum Gouverneur des Bezirks Lothringen ernannte und ihn für die Frankfurter Friedensverhandlungen mit Frankreich engagierte. Dort war Donnermarck –zusammen mit Bismarcks Bankier Bleichröder- vor allem für den wirtschaftlichen Teil des Vertrags zuständig. Dabei habe sich Donnersmarck in Kenntnis des französischen finanziellen Potentials für die Festsetzung einer nicht zu knapp bemessenen Kriegsentschädigung und für deren schnelle Zahlungsabwicklung eingesetzt. Seine Frau habe ihm dabei aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der Pariser Finanzkreise beratend zur Seite gestanden. Als am 10. Mai 1871 im Frankfurter Hotel Zum Schwan der „Frankfurter Friede“ zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde, war Graf Guido von Henckel-Donnersmarck auch dabei. (5)

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Nach dem Krieg war die Lage des Paares in einem Klima grassierender Germanophobie allerdings ziemlich prekär. 1872 soll die Païva beispielsweise bei einer Opernaufführung ausgepfiffen worden sein, worauf der französische Ministerpräsident Thiers höchstpersönlich an einem „Sühne-Dîner“ im Hôtel Païva erscheinen sei oder auch –eine andere Version- das Ehepaar Henckel in den Elysée-Palast eingeladen worden sei. Ein weiteres Indiz: 1873 erschien ein Theaterstück von Alexandre Dumas junior La femme de Claude, das nach der französischen Niederlage den patriotischen Geist stärken sollte: Claude ist ein genialer Erfinder und Vertreter der Menschlichkeit, dessen grandiose Kanone Frankreich unbesiegbar machen oder gar jeden neuen Krieg verhindern könnte. Aber hélas! Verheiratet ist er mit Césarine, einer Frau mit höchst dubioser Vergangenheit und ohne jede moralische Skrupel: Sie verrät das Geheimnis der absoluten Waffe an den Feind,  und so ist es nur allzu berechtigt, dass Claude ihrem finsteren Treiben ein Ende macht und sie tötet. Die Bezüge zur intriganten und –angeblich- nymphomanen antiken Messalina sind unverkennbar, für die Zeitgenossen aber wohl auch die Bezüge zur Païva. Sie habe ganz unverkennbar Dumas zur Gestaltung seiner verkommenen, landesverräterischen Césarine angeregt, die den Tod verdient habe.[6]  In der Tat wurde die Païva –allerdings ohne jede konkrete Grundlage- der Spionage für Deutschland bezichtigt. Nach dem verlorenen Krieg  herrschte in Frankreich geradezu eine Spionage-Hysterie: Ein Versuch zur Erklärung der schmählichen Niederlage. Keine guten Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des glanzvollen Lebens zu Zeiten des second empire. Auf Anraten ihres Mannes verließ Blanche also Paris und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Neudeck/Oberschlesien (heute Świerklaniec).  Dort hatten sich Henckel von Donnersmarck und die Païva von dem französischen Architekten Lefuel von 1868-1875 ein neues Schloss bauen lassen. Lefuel war im Second Empire u.a. Chefarchitekt des Louvre und zeichnete die Pläne für die beiden zum Tuileriengarten weisenden Seitenflügel des Louvre. Für die Schlossanlage in Neudeck standen Versailles und das Tuilerien-Schloss Pate: gewissermaßen eine Wiedergutmachung für den der „Madame Herz“ noch verwehrten Zugang.

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Das neue Schloss, das in den  1960-er Jahren abgetragen wurde, war eine der größten Schloss- und Parkanlagen des Deutschen Reiches. Dort starb die Païva am 21. Januar 1884. Guido liebäugelte wohl damit, das Hôtel als Erinnerung an seine von ihm bis ans Ende leidenschaftlich geliebte Frau von den Champs-Elysées nach Neudeck zu versetzen, was aber unrealistisch war, so dass er es verkaufte.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen erstand 1903 der  Travellers  Club, ein Ableger des gleichnamigen altehrwürdigen und noblen Londoner Clubs, das Anwesen, das heute noch weitgehend im Original erhalten ist und einen einzigartigen Eindruck von den Champs-Elysées des second empire vermittelt. Möchte man nach Lust und Laune Zugang zu dem Märchenschloss  haben, muss man  nur Mitglied des Clubs werden:  Es braucht dazu die Empfehlung von zwei Mitgliedern und die Bewährung in einer Probezeit, nach der die Vollversammlung über die Mitgliedschaft entscheidet. Ganz billig ist die natürlich nicht. Immerhin ist der Club nicht für Krethi und Plethi gedacht, und es müssen immerhin das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und das Personal unterhalten werden, darunter ein veritabler standesgemäß uniformierter Butler.

Einfacher und billiger geht es  im Rahmen von Führungen. Die gibt es allerdings nur sonntags vormittags.  Die Führungen finden nicht  allzu häufig statt, die Gruppengröße ist begrenzt und eine vorherige Reservierung erforderlich. Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch auf jeden Fall. Die 20 Euro (10 Euro Eintritt, 10 E Führungsgebühr) lohnen sich!

Pour en savoir plus:

Janine Alexandre-Debray: La Païva. 1819-1884. Ses amants, ses maris. Paris: Librairie Académique Perrin 1986 (abgekürzt : AD)

http://www.freres-goncourt.fr/paiva/journalg.htm

http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/31-mai-1867-une-petite-juive-moscovite-devient-la-reine-des-champs-elysees-la-paiva-30-05-2012-1466926_494.php

Der beste Überblick über Führungen im Hôtel Païva: http://www.billetreduc.com/lieu/paris/hotel-de-la-paiva/ (Hier kann man sich rechtzeitig anmelden).

Anmerkungen

[1] Arsène Houssaye: “La causerie à l’hôtel Païva était toujour étincelante, imprévue, ruisselante d’innouïsme.“ Zit. AD, 133

[2] Ainsi que la vertu, Ie vice a ses degrés.‘ Zit. in: http://www.parisdeuxieme.com/2007/05/hotel-de-paiva-champs-elyses.html.

[3] Umberto Brunelleschi: un souper chez la Païva

[4] Paris 1871 Blanche (1826–84), T d. Tuchfabr. Martin Lachmann u. d. Anna Amalie Klein, 2) Wiesbaden 1887 Katharina (1862–1929), T d. russ. Staatsrats Wassili Alexandrowitsch Slepzow (russ. Adel) u. d. Sophia Filippowa Christianowitsch (russ. Adel) in:  http://www.deutsche-biographie.de/sfz29662.html

[5]  Bild aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2921, S. 39. Graf Guido ist zweiter von links.

[6] http://www.fabula.org/colloques/document1296.php und AD, 179 f

Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel der Revolutionäre

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese  glanzvolle Periode des Viertels.

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://paris-blog.org/?s=Faubourg+Saint+Antoine+Holzhandwerk

Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels:  In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel  eine wesentliche Rolle.

Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.

Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen  der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja  auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:

Émeute qui éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.

Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst  mit in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.

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Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet

Reveillons Manufaktur litt aber  am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das  Überleben der Betriebe zu ermöglichen.  Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie  ein Lauffeuer verbreitete.  So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)

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Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous,  verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude  an und verjagten den Besitzer.

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Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.

In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese  historische Parallele verwiesen.  Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2)  Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.

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Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern

Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.

Hubert Robert

Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür:  Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben.  Die Befreier waren denn auch  etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)

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Und  dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen  Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:

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Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten  Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de  la Bastille einmündet,  sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt.  Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel  auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.

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Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden  eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:

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Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….

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In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.

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Auf  ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe  in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die  auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.

Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem  Batille-Platz dient.

324 Bude Place de la Bastille

Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).

Ein eindrucksvolles Bild  einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich  im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘  bekanntem  Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.

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In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels,  erinnert.

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Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….

…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass  dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.

Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.

Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren  allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten  vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals  beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.

IMG_3560 Pichio

Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.

Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:

„La barricade était livide dans l’aurore.   Et comme j’arrivais elle fumait encore;

Rey me serra la main et dit:   Baudin est mort.

Il semblait calme et doux comme    Un enfant qui dort;  Ses yeux étaient fermés,

Ses bras pendaient, sa bouche    Souriait d’un sourire héroique     Et farouche.

Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”

Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine  historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:

„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“ 

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Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…

Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber  in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:

Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“

Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen  Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen  Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue  Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine  Methode, die Haussmann  auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.

Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.

Schließlich  stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).

Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.

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Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:

C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de  Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la  fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…

Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse  ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la  Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre  les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!

Anmerkungen

(1) Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789. Um 1789.  Zugeschrieben Laurent Guyot    https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-saccage-de-la-folie-titon-pillage-de-la-maison-reveillon-au-faubourg#infos-principales

(2) Eric Vuillard, 14 juillet. Actes Sud 2016, S. 10 (Das erste Kapitel dieses sehr lesenswerten Buches heißt „La folie Titon“.

(3)  Les légendes révolutionaires: Le comte de Lorges http://www.vendeensetchouans.com/archives/2014/07/14/30254227.html

s.a. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6479943r.r=bastille.langFR

Erster Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:

Der Faubourg Saint- Antoine, Das Vierel des Holzhandwerks   https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.

POUR EN SAVOIR PLUS:

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php  (26.4.2020)

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php

Der Faubourg Saint-Antoine (Teil 1): Das Viertel des Holzhandwerks

Als wir 2009 daran gingen, uns –zunächst für ein Jahr- in Paris niederzulassen,  fanden wir eine Wohnung im Faubourg Saint-Antoine, einem uns bis dahin ganz unbekannten Viertel von Paris. Kein Wunder, denn in den meisten –jedenfalls älteren-  Stadtführern ist es überhaupt nicht erwähnt, weist es doch keine besonderen Sehenswürdigkeiten auf, keine spektakulären Bauwerke, kein Museum oder andere Attraktionen. Und um den Ruf des Viertels stand es auch nicht immer zum Besten. So hat Mark Twain  1869 das Viertel als “Gegenstück (zum) prunkvollen Versailles mit seinen Schlössern, seinen Statuen, seinen Gärten und Springbrunnen” wie folgt beschrieben:

„Kleine, enge Straßen; schmutzige Kinder, die sie versperrten; schmierige, schlampige Frauen, die die Kinder einfingen und verprügelten; dreckige Höhlen in den Erdgeschossen, mit Lumpenhandlungen darin (…), weitere dreckige Höhlen, in denen ganze Garnituren von Kleidung aus zweiter und dritter Hand zu Preisen verkauft werden, die jeden Inhaber ruinieren würden, der sein Lager nicht zusammengestohlen hätte; … In diesen kleinen, krummen Straßen bringt man für sieben Dollar einen Mann um und wirft die Leiche in die Seine…  In diesem ganzen Faubourg St. Antoine gehen Elend, Armut, Laster und Verbrechen Hand in Hand, und die Zeugnisse dafür starren einem von allen Seiten ins Gesicht.  (zit. in: dtv Reise Textbuch Paris, 1990, S. 295/296).

Ganz anders das Wochenmagazin Le Point, das  in seiner Ausgabe vom 28. Oktober 2010 das 11. Arrodissement, zu dem ein großer Teil des Faubourgs gehört, mit diesen Worten beschrieb:

„Avec ses nombreux îlots qui ont résisté à la vague haumssmannienne, le 11e est un arrondissement qui a du caractère. Parfois frondeur, souvent héroïque, toujours accueillant, il port sa mixité comme un étendard. … L’arrondissement le plus dense de la capitale, qui abrite 152 000 habitants, continue de séduire. Aux artisans et aux ouvriers qui ont fait sa réputation viennent désormais se joindre des artistes, des intellos et de jeunes couples avec leurs bambins » – und natürlich –wie man ergänzen muss- sogar deutsche Pensionäre!  Wir haben jedenfalls in den  sechs Jahren, die wir im Faubourg wohnten  (von 2009 bis 2015) dieses Viertel immer besser kennen – und schätzen gelernt und es wurde  zu unserer zweiten Heimat.

Im Gegensatz etwa zu den noblen Faubourgs  St.Germain oder St. Honoré im Westen reiht sich am Faubourg St. Antoine kein grandioser Adelspalast an den anderen. Es gibt viele kleine Geschäfte, auch viele sog. Bazare mit billigen Sonderangeboten: Da haben wir zum Beispiel eine elektronische Küchenwaage für 3.50 €  und eine Küchenmaschine für 19.80 € gekauft, auf die es sogar 3 Monate Garantie gab.  Daneben gibt’s das chaotisch vollgeräumte Lädchen mit dem kleinen Chinesen, der das Messingschild (Mme et M. Jöckel) für unsere Wohnungstür hergestellt hat, dann den Blumenladen mit den Sträußen zu 3 € (5 Sträuße zu 10 €!), den nordafrikanischen Metzger, bei dem wir unser Lammfleisch kaufen, der schon in Gelnhausen und Hanau war und dessen Sohn, der ab und zu an der Kasse steht, sich freut, wenn man mit ihm deutsch redet, das er seit vier Jahren auf der Schule lernt. Und  natürlich gibt es das sog. Internet-Café, in dem wir öfters waren, solange wir noch keinen Internet-Anschluss hatten: ein enger Raum vollgestopft mit Telefonkabinen und PCs, in dem meist ein babylonisches Sprachgewirr herrschte und in dem es lebhaft  zuging wie auf einem Marktplatz. Vor allem wenn –wie öfters- die junge Russin da war, die mit ihrem lover  ziemlich laut und schrill „skypte“.

Typisch für das Viertel sind aber vor allem die kleinen Durchgänge und Höfe, in denen „antike“ Möbel  verkauft und manchmal auch noch hergestellt werden. Hier war nämlich früher das Viertel der Handwerker, die die Möbel  für die Adelspaläste im Westen der Stadt, aber auch für den ganzen französischen Adel hergestellt haben, ihre Waren aber auch weiter nach  Europa exportierten.

Dass der Faubourg-St-Antoine das Viertel der Kunst -Tischler wurde, hat natürlich auch historische Ursachen. Das ganze Viertel gehörte nämlich im Mittelalter zu dem Kloster Saint- Antoine- des- champs, und der Faubourg St-Antoine, an dem das Kloster lag,  war ein Teil der wichtigen, breiten Einfallsstraße vom Westen in das Zentrum von Paris, die schon auf die Römer zurückgeht und auf der die Könige –bis hin zu Ludwig XIV- von ihrem Schloss in Vincennes in die Stadt einzogen oder sich bei wichtigen Anlässen vom Volk feiern ließen

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Auf dem Merian-Stich von 1615 erkennt man im Vordergrund die Bastille und  die „place Royalle“, also die heutige place des Vosges. Links im Hintergrund ist das Schloss von Vincennes mit seinen Türmen und der „sainte chapelle“ abgebildet. An der Straße nach Vincennes liegt -in der Mitte des Bildes-  das Kloster S. Antoine des champs mit seinem sehr weitläufigen ummauerten Klosterbezirk. Der spitze Dachreiter auf der Vierung deutet darauf hin, dass es sich um ein zisterziensisches Kloster handeln muss.

In der Tat war St. Antoine des Champs  ein nobles zisterziensisches Damenstift,  das  im Laufe der Jahrhunderte viele Schenkungen und Privilegien erhielt: Zwei davon waren besonders wichtig: 1131 erhielt das Kloster nämlich das Privileg, Schweine zu halten, was gleichzeitig im Stadtgebiet von Paris verboten wurde. Anlass war ein grotesker Unfall von Philipp, dem Lieblingssohn und Mitregenten Ludwigs VI: Im Alter von 15 Jahren ritt er mit seinen Gefolgsleuten in Paris entlang der Seine, als plötzlich ein Schwein seinem Pferd zwischen die Beine lief. Philipp wurde über den Kopf seines Pferdes geschleudert und zog sich so starke Verletzungen zu, dass er am Tag darauf verstarb, ohne vorher das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Das Kloster St. Antoine erhielt nun das Privileg der Schweinehaltung: Die Schweine des Klosters hatten sogar -in 12-er Trupps und mit Glocken um den Hals- Aufenthaltsrecht in den Straßen der Stadt. (1) Dieses Privileg  mehrte erheblich den Wohlstand des Klosters.

Besonders folgenreich war dann ein weiteres Privileg, das das Kloster im Jahr 1471 unter der Regierung Ludwigs XI. erhielt: Damals wurden die im Bereich des Klosters angesiedelten Handwerker von den üblichen Zunftzwängen befreit, ein Privileg, das von Colbert 1657 erneuert wurde.  So entstand im Faubourg Saint-Antoine gewissermaßen eine „marktwirtschaftliche Insel“. Während die „zünftigen“ Schreiner nur Eichenholz verwenden durften, konnten die Werkstätten im Faubourg St-Antoine auch andere Holzarten verwenden, vor allem die Edelhölzer, die ab dem 16. Jahrhundert aus den neu entdeckten Kontinenten nach Europa kamen. Die Kunsttischler des Viertels werden deshalb ja auch ébénistes genannt.  Im Pariser Stadtmuseum (Hotel Carnavalet) sind auch zahlreiche Möbel aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt, von denen ein wesentlicher Anteil sicherlich aus dem Faubourg St. Antoine stammt. Bei einem kleinen Rundgang habe ich –nur stichprobenartig- die Verwendung von 18 verschiedenen Holzarten festgestellt! Dazu kamen dann auch noch andere Materialien wie Bronze, der damals sehr modische japanische Lack, Marmor und verschiedene Farben und Stoffe, die bei der Möbelherstellung verwendet wurden. So entwickelte sich in diesem Viertel eine Vielfalt von kleinen Betrieben rund um die Möbelproduktion.

Hier ein Detail eines im Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ausgestellten Paravent aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit Imitationslack (Vernis Martin) der Familie Martin  hergestellte Arbeit mit chinesischen Motiven.

Eine besondere Anziehungskraft übte der Faubourg Saint-Antoine auch für deutsche Handwerker aus. „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädt nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie  profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden  Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ (Pallach)

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.,  erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Man kann davon ausgehen, dass der elegante kleine Nachttisch auf dem Portrait der Madame de Pompadour von Boucher (Alte Pinakothek München) von Oeben angefertigt wurde. 

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame Du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete seine Witwe einen anderen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution  30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Und so kann Jean-Claude Bourgeois in seinem kleinen Führer durch den Faubourg Saint-Antoine feststellen, am Ende des 18. Jahrhunderts sei in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourgs ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen worden.   „Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres f+r eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten viele der in dem Viertel arbeitenden Handwerker aus Deutschland. Und sie waren auch ein wesentlicher Bestandteil des  revolutionären Potentials des Viertels, wie sich in den Revolutionen von 1830 und 1848 zeigte. (2)

Die meisten der von Oeben und Riesener angefertigten Möbel für den königlichen Hof wurden 1793/94 von den Revolutionären verkauft und sind heute in englischen und amerikanischen Museen ausgestellt. Immerhin existiert noch der berühmte Schreibtisch von Ludwig XV., der von Oeben begonnen und von Riesener vollendet wurde. Er ist heute im Schloss Versailles zu bewundern. 

Bureau du Roi von Oeben und Riesener, Marketerie und Ormolu, 1760-69 von Unbekannt Unbekannt

Seit 2021 gehört ein weiterer Sekretär aus der Gemeinschaftsproduktion von Oeben und Riesener mit wunderbaren Einlegearbeiten wieder zu dem Versailler Mobiliar.

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Sekretär der dauphine Marie-Josèphe de Saxe, 1763-1765

Schöne Möbelstücke von Riesener gibt es auch im sehr empfehlenswerten Museum Nissim Camondo am Monceau-Park zu sehen. Unter anderem diese raffinierte Commode, deren Schubladen durch einen  seitlich verschiebbaren bemalten Lamellen-Vorhang verdeckt sind.

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Kommode von Jean-Henri Riesener 

Eine weitere Riesener-Kommode ist seit Ende 2021 im neu eröffneten Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde zu bewundern. Die gehörte zum ursprünglichen Mobiliar, das aber während der Französischen Revolution zum größten Teil zerstört wurde. 2021 tauchte aber eine Riesener-Kommode wieder auf und wurde von einem Mäzen für 1,2 Millionen Dollar (!) ersteigert, dem Hôtel übergeben und damit wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Heimat der Kommode                                                                                                  

Insgesamt gab es im 18. Jahrhundert  etwa 800 Werkstätten im Faubourg, die mit der Produktion von Luxus-Möbeln beschäftigt waren. Zum Ruhm und Erfolg des Viertels trugen auch neue Möbelstücke bei, die hier erfunden wurden wie die Credenz oder Anrichte und vor allem natürlich die  Kommode. Erfunden wurde sie von André-Charles Boulle im Jahre 1662. Sie ersetzte die  alte Holztruhe, weil sie wesentlich praktischer und bequemer –commode- war, wie Boulles Frau spontan ausrief, als ihr Mann ihr seine Erfindung präsentierte: Mit Hilfe der Schubladen konnte man leichter Ordnung halten als in einer Truhe, und auf der Kommode war auch noch Platz für Vasen, kleine Statuen und andere schöne Dinge nach dem Geschmack der Zeit. Und weil die Befreiung vom Zunftzwang nicht auf Franzosen beschränkt war, entwickelte das Viertel auch eine große Anziehungskraft auf  unternehmungslustige und schöpferische Handwerker: Kunsttischler aus anderen Ländern wie Flandern, den Niederlanden und vor allem Deutschland: Doch zur revolutionären Geschichte des Faubourgs mehr im entsprechenden Folgebeitrag.

Dass gerade der Faubourg Saint- Antoine das Zentrum des Holzhandwerks wurde, beruht natürlich zunächst und vor allem auch auf seiner Lage in der Nähe der Seine-Kais, auf denen das die Seine herabgeflößte Holz gestapelt wurde. Im 16. Jahrhundert, als Paris, die größte damalige Stadt Europas, 300 000 Einwohner hatte, waren die Wälder in der Umgebung nicht mehr in der Lage,  den Bedarf der Stadt an Holz zu decken. Holz wurde vor allem für die Kamine benötigt, aber auch für den Hausbau und für die Herstellung von Möbeln. Die dafür erforderlichen riesigen Mengen an Holz wurden  deshalb aus den noch intakten  Wäldern des Morvan über die Yonne  und die Seine nach Paris geflößt. Zunächst wurden kleine „branches“, Flöße von 4 mal 4,5 m, zusammengebunden, dann, sobald die Breite und Tiefe des Flusses es erlaubten, „coupons“ von 4 branches und schließlich „parts“ aus 9 coupons. Ab Auxerre wurden dann ganze „trains des bois“ von 72 Metern Länge zusammengebunden und in 11 Tagen von 2 „flotteurs“ nach Paris geflößt. Dort wurden die „Holzzüge“ in der Nähe des Faubourg Saint -Antoine angelandet. Holz und Seile wurden verkauft, und die Flößer gingen zu Fuß nach Auxerre zurück, um von dort einen neuen Transport zu übernehmen. Pro Jahr waren das mehrere tausend solcher riesigen Holzzüge,  die letzten im Jahr 1877. Da hatte die Eisenbahn das Flößen als Transportmittel ersetzt.

Zur Produktionspalette des Faubourgs gehörten auch die  Tapeten, die mit speziell angefertigten Holzmodeln bedruckt wurden. Eine der größten europäischen Manufakturen für Tapeten (papier peint) war die königliche Manufaktur Reveillon, die in der Vorgeschichte der Französischen Revolution eine bedeutende  Rolle spielte. (Dazu mehr im nachfolgenden Beitrag über den „revolutionären“ Faubourg Saint-Antoine).  Darüber hinaus wurden  hier auch Spiegel produziert. Im 16. Jahrhundert war deren Herstellung ein venezianisches Geheimnis und Monopol. Ludwig XIV. beauftragte aber 1665 im Zuge seiner merkantilistischen Politik  seinen Finanzminister Colbert, eine königliche Spiegelglas-Manufaktur zu gründen mit dem Ziel, Frankreich von den venezianischen Importen unabhängig zu machen. Diese Manufaktur wurde im Faubourg St. Antoine, in der Rue Reuilly, angesiedelt. Sie erlebte ihre Blütezeit ab 1688, als in Frankreich ein neues Verfahren entwickelt wurde, das die Herstellung besserer und größerer Spiegel ermöglichte. Die königliche Manufaktur im Faubourg St-Antoine erhielt –auch um sie für bürgerliche Investoren interessanter und gewinnträchtiger zu machen- ein Monopol auf dieses Verfahren und dann vor allem den prestigeträchtigen Auftrag zur Ausstattung des Spiegelsaals im Schloss von Versailles. Die Vormacht der Venezianer in der Glas- und Spiegelproduktion war nun gebrochen. Im Jahr 1692 erhielt die königliche Spiegelmanufaktur  den Namen einer Produktionsstätte bei Laon: St. Gobain – inzwischen eines der größten französischen Unternehmen, das immer noch –auch in Deutschland- führend in der Glasproduktion tätig ist. Von dem früheren Standort ist heute allerdings nichts mehr zu sehen, immerhin gibt es davor  eine Erinnerungs-Tafel der Stadt Paris.

Noch 1955 war der Faubourg Saint-Antoine das größte Zentrum der französischen Möbelproduktion. Heute werden nur noch  in wenigen der Höfe in unserem Viertel  Möbel hergestellt bzw. wenigstens repariert, manche Möbelhersteller haben hier aber immerhin noch ihren Sitz oder einen Ausstellungsraum.

Ein schönes Beispiel ist (bzw war bis Ende 2018)  das Maison Stroesser im Cour St-Nicolas zwischen der Avenue Ledru Rollin und der Rue St-Nicolas.

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Gegründet wurde dieser Betrieb von einem elsässischen Handwerker, der nach dem deutsch-franzöischen Krieg 1870/1871 aus dem Elsass emigriert war, um nicht unter preußisch-deutscher Besatzung leben zu müssen.

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Danach gehörte der Betrieb der Familie Lepennec, die -wie wir festgestellt haben- sogar unsere Nachbarn in der Rue Maillard sind. Bevor wir das entdeckten, war ich schon oft bei Spaziergängen mit Paris-Besuchern dort vorbeigegangen, und anfangs hatte ich gedacht, der am Eingang postierte Hund sei aus Porzellan. Er war aber aus Fleisch und Blut und hieß Dagobert.  Die Firma Stroesser bot ein breites, hochwertiges Möbelsortiment an, das vom Patron nach Kundenwünschen entworfen und dann von auswärtigen Unternehmen produziert wurde.

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Es gab aber auch noch eine alte sympathische Werkstatt im Hof, in der Möbel repariert wurden und neue Möbel den letzten Schliff und die gewünschte Politur erhielten.

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Inzwischen (seit Anfang 2019) gibt es das Maison Stroesser und  diese Werkstatt nicht mehr. Wieder ein Stück der alten Ebenisten-Tradition des Faubourg Saint-Antoine, die verschwunden ist.

So wie auch dieser alte Tischler, den ich vor Jahren in einem der Handwerkerhöfe des Viertels  fotografiert habe:

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Er stellte sich in einem an der Eingangstür befestigten Blatt als  ébéniste, also  als Kunsttischler vor, dazu als Hedonist -de pére en fils-  und auch noch als  Ataraxist- eine erstaunliche Bezeichnung bei einem Menschen, der kaum eine klassische Bildung erhalten hat: Die Kombination dieser Selbstetikettierungen verweist auf den griechischen Philosophen Epikur, für den dauerhafte Lust nur der erfahren kann, dessen Verlangen auf das Notwendigste beschränkt ist.

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Das passt auch gut zu dem Eindruck dieser Werkstatt. Als ich das Foto machte, war der hedonistische Tischler allerdings bei einer wenig lustvollen Beschäftigung: Er schrieb gerade die Überweisung für einen Strafzettel wegen falschen Parkens…. Auch den alten Tischler gibt es aber inzwischen nicht mehr…

Wie lebendig und ausstrahlend diese Tradition gewesen ist, hat sich mir übrigens kürzlich (Mai 2018)  wieder eindrucksvoll bestätigt: Ein Schweizer, der auf diesen Beitrag aufmerksam  geworden war, hatte mich kontaktiert und mir von den Beziehungen seiner Familie zum Faubourg Saint-Antoine berichtet. Sein Großvater Oskar Bieder hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar zweimal bei Tischlern im Faubourg Saint-Antoine gearbeitet: Das erste Mal im Rahmen seiner Gesellenwanderung von 1882 bis 1885 bei dem Möbelhersteller G. Seuret, wie sein Wanderbuch ausweist.

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Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt das Selbstbewusstsein und den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Das übertrug dann Oskar Bieder auf die Kunsttischlerei, die er nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete.

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Sie firmierte unter dem dort ungebräuchlichen, aber programmatischen Namen Ébénisterie und wurde zur führenden Kunstschreinerei der Schweiz. Auch Hans Bieder, der Sohn und Nachfolger Oskar Bieders,  verbrachte Lehrjahre in Paris, unter anderem -wie sein Vater- bei der Firma Linke im Faubourg Saint-Antoine. Ich hatte die wunderbare Gelegenheit, mit dem Enkel von Oskar Bieder und dem Neffen von Hans Bieder einen Spaziergang durch das Viertel zu machen, an dessen Ende er mir ein Buch über die Kunstschreinerei Bieder in Liestal schenkte (Liestal 2016), dem die vorstehenden Bilder entnommen sind. Die Firma Linke gibt es allerdings nicht mehr. Allerdings fanden wir in einem alten Verzeichnis der ébénistes des Viertels, das uns der Patron der Maison Stroesser zeigte, noch einen entsprechenden Hinweis…

Doch nach diesem Exkurs zurück bzw. weiter mit unserem Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. Im Cour St. Nicolas hat sich -gegenüber der Werkstatt der Maison Stroesser- inzwischen eine Fahrradmanufaktur eingerichtet. Als ich kürzlich mit Besuchern dort war, machte der Chef gerade über Skype ein Interview mit einer Zeitschrift in Dubai. Aber eine freundliche Dame hat uns etwas herumgeführt und die Finessen der hier hergestellten Fahrräder erläutert. Sie kosten  dann allerdings auch zwischen 9000 und 20000 Euro! Abnehmer gibt es offenbar genug… Und dass die Felgen manchmal aus Holz sind, ist doch immerhin auch ein Anknüpfungspunkt an die handwerkliche Tradition des  Faubourg Saint-Antoine.

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Ein alter Handwerkerhof ist auch der Cour du Bel Air im Faubourg St. Antoine Nr.56, der glücklicherweise immer zugänglich ist.

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Man sollte sich durch das Schild cour privé nicht abschrecken lassen und durch die Toreinfahrt in den begrünten Innenhof gehen. Dort wurde früher das von den Seine-Kais herangebrachte Holz gelagert, das für die Handwerker des Viertels bestimmt war. Heute parken da eher Autos, aber die entsprechenden Begrenzungen lassen sich noch gut erkennen.

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Auf der linken Seite des Hofs fällt zwischen den Pflastersteinen ein großer Steinblock auf: Angeblich soll der den Musketieren, die in einer benachbarten Kaserne untergebracht waren, als Spieltisch gedient haben. In einem Büchlein über „Paris secret et insolite“ (Paris 2012) wird er deshalb auch als „pavé des Mousquetaires“ bezeichnet (S. 147). Legenden sind oft einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden, auch wenn ihr Wahrheitsgehalt ungewiss ist…

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 Lohnend ist auch ein Blick in das schöne alte Treppenhaus G mit seiner unter Denkmalschutz stehenden Holztreppe – und nicht versäumen sollte man es auch, sich den hinteren zweiten Hof anzusehen: Da bekommt man einen Eindruck davon, was man aus solchen alten Gemäuern machen kann, wenn man Geschmack und genug Geld hat. Von dem Holzhandwerk, das hier heimisch war, ist heute nichts mehr zu sehen.

Dafür  hatte sich in dem Hof  (in der linken hinteren Ecke versteckt) ein nobler Couturier niedergelassen, der auf Bestellung und auf Maß sehr feine Damengarderoben vor allem für Kundinnen mit nordafrikanischem „Migrationshintergrund“ anfertigte. Man konnte ihm bei der Arbeit zusehen, zum Beispiel wenn er Pailletten auf einem Abendkleid befestigte, und wenn er nicht unter Zeitdruck war, zeigte er auch gerne Fotos von seinen Kreationen.

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Bei meinem letzten Besuch in dem Hof war die Werkstatt allerdings leergeräumt- schade. Leider gab es  keinen Hinweis, was aus dem Couturier geworden  ist – vielleicht ist er ja in größere Räume umgezogen, denn nach seinen Angaben konnte er in mit seinem ganz speziellen Nischen-Angebot gut leben.

Hochspezialisierte Handwerksbetriebe gibt es im quartier auch in anderen Bereichen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein kleiner unscheinbarer Lederhandwerks-Laden in der abgelegenen  rue Titon, in der es wenig andere Geschäfte und keine „Laufkundschaft“ gibt. Mit ihm habe ich auf etwas kuriose Weise Bekanntschaft gemacht. Bei einem unserer Koffer war eine Naht aufgeplatzt. Ich bin also damit zu einem Schuster, der aber nicht über das erforderliche Werkzeug verfügte und mich an den Laden in der rue Titon verwies. Der Inhaber empfing mich sehr freundlich, sah sich den Schaden an und meinte dann, der Arbeitsaufwand sei zu groß, eine Reparatur lohne sich also nicht. Wenn ich aber wolle, könne ich mich in seine  Werkstatt setzen, er würde mir die erforderlichen Werkzeuge geben und mich einweisen, sodass ich das selbst machen könne. So geschah es dann auch.

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Bei der Arbeit erfuhr ich dann auch etwas, wie er mit einem so abgelegenen Laden überleben kann. Er erzählte mir, dass es sich um einen alteingesessenen Familienbetrieb handele, dass er über spezielle Werkzeuge und ein know-how verfüge, das es sonst kaum noch gäbe. Von großen Modehäusern erhalte er Aufträge für Sonderanfertigunngen für Modenschauen oder haute-couture- Kollektionen. Das werde gut bezahlt und eröffne ihm auch den Zugang zu weiteren Kunden.

Ein lange Zeit ziemlich heruntergekommener und zum Abriss bestimmter alter Handwerkerhof ist der Cour de l’Industrie in der Rue de Montreuil., ein einzigartiges Ensemble.  Dort haben einige Handwerker und Künstler unter ziemlich desolaten Bedingungen überlebt. Aber inzwischen hat die Stadt Paris sich der Höfe- es sind insgesamt drei aufeinander folgende- angenommen, sie unter Denkmalschutz  gestellt und mit großem Aufwand ein Sanierungsprogramm gestartet, das im Februar 2017 abgeschlossen wurde.

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Das Ergebnis ist beeindruckend und zeigt, dass -zumindest mit öffentlicher Hilfe- auch „normale“ Handwerker eine Sanierung „überleben“ können.

Da, wo jetzt das neue  weiße Gebäüde steht, war früher der Platz der Dampfmaschine, die die drei  Höfe mit Strom versorgte. Jetzt sind dort Ateliers für Künstler entstanden.

Und  nochmal zum Vergleich der  vorherige Zustand:

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und nachher:

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Zum Teil sind die alten Handwerkerhöfe im Faubourg  für die Bobos (bourgeois-bohème) edel herausgeputzt. Das ist ein Aspekt des „embourgeoisement“, dem das Viertel seit Jahren unterliegt. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich renovierte „Cour de l’Etoile d’Or“ (Nr. 75) mit der schönen Sonnenuhr von 1757. Der ist  natürlich  mit einer Schließanlage von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Aber  unter der Woche kann man im Allgemeinen das Hoftor öffnen, ohne den Digicode zu kennen.

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Direkt gegenüber diesem Hexenhäuschen  mit Kater (auf dem  Tisch liegend) wurde im ersten Hof des Cour de l’Étoile d’Or  kürzlich übrigens ein hochmodernes und pikfeines Wohnhaus mit einer Wand aus rostbraunem Metall gebaut – ein Kontrast, wie er für das Viertel immer typischer wird.

Und dahinter gibt es dann noch einen zweiten, breiteren Hof. Handwerker findet man dort allerdings nicht mehr, aber im Sommer kann man  in der Mitte des Hofs sogar Tomaten und Kürbisse bewundern.

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Und im alten Treppenhaus findet man noch einen Hinweis auf die guten alten Zeiten der Möbelherstellung.

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Es lohnt sich auch, einen Blick in den ehemaligen Handwerkerhof nebenan zu werfen, den Cour des Shadoks. (No 71).  Dieser frühere Handwerkerhof verdankt seinen Namen Jacques Rouxel, dem Schöpfer der Shadoks, der hier gewohnt hat.

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Zu den kleinen Paradiesen der  sogenannten „Bobos“ gehört auch der  Cour Reuilly.  Den  kann man allerdings nur mit viel Glück  betreten, wenn man von einem  freundlichen Bewohner hereingelassen  wird, oder zusammen mit einem professioneller Führer, der  den Geheimcode kennt.  Hinter einem unscheinbaren Tor öffnet sich eine ganz eigene Welt mit kleinen herausgeputzten Häusern, Weinranken, Edelkatzen….

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Cour Reuilly 11e Arr. 014

Sehr malerisch ist auch der Innenhof der Nr. 33, schön begrünt, mit lauschigen, von der Außenwelt abgeschirmten Sitzecken.

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Allerdings muss man auch da  Glück haben, als „normal Sterblicher“ dort hereinzukommen.

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Denen, die draußen vor der Tür bleiben, streckt der Straßenkünstler Gregos höhnisch die Zunge raus….

Sehr gut zu beobachten ist im Cour des Bourgignons  die  enge Nachbarschaft von Arbeit und Wohnen, wie sie im Faubourg üblich war: Im Erdgeschoss befinden sich die Werkstätten, darüber z.T. Lagerräume, während in den oberen Stockwerken die Arbeiter wohnten. Bis hin zur Industrialisierung dienten ja die Werkstätten meistens auch als Wohnräume, wurde  aber Mitte des 19. Jahrhunderts wiurde die hier zu beobachtende  Trennung  von Napoleon III. vorgeschrieben.  Allerdings  -wie die meisten der von oben verordneten sozialen Verbesserungen-   nicht aus reiner Menschenliebe, sondern um nach den Erfahrungen der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 die Arbeiter ruhig zu stellen und außerdem auch noch die teuren Maschinen zu schützen. Heute ist in den ehemaligen  Werkstätten unter anderem eine Design-Ausstellungshalle angesiedelt. An die industrielle Vergangenheit erinnert noch der unter Denkmalschutz stehende Schornstein der Dampfmaschine.

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Jedenfalls lohnt es sich sehr, die Straße Faubourg Saint-Antoine zwischen der Bastille und der métro – Station Faidherbe-Chalgny entlangzubummeln und soweit möglich etwas in die rechts und links gelegenen (ehemaligen) Handwerkerhöfe hineinzusehen. Auf einige der alten Handwerkerhöfe wird man auch durch das cour-Schild mit dem großen F, das für Faubourg steht, hingewiesen. Das sind allerdings eher diejenigen Höfe, in denen noch Handwerksbetriebe oder neue an Publikumsverkehr interessierte Boutiquen angesiedelt sind. Ein schönes Beispsiel ist die  rue de Montreuil Nr. 33, wo der China-Lack- Spezialist Lee stolz darauf hinweist, dass er die renommierte École Boulle absolviert hat.

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Erhalten haben sich vor allem kleine Geschäfte, in denen nachgemachte Möbel aller Stilrichtungen angeboten werden, wie etwas in der Passage du Chantier.

Möbelgeschäft Fgb St.Antoine 001 (18)

Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man auf Schritt und Tritt, dass man sich in dem ehemaligen  Viertel des Holzhandwerks befindet.

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Besonders nobel ist die ehemalige Niederlassung der Holzfirma Boutet aus Vichy in der Rue Faidherbe – im art nouveau-Stil dekoriert.

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Inzwischen ist daraus ein  4-Sterne- Hotel geworden, in dem man luxuriös und stilecht im Faubourg Saint Antoine logieren kann. Kosten pro Nacht: 240 bis 490 Euro. (Stand Juni 2016)

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Und es gibt auch noch einige kleine spezialisierte Läden, in denen  alles Mögliche angeboten wird, was für die Herstellung, Reparatur und Erneuerung alter Möbel erforderlich ist. Zum Beispiel das Atelier Lecchi, das vor allem auf die Restaurierung von Lackarbeiten spezialisiert ist (Ecke Rue du Dahomey/Rue St Bernard). Die arg verwitterte passende Bemalung der Außenwände lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob dieses schöne Geschäft noch eine Zukunft hat.

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Das gilt auch für die grandiose Quinquaillerie Lejeune in der Rue du Faubourg Saint -Antoine schräg gegenüber der Fontaine de Montreuil.

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Hier habe ich ein Ersatzteil für die „antiken“ Messing-Türgriffe in unserer Wohnung gefunden, das ich schon lange gesucht habe: 2,50 Euro! Aber einfach ist das Geschäft nicht, wie ich von den sympathischen Besitzern erfahren habe: Da die Wohnungen  in Paris meist sehr klein und sehr teuer sind, reicht es bei der Einrichtung oft nur für Massenware  à la Ikea. Dafür braucht man die wunderbaren  Produkte von Lejeune eher nicht.

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Die Tradition des Möbelhandwerks wird auch durch die École Boulle aufrecht erhalten, ein Lycée professionelle des métiers de l’ameublement. Einmal im Jahr öffnet es seine Pforten und zeigt etwas von der Ausbildung und ihren Resultaten.

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Nicht versäumen sollte man es, zum Beispiel am Ende eines Spaziergangs durch den Faubourg Saint-Antoine einen Blick in den malerischen Cour Damoye an der Place de la Bastille zu werfen, der tagsüber zugänglich ist. Dort gab es früher eine außergewöhnliche kleine Kaffeerösterei, die von einer entzückenden alten Dame betrieben wurde.

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Der ausgeschenkte Kaffee war gut und unschlagbar billig und in Anbetracht des  wunderbaren  Ambiente konnte man auch bezüglich der hygienischen Verhältnisse ein Auge zudrücken.  Die alte Dame ist übrigens 2016 in den Ruhestand gegangen. Ein junger Mann hat aber ihre Nachfolge übernommen und das Lädchen im alten Stil  renoviert. Man kann dort wieder selbst gerösteten Kaffee kaufen und auch gleich probieren.

Ein passender Ort für ein Mittagessen im Faubourg Saint-Antoine ist „La Cour du Faubourg“ in der Nr. 27/ 29 der rue du Faubourg Saint-Antoine in der Nähe der Bastille.

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Das Restaurant liegt -zumindest teilweise- in einem überdachten Hof des Viertels.Und die Preise sind ausgesprochen zivil, wenn auch inzwischen ein wenig teurer als auf diesem Preisschild….

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Anmerkungen

(1) http://www.paris-anecdote.fr/Cochons-privilegies.html

(2) „On retrouvera nombre de compagnons et artisans allemands à Paris : en 1830 puis en 1848, ils contribueront grandement à la réputation révolutionnaire des ouvriers du Faubourg Saint-Antoine.“   http://www.histoire-immigration.fr/des-dossiers-thematiques-sur-l-histoire-de-l-immigration/les-pionniers-allemands-1820

Zweiter Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine: 

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel der Revolutionäre  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

 

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. 
 

Paris  Greeters   „Komm als Gast – geh als Freund!“

Von Wolf Jöckel

Das Motto der in über 30 Ländern vertretenen internationalen Greeters-Bewegung gilt auch für „Parisien d’un jour“, die Greeters von Paris.  Sie bieten abseits des Massentourismus kostenlose Stadtführungen von 2–3  Stunden an.

Der vereinbarte Treffpunkt ist um 10 Uhr auf den Stufen der Opéra Bastille. Der Greeter, ein  ehrenamtlicher Stadtführer von Parisien d’un jour,  und seine beiden Gäste aus Deutschland erkennen sich sofort: Sie hatten vorher per e-Mail kurze persönliche Beschreibungen ausgetauscht. Die Freude ist groß, dass das vor Wochen schon vereinbarte Treffen nun endlich stattfindet. Und dazu scheint auch noch die Sonne! Die beiden Gäste (hôtes, wie sie in der Greeters-Terminologie heißen), waren schon zweimal in Paris, aber auch am bekannten Bastille-Platz gibt es genug Fragen: Was bedeuten die Elefanten-Abbildungen, die in den Boden des Platzes eingelassen sind? Warum beschreibt die schnelle Metro-Linie 1, die Paris von West nach Ost verbindet, bei der Station Bastille einen großen Bogen? Warum ist der Zufluss zu dem Arsenal-Hafen – weiter im Norden ist das der Kanal Saint-Martin – überdeckelt?

Im Viertel des Greeters

Dann geht es in den Faubourg Saint-Antoine. In diesem Viertel ist der Greeter zu Hause und er hatte es als das Ziel des gemeinsamen Spaziergangs vorgeschlagen. In den gängigen Reiseführern taucht es meist nicht auf. Es gibt hier kein Museum, keine außerordentliche Sehenswürdigkeit, auch keinen einzigen Souvenir-Laden. Touristen verirren sich folglich nur selten dorthin. Ein Spaziergang durch dieses Viertel entspricht damit genau dem Konzept der Greeters: Es sollen nicht die touristischen Highlights im Mittelpunkt stehen, und es soll auch nicht professionellen Stadtführern Konkurrenz gemacht werden. Greeters sollen stattdessen ihren Gästen etwas von einem eher unbekannten, aber gleichwohl interessanten Teil der Stadt zeigen und ein Stück weit an ihrem Pariser Alltag teilhaben lassen – zwar nicht für einen ganzen Tag, aber für zwei bis drei Stunden.     

Und natürlich soll es nicht – wie bei den meisten professionellen Führungen – einen Monolog geben, sondern eher ein beide Seiten bereicherndes Gespräch. Dazu bietet schon die Straße Anlass, durch die es jetzt geht. Es ist die rue du Faubourg Saint-Antoine, eine unauffällige Straße. Allerdings ist sie, wie der Greeter erläutert, im Zuge der von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo energisch betriebenen Verkehrswende seit kurzem verkehrsberuhigt. Für den privaten Autoverkehr gibt es nur noch eine Spur, profitiert haben davon Fußgänger und Fahrradfahrer und natürlich die Anwohner.

Aber gab und gibt es keinen Widerstand gegen die Zurückdrängung des Autoverkehrs, wollen die Gäste aus Deutschland wissen. Den gibt es natürlich auch, erläutert der Greeter. Beispielsweise sei sein Friseur, der aus einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erreichbaren Ort des Umlandes komme, ein erbitterter Kritiker. Seiner Meinung nach ist die städtische Verkehrspolitik ziemlich egoistisch; von ihr profitierten nur die reichen Pariser. Wer wie er in Paris arbeite, sich aber dort keine Wohnung leisten könne, habe nur Nachteile. Und mit der Verkehrsberuhigung stiegen  natürlich die Miet- und Kaufpreise noch weiter an. Paris werde immer mehr zu einer Stadt der „BoBos“ (bourgeois bohémiens), des gutsituierten Bürgertums. Und wie ist das in Deutschland, will der Greeter wissen, in Köln, wo die beiden Besucher herkommen. Schon ist man in einem anregenden Gespräch …

Das Viertel, nach dem die Straße benannt ist, ist in hohem Maße geschichtsträchtig: Es war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion, und viele Jahrhunderte hatten dort die französischen Kunsttischler, die ébénistes, ihre Werkstätten: Die Kommode (abgeleitet vom Adjektiv commode = bequem) wurde hier erfunden, zahlreiche deutschsprachige Tischler haben hier für den hohen Adel  des Ancien Régime gearbeitet. Der aus Gladbeck stammende Johann Heinrich (Jena-Henri) Riesener zum Beispiel unterhielt am Vorabend der Französischen Revolution im Faubourg nicht weniger als 30 Werkstätten! Das erzählt der Greeter, während die kleine Gruppe die Straße entlanggeht.

Vom alten Glanz ist heute kaum etwas erhalten. Aber es gibt noch die früheren Handwerkerhöfe, die inzwischen meist in noble Wohnenklaven umgewandelt wurden. Da ist es gut, mit einem ortskundigen Begleiter unterwegs zu sein: Der kennt die Höfe, die sich nur auf Knopfdruck öffnen, aber auch andere, die immer frei zugänglich sind wie den Cour du Bel Air, wo es im Hof noch steinerne Abgrenzungen für das Holz gibt, das früher dort gelagert wurde, eine große steinerne Platte, die die Musketiere einer benachbarten Kaserne als Würfelbrett benutzt haben sollen und in einem der anliegenden Gebäude eine wunderschöne alte Eichenholztreppe, wie sie früher dort üblich waren. Und es gibt die Filiale eines Immobilienmaklers: Da betrachtet man zusammen das Angebot: Unter 10.000 Euro für einen Quadratmeter gibt es nichts – und das ist erst der Anfang. Für eine Wohnung in den ehemaligen Handwerkerhöfen wie diesen sind die Preise noch wesentlich höher. Das interessiert die beiden Paris-Besucher: Wer kann da noch mithalten? Was bedeutet das für die Menschen, was für das Viertel? Und wie sieht das in Deutschland aus, will der Greeter wissen: Wieder reichlich Stoff für ein spannendes, vergleichendes Gespräch.

Details am Rande

Auf dem Weg durch den Faubourg zeigt der Greeter nicht nur einige der alten Höfe, sondern er weist auch auf Details am Rande hin: Zum Beispiel auf eine versteckte Markierung, die die Höhe des verheerenden Hochwassers der Seine von 1910 anzeigt; oder kleine Werke von Pariser Street-Art-Künstlern wie dem Invador, die das Straßenbild der Stadt mitgeprägt haben. Und natürlich zeigt er den Ort einer der letzten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 und die große Plakette an der Wand eines Hauses. Die ehrt mit goldenen Lettern den Armenarzt Baudin, der dort während der Revolution von 1848 erschossen wurde: Der Faubourg Saint-Antoine  war ja nicht nur, wie der Greeter erläutert, das Viertel des Holzhandwerks, sondern auch das Viertel der Revolutionäre.

Inzwischen ist es schon 12 Uhr! Wie schnell die Zeit vergeht! Aber ein Gang über den marché d’Aligre, einen der ältesten Märkte von Paris, muss noch sein. Denn die beiden Gäste haben ausdrücklich auch „Märkte“ als Interessenschwerpunkt für den Rundgang angegeben. Es gibt einen Straßenmarkt vor allem mit Obst und Gemüse, wo der Greeter von Ibrahim, einem  Händler freundlich begrüßt wird; er stammt wie die meisten seiner Kollegen aus Nordafrika. Und dann ist da das wunderbare Fischgeschäft Paris pêche mit einem vielfältigen Fischangebot, dazu Austern, Muscheln, Garnelen und lebenden Hummern, und es gibt eine alte Markthalle, wo unter anderem die Käseauswahl beeindruckend ist. Damit ist das Ende des für den Greeter und die beiden Paris-Besucher anregenden und wie im Flug vergangenen Spaziergangs gekommen. Für die beiden war es die erste Erfahrung mit einem Greeter, aber sie sind sicher, dass es nicht die letzte war.

Herzlicher Abschied

Der Abschied ist herzlich. Der ehrenamtliche Greeter erhält ein besonderes Dankeschön: eine Flasche Kölsch und eine Tafel Schokolade aus dem Kölner Schokoladenmuseum. Und wenn er mal nach Köln kommt, ist er zu einem Stadtbummel eingeladen. Dem gemeinnützigen Verein werden die beiden zufriedenen Gäste 20 Euro spenden, die sie sogar von der Steuer absetzen können.  Der gemeinnützige Verein wird zwar von der Stadt Paris unterstützt, ist aber auf solche Spenden angewiesen.

 

Praktische Informationen

Die Anmeldung zu einem Spaziergang mit Parisien d’un jour erfolgt u.a. über die homepage der Organisation https://greeters.paris/de/wie-we-zijn/. Das Anmeldeformular gibt es auch auf Deutsch. Man kreuzt darauf die Interessenschwerpunkte an, z. B. Geschichte, Architektur, Gastronomie, Märkte. In einem freien Feld kann man besondere Wünsche äußern.

Neben Deutsch empfiehlt es sich, auch Englisch oder Französisch als Alternative für die Sprache der Führung anzukreuzen – das erhöht die Zahl der verfügbaren Greeter; und natürlich gibt man mögliche Zeiträume für die Führung an.

Mit Hilfe dieser Vorgaben sucht der Verein einen passenden Führer aus, der Zeit und Lust hat, einen konkreten Vorschlag für den Rundgang zu machen. Der wird den Interessenten mitgeteilt, die Angebot im Allgemeinen gerne annehmen. Der interessanten Bereicherung des geplanten Paris-Aufenthaltes steht nun nichts mehr im Wege.

https://dokdoc.eu/reisen/14229/komm-als-gast-geh-als-freund/

 

 

Pour en savoir plus: 

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102  https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012512/document(25).pdf

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handdwerker im Frank