Der Canal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon (Die Fontänen von Versailles, Teil 3)

Zur Zeit des Sonnenkönigs sprudelten im Park von Versailles insgesamt etwa 1400 Fontänen!  Sie dienten dazu, durch ihre Menge und Größe und durch ihr bildhauerisches Programm die absolute Macht des Königs zu demonstrieren. Dies wurde im ersten Teil der kleinen Reihe über die Fontänen von Versailles erläutert:

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

Allerdings waren die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens immens,  denn die Lage des Schlosses und des Parks hätten kaum ungünstiger sein können. Das Gelände war sumpfig und  es gab (und gibt) in der Region keine natürlichen Wasserläufe, die man für die Versorgung mit Wasser hätte nutzen können. Die Seine lag mehrere Kilometer entfernt und dazu auch noch 142 tiefer als das Schloss.  Es gab in der Nähe lediglich einen kleinen Teich,  der von einigen Bächlein gespeist wurde. Aber der reichte natürlich nicht im Geringsten für die Bedürfnisse der vielen Fontänen, geschweige denn für die von Schloss und Stadt.

Allein für die Versorgung der Fontänen mussten also immer neue Wasserquellen erschlossen werden- war es doch der Wunsch des Sonnenkönigs, dass die Springbrunnen Tag und Nacht ununterbrochen sprudeln sollten.  Eine der ersten Maßnahmen war die Umleitung des Wassers der Bièvre, eines kleinen Nebenflüsschens der Seine. Aber auch das reichte nicht, den Wasserbedarf der vom Sonnenkönig  gewünschten immer zahlreicheren Fontänen zu befriedigen. Neue Wasserquellen waren also erforderlich.

Dazu gehörte vor allem die Erschließung der gut 10 Kilometer südöstlich von Versailles gelegenen  Hochebene von Saclay für die Alimentierung der Springbrunnen. Es wurde ein System von Teichen und kleinen Wasserläufen (rigoles)  geschaffen, mit deren Hilfe das Regenwasser gesammelt wurde. Über das große Aquädukt von Buc konnte dann dieses Wasser nach Versailles transportiert werden.

Im Einzelnen wird das im zweiten Teil der Reihe über die Fontänen von Versailles erläutert: https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

Allerdings reichte auch diese Maßnahme nicht aus.  Zumal es inzwischen noch weiteren Wasserbedarf gab: Denn nach dem Ende des Holländischen Krieges ließ sich Ludwig XIV. in dem wenige Kilometer von Versailles entfernten Marly abseits des „überzeremoniellen Hofes“  ein weiteres Schloss von Mansart bauen, um „sich zu erholen und seine Zeit ganz häuslich zu verbringen.“ (1) Aber ohne Fontänen ging das natürlich nicht. Woher aber jetzt noch das Wasser für die immer unersättlicheren Fontänen  nehmen?  Die vorhandenen Lösungsvorschläge mussten nun, angesichts der topografischen Voraussetzungen,  immer kühner und schwieriger in ihrer Umsetzung sein.

Warum also nicht das Wasser der Seine nutzen? Die floss immerhin in nur etwa 10 Kilometer Entfernung an Versailles vorbei und Wasser war da –anders als bei den Reservoiren auf der Hochebene von Saclay- immer reichlich vorhanden. Das Problem allerdings: Der Wasserspiegel der Seine lag an der nächst gelegenen möglichen Wasserentnahmestelle 144 Meter unterhalb des Parks! Aber für den Sonnenkönig, der sich als absoluter Herrscher auch über die Natur verstand, konnte das kein unüberwindliches Hindernis sein, sondern eher eine Herausforderung, deren Bewältigung ein weiterer Beweis seiner Größe sein würde. Dies war die Geburtsstunde der machine de Marly, einer gewaltigen Pumpanlage, die das Wasser der Seine auf die erforderliche Höhe pumpen sollte und zum Teil ja auch pumpte, In einem folgenden vierten Teil wird auf dieses Projekt genauer eingegangen werden. Aber auch die machine de Marly reichte nicht aus, zumal sie aufgrund technischer Probleme die an sie gesetzten Erwartungen immer weniger erfüllen konnte.

So entstand die Idee, die gut 150 Kilometer entfernte Loire zu nutzen.  Es war kein Geringerer als Pierre-Paul Riquet, der Schöpfer des Canal du Midi  (damals canal royal de Languedoc), der Ludwig XIV. diesen Vorschlag unterbreitete. Und der  war von einem solchen megalomanischen Projekt natürlich  sehr angetan und auch gleich bereit, die dafür erforderliche immense Geldsumme zur Verfügung zu stellen. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte allerdings Zweifel an der Machbarkeit (und Finanzierbarkeit)  und beauftragte  den Abbé Picard, Mitglied der Akademie des Sciences, mit einem Gutachten. Die Überprüfung ergab, dass die Loire an der geplanten Wasserentnahmestelle tiefer lag als das Schloss von Versailles…. Das Projekt wurde also aufgegeben, ebenso wie die Überlegung, die Essonne umzuleiten, einen Nebenfluss der Seine.

Aber dann gab es ja noch die Eure. Die Eure ist ebenfalls ein kleiner Nebenfluss der Seine. Sie hat zwar einen wesentlich geringeren Wasserdurchfluss als die Loire, aber dafür hat sie zwei entscheidende Standortvorteile:  Sie liegt deutlich näher an Versailles und sie liegt –jedenfalls in den flussaufwärts gelegenen Abschnitten- so hoch, dass sie für den gedachten Zweck geeignet ist. Ludwig XIV. beauftragte also  Louvois,  seinen Kriegs- und Bauminister, das Unternehmen zu prüfen und  einen entsprechenden Plan zu entwerfen.  Louvois beauftragte seinerseits den Astronomen und Mathematiker de La Hire, einen Schüler des Abbé Picard, die topografischen Voraussetzungen zu untersuchen. Das Ergebnis war das Projekt eines etwa 80  Kilometer langen Kanals von Pontguin an der Eure bis zu einem Teich in der Nähe von Rambouillet, der schon an das System der Wasserversorgung von Versailles angeschlossen war.[1a]

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Hier handelt es sich um die zentrale Partie eines  Stichs aus dem Jahr 1689 mit dem Titel: Les Ouvrages magnifiques du roy Louis le Gran en temps de paix (Die großartigen Werke Ludwigs des Großen in Friedenszeiten), der im Schloss von Maintenon ausgestellt ist. (1b) Abgebildet ist die Begutachtung eines Plans, der den Verlauf des Eure-Kanals zeigt, durch  Ludwig XIV. Bei den beiden hohen Herren, die ihm den Plan unterbreiten, dürfte es sich um  Louvois und Vauban handeln. Louvois war damals nicht nur Kriegsminister, sondern seit dem Tod Colberts 1683 auch Minister für öffentliche Bauten. Und der Festungsbaumeister Vauban erhielt von Ludwig XIV. den Auftrag, die Arbeiten an dem Kanal zu organisieren. Es ist das einzige zivile Projekt Vaubans: ein Hinweis darauf, für wie bedeutsam Ludwig XIV. diesen Kanal hielt, der ein für allemal die Versorgung seiner Springbrunnen mit Wasser sicherstellen sollte.

Geplant war ein Kanal mit einem gleichmäßigen Gefälle von 14 bis 17 cm pro Kilometer, der verschiedenen Quellen zufolge die Springbrunnen von Versailles mit täglich 50 000 Kubikmetern Wasser versorgen sollte- vergleicht man das mit den maximal 2000-2500 Kubikmetern, die die Maschine von Marly unter optimalen Bedingungen täglich lieferte, dann wird die Bedeutung dieses Kanalprojekts nur allzu deutlich.[2]  Um eine solche Wassermenge zu transportieren, reichte  natürlich kein „einfaches“ Aquädukt  aus, wie man es von den Römern kannte, sondern es sollte  ein schiffbarer Kanal nach dem Vorbild des schon existierenden canal royal, des Canal du Midi,  sein.

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Aus der Vogelperspektive[3] lässt sich das an einem Teilstück des Kanals bei Théléville westlich von Maintenon noch recht gut erkennen. Dort ist ein Damm aufgeschüttet, heute Les Terrasses genannt, worauf auch noch der entsprechende Straßenname  (Rue des Terrasses) hinweist. Dieser Damm war auf seinem Scheitel 21 Meter breit. In der Mitte verlief der Kanal, 4,62 Meter breit und 1,95 Meter tief, der inzwischen zugewachsen ist,  rechts und links davon befanden sich noch deutlich zu erkennende  Wege. Einen solchen Kanal –aller topografischer Hindernisse zum Trotz- bauen zu wollen, war natürlich ein „pharaonisches“ Unterfangen oder wie es der Herzog von Saint – Simon in seinen Memoiren nannte: eine grausame Verrücktheit, eine „cruelle folie.“  Aber „die Natur zu tyrannisieren“ (Saint Simon), hier also „die Wasser der Eure gegen ihre eigentliche Bestimmung fließen zu lassen“, wie eine zeitgenössische Beobachterin schrieb, war für Ludwig XIV. doch nur eine weitere Möglichkeit, seine unumschränkte Macht zu demonstrieren. (3a)

Die unumschränkte Macht in Europa hatte Ludwig XIV. ja gerade errungen:  1678 war der „Holländische Krieg“ mit dem Frieden von Nijmwegen beendet worden, der Frankreich einen erheblichen Landzuwachs und die Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent  sicherte.[4]  1684 wurde der sogenannte „Regensburger Stillstand“ mit dem durch die Türkenkriege geschwächten Heiligen Römischen Reich geschlossen. Frankreich verleibte sich Luxemburg ein, und alle Territorien, die Ludwig XIV. im  Zuge der sogenannten Reunionspolitik  annektiert hatte, wurden  für 20 Jahre, faktisch damit allerdings dauerhaft, als französischer Besitz anerkannt.  So wurden Straßburg und das Elsass französisch….

Jetzt herrschte also –eher selten zu Zeiten des Sonnenkönigs-  Frieden und das stehende Heer Frankreichs war gewissermaßen arbeitslos. Was lag da näher, als Soldaten für den Bau des königlichen Kanals abzukommandieren? Insgesamt waren es 30 000 Soldaten, die für den Kanalbau eingesetzt wurden, die natürlich auch untergebracht und versorgt werden mussten.  Das war sicherlich nicht  einfach, zumal es in der Gegend nur ein paar kleine Dörfer gab und  die nächste Stadt, Chartres, zu weit entfernt war, um für den Kanalbau eine Rolle spielen zu können. Begonnen wurden die Arbeiten im westlichen Abschnitt des Projekts, also zwischen der Wasserentnahme an der Eure bei Pontguin und Maintenon.

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„Carte particulière du canal de la rivière d’Eure depuis Pontguin, jusques à Versailles“  von Hubert Jaillot[5] (westliches Teilstück des Kanals)

Pontguin, der Anfangspunkt des Aquädukts,  ist mit einem Punkt am mittleren linken Rand der Karte bezeichnet. Maintenon ist ebenfalls mit einem Punkt bezeichnet: Es befindet sich etwa auf gleicher Höhe wie Pontguin etwas rechts von der Mitte der Karte – bevor der geplante Kanal nach Südosten abknickt.

Die erste Baumaßnahme war die Errichtung eines Eure- Deichs bei Boizard, etwa 3 km westlich von Pontgouin (an der D 347.6 gelegen).  Seine Funktion war es, den Fluss so weit aufzustauen, dass eine kontinuierliche Wasserversorgung des Kanals gewährleistet war. Durchbrochen wurde der Deich von der sogenannten Schleuse von Boizard, mit deren Hilfe die Wasserzufuhr geregelt werden konnte.[6]

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Außerdem ermöglichte sie den Schiffsverkehr zwischen der Eure und dem Kanal. Die Schleusenkammern waren zwar nur 2 Meter breit, aber das reichte für die Schiffe, die Vauban höchstpersönlich für den Kanal entworfen hatte: Schmale, aber sehr tragfähige Boote, die für den Transport von Baumaterial  geeignet waren.[7]

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Die Bauarbeiten kamen offenbar gut voran. Es gab auch zunächst keine größeren Hindernisse und  der Verlauf des Kanals war  – anders als bei den römischen Aquädukten- den topografischen Gegebenheiten angepasst. So mussten nur das Kanalbett ausgehoben und die seitlichen Wege angelegt werden. Noch heute kann man entsprechende Reste sehen.

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Schon etwa ein Jahr  nach Beginn der Arbeiten war der Kanal bis Berchères fertig gestellt. Das heißt, etwa zwei Drittel der Strecke zwischen Pontguin und Maintenon waren schon gebaut, so dass eine Abordnung der Akademie des Scienes, zu der La Hire und der bedeutende Astronom Cassini gehörten, am 25. August 1685 beobachten konnte, wie das Wasser der Eure in den Kanal einströmte und  Berchères erreichte.

Danach wurden die Bauarbeiten  komplizierter, und es musste unter anderem der schon genannte Damm, Les Terrasses, aufgeschüttet werden. Ihn kann man noch deutlich erkennen  wenn man von Bouglainval auf der D 26.1 nach Maintenon fährt. Da sieht man auf der rechten Seite ganz deutlich den Kanal- Damm,  und es gibt an einigen Stellen auch die Möglichkeit, abzubiegen und durch einen der Tunnel zu fahren, die den Kanal unterquerten, um eine Verbindung zwischen den Ortschaften auf beiden Seiten des Kanals zu gewährleisten.

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Einer dieser Tunnel ist „das große Gewölbe“, „La Grande Voûte“, das früher die beiden Ortschaften  Boisricheux und Chartrainville (D 4)  verband. Geht man durch diesen Tunnel hindurch, wird eindrucksvoll erfahrbar, wie mächtig und breit dieser Kanal-Damm war; und aufgeschüttet ohne die modernen Hilfsmittel!   Die Straße ist inzwischen unterbrochen, so dass der aufgeschüttete Damm und das umgebende  Gelände der Natur überlassen sind. Das freute offensichtlich den prächtigen Fasan, der sich in keiner Weise von unserer Anwesenheit stören ließ.

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Anders aber die jungen Männer, die ihr Auto im Tunnel abgestellt hatten und die, als wir herankamen, uns sehr argwöhnisch beäugten und in hektische Betriebsamkeit verfielen. Offenbar hatten sie in dem Tunnel Schießübungen veranstaltet und versuchten, ihre Utensilien in den Kofferraum ihres Autos zu packen, bevor wir bei ihnen waren. Wir kamen dann aber ins Gespräch und sie beruhigten sich, als sie hörten, dass wir Ausländer sind und uns nicht für sie, sondern für den Kanal Ludwigs XIV. interessierten. Dass der einmal über ihren Köpfen  entlangführen sollte, war ihnen offenbar unbekannt, Auf jeden Fall waren sie – mit diesem Wissen bereichert-  sehr zufrieden, als wir wieder weiter fuhren, ohne sie behelligt zu haben.

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Die größte Herausforderung für das Projekt war Maintenon. Denn dort musste die Eure, deren Verlauf zwischen Maintenon und Pontgouin ein großes U nach Süden beschreibt, überbrückt werden.  Das Wasser konnte man in Maintenon  nicht entnehmen, weil die dortige Höhe über dem Meeresspiegel bei weitem nicht für die Versorgung der Springbrunnen von Versailles ausreichte.

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Zunächst war geplant, ab Berchères ein insgesamt 17 Kilometer langes Aquädukt aus Stein zu bauen, das bei Maintenon in drei Etagen und  in 73 Metern Höhe die Eure überqueren sollte. Das hätte noch deutlich den Pont du Gard mit seinen 49 Metern Höhe übertrumpft! Aber es hätte dann doch die staatlichen Finanzen überfordert, die durch die ständigen Kriege und die Repräsentations- und Verschwendungssucht des Hofes  arg klamm war. Also begnügte man sich mit einer deutlich bescheideneren Variante: Einem  Aquädukt von 955 Länge und einer Höhe von maximal 28,5 m Länge.

Von diesem Bauwerk sind noch eindrucksvolle Reste erhalten.

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Den besten Blick darauf hat man vom  Schloss von Maintenon aus.

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Das war auch bewusst so geplant.  Denn kurz vor Beginn des Kanalbaus (Oktober 1683 oder Januar 1684)  hatte Ludwig XIV. Françoise d’Aubigné, seit 1874 Schlossherrin von Maintenon und spätere Marquise de Maintenon, in einer geheim gehaltenen Zeremonie geheiratet.[8]

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Portrait von Madame de Maintenon  (1635-1719)

(Françoise d’Aubigné, future Marquise de Maintenon. École française, XVIIe siècle)

102739140 Schlafzimmer von M de Maintenon

Ihr Schlafzimmer

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… und die schöne Tapete

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Der von dem Gartenarchitekten des Versailler Parks, Le Nôtre, gestaltete Park des Schlosses von Maintenon war  so angelegt, dass er in seiner zentralen Perspektive einen unverstellten Blick auf den zentralen Abschnitt des Aquädukts bot. Und durch das Aquädukt war die Verbindung zwischen dem Schloss des Sonnenkönigs und dem Schloss seiner heimlichen Ehefrau gewissermaßen in Stein gemeißelt.

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Wenn man die als Grand Canal fungierende Eure entlang durch die Bögen des Aquädukts hindurchging, hatte man eine ebenso reizvolle Aussicht auf das Schloss – heute ist das etwas schwieriger, weil dort jetzt ein Golfplatz eingerichtet ist… Betreten natürlich offiziell verboten!

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Als dieses im Schloss ausgestellte Gemälde entstand, gab es den Golfplatz noch nicht. (F.R. Ricois, 1795-1881, Le château de Maintenon, Vue à travers l’aquéduc. Ausschnitt)

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Die deutliche Verkleinerung des Aquädukts gegenüber der ursprünglichen Planung bedeutete allerdings, dass damit eine durchgängige Schiffbarkeit des Kanals ausgeschlossen war. Die Absenkung des Aquädukts bei Maintenon war ja nur möglich, weil hier das Prinzip der kommunizierenden Röhren angewandt wurde: Vor und nach dem Aquädukt waren also Siphons erforderlich und das entsprechende Teilstück des Kanals musste als geschlossenes System gebaut werden, auch ein sehr aufwändiges Verfahren.

So weit kam es aber nicht. Denn 1688  zettelte Ludwig XIV. „unter dem wachsenden Einfluss seines ehrgeizigen und skrupellosen“ Kriegsministers Louvois schon wieder seinen nächsten Krieg an: Den Pfälzischen Erbfolgekrieg, in dem die französischen Truppen  nicht nur das Heidelberger Schloss in eine Ruine verwandelten, sondern in der Pfalz systematisch eine Strategie der verbrannten Erde verfolgten und selbst vor der Plünderung der Kaisergräber im Speyerer Dom nicht zurückschreckten. Nach der „unter Berufung auf fiktive oder an den Haaren herbeigezogene Rechtstitel“  erfolgten Annexion von -unter anderem-  Metz, Breisach, Besançon und Straßburg  rief das erneut im deutschen Reich „eine Welle patriotischer Entrüstung“  hervor (9): gewissermaßen die Geburtsstunde der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeindschaft“. Was dieser Krieg für Frankreich bedeutete, schildert sehr eindrucksvoll der bis dahin von Ludwig XIV. mit Gnadenerweisen überhäufte Abbé de Fénelon in einem wahrscheinlich aus dem Jahr 1694 stammenden mutigen Brief an seinen an Lobreden gewohnten Monarchen.  Darin schreibt er:

„Man hat Ihre Einkünfte und Ihre Ausgaben bis ins Unendliche gesteigert. Man hat Sie bis in den Himmel gehoben, weil Sie, wie man sagte, die Größe aller Ihrer Vorgänger in den Schatten gestellt haben, das heißt, dass Sie ganz Frankreich ausgesogen haben, um am Hofe einen ungeheuerlichen und unheilvollen Luxus einzuführen. Ihre Minister haben Sie groß machen wollen auf den Ruinen aller Stände Ihres Reiches, als ob Sie groß sein könnten, wenn Sie alle Ihre Untertanen, auf denen Ihre Größe gegründet ist, zugrunde richten. 

Ihre Untertanen, die Sie lieben sollten wie Ihre Kinder, die bis jetzt so für Sie begeistert waren, sterben vor Hunger. Die Bebauung des Bodens ist fast aufgegeben worden, alle Industrien siechen dahin und ernähren ihre Arbeiter nicht mehr, jeglicher Handel ist lahmgelegt. Also haben Sie die Hälfte der wirklichen Kräfte im Innern Ihres Staates zerstört, um draußen eitle Eroberungen zu machen und aufrechtzuerhalten. Anstatt Geld aus diesem armen Volke zu ziehen, sollten Sie ihm Almosen geben und es ernähren. Ganz Frankreich ist nur mehr ein großes, trostloses Armenhaus ohne Vorräte.  (…)

Das ist nun dieses große und blühende Königreich unter einem König, den man uns täglich als das Entzücken seines Volkes schildert und der es in Wahrheit wäre, wenn die Ratschläge der Schmeichler ihn nicht vergiftet hätten. Das Volk selbst -man muss alles sagen- das Sie so geliebt hat, das soviel Vertrauen in Sie gehabt hat, beginnt die Liebe , das Vertrauen und sogar die Achtung zu verlieren. Ihre Siege und Ihre Eroberungen erfreuen es nicht mehr. Es ist voller Verbitterung und Verzweiflung.“ (10)

Unter diesen Umständen war nach dem Ende des neun Jahre andauernden Krieges  an einen Weiterbau des Eure-Kanals nicht mehr zu denken. Er blieb also unvollendet, diente danach als Steinbruch und ist heute, benannt nach seinem Initiator Ludwig XIV., ein teilweise pittoreskes, aber makabres Monument eines macht- und ruhmversessenen Monarchen, der schließlich an seiner Hybris scheiterte. (11)

Anmerkungen:

(1) Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: Beck 2005, S. 335

[1a] Die einzelnen Etappen der Wasserversorgung sind anschaulich präsentiert bei:  L’acheminement des eaux à Versailles   https://www.youtube.com/watch?v=u0VYY2iK3Lo

Siehe auch:  Association pour l’Etude et la Sauvegarde des Vestiges du Canal de Louis XIV et de ses Environs:  Histoire du Canal de l’Eure. Aqueduc royal de Pontguin à Versailles. Dort gibt es auch  eine genaue Beschreibung der vorhandenen Reste des Kanals. http://claude.millereux.free.fr/Canal/asso_canal.htm

(1b) Vollständig ist der Stich abgebildet bei: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München: Beck 2005, S. 349

[2] Hier und im Weiteren beziehe ich mich auf die detaillierte Darstellung der Association pour l’Etude et la Sauvegarde des Vestiges du Canal de Louis XIV et de ses Environs: http://claude.millereux.free.fr/Canal/asso_canal.htm

[3] earthview-de.com/maps

(3a) s. Jacque Revel, Der Hof. a.a.O., S. 623

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die place des Victoires in Paris, der aus Anlass des Friedens von Nimwegen errichtet wurde und die Siege Ludwigs XIV. feiert: https://paris-blog.org/2020/03/12/la-place-des-victoires-der-platz-der-siege-ludwigs-xiv-in-paris-das-modell-eines-koeniglichen-platzes/

[5] https://gallica.bnf.fr/

Zur Geschichte des Kanals siehe: Gabriel Despots/Jacques Galland, Histoire du canal Louis XIV de Pontguin à Maintenon. CAEL 2006

[6] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/

[7] Bild aus: http://projetbabel.org/fluvial/

[8] Zu Madame de Maintenon siehe auch den Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

(9) Aus dem Vorwort von Gilbert Ziebura zu:  Gilette Ziegler, Der Hof  Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten.  München: dtv 1981

(10) zitiert von Gilette Ziegler, Der Hof  Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Mit einer Einleitung von Gilbert Ziebura.  München: dtv 1981, S. 288/289 s.a. S. 287

(11) siehe Jacques Revel, Der Hof. a.a.O., S. 351 und Anmerkung 84, S. 623

Eingestellt am 19.5.2020 am und zum Geburtstag meines Schwagers Dr. H. D. 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal: ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

Die Fontänen von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Im ersten Teil des Beitrags über die Fontänen  und Brunnen des Parks von Versailles wurde ihre Funktion als Machtdemonstration und Instrument der Einschüchterung erläutert: Sie sollten durch ihre Menge und Größe und durch ihr bildhauerisches Programm die Macht des Sonnenkönigs veranschaulichen:

https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorhabens waren allerdings ganz erheblich, denn die Lage des Schlosses und des Parks hätten kaum ungünstiger sein können. Das Gelände war sumpfig und  es gab (und gibt) in der Region keine natürlichen Wasserläufe, die man für die Versorgung mit Wasser hätte nutzen können[1] . Die Seine lag mehrere Kilometer entfernt und dazu auch noch 142 tiefer als das Schloss.[2]  Es gab in der Nähe lediglich den kleinen étang de Clagny, der von einigen Bächlein gespeist wurde. Mit Wasser versorgt werden mussten aber  nicht nur die am Ende der Herrschaft Ludwigs XIV.  1400 Fontänen im Park, sondern auch das riesige Schloss mit seinem Hofstaat,  die weitläufigen Parkanlagen, die Stadt,  die Kasernen mit Soldaten und etwa 2000 Pferden und nicht zuletzt der  Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.[3] Allein bei dieser groben Übersicht kann man ahnen, wie  immens der  Bedarf an Wasser für Versailles war, spätestens  1682,  als der Hof offiziell dorthin verlegt wurde. Und es ging dabei ja nicht nur um die  Menge, sondern auch um die Qualität, die für den menschlichen und tierischen Gebrauch gesichert  sein musste, um Seuchen zu verhindern.

Warum also unter diesen völlig ungeeigneten Voraussetzungen gerade Versailles?  Eine Antwort darauf kann wohl die Entwicklung des Ortes geben: Das erste Schloss von Versailles wurde  vom Vater des Sonnenkönigs 1623 gebaut und 1631 erweitert. Der Sohn fand dann auch Gefallen daran, denn dort war er abseits von Paris, aber doch auch wieder nahe an der Hauptstadt, es gab in Versailles  ein ausgiebiges Jagdrevier und das Schloss bot eine Rückzugsmöglichkeit – zum Beispiel für seine Beziehung mit Mlle de Valière, für die er die Thetis-Grotte  bauen ließ. 1660 nahm dann der junge König selbst das Heft in die Hand und das hufeisenförmige Zentrum des neuen  Schlosses entstand, das bis heute den cour d’honneur umschließt.

Einen neuen, entscheidenden Impuls erhielt der Schlossbau von Versailles am 17. August 1661.  An diesem Tag war Ludwig XIV. in Vaux-le-Vicomte,  im Schloss seines Finanzministers Fouquet, zu Gast. Die Beziehung des jungen Königs zu Fouquet war damals angespannt, und da sollten der König und sein Hofstaat  ehrenvoll empfangen und ein barockes Fest mit allen Schikanen präsentiert werden. [4] Verantwortlich dafür waren der Haushofmeister François Vatel[5]  und der Maler Charles Le Brun.[6] Molière schrieb extra für dieses Fest ein Stück, das er mit seiner Truppe aufführte, es gab ein musikalisch umrahmtes Bankett,  ein grandioses Feuerwerk und natürlich auch eine Gartenbesichtigung für den als Gartenfreund bekannten König. Und immerhin hatte Le Nôtre hier seine erste im französischen Stil gehaltene Gartenanlage geplant, zu der auch grandiose Fontänen gehörten.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Ludwig XIV. erblasste  gewissermaßen vor Neid. Dass sein Minister es wagte, ihn und sein Versailles in den Schatten zu stellen, konnte er nicht dulden. Fouquet wurde entmachtet und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens als Gefangener, aber Ludwig übernahm dessen hochkarätiges Personal. Also auch Le Nôtre, der ihm jetzt einen Park mit Wasserspielen bauen sollte, wie es sie noch nie und nirgends gegeben hatte. Der 17. August ist damit nicht, wie man manchmal lesen kann, „der Beginn von Versailles“[7], aber eine entscheidende Wende.

Hätte es damals einen Rechnungshof, also eine strenge  Kontrolle der königlichen Finanzen gegeben, wäre vielleicht ein geeigneterer Ort für das königliche „Versailles“ gesucht und  gefunden worden.  Denn –und das war absehbar:  die Kosten für die hydraulischen Arbeiten waren astronomisch. Von den Gesamtkosten für den Schlossbau entfielen schätzungsweise 57%  allein auf die Wasserversorgung und –nicht zu vergessen: die Wasserentsorgung- die Kosten für die wunderbaren Brunnenanlagen sind darin gar nicht einbezogen. [8] Aber Ludwig XIV. wäre nicht der Sonnenkönig gewesen, wenn ihn das beeindruckt hätte- ganz im Gegenteil.  Denn sein größtes Vergnügen war es, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch – in Zeiten der Globalisierung und des Vereinten Europas-  in Frankreich (und anderswo) sehr verbreitet ist.

Dass die Versailler Wasserproblematik nicht nur viel Geld, sondern auch Menschenleben kostete, kümmerte Ludwig XIV. wenig, auch wenn ihm das nicht entgehen konnte.  Man erzählte, dass eines Tages eine Frau zu ihm gekommen sei, außer sich,  weil ihr Sohn tags zuvor beim Bau des Großen Kanals,  „ce canal putassier“,  ums Leben gekommen sei. Die Antwort des Sonnenkönigs: Er ließ die Frau mit Stockschlägen traktieren.  Und Opfer gab es viele.   Madame de Sévigné schrieb 1678 in einem Brief, die Sterblichkeit der Arbeiter beim Bau des Großen Kanals sei außerordentlich hoch. Jede Nacht würden Wagen voller Leichen beladen und weggefahren.  Geschätzt wird, dass etwa 10 000 Menschen allein bei den Bauten für die Alimentierung der Fontänen ums Leben gekommen sind.[9]

Aller finanziellen  und menschlichen  Opfer zum Trotz war und blieb die Wasserversorgung von  Versailles eine Herkules-Aufgabe und ein Dauerproblem, an dem der Herrschaftswille des absoluten Königs scheiterte.  Die Natur zeigte ihm hier seine Grenzen auf. Wenn der König  durch den Park spazierte und sich an den sprudelnden Brunnen und emporsteigenden Fontänen erfreuen wollte, wurde er von Brunnenmeistern begleitet, die die Anlagen vor ihm an- und hinter ihm wieder ausstellten. Zu mehr reichte das Wasser nicht.  Und dabei war doch der Anspruch gewesen, dass die Fontänen „ni jour ni nuit“ (weder Tag noch Nacht) schweigen  sollten.[10]  Wenn wir heute dank eines elektrisch betriebenen Pumpsystems  die Grands Eaux in Versailles bewundern:  Ludwig XIV. jedenfalls hat sie so nie erleben können….   Und die  Neptun-Fontaine, die größte im Schlosspark von Versailles, die zum krönenden Abschluss der Grands Eaux  in den Himmel steigt,  kann bei weitem nicht mithalten mit der in  Kassel, dem nordhessischen Versailles. Die war nämlich aufgrund der günstigen natürlichen Voraussetzungen fast doppelt so hoch, nämlich 52 Meter – während die höchste Fontäne im Reich des Sonnenkönigs  gar nicht in Versailles war, sondern in seinem Schloss in Marly, die aber auch „nur“ 40 Meter erreichte.  Eine Demütigung, die mitzuerleben Ludwig XIV. allerdings erspart blieb…

Trotz alledem:  Es ist faszinierend zu erfahren, welcher Erfindungsgeist, welche   Handwerkskunst und welche gewaltigen Anstrengungen damals am Werke waren, um Versailles und die Fontänen des Parks  mit Wasser zu versorgen.  Bezüge zu Herkules und den Pharaonen findet man in entsprechenden Publikationen immer wieder, und sie  sind  wohl auch kaum übertrieben.  Die Wasserversorgung von Versailles ist das größte Projekt, das im Frankreich des ancien régime je unternommen wurde. Insgesamt wurde ein etwa 200 Kilometer langes System von Gräben, unter- und oberirdischen Aquädukten, Dükern (Siphonen) und  Rohrleitungen aus Eisen und Blei  errichtet.

Wenn man heute die Grandes Eaux bewundert, sieht man davon nichts.- so wie man auch zu Zeiten Ludwigs XIV. nichts davon gesehen hat und auch nicht sehen sollte.  Aber natürlich gibt es genaue, beeindruckende  Pläne des Leitungssystems aus Eisen und Blei wie die von 1718, die 2017 auf einer Garten-Ausstellung im Grand Palais ausgestellt wurden.

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Hier das Leitungssystem unter dem Latone-Brunnen und dem entsprechenden Parterre. Es vermittelt den Eindruck eines höchst komplizierten, ausgeklügelten Systems – ganz im Gegensatz zu der spielerischen Leichtigkeit der Fontänen, die damit alimentiert werden.

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Der nachfolgende  Ausschnitt zeigt das  Leitungssystem, das das Parterre du Nord mit der Allée d’eau und den daneben gelegenen bosquets, das Bassin de Dragon  und den Neptun-Brunnen auf der Nordseite des Schlosses mit Wasser versorgte.

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Dieses Leitungssystem ist heute immer noch in Betrieb,  und die Brunnen werden wie zu Zeiten Ludwigs XIV. per Hand in Gang gesetzt.[11]

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Gespeist wurde es  aus den am unteren Bildrand  teilweise zu erkennenden und noch existierenden Reservoirs in der heutigen – und danach benannten- rue des reservoirs.

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Sie hatten ein Fassungsvermögen von 5000 m³. Um wenigstens einigermaßen den großen Wasserbedarf für die unter Ludwig XIV. immer aufwändigeren Grandes Eaux sicherzustellen, benötigte man zahlreiche weitere Reservoirs. So wurden zum Beispiel 1671 unter dem heutigen Parterre d’eau, also der obersten Gartenterrasse (oberhalb des Latone-Brunnens) große Zisternen mit einem Fassungsvermögen von 3400m³ angelegt, von denen zwei noch heute in Betrieb sind, die aber leider nicht besichtigt werden können.[12]

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Wenn man aber bedenkt, dass allein für einen weniger als dreistündigen  Betrieb der Fontänen  9500 m³ Wasser benötigt wurden, kann man erahnen, wie  groß die hydraulischen Herausforderungen waren.  Und mit der Bereitstellung von genügend großen Reservoiren war es  nicht getan. Sie mussten ja auch gefüllt werden. Das unterhalb des Schlosses vorhandene Wasser, zum Beispiel aus dem nahe gelegenen étang de Clagny, musste also hochgepumpt werden- und das in einer Zeit, in der es noch keine Dampfmaschinen gab. Also bedurfte es eines Systems von Windmühlen und mit Pferdekraft angetriebenen Pumpen, die für die Nachfüllung der Reservoirs sorgten. Das benötigte natürlich viel Zeit und konterkarierte den Traum Ludwigs XIV., die Fontänen seines Parks dauerhaft ohne jede Unterbrechung betreiben zu können.

Die größte Herausforderung bestand allerdings darin, überhaupt genügend Wasser zur Verfügung zu haben. Der Teich von Clagny, das einzige natürliche Reservoir, war zu klein und hatte zu geringen natürlichen Zulauf, so dass er den an ihn gestellten Anforderungen bei weitem nicht gewachsen. Es musste also aus der Ferne Wasser herangeschafft werden- eine dauernde und im Verweis auf Herkules treffend bezeichnete Aufgabe. Eine der ersten Maßnahmen war die Umleitung des Wassers der Bièvre, eines kleinen Nebenflüsschens der Seine. Aber auch das reichte nicht, den Wasserbedarf der vom Sonnenkönig  gewünschten immer zahlreicheren Fontänen zu befriedigen. Warum also nicht gleich das Wasser der Loire nutzen?  Es war kein Geringerer als Pierre-Paul Riquet, der Schöpfer des Canal de Midi  (damals canal royal de Languedoc), der diesen Vorschlag Ludwig XIV. unterbreitete. Und der war davon sehr angetan und auch gleich bereit, die dafür erforderliche immense Geldsumme zur Verfügung zu stellen. Ludwigs Finanzminister Colbert hatte allerdings Zweifel an der Machbarkeit und beauftragte  den Abbé Picard, Mitglied der Akademie des Science, mit einem Gutachten. Die Überprüfung ergab, dass die Loire an der geplanten Wasserentnahmestelle tiefer lag als das Schloss von Versailles…. Das Projekt wurde also aufgegeben und andere traten an seine Stelle.

Drei  davon sollen auf diesem Blog  vorgestellt werden. Sie wurden nicht nur wegen ihrer Bedeutung ausgewählt, sondern auch, weil sie noch heute sichtbare Spuren hinterlassen haben: Die Drainagen und das Teichsystem  auf der Hochebene von Saclay/Palaiseau,  die Maschine von Marly und das Projekt der Umleitung des Flusses Eure.   Dem ersten Projekt verdankt man heute ein wertvolles Biotop, das zweite ist eine technische Meisterleistung, aber auch –wie vor allem die aufgegebene Umleitung der Eure,  Zeuge absolutistischen Größenwahns.  Die drei Projekte können/sollen zu Ausflügen in die Umgebung von Paris/Versailles anregen. Und sie können den bewundernden Blick auf die Fontänen im Schlosspark von Versailles sicherlich erweitern. In diesem Beitrag werden die Rigoles de Saclay und das Aquädukt von Buc vorgestellt, die beiden anderen Projekten werden in späteren Beiträgen folgen. 

1. Die Rigoles von Saclay und das Aquädukt von Buc (1680-1686)

Die Hochebene von Saclay liegt im Süden von Versailles/im Südwesten von Paris  zwischen den Flüsschen Bièvre und Yvette. Heute ist sie vor allem bekannt durch die dort schon angesiedelten und noch geplanten  Lehr- und Forschungseinrichtungen,  das „Silicon Valley à la française“.[13]  Zu Zeiten Ludwigs XIV. war die Hochebene von Saclay Ort eines kaum weniger anspruchsvollen Projekts:  Sie sollte nämlich dazu beitragen, den immer größer werdenden Wasserbedarf der Fontänen von Versailles zu decken.  Die Probleme, die sich dabei stellten, waren allerdings erheblich. Es gab auf dem Plateau zwar einen größeren Teich, den Étang Vieux de Saclay, der aber nur von Regenwasser gespeist wurde, also keine natürlichen Zuflüsse hatte. Außerdem lag, wie der wieder herangezogene Abbé Picard feststellte, sein Grund  nur 10 Fuß (3,25 Meter)  über dem unteren Teil des Schlossparks. Die Herausforderung bestand nun darin,  das nutzbare Wasseraufkommen auf dem Plateau zu steigern und es dann allein über das (geringe) natürliche Gefälle für die Alimentierung  wenigstens der – allerdings immer zahlreicheren- Brunnen und Fontänen in den unteren Partien des Schlossparks zu nutzen. (Deshalb auch die Bezeichnung lacs inférieures für die schon bestehenden und neu geschaffenen Teiche auf der Hochebene von Saclay).   Mit der Ausführung dieses Projekts wurde der Ingenieur Thomas Gobert beauftragt, der sich schon bei der Versorgung von Versailles mit Trinkwasser verdient gemacht hatte.  Er forderte 3000 Mann und 2000 Schubkarren an, die 6 Jahre lang damit beschäftigt waren, neue Teiche anzulegen und ein System von Drainagen (rigoles), d.h. kleinen Gräben, die alles anfallende Regenwasser in den Étang  Vieux de Saclay und den neu geschaffenen Étang Neuf de Saclay als zentraler Sammelstelle leiten sollten.

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Rigoles auf dem Plateau de Saclay

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Der alte Damm zwischen dem Étang Vieux  (heute ein Vogelschutzgebiet[14]) und dem Étang Neuf de Saclay (heute Wasserreservoir für eine Forschungseinrichtung für Antriebe)

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Ausschnitt aus einer Informationstafel am Pavillion du Roi auf dem Damm zwischen den beiden Teichen von Saclay

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Die alte Treppe des  „Pavillon du Roi“  auf dem Damm. In seinem Keller befand sich der Schieber zur Regulierung der  Wasserhöhe in beiden Teichen.

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe stand allerdings noch bevor: Jetzt musste das in den Teichen von Saclay angesammelte Wasser ja noch in den Schlosspark von Versailles überführt werden. Dazu bedurfte es einer Leitung von 20 Kilometern mit gleichmäßiger sanfter Neigung, die wegen mehrerer dazwischen liegender Hügel zum Teil unterirdisch – bis zu 32 Meter unter dem Erdboden- verlaufen musste.  Und vor allem: Das breite Tal der Bièvre musste überwunden werden. Hier sah Gobert zunächst einen Düker vor, also eine unter dem Flüsschen verlaufende Druckleitung.  Allerdings war die ersten Versuche damit nicht ermutigend: Das Rohrsystem war dem erheblichen Wasserdruck nicht gewachsen, so dass man den Plan aufgeben musste: Die Alternative war ein Aquädukt, dass er in einem Memorandum vom 2. November 1682 dem Sonnenkönig schmackhaft machte:

On pourrait faire un acqueduc de massonnerie, que de seroit sujet à aucun entretien, sans besoin de fer, cuivre ny plomb, plus solide et à durer autant que le monde, dont la magnificence marqueroit à la postérité, autant qu’aucun autre esdifice la grandeur du Règne du Roi.“[15]

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Man könne, so schlug also Gobert vor, ein Aquädukt aus Stein bauen, wofür man kein Metall benötige. Dazu werde es bis ans Ende der Welt bestehen und wie kein anderes Bauwerk der Nachwelt die Größe des Königs vor Augen führen. Kein Wunder also, dass der König dem Plan zustimmte.  Sicherlich hat Gobert den Mund etwas zu voll genommen, aber eindrucksvoll ist das Bauwerk auf jeden Fall, und zwar von unten gesehen, wenn man auf einem Spaziergang entlang der Bièvre dort vorbeikommt, oder aus der Vogelperspektive.

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Hier ein Blick auf eine der 19 Arkaden. Sie bestehen vor allem aus Bruchsteinen (pierres meulières), die Kanten aus behauenen Kalksteinen[16]

Und jetzt aus der Vogelperspektive:

(Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Aqu%C3%A4dukt_von_Buc)

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Die Bauarbeiter dieses Aquädukts waren übrigens Soldaten aus der Normandie, die dafür abgestellt wurden. Solche gigantischen Baumaßnehmen waren ja generell nur möglich, wenn Ludwig XIV- einmal nicht Krieg führte, wenn Soldaten (und Geld)  also nicht zum Erobern und Töten eingesetzt  wurden.

1686 wurde das gesamte Leitungssystem eingeweiht – „zur Zufriedenheit der Fontänen“, wie Ludwig XIV. huldvoll  festzustellen geruhte.  Und offenbar auch zur Zufriedenheit von Wanderern, die sich an diesem für die Ewigkeit geplanten Bauwerk aufwändig „verewigten“.

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Und immerhin:  Bis 1950 tat dieses Aquädukt seinen Dienst und danach wurde es unter Denkmalschutz gestellt- Es wird uns also wohl noch etwas erhalten bleiben.

Der Wasserbedarf der Fontänen im Park von Versailles war aber – und das war von vornherein absehbar- mit der Inbetriebnahme des Systems von Teichen und Rigoles auf dem Plateau de Saclay – und eines weiteren bis nach Rambouillet reichenden Wassergewinnungssystems (den lacs supérieurs) immer noch nicht gestillt. Die gesamte  maximale/optimale tägliche Kapazität  dieser Systeme waren12 000 m³. Das reichte aber bei weitem immer noch nicht aus, um die Wasserspiele des Sonnenkönigs wenigstens mehr als stundenweise zu betreiben.

Es mussten also weitere Wasserquellen erschlossen werden, was natürlich immer schwieriger wurde. Entweder es mussten technische Lösungen gefunden werden, die bisher nicht machbar erschienen, oder es  musste das Wasser aus  immer größeren Entfernungen herangeführt werden,  beziehungsweise – es geht ja um die Fontänen des Sonnenkönigs- beides:  Das eine ist das Heraufpumpen von Wasser aus der Seine durch die Maschine von Marly, ein parallel mit „Saclay“ betriebenes Projekt, das andere  die Umleitung des Flusses Eure über 80 Kilometer,  die zwar nie verwirklicht werden konnte, an die allerdings noch das grandiose Aquädukt von Maintenon erinnert. Darüber mehr in einem weiteren dritten Blog-Beitrag über die Fontänen von Versailles. Der Maschine von Marly wird dann der vierte Teil dieser kleinen Reihe gewidmet sein. (17)

Literatur/Benutzte Materialien

Association ADPP, À la Découverte du Plateau de Palaiseau. 2015

Alain Baraton, Le jardinier de Versailles. Paris: Grasset 2006

Eric Soullard, Les eaux de Versailles sous Louis XIV. In: Hypothèses 1998,1, S. 105-112 https://www.cairn.info/revue-hypotheses-1998-1-page-105.htm?contenu=resume

Serge Fiorese, Le système hydraulique du plateau de Saclay : un patrimoine unique à découvrir et mettre en valeurhttp://www.s-y-b.fr/index.php?option=com_content&view=article&id=29:le-systeme-hydraulique-du-plateau-de-saclay&catid=16

Léo Pajon, L’aménagement de l’eau à tout prix.  In: Versailles. Les grandes heures d’un château au cœur de l’histoire de France. GEOHISTOIRE 29, Oct/Nov 2016, S. 44f

Jean Siaud, Ils ont donné l’eau à Versailles.  Edition de l’onde 2012

Jean Siaud, Trois siècles dèau à Versailles pour le château et pour la ville. 1663-1964. Hrsg von der Société des amis de Versailles.

https://www.youtube.com/watch?v=u0VYY2iK3Lo (Video der Verwaltung der Schlösser von Versailles über die einzelnen Etappen der Konstruktionen zur –Wasserversorgung von Versailles. Anschaulich, aber ohne Ton.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserversorgung_des_Schlossparks_von_Versailles

Chronologie der hydraulischen Arbeiten: http://ressources.chateauversailles.fr/IMG/pdf/le_systeme_hydraulique_chronologie_des_travaux_d_adduction.pdf  (Aus der Website des Château de Versailles)

Anmerkungen:

[1] A la  découverte du Plateau de Palaiseau, S. 20

[2] Nach Soullard sind es sogar 160 Meter. Siehe: http://www.theses.fr/2011GRENH032

[3]Siehe den Blog-Beitrag: Der potager du roi, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. in Versailles. https://paris-blog.org/2016/04/12/le-potager-du-roi-in-versailles-der-obst-und-gemuesegarten-ludwigs-xiv/

[4] Dazu im Einzelnen: Die letzte Chance.  Das Fest vom 17. August 1661 https://www.degruyter.com/downloadpdf/books/9783486719390/9783486719390.173/9783486719390.173.pdf

[5] Vatel stand danach in Diensten des „Großen Condé“ im Schloss Chantilly und gilt als Erfinder der crème Chantilly. Siehe dazu den Blog-Beitrag über Chantilly: https://paris-blog.org/2016/04/09/schloss-und-park-von-chantilly-eine-alternative-zu-versailles/

[6] Zu Charles Le Brun siehe den Blog-Beitrag über die Manufacture des Gobelins, deren Chef er war: https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

[7] http://kunstundkosmos.de/Regionen-Staedte-Architektur/Versailles-Garten.html

[8] siehe : A la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 24

[9] Baraton, S. 89 und 92; die Zahl von 10 000 wird von Pajon, S. 44 genannt.

[10] S. M. de duc de Noailles, Histoire de Madame de Maintenan et des principaux événements  du règne de Louis XIV tome deuxième, Paris 1848, S. 58 https://books.google.de/books?id=sK1P5hdagUsC&printsec&pg=PA58#v=onepage&q&f=false

[11] Bild aus: http://www.versaillespourtous.fr/fr/popup_clelyre.html

[12] Bild aus: http://ressources.chateauversailles.fr/documents/2/animation_jardin/eau/reservoirst.html

[13] https://www.capital.fr/votre-carriere/paris-saclay-la-silicon-valley-a-la-francaise-1315895

[14] Über die étangs und rigoles heute und ihren ökologischen Wert: https://www.youtube.com/watch?v=OHzjiUfK1BM

[15] Zit. À la découverte du Plateau de Palaiseau, S. 23

[16] Zu Gewinnung der Steine in und um Paris im Allgemeinen und dabei auch zu den meulière-Steinen im Besonderen siehe den Blog-Beitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris: https://paris-blog.org/2017/04/20/die-bergwerke-und-steinbrueche-von-paris/

(17) Allerdings wird der wohl noch etwas auf sich warten lassen: Die zunächst für 2018 geplante, dann auf Frühjahr 2019 verschobene Wiedereröffnung des Museums von Marly, das ich in den 3. Beitrag einbeziehen möchte,  ist inzwischen für den Herbst 2019 avisiert, lässt allerdings immer noch auf sich warten. (Stand April 2020).

Der nachfolgende Beitrag zur Wasserversorgung von Versailles behandelt die begonnene, aber nicht vollendete Umleitung der Eure durch den canal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon:   https://paris-blog.org/2020/05/19/der-canal-louis-xiv-und-das-aquaedukt-von-maintenon-die-fontaenen-von-versailles-teil-3/