Le chocolat Menier (2): Die Villen der Familie im 8. Arrondissement von Paris und das Grabmal auf dem Père Lachaise

Im ersten Teil des Beitrags über die Schokoladenfabrik Menier standen die außerordentlich formschöne, moderne und repräsentative Architektur der Fabrik und die Anlage der Arbeitersiedlung in Noisiel an der Marne im Mittelpunkt.

https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Bauten der Familiendynastie in Paris:  Die Stadtvilla (hôtel particulier) des Émile Justin Menier und die seiner Söhne Henri und Gaston Menier im 8. Arrondissement von Paris sowie die Grabkapelle der Familie  auf dem Père Lachaise. Die Villen der Meniers befanden sich nicht zufällig alle im Umkreis des Park Monceau: Gerade zu der Zeit, als die Schokoladenfabrik von Noisiel ihre grandiose Expansion vollzog, erhielt der Park seine heutige Form und Noblesse. Als nämlich 1860 das alte Dorf Monceau nach Paris eingemeindet wurde, wurde der weitläufige, am Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Park des Philippe Égalité, die folie des duc de Chartres, aufgeteilt: Einen Teil gestaltete der Gartenarchitekt Adolphe Alphand um, der im Zuge der Haussmannschen Stadterneuerung unter Napoleon III.  auch andere Parks in Paris neu anlegte.[1] Unter seiner Leitung entstand ein Park, der mit vielen alten und neuen Attraktionen versehen war wie die korinthische Säulenreihe aus einer Anfang des 18. Jahrhunderts zerstörten Kirche von St. Denis, die sogenannte Naumachie…

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… oder die von Claude Nicolas Ledoux erbaute Rotonde am nördlichen Parkeingang, die sogenannte Barrière de Chartres, Teil der alten die Stadt umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux.[2]

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So entstand  « la promenade la plus luxueuse et en mêmetemps la plus élégante de Paris“ wie der Baron Haussmann in seinen Memoiren rühmte; [3]  eine promenade, die Claude Monet 1876 zu drei Bildern anregte…[4]

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… und eine Parkidylle, in der sich ein halbes Jahrhundert später Kurt Tucholsky von seinem krisengeschüttelten Vaterland ausruhte.[5]:

Kurt Tucholsky: Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

Die andere Hälfte des früheren Parks wurde an die Brüder Pereire verkauft, reiche Bankiers, die damit ein groß angelegtes, spekulatives Immobilienprojekt aufzogen: Nach Malern benannte Straßen wurden angelegt und  monumentale vergoldete Zugänge, die selbst einem Schloss des Sonnenkönigs Ehre machen würden.

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Die großen  Baugrundstücke kaufte vor allem die jüdische  Großbourgeoisie des zweiten Kaiserreichs, um dort luxuriöse Stadtpalais zu errichten: Die Rothschilds, Cerrnuschis, Camondos, Ephrussis, aber auch die  Meniers.

Das Hôtel Menier

Hat man im Süden des Parks in der avenue Van-Dyck eines der goldenen Tore durchschritten, sieht man auf der linken Seite das hôtel particulier des  Émile Justin Menier. Es handelt sich, wie man lesen kann, „zweifellos“ um die außerordentlichste Villa des Parks, „véritable anthologie d’art décoratif“.[6]  Bemerkenswert ist zunächst der Zeitpunkt des Baus. Es sind nämlich erst die Jahre 1872 bis 1874, während die Umgestaltung des Parks und die Bebauung seiner Umgebung und vermutlich wohl auch der Kauf eines „Filetstücks“ durch die Meniers  schon auf die 1860-er Jahre zurückgeht. Inzwischen war Napoleon III. gestürzt und ins Exil „ab nach Kassel“ expediert worden; Frankreich war zur Republik geworden; die Erschießungskommandos der siegreichen Versailler waren wieder abgezogen, die in dem Park die massenhaften Todesurteile gegen die aufständischen Kommunarden exekutiert hatten; Frankreich war im Vertrag von Frankfurt zu hohen Kriegsentschädigungen verpflichtet worden, die gerne mit den Reparationen des Vertrags von Versailles verglichen werden…  Und in dieser Zeit der Umbrüche lassen die Meniers ihr grandioses Palais errichten: Architektur als politisches und ökonomisches Manifest: Auch unter der neuen Republik geht das Leben weiter und rollt auch –gewissermaßen- der Rubel, business as usual…

Bemerkenswert ist auch die Wahl des Architekten: Es ist Henri Parent, der Pariser Hausarchitekt der Meniers.  Parent hatte sich im zweiten Kaiserreich Napoleons III. einen Namen gemacht durch die Erneuerung von Adelspalästen der französischen Aristokratie. Er hatte zwar knapp den Wettbewerb um den Neubau der Pariser Oper –zugunsten seines Kollegen Garnier- verloren, dafür aber andere prestigeträchtige Aufträge erhalten wie den Bau eines Palais für die Kunstsammlung Jacquemart-André. Wie dort orientierte sich Parent auch beim hôtel Menier an traditionellen Vorbildern, vor allem dem flämischen Barock.[7]

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Das Palais ist inzwischen in Eigentumswohnungen aufgeteilt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von der Straße aus kann man immerhin einen Blick in einen Teil des Hofs und auf die dem Hof zugewandte Fassade mit der ausladenden Rotunde werfen. Die repräsentative Freitreppe allerdings kann man von außen nicht sehen.[8]

Auffällig ist schon hier der reiche Fassadenschmuck, den auch die dem Park zugewandte Schauseite aufweist.

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Denn anders als in vielen klassischen Pariser Stadtvillen, deren Reichtum sich erst erschließt, wenn man den an einer Straße gelegenen und im Allgemeinen verschlossenen  Eingang durchquert hat, ist die Schauseite hier vom Park aus und damit für die Besucher des Parks sichtbar. Der Reichtum der Besitzer wird nicht versteckt, sondern stolz präsentiert. Und der öffentliche Park verleiht dem privaten Besitz zusätzliche Weite und Großzügigkeit,  wie ja auch umgekehrt der Park und seine Besucher von der Noblesse der umgebenden Architektur profitieren.  Gehörte zu den klassischen hôtels particuliers der eigene, abgeschlossene Garten, so war hier gewissermaßen der öffentliche Park der Garten des hôtel Menier und der anderen an den Park grenzenden Villen.

Der reiche Fassadenschmuck mit mascarons, Tierköpfen und Vasen  ist das Werk des Bildhauers Jules Dalou. Dalou, ein Freund Rodins, war in den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs eJulin von der Aristokratie äußerst geschätzter Bildhauer. Unter anderem war er beteiligt an der Ausstattung des von dem schlesischen Kohlenbaron Guido Henckel von Donnersmarck für seine Geliebte und Frau, die Gräfin Païva,  auf den Champs-Elysées errichteten Märchenschlosses.[9] 1871 allerdings wurde er wegen „participation à l’insurrection“ zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Er war nämlich Kommandeur einer Einheit der Nationalgarde gewesen und dann, auf Bitten von Courbet, die Aufgabe übernommen, als stellvertretender Direktor des Louvre für die Sicherheit und Unversehrtheit der Bestände des Museums zu sorgen. Dalou konnte aber rechtzeitig nach England fliehen, wo er weiter als Bildhauer arbeiten konnte, bevor er 1879 mit der damals beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden wieder nach Paris zurückkehrte und zum großen Bildhauer der Republik wurde.[10]

Dass der geächtete Dalou von Paris aus beauftragt wurde, den Fassadenschmuck zu entwerfen, ist kaum vorstellbar. Ich vermute also, dass seine Zeichnungen (wie der Entwurf des Baus insgesamt) schon vor der Zeitenwende von 1870/71 entstanden sind.  Es erscheint mir aber trotzdem bemerkenswert, dass ein repräsentatives Gebäude wie das der Meniers mit dem Fassadenschmuck eines Geächteten ausgestattet wurde. Ökonomische Gründe können dafür kaum eine Rolle gespielt haben. Ich denke, dass es sich eher um ein politisches Signal handelt: Dass die vom Bürgerkrieg geschlagenen Wunden geheilt werden sollen und die republikanische Familie wieder geeint werde. Aber später  mehr zum politischen Engagement des Émile Justin Menier.

Hôtel Henri Menier

Auch zwei der Söhne von Émile Justin Menier, Henri und Gaston, ließen sich repräsentative Stadtpalais in der Umgebung des Park Monceau bauen und engagierten dafür auch Henri Parent, den Architekten ihres Vaters. Für das 1880 errichtete  Hôtel Henri Menier orientiere er sich am Stil der französischen Renaissance.

Hotel Henri Menier Palais parc Monceau (7)

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Das Gebäude ist um einen zentralen Hof gruppiert, dessen Fassaden zum Teil ebenfalls im Stil der Neo-Renaissance gestaltet sind, sich zum Teil aber auch an mittelalterlichen Vorbildern orientieren.

Innen gab es eine große repräsentative Treppe und einen Ballsaal mit 12 Metern Deckenhöhe. In einem Teil des Anwesens richtete Henri Menier ein Laboratorium für seine chemischen Versuche ein, was die Anwohner etwas beunruhigte.

Wie beim Hôtel particulier seines Vaters ist die rückwärtige, auch im Stil der Neo-Renaissance gehaltene Fassade des Baus dem Park Monceau zugewandt. Die oberste Etage ist eine spätere Zutat.

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Heute ist In dem Gebäude  das Conservatoire internationale de musique de Paris untergebracht.[11] 

Hôtel Henri Menier

8, rue Alfred de Vigny

75008 Paris

Hôtel Gaston Menier

1878 kaufte Gaston Menier das Stadtpalais des aus dem Elsass stammenden Textilindustriellen Georges Michel Koechlin. Es handelte sich um ein Gebäude mit Fassade aus Backsteinen und Kalksteinquadern, wie das für die französische Renaissance zur Zeit Heinrichs IV. üblich war (siehe die place des Vosges oder die Place Dauphine in Paris).

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Passend zum Gebäude der Fassadenschmuck mit dem durchlaufenden Fries….

Hotel Gaston MenierMenier (2)

… und den Greifen über dem Portal.

Hotel Gaston MenierMenier (1)

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Das Innere und die den Hof umgebenden Gebäude entsprachen allerdings nicht dem Geschmack und dem Repräsentationsbedürfnis des neuen Besitzers. Also ließt er von Henri Parent erhebliche Veränderungen vornehmen. So wurden die übernommenen Wirtschaftsgebäude abgerissen und durch Neubauten in einer normannisch-maurischen Stilmischung ersetzt.[12]

Dort war Platz für 5 Kutschen, 12 Pferde und darüber für einen  großen Theater- und Ballsaal, „le théâtre des folies Ruysdaël“, in dem Komödien und Operetten aufgeführt wurden.

Seit 1953 ist das Gebäude Sitz des „Ordre National des Pharmaciens“.

Hôtel Gaston Menier

4 avenue Ruysdaël

75008 Paris

Das Grab des Émile Justin Menier auf dem Père Lachaise

Das Repräsentationsbedürfnis der Meniers wird nicht nur in den Fabrikbauten von Noisiel und den Stadtpalais rund um den Parc Monceau deutlich, sondern auch auf dem Grab der Familie. Da gibt es zunächst ein bescheidenes, unauffälliges für den Gründer der Firma, Brutus Menier in der 36. Division. Als aber 1881 sein Sohn  Émile Justin Menier, starb, erschien der Familie dieses Grab nicht mehr der Bedeutung der Familie und ihres Unternehmens angemessen. Also wurde nach dem Tod Émile Justins ein großes, unübersehbares Mausoleum in der 67. Division des Friedhofs Père Lachaise errichtet- eines der repräsentativsten des Friedhofs.  Nach Fertigstellung des Mausoleums wurde 1887  der Leichnam  des Émile Justin aus dem Grabmal des Vaters  dorthin überführt.[13] 

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Mit dem Bau des Mausoleums beauftragt wurde der Hausarchitekt der Meniers, Henri Parent, der sich -wie damals in Frankreich üblich- auch dort verewigen ließ.

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Über der mit Kakaoblüten verzierten Tür aus Bronze befindet sich eine Marmor-Büste des verstorbenen Fabrikherrn, daneben in von Putten gehaltenen bekränzten Wappenschilden die obligatorischen  Ms.

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Der Eingang wird eingerahmt von der Allegorie des Handels, die in der linken Hand ein Buch mit der Aufschrift „travail“ /Arbeit hält.

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Die Frauengestalt auf der rechten Seite des Eingangs verkörpert die Industrie. In der einen Hand trägt sie eine Palme und einen Efeukranz, in der anderen Hand eine Pergamentrolle mit der (verwitterten)  Aufschrift „bienfaisance, instruction“/Wohltätigkeit, Unterrichtung.  Damit war der Kern der paternalistischen Ideologie der Meniers auf den Punkt gebracht.

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Das sozialreformerische Engagement Meniers

In de Nachrufen der  zeitgenössischen Presse waren alle Topoi dieses Paternalismus versammelt: Neben der leidgeprüften Familie betrauere in Noisiel auch noch eine andere große Familie den Verstorbenen. Der sei mitten aus seinem arbeitsreichen Leben und seinen grandiosen Schöpfungen gerissen worden,  ein genialer Erfinder, der den Namen Menier zu einem der berühmten Namen Frankreichs gemacht habe. Die Aufbarung des Leichnams in Nosiel sei ein tief beeindruckendes Schauspiel gewesen: Alle Arbeiter, denen er so viel Gutes getan habe, hätten den Sarg begleitet und nicht von ihm ablassen wollen. Die Frauen hätten viele Tränen vergossen. „Monsier Menier war ein wahrer Menschenfreund; er liebte es, auf alle nur mögliche Weise Gutes zu tun.“[14]

Dass  Émile Justin Menier hier  gerühmt wird – zumal aus Anlass seines Todes-  hat durchaus seine Berechtigung.  Man muss ja nicht, wie Bernard Marrey in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1984 von einem „idealen Kapitalismus“ sprechen, aber die Arbeiter, die bei den Meniers beschäftigt waren, hatten erhebliche Vergünstigungen: Die kostenlose Schulbildung für die Kinder –noch vor Einführung der Schulpflicht in Frankreich- , die günstigen Siedlungshäuser, die Kantinen für allein stehende Arbeiter,  die kostenlose medizinische  und  auch die materielle Versorgung in Krankheitsfällen sowie die Altersvorsorge in einer Zeit, in der es noch (lange) keine allgemeine Kranken- und  Rentenversicherung in Frankreich gab. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 wurde ausdrücklich die soziale Situation der Arbeiter von Noisiel begrüßt. Das soziale Engagement Meniers war beeinflusst von den Ideen des im Kaiserreich Napoleons III. einflussreichen Sozialreformers Le Play. Der propagierte in der von ihm gegründeten Société internationale des études pratiques d’économie sociale  eine „politique patronale“, deren Ziel die soziale Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeitern war. Der Fabrikherr sollte wie ein Vater für seine Arbeiter sorgen, das Unternehmen eine große Familie sein. Émile Menier war Mitglied dieser Gesellschaft und man hat sein Wirken als „parfait exemple de l’économie sociale leplaysienne“ bezeichnet. [15]

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Standbild Le Plays im Jardin du Luxembourg in Paris

Menier hat sich als „patron philanthrope[16] ganz gezielt in Szene gesetzt. So wie er seine Produkte mit großer Systematik vermarktete, so auch sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. In Noisiel wurden in den 1870- er Jahren zahlreiche Feste mit den Arbeitern, ihren Frauen und Kindern veranstaltet. Sie sollten ihnen die Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit für das soziale Wirken des Fabrikherrn öffentlich kund zu tun. 1876 fand ein großes Fest mit 650 Mitgliedern der „Menier-Familie“ statt. Dort trat ein 13-jähriges Mädchen auf, das mit lauter Stimm den Dank der Schüler/innen der von Menier gegründeten Schule vortrug:

« Madame et Monsieur Menier, chers bienfaiteurs, Laissez-nous vous remercier pour cette instruction que nous vous devrons et qui rendra plus faciles nos pas dans la vie. Pour les pauvres gens, l’instruction est difficile à acquérir parce qu’elle coûte cher. Eh bien vous avez pris soin de dispenser nos parents de toutes dépenses à ce sujet, vous nous avez tout donné jusqu’au papier, aux plumes, aux crayons. Aussi croyez à notre reconnaissance et soyez sûrs que chaque année nous nous efforcerons de nous rendre dignes de tous les sacrifices que, sans compter, vous avez voulu faire pour nous“[17]

Zu dem Fest von 1876 waren aber nicht nur die Betriebsangehörigen und ihre Familien eingeladen, sondern auch  Abgeordnete der Nationalversammlung, Senatoren, Gemeinderäte und Journalisten – einem davon verdankt man ja auch die Wiedergabe der gerade zitierten Dankesrede. Meniers Selbstinszenierung diente also, das wird daran deutlich, nicht nur  dazu, seine Arbeiter an die Firma und ihren Patron zu binden,  sondern dahinter stand auch ein politischer Zweck. Die „Opfer“, die  der als „Wohltäter“ gerühmte Menier nach den Worten der Schülerin, „ohne Berechnung“ für die Schüler/innen (und insgesamt für die Fabrikangehörigen) brachte, waren doch nicht ganz selbstlos.  Menier strebte  nämlich  in diesen Jahren gezielt eine politische Karriere an, wofür ihm Noisiel gewissermaßen als Basis und Aushängeschild diente. Tatsächlich wurde er auch bei den Wahlen vom 20. Februar 1876 zum Abgeordneten der Nationalversammlung für seinen Wahlkreis Seine-et-Marne gewählt.

Dass ein erfolgreicher Unternehmer sich  ganz direkt politisch engagierte, entsprach nicht der verbreiteten Erwartungshaltung, für die die Rolle als Hinterzimmer- oder Salon-Lobbyist angemessen gewesen wäre. Noch erstaunlicher war allerdings, dass sich Menier nicht, wie es von seinem Status und seinem Vermögen zu erwarten gewesen wäre, auf Seiten der politischen Rechten engagierte, sondern ganz im Gegenteil auf Seiten der  republikanischen Linken.

Ein besonderes  Anliegen war für ihn eine umfassende Reform des noch aus dem ersten Kaiserreich Napoleons stammenden Steuersystems, das er für ungerecht und wirtschaftlich verfehlt hielt. Die arbeitende Bevölkerung –und damit natürlich auch oder vor allem die Unternehmer- sollte  entlastet, dafür aber sollten der Kapitalbesitz und damit die  von den Romanen Balzacs so  bekannte  Spezies der Spekulanten und der von ihren Kapitalerträgen lebenden Rentiers  besteuert werden.  Als engagierter Republikaner vertrat Menier auch das Prinzip der Laizität, das ja, wie im ersten Teil des Beitrags gezeigt wurde, auch in der Konzeption der cité ouvrière von Noisiel deutlich wird, wo die Kirche nicht im Zentrum steht, sondern an den Rand der Siedlung  platziert war. Bemerkenswert ist auch seine pazifistische Devise: Si vis pacem, para pacem (18) – also die Umkehr der klassischen römischen Devise:  Si vis pacem, para bellum bzw.  des Si vis bellum, para bellum, also der insgeheimen Devise all derer, die die –wie anders als kriegerische?- Rückgewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens erstrebten und ideologisch, politisch und materiell vorbereiteten. Und bemerkenswert ist auch das Engagement Meniers für eine Amnestie für die verurteilten und für die ins Ausland geflüchteten Mitglieder und Sympathisanten der Commune, womit er sich ja immerhin in bester Gesellschaft -beispielsweise der Victor Hugos- befand. Immerhin konnte er ein Jahr vor seinem Tod die nach mehreren vergeblichen Anläufen am  11. Juli 1880 von der Nationalversammlung verabschiedete Amnestie für die Kommunarden noch miterleben. Insofern seien ihm sein Denkmal auf dem zentralen Platz der Arbeitersiedlung von Noisiel und sein Mausoleum auf dem Père Lachaise gegönnt….

Anmerkungen

[1] So auch den Park Buttes-Chaumont.  Siehe dazu den Blogbeitrag über „Neues Leben auf alten Steinbrüchen“   https://paris-blog.org/2017/05/01/neues-leben-auf-alten-steinbruechen-der-park-buttes-chaumont-und-das-quartier-de-la-mouzaia/

[2] Zu dieser Zollmauer und dem Architekten Ledoux ist ein weiterer Blog-Beitrag geplant.

[3] https://www.napoleon.org/magazine/lieux/parc-monceau-paris/

[4] Bild aus: https://commons.wikimedia.org

[5] Unter dem Pseudonym Theobald Tiger in der Weltbühne vom 15.5. 1924

[6] http://artetpatrimoinepharmaceutique.fr/Qui-sommes-nous/p69/La-Famille-Menier-au-Parc-Monceau

[7] Siehe: Guide du promeneur 8e arrondissement, Philippe Sorel, Parigramme, 1995.

[8] Rechtes Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Menier

[9]Siehe den Blog-Beitrag: Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs-Elysées. https://paris-blog.org/2016/04/16/das-hotel-paiva-ein-deutsch-franzoesisches-maerchenschloss-auf-den-champs-elysees/

[10] Siehe den Blog-Beitrag: Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune. https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[11] http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/2846-l-hotel-d-henri-menier

Bild aus: http://www.paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Henri-Menier-Conservatoire

[12] Bild aus:: http://paris-promeneurs.com/Patrimoine-ancien/L-hotel-Gaston-Menier-Ordre

[13] https://www.tombes-sepultures.com/crbst_1543.html

und entsprechend: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/pere-lachaise.htm

[14]  Zitiert in:  https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm  (M. Menier fut un vrai philanthrope ; il aimait à faire le bien sous toutes ses formes)

[15] https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm

Das nachfolgende Bild aus:  https://travelswithmaryellen.wordpress.com/2014/10/08/paris-lovely-luxembourg-garden/statue-of-pierre-guillaume-frederic-le-play-in-jardin-du-luxembourg-in-paris-france/

[16] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[17] Zitiert von Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République. https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

(18) zitiert bei Marrey, S. 38

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012   https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

Weitere geplante Beiträge:

  • Aux Belles Poules. Ein früheres Bordell im Quartier Saint Denis
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris

Le chocolat Menier (1) Die Schokoladenfabrik in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert

Im Jahr 1825 verlegte Jean- Antoine Brutus Menier,  der Ahnherr der Menier-Dynastie, einen Teil seiner kleinen pharmazeutischen Fabrik aus dem Pariser Marais in die  Landgemeinde  Noisiel an der Marne.  Dort gab die es eine kleine Mühle, die dazu diente,   Arzeneien in Pulverform anbieten zu können. Auch Schokolade wurde dort produziert, die man für die Herstellung von Arzeneien verwendete: Das Fett des Kakaos für Zäpfchen, die Schokolade, um das Schlucken bitterer Pillen zu erleichtern.

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Bronzerelief vom Standbild des Émile-Justin Menier in Noisiel

Menier ersetzte damit den tierischen Antrieb seiner kleinen Mühle im Marais durch die Hydraulik, womit er seine Produktion erheblich ausweiten konnte.

Allmählich spezialisierten sich die Meniers ganz auf die Verarbeitung von Kakao und die Herstellung von Schokolade. Die war damals ein Luxusartikel: Sie wurde in Form von Broten produziert und dann in geriebener Form zur Herstellung von Trinkschokolade verwendet. 1836 erfanden die Meniers eine neue Form der Schokolade: die Tafel. Damit konnte die Schokolade auch direkt gegessen werden. Sie wurde nun in kleineren handlichen  Stücken,  in immer größeren Mengen und preisgünstiger hergestellt, so dass die Schokolade allmählich zu einem auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglichen Konsumartikel wurde. Die Chocolaterie von Noisiel hat zu diesem Demokratisierungsprozess der Schokolade wesentlich beigetragen: Was bisher für die „grand monde“ reserviert war, gelangte nun  „à la portée du plus grand nombre“.[1]  

1879 importierte die Firma alleine so viel Kakao wie ganz Großbritanien.[2] 1900 beherrschte sie 50% des gesamten Weltmarkts. Vor dem ersten Weltkrieg war Noisiel die größte Schokoladenfabrik der Welt mit eigenen Kakaoplantagen, die die Meniers  -auf den zunächst dort geplanten Kanalbau spekulierend- in Nicaragua anlegten, dem zwischen dem Nicaragua-See und dem Ozean gelegenen „Valle Menier“ [3]

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Zeitgenössisches Werbeplakat (ausgestellt in der Chocolaterie

„Die größte Fabrik der Welt  Produktion: 55.000 Kilo täglich“

Auf der Abbildung zu erkennen ist die Anordnung der Fabrikanlagen entlang der Marne: Von der Anlieferung der Rohstoffe bis zur Auslieferung der Fertigwaren war so der Produktionsprozess effizient organisiert.  Auffällig ist vor allem  die neue, die Marne überspannende große Mühle. Diese hydraulische Kakaomühle wurde 1872 von dem „Chefarchitekten“ der Meniers, Jules Saulnier, gebaut: Innen nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet und außen reich verziert, handelt es sich um  „un des monunments les plus célèbres du patrimoine industriel français, eines der berühmtesten Bauwerke des französischen Industriearchitektur.[4]

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Dies auch deshalb,  weil es das erste französische Bauwerk ist, dessen tragende Teile allein aus Metall bestehen. Dieses metallische „Fachwerk“ ist von außen sichtbar und wird als künstlerisches Element der Gestaltung genutzt. Besonders der Eingang zur Mühle war reich verziert mit verschiedenfarbigen Ziegelsteinen, aber auch mit Terrakotta-Tellern, auf denen unter anderem –wie an vielen anderen Stellen der Fabrik- Kakaobohnen und eine Kakao-Blüte abgebildet sind.

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Auf einer Terrakotta – Tafel sind die wesentlichen Etappen der Geschichte des Ortes verzeichnet: Die erste urkundliche Erwähnung der Mühle im Jahr 1157,  die Gründung der Fabrik im Jahr 1825, ihr Ausbau in den Jahren 1864 bis 1866 durch E.J. Menier und der Bau der neuen Mühle durch den Architekten Jules Saulnier.

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Über dem Eingang der Mühle befindet sich der reich verzierte  Uhr- und  Glockenturm – hier ist es nicht der Gottesdienst, sondern die Arbeit, die ruft. Und das obligatorische M darf natürlich auch nicht fehlen.

Im Zuge der ständigen Ausweitung der Produktion kamen dann noch andere außergewöhnliche Bauten hinzu: So eine im neogotischen Stil errichtete Kühlanlage, die auf Grund der hervorragenden Gestaltung der Eisenelemente Gustav Eiffel zugeschrieben wird- was allerdings nicht bewiesen ist. Jedenfalls wird sie „Halle Eiffel“ genannt und das verwundert auch nicht.

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Gebaut wurde sie zu Beginn der 1880-er Jahre von einem weiteren bedeutenden und für Menier arbeitenden Architekten, Jules Logre. In der Kühlanlage standen die Maschinen, die nach einem neuen Verfahren Kälte produzierten. Die wurde benötigt, um die Schokoladentafeln aus ihren Formen zu lösen, so dass sie dann in einem weiteren Arbeitsschritt eingepackt werden konnten.

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       Ein neogotisches Fenster der „Halle Eiffel“ – natürlich mit dem obligatorischen M        

Insgesamt hat die Architektur dieser Fabrik einen aristokratischen, ja geradezu sakralen Charakter, wie auch die nachfolgend abgebildete und  nicht zufällig „Kathedrale“ genannte Fabrikhalle – zeigt.

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Sie wurde 1906 von Stephen Sauvestre, einem Mitarbeiter Gustave Eiffels, errichtet. In dieser Halle wurden Kakao und Zucker gemischt, die mit der Eisenbahn angeliefert wurden – die Schienen der Wagons führten quer durch die Halle.

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Und sie ist nicht nur aus ästhetischen Gründen bedeutsam, handelt es sich doch um einen der ersten Bauten aus Stahlbeton in Frankreich.

In der Architektur der Fabrik spiegelt sich ihr rasanter Aufstieg von bescheidenen Anfängen bis zum Weltmarktführer – noch vor heute so bekannten Marken wie Lindt, Suchard oder van Houten. Für den Erfolg gab es viele Gründe: das frühzeitige Erkennen des Potentials, das die Schokolade als für breite Kreise erschwinglicher Konsumartikel hat, die Erfindung der Schokoladentafel und später der  kleinen dunklen  Schokoladenstücke[5], die man zwischen Brotscheiben legte – Ursprung  des in Frankreich so beliebten  „pain au chocolat“ ;  dazu  kamen die rationalisierte Produktion, die Sicherung einer eigenen Rohstoffbasis, die Bindung der Belegschaft an die Fabrik und die Eigentümerfamilie und –nicht zuletzt- ein systematisch betriebenes und damals revolutionäres Marketing  mit der Marke „Menier“.  Dabei ging es vor allem darum, die Marke bekannt zu machen und sie durch Qualitätsgarantieen von den Produkten anderer Produzenten abzugrenzen. Als Brutus Menier in Noisiel die Schokoladenproduktion aufbaute,  gab es nämlich noch keine verbindlichen Qualitätsstandards,  und es wurden oft dubiose Zutaten verwendet. Das war offenbar damals eher die Regel als  die Ausnahme. Als Ausweis der Qualität dienten die Medaillen, die bei wichtigen Ausstellungen verliehen wurden und von denen die Meniers zwischen 1832 und 1844 eine Vielzahl einsammelten. Die wurden dann auch entsprechend vermarktet.[6]

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Dazu kam, dass Menier einer der ersten war, der mit Hilfe von Zeitungsanzeigen  für seine Marke systematisch Werbung betrieb, was  eher außergewöhnlich war und  deshalb auch entsprechend Aufmerksamkeit erregte. Und die Farbe Gelb und das von Firmin Bouisset kreierte Mädchen mit den Zöpfen verliehen der Werbung  einen hohen Wiedererkennungswert.[7]

                          Poster von Firmin Bouisset aus dem Jahr 1893                    

Wie erfolgreich die Markenpflege der Meniers war, zeigt der berühmte Spruch „évitez les contrefaçons“,  eine Reaktion auf die zahlreichen Fälschungen der Marke, die es damals gab.[8]

Durch den ersten Weltkrieg und spätestens nach dem zweiten Weltkrieg ging es aber mit der Schokoladenproduktion ständig bergab. Während die Produktion in Frankreich besonders eingeschränkt war, nahm sie in der Schweiz und in den USA  erheblich zu. Menier verlor seine führende Weltmarktstellung, die Innovationsfähigkeit ließ nach und das patriarchalische Idealbild verblasste. Es bildeten sich Gewerkschaften, was den ältesten Sohn von Émile, Henri, derart erboste, dass er die Vergabe von werkseigenen Wohnungen an Gewerkschaftsmitglieder ausschloss.[9]

1959 verkaufte die  Familie Menier die Fabrik und gönnte sich mit dem Erlös das Schloss Chenonceaux – hinter Versailles das am meisten besuchte Schloss Frankreichs – und gewissermaßen das architektonische Vorbild für die Saulnier-Mühle in Noisiel.

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Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb Nestlé das Fabrikgelände, in dem aber seit 1993 nichts mehr produziert wurde. Stattdessen eröffnete die Firma dort 1996 den Sitz seiner Frankreich-Niederlassung. In der „Kathedrale“ hat sich die Chefetage eingerichtet und da,  wo früher Kakaosäcke gestapelt wurden, sind jetzt Büros eingerichtet.[10]

Eine Produktionshalle…

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…. früher und heute…

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Die Umwandlung des Fabrikgeländes in einen Verwaltungssitz wurde äußerst behutsam vorgenommen. Alle Veränderungen haben die alte Bausubstanz nicht beeinträchtigt, sie könnten auch ohne Probleme wieder entfernt werden. Und Nestlé France schmückt sich so mit einem „site magique“ (Laborde), einem Juwel der Industrie-Architektur des 19. Jahrhunderts.[11]

Die Marke Menier ist damit aber nicht ganz verschwunden, denn sie ist in Frankreich immer noch populär. Das nutzt Nestle und verwendet weiter das Markenzeichen von Menier mit der  entsprechenden klassischen Werbung. Immerhin habe, so die Nestle-Werbung, die  1846 kreierte Marke Menier Generationen von Feinschmeckern verwöhnt. So könne man mit Schokolade von Menier auch heute noch einen Geschmack früherer Zeiten genießen.[12] 

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Die Arbeitersiedlung -cité ouvrière- der Firma Menier in Noisiel

Der Bindung von Arbeitskräften an die Firma diente die cité ouvrière oder Cité Menier, deren Besuch sich gut mit einer Besichtigung der Schokoladenfabrik kombinieren lässt. Die Siedlung  geht zurück auf Émile – Justin Menier, der 1853 die Firma von seinem Vater übernommen hatte. Damals arbeiteten in Noisiel 23 Arbeiter, 1867 waren es schon 325. In diesem Jahr gab Émile-Justin  die pharmazeutische Produktion auf und beschränkte sich allein auf die Produktion von Schokolade, die weiter ausgebaut wurde.  Damit wuchs der Bedarf an Arbeitskräften  erheblich an, die es zu gewinnen und an die Firma zu binden galt. Émile-Justin setzte dafür seine politische und wirtschaftliche Stellung systematisch ein: 1871 wurde er zum Bürgermeister von Noisiel gewählt und kaufte nach und nach das gesamte Terrain der Kommune auf. Seinen Sohn Gaston und seinen Ingenieur und Architekten Jules Logre schickte er nach England, um dortige Projekte von Arbeitersiedlungen zu studieren- unter anderem die Siedlung Saltaire des Textilfabrikanten Sir Titus Salt in der Nähe der mittelenglischen Stadt Bradford. Ziel war es, in Noisiel das französische Modell einer cité ouvrière zu errichten.[13] 1874 begannen die Arbeiten auf einem Gelände von 30 Hektar, abseits der bisherigen Siedlung Noisiel, die allmählich der immer mehr Platz beanspruchenden Fabrik zum Opfer fiel. Die neue Siedlung bestand – und besteht bis heue noch- aus drei  parallel verlaufenden  Straßen von 600 Metern Länge, die natürlich alle nach Mitgliedern der Menier-Familie benannt sind: Rue Henri Menier, Rue Claire Menier, Rue Albert Menier. Und es gibt  einen großen zentralen Platz, la place Emile Menier, um den sich die  öffentlichen Gebäude gruppierten.

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(Am Rand der Arbeitersiedlung gibt es noch einen Platz Gaston Menier, einen square Georges Menier und einen square Jacques Menier). Und überhaupt begegnete man dem Namen der Fabrikherren auf Schritt und Tritt.[14].

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Das erste in der cité ouvrière errichtete Gebäude war die Schule für Mädchen und Jungen ab 5 Jahren (heute das Rathaus).[15] 

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Damit wurde die Bedeutung der Bildung  betont – und dies noch fünf Jahre, bevor durch die lois Ferry (1881/82) die école primaire in Frankreich für alle Kinder verpflichtend eingeführt wurde. Und natürlich darf auch hier der deutliche Hinweis auf den wohltätigen Fabrikherrn nicht fehlen…. [16]

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass es in der cité ouvrière zwar auch eine -natürlich von Menier finanzierte- Kirche gab, die aber nicht am zentralen Platz, sondern am Rand der Arbeitersiedlung errichtet wurde. Die Schule sollte ganz im Sinne der republikanischen Ideologie der 3. Republik im Mittelpunkt stehen. Sie war auch bestens ausgestattet mit einer beheizten Pausenhalle, einem offenen Schulhof und ergonometrischen Stühlen. Der Schulbesuch war verpflichtend und kostenlos. Ebenso die Besuche in der Arztpraxis, die sich immer noch am gleichen Ort befindet.

Am gleichen Ort geblieben sind auch  die Post, die Bäckerei und der tabac- Laden.[17] Zu den öffentlichen Gebäuden gehörten auch eine Wäscherei, die Feuerwehr und ein in einem Park etwas am Rand der cité ouvrière gelegenes Altersheim (heute das Maison départementale des solidarités de Noisiel). Nicht nur für die Kleinen war also gesorgt, sondern auch für die Alten. Und für die alleinstehenden oder die in Nachbargemeinden wohnenden Arbeiter gab es ein Refektorium, also eine Kantine.  (18)

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Dass dieser den Speisesaal von Mönchen bezeichnende Begriff hier übernommen wurde, finde ich ausgesprochen passend. Denn so wie die Mönche ihr Leben in den Dienst Gottes stellten, so sollten auch die Arbeiter von Menier ihr Leben in den Dienst der Fabrik und ihrer Besitzer stellen.  Belohnt wurden sie dafür immerhin schon im Diesseits durch eine vergleichsweise gute Bezahlung und durch soziale Leistungen, wie sie es sonst noch nicht gab.

Das alte Rathaus befand sich nicht am erst später errichteten zentralen Platz, sondern in der Nähe der Schokoladenfabrik. Der Neubau von 1893 entsprach der zunehmenden Bedeutung der Stadt und dem Repräsentationsbedürfnis der Meniers, die von 1871 bis 1959 durchgängig den Bürgermeister stellten!

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Im Empfangssaal des alten Rathauses wird man von einer Büste des Fabrikherrn Émile Justin begrüßt. Es handelt sich um die Bronzekopie einer Marmorbüste, die das dankbare Personal der Schokoladenfabrik 1878 ihrem Chef überreichte, als dieser zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde.[19]

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Und auch wenn man nach oben an die Decke blickte, war klar, dass man sich im Reich der Meniers befand.[20]

DSC03580 Altes Rathaus Noisiel

Detail der Deckenbemalung

Die Siedlungshäuser sind aus Backstein gebaut und bestanden aus zwei unabhängigen Wohnungen von 64 m² mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer und einer Küche. Die Toiletten waren in einem angebauten Schuppen untergebracht. Zu jedem Siedlungshaus gehörte ein kleiner Obst- und Gemüsegarten von 300 qm².

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Die Häuser waren entlang den Straßen versetzt angeordnet, um die Luftzirkulation zu verbessern. Fließendes Wasser gab es zwar nicht in den Häusern, aber alle 45 Meter war in den Straßen ein Brunnen installiert. Die Eckhäuser waren größer und besser ausgestattet – unter anderem mit einer Innentoilette- und für die leitenden Angestellten und Ingenieure bestimmt.

Alle Häuser wurden ausschließlich an Betriebsangehörige vermietet. Wer die Fabrik verließ, musste auch seine Wohnung räumen. Die Miete entsprach dem Verdienst von zwei bis sechs Arbeitstagen. Insgesamt wurden bis zum Ersten Weltkrieg 311 Wohnungen errichtet.[21]

Mittelpunkt des zentralen Platzes und damit Mittelpunkt der gesamten cité ouvrière ist das Denkmal für Émile Justin Menier. Seine  Büste aus Marmor (mit stolzer Herrscherpose) steht auf einem Piedestal –sicherlich nicht zufällig aus einem Stein der Vogesen gefertigt!-  und wird gestützt von den Allegorien der Industrie und der Wissenschaft.

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Am Fuß des Sockels sind vier Bronzereliefs angebracht, die die Entwicklung der Fabrik von kleinen Anfängen mit der (schon oben abgebildeten) alten Mühle von Noisiel  bis zur großartigen Gegenwart veranschaulichen.

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Eingeweiht wurde das Denkmal am 8. Oktober 1898, genau 20 Jahre nach der Ernennung des Émile Justin Menier zum Ritter der Ehrenlegion  mit einem gewaltigen Festakt. Eingeladen waren nicht weniger als 2300 Ehrengäste, für die ein großes Bankett und zum Abschluss ein Feuerwerk über der Marne veranstaltet wurden. Und während in Pariser Fabriken gestreikt und die Polizei mobilisiert wurde, durfte die Belegschaft der Chocolaterie den passenden Rahmen für den Festakt bilden und dem Fabrikherren ihre Huldigungen darbieten: „Nous travaillons pour vous, vous travaillez pour nous. Merci!“ (Aus der Zeitung le Gaulois vom 9.10.1898[22])

Über die Villen der Familie Menier im 8. Arrondissement von Paris,  das Grab des Émile Justin Menier  und die Grundlagen seines patriarchalisches Engagements wird es  im nachfolgenden zweiten Teil des Beitrags über die Chocolaterie Menier gehen:

https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

Besichtigungen der Firma und der cité ouvrière werden von der Stadt Noisiel angeboten:

http://www.ville-noisiel.fr/Visites-de-Noisiel

Réservation / information  :
Service patrimoine et tourisme
23, rue Albert-Menier
Tél. 01 60 37 73 99
E-mail : patrimoine@mairie-noisiel.fr

Zu erreichen mit dem RER Station Noisiel, und von dort aus eine gute halbe Stunde zu Fuß

Oder noch besser mit dem Fahrrad auf dem Marne-Radweg.

Anmerkungen:

[1] Marrey, un capitalisme idéal, S. 24

[2] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

[3]  https://exploreparis.com/fr/199-visite-de-l-ancienne-chocolaterie-menier.html  siehe auch: https://www.elnuevodiario.com.ni/economia/397804-cacao-valle-menier/   Übrigens ist inzwischen die Firma Ritter Sport in die Fußstapfen der Meniers getreten und hat eine eigene Kakaoplantage in Nicaragua eingerichtet. Wenn es also in einer Reportage darüber heißt, es handele sich um etwas, „was bisher kein anderer Schokoladenproduzent in vergleichbarer Größenordnung gewagt hat,“ so trifft das nicht zu. https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.plantage-in-nicaragua-wo-der-kakao-fuer-ritter-sport-herkommt.3ca0313f-2d4f-4adb-8f4f-5e804824dc96.html

[4] http://doczz.fr/doc/73207/6—formes

Umso merkwürdiger -und bedauerlicher- ist es, dass Jean- Paul Kauffmann in seinem schönen Buch „Remonter la Marne“ (Fayard 2013) die Schokoladenfabrik von Noisiel nicht berücksichtigt hat.

[5]https://en.wikipedia.org/wiki/Menier_Chocolate

[6] Marrey, un capitalisme idéal, S. 24/25

Bild aus: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/contrefacon%20Menier.htm

[7] Bilder aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Menier_Chocolate  und https://www.pinterest.ca/pin/395402042268559892/

[8] http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/contrefacon%20Menier.htm

[9] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

[10] Bild der früheren Produktionshalle aus der Fotoausstellung der Fabrik

[11] „un des fleurons de notre patrimoine industriel“ (Détours)

[12] https://www.cdiscount.com/au-quotidien/alimentaire/nestle-meunier-chocolat-patissier-200g/f-1270103-menier261435.html

[13] La cité ouvrière Menier. Un lieu, une histoire. (2018) http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[14] Bild aus: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/cotation3.htm

[15] Bild aus: https://fr.m.wikipedia.org

[16] http://jacques.vouillot.free.fr/visite/mairie.htm

[17] http://www.leparisien.fr/seine-et-marne-77/sur-les-pas-du-chocolatier-menier-a-noisiel-77-28-10-2016-6263475.php

(18) Bild aus: https://monumentum.fr/anciens-refectoires-pa00087174.html

[19]  http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/cotation3.htm

[20] Bild aus: https://www.flickr.com/photos/51366740@N07/15000104038/

[21] http://www.agglo-pvm.fr/cite-ouvriere-menier/

[22]  „Wir arbeiten für Sie, Sie arbeiten für uns. Danke.“  Zit. in: http://pone.lateb.pagesperso-orange.fr/monument%20menier.htm

Zum Weiterlesen:

Usine Menier, l’empire du chocolat. Aus:   Détours en France,  40 lieux à visiter pour redécouvrir le patrimoine, 2012

https://www.detoursenfrance.fr/patrimoine/patrimoine-industriel/usine-menier-lempire-du-chocolat-3794  

Nicolas Delalande, Émile-Justin Menier, un chocolatier en République.  Les controverses sur la légitimité de la compétence politique d’un industriel dans la France des années 1870  In:  Politix 2008/4 (n° 84), Seiten  9 bis  33   https://www.cairn.info/revue-politix-2008-4-page-9.htm#

Saga Menier  http://www.prodimarques.com/sagas_marques/menier/menier.php

Bernard Marrey, Un capitalisme idéal. Paris 1984. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k33218888/f30.image.texteImage

Weitere geplante Beiträge:

  • Le chocolat Menier (2): Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945
  • La Butte aux Cailles, ein kleinstädtisches Idyll in Paris