„Himmlische Freundschaft“. Ein Gastbeitrag von Michaela Wiegel

Die nachfolgende Reportage über die deutsch-französische Lufttransportstaffel in Evreux wurde am 28.2.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht.  Autorin ist  Michaela Wiegel, die langjährige Pariser FAZ- Korrespondentin. Ich bin sehr froh über die freundliche Genehmigung zur Aufnahme dieses Textes in den Paris- und Frankreich- Blog. Zunächst deshalb, weil es sich um eine schöne deutsch-französische Geschichte handelt, die insofern sehr gut in das Konzept dieses Blogs passt. Es geht in dieser Reportage aber auch um ein leidvolles Kapitel deutsch-französischer Geschichte, um Krieg und Besatzung in der Normandie,  aber auch in ganz eindrucksvoller Weise darum, wie aus Feinden Freunde wurden: Themen also, die schon mehrfach Gegenstand dieses Blogs waren.[1]

In der deutsch-französischen Zusammenarbeit, einem Pfeiler der europäischen Einigung, gibt es immer wieder Spannungen.  Das hat sich erneut im Verlauf der Covid-Pandemie gezeigt und gerade auch in dem sensiblen Bereich der militärischen Zusammenarbeit., wo ganz unterschiedliche Traditionen und Kulturen aufeinandertreffen. Umso erfreulicher und ermutigender ist das nachfolgend beschriebene Projekt. Man kann ihm deshalb nur viel Erfolg wünschen, die Beteiligten zu ihrem Engagement beglückwünschen und Michaela Wiegel für ihre anschauliche und gehaltvolle Reportage danken.


[1] https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/  

https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/

https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/

HIMMLISCHE FREUNDSCHAFT

In Evreux bilden bald Deutsche und Franzosen ein gemeinsames Geschwader. Das gab es noch nie. Von Michaela Wiegel

Noch  liegt  die  Kommandozentrale  der  deutsch-französischen  Lufttransportstaffel   inmitten   einer riesigen Baustelle. Vom Dach aus hat man einen Panoramablick auf die neuen Schutzwälle, die stählernen Gerüste der drei Flugzeughallen und auf das Flugfeld, dem noch die letzte Betonschicht fehlt. Unten lärmen Baumaschinen, ein Sattelzug schlingert über den schlammigen Stichweg. Aus der Ferne ist ein startendes Kampfflugzeug zu hören.

 Die Kommandozentrale  könnte  schon  bald  das  wichtigste  Bauwerk  der  deutsch-französischen Verteidigungszusammenarbeit  sein.  Jeweils   110  Millionen  Euro investieren  Deutschland  und Frankreich bis 2024 in die neue Infrastruktur für die Transportflugzeugeinheit in der Normandie. Der Bauleiter,  ein Ingenieur der Infrastruktureinheit   der   französischen   Streitkräfte,  ist   mit  den Fortschritten zufrieden. „Trotz der Pandemie sind wir im Zeitplan“, sagt Hauptfeldwebel Maxime, dessen  Nachname  nicht  genannt  werden  darf,   so  schreibt  es  die   Armee  für  Soldaten seines Dienstgrades vor. Er zwinkert: „Deutsche Pünktlichkeit können wir auch!“  Maxime zeigt auf den weiten Lichtschacht in der Mitte des Daches. Noch fällt es schwer,  sich den lichtdurchfluteten Innenhof mit Grünpflanzen und Gartenstühlen vorzustellen, den Maxime beschreibt. Hier sollen sich Soldaten beider Länder zum entspannten Austausch bei einer Tasse  Kaffee treffen. Das gesamte Gebäude sei so geplant, dass sich alle bei Dienstbeginn über den Weg laufen, sagt Maxime. „Die Architektur soll helfen, die Mitglieder des Geschwaders zusammenzuschmieden.“

 Die Deutsch-Französische Brigade bringt seit 1989 Soldaten beider Länder zusammen. Doch die neue Lufttransportstaffel steht für mehr – für die komplette Fusion. „Zum ersten Mal werden wir eine vollintegrierte Staffel mit einer vereinten Kommandostruktur haben“, sagt Oberst Sébastien Delporte, der Kommandant der 2700 Soldaten zählenden französischen Luftwaffenbasis. Der 48 Jahre alte Pilot spricht  von  einer  „Revolution   für  das  Europa  der  Verteidigung“.   Denn  es   mache  im  neuen Geschwader keinen Unterschied, ob man die Uniform der Luftwaffe oder der Armée de l’Air trage. Der Chef werde Franzose sein, sein Stellvertreter Deutscher. Einsätze wie der Transport von Fracht, militärischer  Ausrüstung  oder medizinischem  Material  würden  gemeinsam   geplant.   Ob Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben in Italien oder Nachschub für Ausbilder in Mali, alle Aufträge werden zusammen erfüllt.

Separate Einsatzregeln werden damit die Ausnahme. „Aber natürlich bleibt dem Stellvertreter die Rote Karte, die er bei Bedenken ziehen kann“, sagt der Kommandant. Vom Mechaniker bis zum Piloten, alle werden in gemischten Teams arbeiten. „Es fällt mir schwer, von einem Projekt zusprechen, so konkret ist das alles schon“, meint Delporte. Er könne es kaum erwarten, im April die ersten deutschen Soldaten und ihre Familien in Evreux zu begrüßen. Er nickt Oberstleutnant Armin Braun zu, der die Vorhut des „Pre-Implantation-Teams“ der Bundeswehr leitet, den Kontakt zur französischen Seite hält und regelmäßig die Baustelle inspiziert. Braun bereitet alles vor, damit die Staffel im Juli eingeweiht werden kann. Sie soll über zehn Transportflugzeuge vom Typ C-130 J Super Hercules verfügen, fünf davon können auch zur Luftbetankung eingesetzt werden. „Wir planen mit 130 deutschen und 130 französischen Soldaten“, sagt Braun.

Die Franzosen waren etwas schneller bei ihren Bestellungen und haben bereits 2015 vier Flugzeuge beim amerikanischen  Hersteller Lockheed  Martin  geordert.  Sie  sind auf  der  Luftwaffenbasis   in Orléans schon im Einsatz, wo Braun mit seinem Team stationiert ist, und werden im September nach Evreux verlegt. Die sechs von Deutschland georderten Maschinen sollen direkt in Evreux in Dienst gestellt werden. „Bedienungssprache wird Englisch sein“, sagt Delporte. Das entspreche den im Lufttransport   üblichen  Nato-Standards.   Noch werden  die  Piloten  in  Little  Rock  in  Arkansas ausgebildet, aber in Evreux entsteht ein eigenes Ausbildungszentrum nahe der Kommandozentrale. Delporte schwärmt von der Bereicherung, die er sich von den „deutschen Freunden“ erhoffe. Ein gemeinsames Wohnheim steht schon. Der Oberst denkt darüber nach, wie man sich schnell näherkommen kann. Er will Deutschkurse anbieten. Und einmal im Monat organisiere er auf den 740 Hektar einen Geländelauf für die Soldaten.

Ohnehin sei die „Base 105“ mit Kinosaal, Sportanlagen und einem Schwimmbad reich ausgestattet, ein   Erbe   der   Amerikaner,   die  zwischen  1951  und  1967  in  Evreux  einen  der  wichtigsten   Nato-Stützpunkte in Europa errichtet hatten. Mehr als 9000 amerikanische Soldaten lebten damals mit ihren Familien in der normannischen Stadt, deren Bewohner dem American Way of Life begeistert nacheiferten, wie ein Lokalhistoriker schreibt. Doch 1966 warf Präsident Charles de Gaulle die amerikanischen „Besatzungskräfte“ raus und entschied Frankreichs Austritt aus den integrierten Militärstrukturen der Nato. Erst 2009 stellte Nicolas Sarkozy das Verhältnis zur Nato wieder her.

Das Dienstzimmer des Kommandanten liegt bis heute in einer der typischen Flachdachbaracken der Nachkriegszeit. An der Wand hängt eine Großaufnahme des Stützpunktes. Delporte zeigt auf die sternförmigen Anlagen der Amerikaner. Dann fährt er mit dem Zeigefinger über den Abschnitt, auf dem zwei teils von Gras überwachsene Betonbahnen zu erkennen sind: „Das sind die Überreste der ersten betonierten Start- und Landebahnen, die 1940 die Deutschen bauten.“ Immer wieder werden Munitionsverstecke   entdeckt,   zuletzt   2015,   als   der   Flugplatz   gesperrt   werden   musste,   um   185 Wehrmachts-Granaten zu entschärfen.

Als   Verteidigungsministerin   Annegret   Kramp-Karrenbauer   im   vergangenen   September   den Grundstein   für  die  deutsch-französische   Lufttransportstaffel   legte,   erwähnte   sie   die   deutsche Vergangenheit des Ortes mit keinem Wort. Wilhelm Schlipp rätselt bis heute, ob sie mit Absicht darüber schwieg. Den pensionierten, 85 Jahre alten Lehrer bewegt es sichtlich, dass zum zweiten Mal deutsche Soldaten in Evreux stationiert werden – und sie dieses Mal als Freunde kommen undempfangen werden. Er erinnert sich noch an die Erzählungen seines Vaters, der als Teil der „zivilen Gefolgschaft“  als   Buchhalter  auf  dem  Flugplatz  in  Evreux  Dienst  leistete.   Schlipp   hat  die Familienalben durchforstet und in seinen persönlichen Erinnerungen gekramt. Er spricht von den Kleidern, die eine französische Schneiderin seiner Mutter nähte, und vom Spielzeug, das er als kleiner Junge vom Vater aus Evreux geschickt bekam. Am 9. Juni 1940 hatten deutsche Jagdgeschwader Bomben über der Stadt abgeworfen. Die gotische Kathedrale, der Bahnhof, die Handelskammer und mehrere hundert Wohngebäude wurden schwer beschädigt. Aus den Trümmern der Stadt stieg noch Rauch, als deutsche Truppen am 15. Juni das Flugfeld besetzten. Eine Woche später kapitulierte Frankreich, Hitler kam persönlich für die Waffenstillstandsunterzeichnung in den Eisenbahnwaggonnach Compiègne. In Evreux entstand innerhalb weniger Wochen einer der wichtigsten Fliegerhorste für Hitlers Luftschlacht um England. Viele Franzosen arbeiteten in der deutschen Militärverwaltung, im April 1941 belief sich die Zahl der Beschäftigten auf 1854. Schlipps Vater, erinnert sich der Sohn, schloss freundschaftliche Verbindungen zu einer Gruppe von Franzosen, obwohl das eigentlich nicht erwünscht war.

Nach dem Krieg begann für den Vater eine Spurensuche. „Es gelang ihm, die junge Frau namens Suzanne aus der Gruppe wieder aufzuspüren“, erzählt Schlipp. Die Freundschaft zwischen den beiden Familien setzt sich bis heute fort. Das bestätigt Brigitte Kuster, die Tochter von Suzanne, die als Abgeordnete mit Wahlkreis in Paris in der Nationalversammlung sitzt. „Ich erinnere mich an die Kuchenberge, jedes Mal, wenn wir die Familie Schlipp in Deutschland besuchten, und an den netten Wilhelm, der mir die Angst nahm, mich mit meinen schlechten Deutschkenntnissen zu blamieren, weil er so gut französisch sprach“, sagt die 61 Jahre alte Kuster.

Sie habe allerdings immer geglaubt, dass die Freundschaft über ihren Vater entstanden sei, der als Kriegsgefangener auf einem Bauernhof in Norddeutschland gearbeitet habe. „Über die deutsche Besatzungszeit wurde in den meisten Familien nicht gern gesprochen“, meint Schlipp, der ein altes Foto von Kusters Mutter mit weißer Schürze auf dem Flugplatz in Evreux gefunden hat. Es amüsiert ihn, dass Brigitte ihn lange für einen Französischlehrer hielt, „dabei bin ich Altphilologe“. Durch viele Reisen nach Frankreich, auch mit seinen Schulklassen, und den engen Kontakt mit Brigittes Familie habe er seine Französischkenntnisse nie verloren. „Die deutsch-französische Freundschaft ist nichts Abstraktes“,   meint   Kuster.  Sie   berichtet   begeistert   von   ihrer  kürzlich  abgeschlossenen Reservistenausbildung für die Luftwaffe, die sie nach Evreux führte. „Man spürt, wie sehr alle hinter dem Projekt stehen und schon fast ungeduldig auf die Deutschen warten“, sagt sie.

Oberstabsfeldwebel Christopher Bickert spielt mit seinem Schlüsselbund. „Auf diesen Schlüssel bin ich besonders stolz“, sagt er, als er die Hintertür zum neoklassizistischen Bau des Rathauses von Evreux öffnet. Bickert trägt einen Feldanzug im Tarndruck, wie man ihn in Frankreich nicht kennt, aber es stört niemanden, als er wie der Hausherr durch das Rathaus führt und mit einem lauten „Bonjour“   die   Empfangsdame   begrüßt.   Bickert  hat  sein eigenes  Reich  im   Obergeschoss   des Rathauses.   Von  seinem  Schreibtisch aus  bereitet er die  Ankunft  der   Soldatenfamilien  aus Deutschland  vor und  sorgt  dafür,   dass  alles  klappt:  die  Wohnungssuche,  die  Eröffnung  eines Bankkontos und die Einschulung der Kinder. Der 50 Jahre alte Oberstabsfeldwebel hat schon ein weites Kontaktnetz in der Normandie gespannt. Sein bester Verbündeter sitzt hinter einer Glaswand ein Büro weiter: der Chef der Abteilung „Internationale Beziehungen“ im Rathaus, Oliver Radle. Der gebürtige Hamburger lebt seit 1985 in Frankreich und ist in Evreux geblieben, „weil man hier alles hat, was man braucht“. Nach Paris sei es nur eine Stunde, zum Meer ebenfalls, Evreux habe eine Lebensqualität, nach der man anderswo lange suchen müsse. Die Bundeswehr-Soldaten werden „mit offenen Armen empfangen“, ist er sich sicher. „Misstrauen gegenüber Deutschen kennen wir hier nicht.“ Mit der Partnerstadt Rüsselsheim gebe es einen lebhaften Austausch.

 Bürgermeister Guy  Lefranc  spricht selbst  gut und  gern  Deutsch,  erzählt  er,  als er in den majestätischen  Hochzeitssaal  führt.  Unter  den Kronleuchtern  durften  sich  im  vergangenen  Jahr interessierte Soldaten der Bundeswehr bei einem Glas Champagner mit Evreux vertraut machen. Viele  pauken seither französische  Vokabeln.  Sogar das als  behäbiger  „Mammut“  verschriene Bildungsministerium in Paris hat sich mobilisiert, um rechtzeitig einen internationalen Zweig von der Grundschule  bis  zum  Abitur für  die  Kinder  aus  Deutschland  und  andere  interessierte  Schüler einzurichten. Oberstleutnant Braun, der vier Kinder hat, weiß das zu schätzen. Evreux könne zur Blaupause für weitere Kooperationen werden, hofft er.

Aus:  Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.02.2021, Politik, Seite 7

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Weitere geplante Beiträge:

  • 150 Jahre nach dem Abriss der Vendôme-Säule durch die Pariser Commune: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte
  • Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons, und sein Musée Napoléon (Ein Beitrag zum „Napoleonjahr/année Napoléon“)
  • Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (2): Der Kult der „grands hommes“
  • Die Reiterstatue Heinrichs IV. auf dem Pont-Neuf
  • Auf der A4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris. Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte