La Maison de la Mutualité à Paris / Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935

Im September 2018 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über das Haus der Mutualité in Paris mit dem Untertitel „das Ende eines Mythos“  (https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658 ). Einige Aspekte des mythischen Charakters der Mutualité wurden dort angesprochen, noch nicht allerdings der  Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur von 1935, der ebenfalls zu den großen Stunden der Mutualité gehört. Auf ihn soll im Folgenden etwas näher eingegangen  werden.

Vom 21. bis zum 25. Juni 1935 versammelten  sich im Haus der Mutualité mehr als 230 Schriftsteller aus 38 Ländern, die dem Aufruf zu dem Treffen gefolgt waren:

„Angesichts der Gefahren, die in einer Anzahl von Ländern die Kultur bedrohen, haben einige Schriftsteller die Initiative zur Einberufung eines Kongresses ergriffen, um die Mittel zu ihrer Verteidigung zu prüfen und zu diskutieren.“[1]

Heinrich Mann, der damals als politischer Flüchtling in Nizza wohnte, erhielt den Aufruf von dem Schriftsteller Johannes R. Becher, einem der Organisatoren des  Kongresses, und leitete ihn an seinen Neffen Klaus Mann weiter mit den Worten:

„Unterschrieben haben z.B. (…)  Aragon, Barbusse, Bloch. ´(…) Gide, Giono, Guéhenno, Malraux, Margueritte, Rolland (…) eigentlich alle“. (Brief vom 13. April 1935)

 Unter den ausländischen Teilnehmern des Kongresses  (u.a. Aldous Huxley,  Boris Pasternak, , Waldo Frank,  E.M. Forster) waren  russische Autoren besonders zahlreich  vertreten. An  der Spitze der  vom Zentralkomitee der KPdSU handverlesenen russischen Delegation stand Ilja Ehrenburg.  Der Delegation gehörten allerdings auf Initiative der Organisatoren des Kongresses auch Boris  Pasternak und Isaac Babel an, deren Beiträge besonders gefeiert wurden.

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Henri Barbusse, Alexej Tolstoi und Boris Pasternak

Zu den Ländern, in denen damals die Kultur bedroht war, gehörte natürlich vor allem das nationalsozialistische Deutschland, dessen literarische Elite zum größten Teil nach der „Machtergreifung“ Hitlers das Land verlassen und im Ausland Zuflucht gesucht hatte.[2]  Mit den Bücherverbrennungen hatten die Nazis ja ihren Kampf gegen die Kultur spektakulär in Szene gesetzt. Insofern ist es nur allzu verständlich, dass unter den teilnehmenden Schriftstellern auch zahlreiche prominente deutsche/deutschsprachige  Exilanten waren wie Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Max Brod,  Ernst Toller, Alfred Kerr und Lion Feuchtwanger, die mit ihren Beiträgen die Konferenz wesentlich mitprägten. Mit ihrer Teilnahme demonstrierten diese Schriftsteller, dass das humanistische Erbe Deutschland mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich untergegangen war.  Und die Berufung auf dieses Erbe diente auch der Legitimation des Widerstands in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf einen schnellen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ verflogen waren und in der es im gleichgeschalteten Gestapo-Deutschland keine antinazistische Volksbewegung gab (und geben konnte), auf die man sich hätte beziehen können.[3] Ein besonderes Anliegen der deutschsprachigen Autoren war es selbstverständlich, das Forum des Kongresses zu nutzen, um die europäische Öffentlichkeit auf den Charakter und die Gefahren des Faschismus aufmerksam zu machen. Das Bedürfnis, gegen das Dritte Reich Stellung zu beziehen, bewog auch Robert Musil zur Teilnahme, auch wenn er sich selbst –und seine Rede auf dem Kongress- als unpolitisch bezeichnete.

Getagt wurde zweimal täglich, jeweils nachmittags und abends. Bei der Eröffnungsveranstaltung war der große Saal der Maison de la Mutualité trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt. 3000 Zuschauer hatten im Saal und auf den Tribünen Platz gefunden. Für diejenigen, die keine Karten erhalten hatten, wurden vor dem Gebäude Lautsprecher aufgestellt, die die Reden nach draußen übertrugen.

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Die Fotografie vom Eröffnungsabend stammt von der Berliner Fotografin Gisèle Freund, die 1933 nach Frankreich emigriert war. Auf Einladung des Schriftstellers und Mitveranstalters André Malraux  dokumentierte sie den fünftägigen Kongress und fertigte dabei auch zahlreiche Porträts  prominenter Teilnehmer an.[4]

Das politische Umfeld, in dem der Kongress stattfand und möglich wurde, war die in den  1930-er Jahren  vollzogene Veränderung der politischen Linie der Komintern (Kommunistische Internationale). Hatte die bisher in den Sozialisten (und nicht in den Nazis) den Hauptfeind gesehen (Sozialfaschismus-Theorie), so ging es nun angesichts des immer bedrohlicheren Faschismus darum, eine antifaschistische Einheitsfront gegen den potentiellen Hauptfeind Nazideutschland herzustellen. Frankreich kam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselfunktion zu, denn die blutigen Unruhen in Paris vom 9. Februar 1934 wurden von vielen Seiten als faschistischer Umsturzversuch wahrgenommen.  So kam es zu einer allmählichen Veränderung des Verhältnisses von Sozialisten und Kommunisten, die dann 1936 zur Regierung des front populaire unter Léon Blum führte.  Auch außenpolitisch vollzog sich ein Wandel: Am 2. Mai 1935 schlossen die UdSSR und Frankreich einen „Vertrag über den gegenseitigen Beistand“. Beide vertragsschießenden Seiten gingen davon aus, dass ihr politisches Bündnis ein Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland und seinen Expansionsplänen in Europa schaffen würde. Der Vertrag sah gegenseitigen Beistand für den Fall vor, dass eine von ihnen zum Objekt der Aggression seitens eines dritten Staates werden würde.[5]

Die Tagesordnung des Kongresses ist Ausdruck der Bemühung, ein breites Bündnis gegen die Gefahren des Faschismus zu formen. Sieben Themenkreise waren von den Veranstaltern vorgesehen: das kulturelle Erbe, die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, das Individuum, der Humanismus, Nation und Kultur, die Würde des Denkens und natürlich das umfassende Thema der Verteidigung der Kultur.[6]

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Demonstration am Rand des Kongresses zum „Kulturerbe“

Golo Mann, der damals als Lektor an der École normale supérieure in Saint-Cloud bei Paris arbeitete und den Kongress beobachtete, stellte bissig fest,  während des Kongresses sei nicht  mehr von Klassenkampf die Rede gewesen, sondern „nur noch vom Kampf aller frei, fortschrittlich und humanistisch Gesinnten  gegen die Barbarei des Faschismus“.[7]

Die kommunistisch orientierten Autoren waren vor allem bestrebt,  die Sowjetunion als Sachwalterin der Kultur und  Bollwerk gegen den Faschismus herauszustellen. Dabei wurden  sie unterstützt von bürgerlichen Autoren, die im Rahmen der Volksfront-Politik das Bündnis mit der Sowjetunion als unverzichtbaren Bestandteil des Kampfs gegen den Faschismus betrachteten. So Romain Rolland, der sich damals gerade auf dem Weg in die Sowjetunion, „das Land, in dem die neue Welt geschaffen  wird“,  befand und von dort aus brüderliche Grüße an den Kongress richtete.[8]

Besonders gefeiert wurde auf dem  Kongress Heinrich Mann, der seit seinem Roman „Der Untertan“ als Repräsentant des „anderen Deutschland“ galt. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er  Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, ein Amt, aus das ihn die Nazis nach der „Machtübernahme“ umgehend entfernten.  Und natürlich gehörte er auch zu den Autoren, deren Bücher am 10. Mai 1933  verbrannt wurden und denen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Ein Bündnis der Arbeiterparteien gegen den  Faschismus hatte Heinrich Mann schon früh gefordert, als dies noch im völligen Widerspruch zur Linie von KPD und KPdSU stand. Und Heinrich Mann, der die Welt mit den  Augen eines Literaten und Idealisten sah, war auch durchaus geneigt, die Oktoberrevolution als konsequente Fortsetzung der Französischen Revolution zu sehen und die Entwicklung der Sowjetunion entsprechend wahrzunehmen und zu beurteilen.

Insofern war es nur konsequent, dass ihm auf dem Kongress eine besondere  Rolle zukam: Er hatte die Ehre, eine der Sitzungen zu leiten, und als er für seinen  Redebeitrag das Podium betrat, erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen und applaudierten. In einem „Geist gegen Macht“ überschriebenen Artikel über den Kongress schrieben E.E. Kisch und Bodo Uhse 1936:

„Mit einer deutschen Verbeugung nimmt Heinrich Mann eine Demonstration der Solidarität entgegen, die nicht nur ihm, nicht nur den in der Emigration kämpfenden deutschen Schriftstellern gilt, sondern dem wahren Deutschland.“ [9]

In seiner Rede stellte Heinrich Mann den aktuellen Kampf um die „Verteidigung der Kultur“ in die Tradition der abendländischen Geistesgeschichte von Humanismus und Aufklärung. Er forderte –typisch für sein Denken- das politische Engagement von Intellektuellen, die Dummköpfen nicht die Macht über die Völker überlassen dürften. Und er machte den Versammelten Mut: „Unbesiegbar war noch keine Barbarei“:  Eine Rede also, die den an den Kongress gestellten Ansprüchen in vollem Maße entsprach – auch wenn die drei genannten Vorbilder –Clemenceau, Lenin (und nicht Stalin! W.J.) und Masaryk wohl nicht ganz nach dem Geschmack stalinistischer Hardliner waren.[10]

Einige Auszüge aus dieser Rede:

Es ist recht merkwürdig, dass im Jahre 1935 eine Schriftsteller-Versammlung nach der Freiheit des Denkens verlangt: denn schließlich, das geht hier vor. Im Jahre 1535 wäre es neu gewesen. Die Eroberung des individuellen Denkens, damit fängt die moderne Welt an, – die jetzt der Auflösung nahe scheint. Dadurch wird alles wieder in Frage gestellt, sogar was ganze Jahrhunderte lang erledigt gewesen war. Die Gewissensfreiheit, so viele Geschlechter haben um sie gekämpft, und jetzt ist sie nicht mehr sicher. Das Denken selbst ist gefährdet, und doch ist der Gedanke der Schöpfer der Welt, in der wir noch leben. (…)

Wir dürfen nicht warten, bis dies Unglück vollständig wird und sich ausdehnt über noch mehr Länder der westlichen Gesittung. Zu verteidigen haben wir eine ruhmreiche Vergangenheit und was sie uns vererbt hat, die Freiheit zu denken und nach Erkenntnissen zu handeln. Wir haben strahlenden Beispielen zu folgen. Wir sind die Fortsetzer und Verteidiger einer großen Überlieferung. (…)

Die Pflicht aber verlangt von den Intellektuellen, dass sie sich widersetzen mit allen Kräften, wenn Dummköpfe sich aufwerfen zu Weltbeherrschern und zu Zensoren. Dumme geht das Denken nichts an, das Handeln übrigens ebenso wenig. Gehandelt soll werden, nicht von Kommissbrüdern, denen Fabrikanten die Macht verleihen, sondern von Männern der allerhöchsten Erkenntnis und einer unvergleichlichen Geistesmacht. Nur der Geist sichert die nötige Autorität, um Menschen zu führen: gemeint ist ein Geist der Erkenntnis und Festigkeit. Unter anderen Umständen als den heutigen müsste das nicht erst gesagt werden: Intellektuelle haben oft genug öffentlich gehandelt. Intellektuelle haben die Geschicke eines Landes gelenkt, und die Geschicke aller Länder mit beeinflusst. Es genügt, Namen zu denken wie Georges Clemenceau, Lenin, Thomas Masaryk.(…)

Man lasse sich nicht beirren: unbesiegbar war noch keine Barbarei. Die Dummheit erhebt den Anspruch, die Welt zu beherrschen? Darauf gibt es die Antwort, die Flaubert erteilt hat: das Beste wäre, eine Akademie von Wissenden regierte den ganzen Planeten. Mit Höchstforderungen muss die Intelligenz auftreten gegen Feinde, die von ihr, nur von ihr das Schlimmste zu fürchten haben.[11]

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Heinrich Mann und André Gide, deren  Verhältnis allerdings von deutlicher Distanz geprägt war 

Eine bemerkenswerte Rede hielt auf dem Kongress auch Anna Seghers. Sie hatte wie Heinrich Mann schon 1933 Deutschland verlassen und gehörte zu den von den Nazis verfemten Schriftstellern, deren Bücher verbrannt und „ausgemerzt“ wurden. Anna Seghers versuchte, in ihrem französischen Exil mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu führen. Aber als engagierter Kommunistin war es für sie selbstverständlich, nicht „in ein nur privates Dasein“ zu fliehen und damit „dem Gegner das Feld“ zu räumen.[12] Die Zeit des französischen Exils war denn auch nicht nur ihre künstlerisch produktivste Zeit, vor allem mit den bedeutenden Romanen „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, sondern auch eine Zeit intensiver politischer Aktivität: Wie sie selbst einmal schrieb, gab es keine antifaschistische Aktion, an der sie nicht teilgenommen hätte.[13]

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Anna Seghers und Gustav Regler 1935

Thema ihrer Rede auf dem Schriftstellerkongress war die „Vaterlandsliebe“ – für im Exil lebende Menschen immer ein zentrales Thema, wie das ja schon bei Heinrich Heine zu beobachten ist. Für deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen war, hatte das Thema eine besondere Bedeutung. Sie lebten gezwungenermaßen fern ihrer Heimat und wurden sich deshalb umso mehr bewusst, was diese für sie bedeutete und was sie mit ihr verloren hatten.  Und der Begriff des „Vaterlands“ wurde im Dritten Reich ja in chauvinistischer Weise missbraucht und propagiert wurde, was nicht unwidersprochen bleiben sollte.  Für Kommunisten hatte das Thema eine ganz spezifische Brisanz, weil für sie erst mit dem Schwenk zur Volksfront-Politik eine Rehabilitierung von Begriffen wie Heimat und Vaterland möglich wurde. Klaus Mann veranlasste das damals zu der bissigen Bemerkung, auf Treffen der französischen Kommunisten würde  nicht mehr nur voller Inbrunst die Internationale gesungen, sondern jetzt auch die Marseillaise. Insofern entsprach Anna Seghers‘ Redethema der neuen Parteilinie, wobei  man ihr allerdings zu Gute halten muss, dass sie sich schon seit 1933 für eine Einigung aller antifaschistischen Kräfte engagierte und dass es nicht des Segens der Komintern bedurfte, damit sie die Liebe zu ihrer Heimat entdeckte.

Seghers betont am Beginn ihrer Rede, dass im Namen des „Vaterlandes“ viel Blut vergossen und Leid verursacht worden sei. Einige Schriftsteller bezeichneten den Begriff als „den gültigsten aller immanenten Werte, den gültigsten aller Stoffe.“ Andere, und damit sind doch wohl ihre Parteifreunde aus der Zeit vor der Volksfront-Wende gemeint,  entlarvten ihn „als Betrug oder als eine Fiktion.“ Aber „auf jeden Irrtum in der Einschätzung der nationalen Frage reagieren die Massen unerbittlich“  Denn auch wenn der Vaterlandsbegriff „im Bewusstsein der heutigen Menschen“ längst entlarvt schien: Er regenerierte sich trotzdem täglich und minütlich aus dem Sein heraus. Jeder Zuruf in der Muttersprache, jeder Erdkrümel zwischen den Fingern, jeder Handgriff an der Maschine, jeder Waldgeruch bestätigte ihnen von neuem die Realität ihrer Gemeinschaft.“ Und da denkt man unwillkürlich daran,  wie Anna Seghers in einer Tagebucheintragung vom Juni 1933 beschreibt, wie sie ihre Kinder an der Grenze abholt: „Das mehrfarbige, karierte Kleid der Kleinen, der Geruch ihrer Haare machen mich verrückt vor Heimweh“ Und als sie die Taschen des kleinen Pierre leeren entdecken sie: „ein paar trockene Grashalme, ein Pfennig, eine Fahrkarte, ein Tannenzapfen: ein  halbes Deutschland.“[14]

Anna Seghers setzt dem dumpfen nationalsozialistischen Begriff des Vaterlands ein emanzipatorisches Verständnis von Vaterland entgegen. Sie erläutert anhand des Blicks eines durch Deutschland reisenden Schriftstellers  auf  „die grandiose, höllische, schwefelgelbe Leuna-Fabriklandschaft, die Herzpumpe seines Vaterlandes.“  Da könne man stolz sein auf das, was die Arbeiter dort aufgebaut hätten,  auf ihre sozialen Kämpfe und Errungenschaften, „auf die Zukunft von Leuna“  (Wie tragisch diese Zukunft dann sein würde, konnte Seghers ja nicht ahnen).  „Wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“

Es passt zu einem Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, dass Anna Seghers sich bei ihrer Suche nach einem emanzipatorischen Vaterlandsbegriff auch auf das deutsche kulturelle Erbe  bezieht und auf Schriftsteller wie Hölderlin, Büchner, Günderrode, Kleist, Lenz und Bürger verweist: „Diese deutschen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land.“  Und so leiden, kann man ergänzen, auch die aus dem Dritten Reich geflohenen Schriftsteller an den  Zuständen in ihrer Heimat, so sind auch sie, wie 100 Jahre zuvor Heinrich Heine, aus dem Schlaf gebracht, wenn sie an Deutschland denken. Aber wie er lieben auch sie ihre Heimat, ihr verlorenes Vaterland,  und es ist Anna Seghers, die „Das siebte Kreuz“ mit einem wunderbaren Hymnus auf ihre Heimat beginnt. (15) Die Heimat, das Vaterland,  soll nicht den Nazis überlassen werden. So lautet denn auch der Schlussappell Anna Seghers: „Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter  ihren vorgeblichen Sachwaltern. Helfen wir Schriftsteller am Aufbau  neuer Vaterländer!“  Und für die exilierten deutschen Schriftsteller bedeutete das, dem „anderen Deutschland“ Konturen zu verleihen, das zu repräsentieren sie mit Recht beanspruchten.

Für uns heute, das soll doch noch angefügt werden, haben Anna Seghers Überlegungen  zu Vaterland und Heimat angesichts von Globalisierung und weltweiten Migrationsbewegungen wieder besondere Aktualität gewonnen. Die Fragen, ob es (noch) eine spezifische deutsche Kultur gibt, was „Heimat“ für die Menschen heute bedeutet und welche Konsequenzen das für die Politik hat bzw. (nicht) haben sollte,   ob es  einen Patriotismus geben kann/darf,  der über einen ( m.E. eher kopflastigen und kaum Identität- stiftenden) „Verfassungspatriotismus“ hinausgeht, ob man nicht nur Scham empfinden muss über die unermesslichen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, sondern auch stolz sein darf auf das große kulturelle Erbe unseres Landes: alle diese  Fragen sind mehr  denn ja aktuell- und dies gilt  damit auch für Anna Seghers Rede zur „Vaterlandsliebe“. Und aktuell ist ja sicherlich auch Anna Seghers Einsicht, dass man Begriffe wie „Vaterland“ und „Heimat“ nicht den Rechtsradikalen überlassen  darf.

Während die beiden Reden Heinrich Manns und Anna Seghers sich in das von den Veranstaltern des Schriftstellerkongresses vertretene Konzept einer übergreifenden antifaschistischen Einheitsfront einordneten, gab es auf dem Kongress aber durchaus auch kritische Töne, und zwar von rechts wie von links. So verteidigte Julien Benda im Blick auf die Sowjetunion die Unabhängigkeit des Schriftstellers, der italienische Historiker Gaetano Salvemini kritisierte die Angriffe auf die Freiheitsrechte im stalinistischen Russland und Madeleine Paz brachte den Fall des Schriftstellers Victor Serge zur Sprache, der wegen seiner trotzkistischen Ideen nach Sibirien verbannt wurde.[16] Auf der anderen Seite kritisierte Andé Breton den russisch-französischen Beistandspakt als eine Konzession an die bürgerliche Ordnung und Bertolt Brecht stellte der humanistischen Konzeption des Kongresses die marxistische Klassenfrage entgegen:

„Viele von uns Schriftstellern haben die Wurzel der Rohheit, die sie entsetzt, noch nicht entdeckt. Es besteht immerfort bei ihnen die Gefahr, dass sie die Grausamkeiten des Faschismus als unnötige Grausamkeiten betrachten. Sie halten an den Eigentumsverhältnissen fest, weil sie glauben, dass zu ihrer Verteidigung die Grausamkeiten des Faschismus nicht nötig sind. Aber zur Aufrechterhaltung der herrschenden Eigentumsverhältnisse sind diese Grausamkeiten nötig.“[17]

Bei allen politischen und literarischen Unterschieden, bei allen Diskrepanzen zwischen so vielen eigenwilligen Individuen wurde der Kongress aber doch „von einer großen Gemeinsamkeit“ getragen, wie Fritz J. Raddatz in der ZEIT schrieb.  „Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.“[18]

Congrès de 1935 Andre Gide

Auf der Rednertribüne André Malraux, rechts von Ihm André Gide. An der Wand das Portrait von Maxim Gorki

Herrmann Kesten, ein in den 1920-er Jahren und im französischen Exil der 1930-er Jahren äußerst einflussreicher Literat und Lektor, schrieb im Rückblick, er habe nicht an dem Kongress teilgenommen, der von Kommunisten „inszeniert, finanziert, dirigiert“ worden sei. Er sei nicht blind genug gewesen, „um gegen die Diktatur von Hitler, Mussolini, Salazar aufzutreten, die Greuel im Dritten Reich anzuklagen, und gleichzeitig die Augen vor den Greueln der Diktatur in Sowjetrussland zu schließen.“ Aber er sei doch zu den öffentlichen Sitzungen des Kongresses gegangen und habe nicht mit seinen vielen Freunden gerechtet, weder öffentlich noch privat, die sich dort engagiert hätten, „nicht einmal in meinem Herzen“.[19]

Aldous Huxley, einer der Kongressteilnehmer,  beklagte sich, zurück in England,  über fünf Tage „endloser kommunistischer Demagogie“: the thing simply turned out to be a series of public meetings organised by the French communist writers for their own glorification and the Russians as a piece of Soviet propaganda. Amusing to observe, as a rather discreditable episode in the Comedie Humaine‘.[20]

Hier wird deutlich, woran der Versuch, eine gemeinsame antifaschistische Bewegung herzustellen, schließlich scheiterte und warum der Kongress, wie Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch,  bedauerte, „so wenige politische Auswirkungen“ hatte.  Es war die Haltung zur Sowjetunion angesichts der stalinistischen Schauprozesse. Der Bruch, der dadurch zwischen den antifaschistischen Intellektuellen entstand,[21]  wurde bald nach dem Kongress besonders deutlich an den Büchern von André Gide und Lion Feuchtwanger über ihre Reisen in die Sowjetunion: André Gide, Retour de l’URSS (1936) und Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde (1937).

André Gide hatte als Hauptredner und Ehrenvorsitzender des Kongresses zur Verteidigung der Kultur festgestellt, nichts sei „unwahrer als die Behauptung, dass die Sowjetunion uniformiere“ und ein Jahr später erklärte er bei der Totenfeier für Maxim Gorkij an der Seite Stalins auf dem Roten Platz in Moskau:  „Das Schicksal der Kultur ist in unseren Sinnen geknüpft an das Schicksal der UdSSR selbst. Wir werden sie verteidigen“. Gide kam nach seinen eigenen Worten „als überzeugter und begeisterter Anhänger nach Russland, willens und bereit, eine neue Weltordnung zu bewundern.“[22] Gerade deshalb erregte seine Kritik an den Zuständen im stalinistischen Russland großes Aufsehen und kostete nach der Schätzung Lion Feuchtwangers die Sowjetunion zwei Drittel ihrer Anhänger im Westen.[33] Feuchtwanger sah aber in Stalin einen unverzichtbaren Verbündeten im Kampf gegen Hitler. So ging es ihm in seinem Bericht über die Reise in die Sowjetunion auch darum, „das von Desillusionierung gezeichnete Bild, mit dem André Gide aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, zu widerlegen.“ So wurde Feuchtwanger zum Propagandisten Stalins und -wie auch Heinrich Mann- zum Verteidiger der Moskauer Prozesse.[24]

Der Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur von 1935 ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur französischen Volksfront, der Frankreich  grundlegende Reformen zu verdanken hat. Auch der Versuch des Zusammenschlusses der deutschen Opposition gegen Hitler in einer deutschen Volksfront (der Lutetia-Kreis) baut auf den Erfahrungen des Kongresses von 1935 auf. Allerdings markieren der Kongress zur Verteidigung der Kultur und die Volksfront-Bündnisse  auch den kurzfristigen Höhepunkt einer großen Illusion, die schon bald danach zerbrach: Der Illusion einer möglichen dauerhaften Allianz zwischen den der Freiheit verpflichteten  linken Intellektuellen der westlichen Demokratien und der stalinistischen Sowjetunion und ihren Gefolgsleuten. Aus historischer Perspektive  bleibt dennoch auch  festzuhalten, dass der Schriftstellerkongress von 1935  „ein historischer Vorläufer des großen militärischen Bündnisses gegen den Krieg der Nazis“ war- auch wenn Stalin 1939 erst einmal gemeinsame Sache mit Hitler machte und das  Bündnis mit den westlichen Demokratien erst von dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion erzwungen wurde. Und anders als 1935 und 1936 konnte es, als dieses Bündnis eingegangen wurde, nicht mehr den geringsten Zweifel an dem verbrecherischen und imperialistischen Charakter der stalinistischen Sowjetunion geben….  [25]

 

 

Anmerkungen

[1] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/schriftstellerkongress.html

[2] Siehe dazu den Blog-Beitrag über das Exil deutscher Schriftsteller in Frankreich: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[3] Siehe: Paris 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente. Mit Materialien der Londoner Schriftstellerkonferenz 1936. Einleitung und Anhang von Wolfgang Klein, Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1982

und –mit informativen Einführungen: Sandra Teroni, Wolfgang Klein (Hrsg): Pour la défense de la culture: Les textes du Congrès international des écrivains Paris juin 1935. Dijon 2005

Wie bedeutsam die Beziehung auf das kulturelle Erbe für den deutschen Widerstand war, zeigen besonders anschaulich die Flugblätter der Weißen Rose.  (Berufung auf Goethe und Schiller, auf Lao-tse, Cicero, Aristoteles, Novalis und das Alte Testament).

[4] http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/  Neben Gisèle Freund war es nur noch David Seymour, genannt Chim, der Aufnahmen von dem Kongress und seinen Teilnehmer/innen machte.

[5] https://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0020_fra_de.pdf

[6] © David Seymour/Magnum Photos. Siehe  auch: https://www.icp.org/browse/archive/objects/demonstration-at-the-international-congress-for-the-defense-of-culture-paris

[7] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 93

[8] http://www.albin-michel.fr/ouvrages/voyage-a-moscou-juin-juillet-1935-cahier-ndeg-29-9782226058607

[9] Zitiert in  Paris 1935, S. 462

[10] Golo Mann, Erinnerungen und Gedanken. Lehrjahre in Frankreich. FFM 1999, S. 91/92

[11] Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935 und in: https://das-blaettchen.de/2015/07/reden-auf-dem-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-in-paris-1935-33406.html

[12] Zum französischen Exil von Anna Seghers siehe den Blog-Beitrag „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer“   https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274 

Abdruck der Rede bei Klein, Paris 1935

Die Zitate stammen aus dem Vorwort zum ersten Heft der 1933  unter Mitwirkung von Anna Seghers in Prag erschienenen Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“.

[13] Siehe Christiane Zehl Romero, Anna Seghers, Eine Biographie 1900-1947.. Berlin 2000, S. 271

Bildquelle: http://www.gisele-freund.com/international-congress-for-the-defense-of-culture-hall-of-the-mutualite-paris-21th-of-june-1935/

[14] Anna Seghers, sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In ndl vom 9. September 1984

(15) Siehe dazu. Birgit ohsen, „Heimat“ im Exilwerk von Anna Seghers. Berlin 2017

[16] Siehe: https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[17] http://www.deutschlandfunk.de/fuer-die-freiheit.871.de.html?dram:article_id=127007

[18] Fritz J. Raddatz,  Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935. In: DIE ZEIT 17/1985 vom 19. April 1985

Das nachfolgende Bild aus: http://e-gide.blogspot.com/2008/10/au-congrs-de-1935.html

©David Seymour/Magnum Photos

[19] Herrmann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Taschenbuch 1983, S. 72

[20] https://www.theguardian.com/observer/comment/story/0,6903,1361235,00.html

[21] Michel Aucouturier in seiner Rezension von Teroni/Klein, Pour la défense  de la culture. https://journals.openedition.org/monderusse/6620

[22] Hans Christoph Buch, Wer betrügt, betrügt sich selbst. Die Zeit, 3.4.1992.

https://www.zeit.de/1992/15/wer-betruegt-betruegt-sich-selbst/seite-2

[23]https://www.tagesspiegel.de/kultur/lion-feuchtwanger-in-moskau-stalin-mon-amour/21014434.html

[24] Siehe dazu: Anne Hartmann, Ich kam, ich sah, ich werde schreiben. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017,  Rezension: https://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-feuchtwangers-russland-reise-ueberfordert-in.700.de.html?dram:article_id=417615

[25] Eberhard Spreng im Deutschlandradio Kultur vom 21.6.2010 https://www.deutschlandfunkkultur.de/fuer-die-freiheit.932.de.html?dram:article_id=130845

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11540

 

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“
  • Die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne: repräsentative Fabrikarchitektur und patriarchalischer Kapitalismus im 19. Jahrhundert
  • Die Villen der Meniers in Paris und das Familiengrab auf dem Père Lachaise 
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

 

 

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte

 

Im Januar 2019 wurde auf diesen Blog ein Text über das  nun gut 100 Jahre alte 2018 neu eröffnete Pariser Hotel  Lutetia eingestellt:  Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz.[1]  Am Anfang wird dort aus einem  anlässlich der Neueröffnung erschienenen Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert:

Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar, dann träfen die Überlebenden deutscher Vernichtungslager in der Lobby auf Wehrmachtsoffiziere, die von hier aus Frankreich ausspionierten. Von 1940 bis 1944 besetzte der als Abwehr bezeichnete militärische Geheimdienst der Nazis das Hotel. Zwischen April und August 1945 wurden am selben Ort alle deportieren Juden und Widerstandskämpfer versammelt, die nach Frankreich zurückkehrten. Und als wäre all das nie passiert, sitzen entlang der Fassade damals wie heute kleine, dicke Putten zwischen übervollen Weinreben. Anfang des 20. Jahrhundert in Stein gehauen von Paul Belmondo, dem Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo.“[2]

Das Hotel Lutetia ist, das wurde ja auch schon im ersten Teil des  Blog-Beitrags  deutlich,  ein ganz außerordentliches Hotel voller Geschichte und Geschichten- jetzt sogar mit literarischem Ruhm gekrönt. Denn es ist gerade dieses Hotel, in dem  sich Édouard Péricaut,  die  zentrale Figur in  dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre, in den letzten Tagen vor seinem selbstgewählten Tod  einquartiert.  Im Ersten Weltkrieg  wurde sein Gesicht von einer Granate entstellt  und er wurde für tot erklärt. Nach dem Krieg bietet er unter falschem Namen  Kriegerdenkmäler an und  kommt durch die Anzahlungen  rasch zu Geld. So kann er sich, als Monsieur Eugène,  eine noble Suite im Lutetia leisten  und  erregt mit seiner Freigiebigkeit und den phantasievollen  Masken, mit denen er seine „geule cassée“ verdeckt,  Aufsehen.

„Niemand wusste, womit er sich eigentlich beschäftigte, immer trug er übergroße Masken und niemals dieselbe, und er hatte alle möglichen phantastischen Einfälle: ein Kriegstanz auf dem Korridor, sodass die Zimmermädchen losprusteten, oder dekadent großzügige Blumenlieferungen…. Er schickte die Laufburschen in das gegenüberliegende Kaufhaus Bon Marché, damit sie dort die unmöglichsten Sachen für ihn kauften, von Talmi über Federn, Papier mit Goldschnitt, bis hin zu Filz und Farben, und alles fand man dann auf seinen Masken wieder. Und das war längst nicht alles! In der letzten Woche hatte er ein Kammermusikorchester mit acht Musikern ins Hotel bestellt. Kaum hatte man ihn über deren Ankunft informiert, war er die Treppe heruntergekommen und hatte sich auf die erste Stufe gegenüber dem Empfang gestellt, um den Takt anzugeben. Das Orchester führte den ‚Türkischen Marsch‘ von Lully auf, wonach er wieder nach oben verschwand. Monsieur Eugène hatte an das gesamte Personal Fünfzig-Francs-Scheine verteilt, wegen der Umstände.“[3]

Welches andere Pariser Hotel wäre passender gewesen für die letzten Tage des Monsieur Eugène?   Und welches andere Hotel  hätten Georgette und Bernard, ein literarisch und philosophisch hochgebildetes Paar von über 80 Jahren, wählen können, um dort im November 2013 vor ihrem Freitod  gemeinsam eine letzte Nacht zu verbringen?  Die Wahl der „Liebenden des Lutetia“,  fiel auch –aber wohl kaum alleine deshalb-  auf  dieses Hotel, weil Georgette 1945  dort ihren Vater nach 5-jähriger Deportation wiedergefunden hatte…   [4]

 

Midnight in the Lutetia

Aber natürlich ist das Lutetia vor allem ein Ort prallen Lebens, besonders in den zwanziger Jahren, die auch für das Lutetia die „goldenen“ waren. Aufgrund seiner Lage und Architektur war das Hotel  Anziehungs- und Treffpunkt  einer anspruchsvollen  und i.A. auch wohlhabenden  Kundschaft. Würde man, wie die Süddeutsche Zeitung ansatzweise in ihrem anfangs zitierten Artikel die ganze Prominenz vereinen, die zu den Kunden des Lutetia gehörte, dann käme ein höchst eindrucksvolles Panorama  zusammen. Hier nur eine kleine Auswahl:

Da ist beispielsweise André Malraux,  der 1921 der Bitte der Übersetzerin   Clara Goldschmidt (seiner späteren Frau)  nachkam, sie endlich von ihrer Jungfernschaft zu befreien. [4a] Und das geschah genau am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, und eben im Hotel Lutetia, wo der junge Schriftsteller André Malraux  (und spätere Kulturminister de Gaulles) damals – wenn auch nur in einem  kleinen Zimmer (chambre de bonne)- wohnte.  Im gleichen Jahr machte  der junge Offizier Charles de Gaulle  während seiner Hochzeitsreise  im Lutetia Station  und hatte offenbar  so gute Erinnerungen daran, dass er das Hotel auch danach noch mehrfach frequentierte –ebenso wie seine Frau, die eine treue Kundin des Bon Marché war. Als im Juni 1940 der gerade zum General avancierte de Gaulle als  Unterstaatssekretär ins Kriegsministerium nach Paris versetzt wurde, logierte er wieder im Lutetia,  bevor er es –vor der anrückenden Wehrmacht- wieder verlassen musste, um der schon in den Süden ausgewichenen Regierung zu folgen. Und dieser Aufbruch war offenbar so überstürzt, dass er einen Teil seiner Ausrüstung dort zurückließ, u.a. sogar seinen Offizierssäbel von der Militärschule St. Cyr. Alles wurde im Keller wohlverwahrt bis zur Libération, und  sicherlich  –zumindest zum Schluss-  im Rang einer Reliquie.

Und dann findet sich im Lutetia der Zwischenkriegszeit fast alles ein, was im literarischen und intellektuellen Leben Frankreichs Rang und Namen hat. So André Gide, der öfters für einige Tage im Lutetia wohnt, um dort in Ruhe zu schreiben, sich mit befreundeten Schriftstellern zum Tee zu treffen und mit manchen Freunden auch noch danach. So auch Roger Martin du Gard, der französische Literatur-Nobelpreisträger von 1937, der sich im Lutetia einquartiert, um seinen zahlreichen gesellschaftlichen und literarischen Verpflichtungen nachkommen zu können, die diese Auszeichnung mit sich brachte. Das Lutetia betrachtete ihn gewissermaßen als seinen Nobelpreisträger. Auch Antoine de Saint-Exupéry war  öfters mit seiner Frau Gast  im Lutetia, wenn er mal wieder –über beide Ohren verschuldet-  finanzielle Auseinandersetzungen mit seinen Vermietern hatte. Das hinderte das Paar allerdings nicht,  jeder ein extra  Zimmer und sogar auf verschiedenen Stockwerken zu beziehen. Saint-Exupéry wird sich beim Auszug sicherlich nicht, wie de Gaulle 1940, mit der „parole historique: ‚Ma note, je vous prie‘“  verabschiedet haben.[5]  Aber ich nehme  an, dass das Lutetia da großzügig war. Immerhin hatte man einen „VIP“ mehr unter den Kunden, mit denen man den Ruf des Hotels weiter mehren konnte. Und an diesem Ruf arbeitete das Lutetia auch ganz bewusst und raffiniert. Ab und zu wurde etwa ein Hotel-boy durch die Lobby oder die verschiedenen Salons geschickt, um – beispielsweise- Mr. Charlie Chaplin auszurufen, als würde der gerade im Lutetia wohnen und am Telefon verlangt- und das konnten dann ein anderes Mal Jean Gabin,  Picasso oder Matisse sein.  Der Möglichkeiten waren viele und die Anwesenden fühlten sich in jedem Fall sicherlich erhoben und in ihrer Überzeugung gestärkt, mit dem Lutetia eine exzellente Wahl getroffen zu haben.

Denn dann gab es ja auch noch die Ausländer im Lutetia. Russische Emigranten beispielsweise, die Amerikaner, vor allem natürlich  Joséphine Baker,  „qui y séjourna souvent avec sa tribu d’enfants“ (Hoteltext), der Kreis  um Hemingway und –nicht zu vergessen: Samuel Becket und James Joyce, der –wie Assouline berichtet, einem Angestellten des Hauses auf die Frage, was er denn wirklich mache, antwortete: „Moi? Je m’emploie à donner du travail aux universitaires pour les trois siècles à venir, au moins. J’y ai mis tellement de devinettes et d’énigmes que cela va bien les occuper. Il n’y a de meilleur moyen de gagner l’immortalité que de susciter la discussion des érudits sur ce qu’on a voulu dire.“ (S.149). Er sei also dabei, die Professoren der nächsten drei Jahrhunderte –mindestens- zu beschäftigen, so viele Andeutungen und Rätsel habe er in seine Werke eingebaut. Es gäbe kein besseres Mittel zur Unsterblichkeit als eine Diskussion zu provozieren, was man denn habe sagen wollen – ein Rezept, das ja auch von anderen Autoren – auch deutscher Sprache- befolgt wurde.

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Portrait von James Joyce, Paris 1937

aufgenommen von Josef Breitenbach, einem 1933 aus Deutschland  nach Paris emigrierten jüdischen Fotografen. Er portraitierte dort zahlreiche Künstler (Brecht, H. Weigel,  J. Roth, Wassily Kandinsky, Max Ernst…)  und dokumentierte fotografisch das kulturelle Leben des deutschen Exils  in Paris.

 

Auch nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es im Lutetia nicht an Prominenz. Sartre wohnte zwar nicht in diesem Hotel, war aber öfters dort zu Gast ebenso wie Michel Foucault und Catherine Deneuve, die dort gewissermaßen eine Dependance hatte.  Ein prominenter Gast  des Hotels  war auch der gockelige Philosoph Bernard-Henri Levy,  der den damaligen französischen Präsidenten  Sarkozy und die französische Öffentlichkeit wortreich von der Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens in Libyen überzeugte und der das dort angerichtete Chaos mit dem Verweis auf die Legitimität „progressiver Gewalt“ und die Französische Revolution  verteidigte.  (Die ist ja in Frankreich –wie auch derzeit wieder  im Zusammenhang mit den sogenannten Gelbwesten- gerade für manche linken Intellektuellen dazu gut, der Gewalt und dem Chaos positive Seiten abzugewinnen).  Dann zum Schluss  dieses ersten Blicks auf die Lutetia-Prominenz lieber noch eine nette Anekdote, den Komiker und Gründer der restos du cœur Coluche betreffend. Der quartierte sich in den 1980-er Jahren nach seiner Scheidung mehrere Wochen im Lutetia ein, ärgerte sich dabei aber über die Politessen, die an seinem vor dem Hotel aufgestellten Wagen  Strafzettel befestigten (kennen wir gut), worauf er sie aus seinem Hotelfenster  mit Joghurtbechern bewarf. ( Das erinnert mich an eigene Jugendstreiche, wobei wir in den kargen Nachkriegsjahren die unten vorbeilaufenden Passanten natürlich nicht mit wertvollem Joghurt bewarfen, sondern –im Sommer- lediglich mit etwas Wasser erfrischten). Die empörten Pariser Politessen wollten dann natürlich den Übeltäter ausfindig machen, was aber die Hotelleitung –devoir de réserve oblige- selbstverständlich verhinderte.

 

 

Die deutsche Volksfront, der Lutetia-Kreis und Heinrich Mann

Viel Prominenz also, so dass Woody Allan auch gut sein „Midnight in Paris“  im Lutetia – und allein  im Lutetia- hätte drehen können. Eine wichtige Episode des „Midnight in the Lutetia“  hätte dann  unbedingt  den  deutschen Emigranten im Lutetia der 30-er Jahre gewidmet sein müssen. Immerhin heißt „von 1933 bis zur Okkupation durch die Wehrmacht 1940 … die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur Paris“.[6]  Viele Flüchtlinge von 1933 sahen sich in einer Traditionslinie , die von den deutschen Ehrenbürgern der ersten französischen Republik wie Schiller und Klopstock  über Heine und Börne bis zu ihnen reichte. „Insofern ist Paris anfangs nicht nur Flucht-, sondern auch Wunschort des künstlerischen Exils.“[7] Frankreich war denn auch  das Land mit der größten Zahl deutscher Flüchtlinge zwischen 1933 und 1939  – etwa 55.000 waren es ( mit allerdings stark abweichenden  Zahlenangaben in der Literatur),  von denen etwa 8000 in  Paris lebten bzw. zum Teil auch eher hausten. Denn mit Ausnahme der Volksfront-Regierung Léon Blums betrieben die französischen Regierungen eine äußerst restriktive Asylpolitik, eine Arbeitserlaubnis wurde nur in den seltensten Fällen gewährt. Für Intellektuelle und Schriftsteller, die die französische Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschten und die von ihrem heimischen Publikum und ihren herkömmlichen finanziellen Ressourcen abgeschnitten waren, war die Situation natürlich besonders kritisch. Ein Mittel zum geistigen und materiellen Überleben war der Versuch, Paris zum intellektuellen und politischen Zentrum des deutschen Exils zu machen- mit deutschen Zeitungen, Exil-Verlagen, Cabarets, Literaten-Cafés, Solidaritäts-Gruppen wie dem SDS (das war damals der Schutzverband deutscher Schriftsteller)  und zum Treffpunkt und Tagungsort der deutschen Emigration.  Das Lutetia war dabei  allerdings eher der Prominenz vorbehalten: Zu ihnen gehörten u.a. auch Max Horkheimer, der Direktor des (Frankfurter) Instituts für Sozialforschung, der 1934 Stammgast im Lutetia war, der kommunistische „Pressezar“ Willi Münzenberg, Klaus Mann, der in der „Bar Lutèce“ mit André Gide über die ernüchternden Moskau-Erfahrungen diskutierte, und –natürlich- Heinrich Mann, der am 20. November 1935 seinen Bruder Thomas informierte: „Du erreichst mich brieflich oder telegraphisch bis 25. in Paris (7.) Hotel Lutetia, Bd. Raspail“. [8]

In Paris und im Lutetia hielt sich Heinrich Mann allerdings zur zeitweise auf. Während der ersten Jahre seines Exils lebte er nämlich an der Côte d’Azur,  so wie zeitweise viele andere deutsche Exilierte: Thomas und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Egon-Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig, Franz und Helen Hessel, die Eltern von Stéphane Hessel, Bertolt Brecht und viele andere. [9]  Hier war -damals jedenfalls noch- das Leben wesentlich billiger als in Paris, und zunächst gingen viele davon aus, nach dem erhofften schnellen Zusammenbruch des NS-Regimes bald wieder vom sommerlichen Intermezzo am Meer nach Deutschland zurückkehren zu können. Die terroristische feste Etablierung der Nationalsozialisten bedeutete dann aber für die politisch engagierten Exilierten, sich im Exil als Repräsentanten eines „besseren“, „anderen“ Deutschlands einrichten zu müssen, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und dazu sollte das Projekt einer deutschen Volksfront im Exil dienen. Voraussetzung eines solchen Zusammenschlusses von Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerlichen Intellektuellen war die Abkehr der Kommunisten von ihrer seit 1928 vertretenen ultralinken „Sozialfaschismus“-Theorie, nach der ihr Hauptfeind nicht der Nationalsozialismus, sondern die Sozialdemokratie sei. Diese Position wurde 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau selbstkritisch als „sektiererisch“ verurteilt, womit –zumindest formal- eine unabdingbare Voraussetzung für ein Volksfront-Bündnis geschaffen war. Und nun waren es gerade die Kommunisten, die hier die Initiative ergriffen:  Willi Münzenberg, der in Paris die kommunistische Öffentlichkeitsarbeit koordinierte, lud für den 26. September 1935 zu einer ersten Tagung ins Hotel Lutetia ein, die der Schaffung einer deutschen Volksfront dienen sollte. Eine weitere Konferenz folgte am 2. Februar 1936 wiederum  im Lutetia.  Das Umfeld dafür war günstig: Im Juni 1935 tagte in Paris im Haus der Mutualité der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Ausdruck eines notwendigen gemeinsamen Kampfes gegen den Faschismus.[10]  Am 14. Juli 1935, also dem französischen Nationalfeiertag,  verabschiedeten die französischen Kommunisten, Sozialisten und die –eher bürgerlich-linksliberalen- Radikalsozialisten einen Freundschaftsvertrag und Aktionsplan,  und an der Spitze des traditionellen Demonstrationszuges von der Bastille zur Place de la Nation marschierten die Führer der drei  die französische Volksfront tragenden Parteien. Am 16. Februar 1936 feierte die spanische Volksfront ihren Wahlsieg, am 3. Mai gewann bei den Parlamentswahlen  das französische Volksfrontbündnis unter Léon Blum.  Dazu kam die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung durch die deutsche Aufrüstung:  Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, von der NS-Propaganda als „Sprengung der Ketten von Versailles“ gefeiert.[11] Dass unter diesen Umständen die im Exil lebenden deutschen Antifaschisten sich zusammenschließen müssten, war also ein Gebot der Stunde.  Auf den organisatorischen Rahmen dafür einigte man sich bei dem Treffen im Lutetia vom 2. Februar. Es  wurde ein Leitungsgremium (Lutetia-Comité)  von Kommunisten, Sozialisten, Vertretern der SAP, des „Freiheitlichen Bürgertums“ und von Katholiken gebildet, das weitere Tagungen der Plenarversammlung  (Lutetia-Kreis)  und die Schaffung einer Deutschen Volksfront vorbereiten sollte. Zum  überparteilichen Vorsitzenden des  Lutetia-Comités wurde Heinrich Mann gewählt.[12]

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Heinrich Mann im französischen Exil (Foto Buddenbrook-Haus Lübeck)

Dass die Wahl gerade auf ihn fiel, war kein Zufall. Denn Heinrich Mann war schon in der Weimarer Republik eine repräsentative Gestalt der deutschen Demokratie und Literatur gewesen- 1932 hatte ihn der Kreis um die „Weltbühne“ sogar als  Präsidentschaftskandidaten –gegen Hindenburg, Hitler und Thälmann ins Spiel gebracht-   er war in Frankreich genauso heimisch wie in Deutschland und vor  allem hatte er schon 1932, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und  lange vor dem Kurswechsel der Kommunisten, für eine Einheitsfront der Arbeiterparteien geworben und die Kommunisten aufgefordert, ihre rein platonischen Forderungen nach einem Umsturz der Gesellschaft aufzugeben, „wodurch nur ihre alleräußersten Feinde die Macht bekämen, ihnen alles zu nehmen“ [13],  was sich dann ja auch auf tragische Weise bestätigte.

Jetzt war also Heinrich Mann zum „Wortführer der antifaschistischen Bewegung“  (Kantorowicz) geworden, die im Hotel Lutetia versuchte, sich organisatorische Strukturen zu geben und sich auf gemeinsame Grundsätze für ein postfaschistisches Deutschland zu einigen. Heinrich Mann reiste nun also öfters  von Nizza, wo er damals wohnte,  nach Paris und nahm dafür die Strapazen ganztägiger Bahnreisen auf sich: „Ich war eine Woche abwesend und in Paris durch unsere neueren Bemühungen bis zur Erschöpfung beansprucht“, schrieb er am 6. Februar 1936 seinem Bruder. (Briefwechsel, S. 225).  Immerhin wohnte er dann im Lutetia, das er von Besuchen in den 20-er Jahren gut kannte und das ganz sicherlich auch seinem Bedürfnis nach Repräsentation entsprach: Die Treffen des Lutetia-Kreises mit zum Teil über 100 Teilnehmern fanden sogar im nobelsten Salon des Hauses, dem damaligen  „Président“ (heute Salon Cristal) statt.

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(Das Bild wurde 2011 bei einem Kammerkonzert noch vor der Renovierung des Hotels ausgenommen)

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     Details des unter Denkmalschutz stehenden Salon Cristal mit seinen Lalique-Leuchten

 

Zu den Teilnehmern der Treffen im Lutetia  gehörte auch als Vertreter  der SAP, einer linken Abspaltung der SPD, Willy Brandt, der dazu aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Ich hatte 1934,1935, auch im Frühjahr 1936 noch meine Erfahrungen gemacht mit den Exiloberen und dem Pariser Emigrantenmilieu, aber auch Hoffnungen gezogen aus der breiten sozialistisch-kommunistischen Einheitswelle, die zuerst und vor allem eine antifaschistische Welle zu sein schien. Sie erfasste Frankreich und rollte durch das Paris der vertriebenen Deutschen. Ich sprach auf großen Versammlungen, Zusammenkünften deutscher Schicksalsgefährten und ließ mich (…) von der neuen Aufbruchstimmung mitreißen…“[14] 

Das Projekt einer Deutschen Volksfront hatte drei Adressaten:  zunächst natürlich die Exilierten selbst, deren Zersplitterung überwunden und deren Status und  materielle Grundlagen verbessert werden sollen. In diesem Bereich kam es im Lauf des Jahres 1936 während der Regierungszeit des Front Populaire in Frankreich auch durchaus zu Fortschritten.[15] Adressaten waren natürlich auch  die Deutschen in der Heimat, die man der Solidarität  versichern und  zum Widerstand aufrufen wollte. Das geschah zum Beispiel mithilfe einer „Kundgebung an das deutsche Volk“, die bei dem Treffen vom 6. Februar 1936 im Lutetia verabschiedet und massenhaft in Deutschland verbreitet wurde.  Welche Resonanz sie dort fand, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und schließlich wandte man sich auch an  die Bevölkerung/die Regierungen der Länder, die die aus Deutschland geflohenen bzw. vertriebenen Menschen aufgenommen hatten. Dabei ging es vor allem um eine Aufklärung über die Zustände in Deutschland und um die Warnung  vor einem drohenden Krieg.  Im Dezember 1936 wurde von dem Volksfrontausschuss  ein gemeinsamer Aufruf  „Bildet die deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!“ verabschiedet und in den Publikationsorganen des Exils, aber auch in ausländischen Zeitungen wie „L’Humanité“ veröffentlicht.[16]

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(Pariser Tageszeitung vom 8.1.1937)

Darin steht an erster Stelle die Gefährdung des Friedens durch Nazi-Deutschland:

Die Volksinteressen werden rücksichtslos der Vorbereitung eines neuen Krieges geopfert, der furchtbarer sein wird als alle bisherigen Kriege. Auf dem letzten Nürnberger Parteitag hat Adolf Hitler die Steigerung dieser Politik angekündigt. Sie droht nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt in eine entsetzliche Katastrophe zu stürzen.“

Angesichts der Appeasement-Politik Frankreichs und Großbritanniens  stießen  solche Warnungen allerdings eher auf taube Ohren.  Die Vertreter des deutschen Exils waren da gewissermaßen einsame Rufer in der Wüste… 

Besonders schwierig waren die programmatischen  Diskussionen und Auseinandersetzungen  im Lutetia-Kreis, an denen sich auch Heinrich Mann intensiv beteiligte.  Selbstverständlich war für ihn, der 1932 ein leidenschaftliches „Bekenntnis zum Übernationalen“ veröffentlicht hatte, dass ein vom Faschismus befreites Deutschland  seinen Platz in einem geeinten Europa haben müsse. Und besonders wichtig war für ihn die Rolle der Erziehung in einem künftigen deutschen „Volksstaat“, also  die Herausbildung von vernünftigen, verantwortungsbewussten, „sittlichen“ Menschen, wie er in einem  Beitrag  über ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“ betonte.  Dass  er damit die ethische Dimension über die rein sozial-ökonomische stellte, stieß allerdings auf den Widerstand von Kommunisten und Sozialisten.[17] In diesen Programmdiskussionen wurden schon von Anfang an die  erheblichen ideologischen Gegensätze innerhalb und  zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Vertretern des deutschen Exils deutlich, die  wesentlicher Grund für das Scheitern des Projekts einer Deutschen Volksfront waren.  Dazu kamen Zweifel des Vorstandes der Exil- SPD in Prag am Kurswechsel der KPD, so dass die SPD-Mitglieder im Lutetia-Kreis und –Komitee keine offiziellen Vertreter des SOPADE-Vorstandes in Prag (also der Exil-SPD) waren, sondern gewissermaßen  auf eigene Initiative agierten. Es gab ja auch durchaus kommunistische Hardliner, die der Auffassung waren,  Willi Münzenberg  komme den Bürgerlichen im Volksfront-Kreis zu sehr entgegen. Als Scharfmacher tat sich da besonders der im Moskauer Exil lebende Walter Ulbricht, der spätere Statthalter Stalins in der SBZ/DDR,  hervor, den Heinrich Mann als „vertracktes Polizeigehirn“ bezeichnete, das man loswerden müsse. [18]  Entscheidend waren aber  vor allem die Moskauer Prozesse: Im August 1936 wurden im ersten Schauprozess Sinowjew, Kamenew und weitere  Mitstreiter Lenins wegen angeblicher Beteiligung an einem trotzkistischen Mordkomplott zum Tode verurteilt. Und André Gide, ein Jahr zuvor noch von den Kommunisten auf dem internationalen Pariser Schriftstellerkongress gefeiert, wurde nach der Veröffentlichung seines kritischen Reiseberichts „Retour de l’U.R.S.S.“ ebenfalls als Trotzkist abgestempelt und zum Opfer eines kommunistischen Kesseltreibens.[19]  Damit war im Grunde allen weiteren Volksfront-Bemühungen der Boden unter den Füßen weggezogen.

An Heinrich Mann jedenfalls lag dieses Scheitern nicht. Er war bei dem Projekt der Schaffung einer deutschen Volksfront durchaus mehr als nur ein als ein Aushängeschild.  Willy Brandt geht in seinen Erinnerungen sogar so weit, von der „Deutschen Volksfront des Heinrich Mann“ zu sprechen.[20]  Der war „die integrierende Figur“ in dem „zum Teil etwas wirren und kontroversen“ Lutetia-Kreis  (Walter Fabian), und er bemühte sich selbst noch nach den Moskauer Prozessen, zu kitten, was nicht mehr zu kitten war. Das wurde und wird ihm dann auch immer wieder massiv und zum Teil hämisch vorgeworfen. Heinrich Mann hat sich in der Tat „oft geirrt, verrannt“.[21]  Vor allem, was seine unkritische Haltung  gegenüber der stalinistischen  Sowjetunion angeht, die für ihn –wie Frankreich- ein Traumland  war, imaginierter Ort einer „verwirklichten Idee“.[22] Nur allzu richtig war aber seine Einsicht, dass nur zusammen mit der Sowjetunion der Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen sei. Es war dann ja in der Tat die russische Bevölkerung, die die größten Opfer im Kampf gegen das Dritte Reich gebracht hat, und es waren die westlichen Alliierten, die sich mit Stalin verbündeten und ihm schließlich  weite Teile Europas auslieferten.

Neben seinen zeitraubenden und teilweise illusionären  politischen Aktivitäten hat Heinrich Mann aber auch  „an seinem herrlichen Toleranz- und Menschlichkeitsroman ‚Henri Quatre‘ geschrieben“,  der –und deshalb gehört er zu diesem Abschnitt- auch ein Volksfront-Roman ist.[23] Dieser historische  Roman war gedacht als Huldigung an den größten König, den Europa je hatte, wie Heinrich Mann in einem Brief an seinen Freund, den französischen Germanisten Félix Bertaux, 1937 schrieb. Darüber hinaus sei es ihm aber auch darum gegangen „à me consoler des malheurs du temps présent et à en concevoir la réparation“. In dem  monumentalen Roman entwirft  er ein Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland:  Henri Quatre gewährt im Edikt von Nantes seinen Untertanen die Religionsfreiheit, das sonntägliche Huhn im Topf bezeichnet sprichwörtlich das  Bemühen des „guten Königs“, das Wohlergehen seines Volkes zu mehren, und Henri verzichtet im Roman auf jede kriegerische Expansion, um Frankreich nach langen Jahren äußerer und innerer Kriege endlich den Frieden zu sichern. Denen, die den Roman im Angesicht des Faschismus lasen, wird die Botschaft übermittelt, „dass das Böse und Furchtbare überwunden werden kann durch Kämpfer, die das Unglück zum Denken erzog, wie auch durch Denkende, die gelernt haben, zu reiten und zuzuschlagen“. (HM 1939). Dieser militante Humanismus war ein einigendes Band der deutschen Volksfront, und sie und die dort geführten ermüdenden ideologischen Debatten hat Heinrich Mann wohl auch im Kopf, als er seinen Helden nach einer langen Debatte mit Prälaten über seinen geplanten Übertritt zum Katholizismus denken lässt: „Gott hat nicht hingehört, ihn langweilen die Dinge des Glaubens, und ob ein Bekenntnis oder das andere, ihn rührt es nicht. Er nennt unseren Eifer kindisch, unsere Reinheit aber verwirft er als baren Hochmut“. (Bd II, S. 130).

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Erstausgabe des „Henri Quatre“ 1935 und 1938

Die Lektüre des „Henri Quatre“ lohnt auch heute noch, was jedenfalls so unterschiedliche Menschen wie Elke Heidenreich, Ulrich Wickert oder Peer Steinbrück bestätigen. Besonders bewegend finde ich aber das, was  Denise Bardet in ihrem Tagebuch schreibt. Sie war  die Grundschullehrerin von Oradour-sur-Glane und wurde  am 10. Juni 1944 zusammen mit ihren Schülern von deutschen Soldaten ermordet.  Für sie stehen Heinrich Mann und sein „Henri Quatre“ für den „humanisme allemand“ und sie entnimmt dem Buch die Botschaft, all unseren Mut zu bewahren „au milieu de l’affreuse mêlée où tant de formidables ennemis mous menacent“. Und sie schreibt weiter: „Nous sommes, nous Français, en état de guerre avec l’Allemagne, et il est nécessaire aux Français de se durcir et de savoir même être injuste, et de haïr pour être aptes à résister… Et pourtant il nous est facile de continuer à aimer l’Allemagne qui n’est pas notre ennemie: l’Allemagne humaine et mélodieuse. Car dans cette guerre, les Allemands ont tourné leurs premières armes contre leurs poètes, leurs musiciens, leurs philosophes, leurs peintres, leurs acteurs…” (S. 51/52). Was für eine wunderbare Würdigung des “anderen, besseren” Deutschlands, als deren Repräsentanten sich die Emigranten und die im Lutetia tagendenden Vertreter der deutschen Volksfront verstanden.

 

 

Die deutsche Abwehr im Lutetia

Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten und sich in Paris niederließen, kam es im Hotel Lutetia zu einem makabren Wechsel der deutschen „Gäste“:  Während die Mitglieder des Volksfrontausschusses entweder in Internierungslagern ums Überleben kämpften oder versuchten, über die Pyrenäen oder das Meer Frankreich zu verlassen, richtete Admiral Wilhelm Canaris im Hotel Lutetia die Pariser Zweigstelle seiner Abwehr ein – er selbst residierte in Berlin, im Lutetia war aber immer ein Zimmer für ihn reserviert.  Die feinen Herren von der Abwehr ließen es sich im Lutetia gut gehen. Allerdings mussten sie auf die besten Tropfen des Hauses verzichten, da das Personal diese vorher in einem fest zugemauerten Stollen unter dem Hotel sicher gelagert hatte. Gefangenenmisshandlungen, Folter oder dergleichen gab es im Lutetia  nicht. Das wussten die gefangenen Agenten und Widerständler. Aber sie wussten auch, dass sie- wenn sie sich nicht auf das angebotene „offene Gespräch von Mann zu Mann“ einließen, damit rechnen mussten, an die Gestapo übergeben zu werden- das Gefängnis Cherche-Midi lag gleich gegenüber im Boulevard Raspail.  1944  gehörte dann der Chef der Abwehr selbst zu den Opfern. Nach dem Attentat vom 20. Juli wird der „Meisterspion Hitlers“  von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zwar nicht an dem Anschlag auf Hitler beteiligt, hatte aber Männer des Widerstands in seinem Umkreis gedeckt,  und er hatte schon früh die Erschießung polnischer Intellektueller und die  nachfolgenden Judenmassaker –auch Hitler gegenüber- kritisiert. Am 9. April 1945 wurde er  –gemeinsam mit Dietrich Bonhoeffer-  im KZ Flossenbürg umgebracht, weil er  – mit seinen eigenen letzten Worten- versucht hatte, dem „verbrecherischen Wahnsinn Hitlers, der Deutschland zur Vernichtung führte“, entgegenzutreten.[24]

 

Das Lutetia als Treffpunkt der rescapés

Und als wäre das alles noch nicht genug: Noch einmal wurde das Lutetia nach der Befreiung zu einem außergewöhnlichen und mit der deutschen Geschichte eng verbundenen dramatischen Schauplatz: Hier versammelten sich „die den Lagern Entronnenen in gestreiften Pyjamas unter den Lüstern des Hotels“ (Patrick Modiano[25]) und hofften, hier Familienangehörige zu treffen. Und in der Eingangshalle und der Grande Galerie des Hotels, wo heute Gucci, Armani und Co ihre Preziosen ausstellen, waren die Wände bedeckt mit Suchmeldungen. Die Kinder von Irène Némirovsky haben hier mehrere Wochen lang –vergeblich- auf ihre Mutter gewartet. Die Rescapés sollten 3-5 Tage im Lutetia bleiben, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen und sich zu erholen- alles war schon von der provisorischen Regierung in Algier genauestens geplant, aber mit einem solchen Ausmaß von Elend hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieses Elend wird sehr bewegend von Marguerite Duras in „La Douleur“ beschrieben: Das Warten auf ihren Mann Robert Antelme (im Buch Robert L.), seine mühsame Neuentdeckung von Normalität und  –natürlich- die erste Begegnung mit ihm nach seiner Befreiung aus dem Lager Buchenwald:

„Dans mon souvenir, à un moment donné, les bruits s’éteignent et je le vois. Immense. Devant moi. Je ne le reconnais pas. Il me regarde. Il sourit. Il se laisse regarder. Une fatigue surnaturelle se montre dans son sourire, celle d’être arrivé à vivre jusqu’à ce moment-ci. C’est à ce sourire que tout à coup je le reconnais, mais de très loin, comme si je le voyais au fond d’un tunnel. C’est un sourire de confusion. Il s’excuse d’en être là, réduit à ce déchet. Et puis le sourire s’évanouit. Et il redevient un inconnu. Mais la connaissance est là, que cet inconnu c’est lui, Robert L., dans sa totalité.”

Heute erinnert eine “in etwas verschämter Distanz zum Hoteleingang an der Außenfassade angebrachte Tafel“  (Jasper) an diese Zeit:

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„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

 

Das Hotel Lutetia ist also nicht  nur in ein architektonisches Juwel aus Art Nouveau und Art Déco, sondern es ist auch ein außergewöhnlicher Ort der Erinnerung – gerade auch  an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, an die damals begangenen Verbrechen, aber auch an den –in Frankreich viel zu wenig bekannten[26]–  deutschen Widerstand, an die Vertreter eines anderen, besseren Deutschland, die sich hier zusammenfanden. Auch eine darauf hinweisende Erinnerungstafel würde dem neu renovierten Hotel gut anstehen und wäre ein schöner Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft.  Sie könnte vielleicht diese Aufschrift haben:

In diesem Hotel trafen sich zwischen September 1935 und April 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen die Hitlerdiktatur aufzubauen. 

Dieser „cercle Lutetia“ repräsentierte das aus dem Dritten Reich vertriebene  andere  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

 

Dans cet hôtel se réunirent , entre septembre 1935 et avril 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des antifascistes allemands qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre la dictature hitlérienne.
Ce „cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté : celle que le IIIe Reich avait bannie. 

 

 

Literatur zum Weiterlesen:

Assouline, Pierre: Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München: Karl Blessing 2006

Cahier de jeunesse de Denise Bardet, Institutrice à Oradour-sur-Glane, Le 10 juin 1944 Ed. Lucien Souny 2002

Holz, Keith u. Schopf, Wolfgang: Im Auge des Exils. Josef Breitenbach und die Freie Deutsche Kultur in Paris 1933 bis 1941. Berlin: Aufbau-Verlag 2001. Édition française: Allemands en exil. Paris 1933-1941. Paris: Éditions Autrement 2003

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009

Jasper, Willi: Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994 Französische Ausgabe: Hôtel Lutétia – Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann. Eine Biographie. FFM 1994 (vor allem Kapitel IX: Exil)

Langkau-Alex, Ursula: Deutsche Volksfront 1932-1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau. 3 Bde  Akademie-Verlag 2004/2005

Langkau-Alex, Ursula:  L’année 1936 et le mouvement du front populaire allemand en exil.  In:  Matériaux pour l’histoire de notre temps, n°7-8, 1986. L’année 1936 dans le monde, sous la direction de Stéphane Courtois. pp. 6-8.    https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

Simonin, Chantal: Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuf d’Ascq 2005

 

 

Anmerkungen:

[1] https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11052

[2] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[3] Pierre Lemaitre, Wir sehen uns da oben. Stuttgart 2014, S. 420

[4] http://www.europe1.fr/faits-divers/main-dans-la-main-les-amants-du-lutetia-voulaient-mourir-ensemble-1719805

[4a] http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/14-juillet-1921-andre-malraux-aide-clara-goldschmidt-a-perdre-sa-virginite-dans-une-chambre-de-bonne-13-07-2012-1485434_494.php  (Dass in diesem Artikel auch Michel Houellebecq eine Rolle spielt, passt historisch nicht ganz- gehört aber zur Konzeption dieser Artikelserie, in der historische Tatsachen und Fiktion munter vermischt werden).

[5] Assouline, S. 171

[6] Holz/Schopf, Klappentext

[7] Allemands en exil,  S. 13

[8] Thomas Mann-Heinrich Mann, Briefwechsel 1900-1949 FFM 1984, S. 225

[9] Siehe dazu den Blog-Text:  Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

[10] Siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag

[11] Jasper, Lutetia, S. 99

[12]  Siehe dazu im Einzelnen:

Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 288f;  Langkau-Alex, Deutsche Volksfront Band 1. Es gibt auch einen  Fernsehfilm von Hans Rüdiger Minow  aus dem Jahr  1982 zum Thema:  Per Adresse: Hotel Lutetia .   Bezug des Films über : https://wdr-mediagroup.com/geschaeftsfelder/i-o/mitschnittservice/#privatpersonen  Ein kleiner Ausschnitt ist zu sehen unter:  https://www.google.de/search?q=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&oq=Per+Adresse%3A+Hotel+Lutetia&aqs=chrome..69i57.6717j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[13] Arbeiterzeitung, Wien 3.4.1932

[14] Willy Brandt, Erinnerungen. Berlin 1997, S. 97

[15] Siehe dazu: Frédéric Monier, Léon Blum, les socialistes français et les réfugiés dans les années 1930. Fondation Jean Jaurès, 13.7.2016 https://jean-jaures.org/nos-productions/leon-blum-les-socialistes-francais-et-les-refugies-dans-les-annees-1930

[16] Bild und Text aus: Langkau-Alex, L’année 1936  https://www.persee.fr/doc/mat_0769-3206_1986_num_7_1_401426

siehe dazu auch: WDR, Stichtag vom 22.12. 2016:  21. Dezember 1936:  Emigranten rufen zu „Volksfront“ gegen Hitler auf.  https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-emigranten-volksfront-hitler-paris-100.html

[17]  Siehe Langkau-Alex, Band 1, S. 342/343

[18] Siehe dazu: Stéphane Courtois,  La seconde  mort de Willi Münzenberg. In:  Communisme 38/39 (1994), S. 25 ff  Zitat aus: Willi Jasper, Der Bruder Heinrich Mann, S. 297f. In einem Brief an Lion Feuchtwanger  schrieb Heinrich Mann Ende Oktober 1937: „Das Dringlichste ist, den Ulbricht loszuwerden. (…) Er ist ein vertracktes Polizeigehirn, sieht über seine persönlichen Intrigen nicht hinaus, und das demokratische Verantwortngsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ (zit. bei Jasper a.a.O., S. 299)  Und Alfred Kantorowicz berichtete über ein Gespräch mit Heinrich Mann, in dem der über Ulbricht geäußert habe: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“. zit. a.a.O., S. 298/299

[19] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité in Paris 1935

[20] A.a.O., S. 108. Entsprechend auch in Willy Brandts Erinnerungsbuch „Links und frei. Mein Weg 1930-1950“.  Hamburg 1982. Da ist ein ganzes Kapitel „Heinrich Manns Volksfront“ gewidmet. (S. 140f)

[21] Volker Weidermann FAZ 4.8.2010

[22] Siehe Manfred Flügge, Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Berlin 2013, S. 130f  Besonders deutlich wird die idealisierende Sicht Heinrich Manns auf die Sowjetunion in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

[23] Zitate aus: Volker Weidermann FAZ 4.8.2010. Zum „Henri Quatre“ siehe auch: Wolf Jöckel, Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘ als Gegenbild zum nationalsozialistischen Deutschland.  Worms 1977

[24] Richard Bessett, Hitlers Meisterspion. 2007, S. 277

[25] zit. von Jasper, S. 338

[26] Um nur einige Beispiele zu nennen: Das von dem französischen Historiker Gilbert Merlio immerhin 2001/2003  herausgegebene Standardwerk  über „Les résistances allemandes à Hitler“ kann noch für sich in Anspruch nehmen, „eine wenig bekannte Seite“ der deutschen Geschichte darzustellen und zu analysieren.  Das 2004 erschienene Buch Terry Parssinens über die durch das Münchner Abkommen vereitelten Staatsstreichpläne von 1938 trägt den Titel La Conspiration oubliée. Georg  Elser wird in dem ihm gewidmeten Text von Wikipedia fr vorgestellt als  „une figure majeure mais longtemps méconnue de la résistance contre le nazisme (https://fr.wikipedia.org/wiki/Georg_Elser ).  2015 war es schließlich die deutsche Botschaft in Paris, die das Erscheinen eines Buches über den deutschen Widerstand förderte, denn:  La résistance allemande au régime hitlérien demeure peu connue en France. Philippe Meyer, Ils étaient Allemand contre Hitler.   Das Vorwort zu dem Buch schrieb die damalige deutsche Botschafterin in Paris, Susanne Wasum-Rainer.  Auch meine eigenen Erfahrungen bestätigen, dass der deutsche Widerstand in Frankreich –auch unter Intellektuellen- wenig bekannt ist. Résistance gilt gewissermaßen als französisches Alleinstellungsmerkmal.

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/592

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Rilke, Stefan Zweig)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • „Dadurch, dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933 – 1945

 https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274

 

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns
  • „Les enfants de Paris“: Pariser Erinnerungstafeln/plaques commémoratives zur Zeit 1939-1945

Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

(ursprünglich 28. Bericht aus Paris vom August 2013/  überarbeitet  April 2016)

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

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Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

 

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Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

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Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

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Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

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Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

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Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

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Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

 

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

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Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

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Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

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Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

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Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Download (1) Apatrides Download ( Max Ernst

Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

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In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

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Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

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Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

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 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

 

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

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Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

 

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

 

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

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„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

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Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

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Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

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Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

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Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

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Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Es gibt auch einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

 

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10585

  • Mit Heinrich Heine in Paris

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8231

  • Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort (Stefan Zweig, R.M. Rilke)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/1828

  • La Maison de la Mutualité à Paris/Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 (Heinrich Mann, Anna Seghers)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11479

  • „Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/11274