Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern (Teil 3): Die Freiheitsstatuen von Paris

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

Im zweiten Teil wurde erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren. In diesem dritten und letzten Teil werden nun ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

 

 

Die kleinen Schwestern im Musée des Arts et Métiers

 Um die große Freiheitsstatue zu bauen, musste Bartholdi gewissermaßen ganz klein anfangen. Er begann mit einem Modell von 1,20 Metern, mit dem er  sein Projekt vorstellte und dafür warb. Die nächsten Etappen waren ein Modell von 2, 11m, was einem Sechzehntel der endgültigen Größe entsprach, und ein weiteres von  8,50 m, also eine Vergrößerung auf ein  Viertel. Beide Modelle waren aus Gips. Eine Bronze-Version des 1/16tel Modells, das als Vorlage für die New-Yorker Statue diente, empfängt die Besucher im Hof des Musée des Arts et Métiers.

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Sie steht –links auf dem Foto zu sehen- vor einem Teil des Museums, der unschwer als Teil einer Kirche zu erkennen ist. In der Tat handelt es sich um den Chor der ehemaligen Kirche Saint-Martin-des-Champs, die in der Französischen Revolution mit einem aufklärerischen Impetus zu einem der Technik und der Industrie gewidmeten Tempel umgewandelt wurde:[1]

„Il faut éclairer l’ignorance qui ne connaît pas, et la pauvreté qui n’a pas le moyen de connaître“

Bevor wir uns aber den Freiheitsstatuen zuwenden, noch kurz etwas zur ehemaligen Kirche, die einen Teil des Museums beherbergt. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen besonders schönen, sondern  auch um einen kunstgeschichtlich besonders bedeutenden Bau, nämlich „den ersten frühgotischen Bau überhaupt  (…), ein Schlüsselzeugnis der Frühgotik“, errichtet am Anfang des 12. Jahrhunderts als „deuxième fille de Cluny“.  Die Gotik entstand ja in der Île –de- France, sie verlieh –zusammen mit der Universität- Paris eine gewaltige – und in Europa einzigartige- intellektuelle und künstlerische Dynamik. Und es war die Gotik, die  den  Aufstieg von Paris zur Hauptstadt Frankreichs architektonisch besiegelte“.[2] Saint-Martin-des Champs markiert da mit seinem doppelten Chorumgang, der sich in späteren gotischen Sakralbauten häufig wiederfindet, den Anfang. Danach folgen die Abteikirche von Saint-Denis nördlich von Paris, die Grabkirche der französischen Könige, und Notre-Dame auf der Île de la Cité.  Krönender Abschluss ist  die hochgotische Sainte-Chapelle.

Im Innern des Museums kann man im ehemaligen Chor von Saint-Martin-des-Champs noch die wunderbaren mittelalterlichen Kapitelle bewundern….

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und eine kleinere Version des Foucault’schen Pendels (2a) – die große ist im Pantheon zu sehen.

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Im neugotisch restaurierten Kirchenschiff ist ein originales Gipsmodell der Freiheitsstatue aus dem Jahr 1875 ausgestellt.

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Es  steht auf einem hohen Podest, das als Schiffsrumpf gestaltet ist. Den kann man betreten und auf ein Diorama blicken, das die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von New York und den Blick auf die Freiheitsstatue zeigt. – Da  kann man an die vielen Menschen denken, die ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben verließen oder die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und denen die Freiheitsstatue die Verheißung eines neuen, besseren Lebens war. So wie es auch Karl Roßmann ging, dem Helden in Kafkas Amerika-Roman, der, als er  in den Hafen von New York einfuhr,  „die Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht“ erschien, um deren emporragenden Arm „die freien  Lüfte“ wehten.

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Auf einer beigefügten Informationstafel wird Bartholdi mit den Worten zitiert:

„Mon oeuvre sera gigantesque, éxécutée avec des plaques repoussée, martelées, rivées.“

Etwas von diesem Produktionsprozess wird im ersten Stock des Museums durch  zwei Schaukästen veranschaulicht.[3]

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Ein Schaukasten zeigt die Arbeit an der Gipsversion der New Yorker Statue in Originalgröße,  die auf Grundlage einer Holzverschalung hergestellt wurde. Dabei wird übrigens deutlich, welche riesigen Mengen an Gips dafür erforderlich waren – vielleicht ein Anlass für einen nachfolgenden Blog-Beitrag über die Gipssteinbrüche in und um Paris….

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In einem weiteren Schaukasten wird die Herstellung der Hülle aus Kupfer gezeigt, die dann auf dem Gestänge Eiffels zusammengenietet wurde.

 

Praktische Informationen:

Musée des arts et métiers
60, rue Réaumur
Paris 3e

Öffnungszeiten:

Di, Mi, Fr, Sa und So von 10-18 h

Do von 10- 21.30 h (und ab 18 h freier Eintritt)

 

 

Die berühmte Schwester auf der Ile aux Cygnes

Die Freiheitsstatue auf der zwischen dem Pont de Bir- Hakeim und dem Pont de Grenelle gelegenen Ile aux  Cygnes, der Schwaneninsel,  ist sicherlich die bekannteste der Pariser Freiheitsstatuen, auch wenn sie bisweilen zu den „Geheimtipps“ gerechnet wird.[4] Die Ile au Cygnes ist eine künstliche Insel zwischen dem 15. und dem 16. Arrondissement und war dazu bestimmt, einen Pfeiler des Pont de Grenelle zu tragen. Am besten erreicht man sie über den  Pont de Bir-Hakeim, von dem man einen ausgesprochen schönen Blick auf den Eiffelturm hat.

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In der Mitte der Brücke mit dem architektonisch hervorgehobenen Bogen des Viaduc de Passy und dem Statue von La France renaissante  gibt es eine Treppe hinunter zur Allée des Cygnes.

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Von dort aus gelangt man nach einem knapp 1 Kilometer langen Spaziergang die auf dem westlichen Ende der Insel auf einem hohen Sockel stehende Statue.

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Sie ist genau ein Viertel so groß wie die Statue in New York und nach dem entsprechenden Gips-Modell gefertigt,  das Bartholdi dazu diente, die Maße der großen Schwester von New York  zu berechnen.[5]

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Während diese ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, wurde die Statue der Ile aux Cygnes  von der Vereinigung der Amerikaner in Paris gestiftet. Und in diesem Fall konnte auch der vorgesehene und ideale Einweihungstermin eingehalten werden, nämlich der 14. Juli 1889, also der 100. Jahrestag der Französischen Revolution.  Und damit hängt auch der einzige Unterschied zusammen, den es –neben der Größe- zwischen den beiden Schwester gibt: Auf der Tafel, die die Freiheitsstatue von New York in der Hand trägt, ist das Datum der amerikanischen Unabhängigkeit verzeichnet, die Tafel der Statue von der Ile au Cygnes trägt die Aufschrift: “ IV Juillet 1776 = XIV Juillet 1789“, parallelisiert damit also die beiden Daten, zu denen „die beiden  Völker ihre Unabhängigkeit“ erlangten.[6]

Das Einweihungsdatum 1889 fiel auch zusammen mit der damaligen  Weltausstellung in Paris. Und deshalb erschien es selbstverständlich, dass die Statue den Parisern und dem Eiffelturm, dem Symbol der Weltausstellung, zugewandt sein müsste- zum großen Ärger Bartholdis, der es unmöglich fand, dass die „Miss Liberty“ dem Westen, der USA, den Rücken zuwandte. Erst nach seinem Tod, anlässlich der Weltausstellung von 1937, wurde die Statue umgedreht und blickt seitdem zu ihrer großen  Schwester nach New York.

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Den spektakulären Blick auf die Statue mit dem Eiffelturm im Hintergrund hat man allerdings von der Ile aux cygnes aus nicht. Dafür muss man entweder die Insel mit einem Boot umrunden oder sich die ideale Perspektive auf der Avenue de Versailles am Pont Mirabeau suchen.

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Immerhin hat man auf dem Rückweg zum Pont de Bir-Hakeim und von der Aussichtsplattform auf der Mitte der Brücke immer den Eiffelturm im Blick.

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Und Schwäne gibt es rund um die Schwaneninsel auch noch….

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Praktische Informationen:

Île aux Cygnes. 15. Arrondissement.   Zu erreichen mit  RER C  (Kennedy/Radio France oder Champ de Mars/Tour Eiffel) oder der métro Linie 6  (Passy oder Bir Hakeim)

 

Die unbekannte Schwester im Jardin du Luxembourg

Dass im Jardin du Luxembourg eine weitere Freiheitsstatue steht, ist offenbar selbst vielen Parisern nicht bekannt – und ich wusste es bis vor kurzem auch nicht. Tröstlich ist immerhin, dass auch der Guide Michelin davon auszugehen scheint, dass die meisten Leser nichts von dieser Statue wissen:  „Saviez-vous qu’il existe également, dans le jardin du Luxembourg, une copie de la statue de la Liberté?“[7]  Sie steht ja auch nicht in der Umgebung des zentralen großen Wasserbeckens, in dem im Sommer die Kinder die Segelschiffe treiben lassen und um den herum man sitzen und das Pariser Leben genießen kann. Die Statue steht weiter auf der westlichen Seite des Parks, am besten zu erreichen über die porte Fleurus, den  mittleren Eingang zum Park an der Einmündung der Rue de Fleurus in den Rue Guynemer.

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Es ist eine Bronzefigur, die nach dem ursprünglichen Gips-Modell gegossen wurde. 1900 kaufte der französische Staat anlässlich der Weltausstellung die Figur – auf der Tafel, die sie in der Hand hält, ist das Datum des 15. November 1889 eingraviert.  1906 wurde  sie im Jardin du Luxembourg aufgestellt, der vom dort ansässigen französischen Senat verwaltet wird. Eigentümer ist allerdings das Musée d’Orsay, das sich wiederholt vergeblich bemühte, die Statue in seinen Räumen aufzustellen. Als aber 2011 die Fackel gestohlen wurde und auch andere Beschädigungen zunahmen, wurde die Statue ins Musée d’Orsay transferiert, wo sie nun –restauriert und mit einer neu gegossenen Fackel ausgestattet-  im großen Saal einen angemessenen Platz gefunden hat. Die Statue im Jardin du Luxembourg ist also nur eine Kopie, aber dafür steht sie am originalen Platz.[8]

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Das daneben –bzw. aus der Perspektive des obigen Fotos- davorstehende Bäumchen ist eine Eiche, die zu Ehren der Opfer von 9-11 angepflanzt wurde. (Der Platz dafür ist sicherlich allein politisch motiviert, die Parkgärtner werden darüber sicherlich wenig glücklich gewesen sein, denn große Entfaltungsmöglichkeiten hat der Baum an dieser Stelle kaum).

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Das Original übrigens ist im Musée d’Orsay unschwer zu finden. Es hat einen unübersehbaren Platz in der großen Halle.[9]

 

 

Und noch ein Wort zum Abschluss des  Freiheitsstatuen-Dreiteilers:

Die berühmte Statue of Liberty  steht in New York  und wird sicherlich auch – Trump hin oder her- weiter dort stehen als Ausdruck des amerikanischen Traums, der Weltoffenheit, der Freiheit und der Menschenrechte.

Und wer gerne einmal (wieder) die Freiheitsstatue sehen will, wem es aber zu weit ist dorthin oder wem dank Trump die Einreise in das Land der Freiheit verwehrt ist):

In Paris –dem „Geburtsort“ von Miss Liberty- gibt es immerhin fünf kleinere Schwestern. Und die im Musée des Arts et Métiers ist sogar die „Erstgeborene“.

 

Anmerkungen

[1] http://www.arts-et-metiers.net/musee/les-lieux-du-prieure-au-musee

[2]http://www.arts-et-metiers.net/musee/la-deuxieme-fille-de-cluny-grandeurs-et-miseres-de-saint-martin-des-champs

Andreas Sohn, Von der Residenz zur Hauptsstadt. Paris im hohen Mittelalter.  Ostfilden o.J. S. 180 ff

(2a) siehe  http://www.evous.fr/Musee-des-Arts-et-Metiers-Guide-des-plus-belles-pieces-des-collections,1186649.html#Qt32qPJ9uLRFm2cA.99

[3] Sie sind aufgestellt zwischen den Abteilungen „Construction“ und „Communication“.

[4] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2014/02/21/die-freiheitsstatue-in-paris/

[5] Die Größenangaben der Statuen variieren zum Teil erheblich, selbst innerhalb einer Quelle, s. z.B.:   http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php Dort wird als Größe des zweiten Modells einmal 2,11m, dann 2.40m genannt. Für das ein Viertel-Modells werden 8,50m angegeben, was aber nicht zu der Gesamtgröße von 45m passt. Ich vermute, dass die Statuen manchmal „vom Scheitel bis zur Sohle“ gemessen werden, manchmal bis zur Fackel.

[6] http://www.statue-de-la-liberte.com/Copie-de-la-statue-de-la-Liberte-de-Paris.php

Dort auch die beiden Fotos

[7] Le Guide Vert. Paris, 2010, S. 256

[8] http://www.parisladouce.com/2014/05/paris-les-cinq-statues-de-la-liberte_11.html

http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[9] https://www.timeout.fr/paris/musee/orsay/statue-de-la-liberte/auguste-bartholdi

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 2): Die Väter von Miss Liberty

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

In diesem zweiten Teil wird erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren – zu denen übrigens auch niemand Geringeres als Gustave Eiffel gehört. In einem  nachfolgenden dritten und letzten Teil werden schließlich ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.  Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

Die Idee für das Projekt der Freiheitsstatue geht auf eine Bemerkung zurück, die der französische Jurist und Politiker Édouard René de Laboulaye im Jahr 1865 machte:  „Sollte ein Denkmal in den Vereinigten Staaten errichtet werden, das an ihre Unabhängigkeit erinnert, dann denke ich, dass es nur natürlich ist, wenn es durch vereinte Kräfte entsteht – ein gemeinschaftliches Werk unserer beiden Nationen.“[1] 

Eine solche Überlegung war auch Ausdruck der Gegnerschaft des Republikaners Laboulaye zum  Seconde Empire, dem Kaiserreich Napoleons III. Und im monarchistischen Frankreich, das  -anders als Loboulaye-  im Sezessionskrieg auf Seiten der Südstaaten gestanden hatte, bestand natürlich keine Chance auf Umsetzung eines solchen Projekts. Allerdings inspirierte Laboulayes Idee den mit ihm befreundeten jungen elsässischen Bildhauer Auguste Bartholdi zu einem anderen Projekt, gewissermaßen der Vorgängerin der Statue of Liberty.  Bartholdi schlug nämlich dem osmanischen Statthalter von Ägypten vor, zur Eröffnung des Suez-Kanals an dessen nördlichem Ende einen riesigen Leuchtturm zu errichten.  Er sollte die Gestalt  der römischen Göttin Libertas im Gewand einer ägyptischen Fellachin haben und so wie einst der Koloss von Rhodos  mit einer Fackel in der erhobenen Hand. Auch einen Namen hatte Bartholdi schon vorgesehen: „La liberté éclairant l’Orient“. Allerdings blieb dieses Projekt sozusagen im Sand stecken.

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Dann kamen der deutsch-französische Krieg 1870/71, das Ende des zweiten Kaiserreichs und die Annexion des Elsaß und eines Teils von Lothringen durch das Deutsche Reich. Bartholdi, der im Krieg auf Seiten der republikanischen Truppen und Garibaldis gegen die deutschen/badischen Truppen gekämpft hatte, gehörte zu den Elsässern, die nach 1871 das zum „Reichsland“ gewordene Elsass-Lothringen verließen. Die junge Dritte Republik war in dem damaligen, überwiegend monarchischen Europa eher isoliert, beste Voraussetzungen  für eine französisch-amerikanische, die gemeinsame republikanische Tradition und die Waffenbrüderschaft von Washington und Lafayette im Unabhängigkeitskrieg verkörpernde Freiheits-Statue in New York. Dazu konnte die monumentale Statue –wie schon der geplante Suez-Leuchtturm- der Welt  „le génie français“ vor Augen führen.[2]

Die Freiheitsstatue in New York sollte ja auch Ausdruck des technischen Erfindungsgeistes und des Fortschritts sein. Es gab in diesen Jahren in Frankreich eine Revue mit dem Titel „le génie français“, in der 1883 der Ingenieur Charles Talandier einen ausführlichen Artikel über die Konstruktion der Freiheitsstatue veröffentlichte.[3] Und da konnte durchaus auch ein gewisser nationalistischer Beigeschmack dabei sein  – so wie das ja auch das schöne Kalligramm  Apollinaires verdeutlicht, auf dem der Eiffelturm die Welt grüßt und den Deutschen –die so ein grandioses Bauwerk eben nicht hinbekommen- die Zunge rausstreckt.[4]

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Für die Einweihung der New Yorker Freiheitsstatue konnte es keinen besseren Zeitpunkt geben als den 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1876. Bartholdi reiste also in die USA und warb für sein Projekt: Franzosen sollten die Statue finanzieren, Amerikaner den Sockel.  Bartholdi erhielt  zwar schon die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten, die Statue auf Bedloe’s Island in der Bucht von New York zu errichten, aber eine breite Spendenkampagne auf beiden Seiten des Atlantiks lief erst 1875 an– viel zu spät also für das geplante Einweihungsdatum.  Zur amerikanischen Kampagne gehörte, wie in Teil 1 berichtet, das Gedicht von Emma Lazarus. In Frankreich wurde das endgültige Modell der Statue, das sogenannte „Komitteemodell“ 200-fach verviefältigt und numeriert, von Bartholdi eigenhändig  retuschiert und signiert,  zum Verkauf angeboten. (4a) Teil der  französischen Kampagne war auch die Aufführung einer Kantate von Charles Gounod in der Pariser Oper am 25. April 1876 mit dem Titel „La Liberté éclairant le monde“  – dies  auch der offizielle Name der New Yorker Statue.[5]

La  Liberté éclairant le Monde            

J’ai triomphé! J’ai cent ans! Je m’appele la Liberté!

Mais un nom c’est trop peu:

Le monde a fait, me voulant forte et belle,

Mon corps de bronze et mon âme  de feu!

 

Je port au loin dans la nuit sombre,

Quand tous me feux sont allumés,

mes rayons aus vaissaux qui sombre

Et ma lumière aux opprimés!

J’ai triomphé! Wahington, Lafayette

Sont mes sauveurs qu’on bénit à genoux…. 

Der Entwurf Bartholdis für die Freiheitsstatue von New York entspricht in hohem Maße seinem Entwurf für den Suez-Kanal. Miss Liberty ist vollständig bekleidet, sie steht ruhig auf ihrem Podest – ganz anders also als die Darstellung der revolutionären Freiheit im Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix. Dort stürmt die halbentblößte Verkörperung der Freiheit wild voran, in der einen Hand die Trikolore, in der anderen ein Gewehr mit Bajonett.

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Miss Liberty dagegen hält in der erhobenen Hand die Fackel des Fortschritts. Das revolutionäre Pathos widersprach ja auch den politischen Tendenzen von Bartholdi und Laboulaye, die beide keine Sympathisanten von Revolutionen waren und auch der Pariser Commune kritisch gegenüberstanden.[6] Im Grunde war und ist die Darstellung der Freiheit, wie sie Bartholdi konzipierte, höchst konventionell und banal. Bartholdi bekannte selbst, dass es sich „nicht um ein großes Kunstwerk“ handelte.[7] Die Bedeutung lag in ihrer politischen Botschaft und  ihrer, den Glauben an den technischen Fortschritt verkörpernden Monumentalität, die dem damaligen Zeitgeist entsprach.  „Im Kolossalen steckt Anziehung, ein spezieller Reiz, auf den die Theorie des Gewöhnlichen kaum anwendbar ist. Glaubt man etwa, daß die Pyramiden die Vorstellungskraft der Menschen wegen ihres ästhetischen Werts angeregt haben?“ schrieb  Gustave Eiffel 1880[8]. Gustav Eiffel wird hier nicht nur deshalb zitiert, weil ihn mit Bartholdi der gleiche Hang zur Monumentalität und der gleiche Glaube an den technischen Fortschritt verbindet – insofern sind in gewisser Weise auch die Freiheitsstatue und der Eiffelturm Schwestern; Eiffel wird auch deshalb hier genannt und darf nicht fehlen, weil er am Bau der Freiheitsstatue ganz direkt beteiligt war.

Eine solche monumentale Statue von über 45 Metern Höhe konnte ja keinen Falls aus massivem Metall gegossen werden. Außerdem sollte die Statue von innen zugänglich sein. Man benötigte also ein Gerüst, das so stand- und wetterfest war, dass es die „Außenhaut“ aus 300 gehämmerten Kupferplatten mit einem Gewicht von 80 Tonnen tragen konnte. Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde zunächst der renommierte Architekt Viollet-le-Duc betraut, berühmt geworden u.a. durch die Renovierung bzw. gotische Renaissance von Notre Dame de Paris. Viollet-le-Duc hatte eine traditionelle Holzkonstruktion im Auge. Nach seinem Tod erhielt das Ingenieurbüro Gustave Eiffels  den Auftrag. Eiffel war damals noch ein jüngerer Mann – den nach ihm benannten Turm in Paris gab es noch nicht.  Er konstruierte ein –wesentlich weniger gewichtiges- neuartiges Trägersystem mit vier massiven gusseisernen Pfeilern, von denen aus ein feines Fachwerk aus Eisenstangen die kupferne Außenhaut so stabilisiert, dass die elastischen Verbindungen große Temperaturschwankungen ebenso aushalten wie kräftige Windstöße.[9]

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Kein Wunder also, dass die Statue zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung noch lange nicht  fertiggestellt war. Immerhin konnte Bartholdi ihren rechten, die Fackel haltenden Arm von 12,80 m Länge 1876 auf einer Ausstellung in Philadelphia präsentieren und  den Kopf  1878 auf der Pariser Weltausstellung.[10]

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Die Herstellung der Statue dauerte noch bis zum Sommer 1884. Bei der Werkstatt handelte es sich um die Firma Gaget- Gauthier, die sich schon vorher durch mehrere prominente Großaufträge  einen entsprechenden Ruf und ein großes know-how erworben hatte. Beispielsweise wurde dort der neugotische Dachreiter von Notre Dame hergestellt und die Säule der place de Vendôme restauriert, die 1871 von den Kommunarden umgestürzt worden war.  Außerdem war Gaget-Gauthier auch geschäftstüchtig. So vertrieben sie zur Finanzierung des Projekts kleine Ausgaben der Statue, vielleicht ähnlich wie die  Eiffeltürmchen, die heute überall in Paris angeboten werden. Und daraus soll sich dann –so die schöne etymologische Anekdote- entsprechend der amerikanischen Aussprache von Gaget  das Wort „gadget“ entwickelt haben.[11]

Die Räume der Firma in der Rue de Chazelles waren so hoch, dass der Kopf der Statue dort an einem Stück gefertigt werden konnte. Als dann alle Einzelteile fertig waren, fand  neben der Werkstatt die vorläufige Endmontage statt.  Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli  1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“.[12]

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Victor Darbaud, La statue de la Liberté de Bartholdi dans les ateliers Gaget-Gauthier, rue de Chazelles. Musée Carnavalet, Paris.

Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt,  in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft. Ihre bevorstehende Ankunft wurde auch in Amerika publik gemacht. Die Zeitschrift The Scientific American veröffentlichte im Mai 1884 eine Radierung der zur Verschiffung bereiten Statue – mit der gleichen Perspektive und vielen Details wie bei dem Bild von Darboud. Allerdings fehlt in der amerikanischen Version das Gerüst um Kopf, Arm und Fackel. Das ist kaum realistisch, aber der Gesamteindruck ist damit sicherlich eindrucksvoller und es ging ja hier darum, die Amerikaner auf die Ankunft der Statue einzustimmen.

Paris monuments
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Anmerkungen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

[2] http://www.statue-de-la-liberte.com/Origine-de-la-statue-de-la-Liberte.php

Sehr sehenswerrt ist  übrigens das Musée Bartholdi in Colmar. (30, rue des Marchands). Die Geschichte der Freiheitsstatue von New York wird jedenfalls, folgt man der FAZ, „nirgendwo schöner nacherzählt als hier“. (FAZ 8. Juni 2017, Reiseblatt R 4. Michael Bengel, Comar, drei Tage, zwei  Nächte).

[3] http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[4] http://www.plume-escampette.com/de-la-tour-eiffel-a-apollinaire-quand-la-modernite-touche-le-ciel/   Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass  es  nur französische Wissenschaftler und Ingenieure sind, deren Namen in den Eiffelturm  eingraviert sind – und übrigens auch keine Frauen….

(4a) Marianne und Germania 1789-1889. Frankreich und Deutschland. Ausstellungskatalog Berlin 1996, S. 468/469

[5] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[6] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

Was den Bezug zu Delacroix angeht, stimme ich übrigens mit der schönen Darstellung  Rudolf Walthers  nicht überein, der ich ansonsten viel verdanke. („und sein Pathos orientierte sich an Eugène Delacroix‘ berühmtem Freiheitsbild“) In: Rudolf Walther:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? Die ZEIT vom 30.9.2004 und in: R.W.:  „Aufgreifen, angreifen, begreifen“ , Bd 3 , Münster 2013, S. 96 ff.

[7]  S. Edward Berenson, La statue de la Liberté: Histoire d’une icône franco-américaine. 2012. Zuerst, ebenfalls 2012,  englisch bei Yale University Press: The Statue of Liberty. A Transatlantic Story.

[8] Zit. von Rudolf Walther in:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

[9] Siehe Rudi Walther,  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

Allerdings wird z.T. die Konstruktion auch Maurice Koechlin,  dem leitenden Ingenieur Eiffels, zugeschrieben. Siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Koechlin  oder beiden gemeinsam.

Was das Gewicht der Kupferplatten angeht, schwanken die Angaben. Bei Walther sind es 80 Tonnen, an anderer Stelle  werden 100 Tonnen genannt: https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[10] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_de_Chazelles  Dort auch das Foto des Bildes von Darbaud.

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html   https://de.wikipedia.org/wiki/Gadget

[12] Zitiert von Rudolf Walther,   Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O. und  im hervorragenden Blog des Le Monde-Journalisten Denis Cosnard über das industrielle Paris:

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html

 

Zum Weiterlesen

Jacques Betz,, Bartholdi. Paris 1954

La statue de la Liberté. L’exposition du centenaire. Musée des Arts décoratifs. Paris 1986