Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, das Fanal einer neuen Epoche

 

Wenn wir auf der Autoroute de l’Est von Deutschland nach Paris fahren, machen wir gerne einen Halt in der zwischen Ste Menehoult und Reims gelegenen  Raststätte  Valmy Orbeval/Valmy le Moulin. Von dort aus hat man einen Blick auf die Mühle von Valmy.  Hier fand im September 1792 die sogenannte „Kanonade von Valmy“ statt,  die einen Wendepunkt der Geschichte der Französischen  Revolution markiert. Einen Tag nach dem Sieg der französischen  Revolutionstruppen über die verbündeten Truppen der „alten Mächte“ Preußen und Österreich wurde in Paris die Republik ausgerufen.

DSC00066 Moulin de Valmy (1)

Goethe war als Begleiter des Weimarer Herzogs, also  gewissermaßen „embedded“, Teil des preußischen Heeres und beobachtete das Gefecht. In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[1]ein  berühmt gewordener Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Es gibt also Gründe genug, sich einmal den Ort des Geschehens genauer anzusehen,  zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen  Schauplatz Näheres über die Kanonade von Valmy erfahren kann.

 

Die Mühle, das  Denkmal und das Centre historique

Der historische Erinnerungsort „Valmy“ besteht aus mehreren Elementen: Natürlich zuerst der Windmühle, die allerdings eine neuere Rekonstruktion ist. Die ursprüngliche wurde am Morgen der Kanonade auf Befehl Kellermanns zerstört: Sie bot den auf einem gegenüber liegenden Hügel postierten preußischen Geschützen ein gar zu leichtes Ziel. Immerhin waren die französischen Truppen halbkreisförmig um die Mühle aufgestellt. Der Besitzer der Mühle wurde immerhin entschädigt und baute nach dem Ende der Kampfhandlungen die Mühle wieder auf. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Windmühlen nicht mehr benötigt, sondern zunächst durch wasserbetriebene, dann durch industrielle Mühlen ersetzt. So verfiel die Mühle von Valmy, bis in den 1930-er Jahren  eine neue Initiative für einen Wiederaufbau gestartet wurde. Aufgrund der Kriegsereignisse konnte sie erst 1947 eingeweiht werden. Sie markierte nun wieder als Wahrzeichen das Schlachtfeld von Valmy, als Mühle allerdings diente sie nicht mehr. Aber auch diese Mühle hatte nur eine begrenzte Lebensdauer, denn 1999 fiel sie dem Sturm Lothar zum Opfer. 2005 wurde dann –pünktlich zum 20. September, dem Jahrestag der Kanonade-  die jetzige Mühle eingeweiht, die dem ursprünglichen Modell der Mühle von Valmy entspricht und auch voll funktionsfähig ist. Schade allerdings, dass man in der Boutique des centre historique kein Valmy-Mehl kaufen kann….

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit nicht nur an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Viva la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[2]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das jedenfalls  offensichtlich nicht.

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Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend seinem Wunsch- das Herz Kellermanns bestattet ist. Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris (30. Division).  Dass neben Valmy auch Marengo aufgeführt ist, bezieht sich auf den Sohn Kellermanns, des zweiten Herzogs von Valmy, der sich an der Seite Bonapartes in der Schlacht von Marengo (1800) auszeichnete.

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In einer kleinen Kapelle auf dem Hügel von Valmy schließlich wird die Asche von Prinzession  Ginetti, der Urenkelin und letzten direkten Nachfahrin Kellermanns, aufbewahrt.

Und dann gibt es am Fuß des Hügels noch eine weitere Statue.  Es handelt sich um den venezolanischen General Francisco de Miranda.

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Was hat ein venezolanischer General mit Valmy zu tun? Der 1750 geborene Miranda war zunächst in die Armee der spanischen Krone eingetreten, zu deren Kolonialreich Venezuela und der größte Teil Südamerikas damals gehörten. Seine Teilnahme am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg weckte in ihm den Wunsch nach einer Unabhängigkeit Südamerikas, für die er sich von nun an engagierte und für die er auf einer Reise durch Europa warb. 1788 kommt er nach Frankreich und erlebt die Französische Revolution mit. Am 11. September 1792 tritt er auf französische Bitten hin in die Revolutionsarmee ein und nimmt dann gleich an der Kanonade von Valmy teil.  Dabei zeichnet er sich aus  und wird  zum Feldmarschall befördert.

Zurückgekehrt nach Südamerika versucht in zwei militärischen Operationen, die Befreiung der südamerikanischen Kolonien zu erreichen. Damit scheitert er zwar, aber seine Wirkung auf die südamerikanische Befreiungsbewegung war beträchtlich. Das wird in Valmy dadurch zum Ausdruck gebracht, dass gegenüber der Statue Mirandas auch eine Büste Simon Bolivars aufgestellt ist.

Seine Verdienste wurden später von Frankreich gewürdigt. Sein Name ist auf dem Arc de Triomphe in Paris eingraviert.  Er ist damit der einzige Amerikaner, dem diese Ehre zuteil geworden ist. (2a)

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Das 2014 eingeweihte Centre historique ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

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Das Informationszentrum ist ausgesprochen abwechslungsreich gestaltet. Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

image Ausstellung Valmy

Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

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Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  ancien régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es mit entsprechender Aufschrift, wie das nachfolgende Foto zeigt, weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in den Koalitionskriegen und den Kriegen Napoleons.[3]

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Und es gibt Tafeln mit den Portraits wichtiger beteiligter Personen, die sich, wenn man sich ihnen nähert,  zur Kanonade von Valmy und ihrer Rolle darin äußern. Und da fehlt natürlich auch nicht Goethe mit seiner berühmten Äußerung.

DSC00723 Champagne Macke, Chapelle russe (72) - Kopie

Hier spricht er gerade von der Wirkung des Kanonendonners, die  er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an  sich beobachtet:

„Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär‘ er zusammengesetzt aus  dem Brummen des Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels… Unter diesen  Umständen konnt‘ ich jedoch bald bemerken, dass etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur vergleichsweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben Element in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke, noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen  braunrötlichen Ton hätte…. mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellet nun in welchem Sinne man diesen  Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt indessen, dass jenes grässlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das  Heulen, Pfeifen, Schmettern  der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen  Empfindungen.“ (Campagne, 234)

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Lese man die zeitgenössischen Berichte, werde man, wie Bertrand schreibt, an die Beschreibungen von Kriegsteilnehmern aus dem Ersten Weltkrieg erinnert[4]– auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen.

 

Der geschichtliche Hintergrund

Im Informationszentrum wird natürlich auch der historische Hintergrund der Kanonade von Valmy erläutert, der hier kurz skizziert werden  soll:

Gegner im sogenannten ersten Koalitionskrieg waren Frankreich auf der einen und  Preußen, Österreich und königstreue französische Emigranten auf der anderen Seite.  Ziel der Koalitionäre war die Wiederherstellung der alten Ordnung in Frankreich, auf französischer Seite wurde der Krieg immer mehr zu einem „Kreuzzug für die Freiheit“ mit imperialistischen Zügen.[5] Es handelt sich also um einen aus weltanschaulichen Gründen geführten Krieg. Kommandeur der Koalitionstruppen ist der Herzog von Braunschweig, ein  erfahrener Heerführer. Der rückt mit seinen Truppen in Frankreich ein und zunächst lässt sich der Feldzug gut an: Die Festungen Longwy und Verdun fallen, der Weg nach Paris scheint frei.  Braunschweig  droht schon einmal in einem Manifest der Bevölkerung von Paris. Sie sei  verantwortlich für die Sicherheit der königlichen Familie. Vom Niederbrennen der Häuser und schwersten Strafen für jeden „Rebellen“ ist die Rede. Dieses Manifest ist, wie Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biographie schreibt, „der erste Schritt zur Niederlage“.[6] Er bestärkt nämlich den Patriotismus der Franzosen. In Paris melden sich Freiwillige zur Verteidigung der Nation. Und unter den altgedienten  Berufssoldaten läuft kein einziger Deserteur zu  den Alliierten über, während die Emigranten den Übertritt ganzer Armeen als sicher in Aussicht gestellt hatten. Wenige Tage nach dem Bekanntwerden des Manifests werden die Tuilerien gestürmt, der König mit seiner Familie wird gefangen genommen. Die Nationalversammlung berät über seine Absetzung.

Das französische Heer unter Dumouriez, das zum großen Teil noch aus altgedienten  Soldaten des ancien régime besteht, soll den Koalitionstruppen den Weg nach Paris versperren und sie im Argonnen-Wald, von Dumouriez schon als seine „Thermopylen“ bezeichnet[7], zum Stehen bringen. zu blockieren. Das misslingt aber.  Braunschweig hat nun scheinbar freie Bahn.  Aber  in Wirklichkeit kann er nicht durch die freie Champagne nach Paris marschieren, denn in seinem Rücken haben sich die Truppen Dumouriez‘, mit denen sich die aus dem Elsass herbeigeeilten Truppen Kellermanns vereinigt haben,  strategisch  günstig bei Valmy positioniert. Damit können sie die Koalitionstruppen von ihrem lebenswichtigen Nachschub abschneiden: Der entsprechende Bedarf ist beträchtlich: Die Koalitionstruppen rücken mit „schwerer Bagage an. Eine Menge von Fürstlichkeiten: das bedeutet einen Stab von Fourieren, Köchen, Leibdienern, Ordonanzen, Stabsoffizieren…. Verpflegt werden soll das  alles aus rückwärtigen Magazinen.“[8]  Dazu kommt natürlich die Verpflegung der Truppe und ihr militärischer Nachschub. Umgekehrt sind allerdings auch die Franzosen von ihren Nachschublinien abgeschnitten. Es muss also zum Kampf kommen und das ist die sogenannte Kanonade  von Valmy.  Diese Bezeichnung hat ihren Grund im massiven und bis dahin –in diesem Ausmaß-  kaum bekannten Einsatz der Kanonen. Valmy war, wie François Furet und Denis Richet in ihrer Geschichte der Französischen Revolution schreiben,  „eines der ersten Treffen, in denen das Artilleriefeuer eine  entscheidende Rolle spielte.“[9] Auf französischer Seite waren etwa 150 Kanonen im Einsatz, auf Seiten der Koalition sogar 200. Deren Kommandeur kein Geringerer als Georg Friedrich von Tempelhoff, der  als „Preußens bester Artillerist“ galt.[10] Es wird geschätzt, dass am Tag der Kanonade etwa 20 000 Kanonenkugeln von beiden Seiten verschossen wurden. Allerdings verursachten sie weniger Verluste in den gegnerischen  Reihen als man angesichts solcher Feuerkraft vermuten könnte: Die meisten Kugeln versanken im vom tagelangen Regen aufgeweichten  Boden, ohne damit großen Schaden anzurichten. Aber die psychologische Wirkung war erheblich und keine Seite wollte die eigenen Truppen dem Dauerbeschuss der feindlichen  Kanonen aussetzen. Außerstande, die französischen Kanoniere aus ihren gut postierten Stellungen  zu verdrängen, blies der Herzog von Braunschweig also das Gefecht lieber ab und trat angesichts des von den Witterungsbedingungen und um sich greifender Krankheiten zermürbten Koalitionsheeres vorbeugend den Rückzug an, was die  Moral der Truppe noch weiter untergrub. Die Bedeutung der Artillerie in diesem Gefecht wird auch daran anschaulich, dass viele der damals im Osten Frankreichs produzierten Teller mit Motiven der Revolution wurden mit den Kanonen und Kugeln bemalt wurden, die den französischen Truppen in Valmy zum Sieg verholfen hatten.

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Der Rückzug der Koalitionstruppen mag erstaunlich erscheinen angesichts der tatsächlichen Verluste auf beiden Seiten. Den gut hundert Gefallenen und Schwerverletzten auf Seiten der Koalitionstruppen standen rund dreimal so hohe Verluste der Franzosen gegenüber. Aber trotzdem traf die von Braunschweigs Oberkommando bis zu den gemeinen Soldaten verbreitete Ansicht zu, dass die Koalition „eine vernichtende Schlappe“ erlitten hatte [11]. Die Illusion, als gefeierte Befreier von einer königstreuen Bevölkerung begrüßt zu werden und im Siegeszug nach Paris zu marschieren, wurde in Valmy endgültig zerstört.

Mit dem Rückzug der Koalitionstruppen war ein „kritischer Wendepunkt des Krieges und der Revolution“ erreicht. Vom 20. September, dem Tag von Valmy und gleichzeitig dem Tag der Eröffnung des Nationalkonvent an, sollten alle Staatsdokumente das Datum „Jahr 1 der französischen Freiheit „ tragen. Mit der am 21. September offiziell ausgerufenen Republik begann eine neue historische Ära.[12]

 

Goethe in Valmy

Goethes legendäre Äußerung über die weltgeschichtliche  Bedeutung der Kanonade von Valmy ist anfangs schon zitiert worden. Sie ist historisch so nicht verbürgt und  erst 30 Jahre später von Goethe in „Campagne in Frankreich‘ publiziert worden. Aber so ähnlich wird er gedacht haben. Denn immerhin schrieb er direkt vom Schauplatz des Geschehens in einem Brief:

„Es ist mir sehr lieb, dass ich das alles mit Augen gesehen habe und dass  ich, wenn von dieser wichtigen Epoche die Rede ist sagen kann: et quorum pars minima fui“ – von all dem war ich ein kleiner Teil.[13]

Goethe war vom Weimarer Herzog Karl August, dem Kommandeur eines preußischen Kontingents, gebeten worden, ihn auf dem Kriegszug zu begleiten. Goethe, Minister und Freund des Herzogs, konnte und wollte sich dem nicht entziehen. Er war hin und her gerissen zwischen dem Verlangen nach Ruhe und Abschirmung und der Neugier, auch Abenteuerlust, bei großen Ereignissen dabei zu sein.  Und dass es sich bei  der Französischen Revolution um ein großes Ereignis handelte, war gerade im Weimar Wielands und Herders unübersehbar. Goethe, der in Natur und Gesellschaft eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zuneigte, sah einerseits in der Französischen Revolution das „schrecklichste aller Ereignisse“, andererseits sah er durchaus das empörende Unrecht, das zu der Revolution geführt hatte  und war von dem sie begleitenden Pathos beeindruckt.

In „Herrmann und Dorothea“ heißt es:

Denn wer leugnet es wohl, dass hoch sich das Herz ihm erhoben,

Ihm die freiere Brust mit reineren  Pulsen geschlagen,

Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,

Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sei

Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!

Damals hoffte jeder, sich selbst zu leben; es schien sich

Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte,

Das  der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.

Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen

Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon lange gewesen

Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?“

Jetzt hatte Goethe also Gelegenheit, im Gefolge des Herzogs ins Land der Französischen Revolution zu reisen und er war wie die anderen davon überzeugt, dass er bald in der „Hauptstadt der Welt“ sein werde. In einem seiner ersten Briefe vom Feldzug verspricht er Christiane Vulpius, mit der er in Weimar zusammen  lebt, ihr das eine und andere Krämchen von dort mitzubringen.[14]

Nach der Kapitulation von Verdun versorgen sich denn auch Goethe und seine Kameraden mit feinen Likören und Drageen, die sie nach Hause schicken, damit sich die Freundinnen „in höchster Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Lande wallfahrteten, wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.“ (Campagne, S. 211)

Dann beginnt jedoch das von Goethe ungeschminkt wiedergegebene Elend des Feldzugs. Es regnet pausenlos:

„Ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber im schrecklichsten Zustande; man sah sich in grundlosem Kot versenkt, die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der anderen, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen, der darunter sein Heil zu suchen gedachte.“ (Campagne, S. 216).

„Alles schilt auf den  Jupiter Pluvius (also den Regengott. W.J.), dass auch er ein Jacobiner geworden.“[15] 

Dazu fehlt es an Nahrung:

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt; das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand.“ Dazu macht „die eingerissene Krankheit“, die Ruhr, „den unbequemen, drückenden, hülflosen Zustand trauriger und fürchterlicher.“ (Campagne, S. 236/7)

Keine guten Voraussetzungen also für den Kampf mit den Truppen Dumouriez‘ und Kellermanns. Goethe nutzt die Kanonade auf seine Weise, indem er an sich selbst die Ursache und Wirkung des sogenannten  „Kanonenfibers“ erkundet. Und dann zieht er abends Bilanz:

„So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen, Kellermann hatte auch einen bequemen Platz genommen; unsere Leute zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen Franzosen aunzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte  Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah, so war es um zu fluchen oder zu verwünschen.“ Es stürmt und regnet, die Truppen heben provisorische Erdlöcher aus, um darin, mit den Mänteln zugedeckt, die Nacht zu verbringen. „Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche voreilige Bestattung.“ (Campagne, S. 235)

In dieser „beschämenden, hoffnungslosen Lage“ (Campagne, S. 236) wird Goethe aufgefordert, zu sagen, was er dazu denke. Und dann spricht er seine berühmten Worte über „eine neue Epoche der Weltgeschichte“, die von hier und heute ausgehe….

 

 

Die Konstruktion und Instrumentalisierung des Mythos Valmy

Den viel zitierten  Worten Goethes zum Trotz geriet die Kanonade von Valmy bald  eher in Vergessenheit: Es war eine der vielen Schlachten in den Revolutionskriegen, die zudem noch etwas kompromittiert war dadurch, dass der damalige Oberkommandierende, Dumouriez,  bald danach zu den Österreichern  übergelaufen  war. Deshalb wurde er in der Erinnerungskultur eher übergangen –heute ist Dumouriez, wie Richard  Friedenthal schreibt, „ein halb verschollener Name“.[16]

Der Mythos von Valmy entwickelte sich dann aber sehr schnell und intensiv  mit der Thronbesteigung Louis-Philippes nach der Julirevolution von 1830. Louis- Philippe, damals noch duc de Chartres,  hatte als junger Offizier an der Kanonade teilgenommen und sich dabei seine ersten militärischen Sporen verdient. Als er 1830 nun zum König der Franzosen ausgerufen wurde, war es sein Bestreben, die revolutionäre Traditionslinie von 1789 und die monarchistische Traditionslinie zusammenzuführen. Was hätte sich da besser geeignet als Valmy, das ja gewissermaßen die letzte Schlacht des Ancien Régime und der erste  Sieg der Republik war?

So wird gleich nach der  Julirevolution der den Kanal St. Martin in Paris  säumende quai Louis-XVIII umbenannt in quai Valmy. Es wird ein großes Kriegsschiff in Auftrag gegeben, das auf den namen Valmy getauft wird – das letzte Segelschiff der französischen Marine. Und im Pantheon wird Valmy als Ausdruck der revolutionären Begeisterung der Jugend gefeiert. Die Nähe zum plastischen Schmuck des Arc de Triomphe ist dabei unverkennbar. (siehe Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe)

Pantheon Valmy Juli 2010 035

Und dann stellte Louis-Philippe natürlich seine eigene Rolle in Valmy heraus. Bei dem Maler Mauzaisse bestellte er 1835 die Kopie eines berühmten Gemäldes von Horace Vernet, das für das historische Museum von Versailles bestimmt war. (Da Original befindet sich in der National Gallery in London). Das Gemälde zeigt einen dramatischen Augenblick der Schlacht, als das Pferd Kellermanns –von einer feindlichen Kugel getroffen- zusammenbricht. Und es zeigt – natürlich!-  den duc de Chartres hoch zu Ross  inmitten des französischen Generalstabs.[17]

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Ein Gemälde von Éloi Firmin Feron zeigt den duc de Chartres (zu Fuß)  in Begleitung seines Bruders, des duc de Montpesier, nach der Kanonade von Valmy dem Generalstab Bericht erstattet. Rechts hinter der Mühle sieht man die wohlgeordneten französischen Truppen, links die Ortschaft Valmy. Auf beiden Gemälden darf natürlich die Mühle nicht fehlen, auch wenn die zu dem Zeitpunkt, den sie darstellen, schon längst auf Befehl Kellermanns zerstört worden war.

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Diese beiden Gemälde hatten für den König Louis-Philippe eine besondere  Bedeutung, weil sie ihn als Patrioten und Anhänger der revolutionären Ideale präsentieren.[18]

Darüber hinaus gilt Valmy nun als Ausdruck der nationalen Einheit, als ein Sieg, der mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France!“ errungen wurde. Und an den Sieg über die preußisch-österreichischen Koalitionstruppen wird vor allem in entsprechenden Konfliktsituationen erinnert. So hofft der junge Rimbaud 1870  in seinem Gedicht Morts de Quatre-vingt-douze auf ein neues Valmy im deutsch-französischen  Krieg.[19]

In der 3. Republik wurde der „revolutionäre Heroismus“ der Truppen von Valmy dann besonders herausgestellt. Anlass war vor allem das 100. Jubiläum der Schlacht, das auch Anlass für die Errichtung des monumentalen Kellermann-Denkmals war. Die Beschwörung des siegreichen Kampfs eines geeint zu den Waffen greifenden Volkes hatte in einer Zeit natürlich besondere Konjunktur, in der die Wiedergewinnung des 1871 verlorenen Elsass-Lothringens ein in Politik und Gesellschaft weit verbreitetes Anliegen war. Zu Beginn des Jahrhunderts war diese Sicht auf Valmy in den französischen Schulbüchern weit verbreitet und bereitete die sogenannte „union sacrée“ vor, die dann bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschworen wurde. (19a)

Bei den Sozialisten wird –in der Tradition Michelets- Valmy zum Sieg eines spontan sich erhebenden Volkes, das aufgrund seines Glaubens an die Ideen der Revolution den Eindringling besiegt. Dass damit die in Valmy noch entscheidende Rolle der Linientruppen, also der noch traditionellen Berufssoldaten,  –und der meist adligen Kommandeure-   heruntergespielt wird, tat diesem revolutionären Valmy-Mythos keinen Abbruch. Zum Erfolg des republikanisch-revolutionären Mythos von Valmy gehörte schließlich auch die internationale Dimension: Valmy wurde zum Symbol eines Befreiungskampfes der Völker gegen ihre Unterdrückung, von den Aufständen und  Unabhängigkeitskriegen in Europa und Lateinamerika im 19. Jahrhundert bis hin zu den antikolonialen Bewegung im 20. Jahrhundert.[20]

Aber Valmy wurde auch danach noch genutzt, um politische Botschaften in symbolisch aufgeladener Umgebung zu präsentieren. So 2012 von Arnaud Montebourg im Rahmen seiner Bewerbung für die sozialistische Präsidentschaftskandidatur.[21] Montebourg wurde später ja Wirtschaftsminister unter dem Präsidenten François Hollande und war dabei ein engagierter Herold eines „ökonomischen Patriotismus“ und Protektionismus. Valmy war insofern sicherlich für ihn ein passender Ort….

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Verwendete Literatur:

Jean-Paul Bertaud, Valmy, Gallimard folio histoire, 2013

La bataille de Valmy. Le 20 septembre 1792 collection les patrimoines 2017

Johann Wolfgang von Goethe, Campagne in Frankreich 1792. In: Goethes Werke, Hamburger  Ausgabe Bd 10. Hamburg 1960, S. 188f

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens.  Fischer TB. FFM 2015

 

Anmerkungen

[1] Campagne in Frankreich, S 235

[2] Bertaud, S. 36/37

(2a) Bild aus: https://venezuelatina.com/2009/10/17/francisco-de-miranda-cote-face-cote-pile/franciso-de-miranda_arco_triunfo/

[3] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[4] Bertrand, Valmy S. 42

[5]  François Furet/Denis Richet, Die Französische Revolution. München 1968,  S. 242

[6] Friedenthal, S. 374

[7] Simon Schama, Der zauderne Citoyen. Rückschritt und Fortschritt in der Französischen Revolution. München 1989, S.638. Siehe auch Campagne S. 215, wo Goethe von einem zweiten Thermopylä spricht.

[8] Friedenthal, S. 373

[9] Furet/Richet, S. 228

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_von_Tempelhoff

[11] Safranski,  S. 373

[12] Schama, S. 638; entsprechend  Furet/Richet, S. 239

[13]  Safranski, auf den ich mich im Weiteren wesentlich stütze,  S. 373

[14] Safranski, S. 367, 368 und 372

[15] Zit. von Safranski, S. 372

[16] Friedenthal, Goethe  S. 375

[17] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[18] https://www.histoire-image.org/etudes/bataille-valmy-20-septembre-1792

[19] Siehe La Bataille de Valmy, S. 40

(19a) https://ahrf.revues.org/3933

[20]Louis Bergès, Valmy, le mythe de la République, Toulouse 2001  Siehe auch: http://www.enssib.fr/bibliotheque-numerique/documents/64920-valmy-la-naissance-d-un-mythe-orleaniste-et-republicain-1830-1848.pdf

[21] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/

 

Geplante Beiträge:

  • Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise: Eine hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Politik und Kunst: Die Manufacture des Gobelins
  • Von Lyon nach Dornholzhausen: Die Waldenser, eine französisch-italienisch-deutsche Flüchtlingsgeschichte
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier

 

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

Nächste geplante Beiträge:

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