Max Ernst und seine „Windsbraut“ Leonora Carrington in Saint -Martin – d’Ardèche

Ein Zufall führte uns auf die Spur von Max Ernst und Leonora Carrington und ihr Haus in Saint-Martin d’Ardèche. Wir hatten auf dem Weg an die Côte d’Azur ein Zimmer in einer Pension des Ortes gebucht, in der rue Max Ernst. Das machte uns neugierig. Die Wirtin erklärte uns, Max Ernst habe sogar hier bei ihrer Großmutter übernachtet. Genaueres wusste sie allerdings nicht- und sie verwies uns an das am Anfang der Straße gelegene Tourismus-Büro.

Dort ist in einer Ecke ein kleiner „espace Max Ernst“ eingerichtet, wo man einige Informationen über den Aufenthalt des surrealistischen Malers Max Ernst und seiner damaligen Geliebten Leonora Carrington, ebenfalls Malerin und Schriftstellerin,  erhält, „zwei der ersten Europäer, die Saint-Martin- d’Ardèche liebten“, wie es in einem dort ausliegenden Faltblatt über „Max Ernst à Saint Martin d’Ardèche“ heißt.

Fotos: Wolf Jöckel

Auf einem kleinen Bildschirm kann man sich -von der Dame im Tourismus-Büro entsprechend vorgewarnt-  einen älteren Film in schlechter Qualität, aber in verschiedenen Sprachen -auch deutsch- mit Originalbildern aus den gemeinsamen Jahren an der Ardèche (1938-1940) ansehen.

Über dem Bildschirm ein Portrait von Max und Leonora, aufgenommen im Sommer 1939 von der amerikanischen Fotoreporterin Lee Miller.

„Max, schon weißhaarig, aufrecht, mit strahlenden Augen in die Linse blickend. Schützend, besitzend hat er für die Fotografin seinen Arm um das Mädchen gelegt, das sich klein macht in seiner Umarmung und dessen Lächeln sich im Unendlichen verliert.“[1]

Von der freundlichen Dame  im Tourist-Büro erhält man auch einen Plan, in den sie die Lage des Hauses einzeichnet, das Max Ernst und Leonora Carrington damals bewohnten – verbunden mit dem bedauernden Hinweis, viel sei da allerdings nicht mehr zu sehen. Es handele sich um Privatbesitz, „une résidence privée“, die man nicht besichtigen könne, „qui ne se visite pas.“

Natürlich lassen wir uns davon nicht entmutigen. In dem Viertel Les Alliberts, auf dem Höhenzug über Saint-Martin- d’Ardèche,  finden wir nach einigem  Suchen schließlich das Haus- die Dame vom Tourismus-Büro hatte es auf dem Plan nicht richtig markiert….  Aber es ist mit seinem großen Relief an der Außenwand nicht zu verfehlen:

Das Relief besteht aus zwei bzw. drei Figuren:  

Fotos: Wolf Jöckel

Die männliche links ist ein mächtiges Vogelwesen, das bedrohlich die Arme hebt und seinen scharfen Schnabel aufreißt. Das muss doch „der Vogelobre Loplop“ sein, den Max Ernst 1938 im „Dictionnaire abrégé du Surréalisme“ als „Maler, Dichter und Theoretiker des Surrealismus von den Anfängen bis zum heutigen Tag“ vorgestellt hatte. Max Ernst hat sich eindeutig mit diesem Vogelwesen identifiziert und so erscheint er immer wieder in dieser Gestalt in seinen Werken.  Loplop, sein „Privatphantom“, wie er es selbst einmal nannte, erlaubte es ihm, sich gleichzeitig von seinem Werk zu distanzieren als es auch zu präsentieren.[2]

Das  Vogelwesen besitzt einen doppelten Unterleib: Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Froschmaul- Figur. Auch dieser wilde Geselle gehört zu Loplop.  

Fotos: Wolf Jöckel

Diese Figur besteht also gewissermaßen aus zwei Loplops: dem großen, mächtigen beschützenden, und dem kleinen, wilden Kobold, dem ganz offensichtlich nachträglich sein Geschlecht abhandengekommen ist.

Und wer oder was ist die andere Figur? Ein weibliches Wesen, offenbar, mit einem langen Hals und einem Kopf, der ebenfalls ein Vogelkopf sein könnte, einem Emu ähnlich oder einem Strauß. Bedeckt ist der Kopf mit einem Fisch.

Die eine Hand ist beschwichtigend-beschwörend abgespreizt, die andere trägt ein die Zähne bleckendes Monster.

Fotos: Wolf Jöckel

Es ist klein, aber es könnte vielleicht noch viel größer werden. Und hat sich vielleicht sogar der Daumen in ein Monster verwandelt? Max und Leonora haben sich zur Bedeutung dieser Mischwesen nicht geäußert- man darf sich also seinen eigenen Phantasien überlassen…. [3]

Die Bewohner waren abwesend, als wir da waren. So konnte man sich immerhin etwas in dem umliegenden Gelände umsehen – was kaum möglich gewesen wäre, wenn die sehr Besucher-abweisenden Hausbesitzer dagewesen wären.[4]  Wo also sind die – im Tourismus-Büro abgebildeten-  phantastischen Gestalten,  mit denen der Garten bevölkert war?

Die gibt es offensichtlich nicht mehr.

Zu gerne hätten wir natürlich einen Blick ins Haus geworfen, um zu sehen, was innen noch aus der Zeit geblieben ist, in der Max und Leonora hier wohnten.

Aus dieser Zeit stammen doch sicherlich die Plastiken, die man immerhin nach ein bisschen Kletterei in der offenen Loggia des Hauses erkennen kann.

Fotos: Wolf Jöckel

Da spätestens wird man neugierig, mehr zu erfahren über dieses Haus, das eigentlich „eine Kultstätte des Surrealismus sein müsste.“ [5]  

Die Begegnung

Beginnen wir mit Leonora. Eine Carrington: Also Tochter aus allerbestem Hause. Der Vater hatte seine Firma an das Chemiekonglomerat ICI verkauft und war damit zu einem Hauptaktionär der Firma geworden; mit der deutschen I.G. Farben und der amerikanischen DuPont eines der drei größten Chemieunternehmen der Welt. Die Tochter wurde -noblesse oblige/(Geld-) Adel verpflichtet- bei Hof vor- und in die bessere Gesellschaft eingeführt, und sie war dazu bestimmt, die ihr zugedachte Rolle als „gute Partie“ auszufüllen.  Dazu passte -wenn es denn in geordneten Bahnen und maßvoll bliebe- das große Interesse des jungen Mädchens an Kunst. Als Schülerin einer von einem französischen Maler geleiteten Kunstschule traf sie im Juni 1937 auf einer dinner party in London Max Ernst, der dort eine Ausstellung seiner Werke eröffnete.

Für beide war dies eine schicksalshafte Begegnung: ein coup de foudre, ein Blitzeinschlag, eine ganz elementare und gewaltige Liebe auf den ersten Blick. Für die gerade 20-jährige Leonora war Max der bewunderte Maler, dessen Bilder sie magisch anzogen, der erträumte Mann ihres Lebens:   „Max was at that moment the man that every woman waits for; there it was, the man that I had always imagined.“[6]

Für Max Ernst war Leonora eine junge Frau von überwältigender Schönheit. Ihm muss es wohl ähnlich ergangen sein wie seinem Sohn Jimmy, der über sein erstes Zusammentreffen mit Leonora in Paris schrieb: „Eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte…. Ihre dunkle, glutvolle Schönheit riss mich so hin, dass es mir schwerfiel, zusammenhängend mit ihr zu reden.“[7]  Leonora erschien  geradezu als Verkörperung des in surrealistischen Kreisen gepflegten Idealbilds einer femme enfant, einer kindhaften, erotisch anziehenden Frau und Muse.[8] 

Nach einigen Tagen kehrte Max nach Paris zurück;  Leonora Carrington an seiner Seite.

Mit Leonora in Paris

Für Leonora bedeutete dies den Bruch mit der Familie, bzw. vor allem mit dem Vater. Der hatte zunächst vergeblich versucht, einen Haftbefehl gegen Max Ernst wegen öffentlicher Präsentation pornographischer Bilder zu erwirken.[9] Auch die skandalöse Liaison seiner Tochter mit einem verheirateten älteren Mann und (für ihn) anrüchigen Maler konnte er nicht verhindern. Aber seine Reaktion war eindeutig: Keinen einzigen pence mehr für Leonora und Hausverbot: ‚Never will my door be darkened by your shadow‘[10] – was dann auch so geschah…

In Paris bezogen Leonora und Max zusammen eine kleine Wohnung und führten ein bewegtes Leben. Dazu Leonora:

In Paris, Max taught me a new way to live, of coming into my own; he made my ideas develop, the visions that had lived in me since childhood: he drew me to him, to surrealism. He gave me all his support, his love: in our home there were always friends, they arrived continually, Paul Eluard, André Breton, Louis Aragon, Marcel Duchamp, and Yves Tanguy who were from the group. We held formidable reunions, we wrote, we painted, we created poetry: we communicated ideas, feelings… [11]  Hier hat Leonora nur einige der damaligen Freude genannt:  Giacometti, Salvador Dalí, Man Ray und die Photographin Lee Miller sollten wenigstens noch zusätzlich genannt werden.

Leonora genoss dieses Leben einer avantgardistischen Bohème und sie passte gut dazu: So berichtet der Surrealismus-Papst André Breton, wie Leonora in einem feinen Pariser Restaurant die Abendgesellschaft schockierte, weil sie während des Diners ihre Schuhe auszog und zum Entzücken der surrealistischen Freunde die Füße seelenruhig mit Senf bestrich….[12]

Aber da gab es ja noch die Ehefrau, mit der Max Ernst immer noch offiziell eine Wohnung in der rue des Plantes teilte. Marie-Berthe war einiges gewohnt und hatte viele Eskapaden ihres Ehemanns erduldet und hingenommen. Aber derart abserviert und aufs Abstellgleis verbannt zu werden, war dann doch zu viel. Es kam zu öffentlichen Szenen, einmal wurde Marie-Berthe sogar auf offener Straße handgreiflich, aber Leonora schlug -im wahrsten Sinne des Wortes- die Ehefrau in die Flucht.  Auch die einflussreichen, tief katholischen und tief gekränkten Schwiegereltern blieben nicht untätig: Sie machten in Paris systematisch Stimmung gegen Max Ernst, so dass sich bald unverkaufte Bilder bei ihm stapelten. Da war es dann doch für das jungverliebte Paar besser, Paris zu verlassen.

Saint-Martin- d‘Ardèche als Rückzugsort

Warum ausgerechnet dorthin?  Die Ardèche hatte Max Ernst durch Marie-Berthe kennen- und lieben gelernt, die aus dieser Gegend stammte. Saint-Martin bot sich an: ein ruhiger, am Ausgang der Ardèche-Schlucht gelegener 300-Seelen-Ort mit einem typischen südfranzösischen kleinen Dorfplatz mit Platanen und Sankt Martins-Statue…

… einer alten Kirche….

… und einem Kieselstrand mit Blick auf das malerische Aiguèze hoch oben auf der anderen Seite des Flusses.  

Foto: F. Jöckel

Und es gab im Ort das Hotel und Café du Centre von Alphonsine Garrigou, genannt Fonfon, wo die beiden Liebenden in einem Dachzimmer unterkamen.

Allerdings währte dieses Glück nur kurze Zeit. Denn Marie-Berthe hatte noch nicht aufgegeben. Sie hatte die Adresse der beiden Liebenden herausbekommen, war hingefahren und hatte bei Fonfon ihren Gefühlen freien Lauf gelassen.  Max Ernst war hin- und hergerissen zwischen Ehefrau und Geliebter. „Er war ein schwacher Mann“, sagte Leonora später. Im Winter 1937/38 fuhr er nach Paris zurück, um, wie Leonora sarkastisch bemerkte, seinen „genitalen Verpflichtungen“ als Ehemann nachzukommen. Für Leonora war dies eine Zeit großer Verlassenheit und Angst. „Ich glaubte, Max würde niemals zurückkommen. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte“, erzählte sie 50 Jahre später ihrer Biographin.[13]

In dieser Zeit entstand wohl ihr Portrait Max Ernsts- mit schlohweißem Haar in einer Eiswüste. Auch das Pferd -Leonoras alter ego- ist zu Eis erstarrt.

Es gibt noch ein zweites Pferd auf dem Bild, und zwar in der Laterne, die Max Ernst in der Hand hält: Es könnte dort eingeschlossen, gefangen sein; es könnte aber auch dem Mann in der Eiswüste als Wegweiser dienen; oder die Laterne könnte Wärme spenden, um das zu Eis erstarrte Pferd wieder zum Leben zu erwecken….  So macht das Portrait etwas von der Ambivalenz deutlich, die damals die Beziehung zwischen Max Ernst und Leonora Carrington bestimmte. [14]

Doch im Frühjahr 1938 kehrte Max Ernst zurück, zurück nach Saint-Martin und zurück zu Leonora. Er hatte sich endgültig von seiner Frau getrennt. Er hatte sich auch dafür eingesetzt, dass noch 1938 Leonoras Text „La Maison de la peur“, „das Haus der Angst“ mit einem Vorwort von ihm und drei seiner Collagen in Paris erschien. Und er hatte die spektakuläre Pariser Surrealisten-Ausstellung mit eingerichtet, in der auch Leonora mit zwei Gemälden vertreten war. Er traf in dieser Zeit auch seinen Sohn Jimmy. Der war dabei, nach Amerika zu emigrieren- anders als seine Mutter, Luise Straus-Ernst, die „Notre Dame de Dada“ aus Kölner Tagen.  Max Ernsts erste Frau war als Jüdin vor den Nazis nach Paris geflüchtet, eine Emigration in die USA erschien ihr aber weder notwendig noch gar verheißungsvoll – ein tragischer Irrtum.[15]  Jimmy aber begann, wie später dann auch sein Vater-  ein neues Leben in den USA. Max Ernsts Traum war dagegen viel näher liegend und bescheidener, wie er seinem Sohn erklärte:

„Alles, was ich jetzt möchte, ist, Paris für lange Zeit hinter mir zu lassen und mit Leonora in Ardèche zu leben … und sie zu lieben… wenn die Welt uns nur lässt.“ [16]

Loplop und die Windsbraut im Zauberhaus

Der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft materialisierte sich im Kauf eines Hauses in Saint- Martin. In den autobiografischen Notizen Max Ernsts, die er 1963 für einen Katalogtext erstellte, ist unter der Jahreszahl 1938 vermerkt:

„M.E. verlässt die Surrealistengruppe, zieht mit Eleonora Carrington nach Saint-Martin d’Ardèche bei Pont Saint-Esprit, etwa 50 km nördlich von Avignon. Kauft ein Haus und schmückt es mit Wandgemälden und Flachreliefs.“[17]

Bemerkenswert ist hier die ausführliche Ortsangabe. Erklärbar wohl auch damit, dass bei der Auswahl von Saint -Martin- d’Ardèche einerseits die Distanz von Paris, andererseits aber auch die relativ gute Erreichbarkeit wohl eine wesentliche Rolle gespielt hat. In den beiden Jahren, die Max und Leonora hier verbringen werden, sind auch immer wieder Pariser Freunde zu Gast bei ihnen. Gekauft hat das Haus allerdings nicht Max Ernst, sondern allein Leonora. Vielleicht weil Max Ernst ja verheiratet war, was die Sache möglicherweise komplizierter gemacht hätte, vielleicht auch, weil es Max noch nicht gelungen war, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten, er also formal immer noch (Nazi-)Deutscher war.  Angesichts der aufziehenden Kriegsgefahr war eine Engländerin wohl eine seriösere Käuferin, und die 2000 Franc für den Kauf hatte Leonora wohl von der Mutter zugesteckt bekommen. Merkwürdig, dass Max Ernst das anders darstellt und dass seine Version immer wieder übernommen wurde- selbst in dem grundlegenden Werk des Max Ernst-Spezialisten Werner Spies.[18]  

Das alte Winzerhaus war damals völlig heruntergekommen, im Grunde eine unbewohnbare Ruine.  Mehr als ein Jahr lang waren örtliche Handwerker, vor allem aber Max und Leonora selbst mit der Renovierung und dem Ausbau beschäftigt. Die Loggia beispielsweise mit dem Blick auf Saint Martin und die Ardèche entstand erst jetzt.  Vor allem aber: Max und Leonora schmückten Haus und Garten mit Skulpturen und Wandgemälden und formten es so zu einem „surrealistischen Zufluchtsort“ um.[19]

Max Ernst bei der Arbeit am Relief der Südseite[20]

Mit großer Freude arbeitete Max Ernst an den Reliefs und Skulpturen. Sie hatten hier ihren Platz wie die Liebe, für die das Haus ein Zufluchtsort war. Für Max Ernst gab es da deutliche Parallelen. Er verglich die Arbeit an Skulpturen gerne mit der Liebe: „Die Skulptur entsteht in einer Umarmung, zweihändig, wie die Liebe. Sie ist die einfachste, die ursprünglichste Kunst. Ich brauche mich nicht zu zwingen und mir keine wirkliche Leitlinie zu setzen“.[21]

Leonora  posiert neben dem fertigen (und unverstümmelten)  Loplop und legt den  Arm an seinen Schuppenflügel….[22]

Auch sie hat mit ihrer phantastischen Malerei viel zur Verschönerung des Hauses beigetragen. [23]

Zum Beispiel durch die „ wunderschöne weiße Chimäre -halb Pferd, halb Fisch – mit wallender Mähne und ihrem Gesicht“ auf der grünen Holztür zum Garten.“[24] 

2006 hat Leonora Carrington, inzwischen eine in Mexiko gefeierte Künstlerin, in einem Interview das Gleichgewicht in der Beziehung mit Max Ernst hervorgehoben: Die beiden arbeiteten gemeinsam am Haus, er illustrierte ihre Texte und kümmerte sich um ihre Publikation.  Für André Breton und die Surrealisten sei die Frau dagegen auf die Rolle als Schmuckstück und Muse reduziert worden. „Sie legten die Frau nackt und mit einem Lächeln auf einen Diwan und ließen sie dort zurück. Aber Max war anders.“ So sei die Zeit mit ihm in Saint-Martin- d’Ardèche eine der fruchtbarsten ihres Lebens gewesen.[25]  

„Loplop stellt die Windsbaut vor“ steht über Max Ernsts Vorbemerkung zu Eleonora Carringtons im schlimmen Winter 1937 verfasster Novelle „Das Haus der Angst“: Ein Text voller erotischer Glückseligkeit des Vogeloberen, der endlich „seine wahre Windsbraut gefunden hatte, nicht schwach und untertan wie zunehmend Marie-Berthe Aurenche, sondern verführerisch-wild, ihm ebenbürtig und unentbehrlich in der gegenseitigen Beflügelung der Phantasie“.[26]

Und so stellte Max Ernst die Windsbraut vor:

„Sie ist geschnitzt aus ihrem lichten Leben, aus ihrem Geheimnis, aus ihrer Poesie. Sie hat nichts gelesen, doch sie hat alles getrunken. Sie kann nicht lesen. Und doch hat die Nachtigall sie auf dem Stein des Frühlings sitzen und lesen sehen. Und obwohl sie nicht laut las, hörten ihr die Tiere des Waldes und die Pferde zu.“

Foto: Lee Miller 1938

Und über Loplop:

„Seht diesen Mann dort, wie er, bis zu den Knien im Wasser, stolz dasteht. Wilde Liebkosungen haben auf seinem herrlichen, perlmutternen Leib ihre leuchtenden Spuren hinterlassen. Was zum Teufel treibt dieser Mann mit dem türkisfarbenen Blick, mit Lippen, die purpurrot sind von edlen Begierden? Dieser Mann macht die Landschaft heiter“.[27]

Bei dem Mann, „bis zu den Knien im Wasser“, denkt man natürlich an Max Ernst beim Bad in der Ardèche. Denn die beiden Liebenden gingen gerne den steilen Weg durch die Weinberge hinunter zum Fluss. Im Dorf erzählte man sich: „Die Badeslips trugen sie dabei mit Vorliebe auf dem Kopf. Splitternackt gingen sie.“ Jedenfalls bis zum Dorfrand.  Und sie seien fast jeden Abend zu Fonfon gegangen und hätten sich mit Wein oder Marc vollaufen lassen. Ihn nannten sie im Dorf „Le Max“ oder „Monsieur Erneste“, sie war die „Anglaise.“ Einig war man sich: „Ausländer sind Spinner“.[28] Aber offenbar ließ man die exotischen Vögel in Ruhe und hatte manchmal sogar eine heimliche Freude dabei, sie beim Weg zum Fluss zu beobachten….

Lee Miller hat bei ihren Besuchen an der Ardèche das kurze Glück Loplops und der Windsbraut fotografisch festgehalten.[29]

In dieser Zeit entstand auch eines der bedeutendsten Werke Max Ernsts: Un peu de calme.   Etwas Ruhe für sich und die Windsbraut wünschte sich Max Ernst in den damaligen unruhigen, ja bedrohlichen Zeiten.[30]

Das Bild hängt in der National Art Gallery, Washington. Anlässlich einer Max Ernst-Ausstellung 2013 in der Fondation Beyeler, zu der auch Un peu de calme gehörte, wurde das Bild so beschrieben:     Das über drei Meter breite „Panorama einer undurchdringlichen Waldlandschaft spannt Max Ernst vor unseren Augen auf. Schemenhaft sind riesige Vögel, wilde Bestien und andere Tiergestalten zu erkennen.“

„Über der harten, scharfkantigen Waldkulisse steht leicht deformiert der Mond, der die gesamte Landschaft in ein fahles Licht taucht. Eine schildkrötenförmige Wolke scheint links aus dem Bild zu fliehen. Das riesenhafte Gemälde erzeugt eine eigenartige Stimmung; man spürt förmlich eine Katastrophe herannahen. Un peu de calme – Ein wenig Ruhe: Der Titel des Werks verharmlost diese schwelende Anspannung und beschwört gleichzeitig die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm herauf. Es ist das Bild einer Natur, die sich ins Bedrohliche und Unheimliche gewendet hat. Im Rückblick ist die Katastrophe, auf die Max Ernst anspielt, leicht auszumachen: Das Gemälde entstand am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der dem Künstler Internierung, Flucht und Exil bringen sollte. Im Jahr 1939 stellt sich die Welt als undurchdringliches, auswegloses Dickicht dar.“[31]  Am rechten unteren Bildrand hat sich allerdings „ein winziges Vögelchen eingeschmuggelt, umhüllt und beschützt von einer weiblichen Silhouette- Loplop und seine Windsbraut“.[32]

Un peu de calme ist das einzige seiner in Saint-Martin zurückgelassenen Werke, das Max Ernst nach dem Krieg wieder in Besitz nehmen konnte.  Im Salon seines letzten Wohnortes, in Seillans in Südfrankreich, nahm es einen Ehrenplatz ein.

Erste Internierung in Les Milles

Doch die ersehnte Ruhe war nur von kurzer Dauer.  Am 1. September marschierte die Wehrmacht in Polen ein, Großbritannien und Frankreich erklärten Nazi-Deutschland den Krieg. Und dann standen Gendarmes vor der Tür in Saint-Martin, legten Max als „feindlichem Ausländer“ Handschellen an und führten ihn ab. Zunächst in das Gefängnis von Largentière bei Aubenas. Leonora mietete sich in der Nähe ein und versorgte Max mit Malutensilien und Essen. Doch im Oktober 1939 wurde Max Ernst in das große Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence verlegt, eine ehemalige Ziegelei.

Foto: Wolf Jöckel

Lion Feuchtwanger hat die schlimmen Zustände in der Fabrik, die als Lager völlig ungeeignet war, eindrucksvoll in seinem Buch „Teufel in Frankreich“ beschrieben.  Es gibt auch in einem früheren Blog-Beitrag über die deutsche Emigration in Frankreich einen Abschnitt über Les Milles, in dem es auch um Max Ernst geht:

https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

Immerhin wurde Max Ernst am 23. Dezember 1939 wieder aus dem Lager entlassen. Sein Freund Paul Eluard hatte direkt an den Staatspräsidenten geschrieben, um die Freilassung von Max Ernst gebeten und sich persönlich für ihn verbürgt. So konnte Max Ernst nach Saint-Martin- d’Ardèche zurückkehren.

Letztes kurzes Glück

Zurück aus der Lagerhaft malte Max Ernst das Bild  Leonora in the Morning Light, ausdrücklich versehen mit dem Zusatz To Leonora.[33]

Leonora in the Morning Light, 1940 (Bildausschnitt)

Die schöne Leonoras taucht hier mit makellosen Zügen und wilder Löwenmähne aus dem Urwald auf. Titel und Gegenstand veranschaulichen die große Freude des aus dem Dunkel des Lagers befreiten Malers, seine auf ihn sehnsüchtig wartende Geliebte wiederzusehen.

Den beiden ist noch einmal eine kurze Zeit des Glücks in Saint-Martin-d’Ardèche vergönnt. Leonora  schreibt in ihr Tagebuch:

„I’m in my house with Max. For two years I have been desperately and madly in love with Max. I’m still painting but only to keep me from going crazy. Every second…. I want him to live only for and with me. I wish that he had no past…I want him forever. I want to be in the same body as him … I want absolute love….“[34]

Das Ende

Im Mai 1940 beginnt der „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gegen Frankreich. Das Land gerät von einem Zustand illusionärer Selbstgewissheit in den einer absoluten Panik. Überall werden Verräter und Spione gewittert. Max Ernst wird denunziert, erneut verhaftet und wieder nach Les Milles gebracht. Leonora ist verzweifelt, bricht psychisch zusammen. Zwei Freunde, auf der Flucht aus Paris vor den vorrückenden deutschen Truppen, kommen nach Saint-Martin und fordern Leonora dringend auf, mit nach Spanien zu kommen. Die Wirtin des ortsansässigen Hotels, die schon lange ihr Auge auf das renovierte Haus und den umliegenden Weinberg geworfen hat, nutzt die Gunst der Stunde: Es sind noch Rechnungen offen, die vor der Abreise beglichen werden müssen. Sie schickt Leonora zu einem willigen Notar. Der werde sich nach ihrer Abreise um alles kümmern. Auf seinen Rat unterschreibt Leonora eine Vollmacht für die Hotelbesitzerin, in ihrem Namen und Auftrag das Haus mit seinem gesamten Inventar, einschließlich der Bilder, zu verkaufen. Schon eine Woche später geht die Transaktion über die Bühne.  Der Kellner und spätere Ehemann der Wirtin erwirbt Grundstück und Haus und vor allem die darin enthaltenen Kunstwerke eines international gehandelten Künstlers für lächerliche 20. 000 Francs. Ob Leonora wenigstens die jemals erhalten hat, ist auch nicht sicher: Skrupellose Kriegsgewinnler -kleine wie große- gab es damals und gibt es heute wieder….

Für Max Ernst und Leonora Carrington beginnen nun dramatische Monate der Flucht – vor den Nazis, dazu für Leonora vor den Nachstellungen der Eltern. Sie treffen sich noch einmal 1941 in Lissabon. Da ist Leonora wieder verheiratet mit einem mexikanischen Diplomaten, den sie noch aus Paris kennt  und der ihr den Weg in ihre neue Wahlheimat Mexiko eröffnet; und Max ist in Begleitung der Kunstsammlerin und Millionärin Peggy Guggenheim, die ihn nach New York begleitet und seine dritte Ehefrau wird.  

Max Ernst kommt nach dem Krieg noch einmal nach Saint-Martin-d’Ardèche zurück. Von den Bildern, die er zurückgelassen hat, ist nichts mehr da, außer Un peu de calme, das offenbar den gierigen Augen der neuen Besitzer entgangen ist: Die Leinwand klebte im Untergeschoss an der Wand, man hielt es für ein Fresko.  Gerne hätte Max Ernst das Haus zurückgekauft, aber das scheitert an zu hohen Preisvorstellungen. Empört und mit wilden Flüchen verlässt er Saint-Martin-d’Ardèche. „C’est un village pourri“, „ein verfaultes Dorf“, habe er damals geschimpft, wie sich Dorfbewohner erinnern. [35] 1957 verkauft das geschäftstüchtige Paar das Anwesen für den Gegenwert eines Deux-Chevaux an einen Industriellen aus Lyon. Die Übernahme des Hauses von Leonora zum Schnäppchen-Preis hat sich für sie ja schon reichlich ausgezahlt. [36] Und auch der neue Besitzer will Kasse machen: Nach und nach werden die noch erhaltenen fragilen, oft aus Fundstücken zusammengesetzten Skulpturen aus dem Zusammenhang gelöst und -auch als Bronzeabgüsse- auf dem Kunstmarkt feilgeboten. Die Skrupelllosigkeit, mit der dabei vorgegangen wurde, ist erschreckend. Es lohnt sich sehr, dazu den Bericht von Silvana Schmid zu lesen: ein beeindruckendes Werk eines investigativen Journalismus. 1991, im Jahr des 100. Geburtstages von Max Ernst, organisiert das Centre Pompidou eine große Retrospektive des Künstlers. Stücke aus Saint-Martin-d’Ardèche sind nicht dabei. Im gleichen Jahr werden im Hotel Président in Genf „trois sculptures originales majeures“ von Max Ernst aus Saint-Martin öffentlich versteigert.

Die Plünderung des wunderbaren, einzigartigen Künstlerhauses in Saint-Martin: Eine Mischung aus Gier, Desinteresse, Banausentum, Wegschauen… Und kein Ruhmesblatt für die französischen Kulturbehörden und den Denkmalschutz….

Die wunderbaren Reliefs an der Südwand immerhin bleiben. Die sind „classé“, stehen also unter Denkmalschutz. Aber auch für sie allein lohnt sich der Weg…

Literatur: 

Julotte Roche, Max et Leonora. Récit d’investigation. Cognac: Le temps qu’il fait 1997

Silvana Schmid, Loplops Geheimnis. Max Ernst und Leonora Carrington in Südfrankreich. Frankfurt/Main: Anabas 2003

Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben. Erinnerungen an meinen Vater Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1991

Karoline Hille, Gefährliche Musen. Frauen um Max Ernst. Berlin 2007

Ulrich Bischof, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben  von Ingo F. Walter. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

Werner Spies (Hrsg), Max Ernst. Leben und Werk. Köln: Dumont 2005

Max Ernst. Skulpturen, Häuser, Landschaften; hrsg. von Werner Spies (Ausstellungskatalog Paris, Musée national d’art moderne/Centre Georges Pompidou, 5.5.-27.7.1998; Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 5.9.- 29.11.1998); Köln: DuMont 1998 (DB

Facebook-Seite von Leonora-Carrington: https://www.facebook.com/leonoracarringtonweisz/photos


Anmerkungen

[1] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 10

[2] Siehe Ulrich Bischoff, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben von Ingo F. Walther. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

[3] Zur Beschreibung der Figurengruppe siehe: http://www.cdgeissler.com/blog/tag/saint-martin-dardeche/ und Tobias Gohlis, Traumtrümmer aus der Ardèche. Silvana Schmid hat die Geschichte des Hauses rekonstruiert, in dem Max Ernst und Leonora Carrington wohnten. https://www.zeit.de/2003/18/SM-Max_Ernst

[4]  In einer Master-Arbeit des deutsch-französischen Studiengangs der Universitäten  Aix-Marseille und Tübingen über Max Ernst-Erinnerungsorte in Deutschland und Frankreich aus dem Jahr 2019 wird Saint -Martin -d’Ardèche zu den „Lebensorten mit geringerer Erinnerungskultur“ gezählt und es wird berichtet, wie unwirsch die Besitzer des Hauses auf die Studentin reagierten, die lediglich das Haus fotografieren wollte. (S. 63)

[5] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 12

[6] Zit. auf der facebook-Seite von Leonora Carrington, die auch nach ihrem Tod weitergeführt wird:  Leonora Carrington Facebook Page Administrated, Edited & Moderated by JOAQUÍN HERNÁNDEZ HINOJOSA. Text zu:  ‚Leonora in the Morning Light,‘ by Max Ernst. https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

Der selbe Text findet sich als Begleittext zur  Versteigerung von „Leonora in the Morning Light“ bei Sotheby’s: https://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2012/impressionist-modern-art-evening-sale-n08850/lot.48.html  Leonora gibt da ihr Alter zur Zeit der ersten Begegnung mit Max mit 19 an. Allerdings war sie im April 1937 20 Jahre alt geworden.

[7] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 159

[8] Portrait aus der facebook-Seite von Leonora Carrington

[9] Siehe Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben,  S. 193

[10] Wie Anmerkung 6

[11] Wie Anmerkung 6. Ähnlich hat sich Leonora Carrington noch als 88-Jährige in einem Interview aus dem Jahr 2006 geäußert: Su vida con Max Ernst sólo duró dos años, pero ¿fue él su gran amor?
– L.C.: Fue amor a primera vista. Me fui con él y mi compañero, Serge Chermayeff, me llamó puta. Yo le contesté: «Así son las cosas, ¿qué quieres que haga?». Fue maravilloso. No puedo decir que fuera la relación más importante; fue un gran amor y un gran mentor. Pero no creo en superlativos ni en categorizaciones. Sin embargo, Max me mostró otro universo y me llevó por caminos a los que en mi pequeña vida ordinaria de burguesa jamás habría tenido acceso. Lo adoraba como artista y como intelectual.  Facebook-Seite von EC vom 11. August 2017)

[12] siehe  Hille, Gefährliche Musen,  S. 103/104 

[13] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 46

[14] Bilder aus:  https://www.countrylife.co.uk/luxury/art-and-antiques/focus-extraordinary-portrayal-max-ernst-surrealist-pioneer-inspired-dali-lover-fled-paris-191577 Erläuterung zum Bild

https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/164061/bird-superior-portrait-max-ernst

[15] Zu Louise Straus-Ernst siehe den Blog-Beitrag: Von der ‚Notre-Dame-de-Dada‘ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im ‚Zauberkreis Paris‘ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst. https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

[16] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 193

[17] Zitiert bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 104/105

[18] Auf S. 140  des von Werner Spies herausgegebenen Buches Max Ernst, Leben und Werk ist unkommentiert der entsprechende Tagebucheintrag von Max Ernst übernommen, ohne ihn als solchen zu kennzeichnen.

[19] Wie Anmerkung 6

[20] https://m.facebook.com/222054157824388/photos/a.519787921384342/519789854717482/

[21] Zitiert von Valérie-Anne Sircoulomb in: Journal für Kunstgeschichte 3, 1999, Heft 3 file:///C:/Users/wolfj/Downloads/31921-Artikeltext-96895-1-10-20160706%20(4).pdf

[22] Bild https://www.facebook.com/photo/?fbid=2128819153814536&set=a.222057264490744

(Ausschnitt)

[23] https://twitter.com/studiomuseums/status/955413540113960963/photo/1 und https://en.leonoracarringtonmuseo.org/el-taller-de-leonora

[24]  Text und Bild bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 111 und 114

[25] Aus einem Interview mit der 88-jährigen Leonora Carringten aus dem Jahr 2006. Facebook-Seite von LC vom 11. August 2017

[26] Hille, Gefährliche Musen, S. 111 Nachfolgendes Bild  by Lee Miller, 1939 aus:

https://www.facebook.com/photo/?fbid=2147072528655865&set=a.222057264490744 Bild auch bei: https://www.wikiart.org/de/leonora-carrington

[27] Zitiert bei Hille Gefährliche Musen, S. 111 und 114. Vorausgehendes Bild  aus: https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/die-frau-in-hitlers-badewanne-lee-miller-fotografierte-mode-und-krieg-17886281/die-surrealisten-max-ernst-und-17887248.html

[28] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 40

[29] Bild aus: http://i-art-rachel.blogspot.com/2011/06/leonora-carrington.html

[30]  Bild aus: https://mitue.de/?p=936

[31]https://www.fondationbeyeler.ch/fileadmin/user_upload/Ausstellungen/Vergangene_Ausstellungen/Max_Ernst/saalheft_d_ernst.pdf

[32] Hille, Gefährliche Musen, S. 114/115

[33] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

[34] Wie  Anmerkung 6

[35] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 24

[36] Siehe Roche, Max et Leonora,  S. 165

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst.

Anlass für diesen Beitrag ist Luise Straus-Ernsts „Zauberkreis Paris“, ein kürzlich zum ersten Mal in Buchform veröffentlichter „Roman aus dem Exil“.  Der Text wurde 1934/1935 in der Exilzeitung „Pariser Tageblatt“ in 38 Folgen als Fortsetzungsroman veröffentlicht und ist jetzt auch einem breiten Leserkreis zugänglich:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Dass jetzt der „Zauberkreis Paris“ Thema eines Beitrags auf diesem Blog ist, hat mehrere Gründe:

  • Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs. (Siehe unten die entsprechende Zusammenstellung). Insofern ergänzt und bereichert der nachfolgende Beitrag diesen Themenbereich.
  • Der Roman spiegelt die Faszination wider, die die Stadt Paris auf viele Emigranten ausübte.
  • Er beleuchtet aber auch in aller Deutlichkeit die Probleme, die gerade weniger prominente Emigranten hatten, dort Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz aufzubauen.
  • Er ist auch die Geschichte der Emanzipation einer Frau, die gezwungenermaßen ihren eigenen Weg sucht und findet.
  • Und es ist schließlich ein Roman mit vielfachen autobiographischen Bezügen, geschrieben von einer faszinierenden Frau, die als „Notre Dame de Dada“ und erste Frau des Malers Max Ernst in Köln lebte, dann als Jüdin zunächst in Paris, dann in Südfrankreich Zuflucht suchte, aber kurz vor der Befreiung Frankreichs noch verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

In dem Roman gehören der kommunistisch orientierte Journalist Peter Krimmer und die aus einer jüdischen Familie abstammende Ulla  Frankfurter  zu den deutschen Flüchtlingen,  die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme  „in hellen Scharen nach Paris hereinströmten“ (Traumland Paris, S. 28). Paris übt auf sie eine unvergleichliche Faszination aus:

„Dieses Mal allerdings ging man anders an diese unendliche Stadt Paris heran als bisher in karg bemessenen Ferienwochen. Museen und Ausstellungen, Schlösser und Bibliotheken – dies alles eilte nicht, das blieb ja, dazu kam man immer noch. Dinge, zu denen früher nie Zeit gewesen war, sollten nun endlich an die Reihe kommen. – In Parks zu sitzen und die Stunden verrinnen zu fühlen, umstrahlt von dem unvergleichlichen Licht des Luxembourg-Gartens oder eingefriedet von dem koketten Ruinenzauber des Parc Monceau oder im heiteren Entzücken der Vorstadtromantik in den Buttes-Chaumont. – das war etwas! — “ (Traumland, S. 24/25).  Und dann gibt es ja noch die Rue Mouffetard, die Seine-Quais mit den Bouqinistes und den Clochards,  den Flohmarkt, das Judenviertel oder einen Bal-musette: Fast macht das den Eindruck, als habe Luise Straus-Ernst den deutschen Neuankömmlingen in Paris einige- in das Traumland-Bild passende-  touristische Tipps für die Erkundung der Stadt geben wollen.

Und dazu gibt es noch praktische Hinweise auf französische Besonderheiten. Das passte zu der redaktionellen Linie des Pariser Tageblatts, das sich bemühte, seinen Leserinnen und Lesern Orientierungshilfe im fremden und ungewohnten Pariser Alltag zu geben. [1]

So schreibt Peter in einem Brief an die noch nicht nach Paris emigrierte Ulla:

„Ich sitze hier sozusagen mitten auf der Straße, an einem runden Tischchen, auf dem Kaffee in einem Glase steht, ja, wirklich in einem Glas mit Fuß auf einem kleinen Teller, der den Preis des Getränks gleich aufgedruckt trägt. Wenn es mir Spaß mache, den ganzen Nachmittag und Abend vor diesem einzigen Glas  zu sitzen, wird mich niemand daran hindern, kein Kellner mich schief ansehen. Wenn es mir aber einfallen sollte fortzugehen, dann kann ich das ebenso unbelästigt tun. Ich lege die aufgedruckte Summe und ein kleines Trinkgeld auf den Teller und verschwinde. Niemand außer dem Kellner, den es angeht, wird es sich einfallen lassen, dieses Geld wegzunehmen.“ (Zauberkreis Paris, S. 40)

Und als dann auch Ulla in Paris angekommen ist, wird über deren Café-Erfahrungen berichtet:

„Sie frühstückte auf der Terrasse eines kleinen Cafés an der nächsten Ecke und freute sich am Sonnenschein, bemerkte allerdings zu spät, dass die meisten Leute ihren Café crème und ihre Croissants im Stehen an der Bar einnahmen. Das würde sie von morgen auch tun. Diese eilige eigentlich gar nicht pariserische Art, eine Mahlzeit einzunehmen, gefiel ihr. Übrigens war es auf diese Weise ja auch billiger, und darauf würde man sehr zu achten haben.“ (Zauberkreis Paris, S. 68)

Die Pariser Cafés hatten, das wird hier deutlich, eine eminente Bedeutung gerade für die Emigranten. Denn die meisten wohnten beengt und wenig komfortabel. Man vermochte es also nicht, „die kahlen Wände und kümmerlichen Draperien der Hotelzimmer mit dem Rauschen der Wasserleitungen auf die Dauer zu ertragen.“ (Traumland Paris, S.29). Da waren die Cafés ein willkommener Ausweichort und auch ein wichtiger Treffpunkt: für „Ärzte, Anwälte, Kaufleute“ eher die Cafés der Champs-Élysées, für die ärmeren Intellektuellen die Cafés von Montparnasse. „Von den Cafés beider Gegenden erzählte man den gleichen Witz, es habe sich dort -im Dôme [2] oder im Colisée- ein Franzose erschossen, aus Heimweh.“ (Zauberkreis Paris, S. 30)

Luise Straus-Ernst schildert in ihrem Roman am Beispiel der beiden Protagonisten aber auch die Schwierigkeiten und Nöte der deutschen Emigranten in Paris. Da gibt es Komitees, „die sich zu rascher Hilfeleistung überall aufgetan hatten.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Das wichtigste Flüchtlingskomitee war das Comité national de secours aux refugiés allemands victimes de l’antisemitisme, das mit französischen, amerikanischen und englischen Spendengeldern finanziert wurde.[3] Vielleicht war es dieses Komitee, von dem in dem Roman die Rede ist:

 „Peter hatte in den ersten Tagen eine solche Stelle aufgesucht in der vagen Hoffnung, man werde ihm hier eine Arbeitsmöglichkeit nachweisen. Aber für die Kenntnisse, die er angegeben hatte, gab es keinerlei Verwendung. Ein Uhrmacher wurde gesucht, mehrere Sattler. Eine wohlmeinende Komiteedame machte auf einen Schriftsetzerposten bei einem hebräisch gedruckten Blatt aufmerksam und war beinahe gekränkt, als Peter ihr den Unterschied zwischen Schriftsetzer und Schriftsteller klarzumachen suchte.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Bei seinen Versuchen, Beiträge in der französischen Presse unterzubringen, wird er auf vielfache Weise hingehalten:

„Dies alles war nicht einmal Bosheit oder Schikane. Es waren die Höflichkeitsformen eines fremden Landes, an die man sich gewöhnt hatte. Man sagte hier niemals: Nein. Man lehnte nichts ab. Man half sich eben mit mehr oder weniger vagen Versprechungen und dachte gar nicht daran, jemals beim Wort genommen zu werden.“ (Traumland Paris, S. 32/33). Das ist übrigens genau der Hinweis, den uns vor Jahren bei unserer Installation in Paris ein schon lange dort lebender deutscher Freund gegeben hatte. Und seitdem haben wir eine ganze Reihe von entsprechenden eigenen Erfahrungen gemacht….

Dies gilt auch für Ulla, aber sie ist bereit, jede Stelle anzunehmen; und für Frauen, die als Sekretärinnen und Kindermädchen zu verwenden waren, findet sich eher eine Stelle als für junge Männer. Da sie aber keine offizielle Arbeitserlaubnis besitzt, sind das meistens nur kurzfristige Beschäftigungen. (Zauberkreis Paris, S. 120)

Einmal findet sie „eine Ferienvertretung für die Stenotypistin eines großen Herrenmodenhauses“, eine „angenehme und gut bezahlte Tätigkeit“:

„Die Vertretung hatte einen Monat dauern sollen, bot also für die derzeitigen Verhältnisse eine geradezu fantastische Sicherheit. Aber am fünften oder sechsten Tag fragte der Bürovorsteher Ulla  nach ihrer Arbeitskarte. Sie besaß natürlich keine, war erstaunt, dass sie selbst für eine so vorübergehende Beschäftigung verlangt würde. Nun, die Chefs hatten keine Lust, sich für die Gutmütigkeit, mit der sie einen Flüchtling beschäftigten, auch noch strafbar zu machen. Am Abend wurde Ulla ausgezahlt und brauchte nicht mehr wiederzukommen.“ (Zauberkreis Paris, S. 91/93)

Aber Ulla gibt nicht auf, anders als viele Männer, die -im früheren Leben erfolgreiche und respektierte Persönlichkeiten- den sozialen Abstieg im Exil nicht bewältigen können. Zu ihnen gehört auch der ehemals so erfolgreiche Journalist Peter Krimmer, der in Paris nicht Fuß fassen kann, durch eine mysteriöse Russin in eine Spionageaffäre hineingerät und schließlich Selbstmord begeht.

In der Dreieckskonstellation von Peter Krimmer, der verführerischen Russin Borja Toronoff und Ulla Frankfurter hat Luise Straus-Ernst die offenbar unbewältigte Urszene ihres Lebens wiederholt: Die Verbindung von Max Ernst mit Gala Éluard, an der ihre Ehe gescheitert war.[4]

Luise Straus-Ernst hatte Max Ernst 1913 beim gemeinsamen Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bonn kennengelernt. Während Max Ernst nach dem Kriegsdienst sein Studium abbrach, um im Kreis des rheinischen Expressionismus um August Macke als freier Künstler zu arbeiten, wurde Luise als eine der ersten Frauen 1917 promoviert, arbeitete am Kölner Wallraf-Richartz-Museum  und übernahm 1919 sogar für ein Jahr dessen kommissarische Leitung, die sie allerdings aufgab, weil sie als Frau nicht die geringste Chance hatte, dauerhaft diese Stellung zu behalten.[5]

Hanns Bolz, Bildnis Louise Straus-Ernst. Vor 1918[6]

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spielte sie in der dadaistischen Szene von Köln eine wesentliche Rolle. Max Ernst bezeichnete sie als „Amanda von Duldgedalzen, genannt die dadaistische Rosa Bonheur“ (Name einer emanzipierten französischen Tiermalerin des 19. Jahrhunderts [6a]), ihre Biographin Eva Weissweiler nannte sie die „Notre Dame de Dada“.

Zwischen der Kölner und der Pariser Dadaisten-Szene gab es enge Verbindungen: Im November 1921 besuchte Paul Éluard mit seiner russischen Frau Gala das Ehepaar Ernst in Köln. Es begann eine enge Zusammenarbeit zwischen dem französischen Lyriker und dem deutschen Maler. Und es begann eine Liebesbeziehung zwischen Gala Éluard und Max Ernst, der schließlich nach Paris übersiedelte, um in einer offenen Dreiecksbeziehung/ménage à trois mit dem Ehepaar Éluard zusammenzuleben.[7]

Für Luise Straus-Ernst war das ein entscheidender -und traumatischer- Wendepunkt ihres Lebens.  In der Beziehung mit Max Ernst hatte sie „freiwillig und freudig jedes eigene Leben“ aufgegeben. Sie brach den Verkehr mit Freundinnen ab, die Max Ernst nicht mochte. Sie las nur Bücher, die er liebte, sie war „eine abgeschwächte Wiederholung seines eigenen Wesens.“ (Nomadengut, S. 222).   Nachdem sich Max Ernst von ihr getrennt hatte, musste sie sich von nun an, wie die Ulla in ihrem Roman, „tapfer und unabhängig durchs Leben“ schlagen, wie sie selbst in ihrer Autobiographie schreibt. (Nomadengut, S. 211). Und dies mit Erfolg:  In den 20-er Jahren in Köln erreichte Luise Straus-Ernst eine völlig eigenständige Position als Journalistin, vor allem als Kunstkritikerin. Sie spricht in ihren Lebenserinnerungen von einer sehr erfolgreichen Zeit:

„Es war mein ganzes schönes Leben der letzten zehn Jahre, dieses unabhängige Leben voll Arbeit und Erfolg, das ich mir leidenschaftlich und bewusst erkämpft hatte.“  (Nomadengut, S. 226)

Das Exil beendet dieses schöne Leben. Es war eine Trennung nicht nur von der geliebten rheinischen Heimat, sondern auch von ihrem Sohn Jimmy, den sie in der Obhut ihrer Eltern zurückließ.

August Sander, Mutter und Sohn. Luise Straus-Ernst mit Sohn Jimmy. Köln 1928. Die Portraitaufnahme ist Teil von Sanders 1929 publiziertem Photoportrait Deutschlands: Antlitz der Zeit. 60 Fotos deutscher Menschen[8]

Paris hatte für Luise Straus-Ernst „von jeher einen Zauberklang gehabt“, war für sie eine „Wunderstadt“. Mit der Übersiedlung in „das ersehnte Paris“[9]  veränderte sie auch ihren Vornamen: Nicht mehr Luise, sondern Louise oder Lou, eine programmatische Anpassung an die neue Situation. Die Wirklichkeit hält allerdings diesem Idealbild nicht stand. Dem Leben fehlte, wie sie in „Nomadengut“ schreibt, „die Heiterkeit, die Paris bei vorübergehenden Aufenthalten so reichlich geboten hatte.“ Paris sei „eher eine traurige Stadt geworden.“  Sie kommt zunächst in einem kleinen Hotel in der Nähe des Triumphbogens unter: „Das Zimmer war kahl und unpraktisch. Aus dem Fenster sah ich nur hässliche Fassaden, nicht einmal ein Stückchen Himmel.“[10]  Da es ihr – wie Ulla Frankfurter in „Zauberkreis Paris“-  nicht gelang, eine Arbeitskarte zu bekommen, musste sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten, mit Nachhilfeunterricht, Übersetzungen, Schreibarbeiten, Buchhaltung, Museumsführungen, ja sogar Babysitting. Sie konnte aber auch unter verschiedenen Pseudonymen journalistische Arbeiten in den Tageszeitungen der Pariser Emigration, insbesondere aber auch in Schweizer Zeitungen veröffentlichen.

Luise  Straus-Ernst. Paris, um 1936[11]

Bis 1939 lebte sie in verschiedenen kleinen Hotels, unter anderem in einem in der rue Toullier Nummer 11 unweit der Sorbonne, in dem auch Rilke während seiner frühen Parisbesuche gewohnt und seinen „Malte Laurids Brigge“ geschrieben hatte.[12] Ihr Lebensgefährte war damals Fritz Neugass, Kunsthistoriker und Journalist wie sie, der seit 1926 in Paris lebte und erfolgreicher Korrespondent deutscher, seit 1933 dann aber auch englischer, amerikanischer, französischer und Schweizer Zeitungen war. Gemeinsam führten sie das Leben von Bohemiens und Nomaden. Dazu gehörte im Frühjahr 1936 eine mehrmonatige Reise nach Oberitalien, Griechenland und in die Türkei. Den Sommer und Herbst 1938 verbrachten die beiden „an der Mittelmeerküste in Cannes, als wären sie wohlhabende Touristen auf Erholungsreise. Den weltpolitischen Ernst scheint Luise Straus aber noch immer nicht recht wahrhaben zu wollen.“[13]  Anders ihr Sohn Jimmy, der im Mai 1938 nach USA emigrierte. Auf seine Bitte, mit ihm auszureisen, was damals noch möglich gewesen wäre, antwortete sie:

„Wir haben die Vernunft und die Moral auf unserer Seite, und die sind stärker als marschierende Stiefel und hysterische Ausbrüche.“[14]

Dazu kamen Befürchtungen über Amerika, wie sie damals bei Emigranten weit verbreitet waren:

„Was wird mit der Sprache? …. Wer wird meine Arbeiten veröffentlichen? …. Amerika ist etwas für junge Leute, die Städte sind so unpersönlich, und das hochgepuschte Tempo des täglichen Lebens… und es ist so groß, es ist so groß“.[15]

Auch spätere Versuche, sie zur Ausreise zu bewegen, scheitern an ihrer moralisch-politischen Halsstarrigkeit und ihrem unerschütterlichen Optimismus. „Wir glaubten nicht an eine Katastrophe, wollten nicht daran glauben“, schrieb sie. Und selbst wenn Hitler einen Krieg begönne: Er könne ihn nicht gewinnen: „Wenn er so etwas versucht, wird er sehr schnell erledigt sein, und ich will da sein, wenn es passiert.“[16]

Hier wiederholt sich der illusionäre Optimismus, den Luise Straus-Ernst schon im Januar 1933 hatte, als sie, wie ihr Sohn berichtet, davon ausging, dass Hitler bei der nächsten Reichstagswahl durchfallen werde. Nur deshalb habe Hindenburg Hitler zum Reichskanzler gemacht. „Diese Fanatiker fliegen auf die Straße. Da sind sie hergekommen und da gehören sie auch wieder hin.“[17]

Optimistisch endet auch der „Zauberkreis Paris“.  Ulla lernt schließlich den auch aus Deutschland geflohenen jungen Handwerker Hans Remagen kennen, „zu dem sich eine geschwisterliche Freundschaft entwickelt. Hans vermittelt Ulla am Ende auch an eine Landkommune, wo sie Arbeit findet, aber noch mehr: Kameradschaftlichkeit und ein Gegenkonzept zu den zwar gut gemeinten, aber letztlich perspektivlosen Hilfsangeboten der karikativen Einrichtungen. In der Landkommune, die mit dem Ziel der autonomen Eigenversorgung funktioniert, darüber hinaus eine Nische in der Ökonomie des Gastlandes zu nutzen versucht (nämlich die Produktion von Holzspielzeug nach der Tradition des Erzgebirges) wird ein Gegenentwurf zur harten Realität des Exils im Moloch der Großstadt gezeichnet…“[18]

Lutz Winckler hat in diesem Romanende den Ausdruck unaufgearbeiteter Verdrängungen der Autorin gesehen. Am Ende bleibe „eine infantilisierte Heldin zurück, die sich als geschlechtsloses Wesen …. in die patriarchalische Großfamilie des Handwerkerkollektivs einordnet“.[19]  Armin Strohmeyr sieht in seinem Nachwort zum Roman in dessen Ende dagegen eine keineswegs illusionäre Utopie einer „Hilfe durch Selbsthilfe“.

Wie auch immer: Die Realität zerstörte alle Hoffnungen und Gegenentwürfe.  Als Hitler seinen Krieg begann, wurde Luise Straus-Ernst wie die meisten anderen in Frankreich lebenden „feindlichen Ausländer“ interniert -auch wenn sie Flüchtlinge und ausgewiesene Antifaschisten waren. Luise Straus-Ernst wird -auf eigene Kosten- in das Frauenlager Gurs am Fuß der Pyrenäen verfrachtet.  

Das Lager von Gurs. Es bestand aus 382 primi­tivs­ten, etwa 125 m² großen Baracken, in denen jeweils bis zu 60 Personen unter­ge­bracht waren. Es war im Frühjahr 1939 zur Inter­nie­rung der aus Spanien geflohenen Soldaten der Republi­ka­ni­schen Armee und der Freiwil­li­gen der Inter­na­tio­na­len Brigaden auf sumpfigem Gelände errichtet worden.

In „Nomadengut“ schreibt Louise Straus-Ernst dazu:

„… als wir dann auf Lastwagen, stehend wie Vieh, durch eine abendliche Pyrenäenlandschaft gefahren wurden, als plötzlich vor uns in einer großen Ebene die Hunderte von Holzbaracken im dünnen Licht vieler Lampen sichtbar wurden, da sank mir doch das Herz. Es war noch nicht ganz dunkel, als wir durch die Lagerstraße fuhren. Überall drängten sich Frauen ans Gitter, bekannte Gesichter unter ihnen, um uns zu winken, etwas zuzurufen, wurden aber rasch von ihren Aufseherinnen in die Baracken getrieben. Wie Tiere in einem Käfig.

Die Baracken waren unbeschreiblich schmutzig, die hygienischen Einrichtungen in einem Zustand, den niemand in unserem Zeitalter für möglich halten würde. Doch da eine Gruppe junger Lothringerinnen tüchtig zugriff, so war bald ein erträglicher Zustand geschaffen. Sofern man es erträglich nennen will, auf einem dünnen Strohsack am Boden zu schlafen, sich, angesichts der internierten Spanier, die ständig vorüber kamen, unter freiem Himmel zu waschen, nach jedem kleinen Regen bis über die Knöchel im Schlamm einzusinken.“[20]

Allerdings  konnte Luise Straus-Ernst schon nach wenigen Wochen dank der Intervention ihres Lebensgefährten Fritz Neugass wieder das Lager verlassen: Neugass war im November 1939 in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert worden, wo er auch Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever und … Max Ernst traf.[21] Da er sich als Arbeitssoldat der französischen Armee verpflichtete, wurde er aber entlassen und in Manosque im südfranzösischen Lubéron stationiert, wo  er die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Jean Giono machte.  Manosque lag nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich in der unbesetzten Zone Frankreichs, schien also ein sicherer Zufluchtsort zu sein.  Dorthin folgte also Luise Straus-Ernst Neugass und arbeitete als Sekretärin und Übersetzerin für Jean Giono.

Über ihn schrieb Luise Straus-Ernst:

„Einen einzigen Menschen kenne ich hier, um den es sich lohnt. Die seltenen Gespräche mit ihm ersetzen mir alles andere- der Dichter Jean Giono.- Als ich ihn das erste Mal aufsuchte, war ich voll Skepsis. Bisher war ich immer enttäuscht worden, wenn ich die Bekanntschaft von Menschen machte, die einen Namen hatten, die ‚arriviert‘ waren. (…) Aber hier bin ich endlich einmal angenehm enttäuscht worden. Ich fand einen großzügigen, hilfsbereiten, weltoffenen Menschen, einen Menschen der versteht.“ (Nomadengut, S. 238)

Aber dann greift das politische Geschehen mitleidlos in das Leben von Luise Straus-Ernst ein und zerstört die letzte Zuflucht Manosque: Am 3. September 1943 kündigt Italien das Bündnis mit Deutschland. Die Italiener, die keine antisemitische Rassenideologie im nationalsozialistischen Ausmaß verfolgen, verlassen Manosque. Die Gestapo zieht ein und mit ihr die Angst.[22]

„… ich habe Angst, seit Monaten schon, eine ganz gemeine Angst. Verfolgt werden ist kein Spaß. Und es wird immer schlimmer statt besser. Wie wird es enden? Ja, was ist denn bis jetzt geschehen? Eigentlich nichts. Ich lebe sozusagen friedlich in einer kleinen provençalischen Stadt in einem Hotel, in einem sogar geheizten Zimmer, bekomme gutes Essen; und ich kann es ohne besondere Sorge bezahlen. Früher hätte ich das wahrscheinlich ideal gefunden.

Nun gibt es eben etwas, was man ‚Ausweisung‘ nennt, nicht nur aus irgendeiner Stadt, was fast jedem Fremden im neuen Frankreich irgendwann einmal geschieht, sondern: des Landes verwiesen. Kein Mensch sagt einem, warum. Man hat friedlich gelebt, hat dieses Land wie eine zweite Heimat geliebt. Aber wer fragt danach?

 Es gibt also diese Besuche von Gendarmen, die sich mit leiser Stimme nach meiner Abreise erkundigen und mit einem halb grausamen, halb entschuldigenden Lächeln von ‚Verhaftung‘ und ‚Konzentrationslager‘ murmeln.  Auch das wäre mit dem Visum für Amerika in sicherer Aussicht gar nicht so schlimm. Doch durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg ist alles verzögert, in Frage gestellt und die Wahrscheinlichkeit, in irgendeinem schmutzigen Winkel vor Kälte und Hunger zu verfaulen, sehr groß geworden.“[23]

Am 28. April 1944 ist es soweit: Louise Straus-Ernst wird in dem Hôtel du Nord in Manosque verhaftet.  Der von ihr so verehrte Jean Giono vermerkt dazu lapidar in seinem Journal:

„Heute Nacht hat man Madame Ernst in ihrem Hotel verhaftet. Hier ist gestern scheinbar auch ein Jude mit Maschinengewehrfeuer getötet worden. Grau schimmerndes Wetter. Frühling. In Richtung Rhone ist der Himmel zwielichtig.“[24]

 Über Marseille wird Luise Straus-Ernst in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht.

Blick auf die heutige Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Drancy. Foto: Wolf Jöckel
Zellenangabe für Louise Straus-Ernst, Drancy Mai 1944[25]

Am 30. Juni 1944, da waren die Alliierten schon in der Normandie gelandet und das Ende des Krieges war in greifbare Nähe gerückt, werden 1156 Insassen des Lagers mit Autobussen zum Bahnhof Bobigny transportiert und dort in bereitstehende Güterwagen verladen. Vier Tage später, am 4. Juli 1944, erreicht der Zug Auschwitz. Bei der Selektion an der berüchtigten Rampe wird die schwer erkrankte Luise Straus-Ernst mit 534 anderen Menschen des Transports sofort in die Gaskammern getrieben und umgebracht.[26]

Heute erinnert noch ein Stolperstein in der Kölner Emmastraße 27 an Luise Straus-Ernst.[27]

In Manosque ist eine Straße nach ihr benannt. Und auf dem jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd gibt es einen Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab.[28]

Und jetzt endlich ist der „Zauberkreis Paris“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er entwirft nicht nur ein Bild der deutsche Emigration in Paris, sondern trägt auch dazu bei, die Erinnerung an Luise Straus-Ernst, diese außerordentliche Frau, wachzuhalten, in deren Leben und Tod sich ein tragisches Stück deutscher Geschichte spiegelt: Vom kulturellen Aufbruch der 1920-er Jahre hin zum Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Deutschlands. Beides hat sie intensiv gelebt und erlitten.

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Literatur:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Louise Straus-Ernst, Nomadengut. Materialien zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben  von Ulrich Krempel. (Mit einem Nachwort von Ulrich Krempel: Lou Straus-Ernst: Ein Leben- revidiert).  Sprengel-Museum Hannover 1999

Annette Bußmann, Luise Straus-Ernst. In: Frauen Biographieforschung  (mit ausführlicher Bibliographie) https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-straus-ernst/

A. Krätz, Luise Straus-Ernst – das bewegte Leben einer Kölnerin  https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=2021_10

Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst – das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016

Lutz Winkler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris. Erfahrung und Mythos der „großen Stadt“.  In: Frauen und Exil. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Exilforschung Band 11 1993.  München: edition text + kritik

Verpasster Frühling. Leben und Sterben der Luise Straus-Ernst. Ein Feature von Eva Weissweiler.  © Westdeutscher Rundfunk Köln 2017  https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/luise-straus-ernst-116.pdf

Sollst je du sollst du Schwänin auf dem Ozean : Hommage an Lou Straus-Ernst ; 1893 Köln – 1944 Auschwitz / von Ute Remus. Es sprechen Ute Remus u.a. Realisation Joachim Schmidt v. Schwind. CD und Booklet Köln 2003


Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs . Siehe dazu die Beiträge über Heinrich Heine und Ludwig Börne, die im 19. Jahrhundert in Paris Zuflucht vor der Repression im Deutschland des Vormärz gesucht haben.

Und dann war es der Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn und  Unterdrückung Andersdenkender Menschen ins Exil trieben. Und das bevorzugte Land, in dem sie Schutz suchten, war wiederum Frankreich.

Anmerkungen

[1] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 89

[2] Die Liste prominenter internationaler Stammgäste des Dôme ist lang. Dazu gehörten auch Wilhelm Uhde,  Otto Freundlich und Max Ernst…

[3] Weissweiler, S. 240

[4] Lutz Winkler, Seite 89f

[5] Siehe: Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 98/100

[6] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst

[6a] Zu Rosa Bonheur siehe z.B. Franz Zelger, „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“ In: Neue Züricher Zeitung vom 16.3.2022

[7] Siehe dazu auch: Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939. FFM: S. Fischer 2021, S. 60f

[8] Bild aus: Nomadengut, S. 135 (auch Umschlagfoto des Buchs) und Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 59

[9] Nomadengut, S. 137/138

[10] Nomadengut, S. 142/143/144

[11] Bild aus: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/luise-straus/DE-2086/lido/57c95809e63620.22455007 Auch in: Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 177

[12] Louise Straus-Ernst, Nomadengut, S. 147; siehe auch: Winckler, S. 89.  Es gibt dort auch eine Erinnerungsplakette für Rilke https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plaque_Rainer_Maria_Rilke,_11_rue_Toullier,_Paris_5e.jpg

[13] Strohmeyr, Nachwort zu „Traumland Paris“, S. 172/174 Zur Beziehung mit Fritz Neugass siehe Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 250f

[14] Aus: Nomadengut, S. 235

[15] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 176

[16] Aus: Nomadengut, S. 236/237

[17] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 105

[18] Armin Strohmeyr, Nachwort zu „Zauberkreis Paris“, S. 169

[19] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 91/92

[20] Nomadengut, S. 200/201.

[21] Siehe: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[22] Strohmeyer, Nachwort a.a.O., S. 180/181

[23] Aus: Nomadengut, S. 211

[24] Zit.Strohmeyer, Nachwort a.a.o., S. 181

[25] Bild aus: Nomadengut, S. 209

[26] Strohmeyr, Nachwort „Zauberkreis Paris“, S. 181/182

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolpersteine_K%C3%B6ln,_Dr._Louise_Straus-Ernst_(Emmastra%C3%9Fe_27).jpg  © 1971markus@wikipedia.de /

[28] Luise Straus-Ernst – Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab im Jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd (Flur 8 Nr.1-3)  https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst#/media/Datei:Luise_Straus-Ernst_-_Familiengrab.jpg

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Johann Gottfried Tulla, der „Rheindompteur“, in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

006

Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

014

Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

031

033

Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

  • 030

Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

IMG_7044

Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

IMG_7045

Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

042  024

Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

Zu Franz Hessel siehe: Gelebte Nonchalance. Zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und einzigartigen Feuilletonisten Franz Hessel. In: Frankfurter Rundschau vom 6.1.2021

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

136

Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

 070

Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

099  143

Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

128  129

Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Download (1) Apatrides Download ( Max Ernst

Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

003

In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

149 109

Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

120 123

122

Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

164

 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

009

Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

Ein Beitrag von Le Monde vom 13.3.2022 zum Lager von Les Milles als Ort politischer Bildung: : https://www.lemonde.fr/le-monde-evenements/article/2022/03/13/au-camp-des-milles-vous-etes-la-pour-comprendre-comment-on-peut-etre-trompe_6117317_4333359.html

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

050

„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

074

Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

063 066

Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

IMG_7963

Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

015

Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

009

Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

Anmerkungen:

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Es gibt auch einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

„Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940  https://paris-blog.org/2018/11/19/dadurch-dass-ich-zum-glueck-die-kinder-habe-ist-alles-doppelt-schwer-anna-seghers-im-pariser-exil-1933-1940/

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung  https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

Mit Heinrich Heine in Paris  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité 1935 https://paris-blog.org/2019/04/15/das-haus-der-mutualite-in-paris-2-der-erste-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-von-1935/

Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke) https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte  https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/