Armenier, Kommunist, Mann der Résistance: Missak Manouchian wird ins Pantheon aufgenommen (21.2.2024)

„Missak Manouchian hat zur grandeur Frankreichs beigetragen. Seine einzigartige Tapferkeit, sein patriotischer Elan … und sein stiller Heroismus … stellen eine besondere Quelle der Inspiration für unsere Republik dar. Missak Manouchian verkörpert die universellen Werte so wie „die zwanzig und drei, die im Fallen FRANKREICH schrie’n“, und auch sie werden mit ihm gefeiert. Denn die Gruppe Manouchian -Ausländer, Juden, Kommunisten-  verteidigte eine Republik, in der das Bekenntnis zu den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit alle Heldentaten ermöglicht, alle Opfer erlaubt und alle Schicksale vereint und überhöht….. Das für Frankreich vergossene Blut hat für alle die gleiche Farbe.“[1]

Mit diesen pathetischen Worten verkündete Präsident Macron seine Entscheidung, den Widerstandskämpfer Missak Manouchian in den Ruhmestempel Pantheon aufzunehmen, die höchste Ehrung der französischen Republik. Seine sterblichen Überreste werden dort, zusammen mit denen seiner Frau Mélinée[2]–  an der Seite von Rousseau und Voltaire, von Zola und Victor Hugo, von Jean Moulin und der zuletzt ins Pantheon aufgenommenen Josephine Baker aufgebahrt sein.

Präsident Macron hat für diese Ankündigung einen besonderen Anlass gewählt: Nämlich den 18. Juni 2023, den Jahrestag des für die Geschichte Frankreichs wegweisenden Appells des Generals de Gaulle vom 18.Juni 1940. Nach der französischen Niederlage hatte der in einer Rundfunkansprache von Radio London dazu aufgerufen, weiter Widerstand gegen die deutsche Besatzung zu leisten. Frankreich sei zwar besiegt, habe aber nicht den Krieg verloren, weil die Flamme des Widerstands noch nicht erloschen sei.[3]

1960, wiederum an einem 18. Juni,  hatte de Gaulle, inzwischen Staatspräsident, auf dem westlich von Paris gelegenen Mont-Valérien eine Erinnerungsstätte für die im Kampf gegen Hitlerdeutschland Gefallenen eingeweiht. Der Mont-Valérien war während des Zweiten Weltkriegs der hauptsächliche Ort gewesen, an dem die Besatzer Mitglieder des Widerstands, Juden, Kommunisten und Geiseln hinrichteten.[4] Und nun, am 18. Juni 2023 erklärte Präsident Macron bei der Gedenkfeier auf dem Mont-Valérien alle, die an diesem Widerstand gegen die Besatzer teilgenommen hatten, zu Helden. Dazu gehörten auch die ausländischen und kommunistischen Mitglieder des Widerstands, die die „Gruppe Manouchian“ bildeten. Am 21. Februar 1944 wurden 23 Mitglieder der Gruppe auf dem Mont-Valérien hingerichtet. Und 80 Jahre später, am 21. Februar 2024, wird  Missak Manouchian zusammen mit seiner Frau stellvertretend für die ausländischen Mitglieder der Résistance in das Pantheon aufgenommen werden.[5]

Wer war Missak Manouchian, und warum ist er, wie in den französischen Medien einhellig geurteilt wird, der Pantheonisierung würdig? Geboren wurde er am 1. September 1906 im Osmanischen Reich. Seine Eltern wurden während des Ersten Weltkriegs Opfer des Völkermords an den Armeniern. Mit seinem Bruder gelang ihm die Flucht ins Gebiet des heutigen Libanon und 1924 kam er nach Frankreich. Dort arbeitete er zunächst als Tischler in Marseille, dann bei Citroën in Paris, wo  damals viele Armenier Zuflucht suchten. Manouchian war literarisch interessiert, besuchte Kurse der Sorbonne und gründete eine armenische Literaturzeitschrift, für die er Baudelaire und Rimbaud übersetzte, nebenher schrieb er auch selbst Gedichte. 1931 trat er der Kommunistischen Partei bei. [5a]1933 beantragte er die französische Staatsbürgerschaft: Er wolle so rasch wie möglich eingebürgert werden, schrieb er am 1. August 1933 an das Justizministerium, um seinen Militärdienst ableisten zu können. Die Eingabe war allerdings erfolglos; vermutlich, weil er damals aufgrund der Weltwirtschaftskrise arbeitslos war.In einem armenischen Arbeitskreis der Partei lernte er Mélinée kennen, seine künftige Frau. Auch ihre Familie war dem Genozid zum Opfer gefallen. 1939 engagierte er sich freiwillig in der französischen Armee. Da er aber in der Bretagne stationiert war, nahm er 1940 nicht an den Kämpfen teil und wurde nach dem Waffenstillstand demobilisiert.

1941 schlossen sich Missak und Mélinée dem Widerstand gegen die NS-Besatzung an, weil er das Land, das ihn beschützt hatte, nun selbst beschützen müsse, wie er später schrieb. Er wurde an die Spitze des Pariser Netzwerks FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans-Main d’œuvre immigrée) befördert, eine Gruppe, in der vor allem Armenier, Italiener, Spanier und verfolgte Juden organisiert waren. 1943 verübten sie insgesamt dreißig Anschläge, vor allem auf militärische Eisenbahntransporte, aber auch Einrichtungen und Personen der Besatzungsmacht. Spektakulär war vor allem das Attentat auf den SS-General Julius Ritter, der in Frankreich den Service du travail obligatoire (STO) leitete, der die besonders verhasste Zwangsarbeit von Franzosen in Deutschland organisierte. Als Repressalie wählten die Besatzer 50 Gefangene als Geiseln aus und erschossen sie auf dem Mont-Valérien. Aufgrund der Anschläge wurde die FTO-MOI von den auf die Verfolgung „innerer Gegner“ spezialisierten brigades spéciales der französischen Polizei immer engmaschiger überwacht, bis ein beträchtlicher Teil des Netzwerks identifiziert war. Die deutsche Besatzungsmacht wäre dazu nicht in der Lage gewesen, wärend die französische Polizei ja schon seit längerem Ausländer, Juden und Kommunisten im Visier hatte.

Dies ist das Organigramm der Gruppe Manouchian, hergestellt von den französischen Spezialbrigaden aufgrund der vermutlich zwischen dem 24. Juli und 11. November 1943 durchgeführten Beschattungsaktionen.[6] Die Namen beziehen sich zum Teil auf äußere Merkmale der Beobachteten, meist auf den Ort der ersten Identifizierung. Missak Manouchian, der zum ersten Mal im Bahnhof Bourg-la-Reine ins Fadenkreuz der Spezialbrigaden kam, firmiert -in der Mitte des Spinnennetzes-  unter dem Namen Bourg.

Hier ein Auszug aus einem Protokoll einer Beschattungsaktion (filature) vom 9. November 1943- da ist Manouchian schon identifiziert: „Manouchian verlässt seine Wohnung um 7.15 Uhr, nimmt die Metro in Pernety und steigt an der Gare de Lyon aus. Mit dem Zug um 8.02 Uhr fährt er bis Brunoy, wo er um 8.45 aussteigt. Beim Bahnhofsausgang trifft er Estain“.  Dabei handelte es sich um den Manouchian übergeordneten Joseph Epstein, den militärischen Führer der FTP-MOI[7]. „Sie begeben sich nach Épinay-sous-Sénart, drehen dann um und betreten ein Café vor dem Bahnhof von Brunoy. Dort bleiben sie 50 Minuten. Sie trennen sich um 11.30 Uhr, und Manouchian fährt mit dem Zug zurück nach Paris.“[8] Allerdings schlägt die französische Geheimpolizei hier noch nicht zu, sondern erst einige Tage später.  Am 16. November wird Manouchian verhaftet, verhört und dann mit weiteren Mitgliedern seiner Gruppe den Deutschen überstellt.

Polizeifotos der Préfecture de Police von Paris, November 1943[9]

Es folgt ein Prozess vor dem Kriegsgericht beim Kommandanten von Groß-Paris, im Hotel Continental rue de Rivoli/rue de Castiglione.  Dabei wandte sich Manouchian an die Kollaborateure der Spezialbrigaden und sagte den berühmten Satz: „Ihr habt die französische Staatsbürgerschaft nur geerbt, wir haben sie uns verdient.“[10] Am 21. Februar 1944 wird er auf dem Mont-Valérien mitsamt 21 seiner Genossen hingerichtet. Joseph Epstein wird erst später verurteilt und hingerichtet. Der französischen Spezialpolizei ist seine wahre Identität unbekannt -für sie ist „Estain“ ein Franzose, der in einen Propaganda-Prozess gegen Ausländer und Juden nicht passt   [11]

8 Mitglieder der Gruppe kurz vor der Erschießung. Dritter von links in der Reihe/Zweiter von links auf dem Foto ist Manouchian.[12] 

Hinrichtung der Widerstandskämpfer der Gruppe Manouchian, Lichtung der Erschossenen des Mont-Valérien, 21. Februar 1944. Von der Erschießung durften keine Fotos gemacht werden. Es war ein deutscher Unteroffizier, der Nazigegner Clemens Rüther, der heimlich drei Fotos der Hinrichtung machte. Olga Bancic, die einzige Frau in der Gruppe, wird nach Deutschland gebracht und dort enthauptet. Wollte man den deutschen Soldaten ersparen, auf eine Frau zu schießen? [13]

Vielleicht wären Missak Manouchian und die Mitglieder seiner Gruppe unter den vielen Opfern der Résistance und des Krieges in Vergessenheit geraten, hätte es nicht das „Rote Plakat“ (affiche rouge) gegeben. Es war ein Propagandaplakat der deutschen Besatzer und der Vichy-Behörden, auf dem die am 21. Februar Erschossenen als ausländische und mehrheitlich jüdische  Kriminelle dargestellt wurden- an der Spitze Missak Manouchian: „Armenier, Anführer der Bande, 56 Attentate, 150 Tote, 600 Verwundete“. Die rote Farbe ist die Farbe des Blutes.[14]

Jedenfalls fragte sich später Mélinée Maouchian, die die Verfolgung u.a. dank des Schutzes der Familie Aznavour überlebte:  „Es gibt Tage, an denen ich nicht anders kann, als daran zu denken, dass vielleicht, wenn die Nazis nicht dieses rote Plakat gemacht hätten, niemand über Manouchian, Boczor, Rajman, Alfonso und die anderen ausländischen Kämpfer gesprochen hätte. Sie wären begraben und vergessen worden.“[15]

Flugblatt zu dem Plakat.[16] Die nationalistische Propaganda stellte die Manouchian-Gruppe als Feinde Frankreichs dar. Ihre Aktionen seien „ein ausländisches Komplott gegen das Leben der Franzosen“. Um dieser Propaganda nicht Vorschub zu leisten, verübten die FTP-MOI nur Anschläge auf deutsche Militärangehörige und militärische Objekte, nicht auf Franzosen.

Es gibt unterschiedliche Darstellungen, wo und in welchem Umfang Plakat und Flugblatt verbreitet wurden.[17] Und unterschiedlich wird auch dargestellt, wie die französische Bevölkerung auf das Plakat reagierte. Verbreitet wird festgestellt, es habe nicht die gewünschten Reaktionen provoziert; ganz im Gegenteil: Die Pariser hätten die Plakate beschmiert, Blumen niedergelegt und in großen Lettern „morts pour la France“ (gestorben für Frankreich) darauf geschrieben.“[18] Nach den Forschungen von Annette Wieviorka gibt es dafür aber keinen Beweis; „rien ne le prouve.“[19] Dazu passt auch die Einschätzung von Lionel Rochman, selbst ein Mann des kommunistischen Widerstands, in seinen Erinnerungen:

„Hätten sie Martin oder Durand geheißen, hätte ich mich mit ihrem Tod und in ihrem Martyrium identifiziert. Aber sie hießen Grzywacz und Wajsbrot und Fingercweig, und das war unaussprechlich. Ja, die Propagandisten machten ihre Sache gut, als sie die Rote Karte druckten. Ja, nach Jahren antisemitischen Einhämmerns mussten selbst die Widerstandskämpfer gute, bodenständige Franzosen sein. […] Die fromme Lüge, dass Frankreich beim Aufhängen des Roten Plakats heimlich im Schmerz vereint war, eine Lüge, die von unserem „guten nationalen Gewissen“ aufrechterhalten wurde, hat zu lange verschleiert, dass Propaganda (heute würde man sagen Desinformation) die Macht hat, aus dem Nichts eine zweite Wahrheit zu erschaffen, die nach und nach die Wahrheit verdrängt.“[20]

Selbst nach der Befreiung hörte die Verdrängung der Wahrheit nicht auf: General de Gaulle betrachtete sich als den wahren Repräsentanten des Widerstands, der für ihn vor allem die FFI (Forces françaises de l’intérieur ), die nach seinem Appell von 1940 neu aufgebaute Armee, und die compagnons de  la Libération des von ihm 1940 gegründeten Ordens der Befreiung umfasste.  Immerhin war de Gaulles Appell vom 18. Juni 1940 die Geburtsstunde des französischen Widerstands, während die Moskau-treuen Kommunisten erst nach dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts, also dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, den organisierten Kampf gegen die Besatzer aufnahmen. In aktuellen Würdigungen bleibt das gerne außen vor oder wird schamhaft umschrieben. Es habe da, heißt es beispielsweise in einer aktuellen Würdigung der FTP-MOI, 1940 „quelques hésitations“ seitens der KPF gegeben… Auch Missac und Mélinée Manouchian schlossen sich ja erst dann dem Widerstand an.[21] Vor allem nach dem Ausbruch des Kalten Kriegs entbrannte ein wahrhafter Krieg um die Deutungshoheit des Widerstands, „une longue bataille de mémoire“ (Guy Konopnicki) . Das Pantheon ist dafür ein bezeichnender Gradmesser: Eine ganze Reihe von fast ausschließlich gaullistischen Mitgliedern des Widerstandes wurde bisher schon ins Pantheon aufgenommen: Félix Eboué (1949), René Cassin (1987), André Malraux (1996), Pierre Brossolette, Geneviève de Gaulle-Antonioz, Germaine Tillon (2015) und Josephine Baker (2021). Erst jetzt, mit Missak Manouchian, widerfährt einem Mitglied des kommunistischen Widerstands diese Ehre.

Einen „Krieg der Erinnerung“ gab es aber auch innerhalb der KPF. Die Partei vertrat damals eine sehr patriotische Linie, zu der die Herausstellung kultureller und sprachlicher Besonderheiten nicht passte. So tat sie sich schwer mit der Anerkennung ihrer jüdischen und ausländischen Résistance-Kämpfer. Zwei Beispiele: 1946 war ein Sammelband mit Briefen von erschossenen Widerstandskämpfern erschienen, Lettres de fusillés. 1951 gab es eine der von der Partei abgesegnete Neuauflage Lettres de communistes fusillés, zu der Louis Aragon, prominenter Dichter und militanter Stalinist, das Vorwort schrieb. Die in der ersten Auflage noch enthaltenen 10 Briefe von Mitgliedern der FTP-MOI waren darin nicht mehr enthalten.[23] Nicht genug damit: 1953 wandten sich zwei ehemalige Mitglieder der FTP an Aragon wegen der Veröffentlichung von 10 Episoden aus dem Widerstand. Die erste erzählte die Geschichte von Michel Manouchian. Aragons Antwort: „Man darf nicht den Eindruck erwecken, dass der französische Widerstand einfach so, von derart vielen Ausländern gemacht wurde. Man muss ein wenig französisieren.“ [24] Die Französisierung des Vornamens reichte da offenbar nicht.

1955 dann die Kehrtwende Aragons – vielleicht aus Reue, vielleicht auch vor dem Hintergrund der sich anbahnenden Entstalinisierung nach dem Tod Stalins 1953.  1955 also veröffentlichte Aragon in dem kommunistischen Parteiorgan L’Humanité (und ein Jahr später in Le Roman inachevé) das Gedicht Strophes pour se souvenir/ L’Affiche rouge, das Léo Ferré dann ganz wunderbar vertonte. [25] Anlass war -nach einem gescheiterten ersten Anlauf 1951- die Benennung einer Straße im „roten“ 20. Arrondissement von Paris nach der Gruppe Manouchian.

Aragon bezieht sich in diesem Gedicht auf den Abschiedsbrief Manouchians an seine Frau unmittelbar vor seiner Hinrichtung.[26] Die Gruppe Manouchian wird mit diesem Gedicht in den Kreis der von der KPF gefeierten Helden aufgenommen. Das Rot des Plakats ist jetzt das Rot des Kommunismus. Aragon betont in dem Gedicht die Uneigennützigkeit der Widerstandskämpfer der Gruppe: Vous n’avez réclamé la gloire ni les larmes. Nicht den Ruhm hätten sie gesucht, sondern ihr Leben für ein höheres Ideal hingegeben. Er hebt auch den Humanismus der Gruppe hervor, indem er aus dem Abschiedsbrief Missak Manouchians sinngemäß zitiert: „Ich sterbe ohne Hass auf das deutsche Volk.“  Und vor allem betont er den Patriotismus der Gruppe: „zwanzig und drei Ausländer und gleichwohl unsere Brüder“.  Sie hätten sich zu Frankreich bekannt (français de préférance) und noch im Fallen FRANKREICH geschrien, was Präsident Macron in seine anfangs zitierte Pantheonisierungsankündigung dann auch aufnahm. Aber auch das „FRANKREICH“ als letzter Ruf aller könnte eine Legende sein….  [27]

Bemerkenswert ist übrigens, worauf Annette Wieviorka mit Recht hinweist, dass in dem Lied Aragons das Wort „Jude“ oder „jüdisch“ überhaupt nicht vorkommt – obwohl doch die faschistische Propaganda gerade das hervorgehoben hat: Von den 10 auf dem roten Plakat abgebildeten Widerstandskämpfern werden ja 7 ausdrücklich als Juden herausgestellt. Nach Wieviorka wirkt in der Auslassung Aragons noch der sowjetische Antisemitismus: 1952 waren in Prag im Slansky-Prozess die Beschuldigten wegen „zionistischen Komplotts“ zum Tode verurteilt worden. Und einer von ihnen, Artur London, im Krieg führendes Mitglied der FTP-MOI, entging nur wegen seiner guten Beziehungen zur den Führern der KPF dem Tod, saß aber 1955, als Aragon sein Gedicht schrieb, immer noch in Haft… [27a]

Fresko von Popov für die Manouchian-Gruppe aus dem Jahr 2012 mit Zitaten aus dem Abschiedsbrief Manouchians an seine Frau. 20. Arrondissement, 1 Passage du Surmelin/Ecke rue Darcy

Detail des Freskos: Mitglieder der Gruppe mit rotem Heiligenschein kurz vor der Hinrichtung

Mit dem Heldenlied Aragons war die Auseinandersetzung um Manouchian und seine Gruppe allerdings noch nicht beendet. Denn es kam 1984/1985 noch zur sogenannten „Affaire Manouchian“.[28] Auslöser war der Dokumentarfilm „Des terroristes à la retraite“ von Mosco Levi Boucault über die jüdischen und ausländischen Mitglieder des kommunistischen Widerstands auf der Grundlage von Interviews mit Überlebenden. Das Ergebnis stand in erheblichem Widerspruch mit dem Geschichtsbild der PCF. Da war, angesichts der vielen von den Nazis erschossenen Widerstandskämpfer, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. War der Widerstand militärisch sinnvoll oder ging es eher darum, Einfluss auf die Politik der Résistance zu gewinnen und auf die in dieser Zeit intensiv vorbereitete Nachkriegspolitik Frankreichs? – Die von Stéphane Courtois vertretene These: „In dieser entscheidenden politischen Periode bediente sich die KPF ihres Images als der dynamischsten, heroischsten und in ihrem Patriotismus nicht zu übertreffenden Widerstandsorganisation. Um dieses Image zu unterstreichen, waren spektakuläre Aktionen inmitten der französischen Hauptstadt für die Kommunisten lebenswichtig.“[29]

Einer der interviewten ehemaligen Kämpfer, Louis Grojnowski, dazu: „Wir konnten nicht kapitulieren. Bestimmte Gruppen mussten kämpfen. In jedem Krieg opfert man Menschen.“ Zwar spät -nach dem Bruch des Hitler-Stalin-Pakts-  gekommen, waren die Kommunisten damals tatsächlich die einzigen, die in Paris den städtischen Guerillla-Kampf wagten, auch wenn sie damit die von den Besatzern als Repressalie angekündigten und unerbittlich exekutierten Geiselerschießungen in Kauf nahmen. Erste FTP-Gruppen waren allerdings schnell aufgerieben worden. Und obwohl es deutliche Hinweise gab, dass die Polizei auch der Manouchian-Gruppe auf der Spur war, wurde sie nicht von der Parteileitung aus Paris abgezogen. Annette Wieviorka schreibt dazu: „Warum sollten sie in Paris weiter kämpfen, obwohl die Führung davon ausgehen konnte, dass sie schon von der Polizei entdeckt und überwacht wurden? Warum wurden sie nicht in der Provinz in Sicherheit gebracht? Warum wurden sie nicht in die Maquis geschickt, die sich überall im Land auszubreiten begannen?  (…) Im Juni 1943 beging die Leitung des MOI oder der kommunistischen Partei den Fehler, den man als kriminell bezeichnen kann, nämlich die Kämpfer in Paris zu belassen…..“[30] Diese Position vertritt auch der Journalist Garnier-Raymond, Autor des Buches ‚L’affiche rouge‘ von 1976, der ebenfalls in dem Film zu Wort kommt: „Meiner Meinung nach hat die Leitung der FTP mit einem großen Zynismus die Manouchian-Gruppe im Stich gelassen und geopfert.“[31] Es kam daraufhin zu einer erbitterten Auseinandersetzung um die Ausstrahlung des Films vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen PS und PCF, deren Minister damals aus der Regierung austraten, und einer Umstrukturierung der politischen Landschaft Frankreichs. Die PCF beklagte eine Diffamierungskampagne, mit der „die Ehre und das Erbe der Partei“ beschmutzt  werde und versuchte, die  Ausstrahlung des Films zu verhindern. Schließlich wurde er doch, mit einer Stellungnahme der PCF vorab und einer Diskussion danach, gesendet. 13 Millionen Franzosen saßen vor den Fernsehern, fast 30% Einschaltquote![32]

Jetzt, mit der Pantheonisierung Manouchians, ist der „Krieg der Erinnerung“ zu einem guten Ende gekommen und die getrennten Erinnerungsstränge von Gaullisten und Kommunisten wurden zusammengeführt, „ein wahrhafter geschichtspolitischer Wendepunkt.“ [33]  Damit wird auch die Vorhersage Manouchians im Abschiedsbrief an seine Frau erfüllt, dass nämlich das französische Volk eines Tages das Andenken an die Gruppe würdig ehren werde.  

Ein Portrait Manouchians  des Straßenkünstlers und Malers Christian Guemy (C 215) im Gefängnis von Fresnes. Dort wurde Manouchian vor seiner Hinrichtung  gefangen gehalten. [34]

Die Reaktionen auf die Entscheidung Macrons waren denn auch ausgesprochen positiv- und das will angesichts der weit verbreiteten Kritik am Präsidenten schon etwas heißen. Kritisiert wurden höchstens der späte Zeitpunkt der als überfällig angesehenen Ehrung (z.B. Peschanski) oder die Beschränkung auf die Manouchians (z.B. Wieviorka).

Natürlich ging es Präsident Macron nicht nur um ein geschichtspolitisches Werk der Versöhnung. Die Auswahl Manuchians hat, wie andere Pantheonisierungs-Entscheidungen- einen aktuellen Bezug. Mit der Wahl werden auch zwei auf die Gegenwart bezogene gesellschaftspolitische Botschaften vermittelt, die Macron selbst deutlich herausgestellt hat. Am 7. Dezember letzten Jahres besuchte er das Pantheon zur Vorbereitung der Aufnahme der Manouchians. Seine Aufgabe sei es, so stellte er aus diesem Anlass fest, die Einheit der Nation zu bewahren.[35] Und dazu passt natürlich die Beschwörung der Einheit des antifaschistischen Widerstands, des kämpferischen Frankreichs (la France combattante), dessen bedeutendster Erinnerungsort der Mont-Valérien ist. Ein kämpferisches Frankreich wünscht sich Macron auch in der Gegenwart: Nachdem er 2020 anlässlich der Covid-Pandemie schon verkündet hatte, Frankreich befinde sich im Krieg, proklamierte er in seiner Ansprache zum neuen Jahr 2024 eine umfassende Wiederbewaffnung (réarmement): réarmement der Poltik, der Gesellschaft, vor allem der Schule, der Wirtschaft, der Moral…. Inzwischen hat die kriegerische Terminologie noch weitere Kreise gezogen: Da geht es sogar, angesichts der auch in Frankreich sinkenden Geburtenraten, um ein réarmement démographique und neuerdings, angesichts der protestierenden Bauern, um ein réarmement agricole …. Aber das aux armes citoyens! Ist den Franzosen ja vertraut.[36]

Die von Macron beschlossene Ehrung der ausländischen und jüdischen Helden des antifaschistischen Widerstands hat in einer Zeit der Xenophobie, des Antisemitismus, der Drohung eines angeblichen Bevölkerungsaustauschs und der Forderung nach einer radikalen Begrenzung der Einwanderung noch eine weitere Dimension: Sie soll ja gerade auf das große Engagement und die Opferbereitschaft von Ausländern für Frankreich und seine Freiheit hinweisen.[37] Immerhin waren von den 1006 Widerstandskämpfern und Geiseln, die während des Krieges auf dem Mont-Valérien erschossen wurden, 185 Ausländer.[38] Allerdings wird diese Botschaft, die von dieser Pantheonisierung ausgehen sollte, von weiten Teilen der französischen Bevölkerung und ihren Volksvertretern nicht gehört. Das zeigt das von einer Parlamentsmehrheit im Dezember 2023 beschlossene und von dem rechtsradikalen Rassemblement National Marine le Pens bejubelte Immigrationsgesetz. Erst durch eine Notbremse des Conseil constitutionnel, des französischen Verfassungsgerichts, wurde es wieder etwas entschärft. Und von konservativer Seite wird ausdrücklich zurückgewiesen, die Pantheonisierung Manouchians für „aktuelle politische Polemiken zu instrumentalisieren.“ [39] Der durch die letzte Pantheonisierung von Josephine Baker und jetzt die von Missak Manouchian erneut beschworene Geist der Résistance hat seine Wirkkraft offensichtlich verloren.

Denis Peschanski, Kurator der Ausstellung im Mémorial de la Shoah, hat einen sehr ausführlichen Kommentar zu dem Blog-Beitrag geschrieben, für den ich mich sehr bedanke. Ich drucke ihn nachfolgend ab:

Lieber Wolf, Bravo für diese langjährige Arbeit. Ich entdecke Ihren Blog und die Sorgfalt, mit der Sie die Themen im Detail behandeln. Ich erlaube mir einige Anmerkungen.

  1. zu den Gründen für die Verhaftung der Gruppe: Sie sollten die Chronologie präzisieren: In Moscos Dokumentarfilm von 1985 werden am Ende die KPF und Boris Holban als Verantwortliche für den Sturz genannt, weil sie sie an die Polizei ausgeliefert haben. Hätte Epstein, der zusammen mit Manouchian verhaftete Führer der Pariser FTPF, ausgesagt, wäre die gesamte Führung der PCF verhaftet worden. Eine anschließende Beschattung führte zur Verhaftung aller französischen Kader der FTPF in Paris. Schließlich schrieb Manouchian in seinem letzten Brief: „Ich vergebe allen außer dem, der uns verraten hat (Dawidowicz), und denen, die uns verkauft haben“. Die uns verraten haben? Der Ausdruck bezieht sich offensichtlich auf den französischen Staat und die Pariser Polizei. Wenn er an die KPF und/oder Holban dachte, würde das bedeuten … Vichy und der französischen Polizei vergeben, die sie verfolgt, verhaftet und gefoltert hat. Das ist natürlich lächerlich. Dann, für das Buch „Le Sang de l’étranger“, das 1989 erschien, bestand mein Beitrag vor allem darin, die drei Beschattungen, die von Januar bis November 1943 aufeinander folgten, zu recherchieren und zu analysieren. Dies reichte aus, um den Fall zu erklären, zumal Manouchian selbst bereits am 24. September 1943, also fast zwei Monate vor seiner Verhaftung, beschattet worden war, und zwar durch eine hochprofessionelle Polizei. Angesichts des Offensichtlichen wurde ein weiteres Argument vorgebracht: Man habe gewusst, dass sie bedroht waren und hätte sie in Sicherheit bringen müssen. Aber warum erst vor den Verhaftungen im November 43? Warum nicht vor der ersten Verhaftungswelle im Juli 43? Oder vor der ersten, als Krasucki im März 43 fiel? Und warum nicht vor dem Dezember 42, als zwei der drei Mitglieder der Pariser FTP-MOI-Führung verhaftet wurden? Und so weiter. Der beste Weg, nicht wegen Widerstands verhaftet zu werden, war … sich nicht an der Résistance zu beteiligen. Und das gilt für die gesamte Résistance, deren Geschichte von Verhaftungen geprägt ist.
  2. Zur Frage der Pantheonisierung. Sie schreiben, dass ich dem Präsidenten der Republik vorwerfe, dass er Manouchian nicht früher pantheonisiert hat. Das ist zutreffend, aber man muss bedenken, dass er der erste Präsident ist, der einen ausländischen Widerstandskämpfer und einen kommunistischen Widerstandskämpfer pantheonisiert hat. Wie ich bereits geschrieben habe, gab es generell eine wahre Revolution des Gedenkens: Am 18. Juni 2023 war bei der gaullistischen Gedenkfeier auf dem Mont Valérien zum ersten Mal ein Präsident auf die Lichtung herabgestiegen, auf der die Erschießungen stattfanden; und da wurden nicht nur die ausländischen und kommunistischen Widerstandskämpfer geehrt, sondern auch die Erinnerung an den gaullistischen Widerstand und an die auf der Lichtung Erschossenen zusammengeführt. Von den 185 erschossenen Ausländern trugen 92 nicht das symbolische, aber sehr wichtige Prädikat „Mort pour la France“. Emmanuel Macron beschloss, ihnen allen dieses Prädikat zuzuerkennen und forderte, die Frage für alle Erschossenen oder an allen Hinrichtungs- oder Haftorten Verstorbenen zu prüfen. Man kann ihm vorwerfen, was man will, aber sicher nicht diese Sequenz des Gedenkens.
  3. Da ich von Anfang an zum Leitungsteam des von Jean-Pierre Sakoun initiierten Komitees für die Pantheonisierung Manouchians im August 2021 gehörte, habe ich alle Etappen miterlebt. Und von Anfang an war klar, dass alle im Prozess der affiches rouges Erschossenen eine besondere Ehrung erfahren würden. A. Wieviorka hat also nicht Recht, wenn sie sagt, dass nur von Manouchian die Rede sei. Sie wusste jedoch bereits Anfang September letzten Jahres (in der Sendung „Répliques“ von Finkielkraut, France Culture, zu der wir beide eingeladen waren), dass eine Ehrung der ganzen Gruppe mit einer Gedenktafel im Pantheon stattfinden würde. Wenn Sie dorthin gehen, werden Sie sehen, dass darauf tatsächlich alle Namen der Gruppe in goldenen Buchstaben an der Wand neben der Gruft XIII stehen, in der Missak und Mélinée Manouchian ruhen. A. Wieviorka wusste das ganz genau, und im Übrigen hatte der Präsident in seiner Rede vom 18. Juni 2023 darauf hingewiesen, und die Information wurde im Bulletin Quotidien vom 27. September 2023 veröffentlicht. Es ist daher amüsant, sie am 22. Februar 2024 auf France Culture den Erfolg der doppelten Gedenkfeier (Mont Valérien und Panthéon) für sich und die Unterzeichner ihres Schreibens vom 26. November 2023 reklamiert.
  4. Sie sind so freundlich, die beiden Ausstellungen zu erwähnen, die eine im Mémorial de la Shoah über „Des étrangers dans la Résistance“, die andere im Pantheon. Die erste Ausstellung habe ich gemeinsam mit Renée Poznanski kuratiert, die zweite habe ich selbst kuratiert. Auch der Film von France 2 unter der Regie von Hugues Nancy, an dem ich mitgeschrieben habe, trägt den Titel „Missak Manouchian et ceux de l’Affiche rouge“ und stellt die Gruppe in ihrer Gesamtheit gut dar. Es ist also nicht zutrefend, dass wir nur von Missak Manouchian sprechen! Die Person und ihr Lebensweg verdienen Respekt und Interesse. Diese Erinnerungsepisode hat zu neuen Forschungen und Entdeckungen über diesen Lebensweg geführt, insbesondere über die beiden Einbürgerungsanträge und die Beziehung zwischen seinem politischen Engagement und seiner Leidenschaft für die Poesie.
  5. Schließlich zeigen Sie deutlich die Widersprüchlichkeit der Aussagen, die Aragon zugeschrieben werden. Wie kann er 1953 meinen, man dürfe nicht den Eindruck erwecken, die Résistance bestehe nur aus Ausländern, und weniger als zwei Jahre später ein Gedicht schreiben, dessen Bedeutung und Schicksal bekannt sind? Es wäre gut, die zitierten Quellen zu recherchieren. Im einen Fall handelt es sich um eine mündliche Quelle, die dreißig Jahre nach den Ereignissen in einer Zeitung wiedergegeben wird, im anderen Fall um die Realität des Schreibens und der Veröffentlichung.
  6. All dies zeigt, wie sehr Ideologie und Politik in die Erinnerungsarbeit eingreifen und leider manchmal auch in das, was der wissenschaftliche Ansatz des Historikers sein sollte. Ein aufmerksamer Blogger wie Sie sollte auch darauf achten, wie Sie es im Allgemeinen so gut machen! Ihre Liebe zu Frankreich und zu Paris hätte Sie allerdings in folgendem Punkt mehr leiten müssen: Alle diese Kämpfer teilten zwei Hauptmatrizen, die kommunistische und internationalistische Matrix und die Matrix, die sie mit Frankreich verband, dem Land, in dem die meisten von ihnen (einige wurden in Frankreich geboren und sind sogar Franzosen) zu Hause waren, aber natürlich nicht das Frankreich Pétains, sondern das Frankreich der Französischen Revolution, der Menschenrechte und der Aufklärung. Auch das ist eine Lehre für heute. Bien amicalement
    Denis Peschanski

Annette Wieviorka, Ils étaient juifs, résistants, communistes. Paris: Perrin 2018

Adam Rayski, L’affiche rouge. Herausgegeben vom Comité d‘Histoire de la Ville de Paris 2009 https://www.fondationresistance.org/documents/cnrd/Doc00128.pdf

Stephane Courtois, Denis Peschanski, Adam Rayski, L’Affiche Rouge – Immigranten und Juden in der französischen Résistance. Verlag Schwarze Risse. Berlin 1994

Emmanuelle Cart-Tanneur, Missak: Un résistant. Books on demand

Denis Peschanski, Des étrangers dans la résistance. Paris, Éditions de l’Atelier/Éditions ouvrières, 2013

Jeanne-Marie Martin, Missak Manouchian. In: dies.: Portraits de résistants. 10 vies de courage. Librio 2015, S. 52ff

Dominique Moncond’huy, Sylvain Boulouque, et al, Mélinée et Missak Manouchian, une histoire francaise: La mémoire du groupe des 23. Collection Une autre Histoire 2024

Benoît Rayski, L’affiche rouge. Denoël 2024

Le Monde hors-série, Résistants. Missak Manouchian et sa compagne Mélinée entrent au Pantheon. 2024

Eine Ausstellung im Mémorial de la Shoah

17, Rue Geoffroy l’Asnier  75004 Paris

Ab 2. Februar 2024

Öffnungszeiten:  Mo, Di, Mi, Fr, So 10-18 Uhr; Do 10- 22 Uhr; Sa geschlossen

Die Konferenz zur Eröffnung der Ausstellung am 1.2.2024 ist zugänglich auf: https://www.google.com/search?q=youtube+Memorial+de+la+Shoah+conference+Etrangers+dans+la+Resistance&oq=youtube+Memorial+de+la+Shoah+conference+Etrangers+dans+la+Resistance

Pädagogische Handreichungen zur Ausstellung: https://www.memorialdelashoah.org/wp-content/uploads/2016/05/livret-pedagogique-affiche-rouge.pdf

Eine außerordentliche Ausstellung in der Krypta des Pantheons

Vom 23. Februar bis zum 8. September 2024 gibt es, anlässlich der Pantheonisierung von Missak Manouchian und seiner Gruppe, eine Ausstellung in der Krypta des Pantheons.

 « Vivre à en mourir. Missak Manouchian et ses camarades de Résistance au Panthéon »,

Sie dokumentiert den Lebensweg von Missak Manouchian und das Engagement der Francs-Tireurs et Partisans de la Main d’Œuvre Immigrée.


Zur Zeremonie am 21. Februar

Im Vorfeld der Zeremonie am 21.2. gab es erhebliche Diskussionen um die Teilnahme von Vertretern der rechtsradikalen Parteien an der Pantheonisierung von Missak und Mélinée Manouchian. In einem Interview mit der Zeitung L’Humanité hatte Präsident Macron die Meinung vertreten, Marine Le Pen vom RN und der Parteivorsitzende Jordan Bardella täten gut daran, in Anbetracht des Kampfes der Manouchians und des Charakters der Partei der Veranstaltung fernzubleiben. Auch das Unterstützungskomittee, das seit Jahren die Pantheonisierung betrieben hat, äußerte sich in diesem Sinne. Die Rechtsradikalen gehörten nicht zum „arc républicain“. Marine le Pen und Bardella haben das entschieden zurückgewiesen. Der Präsident habe nicht das Recht zu entscheiden, welches die guten und welches die schlechten Abgeordneten der République française seien. (La Croix, 19.2.) Sie werden also am 21. dabei sein – und offenbar will/kann man es ihnen auch nicht verwehren. „Eine letzte Etappe des Prozesses der Normalisierung?“, wie Le Monde fragt. Eine „Brandmauer“ gibt in Frankreich schon seit längerem nicht (mehr)…

Le Monde, 20.2.2024

Titelseite von Libération: „La France enfin reconnaissante“ – (das endlich dankbare Frankreich) bezieht sich auf die Inschrift auf dem Portikus des Pantheon: la patrie reconnaissante. Das enfin drückt aus, dass es endlich Zeit sei für die Anerkennung des Engagements der ausländischen Widerstandskämpfer.

l’Humanité vom 21. Februar 2024

„Entre ici Manouchian“ bezieht sich auf die berühmte Rede, die André Malraux am 19. Dezember 1964 anlässlich der Pantheonisierung des Widerstandskämpfers Jean Moulin hielt: „Entre ici, Jean Moulin!“

(L’Est éclair 21.2.24)

Paris ehert Missak Manouchian und seine Mitstreiter, Fremde, Widerständler, Gestorben für Frankreich

Foto: Wolf Jöckel, Februar 2024 Rue de la Roquette, 11. Arrondissement

Foto: Wolf Jöckel im März 2024

Anmerkungen

[1] Wortlaut des Kommuniqués: https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/2023/06/18/ceremonie-du-18-juin-2023

[2] Missak und Mélinée Manouchian sind das vierte Paar, das ins Pantheon aufgenommen wird nach Marcellin und Sophie Berthelot (1907), Pierre und Marie Curie (1995) und Simone und Antoine Veil (2018), wobei  allerdings Pierre Curie seine Pantheonisierung nicht seiner Ehe, sondern eigenen Verdiensten zu verdanken hat.

[3] Bild aus: https://www.gouvernement.fr/partage/8708-l-appel-du-18-juin-du-general-de-gaulle

[4] Zum Mont Valérien siehe: https://www.mont-valerien.fr/informations-pratiques-et-pedagogie/les-visites/

[5] Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/insolite/histoire-insolite-paris/missak-melinee-manouchian

[5a] Nach den neuesten Forschungen von Denis Peschanski, der auch die Ausstellung im Mémorial de la Shoah kuratierte, trat Missak Manouchian schon 1931 in die KPF ein und nicht erst, wie üblicherweise angegeben, 1934. Siehe Au fil des archives. Missak et Mélinée Manouchian entrent au Panthéon. In: Mémoire d’avenir. Le Magazine des Archives nationales. No 53, Januar-März 2024, S. 11. Dort auch, auf Seite 10, die Begründung Manouchians für seinen Antrag auf Naturalisation: „Je désire être naturalisé au plus vite pour faire mon service militaire.“

[6] Aus den Archives de la Préfecture de Police de Paris. Abgebildet in der Ausstellung Les Étrangers dans la Résistance en France im Mémorial  de la Shoah

[7] http://classes.bnf.fr/heros/arret/03_4_2.htm

[8] Courtois/Peschanski/Rayski, L’Affiche Rouge, S.264

[9] https://theatrum-belli.com/les-resistants-du-groupe-manouchian/

[10] «Vous avez hérité de la nationalité française, nous, nous l’avons méritée.» Siehe: Eve Szeftel, Missak Manouchian, apatride mais français par le sang versé. In: Libération vom 21. Februar 2022  

[11] Siehe: Léonardo Kahn, Der armenische Dichter Missak Manouchian wurde 1944 von Nazis hingerichtet. Jetzt wird er ins Panthéon aufgenommen – als erster ausländischer Widerstandskämpfer. Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2023 https://www.sueddeutsche.de/kultur/missak-manouchian-pantheon-kommunist-1.5947203 Allerdings ist der dort angegebene Zeitpunkt der Verhaftung Manouchians (Februar 1944) unzutreffend.

Zur Biographie Manouchians u.a.  https://eduscol.education.fr/3736/missak-manouchian-entre-au-pantheon und Missak Manouchian — Wikipédia (wikipedia.org)

.[12] Quelle: Bundesarchiv.  Aus: https://www.radiofrance.fr/franceculture/missak-manouchian-au-pantheon-trahisons-et-ornieres-d-un-memoire-communiste-capricieuse-7848386

[13] © Association Les Amis de Franz Stock/ECPAD   https://www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/das-gedenken-den-widerstand-mont-valerien  Siehe dazu: https://www.fondationresistance.org/pages/rech_doc/photographie-execution-mont-valerien-membres-groupe-manouchian_photo15.htm

[14] Bild und weitere Informationen in: https://de.wikipedia.org/wiki/Affiche_rouge

[15] Übersetzung eines Zitats aus dem Film Des „terroristes“ à la retraite von 1985. Originalzitat: https://museedelaresistanceenligne.org/media5072-Plaque-la-mmoire-des-23-membres-de-lAffiche-rouge 

Entsprechend Guillaume Perrault: „Cette médiatisation a sauvé paradoxalement le groupe Manouchian de l’oubli complet dans lequel sont tombés tant de héros.“ Aus: Quand l’affaire Manouchian passionnait la France en 1884-1985. In: Le Figaro vom 20. Juni 2023, S. 18

[16] Aus der Ausstellung Les Étrangers dans la Résistance en France im Mémorial de la Shoah, Paris

[17] Das Mémorial de la Shoah geht (Januar 2024) von 15 000 gedruckten Exemplaren und der Verbreitung in ganz Paris aus.

[18] Siehe zum Beispiel einen Text des Erziehungsministeriums zum schulischen Gebrauch: „Mais le placardage de plusieurs milliers d’exemplaires de cette affiche dans Paris occupé et la distribution de milliers de tracts qui les qualifient d’« armée du crime » a produit l’effet contraire. Loin de provoquer peurs et condamnations, elle éveille plutôt des manifestations de sympathie dans une partie de l’opinion publique.“ https://eduscol.education.fr/3736/missak-manouchian-entre-au-pantheon

Léonardo Kahn, Der armenische Dichter Missak Manouchian wurde 1944 von Nazis hingerichtet. Jetzt wird er ins Panthéon aufgenommen – als erster ausländischer Widerstandskämpfer. Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2023 https://www.sueddeutsche.de/kultur/missak-manouchian-pantheon-kommunist-1.5947203

[19] Annette Wieviorka,  Ils étaient juifs, résistants, communistes. Perrin 2018, S.281

[20] Zitiert von Annette Wieviorka, Ils étaient juifs, résistants, communistes. Perrin 2018 S. 281

[21] „Les militants communistes se sont engagés dans le combat contre le nazisme uniquement après la rupture du pacte germano-soviétique de 1939 et l’invasion de l’URSS par l’Allemagne, reprenant à leur compte le discours du Parti. …  Missak Manouchian est un parfait stalinien.“  https://www.slate.fr/story/248803/tribune-missak-manouchian-entree-pantheon-non-sens-histoire-resistance-ftp-communiste Zitat aus: Dimitri Manessis und Jean Vigreux, Aves tous tes frères étrangers de la MOE au FTO-MOI. éditions Libertalia, Montreuil 2024. Siehe dazu auch: Ces révolutionaires internationalistes que la France honore. In: Le Monde vom 16.2.2024

[22] Siehe dazu: https://www.marianne.net/societe/missak-et-melinee-manouchian-enfin-au-pantheon-la-longue-bataille-de-la-reconnaissance  

[23] Guillaume Perrault, Le Figaro 20.6.2023

[24] „On ne peut pas laisser croire que la Résistance française a été faite comme ça, par autant d’étrangers. Il faut franciser un peu.“  Zitiert in: L’Affiche rouge (chanson) — Wikipédia (wikipedia.org) Zu Aragons Umgang mit Manouchian siehe auch: https://www.radiofrance.fr/franceculture/missak-manouchian-au-pantheon-trahisons-et-ornieres-d-un-memoire-communiste-capricieuse-7848386

[25] https://genius.com/Louis-aragon-strophes-pour-se-souvenir-laffiche-rouge-annotated Deutsche Übersetzung: https://www.songtexte.com/uebersetzung/leo-ferre/laffiche-rouge-deutsch-3bd6d810.html

Ferré singt L’affiche rouge: https://www.youtube.com/watch?v=Tj5XwjOuq7s

[26] https://www.mont-valerien.fr/fileadmin/user_upload/lettres/lettre_manouchian_1.jpg

https://lmsi.net/Ma-Chere-Melinee

[27] „Vive le parti communiste!“, „Vive l’Armée rouge!“ „Vive Staline!“ und „Mort à Hitler“ sollen sie (auch) gerufen haben… https://www.freitag.de/autoren/wwalkie/ein-roter-stern-stirbt-niemals Siehe auch:

„Contrairement à ce qu’écrit Louis Aragon, devenu le chantre d’un PCF cocardier, dans son poème Strophes pour se souvenir de 1955 (chanté ensuite par Léo Ferré), ils ne «criaient» donc pas tous forcément et uniquement «la France en s’abattant“.  https://www.slate.fr/story/248803/tribune-missak-manouchian-entree-pantheon-non-sens-histoire-resistance-ftp-communiste

und: https://lmsi.net/Manouchian-n-est-pas-un-heros-de-roman-national :  „c’est pour la liberté et non pour « la France » qu’ils sont morts. Et enfin que ce n’est pas sur d’improbables « valeurs de la République » ou de « la France des Lumières » qu’ils ont fondé leur goût de la liberté, leur soif d’égalité sociale et leur sens de la solidarité humaine, mais au nom d’un idéal communiste…“

[27a] Siehe: „Pourquoi faire entrer un couple au Panthéon, alors que c’était un groupe qui était visé par les nazis? Le Monde, 16. Februar 2024

und: Annette Wieviorka, Anatomie de l’Affiche Rouge. Paris: Seuil 2024

[28] Siehe: Quand L’affaire Manouchian passionnait la France en 1984-1985. Le Figaro 20.6.2023 Darauf vor allem stütze ich mich im Folgenden. Zum Thema auch: Philippe Robrieux, L’Affaire Manouchian: Vie et mort d’un héros communiste. 1986;  J.P.R., Les trois enseignements de l’Affaire Manouchian. Esprit Nr.104/105, August/September 1985, S. 76-78 

[29] Courtois/Peschanski/Rayski, L’Affiche Rouge, S.294

Entsprechend: Stéphane Courtois, Le groupe Manouchian: sacrifié ou trahi? Le Monde 2./3. Juni 1985. Zitiert von Wieviorka a.a.O., S. 275

[30] Wieviorka a.a.O., S. 272/273

[31] Entsprechend auch Adam Rayski, von 1941 bis 1949 Leiter der jüdischen Sektion der PCF, der 1985 auf die Frage, ob es eine Verantwortung der Partei für den Fall der Gruppe Manouchian gegeben habe:

„En mai 1943, devant le bilan des pertes des organisations juives, j’ai demandé le repli. le transfert de notre direction dans la zone Sud. Le Parti a refusé, qualifiant cette attitude de « capitularde ». Le PC voulait continuer à frapper dans la capitale, avec ce qui restait son unique bras séculier : les FTP-MOI. Stratégiquement, la direction, pour affirmer sa suprématie vis-à-vis de Londres et du Conseil national de la Résistance, désirait capitaliser les actions d’éclat de la MOI.“ Article paru dans la revue L’histoire, n°81 Septembre 1985. Propos recueillis par Alain Rubens. https://uneautrehistoire.blog4ever.com/1943-qui-a-trahi-manouchian

[32] Widerstandskämpfer im Ruhestand,  Frankreich1983   MI 21.2., 23:45 Uhrarte Synchronfassung, Online verfügbar von 14/02 bis 22/03

Französische Fassung: https://www.youtube.com/watch?v=Uqg11c7SUik

[33] Zitat von Denis Peschanski: „un véritable tournant mémoriel“. In: Mémoire d’avenir. Le Magazine des Archives nationales No 53, Januar-März 2024, S.11

Ziel der Pantheonisierung Manouchians nach Überzeugung von Le Monde: „réconcilier la mémoire de la Résistance longtemps partagée entre gaullistes et communistes, mettre en valeur le rôle de ces derniers dans la lutte contre l’occupant nazi.“ https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/06/19/missak-manouchian-au-pantheon-des-lecons-pour-aujourd-hui_6178222_3232.html

Entsprechend Eve Szeftel und Victor Boiteau in Libération vom 16. Juni 2023. Manouchians Pantheonisation  „marque aussi une nouvelle étape dans l’histoire de la mémoire de la Seconde Guerre mondiale et de la Résistance. Celle, après des décennies de tiraillements entre les mémoires gaullistes et communistes“, sie ist, nach den Worten des Historikers Denis Peschanski, Autor eines aktuellen Buchs über Manouchian, Ausdruck einer „convergence mémorielle inédite.“

[34] Das Portrait entstand im Rahmen einer Aktion aus dem Jahr 2020. Damals wurden die Portraits von 21 ehemaligen prominenten Häftlingen im Gefängnis ausgestellt. https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/fresnes-les-portraits-de-c215-colorent-les-murs-de-la-prison-12-02-2020-8258448.php  

Anlässlich der Pantheonisierung von Missak Manouchian und seiner Gruppe hat C 215 im Gefängnis von Fresnes Portraits der Männer des affiche rouge und weiterer Personen von FTP- MOI angefertigt. Siehe l’Humanité vom 20.2.2024 https://www.humanite.fr/politique/c215/manouchian-au-pantheon-lhommage-de-lartiste-c215-a-la-prison-de-fresnes

[35] https://www.lemonde.fr/politique/article/2023/12/08/face-aux-tensions-emmanuel-macron-veut-tenir-l-unite-du-pays-et-promet-un-rendez-vous-avec-la-nation-en-janvier_6204710_823448.html

[36] Siehe dazu z.B.  https://www.ouest-france.fr/politique/mais-pourquoi-emmanuel-macron-veut-tout-rearmer-95f65530-af99-11ee-82ae-73e88db45bf9

https://www.francetvinfo.fr/politique/emmanuel-macron/rearmement-demographique-emmanuel-macron-essaye-de-parler-a-l-electorat-d-extreme-droite-estime-la-porte-parole-d-osez-le-feminisme_6309345.html

Siehe: Stéphane Foucart, Le réarmement chimique de l’agriculture. In: Le Monde 4./5. Februar 2024: „Le surgissement et la diffusion éclair de certains mots, qui sculptent tout à coup le débat public, a quelque chose de fascinant. Ainsi du vocabulaire martial subitement apparu le 31 décembre 2023 dans la parole présidentielle et, depuis, inlassablement commenté, répercuté, repris, répété, et surtout raccommodé jusqu’à l’indignation par les membres du gouvernement: il faut se réarmer, il faut tout réarmer. L’armement et les armes sont devenus en quelques semaines la métrique de toute chose.“

[37] Siehe: https://www.liberation.fr/politique/pantheonisation-de-missak-et-melinee-manouchian-nous-sommes-collectivement-les-heritiers-de-la-resistance-

https://www.humanite.fr/culture-et-savoir/missak-manouchian/pourquoi-missak-manouchian-doit-entrer-au-pantheon-782738

https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/06/19/missak-manouchian-au-pantheon-des-lecons-pour-aujourd-hui_6178222_3232.html

[38] Denis Peschanski in: https://www.francetvinfo.fr/societe/debats/pantheon/probable-entree-de-missak-manouchian-au-pantheon-c-est-la-reconnaissance-de-cette-composante-si-importante-de-la-resistance-francaise-explique-un-historien_5893147.html

[39] „Il est légitime d’honorer le souvenir de Manouchian. Il est inconvenant d’instrumentaliser sa mémoire pour le faire servir aux polémiques politiques du présent“ Guillaume Perrault in Le Figaro vom 20. Juni 2023

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum Pantheon

Weitere Blog-Berichte zur Résistance

Das Pantheon der großen (und weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (2): Der Kult der „grands hommes“

Thema eines Blog-Beitrags aus dem Jahr 2018 waren die wenigen großen Frauen, die im Pantheon von Paris ihre „republikanische Heiligsprechung“ erhielten:

https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

Zunächst und vor allem war und ist das Pantheon allerdings eine Ruhmeshalle großer Männer, auch wenn in den letzten Jahren die Präsidenten Hollande und Macron Wert darauf gelegt haben, bei den von ihnen vorgenommenen Pantheonisierungen auch endlich Frauen ihren gebührenden Anteil zukommen zu lassen: zuletzt durch die Aufnahme von Simone Veil und Josephine Baker ins Pantheon.

Es waren aber vor allem drei „große Männer“, die in der Entwicklung der Kirche Saint Geneviève zur Ruhmeshalle Frankreichs eine entscheidende Rolle spielten: Voltaire, Rousseau und Victor Hugo. Sie werden deshalb im Zentrum des nachfolgenden Beitrags stehen.

Einleitend geht es um die wechselhafte Geschichte des Pantheons zwischen Kirche und republikanischem Tempel und um die Entstehung des Kults der großen Männer in Frankreich; abschließend um die heutige Funktion und die Perspektiven des Pantheons für die französische Identität. Ganz zum Schluss dann noch einige Bemerkungen zu der kürzlich für 2024 angekündigten Pantheonisierung der Widerstandskämpfer Missak et Mélinée Manouchian

Es handelt sich damit um ein breit angelegtes Vorhaben, das ich aber nicht noch einmal weiter aufteilen wollte. Der Beitrag ist deshalb allerdings entsprechend umfangreich geworden, wofür ich um Verständnis bitte….

Von der Kirche zum republikanischen Tempel

Das Pantheon von Paris ist ein grandioses Bauwerk. Es geht zurück auf ein Gelübde Ludwigs XV. und auf seinen Wunsch, sein Prestige durch außerordentliche Bauten zu festigen. Diesem Wunsch entsprach der Architekt Germain Sufflot, dessen seit 1755 vorgelegte Entwürfe nicht nur der Erhabenheit der griechischen Architektur entsprechen, sondern auch mit Sankt Peter in Rom und Sankt Paul in London  rivalisieren sollten. Bestimmt war der Bau als Kirche der Pariser Schutzheiligen Sainte Geneviève. 1790,  10 Jahre nach dem Tod Soufflots und am  Beginn der Französischen Revolution war der Bau weitgehend fertig gestellt, allerdings fehlte noch die vorgesehene Ausmalung.   Aber  1791 beschloss die Nationalversammlung, den Bau zu einem Tempel der Nation umzuwidmen. Das entsprechende Dekret  beginnt so: „Das neue Gebäude der Sainte-Geneviève erhält die Bestimmung, die sterblichen Reste großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit zu bergen.“[1] Alle religiösen Symbole wurden entfernt, dafür wurden  im Giebel über dem Eingangsportal –als sichtbares Zeichen der Umwandlung in ein Pantheon- die berühmten Worte eingraviert: Aux grands hommes la patrie reconnaissante. (Den großen Männern das dankbare Vaterland).

Der Name Pantheon[2], der für die neue Funktion des Baus gewählt wurde, stellt einen Bezug her  zu den römischen Tugenden, die in der Französischen Revolution ein wichtiges Leitbild waren, und zu der griechisch-römischen Götterwelt. Und die Architektur lehnte sich ebenfalls an antike Vorbilder an.

Die korinthischen Kapitelle im Säulenumgang der Kuppel. Foto: Wolf Jöckel

Wie das  Pantheon in Rom war das französische Pantheon ein Tempel, aber einer für die von der Nation verehrten und gewissermaßen heilig gesprochenen „großen Männer“.  Damit wurde das Bauwerk zum Gegenstück der königlichen Grablege in Saint Denis: Die hier begrabenen „großen Männer“ verdankten ihren Status nicht mehr der Geburt, sondern ihren Verdiensten für das Vaterland.[3]

In seiner Monumentalität war das Bauwerk Ausdruck einer in der Revolution angestrebten republikanischen Gegen-Religion. Es thronte auf dem Montagne Saint -Genevieve und war bis zum Bau des Eiffelturms das schon von weitem sichtbare höchste und markanteste Gebäude der Stadt.[4]

Die große Kuppel ist ein architektonisches Meisterwerk und ermöglichte und ermöglicht einen Rundblick über die ganze Stadt.

Links Eiffelturm und Invalidendom, rechts Saint Sulpice und die Hochhäuser von La Défense. Foto: Wolf Jöckel

Und es besaß/und besitzt eine außerordentlich große Krypta, die die gesamte Fläche des Baus einnimmt. Der Hügel der heiligen Genoveva war nämlich mit zahlreichen zur Tongewinnung angelegten Schächten durchzogen, sodass –gerade auch angesichts der Größe des geplanten Baus- die Fundamente sehr tief in den Boden getrieben werden mussten. Zwischen deren Pfeilern  war damit der Raum für die Krypta geschaffen, die mit der Monumentalität des Raums darüber  korrespondiert.

Allerdings wechselte der Bau –den politischen Umbrüchen folgend- mehrfach seine Bestimmung:

  • Von 1806 bis 1815 durften aufgrund eines kaiserlichen Dekrets Napoleons die oberen Partien wieder für kirchliche Zwecke genutzt werden. Die Krypta allerdings blieb als Grabstätte der „großen Männer“ erhalten, und von Napoleon geradezu inflationär als Grablegung eine neuen imperialen Elite genutzt: Die Mehrheit der im Pantheon bestatteten „großen Männer“ kommt aus diesen Jahren – meistens sind es Personen, deren Name heute fast niemand mehr kennt.
  • Nach dem Sturz Napoleons und der Wiederherstellung des bourbonischen Königtums wurde der Bau vollständig zur Kirche umfunktioniert. Die bestehenden revolutionären und imperialen Grabstätten wurden verschlossen. Karl X. wünschte keine Fortsetzung des Kults der „großen Männer“. Einzige Ausnahme war die Bestattung von Soufflot im Jahr 1829.
  • Im Gefolge der Julirevolution von 1830 wurde die Kirche Sainte Geneviève wieder zum Pantheon und zum Symbol der revolutionären Ideale. Zur  Ambivalenz der Julimonarchie Louis Philippes passt allerdings, dass sie zwar bei David d’Angers ein großartiges Giebelrelief mit Allegorien und Hagiographien in Auftrag gab, dass man danach aber keinen einzigen Toten in das Grabmal überführte. Das Pantheon blieb also weiter auf der Wartespur.[5]
  • Eine erneute Wendung brachte der Staatsstreich von Louis- Napoléon Bonaparte, der sich dann auch als Napoleon III. zum Kaiser ausrufen ließ.  Der Bau wurde zur „basilique nationale“ und blieb es auch nach seinem Sturz 1870 unter der zunächst noch konservativ-monarchistisch ausgerichteten 3. Republik.
  • Der Wendepunkt kam dann 1885 mit dem Tod und der Pantheonisierung Victor Hugos. Ein Dekret bestimmte damals, dass das Pantheon seiner ersten und rechtmäßigen Bestimmung zurückgegeben werden solle: „Die sterblichen Überreste großer Männer werden dort beigesetzt, die nationale Anerkennung verdient haben.“ [6] Und dies ist seitdem gültig….

Entsprechend oft wie der Wechsel zwischen Kirche und nationalem Mausoleum war auch der der Inschriften über dem Portal: Zunächst galt sie der Heiligen Genoveva und König Ludwig XV, wurde aber 1791 ersetzt durch die Widmung für die „Großen Männer“.  Die wurde 1822 – in Zeiten der Restauration- wieder entfernt und machte einer erneuten kirchlichen Inschrift Platz, die jetzt auch Ludwig XVIII. einbezog, der den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt habe (restituit). Als aber zu Zeiten der Julimonarchie David d’Angers den Giebel neu gestaltete, wurde auch die Inschrift für die „Großen Männer“ wieder angebracht, allerdings 1851 unter Napoleon III.  erneut entfernt. 1885 waren dann wieder die „Großen Männer“ und „das dankbare Vaterland“ an der Reihe, die seitdem mit goldenen Lettern über dem Portal prangen.

Die Verehrung der „Großen Männer“ in der französischen Aufklärung

Der Kult der Großen Männer war im Frankreich der Aufklärung höchst populär. „Das 18. Jahrhundert war von der Idee geradezu besessen, durch feierliche Verehrung der Großen Männer ein neues kollektives Gedächtnis zu schaffen.“[7]  

Drei  Beispiele:

Im Park von Ermenonville, einem Landschaftspark aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,  in dem auch Rousseau bestattet wurde,  steht der „Tempel der modernen Philosophie“:

Jede seiner Säulen trägt den Namen eines der großen Philosophen oder Wissenschaftlers mit einer jeweils für ihn charakteristischen Devise. Es waren für den Schlossherren, René-Louis  de  Girardin,  gewissermaßen die Säulen aufklärerischen Denkens und Wissens: Rousseau natürlich, Descartes, Voltaire, Montesquieu, Penn und Newton: ein kleines  Pantheon im Geiste der Zeit.[8]

Hier die Säule Montesquieus mit der lateinischen Devise iustitiam/Gerechtigkeit. Foto: Wolf Jöckel

Ein bildhauerisches  Pantheon der Aufklärung hat Jean-Antoine Houdon geschaffen, den man auch als den „sculptor of the Enlightement“ bezeichnet hat.[9] Houdon hat Portraits von herausragenden Aufklärern wie Diderot, Rousseau, d’Alembert  und Voltaire geschaffen, dazu auch Portraits von  George Washington, Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Lafayette. Houdons nach der Totenmaske angefertigtes Portrait Rousseaus wurde an anderer Stelle dieses Blogs schon vorgestellt[10], Abbildungen von zwei Statuen Voltaires werden später folgen.

Und in Bordeaux gibt einen Platz der großen Männer- geschaffen 1791, also gleichzeitig mit dem Pantheon von Paris. Es ist, nach der Erläuterung auf dem Schild,  „ein Pantheon unter freiem Himmel“ gewidmet Montaigne, Montesquieu, Rousseau und Voltaire, damit ihre Ideen weiterleben und sich die Menschen an ihnen ein Vorbild nehmen können.

Foto: Wolf Jöckel

Der Kult der Großen Männer in Frankreich hat gewissermaßen ein „Geburtstatum“, nämlich das Jahr 1758: Damals bestimmte die Akadémie française  den Lobpreis großer Männer der Nation zum Thema ihres jährlichen Redewettstreits. Und im Gefolge des Elogen-Wettstreits der Akademie entstand auf Initiative Ludwigs XVI. das Projekt der Grands Hommes de la France: Alle zwei Jahre wurden zu diesem Zweck vier Statuen und acht bis zehn Gemälde in Auftrag gegeben, die zuerst 1777 im Salon carré des Louvre ausgestellt wurden.  So entstanden allmählich ein „Panthéon de papier“ und ein Pantheon aus Marmor,  bevor die Revolution dem Kult der Großen Männer das Pantheon aus Stein widmete.[11] 

Der Begriff des „Großen Mannes“ war im Verständnis  der Aufklärung das Gegenteil eines Helden.[12] Der Held war danach vor allem ein Mann des Krieges, der gewonnenen Schlachten – wie etwa Alexander. Ein „großer Mann“ hat, wie Voltaire in einem Brief vom 15. Juli 1735 schrieb, andere Qualitäten: Ein Kanal zwischen zwei Meeren, ein besonderes Bild oder Theaterstück oder eine entdeckte Wahrheit seien 1000mal bedeutsamer als ein Dienst am Hofe oder ein Feldzug. „Grands Hommes“ nenne er all diejenigen, die sich im Nützlichen oder Angenehmen ausgezeichnet hätten.[13] Damit  konnten Herrscher im Grunde keine „Großen Männer“ sein. Sie konnten/sollten sich allerdings von großen Männern umgeben, wollten sie selbst nicht nur als Helden in die Geschichte eingehen: Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist der von der Königlichen Akademie der Architektur preisgekrönte Entwurf für einen Cenotaph des „guten Königs“ Henri Quatre:  Der leere Sarg ist umgeben von Galerien bedeutender Männer.  Aber anders als die Könige haben die „Großen Männer“ ihren Status nicht ererbt, sondern durch Begabung und Verdienste erworben –  auch wenn die Zeitgenossen diese bisweilen nur widerwillig anerkannt haben.  Insofern vermitteln die „Großen Männer“  eine pädagogische und eine demokratische Lektion, und man versteht, dass die Französische Revolution sich ihrer bemächtigt hat.[14] Begünstigt wurde die Kult der Großen Männer in der Französischen Revolution auch durch deren universalen Anspruch: So wie die Revolution ja nicht auf die Nation beschränkt bleiben sollte – die am 26. August 1789 von der französischen Nationalversammlung proklamierten Rechte waren nicht nur Bürger- sondern auch Menschenrechte- so gehörte auch zum Bild des Großen Mannes die universelle Ausstrahlung. Und schließlich diente der revolutionäre Kult großer Männer auch dem Bemühen um „Ausformung einer säkularen Religion“ (Ozouf)  mit ihren verehrten Göttern oder Heiligen und mit feierlichen Liturgien, wie sie anlässlich der Pantheonisierung eines „großen Mannes“ (bzw. inzwischen auch:einer großen Frau)  bis heute zelebriert werden.  

Drei „Schlüsselfiguren“ des Pantheons: Voltaire,  Rousseau und Victor Hugo

Anlass für den  Beschluss der Nationalversammlung zur Umwandlung der Kirche Sainte-Geneviève in eine Begräbnisstätte „Großer Männer“ vom 4. April 1791 war der Tod Mirabeaus.  Er wird in dem Beschluss ausdrücklich als der erste genannt, der würdig sei, im Pantheon bestattet zu werden. Mirabeau, der  „französische Demosthenes“, Wortführer des Dritten Standes und  Vorsitzenden der Nationalversammlung, wurde allerdings  schon 1793 wieder aus dem Pantheon verbannt, als seine Verbindungen zum Königshaus bekannt wurden.

Gewissermaßen ersetzt wurde er von  Marat, der durch seine Ermordung zum „Märtyrer der Revolution“ wurde. Allerdings war Marats Aufenthaltsdauer im Pantheon noch kürzer als die Mirabeaus, denn nach dem Ende der Jacobinerherrschaft, für deren Terror Marat verantwortlich gemacht wurde, war auch für ihn kein Platz mehr im Kreis der „Großen Männer.“  Deshalb beschloss der Nationalkonvent im Februar 1795, dass erst 10 Jahre nach dem Tod eines „Großen Mannes“ dessen Pantheonisierung erlaubt sein sollte.

Ausdrücklich war in dem Beschluss von 1791 festgelegt, dass das Pantheon nur die Asche solcher großer Männer aufnehmen dürfe, die in „der Epoche unserer Freiheit“ gestorben seien. Es könnten aber Ausnahmen für einige vor der Revolution gestorbene große Männer wie Descartes, Voltaire und Rousseau gemacht werden.

Der Dank der Revolution: Voltaire ins Pantheon

Der erste nach dieser Sonderregel Aufgenommene war Voltaire, und sein Tod bereitete gewissermaßen den Weg zur Umwandlung der Kirche Sainte Geneviève in ein französisches Pantheon vor.  Voltaire starb am 30. Mai 1778 in Paris, im Haus seines Freundes, des Marquis de Villette.

Erinnerungsplakette am Haus Quai Voltaire Nummer 27. Foto: Wolf Jöckel

„Zuständig“ für sein Begräbnis wäre die nahe gelegene Kirche Saint Sulpice gewesen. Aufgrund der radikal aufklärerischen und  antiklerikalen Positionen Voltaires  (Schlachtruf: „écrasez l’infâme…“ ) weigerte sich allerdings  die lokale Geistlichkeit, Voltaire  zu bestatten.  Sein Leichnam drohte also wie der eines Verbrechers in einem anonymen Grab verscharrt zu werden. Voltaire hatte allerdings einen mutigen und findigen Neffen, der Abt des Klosters Sellières in der Nähe von Romilly-sur-Seine war. Der setzte den gepuderten und mit Perücke versehenen und festgezurrten Leichnam in eine Kutsche und ließ ihn in sein Kloster bringen, wo er im Chor der Kirche  heimlich bestattet wurde.  

Der Grabstein Voltaires in Sellières: Die ineinander verschränkten Buchstaben A (für Arouet, den eigentlichen Namen des Philosophen) und V (für Voltaire)[16]

1789 wurde aber die Abtei wie andere geistliche Güter verstaatlicht, was die Anhänger Voltaires um die Zukunft seines Grabes fürchten ließ. Der Marquis de Vilette wandte sich deshalb an die Nationalversammlung: Der Körper Voltaires gehöre der Nation. Die Vorstellung sei unerträglich, dass er im Besitz einer Privatperson sei und wie ein herrschaftliches oder geistliches Gut verkauft werden könne. Notwendig sei ein würdiger Ort, an dem die Nation die Erinnerung an ihn und die „Großen Männer“ feiern könne. Der dafür geeignete Ort sei die Kirche Sainte-Geneviève.  Nach dem Vorbild der Griechen und Römer solle sie zu dem PANTHÉON FRANÇAISE werden. In ihr sollten die Statuen „unserer großen Männer“ aufgestellt und deren Asche in den unterirdischen Gewölben aufbewahrt werden.  Es dauerte dann allerdings noch bis zum Tod Mirabeaus, bis auf Beschluss der Nationalversammlung „der Tempel der Religion“ zum „Temple des Vaterlandes“ umgewidmet und damit auch der von dem Marquis de Villette vorgeschlagene Ort die für seinen Onkel zugedachte Bestimmung erhielt.

Im Juli 1791 war es dann so weit, dass die sterblichen Überreste Voltaires in einer zweitätigen grandiosen Zeremonie ins Pantheon überführt wurden.  Paris war auf den Beinen, als am 10. Juli der Sarkophag von Sallières auf einem blumengeschmückten Wagen nach Paris gebracht wurde. Nachdem er das revolutionäre Handwerkerviertel Faubourg St. Antoine passiert hatte,  wurde der Leichnam auf den Ruinen der Bastille aufgebahrt, wo Voltaire einmal gefangen war. Dort war jetzt eine Inschrift angebracht: „Empfange, Voltaire,  an dieser Stelle, wo dich der Despotismus eingekerkert hat, die Ehren des Vaterlandes“.[17] Am nächsten Tag wurde der Sarkophag dann in einem mehrstündigen Triumphzug durch Paris ins Pantheon geleitet: „Es schien, als habe man einen Gott empfangen“,  wie es in einer zeitgeschichtlichen Quelle heißt.[18]

Triomphe de Voltaire : le 11 juillet 1791. Kupferstich von Pierre-Gabriel Berthault nach einer Zeichnung von Jean-Louis Prieur, 1802 . Aus dem musée de la Révolution française in Vizille.  Foto von Jean-Louis Prieur und Christophe Müller[19]

Bei  diesem Triumphzug durfte natürlich auch die Musik nicht fehlen: An der damals am Boulevard Saint-Martin gelegenen Oper (Académie de musique), präsentierten ein Chor und ein Orchester mit Pauken und Trompeten ein Stück aus der Oper Samson von Rameau, dessen Textbuch Voltaire geschrieben hatte: „Volk, wach auf, brich deine Ketten!“  („Peuple, éveille-toi, romps tes fers!“). Und vor dem hôtel de la Villette, dem Todesort Voltaires, wurde die  Hymne sur la translation du corps de Voltaire au Panthéon von François-Joseph Gossec angestimmt. [20]

Einige Tage später besuchte der deutsche Republikaner Karl Gottlob Küttner Paris und berichtete:

 „Überall spricht man noch von der großen Prozession, die einige Tage vor meiner Ankunft gehalten worden war. Der Leichnam des Voltaire, den man von der Bourgogne hierher gebracht hatte, wurde auf den Ruinen der Bastille niedergelegt, wo man ihn dann auf einen prächtigen Wagen legte, der von 12 Pferden der Königin gezogen wurde. Über den Leichnam selbst errichtete man ein Prachtbette, auf welchem Voltaire im Bildnisse lag. Dieses Prachtbette steht gegenwärtig mitten in der Kirche … und ist mit Inschriften und einer Menge Tafeln umgeben, auf denen die Titel aller seiner vorzüglichsten Werke stehen. Die Prozession fing bei der Bastille an, ging um die Boulevards, dauerte mehrere Stunden, und endigte sich in der Kirche der heiligen Genovefa.“[21] Dass  es sich nicht mehr um die Kirche der heiligen Genovefa, sondern um das Pantheon handelte, hatte Küttner offenbar noch nicht mitbekommen….

© Rémih / Wikicommons Als Dichter, Historiker, Philosoph machte er den menschlichen Geist größer und lehrte ihn, dass er frei sein soll.

Den Manen des Voltaire. Die Nationalversammlung hat am 30. Mai 1791 beschlossen, dass er die großen Männern gebührenden Ehren verdient hat. Foto: Wolf Jöckel

Zeichen der außerordentlichen Wertschätzung Voltaires – er war abgesehen von dem unrühmlichen Intermezo Mirabeau- ja der erste wahrhaft „Große Mann“ im Pantheon, ist die Tatsache, dass er – und nach ihm keiner- neben  einem Epitaph auch ein Standbild  erhielt.

Statue Voltaires im Pantheon von Jean-Antoine Houdon (Teilansicht) Foto: Wolf Jöckel

Franz Grillparzer, der 1836 Paris besuchte (und bei dieser Gelegenheit übrigens auch Heinrich Heine, äußerte sich übrigens ziemlich kritisch über Voltaires letzte Ruhestätte:

„Als hätte der eitle Mann es bestellt, sein Sarg ist vergoldet und aufgeputzt. Seine Statue blickt sarkastisch auf seine irdischen Überreste herab. Dieser ganze dunkle Winkel ist eine Ironie.  …  Das grinsende Lächeln des Philosophen von Ferney, durch Marmor verewigt, ist an dieser Stelle fast eine Blasphemie. …“[23]

Der Schatten Voltaires im Pantheon     Foto: Wolf Jöckel 

Allerdings sind die sterblichen Überreste Voltaires  nicht vollständig im Pantheon vertreten: Auf Wunsch des Marquis de la Villette wurden nämlich bei der Einbalsamierung das Gehirn und das Herz entnommen. 

Das Herz, ein auch in der aristokratischen  und kirchlichen Tradition besonders hochgeschätztes und oft separat bestattetes Organ, erhielt  in dem Schloss von Ferney einen Ehrenplatz: Dort hatte  Voltaire fast 20 Jahre seines Lebens verbracht, und der Marquis, der das Schloss aufgekauft hatte, richtete dort einen besonderen Raum des Andenkens und der Verehrung mit dem Herz Voltaires ein. 

Chambre du Coeur de Voltaire im Schloss von Ferney.  Stich aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.   

1785 musste der Marquis das Schloss aber wieder verkaufen. Nach einigen Zwischenstationen kam dann die Voltaire’sche Reliquie  (la relique voltairienne) 1864  in den Besitz der damaligen  Bibliothèque impériale, wo sie im Sockel einer  Statue des sitzenden Voltaires von Houdon aus dem Jahr 1781 deponiert wurde.  Im Salon d’honeur der heutigen Bibliothèque nationale (Richelieu) befinden sich Statue und Herz noch heute.[24]

Das Gehirn bewahrten zunächst der mit der Einbalsamierung des Leichnams betraute Apotheker und dann Nachkommen Voltaires auf, bevor es  zu Beginn des 20. Jahrhunderts  die Comédie française kaufte. Und die deponierte das Herz im Sockel einer Kopie der Houdon’schen Statue von 1781,  die bis heute im Vestibül des Theaters ihren Platz hat.[25]

Bemerkenswert ist übrigens, dass Houdon –im Gegensatz  zu überladenen bildlichen Darstellungen aristokratischer Helden im Ancien Régime-  in beiden Standbildern Voltaires dessen Einfachheit betont: Er wird nicht in prunkvollem Ornat dargestellt, sondern ist mit einer schlichten Toga bekleidet dargestellt. Es geht nicht um äußerlichen Ruhm, sondern um innere Größe. [26] Die von Houdon für seine Darstellung gewählte römische Tracht hat auch eine politisch-programmatische Bedeutung: Denn die von Ludwig XVI. angeregten Statuen „Großer Männer“  sollten ausdrücklich in zeitgenössischem Habit dargestellt werden und gerade nicht in römischer Tracht: Gewollt war ein Bezug auf das „Grand Siècle“, aber nicht eine für die Monarchie potentiell bedrohliche Rückbesinnung auf die  Antike und ihre Tugenden.  Das führte zu einem „Kostümstreit“, in dem sich Houdon ausdrücklich positionierte und zu den Werten der Aufklärung bekannte.[27] 

Von der Pappelinsel in die Krypta: Die Aufnahme Rousseaus ins Pantheon

Die verfassungsgebende Nationalversammlung hatte schon im August 1791 Rousseau als „Gründungsvater der Verfassung“ der Pantheonisierung für würdig erachtet. Aber erst nach dem Sturz Robespierres wurde Rousseau am 11. Oktober 1794 ins Pantheon aufgenommen. Die Verzögerung hatte keine politischen Gründe: Rousseau genoss – über alle revolutionären Umbrüche hinweg- ein uneingeschränktes Ansehen vor allem als  Autor des Contrat social und des Émile,  als „Vater der Gleichheit“ und  Verteidiger der Menschenrechte.  An Rousseau entzündete sich allerdings die Frage, wem denn die sterblichen Überreste eines „Großen Mannes“ gehören und wo ihr Platz sei. Rousseau war ja seit seinem Tod 1778  im Park von Ermenonville auf der Pappelinsel bestattet: ein geradezu idealer Platz für seine Verehrer und Ziel vieler und berühmter Rousseau-Pilger.[28]

Foto: Wolf Jöckel

 Die Bürger des Ortes Montmorency, zu dem Ermenonville gehörte, hatten deshalb schon 1791 vorgeschlagen, im Falle einer Pantheonisierung Rousseaus den Leichnam an seinem Ort zu belassen und im Pantheon einen Cenotaph aufzustellen. Verständlicher Weise  weigerte sich der Marquis de Girardin, bei dem Rousseau seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, hartnäckig, die sterblichen Überreste Rousseaus dem Grab auf der Pappelinsel zu entreißen.  Der für die Pantheonisierung zuständige Abgeordnete des Nationalkonvents, Joseph Lakanal,  war sich der Problematik durchaus bewusst: Er forderte zwar die citoyens auf, so schnell wie möglich „diesen großen Mann seinem einsamen Grab“ in Ermenonville zu entreißen, schlug aber vor, in der Umgebung des Pantheons ein von Pappeln umgebenen „bois auguste“ zu pflanzen, um „sensible Seelen“ an die Landschaft von Ermenonville zu erinnern. Bis es soweit sei, solle das neue Grab Rousseaus im Tempel der Großen Männer installiert werden. Aus diesen Plänen wurde aber nichts, und so verschwanden die sterblichen Überreste des naturliebenden Rousseau auf Dauer in der dunklen Gruft des Pantheons. (Ironische Anmerkung: Vielleicht wird ja im Zuge der allseits propagierten Pariser Stadtbegrünung demnächst doch noch das von Lakanal vorgeschlagene Rousseaus-Wäldchen gepflanzt…)

Hier ruht der Mann der Natur und der Wahrheit

Die Fackel Rousseaus leuchtet noch aus seinem Grabmal .

Postiert wurde das Grabmal genau gegenüber dem Voltaires. So waren nun die beiden Philosophen, die im Leben ja nun durchaus keine Freunde waren[29], im Pantheon vereint. Und die Revolution ehrte damit  zwei herausragende Gestalten der Aufklärung,  die beiden „pères de la  nation“ und der Revolution.

Der Genius von Voltaire und Rousseau geleitet die beiden zum „temple de la Gloire et de  l’Immortalité“. Anonymer kolorierter Stich aus dem musée Carnavalet [30]

Karl Gutzkow, einer der großen deutschen Dichter des Vormärz, berichtete 1842 über seinen Besuch im Pantheon:

„Wir stiegen in die Gewölbe hinab. Wie feucht, wie kalt ist es in der Nähe der Unsterblichkeit! Warum da unten in den trüben, dunklen Räumen! Ihr habt Voltaire und Rousseau dort hingelegt. Voltaire würde nie diese dunklen Gewölbe für seine Gebeine als Ruheort gewählt haben. Voltaire wollte Licht im Leben, er würde auch Licht im Tode gewollt haben. Rousseau hätte allerdings das Dunkel gesucht, aber das Dunkel eines verschwiegenen Parks, einen stillen, schattigen Blätterhain. Fröstelnder Gedanke, hier unsterblich zu liegen! [31]

Foto: Wolf Jöckel

Entsprechend auch Urteile von Zeitgenossen:  Mona Ozouf spricht von der „Unansehnlichkeit des Orts, die mehr als einen Großen Mann bei der Aussicht erschaudern lässt, eines Tages hier eingemauert zu sein.“ Einer dieser Großen Männer, der vor dieser Aussicht schauderte, war Jean Jaures, der 1914 ermordete Führer der französischen Sozialisten. Der ließ nämlich vorsorglich wissen, er schrecke vor dem eisigen Atem des Ortes zurück, und sprach stattdessen von den kleinen sonnigen Friedhöfen seines geliebten Südens.[32]

Hanns-Joseph Ortheil beklagt in seinem Paris-Buch, man merke dem Bau des Pantheons  „bis in jede Fuge an, dass er keine Kirche geworden, sondern in seltsam pathetischer, kühler und den Besucher auf Distanz haltender Feierlichkeit erstarrt ist. In seinen Kellern trifft man zwar auf die Gräber von Voltaire, Rousseau oder Victor Hugo, aber auch diese Grablegen lösen keinerlei Emotionen aus und tragen nichts dazu bei, die Verehrung für solche großen Philosophen und Schriftsteller an dieser Stelle noch einmal aufflammen zu lassen.“[33]

Die pathetische Feierlichkeit, von der Ortheil hier spricht, lässt sich auch auf das zu Ehren Rousseaus im großen Rundbau des Pantheons errichtete Monument aus dem Jahr 1912 beziehen. Es gehört zu dem 1889 beschlossenen Programm, den Innenraum des Pantheons mit dem Ort gemäßen Skulpturen auszustatten. Das Denkmal für Rousseau  ist eine Arbeit von Albert Bartholomé, den man als „le seul et le véritable rival de Rodin“ bezeichnet hat (Jacques de Caso), was –nach meinem unmaßgeblichen Urteil- im Pantheon allerdings nicht nachzuvollziehen ist. (Eher schon an seinem Monument des morts auf dem Friedhof Père Lachaise).

Denkmal für Rousseau: Die Allegorie der Philosophie zwischen der Natur und der Wahrheit

Zeichen der andauernden  Verehrung Rousseaus ist schließlich die 1952 errichtete Statue auf dem Platz neben dem Pantheon. Sie ersetzt eine Bronzestatue, die –wie so viele andere- während der Zeit der occupation eingeschmolzen wurde, um die von den Besatzern geforderten Rohstoffmengen liefern zu können.  Mit der Einweihung der ursprünglichen Statue wurden 1889 die 100-Jahr-Feiern der Französischen Revolution eröffnet. Rousseau ist damit der einzige „Große Mann“, der in der Krypta, im Innenraum und am Rand des Pantheons geehrt wird! …  vielleicht ein kleiner Trost, wenn er schon nicht auf seiner Pappelinsel bleiben durfte….

Statue von Rousseau auf dem Platz neben dem Pantheon. Foto: Wolf Jöckel

Die Apotheose Victor Hugos

Rousseau und Voltaire blieben dann auch die einzigen Männer, die in der Zeit der Französischen Revolution ins Pantheon aufgenommen wurden und dort auch nach wie vor bestattet sind: Descartes, der  im Gründungsbeschluss der Nationalversammlung von 1791 für eine Pantheonisierung vorgesehen war, wurde dann doch nicht aufgenommen; Mirabeau, Marat und zwei weitere Revolutionäre wurden schnell wieder aus dem Pantheon entfernt… [34]

In der Zeit des empire erlebte dann das Pantheon eine erste (Schein-)Blüte, indem Napoleon das Pantheon hemmungslos mit seinen Generälen und Granden füllte. Insgesamt 41, meist inzwischen völlig vergessene Personen  wurden damals im Pantheon bestattet und machen damit  mehr als die Hälfte aller bisher Pantheonisierten aus!

Danach folgte eine lange „Durststrecke“:  Zwischen 1815 und 1885 wurde nur ein einziger „großer Mann“ ins Pantheon überführt, nämlich Jacques-Germain Soufflot, der Architekt des Pantheons.

Der Wendepunkt war dann das Jahr 1885,  als das Pantheon wieder –und aus heutiger Sicht: endgültig- zum Gedenk- und Bestattungsort großer Männer (und Frauen) wurde. Anlass war hier der Tod Victor Hugos am 22. Mai 1885. Einen Tag später dekretierte die Regierung, dass das damals wieder als „basilique nationale“ genutzte Gebäude  seiner republikanischen Bestimmung  („sa destination républicaine“) zurückgegeben werde.

In dieser antiklerikalen und Hugo-verherrlichenden  Grafik  von L. Isoré aus dem Jahr 1885 ist dieser Vorgang thematisiert: Ein Priester mit liturgischem Gerät flieht aus dem Pantheon, in dessen Eingang der von einer Aura umgebene Victor Hugo erscheint- in einer Hand die Leier des Dichters, in der anderen das Banner der Freiheit. Der Titel Désinfec-tation  ist ein Wortspiel mit den Worten désinfection (Desinfizierung) und désaffectation (Stillegung). Der Untertitel ist eindeutig:  Die Ignoranz macht dem Genie Platz.

Voraussetzung des Umwandlungsbeschlusses von 1885  war der politische Umbruch im Frankreich der 3. Republik, der sich am 30. Januar 1879 vollzog: Damals trat Präsident Mac Mahon, Vertreter einer von monarchistischen und katholischen Abgeordneten bestimmten Politik des „Ordre moral“ zurück, die bisher den religiösen Status von Sainte-Geneviève gestützt hatte. In der nun mehrheitlich republikanischen Abgeordnetenkammer warf der Abgeordnete François-Vincent Raspail die Frage auf, wieso immer noch die Priester von Sainte-Geneviève unter der Kuppel des Pantheons psalmodierten wie zu Zeiten der Restauration und der Herrschaft des Mannes, der in Sedan geendet habe (also Napoleon III.). Es sei nun an der Zeit, das Werk der Gesetzgeber von 1791 wiederaufzunehmen.[35] 

Damit war der Boden vorbereitet für die Rückumwandlung der Kirche in das Pantheon und die Aufnahme Victor Hugos. Und über die gab es ein so großes Maß an Zustimmung, dass man bei ihm eine Ausnahme von der 1793 eingeführten 10-jährigen Karenzzeit machte, durch die  ein peinliches Hin und Her wie im Falle von Mirabeau und Marat ausgeschlossen werden sollte. Bei Hugo war dies nicht zu befürchten: Von ihm hieß es, er sei –aufgrund seiner Genialität als Schriftsteller und seines politischen Engagements-  schon als Lebender unter die Unsterblichen aufgenommen worden;  er entwickelte sich  vom Monarchisten zum Republikaner, weshalb er zu einem fast 20-jährigen Exil gezwungen war;  er kämpfte gegen die Todesstrafe und für die Trennung von Kirche und Staat; er war Bewahrer des mittelalterlichen Erbes, Anwalt der Armen und Schwachen.  Er bemühte sich- durchaus kein Freund der Commune-  die Wunden des Bürgerkriegs von 1871 zu heilen und nicht zuletzt: Er war Pazifist und träumte von den „Vereinigten Staaten Europas“. In den Augen des Volkes war er der Herold der Freiheit und die Inkarnation der Republik.[36]

Und gewissermaßen als Fußnote sei noch angefügt: Victor Hugo hat dem Pantheon den Einzug in den Kanon der französischen Dichtung verholfen.  Das geschah am ersten Jahrestag der Julirevolution von 1830. Damals wurde eine Tafel mit den Namen der bei der Revolution getöteten „Julihelden“, denen ja auch die Säule auf dem Bastille-Platz gewidmet ist, ins Pantheon gebracht. Und zu dieser Gelegenheit wurde auch die  Hymne von Victor Hugo gesungen: Die so fromm fürs Vaterland gestorben…, die in den Schulen der Dritten Republik noch lange auf dem Lehrplan stand und in der sich zwei Verse auf das  Pantheon beziehen:

“Cette curonne de colonnes / Que le soleil levant redore tour à tour.

(Diese Krone von Säulen / Die die aufgehende Sonne wieder und wieder vergoldet.“[37]

Hugo selbst hat sich sicherlich auch für einen des Pantheons würdigen großen Mann gehalten. Er bedauerte jedenfalls „den Fall der großen Männer“, der die Mittelmäßigen und Kleinen größer erscheinen ließe. Wenn die Sonne am Horizont untergeht, werfe der kleinste Kieselstein einen langen Schatten und halte sich für etwas Großes. [38]

Genug Gründe also, Victor Hugo ins Pantheon aufzunehmen. 

Titelbild der Zeitschrift Le Don Quichotte vom 5. Juni 1885 (von Charles Gilbert-Martin). Auf der Kuppel des Pantheons sitzt die Verkörperung des Renommees, die mit ihrer Trompete den Ruhm Victor Hugos verkündet. Das von einem Strahlenkranz umgebene Gesicht Hugos leuchtet wie eine Sonne, man kann darin aber auch eine Hostie sehen – Zeichen der gleichsam religiösen Verehrung Hugos.[39]

Dass bei solchen Voraussetzungen  die Beisetzungsfeierlichkeiten nicht hinter denen Voltaires zurückstehen konnten, war selbstverständlich. Allerdings hatte Hugo in seinem Testament festgelegt, er wolle wie die Armen in einem einfachen Leichenwagen zum Friedhof gebracht werden.  Daran hat man sich auch gehalten.

Der Leichenwagen Victor Hugos auf dem Weg zum Pantheon am 30.5.1885   © Wikipedia

Der sonstige Ablauf des Begräbnisses entsprach allerdings ganz und gar nicht dem, was bei armen Menschen üblich war.  Die Überführung der sterblichen Überreste Hugos ins Pantheon war ein in diesem Jahrhundert einzigartiges grandioses und  populäres Ereignis, ein markantes Datum im kollektiven Gedächtnis der Franzosen.

Es begann am 30. Mai mit der Aufbahrung eines monumentalen Sarges auf einem ebenso monumentalen Katafalk unter dem (sowieso monumentalen)  Arc de Triomphe. [40]  Dort konnten die Menschen Victor Hugo die letzte Ehre erweisen und Blumen niederlegen. Zwei Tage später zog eine mehrstündige Prozession über die Champs-Elysées zur place de la Concorde und –nach Überquerung der Seine- über den Boulevard Saint-Germain zum Pantheon. Während Voltaire vom revolutionären Osten ins Pantheon überführt wurde, verläuft Hugos Weg also  vom patriotisch-militärischen Triumphbogen zum humanistisch-bürgerlichen Tempel des Pantheon, „als wollte er die sentimentale und politische Laufbahn des Dichters nachzeichnen, der sich selbst im Laufe seines langen Lebens vom Napoleon-Kult zur Mission eines Helden und Patriarchen der Republik gewandelt hatte.“[41]

Die Massen –zwischen einer Million und zwei Millionen  Menschen –  drängten sich entlang des Zuges. „Logenplätze“ wurden für viel Geld vermietet.[42]

Um den Fürsprecher der einfachen Menschen zu ehren, wurde aus der Trauerfeier ein Volksfest: Es wurde getrunken, getanzt, geliebt – nur für die Fabrikarbeiter (und die Prostituierten) war dieser 1. Juni  1885 ein Arbeitstag. In der konservativen Presse war danach von Orgien die Rede, die sich am Rande des Zuges abgespielt hätten.[43]

Als der Zug an dem mit riesigen Kränzen geschmückten Pantheon angekommen war, wurden nicht weniger als 15 Reden gehalten[44]

…. bevor dann die sterblichen Überreste Hugos in die Krypta des Pantheons gebracht wurden., wo sie heute noch ruhen.

Geplant war neben dem schlichten Grab in der Krypta auch ein repräsentatives Monument für Victor Hugo im Innenraum des Pantheons.  Es gehörte – wie auch das Denkmal für Rousseau-  zu dem großen Skulpturenprogramm von 1889. Auguste Rodin erhielt den Auftrag für das  Denkmal, dessen erster Entwurf aber nicht den Vorstellungen der Auswahlkommission entsprach. Er wurde aber trotzdem ausgeführt und im Garten des Palais Royal aufgestellt (heute im Garten des musée Rodin in Paris). Ein zweiter Entwurf –Hugo als alternder Mann nackt und nicht idealisiert- widersprach natürlich völlig dem vorherrschenden Bild eines „großen Mannes“ und kam nicht zustande. [45]

Bilanz und Perspektiven des Pantheons   

Glücklicherweise blieb es Victor Hugo erspart, die Gruft des Pantheons fast ausschließlich mit napoleoninischen Generälen und Granden teilen zu müssen.  Danach erhielt er die Gesellschaft von großen Gestalten der Politik wie Sadi Carnot, Jean Jaurès und Léon Gambetta, von Schriftstellern wie Emile Zola, später André Malraux und Alexandre Dumas, Wissenschaftlern wie Marcellin Bertholot, Paul Painlevé, Pierre und Marie Curie und nach dem Zweiten Weltkrieg auch Männern und Frauen des Widerstands.

Die Entscheidung über eine Pantheonisierung liegt seit Einführung  der V. Republik unter de Gaulle allein beim Staatspräsidenten.[46] Bedingung ist allerdings, dass die in Aussicht genommene Persönlichkeit nicht vorab eine andere Begräbnisstätte gewählt hat -wie im Falle de Gaulles- oder dass die Nachkommen nicht widersprechen -wie im Falle Camus‘ oder im Falle Rimbauds, dessen Pantheonisierung zusammen mit Verlaine gut zur aktuellen Gender-Bewegung gepasst hätte.[47] Der Staatspräsident ist davon abgesehen in seiner Entscheidungsbefugnis frei. Allerdings gibt es ein unausgesprochenes Auswahlkriterium: es muss sich um eine vorbildliche Persönlichkeit handeln, die die Ideale der Republik verkörpert: Der Komponist Hector Berlioz und der Marquis de Lafayette wurden also wegen ihrer monarchistischen Neigungen nicht ins Pantheon aufgenommen. Und dann gibt es natürlich politische Rücksichten  und die Berücksichtigung  aktueller politischer Tendenzen: So wurde der 2013 gestorbene Stéphane Hessel, ein Diplomat und Kämpfer für universelle Menschenrechte, der dem Pantheon-Ideal wie kaum ein anderer lebenslang entsprach, trotz zahlreicher entsprechender Vorschläge von prominenter Seite wohl wegen seiner Kritik an der israelischen Annexions- und Okkupationspolitik in Palästina nicht ins Pantheon aufgenommen. Die direkt nach ihrem Tod vollzogene Aufnahme von Simone Veil dagegen stieß auf allgemeine Zustimmung: Eine Überlebende der Schoah, Kämpferin für Frauenrechte, überzeugte und engagierte Europäerin: eine bessere Wahl war kaum möglich. Und als Frau war sie angesichts der notorischen und unzeitgemäßen Männerdominanz im Pantheon dort natürlich umso mehr willkommen.

Die Pantheonisierung Simone Veils war auch wegen ihrer Überparteilichkeit ein Glücksfall. Mona Ozouf spricht ja in ihrem Pantheon-Beitrag für die Erinnerungsorte Frankreichs von der fortdauernden Spaltung der französischen Geschichte, die sich auch im Pantheon spiegele- auch wenn die napoleonischen Kriegshelden und die republikanischen Intellektuellen  –allerdings in fein säuberlich voneinander getrennten Grüften-  in der Krypta versammelt sind.  Sie verweist auf Malraux und Mitterand, die anlässlich der Pantheonisierung des Widerstandskämpfers Jean Moulin ihn in eine „Ahnenreihe“ mit den schon in der Krypta des Pantheons ruhenden Victor Hugo (Das Volk der Elenden) , Jean Jaurès (der Kämpfer für Gerechtigkeit)  und den Sklavenbefreier Schoelcher gestellt hätten. Jaques Chirac dagegen habe, als er den neuen Präsidenten Mitterand im Pariser Rathaus empfing, sich auf die heilige Genoveva, die Jungfrau von Orleans, Heinrich IV. und General de Gaulle bezogen, von denen niemand im Pantheon ruht. „Auf der einen Seite die Großen Männer, auf der anderen die Heiligen und die Helden; auf der einen Seite die Republik, auf der anderen die Monarchen (republikanische inbegriffen). Die beiden Hälften des französischen Gedächtnisses haben niemals in dem Monument zueinander gefunden, das es seinen Berühmtheiten geweiht hat.“[48] Und gerade die heftigen ideologischen Debatten anlässlich der Pantheonisierung von Emile Zola und Jean Jaurès haben deutlich gemacht, dass das Pantheon von extrem konservativer Seite lange als Ausdruck von Werten wahrgenommen wurde, mit denen man sich nicht identifizieren konnte.[49] Es liegt deshalb nahe, dass in der 5. Republik  gerade solche Persönlichkeiten für eine Pantheonisierung ausgewählt wurden, die dazu beitragen sollten, die Spaltung der französischen Geschichte (und Gesellschaft) zu überwinden und das Pantheon zu einem „haut- lieu de la communion nationale“ zu machen.[50]

Deshalb der Rückgriff auf die sakrosankte Resistance durch Charles de Gaulle (Pantheonisierung von Jean Moulin 1964), durch Präident Hollande (Pantheonisierung  von Pierre Brossolette, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Germaine Tillion und  Jean Zay 2015) und  deshalb auch die Pantheonisierungen  von Simone Veil und Maurice Genevoix  durch Präsident Macron. Indem der Präsident mit Genevoix auch „Ceux de 14“, also die ganze Kriegsgeneration des 1. Weltkriegs symbolisch ins Pantheon aufnahm, beschwor er die union sacrée, die nationale Einheit im Krieg als Vorbild für die Gegenwart.[51]

Der Preis einer solchen möglichst konsensuellen Pantheonisierungs-Politik ist allerdings, dass wegweisende, aber umstrittene Gestalten der französischen Geschichte außen vor bleiben:

So zum Beispiel Olympe de Gouges, Revolutionärin, Schriftstellerin und Autorin der feministisch-revolutionären  Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin von 1791, in der sie die Bürgerrechte auch für Frauen einforderte.  Olympe de Gouges wurde unter der Terrorherrschaft der Jacobiner zum Tode verurteilt. Ihr kämpferischer Kommentar: „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.“   Am 3. November 1793 wurde Olympe de Gouges auf der Place de la Concorde in Paris hingerichtet.

Außen vor muss wohl auch Louise Michel bleiben, die rote Wölfin, la louve rouge  der Pariser Commune, die viele Jahre ihres Lebens in Verbannung und im Gefängnis verbringen musste: Lehrerin, Schriftstellerin, Anarchistin, Kämpferin für die miserables, Verehrerin von Victor Hugo, der ihr 1871 das Gedicht Viro major widmete. Darin rühmte er ihre  ungezähmte Größe und bezeichnete sie als „all des unfähig (…), was nicht heroisch und voll Tugend ist (…) ein Götterlicht in einem Höllenfeuer“. Paul Verlaine besang sie in seiner  Ballade en l’honneur de Louise Michel.[52] Gerade 2021, dem 150. Jahrestag der Pariser Kommune, wäre wohl der rechte Zeitpunkt für eine solche Pantheonisierung gewesen. Vielleicht auch für die des 1871 in Belleville zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählten Jean-Baptiste-Millière. Dessen Erschießung am 26. Mai 1871 wurde von den siegreichen Versaillais als demütigender Akt der Rache inszeniert: Millière wurde auf die Stufen des Pantheons geführt und dort erschossen, ruft aber, bevor die Todesschüsse fallen vermehmlich „Vive la République!“ und „Vive l’humanité!“ aus. [55]

Auf den Wunschlisten von Kandidat/innen für das Pantheon, die von verschiedenen Seiten erstellt wurden, stehen Olympe de Gouges und Louise Michel ganz oben.[53] Ihre Chancen, ins Pantheon einzuziehen, sind aber wohl gering, weil sie kaum mit allgemeiner Zustimmung rechnen können. Immerhin hat die französische Post 2020 eine Olympe de Gouges-Briefmarke herausgebracht….[54]

Mona Ozouf sieht  noch ein weiteres Problem, mit dem das Pantheon heute zu kämpfen habe – sie spricht sogar von dem „Scheitern des Pantheons“, und zwar seine Abgehobenheit: Sie schreibt: „Im Pantheon sieht man zusammen mit der Erinnerung an die Revolution nur Schriftsteller und Gelehrte, ein Museum der Dritten Republik, eine weise Versammlung der Klassenbesten: kurzum, da die Rue d’Ulm mit der Elite-Universität Ecole Normale Supérieure in unmittelbarer Nähe ist, nach einem Bonmot von André Billy die ‚Höhere Schule derToten‘“.[55a]  Maurice Genevoix ist dafür ein gutes Beispiel: Er war Student eben dieser Elite-Universität und gehörte dann –wie auch seine Vorgängerin im Pantheon,  Simone Veil – als Mitglied der Académie française schon zu Lebzeiten zu den „Unsterblichen“.

Foto: Wolf Jöckel

Hier ein Portrait von André Malraux in der rue d’Ulm. Es ist Teil eines Projekts des Straßenkünstlers C 215 aus dem Jahr 2018: Bilder von 28 „illustres“ aus dem Pantheon wurden damals in der Umgebung des Pantheons ausgestellt;  ein Versuch, das Pantheon stärker in seine Umgebung zu integrieren und zum Besuch des Ortes zu motivieren, in dem diese berühmten Persönlichkeiten bestattet sind. André Malraux, Kommunist und Gaullist, Schriftsteller und Kulturminister, gehört zu ihnen und ist auch durch seine legendäre Rede zur Aufnahme von Jean Moulin mit dem Pantheon verbunden.[56]

2013 wurde der  für das Pantheon zuständige  Präsident der monuments nationaux Philippe Bélaval von dem damaligen Staatspräsidenten Hollande  beauftragt, Vorschläge zur zeitgemäßen Nutzung und Öffnung des Pantheons  unterbreiten. In seinem Bericht mit dem Titel Pour faire entrer le peuple au Panthéon wies  Bélaval darauf hin, dass im Pantheon –von einer unbedeutenden Ausnahme aus dem Empire abgesehen- kein Künstler vertreten ist, von Soufflot abgesehen auch kein Architekt, kein einziger Komponist, kein Ingenieur, kein Unternehmer. So seien –neben den Frauen- auch wesentliche Bereiche, in denen Frankreich sich ausgezeichnet habe, nicht (hinreichend) berücksichtigt.

Präsident Macron hat dieser Kritik auf sehr überraschende Weise entsprochen, indem er 2021 die Tänzerin Josephine Baker pantheonisierte: nicht nur eine Frau, sondern auch die erste femme de couleur, der diese Ehre zuteil wurde. Dazu eine populäre Variété-Tänzerin, in USA geboren, die aber Frankreich als Zufluchtsort wählte und die sich für ihre Wahlheimat in der Résistance engagierte. Ein ideales Pantheon-Profil.

Siehe dazu den Blog-Beitrag: Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers.  https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

Weitere Vorschläge für eine Ausweitung und Bereicherung des Kreises der Pantheonisierten  gab und gibt es genug. Darunter (neben den schon genannten Olympe de Gouges und Louise Michel) in „bunter Mischung“:

  • der Sterne-Koch Paul Bocuse, der gewisermaßen ein Victor Hugo oder Paul Cézanne der Kochkunst sei. Bocuse gehöre schon zum Panthéon du génie gastronomique und damit wie kein anderer in das nationale Pantheon der Großen Männer.[57]    
  • Edith Piaf, die ein „Symbol Frankreichs“ sei. Sie habe Menschen aller sozialer Schichten angesprochen und die Liebe verkörpert, die heute in Zeiten der Individualisierung wichtiger denn je sei.[58]  
  • Der Radfahrer Raymond Poulidor, der „ewige Zweite“, ein unermüdlicher Kämpfer, der nie aufgegeben hat; von Franzosen zärtlich „Poupou“ genannt und schon ins Pantheon des Radsports aufgenommen.[59]
  • Die fünf beim islamistischen Terroranschlag auf Charlie Hebdo ermordeten Karikaturisten Charb, Cabu, Wolinski und Tignous sowie Bernard Maris, den ebenfalls ermordeten Mitbegründer der Satirezeitschrift.[60] 
  • Samuel Paty, der Lehrer, der am 16. Oktober 2020 von einem Islamisten enthauptet wurde, weil er –dem Lehrplan folgend- die umstrittenen Karikaturen Mohammeds aus Charly Hebdo im Unterricht zur Diskussion gestellt hatte.[61]
  • Die Widerstandskämpferin und Menschenrechtsaktivistin Lucy Aubrac[62]  
  • Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir[63]
  • Der 2017 verstorbene, in Frankreich äußerst populäre  und mit einem Staatsbegräbnis geehrte Popsänger (und  Steuerflüchtling…) Johnny Hallyday [64]
  • Coluche, der  Satiriker und Menschenfreund, der mit den von ihm gegründeten restaurants  du cœur Millionen Armer ernährt habe. Er stehe damit in der Tradition von Le Vengeur, dessen heroischer Besatzung im Pantheon schon ein Denkmal errichtet worden sei. (Das Kriegsschiff war 1794 beim Versuch, eine aus Amerika kommende Getreidelieferung für das hungernde Volk zu schützen, versenkt worden). [65]
  • Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, weil sie zwei der bedeutendsten Dichter der französischen Sprache seien und dazu auch als „französische ‚Oscar Wildes‘  Symbole der Diversität.“[66]
  • Die Rechtsanwältin Gisèle Halimi, die sich besonders auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und für Frauenrechte engagierte. [67]
  • Der aus Armenien stammende Widerstandskämpfer Manouchian, der 1944 von den Nazis hingerichtet wurde. [68]

Diese lange (und sicherlich unvollständige) Reihe von Namen bestätigt wohl die Bilanz Jean-Claude Bonnets, dass  das Pantheon als Institution des  Kults der großen Männer und Frauen nicht nur in  erstaunlicher Weise die Revolutionen und die Turbulenzen des 19. Jahrhunderts überlebt habe, sondern heute immer noch ein Teil des kulturellen Horizonts und des lebendigen Gedächtnisses Frankreichs sei.[69]  Man darf gespannt sein, wie lebendig und zeitgemäß  das Pantheon in Zukunft  dieses nationale Gedächtnis widerspiegeln wird.

Jetzt hat Präsident Macron entschieden, den Widerstandskämpfer Missak Manouchian zusammen mit seiner Frau Mélinée ins Pantheon aufzunehmen.[70] Seine unter dem Namen „affiche rouge“ bekannt gewordene Widerstandsgruppe wurde 1944 von Vichy-Kollaborateuren verhaftet, 23 Mitglieder auf dem Mont Valérien von den deutschen Besatzern erschossen. Es ist bemerkenswert, dass alle von den Präsidenten Hollande und Macron ins Pantheon aufgenommenen Frauen und Männer sich (auch) in der Résistance engagiert hatten. Die ist noch immer ein gemeinsamer Bezugspunkt der ganzen Nation. Präsident Macron hat die Pantheonisierung Manouchians an einem sehr symbolträchtigen Ort verkündet: Dem Mont-Valérien bei Paris, wo insgesamt 4500 Widerstandskämpfer und auch die Gruppe Manouchian hingerichtet wurden. Symbolträchtig ist auch das Datum der Ankündigung, nämlich der 18. Juni 2023 und damit der 83. Jahrestag von de Gaulles legendärem Aufruf zum Widerstand gegen das Dritte Reich, dessen Wehrmacht gerade in einem „Blitzkrieg“ Frankreich überrollt hatte. Manouchian war Armenier und Kommunist. Mit seiner Pantheonisierung wird die Rolle kommunistischer und ausländischer Partisanen in der Résistance gewürdigt. Dass sie – gerade deshalb, aber auch trotzdem!- offenbar breite Zustimmung erfahren hat, bestätigt die zentrale Rolle der Résistance im französischen kollektiven Geschichtsbewusstsein. [71] In einer Zeit heftiger und immer weitere Kreise ziehender Forderungen nach Abschottung der nationalen Grenzen setzt diese Pantheonisierung aber auch neue historisch-politische Akzente.

Literaturhinweise

Maurice Agulhon,  La république a-t-elle besoin de grands hommes ?  In: l’Histoire, 242, April 2000 https://www.lhistoire.fr/la-r%C3%A9publique-t-elle-besoin-de-grands-hommes

Philippe Bélaval, Pour faire entrer le peuple au Panthéon. Rapport à Monsieur le Président de la République. 2013  https://www.vie-publique.fr/sites/default/files/rapport/pdf/134000736.pdf

Jean-Claude Bonnet, Naissance du Panthéon. Essai sur le culte des grands hommes. Fayard 1998

Jean-Claude Bonnet,  Le culte des grands hommes en France au XVIIIe siècle ou la défaite de la monarchie. In:  Modern Language Notes Vol. 116, No. 4, French Issue (Sep., 2001) S . 689-704  (Hrsg. von der Johns Hopkins University Press) https://www.jstor.org/stable/3251754?read-now=1&seq=1#page_scan_tab_contents

Jean- Noël Jeanneney/Philippe Joutard,  Du bon usage des grands hommes en Europe. Paris: Plon 2003

Alexia Lebeurre, Le Panthéon. Temple de la nation. Éditions du patrimoine 2000

Maximilian Leiningen-Westerburg, Les Grands Hommes de la France. In: arthistoricum.net http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6817/1/Leiningen_Westerburg_Les_grands_hommes_de_la_France_2020.pdf 

Benjamin Marquart, Grand homme. In: compendium heroicum 2018. https://www.compendium-heroicum.de/lemma/grand-homme/  Dort auch eine Übersicht zum Forschungsstand und eine Literaturübersicht  zum Grand homme. 

Mona Ozouf,  Das Pantheon. Freiheit  Gleichheit Bürderlichkeit. Zwei französische Gedächtnisorte. Berlin: Klaus Wagenbach 1996  Die französische  Originalversion des Beitrags zum Pantheon ist zuerst erschienen in:  Pierre Nora (Hrsg), Les Lieux de Mémoire. Band 1. Paris: Gallimard 1984, S. 139-166

Quatremère de Quincy, Extrait du premier rapport présenté au Directoire, dans le mois de mai 1791, sur les mesures propres à transformer l‘église dite de Sainte-Geneviève, en Panthéon français, imprimerie de Ballard, 1792  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5473385z

https://fr.wikipedia.org/wiki/Panth%C3%A9on_(Paris)  (ein sehr ausführlicher und gut dokumentierter Artikel) 

Anmerkungen

[1] zit. in: Pierre Nora (Hrsg),  Erinnerungsorte Frankreichs. München: D:H.Beck 2005,  S. 642

[2] Quatremère de Quincy, Extrait du premier rapport présenté au Directoire, dans le mois de mai 1791, sur les mesures propres à transformer l’église dite de Sainte-Geneviève, en Panthéon français, imprimerie de Ballard, 1792  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5473385z

[3] https://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/pantheon-grandes-figures-du-passe-pour-epoque-desenchantee  Rundfunksendung zum Pantheon vom  26.5.2015

[4] Nachfolgende Abbildung aus: Le Nouveau conducteur dans Paris et dans les environs, indiquant tout ce qui peut intéresser l’étranger au sein de cette capitale du monde civil…  Paris 1851. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6393839z/f233.item

[5] Maurice Agulhon Paris. Durchquerung von Ost nach West. In: Erinnerungsorte Frankreichs, S. 526

[6]Les restes des grands hommes qui ont mérité la reconnaissance nationale y seront déposés.“ https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2017/07/03/entrer-au-pantheon-mode-d-emploi_5155049_4355770.html

[7] Ozouf, S. 8/9

[8] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/ 

[9] Anne L. Poulet, Jean-Antoine Houdon, Sculptor of the Enlightement. University of Chigaco Press 2005

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2020/09/10/die-rousseau-sammlung-des-museums-jacquemard-andre-im-ehemaligen-koniglichen-kloster-chaalis/ 

[11] Bonnet, Naissance du Panthéon, S. 10  Bei Bonnet a.a.O.  gibt es auch eine Liste der für den Wettbewerb der Redekunst der Akademie festgelegten großen Männer 1759-1790 (Anhang I) und eine Liste der jeweils vier vom König in Auftrag gegebenen Skulpturen großer Männer 1777-1789 (Anhang III)

[12]  Der um den Jahreswechsel 1765/66 erschienene  achte Band der Encyclopédie enthielt  einen Beitrag zum héros, in dem der Autor,  Jaucourt,  das Konzept des grand homme als Gegenmodell zum Helden ausformulierte. Siehe:  https://www.compendium-heroicum.de/lemma/grand-homme/ 

[13] Jeanneney/Joutard, S. 16

[14] Ozouf, S. 10

[16] Bild aus: https://www.lest-eclair.fr/art/453162/article/2016-03-16/le-saviez-vous-voltaire-a-ete-inhume-a-romilly-avant-d-entrer-au-pantheon

[17]  « Reçois en ce lieu où t’enchaîna le despotisme, Voltaire, les honneurs que te rend la Patrie. » 

[18] Zit. Bonnet, 308

[19] Bild aus: Voltaire Panthéon, MRF, Vizille – Panthéon (Paris) — Wikipédia (wikipedia.org) 

[20] Zu hören bei: https://www.profession-spectacle.com/11-juillet-1791-voltaire-au-pantheon/ 

[21] Karl Gottlob Küttner, Ruinen und neues Bauen. Leipzig 1792.  Zitiert in: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. Frankfurt 1980 (Insel-Taschenbuch 389), S. 40 f

[22] Siehe: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/ 

[23] Franz Grillparzer, Reisetagebuch 1836 Zitiert in: Hans von Ziegesar (Hrsg): Reise Textbuch Paris. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen der Stadt. Dtv 3902 München 1990, S.19

[24] Zur Geschichte des Herzens Voltaires siehe: https://gallica.bnf.fr/blog/30052019/le-coeur-de-voltaire?mode=desktop  Dort auch das Bild des chambre du Cœur de Voltaire in  Fernay  Ein Bild der Statue aus der Bibliothèque nationale findet sich in: http://classes.bnf.fr/candide/grand/can_223.htm

[25] https://vivreparis.fr/le-saviez-vous-les-restes-de-voltaire-se-trouvent-un-peu-partout-dans-paris/ 

Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/secret/histoire-insolite-paris/restes-voltaire-eparpilles-dans-paris

[26] S. Benjamin Marquart, Grand homme. (2018) https://www.compendium-heroicum.de/lemma/grand-homme/ 

[27] Zum „Kostümstreit“ siehe Leiningen-Westerburg a.a.O., S. 8 f

[28] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/ 

[29] Siehe: https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/ 

[30] https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-genie-de-voltaire-et-de-rousseau-conduisit-ces-ecrivains-celebres-au#infos-principales

[31] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f

[32] Ozouf, Das Pantheon, S. 30

[33]  Hanns-Joseph Ortheil, Paris  links der Seine. Berlin 2017, S. 299/300

[34] Listen der im Pantheon bestatteten Männer und Frauen:

In alphabetischer Reihenfolge:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_transf%C3%A9r%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris 

Geordnet nach Bestattungsort/caveaux:  https://fracademic.com/dic.nsf/frwiki/1055061

Nach dem Datum der Pantheonisierung geordnet, bis 2015: https://www.lesechos.fr/2013/12/les-71-personnes-inhumees-au-pantheon-a-paris-348734  

[35] Siehe dazu: Lebeurre, Le Panthéon, S. 37

[36] Siehe Katalog der Victor Hugo-Ausstellung im Pantheon: http://www.editions-du-patrimoine.fr/Librairie/Catalogues-d-exposition/Victor-Hugo.-La-liberte-au-Pantheon

[37] Erinnerungsorte, 644

[38] Siehe: https://citation-celebre.leparisien.fr/citation/grands-hommes

[39] Siehe https://www.parismuseescollections.paris.fr/en/node/633176#infos-principales

[40] Bild aus: https://www.lelivrescolaire.fr/page/6646546

[41] Erinnerungsorte, 532 und 533

[42] Bild aus: http://soli-loci.gregory-haleux.com/2016/02/15/funerailles-de-victor-hugo/ 

[43] Les sublimes funérailles de Victor Hugo (unmondelitteraire.com)

[44] Nachfolgendes Bild aus:  https://www.cnews.fr/patrimoine/2015-03-29/le-jour-ou-victor-hugo-ete-enterre-en-grande-pompe-702059

[45] http://www.musee-rodin.fr/fr/collections/sculptures/monument-victor-hugo

Siehe auch: Jane Mayo Roos, Rodin’s Monument to Victor Hugo: Art and Politics in the Third Republic. In:  The Art Bulletin  Vol. 68, No. 4 (Dec., 1986), pp. 632-656  https://www.jstor.org/stable/3051045?seq=1#metadata_info_tab_contents

[46] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2017/07/03/entrer-au-pantheon-mode-d-emploi_5155049_4355770.html

[47] https://www.lemonde.fr/culture/article/2021/01/14/macron-rejette-l-idee-de-pantheoniser-rimbaud-respectant-le-souhait-de-la-famille-du-poete_6066280_3246.html

[48] Ozouf, S.8

[49] Zum Widerstand gegen die Pantheonisierung von Zola siehe: https://www.assemblee-nationale.fr/13/evenements/zola-pantheon/Zola%20_au_Panth%C3%A9on.pdf   Zum Widerstand gegen die Pantheonisierung von Jean Jaurès siehe: Avner Ben-Amos,  La « panthéonisation » de Jean Jaurès. Rituel et politique sous la IIIe République (1990) In:   https://journals.openedition.org/terrain/2983

[50] Siehe Philippe Bélaval, Pour faire entrer  le peuple,   S. 7

[51] Siehe den entpsrechenden Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

[52] http://syndikalismusforschung.info/hugo.htm und  https://www.poesie-francaise.fr/paul-verlaine/poeme-ballade-en-lhonneur-de-louise-michel.php 

[53] Siehe zum Beispiel: https://www.herodote.net/Voici_a_qui_vous_faites_l_honneur_du_Pantheon-article-1434.php und https://www.madmoizelle.com/qui-doit-entrer-pantheon-donnez-votre-avis-196902

[54] https://www.laposte.fr/toutsurletimbre/rendez-vous-philateliques/tous-les-rendez-vous/en_cours/timbre-olympe-de-gouges-1748-1793

Interessant wird in diesem Zusammenhang sein, wie Präsident Macron mit dem Vorschlag zur Pantheonisierung  Gisèle Halimi umgeht. Der französische Historiker Benjamin Stora hat im Februar 2021 im Auftrag Macrons einen Bericht „sur les questions mémorielles portant sur la colonisation et la guerre d’Algérie“ vorgelegt, in dem auch dieser Vorschlag enthalten ist. Eine Pantheonisierung Halimis, die sich für die algerische Unabhängigkeitsbewegung eingesetzt hatte, solle zur Befriedung des Verhältnisses zwischen Frankreich und Algerien beitragen. Allerdings stößt dieser Vorschlag –wie auch der Bericht Storas insgesamt- auf heftige Kritik.

https://www.20minutes.fr/societe/2964251-20210128-rapport-stora-femmes-filles-harkis-opposent-pantheonisation-gisele-halimi

[55] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Commune_de_Paris_26_mai_Milli%C3%A8re_fusill%C3%A9.jpg   Zur Erschießung von Millière siehe z.B. Thankmar von Münchhausen, 72 Tage. München: DVA 2015, S. 380/381

[55a] Ozouf, S. 32

[56] http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Illustres-!-C215-autour-du-Pantheon   Ein ähnliches Projekt von C 215 gibt es auch im Marais. Siehe: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/ und   https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/ 

[57] https://www.change.org/p/pour-un-hommage-national-%C3%A0-paul-bocuse

[58] https://www.huffingtonpost.fr/2013/05/21/video-edith-piaf-au-pantheon-la-proposition-decoiffante-de-michele-delaunay_n_3313082.html  und   https://blogs.mediapart.fr/vingtras/blog/240913/edith-piaf-au-pantheon

[59] https://www.lepoint.fr/sport/raymond-poulidor-est-decede-a-l-age-de-83-ans-13-11-2019-2346915_26.php

[60] https://www.mesopinions.com/petition/droits-homme/pantheon-cinq-charlie-hebdo/13499

[61] https://www.lexpress.fr/actualite/politique/bertrand-pecresse-ciotti-les-propositions-de-la-droite-apres-l-attaque-de-conflans_2136702.html

[62] https://www.elle.fr/Societe/News/Lucie-Aubrac-bientot-au-Pantheon-2612506

[63] https://actualitte.com/article/53589/livres-anciens/simone-de-beauvoir-partirait-favorite-pour-reposer-au-pantheon

[64] Johnny Hallyday : Bientôt au Panthéon ! – France Dimanche

[65] https://www.change.org/p/djamel-debouze-inscription-du-nom-de-coluche-au-panth%C3%A9on-grand-homme-qui-a-nourri-des-millions-de-pauvres

[66] Siehe zum Beispiel: https://www.nzz.ch/feuilleton/rimbaud-und-verlaine-die-dichter-sollen-ins-pantheon-kommen-ld.1579194 und https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-in-frankreich-duerfen-rimbaud-und-verlaine-ins.1270.de.html?dram:article_id=484812

[67]

In seinem von Präsident Macron bestellten Gutachten, wie das Verhältnis zu Algerien verbessert werden könnte, hat Benjamin Stora schon seit längerem eine Pantheonisierung Halimis vorgeschlagen. Im März 2023 wurde zwar Halimi in einem Staatsakt geehrt, eine Pantheonisierung ist allerdings nicht in Sicht. Siehe:Hommage à Gisèle Halimi: „Nous lui sont toutes redevables.“. In: Le Monde vom 10. März 2023

[68] Robert Guédiguian : “Faire entrer Manouchian au Panthéon serait reconnaître que les premiers résistants étaient des étrangers” Télérama 22 fev 23

[69] Bonnet, Naissance du Panthéon,  S. 13

[70] Ehrung für Missak Manouchian: Ein Kommunist im Panthéon.   Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni 2023  https://www.sueddeutsche.de/kultur/missak-manouchian-pantheon-kommunist-1.5947203

[71] https://www.lefigaro.fr/actualite-france/la-classe-politique-salue-la-decision-de-faire-entrer-manouchian-au-pantheon-20230618  Le Figaro vom 18.6.2023