Sommer in Paris: Schwimmen im Bassin de la Villette, in der Marne, im Lac Daumesnil und auf/in der Seine

Paris im Sommer ist nicht jedermanns Sache: Es ist oft  heiß, manchmal auch drückend heiß und stickig, mit entsprechenden ungesunden Begleiterscheinungen: hohen Ozon- und Feinstaub-Werten; das wirtschaftliche und kulturelle Leben verläuft auf Sparflamme. Oper und Theater machen Sommerpause.  Bei vielen Geschäften sind die Rollgitter heruntergezogen und ein Schild informiert über die –meist mehrwöchige- Dauer des „congé annuelle“.  Wer es sich leisten kann, fährt in Urlaub, viele Pariser  in das  Sommerhaus auf dem Land oder am Meer.

Für die zu Hause Gebliebenen und die Touristen gibt es immerhin ein spezielles Sommerprogramm mit vielen kulturellen Angeboten zum; Beispiel musikalischen Festivals wie dem Jazz-Festival im Parc Floral in Vincennes, gefolgt von dem Festival Classique Au Vert am gleichen Ort, dem Jazz-Festival auf der Esplanade de La Défense, dem Festival Rock  en Seine in der Domaine National du Parc de Saint-Cloud, dem Festival Chopin im Park La Bagatelle und, und, und…. Besonders schön ist, dass hochkarätige Gruppen, die zu sehen bzw. zu hören im Allgemeinen einiges Geld kostet,  teilweise auch kostenlos in Pariser Parks auftreten; beispielsweise im Jardin du Luxembourg  oder im Parc de Belleville im 20. Arrondissement, den wir besonders lieben, weil man von dort aus einen wunderbaren Blick über Paris hat. Man kann sich eigentlich jeden Tag aussuchen, worauf man Lust hat.  Und dann gibt es ja auch noch Paris-Plages!  Zentrum dieser schon traditionellen Einrichtung waren die beiden für die Zeit dieser Veranstaltung für den Autoverkehr gesperrten Stadtautobahnen nördlich und südlich der Seine.

Mit Hilfe von 3000 Tonnen Sand erhielten sie ein entsprechendes Strand-Ambiente mit Liegen, Sonnenschirmen, Bars und Freizeitangeboten. Inzwischen sind die beiden Autobahnen dauerhaft geschlossen, was die Außergewöhnlichkeit von Paris-Plages an diesen Stellen etwas mindert.  Und, „grand choc!“, den Sand gibt es nicht mehr.[1]

Paris Plages August 2012 und Baustelle Voie Pompidou 007

Er  ist  in Verruf geraten, weil er von der Firma Lafargue  geliefert wurde, von der man inzwischen weiß, dass sie dem IS Schutzgelder bezahlte, um ihr in dessen Aktionsradius liegendes syrisches Zementwerke ungestört weiterbetreiben zu können. Die Pariser Stadtverwaltung hat daraufhin die Zusammenarbeit mit  LafargueHolzim, dem „leader mondial du matériel de construction“, abgebrochen. Das Fass zum Überlaufen brachte, dass  dieser weltgrößte Zementproduzent auch noch mit einer Beteiligung an dem Mauerbauprojekt Trumps liebäugelte.[2]

Dafür hat aber ein dritter Standort von Paris-Plages in diesem Jahr an Attraktivität gewonnen, nämlich das Bassin de la Villette.

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Schwimmen im Bassin de la Villette

Dort wurde nämlich als absolute Neuheit für Paris-Plages 2017 ein Schwimmbad installiert, das La Baignade,  das vom 15. Juli bis zum 15. September täglich von 11 bis 21 Uhr geöffnet ist.  (2a)

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Jedenfalls soll das so sein, wenn nicht….  Zwar wurden nämlich, wie der Pariser Sportbürgermeister Jean-Francois Martins beteuerte, die Grenzwerte für die bakterielle Belastung des Bassins seit zwei Jahren eingehalten, aber dann musste es doch nach einigen Tagen schon wieder  für den Badebetrieb geschlossen werden…. (Le Parisien, 25.7.) Aber das war immerhin nur vorübergehend und soll, falls es nicht erneut starke Regenfälle gibt, auch so bleiben. Und es soll wohl auch eine Dauereinrichtung für die Sommerzeit der nächsten Jahre werden.

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Insgesamt hat das Schwimmbecken eine Länge von 100 Metern und ist dreigeteilt je nach Tiefe: Ein Planschbecken von 40 cm Tiefe (siehe Foto), ein weiteres von 1,20 Metern Tiefe und für die Schwimmer gibt es ein 50-Meter-Becken, das  2 Meter tief ist und das  selbst bei schönstem Wetter eher mäßig frequentiert ist.

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Bei schönem Wetter ist allerdings der Andrang der Schwimmbadgäste groß, da muss man eventuell am Eingang etwas warten, weil eine Gesamtzahl von jeweils 500 Besuchern nicht überschritten werden soll.

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Dafür wird es abends ruhig, allerdings kann es dann passieren, dass man nicht mehr eingelassen  wird, wenn die Gesamtzahl der Besucher an diesem Tag schon die 2000 erreicht hat. Wenn man aber schon drinnen ist, kann es sein, dass man das große Schwimmbecken ganz  für sich alleine hat….

Es gibt am Rand Duschen, Umkleidekabinen und Toiletten. Und wenn man Glück hat, findet man auch noch einen freien Liegestuhl.

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Insgesamt eine echte Bereicherung des Bade-Angebots der Stadt Paris – und das auch noch kostenlos.

Zum Abschluss von Paris Plages am 3. September 2017 gibt es übrigens noch einmal eine größere Schwimmveranstaltung im Bassin de la Villlette: La fluctuat – eine Anspielung an den Wappenspruch von Paris: Fluctuat nec mergitur. Leider sind wir an diesem Tag nicht in Paris, sonst hätte ich an dem für jedermann offenen Rundkurs über 1,25 km sicherlich teilgenommen.

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An diesem Ort zu baden bzw. zu schwimmen, hat für mich einen besonderen Reiz, denn man befindet sich hier an einem historisch ganz herausragenden Ort: Das Bassin de la Villette geht immerhin zurück auf Napoleon Bonaparte, der am 28. Mai 1802 folgendes Gesetz proklamierte:

«Il sera ouvert un canal de dérivation de la rivière d’Ourcq ; elle sera amenée à Paris, à un bassin près de la Villette.[…]»  (Es wird ein Kanal eröffnet, der Wasser vom Fluss Ourcq abzweigt und Paris zuführt, in ein Bassin bei La Villette.)[3]  Im Invalidendom, der Grabstätte Napoleons, wird der Kanal ausdrücklich unter den Infrastrukturmaßnahmen aufgeführt, die initiiert zu haben sich Napoleon gerühmt hat.[4] Für den Bau des Kanals benötigte man natürlich eine große Zahl von Arbeitskräften – und das ausgerechnet in Kriegszeiten.  Aber nach den Siegen von Austerlitz und Jena/Auerstedt über Österreicher und Preußen gab es ja genug Kriegsgefangene.[5]  Insofern  ist das Bassin de la Villette gewissermaßen ein deutsch-französisches Gemeinschaftswerk der besonderen Art….

Ziel des Kanalbaus war eine Verbesserung der (Trink-)Wasserversorgung der Stadt. Das 700 mal 70 Meter große und zwei Meter tiefe Bassin diente also als Frischwasserreservoir für die Bevölkerung von Paris. Am 2. Dezember 1808 wurde das Bassin eingeweiht „und galt bald  als kleines Venedig von Paris.“[5] Seine mit Alleen  geschmückten  Ufer wurden zu einem bevorzugten Ort der Pariser zum Spazierengehen und zum Ausgehen: In der Umgebung eröffneten einige Guinguettes, also Landgasthöfe, in denen man preiswerten Wein trinken konnte. Denn das Bassin lag bis 1860 außerhalb der Zollmauern von Paris, an denen für die nach Paris eingeführten Grundnahrungsmittel wie Salz und – wir sind in Frankreich- natürlich auch Wein Zoll erhoben wurde.

Ein Rest dieser Paris umgebenden Zollmauer, der mur des fermiers généraux, ist die klassizistische Rotonde  de la Villette, an deren Achse das Bassin ausgerichtet wurde, wie der historische Stich zeigt. Von dieser bei den Parisern verhassten Zollmauer ist nur wenig erhalten. Ein Glück, dass immerhin die Rotonde de la Villette nicht dem Zorn der Bevölkerung und der Spitzhacke zum Opfer gefallen ist. Ihr Aussehen entspricht ja immerhin auch ganz und gar nicht dem, was man von einer Zollstation erwartet, sie bildet mit dem Bassin eine harmonische Einheit und ihr Schöpfer ist der Architekt Claude-Nicolas Ledoux, einer der herausragenden  und einflussreichsten Architekten seiner Zeit.[6]

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Im Zuge der Industriellen Revolution  entwickelte sich das über den Canal St. Martin und den Canal St. Denis an die Seine angeschlossene  Bassin de la Villette zu einem der größten Häfen Frankreichs.[7]

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Der Hafen von La Villette, aufgenommen zwischen 1905 und 1910. Aus einer Informationstafel am Zaun von La Baignade

Ein zweites großes Hafenbecken wurde gebaut, Lagerhallen entstanden, der große Schlachthof von La Villette versorgte die ständig zunehmende Pariser Bevölkerung mit Fleisch. An diese Vergangenheit erinnert heute nur noch wenig: Stattdessen ist das Bassin de la Villette wieder ein Ausflugsziel wie früher einmal: Die Rotonde ist nicht mehr Zollstation, sondern ein Bistro, eine der alten Lagerhallen ist ein Haus für Pop-Konzerte, unter den Baumreihen kann man Boule spielen, am Rand des Kanals picknicken, es gibt rechts und links des Bassins große Kinos, am oberen Rand –am Wasser gelegen- Restaurants…  Und jetzt kann man im Sommer sogar im Bassin schwimmen!

Praktische Informationen:

Métro Stationen Jaurès oder Stalingrad auf den Linien 2, 5 oder 7.

Das Schwimmbecken befindet sich Quai  de la Loire, auf der östlichen Seite des Bassin de la Villette.

Auch  2018 gibt es das Bad im Bassin de la  Vilette:  sogar schon einen Monat früher -ab 16. Juni – und bis zum 9. September von 11 bis 21 Uhr. Es stehen 2018 sogar 4 Becken zur Verfügung – ein Planschbecken, das sich besonderer Beliebtheit erfreute, ist dazu gekommen.

 

Schwimmen in der Marne  

Eine –zumal zeitlich nicht auf einen Monat begrenzte- Alternative zum Bad im Bassin de la Villette ist die Marne. Die Marne war ja für bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Badeort für Anwohner und Pariser Ausflügler. Auf den letzten 25 Kilometern der Marne bis zu ihrer Mündung in die Seine, also im Einzugsbereich von Paris, gab es bis 1970, als das Baden im Fluss verboten wurde, nicht weniger als 24 offizielle Badegelegenheiten. Das Strandbad in Gournay hieß sogar wegen seiner berühmten blau-weißen Badekabinen „Le Petit Deauville“ oder „Deauville parisien“- immerhin ist es Luftlinie nur 18 Kilometer von Notre Dame entfernt. (7a) Joinville mit seinem Bad war ein besonders beliebtes und sogar in einem populären Lied besungenes Ausflugsziel für die Pariser.  Eine Zeile des Liedes bezieht sich ausdrücklich auf die Schwimmer in der Marne:

„Et dans la Marn‘ y’a des baigneurs“[8]

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Auch das Plakat einer Ausstellung im Museum von Nogent-sur-Marne zeigt, wie populär das Baden in der Marne einmal gewesen war:

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Offiziell ist das Baden in der Marne zwar immer noch verboten, es wird aber inzwischen geduldet. Das hängt damit zusammen, dass die Qualität des Wassers  sich seit 1970 deutlich verbessert hat und meistens gesundheitlich unbedenklich ist. Lediglich nach starken Regenfällen, wenn die Kanalisation überfordert ist,  sollte man für einige Tage  auf ein Bad im Fluss verzichten.[9]

Die Marne als Bademöglichkeit haben  wir gleich in unserem ersten Pariser Sommer eher durch Zufall entdeckt: Es war ein heißer Tag, wir lagen in einem Café bei der Bibliothèque  Nationale in einem Liegestuhl an der Seine und betrachteten die Schiffe, die vorüber fuhren. Darunter auch kleine Elektro-betriebene Boote  namens Voguéo, die in regelmäßigen Abständen anhielten und Passagiere mitnahmen. (Leider gibt es sie heute nicht mehr,  aber ihre Wiedereinführung wird wohl erwogen). Wohin sie fuhren, wussten wir nicht, aber wir waren neugierig und hatten Zeit. Also ins nächste Boot eingestiegen! Es fuhr die Seine aufwärts- vorbei an Kaianlagen, Betonmischern, Lagerhallen- dann kam die Mündung der Marne mit dem –auch wenig animierend aussehenden- chinesischen Handelszentrum Chinagora- viel Beton mit ein paar aufgesetzten und angeklebten Chinoiserien. Unser Boot fuhr nun in die Marne ein und hielt kurz vor einer Schleuse an: Maisons-Alfort, Endstation.

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Von dort aus gab –und gibt es noch- einen schönen Fußweg entlang der Marne, zum Teil auf Bohlen über dem Wasser angelegt. Und dort sahen wir am gegenüber liegenden Ufer auf ein paar betonierten Stufen, die ins Wasser führten, mehrere Leute in der Abendsonne liegen. Und ein Mann plantschte sogar im Wasser herum! Die Aufregung war groß, die Lust, es ihm nachzutun, riesig. Aber ohne Badezeug konnten wir nur neidisch zusehen und enttäuscht zurückfahren, allerdings mit dem festen Vorsatz, am nächsten Tag mit entsprechender Ausrüstung wiederzukommen. Was dann auch geschah. Auf den Betonstufen hatte es sich eine kleine Truppe von Rentnern gemütlich gemacht, die sich offenbar gut kannten. Einige unterhielten sich –möglicherweise wegen Schwerhörigkeit- ziemlich lautstark, einer las Zeitung, eine alte Dame –oben ohne- strickte, andere dösten in der Sonne. Wir wurden interessiert begutachtet und unsere Begrüßung wurde freundlich entgegengenommen. Nun gab es für uns kein Halten mehr: Ab ins Wasser!  Es dauerte nicht lange, bis einer der Männer aufstand, sich kerzengerade und demonstrativ auf einem ins Wasser ragenden Holzbrett aufbaute und mit dem Ruf „Et maintenant la France!“ kopfüber ins Wasser sprang.

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Damit waren wir in die Gemeinde der Marne-Rentner aufgenommen. Fast jeden Tag kamen wir nun zum Sonnen und Baden dorthin zurück gewöhnten uns auch an den allerdings durch eine hohe Lärmschutzmauer abgemilderten Verkehrslärm der parallel verlaufenden Autobahn nach Reims, Metz und Saarbrücken und gehörten nun, ohne dass viel geredet wurde, dazu- spätestens, als die immer strickende alte Dame es nicht mehr für nötig hielt, schnell ein Hemdchen überzuziehen, wenn wir kamen.

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Wir erfuhren allmählich auch, dass die Stufen zu dem ehemaligen Strandbad der Gemeinde Maisons-Alfort gehörten. Der Platz sei ideal, aufgrund der benachbarten Schleuse sei die Strömung gering, man könne hier nach Herzenslust baden und schwimmen. Inzwischen sei das Schwimmen in der Marne  wegen des Schiffsverkehrs und des (angeblich!) dreckigen Wassers verboten- ein entsprechendes großes Verbotsschild am Ufer hatten wir zunächst gar nicht bemerkt- aber sie würden hier seit ihrer Jugend baden und würden es auch weiter tun, selbst wenn ab und zu mal die „Flics“ kämen. Diese Erfahrung machten wir dann auch selbst nach einem Ausflug auf die andere Seite des Flusses: Heftige Ermahnungen: Schild! Gefahr! Nie wieder! Und dann der Trost unserer Schwimmfreunde: Wir sollten das nicht so ernst nehmen! Die tun ja nur ihre Pflicht! Ist uns auch schon passiert …

Inzwischen ist das Verbotsschild übrigens beseitigt worden, die Betonstufen wurden erneuert und mit einem Plastikbelag überzogen.  Die Marne wird ganz offensichtlich darauf vorbereitet, wieder offiziell autorisiertes Badegewässer zu werden. Risiken gibt es allerdings dennoch und weiter: Im letzten Jahr wurde ich einmal –mit Schwimmbrille stromaufwärts kraulend- von einem größeren, von hinten kommenden Frachtschiff fast „überfahren“. Im letzten Moment hörte ich dann doch die lauten Schreie von allen Seiten und kam mit dem Schrecken davon….

Zu erreichen ist das Strandbad an der Marne übrigens ganz einfach mit der Metro-Linie 8, Station École Vétérinaire de Maisons-Alfort. (Sortie Carrefour de la Résistance). Man passiert die Art-Déco- Kolonaden der früheren Destillerie Suze und ist dann in wenigen Schritten an der Marne, der Schleuse und der Fußgängerbrücke.

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Die überquert man und geht den Uferweg entlang bis zum (früheren) Strandbad.  Auf beiden Seiten des Flusses gibt es übrigens  Pontons zum Anlegen von kleinen Schiffen: Wenn die nicht schon belegt sind, kann man sie auch  nutzen: Zum Baden –zumal es hier einen bequemen Einstieg ins Wassser gibt…

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… und natürlich auch zum Picknick

Picknick an der Marne

Schade ist allerdings, dass die Autobahn A 4 direkt an der Marne und dem „Strandbad“ von Maison Alfort entlangführt. Aber dazwischen gibt es immerhin eine hohe Schallschutzmauer, so dass man den Verkehrslärm nur gedämpft wahrnimmt. Und außerdem dürfen wir uns schon gar nicht darüber beklagen. Immerhin ist das die Autobahn nach Deutschland, auf der wir ab und zu auch unterwegs sind.

 

Schwimmen auf/ in der Seine

Das Baden in der Seine hat eine lange Tradition, auch wenn es immer wieder Einschränkungen gab: Im 18. Jahrhundert ging es dabei um die Sittlichkeit: 1716 ordnete der prévot de Paris an, dass Baden in der Seine nur mit entsprechend  züchtiger Bekleidung erlaubt sei. 1783 wurde das freie Baden in der Seine „pour des raisons de décence“ ganz verboten. Im 19. Jahrhundert war es dann die  zunehmende Verschmutzung des Seine-Wassers, die das freie Baden in der Seine zum Problem machte. Eine Alternative war zunächst die Installation von „piscines flottantes“, die zumindest eine Begegnung mit den ärgsten auf der Seine treibenden Abfällen verhindern konnten:   1889 hatte ein Journalist einmal eine Liste entsprechender Fundstücke zusammengestellt:

«2.021 chiens, 977 chats, 2.257 rats, 507 poulets et canards, 3.066 kilogrammes d’abats de viande, 210 lapins ou lièvres, 10 moutons, 2 poulains, 66 cochons de lait, 5 porcs adultes, 27 oies, 27 dindons, 609 oiseaux divers, 3 renards, 2 veaux, 3 singes, 8 chèvres, 1 serpent, 2 écureuils, 3 porcs épics, 1 perroquet, 130 pigeons ou perdreaux, 3 hérissons, 2 paons, 1 phoque!!!». (9a)

Eine dieser schwimmenden Badeanstalten, in denen man eine unliebsame Begegnung mit solchen Treibgütern nicht fürchten musste, war die am noblen hôtel Lambert auf der Ile de Saint-Louis festgemachte „École de Natation de l’Hôtel Lambert“.

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In einem Artikel aus der „Gazette des bains“ von 1845 werden die Vorzüge dieses Bades ausführlich beschrieben: Man könne hier nicht nur baden und von erprobten Meistern Schwimmunterricht erhalten; angeboten würden auch Erfrischungen und ausgesuchte  Speisen; und natürlich stehe  für die Damen, wenn sie das Wasser verlassen  hätten, eine Frisöse bereit, die auch über ein „dépôt de  parfumerie et de ganterie“ verfüge. Die Damen  könnten auch in Begleitung ihres Zimmermädchens kommen. Eine große Rolle spielt in diesem Artikel die Wasserqualität: Das Wasser der Seine habe hier eine hervorragende Qualität, die den Ansprüchen der Hygiene in vollstem Maße gerecht werde: „L’eau de la Seine jouit de ces précieuses qualités à un degré remarquable tant qu’elle n’a  pas reçu le tribut des immondices de la grande ville„. Und die werden danach aufgezählt:  die Abwässerkanäle der Stadt, die Schiffe der Waschfrauen, die Abwässer der Färbereien und der Krankenhäuser und vieles mehr. Das flussaufwärts festgemachte École  de Natation de l’Hôtel Lambert sei aber von alldem nicht betroffen und verfüge unbestreitbar über „la plus belle eau de Paris.“  (9b)

Die Wasserqualität der Seine verschlechterte sich allerdings so sehr,  dass  im gesamten Stadtgebiet das Baden in der Seine aus hygienischen Gründen immer problematischer wurde. 1931 empfahlen die Forscher des Laboratoriums von Val-de-Grâce nicht nur, möglichst mit geschlossenem Mund zu schwimmen und sich nach dem Bad gründlich mit sauberem Wasser zu waschen, sondern sie hielten auch eine Impfung gegen Typhus für angebracht. Kein Wunder also, dass 1923 das Baden im Fluss und in Badeschiffen verboten wurde. 1929 fanden allerdings noch offizielle Schwimmwettkämpfe in der Seine statt – ein nettes Beispiel für einen großzügigen Umgang mit Regeln, auch wenn man sie selbst aufgestellt hat.(9c)

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Dass ein solches Verbot aber nur eine gesundheitlich erforderliche Notmaßnahme und nicht das letzte Wort sein kann, war auch allgemein klar.  Schon 1988 hatte Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, angekündigt, man werde in fünf Jahren in der Seine baden können: «Dans cinq ans, on pourra à nouveau se baigner dans la Seine. Et je serai le premier à le faire». Aber daraus wurde nichts, die Wasserqualität war nicht danach.[10] Im Juli 2012 durften im Rahmen des Pariser Triathlons 4500 Teilnehmer am Eiffelturm in die Seine springen, aber das blieb eine Ausnahme: Neben der nicht dauerhaft akzeptablen Wasserqualität war es vor allem die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs, die die zuständigen Behörden veranlassten, weitere Events dieser Art zu verbieten. (10a)

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Die Bemühungen der Association Swim Paris, die mythische „traversée de Paris à la nage“ wiederzubeleben, sind also bisher gescheitert: Geplant waren zwei Parcours zwischen dem Schwimmbad Joséphine Baker im 13. Arrondissements und dem Parc André-Citroën im 15. Arrondissement, wobei gegen eine Teilnehmergebühr jedermann zugelassen wäre.[11] Jetzt hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo versprochen, die 1,5 km Schwimmen des  Triatholon-Wettbewerbs  und das 10 km Freiwasserschwimmen der Olympischen Spiele 2024 würden in der Seine stattfinden,  und danach werde auch die Öffentlichkeit in der Seine baden können: „On pourra se baigner dans la Seine après 2024 […] Ce n’est pas une promesse, c’est vraiment un engagement“. Sie werde dann –wenn es ihr Gesundheitszustand erlaube- auch dabei sein; und wir –hoffentlich!- auch….[12]

Allerdings muss Paris bis zur Eröffnung  eines offiziellen und öffentlichen Schwimmbads in der Seine noch einiges tun, Le Monde spricht von einer wahren Herkules-Arbeit. (12a) Die  Kanalisation muss modernisiert werden, die bei heftigem Regen immer noch überläuft und Schmutz in die Seine spült, ebenso die Kläranlagen stromaufwärts. Die zwischen 2010 und 2015 vorgenommenen Untersuchungen des Seine-Wassers ergaben, dass 92% aller Proben nicht den gesundheitlichen Normen entsprachen. Und es gibt eine europäische Direktive, nach der erst dann ein Gewässer zum Baden freigegeben werden darf, wenn in vier aufeinander folgenden Jahren die Wasserqualität unbedenklich war. (12b)  Das heißt, dass schon ab 2020 das Seine-Wasser Badequalität erreicht haben müsste. On verra…

(Was mir übrigens, aber das nur in Klammern, nicht klar ist: Wie lassen sich diese olympischen Schwimmwettbewerbe in der Seine mit der starken Strömung vereinbaren? Gegen die werden selbst die Sport-Profis nur schwer ankommen und mit ihr würden wohl die olympischen Rekorde nur so  purzeln. Aber vielleicht ist das ja ein durchaus einkalkulierter Effekt….)

Bis dahin wird man sich also weiter mit (provisorischen) Alternativen begnügen müssen. Die gab es (z.B. 2010) schon im Rahmen von Paris-Plages, und zwar in Gestalt  einer zünftig ausgestatteten  blau-weißen Badeanstalt auf dem Gelände der Voie Pompidou, die allerdings aufgrund ihrer bescheidenen Ausmaße und des großen Andrangs kaum zum Schwimmen geeignet war.

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Baden im Lac Daumesnil: ein Fiasco

Als eine Möglichkeit zum Baden im freien Wasser schon vor 2024 wurde im Februar 2018 von der Stadtverwaltung angekündigt, im lac Daumesnil im Bois de Vincennes (12. Arrondissement) ab 2019 eine Bademöglichkeit zu schaffen: „Der lac Daumesnil wird bald zum Baden geöffnet.“ (12c) Es wurden dazu auch schon detaillierte Angaben gemacht:

3 Bereiche sollten eingerichtet werden:

  • einer mit einer Fläche von 2.600 m² und einer Wassertiefe von 30-60 cm
  • ein weitere mit einer Fläche von 2.200 m² und einer Wassertiefe zwischen 30 cm und 1,50 m ;
  • und schließlich ein Bereich für Schwimmer von 3.200 m²  mit einer Wassertiefe von 2,50.

„Le lac Daumesnil sera un lieu gratuit, populaire, familial et écologique“, verkündete der für Sport und Tourismus zuständige Pariser Stadtrat. (12d)

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Aber schon kurz danach kam das böse Erwachen. Das Projekt, eines der großen Wahlversprechen von Bürgermeisterin Anne Hidalgo, fiel gewissermaßen ins Wasser. Es scheiterte am Widerstand von Umweltschützern und Grünen, die darin eine massive Beeinträchtigung dieses Naherholungs- und Naturschutzgebiets am Rande von Paris sahen. Ein böser und ärgerlicher Rückschlag für Frau Hidalgo und für Badefreunde. (12d)

Natürlich hat die Pariser Stadtverwaltung versprochen, das Projekt werde trotzdem weiterverfolgt – nach dem Motto: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Aber ob wir das Baden im See noch erleben werden, erscheint mir doch sehr ungewiss.

 

Das Badeschiff Joséphine Baker

Aber  wenigstens gibt es ja seit 2006 das dauerhaft installierte Badeschiff Joséphine Baker auf der Seine.

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Das ist festgemacht am Fuß der Bibliothèque François Mitterand im 13. Arrondissement, gegenüber dem Parc Bercy und im Blick auf das wuchtige Finanzministerium

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… und die elegante Passerelle Simone de Beauvoir.

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Ein Besuch ist besonders im Sommer angeraten, wenn die Überdachung geöffnet ist und man von der erhöhten Terrasse aus den Blick auf die Seine genießen kann.   Allerdings ist dann auch hier der Andrang erheblich, so dass das Schwimmbecken (10 mal 25 m) eher zum Plantschen geeignet ist und weniger zum sportlichen Schwimmen.

In einem vom Figaro publizierten Ranking der Pariser Schwimmbäder, auf dem das Joséphine Baker immerhin auf dem zweiten Platz rangiert, ist das schön und treffend so formuliert:

„Plouf! Fabuleuse verrière et nage  en musique. La taille du bassin, elle, n’empêche malheureusement pas la proximité.  Mais la vue sur la Seine, magique, rattrape tout.“[13]

Im Vergleich mit dem berühmten Berliner Badeschiff auf der Spree in Treptow ist die „Joséphine Baker“ eine eher familienfreundliche Einrichtung.

Also: Für schwimmfreudige Besucher/innen von Paris – alt und jung- als wenigstens einmalige Erfahrung durchaus zu empfehlen!

 

Praktische Informationen (Stand August 2017): 

http://equipement.paris.fr/piscine-josephine-bakerStand -2930

Quai François-Mauriac (XIIIe). Tél.: 01 56 61 96 50

Nächste Métro-Stationen: Quai de la Gare und Bibliothèque François Mitterand

 

Eintrittspreise  (http://www.piscine-baker.fr/fr/tarifs ):

Einzelkarten 3.60 Euro, reduziert 2 Euro

Im Sommer: 6,20 Euro, reduziert 3,10 Euro.

Die Aufenthaltsdauer ist im Sommer (Juli/August und alle Wochenenden zwischen Ende Mai und Ende September auf zwei Stunden beschränkt.

 

Öffnungszeiten:

Montag von  07h00 bis  09h00 und von 10h00 bis 23h00

Dienstag von  07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Mittwoch von  07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis  23h00

Donnerstag von 07h00 bis 09h00 und von 10h00 bis 23h00

Freitag von 07h00 bis 09h00 und von  10h00 bis 23h00

Samstag von  10h00 bis 20h00

Sonntag von 10h00 bis 20h00

 

 

Anmerkungen

[1] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/balades/articles/53926-paris-plages-2017-baignade-et-animations-sur-les-berges-sans-sable

[2] http://www.lemonde.fr/proche-orient/article/2016/06/21/comment-le-cimentier-lafarge-a-travaille-avec-l-etat-islamique-en-syrie_4955039_3218.html

http://www.lefigaro.fr/societes/2017/03/29/20005-20170329ARTFIG00152-paris-plages-la-mairie-ne-veut-plus-du-sable-de-lafarge.php

(2a) Weitere Informationen: https://www.sortiraparis.com/images/400/1462/274505–bassin-de-baignade-a-la-villette.jpg  und   https://www.paris.fr/baignadevillette

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

[4] Siehe den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides. Es lebe der Kaiser (3)

[5] http://www.pbase.com/cpaaulnay/canal_de_lourcq_themes

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Bassin_de_la_Villette

In geplanten weiteren Blogbeiträgen möchte ich hier angeschnittene Themen weiter vertiefen: Die Geschichte und Bedeutung der Guinguettes, die Zollmauer von Paris und ihr Architekt Ledoux, der Canal de l’Ourcq – eine stadtgeographische Fahrradtour…

[7] http://www.histoires-de-paris.fr/bassin-de-villette/

http://www.cargos-paquebots.net/Navigation_fluviale/Canal-Saint_Martin_09-2012/Canal_Saint-Martin-01.htm

Antoine Léger, Le bassin de la Vilette, deux siècles de transformation urbaiane.  http://de.calameo.com/read/004245471850d9b01b0cc

(7a) Jean-Paul Kauffmann, Remonter la Marne. Paris  2013, S. 38

[8] http://www.paroles.net/pierre-roger/paroles-a-joinville-le-pont

[9] http://www.marne-vive.com/se-baigner-en-marne

Jean-Paul Kauffmann berichtete in seinem 2013 erschienenen Buch „Remonter la Marne“, nach Regenfällen würden von der Brücke von Joinville „toutes sortes d’infections“  in die  Marne gespült. „Après l’orage apparaissent à la surface des nappes huileuses sur lesquelles flottent des centaines de poissons morts.“ (S. 28).  Dergleichen haben wir noch nicht beobachten müssen, aber wir meiden auch vorsichtshalber die Marne nach starken Regenfällen.

(9a) Zitiert in: http://www.lefigaro.fr/histoire/archives/2017/08/18/26010-20170818ARTFIG00211-quand-les-parisiens-se-baignaient-dans-la-seine.php

(9b) Bild und Text aus: Paris. Vie et histoire du 4e Arrondissement. Paris 2001, S. 126/127

(9c) Bild aus: Années folles. 100 photos de légende. Paris: Parigramme 2014

[10] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php  Dort auch das nachfolgend wiedergegebene Bild des Paris-Triathlons von 2012.  

(10a) http://proregisseur.com/la-seine-et-le-triathlon-de-paris/

[11] http://www.leparisien.fr/hauts-de-seine-92/la-traversee-de-paris-a-la-nage-tombe-a-l-eau-08-08-2012-2117624.php

[12] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/05/08/01016-20160508ARTFIG00092-nager-dans-la-seine-un-vieux-reve-qui-perdure.php

Das Engagement Hidalgos für das Schwimmen in der Seine 2024 hat natürlich auch die Funktion, die Pariser Bevölkerung vom Nutzen der Olympischen Spiele zu überzeugen. Allerdings  gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, ob das Seine-Wasser tatsächlich bis 2024 Badequalität erhalten soll, wenn es der Stadt Paris noch nicht einmal gelinge der schlimmen Ratten-Plage Herr zu werden. (http://www.liberation.fr/debats/2017/05/10/il-faut-retirer-paris-de-la-course-folle-aux-jeux-olympiques_1568563)

(12a) „ce travail digne d’Hercule“ Aus: Se beigner dans la Seine à Paris, promesse risquée. (Le Monde 16. Mai 2017,  S. 15)

(12b) Nager dans la Seine en 2024, un pari osé. In: Le Monde 15./16. August 2017. Sonderbeilage zu Paris 2024: Jeux olympique, le plus dur commence.

(12c) In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris. printemps 2018, S. 6

(12d) https://www.paris.fr/baignadedaumesnil

(12d) http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-projet-de-baignade-au-lac-daumesnil-tombe-a-l-eau-08-03-2018-7597443.php

https://www.20minutes.fr/paris/2234995-20180309-paris-mairie-reporte-projet-baignade-lac-daumesnil

[13] http://www.lefigaro.fr/sortir-paris/2015/05/20/30004-20150520ARTFIG00048-les-meilleures-piscines-de-paris.php

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris
  • Die Fontänen von Versailles (1):  Die Feier des Sonnenkönigs

 

 

Die Kirche Saint- Sulpice in Paris, Teil 2 (Der Gnomon, der Kampf mit dem Engel von Delacroix und das café de la mairie)

Im ersten Teil des Berichts über die Kirche Saint -Sulpice ging es vor allem um die Musik, die Krypta und die chapelle de la vierge mit der Marienstatue Pigalles und den Säulen der römischen Stadt Leptis Magna. In diesem zweiten und letzten Teil stehen zwei besondere Sehenswürdigkeiten der Kirche im Mittelpunkt, nämlich der Gnomon mit der sogenannten Mittagslinie und die Kapelle mit den kürzlich restaurierten Malereien von Eugène Delacroix. Und zum Abschluss gibt es eine Pause in dem Café de la Mairie an der Place de Saint-Sulpice bzw. an der  Plac  G org s P r c….

 

Die Mittagslinie

Die sogenannte Mittagslinie (lt. Meridianus) in Saint- Sulpice ist durch den Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown zu besonderer Berühmtheit gelangt. Es handelt sich, wie Brown richtig beschreibt, um einen schmalen goldenen Messingstreifen, der „quer über den Boden des Gotteshauses“ verläuft, und zwar „in präziser Nord-Süd-Ausrichtung“.

Die Messinglinie führt an der Nordwand des Querschiffs zu einem Obelisken, an dem sie hinaufführt, bis sie –so noch einmal Brown- „in knapp elf Meter Höhe“ endet.

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Im Fenster des südlichen  Querschiffs gibt es –auf dem Foto rechts unten zu sehen-  eine kleine kreisrunde Öffnung, den sogenannten Okulus.

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Das durch ihn am Mittag –also beim höchsten Sonnenstand-   einfallende Sonnenlicht wirft Schatten auf den Boden und bezeichnet so die Mittagslinie. Der Schatten „wanderte von Tag zu Tag weiter den Stab entlang und markierte den Verlauf der Zeit zwischen den Sonnenwenden.“  Das südliche Ende der Mittagslinie ist im Boden der Kirche ausdrücklich markiert. Eine entsprechende Markierung der Wintersonnenwende gibt es nicht und kann es nicht geben: Die läge nämlich 20 Meter außerhalb der Kirche. Die Mittagslinie von Saint -Sulpice knickt deshalb an der Wand des nördlichen  Seitenschiffs senkrecht ab, so dass kurz vor und nach der Wintersonnenwende der Schatten der mittäglichen Sonne auf den Obelisken geworfen wird.

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Die Markierung der Sommersonnenwende (Solstitium estivum)

Soweit kann man der Beschreibung Browns in „Sakrileg“ folgen.  Dass sich allerdings Brown erhebliche künstlerische Freiheiten genommen hat und mit den Fakten sehr großzügig umgegangen ist, wurde schon wiederholt dargestellt – lange Zeit auch von und in der Kirche selbst. Ein Beispiel ist ja schon im ersten Teil dieses Beitrags aufgeführt: Die Behauptung,  Saint -Sulpice entspreche „in den Abmessungen  bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von Notre-Dame“ ist jedenfalls völlig falsch.  Auch dass der Gnomon ein heidnisches Instrument ägyptischen Ursprungs sei, trifft nicht zu. Der Obelisk stammt auch nicht, anders als der auf der Place de la  Concorde, aus dem alten Ägypten, und er wird nicht, wie Brown behauptet, von einer Pyramide gekrönt, sondern von einer  -alles andere als heidnischen- die Erde symbolisierenden Kugel mit einem Kreuz. Falsch ist schließlich Browns Feststellung, bei der Mittagslinie von Saint Sulpice handele es sich um den Pariser Nullmeridian: Diese „imaginäre  Nullinie“ sei, „lange bevor man übereinkam, den Nullmeridian durch Greenwich zu legen“ durch Paris und „mitten durch die Kirche Saint -Sulpice“ verlaufen, „wo die in den Boden eingelassene Messinglinie zur Erinnerung an den ursprünglichen Nullmeridian bis zum heutigen Tage sichtbar ist.“[1]

Tatsächlich verläuft der Pariser Meridian einige hundert Meter entfernt an Saint-Sulpice vorbei. Sein Verlauf in Paris ist anhand von 135 in den Boden eingelassenen  Bronze-Plaketten zu erkennen und  zu verfolgen.[2]  Installiert wurden sie 1994 aus Anlass des 200. Geburtstages des Astronomen, Physikers und republikanischen Politikers François Arago.[3]

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Historische Spuren des Pariser Meridians gibt es übrigens auch: Vor  allem seine Markierung im Observatoire von Paris und die „Mess-Stele  des Südens“ (point de mire) im Park Montsouris – in der Nähe der Cité Universitaire.  Dieser Messpunkt wurde 1808 eingerichtet – zur Zeit der Herrschaft Napoleons, dessen Name dann allerdings nach seinem Sturz auf der Säule getilgt wurde.

Den  Meridien de Paris, auch le méridien origine genannt, nutzten  französische Geographen und Reisende bis 1884. Damals wurde auf einer internationalen Konferenz der Meridian von Greenwich als der international gültige 0-Meridian festgelegt. Für Frankreich war das ein herber Gesichtsverlust –es war noch nicht die Zeit der entente cordiale, sondern der kolonialen Rivalität zwischen Frankreich und Großbritannien. Also wurde in einem der Gesichtswahrung dienenden Gesetz festgelegt, dass in Frankreich nicht die GMT (die Greenwich Mean Time) verwendet wird, sondern „le temps moyen de Paris diminué de 9 minutes 21 secondes“, eine bis 1979 gültige Bestimmung… [4]

Im Jardin du Luxembourg sind am westlichen Abgang zum zentralen Parterre mit dem großen Wasserbecken drei Arago-Plaketten installiert. An ihrem Verlauf, den Nord-Süd-Markierungen und den links neben dem Palais du Luxembourg gelegenen und etwas hinter Bäumen versteckten Türmen von Saint-Sulpice kann man gut erkennen, dass der Pariser Meridian östlich der Kirche verläuft.

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Dass sich eine –vom Meridian also völlig unabhängige- Mittagslinie in Saint-Sulpice  befindet, ist durchaus nicht außergewöhnlich. In Italien gibt es schon entsprechende Vorbilder aus dem  15. und 16. Jahrhundert: zum Beispiel in der Basilika San Petronio in Bologna, wo der Dominikanermönche Egnatio Danti ein Loch von zweieinhalb Zentimeter Durchmesser in das Kirchendach gebohrt hatte, und zwar so, dass der hindurchtretende Sonnenstrahl zur Mittagszeit auf eine 67 lange hervorgehobene Linie am Boden des Kirchenschiffs fiel.

Die Kirche Saint-Sulpice war für die Einrichtung einer Mittagslinie wegen ihrer Ausmaße besonders geeignet: vor allem wegen ihrer Höhe- sie übertraf die Höhe des gerade im Bau befindlichen Observatoire um mehr als das Doppelte! Und die Kirche war an einer solchen Messung sehr interessiert. Das wird schon daran deutlich, dass ihre Einrichtung einen erheblichen Aufwand mit sich brachte: Die Decke der Krypta wurde vorher extra verstärkt, um auch nur minimale Absenkungen und Verschiebungen des Bodens auszuschließen. Und zur Festlegung der Mittagslinie wurde das südliche Querschifffenster mit Metallplatten völlig abgedeckt, sodass das Licht- wie bei einer Camera obscura- nur durch den Okulus einfallen konnte.  Für die Kirche hatte die Mittagslinie eine doppelte Funktion:  Einmal diente sie zur genauen Bestimmung der lokalen Uhrzeit – und die Uhrzeit hatte für das kirchliche Leben  ja immer eine zentrale Bedeutung; dann und vor allem aber war die Mittaglinie ein Instrument zur exakten und über Jahre hinausreichenden Festlegung des Ostertermins. Das Konzil von Nicea hatte im Jahr 325 das Osterdatum auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn festgelegt – was allerdings die Probleme der Osterberechnung nicht nachhaltig beseitigte, wie die nachfolgende gregorianische Kalenderreform von 1582, die „Osterformel“ von Carl Friedrich Gauß von 1800 und die unterschiedlichen Osterdaten der christlichen Kirchen zeigen.  Ein für Ostern entscheidendes Datum ist und bleibt aber der Frühlingsbeginn, der  auf der Nordhalbkugel durch das Primär-Äquinoktium, also die erste Tag- und- Nacht-Gleiche des Kalenderjahres, festgelegt ist.

Deshalb ist auch das Äquinoktium auf der Mittagslinie von Saint-Sulpice  besonders hervorgehoben- kurz vor den zum Hauptaltar hinaufführenden Stufen.

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Markierung des Äquinoktiums, der Tag- und Nacht-Gleiche

Erkennbar ist hier am Verlauf der Mittagslinie, dass die Ost-West- Ausrichtung der Kirche nicht ganz exakt ist.

 

Auf einer Marmortafel am Fuß des Obelisken wird diese Funktion der Mittagslinie ausdrücklich –unter Verweis auf das Konzil von Nicea- hervorgehoben.

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Eingerichtet wurde die Mittagslinie von Saint- Sulpice 1727 von dem englischen Uhrmacher Henry Sully  im Auftrag der Kirche. Auf einer weiteren Marmortafel wurden die hohen weltlichen und geistlichen Herren aufgeführt, die die Einrichtung der Mittagslinie gefördert hatten, u.a. Ludwig XV. und Mitglieder der königlichen Akademie. Während der Französischen Revolution wurden diese Verweise ziemlich säuberlich getilgt – der Name des Königs und der geistlichen Herren vollständig, während der Verweis auf die Akademie erhalten blieb- allerdings ohne das Attribut „königlich“ . Die revolutionären Saubermänner verstanden offenbar nicht nur den Umgang mit Hammer und Meißel, sondern auch Latein….

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Die chapelle des anges mit den Malereien von Eugène Delacroix

Die chapelle des anges befindet sich gleich hinter dem Eingang der Kirche auf der rechten Seite. Nachdem sie lange wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt war, kann man sie seit Ende des Jahres 2016 wieder betreten und die in frischen  Farben erstrahlenden Wandgemälde von Delacroix bewundern.

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Auf dem nächsten Bild, das kürzlich auf einer Konferenz im Auditorium des Louvre über die Restaurierung der Wandgemälde von Delacroix gezeigt wurde, kann man sehr deutlich den Unterschied zwischen „vorher“ und „nachher“ erkennen. Übrigens sieht man auch, dass die bisherige sehr aufdringliche- Beleuchtung verändert wurde, und zwar zugunsten einer schonenderen Ausleuchtung der Kapelle, die die Gemälde von Delacroix wesentlich besser zur Geltung bringen

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Delacroix war überzeugter Atheist, aber er war bereit, den Auftrag zur Ausmalung der Kapelle zu übernehmen. Von 1849 bis 1861 arbeite er an diesem Mammutprojekt und wählte dafür auch selbst die Themen. Es sind der Kampf Jacobs mit dem Engel, die Vertreibung Heliodors, der die Schätze des Jerusalemer Tempels beschlagnahmen wollte,  und –an der Decke-   der Sieg des  Erzengels Michael über den Teufel. Verbindendes Element der drei Gemälde sind also Kämpfe, die mit großer Heftigkeit ausgetragen werden.

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Und es ist das orientalische Ambiente der großen Wandgemälde – beides wesentliche Elemente im Werk von Delacroix.

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Es lohnt sich auch, auf scheinbar nebensächliche Details der Gemälde zu achten, beispielsweise auf den Haufen von Kleidern und Ausrüstungsstücken, den Jacob vor seinem Kampf mit dem Engel hingeworfen hat. Es ist gerade dieses Detail, das bei einem –sonst eher Delacroix-kritischen- Kenner von Saint-Sulpice  Gnade findet[5]:

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Ces touches entrecroisées, ces hachures en mouvement: la modernité est là!“

Der „Kampf Jacobs mit dem Engel“ ist sicherlich das bedeutendste der drei Gemälde in der Kapelle. Das Thema hat Delacroix dem Alten  Testament entnommen, einer Bibelstelle, die immer wieder zu vielfältigen Interpretationen Anlass gegeben hat.[6] Und es ist auch dieser rätselhafte Zweikampf, auf den, hat man die Kirche betreten, als erstes der Blick fällt.

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Mario Vargas Llosa hat einen sehr schönen Text über dieses Bild geschrieben, aus dem ich nachfolgend einige Passagen wiedergebe:

 „Delacroix benötigte rund sieben Jahre, um es zu malen. Der Schaffensprozess, elegant und minutiös von Jean-Paul Kauffmann beschrieben, ist eine beispielhafte Demonstration des unsichtbaren, aber leidenschaftlichen Kampfes gegen Unsicherheit, Ermüdung und unvorhersehbare Hindernisse, die ein Künstler laut der romantischen Vorstellung überwinden muss, um ein Meisterwerk zu schaffen. Von diesem Zeitpunkt an war dies eine der häufigsten metaphorischen Lesarten dieser Episode des Alten Testaments (Genesis 23), in der Jakob eine ganze Nacht hindurch mit einem unbekannten Gegner ringt, der ihm auf seiner Reise an die Ufer des Jabbok den Weg verstellt. Im Morgengrauen ergibt sich der Gegner und gibt Jakob zu verstehen, dass er die Probe bestanden habe. Mit wem hat Jakob gerungen? Mit Gott selbst? Mit einem Engel? Mit sich selbst?

Um das zu erkennen, muss man nur einige Zeit vor dem majestätischen Wandgemälde in Saint-Sulpice verweilen und diesen merkwürdigen, verstörenden Ringkampf betrachten, der etwas von einer amourösen Begegnung hat – in der Jakob voller Zorn angreift, während ihn der Engel regungslos festhält, ohne sichtbare Mühe, gelassen und sogar zärtlich, ihn mit seiner linken Hand aufhält und mit der rechten seinen Oberschenkel in einer Art und Weise hält, die mehr Liebkosung erscheint als Schlag. In Jakob erkennt man Verzweiflung, ungebändigte Kraft, Zorn und Furcht. In dem Engel die absolute Seelenruhe desjenigen, der weiß, dass das Geschehen nur die Erfüllung einer Schrift ist, deren Schluss er auswendig kennt. Die drei großen Bäume, zu deren Füßen der Kampf stattfindet, erscheinen durch die sich krümmenden Zweige und Blätter lebendig: Zuschauer, die Partei für den einen oder anderen der Ringkämpfer genommen haben.

Unter den vielen Deutungen dieser Bilder ist keine, die diesen Kampf als rein physisch begreift oder ihn nicht als eine oder gar mehr Metaphern verstand – stellvertretend für die condition humaine , für die Beziehung des Menschen zu Gott, für das Verlangen des Künstlers, seine Grenzen zu überwinden und ein Werk zu hinterlassen, das die Schranken überwindet, stellvertretend für den Kampf von Leben und Tod.“[7]

Ein Jahr nach Beendigung der Arbeit an der Kapelle und ein Jahr vor seinem Tod schrieb Delacroix in sein Tagebuch: „ Dieu est en nous : c’est cette présence intérieure qui nous fait admirer le beau, qui nous réjouit quand nous avons bien fait et nous console de ne pas partager le bonheur du méchant“.[8]

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Bevor wir aber die Kirche verlassen, soll Rainer Maria Rilke zu Wort kommen mit dem Gedicht „Saint Sulpice“,  das er 1925 während eines Aufenthalts in Paris in französischer Sprache geschrieben hat: Ein Lobpreis auf die Harmonie zwischen dem Kirchenraum drinnen und dem Blumenhändler, dem Konditor und dem Devotionalienhändler Percepied draußen…

Tout s’accorde parfaitement                                                                                                        avec cette ombre dévalant                                                                                                                 de l’église haute; 

ce fleuriste effacé                                                                                                                                  et l’étalage à côte                                                                                                                                 de la pâtisserie dévote.

Cet étalage pacifié,

plein d’innombrables objets pieux                                                                                               entre Madeleine et Pacôme,                                                                                                                et le patron de ce  même lieu                                                                                                           qui s’appelle Percepied                                                                                                                     pour ne pas s’appeller Percepaume (Perce-pomme… L’église haute).

 

La Place Saint-Sulpice/plac  G org  P r c

Zum Abschluss der Kirchenbesichtigung bietet sich ein Besuch des Café de la mairie  an der Place Saint-Sulpice an. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf die Kirche und auf den Platz. „Aucune esplanade ne met autant en valeur à Paris la théâtralité d’une église“, schreibt Kauffmann (S.82), auch wenn Servandonis Plan, den Platz mit einem harmonischen architektonischen Ensemble einzufassen, nicht ausgeführt wurde. Aber trotzdem: Der weitgehend verkehrsberuhigte Platz mit der theatralischen Kirchenfassade Servandonis und Chalgrins,  dem Gebäude der Finanzverwaltung, das auf dem Boden des bedeutenden Priesterseminars von Saint-Sulpice errichtet wurde, der mairie des 6. Arrondissements und dem repräsentativen Brunnen in der Mitte ist ein einzigartiges Ensemble. Bei schönem Wetter, draußen vor dem Café sitzend, kann man sich in der Tat fühlen wie in Rom.  Die Fontaine Saint-Sulpice aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ehrt vier berühmte Redner und Bischöfe aus der Zeit Ludwigs XIV. Sie wird deshalb auch fontaine des quatre évéques genannt oder fontaine des orateurs sacrés.

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Im Volksmund –jedenfalls in den Mündern des gebildeten Volkes des 6. Arrondissements- wurde der Brunnen aber auch fontaine des quatre point(s) cardinaux genannt; ein hübsches Wortspiel, das darauf verweist, dass die vier Seiten des Brunnens (in etwa) den vier Himmelsrichtungen entsprechen, aber auch darauf, dass diese vier Bischöfe niemals (point) Kardinäle geworden sind…

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Der französische Schriftsteller Georges Perec hat ein kleines außergewöhnliches Büchlein über diesen Platz geschrieben: tentative d’épuisement d’un lieu parisien.  An drei aufeinander folgenden Tagen hatte Perec sich für einige Stunden auf oder am Platz Saint-Sulpice niedergelassen und alles aufgeschrieben, was er beobachtete: gewöhnliche, eigentliche unbedeutende Dinge des täglichen Lebens. Der volle Bus Nr 96, der vorbei fährt, zwei kleine Hunde „genre Milou“,  ein Mann, der die Kirche verlässt, das Geräusch der vom Wind bewegten Blätter, die Tauben auf dem Platz – und so weiter- auf 41 Seiten: „Die tausend unbeachteten kleinen Details, die das Leben in einer großen Stadt ausmachen“ –  wie es auf dem Klappentext des Buches heißt- auf dem sogar eine Parallele zu den Beobachtungen Monets an der Kathedrale von Rouen hergestellt wird: „un regard, une perception humaine, unique, vibrante, impressioniste, variable, comme celle de Monet devant la cathédrale de Rouen.“

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Einer der Beobachtungsposten Perecs war das Café de la Mairie, das Perec zu seinem 30. Todestag durch ein entsprechendes Schild geehrt hat: Place Georges Perec. Merkwürdiger Weise  ist auf  diesem Schild durchgängig der Vokal e ausgelassen:  eine besondere „hommage“ an den Autor Perec. In dessen wohl bekanntestem Roman, Disparition, einem sogenannten Lipogramm, fehlt nämlich das „e“ – es ist sozusagen auch verschwunden…

Mit den beiden Damen auf dem Foto kam ich übrigens anlässlich meines Fotos ins Gespräch. Sie hatten das Schild gar nicht bemerkt, kannten aber sehr genau seine Bewandtnis. Sie wussten auch, dass es für Perecs Roman ohne „e“ schon ein englisches Vorbild gibt. Und sie zogen eine Parallele zu den Inschriften in der Krypta oder auf dem Gnomon von Saint-Sulpice, bei denen in der Französischen Revolution einzelne Worte, Adelsprädikate oder ganze Passagen getilgt wurden. Einen geeigneteren Ort für eine Erholungspause als das  café de la mairie wird man also kaum finden.

  

Praktische Informationen

Kirche Saint-Sulpice, Métro Saint-Sulpice, Place Saint-Sulpice – Paris 75006
Führungen (auf französisch):

  • Allgemeine Kirchenführung: jeden Sonntag um 14h30
  • Der Gnomon: jeden 3. Sonntag eines Monats um 13h
  • Die Krypta: jeden 2. und 4. Sonntag eines Monats um 15.30 h. Nur auf Anmeldung. Tel. 01 42 34 59 98
  • Die Fassade (außer den Türmen): Jeden 4. Samstag eines Monats um 14 h. Ebenfalls nur auf Anmeldung (s.o.)

In Saint-Sulpice bietet der Organist Daniel Roth nach der Messe ein  halbstündiges  Orgelvorspiel an (Auditions du Dimanche), in der Regel gegen 12 Uhr.

Zwischen März  und November werden außerdem jeden Monat Orgelkonzerte organisiert.

 

en savoir plus:

De pierre et de coeur, l’église Saint-Sulpice, 350 ans d’histoire. Éditions du Cerf, 1996

Philip Feriks, Le Meridien de Paris. Une randonnée à travers l’histoire. EDP Sciences 2009

Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange. Collection folio 2001

Dominique Lesbos, Secrets et curiosités des monuments de Paris. Paris 2014/2016) Kapitel Saint-Sulpice, S. 167ff

Michel Rougé, Le gnomon de l’église Saint-Sulpice. Paroisse  Saint-Sulpice 2006

Maurice Serullaz, Les Peintures Murales d’Eugène Delacroix. Paris 1963

 

 

Anmerkungen

[1] Dan Brown, Sakrileg. Bergisch Gladbach 2006, S. 125 und 148/150

Dass es sich bei der Mittagslinie von Saint-Sulpice um den Meridian von Paris handelt, ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil. In einem neuen Paris-Führer  (in engl. Sprache) habe ich auch eine entsprechende Fehliformation gefunden: Da gibt es ein Bild der Mittagslinie in Saint-Sulpice mit der Unterschrift: „Representation in the floor of the meridian of Paris“.  (Pascal Varejka, 10 walks to discover Paris. Parigramme 2016, p.92)

[2] http://www.evous.fr/Traversee-de-Paris-a-la-recherche,1141903.html

http://pietondeparis.canalblog.com/archives/2011/06/30/21515302.html

[3]  https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Arago

[4] Rougé, Le gnomon de l’eglise Saint-Sulpice, S. 8

[5] Jean-Paul Kauffmann, La Lutte avec l’Ange, S. 111  Es handelt sich um ein sehr intensives und persönliches Buch des Journalisten und Schriftstellers Kauffmann  über Saint-Sulpice. Kauffmann ist in Frankreich auch deshalb sehr bekannt, weil er in seiner Funktion als Reporter drei Jahre lang im Libanon als Geisel gefangen gehalten wurde.

[6] „Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel [Gottesstreiter]; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.“ (1. Mose, Kap. 32, Vers22)  Siehe auch: http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-lasse-dich-nicht-los.1124.de.html?dram:article_id=238232

[7] https://www.welt.de/print-welt/article184706/Der-Kampf-mit-der-Fiktion.html

[8] https://www.fondation-patrimoine.org/fr/ile-de-france-12/tous-les-projets-593/detail-chapelle-des-saints-anges-par-delacroix-a-l-eglise-saint-sulpice-13816

 

Die letzten Beiträge:

  • Die Kirche Saint -Sulpice in Paris , Teil 1 (Die Musik, die Krypta, Pigalle und die Säulen von Leptis Magna)
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel/La traversée de la baie (Juni 2017)
  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und „Menschenfressern“ zwischen Paris und Frankfurt.  (Juni 2017)
  • Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931 (Mai 2017)
  • Neues Leben auf alten Steinbrüchen: Der Park Buttes-Chaumont und das quartier de la Mouzaïa (Mai 2017)

 

eingestellt Juli 2017

Weitere geplante Beiträge:

  • Street-Art in Paris (1): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Street-Art in Paris (2): Der Invader
  • Sommer in Paris: Baden im Bassin de la Villette, in der Marne und auf/in der Seine
  • Musik und Tanz an der Marne: Au pays des guinguettes
  • Das deutsche Haus, „la maison Heinrich Heine“, in der Cité internationale universitaire in Paris

 

 

 

 

Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

In diesem Beitrag geht es um den Cimetière de Picpus, einen wenig bekannten kleinen privaten Friedhof im 12. Arrondissement von Paris. Dieser Friedhof ist nicht nur ein einzigartiges Zeugnis des jacobinischen Terrors  zur Zeit der Französischen Revolution, sondern auch –eher weniger bekannt- ein ganz besonderer deutsch-französischer (und amerikanischer!) Erinnerungsort, verdankt er doch seine Entstehung einer deutschen Prinzessin… Und es ist ein Ort, der vielfältige Bezüge zur französischen und deutschen Literatur aufweist: Dafür stehen Namen wie Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Gertrud von Le Fort, André Chenier und Patrick Modiano.

 

Der Friedhof von Picpus gehört sicherlich nicht zu den spektakulären Pariser Sehenswürdigkeiten. Und selbst unter den Pariser Friedhöfen  führt er eher ein Schattendasein: Mit dem Père Lachaise und seinen unzähligen Grabmälern bedeutender Frauen und Männer, dem Cimetière Montparnasse mit den Gräbern von Sartre, Simone de Beauvoir und Stéphane Hessel oder auch dem Cimetière Montmartre mit dem Grab Heinrich Heines kann er kaum mithalten. Schließlich liegt er auch noch versteckt am Rande von Paris, südlich der Place de la Nation, der Eingang ist ganz unscheinbar und nur zu bestimmten  Tageszeiten geöffnet- man muss den Friedhof also schon sehr bewusst ansteuern. Aber der Weg lohnt sich.(0)

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Der Cimetière de Picpus ist nicht nur eine Oase der Stille, abseits des touristischen Trubels, sondern auch ein Erinnerungsort an ein blutiges Kapitel der Französischen Revolution, den jacobinischen Terror. Aber, und das macht einen zusätzlichen Reiz dieses Ortes aus, es geht hier nicht nur um französische Geschichte: Der Ort ist wegen des Grabes von La Fayette auch ein Pilgerort für Amerikaner.

Und eine besondere Pointe: Seine Entstehung hat der Friedhof einer deutschen Prinzessin zu verdanken, die in besonderer Weise von dem jacobinischen Terror betroffen war. Der Friedhof ist also –und nicht nur deshalb- auch ein deutsch-französischer Erinnerungsort.[1]

Dass gerade an dieser Stelle 1306 Opfer der Guillotine verscharrt wurden, hat seine besondere Bewandtnis. Zunächst stand ja die Guillotine auf der place de la Révolution, der heutigen Place de la Concorde,  auf der anderen Seite der Stadt. Aber die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. Das beeindruckte auch die Jacobiner, so dass sie die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegten. Die Opfer wurden nun auf den Friedhof der Kirche Sainte Marguerite im Faubourg Saint Antoine gebracht.[2]  Aber auch das in diesem Viertel ansässige feine Tischlerhandwerk wollte nicht durch den Transport verstümmelter Leichen belästigt werden. Also wurde die Guillotine noch einmal verlegt und auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zu den Gärten des in der Revolution aufgehobenen Damenstifts St. Augustin de Picpus. Das war auch noch von einer hohen Mauer umgeben, so dass die Totengräber hier ungestört zwischen dem 14. Juni und dem 27. Juli 1794, dem Sturz Robbespierres und dem Ende des Grand Terreur,  zu Werk gehen und die Hingerichteten in zwei Massengräbern verscharren konnten.  Eine  Tafel am großen Holztor in der nördlichen Mauer des ehemaligen Klostergeländes und heutigen Friedhofs erinnert daran:

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„Die blutigen Karren der Guillotine, die 1794 an der barrière du trône aufgestellt wurde, rollten in die Gärten der Stiftsdamen von St. Augustin de Picpus durch eine Tür in der nördlichen Mauer des Gartens. Der Türsturz davon ist noch erhalten. Die verstümmelten Leichen der 1306 Opfer  ruhen in zwei Massengräbern.“[3]

Gartentür 016

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In der kleinen Kapelle vor dem Friedhof sind auf zwei gegenüberliegenden Wänden riesige Tafeln  mit den Namen, dem Alter und dem Beruf der Opfer  angebracht, geordnet nach den Daten der Hinrichtung. In den sechs Wochen des Juni und Juli 1874 wurden auf der place du trône renversée mehr Menschen  umgebracht als in den 13 Monaten davor auf der place de la Revolution.  Auch wenn die Beleuchtung etwas düster ist: Die abstrakte Zahl  1306 wird hier  erfahrbar und,  wenn man genauer hinsieht, auch etwas davon, wer alles dem Terror zum Opfer fiel: Menschen jeden Alters, Geschlechts und Standes.

Erinnerungstafel alle Opfer nach Stand 012

Natürlich Adlige und Geistliche, die als Feinde der Republik galten, vor allem und mehrheitlich aber „gens du peuple“, Hausbedienstete, kleine Handwerker, eine Frisöse, ein Bäcker, eine Krankenschwester, ein Gebrauchtwarenhändler[4]…. Die jacobinischen Revolutionstribunale konnten sich nicht nur einer zügigen Abwicklung der Prozesse und der geradezu fließbandmäßiger Vollstreckung der üblichen Todesurteile rühmen, sondern auch –man kennt das aus der deutschen Geschichte- einer peniblen Buchführung. (4a)

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Hier wird auch die Formel von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahre 1805 nachvollziehbar, die Revolution samt Schreckensherrschaft sei ein gefräßiges Ungeheuer gewesen, welches „hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete“, wobei allerdings Revolution und Schreckensherrschaft zu Unrecht in einen Topf geworfen werden.   Aber dass man nach den Protesten im noblen Faubourg Saint Honoré und im Faubourg Saint Antoine der Handwerker die Guillotine am äußersten Ende von Paris aufstellte  und  dass mit den Gärten des Klosters St. Augustin ein “Ort des kurzen Wegs“ für die Massengräber gewählt wurde, zeigt, dass sich der Konvent  der  öffentlichen Zustimmung zu den immer willkürlicheren und teilweise völlig zufälligen Hinrichtungen nicht mehr sicher sein konnte. „Nicht Robespierres Gegner waren die Guillotine und das Guillotinieren leid“, schrieb denn auch Rudolf Augstein 1989 in seiner Spiegel-Serie über die Französische Revolution.  „Das Volk von Paris war des immer gleichen Schauspiels müde, haßte den Blutgeruch und nahm dem Konvent die Blutmaschine aus den blutigen Händen.“[5]

 

Ein Rundgang durch den Friedhof

Der Cimetière de Picpus besteht aus zwei Teilen: zunächst einem Friedhof im typisch französischen Stil – mit eng aneinander liegenden steinernen bzw. nebeneinander stehenden Grabmälern von adligen Familien, die Angehörige im jacobinischen Terror verloren hatten. Entsprechend respektabel sind denn auch einige dieser Grabstätten – ganz im Gegensatz zu dem hinter einer weiteren Mauer liegenden  und nicht zugänglichen Feld mit den beiden Massengräbern der letzten  Opfer des  Terrors, an die  schlichte Kreuze oder Gedenksteine erinnern.

Beginnen wir unseren Rundgang am Grab von La Fayette.  Das Grab La Fayettes ist nicht zu übersehen, auch wenn es in der hinteren Ecke des Friedhofs liegt. Aber die amerikanische Fahne, der einzige Farbtupfer in dem steinernen Gräberfeld, weist den Weg. Die stars and stripes an diesem Grab sind eine Würdigung der besonderen Rolle, die La Fayette im amerikanischen Bürgerkrieg spielte. Immerhin hatte sich La Fayette als überzeugter Aufklärer mit einer auf eigene Kosten angeworbenen Freiwilligentruppe am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt und war zum Generalmajor des amerikanischen Kontinentalheeres ernannt worden. Mit den Führern der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, George Washington und Thomas Jefferson, war er bekannt. Jeffersons 1776 verfasste „Blll of rights of Virginia“, die Vorläuferin der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, beeinflusste ihn sehr. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung, deren Vizepräsident er drei Tage später wurde, den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte  nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von  Jeffersons erarbeitet hatte, der inzwischen  Botschafter in Paris geworden war.

In Amerika wurde er als Kriegsheld gefeiert. Zahlreiche Städte und Landkreise (counties) tragen seinen Namen. Auf dem Lafayette Square in Washington, D.C. ist er in einer Statue verewigt und auch in Paris gibt es eine von einem Amerikaner gestiftete Lafayette-Statue,  ein Dank für die von Frankreich der USA geschenkte Freiheitsstatue. Sie stand ursprünglich im Hof des Louvre, musste aber aufgrund des Baus der Pyramide an den cours la reine, eine Anlage an der Seine auf der Höhe des Grand Palais, „umziehen“.

Dass La Fayette, der aufgrund seiner Flucht nach Flandern und seiner Gefangenschaft bei Österreichern und Preußen  dem jacobinischen Terror Terror entging, auf dem Friedhof Picpus begraben liegt, hat er seiner Frau bzw. deren Familie zu verdanken.

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Die aus einem alten und bedeutenden französischen Adelsgeschlecht stammende Adrienne de Noailles wurde 1774 im Alter von 14 Jahren mit dem 16-jährigen Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, verheiratet. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester wurden am 22. Juli 1794 hingerichtet, also 5 Tage vor dem Ende der Schreckensherrschaft. Ende Juni waren schon vier weitere Mitglieder des Noialles-Geschlechts hingerichtet worden: Philippe de Noailles, duc de Mouchy, Marschall Frankreichs, seine Frau, eine „madame etiquette“ genannte Ehrendame Marie-Antoinettes, dazu seine Nichte und Schwiegertochter.

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Damit hatten die Noailles/La Fayettes gewissermaßen das Anrecht erworben, auf dem Cimetière de Picpus  begraben zu werden.

Das Grab von La Fayette und der Familie de Noailles markiert nicht nur ein besoders blutiges Kapitel des jacobinischen Terreur, sondern  es ist auch ein Symbol der amerikanisch-französischen Waffenbrüderschaft. Am 13. Juni 1917 besuchte der Oberbefehlshaber des amerikanischen Expeditionsheeres, General Pershing, in Begleitung des französische Generals Pelletier das Grab Lafayettes. (5a)

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An Lafayette und Pershing erinnern auch Tafeln am Eingang des Friedhofs.

Und am 4. Juli 1917,  dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Nationalfeiertag, rief Oberst Stanton, Vertreter des amerikanischen  Expeditionscorps, im Beisein von Marschall Joffre am Grab aus. „La Fayette, nous voici!“- ein berühmt gewordener  Ausspruch, der dann auch wieder 1944  anlässlich der Landung der amerikanischen Truppen in der Normandy zitiert wurde.[6]. Heutzutage  besucht der jeweilige amerikanische Botschafter in Paris am 4. Juli das Grab von La Fayette und eine neue stars and stripes wird gehisst.

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Geht man etwas  durch die Gräberreihen und betrachtet die Inschriften, so stellt man fest,  dass  es sich hier geradezu um ein   who is who?  des französischen Hochadels handelt. Zwar waren zahlreiche Adlige noch rechtzeitig emigriert, aber es gab doch noch genug andere, die davon ausgingen, wegen ihrer Zustimmung zu den Idealen  der Revolution oder wegen ihrer besonderen persönlichen Situation nichts befürchten zu müssen.  Dazu gehörte der schon erwähnte Philippe de Noailles: Als er aufs Schafott stieg –er war damals 79 Jahre alt-  rief ihm einer der Schaulustigen zu: „Courage, Monsieur le Maréchal!“. Seine Antwort: „Als ich 15 Jahre alt war, stieg ich aufs Pferd zum Sturmangriff für meinen König, jetzt, fast 80-jährig, steige ich aufs Schafott für meinen Gott.“[7]

Hingerichtet und verscharrt wurde auch Marie-Louise de Laval-Montmorency, die letzte Äbtissin von Montmartre. Sie war blind und taub und wurde vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, weil sie „sourdement et aveuglément“ gegen die Republik agitiert habe- ein vielzitiertes Beispiel für den Zynismus der Revolutionstribunale.

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Zu den Opfern gehörte auch der Dichter André de Chénier. An ihn erinnert eine schlichte Gedenkplatte an der Mauer, die die Wiese mit den Massengräbern von dem heutigen Friedhof trennt. Die Inschrift der Tafel:  André de Chénier, Sohn Griechenlands und Frankreichs. Er diente den  Musen, liebte die Weisheit und starb für die Wahrheit.

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Rudolf Augstein schrieb in seiner Spiegel-Serie Vom Freiheitsrausch bis Waterloo über das  Ende von Chenier:

„Der Dichter Andre Marie de Chénier, ein erklärter Feind der Jakobiner, wird am 7. März 1794 verhaftet. Man sperrt ihn in das Gefängnis Grande-Force und guillotiniert ihn drei Tage vor Robespierre. Warum hat er diesen nicht überlebt? Nun, in den Gefängnissen sitzen auch die „moutons“, die Spitzel. Einer, der Graf Ferrières-Sauvebeuf, hat ihn beim Sicherheitsausschuß denunziert. Chéniers Geliebte, Madame de Bonneuil, eine erwiesene Feindin der Republik, trifft im Juli 1793 im Gefängnis Sainte-Pelagie ein und überlebt. Unter dem Namen „Camille“ hat sie der Dichter verewigt.“ (Augstein).

Chenier kritzelt, auf den Karren wartend, sein letztes Gedicht. Es zeugt  „von seiner Anstrengung, selbst den letzten Moment im Zeichen der eigenen klassizistischen, auf Freiheit und Tugend gerichteten Poesie zu gestalten. Dem bevorstehenden Tod wird nichts Tröstliches abgerungen.“[8]

Comme un dernier  rayon, comme un dernier zéphyre

Anime la find d’un beau jour,

Au pied de l’échafaud j’essaye encore ma lyre.

Peut-être est-ce bientôt mon tour;

Peut-être avant que l’heure en cercle promenée

Ait posé sur l’émail brillant,

Dans les soixante pas où sa route est bornée,

Son pied sonore et vigilant,

Le sommeil du tombeau pressera ma paupière!

Avant que de ses deux moitiés

Ce vers que ke commence ait atteint la  dernière,

Peut-être en ces murs effrayés

Le messager de mort, noir recruteur des ombres,

Escorté d’infâmes soldats,

Remplira de mon nom ces longs corridors sombres.

Quoi! Nul ne restera pour attendrir l’histoire

Sur tant de justes massacrés;

Pour consoler leurs fils, leurs veuves, leur mémoire;

Pour que des brigands abhorrés

Frémissent aux portraits noirs de  leur ressemblance;

Pour descendre jusqu’aux enfers

Chercher le triple fouet, le fouet de la vengeance,

Déjà levé  sur ces pervers;

Pour cracher sur leurs noms, pour chanter leur supplice!

Allons, étouffe tes clameurs;

Souffre, ô choeur gros de  haine, affamé de justice.

Toir, Vertu, pleure si je meurs.“

 Aber noch auf den Stufen der Conciergerie wird auch er, ähnlich wie Saint-Just, sagen: „Und doch war hier etwas.“[9]

Stefan Zweig berichtet im 9. Kapitel  seiner 1942 posthum erschienenen Memoiren „Die Welt von gestern“, wie er in der Zeit vor dem  Ersten Weltkrieg mit dem damals in Paris lebenden Rainer Maria  Rilke, dem Sekretär Auguste Rodins,  den Cimetière de Picpus und das Grab von Chénier besuchte:

… am schönsten war es, mit Rilke in Paris spazierenzugehen, denn das hieß, auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge sehen; er bemerkte jede Kleinigkeit, und selbst die Namen der Firmenschilder sprach er, wenn sie ihm rhythmisch zu klingen schienen, gerne sich laut vor; diese eine Stadt Paris bis in ihre letzten Winkel und Tiefen zu kennen, war für ihn Leidenschaft, fast die einzige, die ich je an ihm wahrgenommen. Einmal, als wir uns bei gemeinsamen Freunden begegneten, erzählte ich ihm, ich sei gestern durch Zufall an die alte ›Barrière‹ gelangt, wo am Cimetière de Picpus die letzten Opfer der Guillotine eingescharrt worden waren, unter ihnen André Chenier; ich beschrieb ihm diese kleine rührende Wiese mit ihren verstreuten Gräbern, die selten Fremde sieht, und wie ich dann auf dem Rückweg in einer der Straßen durch eine offene Tür ein Kloster mit einer Art Beginen erblickt, die still, ohne zu sprechen, den Rosenkranz in der Hand, wie in einem frommen Traum im Kreis gewandelt. Es war eines der wenigen Male, wo ich ihn beinahe ungeduldig sah, diesen so leisen, beherrschten Mann: er müsse das sehen, das Grab André Cheniers und das Kloster. Ob ich ihn hinführen wolle. Wir gingen gleich am nächsten Tage. Er stand in einer Art verzückter Stille vor diesem einsamen Friedhof und nannte ihn ›den lyrischsten von Paris‹. Aber auf dem Rückweg erwies sich die Tür jenes Klosters als verschlossen. Da konnte ich nun seine stille Geduld erproben, die er im Leben nicht minder als in seinen Werken meisterte. »Warten wir auf den Zufall«, sagte er. Und mit leicht gesenktem Haupt stellte er sich so, daß er durch die Pforte schauen konnte, wenn sie sich öffnete. Wir warteten vielleicht zwanzig Minuten. Dann kam die Straße entlang eine Ordensschwester und klingelte. »Jetzt«, hauchte er leise und erregt. Aber die Schwester hatte sein stilles Lauschen bemerkt – ich sagte ja, daß man alles an ihm von ferne atmosphärisch fühlte –, trat auf ihn zu und fragte, ob er jemanden erwarte. Er lächelte sie an mit diesem seinem weichen Lächeln, das sofort Zutrauen schuf, und sagte offenherzig, er hätte so gerne den Klostergang gesehen. Es tue ihr leid, lächelte nun ihrerseits die Schwester, aber sie dürfe ihn nicht einlassen. Jedoch riet sie ihm, zum Häuschen des Gärtners nebenan zu gehen, von dessen Fenster im Oberstock habe er einen guten Blick. Und so ward auch dies ihm wie so vieles gegeben.“[10]

Eine Tafel an der Friedhofswand erinnert an 23 Bewohner der Vendée, die im Juni 1794 hier verscharrt wurden- sie stehen  stellvertretend für die etwa 200000 Opfer, die die brutale Niederschlagung des konterrevolutionären Aufstandes in der Vendée gekostet hat.

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Zur Durchsetzung der Einheit Frankreichs und der Errungenschaften der Revolution gehörte auch ein teilweise Genozid-Ausmaße annehmender Terror zu den legitimen Mitteln: Nach dem Befehl des Wohlfahrtsausschusses sollte die Vendée „ausgeblutet“ werden, ihre Bewohner deportiert und durch „gute Sansculotten“ ersetzt werden.  „Zwanzig Kolonnen durchkämmten von Januar bis Mai 1794 die vier Départements Maine-et-Loire, Loire-Inférieure, Vendeée und Deux-Sèvres  mit entsetzlicher, an den Dreißigjährigen Krieg  erinnernder Grausamkeit.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Vendée)

Die ungewöhnlich brutale Bestrafung, auch unter Anwendung der Sippenhaft, dokumentierte sich in einem Befehl, den General Turreau gegeben haben soll: „[…] il faut exterminer tous les hommes qui ont pris les armes, et frapper avec eux leurs pères, leurs femmes, leurs sœurs et leurs enfants. La Vendée doit n’être qu’un grand cimetière national.„Wir müssen alle Männer vernichten, die zu den Waffen gegriffen haben und sie mit ihren Vätern, ihren Frauen, ihren Schwestern und ihren Kinder zerschlagen. Die Vendée soll nichts anderes sein als ein großer nationaler Friedhof.“ (a.a.O.)

 Zu den prominentesten  Opfern des jacobinischen Terrors, die auf dem Cimetière de Picpus verscharrt wurden, gehören sicherlich die 16 Karmeliterinnen von Compègne, an die eine weitere  Marmortafel an der Friedhofsmauer erinnert:

„Zur Erinnerung an die 16 Carmeliterinnen  von Compiègne, die am 17. Juli 1794 für ihren  Glauben  starben und am 27. Mai 1906 seliggesprochen  wurden. Ihre Körper ruhen hinter dieser Mauer.“        

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An die 16 Karmeliterinnen erinnert übrigens auch ein Fenster in der Kirche St. Marguerite im Faubourg Saint Antoine, die auch wegen seines kleinen Friedhofs und der mit trompe d’oeil-Technik ausgemalten Kapelle sehenswert ist.

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Die Nonnen hatten sich geweigert, ihr Ordensgelübde zu brechen, und wurden deshalb zum Tode verurteilt. Im Karmeliterkloster von Jonquière, einem Nachbarort von Compiègne, wird  die Erinnerung an die 16 Ordensschwestern wach gehalten. Dort wird auch eine Marienstatue gezeigt, die sie auf dem Weg zum Schafott in den Händen gehalten haben sollen.      

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 Im Kloster von Jonquière hängt auch das  Bild von G. Molinari (1906), das die 16 Karmeliterinnen auf dem Weg zum Schafott zeigt.  Im Hintergrund sind die beiden Säulen der Barrière du Trône zu sehen.

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Die beiden Königsstatuen auf den Säulen gab es damals allerdings noch nicht. Sie wurden erst 1845 hinzugefügt.

Das Schicksal der 16 Karmeliterinnen wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet.  Es inspirierte Gertrud von Le Fort zu ihrer 1931 erschienenen Novelle   Die Letzte am Schafott.  Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge, vormals ängstliche Blanche, die an der Guillotine den frommen Gesang der (anschließend) enthaupteten Nonnen mutig aufnimmt  und damit ihre schwache Stimme gegen den blutigen Terror der Revolution erhebt.

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             Poulec: Dialogues des Carmélites im Théatre des Champs-Elysées 2013/2014

photo : Vincent Pontet/Wikispectacle)

Georges Bernanos schrieb auf der Basis der Erzählung zunächst 1947 ein Film-Drehbuch, das 1960 unter dem Titel Le Dialogue des Carmélites (dt. Opfergang einer Nonne) verfilmt wurde. Jeanne Moreau spielte in diesem Film die Schwester Marie, Pascale Audret die Blanche.  Und Francis Poulenc  machte aus  diesem Stoff seine Oper Dialogues des Carmélites, die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Wir haben das Stück 2013 in einer beeindruckenden Inszenierung von Olivier Py  im Théatre des Champs-Elysées gesehen.[11]

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Besonders eindrucksvoll fanden wir das letzte Bild: Nach und nach gehen die Nonnen langsam nach hinten, wo eine Treppe nach unten führt, über die sie Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwinden. Ein harter Knall markiert das Ende auf dem Schafott, bevor dann die nächste –und schließlich Blanche, die letzte- an der Reihe ist.

Die Geschichte des Friedhofs von Picpus

Es gibt aber noch zwei weitere prominente Opfer des jacobinischen Terrors, die beide am 23. Juli 1794 guillotiniert und auf dem Gelände des heutigen cimetière de Picpus verscharrt wurden:  Alexandre de Beauharnais, der erste Mann von Josephine,  der späteren Frau Napoleons, und der Prinz Friedrich III. von Salm-Kyrburg. Ohne sie hätte  es wohl diesen Friedhof nie  gegeben. Vor allem aber   ist seine Entstehung der Schwester Friedrichs III. zu verdanken, der Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich abenteuerliche deutsch-französische Geschichte, die es wert ist, hier erzählt zu werden.

 Beginnen wir die Geschichte mit dem Fürsten Friedrich III- Johann Otto zu Salm-Kyrburg  (1745–1794).[12] Sitz seiner Familie war ursprünglich die Kyrburg in Kirn, einem kleinen Städtchen an der Nahe. Die Kyrburg war im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit eine ansehnliche Residenz, bis sie 1734 unter französischer Besatzung gesprengt wurde.

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Das ist übrigens auch insofern  von Bedeutung, weil sich der finanziell stets klamme  Friedrich III. später um eine Kriegsentschädigung seitens der französischen Krone bemühte, die ihm aber verweigert wurde. Nach der Zerstörung des Schlosses richteten die Fürsten von Salm-Kyrburg dort zwar in einem zweistöckigen Neubau eine Garnison ein–heute ein Restaurant-, als Residenz kamen die Ruinen  der Kyrburg aber nicht mehr in Frage.  Wenigstens dienten sie dann  der Bevölkerung als Steinbruch.

Friedrich III., immerhin verheiratet mit einer leibhaftigen Hohenzollern (Johanna Franziska von Hohenzollern-Sigmaringen), beauftragte also keinen Geringeren als den Pariser Architekten Jacques- Denis Antoine mit der Konzeption eines Stadtentwicklungsplans –wie man  heute sagen würde- für Kirn  und mit dem Bau einer standesgemäßen barocken Sommerresidenz. Antoine war – zusammen  mit Soufflot und Ledoux- vor der Revolution einer der bekanntesten und auch international geschätzten französischen Architekten. Antoine verstand es, wie es in einem Informationsblatt über die von ihm entworfene und kürzlich renovierte Monnaie de Paris heißt,  äußerst begüterte und renommierte internationale Auftraggeber zu gewinnen[13]. Dazu gehörte offenbar auch der Prinz von Salm-Kyrburg. Zu Ehren seiner Schwester, Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg, erhielt die Residenz den  Namen Amalienlust.

36e4bef3-446b-44d9-bb5c-3a54606390ac www, Gastlandschaften. Amalienlust

http://www.gastlandschaften.de

Erhalten  sind davon noch zwei Pavillons (Teichweg 7 und 11) und ein Theater (Teichweg 12).[14] Auch wenn bei Wikipedia zu lesen ist, dass dieses Theater  – ein bescheidenes Gebäude vom Umfang eines Ein- oder höchstens Zweifamilienhauses- „mondäne Ansprüche… befriedigt“ habe[15]: Das Provinznest Kirn mit seiner –wenn auch von einem Franzosen geplanten- Duodez-Residenz war dem Fürsten einfach zu eng.

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Portrait von Friedrich III. von Salm-Kyrburg im Salon de l’aurore des Hôtel de Salm (Kopie)

Wohin also? Natürlich nach Paris, der Hauptstadt nicht nur des 19.Jahrhunderts, wie Walter Benjamin es formulierte,  sondern auf jeden  Fall auch  des  18. Jahrhunderts. In Paris hatten schon seine Eltern einen „Zweitwohnsitz“- so wie viele andere linksrheinische deutsche Adelsfamilien, denen es zu Hause zu eng war und die vom Glanz des Pariser Hofes angezogen wurden. So ist es zu erklären, dass  Friedrich schon einen Teil seiner Jugend in Paris verbracht und dort die noble Schule Louis le Grand besucht hatte. Seit 1771 war er sogar „colonel“ in einem in französischen  Diensten stehenden deutschen Infanterieregiment. (Emig, 69)

In Paris  nutzte Friedrich III. seine Aura als deutscher Märchenprinz und die Einkünfte aus seinen Besitzungen in Deutschland und Belgien und ließ durch den Architekten Pierre Rousseau von 1782 bis 1787 ein grandioses Adelspalais (hôtel particulier) in bester Lage an der Seine errichten, das Hôtel de Salm am Quai d’Orsay.[16]

Download Hotel de Salm

Bau des Hôtel  de Salm (anonym) Musée Carnavalet

Dieses Bauwerk erregte damals außerordentliche Bewunderung. In zeitgenössischen Handbüchern  der Architektur wurde es als eines der schönsten Häuser von Paris gerühmt. Als Thomas Jefferson Botschafter der Vereinigten  Staaten von Amerika in Paris war, bat er darum, seinen Sessel im Tuilerien-Garten  so aufzustellen, dass er das Hôtel de Salm betrachten konnte, in dem er auch gerne und oft zu Gast war.[17] Er sei in dieses Gebäude verliebt, schrieb er.[18]

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Kein Wunder,  denn  die Schauseite zur Seine ist von einer außerordentlichen  Eleganz (damals noch zu einem Garten geöffnet und nicht durch den vorbeibrausenden Verkehr beeinträchtigt), während die gegenüberliegende pompöse Seite mit ihrem aufgeblähten Portikus ganz offensichtlich dazu diente, den Rang Friedrichs in der Adelshierarchie ostentativ zur Schau zu stellen.

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Für Jefferson gehörten die beiden Frontseiten des Hôtel de Salm  zu den “celebrated fronts of modern buildings”, die als Vorbild für Amerika dienen könnten. Und als Jefferson sein Landhaus in Monticello entwarf, ließ er sich dabei von seinem geliebten Hôtel de Salm inspirieren.[19]

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Es passt also genau, dass  an der Seine eine Statue Jeffersons platziert ist, der auf das fahnengeschmückte Hôtel de Salm blickt. Und in seiner Hand trägt er die Skizze seines Handhauses in Monticello.

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Die ostentative Präsentation des Ranges in der Adelshierarchie und des erworbenen Sozialprestiges beschränkte sich bei Friedrich aber nicht nur auf die Architektur, sondern umfasste den gesamten repräsentativen Lebensstil:  Anfang des Jahres 1789 gab Friedrich III. zum Beispiel  in seinem noch nicht ganz  fertiggestellten hôtel ein großes Abendessen mit anschließendem Ball, zu dem über 1000 Gäste – halb Paris also, wie ein Gast damals schrieb-  eingeladen waren![20] Seit 1804 ist das Hôtel de Salm Palais und Museum der 1802 gegründeten Ehrenlegion und lässt auch im Innern noch etwas von dem früheren Glanz spüren, auch wenn der Großteil der ursprünglichen Inneneinrichtung dem Feuer der Commune zum Opfer fiel.[21]

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Aber noch ist es nicht soweit: Noch logiert in dem  Hôtel nicht die Ehrenlegion, sondern der Prinz von Salm-Kyrburg,  dessen  Namen  es nach wie vor trägt. Und  bald nach seiner Errichtung wird es ein Treffpunkt der hochadligen Oberschicht des (vor)revolutionären Frankreich.

Und jetzt kommt ein zweites Mitglied des oben genannten  Trios ins Spiel, nämlich Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die Schwester Friedrichs III.[22]

Amalie wurde 1860 in Paris geboren und in der großartigen Kirche Saint-Sulpice getauft – in derselben  Kirche, in der  gut 60 Jahre später Charles Baudelaire ebenfalls getauft wurde und  Heinrich Heine im Todesjahr Amalies seine Mathilde heiratete[23]. Erzogen wurde sie, wie es sich für ein Mädchen ihres Standes gehörte[24], zunächst im katholischen Mädchenpensionat Couvent Port-Royal, danach im noblen Kloster Bellechasse Faubourg Saint-Germain.  1782 heiratete Amalie –allerdings in Kirn-  auf Wunsch ihrer Eltern den Erbprinzen Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen, den Bruder Johannas, der frischvermählten Frau ihres Bruders. Seinen ersten gemeinsamen Winter verbrachte das junge Paar immerhin noch in Paris. 1784 kam Amalie Zephyrine dann zum ersten Mal nach Sigmaringen, wo sie sich nun auf Wunsch ihres Mannes und Schwiegervaters fest installieren sollte. Amalie konnte jedoch keine Zuneigung zu dem ihr angeheirateten Anton Alyois entwickeln, den sie „mon prince héréditaire“ nannte.  Und das von ihrem Schwiegervater streng reglementierte  Leben in der kleinen Residenzstadt an der Donau empfand sie als „unerträglich einengend“. Sigmaringen hatte zwar ein imposantes Schloss, aber es war ansonsten  ein bescheidenes Städtchen von 1000 Einwohnern. Paris dagegen, die Stadt ihrer Jugend und ihrer Träume, war Ende des 18. Jahrhunderts die geistige, künstlerische und politische Metropole Europas.[25] Also floh Amalie bereits ein Jahr später, zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Karl, als Mann verkleidet aus der oberschwäbischen Provinz nach Kirn zu ihrem Bruder. Den Mann und das kleine  Kind  ließ sie in Sigmaringen zurück. Ihr eigentliches Ziel war aber selbstverständlich nicht der Hunsrück, sondern das glänzende Paris, wo Friedrich III. und seine Frau die meiste Zeit des  Jahres verbrachten.

Download Amalia Zephyrine

                             Amalie Zephyrine  (Fürstl. Hohenzoll. Samml. Sigmaringen)

Und nun kommt auch der Dritte im Bunde ins Spiel, Alexandre de Beauharnais.

Download Alexandre de Beauharnais

http://frda.stanford.edu/

Der Vicomte de Beauharnais hatte –wie Lafayette- am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich dort ausgezeichnet, 1779 heiratete er Joséphine, die wie er aus der französischen Kolonie Martinique stammte. Eigentlich hatte er Joséphines drei Jahre jüngere Schwester Catherine-Désirée Alexandre heiraten wollen, doch die starb an Tuberkulose. Die dritte Schwester, Marie Françoise, war erst elf Jahre alt, also noch etwas zu jung zum Heiraten. Schließlich akzeptierte er Joséphine als Frau – sie war ihm mit ihren 16 Jahren aber eigentlich bereits zu alt. Die Ehe verlief alles andere als glücklich, es kam zu einer psychischen und physischen Entfremdung und Alexandre unterstellte seiner Gattin sogar, dass die gemeinsame Tochter ein Kukuckskind sei. Im Jahr 1785 beschloss das Ehepaar mit beiderseitigem Einverständnis die Trennung.[26] So konnte Beauharnais seine wahre Liebe entdecken in Gestalt der …. natürlich!: Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die er –bei allen sonstigen Affairen- seine „einzige wahre Freundin“ nannte.[27] Die lebte jetzt in Paris wie eine Göttin in Frankreich mit ihrem geliebten Bruder Friedrich und ihrem Liebhaber Alexandre. Und Josephine, immer noch Ehefrau Alexandres, freute sich offenbar an dem Liebesglück ihres Mannes und war mit Anna Amalie in einer herzlichen Freundschaft verbunden. Das kam gewissermaßen noch als i-Tüpfelchen dazu und erwies sich später als politisch höchst bedeutsam, als Josephine die Ehefrau Napoleons war und es um die Existenz des Hauses Hohenzollern ging. Aber das ist eine andere Geschichte….

Das Glück der drei Protagonisten unserer Geschichte währte allerdings nicht lange. Da gab es vor allem die finanziellen Probleme  Friedrichs, dessen finanzielle Mittel nicht auf gleicher Höhe waren wie sein Adelsprädikat und seine Ansprüche.  Friedrich hatte schon seit seiner Jugend einen Hang zur Verschwendung. Dazu kamen zahlreiche verlustreiche finanzielle Engagements- zum Beispiel das schließlich gescheiterte Projekt eines Kanals zwischen  Provins und der Seine. Die Schulden wuchsen ihm allmählich über den Kopf, der Druck der Geldgeber wurde immer massiver. Der dem adligen Prestigestreben geschuldete Bau des hôtel de Salm und die aufwändige doppelte Hofhaltung in Paris und Kirn waren absolut ruinös. Da außerdem die französische Krone sich weigerte, ihn für die Zerstörung der Kyrburg zu entschädigen, musste Friedrich  einen  Teil seines Besitzes veräußern oder pfänden, sein Pariser hôtel an den Architekten verkaufen und –das gab es schon damals!- zurückleasen.

Friedrich III. betrachtete insofern die revolutionären Ereignisse bis 1793 durchaus als eine Chance und als eine Art Neubeginn: „wenn nicht in ökonomischer Sicht, so doch in Form einer Distanzierung und Abrechnung mit einem ‚Ancien régime‘, das ihn in seiner finanziellen Misere im Stich gelassen und damit die Aufrechterhaltung seines adligen Status in Gefahr gebracht hatte.“ (Emig, 262)

Friedrichs Sympathie für die revolutionären Ereignisse hatte  ihre Grundlage aber durchaus auch in seiner Offenheit gegenüber den Ideen der Aufklärung:  Wie bei manchen anderen Mitgliedern des Hochadels gehörte es zum guten vorrevolutionären Ton, Kontakte zu den prominenten „gens de lettres“ der Aufklärung zu pflegen. Es galt geradezu als Maßstab des gesellschaftlichen Ansehens, von Voltaire in Fernay in der Nähe von Genf  empfangen zu werden. Friedrich unternahm die Reise im August 1771. Voltaire war offensichtlich von ihm sehr angetan und beschrieb ihn gegenüber d’Alembert als „instruit, modeste, très aimable et digne d’un meilleur siècle.“[28]

In Paris bemühte sich Friedrich auch um Jean Jacques Rousseau, der sich seit 1770 in seine ‚Dachkammer‘ in der rue de la Platrière zurückgezogen hatte, und besuchte ihn dort zusammen mit dem österreichischen Offizier, Diplomaten und Schriftsteller Karl  Charles Joseph de Ligne. Solche Besuche ausländischer Adliger bei französischen Philosophen und Schriftstellern gehörten damals zum Programm von Bildungsreisen und dienten der gegenseitigen Aufwertung. Und sie stärkten das bürgerliche Selbstbewusstsein im vorrevolutionären Frankreich: „Visitant les hommes de lettres parce qu’ils sont devenus le seul étendard prestigieux de l’identité nationale, les princes étrangers confortent le sentiment que l’opinion avait de leur pouvoir.“ [29]

Dass Friedrich dann auch die revolutionären Ereignisse von 1789 mit Anteilnahme und Sympathie verfolgte, zeigt seine  Teilnahme am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, zu dem er  extra mit Amalie Zephyrine aus Kirn anreiste. Dieses Fest hatte der Bürgermeister von Paris, de Bailly, vorgeschlagen, mit dem Friedrich enge Kontakte pflegte- ebenso wie mit anderen der Revolution zuneigenden Adligen  wie La Fayette, Alexandre de Beauharnais und seine Frau Josephine. Gerade auch Frauen wie  Josephine oder Madame de La  Fayette spielten damals eine  wichtige Rolle und führten in veränderter Form die Tradition der vorrevolutionären Salons fort. „Ein zeitgenössischer Beobachter und Gast dieser Salons, der amerikanische Gouverneur Morris, benannte explizit Amalie als  Initiatorin und Gastgeberin eines solchen Salons, der offenbar im ‚Hôtel de Salm‘ stattfand. Morris behauptete in diesem Zusammenhang sogar, dass jenen  Frauen fast eine ‚republikanische Gesinnung‘ unterstellt werden konnte.“ (Emig,  267)

Inwieweit bei Friedrichs aufklärerischem und revolutionsfreundlichem Eifer auch opportunistische Erwägungen, nämlich der Statuserhaltung allen politischen und sozialen Umwälzungen zum Trotz- eine Rolle  gespielt haben, sei allerdings dahingestellt.  Das gilt auch für sein am 19. Dezember 1792  in einem Brief an den Konvent verkündetes Dekret der Untertanenbefreiung:

Ich ging zu den Menschen, die ich einmal meine Untertanen genannt habe und jetzt meine Mitbürger, meine Freunde, meine Kinder nenne, um ihre Knechtschaft und Hörigkeit, die lehnsherrlichen Rechte über ihr Hab und Gut – mit einem Wort, alle barbarischen Reste der Feudalherrschaft abzuschaffen.[30]

Man kann dies, wie Rudolf Augstein,  als Versuch verstehen, die französische Revolutionsideologie auf deutschem Boden auszubreiten, aber auch als ‚Verzweiflungsakt‘ , mit der Friedrich angesichts des Vordringens der Revolutionsarmee in linksrheinisches Gebiet noch etwas von seiner dortigen Stellung bewahren wollte.[31]

Dass Friedrich trotz aller öffentlichen Bekenntnisse zur Revolution ins Visier des jacobinischen Wohlfahrtsausschusses geriet, beruhte offenbar auf Denunziationen und  Namensverwechslungen mit anderen Angehörigen der weitverzweigten Salm-Dynastie, die der Konterrevolution verdächtigt wurden. Anfang April 1794 wurde Friedrich verhaftet und in die in einem aufgehobenen Karmeliterkloster  eingerichtete  Anstalt „Les Carmes“ eingeliefert. Die Haftbedingungen waren dort so, dass er zeitweise geradezu ein Ende fast herbeisehnte:

Il ne reste plus qu’à désirer la fin d’une existence que l’ont ne peut plus supporter“ (cit. Emig,333)

Dieses Ende kam dann sehr schnell. Aus Furcht vor konspirativen Umtrieben in den Gefängnissen wurden sie von verdächtigen „Elementen gesäubert“. Friedrich wurde mit 50 anderen  Gefangenen in die Conciergerie verlegt, und am 23. Juli 1794 verurteilte ihn das Revolutionstribunal zum Tode, weil  er unter der Maske des Patriotismus ein Agent der deutschen Koalition gegen Frankreich sei.[32]

Noch am gleichen Tag wurde Friedrich auf der Place de la Barrière de Vincennes bzw. Place du Trône renversée guillotiniert – zusammen mit Alexandre de  Beauharnais, mit dem er auch schon seine letzten Wochen im Gefängnis verbracht hatte.  Mit ihm war Friedrich –vermittelt über Amalie Zephyrine- schon seit längerem freundschaftlich verbunden. Beauharnais gehörte zu den  ersten  adligen Abgeordneten  der Nationalversammlung, die zum Dritten Stand übertraten. Im Juni und Juli 1791 stieg er zum amtierenden Präsidenten der Nationalversammlung auf und war 1791 eine Zeit lang Sekretär, dann Präsident des Jacobinerclubs. Als  Oberbefehlshaber der ersten  Rheinarmee wurde ihm vorgeworfen, aus Inkompetenz bzw. fehlendem revolutionärem Eifer 1793 den Fall von Mainz verschuldet zu haben. Jedenfalls Grund genug für ein Todesurteil.[33] Seine und Josephines Kinder, Eugène und Hortense, wurden von Napoleon adoptiert und mit höchsten Ämtern ausgestattet. Die beiden  kauften  übrigens 1803 ein zur Zeit Ludwigs XIV. errichtetes Adelspalais, das seitdem den Namen der Familie trägt: Nach dem Sturz Napoleons ging Eugène ins Exil nach München und verkaufte 1818 sein Hôtel de Beauharnais an den  preußischen  König.  Heute ist es Sitz der deutschen Botschaft- auch eine ganz besondere deutsch-französische Geschichte…[34]

 

Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen erwarb am 14. November 1796  das Terrain mit den  beiden Massengräbern, um ihrem Bruder und ihrem  Geliebten eine würdige letzte Ruhestätte zu schaffen.[35]  Ein Versuch der Exhumierung scheiterte jedoch.  Auch der vorgesehene  Grabstein, auf den sie nach dem Rat des Dichters Treneuil folgende Worte  einmeißeln wollte, wurde nicht ausgeführt:

„C’est ici,qu’avec toi je viens  m’entretenir:

Mon frère! Ô Frédéric!, pour  ta soeur, ton amie

Il n’est qu’une pensée., il n’est qu’un souvenir

Et ta mort l’a rendu étrangère à la vie.“[36]

Ausgeführt wurde aber die Ummauerung des Grundstücks, das  mit einem vergitterten Eingang versehen wurde. Dies ist der Ursprung des Cimetière de Picpus. 1802/03  kaufte mit Hilfe  einer Subskription die Marquise de Montagu das Gebiet des ehemaligen Klosters, seine Gärten und damit auch den Ort der Massengräber.  Familien, deren Angehörige dem  jacobinischen Terror zum Opfer gefallen waren (Noallies, Montagu, Montmorency u.a.) , gründeten die Société de Picpus und errichteten neben den Massengräbern einen zweiten Friedhof, den  privaten Cimetière de Picpus, der heute einer Stiftung gehört und von ihr verwaltet wird. Es ist der einzige private Friedhof von Paris, der heute noch betrieben wird.

In ihm wird in eindrucksvoller Weise die Erinnerung an den jacobinischen Terror wachgehalten – aber auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus: Bevor man den Friedhof verlässt, geht man an Tafeln vorbei, die an Mitglieder der Stiftungsfamilien erinnern, die von den  Nazis umgebracht wurden.[37]

Picpus Fermeture 2010 018  Picpus Fermeture 2010 017

Auch im Blick darauf kann man den Cimetière de Picpus mit vollem Recht als einen deutsch-französischen Erinnerungsort bezeichnen.

Zu den vielfachen literarischen Bezügen des Cimetière de Picpus  gehört übrigens auch Patrick Modianos Roman „Dora Bruder“.  Darauf wurde ich aufmerksam durch einen Vortrag von Christoph König in der Mediathek Marguerite Duras in Paris am 5.12.2015 im Rahmen einer Veranstaltung über den Cimetière de Picpus, an der auch unsere Freundin Marie-Christine Schmitt und ich teilgenommen  haben.

 In seinem Vortrag wies Christoph König darauf hin, dass die Straßen um den Friedhof von Picpus zu den wichtigsten Schauplätzen des Romans gehören.[38]  „Der Friedhof wird erwähnt…. Und wie beiläufig zur Chiffre für das Unrecht, das im Grande Terreur und in der Zeit der Ermordung der Juden genau an diesem Ort stattfindet.“  Patrick Modianos Roman geht von einer Vermisstenanzeige im Jahr 1941 aus, die die Eltern von Dora Bruder für ihre Tochter aufgegeben haben.  „Sorgfältig und geduldig sucht der Autor nun die Hintergründe, das Leben der bis heute Vergessenen. Doch was Dora in den Monaten  gemacht hat, nachdem sie im Dezember 1941 weggelaufen ist und bis sie wieder, im April 1942, in die Wohnung der Mutter zurück kommt, bleibt ihm unzugänglich. So versucht er sich ihr zu nähern etwa über den Verlauf des Wetters und der politischen Ereignisse und der eigenen Biographie damals:

‚Die einzige Möglichkeit, Dora  Bruder in diesem Zeitraum nicht ganz zu verlieren, wäre vielleicht, von den Wetterveränderungen zu berichten. Am 4. November 1941 war zum ersten Mal Schnee gefallen. Der Winter hatte am 22. Dezember mit empfindlicher Kälte eingesetzt. Am 29. Dezember war die Temperatur noch weiter gesunken, und die Fensterscheiben waren mit einer leichten Eisschicht überogen. Vom 13. Januar an hatte die Kälte sibirische Ausmaße erreicht. Das Wasser gefror. Ungefähr vier Wochen war es so geblieben. Am 12. Februar scheint ein wenig die Sonne. (…) Am Abend dieses 12. Februars wurde mein Vater von den Beamten der Polizei für Judenfragen geschnappt….‘“

 Bevor der Erzähler weiter an der Geschichte Dora Bruders arbeitet, schreibt er einen Roman, ‚Hochzeitsreise‘. Aber auch da ist er Dora Bruder nahe und zugleich den in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft Ermordeten, die gerade an den  Schauplätzen dieses Romans begraben  sind:

Auf dem Plan folgend einander auf der anderen Seite der Rue de Picpus , dem Pensionat (Saint Coeur de-Marie,wo Dora 1940 aufgenommen wurde) gegenüber, die Kongregation der Mutter Gottes, die Ordensfrauen der Anbetung und das Oratorium von Picpus mit dem Friedhof, wo in einem Massengrab über tausend Opfer beigesetzt sind, die während der letzten Monate der Schreckensherrschaft guillotiniert wurden.‘

Die  meisten der im Cimetière Picpus Verscharrten haben keine Zeugnisse hinterlassen- das verbindet sie mit Dora Bruder. Ihr hat Patrick Modiano  mit den Mitteln der Literatur Leben zurückgegeben. Der Roman regt dazu auch,  auch an das Leben der Guillotinierten zu denken, die auf den großen  Tafeln  des Oratoriums von Picpus verzeichnet sind.

 

 

Cimetière de Picpus

35, rue de Picpus

Tel. 01 43 44 18 54

Métro: Place de la Nation

 

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag 14 – 17 Uhr

An Sonn- und Feiertagen geschlossen

 

Anmerkungen

(0) In einem Beitrag von Le Monde vom 10. Februar 2017 („Paris par la petite porte„) wird der cimetière de Picpus zu den „lieux confidentiels“ gerechnet, die den Charme von Paris ausmachten.

[1] George Lenotre: Le jardin de Picpus. Paris 1955

[2] S. Bericht 3 und http://www.tombes-sepultures.com/crbst_756.html

[3] „Les tombereaux sanglants  de la guillotine, établie 1794 barrière du trône, ont pénétré dans les jardins des dames chanoinesses de St. Augustin de Picpus, par une porte charretière pratiqué dans le mur nord de ce jardin. Le linteau des cette porte existe encore. Les corps mutilés des 1306 victimes reposent  dans deux fosses communes.”

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

(4a) Eine Liste aller vom 14. Juni bis zum 27. Juli hingerichteten Opfer findet sich in der Broschüre „Les Victimes de Picpus“, die am Eingang des Friedhofs verkauft wird.

[5] Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

Dabei hatte Danton die Einrichtung der Revolutionstribunale gerade damit begründet, dass die Entscheidung über das Leben von Revolutionsgegnern nicht den Zufälligkeiten und Stimmungen der Straße überlassen werden sollte: „Soyons terrible pour dispenser le peuple d’être terrible.“

(5a) Bild von: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53002994t

[6] http://www.parisinfo.com/musee-monument-paris/71410/Cimeti%C3%A8re-de-Picpus   siehe dazu auch den zusammenfassenden Text:

http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/sites/default/files/editeur/MC41.pdf

 

[7] „A quinze ans, j’ai monté à l’assaut pour mon roi, à près de quatre-vingt, je monterai à l’échafaut pour mon Dieu.”

[8] Christoph König, Manuskript für Vortrag in der Médiathèque M. Duras, Paris vom 5.12.2015

[9] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/7

 

 

[11] http://www.diapasonmag.fr/actualites/critiques/au-theatre-des-champs-elysees-des-dialogues-des-carmelites-entre-ascese-et-perfe  Dort auch ein kurzes Video mit einem Ausschnitt der Inszenierung

[12] Joachim Emig: Friedrich III. von Salm-Kyrburg (1745–1794). Ein deutscher Reichsfürst im Spannungsfeld zwischen Ancien régime und Revolution. Lang, Frankfurt a.M. u.a., 1997, ISBN 3-631-31352-7 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 750.

[13]une clientèle parmi les plus prestigieuses et fortunées de son temps“ . (Monnaie de Paris: Salon Dupré, p.2)

[14] www. Google.de Amalienlust in Kirn

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Amalie_Zephyrine_von_Salm-Kyrburg

[16] Joëlle Bertrand et al: L’hôtel de Salm, Palais de la Légion d’honneur. Préface du général Kelche, Grand Chancelier de la Légion d’honneur Saint-Rémy-en-l’eau 2009)

http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/l-hotel-de-salm-en-construction-vers-1786-actuel-7e-arrondissement

[17] Loges, 130/131

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Rousseau_(1751-1829)

[19] http://france.usembassy.gov/jefferson.html

[20] Ein zu dieser ‚Großveranstaltung‘ eingeladener Graf charakterisierte diese Festivität mit den Worten: „Le prince de Salm eut alors la  fantaisie de donner un bal où la moitié  de Paris fut invitée.“ (Emig, 85)

[21] Im Hôtel de Salm gibt es auch einen von der Grande Chancellerie de la Légion d’honneur herausgegebenen Film über „Les Secrets du Palais“ von Eric Beuaducel, der über die Geschichte des Bauwerks informiert und Bilder der normalerweise unzugänglichen Partien zeigt.

[22] Gabriele Loges: Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013. Gunter  Haug: Die Schicksalsfürstin. Amalie Zephyrine, die Retterin von Hohenzollern. Historischer Roman. Leinfelden-Echterdingen 2005

[23] Loges, 37 und 19. Bericht: Auf den Spuren Heinrich Heines durch Paris

[24] „fille de grande naissance“ hieß das damals

[25] Noch eine kleine deutsch-französische historische Fußnote: Das Schloss diente ab August 1944 bis Kriegsende als Sitz des Vichy-Regierung. Vor den heranrückenden  Alliierten wurden die Kollaborateure Pétain und die Regierung Laval von den Nazis als Exilregierung in Sigmaringen installiert.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_de_Beauharnais

[27] Zit. bei Loges, S. 134

[28] Cit. bei Emig, 74

[29] http://www.deutsche-biographie.de/sfz51389.html und Olivier Nora. La visite au grand écrivain. In: Pierre Nora (dir): Les lieux de mémoire, Bd II La Nation, p. 570

[30]  Cit. Bei Rudolf Augstein, Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[31] s. Emig,  276ff und Zusammenfassung S. 312

[32] „… qui n’étoit sous le masque du patriotisme que  l’agent caché de la coalition allemande contre la France“. Cit Emig, 339

[33] http://www.executedtoday.com/2008/07/23/1794-alexandre-de-beauharnais-josephine-napoleon-widow/

[34] http://www.allemagne.diplo.de/Vertretung/frankreich/fr/01-Botschaft/03-residenz/00-residenz-uebseite.html

[35] Es ist allerdings bedauerlich, dass weder in dem kleinen Informationsblatt, das am Eingang des Friedhofs ausliegt, noch im neuen Guide Vert von Paris (Ausgabe 2010,  Seite 421) auf ihre entscheidende Rolle hingewiesen wird. In der wesentlich schmaleren Ausgabe von 1997 wird immerhin noch auf „une princesse de Hohenzollern“ hingewiesen, „dont le frère, le prince  de  Salm, était l’une des victimes“ – unerwähnt bleibt dabei allerdings der Geliebte. Sie habe „le terrain mortuaire“ gekauft und mit einer Mauer umgeben. (S. 228)

Bei  Wikipedia wird als Grund für den  Kauf durch Amalie Zephyrine  übrigens  nur der Bruder genannt, nicht der Geliebte….  https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

[36] Zit bei Emig, S. 341

[37] Allerdings ist es zwar vielleicht ehrenvoll gewesen, aber es wird keineswegs  „süß“ gewesen sein,  wie es der Horaz’sche Spruch der Grabinschrift verkündet, in der Hölle von Mauthausen zu sterben, selbst wenn es „pro patria“ gewesen  ist.

[38] Christoph König (Universität Osnabrück) Manuskript für den 5.12.2015. Mediathèque M. Duras, Paris

Die nachfolgenden Passagen sind weitestgehend diesem Vortrag entnommen.

Unsere Freunde, die Stare….

Der nachfolgende Eintrag fällt etwas aus dem Rahmen der sonstigen Blog-Beiträge: Es geht um die Stare, die sich  in großen Schwärmen im Frühjahr 2016 in unserem Viertel präsentierten und teilweise ganz grandiose Formationsflüge vorführten. Das allein wäre ja schon Anlass genug für einen Blog-Beitrag unter der Rubrik „Wir in Paris“ gewesen. Aber wenn wir darüber mit französischen Freunden sprachen, wurde auch schnell die ganz unterschiedliche Wahrnehmung  der Stare deutlich. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich nicht um eine Zufallsergebnis, sondern es gibt, wie ein Blick in französische und deutsche Texte zum Thema „Stare“ zeigte, auf beiden Seiten des Rheins offenbar verschiedene Einschätzungen, wie die Stare und ihre fliegenden Schwärme   gesehen  werden. Ist das vielleicht Ausdruck einer eher rational-funktionalen  Naturwahrnehmung auf der einen Seite und einer eher emotional-romantischen Sicht der Natur auf der anderen Seite?

Der Beitrag ist identisch mit dem 38. Bericht aus Paris vom Februar 2016. Das darin verwendete Präsens wurde also nicht verändert- obwohl die Stare sich nach einigen Wochen wieder davon gemacht haben – diese Attraktion gibt es also seitdem nicht mehr –vielleicht ja wieder im nächsten Jahr. Wir würden  uns jedenfalls sehr auf ein  Wiedersehen freuen.    

 

Seit wir im neuen Jahr wieder in Paris sind, gibt es bei uns eine besondere Attraktion: die Stare. Die gab es ja schon immer: manchmal saßen welche –wie auch Krähen, Tauben, Elstern und manchmal auch Amseln-  gegenüber auf den beiden hässlichen Antennenmasten, die –leider- zu dem Paris-Panorama gehören, das wir von unserer Wohnung aus haben.

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Gegen Abend –kurz vor Sonnenuntergang- versammeln sich nun aber seit einigen Tagen immer mehr Stare auf den Masten. Da wird es teilweise so eng, dass sie auch die Befestigungsdrähte nutzen – unfreiwillige Rutschbahnen. Für uns aber schön zu beobachten.

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Und wenn auf den beiden Masten überhaupt kein Platz mehr ist, finden die Stare auch reichlich Platz auf dem Ausleger eines Krans, der gerade auf der anderen Seite unseres Immeuble installiert ist und manchmal bis über unser Dach ragt.

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Dort sitzen sie dann auch dicht an dicht und warten darauf, dass „es“ endlich losgeht.

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„Es“- das ist der Flug der Stare, ein Schauspiel, das wir derzeit –fast- allabendlich- von unserer kleinen Terrasse aus beobachten und bewundern können. Manchmal sind es schätzungsweise „nur“ einige Hundert, manchmal riesige Schwärme mit womöglich Tausenden von Exemplaren. Manchmal verdichten sie sich zu schwarzen Wolken, manchmal bilden sie lockere Formationen, die in Wellenbewegungen über den Abendhimmel gleiten,  die sich dann auch wieder plötzlich auflösen und neu formieren.

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Manchmal tauchen sie in die Straßenschluchten und sind dann einige Augenblicke für uns unsichtbar, ab und zu fliegen sie auch direkt über unser Haus, so dass man fast die Luftbewegung zu spüren meint. Ich habe versucht, etwas von dem grandiosen Schauspiel mit meinem kleinen Foto festzuhalten – nicht einfach, aber einen ungefähren Eindruck können die Fotos vielleicht doch vermitteln.

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Bei diesem Schauspiel denke ich oft an die riesigen Fischschwärme, die ich beim Tauchen beobachten konnte: Die kleinen Fische schließen sich oft zu engen Formationen zusammen, um Raubfischen, die es auf sie abgesehen haben, keinen Angriffspunkt zu bieten. Manchmal schießt dann ein Raubfisch in eine solche Formation hinein, um sie zu zersplittern, sodass einzelne in der Panik isolierte Fischchen ihre Beute werden.

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Und damit beginnen auch die Fragen, die sich mir stellen, wenn ich die Stare beobachte: Ist denn  ein solcher Schutzmechanismus auch für sie relevant- jedenfalls in einer Stadt, in der es zwar einige Turmfalken gibt, aber doch nicht so viele Fressfeinde wie für die Schwarmfische am Riff. Und warum versammeln sie sich gerade abends vor Sonnenuntergang und vollführen ihren „Himmelstanz“. Was machen die Stare überhaupt im Winter in Paris? Und wo finden sie in einer so eng bebauten Großstadt genügend Futter und ruhige Schlafplätze?

Ich habe also ein bisschen Star-Recherche im Internet betrieben, um vielleicht einige Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Denn was ich bisher über Stare weiß, ist reichlich wenig: Öfters haben wir welche in unserem Garten in Oberursel beobachtet, wie sie auf dem „Rasen“ (er besteht überwiegend aus Moos und sogenannten Unkräutern) herumstolzieren und ab und zu mit ihren spitzen Schnäbeln einen Wurm oder irgend ein anderes Futtertier aufpicken. Deshalb sind, wie ich in einem im Internet zugänglichen Naturlexikon gelesen habe, Stare auch „gern gesehene Gäste, wenn sie Schnecken  oder Raupen  erbeuten. Für diesen Dienst sollte man ihnen dann  auch ein paar Beeren oder Kirschen überlassen.“[1] Wir überlassen ihnen –und den Amseln- sogar einen ganzen  Kirschbaum,  weil wir zur Erntezeit gar nicht im Lande sind oder, selbst wenn wir da sind, an die meisten Kirschen ohne gefährliche Kletteraktionen nicht herankommen.

Natürlich haben wir auch schon oft und gerne ihren Gesang gehört.  Und auf diesem Gebiet sind die Stare ganz besonders talentiert: Otto Kleinschmidt charakterisiert ihren Gesang in seinem Buch über die „Singvögel der Heimat“ (Quelle und Meyer 1955, S. 50) so: „Ein Pfeifen, Schnurren, Schnattern und Schmalzen, untermischt mit Flötenlauten und Pfiffen, oft Nachahmungen, dabei ekstatisch zwischendurch mit den Flügeln schlagend.“ Die Stare  können nicht nur andere Vogelstimmen nachahmen, sondern auch alle möglichen sonstigen Geräusche wie Rasenmäher und –nach Wikipedia- neuerdings sogar das Klingeln von Mobiltelefone. Insofern ist verständlich, dass Kleinschmidt die Stare als „Konzertmusikanten“ rühmt und ihnen damit gewissermaßen einen Rang gleich hinter der „Gesangeskönigin“ Nachtigall verleiht.  Als begeisterter Chorsänger hat mir natürlich besonders gut gefallen, dass Starendamen diejenigen Männchen am attraktivsten finden, deren Gesang die meisten Motive enthält und die beim Singen die größte Ausdauer an den Tag legen…

Offenbar ist es nichts Besonderes, dass es auch im Winter in Paris Stare gibt: Sie sind, wie ich jetzt gelernt habe, teilweise sogenannte Standvögel, teilweise Mittelstreckenzieher bzw. Teilzieher, d.h. Teile der jeweiligen Population bleiben auch im Winter in ihrer vertrauten Umgebung, wenn es dort nicht gar zu kalt wird, manche ziehen in wärmere Gefilde. Und wenn dank Klimaveränderung die Winter milde sind wie derzeit immer häufiger, wird sich die Notwendigkeit für die Vögel verringern, die Reise in den unter Umständen gefährlichen Süden anzutreten bzw. -zufliegen. Anscheinend gelten ja Stare in Italien als Leckerbissen- fein gegrillt auf Polenta serviert.[2] Ganz klar ist mir allerdings nicht, wo die Stare in Paris ihre Nächte verbringen und wovon sie im Winter leben. Sie sind ja keine Allesfresser wie Tauben, Krähen und Elstern. Nach einem schon einige Jahre alten Vogel-Atlas von Paris bevorzugen die Stare als Ruheplätze Parks mit altem Baumbestand, den Parc de Montsouris, den Parc der Bercy, den Jardin des Tuileries und vor allem den Garten/Wald im Carée der Bibliothek Nationale (was mich sehr wundert).[3] Aber diese Orte sind relativ weit von uns entfernt und machen es wenig einsichtig, warum die Stare abends gerade hier ihre Flug-Shows präsentieren. Als Erklärung bietet sich da eigentlich nur der nahe gelegene Père Lachaise an, der ja nicht nur ein weiträumiger Friedhof ist, sondern auch ein Naturpark mit altem Baumbestand. Außerdem haben die Vögel da nachts ihre Ruhe und es müsste auch –was ich aber aus Pietät hier nicht näher erläutern  möchte- jahreszeitunabhängig ein reichliches Nahrungsangebot geben. Dass der Père Lachaise in den Bestandsverzeichnissen, die ich im Internet gefunden habe, nicht als Starenquartier genannt ist, könnte übrigens auch eine Erklärung dafür sein, dass wir die Stare bisher noch nicht wahrgenommen haben. Immerhin leben wir jetzt ein gutes Jahr in der neuen Wohnung „mit Aussicht“ und zumindest in den wärmeren Monaten, in denen wir viel Zeit auf unserer kleinen Terrasse verbringen, wären uns die Stare bestimmt aufgefallen, wenn sie da schon dagewesen wären. Vielleicht haben „Standvogel-Stare“ jetzt auch den Friedhof als Quartier gewählt. Und hoffentlich bleiben sie da  auch noch etwas, damit wir noch etwas länger Freude an dem  Schauspiel des „Starenballetts“ haben, wie die abendlichen Flug-Vorführungen gerne genannt werden.

In Norddeutschland und Dänemark ist dieses Phänomen offenbar ziemlich verbreitet, weil die Stare dort weiträumige Ruheplätze und ein unerschöpfliches Nahrungsangebot haben.  Da sind es  teilweise hunderttausende Stare, die abends sogar die untergehende Sonne verdecken. Dieses einzigartige Naturschauspiel der Sort Sol („Schwarze Sonne“) sollte nach der dänischen Touristenwerbung „jeder wenigstens einmal im Leben erlebt haben“. An der deutsch-dänischen  Grenze, wo sich jedes Jahr bis zu einer Million Stare an ihren Schlafplätzen versammeln, findet schon ein regelrechter „Star-Massentourismus“ statt. „Am Abend kommen zahlreiche Busse mit Schaulustigen, die das Spektakel am Schlafplatz der Stare selber miterleben möchten.“[4]

Ein schönes Video dazu:

http://www.ardmediathek.de/tv/Mittagsmagazin/Starenballett-am-Himmel/Das-Erste/Video?documentId=27013580&bcastId=314636

Bei uns sind es keine hunderttausende Stare, aber dafür haben wir hier in Paris das Naturschauspiel light gewissermaßen frei Haus.

Als Erklärung für das Starenballett werden immer wieder die Raubvögel genannt. Bei Wikipedia zum Beispiel wird angegeben, die Manöver dienten „wohl im Wesentlichen“ dazu „dem angreifenden Greifvogel die Auswahl eines einzelnen Vogels unmöglich zu machen“, also in der Tat eine Analogie zu den Schwarmfischen am Riff.[5]  Dann handelt es sich offenbar um eine angeborene Verhaltensweise, die auch dann und dort noch gilt, wenn Raubvögel eher eine Seltenheit sind. Und auf jeden Fall sind Stare sehr gesellig, gerade was ihre Schlafgewohnheiten angeht. Da sammeln sie sich abends vorm Schlafengehen also schon mal, toben sich nochmals richtig aus, freuen sich ihres Lebens und erfreuen gleichzeitig Zuschauer und Bewunderer wie uns.

Die Freude an den Staren ist aber offenbar nicht ungeteilt. Mehrere Pariser Freunde, denen wir von „unseren“ Staren erzählt haben, sind geradezu erschrocken und haben von der Umweltverschmutzung geredet, die die Stare verursachten. Ihr Vogeldreck würde Autos und Straßen verschmutzen – was mir bisher in Paris aber noch nicht aufgefallen ist. In unserem Viertel jedenfalls sind es eher Hunde und Tauben, die ein unbefangenes Benutzen von Bürgersteigen und Parkbänken unmöglich machen. Diese spontan-negative Beurteilung der Stare hat uns ziemlich überrascht. In den von mir eingesehenen deutschen Internet-Quellen ist der Star eher ein gesanglich hochtalentierter Vogel mit ausgeprägtem Sozialverhalten, ein „Multitalent“, dazu ein Nützling, dem man in seinem  Garten durchaus ein Nistkästchen bauen sollte. In Frankreich erfreut sich der Star aber – auch von ganz offizieller und kompetenter Seite-  offensichtlich nicht einer solchen Wertschätzung: Auf der homepage des altehrwürdigen Jardin des Plantes von Paris wird er so vorgestellt:

BRUYANT, VORACE, VOLANT ET VIVANT EN BANDES NOMBREUSES… IL VAUT DÉCIDÉMENT MIEUX NE PAS AVOIR L’ÉTOURNEAU SANSONNET (STURNUS VULGARIS LINNÉ) POUR VOISIN.

Ihr Kot würde Autokarosserien, die Fassaden von Bauwerken und das städtische Mobiliar beschädigen; der Lärm, den sie (die Kleinschmidt’schen Konzertmusiker) verursachten, könne den Anwohnern schnell auf die Nerven gehen; dazu kämen noch erhebliche Schäden für die Landwirtschaft und sogar  die Luftfahrt: 1996 habe schon einmal ein Starenschwarm in Eindhoven ein Flugzeug zum Absturz gebracht![6]

Ähnlich schlecht kommt der Star (l’etourneau sansonnet) auch im offiziellen Inventaire National du Patrimoine Naturel, also dem Verzeichnis des französischen Naturerbes weg. Die in Frankreich überwinternden Stare seien teilweise Standvögel, teilweise kämen sie zum Überwintern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, vor allem der Ukraine. (Aha!! W.J.) Ihr massenhaftes Auftreten würde zu Boden- und Wasserverschmutzungen führen und den Baumbestand schädigen. Er könne in der Landwirtschaft erhebliche Schäden bei der Aussaat und den Kulturen verursachen. Dazu kämen die Geräuschbelästigungen. Für uns ist das ein etwas erstaunlicher Punkt: Jedenfalls können hier in Paris Menschen ganze Nächte lang bei offenen Fenstern, voll dröhnenden Lautsprechern und wildem Geschrei feiern, ohne dass offenbar Nachbarn sich beschweren, geschweige denn die Polizei gerufen wird.  Bei den Staren  hört aber die sonst übliche Toleranz auf.  Schließlich ist nach dem nationalen französischen  Naturinventar  nicht auszuschließen, dass die Stare auch ein gesundheitliches Risiko für Mensch und Tier bedeuteten. Insofern ist es nur konsequent, dass auf Initiative des Fond National des Calamités Agricoles des Französischen Landwirtschaftsministeriums eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Star“ gegründet wurde. Sie habe veranlasst, dass die ländlichen Schlafplätze der Stare Gegenstand von „opérations de destruction“ geworden seien. (Genaueres zu diesen Vernichtungsaktionen wird hier nicht mitgeteilt- laut Wikipedia wurden/werden Gifte und Dynamit verwendet. W.J.) Deshalb seien die Bestände an Staren schon (glücklicherweise! W.J.) deutlich zurückgegangen. Außerdem sei der Star auch auf der Liste der zur Jagd freigegebenen Tiere enthalten.[7]

Da wird also gewissermaßen kein gutes Haar/keine gute Feder am Star gelassen! Inwieweit es sich hier wirklich um eine verallgemeinerbare Unterschiedlichkeit der deutschen und französischen Wahrnehmung handelt, kann ich nicht beurteilen. Immerhin scheint ein Vergleich der deutschen und der französischen Staren-Darstellung bei Wikipedia de und fr das zu bestätigen: In der deutschen Version finden sich insgesamt 9 Zeilen zum Thema „Schäden und Bekämpfung“. In der französischen Version ebenfalls 9 Zeilen zum Thema „Les nuisances provoquées par l’étourneau sansonnet“, also zu den von den Staren verursachten Belästigungen/Schäden. Danach folgt aber noch ein kleiner Abschnitt über die die Bekämpfung des Stars  betreffende Gesetzgebung in verschiedenen Ländern. Schließlich eine ausführliche Darstellung (14 Zeilen) mit einer genauen fünfphasigen „Gebrauchsanweisung“ für die akustische Vertreibung von Staren. Daran  könne sich auch die geplagte Bevölkerung mit casserolles und Musikinstrumenten beteiligen. Und zum typisch französischen Abschluss folgt dann noch ein  Abschnitt über die „Utilisation“ des Stars, zum Beispiel in Form einer „pâté“. Hier wird von einer Jagd mit Schrot abgeraten, sondern die traditionelle Fangart mit Netzen  favorisiert, die in Frankreich noch erlaubt sei.  Das ermögliche „d’en prendre plus d’une centaine à la fois“.[8] So kann man gewissermaßen einen Schädling noch zu einem kulinarischen Nützling verwandeln und die Vogeljagd in den Rang einer in jeder Hinsicht segensreichen Einrichtung erheben. Die Staren-Pastete wird übrigens offenbar im Handel unter dem Namen Pâté de Sansonnets verkauft, die aux myrtes offenbar gerade in Korsika sehr verbreitet ist.

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Und auf der Internetseite von chasse Passion“ werden Rezepte auch für andere Zubereitungen ausgetauscht:  Heureusement qu’il y a la chasse pour se faire plaisir !![9]

Das geringe Verständnis französischer Freunde für unseren Staren-Enthusiasmus erinnerte uns an eine ähnliche Erfahrung vor einigen Jahren. Da hatten wir bei einem Fahrrad-Ausflug entlang des Canal de l’Ourcq im Nordosten von Paris mitten im Kanal ein putziges Tier gesehen, das –wie ein Zeitungsleser auf dem Toten Meer- im träge fließenden Wasser entspannt auf dem Rücken lag und mit seinen kleinen Pfoten irgendein Stück Stängel oder Ast hielt, an dem es nagte. Wir beobachteten es einen Moment, wollten dann gerne ein Foto machen, aber dann tauchte  das Tierchen ab und war verschwunden. Wir wussten nicht, worum es sich handelte; für einen Biber war es etwas zu klein, außerdem passte die Umgebung – der kanalisierte Ourcq- ganz und gar nicht zu einem Biberrevier.

Als wir dann französischen Freunden von unserer Entdeckung erzählten, war schnell klar, dass es sich um einen ragondin gehandelt hatte, einen Nutria, dem wir seitdem öfters begegnet sind: In der Yerres beim Landgut des Malers Caillebotte, in der Yvette im Süden von Paris und in der Marne in der Nähe unseres Badeplatzes.

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Die Reaktionen von Franzosen waren dabei immer ähnlich: Mon dieu! Un ragondin! Die zerstören doch die Uferbefestigungen und richten nur Schäden an!

Ganz anders in Deutschland: Als da vor zwei Jahren ein Nutria an unserem Oberurseler Maasgrundweiher auftauchte, war er schnell zu einer Attraktion geworden und wurde mit Karotten und Apfelstückchen verwöhnt- was ihn aber nicht davon abhielt, dann doch woandershin zu wandern. Vielleicht an die Nidda, einen kleinen Nebenfluss des Mains. Dort gibt es inzwischen kleine Nutria-Kolonien, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen. Zu den diesjährigen Weihnachtsgeschenke für unsere erwachsenen Kinder gehörte auch ein Besuch bei den Nidda-Nutrias, die sich glücklicherweise dann auch in beträchtlicher Anzahl zeigten und bewundern und füttern ließen.

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Von einer deutschen  Freundin, die einen  Schüleraustausch mit Niort organisiert, wurde ich übrigens darauf aufmerksam gemacht,  dass die Nutrias im nahe gelegenen Marais poitevin nicht nur gejagt, sondern  -wie die Stare- auch zu Pastete verarbeitet werden. Und kürzlich fanden  wir dann auch auf der Ile d’Oléron ein großes Schild, das ausdrücklich für diese „Delikatesse“ warb. Auf einen  Versuch habe ich es allerdings nicht ankommen lassen….

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Die unterschiedlichen französischen und deutschen Reaktionen auf Star und Nutria könnten auch damit zusammenhängen, welche Rolle die Natur in der deutschen und französischen Kultur und Wahrnehmung spielt: In Frankreich eine eher rationalere, von Kosten und Nutzen geprägte Sicht, in Deutschland eine eher emotionale, besonders ausgeprägt und historisch gewachsen am Mythos vom „deutschen Wald“ abzulesen- geistesgeschichtlich übrigens ein Gegenbild zur französischen Urbanität….

Seit einigen Tagen machen sich die Stare übrigens rar. Als wir kürzlich Besuch aus Deutschland erwarteten und den Freunden schon stolz das „Starenbalett“ angekündigt hatten, war nur eine kleine Gruppe kurz zu sehen, dann waren sie sogar tagelang ganz verschwunden. Heute segelten (wenigstens) mehrere laut kreischende Möven über das Haus und ein paar Stare ließen sich gegen Abend auf dem Antennenmast gegenüber nieder, aber für eine Flugvorführung waren das zu wenige. Wie schade! Wir vermissen sie richtig. Aber vielleicht gehört es ja gerade zu dem Reiz eines solchen Naturschauspiels, dass es nicht alltäglich und nicht berechenbar ist….

Au revoir!!!

 

Und zum Schluss noch eine kleine Aufgabe zum Raten/Schätzen: Ungefähr wie viele Stare sieht man auf dem nachfolgenden Bild – das nur den kleinen Teil eines großen Starenschwarms- abbildet?

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Anmerkungen:

[1] http://www.natur-lexikon.com/Texte/thk/001/00004/THK00004.html

[2] http://www.n-tv.de/archiv/Jagdsaison-in-Italien-article82816.html

http://diepresse.com/home/panorama/welt/406486/Jagd-auf-Singvogel_Zart-gegrillt-und-auf-Polenta?_vl_backlink=/home/panorama/welt/index.do

[3]  Oiseaux nicheurs de Paris : un atlas urbain : Auteur Collectif, Editeur : Delachaux et Niestlé,  Paru en 04/2010.   ca 750

http://www.lesoiseauxdeparis.com/etourneau-sansonnet-starling-paris.php

[4] http://www.visitdenmark.de/de/daenemark/suedjuetland/naturwunder-schwarze-sonne-erleben

http://www.kommandoergaarden.dk/de/erlebnisse-auf-romobr/und-umgebung/romo/zugvoegel

http://www.brodowski-fotografie.de/beobachtungen/star.html

[5]  https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art)

s.a. http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/star.html

[6] http://www.jardindesplantes.net/fr/jardin/hotes-jardin/oiseaux/etourneau-sansonnet:

[7] https://inpn.mnhn.fr/espece/cd_nom/4516/tab/fiche

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89tourneau_sansonnet

[9]  http://www.paniercorse.com/produit/pate-de-sansonnet-au-myrte-402

http://www.chassepassion.net/le-forum/26/5568

Frankreich im Ausnahmezustand 1/2016

Der Text erschien auch in:  Knoten. Organ des Carolus-Magnus-Kreises. Jahrgang 29, Nr. 1  Frühjahr 2016 

Die Anschläge des 13. November haben Frankreich im Mark getroffen.  Und das in viel radikalerem Maß als die Anschläge vom Januar des Jahres.  Damals waren die Ziele, das Satiremagazin Charlie Hebdo und der jüdische  Supermarkt Hyper Cacher, noch eingegrenzt, wenn damit auch übergeordnete Prinzipien und Werte angegriffen wurden:  die Meinungs- und Religionsfreiheit und das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Diesmal wird ganz generell die französische und speziell Pariserische Lebensart als Anschlagsziel gesehen, so etwa von Le Monde, die sagt, es handele sich um ein Programm „d’anéantissement de  notre  culture“,  notre mode de vie“ sei ein „chef d‘,oeuvre en péril“ (Le Monde, 21.11.)

An der Tür der Brasserie Comptoir Voltaire, auf deren Terrasse ein Selbstmordattentäter sich in die Luft gesprengt hat, findet sich noch die Werbung für den neuen Beaujolais und die Ankündigung eines Beaujolais-Abends für den 19. November mit einem Spezial-Menü und einem Swing- und Musette-Orchester…

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Und vor der Bar La Belle Equipe in unserem 11. Arrondissement, an der wir täglich auf dem Weg zum Markt und zum Schwimmbad vorbeiradeln –einem der Orte der blutigen Anschläge-  hat jemand eine Übersetzung der Liebeserklärung eines Leserbriefs der New York Times vom 15. November angeheftet – eine Liebeserklärung an Frankreich, die in den sozialen Netzwerken vielfach verbreitet wird. Er tut, wie Télérama schreibt, den Franzosen gut, weil er genau zum Ausdruck bringt, was viele Menschen hier nach den Anschlägen umtreibt:

„La France incarne tout ce que les fanatiques religieux du monde détestent: la joie de vivre par une myriade de petites choses: le parfum d’une tasse de café et des croissants le matin, de belles femmes en robe souriant librement dans la rue, l’odeur du pain chaud, une bouteille de vin que l’on partage entre amis, quelques gouttes de parfum, les enfants qui jouent dans les jardins du Luxembourg, le droit de ne croire en aucun dieu, de se moquer des calories, de flirter, fumer et  apprécier le sexe hors  mariage, de prendre des vacances, de lire n’importe quel livre, d’aller à l’école gratuitement, jouer, rire, se disputer, se moquer des prélats comme des politiciens, de ne pas se soucier de la vie après la mort. Aucun pays sur terre n’a de meilleure définition de la vie que les Français.“

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Plantu hat in einer Karikatur von Le Monde vom 17.11. die Anschläge auf die französische Lebensart sehr eindrucksvoll sprachlich und zeichnerisch auf den  Punkt gebracht:

IMG_5289 Le Monde 17.11.

 

Natürlich ist die in der New York Times beschriebene Lebensart nicht allein den Franzosen und Paris vorbehalten, worauf Michel Guerin in Le  Monde vom 21. November hinweist. Das gelte auch für manche Viertel  in Berlin, Istanbul oder Tel Aviv.  Diese Internationale der Lebensfreude und der Kreativität wollten die Savonarolas des Islam durch eine Internationale des Terrors ersetzen.  Insofern reicht die Bedeutung der Pariser Anschläge weit über Frankreich hinaus und trifft eine weltweit, auch im aufgeklärten Islam verbreitete Lebensweise. Es ist kein  Zufall, dass unter den Opfern der Pariser Anschläge auch viele junge Muslime waren.

Und nicht zuletzt war ja auch das Stade de France Ziel der Anschläge. Sicherlich, weil dort wegen des Freundschaftsspiels zwischen der französischen équipe  und der deutschen Mannschaft viel politische Prominenz versammelt war und viele Tausende Zuschauer auf den Rängen und viele Millionen an den Fernsehschirmen Augenzeugen des Terrors hätten werden können und sollen: Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn die Attentäter sich auf den vollbesetzten Tribünen in die Luft gesprengt hätten.  Das Fußballstadion ist darüber hinaus, wie der Ethnologe Christian Bromberger feststellte, eines der letzten Symbole der nationalen Einheit: Auch wenn dort überwiegend nur die männliche Bevölkerungshälfte vertreten sei, so verwischten sich dort alle Unterschiede der sozialen Zugehörigkeit, der Wohnorte, der Hautfarbe, der Religion. Und Menschen unterschiedlichster Herkunft sängen  dann bei einem Länderspiel wie dem des 13.11.  gemeinsam  die Marseillaise. (Le Monde, 21.11.)

Nur konsequent also, dass nach den Attentaten  immer wieder die nationale Einheit beschworen  wird: Weithin sichtbar auch dadurch, dass zahlreiche öffentliche Gebäude in den Nationalfarben angestrahlt wurden. Der Absatz der Tricolore-Fahnen hatte sich nach den Anschlägen verdoppelt. Und als dann vom Staatspräsidenten empfohlen wurde, am 27., dem Tag der Gedenkfeier für die Toten der Anschläge, die Fenster mit Fahnen zu schmücken, waren die schnell ausverkauft. Unsere Pariser Freundin Inès veranlasste das zu einer Rundmail, in der sie empfahl, sich die erforderlichen Stoffe zu kaufen und sie dann selbst zu einer Fahne zusammenzunähen. Sie gab auch gleich Adressen der in Frage kommenden Geschäfte an. Im Internet wurden auch noch andere phantasievolle Möglichkeiten gezeigt, wie man sich -z.B. mit blau-weiß-roten T-Shirts- gut behelfen und wie man die patriotischen Aufwallungen –z.B. mit BHs in den Farben der Tricolore-  à la française  ironisieren konnte.

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Die Anschläge vom 13.11. versetzten Paris, ja ganz Frankreich in einen Schockzustand.  „La France est en état de choc“, schrieb Le Monde in ihrem éditorial vom 22./23.11. gleich zweimal (entsprechend auch Paris Match in der Sonderausgabe vom 15.11.) und: „La France d’après, un pays plongé dans la peur“.  Und das viel  intensiver und weiter verbreitet als im Januar: Wenn man der soziologischen Analyse des ansonsten von mir wenig geschätzten Emmanuel Todd über die „Je suis Charlie“-Demonstranten des 11. Januar 2015 folgt, dann war dort vor allem das etablierte Frankreich vertreten,  waren die Demonstranten  reicher und älter  als der Bevölkerungsdurchschnitt. Heute fühlt sich ganz Frankreich betroffen, seine Jugend, seine Metropolen, aber auch das ländliche Frankreich, la France profonde. Im Januar, berichtet eine Abgeordnete, „haben sich unsere Mitbürger nicht direkt bedroht gefühlt. Jetzt haben sie Angst um sich.“ Und ein anderer Abgeordneter berichtet:  „In den ländlichen Gebieten, den kleinen Städtchen und Dörfern, ist man nicht weit entfernt von der Panik. In Paris ist es paradoxerweise ruhiger, weil sich die Menschen dort im Auge des Zyklons befinden. Aber im Rest des Landes sind die Menschen äußerst beunruhigt. Sie sehen fern und sagen sich, dass das auch bei ihnen passieren wird, dass es das nächste Mal in ihrer Straße sein  wird.“ (Le Monde, 22./23.11.)

Ein Indiz dafür, dass sich diesmal ganz Frankreich von den Anschlägen betroffen fühlt, ist sicherlich die Schweigeminute, die am Montag nach den Anschlägen für 12 Uhr festgelegt wurde. Eine solche Schweigeminute gab es schon im Januar, und danach hörte man gerade aus  Schulen –vor allem mit einem hohen Anteil muslimischer Schüler- von vielfachen Problemen, die es dabei gegeben habe. Viele Schüler hatten sich damals geweigert mitzumachen. Diesmal gab es solche Probleme offenbar nicht.

Wir wohnen im 11. Arrondissement, einem Zentrum der Anschläge, also tatsächlich im Auge des Zyklons: In den Tagen nach dem 13.11. hörte man fast ständig die Sirenen von Polizeiautos. Als ich am Dienstag „danach“ auf unseren Markt, den marché d’Aligre, zum Einkaufen ging, war die Marktstraße wie leergefegt, und bei Paris Pêche, dem sonst immer stark frequentierten Fischgeschäft, erwarteten mich, den einzigen Kunden, gleich fünf Verkäufer/innen! Unsere wöchentliche Chorprobe im Lycée Maurice Ravel war auf Veranlassung der Schulleiterin abgesagt worden, obwohl wir seit Januar einen speziellen Ausweis vorzeigen müssen, um die Schule betreten zu können und obwohl unser derzeitiges Programm, das Requiem von Cherubini, nun wirklich nicht die verordnete dreitägige Staatstrauer beeinträchtigt hätte. Gerade in dieser Situation wäre das gemeinsame Singen sicherlich für alle sehr wohltuend gewesen.

Auf dem Weg zum Markt kommen wir an der Bar La Belle Equipe in der Rue de Charonne vorbei, auf deren Terrasse 19 Menschen von den Terroristen getötet wurden. Die ist jetzt bedeckt mit hunderten von Kerzen, von Blumen, von vielfachen Bekundungen der Trauer, Wut und Fassungslosigkeit,  so wie die an einer durch ein Einschussloch gesteckte Frage: „Au nom de quoi?“ Und es ist, soweit man das sehen kann, ein Querschnitt der Bevölkerung, und es sind vor allem  sehr viele junge Menschen, die sich dort einfinden.

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Viele sind ja auch –mehr oder weniger direkt- betroffen: Eine Nachbarin war am Abend des 13. in unserem Viertel unterwegs und hörte die Salven der Kalaschnikows. Eine Freundin, Musikprofessorin, berichtete, dass  Schüler/innen ihres Konservatoriums getötet worden seien; ihr Sohn habe eigentlich zu dem Konzert gehen wollen, aber –glücklicherweise-  keine Karte mehr bekommen. Und  eine andere Freundin berichtete, dass ihr Sohn vier Freunde im Bataclan verloren habe….

Betroffenheit und Angst werden sicherlich auch durch die allgegenwärtige martialische Terminologie verstärkt: „La France est en guerre“ –  so leitete François Hollande seine Rede ein, die er am 16.11. vor dem französischen Kongress, einer außerordentlichen gemeinsamen Sitzung von Nationalversammlung und Senat in Versailles hielt. Das Wort Krieg durchzog seine ganze martialische Rede, die, wie der Nouvel Observateur schrieb, nichts enthielt für den Zusammenhalt des Landes, für  das Zusammenleben der Menschen und für die Demokratie. „Un discours de chef de guerre“ oder, wie Le Monde urteilte,  „un discours de guerre totale“.

Premierminister Valls überbot die Kriegsrhetorik seines Präsidenten noch, indem er vor der Gefahr des Einsatzes chemischer und biologischer Waffen durch islamistische Terroristen warnte. Valls habe, so kommentierte die Huffington Post, im Namen eines „discours vérité“ eine ausgesprochene „va-t-en-guerre“- Rede gehalten, die nicht geeignet gewesen sei, die vorhandenen Ängste zu lindern. Noch weiter ging Le Monde,  die von einer  „communication délibérément anxiogène de M. Valls“ sprach.

Auch die Berichterstattung in den Medien war von der Kriegsrhetorik geprägt: „Der Krieg mitten in Paris“ titelte der Figaro vom 14./15. November und zeigte ganzseitig  die von Leichen bedeckte Terrasse von La Belle Epoque.  Für das Wochenmagazin Le Point handelt es sich um „unseren Krieg“, die Zeitschrift Valeurs Actuelles erklärt in einer groß herausgestellten Sonderausgabe den „Barbaren“  den Krieg, und auch die eher gemäßigte Le Monde und der eher linke Nouvel Observateur sehen  Frankreich im Kriegszustand.

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Dazu wurden dann im Fernsehen in ständiger Wiederholung die Bilder zunächst von der Erstürmung des Bataclan gezeigt und dabei vor allem auch die emotional besonders bewegende Szene mit einer jungen Frau, die nach ihrer Flucht aus einem Fenster an einer Seitenfassade des Konzerthauses hing, so dass man sich voller Entsetzen fragte, wie lange sie sich da würde halten können und ob man nicht ihren Absturz würde miterleben müssen. Und ein paar Tage später war dann die mehrstündige Erstürmung der Wohnung in Saint Denis, in der sich einer der führenden Terroristen verschanzt hatte, rund um die Uhr auf allen Programmen zu sehen. Die Einschaltquoten waren dabei extrem hoch: Während man früher mit seiner Angst umging, indem man die  Gesellschaft von anderen suchte und redete, schaltet man heutzutage, wie der Psychologe Serge Tisseron konstatierte, den Fernseher an. Aber die  sich immer wiederholenden Wellen von Bildern des Grauens verstärken nur noch die Angst: „Je mehr man davon sieht, desto stärker wird die Unsicherheit, die uns das Leben vergiftet.“ (Le Monde, 22./23.11.)

Der Zeichner Serguei hat das  in einer mit „Psychose“ überschriebenen Karikatur in Le Monde vom 21.11. 2015 zum Ausdruck gebracht.

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Die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen, so verständlich und sinnvoll sie in vielen Fällen auch sein mögen, tragen meines Erachtens auch nicht immer dazu bei, Angst abzubauen. In dem benachbarten Schwimmbad wird beispielsweise seit den Anschlägen von Januar  entsprechend des Vigipirate-Plans ausdrücklich am Eingang darauf hingewiesen wird, dass man keine Tasche (z.B. mit einer Trinkflasche und einem Duschgel) am Beckenrand deponieren darf. Inzwischen ist die höchste Sicherheitsstufe Vigiparate Attentat ausgerufen, und man darf Taschen noch nicht einmal mit in die Schwimmhalle nehmen, selbst wenn man dem Bademeister die Harmlosigkeit des Inhalts demonstriert hat.

Da kann man sich als Schwimmbadbesucher doch vielleicht besorgt fragen, ob die Islamisten jetzt auch die Schwimmbäder in ihr Visier genommen haben. (Vielleicht meint ja die Stadtverwaltung, das sei durchaus möglich – zumal bei gemischtem Baden und sogar gemischten Duschen). Sehr konsequent erscheinen mir die Sicherheitsvorkehrungen allerdings nicht. In dem anderen Schwimmbad, in das wir wegen seiner 50-Meter-Bahn öfters gehen und das vom Pariser Schwimmclub betrieben wird, gibt es zum Beispiel keinerlei für den Besucher erkennbaren Sicherheitsvorkehrungen.

Und die gibt es auch nicht mehr beim koscheren jüdischen Partyservice bei uns nebenan und bei der feministischen Zeitschrift Causette ein  paar Häuser weiter, die nach den Attentaten vom Januar rund um die Uhr von schwerbewaffneter Polizei bewacht wurden. Vielleicht gehen die Sicherheitsbehörden  ja davon aus, dass  der islamistische Terror inzwischen derart erstarkt ist, dass er sich nicht mehr mit so „kleinen  Fischen“ abgibt. Dafür wird beispielsweise rund um Notre Dame massive Militär- und Polizeipräsenz demonstriert. An allen vier Ecken des Vorplatzes sind Soldaten in Kampfmontur und Maschinenpistole postiert, kleine Trupps patrouillieren ständig rund um den Kirchenbau, und an seiner Nordseite sind Dutzende, wenn nicht gar Hunderte, Polizei-Motorräder aufgereiht.

Mir vermittelt ein so massives martialisches Auftreten kein Gefühl von Sicherheit, und anderen geht es offenbar ähnlich. Jedenfalls habe ich die Schlange vorm Zugang zu den Türmen von Notre Dame noch nie so kurz gesehen. Ich habe bei all dem eher den Eindruck, dass hier ein hilfloser Aktionismus vorherrscht. Vielleicht sogar, dass bewusst Angst geschürt wird, damit dann Präsident und Regierung sich medien- und wahlwirksam als Sachwalter der allgemeinen Sicherheit profilieren können.                                    

Angst herrscht besonders auch und nicht von ungefähr bei muslimischen Franzosen, die  von den Anschlägen besonders betroffen sind. Es gibt zahlreich Berichte von Übergriffen auf Muslime nach dem 13.11. Ein sozialistischer Abgeordneter des Département Seine-Saint-Denis schätzt die Lage so ein: „ Wir sind auf des Messers Schneide. Viele Leute, die vorher nie so etwas gesagt haben,  beschuldigen jetzt  ‚die Araber‘, ‚die Muslime‘. Das ist sehr schlimm. Man muss sehr aufpassen.“ (Le Monde, 22.23.11.) In der Libération wird ein junger Muslim aus Marseille zitiert, der entsetzt ist über die Anschläge, die den Islam beschmutzten. Aber es werde für ihn jetzt umso schwerer sein, eine neue Arbeit zu finden. „Maintenant, pour n’importe quel employeur, en tant que musulman, je suis une menace.“ Und viele französische Muslime sehen sich Angriffen von zwei Seiten ausgesetzt: den Terroristen und den Vorurteilen. Für Philippe de Villiers, einen rechtskonservativen ehemaligen Politiker und  aktuellen Bestsellerautor, sind die Verhältnisse ganz klar:  Jetzt könne man sehen, wohin der vorherrschende „laxisme“ und „la mosquéïsation“ Frankreich gebracht hätten.

In den Tagen nach dem 13.11. stand auf der Place de  la  République, einem informellen Treffpunkt, ein junger Mann mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen.

Neben sich auf dem Boden ein Schild: Ich bin Muslim und man sagt von mir, ich sei Terrorist.

Da war es sehr anrührend zu sehen, wie viele Menschen, das Angebot der ausgebreiteten Arme annahmen und den jungen Muslim umarmten. Ein Zeichen der Hoffnung, wie sie es gerade auch in den Zeiten des Ausnahmezustandes häufig gibt.

Ein Zeichen der Hoffnung war auch das Konzert „contre la Barbarie“ für die Opfer der Attentate des 13. November 2015 in der Kirche Saint Sulpice. Schon im Januar hatte es ja ein solches sehr eindrucksvolles Solidaritätskonzert gegeben, bei dem ich mitgesungen habe. Diesmal war ich mit und neben Frauke  einer von vielen Zuhörern in der voll besetzten Kirche. Und wir reihten uns auch in die  schier endlose, um den ganzen Kirchenvorplatz reichende Schlange der Menschen ein, die geduldig wartend das Nadelöhr der Sicherheitskontrollen passieren mussten. Diese Kontrollen hatte es im Januar noch nicht gegeben – und trotz dieser verstärkten Sicherheitsmaßnahmen gab es  in unserem Bekanntenkreis auch Menschen, die aus Angst vor weiteren Anschlägen dort nicht hingehen wollten….

 

Frankreich im Ausnahmezustand

Der von François Hollande proklamierte Krieg gegen den Islamischen Staat und den Terrorismus hat viele Schauplätze: International sind das vor allem Mali und das subsaharische Afrika und jetzt verstärkt der Irak und vor allem Syrien. Hier vollzog sich seit dem 13.11.  eine radikale Wende der französischen Position. Frankreich und vor allem sein Außenminister Fabius hatten ja lange Zeit Assad wegen seines Chemiewaffeneinsatzes gegen die eigene Bevölkerung als Hauptfeind in Syrien ausgemacht. Und so wurden dessen Gegner, also auch die islamistischen Terroristen von Al Quaida und dem Islamischen Staat, für ihren Kampf gegen Assad gelobt. Als das dann doch nicht mehr haltbar war, vertrat Frankreich die Strategie des ni-ni, stellte also Assad und den IS auf eine Stufe. Nach den Anschlägen in Frankreich hat Frankreich jetzt eine erneute Wende vollzogen und den Islamischen Staat zum Hauptfeind erklärt, womit nun auch eine militärische Zusammenarbeit mit Russland ermöglicht wurde. Die oppositionellen Republikaner haben diesen von ihnen schon lange geforderten Schwenk Hollandes mit Befriedigung konstatiert.

Grundsätzlich begrüßt wurden auch von allen politischen Lagern die von Hollande  in Versailles verkündeten Maßnahmen im Innern, das heißt vor allem die Verlängerung des état d’urgence auf drei Monate.  Zuletzt wurde dieses Instrument während des Algerienkrieges angewandt. Es erweitert massiv  Befugnisse der Exekutive auf Kosten  der Dritten Gewalt und der Freiheit. Aber für Premierminister Valls ist die Sicherheit „la premières des libertés“. Aus diesem Grund sei es legitim, angesichts der terroristischen Bedrohung andere Freiheiten zeitweise  einzuschränken. Und schließlich sei ja der état d’urgence ein état de droit.

Die Verschärfung von Gesetzen bis hin zur  Erklärung des Notstandes ist eine –nicht nur in Frankreich-  historisch übliche Reaktion auf Terror. Das war so im zaristischen Russland der 1880-er Jahre, in der französischen Dritten Republik mit den repressiven sogenannten Lois scélérates der 1890-er Jahre, in Deutschland nach den Anschlägen der RAF und zuletzt in den USA nach 9/11 mit dem patriot act. In den liberalen  und linken Medien Frankreichs ist wiederholt auf die Parallelität der Rhetorik Hollandes vom 16.11. mit der George Bushs nach den Anschlägen auf das World Trade Center hingewiesen worden. Und es wurde die Frage gestellt, ob nicht die Einschränkung von Freiheiten im Land der Menschenrechte,  der liberté, égalité und fraternité, ein Sieg für die Terroristen  sei, die es doch gerade darauf abgesehen hätten. Unsere Freiheiten zu beschränken, sei eine Kapitulation vor den Terroristen, schreibt der Nouvel Observateur. „Ce n’est pas en transformant la France en „pays en guerre“ qu’on résistera contre la menace des fanatiques : c’est au contraire en restant solides sur nos modes de vie et sur nos principes. Reculer, ce serait d’entrée de jeu donner la victoire aux terroristes.“ (16.11.15)

Was konkret bedeutet die Verhängung des état d‘urgence in Frankreich?

Im Ausnahmezustand

  • können die Präfekten die allgemeine Bewegungsfreiheit (la liberté d’aller et venir) an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten einschränken, wenn es ihnen aus Sicherheitsgründen erforderlich erscheint, z.B –was inzwischen auch schon geschehen ist- nächtliche Ausgangssperren verhängen,
  • kann gegen Personen, die die Sicherheitsbehörden als potentiell bedrohlich ansehen, eine Aufenthaltspflicht an einem von ihnen bestimmten Ort, der nicht unbedingt die eigene Wohnung sein muss, verhängt werden. Diese sogenannte assignation à résidence bedeutet, dass die betroffenen Personen ihren Ausweis abgeben müssen, sich dreimal täglich bei der –vielleicht kilometerweit entfernten- Polizei melden müssen und nachts 12 Stunden lang ihre zugewiesene Unterkunft nicht verlassen dürfen. Diese Verpflichtungen können entfallen, wenn die Betroffenen bereit sind, eine elektronische Fußfessel zu tragen, was außerhalb des Ausnahmezustandes einer vom Gericht verhängten Strafe entspricht,
  • sind Hausdurchsuchungen ohne richterliche Genehmigung möglich, wenn „gewichtige Gründe“ dafür sprechen, dass der betreffende Ort von potentiell bedrohlichen Personen frequentiert wird. Die auf den sichergestellten Telefonen und Computern erhobenen Daten können gespeichert werden und müssen auch dann nicht gelöscht werden, wenn es keinen Anhaltspunkt für eine terroristische Gefahr gibt.
  • erhalten die Behörden einen großen Spielraum bei der Auflösung von Gruppen und Vereinigungen, die potentiell eine Gefahr darstellen könnten. Rechtsmittel dagegen sind nicht zugelassen. Nach Auffassung des Premierministers ist es nötig, schnell und wirksam vorgehen zu können und sich dabei nicht von kleinlichen rechtlichen Bedenken behindern zu lassen: „Alors, pas de juridisme!“,
  • kann die Exekutive Internetadressen unterbinden, die terroristische Akte befördern oder entschuldigen. Auf die Möglichkeit der Pressezensur, die im Gesetz über den Ausnahmezustand von 1955 vorgesehen war, hat die Regierung verzichtet. (Während des Algerienkrieges war es den französischen Medien beispielsweise untersagt, von Krieg zu sprechen. Damals musste das Wort événement verwendet werden. Eine solche Sprachregelung hat sich ja inzwischen erübrigt),
  • werden die Strafen, die bei der Verletzung der im Rahmen des Ausnahmezustandes erlassenen Maßnahmen verhängt werden, gegenüber der Regelung von 1955 drastisch erhöht, und es gibt dabei auch nur noch einen extrem geringen Ermessensspielraum. Wer beispielsweise gegen die Bestimmungen seiner assignation à  résidence verstößt, kann mit 3 Jahren Gefängnis und einem Bußgeld von 45.000 Euro bestraft werden. Diesbezügliche drakonische Strafen gab es inzwischen schon mehrfach (s. Le Monde, 24.11.).

Das ist wirklich ein beeindruckendes Arsenal. Die deutschen Notstandsgesetze, gegen die wir vor Jahren einmal auf die Straße gegangen sind, erscheinen im Vergleich damit geradezu als ein Ausbund an Harmlosigkeit. Der Nouvel Observateur spricht denn auch von einem „Patriot Act à la francaise“. Einige Maßnahmen, die direkt von den Rechten oder der extremen Rechte übernommen worden seien, gäben doch zu erheblichen Bedenken Anlass. Einige Kommentatoren sähen darin einen geschickten Versuch, der Opposition das Wasser abzugraben. Aber gerade deshalb müsse man  doppelt wachsam  sein. Denn wenn es auch noch zu früh sei, die  Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu beurteilen;  wenn sie einmal in Kraft gesetzt seien, sei es zu spät „pleurer sur ses conséquences.“ (18.11.)  Inzwischen wird der Ausnahmezustand nicht nur gegen terrorverdächtige Islamisten verwendet, sondern auch gegen Aktivisten der Klimaschutzbewegung, Menschen, die zur Unterstützung von Flüchtlingen aufrufen und Fußballfans, wie gerade wieder in Troyes (Le Monde, 19.1.16).  Er muss sogar in Calais dafür herhalten, den Flüchtlingen  den Zutritt zum städtischen Schwimmbad zu verwehren – und das angesichts der im jungle herrschenden katastrophalen sanitären Verhältnisse. Und wenn dann auch noch der Innenminister –aus gegebenem Anlass- sich genötigt sieht,  die Polizei auf das Prinzip der Verhältnismäßigkeit hinzuweisen – eine Tür müsse im Rahmen einer Hausdurchsuchung nicht gewaltsam aufgebrochen werden, wenn sie auch freiwillig geöffnet werde, müssten eigentlich bei allen demokratischen Kräften die Alarmglocken läuten.

Es ist aber bezeichnend für das aktuelle politische Klima in Frankreich, dass bei den Beratungen in der Assemblée eine Tendenz vorherrschte, der Exekutive noch weitergehende Ausnahmerechte zu übertragen, als das von der Regierung selbst vorgesehen war. Da forderten beispielsweise die Republikaner bei der assignation à résidence  ein Ausgehverbot von 24 Stunden, was auch von einigen Sozialisten gut geheißen wurde: sonst würden  sich die Bürger doch fragen, ob denn ein potentieller Terrorist nur die Hälfte das Tages gefährlich sei.  Noch einen großen Schritt weiter ging Laurent Wauquiez, der Vertreter einer „droite décomplexée“ und Generalsekretär der Republikaner, der gerade zum Präsidenten der Region Auvergne-Rhônes-Alpes gewählt wurde.  Wauquiez forderte nämlich die Einrichtung von Internierungslagern für 4000 Terror-Verdächtige forderte. Dass damit ein Guantanamo à la française geschaffen würde (Les Echos, 16.11.), wies er natürlich weit von sich. In den französischen Lagern solle alles rechtsstaatlich zugehen und– im Gegensatz zu Guantanamo- auch nicht gefoltert werden. Übrigens erfreut sich Wauquiez‘ Vorschlag einer recht großen Beliebtheit, selbst bei Intellektuellen wie Pascal Bruckner,  die eher dem linken Lager zugerechnet werden. Aber die Phantasien, wie man der terroristischen Gefahr begegnen kann, sind fast grenzenlos. Der Parteichef der Republikaner und ehemalige Staatspräsident möchte „centres de déradicalisation“ einrichten (Le Monde, 2.12.), also  Umerziehungslager, für die es ja einschlägige Beispiele gibt. Und es werden auch wieder die bewährten Zwangsarbeitslager in Cayenne ins Spiel gebracht, dort also, wo der Pfeffer wächst. Und natürlich überbietet Vater Le Pen alle: Er fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe, die bei Terroristen durch die Methode des Kopfabschlagens vollzogen werden soll- wie sie ja auch vom Islamischen Staat und Saudi-Arabien gerne und häufig praktiziert wird.

Es gibt in Frankreich derzeit geradezu eine surenchère securitaire, also einen Überbietungswettbewerb, was Maßnahmen zum Schutz vor Terrorismus angeht. Deshalb wird der Ausnahmezustand nach dem Willen Hollandes wohl ohne Probleme noch einmal über den 26. Februar hinaus um drei Monate verlängert werden, auch wenn Experten der UNO davor gewarnt haben, „estimant qu’il imposait des ‚restrictions excessives et disproportionnées sur les libertés fondamentales.‘“ (Le Monde, 21.1.16).  Aber eine deutliche Mehrheit der französischen Bevölkerung ist bereit, eine Einschränkung von Freiheiten hinzunehmen, wenn es um die Sicherheit geht, wie eine aktuelle ifop-Umfrage eindrucksvoll bestätigt. Und nichts ist derzeit schlimmer und politisch gefährlicher, als sich dem Vorwurf des laxisme oder des angélisme auszusetzen, also der Nachgiebigkeit oder eines naiven Gutmenschentums.

Deshalb steht auch der von Hollande nach den Attentaten angekündigten und inzwischen konkretisierten Verfassungsänderung nichts im Wege. Diese  Verfassungsänderung ist insofern verständlich, als die Regelung des Ausnahmezustandes bisher auf rechtlich ziemlich wackeligen Füßen steht, nämlich einem einfachen Gesetz aus dem Jahr 1955. Da muss also die Regierung damit rechnen, dass eine vom Ausnahmezustand in ihren Freiheiten eingeschränkte Person Verfassungsbeschwerde (QPC) beim Conseil constitutionel einlegt, was inzwischen auch schon geschehen ist.  Jetzt soll also der Ausnahmezustand ein „verfassungsrechtliches Fundament“ erhalten. Allerdings wollen Hollande und die Regierung diese Gelegenheit zu einer Verschärfung nutzen: Der Ausnahmezustand soll jetzt gleich für sechs statt bisher drei Monate verhängt werden, und danach soll es möglich sein, einen Teil der Notstandsmaßnahmen noch weiter- und erst langsam stufenweise zurückzuführen. Da hat die Polizei einen großen  Spielraum. Der soll –ganz unabhängig vom état d’urgence- sowieso noch erheblich erweitert werden. Alle Vorschläge gehen, wie Le Monde (3.12., S.8) schreibt,  dahin, die Machtbefugnisse der Polizei ohne rechtliche Kontrolle erheblich auszuweiten. „L’exception va devenir  la règle.“ 

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                             Karikatur von Selçuk. Le Monde, 21.11., S. 20

Besonders umstritten ist das von Hollande vor dem  Kongress angekündigte Vorhaben, in Frankreich geborenen verurteilten Terroristen die französische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, wenn sie eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Damit würde die Beseitigung des geradezu geheiligten „droit du sol“ Verfassungsrang bekommen und eine alte Kernforderung des Front National erfüllt. Vichy, wo es das schon einmal gab, lässt grüßen.

Zwar hat der Conseil d’État das Vorhaben positiv beurteilt, gleichzeitig aber dem Präsidenten ein gesichtswahrendes Schlupfloch zum Rückzug angezeigt. Er wies nämlich darauf hin, dass die mit der Geburt erworbene französische Nationalität „un élément constitutif de la personne“ sei. „En priver quelqu’un pourrait être regardée comme une atteinte excessive et disproportionnée à ces droits et contraire à la Déclaration des droits de l’Homme de 1789.“ Zwischenzeitlich deutete Manuel Valls ein Einlenken an, weil der Geltungsbereich und die Effektivität des Vorhabens nur äußerst begrenzt seien.  Der Präsident beharrt aber auf seinem Vorhaben, auch wenn er damit seine Partei einer erneuten Zerreißprobe aussetzt und seine Chance, 2017 die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen zu erreichen, weiter verringert. Für Libération (21.12.) stellt sich da die Frage, „comment l’exécutif a pu se fourrer dans un tel piège.“ Die Antwort von Martine Aubry: Hollande passe sich damit der Stimmung der Bevölkerung an. Aber mit dem gleichen Argument könne man auch wieder die Todesstrafe einführen. Und sie zitiert François Mitterand: « Ne pas gouverner avec les sondages, c’est la différence entre un homme politique et un homme d’Etat. » (Le Monde, 14.1.)

Ich würde gerne –in guter alter Tradition- gegen die –jetzt französischen- Notstandsgesetze auf die Straße gehen und demonstrieren. Aber das geht nicht: Wir leben ja im état d’urgence. Da sind Demonstrationen verboten….

 

Und was weiter?

Die Attentate vom 13. November sind ein massiver Einschnitt für Frankreich mit weitreichenden Konsequenzen für das Land selbst, aber auch weit darüber hinaus. Dazu gehört die Forderung nach europäischer Solidarität für den von Hollande erklärten Krieg gegen den Terrorismus, wozu auch die Forderung nach einer deutschen militärischen  Beteiligung gehört. Es ist ja ein beliebter französischer Vorwurf, dass sich Deutschland feige seiner Verantwortung in der Welt entziehe- zuletzt sehr massiv vorgetragen beim militärischen Einsatz der Franzosen in Libyen, dessen desaströse Konsequenzen inzwischen ja nur allzu deutlich sind – ebenso wie die ebenso desaströsen Konsequenzen des amerikanischen Krieges im Irak. Jetzt schickt Deutschland mit ausdrücklichem Verweis auf die Solidarität mit Frankreich Soldaten nach Mali und beteiligt sich am Krieg gegen den IS, ohne dass auch hier wieder eine nachhaltige militärische Strategie, geschweige denn eine politische Perspektive, wenigstens in Ansätzen  deutlich wäre.

 

Und die französische Solidarität in der Flüchtlingskrise? Fehlanzeige!

Wenn sich aber Deutschland jetzt mit Frankreich solidarisch zeigt in seinem Krieg gegen den sogenannten Islamischen  Staat, könnte Deutschland ja umgekehrt eine deutlichere Unterstützung Frankreichs in der Flüchtlingskrise erwarten, wie der Figaro am 25.11. schrieb. Hollande hat zwar solidarische Lippenbekenntnisse abgegeben- es sei „unsere Pflicht“ gewesen, „diese Personen aufzunehmen“ (Le Figaro, 25.11.), aber mit „uns“ war Frankreich sicherlich nicht gemeint. Und  inzwischen hat Premierminister Valls Europa und vor allem natürlich Deutschland aufgefordert, seine Grenzen für „migrants“ zu schließen. Hier handelt es sich in der Tat um eine erhebliche Verschärfung der französischen Position, „déjà réputée pour son extrême réserve à l’égard des migrants“ (Le Monde, 25.11.). Es dauert in Paris derzeit vier Monate, bis Flüchtlinge überhaupt nur einen Asylantrag stellen können. Bis dahin gehören sie zur Gruppe der „sans papiers“ und damit der Wohnsitzlosen. (Le Monde, 22.1.16).  Von der Aufnahme des französischen Kontingents an den gemäß Beschluss des Rats europaweit zu verteilenden 160 000 Flüchtlingen ist in Frankreich sowieso nicht mehr die Rede. Und einen darüber hinausgehenden ständigen Verteilungsmechanismus hat die französische Regierung ausdrücklich abgelehnt. Sie bewegt sich also auch in diesem Bereich auf die Positionen der Rechten und extremen  Rechten  zu.

Konsequenzen für die staatlichen Finanzen: die Aufkündigung des Stabilitätspaktes   Eine der ersten  Konsequenzen der Anschläge des 13.11. war die Aufkündigung des europäischen Stabilitätspaktes durch François Hollande. Angesichts der besonderen Umstände habe der „Sicherheitspakt“ – was auch immer damit gemeint sein mag- Vorrang vor dem Stabilitätspakt, also vor der nun schon seit 7 Jahren überfälligen Reduzierung des französischen Haushaltsdefizits auf die vertraglich vereinbarten und von Frankreich immer wieder zugesicherten drei Prozent.  Schon vor dem 13.11. hatte sich eine Tendenz abgezeichnet, dass Frankreich die von ihm eingegangenen Verpflichtungen schon wieder nicht würde erfüllen können. Da bieten die Anschläge vom 13.11. eine willkommene Gelegenheit, die aktuelle Notlage vorzuschieben, um die erneute Überschreitung der drei Prozent-Zielmarke zu rechtfertigen. Und die europäischen Partner sollen auf diese Weise auch milde gestimmt und zu dem fälligen vierten Aufschub bewegt werden. Diese Taktik scheint Erfolg zu haben,  wurde doch schon von den europäischen Partnern, der Kommission und dem Europaparlament entsprechendes Entgegenkommen gezeigt.

Dass die Ausweitung der Verschuldung -Frankreich steuert zielstrebig auf eine Verschuldungsquote von 100% zu- auch eine Kehrseite hat, ruft die liberale Europaabgeordnete Sylvie Goulard in Erinnerung:  Frankreich begebe  sich so tendenziell in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten, es verliere  seine nationale Selbstständigkeit und werde geschwächt. (Le Point, 18.11.) Im Moment meinen es die internationalen Finanzmärkte ja ausgesprochen gut mit Frankreich – wie auch mit dem anderen Schulden- Sorgenkind, Italien. Aber eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es nicht. Dann droht die nächste europäische Schuldenkrise, vielleicht sogar der Zerfall des Euro-Raums….

 

Ursachenforschung: die innenpolitische Dimension                                                             Nach den Anschlägen des Januar wurden in Frankreich fundamentale gesellschaftliche Fragen aufgeworfen und diskutiert, z.B. nach der Freiheit der Meinungsäußerung, der Laizität, nach dem Ort des Islam in Frankreich, nach der Rolle der Schule, nach dem Scheitern von Integration. Der französische Premierminister war ja immerhin so weit gegangen, in Bezug auf den Zustand mancher Vorstädte von einer Form der apartheid social zu sprechen. Und Valls weiß, wovon er spricht, weil er lange Jahre Bürgermeister einer Kommune mit einem hohen Anteil an Muslimen und großen sozialen Problemen war.

Auch nach den Anschlägen vom November  gibt es in Frankreich allmählich wieder eine intensive Diskussion, inwieweit hausgemachte soziale Probleme ein Grund dafür sein könnten, dass so viele junge Franzosen in Syrien auf Seiten des IS kämpfen oder den Terror nach Frankreich tragen. Diese Auseinandersetzung findet auch in aller Schärfe auf Regierungsebene statt: So betont Wirtschaftsminister Macron „le terreau qui a nourri cette violence, les injustices qui se sont installées.“ (Le Monde, 19.1.) Er bedauert, dass Frankreich eine Gesellschaft sei, «où nous avons construit la capacité à fermer la porte». Jemand, der wegen eines Barts oder eines arabisch klingenden Namens für einen Muslim gehalten wird, habe viermal geringere Chancen auf Einstellung als ein anderer. „On a laissé s’installer de l’exclusion. Je ne dis pas qu’elle explique, je dis qu’elle est là“ (Libération 21.11.). Erst im Herbst dieses Jahres wurde aus Anlass des 10-jährigen Jahrestages der Unruhen in den Vorstädten von Paris in vielen Medien eine ziemlich niederschmetternde Bilanz dessen gezogen, was seitdem geschehen ist. Zwar sei sehr viel Geld in die städtebauliche Sanierung gesteckt worden und das äußere Bild der Vorstädte habe sich zum Teil erheblich verbessert, aber die sozialen Zustände seien stellenweise immer noch von Hoffnungslosigkeit, Armut, Drogenhandel und Gewalt bestimmt. Der Abstand zwischen dem Lebensstandard in den Problemzonen (ZUS) und dem im anderen Frankreich habe sich in den letzten Jahren sogar noch vergrößert. „Lentement, certains territoires font sécession: ils se détachent de la République, qui les laisse partir à la dérive“.  Hier biete sich der Islam als Orientierungshilfe an und der Djihadismus nutze die Lage weidlich aus.  (Le Monde und Le Figaro, 26.10.15)

Die Umweltministerin Ségolène Royal widersprach allerdings ihrem Kabinettskollegen in der ihr eigenen energischen Weise: Man könne doch nicht die Schuld für den radikalen Djihadismus in der französischen Gesellschaft suchen. Frankreich sei ein großes demokratisches Land, in dem die Erziehung Priorität habe. Alle Kinder erhielten kostenlosen Schulunterricht, es gebe ein vorbildliches Sozial- und Gesundheitssystem, das äußersten Schutz gewähre, also gewissermaßen die beste aller Welten und deshalb „pas question de culpabiliser la République“. Und ganz generell: Il ne faut pas chercher des explications“, sondern man müsse die Terroristen aufspüren, unschädlich machen und seinen Blick in die Zukunft richten.  (Le Figaro, 29.11.2015)

Der Blick in die Zukunft bietet allerdings nach den Regionalwahlen vom 6. und 13. Dezember wenig Anlass zum Optimismus. Zwar hat der Front National keine der dreizehn neu gebildeten Regionen gewinnen können, aber er hat mit 6,8 Millionen Stimmen noch nie so gut abgeschnitten. Und er hat im zweiten Wahlgang noch 800 000 Stimmen dazugewonnen, obwohl z.B. gerade in der umkämpften und bevölkerungsreichen Region Ile de France sehr viele FN-Wähler im zweiten Durchgang mit einem „vote utile“ der republikanischen Kandidatin Valérie Pecresse zum Sieg verholfen haben. Der FN hat in jeder Hinsicht seine Wählerbasis verbreitert: „l‘évolution du FN est une évolution en nombre, géographique, générationelle et également sociale“, wie der Wahlforscher  Jean-Daniel Lévy in Les Echos vom 15.12. feststellt. Und angesichts der Themen, die für die Wahl des FN ausschlaggebend waren, nämlich Arbeitslosigkeit, Sicherheit und Immigration, sei auch kaum zu erwarten, dass die Partei schon ihr Maximum erreicht habe. Denn diese Themen würden auch in den kommenden Monaten ihre Brisanz behalten. Die Gefahr besteht aber, dass Republikaner und Sozialisten  das Ergebnis schön reden (Libération, 13.12.): Immerhin ist es ja gelungen, „de faire barrage au FN“, die Republikaner haben sieben Regionen gewonnen, die Linke fünf. Angesichts der fortdauernden  Spaltung der Sozialisten und der Linken insgesamt wird die Regierung also wohl weiterwursteln wie bisher. Und die Rechte leistet sich einen erbitterten Machtkampf und schwankt, ob sie denn weiter auf den FN zugehen will, um ihm Wähler abzujagen (Sarkozy) – damit würde sie aber möglicherweise Wähler in der Mitte verlieren – oder ob sie sich mehr zur Mitte hin bewegen und vom FN abgrenzen will (Juppé, Fillon, NKM) – damit würde sie allerdings möglicherweise dem FN noch mehr das rechte Terrain überlassen. Kommentatoren sind sich einig, dass „business as usual“ das Schlimmste wäre, was die politische Elite Frankreichs jetzt betreiben könnte. Der Vertrauensverlust zwischen Regierenden und Regierten sei zu offenbar: Verursacht vor allem durch die ständigen Versprechungen des Präsidenten und der Regierung, die „courbe de chômage“ umzukehren. Die Arbeitslosigkeit ist aber gerade wieder auf ein absolutes Rekordniveau angestiegen. Jetzt hat Präsident Hollande den état d’urgence économique et social“ ausgerufen, aber die angekündigten Maßnahmen sind eher kosmetisch. Libération beklagte  schon in ihrem Éditorial vom 15.12. „le refus des risques“ und die Tendenz „de ne rien changer à la ligne gouvernementale“. Man müsse handeln, bevor es zur Katastrophe komme, forderte Le Monde in ihrem Éditorial vom 15.12. Die Katastrophe wäre der Sieg von Marine Le Pen in den Präsidentschaftswahlen 2017. Es bleiben nur noch wenige Monate, sie zu verhindern.

Man kann nur hoffen, dass sie genutzt werden. Danach sieht es allerdings derzeit eher nicht aus….

Trübe Aussichten also für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…

 

Ergänzung Nov/Dez 2016: Der Ausnahmezustand als Dauerzustand?

Am 13. und 15. November 2016 haben der französische Ministerpräsident Valls und der Staatspräsident Holland eine Verlängerung des Ausnahmezustandes mindestens bis zu den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017 angekündigt. Diese Ankündigung war den französischen Medien (Le Monde, le Figaro, Libération) nur eine kurze Meldung wert. Offenbar gilt diese Maßnahme inzwischen nur noch als Routineangelegenheit, obwohl sie tiefgreifende Einschnitte in grundlegende Freiheitsrechte ermöglicht.

Inzwischen wurde der Ausnahmezustand schon viermal verlängert, zuletzt nach dem grauenhaften Terroranschlag in Nizza am  14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Am Vormittag hatte Hollande noch feierlich in seiner Fernsehansprache das Auslaufen des Ausnahmezustandes verkündet, weil er seine Aufgabe erfüllt habe und die drastisch verschärften Anti-Terrorgesetze jetzt ausreichten. Danach aber wurde eine weitere Verlängerung um sechs Monate beschlossen, obwohl der Ausnahmezustand den Terroranschlag gerade nicht hatte verhindern können.

Die weitere Verlängerung wird vermutlich wieder von einer breiten parlamentarischen Mehrheit beschlossen werden. Die Exekutive und die Judikative befinden sich hier in der Tat in einer Falle, wie der Le Monde- Redakteur Jean-Baptiste Jacquin in einem Debattenbeitrag in der Ausgabe vom 29. 11. schreibt. („Le piège de l’état d’urgence“)

Zwar habe der Vizepräsident der Conseil d’Etat gerade festgestellt, der Ausnahmezustand sei ein Zustand der Krise, der nicht unbegrenzt verlängert werden könne. Die Schwierigkeit besteht nach Jacquin aber darin, ihn zu beenden – und zwar nicht aus juristischen oder sicherheitsrelevanten, sondern aus politischen Gründen. Das Gesetz zum Ausnahmezustand von 1955 lege fest, dass der Ausnahmezustand bei einer unmittelbar drohenden schweren Bedrohung der öffentlichen Ordnung verhängt werden könne. Es bestehe aber in Frankreich weitgehend Einigkeit, dass die islamistische/terroristsiche Bedrohung nach wie vor hoch sei. „Die terroristische Bedrohung ist dauerhaft und wird nicht mit dem Fall des Islamischen Staates beendet sein.“  

Obwohl die Anti-Terrorgesetzgebung im Laufe der letzten 20 Monate viermal erheblich verschärft worden seien, verstärke die Verlängerung des Aunahmezustands das Misstauen in den Rechtsstaat, dessen Gesetze offenbar nicht ausreichten, um den Terrorismus effektiv zu bekämpfen.

Und Jacquin schließt mit dem düsteren Satz:

„Die unbegrenzte Verlängerung des Ausnahmezustands bereitet einem eventuellen Polizeistaat den Weg.“ („La prolongation indéfinie de l’état d’urgence est un boulevard pour un éventuel Etat policier.“ ) 

Damit spielt er offensichtlich auf eine mögliche Präsidentschaft Marine le Pens an, die gewissermaßen den Ausnahmezustand auf einem parlamentarisch/juristisch vergoldeten Tablett serviert bekäme.

In der Tat trübe Aussichten  für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…