Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung

Am 27. Januar 2020  wurde auf zahlreichen  Veranstaltungen an die Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. Auch in  Paris gab es eine Fülle von Veranstaltungen. So wurde an diesem Tag –unter anderem- die nach längerer Überarbeitung neu gestaltete Mauer der Namen im Mémorial de la Shoah durch Präsident Macron  eingeweiht.[1]

Viel wurde in diesen Tagen in Frankreich über „le devoir de la mémoire“ gesprochen und geschrieben,  also die Aufgabe, die Erinnerung an das Grauen der „Endlösung“ wachzuhalten. Und dies mit umso mehr Recht, als in der Bevölkerung und vor allem bei der jungen Generation die Kenntnis der Verbrechen zu wünschen übrig lässt. Nach einer im Dezember 2018 veröffentlichten Ifop-Umfrage wissen 30% der 18-35-jährigen Franzosen nicht, dass es während des Zweiten Weltkriegs einen Genozid an Juden gab.  [2]  Und –wie in Deutschland- gibt es auch in Frankreich eine erschreckende Zahl von antisemitischen Vorfällen, ja Verbrechen.

Ich habe  den Holocaust-Gedenktag des Jahres 2020 zum Anlass genommen, in einer kleinen Beitrags-Reihe einige Orte vorzustellen, an denen  in Paris an den Holocaust erinnert wird.

  • In diesem ersten Teil dieses Beitrags wird an einigen Beispielen aus unserer Umgebung die Präsenz der Erinnerung im öffentlichen Raum der Stadt aufgezeigt. Dazu werde ich die Entwicklung skizzieren vom de Gaulle’schen Mythos eines in der Résistance geeinten Frankreichs bis zur Anerkennung der Mitwirkung des Landes bei der nationalsozialistischen „Endlösung“.
  • Im zweiten Beitrag werden  das Mémorial de la Shoah und das Mémorial de la Déportation im Mittelpunkt stehen.
  • Im dritten Beitrag geht es um Orte der Deportation:  das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, das bei allen Judenrazzien als ein erstes Sammellager gedient hat;  das Wintervelodrom am Eiffelturm,  das sogeannte Vel d’Hiv, nach dem die große  Razzia vom 16. Juli 1942 benannt ist;   dazu  das Internierungslager von Drancy und den Bahnhof von Bobigny,  alles Orte,  die im Ablauf der Deportationen eine wesentliche Rolle gespielt haben.
  • Abschließend lade ich zu einem Spaziergang auf den Friedhof Père Lachaise ein, in dem zahlreiche Denkmale an die nationalsozialistischen Konzentrationslager erinnern. Diesen Beitrag habe ich schon am 27. Januar 2020 in den Blog eingestellt. [3].

Einige Beispiele der Erinnerung an den Holocaust im öffentlichen Raum

Die Erinnerung an die Opfer der „Endlösung“ ist im öffentlichen Raum der Stadt Paris nicht zu übersehen. Das soll zunächst an einigen Beispielen aus unserer näheren Umgebung und täglichen Erfahrung veranschaulicht werden.  Zwar gibt es in Paris keine Stolpersteine, aber dafür zahlreiche Erinnerungsplaketten an  Häuserwänden – eine in Paris sehr alte und immer noch lebendige Tradition. Die Plaketten zur Zeit von 1939-1945 beziehen sich vor allem auf den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer und die Kämpfer, die bei der Befreiung von Paris im August 1944 umgekommen sind, aber selbstverständlich gibt es auch zahlreiche Tafeln, die an die Opfer des Holocaust erinnern. Da wir im 11. Arrondissement wohnen, beziehen sich die nachfolgenden Beispiele vor allem auf dieses Stadtviertel. Eine vollständige  Dokumentation aller Pariser Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939-1945 hat Philippe Apeloig in seinem wunderbaren Buch  Enfants de Paris 1939-1945  vorgenommen. [4]

Nicht zu übersehen sind die schwarzen Marmortafeln an allen Pariser Schulen.  Hier ein Bild von der Grundschule Avenue des Bouvines in „unserem“  11. Arrondissement:

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Zur Erinnerung an die Schüler dieser Schule, die zwischen 1942 und 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren; unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Vernichtungslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals!“

Initiatorin der Plaketten ist die Association pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés (AMEJD). Ergänzend dazu hat die AMEJD  des 11. Arrondissements eine Wanderausstellung  über die deportierten Kinder dieses Stadtviertels erstellt. [5]

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Der Grund, warum gerade  das 11. Arrondissement für eine solche Ausstellung ausgewählt wurde, liegt wohl darin, dass es hier bis zu den großen Razzien in den Jahren der occupation und des Pétain-Regimes einen vergleichsweise großen Anteil jüdischer Bevölkerung gab. Das in der Ausstellung gezeigte Schaubild gibt den Stand 1. Juli 1941 wieder – Grundlage war die Registrierung aller Juden, die von der  Pétain-Regierung durchgeführt wurde.

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Eindrucksvoll ist, dass konkrete Schicksale anschaulich gemacht werden: Hier zum Beispiel die von zwei Schülern der Grundschule in der Avenue de Bouvines.

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Henri Skrzydlack, 9 Jahre, wurde mit seiner Mutter im Lager Pithiviers interniert, dann allein nach Drancy überführt. Er wurde 21 Tage nach seiner Mutter deportiert. Sein Vater, der während einer Razzia allein verhaftet und direkt in Drancy interniert wurde, war schon deportiert worden.

Henri gehörte zu den 104 Kindern des 11. Departements , die mit dem Konvoi 23 vom 24. August 1942 deportiert wurden.

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Charles Kruk, ein ehemaliger 16 Jahre alter Schüler, dessen Eltern schon deportiert waren, wurde Opfer der Razzia des Kinderheims in der rue Lamarck im 18. Arrondissement am 10. Februar 1943. Am folgenden Tag wurde er von Drancy nach Auschwitz deportiert.

Henri gehörte zu den 34 Kindern des 11. Arrondissements, die mit dem Konvoi 47 vom 11. Februar 1943 deportiert wurden.

Die Ausstellung ist  zu besonderen Anlässen –wie  zum Holocaust-Gedenktag-  im Salle des Fêtes des Rathauses des 11. Arrondissements zu sehen. Wie aufmerksam und interessiert kleine Ausstellungsbesucher bei der Sache sind, zeigt das nachfolgende Bild.

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Besonders anrührend sind die Tafeln mit den Namen und dem Alter  der deportierten kleinen Kinder, „die noch keine Gelegenheit hatten, eine Schule zu besuchen“. Sie sind in jeweils einer öffentlichen Anlage aller Pariser Arrondissements aufgestellt. Hier die Tafel mit den Namen der 199 deportierten und ermordeten jüdischen Kleinkinder des 11. Arrondissements im Jardin Titon.[6]

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Aufgenommen wurden dieses und das folgende  Foto am 30. Januar 2020 anlässlich einer kleinen Zeremonie zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Veranstalter waren die Mairie des Arrondissements und die AMEJD. Und beteiligt waren auch Schüler/innen einer benachbarten Schule, die die Namen der deportierten Schüler ihrer Schule vorlasen und für sie Blumen niederlegten.

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Als die meisten Besucher schon weggegangen waren, stand dieser kleine Junge noch im strömenden Regen vor der Tafel…

An vielen Stellen des 11. Arrondissements, aber auch in der rue d’Aligre im 12. Arrondissement, wo „unser“ Wochenmarkt stattfindet, wurde in diesem Jahr  mit einer Plakataktion an die jüdischen Kinder bzw. Jugendlichen erinnert, die dort einmal gelebt haben, bevor sie in die Vernichtungslager deportiert wurden:

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… vier junge  Cohens, offenbar  Geschwister,  Suzanne, 8 Jahre; Renée, 10 Jahre; Esther,  12 Jahre und  David, 14 Jahre.

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Sicherlich haben sie in diesem Hof gespielt, der jetzt von den Straßenhändlern als Depot genutzt wird. 

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Bei dem  Namen Nemirovski  denkt man unwillkürlich an Irène Nemirovsky, die verheißungsvolle junge Schriftstellerin, die 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde und in deren erst spät entdecktem Roman Suite française sie eindrucksvoll die Situation der Menschen im besetzten Frankreich der Jahre 1940-1942 beschreibt.

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Eine besondere Gedenktafel gibt es in der rue des Boulets Nummer 8 im 11. Arrondissement:

In diesem Haus wurden Louise Jacobson, 17 Jahre alt, und ihre Mutter Olga Jacobson verhaftet. Sie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet, weil sie Juden waren. Die ‚Briefe von Louise Jacobson‘ bleiben für die Geschichte ein unschätzbares Zeugnis.

Louise Jacobson wurde am 1. September 1942 verhaftet.

Patrick Modiano hat in seinem Buch Dora Bruder den entsprechenden Polizeibericht wiedergegeben: „Die Inspektoren Curinier und Lasalle an den Hauptkommissar, Chef der Sonderbrigade: Wir überantworten Ihrer Verfügung eine gewisse Jacobson Louise, geboren am 24. Dezember 1925 in Paris, 12. Arrondissement (…) seit 1925 französische Staatsangehörige durch Einbürgerung, jüdischer Rasse, ledig. Wohnhaft bei ihrer Mutter, 8 Rue des Boulets, 11. Arrondissement, Studentin. Heute gegen 14 Uhr am Wohnsitz ihrer Mutter festgenommen, unter folgenden Umständen: Während wir am oben angegebenen Ort eine Hausdurchsuchung durchführten, betrat die junge Jacobson die Wohnung, und wir stellten fest, dass sie das für Juden charakteristische Kennzeichen nicht trug, wie es durch eine deutsche Verordnung vorgeschrieben ist. Sie gab an, um 8 Uhr 30 das Haus verlassen zu haben und zu einem Vorbereitungskurs für das Abitur am Lycée Henri- IV, Rue Clovis, gegangen zu sein. Darüber hinaus haben Nachbarn dieser jungen Person angegeben, dass diese junge Person häufig ohne dieses Kennzeichen das Haus  verlasse.[7]

Die noch erhaltenen Briefe Louise Jacobons  aus dem Gefängnis von Fresnes und dem Internierungslager von Drancy sind mit winziger Schrift auf Postkarten geschrieben und bezeugen auf bewundernswerte Weise ihre Durchhaltestärke und ihren Überlebenswillen. Serge Klarsfeld, der das Vorwort zur Buchausgabe geschrieben hat, bezeichnete Louise Jacobson als „notre Anne Frank“.[8]

Auch manche Namen öffentlicher Gebäude erinnern an Opfer des Holocaust. So die Gesamtschule Anne Frank im 11. Arrondissement.

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Hier wurde die Erinnerungstafel an der Fassade  zum Holocaust-Gedenktag mit einem neuen Blumengebinde des Pariser Rathauses versehen.

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Auch zwei andere öffentliche Gebäude, die wir öfters nutzen, tragen Namen von Opfern des Holocaust: Die Mediathek Hélène Berr im 12. Arrondissement und das Schwimmbad Alfred Nakache im 20. Arrondissement. Hèlène Berr ist eine französische Jüdin, die im April 1945 –wie Anne Frank- im KZ Bergen-Belsen umgekommen ist. Ihr Pariser Tagebuch 1942-1944  ist „ein bewegendes Dokument zur Geschichte des Holocaust, vergleichbar mit den Tagebüchern von Anne Frank.“ (Verlagstext Fischer-Verlag).

Auch das Schwimmbad Alfred Nakache im 20. Arrondissement, das wir öfters besuchen, wenn unser benachbartes „Hausbad“ mal wieder jede sich nur bietende Gelegenheit nutzt, seine Pforten zu schließen, ist nach einem Opfer des Holocaust benannt: Nämlich nach dem „Schwimmer von Auschwitz“.

Nakache war  französischer  Rekordschwimmer, Teilnehmer an der Olympiade 1936 in Berlin,  wurde ab 1940 zunächst ein Opfer der Rassegesetze der Vichy-Regierung, dann von den Nazis  über das Lager Drancy nach Auschwitz deportiert, wo er heimlich mit anderen Gefangenen im Löschwasserbecken schwamm. Dank seiner physischen Konstitution und seines Lebenswillens überstand Nakache Auschwitz und sogar den Todesmarsch nach Buchenwald, wo er im April 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Er begann sofort wieder mit dem Training, wurde 1946 noch einmal französischer Meister und konnte sich sogar noch einmal für die Olympischen Spiele in London 1948 in London qualifizieren, wo er das Halbfinale über 200 Meter Brust erreichte!

Schade ist, dass an dem Schwimmbad zwar auf großen Transparenten über die Geschichte der Pariser Schwimmbäder informiert wird, nicht aber über das unglaubliche Leben des Namensgebers. Das darauf angesprochene Schwimmbadpersonal konnte auch nur auf das Internet als Informationsquelle verweisen….  Aber auch an der Gesamtschule Anne Frank und an der Mediathek Hélène Berr fehlen –wenn auch noch so kurze- Informationen zu den Namensgeberinnen. Schade!

Das Ende des gaullistischen Mythos vom geeinten Land des Widerstands

Auf den an den Pariser Schulen angebrachten Erinnerungstafeln wird ausdrücklich auf die Beteiligung der Regierung von Vichy an der Deportation jüdischer Kinder hingewiesen.

Angebracht wurden die Tafeln 2004/2005  auf Initiative der Association Pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés (AMEJD) und auf Beschluss des Pariser Stadtrats, der allerdings keineswegs unkontrovers war:  Dass auf den Tafeln als Täter gleichberechtigt die „Nazi-Barbarei“ (nota bene: nicht „Deutschland“) und die Regierung von Vichy genannt werden, veranlasste die rechten Parteien, sich vehement gegen die Anbringung dieser Erinnerungstafeln an den städtischen Schulen zu wehren.

Es gehörte lange zu dem von de Gaulle aus politischen Opportunitätsgründen gepflegten nationalen Selbstbild, ein Land der Opfer und des allgemeinen Widerstands gegen die Besatzung gewesen zu sein. Das aktive Mitwirken von Franzosen an der Identifizierung, Verhaftung, Internierung und Auslieferung von Juden wurde also verdrängt. Kein einziger französischer Gendarm, der an antisemitischen Aktionen –und Ausschreitungen- beteiligt war, wurde je vor Gericht gestellt oder hatte nach 1945 irgendwelche beruflichen Nachteile zu erleiden. Selbst der oberste Judenjäger und Chef der Vichy-Polizei, Bousquet,  konnte, da er rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt hatte, wegen seiner „Verdienste für die Résistance“ fast ungeschoren davon kommen und im Nachkriegs-Frankreich weiter politisch und publizistisch Karriere machen.[9]

Ein bezeichnendes Beispiel für die Tendenz der Verdrängung ist  der Umgang mit Alain Resnais‘ 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung- 30 Jahre vor Lanzmanns Shoah-Film. Nach dem Urteil von François Truffaut « un film sublime, dont il est très difficile de parler… toute la force du film réside dans le ton adopté par les auteurs : une douceur terrifiante… »   Der Film – immerhin unter Mitwirkung des offiziellen Komitees der Geschichte des 2. Weltkriegs (CHGM) entstanden- wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, aber dann Objekt der Zensur: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden;  selbst dort übrigens ohne französische Mütze- die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[10]

Es war dann Marcel Ophüls‘ wegweisender  Dokumentarfilm Le Chagrin et la Pitié (deutsch: Das Haus nebenan- Chronik einer französischen Stadt im Krieg) von 1969, der  „das Bild vom im Widerstand geeinten Frankreich zum Wanken brachte“ und der Anlass einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung in Frankreich wurde.[9]  Kern des Films sind Interviews, die Ophüls und seine beiden Mitarbeiter André Harris und Alain de Sédouy mit Zeitzeugen geführt haben, so dass ein Bild des täglichen Lebens in der Stadt Clermont-Ferrand im nicht besetzten „freien“ Teil Frankreichs unter der Herrschaft der Regierung von Vichy entsteht. Die Zeitzeugen sind –neben einigen prominenten Angehörigen des Widerstands- überwiegend durchschnittliche Franzosen.

Das Gesamtbild, das sich aus dem über vierstündigen Film ergibt, war höchst provokativ:

  • Das Frankreich von Vichy besaß danach –jedenfalls bis zur Besetzung der „freien Zone“ durch deutsche Truppen im November 1942, einen beträchtlichen Handlungsspielraum. Und die Gesetze, Handlungen und Pläne des Vichy-Regimes gehorchten zwar zu einem Teil den Umständen von Niederlage und Besatzung, zu einem wesentlichen Teil aber auch einer inneren Logik, die von der politischen und ideologischen Geschichte Frankreichs bestimmt war.
  • Es gab einen eigenständigen französischen Antisemitismus, der vom staatlichen Antisemitismus des Vichy-Regimes favorisiert wurde, aber unabhängig war von dem Antisemitismus der Nazis.
  • Die Kollaborateure waren nicht unbedingt auf eigene Vorteile bedachte Verräter, sondern es gab auch Überzeugungstäter, die sich ohne Rücksicht auf die eigene Person auf Seiten der Nazis engagierten.

Der Film löste einen Skandal aus und provozierte heftige Kritik von allen Seiten, von der Linken (Jean Paul Sartre)  über die Liberalen (Simone Veil) bis zu den Rechten (die Gaullisten), die alle fanden, dass die Rolle der eigenen Gesinnungsgenossen in den dunklen Jahren Frankreichs nicht richtig oder nicht hinreichend gewürdigt worden sei. Aber natürlich wollten und konnten die Autoren nicht DEN Film über die Zeit der Besatzung machen, sondern sie haben besonders –im Geiste von 1968- solche Aspekte ins Scheinwerferlicht gerückt, die bisher eher unterbelichtet oder gar ausgeblendet waren.[12]

Das gab und gibt dem Film bis heute seinen großen Wert. Die Filmemacher allerdings mussten die staatliche französische Fernsehgesellschaft ORTF, die den Film in Auftrag gegeben hatte, verlassen, und der Film wurde  1969 –ausgerechnet!-  in Deutschland, fertig gestellt, wo Ophüls nun arbeitete.  In Frankreich war der Film allerdings tabu. Simone Veil, Ministerin unter de Gaulle und –inzwischen pantheonisierte- Angehörige des Widertands,  fand, der Film zeige das unzutreffende Bild eines feigen, egoistischen und bösen Frankreichs und Jacques de Bresson, damals Chef des ORTF und auch ein prominenter Angehöriger des Widerstands, war der Auffassung, der Film zerstöre Mythen, „die die Franzosen noch brauchen“.[13] So durfte der Film erst 1981 offiziell ausgestrahlt werden, am 28./29. Oktober in FR 3 vor 15 Millionen Zuschauern.

Inzwischen hatte aber schon der amerikanische Historiker  Robert O. Paxton  zum ersten Mal die Rolle des Collaborations-Regimes von Vichy wissenschaftlich fundiert dargestellt. Sein Buch Vichy France, Old Guard and New Order, 1940-1944  erschien 1972 in den USA, ein Jahr später in französischer Übersetzung.  Paxtons Bilanz der illusionären Collaboration von Vichy ist vernichtend.[12] Vor allem hebt Paxton den Antisemitismus von Vichy hervor, den er als dessen größte Schande bezeichnet. Ohne den geringsten Druck Nazi- Deutschlands habe Vichy mit seinen Gesetzen  vom 3. und 4. Oktober 1940 den Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Leben verfügt (le statut des Juifs) und die Internierung ausländischer Juden ermöglicht. Vichy habe zwar  mit seiner selbst gewollten Diskriminierung von Juden nicht auch den Völkermord beabsichtigt, aber es habe  in Frankreich Voraussetzungen für die Organisation der „Endlösung“ geschaffen.[15]

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  Plakette am ehemaligen Sitz des „Generalkommissariats für Judenfragen“,  dem „Werkzeug der antisemitischen Politik des Etat français von Vichy“.

Das Generalkommissariat befand sich am Platz der Petit-Pères im 2. Arrondissement im Gebäude einer „arisierten“ jüdischen Bank.

Eine ganz entscheidende Rolle bei der französischen „Aufarbeitung der Vergangenheit“ spielten die hartnäckigen und unermüdlichen Bemühungen von Serge und Beate Klarsfeld, deutsche Kriegsverbrecher und ihre französischen Handlanger vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Ein Meilenstein, ja Wendepunkt war dabei der Prozess gegen Klaus Barbie, alias Klaus Altmann, den „Schlächter von Lyon“,  im Juli 1987.[14] Dazu kamen dann Anklagen und  auch Prozesse gegen französische Helfershelfer, die nach dem Krieg entweder mit freundlicher Unterstützung westlicher Geheimdienste oder der katholischen Kirche untergetaucht oder bei Gaullisten oder Sozialisten weiter Karriere gemacht hatten. Ein Beispiel dafür ist  Maurice Papon.  Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944  zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur  Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im brutalen Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als  Polizeichef von Paris, wo  er Demonstrationen für die Unabhängigkeit Algeriens blutig niederschlug.  Zwischen 1978 und 1981 war er sogar noch Minister in zwei Regierungen. Dann deckte die Zeitung Le Canard Enchaîné seine in Vergessenheit geratene Vergangenheit als williger Helfershelfer der „Endlösung“ auf. Aber erst 1998 wurde er zu 10 Jahren Gefängnis  verurteilt,  von denen er aber nur 3 Jahre absitzen musste. Aber dennoch: Der pädagogische Zweck, den die Klarsfelds mit ihrem Engagement auch verfolgten, war erreicht, vergleicht man, wie Serge Klarsfeld in seinen Memoiren,  die Situation Mitte und Ende des Jahrhunderts:

„Im Oktober 1944 hielt Papon bei der Befreiung von Bordeaux eine Rede, in der er die Patrioten und die deportierten Juden ehrte. Und die französische Gesellschaft war der Meinung, dass die Franzosen, die die Juden verhaftet und den Deutschen ausgeliefert hatten, sich nichts vorzuwerfen hätten: Sie hätten nur ihre Pflicht getan, und es sei besser gewesen, dass sie es gemacht hätten als die Deutschen. 1998 hat das französische Volk entschieden, dass sich  der  französische Staatsapparats von Vichy  zum wichtigen und unabdingbaren Komplizen der Deutschen bei ihrem Plan zur Vernichtung der Juden gemacht hatte.“ [17]

Die Anerkennung der französischen (Mit-)Verantwortung

Es war der damalige Präsident Jacques Chirac, der 1995  offiziell die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannte, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen-  Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das  Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“.[18]), aber gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe.  Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden,  eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime  nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in London ansässige Exil-Regierung  des „Freien Frankreichs“ des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des  50. Jahrestags der Deportationen, hatte er in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“[19]

Chirac hielt seine Rede anlässlich des  53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris von der französischen Gendarmerie  fast 13 000  ausländische oder staatenlose Juden, darunter viele Frauen und etwa 4000 Kinder, verhaftet, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten.  Sie wurden tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht, einer ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager .[20]

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Jacques Chirac am Mahnmal für die Opfer der Judendeportationen am 16. Juli 1995

Es dauerte dann bis 2012, bis wieder ein französischer Präsident, nämlich François  Hollande, am Ort des ehemaligen Wintervelodroms eine Rede hielt. Hollande bezog sich direkt auf die Rede Chiracs von 1995 und wiederholte dessen Worte:  „La vérité, c’est que le crime fut commis en France, par la France.“. Und wahr sei auch, dass kein einziger deutscher Soldat beteiligt gewesen sei, sondern dass auf der Grundlage der von der Vichy-Regierung erstellten Listen allein die französische Gendarmerie die Razzia durchgeführt und die verhafteten Juden bis zu den Internierungslagern transportiert habe.[21]

War 70 Jahre nach den damaligen Ereignissen eine „mémoire apaisée“ erwartet worden, so zeigten die Reaktionen auf die Rede Hollandes, dass die Erinnerung an die Rolle Frankreichs bei den Judendeportationen immer noch höchst umstritten war. Henri Guaino, der gaullistische Redenschreiber (plume) Sarkozys, zeigte sich, wie andere Stimmen aus dem rechten Lager, „scandalisé“:  Frankreich habe mit den damaligen Verbrechen nichts zu tun, das wahre Frankreich sei seit dem 18. Juni 1940, der Widerstandsrede de Gaulles, in London gewesen. Aber auch auf Seiten der Linken wurde –in der Tradition Mitterands- jede Verantwortung  Frankreichs geleugnet: Man könne doch nicht so tun, so der sozialistische Senator Chevenement, als sei der 1940 nach der Kapitulation (angeblich) illegal an die Macht gekommene Pétain Frankreich gewesen. Das veranlasste dann den Historiker Henri Rousso, einen Spezialisten des Vichy-Regimes, zu einer Klarstellung: Man müsse zwischen den Werten und den Fakten unterscheiden: Natürlich repräsentiere Vichy nicht, wie Chirac und Hollande ja auch feststellten,  die Werte Frankreichs, aber Vichy habe durchaus eine auch international anerkannte Legitimität besessen. Insofern verstehe er die Kritik an der Rede Hollandes nicht.[22]

2017 war es dann Präsident Macron, der sich am Mahnmal des Vel d’Hiv zur Verantwortung Frankreichs für die Deportationen bekannte. „Ja, ich wiederhole es hier, es war tatsächlich Frankreich, das die Razzia und danach die Deportation organisierte“- und damit auch den Tod  fast aller am 16./17. Juli  1942 aus ihren Wohnungen geholten 13 152 Juden. Aber auch jetzt wieder erhob sich der übliche Entrüstungssturm:  von Jean-Luc Melenchon und Jacques Sapir, für den die Rede Macrons „ein Skandal“ war, auf der Linken –  bis Marine le Pen auf der Rechten, die sich treuherzig auf de Gaulle, Mitterand und Guaino berief. [23]

Von einer gemeinsamen nationalen Erinnerungskultur kann in Frankreich also immer noch keine Rede sein:  (24) Umso wichtiger die sehr eindringliche, aber nicht aufdringliche Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit im öffentlichen Raum der Stadt Paris.

Anmerkungen

[1] Eine (keineswegs vollständige)  Übersicht in: http://www.fondationshoah.org/memoire/journee-internationale-la-memoire-des-victimes-de-la-shoah-2020

[2]https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/histoire/meconnaissance-de-la-shoah-chez-les-jeunes-ce-qui-a-considerablement-baisse-c-est-la-transmission-familiale_3109749.html

Siehe auch: https://www.lefigaro.fr/actualite-france/shoah-une-majorite-de-francais-ignorent-le-nombre-de-juifs-tues-20200122

Im Zusammenhang mit dem schrecklichen Mord an dem Lehrer Samuel Paty wurde auch wiederholt auf Probleme hingewiesen, die manche Lehrkräfte an „Brennpunktschulen“ bei der Behandlung der Judenvernichtung im Unterricht haben.

[3]  https://paris-blog.org/2020/01/27/pariser-erinnerungsorte-an-den-holocaust-der-friedhof-pere-lachaise/

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939-1945:  https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

[5] AMEJD 11e  www.amejd11.org  und https://amejd11e.wordpress.com/  Président Félix Jastreb  amejd11e@gmailcom

[6] Siehe  https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

[7] Patrick Modiano, Dora Bruder. München dtv 2014, S. 110/111. Louise Jacobson besuchte allerdings nicht -wie Modiano- das von ihrem Wohnort weit entfernte  Elitegymnasium Henri IV, sondern das lycée Hélène Boucher am Cours de Vincennes, an dem ich immer vorbeifahre, wenn wir im benachbarten Gymnasium Maurice Ravel Chorprobe haben.

[8] Lettres de Louise Jacobson et de ses proches: Fresnes, Drancy 1942-1943. Paris: Éditions Robert Laffont 1997. Die Briefe sind auch zugänglich bei Gallica: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k48087315/f13.image.texteImage

[9] Siehe in diesem Zusammenhang die Hinweise auf den Umgang mit dem Pariser Pétain-freundlichen Kardinal  Suhard  im Blog-Beitrag über Notre- Dame https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/   und auf  die Nachkriegskarriere des an der Judenvernichtung mitwirkenden Maurice Papon im Blog-Beitrag über die KZ-Denkmäler auf dem Père Lachaise: https://paris-blog.org/2020/01/27/pariser-erinnerungsorte-an-den-holocaust-der-friedhof-pere-lachaise/

Zur wechselhaften Petain-Rezeption und einer entsprechenden Apologetik siehe den Beitrag von Jörn Leonhard:  Mythisierung und Mnesie: Das Bild Philippe Pelains im Wandel der politisch-historischen Kultur Frankreichs seit 1945. In: Georg Christoph Berger Waldegg (Hrsg.): Führer der extremen Rechten: Das schwierige Verhältnis der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu „Grossen Männern“ der eigenen Vergangenheit. Zürich: Chronos, 2006, S. 109-129. Sonderdruck aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:

[10] Noch im  2010 gab es übrigens einen Vorfall, der an den Umgang mit „Nacht und Nebel“ erinnert. Da sollte an dem Journée nationale du souvenir et de la déportation  die Zeitzeugin Ida Grinspan, mit 14 Jahren nach Auschwitz deportiert, in einem Collège am Rande von Paris aus ihren als Buch erschienenen Erinnerungen vorlesen. Darin ist auch ein Brief enthalten, in dem sie ihre Verhaftung durch drei französische Polizisten beschreibt. Die Stadtverwaltung , die von dem Vorhaben erfahren hatte, forderte zunächst in Gestalt eines Beigeordneten –und ehemaligen Polizisten- , dass Grinspan nicht von „Gendarmen“ sprechen sollte, weil das “trop stigmatisante pour une profession“ sei, also zu stigmatisierend für einen Berufsstand. Statt dessen solle sie von „Männern“ sprechen. Dem Bürgermeister reichte das aber nicht, sondern er widersetzte sich insgesamt der Lektüre des Textes. Dass die betroffene, engagierte Lehrerin dies nicht einfach hinnahm und die Angelegenheit ein entsprechendes öffentliches Echo auslöste, veranlasste den Bürgermeister dann doch, seine Zensur fallen zu lassen und sich bei Ida Grinspan zu entschuldigen.   https://www.lemonde.fr/societe/article/2010/04/29/la-lettre-d-une-deportee-censuree-dans-les-deux-sevres_1344650_3224.html

[11] https://www.arte-edition.de/item/4009.html  Zu der Auseinandersetzung um den Film in Frankreich siehe die sehr fundierte Darstellung von Henry Rousso in: Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1987, Abschnitt: Impitoyable Chagrin (So die Typographie in der Ausgabe), S. 121ff

[12] Insofern ist das Lob in der nachfolgenden Filmkritik berechtigt, die nachfolgende Kritik allerdings nicht:  Le film tire sa force du fait même qu’il rappelle l’importance de la collaboration – révélant ainsi que la France était loin à cette époque d’être unanimement gaulliste – mais sa faiblesse tient à la façon qu’il a de présenter la collaboration comme le résultat d’attitudes purement individuelles. Le film souffre de cette propension, inhérente à la plupart des émissions historiques télévisées, à n’étayer un fait historique que sur des témoignages individuels en excluant toute approche d’ensemble des données d’un phénomène historique telle que l’étude des structures sociales, des institutions politiques ou des mentalités.  (Le Cinéma français.1960-1985 sous la direction de Philippe de Comes et Michel Marmin avec la collaboration de Jean Arnoulx et Guy Braucourt. Paris: Editions Atlas, 1985. 76-77.)

[13] Zit. bei Rousso, S. 131

Siehe auch Azéma, Jean-Pierre, Wieviorka Olivier. Vichy 1940-1944. Librairie Académique Perrin, 1997. S. 262:  Les réactions les plus hostiles provenaient de celles et de ceux qui avaient vécu la période: les nostalgiques du pétainisme sans doute, mais également nombre de résistants non communistes qui ne se retrouvaient pas dans l’économie générale du film, ou de personnalités engagées dans les batailles de mémoire. Ainsi Simone Veil s’en montre une adversaire tenace, parce que Ophuls a, selon elle, ‚montré une France lâche, égoïste, méchante, et noirci terriblement la situation‘

[14] Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Éditions du Seuil 1973

[15] Paxton a.a.O., S. 171f

[16] Siehe Henry Rousso a.a.O, S. 229f und besonders S.242  Zu der Jagd auf Klaus Barbie siehe natürlich auch die Memoiren von Beate und Serge Klarsfeld, Paris: Fayard/Flammarion 2015

[17] Beate und Serge Klarsfeld, Mémoires. Paris: Fayard/Flammarion 2015, S. 576 und 596

[18]  Wortlaut der Rede: https://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2014/03/27/25001-20140327ARTFIG00092-le-discours-de-jacques-chirac-au-vel-d-hiv-en-1995.php

Bilddokument: https://www.youtube.com/watch?v=uzyW53KsZF4

[19]https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article108367331/Ein-Verbrechen-in-und-von-Frankreich.html

[20] Bild: https://www.lemonde.fr/disparitions/portfolio/2019/09/26/les-quarante-ans-de-vie-politique-de-jacques-chirac-en-images_6013158_3382.html Bild Jack Guez/AFP

[21] https://www.franceculture.fr/politique/vel-dhiv-francois-hollande-va-plus-loin-que-jacques-chirac-et-cree-une-nouvelle-polemique

[22]  https://www.lemonde.fr/societe/article/2012/07/16/rafle-du-vel-d-hiv-70-ans-apres-la-memoire-apaisee_1734132_3224.html

http://www.lemonde.fr/politique/article/2012/07/23/rafle-du-vel-d-hiv-guaino-scandalise-par-la-declaration-de-hollande_1736970_823448.html  Siehe auch: https://www.marianne.net/politique/vel-d-hiv-hollande-n-pas-clos-la-controverse

[23] http://www.lefigaro.fr/politique/2017/07/16/01002-20170716ARTFIG00136-vel-d-hiv-macron-dans-les-pas-de-chirac.php

https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/histoire/commemoration-du-vel-d-hiv-emmanuel-macron-prononce-un-discours-solennel-devant-benyamin-netanyahou_2285604.html

2019 – Bir Hakeim, le Vel’ d’Hiv’ et Emmanuel Macron

https://www.lejdd.fr/Politique/le-discours-de-macron-au-vel-dhiv-critique-par-melenchon-et-lextreme-droite-3391313

(24)  In Deutschland gibt es diesen Konsens leider auch nicht (mehr): Siehe die berüchtigte „Fliegenschiss“-Metapher  des AfD-Vorsitzenden Gauland oder die einschlägigen Beiträge des thüringischen AfD-Vorsitzenden Höcke.

Weitere geplante Beiträge: 

Seraphine Louis und Wilhelm Uhde: Die wunderbare und tragische Geschichte einer französischen Malerin und ihres deutschen Mäzens

Gravelotte: Ein einzigartiger Erinnerungsort an den deusch-französischen Krieg 1870/1871

Die Bäderstadt Vichy:  Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“

 

Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!
  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019
  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.
  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)
  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

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  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  
  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.
  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.
  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019
  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.
  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 
  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.
  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.
  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII
  • Gilbert Merlio, Autor des Buches  Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003, in dem auch „der Versuch einer deutschen Volksfront“ thematisiert wird.

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.
  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.
  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.
  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

PS. Juni 2020: Nachruf auf eine verpasste Chance

Im Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung  vom Juni 2020 hat Ursula Langkau-Alex einen „Nachruf auf eine verpasste Chance“ über das gescheiterte Lutetia- Projekt veröffentlicht. Frau Langkau-Alex ist Autorin des  Standardwerks über die deutsche Volksfront und gehört zu den Unterstützern des Gedenktafel-Projekts.

http://www.exilforschung.de/_dateien/neuer-nachrichtenbrief/NNB55.pdf  (S. 4-7)

In dem Beitrag werden die Bemühungen zur Gründung einer deutschen Volksfront gewürdigt,  und es wird herausgestellt, wie bedauerlich es gerade in einer Phase zunehmenden Rassismus und Antisemitismus ist, dass die Anbringung der vorgeschlagenen Gedenktafel von den Verantwortlichen des Hotels abgelehnt wurde.

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/