We could be heroes: Eine Installation von Raphaël Barontini zur Sklaverei im Pantheon (Oktober 2023 – Februar 2024)

Am 10. Mai 2001 wurden in Frankreich durch das „loi Taubira“ ausdrücklich und im Blick auf die eigene Geschichte Sklavenhandel und Sklaverei zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Gleichwohl hat sich auch danach Frankreich schwer getan -und tut sich zum Teil noch bis heute schwer- mit diesem düsteren Kapitel seiner Vergangenheit angemessen umzugehen. Siehe dazu den entsprechenden Blog-Text aus dem Jahr 2017:

Das Pantheon hat sich nun zwischen Oktober 2023 und Februar 2024  auf zweifache und ganz unterschiedliche Weise des Themas angenommen. In der Krypta wurde in einer Ausstellung über „Figuren des Kampfs gegen die Sklaverei“ informiert.  

Darüber, in dem riesigen kreuzförmigen Raum des Pantheons mit seiner gewaltigen Kuppel, gab es eine monumentale künstlerische Installation zur Sklaverei bzw. den Kämpfen um ihre Abschaffung. Im Rahmen des Programms „un artiste/un monument“ hatte das Centre des Monuments Nationaux, Hausherr des Pantheons, dem Künstler Raphaël Barontini  dazu freie Hand (carte blanche) gegeben, die dieser auch auf eindrucksvolle Art und Weise nutzte. Diese Installation ist Gegenstand des nachfolgenden Beitrags.  

Der Auftrag an Raphaël Barontini kam nicht von ungefähr. Das Pantheon rühmt sich ja, Persönlichkeiten zu ehren, die sich für die Abschaffung der Sklaverei engagierten und nennt als Belege den Theoretiker Condorcet, der in seinen  Réflexions sur l’esclavage des nègres von 1781  die Sklaverei als ein Verbrechen verurteilte, den Politiker Victor Schoelcher, der 1848 in der Nationalversammlung das Gesetz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien durchsetzte, und den Kämpfer Toussaint Louverture, den Helden der haitischen Revolution.

Für den 1984 in Saint-Denis bei Paris geborenen und dort lebenden Raphaël Barontini sind Kolonialismus und Skaverei zentrale Themen seiner künstlerischen Arbeit. Der Titel der Installation im Pantheon We could be heroes weist darauf hin, dass es hier um eher unbekannte Helden geht, gewissermaßen um ein „Panthéon imaginaire“ des Kampfes gegen die Sklaverei.  Immerhin ist zwei von denen, die Barontini vorstellt,  die Ehre zuteil geworden, zu den „grands hommes“ des Pantheons zu gehören, allerdings lediglich durch an die Wand angebrachte Erinnerungstafeln: Toussaint Louverture und Louis Delgrès.[1]

Die Portraits

Die eher unbekannten Personen der Installation sind nicht diejenigen des Mutterlandes, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, sondern es sind Menschen der Kolonien, aus Afrika Deportierte oder schon auf kolonialen Plantagen Geborene, die gegen die von ihnen selbst erlittene Versklavung von Menschen gekämpft, für diesen Kampf ihr Leben eingesetzt und oft auch geopfert haben.

Dazu Barontini:

Ich habe mich dafür entschieden, eine Kosmologie von historischen Figuren zu porträtieren, die als Kollektiv oder Einzelpersonen gegen die Sklaverei in den Antillen und dem Indischen Ozean gekämpft haben. Auch wenn einige dort gefeiert werden, ist mir das Fehlen von Portraits und deren Notwendigkeit deutlich geworden. Ich habe mich also daran gemacht, neue Bildnisse zu schaffen, stolze und starke Figuren, die ein Echo auf ihre Kämpfe und ihre Geschichten darstellen.

Das Fehlen der Bilder ist für Barontini ein „Fehler der Geschichte“, den er mit seinen Arbeiten zu korrigieren versucht. [2]

Jean-Baptiste Belley,  Raphaël Barontini  und Cécile Fatiman im Pantheon   ©Quentin Menu

Hier posiert Barontini vor den Bannern mit den Portraits von Jean-Baptiste Belley und Cécile  Fatiman. Belley gehört allerdings zu den eher bekannteren Personen aus den Kolonien, die gegen die Sklaverei kämpften. 1746 oder 47 wurde er im Senegal geboren und als 2-jähriges Kind auf einem Sklavenschiff nach Saint-Domingue, den von Frankreich beherrschten westlichen Teil der Insel Hispaniola,  deportiert. 1791 kämpfte er dort gegen die Bourbonen und wurde, nachdem die besiegt waren,  1793 erster schwarzer Abgeordneter des Nationalkonvents, das am 3. Februar 1794 die Sklaverei in den französischen Kolonien abschaffte. Es gibt ein Portrait des „schwarzen Jacobiners“ Belley, gemalt 1797 von Anne Louis Girodet-Trioson.[3]

Belley stützt sich hier auf einen Sockel mit der Büste des Priesters Guillaume Raynal, der durch seine drastischen Schilderungen der Situation der Sklaven in Amerika die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei wesentlich befördert hatte.[4] Barontini hat aus diesem Bild die Haltung Belleys übernommen und auch sein weißes Halstuch, ansonsten ist es aber eine sehr freie, phantasievolle Darstellung, die auch für die anderen Portraits der Ausstellung charakteristisch ist.

Cécile Fatiman, deren Portrait neben Belley aufgestellt ist, war eine Mamo, eine haitianische Voodoo-Priesterin. Sie leitete 1791, zusammen mit dem anschließend zu sehenden, Dutty Boukman die Voodoo-Zeremonie in Bois Caïman,  den Beginn des Sklavenaufstands der haitianischen Revolution. Ihr Gewand und die Spitzen waren typisch für die Priesterinnen, deren Aufgabe es war, den Willen der Geister zu erkennen und mitzuteilen. Auf dem oberen Teil ihres Kopfes trägt sie einen Teil eines Fetisches aus Benin, der Wiege des Voodoo-Kults.

               Sanité Belair und Dutty Boukman

Sanité Belair wurde um 1781 in Saint-Domingue geboren.  Sie kämpfte 1802 -zusammen mit ihrem Mann- als Offizier gegen die von Napoleon entsandten Truppen des Generals Leclerc, der wieder die Kontrolle über das von Toussaint Louverture beherrschte Haiti wiedergewinnen sollte. Sanité Belair wurde in den Kämpfen gefangengenommen und exekutiert. Sie erreichte allerdings, dass sie wie ihr Mann und die anderen männlichen Gefangenen wie ein Soldat erschossen und nicht -wie sonst bei Frauen üblich- enthauptet wurde.

     Bank von Haïti, Geldschein 10 Gourdes (Bildausschnitt)[5]

Zum zweihundertjährigen Jubiläum der haitianischen Revolution und Unabhängigkeit wurde 2004 ein Geldschein mit ihrem Portrait herausgegeben.

Auffällig an den Portraits Barontinis ist deren phantasievolle Präsentation mit bunten Tüchern, Spitzen und Federn, ausgefallenen Kleidungsstücken und teilweise geradezu bizarrem Kopfschmuck. Barontini bezieht sich dabei auf eine Tradition, die sich in den Antillen der Kolonialzeit entwickelte: Die Sklaven versammelten sich von Zeit zu Zeit, zunächst getrennt nach ihrer Herkunft in nations (kreolisch: nasyon), um sich gegenseitig zu unterstützen, aber auch um sich ihrer Identität zu vergewissern. Die nations gaben sich auch gesellschaftliche Strukturen mit Königen und Königinnen, Ehrendamen, Knappen, Fahnenträgern etc. Gekleidet waren sie mit phantastischen Kostümen, in denen sie u.a. gerne Attribute der Kolonialmächte verwendeten. Sie nahmen damit auch an den von den Plantagenbesitzern zu Karneval veranstalteten Umzügen teil. Die Sklavenhalter duldeten diese Veranstaltungen, weil sie ihrer Meinung nach dazu dienten, die Sklaven ruhigzustellen.[6]  

Die Zusammenkünfte der Sklaven konnten aber auch eine religiöse und politische Dimension haben: Der oben rechts abgebildete Voodoo-Priester Dutty Boukman leitete in der Nacht vom 14. auf den 15. August 1791 zusammen mit Cécile Fatiman die Zeremonie vom Bois-Caîman. Diese Versammlung von Sklaven aus dem Norden von Saint-Domingue bereitete die Revolution von 1794 vor, die schließlich zur Unabhängigkeit von Haïti im Jahr 1804 führte.  

Auch danach wurde die Tradition der Versammlungen fortgeführt und sie lebt bis heute im Karneval der Antillen fort. Der ist für Barontini nicht nur ein festliches Ereignis, sondern eine Form des politischen Widerstands, ein Ausdruck der kollektiven Identität und einer traditionellen Kultur, die auch noch in den Zeiten der Globalisierung lebendig ist. [7]

Auch die aus Dahomey stammende Abdaraya Toya (Mitte des 18. Jahrhunderts 1805), die als Sklavin nach Saint-Domingue deportiert wurde, beteiligte sich am Kampf um die haïtianische Unabhängigkeit. Sie kämpfte unter dem Namen Victoria Montou an der Seite des von Jean-Jacques Dessalines, des zukünftigen Kaisers von Haïti. Dieser Kriegsname veranlasste Raphaël Barontini ganz offensichtlich zu Anlehnungen an die berühmte Statue der Nike von Samothrake, der griechischen Siegesgöttin,  im Louvre.

Foto: Rotraut Grün-Wenkel

Die Flügel der Siegesgöttin hat Barontini frei/haïtianisch umgestaltet, den Torso direkt von der Louvre-Nike übernommen…

Der letzte von Barontini vorgestellte Freiheitskämpfer ist Louis Delgrès. Er hatte als Offizier in der republikanischen Armee Frankreichs gedient und führte 1802 in Guadeloupe die Revolte gegen die von Napoleon Bonaparte dekretierte Wiedereinführung der Sklaverei an. Als die Truppen des Generals Richepanse anrückten, wurde seine von den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution geprägte Proklamation  „à l’univers entier“ in Guadeloupe verbreitet:

„Der letzte Schrei der Unschuld und der Verzweiflung. In den schönsten Tagen eines Jahrhunderts, das für immer durch den Triumph der Aufklärung und der Philosophie berühmt sein wird, sieht sich eine Klasse von Unglücklichen, die man vernichten will, gezwungen, ihre Stimme zu erheben, um, wenn sie verschwunden ist, der Nachwelt  ihre Unschuld und ihr Unglück kundzutun.“[8]

Angesichts der feindlichen Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend ihrer revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“  (vivre libre ou mourir)  am 28. Mai 1802 in die Luft.

In Paris ist eine wenig attraktive Straße -man ist fast geneigt zu sagen: pflichtschuldig- nach ihm benannt – ein eher peinlicher Umgang mit „einer der hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Republik“.[9]

Die erläuternden Worte zu Delgrès auf dem Straßenschild lauten: „Von den Antillen abstammender französischer Offizier, gestorben für die Abschaffung der Sklaverei.“ Das ist nicht ganz korrekt, denn Delgrès starb ja nicht im Kampf für die Abschaffung der Sklaverei, sondern im Kampf gegen ihre Wiedereinführung durch Napoleon. Aber vielleicht erschien das zu komplex für ein Straßenschild, vielleicht wollte man aber auch die Erinnerung an den Nationalhelden Napoleon nicht trüben…

Zur Geschichte der Sklaverei

Neben der Portrait-Galerie gehören zu der Ausstellung auch große textile Installationen im Querschiff des Pantheons. Thema im nördlichen Querschiff sind der Sklavenhandel und die Sklaverei.

Hier eines der Sklavenschiffe, in deren Rumpf eingepfercht die in Afrika zusammengetriebenen Menschen nach Amerika transportiert wurden.

Die Überlebenden wurden dann an Plantagenbesitzer verkauft. In den französischen Kolonien der Antillen waren das vor allem Zuckerplantagen.

Auf der Installation Barontinis wird das veranschaulicht durch die Domaine Murat, eine der ältesten Zuckerplantagen von Guadeloupe und seit 1839 die bedeutendste Zuckerfabrik der Kolonie.

Über 300 Sklaven waren dort beschäftigt, symbmolisiert bei Barontini durch die eisernen Fesseln. [10]

Darunter eine der sechs Vitrinen, die Anselm Kiefers anlässlich der Pantheonisierung von Maurice Genevoix 2021 auf Einladung von Präsident Macron für das Pantheon gestaltete. Geehrt werden in der abgebildeten Vitrine die oft namenlosen Opfer des Ersten Weltkriegs: celles de 14 und ceux de 14. Ich denke, dass das gut passt zu den vielen namenlosen Opfern der Sklaverei. (Ein Beitrag über Kiefers Arbeiten im Pantheon steht auf dem Programm dieses Blogs.)

An die namenlosen Opfer der Sklaverei  erinnert Barontini durch das eindrucksvolle Bild des herabstürzenden Sklaven: Le Gouffre/Der Abgrund

Barontini hat hier die Studie des Joseph le Maure von Théodore Chasseriau aus dem Jahr 1838 übernommen.[11] Joseph war im 19. Jahrhundert ein berühmtes und gesuchtes Modell der Pariser Malerateliers.

Auch für Théodore Géricault hat er Modell gestanden.

Auf dessen berühmtem Gemälde Das Floß der Medusa (Louvre) soll er gleich für drei der Schiffbrüchigen als Modell gedient haben – unter anderem für den verzweifelt mit einem roten Tuch nach dem rettenden Schiff Winkenden.[12]  Bei Barontini stürzt Joseph -sinnbildlich für alle versklavten Menschen- in einen Abgrund…

Aber die Sklaven haben ihr Schicksal ja nicht nur erduldet. Es gab auch viele Kämpfer und Kämpfe gegen die Sklaverei. Darum geht es auf der südlichen Seite des Querschiffs; ganz konkret um die Schlacht von Vertières am 18. November 1803, eine eher vergessene/verdrängte Niederlage napoleonischer Truppen.[13]

In dieser Schlacht kämpften die aufständischen Haïtianer gegen die napoleonischen Truppen, die entsandt worden waren, um die französische Herrschaft über die Insel von Santo Domingo wiederherzustellen und die Wiedereinführung der Sklaverei durchzusetzen. Kommandeur der französischen Truppen war der General Rochambeau, verschanzt im Fort von Vertières – oben rechts abgebildet.  

Die Truppen der Aufständischen wurden angeführt von General Jean-Jacques General Dessalines (hier links im Bild). Der war als Sklave geboren worden, hatte als freier Mann in der republikanischen französischen Armee Karriere gemacht, sich aber nach der Wiedereinführung der Skaverei den Aufständischen angeschlossen. Die Schlacht endete mit einem Sieg der Freiheitskämpfer. Rochambeau musste kapitulieren und kehrte mit dem Rest seiner Truppen nach Frankreich zurück. So konnte Haîti am 1. Januar 1804 seine Unabhängigkeit als erste schwarze Republik proklamieren. Es ist die einzige französische Kolonie der Karibik, die ihre Unabhängigkeit mit den Waffen errungen hat.

Bei dem Reiter neben Dessalines handelt es sich sicherlich um François Capois, auch Capois-la-Mort genannt, der sich in der Schlacht von Vertières besonders auszeichnete. Mehrere Male versuchte er vergeblich, das Fort zu erstürmen, in dem sich Rochambeau mit seinen Truppen verschanzt hatte. Beim vierten Sturm wurde Chapois‘ Pferd von einer Kanonenkugel getroffen, aber er stürmte mit ‚lauten Vorwärts-Rufen zu Fuß weiter. Dann wurde ihm auch sein mit Federn geschmückter Helm weggeschossen, aber auch das konnte ihn nicht aufhalten. Am nächsten Tag schickte Rochambeau einen seiner Offiziere in das feindliche Hauptquartier mit einem Pferd, das er dem schwarzen Achill als Ausdruck der Bewunderung für seine große Tapferkeit und als Ersatz für das zu seinem großen Bedauern von seinen Truppen getötete Pferd als Geschenk übergab. So wurde Capois zu einem Helden der Schlacht und des haïtischen Freiheitskampfes.[14]

Über der Darstellung der Schlacht hat Barontini zwei weitere Helden des Kampfes gegen Sklaverei herausgestellt, Solitude und Toussaint Louverture.

Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude in Guadeloupe gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

Bei Veranstaltungen und Umzügen am 10. Mai, dem nationalen Erinnerungstag an die Sklaverei (journée nationale des mémoires de l’esclavage[15]), wird aber -wie hier 2016 in Paris- oft an Solitude erinnert.

Toussaint Louverture wird von Barontini hoch zu Ross als siegreicher Feldherr dargestellt. Louverture wurde als Sklave in Saint-Domingue geboren 1801. Nach der (zwischenzeitlichen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1894 schloss er sich an der Spitze einer Armee von 4000 Mann dem revolutionären Frankreich an und kämpfte erfolgreich gegen die Spanier, die Santo-Domingo nicht aufgeben wollten. Louverture wurde so zum unangefochtenen Führer der einheimischen Bevölkerung. 1801 erhielt Saint-Domingue eine Verfassung, die der Insel eine gewisse Autonomie sicherte mit Louverture als Gouverneur auf Lebenszeit. Napoleon beauftragte nun seinen Schwager, den General Leclerc, in Saint-Domingue „die Herrschaft der Schwarzen zu vernichten“ und  die Sklaverei wieder herzustellen.  Louverture, der die Beinamen „Spartacus Noir“ und „der schwarze Napoleon“ erhielt, leistete Widerstand gegen das französische Expeditionskorps. Unter dem Bruch gegebener Zusicherungen und Vereinbarungen wurde er in einen Hinterhalt gelockt, gefangen genommen und nach Frankreich deportiert. Ohne Prozess, beschuldigt des Hochverrats, wurde er in die Festung Joux im Jura verbracht und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Dort starb er 1803, neun Monate vor der Unabhängigkeit Saint-Domingues, das als Haiti erster unabhängiger Staat Lateinamerikas wurde. [16]

Heute würdigt immerhin eine Erinnerungsplakette im Pantheon Toussaint Louverture und erinnert an diese période noire (Barontini) der Geschichte.

Zur Erinnerung an Toussaint Louverture. Kämpfer für die Freiheit und Wegbereiter der Abschaffung der Sklaverei, haïtischer Held, deportiert und gestorben 1803 im Fort Joux

In seiner Verbannung auf Sankt Helena bedauerte Napoleon, der wahrhaftig nicht zur Selbstkritik neigte, seine Entscheidung, ein Expeditionskorps nach Saint-Domingue zu schicken. Das sei sein größter Fehler als Verwalter des Empire gewesen, zu dem Josephine -die ja aus einer Familie von Plantagenbesitzern stammte- ihn veranlasst habe. Statt dessen hätte er mit Louverture verhandeln und ihn zum Vizekönig von Saint-Domingue machen sollen …[17] Ja, wenn…. Vielleicht würde dann nicht nur eine Inschrift im Pantheon an Louverture erinnern, sondern seine sterblichen Überreste würden dort in der Krypta ruhen und vielleicht wäre dann Saint-Domingue heute ein département-d’Outre-mer wie Martinique und Guadeloupe….

Am Ende seines Beitrags in dem Begleitheft zur Ausstellung schreibt Patrick Chamoiseau:

Ich lächle bei dem Gedanken, dass das in seiner eisigen Dunkelheit schlafende alte Pantheon, das zwischen seiner Bestimmung als Tempel der Götter, Kirche und Haus der Toten schwankte, das in seiner Funktion als Feier der nationalen Geschichte andere Geschichten, andere Erinnerungen ausschloss; dass dieses Gebäude einer vertikalen Nation, das in einer exklusiven Logik geschaffen wurde,  … nachdem es in letzter Zeit kleine Öffnungen gegeben hat, die das Unerwartete vorsichtig aufgenommen haben, das Unerwartete ein wenig geehrt haben;  ja, ich mag die Vorstellung, dass dieses Denkmal einer alten Welt dieses Mal mit einem Schlag diese Ovation der Materialien, Kräfte und Formen, der Leinwände, des Leders, der Rhythmen und Farben, diesen künstlerischen ‚Konvoi‘, den Raphael Barontini in ihm auslöst, erfährt.[18]So entstehe im Pantheon eine Verbindung zwischen Jahrhunderten, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, zwischen alter und neuer Welt, es entstehe ein „panthéon vrai de la Relation“.


Anmerkungen

[1]  https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Inscription_Toussaint_Louverture.jpg und https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Inscription_Louis_Delgr%C3%A8s.jpg

[2] https://la1ere.francetvinfo.fr/au-pantheon-une-exposition-pour-propulser-les-figures-meconnues-de-la-lutte-contre-l-esclavage-sur-le-devant-de-l-histoire-1436723.html  Insgesamt gibt es im ersten Teil der Ausstellung 10 Portraits, von denen ich nachfolgend 5 vorstelle.

Zitat: Interview mit Barontini in der Broschüre zur Ausstellung: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023, S. 12

[3] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Depute-jean-baptiste_belley-492-688.jpg Zitat aus dem Flyer zur Pantheon-Ausstellung

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Guillaume_Thomas_Fran%C3%A7ois_Raynal

[5] Bild aus https://www.ma-shops.de/numiscollection/item.php?id=181797

[6] Patrick Chamoiseau, Le Panthéon de la Relation. In: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023. Siehe auch:

Luciani Lanoir L’Etang, Des rassemblements d’esclaves aux confréries noires https://www.erudit.org/fr/revues/bshg/2009-n152-bshg02577/1036866ar.pdf

[7] Humberto Moro im Flyer der Ausstellung

[8] „Le dernier cri de l’innocence et du désespoir. C’est dans les plus beaux jours d’un siècle à jamais célèbre par le triomphe des lumières et de la philosophie, qu’une classe d’infortunés qu’on veut anéantir se voit obligée de lever la voix vers la posteriorité, pour lui faire connaître lorsqu’elle aura disparu, son innoncence et ses malheurs.“  Zit. im Ausstellungs-Flyer.

[9] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/  Zitat einer Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs aus: http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html

[10] Bild aus: https://www.destination-marie-galante.fr/site-habitation-murat.php

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Joseph_%28mod%C3%A8le%29#/media/Fichier:Mus%C3%A9e_Ingres-Bourdelle_-_Etude_d’apr%C3%A8s_le_mod%C3%A8le_Joseph,_1839_-_Th%C3%A9odore_Chasseriau_-_Joconde06070001378.jpg  Siehe dazu: Joseph modèle noir  https://www.youtube.com/watch?v=fj-KvmlGBYI

[12] Bild aus: https://www.deutschlandfunk.de/franzobel-das-floss-der-medusa-die-normalitaet-des-grauens-100.html  (Ausschnitt)

[13] Siehe z.B. https://muse.jhu.edu/article/609570/summary

https://www.jeuneafrique.com/1463437/culture/a-vertieres-les-esclaves-dhaiti-font-capituler-les-troupes-de-napoleon

[14] https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Capois

[15] Siehe dazu z.B.  https://www.vie-publique.fr/questions-reponses/279717-10-mai-journee-nationale-des-memoires-de-lesclavage und https://www.publicsenat.fr/actualites/politique/commemoration-de-labolition-de-lesclavage-pourquoi-la-ceremonie-a-lieu-le-10-mai

[16] Salim Lavrani, Toussaint Louverture, au nom de la dignité. Regard sur la trajectoire du précurseur de l’indépendance d’Haïti. https://journals.openedition.org/etudescaribeennes/20979 Siehe auch: https://www.radiofrance.fr/franceinter/podcasts/le-vif-de-l-histoire/2021-annee-napoleon-et-toussaint-louverture-3453582  und https://chateaudejoux.com/decouvrez-le-chateau/joux-lieu-de-memoire/

[17] https://www.jeuneafrique.com/mag/1049099/culture/haiti-toussaint-louverture-lhomme-et-le-mythe/ 

[18] Patrick Chamoiseau, Le Panthéon de la Relation. In: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023, S. 9/10 (freie Übersetzung von W.J.)

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum Pantheon

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Das Pantheon der Frauen

Der Blog-Beitrag über das Pantheon besteht aus zwei Teilen: in dem einem geht es um die wechselhafte Geschichte des Baus und die großen und weniger großen Männer, die dort von dem dankbaren Vaterland geehrt werden; in dem anderen um die wenigen Frauen, denen die Ehre zu Teil wurde, ins Pantheon aufgenommen zu werden,, und um die möglichen weiteren, die für eine solche Ehrung infrage kommen könnten. Was die Reihenfolge betrifft: Wenn man es schon beklagt, dass Frauen im Pantheon sträflich zu kurz kommen, dann sollen sie auf diesem Blog wenigstens den Vortritt haben. Beginnen wir also mit den Frauen im Pantheon!

Dass das Pantheon ein Frauenproblem hat, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik: In der aktuellen Liste (Stand Anfang 2018) der im Pantheon von Paris bestatteten Personen findet sich folgende Angabe:

 Il y a à ce jour 76 Grands Hommes (72 hommes et 4 femmes) panthéonisés.[1]

Diese Angabe ist nicht nur in geschlechtsspezifischer Hinsicht bezeichnend, sondern auch sprachlich bemerkenswert. Mit den „Grands Hommes“ sind hier nicht nur Männer gemeint, sondern geschlechtsneutral Personen, wie die anschließende Differenzierung zeigt. Das ist politisch korrekt, historisch weniger. Denn als die Nationalversammlung 1791 beschloss, die der heiligen Genovefa geweihte Kirche zu einer Ehrenhalle für die „grands hommes“ umzuwandeln, hatte man dabei an Frauen  keineswegs gedacht.[2]

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Dass einmal Frauen ins Pantheon einziehen könnten, lag auch noch außerhalb der damals vorherrschenden Vorstellungen, als David d’Angers von 1830 – 1837 das Relief im Giebeldreieck des Pantheons schuf. Es gibt dort zwar drei Frauengestalten: In der Mitte stehend die Allegorie Frankreichs, die Lorbeerkränze verteilt, und rechts und links von ihr die Personifizierungen der Freiheit (la Liberté) und der Geschichte, die auf ihrer Tafel die Namen der „grands hommes“  einschreibt, von denen einige auf dem Relief  zu sehen sind– eine Frau ist allerdings nicht dabei.[3]

Fronton_du_Pantheon

Gipsmodell aus dem Museum Angers

Immerhin hat es nach dem Gründungsbeschluss von 1891 noch 116 Jahre, also bis 1907,  gedauert, bis die sterblichen Überreste einer Frau ins Pantheon überführt wurden. Die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wurde, war Sophie Berthelot. Als ich vor einigen Jahren das Pantheon besuchte, wurde sie noch auf einer neben dem Grabmal beigefügten Informationstafel als Scientifique bezeichnet. Allerdings war sie keineswegs Wissenschaftlerin, sondern sie hat die  Pantheonisierung ihrem Mann, dem Chemiker Marcellin Berthelot, zu verdanken, der nun in der Tat ein bedeutender Wissenschaftler war. Die beiden Ehegatten hatten aber darum gebeten, nicht im Tode voneinander getrennt zu werden und diesem Wunsch wurde stattgegeben[4]. Verständlich ist das, wenn man bedenkt,  dass Marcellin Berthelot verstorben ist, kurz nachdem er vom Tod seiner Frau  erfuhr.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (19)

Inzwischen wurden die Tafeln an den Grabmälern durch Bildschirme ersetzt und da wird der wahre Grund für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot genannt. (Auf der Wikipedia-Liste der im Pantheon bestatteten Menschen wird sie allerdings weiterhin als „scientifique“ geführt.[5])

Marie Curie im Pantheon

Dass allerdings Sophie Berthelot nicht wirklich „zählte“, wurde aus dem ebenfalls inzwischen geänderten Begleittext zum Grabmal von Marie Curie deutlich. Dort stand noch Anfang der 1990-er Jahre,  sie sei auf Antrag des Präsidenten François Mitterrand am 20. April 1995 als erste Frau unter die „grands hommes du Panthéon“ aufgenommen worden.[6] Das stimmte und stimmt so natürlich nicht, so dass das auf dem modernen Bildschirm nicht mehr zu lesen ist. Aber es  stimmt, dass es sage und schreibe 204 Jahre gedauert hat,  bis eine Frau aufgrund ihrer eigenen Verdienste ins Pantheon aufgenommen wurde: Und dafür musste man dann offenbar schon doppelte Nobelpreisträgerin sein![7]

Marie Curie braucht man hier nicht vorzustellen. Sie ist bekannt und wird –wie auch Chopin- von Frankreich und auch von Polen geehrt, wie das Blumengesteck auf ihrem Sarkophag im Pantheon zeigt.

Pantheon Curie Juli 2010 034

Durch eine von November 2017 bis März 2018 im Pantheon gezeigte Ausstellung über Marie Curie –Anlass war ihr 150. Geburtstag- habe ich allerdings Interessantes und für mich Neues über ihre Persönlichkeit, ihre Arbeit und ihr Engagement erfahren.

DSC01804 Marie Curie Ausst. pantheon (1)

So meldete sie trotz vieler wegweisender Entdeckungen kein einziges Patent an. Sie war nämlich davon überzeugt, dass die Fortschritte der Wissenschaft ungehindert der ganzen Menschheit zu Gute kommen sollten. Und in den 1920-er Jahren engagierte sie sich im Rahmen des Völkerbunds für den internationalen wissenschaftlichen Austausch.  Auch ihr Engagement für die Menschen bestimmte zeitlebens ihre Arbeit: Die Möglichkeiten einer medizinischen Nutzung ihrer Forschungen interessierten und motivierten sie sehr. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie  einen Röntgenwagen und erwarb den Führerschein, um ihn zu den Verwundeten hinter die Front zu bringen. Und in ihrem Radium-Institut förderte sie in den 1920-er Jahren ganz bewusst Frauen und ausländische Studierende und Forscher. Die Widerstände, die sie zu überwinden hatte, waren  aber auch beträchtlich: Sie kam ja nur deshalb nach Frankreich, weil  sie als Frau nicht zum Studium an der Warschauer Universität zugelassen wurde.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (30)

Zwar durfte sie als „Madame Pierre Curie“  am 12. Februar 1910 das Titelblatt der Zeitschrift „Les Hommes du Jour“ (No 180) zieren, aber ein Jahr später wurde ihr nach einer heftigen „bataille académique“ die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert, weil dort –nach Auffassung der Mehrheit der Akademiker- eine Frau keinen Platz  hatte, wie in der Ausstellung dokumentiert wird.[8] Insofern konnte es kaum eine geeignetere Wahl für eine große Frau unter den großen Männern geben als sie.

Das Musée Curie

Wenn die Ausstellung m Pantheon auch schon beendet ist: Ein Besuch im dem kleinen Musée Curie lohnt auf jeden Fall. Es ist im ehemaligen Laboratorium der Curies untergebracht und liegt nur wenige Gehminuten vom Pantheon entfernt in der rue Pierre et Marie Curie.[9]  Man kann dort  das (einem Außenstehenden wie mir äußerst bescheiden erscheinende) Labor und den Schreibtisch sehen, an dem Marie Curie von 1914- 1934 arbeitete.

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Es gibt auch eine Reihe von interessanten  Ausstellungsstücken. Zum  Beispiel den Behälter aus Blei und Akazienholz und die 10 Glasröhrchen (en verre de Thuringe de 0,27 mm d’épaisseur), die das 1 Gramm Radium enthielten, das Marie Curie 1921 von dem amerikanischen Präsidenten Warren G. Harding  überreicht wurde.

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Ziemlich bizarr sind einige Ausstellungsstücke aus den „années folles du radium“ (aus dem Begleittext), als das  Radium in zahlreichen Gebrauchsgegenständen verwendet wurde, zum Beispiel von der Uhrenindustrie als Leuchtmittel für Uhrzeiger (bis in die 1950-er Jahre) oder von der pharmazeutischen Industrie für Salben gegen Sonnenbrand und als Schönheitsmittel. Besonders verbreitet war offenbar die Kosmetik-Marke „Tho-Radia“, deren Salben und Seifen „auf der Basis von Thorium und Radium“ (Eigenwerbung) hergestellt wurden, und zwar „nach den Rezepten des Dr. Alfred Curie“. Dieser Name war sicherlich ein höchst wirksames, gleichzeitig aber auch unverschämtes Marketing-Instrument:  Dieser Arzt hatte nämlich mit Marie und Pierre Curie nicht das Geringste zu tun, es gab also keinerlei verwandtschaftliche, geschweige denn professionelle Beziehungen. Das wurde in der Werbung natürlich verschwiegen.

DSC02612 Musee Curie (4)

Zu dem Museum gehört auch der kleine Garten, den Marie Curie  selbst als  Ort der Erholung und des Austauschs hinter ihrem Institut eingerichtet hat. Der Garten wurde aus Anlass des 150. Geburtstages  im November 2017 als „Jardin Marie Curie“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehört auch ein Denkmal mit den Büsten von Marie und Pierre Curie.

DSC02612 Musee Curie (2)

Gewohnt hat übrigens Marie Curie auf der Südseite der Île  Saint Louis (Quai de Béthune 36) im Blick auf das Pantheon. Später hat dort auch der (Mit-)Initiator und (Mit-)Autor der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 und Friedensnobelpreisträger René Cassin gewohnt, dessen sterbliche Überreste ebenfalls im Pantheon ruhen. Wie wunderbar das zusammenpasst!

DSC01230 Atelier Camille Claudel (6)

Des femmes au Panthéon!/Frauen ins Pantheon!

Dass es bei Marie Curie als einziger ihrer Verdienste wegen pantheonisierten Frau nicht bleiben kann, war allerdings schon 1995 klar. Und es bedurfte ja auch nicht erst der Frauenbewegung, um die einseitig männliche Ausrichtung des Pantheons zu kritisieren.  Karl Gutzkow, ein prominenter Vertreter der vorrevolutionären jungdeutschen Bewegung, veröffentlichte 1842 seine Briefe aus Paris. Darin bezieht er sich auch auf das Pantheon. Er schreibt:

 „Ich wollte … heute das Pantheon sehen, das die Franzosen der Unsterblichkeit gewidmet haben. Aux grandes hommes la patrie reconnaissante. Man muss bergaufsteigen, um in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen. … Auch aux grandes femmes hätte man es der Genoveva zu Liebe widmen sollen. Die heilige Dulderin würde Charlotte Corday mit ihrem Geisterkuss begrüßt haben.[10]

Gutzkow macht also  gleich einen Vorschlag, welche Frau er des Pantheons würdig erachtet, nämlich Charlotte Corday, die mit der Ermordung Marats der jacobinischen Schreckensherrschaft ein Ende zu machen versuchte, die aber unter der Guillotine endete.

Es dauerte allerdings noch sehr lange, bis eine breite und lautstarke Bewegung für eine Aufnahme von Frauen ins Pantheon entstand. Eine wichtige Stimme in diesem Sinne war die von Simone Veil, einer Frau des Widerstands und der ersten Präsidentin den Europarlaments. 1992 – damals war sie französische Ministerin- sagte sie in einer Rundfunksendung:

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Dass es keine Frau im Pantheon gibt, heißt zu leugnen, was Frauen in der Vergangenheit zum Vaterland beigetragen haben.

Die drei Jahre später erfolgte  und längst überfällige Pantheonisierung  einer Frau (aufgrund eigener Verdienste), nämlich von Marie Curie, durch Präsident Mitterand war dann gewissermaßen ein Meilenstein, weil sie  zeigte, dass tatsächlich zu den „grands hommes“ auch Frauen gehören könnten. Und es entwickelte sich nun auch eine Debatte, welche weiteren Frauen ins Pantheon aufgenommen werden sollten.

Es waren vor allem feministische Gruppen, die entsprechende Vorschläge unterbreiteten.  Unter der Überschrift Aux grandes femmes la patrie reconnaissante schlug zum Beispiel  das  Collectif femmes au Panthéon insgesamt 16 Frauen für eine Pantheonisierung vor.[11] Darunter waren die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Colette und George Sand, die Bildhauerin Camille Claudel, die Pilotin Hélène Boucher, die 1934 zur „schnellsten Frau der Welt“ wurde, und mehrere Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus, u.a.  die Ethnologin Germaine Tillon.  Bemerkenswert waren in dieser Liste auch –und vor allem-  drei Namen von Frauen, deren politisches Engagement besonders umstritten war und die dafür einen hohen Preis bezahlen mussten:

  • Louise Michel, die Heldin der Pariser Commune, die nach deren Niederschlagung nach Neu-Caledonien verbannt wurde.

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  • die Mulattin Solitude, eine Streiterin gegen die Sklaverei in Guadeloupe. Sie wurde 1802 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich gegen die von Napoleon verfügte Wiedereinführung der Sklaverei in den karibischen Kolonien Frankreichs zur Wehr gesetzt.[12]

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  • Olympe de Gouges, die es gewagt hatte, 1791 eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“, also eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, zu verfassen und – auch deswegen- 1793, im Jahr des jacobinischen Terrors,  guillotiniert wurde.[13]

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Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,

auf die Rednertribüne steigen.

Ein entscheidender Schritt zu einer weiteren Öffnung des Pantheons erfolgte unter der Präsidentschaft François Hollandes. Hollande beauftragte nämlich 2013 das Centre des monuments nationaux (CMN), zu dessen Zuständigkeiten auch das Pantheon gehört, Vorschläge zur Pantheonisierung zu machen und  den Franzosen die Möglichkeit zu geben, sich an entsprechenden Überlegungen zu beteiligen.[14] Im Oktober 2013 legte der Präsident des CMN, Belaval,  dem Staatspräsidenten den angeforderten Bericht mit dem anspruchsvollen Titel „Pour faire entrer le peuple au Panthéon“ vor.

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Das Volk im Pantheon. Installation während der Bauarbeiten an der Kuppel

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Es sollte, wie der Titel anzeigt, darum gehen, das Pantheon zu einem Ort zu machen,  mit  dem „das Volk“ sich identifizieren kann, den es also –trotz aller Sterilität und Monumentalität des Baus- auch gerne betritt. Und natürlich sollten die anstehenden Pantheonisierungen solche Identifikationen ermöglichen und fördern. Allerdings verzichtete Bélaval darauf, eine „top-10-Liste“ oder dergleichen zu erstellen.  Aber er gab doch eine deutliche Richtung vor: Als nächstes sollten „Frauen des 20. Jahrhunderts“ ins Pantheon aufgenommen werden, die sich durch ihren Mut und ihr republikanisches Engagement ausgezeichnet hätten. Bélaval schlug also  ausdrücklich vor, dass Hollande aufgrund des starken Ungleichgewichts von Männern und Frauen während seiner Amtszeit nur Frauen pantheonisieren sollte. Und es sollte sich um Frauen des 20. Jahrhunderts handeln: Man brauche für das Pantheon Frauen, die sich vorbildlich verhalten hätten in schwierigen, nicht zu weit zurückliegenden Zeiten wie dem Krieg 1914-1918 und dem Zweiten Weltkrieg mit der Résistance und der Deportation der Juden. Und schließlich solle es sich nicht um Opfer handeln. Er fände es gut,  wenn es bei den Ausgewählten auch ein Leben nach diesen Prüfungen gegeben habe. Diese Frauen sollten daraus gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen herausgekommen sein, „um danach die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern.”[15]

Außerdem schlug Bélaval vor, im Innenraum des Pantheons ein gemeinschaftliches Monument für alle Heldinnen der Frauenemanzipation („un monument collectif à toutes les héroïnes de l’émancipation féminine„) zu errichten. Dort könne dann auch die  „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne“ von Olympe de Gouges gewürdigt werden.

Es war nun interessant zu sehen, wie François Hollande sich gegenüber all diesen Forderungen und Vorschlägen positionieren würde. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für ihn sicherlich das Bestreben, dabei möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, so wie es in einer Karikatur von Le Monde zum Ausdruck kam.

Karikatur Le Monde DSC02380

Le Monde 20.4.2013:  Diderot, Pierre Brossolette, Marc Bloch, Stephane Hessel, Olympe de Gouges….    Pfff, die Aufgabe ist knifflig…. Es geht darum, niemanden zu verärgern

Der Einzug von zwei Widerstandskämpferinnen ins Pantheon 2015

Hollandes Wahl fiel schließlich auf vier Persönlichkeiten des Widerstands, und zwar geschlechtsparitätisch auf zwei Männer,  Pierre Brossolette und Jean Zay, und zwei Frauen, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Germaine Tillon.

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Die Entscheidung für Widerstandskämpfer/innen zielte auf einen möglichst breiten Konsens, denn der Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist ja gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner des französischen historischen Selbstverständnisses. Da konnte man einer breiten Zustimmung sicher sein, auch wenn es dann doch ein paar kritische Stimmen gab, die meinten, durch die Wahl von Brossolette würde das Licht von Jean Moulin in den Schatten gestellt, oder die unter Hinweis  auf ein pazifistisches und angeblich unpatriotisches Gedicht des jungen Jean Zay aus dem Jahr 1924 ihn für Pantheon-inkompatibel hielten.[16] Dass zwei Frauen dabei waren, entsprach zwar nicht dem weitergehenden Vorschlag des CMN- Präsidenten und den Forderungen der Frauenbewegung, aber immerhin erhöhte Hollande damit die Zahl der im Pantheon vertretenen Frauen um glatte 100%.

Am 27. Mai 2015 wurden die vier Auserwählten in einem Festakt ins Pantheon überführt. Hier der Sarg mit den sterblichen Überresten von Germaine Tillon.

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Für den eher umstrittenen und wenig populären Präsidenten[17] eine gute Gelegenheit, die Einheit der Nation zu beschwören und sich ein „Bad in der (handverlesenen) Menge“ zu gönnen.[18]  Ist doch eine Pantheonisierung, wie le Monde damals schrieb, „l’une des rares gloires que peut encore s’offrir un président de la République.“[19] 

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Ich war zunächst von der Entscheidung François Hollandes etwas enttäuscht. Dass der Präsident weder Olympe de Gouges noch Louise Michel und (natürlich) schon gar nicht Solitude berücksichtigt hatte, fand ich wenig mutig.  Nachdem ich mich aber etwas mit Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle Anthonioz beschäftigt habe, denke ich, dass es sich um eine gute Entscheidung gehandelt hat. Der CMN- Präsident Bélaval hatte ja in seiner Eingabe angeregt, es sollten Frauen ins Pantheon aufgenommen werden, die sich in schwierigen Zeiten wie der Résistance oder der Déportation bewährt hätten, danach aber, gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen, bestrebt gewesen seien, die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern. Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle- Anthonioz entsprechen, wie in der parallel zur Pantheonisierung gezeigten Ausstellung belegt wurde[20], dem genau und machen damit dem  Pantheon alle Ehre. Das soll im Folgenden etwas erläutert werden.

Germaine Tillon (1907-2008) und Geneviève de Gaulle Anthonioz (1920-2002)

Als junge Ethnologin beschäftigte sich Germaine Tillon vornehmlich mit Berberstämmen im Süden Algeriens: Sie lernte deren Sprache und erforschte ihre Sitten, ihre familiären und sozialen Beziehungen, ihre religiösen Vorstellungen. Der „Bezugspunkt“ Tillons in Frankreich war das Musée de l’Homme in Paris, das während der deutschen Besatzung zu einem Zentrum des Widerstands wurde. Germaine Tiillon schloss sich diesem Kreis von résistants an. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands und mit der Leitung von France libre in London herzustellen. 1942 wurde sie denunziert und 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Zustände im Konzentrationslager beobachtete Germaine Tillon mit den Augen einer Ethnologin: Konfrontiert mit der erbärmlichen Lage ihrer Mithäftlinge und der Unerbittlichkeit der Aufseherinnen, sammelte sie alle ihr zugänglichen Informationen, versuchte ihre Beobachtungen zu ordnen und  das Geschehen im Lager zu verstehen.[21]

Um ihre Informationen festzuhalten, wendete sie raffinierte Mittel an: Dass Häftlinge angesichts ihrer Entbehrungen sich in Traumwelten -beispielsweise der haute cuisine-  flüchten, werden wohl auch die Aufseherinnen verstanden und akzeptiert haben. Dass das Rezept Tillons für die Zubereitung von escrevisses basquaises allerdings ein Akrostichon aufweist, die Anfangsbuchstaben jeder Zeile also eine Botschaft vermitteln, nämlich den Namen des SS-Arztes Dr. Helinger, werden sie kaum durchschaut haben.  Tillon wird ihre  Erfahrungen und Beobachtungen später in einem Buch über Ravensbrück zusammenfassen.

Ganz außergewöhnlich und auf den ersten Blick vielleicht befremdlich ist, dass Germaine Tillon im KZ das Libretto einer Operette über das Lager schrieb: „Le Verfügbar aux Enfers“, (Der ‚Verfügbar‘ in der Unterwelt). Der Begriff „Verfügbar“ im Titel bezieht sich auf die Häftlingskategorie derjenigen Gefangenen, die von der SS keinem bestimmten Arbeitskommando zugeordnet waren und in den Augen der SS als frei disponibel, eben verfügbar,  galten. In dem Stück geht es um einen Wissenschaftler, der sich für die neue Spezies der „Verfügbaren“ interessiert und dem diese in Liedern, deren Melodien u.a. aus bekannten Operetten übernommen waren, ihre Situation schildern: Ein Versuch, etwas Abwechslung, ja Lachen in das Lagerdasein der Häftlinge zu bringen, aber auch wichtige Informationen zu vermitteln.  Tillon übte das Stück 1944/1945 mit ihren Mitgefangenen ein – eine Aufführung fand 2007 zum 100. Geburtstag von Tillon im Théâtre du Châtelet in Paris statt. [22]

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Choeur des jeunes.On m’a d’abord pris mes bijoux,
Ma valise et mon sac en cuir roux,
Mes petites provisions,
mon bout de saucisson,
Ma chemise et mon pantalon…
Je croyais qu’on m’avait tout pris,
Et j’espérais que c’était fini…
Comme un bébé naissant j’étais nue
Et c’est alors qu’ils m’ont tondue!
Choeur des vieux.On t’a pris tes cheveux,
Pour serrer des moyeux,
Mais ça ne suffit pas!
Tu travailleras,
Tu ne mangeras pas…
Quand tu succomberas,
On t’achèvera,
On te brûlera,
Et ta graisse encore servira…

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz war ein Jahr lang, vom Februar 1944 bis Februar 1945,  Häftling  im Konzentrationslager Ravensbrück. Aus Empörung über das Waffenstillstandsgesuch des Marschalls Pétain und ermutigt von dem Appell ihres Onkels, des Generals und späteren Staatspräsidenten de Gaulle, zur Fortführung des Kampfes schloss sie sich schon im Juni 1940 dem Widerstand an.  Zunächst waren es nur isolierte Widerstandshandlungen in Rennes, wo sie studierte, wie beispielsweise das Abreißen von Propagandaplakaten der Vichy-Regierung, die sie durch das lothringische Kreuz, das Zeichen des gaullistischen Widerstands, ersetzte.  Die Arbeit im Widerstand intensivierte sie seit ihrer Übersiedlung nach Paris im Herbst 1941. Am 14. Juli 1943 verteilte sie auf offener Straße das Widerstandsblatt Défense de la France, dessen Redaktionssekretärin sie war und in dem sie auch, als einzige Frau, Artikel veröffentlicht hatte. Von einem in die Zeitung eingeschleusten Agenten Vichys verraten, wurde sie wenige Tage später von französischen Milizionären verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. In Ravensbrück lernte sie Germaine Tillon kennen und schloss Freundschaft mit ihr. Die letzten Monate in Ravensbrück verbrachte sie, die auch „le petit de Gaulle“ genannt wurde, auf Befehl Himmlers in Einzelhaft, um sie  ggf. als „Zahlungsmittel“ für einen Gefangenenaustausch verwenden zu können.

Die Kontinuität des Widerstands von Tillon und de  Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg

Nach der Befreiung sah es  Germaine Tillon als ihre erste Aufgabe an, die in Ravensbrrück begonnene analytische Arbeit fortzusetzen und Grundlagen für eine Geschichte des Widerstands und des KZ-Systems zu schaffen. Zusammen mit de Gaulle-Anthonioz wurde sie beauftragt, als Beobachterin und Zeugin an einem Prozess gegen Mitglieder des KZ-Personals von Ravensbrück teilzunehmen. Als dort eine Aufseherin fälschlich beschuldigt wurde, entschieden sich die beiden –trotz allem, was  sie im KZ erlitten hatten-  für die Wahrheit: Bei ihr müsse man auch dann bleiben,  wenn es etwas koste. So protestierte Tillon auch –anders als viele Stalin-treue ehemalige Widerstandskämpfer- gegen die Weiterverwendung nationalsozialistischer Konzentrationslager durch die Sowjets und gegen das Gulag-System.[23]

Eine entscheidende neue Wende erfuhr ihr Leben durch die „Ereignisse in Algerien“, wie der Algerien-Krieg in der offiziellen französischen Sprachregelung genannt wurde. Dort hatte sie ja  als junge Ethnologin gearbeitet und so verfolgte sie die Zuspitzung des Konflikts zwischen den algerischen Aktivisten und Kämpfern  der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung, Polizei und Armee mit großer Aufmerksamkeit. 1957, auf dem Höhepunkt der „Schlacht um Algier“ reiste sie nach Algerien. Sie verurteilte die Angriffe der Unabhängigkeitskämpfer auf Zivilisten, gleichzeitig aber auch die von der Armee völlig außerhalb jeden gesetzlichen Rahmens angewandten Foltermethoden und willkürlichen summarischen Erschießungen.  Dabei wurde sie an  ihre  eigenen Erfahrungen im Widerstand  erinnert:

Aus einer Tafel  der Pantheon-Ausstellung:

„Sie hat die Taschen voll von kleinen Zetteln mit  Hilferufen von Gefangenen. Sie schreibt Brief auf Brief an diejenigen, die die Macht haben, gegen die Hinrichtung von Unschuldigen vorzugehen. Erschrocken denkt sie: ‚Man tötet sie, wie die Nazis meine Kameraden getötet haben.‘ Jedes Mal wenn ein algerischer Widerstandskämpfer hingerichtet wird,  kommt wieder das Leid in ihr hoch, das sie verspürte, wenn einer ihrer Freunde auf dem Mont Valérien erschossen  wurde.“[24]

Heimlich und verkleidet trifft sie sich mit dem in der Kasbah untergetauchten für Algier zuständigen Chef des Widerstands, Yacef Saâdi. Sie kann ihn davon überzeugen, Angriffe auf Zivilpersonen zu unterlassen. Im Gegenzug verspricht Germaine Tillon, im Bewusstsein ihrer Aura als Widerstandskämpferin und ihrer engen Kontakte zur französischen Administration, auf ein Ende der Exekutionen durch die Armee hinzuwirken. Während  Saâdi Wort hält und die Angriffe auf französische Zivilisten aufhören, wird von der Armee weiter guillotiniert. Saâdi  wird verhaftet und in drei Prozessen, in denen Germaine Tillon für ihn aussagt, mehrfach zum Tode verurteilt. Als kurz danach de Gaulle an die Regierung kommt und dem Algerienkrieg ein Ende macht, wird Saâdi wie alle anderen zum Tode verurteilten Algerier begnadigt. Und bei der Beerdigung von Germaine Tillon und ihrer Pantheonisierung erweist Yacef Saâdi, der algerische Widerstandskämpfer, Germaine Tillon, der französischen Kämpferin gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die letzte Ehre. Was für eine Geschichte! Quelle histoire![25]

Auch im Leben der  Geneviève de Gaulle-Anthonioz gibt es nach Widerstand und Gefangenschaft ein neues Engagement. Wendepunkt ist bei ihr 1958 die Begegnung mit dem Priester Joseph Wresinski. Dieser hatte 1957 für und mit Familien, die in dem Barackenlager Noisy-le-Grand in der Pariser banlieue lebten, die Bewegung ATD Quart Monde gegründet. Das Lager aus Wellblech-Iglus war 1954 von Abbé Pierre eingerichtet worden, um Obdachlosen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Über ihren ersten Besuch in dem Lager schreibt  Geneviève de Gaulle Anthonioz:

„Kein Zweifel. Was ich auf den Gesichtern dieser Männer und Frauen las, entsprach dem, was ich vor langer Zeit auf den Gesichtern meiner deportierten Kameraden im Lager von Ravensbrück gelesen hatte: Die Erniedrigung und die Verzweiflung eines menschlichen Wesens, das um die Erhaltung seiner Würde kämpft. (…) Ich war erschüttert von dem, was ich entdeckte, weil ich es selbst erlitten hatte. (…) Ich wusste was Erniedrigung heißt … Ich wusste was es heißt, keine Hoffnung mehr zu haben. In den Lagern war es ähnlich.[26]

Und weiter:

„Ich hatte nicht gewusst, dass es eine solche Marginalisierung eines Teils der Bevölkerung gab. (…) Diese Marginalisierung und die Zurückweisung, die die Familien erlitten, erschienen mir sehr ungerecht. Das war genau das Gegenteil dessen, wofür ich in der Résistance und während der Deportation gekämpft hatte. Wir hatten für die Würde jedes einzelnen Menschen gekämpft, damit sein Wert und seine Rechte anerkannt würden. Ich entdeckte nun eine Welt im Abseits, die nichts mit meinem täglichen Leben zu tun hatte.[27]

Geneviève de Gaulle- Anthonioz zog daraus die Konsequenz, sich in ATD Vierte Welt zu engagieren.  Von 1964 bis 2001 war sie Präsidentin dieser Organisation.

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Hier sieht man sie bei einer Rede 17. Oktober 1989 auf dem Trodadéro-Platz gegenüber dem Eiffel-Turm.  Dort waren zwei Jahre vorher über 100 000 Menschen einem Aufruf von Joseph Wresinski gefolgt, um für die Einhaltung der Menschenrechte auch gegenüber den Ärmsten der Gesellschaft einzutreten. Der Ort war bewusst gewählt worden, weil im Palais de Chaillot, zwischen dessen Flügeln er liegt,  die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948  die Allgemeine Erklärung  der Menschenrechte verabschiedet hatte.  1985 hatte der Platz auf Initiative François Mitterands  den Namen parvis des droits de l’homme  erhalten. Seit 1987 ist dort das Emblem von ATD Quart Monde eingraviert und an  jedem 17. Oktober wird dort der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut begangen.

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Dazu der Aufruf Wresinskis:

« Là où des hommes sont condamnés à vivre dans la misère, les droits de l’homme sont violés. S’unir pour les faire respecter est un devoir sacré ».[28]

Tillon wie de Gaulle-Anthonioz engagieren sich also nach dem Krieg erneut, leisten weiter Widerstand, weil sie erschrocken und entsetzt Parallelen zwischen erlebter Vegangenheit und neu entdeckter Gegenwart erkennen:   Bei Tillon war es der Algerien-Krieg und das Erschrecken über Untaten der französischen Armee,  bei de Gaulle-Anthonioz die Entdeckung der Vierten Welt im eigenen Land.[29] Eine beeindruckende Kontinuität des Widerstands im Leben dieser des Pantheons würdigen Frauen!

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Aus Anlass der Pantheonisierung von de Gaulle-Anthoniaz und Tillon wurden die Rollgitter der Buchhandlung in der rue de Taillandier in Belleville mit den Portraits der beiden Frauen geschmückt.

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Ausblick 2018 

Am 1. Juli 2018 wird eine weitere Frau ins Pantheon aufgenommen werden, und zwar Simone Veil. Sie war Auschwitz-Überlebende, als zweite Frau Ministerin in einem französischen Kabinett und als erste Frau Präsidentin des Europäischen Parlaments.  Simone Veil starb am 30. Juni 2017 in Paris. Zu ihrer Ehre wurde in den Invalides ein Staatsakt veranstaltet, bei dem Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einzug und den ihres Mannes, Antoine Veil, ins Pantheon ankündigte.  Termin der feierlichen Pantheonisierung ist der 1. Juli 2018.[30]

Macron wird sich wohl kaum mit dieser Pantheonisierung begnügen, und dabei  wird er sicherlich auch auf die  „Frauenquote“ bedacht sein. Man darf also gespannt sein.

Ausblick 2021: 

Die nächste von Präsident Macron vorgenommene Pantheonisierung betraf allerdings keine Frau, sondern Maurice Genevoix, Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs und Autor des Romans „Ceux de 14“, in dem er das Schicksal der Kriegsgeneration beschrieb, die nach dem Willen Macrons gewissermaßen kollektiv ebenfalls am 11.11.2020  ins Pantheon aufgenommen wurde. Mehr dazu in dem Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Am 30.11.2021 wird es dann aber wieder ein Frau sein, die ins Pantheon aufgenommen wird: Josephine Baker, die erste schwarze Frau im Pantheon. Baker erfüllt in besonderem Maße alle Anforderungen, die gemeinhin an eine Pantheonisierung gestellt werden,  und ihre Auswahl ist auch als eine politische Botschaft des französischen Präsidenten zu verstehen wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen.

Alle Blog- Beiträge mit Bezug zum Pantheon: 

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (Teil 1): Das Pantheon der Frauen.  https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (Teil 2): Der Kult der grands hommes  https://paris-blog.org/2023/07/02/das-pantheon-der-grosen-und-weniger-grosen-manner-und-der-wenigen-grosen-frauen-2-der-kult-der-grands-hommes/

Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevois und der (französischen) Teilnehmer des 1. Weltkriegs (Ceux de 14) ins Pantheon  https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers. https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

Zwei besondere Jahrestage: Der 8. und der 9. Mai 2020 und die Pantheon-Installation vom September 2021  https://paris-blog.org/2020/05/01/zwei-besondere-jahrestage-der-8-und-9-mai-2020-und-das-pantheon-projekt-vom-18-und-19-september/

Zum Weiterlesen :

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La Traversée de la Nuit. Paris: Seuil 1998

Germaine Tillon, Ravensbrück. Paris: Seuil 1988

Germaine Tillon, La Traversée du Mal. Paris 2000

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz, une résistante au Panthéon.  Paris: Plon 2015

Armelle Mabon (ed), L’engagement à travers la vie de Germaine Tillon. 2013

Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Play Film  (DVD mit Gesprächen zwischen beiden Frauen aus dem Jahr 2000)  http://www.film-documentaire.fr/4DACTION/w_fiche_film/10507_1

Jeanne-Marie Martin, Portraits de Résistants. 10 vies de courage. Paris 2015

Claire Lemonnier, Elles, ces Parisiennes. Promenades à la rencontre des femmes d’exeption. Paris: Parigramme

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_inhum%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[2] Entsprechend war es ja auch mit den Menschenrechten, den „droits de l’homme“, die zunächst ja eher Männerrechte waren. Immerhin hat es –beispielsweise- bis nach dem 2. Weltkrieg gedauert, bis Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhielten.

[3] http://musees.angers.fr/collections/uvres-choisies/galerie-david-d-angers/david-d-angers-fronton-du-pantheon-detail/index.html

[4] Jacqueline Lalouette,   Amour et chimie au Panthéon. In: mensuel 326, Dezember 2007

http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[5] siehe Anmerkung 1. Zugriff 20. Januar 2018

[6] zit. in: http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[7]  In der offiziellen Ankündigung der nachfolgend kurz  angesprochenen Ausstellung zu Marie Curie im Pantheon heißt es richtig:  „Marie Curie devient la première femme à entrer au Panthéon pour ses propres mérites.http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Marie-Curie-une-femme-au-Pantheon

[8] http://www.lhistoire.fr/exposition/marie-curie-la-passionn%C3%A9e

[9] http://musee.curie.fr/

[10] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f.  Das Pantheon war ursprünglich eine nach  der heiligen  Geneviève (Genofeva) benannte Kirche.

[11] https://collectiffemmespantheon.wordpress.com/galerie-de-femmes-a-pantheoniser/

[12] Siehe dazu den Blog-Bericht: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (1. November 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[13] Bild aus:  https://sanscompromisfeministeprogressiste.wordpress.com/2016/11/04/le-3-novembre-1793-olympe-de-gouges-1748-1793-etait-guillotinee/

[14]le chef d’état m’a demandé d’associer les Françaises et les Français à la réflexion qui pourrait conduire à de nouveaux hommages.“

[15] „Il faut des femmes qui ont eu un comportement exemplaire dans des périodes d’épreuves encore proches comme la Guerre de 1914-1918, la Deuxième guerre mondiale avec la Résistance et la déportation„. „J’aime l’idée qu’il y a eu une vie après cette épreuve. Ces femmes ont été renforcées par l’épreuve dans leurs convictions républicaines pour transformer le monde via l’action politique, sociale, éducative, humanitaire

http://www.huffingtonpost.fr/2013/10/10/pantheon-femmes-xx-siecle-rapport-hollande_n_4076249.html

(10/10/2013 | Actualisé 05/10/2016- Zugriff Februar 2018)

[16]  http://www.telerama.fr/television/pierre-brosselette-un-resistant-au-pantheon-et-sur-les-ecrans,126765.php In dem Artikel ist von einer absurden „concurrence mémorielle“ zwischen Jean Moulin und Jean Zay die Rede.

http://www.bfmtv.com/politique/l-entree-de-jean-zay-au-pantheon-fait-grincer-des-dents-a-droite-889261.html

[17] Siehe Blog-Beitrag: François Hollande, Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dezember 2016):    https://paris-blog.org/2016/12/06/francois-hollande-abgesang-auf-einen-allzu-normalen-praesidenten/

[18] Über eine Pariser Freundin erhielt ich auch eine Einladung und damit die Erlaubnis, als Zaungast an der Zeremonie teilzunehmen.

[19] Le Monde, 20.4.2013

[20] http://www.quatreviesenresistance.fr/

[21] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014. http://www.lemonde.fr/idees/article/2014/02/21/les-valeurs-de-la-resistance_4371071_3232.html?xtmc=pantheon&xtcr=2

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Verf%C3%BCgbar_aux_Enfers

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

und Tzvetan Todorov a.a.O.

[23] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014.

[24]  Der Mont  Valérien im Westen von Paris war eine Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht im  Zweiten Weltkrieg. Über 1000 Menschen wurden dort zwischen 1941 und 1944 erschossen.

[25] https://www.franceculture.fr/histoire/germaine-tillion-mediatrice-de-la-guerre-dalgerie Dort wird auch aus einem offenen Brief von Germaine Tillon an Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1964 zitiert:

« Il se trouve » que j’ai connu le peuple algérien et que je l’aime ; « il se trouve » que ses souffrances, je les ai vues, avec mes propres yeux, et « il se trouve » qu’elles correspondaient en moi à des blessures ; « il se trouve », enfin, que mon attachement à notre pays a été, lui aussi, renforcé par des années de passion. C’est parce que toutes ces cordes tiraient en même temps, et qu’aucune n’a cassé, que je n’ai ni rompu avec la justice pour l’amour de la France, ni rompu avec la France pour l’amour de la justice.“

[26] Zit. in: Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Paris: Plon 2015, S. 78 und 80 (Übersetzung von W.J.)

[27] Zit. in: Caroline Glorion, S. 79

[28] http://www.atd-quartmonde.org/pere-joseph-wresinski-1917-1988/

[29]  Tillon engagierte sich übrigens auch in diesem Bereich: Zum Beispiel unterstützte sie die  sans-papiers, die sich 1986 in der Kirche Saint-Bernard in Belleville versammelt hatten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und die von der Polizei gewaltsam vertrieben wurden. (Siehe Blog-Bericht über das Goutte d’Or)

In dem Buch von Martin (siehe Lit.Angabe) wird übrigens das Engagement von de Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg kurz angesprochen, das von Tillon überhaupt nicht. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

[30]  http://www.lemonde.fr/mort-de-simone-veil/article/2018/02/19/simone-veil-entrera-au-pantheon-le-1er-juillet_5259379_5153643.html#2ZUhrlg4ex4puiy0.99

Dieser Beitrag wurde auch veröffentlicht im „KNOTEN“, dem Organ des RÊVE. Réunir l’Europe/Europa Verbinden e.V. Heft 2018/2019 , S. 39 f