Am 10. Mai 2001 wurden in Frankreich durch das „loi Taubira“ ausdrücklich und im Blick auf die eigene Geschichte Sklavenhandel und Sklaverei zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Gleichwohl hat sich auch danach Frankreich schwer getan -und tut sich zum Teil noch bis heute schwer- mit diesem düsteren Kapitel seiner Vergangenheit angemessen umzugehen. Siehe dazu den entsprechenden Blog-Text aus dem Jahr 2017:
Das Pantheon hat sich nun zwischen Oktober 2023 und Februar 2024 auf zweifache und ganz unterschiedliche Weise des Themas angenommen. In der Krypta wurde in einer Ausstellung über „Figuren des Kampfs gegen die Sklaverei“ informiert.

Darüber, in dem riesigen kreuzförmigen Raum des Pantheons mit seiner gewaltigen Kuppel, gab es eine monumentale künstlerische Installation zur Sklaverei bzw. den Kämpfen um ihre Abschaffung. Im Rahmen des Programms „un artiste/un monument“ hatte das Centre des Monuments Nationaux, Hausherr des Pantheons, dem Künstler Raphaël Barontini dazu freie Hand (carte blanche) gegeben, die dieser auch auf eindrucksvolle Art und Weise nutzte. Diese Installation ist Gegenstand des nachfolgenden Beitrags.
Der Auftrag an Raphaël Barontini kam nicht von ungefähr. Das Pantheon rühmt sich ja, Persönlichkeiten zu ehren, die sich für die Abschaffung der Sklaverei engagierten und nennt als Belege den Theoretiker Condorcet, der in seinen Réflexions sur l’esclavage des nègres von 1781 die Sklaverei als ein Verbrechen verurteilte, den Politiker Victor Schoelcher, der 1848 in der Nationalversammlung das Gesetz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien durchsetzte, und den Kämpfer Toussaint Louverture, den Helden der haitischen Revolution.

Für den 1984 in Saint-Denis bei Paris geborenen und dort lebenden Raphaël Barontini sind Kolonialismus und Skaverei zentrale Themen seiner künstlerischen Arbeit. Der Titel der Installation im Pantheon We could be heroes weist darauf hin, dass es hier um eher unbekannte Helden geht, gewissermaßen um ein „Panthéon imaginaire“ des Kampfes gegen die Sklaverei. Immerhin ist zwei von denen, die Barontini vorstellt, die Ehre zuteil geworden, zu den „grands hommes“ des Pantheons zu gehören, allerdings lediglich durch an die Wand angebrachte Erinnerungstafeln: Toussaint Louverture und Louis Delgrès.[1]
Die Portraits
Die eher unbekannten Personen der Installation sind nicht diejenigen des Mutterlandes, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben, sondern es sind Menschen der Kolonien, aus Afrika Deportierte oder schon auf kolonialen Plantagen Geborene, die gegen die von ihnen selbst erlittene Versklavung von Menschen gekämpft, für diesen Kampf ihr Leben eingesetzt und oft auch geopfert haben.
Dazu Barontini:
Ich habe mich dafür entschieden, eine Kosmologie von historischen Figuren zu porträtieren, die als Kollektiv oder Einzelpersonen gegen die Sklaverei in den Antillen und dem Indischen Ozean gekämpft haben. Auch wenn einige dort gefeiert werden, ist mir das Fehlen von Portraits und deren Notwendigkeit deutlich geworden. Ich habe mich also daran gemacht, neue Bildnisse zu schaffen, stolze und starke Figuren, die ein Echo auf ihre Kämpfe und ihre Geschichten darstellen.
Das Fehlen der Bilder ist für Barontini ein „Fehler der Geschichte“, den er mit seinen Arbeiten zu korrigieren versucht. [2]

Jean-Baptiste Belley, Raphaël Barontini und Cécile Fatiman im Pantheon ©Quentin Menu
Hier posiert Barontini vor den Bannern mit den Portraits von Jean-Baptiste Belley und Cécile Fatiman. Belley gehört allerdings zu den eher bekannteren Personen aus den Kolonien, die gegen die Sklaverei kämpften. 1746 oder 47 wurde er im Senegal geboren und als 2-jähriges Kind auf einem Sklavenschiff nach Saint-Domingue, den von Frankreich beherrschten westlichen Teil der Insel Hispaniola, deportiert. 1791 kämpfte er dort gegen die Bourbonen und wurde, nachdem die besiegt waren, 1793 erster schwarzer Abgeordneter des Nationalkonvents, das am 3. Februar 1794 die Sklaverei in den französischen Kolonien abschaffte. Es gibt ein Portrait des „schwarzen Jacobiners“ Belley, gemalt 1797 von Anne Louis Girodet-Trioson.[3]

Belley stützt sich hier auf einen Sockel mit der Büste des Priesters Guillaume Raynal, der durch seine drastischen Schilderungen der Situation der Sklaven in Amerika die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei wesentlich befördert hatte.[4] Barontini hat aus diesem Bild die Haltung Belleys übernommen und auch sein weißes Halstuch, ansonsten ist es aber eine sehr freie, phantasievolle Darstellung, die auch für die anderen Portraits der Ausstellung charakteristisch ist.
Cécile Fatiman, deren Portrait neben Belley aufgestellt ist, war eine Mamo, eine haitianische Voodoo-Priesterin. Sie leitete 1791, zusammen mit dem anschließend zu sehenden, Dutty Boukman die Voodoo-Zeremonie in Bois Caïman, den Beginn des Sklavenaufstands der haitianischen Revolution. Ihr Gewand und die Spitzen waren typisch für die Priesterinnen, deren Aufgabe es war, den Willen der Geister zu erkennen und mitzuteilen. Auf dem oberen Teil ihres Kopfes trägt sie einen Teil eines Fetisches aus Benin, der Wiege des Voodoo-Kults.

Sanité Belair und Dutty Boukman
Sanité Belair wurde um 1781 in Saint-Domingue geboren. Sie kämpfte 1802 -zusammen mit ihrem Mann- als Offizier gegen die von Napoleon entsandten Truppen des Generals Leclerc, der wieder die Kontrolle über das von Toussaint Louverture beherrschte Haiti wiedergewinnen sollte. Sanité Belair wurde in den Kämpfen gefangengenommen und exekutiert. Sie erreichte allerdings, dass sie wie ihr Mann und die anderen männlichen Gefangenen wie ein Soldat erschossen und nicht -wie sonst bei Frauen üblich- enthauptet wurde.

Bank von Haïti, Geldschein 10 Gourdes (Bildausschnitt)[5]
Zum zweihundertjährigen Jubiläum der haitianischen Revolution und Unabhängigkeit wurde 2004 ein Geldschein mit ihrem Portrait herausgegeben.
Auffällig an den Portraits Barontinis ist deren phantasievolle Präsentation mit bunten Tüchern, Spitzen und Federn, ausgefallenen Kleidungsstücken und teilweise geradezu bizarrem Kopfschmuck. Barontini bezieht sich dabei auf eine Tradition, die sich in den Antillen der Kolonialzeit entwickelte: Die Sklaven versammelten sich von Zeit zu Zeit, zunächst getrennt nach ihrer Herkunft in nations (kreolisch: nasyon), um sich gegenseitig zu unterstützen, aber auch um sich ihrer Identität zu vergewissern. Die nations gaben sich auch gesellschaftliche Strukturen mit Königen und Königinnen, Ehrendamen, Knappen, Fahnenträgern etc. Gekleidet waren sie mit phantastischen Kostümen, in denen sie u.a. gerne Attribute der Kolonialmächte verwendeten. Sie nahmen damit auch an den von den Plantagenbesitzern zu Karneval veranstalteten Umzügen teil. Die Sklavenhalter duldeten diese Veranstaltungen, weil sie ihrer Meinung nach dazu dienten, die Sklaven ruhigzustellen.[6]
Die Zusammenkünfte der Sklaven konnten aber auch eine religiöse und politische Dimension haben: Der oben rechts abgebildete Voodoo-Priester Dutty Boukman leitete in der Nacht vom 14. auf den 15. August 1791 zusammen mit Cécile Fatiman die Zeremonie vom Bois-Caîman. Diese Versammlung von Sklaven aus dem Norden von Saint-Domingue bereitete die Revolution von 1794 vor, die schließlich zur Unabhängigkeit von Haïti im Jahr 1804 führte.
Auch danach wurde die Tradition der Versammlungen fortgeführt und sie lebt bis heute im Karneval der Antillen fort. Der ist für Barontini nicht nur ein festliches Ereignis, sondern eine Form des politischen Widerstands, ein Ausdruck der kollektiven Identität und einer traditionellen Kultur, die auch noch in den Zeiten der Globalisierung lebendig ist. [7]

Auch die aus Dahomey stammende Abdaraya Toya (Mitte des 18. Jahrhunderts 1805), die als Sklavin nach Saint-Domingue deportiert wurde, beteiligte sich am Kampf um die haïtianische Unabhängigkeit. Sie kämpfte unter dem Namen Victoria Montou an der Seite des von Jean-Jacques Dessalines, des zukünftigen Kaisers von Haïti. Dieser Kriegsname veranlasste Raphaël Barontini ganz offensichtlich zu Anlehnungen an die berühmte Statue der Nike von Samothrake, der griechischen Siegesgöttin, im Louvre.

Foto: Rotraut Grün-Wenkel
Die Flügel der Siegesgöttin hat Barontini frei/haïtianisch umgestaltet, den Torso direkt von der Louvre-Nike übernommen…

Der letzte von Barontini vorgestellte Freiheitskämpfer ist Louis Delgrès. Er hatte als Offizier in der republikanischen Armee Frankreichs gedient und führte 1802 in Guadeloupe die Revolte gegen die von Napoleon Bonaparte dekretierte Wiedereinführung der Sklaverei an. Als die Truppen des Generals Richepanse anrückten, wurde seine von den Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution geprägte Proklamation „à l’univers entier“ in Guadeloupe verbreitet:
„Der letzte Schrei der Unschuld und der Verzweiflung. In den schönsten Tagen eines Jahrhunderts, das für immer durch den Triumph der Aufklärung und der Philosophie berühmt sein wird, sieht sich eine Klasse von Unglücklichen, die man vernichten will, gezwungen, ihre Stimme zu erheben, um, wenn sie verschwunden ist, der Nachwelt ihre Unschuld und ihr Unglück kundzutun.“[8]
Angesichts der feindlichen Übermacht und der Aussichtslosigkeit eines weiteren Widerstands sprengten sich Delgrès und seine 300 Gefährten entsprechend ihrer revolutionären Devise „Freiheit oder Tod“ (vivre libre ou mourir) am 28. Mai 1802 in die Luft.
In Paris ist eine wenig attraktive Straße -man ist fast geneigt zu sagen: pflichtschuldig- nach ihm benannt – ein eher peinlicher Umgang mit „einer der hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Republik“.[9]

Die erläuternden Worte zu Delgrès auf dem Straßenschild lauten: „Von den Antillen abstammender französischer Offizier, gestorben für die Abschaffung der Sklaverei.“ Das ist nicht ganz korrekt, denn Delgrès starb ja nicht im Kampf für die Abschaffung der Sklaverei, sondern im Kampf gegen ihre Wiedereinführung durch Napoleon. Aber vielleicht erschien das zu komplex für ein Straßenschild, vielleicht wollte man aber auch die Erinnerung an den Nationalhelden Napoleon nicht trüben…
Zur Geschichte der Sklaverei
Neben der Portrait-Galerie gehören zu der Ausstellung auch große textile Installationen im Querschiff des Pantheons. Thema im nördlichen Querschiff sind der Sklavenhandel und die Sklaverei.

Hier eines der Sklavenschiffe, in deren Rumpf eingepfercht die in Afrika zusammengetriebenen Menschen nach Amerika transportiert wurden.

Die Überlebenden wurden dann an Plantagenbesitzer verkauft. In den französischen Kolonien der Antillen waren das vor allem Zuckerplantagen.

Auf der Installation Barontinis wird das veranschaulicht durch die Domaine Murat, eine der ältesten Zuckerplantagen von Guadeloupe und seit 1839 die bedeutendste Zuckerfabrik der Kolonie.

Über 300 Sklaven waren dort beschäftigt, symbmolisiert bei Barontini durch die eisernen Fesseln. [10]
Darunter eine der sechs Vitrinen, die Anselm Kiefers anlässlich der Pantheonisierung von Maurice Genevoix 2021 auf Einladung von Präsident Macron für das Pantheon gestaltete. Geehrt werden in der abgebildeten Vitrine die oft namenlosen Opfer des Ersten Weltkriegs: celles de 14 und ceux de 14. Ich denke, dass das gut passt zu den vielen namenlosen Opfern der Sklaverei. (Ein Beitrag über Kiefers Arbeiten im Pantheon steht auf dem Programm dieses Blogs.)

An die namenlosen Opfer der Sklaverei erinnert Barontini durch das eindrucksvolle Bild des herabstürzenden Sklaven: Le Gouffre/Der Abgrund

Barontini hat hier die Studie des Joseph le Maure von Théodore Chasseriau aus dem Jahr 1838 übernommen.[11] Joseph war im 19. Jahrhundert ein berühmtes und gesuchtes Modell der Pariser Malerateliers.

Auch für Théodore Géricault hat er Modell gestanden.

Auf dessen berühmtem Gemälde Das Floß der Medusa (Louvre) soll er gleich für drei der Schiffbrüchigen als Modell gedient haben – unter anderem für den verzweifelt mit einem roten Tuch nach dem rettenden Schiff Winkenden.[12] Bei Barontini stürzt Joseph -sinnbildlich für alle versklavten Menschen- in einen Abgrund…

Aber die Sklaven haben ihr Schicksal ja nicht nur erduldet. Es gab auch viele Kämpfer und Kämpfe gegen die Sklaverei. Darum geht es auf der südlichen Seite des Querschiffs; ganz konkret um die Schlacht von Vertières am 18. November 1803, eine eher vergessene/verdrängte Niederlage napoleonischer Truppen.[13]

In dieser Schlacht kämpften die aufständischen Haïtianer gegen die napoleonischen Truppen, die entsandt worden waren, um die französische Herrschaft über die Insel von Santo Domingo wiederherzustellen und die Wiedereinführung der Sklaverei durchzusetzen. Kommandeur der französischen Truppen war der General Rochambeau, verschanzt im Fort von Vertières – oben rechts abgebildet.

Die Truppen der Aufständischen wurden angeführt von General Jean-Jacques General Dessalines (hier links im Bild). Der war als Sklave geboren worden, hatte als freier Mann in der republikanischen französischen Armee Karriere gemacht, sich aber nach der Wiedereinführung der Skaverei den Aufständischen angeschlossen. Die Schlacht endete mit einem Sieg der Freiheitskämpfer. Rochambeau musste kapitulieren und kehrte mit dem Rest seiner Truppen nach Frankreich zurück. So konnte Haîti am 1. Januar 1804 seine Unabhängigkeit als erste schwarze Republik proklamieren. Es ist die einzige französische Kolonie der Karibik, die ihre Unabhängigkeit mit den Waffen errungen hat.
Bei dem Reiter neben Dessalines handelt es sich sicherlich um François Capois, auch Capois-la-Mort genannt, der sich in der Schlacht von Vertières besonders auszeichnete. Mehrere Male versuchte er vergeblich, das Fort zu erstürmen, in dem sich Rochambeau mit seinen Truppen verschanzt hatte. Beim vierten Sturm wurde Chapois‘ Pferd von einer Kanonenkugel getroffen, aber er stürmte mit ‚lauten Vorwärts-Rufen zu Fuß weiter. Dann wurde ihm auch sein mit Federn geschmückter Helm weggeschossen, aber auch das konnte ihn nicht aufhalten. Am nächsten Tag schickte Rochambeau einen seiner Offiziere in das feindliche Hauptquartier mit einem Pferd, das er dem schwarzen Achill als Ausdruck der Bewunderung für seine große Tapferkeit und als Ersatz für das zu seinem großen Bedauern von seinen Truppen getötete Pferd als Geschenk übergab. So wurde Capois zu einem Helden der Schlacht und des haïtischen Freiheitskampfes.[14]
Über der Darstellung der Schlacht hat Barontini zwei weitere Helden des Kampfes gegen Sklaverei herausgestellt, Solitude und Toussaint Louverture.

Solitude war die Tochter einer afrikanischen Sklavin, die während der Deportation auf die Antillen von einem weißen Matrosen vergewaltigt wurde. An der Seite von Louis Delgrès kämpfte Solitude in Guadeloupe gegen die Wiedereinführung der Sklaverei. Im Mai 1802 wurde sie, schwanger, von den napoleonischen Truppen gefangen genommen und 6 Monate später, einen Tag nach ihrer Entbindung, gehängt. Den Willen und/oder Mut, auch sie ins Pantheon aufzunehmen, hat allerdings bisher noch kein französischer Präsident gehabt.

Bei Veranstaltungen und Umzügen am 10. Mai, dem nationalen Erinnerungstag an die Sklaverei (journée nationale des mémoires de l’esclavage[15]), wird aber -wie hier 2016 in Paris- oft an Solitude erinnert.

Toussaint Louverture wird von Barontini hoch zu Ross als siegreicher Feldherr dargestellt. Louverture wurde als Sklave in Saint-Domingue geboren 1801. Nach der (zwischenzeitlichen) Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien 1894 schloss er sich an der Spitze einer Armee von 4000 Mann dem revolutionären Frankreich an und kämpfte erfolgreich gegen die Spanier, die Santo-Domingo nicht aufgeben wollten. Louverture wurde so zum unangefochtenen Führer der einheimischen Bevölkerung. 1801 erhielt Saint-Domingue eine Verfassung, die der Insel eine gewisse Autonomie sicherte mit Louverture als Gouverneur auf Lebenszeit. Napoleon beauftragte nun seinen Schwager, den General Leclerc, in Saint-Domingue „die Herrschaft der Schwarzen zu vernichten“ und die Sklaverei wieder herzustellen. Louverture, der die Beinamen „Spartacus Noir“ und „der schwarze Napoleon“ erhielt, leistete Widerstand gegen das französische Expeditionskorps. Unter dem Bruch gegebener Zusicherungen und Vereinbarungen wurde er in einen Hinterhalt gelockt, gefangen genommen und nach Frankreich deportiert. Ohne Prozess, beschuldigt des Hochverrats, wurde er in die Festung Joux im Jura verbracht und unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Dort starb er 1803, neun Monate vor der Unabhängigkeit Saint-Domingues, das als Haiti erster unabhängiger Staat Lateinamerikas wurde. [16]
Heute würdigt immerhin eine Erinnerungsplakette im Pantheon Toussaint Louverture und erinnert an diese période noire (Barontini) der Geschichte.

Zur Erinnerung an Toussaint Louverture. Kämpfer für die Freiheit und Wegbereiter der Abschaffung der Sklaverei, haïtischer Held, deportiert und gestorben 1803 im Fort Joux
In seiner Verbannung auf Sankt Helena bedauerte Napoleon, der wahrhaftig nicht zur Selbstkritik neigte, seine Entscheidung, ein Expeditionskorps nach Saint-Domingue zu schicken. Das sei sein größter Fehler als Verwalter des Empire gewesen, zu dem Josephine -die ja aus einer Familie von Plantagenbesitzern stammte- ihn veranlasst habe. Statt dessen hätte er mit Louverture verhandeln und ihn zum Vizekönig von Saint-Domingue machen sollen …[17] Ja, wenn…. Vielleicht würde dann nicht nur eine Inschrift im Pantheon an Louverture erinnern, sondern seine sterblichen Überreste würden dort in der Krypta ruhen und vielleicht wäre dann Saint-Domingue heute ein département-d’Outre-mer wie Martinique und Guadeloupe….
Am Ende seines Beitrags in dem Begleitheft zur Ausstellung schreibt Patrick Chamoiseau:
Ich lächle bei dem Gedanken, dass das in seiner eisigen Dunkelheit schlafende alte Pantheon, das zwischen seiner Bestimmung als Tempel der Götter, Kirche und Haus der Toten schwankte, das in seiner Funktion als Feier der nationalen Geschichte andere Geschichten, andere Erinnerungen ausschloss; dass dieses Gebäude einer vertikalen Nation, das in einer exklusiven Logik geschaffen wurde, … nachdem es in letzter Zeit kleine Öffnungen gegeben hat, die das Unerwartete vorsichtig aufgenommen haben, das Unerwartete ein wenig geehrt haben; ja, ich mag die Vorstellung, dass dieses Denkmal einer alten Welt dieses Mal mit einem Schlag diese Ovation der Materialien, Kräfte und Formen, der Leinwände, des Leders, der Rhythmen und Farben, diesen künstlerischen ‚Konvoi‘, den Raphael Barontini in ihm auslöst, erfährt.[18] … So entstehe im Pantheon eine Verbindung zwischen Jahrhunderten, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, zwischen alter und neuer Welt, es entstehe ein „panthéon vrai de la Relation“.
Anmerkungen
[1] https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Inscription_Toussaint_Louverture.jpg und https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Inscription_Louis_Delgr%C3%A8s.jpg
[2] https://la1ere.francetvinfo.fr/au-pantheon-une-exposition-pour-propulser-les-figures-meconnues-de-la-lutte-contre-l-esclavage-sur-le-devant-de-l-histoire-1436723.html Insgesamt gibt es im ersten Teil der Ausstellung 10 Portraits, von denen ich nachfolgend 5 vorstelle.
Zitat: Interview mit Barontini in der Broschüre zur Ausstellung: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023, S. 12
[3] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Depute-jean-baptiste_belley-492-688.jpg Zitat aus dem Flyer zur Pantheon-Ausstellung
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Guillaume_Thomas_Fran%C3%A7ois_Raynal
[5] Bild aus https://www.ma-shops.de/numiscollection/item.php?id=181797
[6] Patrick Chamoiseau, Le Panthéon de la Relation. In: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023. Siehe auch:
Luciani Lanoir L’Etang, Des rassemblements d’esclaves aux confréries noires https://www.erudit.org/fr/revues/bshg/2009-n152-bshg02577/1036866ar.pdf
[7] Humberto Moro im Flyer der Ausstellung
[8] „Le dernier cri de l’innocence et du désespoir. C’est dans les plus beaux jours d’un siècle à jamais célèbre par le triomphe des lumières et de la philosophie, qu’une classe d’infortunés qu’on veut anéantir se voit obligée de lever la voix vers la posteriorité, pour lui faire connaître lorsqu’elle aura disparu, son innoncence et ses malheurs.“ Zit. im Ausstellungs-Flyer.
[9] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/ Zitat einer Ministerin für die überseeischen Gebiete Frankreichs aus: http://www.esclavage-memoire.com/evenements/hommage-aux-esclaves-banc-memorial-a-louis-delgres-a-paris-118.html
[10] Bild aus: https://www.destination-marie-galante.fr/site-habitation-murat.php
[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Joseph_%28mod%C3%A8le%29#/media/Fichier:Mus%C3%A9e_Ingres-Bourdelle_-_Etude_d’apr%C3%A8s_le_mod%C3%A8le_Joseph,_1839_-_Th%C3%A9odore_Chasseriau_-_Joconde06070001378.jpg Siehe dazu: Joseph modèle noir https://www.youtube.com/watch?v=fj-KvmlGBYI
[12] Bild aus: https://www.deutschlandfunk.de/franzobel-das-floss-der-medusa-die-normalitaet-des-grauens-100.html (Ausschnitt)
[13] Siehe z.B. https://muse.jhu.edu/article/609570/summary
[14] https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Capois
[15] Siehe dazu z.B. https://www.vie-publique.fr/questions-reponses/279717-10-mai-journee-nationale-des-memoires-de-lesclavage und https://www.publicsenat.fr/actualites/politique/commemoration-de-labolition-de-lesclavage-pourquoi-la-ceremonie-a-lieu-le-10-mai
[16] Salim Lavrani, Toussaint Louverture, au nom de la dignité. Regard sur la trajectoire du précurseur de l’indépendance d’Haïti. https://journals.openedition.org/etudescaribeennes/20979 Siehe auch: https://www.radiofrance.fr/franceinter/podcasts/le-vif-de-l-histoire/2021-annee-napoleon-et-toussaint-louverture-3453582 und https://chateaudejoux.com/decouvrez-le-chateau/joux-lieu-de-memoire/
[17] https://www.jeuneafrique.com/mag/1049099/culture/haiti-toussaint-louverture-lhomme-et-le-mythe/
[18] Patrick Chamoiseau, Le Panthéon de la Relation. In: We Could Be Heroes. Étitions du patrimoine 2023, S. 9/10 (freie Übersetzung von W.J.)
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