Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte (Teil 1: Von Saarbrücken über Verdun bis zur Voie Sacrée)

Im Allgemeinen benutzen wir für unsere Fahrten nach Paris nicht das Auto: Mit dem Zug kann es –jedenfalls wenn man aus der Nähe von Frankfurt kommt wie wir- nicht konkurrieren. Was die Fahrzeit, den Komfort und –bei frühzeitiger Buchung- die Kosten angeht, ist die schnelle Zugverbindung über Saarbrücken oder Straßburg einfach unschlagbar. Außerdem ist das Auto in Paris wegen des Parkproblems eher eine Last.

Aber manchmal benutzen wir dann doch das Auto. Vor allem, wenn Paris eine Zwischenstation ist auf einer Fahrt in den Westen oder Südwesten Frankreichs. Dann geht es mit dem Auto über Saarbrücken auf der Autoroute de l’Est nach Paris. Am Rand dieser Strecke sind zahlreiche braune Hinweisschilder (panneaux marron) angebracht, die auf besondere Sehenswürdigkeiten hinweisen: eine Kirche, ein Schloss, einen malerischen Ort. Es sind die sogenannten Panneaux d’animation culturelle et touristique, deren Ziel es nach Auskunft des Autobahnbetreibers Sanef ist, „den Reichtum des kulturellen und touristischen Erbes“ zu veranschaulichen und die Autofahrer zu motivieren, den Charme der Regionen Frankreichs zu entdecken. Dabei sollten die angegebenen Orte nicht mehr als 30 km von der nächsten Abfahrt entfernt sein. [1] Ein ganz erheblicher Teil dieser Hinweisschilder bezieht sich auf Orte und Ereignisse, die einen historischen Bezug haben. Und das sind , wie auf dieser Strecke kaum anders zu erwarten, vor allem Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte, ganz konkret zu den vielen Kriegen, die beide Länder miteinander geführt haben und in denen die Gegenden entlang der Autoroute de l’Est eine wesentliche und leidvolle Rolle gespielt haben. Das erste Hinweisschild nach Saarbrücken und letzte vor Paris sind denn auch die passende Einführung und der markante Schlusspunkt:

Schon kurz hinter der Grenze gibt es das erste historische Hinweisschild (Km 14 der A 320, die zur A 4 führt). Es bezieht sich auf  den Kampf um die Spicherer Höhen  im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871.

Schlusspunkt ist kurz vor Paris  das Hinweisschild auf das „Museum des Großen Krieges“ in Meaux, nahe der großen und kriegsentscheidenden Marneschlachten am Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs.

Insgesamt gibt es an der Autoroute de l’Est 16 solche  Hinweisschilder mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte: Und diese Schilder beziehen sich meist explizit auf Kriege: die Koalitionskriege während der Französischen Revolution, den deutsch-französischen Krieg 1870/1871, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  km 364
  3. Das Museum von Gravelotte (1870)    km 303                           
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)     km 293 
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)  km 274
  6. Saint Mihiel  (1914-1918) km 258   
  7. Verdun, Ville de Paix km 256 
  8. Die Voie Sacré (1916) km 243  
  9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235
  10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207
  11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)  
  12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148
  13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114
  14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113
  15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)  km 90                 
  16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Diese Hinweisschilder markieren unübersehbar die Autofahrt nach Paris. Sie erinnern an Bekanntes,  wecken Assoziationen, machen vielleicht auch neugierig. Ich habe sie zum Anlass genommen, jeweils –mehr oder weniger ausführlich- etwas zu den Orten mitzuteilen, auf die da verwiesen wird. Das sprengt zwar das-sowieso schon beträchtliche  übliche Format der Beiträge dieses Blogs. Aber es entsteht so ein wie ich hoffe anschaulicher und  informativer Begleiter für die Fahrt auf der Autoroute de l’Est. Und vielleicht regt er ja auch dazu an, auf dieser faszinierenden Reise durch die Geschichte an dem einem oder anderen der bezeichneten Orte anzuhalten  und sich selbst ein Bild zu machen. Interessante und geeignete Alternativen zu einer Fahrtpause in einer Autobahnraststätte bieten sich -angefangen mit Spicheren- damit auch an.

Dieser deutsch-französische Autobahn-Reiseführer ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Nach diesem über Verdun bis zur Voie Sacrée führenden ersten Teil wird in dem nachfolgenden Blog-Beitrag die weitere Fahrt bis über Reims nach Paris behandelt.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)

Die Spicherer Höhen bei Saarbrücken hatten im Krieg von 1870/71 und im Zweiten Weltkrieg eine strategische Bedeutung, weil von da aus das umliegende Gebiet von Saarbrücken bis Forbach kontrolliert werden konnte.  Die französische Armee, die am Anfang des Krieges von 1870/71  Saarbrücken besetzte, hatte sich auf dem festungsartigen „Roten Berg“ von Spicheren festgesetzt. Anfang August 1870 begannen deutsche Truppen den Angriff und eroberten mit hohen Verlusten die Spicherer Höhen.

Theodor Fontane, damals offizieller Kriegsberichterstatter der preußischen Armee, schreibt dazu: „Wichtiger als die strategische Bedeutung der Erstürmung der Spicherer Höhe war ihre moralische; wir hatten einen …. durch Zahl und Artillerie uns erheblich überlegenen Feind aus einer Stellung geworfen, die er selbst für uneinnehmbar angesehen hatte.“ [2]

Heute erinnern zahlreiche Ehrenmale an deutsche und französische Gefallene der damaligen Kämpfe.

Besonders herausgestellt wird dabei der –offensichtlich von französischen Hugenotten abstammende-  preußische Generalmajor Bruno von François, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen ums Leben kam. Am Fuße des Ehrenmals für das Hohenzollernsche Füsilier-Regiment Nr. 40 befindet sich ein Gedenkstein mit seinem –eingedeutschten- Namen.

Im Wald unterhalb der Anhöhe befindet sich sein umzäunter Sterbeort mit einem Gedenkstein. Dahinter das Ehrenmal für das von ihm kommandierte 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74.[3]

Heute sind die Spicherer Höhen ein beliebtes Ausflugsziel, das sich auch für eine historisch angereicherte  Rast auf dem Weg nach Paris anbietet.

Eine Tafel am Parkplatz erleichtert die Orientierung. Daneben liegt das traditionsreiche Restaurant Woll, von dessen großer Terrasse aus man einen schönen Blick auf die Erinnerungsstätte an die Schlacht vom 6. August 1870 und das Forbacher Becken hat.

Eine übersichtliche aber gute Karte. - Picture of Restaurant Woll, Spicheren  - Tripadvisor

Wenige Meter davon entfernt liegt ein kleiner deutscher Soldatenfriedhof mit Gefallenen aus den ersten Tagen des „Westfeldzugs“ und den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Auch da wieder waren die Spicherer Höhen umkämpft.

Praktische Informationen: Autoabfahrt Saarbücken/Goldene Bremm. Von dort aus erreicht man über die B 41/N3 Richtung Forbach und die Straße Zum Zollstock (beschildert) in wenigen Minuten die Spicherer Höhen

Das Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken

Am Fuß der hart umkämpften Spicherer Höhen liegt das Mockental.  Dort wurde unmittelbar nach der Schlacht auf Beschluss der Saarbrückener Stadtverwaltung eine gemeinsame Ruhestätte für die Gefallenen beider Nationen geschaffen, die den Namen „Ehrental“ erhielt. Bereits einen Tag nach der Schlacht wurden die ersten Kriegstoten  beigesetzt, denen bis April 1871 457 weitere folgten.  Später kamen noch Gräber für weitere ehemalige Kriegsteilnehmer hinzu.

Dies waren allerdings nicht die ersten Soldaten, die man im Mockental beigesetzt hatte. Bereits 1813  hatten französische Soldaten, die auf  dem Rückzug aus Russland in Saarbrücken verstorben waren,  hier ihre letzte Ruhe gefunden.

In Artikel 16 des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 verpflichteten sich die Regierungen Frankreichs und Deutschlands gegenseitig, die Gräber der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten zu respektieren und unterhalten zu lassen. Mit der Anlage des Ehrentals nahm die Stadt Saarbrücken diese Regelung bereits vorweg.

Insgesamt bietet der Friedhof ein sehr heterogenes Bild, das weniger militärisch-kriegerisch bestimmt ist. Üblich sind ja bei Gefallenenfriedhöfen, von denen wir auf der Fahrt nach Paris noch mehreren begegnen werden, strikte Regelungen in der Anordnung und einheitlichen Gestaltung der Gräber.  Auch im Tod liegen da die Soldaten meist übersichtlich geordnet auf offenen Feldern in Reih und Glied. Das ist im Ehrental ganz anders. Alte Bäume wie Eichen, Buchen, Winterlinden, Zypressen und Tulpenbäume, dazu natürlich das Efeu, und die Topografie des Wäldchens mit seiner ovalen Form tragen zum parkähnlichen Charakter bei.  Und dadurch, dass Hinterbliebene ihren Angehörigen individuelle Grabmale setzen konnten, trat ihr persönliches Gedenken gegenüber dem offiziellen bzw. militärischen in den Vordergrund: Das Ehrental ist der erste Friedhof für Gefallene des deutsch-französischen Krieges, möglicherweise sogar der erste Soldatenfriedhof in Deutschland.  Verbindliche Konzeptionen für eine solche Anlage gab es damals noch nicht.   Natürlich erinnern einzelne Symbole daran, dass hier Soldaten ihre letzte Ruhe fanden, wie dieses verwitterte Eiserne Kreuz mit Eichenlaub.

Daneben wurden aber auch die in der zivilen Grabgestaltung gebräuchlichen Formen und Symbole verwendet., die dem damaligen Zeitgeschmack entsprechen, aber auch damals eher ungewöhnlich waren..[3a]

Bestattet sind adlige Offiziere wie Maximilian Reichsfreiherr Roth von Schreckenstein, der Kommandeur des Rheinischen Ulanenregiments No 7, dem seine Familie das aufwändigste Grabdenkmal des kleinen Friedofs bauen ließ.

Es gibt aber auch Gräber einfacherer Soldaten wie das des Lehrers (nicht Gymnasialprofessors!) August Engler, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen am 6. August schwer verwundet wurde.

Im Ehrentag endgültig bestattet ist auch der General von François, der beim Sturm auf die Spicherer Höhen gefallen war.  

Sein Grabmal hat die damals beliebte Form einer abgebrochenen Säule, die sich wenige Schritte weiter auch bei einem französischen Grab: findet.

Bestattet ist hier der Lieutenant Achille St. Victor Fourcade, der am 6. August in Spicheren von einer Kugel in die Brust getroffen wurde, wie die Grabinschrift ausweist („a reçu une balle dans la poitrine“)

Dies ist ja auch eine Besonderheit dieses kleinen Friedhofs, dass deutsche und französische Soldaten, die auf den Spicherer Höhen gegeneinander gekämpft haben, hier gemeinsam bestattet sind.

Dieses große französische Grabkreuz in prominenter Lage erinnert insgesamt an die 1970/1871 gefallenen französischen Soldaten. Errichtet wurde es „parleurs Compatriotes“- aber offenbar war da ein deutscher Steinmetz am Werk, worauf die etwas eigenwillige französische Schreibweise hindeutet….

Auch eine Frau fand hier ihre letzte Ruhe: Katharine Weißgerber, genannt nach der „Herrschaft“, bei der sie als Dienstmagd beschäftigt war, ‚Schultze Kathrin‘. 

Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges half sie,  verwundete Soldaten aus der Gefechtslinie zu bergen und zu versorgen. Das waren zunächst Opfer des französischen Angriffs auf Saarbrücken unmittelbar nach der Kriegserklärung Napoleons III.  vom 19. Juli 1870, dann Opfer des preußischen Gegenangriffs und des Kampfes um die Spicherer Höhen.[3b]

Briefmarke der Saar-Post von 1956. (Erst am 1.1.1957 wurde das Saarland Bundesland der BRD)

Für ihr humanitäres Engagement wurde Katharine Weißgerber mit einem „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen“ ausgezeichnet, starb aber am 6. August 1886, dem Jahrestag der Schlacht,  arm und weitgehend vergessen. Immerhin erhielt sie einen Grabstein – den einzigen einer Frau im Ehrental- finanziert durch den Spendenaufruf einer Zeitung.

In der Nähe des kleinen Friedhofs für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 gibt es noch eine weitere Erinnerung an die unselige militärische Vergangenheit beider Länder: Einen Bunker des sogenannten Westwalls. Seit 1936 zog sich auch eine Höckerlinie durch das Gelände, das der Abwehr von Panzerangriffen dienen sollte.

Die Höcker wurden in der Nachkriegszeit beseitigt. Bunker und Friedhof sind heute Teil des Deutsch-Französischen Gartens, der aus der Bundesgartenschau von 1960 hervorging. Diese Bundesgartenschau firmierte als binationale
Veranstaltung. Die neue Park- und Freizeitanlage entstand als bleibendes Symbol einer dauerhaften Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.


2. Km 364: Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)      

Das Hinweisschild bei Kilometer 364 macht unübersehbar deutlich, dass es hier um einen amerikanischen Soldatenfriedhof geht: Die wohlgeordnete Menge der weißen Kreuze, die amerikanische Flagge und die Silhouette des amerikanischen Wappentiers.  Und in der Tat: Der Friedhof von Saint Avold (englisch: Lorraine American Cemetery and Memorial), um den es sich handelt, ist ein  amerikanische Soldatenfriedhof, und zwar sogar mit 10 489 Gräbern der größte US-amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges in Europa.[4]

Von dem  Belvedere mit dem im Vergleich zum Autobahnschild nicht ganz so imposanten Adler hat man einen eindrucksvollen Blick über das Gräberfeld mit den für die amerikanischen Militärfriedhöfe typischen Kreuzen aus weißem Marmor- manchmal sind es auch Davidsterne, die es übrigens auf den amerikanischen Soldatenfriedhöfen für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges noch nicht gibt.

Wie auf allen von der American Battle Monuments Commission (ABMC), dem Pendant zum Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge,  gebauten und betreuten Anlagen gibt es auch eine überkonfessionelle Kapelle, die hier dem Kampf um die Freiheit gewidmet ist.

Praktische Informationen: American Cemetery Saint-Avold – Fayetteville Avenue – 57500 Saint-Avold. Öffnungszeiten täglich von 9-17 Uhr. Über die Autobahnabfahrt Saint Avold und die D 633 in wenigen Minuten zu erreichen.

Ein paar hundert Meter weiter gibt es auf dem ebenfalls auf der linken Seite gelegenen Gemeindefriedhof ein  bescheidenes „carrée militaire allemande“   mit den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.[5]

3. km 303:  Gravelotte, der deutsch-französische Soldatenfriedhof, das Mausoleum  und das Museum (1870, 1905, 2014)   

Vom 14.- 18. August 1870 fand bei den westlich von Metz gelegenen Orten Gravelotte/Saint-Privat/Mars-la-Tour eine Schlacht zwischen französischen und deutschen Truppen statt. Der  deutsche Sieg, der zur Einkesselung der französischen Rheinarmee in der Festung Metz führte und deshalb eine erhebliche strategische Bedeutung hatte, war mit hohen Opfern erkauft. Theodor Fontane, der die preußischen Truppen als Kriegsberichterstatter begleitete, schrieb:

„Unser Gesamtverlust belief sich auf 904 Offiziere und 19,058 Mann, davon todt 310 Offiziere und 3905 Mann. Seit Leipzig war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hätte.“[6]

 Am Tag darauf telegrafierte der preußische König Wilhelm –und spätere Kaiser Wilhelm I.-  an Königin Augusta: „Meine Garde fand vor Saint-Privat ihr Grab.“[7]  Wilhelm legte deshalb auch großen Wert darauf, dass im Friedensvertrag von Frankfurt das von Soldatengräbern übersäte Schlachtfeld dem Deutschen Reich einverleibt wurde.

1895 wurde dort ein Aussichtsturm errichtet, von dem aus man das Schlachtfeld überblicken konnte. 1905 wurde er abgerissen und ein Mausoleum im neoromanischen Stil errichtet, das Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich einweihte.

Umgeben ist das Mausoleum von einem deutsch-französischen Soldatenfriedhof. Es gibt dort zahlreiche Grabstätten deutscher Offiziere, aber auch Massengräber unbekannter deutscher und französischer Soldaten. Zahlreiche Denkmale von dem Schlachtfeld wurden nach und nach dort hin verlegt.

Das Museum des deutsch- französischen Krieges 1870/1871 und der Annexionszeit wurde von dem Pariser Architekten Bruno Mader entworfen und  2014 eröffnet.

Der Stahl als hauptsächliches Baumaterial ist bewusst gewählt:  Es ist das Metall, aus dem auch die in der Schlacht verwendeten Säbel, Geschosse, Gewehre und Kanonen hergestellt wurden. Und die Patina entspricht der Zeit, die seitdem vergangen ist.

Das Museum zeichnet sich aus durch eine  konsequente deutsch-französische Perspektive. Für die dementsprechende ausgewogene Darstellung  bürgt allein schon der hochkarätig besetzte internationale wissenschaftliche Beirat mit französischer, deutscher und englischer Beteiligung.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch die sprachliche Gestaltung der Informationstafeln:  Handelt es sich um den Krieg und seine Vorgeschichte, steht am Anfang der französische Text, gefolgt von der deutschen Version (und einer englischen Kurzfassung). Sobald es allerdings um die Zeit zwischen 1871 und 1918 geht, als das Elsass und das Département  Moselle als Reichsland Elsaß-Lothringen Teil des Deutschen Reiches waren, ist das umgekehrt: zunächst der deutsche, dann der französische Text. Und inhaltlich ausgewogen ist sowohl die Darstellung der Vorgeschichte, wo das Interesse beider Seiten an dem Krieg herausgestellt wird, als auch die der „Annexionszeit“: Da werden auch soziale Fortschritte wie die Einführung des Bismarckschen Versicherungssystems angesprochen, auf die die Bewohner des Reichslands nach 1918 nicht verzichten wollten; genauso wenig wie auf das im Reichskonkordat geregelte Verhältnis zum Vatikan, das bis heute noch eine im zentralisierten laizistischen Frankreich außergewöhnliche regionale Besonderheit darstellt.

Sehr eindrucksvoll sind die deutschen und französischen Gemälde, in denen die Schlacht dargestellt wird, wobei  auch die schrecklichen Opfer auf beiden Seiten nicht ausgeblendet werden.

Hier ein Ausschnittaus dem  1897 entstandenen Gemälde Carl Röchlings  Schlacht von Gravelotte. Tod des Majors von Hadeln am 18. August 1870:

Der schon verletzte Major führt mit der Fahne in der Hand einen Trupp Soldaten des Rheinischen Infanterieregiments Nr.  69 gegen verschanzte Franzosen an. Wenige Augenblicke später wird er durch einen Schuss ins Herz getötet. Die Darstellung entspricht einerseits dem damals üblichen Heldenkult, andererseits wird aber auch in aller Deutlichkeit der Schrecken des Krieges gezeigt.

Auch der französische Maler Georges Jeanniot stellt in seinem Gemälde „Ligne de feu, souvenir du 16 août 1870  die Schrecken de Krieges dar, die er auf dem Schlachtfeld von Gravelotte am eigenen Leib erfahren hatte.

Eindrucksvoll sind auch die in dem Museum gezeigten Fragmente des Schlachten- Panoramas von Rezonville (Gravelotte). Es wurde in den 1880-er Jahren mit großem Erfolg in Paris präsentiert und diente dazu, die Erinnerung an die Opfer des Krieges und die verlorenen Provinzen  wachzuhalten. Wie sehr die blutigen Kämpfe in den Kämpfen um Gravelotte die Menschen in Deutschland und Frankreich bewegt haben, veranschaulichen zwei Gedichte, die in dem Museum vorgestellt werden: Ferdinand Freiligraths  Die Trompete von Gravelotte und Arthur Rimbauds  Der Schläfer im Tal (Le dormeur du val).

Insgesamt ein außergewöhnlicher Erinnerungsort des deutsch-französischen Krieges. Mehr dazu in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Praktische Informationen: 

Musée départemental de la guerre de 1870 et de l’annexion   11, rue de Metz, 57130 Gravelotte

Gravelotte liegt westlich von Metz an der D 603

Öffnungszeiten des Museums 2020: Vom 8. Februar bis 13. Dezember
Dienstag bis Sonntag 10-13 Uhr und 14-18 Uhr. Montags und am 1. Mai  geschlossen.

4. km 293: Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)      

Dass auf  das Fort de Fermont hingewiesen wird, ist etwas ungewöhnlich, weil es etwa 45 Kilometer von der nächstgelegenen Autobahnabfahrt entfernt liegt, also die eigentlich gesetzte Obergrenze deutlich überschreitet.  Zu erklären ist das wohl damit, dass es sich um ein ganz besonderes Bauwerk handelt: Es ist nämlich eines der sogenannten „gros ouvrages“, der großen Festungsbauwerke, der Maginot-Linie, die in den Jahren zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Das Fort Fermont rühmt sich zudem damit , „unbesiegt“ zu sein, also den Angriffen der Wehrmacht standgehalten zu haben[8], und schließlich ist das Fort zusammen mit einem neuen Museum  für Besucher zugänglich.

Eingang der Festung

Ein Besuch ist allerdings nicht nur wegen der Entfernung zur Autobahn etwas kompliziert, sondern er muss auch genau geplant werden, weil er nur im Rahmen einer  Führung möglich ist, für die eine vorherige Anmeldung sinnvoll ist. Was die Besucher erwartet, skizziert das zuständige Tourismus-Büro:  „Während der zweistündigen Besichtigung des Forts Fermont können die Besucher die sieben, durch unterirdische Gänge verbundenen Kampfblöcke, die Ausstattungen und Waffenausrüstungen entdecken. Nach dem Munitionslager steigen Sie an Bord einer kleinen elektrischen Feldbahn, um eine 30 Meter unter der Erdoberfläche liegende Artilleriekasematte zu entdecken.“

 „Anschließend erreichen Sie das Krankenrevier, die Kaserne oder auch die elektrische Fabrik mit den rekonstruierten Szenen. In den Oberbauten kann man die anderen Blöcke mit einem 75-mm-Geschützturm in Block 1 und auf einer Fläche von mehr als 1.000 m² ein Museum über das Armeematerial der Maginotlinie erkunden, sowie eine einzigartige Ausstellung mit versenkbaren Geschütztürmen und zahlreichen Artilleriestücken.“[9]

So eindrucksvoll diese Festungsanlage auch ist: Der militärische Nutzen der mit großem Aufwand errichteten Maginot-Linie war minimal.  Die meisten Festungsanlagen wurden 1940 beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Frankreich umgangen, so dass die dort stationierten Soldaten fest saßen und tatenlos zusehen mussten, wie ihre Armee überrannt wurde. Die Maginot-Linie war insofern ein Schlüssel der französischen Niederlage: Ein Großteil der französischen Divisionen verharrte an der Maginot-Linie und konnte nicht in die entscheidenden Kämpfe eingreifen. [10]

Praktische Informationen:

Das Fort liegt an der D 174 zwischen Beuveille und Fermont. Von der Autoroute de l’Est Abfahrt 34 St. Marie aux Chênes. Auf der D 643 bis Beuveille, von dort auf der D 174 Richtung Fermont.  Allerdings sind das knapp 45 Kilometer.  Statt dieselbe Strecke wieder zurückzufahren, bietet sich die Weiterfahrt über Etain, Verdun und die Voie sacrée bis zur Autobahnauffahrt 30 an.

Öffnungszeiten: siehe https://www.fort-de-fermont.fr/ 

Telefon: 0033 (0)3 82 39 35 34

5. km 274: Das Schlachtfeld von Les Éparges (1914-1918)   

Bei Kilometer 274 steht neben friedlich grasenden Kühen dieses Schild, das auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges hinweist. Kurz danach ein weiteres Schild:

Les Éparges bezeichnet einen Höhenzug südöstlich von Verdun, der im September 1914 im Zuge des dann gescheiterten Angriffs auf die Festung Verdun von deutschen Truppen besetzt wurde. Der Höhenzug dominiert die Ebene von Woëvre die sich zur (damals deutschen) Festung hinzieht und damit strategische Bedeutung hat. Les Éparges ist Teil des Frontbogens (le saillant) von Saint Mihiel, um den es im nachfolgenden Abschnitt geht. [11]

Aufgrund dieser besonderen Lage des Höhenzuges  beschloss die französische Armeeführung seine Rückeroberung. Vom Angriffsbeginn am 17. Februar bis zum  April 1915 tobten heftigste Kämpfe:  Ständige Angriffe und Gegenangriffe, kleine Geländegewinne, die dann wieder verloren wurden, Hunger, Kälte, völlig verschlammte Schützengräben, pausenloser Artilleriebeschuss und Tausende und Abertausende Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten.

Deutscher Schützengraben von Les Éparges[12]

Es war „schlimmer als die Hölle. All das ohne entscheidenden Sieg und mit keiner anderen Konsequenz als die Anhäufung von Leichen, von entstellten Gesichtern, von im Schlamm vergrabenen Köpfen, zerschossenen Bäumen, verwüsteten Landschaften.“[13]

Es gibt verschiedene Denkmäler, die im Andenken an die Kämpfe und Kämpfer errichtet wurden. Das Denkmal auf dem Point X, dem besonders umkämpften Punkt des Höhenzuges von Les Éparges, ist denen gewidmet, „die kein Grab haben“. Insgesamt wurden die Körper von 10 000 der in Les Éparges gefallenen 50 000 Männer nicht gefunden.[14]

Einer der Kämpfer auf französischer Seite war Maurice Genevoix, der  am 25. April 1915 verwundet wurde und seine Kriegserfahrungen in mehreren Büchern niederschrieb, die er unter dem Titel „Ceux de 14“ (Die von 14) zusammenfasste. Eines dieser Bücher trägt den Titel Les Éparges.

 Vor dem Rathaus von Les Èparges wurde dem Schriftsteller ein Denkmal errichtet.

Auf dem Sockel folgendes Zitat: „Ce que nous avons fait c’est plus qu’on ne pouvait demander à des hommes et nous l’avons fait.“   („Das, was wir gemacht haben, ist mehr als das,  was man von Menschen erwarten konnte, und wir haben es gemacht.“)

Am 11. November 2020 wurden die sterblichen Überreste von Genevoix in das Pariser Pantheon überführt und mit ihm –in einem symbolischen Akt- auch Ceux de 14.

Mehr zu Genevoix und seiner Pantheonisierung  in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

 Am selben Tag wie Genevoix wurde auch –auf der anderen Seite der Front-  Ernst Jünger in Les Éparges verwundet, der seine Erfahrungen in dem Buch In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers verarbeitete.  Ein Abschnitt darin ist mit Les Eparges überschrieben. Obwohl Jünger den Kampf heroisierte  und er die Aura des todesmutigen und kaltblütigen Truppenführers pflegte, hat er angesichts der mörderischen Kämpfe von Les Èparges doch auch Schwäche gezeigt:

Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen. Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen. Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz einfach Angst, blasse, sinnlose Angst.[15]

Der Höhenzug ist noch heute von den Spuren der Kämpfe gezeichnet, vor allem von den großen Kratern der Minen, die bis zum Kriegsende dort auf beiden Seiten eingesetzt wurden. [16]

Le saillant de Saint Mihiel, Les Eparges, Site de la crête de Les Eparges. Cratères de mines et terre labourée par les milliers d’obus tombés ici.

Am Fuß des Höhenzuges von Les Éparges liegt der Cimetière Militaire du Trottoir, wo französische Opfer der Kämpfe bestattet sind. Dazu gehört auch Robert Porchon, der Kampfgefährte von Maurice Genevoix, der ihm „Sous Verdun“, den ersten Teil von „Ceux de 14“,  gewidmet hat und durch den Robert Porchon zum „bekanntesten Soldaten des Großen Krieges“ geworden ist.[17] Der Name des Friedhofs stammt aus der Kriegszeit: Die Toten wurden, solange sie in dem Morast nicht bestattet werden konnten, zunächst auf Holzrosten abgelegt, die sonst als Gehsteige (trottoir) genutzt wurden.

Praktische Informationen:

Von der A 4 Abfahrt 32.  D 908. Ab Fresnes en Woevre  auf der D 203 nach Les Éparges (ca 10 km).  Von dort über die D 203 A und den Cimetière Militaire du Trottoir  zum Point X

6. km 258:   Saillant de Saint – Mihiel  (1914-1918)    

Saillant de Saint-Mihiel: Das ist ein nach Westen vorspringender Frontbogen, der 1914 entstanden war, als die deutsche Armee vergeblich versuchte, die Festung Verdun einzuschließen.  1915 versuchte  die französische Armee durch die Angriffe bei Les Éparges vergeblich, diesen Frontbogen zu begradigen.  So blieb der von bayerischen Truppen eroberte Brückenkopf von Saint – Mihiel auf der westlichen Seite der Marne noch bis September 1918  in deutscher Hand.                   

Hier eine Karte der Westfront nach dem Beginn des Stellungskrieges. In der Mitte ist der Frontbogen von Saint-Mihiel deutlich zu erkennen.[18]  Das Gebiet um Saint-Mihiel wird von deutschen und französischen Schützengräben und Stellungen durchzogen. Hier ein Bild der Tranchée du saillant de Saint-Mihiel  auf französischer Seite….



und Reste vom „Schützengraben des Hungers. Die dort eingesetzten französischen Soldaten mussten sich im Mai 1915 aus Wassermangel ergeben: Sie waren nahe daran zu verdursten.

…. und ein von bayerischen Pionieren errichteter befestigter Unterstand beim bayerischen Schützengraben.

1918 nahmen amerikanische Truppen den schon teilweise geräumten Frontbogen ein. Ihnen zu Ehren wurde 1937 auf einem Hügel in der Nähe des Lac de Madine das Montsec American Monument errichtet.[19]

7. km 256: Verdun, Ville de la Paix  

Auf diesem Schild wird Verdun als „Stadt des Friedens“ vorgestellt.  Unter dem Regenbogen und der Friedenstaube ist das Weltzentrum des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte (Centre Mondial de la Paix, des Libertés et des Droits de l’Homme) abgebildet, das sich im prächtigen Bischofspalast von Verdun befindet.[20]

Zu dem Programm des Zentrums gehören Ausstellungen zur kriegerischen Vergangenheit, aber auch Veranstaltungen wie die deutsch-französische und europäische Woche im Oktober 2020, die einen Beitrag zur europäischen Verständigung leisten.

Praktische Informationen:

Weltzentrum des Friedens:

Palais épiscopal,  Place Monseigneur Ginisty
55105 VERDUN   Tel.  +33 (0)3 29 86 55 00

Öffnungszeiten siehe  https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

Dass es gerade Verdun ist, das seine Rolle als  Stadt des Friedens sieht, hängt natürlich mit seiner ganz und gar nicht friedlichen Vergangenheit zusammen. Verdun steht ja, wie kaum ein anderer Ort, für die Grauenhaftigkeit des Ersten Weltkrieges, seine Materialschlachten und die unermesslichen Opfer, die dieser Krieg auf beiden Seiten verursacht hat.

Das wird auf dem Autobahnschild auf der anderen Seite der Autoroute de l’Est angesprochen,  wobei –wie auch auf dem schon abgebildeten Schild zum Frontbogen von Saint-Mihiel  (Nummer 6) auf der Südseite- Verdun zusammen mit dem Argonnen-Wald genannt wird.  Der Wald der Argonnen war nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Rückzug der deutschen Truppen an der Marne ein während der gesamten Kriegszeit umkämpft bis hin zu der hauptsächlich von den amerikanischen Interventionstruppen vorgetragenen großen Maaß-Ardennen-Offensive vom September bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918.  

Zu den Kriegsschauplätzen in diesem mittleren Abschnitt der Westfront gehörten auch die Kämpfe von Les Éparges, des Frontbogens von Saint-Mihiel und vor allem von Verdun.[21] Diese Festung wurde von der deutschen Heeresleitung als Angriffsziel ausgewählt, um die französischen Truppen entscheidend zu schwächen und damit ein Kriegsende unter Wahrung der deutschen Interessen zu erzwingen. Vom Februar bis Dezember 1916 wurde gekämpft- Inbegriff der industrialisierten Materialschlachten des Weltkriegs: Mit rund 1200 Kanonen, darunter den überschweren 42-cm-Geschützen vom Typ „Dicke Bertha“ verschossen die Deutschen weit über eine Million Tonnen Stahl auf die französischen Stellungen- und die Franzosen etwa die gleiche Menge gegen die deutschen Positionen. Eine solche Konzentration an Feuerkraft hatte es in der Kriegsgeschichte bis dahin nicht gegeben. Das vom deutschen Generalstabschef von Falkenhayn geplante „Ausbluten“ oder „Weißbluten“  der französischen Armee fand aber nicht statt: Die Verluste auf beiden Seiten waren immens.  So wurde die  „Hölle“ oder „Knochenmühle von Verdun“ zum Inbegriff eines letztlich sinnlosen Kampfes.[22] 

Für Frankreich wurde Verdun nach dem Krieg zum wichtigsten nationalen Erinnerungsort, zu einem Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen einen Aggressor. Verdun bot sich aus mehreren Gründen dafür an: Hier gibt es –anders als bei der Marneschlacht- einen geographisch begrenzten und durch eindrucksvolle Monumente wie die umkämpften Forts und anschauliche Spuren des Krieges gekennzeichneten Raum. Dazu kommt,  dass es sich bei der Verteidigung  Verduns um eine rein französische Angelegenheit handelte, an der keine Verbündete beteiligt waren. Und schließlich trug auch das  von General Pétain, dem Verteidiger und „Sieger Verduns“,  eingeführte System der Truppenrotation zur Ausnahmestellung Verduns bei:  Dieses  von ihm als Noria (Schöpfrad) bezeichnete System bedeutete, dass  jede große Einheit nur einmal für eine begrenzte Zeit in Verdun eingesetzt werden sollte, um die Belastung der Truppen zu reduzieren und ihre Moral aufrecht zu erhalten. So war die Mehrheit der französischen Armee an der Verteidigung Verduns beteiligt, und damit auch indirekt ein großer Teil der französischen Bevölkerung insgesamt.

Es gibt zahlreiche Erinnerungsorte an diese mörderischen Kämpfe um Verdun. Da ist vor allem das Beinhaus von Douaumont (Ossuaire de Douaumont).  Es liegt  etwa 5 km nordöstlich von Verdun auf dem Gelände der im Krieg völlig zerstörten gleichnamigen Ortschaft und in der Nähe der ebenfalls gleichnamigen Festung, die während der Kämpfe um Verdun heftig umkämpft war. Das Beinhaus besteht aus einem wuchtigen Sockel, einem sinnbildlichen Damm, den die Verteidiger gegen die Eindringlinge in ihr Land errichtet hatten, ähnelt aber tatsächlich eher einem Bunker. Der 46 Meter hohe Glockenturm, der das ganze Plateau dominiert, ist „eine riesige Grabstele: Das Beinhaus ist ein ungeheures Totenmal.“[23]

Auf dem Friedhof ruhen 16.142 französische Soldaten, die in den Kämpfen um Verdun umgekommen sind.  In dem Beinhaus sind die sterblichen Überreste von 130 000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt. Dass so viele Tote nicht identifiziert und weder der eigenen oder der feindlichen Armee zugeordnet werden konnten, veranschaulicht eindringlich das Ausmaß der Kämpfe. So musste man notgedrungen die sterblichen Überreste von Franzosen und Deutschen hier zusammen aufbewahren.

In der Umgebung sind die Spuren der Kämpfe  – Bombentrichter, Schützengräben und Befestigungsanlagen- immer noch sichtbar; und die Reste der in der „zone rouge“ zerstörten und nicht wiederaufgebauten Dörfer wie Fleury-devant-Douaumont.

Im September 1984  trafen sich der damalige Staatspräsident François Mitterand und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Douaumont, um an diesem symbolischen Ort  die deutsch-französische Versöhnung und Freundschaft zu bekräftigen.

Vor dem Beinhaus wurde eine Gedenkplatte mit folgender Inschrift (in französischer und deutscher Sprache)  installiert. Sie trägt folgende Inschrift[24]:

Auf diesem französischen Soldatenfriedhof trafen sich am 22. September 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Völker der französische Staatspräsident und der deutsche Bundeskanzler. Sie legten im gemeinsamen Gedenken an die Toten beider Weltkriege Kränze nieder und erklärten:

„Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“

François Mitterrand und Helmut Kohl

Zu den Spuren der Kämpfe gehört auch der ebenfalls in der Nähe gelegene sogenannte Bajonettgraben (Tranchée des baïonettes) und die entsprechende Gedenkstätte, die  ein anschauliches Beispiel für den Erinnerungskult von Verdun ist.[25]

Zur Erinnerung an die französischen Soldaten, die aufrecht mit dem Gewehr in der Hand in diesem Schützengraben ruhen.

Am Ursprung dieser Gedenkstätte steht ein ganz konkretes Ereignis: Es handelt sich um einen Grabenabschnitt, der vom 10.-12. Juni 1916 unter heftigem Artilleriefeuer verteidigt wurde, wobei die meisten Männer fielen. „Zuerst wurde dieser Schützengraben unter dem Namen Tranchée des fusils bekannt, entweder weil einige am Grabenrand abgestellte Gewehre trotz der vom Artilleriebeschuss aufgewühlten Erde auch danach noch sichtbar blieben, oder weil einige Soldaten sie aufgestellt hatten, um in aller Eile ein Gemeinschaftsgrab zu kennzeichnen.“  Daraus entwickelte sich dann aber schnell die Legende, die Soldaten seien lebendig und aufrecht stehend begraben worden, während sie mit aufgepflanztem Bajonett auf einen Angriff des Feindes warteten.[26]

Dass es sich bei der Legende um den Bajonett-Graben um eine „fromme Lüge“ handelt, ist inzwischen unbestritten: Granaten können einen Schützengraben nicht zuschütten, und Bajonette kamen höchstens bei einem Angriff zum Einsatz. Aber die heroische Version der Geschichte passte zu dem Bild, das viele im Hinterland und die Kriegs-Touristen der Nachkriegszeit  sich von Verdun machten.  So vereinigten sich hier Legende und Geschichte.[27]

In der Nähe des Beinhauses von Douaumont liegt das Mémorial de Verdun.  Die Gedenkstätte wurde 1967 auf Initiative von Maurice Genevoix, des  2020 pantheonisierten Autors des Kriegsromans „Ceux de 14“ eingerichtet.[28]

2016  wurde es nach längerer Umbauphase zum 100. Jahrestag des Beginns der Schlacht um Verdun neu eröffnet. Es ist nicht mehr, wie vorher, eine „nationale Weihestätte“, sondern eine beeindruckende Präsentation der historischen Hintergründe und Ereignisse in deutsch-französischer Perspektive.

Mehr dazu im Blog-Beitrag über Verdun und die neue Gedenkstätte: 

https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

Praktische Informationen:

Adresse: 1, avenue du Corps européen. Fleury-devant-Douaumont

Anreise von Paris A 4, Ausfahrt 30: Voie sacrée Richtung Verdun. Ab: Beschilderung Richtung  Champ de Bataille/Vaux-Douaumont

Anreise von Metz: Ausfahrt 31, Richtung Verdun und dann s.o.

Öffnungszeiten und weitere Informationen:   http://memorial-verdun.fr/de/ 

8. km 243: Die Voie Sacrée (1916)   

Für die  Voie Sacrée (Der Heilige Weg) gibt es an der Autobahn kein touristisches Hinweisschild, sondern nur ein Schild an der Ausfahrt 30 mit der entsprechenden  Bezeichnung.  Das ist außergewöhnlich, weil hier ja nicht wie sonst üblich Orte angegeben sind, die man über die jeweilige Ausfahrt erreicht,  sondern eine mit einem religiös überhöhten Namen versehene Straße. Die allerdings ist wohl den meisten Franzosen bekannt, denn sie war während der Kämpfe um Verdun die einzige Verbindung zwischen der Festungsanlage und dem Hinterland. [29]

Die Straße, die Bar-le-Duc mit Verdun  (bzw. dem  kurz davor liegenden Moulin Brûlé) verband,  war somit eine überlebenswichtige Verkehrsader, über die während der sechsmonatigen Kämpfe Tag und Nacht wie am Fließband im 13-er Sekunden-Takt hunderttausende Soldaten und tausende Tonnen Munition und anderer Nachschub an die Front und die erschöpften Bataillone  und die Verwundeten wieder in die Etappe zurück transportiert wurden. Fast 9000 Lastwagen waren dazu im Einsatz.

Um die Straße auch im Frühjahr für diesen massiven Verkehr tauglich zu halten, waren tausende Arbeiter und Soldaten im Einsatz und mehrere Steinbrüche  wurden in ihrer Nähe angelegt.

Nach dem Krieg wurde die Straße  in das Netz der französischen Nationalstraßen aufgenommen- allerdings nicht wie üblich mit einer Nummer, sondern – in Anlehnung an die römische Via sacra- mit dem auf den nationalistischen Schriftsteller Maurice Barrès zurückgehenden  Namen Voie Sacrée,  und es wurden an jedem Kilometer Gedenksteine  errichtet.

Heute ist die Straße eine Route Départementale (RD), die nun eine Nummer hat, allerdings eine  auf die Geschichte der Straße verweisende, nämlich 1916.

8 Kilometer vor Verdun endete die Voie Sacrée auf der Anhöhe  des Moulin Brûlé, die noch außerhalb der Reichweite der deutschen Artillerie lag. Den Weg zur Front legten die Soldaten dann zu Fuß zurück.  An dieser Stelle wurde 1967 das  Mémorial de la Voie sacrée errichtet.  

Es erinnert an all die, die während der Schlacht um Verdun die Verbindung zwischen Front und Hinterland sichergestellt haben. [30]

Im nachfolgenden Blog-Beitrag werden die weiteren auf dem Weg nach Paris angezeigten Erinnerungsorte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte vorgestellt:

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207

11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)    km 174

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Teil 2:   https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/


Anmerkungen:

[1] https://www.groupe.sanef.com/sites/default/files/2020-06/Communiqu%C3%A9%20de%20presse%20Sanef%20_%20panneaux%20culturels%20Bas%20Rhin_%20juin%202020.pdf

Quels sont les secrets des pannaux ‚marrons‘?  Quest-France, 28. Juli 2017  https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/5261/reader/reader.html#!preferred/1/package/5261/pub/7227/page/7

[2] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S. 219

[3] Sein Grab befindet sich auf dem Ehrenfriedhof des Deutsch-Französischen Gartens in Saarbrücken. Die Grabinschrift lautet: „Er fiel von fünf feindlichen Kugeln getroffen im siegreichen Vorgehen bei Erstürmung der Spichernberge am 6. August 1870. Rosse werden zum Streittage bereitet aber der Sieg kommt vom Herrn. Spr. Salm. 21,31“

[3a] Siehe dazu:  Bernd Loch, Der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken. Geschichte und Führer. Saarbrücken 2000 und Gerhild Krebs, Deutsch-Französischer Garten. In: http://www.memotransfront.uni-saarland.de/pdf/dtfrz_garten.pdf

[3b] Bild der Briefmarke aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharine_Wei%C3%9Fgerber#/media/Datei:Saar_1956_370_Historischer_Verbandsplatz_bei_Saarbr%C3%BCcken.jpg

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.tourismus-lothringen.de/gedenken/1939-1945-und-die-maginotlinie/statten-und-denkmaler/892140128-cimetiere-militaire-americain-saint-avold

[5] Bild aus: https://www.verdunbilder.de/friedh%C3%B6fe-einzelgr%C3%A4ber/st-avold/

[6] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S.328

[7] https://histoire-image.org/de/etudes/der-friedhof-von-saint-privat

[8] Festungswerk fermont maginot-linie – Lorraine Tourisme (tourismus-lothringen.de)Fermont, das unbesiegte Festungswerk

[9] https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/fort-fermont-522.htm   Siehe auch:  https://www.reisen-in-die-geschichte.de/archiv/archivtxt/fermont.htm  Fotos  zum  Fort bei: http://danoize-pics-n-arts.de/?gallery=gros-ouvrage-de-fermont und https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Vorausgehendes Bild von dem touristischen Zug  https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Nachfolgendes Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Maginot-Linie#/media/Datei:Fort_de_Fermont_-_Ligne_Maginot_%C3%A1_Longuyon_(F).JPG

[10] Siehe: Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt: wbg 2020, S. 129/130 und https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article141926739/Der-ruhmlose-Untergang-der-Maginot-Linie.html https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/aussenpolitik/maginot-linie.html

[11] Karte aus: https://www.morthomme.com/st-mihiel.html

[12] http://memorial-verdun.fr/de/bildungsbereich/die-themenbesichtigungen-in-les-eparges

[13] Bruno Frappa, La Croix, 9. Okt 2013. Nachdruck: https://www.la-croix.com/Culture/Livres-et-idees/Maurice-Genevoix-temoin-saisissant-Grande-Guerre-2018-11-04-1200980706. Siehe die ausführliche Darstellung bei https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_des_%C3%89parges und das dortige Résumée: „pour des résultats quasi nul“. Das Ziel, die Deutschen zurückzuschlagen und auf dem Höhenzug französische Artillerie zu stationieren, wurde jedenfalls nicht erreicht.

[14] Bilder aus:  https://www.maas-tourismus.com/de/100-jahre-erster-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas/die-schlachtfelder-von-saint-mihiel-les-eparges-und-der-woevre.html

[15] https://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm

[16] https://www.maas-tourismus.com/de/entdecken/in-die-geschichte-eintauchen/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas.html                                      

[17] Siehe: Robert Porchon, Carnet de Route . La Table Ronde 2008

[18] https://www.wikiwand.com/de/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

[19] https://en.wikipedia.org/wiki/Montsec,_Meuse#/media/File:Montsec_monument.jpg

[20] Bild aus: https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

[21] Aus der unübersehbaren Literatur zu Verdun siehe Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs . München 2005, S. 252- 278 und für den Gesamtzusammenhang: Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rosohlt 2013, S. 413ff,  auf die vor allem ich mich im Folgenden beziehe.

[22] Über die Höhe der Verluste auf beiden Seiten variieren die Angaben  völlig.  Winkler nennt  320 000 französische  und  280 000 deutsche Opfer.  Nach Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte  Bd 4 (Stuttgart 1965, S. 34) waren die Verluste auf beiden Seiten „ungeheuer und etwa gleich hoch“.

[23] Prost, S. 268

[24] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Beinhaus_von_Douaumont

[25] Bild aus:  http://douar-nevez.eklablog.com/verdun-la-tranchee-des-baionnettes-a79044393

[26] Prost, S. 263/264  Bild des Grabens: https://de.wikipedia.org/wiki/Tranch%C3%A9e_des_Ba%C3%AFonnettes

[27] Prost, S. 263

[28] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

[29] https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)     

[30] Bilder aus:  https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)  und https://www.tourism-lorraine.com/remembrance/world-war-1-centenary/sites-and-monuments/750000492-la-voie-sacree-nixeville-blercourt

Weitere geplante Beiträge:

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims nach Meaux/Paris

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Verdun 1916 – 2016: die neue Gedenkstätte/le nouveau mémorial

Im Februar dieses Jahres wurde – zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun das neu gestaltete  Museum eröffnet. Die offizielle Eröffnung findet am 29. Mai In Anwesenheit von Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel statt. Wir haben  es uns angesehen. Es gibt Bilder und  Eindrücke von unserem Besuch und dazu  einen Beitrag über das neue Mémorial aus dem Deutschland-Radio.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun veröffentlichte die Zeitung  Libération  einen Leitartikel ihres Chefredakteurs Laurent Joffrin:  „Verdun, le crime nationaliste“ – „Verdun, das  nationalistische Verbrechen“. Ich finde diesen Text ganz hervorragend, unter anderem,  weil er die einzig richtigen Konsequenzen aus dem damaligen Gemetzel zieht: nämlich die unbedingte Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Leider muss und kann man diese  Wahrheit ja derzeit gar nicht oft und intensiv genug verbreiten

Ich habe schließlich noch ein  kleines Referat angefügt, das ich im Mai 2014 auf einer Veranstaltung in Paris gehalten  habe, auf der es um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ersten  Weltkriegs in Deutschland und Frankreich ging.

Die regards croisés sur la première guerre mondiale, aber nicht nur über ihn, sind ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das auch 100 Jahre nach Verdun wieder besondere Aktualität hat. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die gleichzeitig in Deutschland und Frankreich publizierten Bücher eines bewährten deutsch-französischen Autorentandems zum 100. Jahrestag von Verdun:

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Die Texte dieses Beitrags sind zum Teil in deutscher, zum Teil in französischer Sprache geschrieben. Das passt meines Erachtens gut zu einem solchen lieu de mémoire franco-allemande.

(21. Mai 2016)

 

Das neue Memorial von Verdun       

                                                                                                                                                              Am 29. Mai 2016 wurde  anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Verdun das neu gestaltete Mémorial von Staatspräsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel  offiziell eröffnet. Die Schlacht von Verdun war keinen Falls die blutigste des Ersten  Weltkrieges- An der Somme im Norden Frankreichs starben allein auf alliierter Seite 620 000 Soldaten (vor allem Briten) – in Verdun starben weniger Menschen: etwa 160 000 Franzosen und 143 000 Deutsche, und sie starben –auch nach Maßstäben des militärischen Kalküls- einen sinnlosen Tod: Der Frontverlauf vor und nach der Schlacht war fast unverändert.  Aber Verdun ist für die Franzosen ein Mythos: des heldenhaften Soldaten, des poilu,  der sein Vaterland verteidigt, und seien die Opfer auch noch so groß. Und nirgends sonst war der Schrecken der Materialschlachten, der „Stahlgewitter“, so ungeheuerlich wie in Verdun: Das kleine Bauerndorf Fleury im Festungsgürtel von Verdun wurde mit Bomben einer Sprengkraft beschossen, die der von zehn Atombomben entsprechen. Und es wurde 16 Mal –von der einen oder anderen Seite- hin und her- erobert![1]

Verdun ist aber auch ein markanter Ort der deutsch-französischen Freundschaft, der Versöhnung der sogenannten „Erbfeinde“. In Verdun reichten sich 1984 François Mitterand und Helmut Kohl die Hand – eine wunderbare symbolische Geste, ähnlich der des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Und kein Ort wäre dazu besser geeignet gewesen als Verdun: In dem Ossuaire von Douaumont liegen die Gebeine von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Eine Trennung der Nationalitäten wie auf den Soldatenfriedhöfen der Normandie aus dem zweiten Weltkrieg war hier vielfach nicht mehr möglich. Auch wenn das eindrucksvolle Beinhaus von Douaumont dem Andenken und der Erhöhung der französischen Gefallenen gewidmet war: Der Blick durch die verstaubten Fensterchen ins Innere, in das Gewirr der zusammengeworfenen Knochen, zeigt: Im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich und vereint.

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Blick auf das Beinhaus von Douaumont von der Dachterrasse des Mémorial

Die neue Konzeption des Mémorial macht das deutlich. Es ist nicht mehr –wie bisher- ein patriotischer“ lieu franco-français“, sondern er versteht sich als „lieu de mémoire franco-allemand“ (Lorrain). Dass Merkel und Hollande gemeinsam dieses neue Mémorial eröffnen, ist also nur konsequent. Ebenso, dass an dieser Einweihungsfeier auch 4000 deutsche und französische Jugendliche aus allen Départements und Bundesländern teilnehmen werden. Und es wird auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra  dabei sein, in dem junge Musiker aus der nahöstlichen Konfliktregion gemeinsam musizieren. Ein starkes Symbol – und Ausdruck der Hoffnung, dass so, wie die Versöhnung der „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland möglich war, in Zukunft auch einmal Israel und Palästina, Juden und Moslems, friedlich neben- und miteinander werden leben können- auch wenn das derzeit kaum noch vorstellbar ist.   

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Der neue Eingang des Mémorial- neben dem Geschütz im Kellergeschoss

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Der frühere monumentale Eingang des Mémorial

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Nicht nur im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich:  Auch „im Feld“. Das wird in der Ausstellung vielfach veranschaulicht. Etwa am Beispiel der Verpflegung durch die  Feldküchen, von denen eine französische und eine deutsche (im Bild) ausgestellt sind.

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Und dazu gibt es einen typischen Wochenspeiseplan für beide Seiten:

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Montags:

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Mittwochs:

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Freitags:

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In dem Mémorial wird auch versucht, akustisch und visuell die Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. Man sieht auf dem virtuellen Schlachtfeld Soldaten beim Sturmangriff, man hört die Explosionen der Granaten und die Schreie der Verwundeten.

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Ich weiß allerdings nicht, ob das heutige Jugendliche mit virtuellen Kriegsspiel-Erfahrungen noch beeindrucken kann. Vielleicht hätte man ihnen –und uns- Bilder der verstümmelten Gesichter von Soldaten nicht ersparen  sollen, die die Hölle von Verdun als Krüppel  überlebt haben. Damit haben Pazifisten in der Weimarer Republik ja schon einmal versucht, ihrem Ruf „Nie wieder Krieg!“ mehr Resonanz zu verleihen– damals allerdings vergeblich.[3]

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Sehr eindrucksvoll sind allerdings die ausliegenden Blätter mit Zeugnissen französischer und deutscher Soldaten: Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen, die in Französisch, Deutsch und Englisch wiedergegeben sind.

Einige Beispiele:

Lieutenant J.-P. (France 1916): „Le bombardement dans les journées du 25 et du 26 février, a atteint une violence qui a dépasée peut-1etre celle des plus mauvais jours. Le front d’attaque s’était, en effet, rétréci; toute la force de l’artillerie ennemie pouvais se porter sur l’obstacle restreint dont elle voulait triompher: le fort de  Douaumont d’abord, puis le village de Douaumont. Les obus tombent, tombent, les tranchées s’effondrent, les cadavres s’entassent, le tumulte des éclatements martèle les cerveaux, le sol bout, le ciel se disloque. Qui pourra jamais fixer sur la plaque photographique le tourbillon des pensées, des craintes, des espoirs fous, des terreurs, des regrets, des projets, des détresses dans le cerveau du dondamné coduit à l’échafaud? Ce martyre de quelques minutes, multipliez-le par des heures, multipliez-le  par des jours, et vous aurez une idée de ce que fut la vie  des défenseurs de Douaumont sous cette artillerie saisie de delirium tremens.“

 

8. April 1916 (Unbekannter Oberleutnant aus Deutschland. Getötet am nächsten Tag):„Meine liebe Schwester, mein lieber Schwager, ich bin bei guter Gesundheit, auch wenn ich vor Müdigkeit und Schrecken halb tot bin. Ich kann Euch nicht alles beschreiben, was ich hier erlebt habe, es überstieg bei weitem alles, was bisher passiert war. In drei Tagen hat die Kompanie mehr als hundert Mann verloren. Und viele Male habe ich nicht gewusst, ob ich noch am Leben oder bereits tot bin. Und wir sind noch nicht beim Feind angekommen, doch wir gehen morgen hin, und dies ist keine einfache Sache. Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Euch wiederzusehen…. Ich habe Euer Paket erhalte, wie ich Euch bereits per Postkarte geschrieben habe, und ich habe den Inhalt sofort verzehrt, denn ich wusste nicht, ob ich es später noch tun könnte. Ich habe meinen Sold nach Hause geschickt, denn hier findet man nichts mehr zu kaufen.“

 

Karl Fritz 16. August 1916: Liebe Eltern, liebe Schwester, am 2. haben wir in Saint-Laurent das Alarmsignal gehört. Man hat uns mir Fahrzeugen abgeholt und uns zu einem Ort gebracht, der nur einige Kilometer von der Front von Verdun entfernt war. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, was wir dort gesehen  haben. Wir befanden uns am  Ortsausgang von Fleury…. Wir haben 3 Tage in Granattrichtern liegend verbracht, dem Tod ins Auge gesehen, ihn in jedem Augenblick erwartet. Und dies ohne einen einzigen  Tropfen Wasser zum Trinken und in einem furchtbaren  Leichengestank Eine Granate bedeckt die Leichen mit Erde, eine andere gräbt sie wieder aus. Wenn man sich einen Unterstand graben will, stößt man sofort auf die Toten. …

 

Henri Tourbier (France) Extraits de ses souvenirs. Novembre 1916: „La boue, ah! Cette boue liquide! Dans les boyaux, on en avait parfoir jusqu’aux mollets. Pour s’en protéger, si l’on peut dire, on avait des espèces de bottes, en toile bitumée et semelles de bois qu’on mettait en plus des souliers. Un matin, au sortir du boyau dans lequel on évitait de glisser en jouant des coudes sur les parois, sur le plat sans appui, je mes suis étalé à plat ventre et transformé en homme de boue.

J’allais oublier les rats. Gros comme des lapins, ils couraient entre les lignes. Lors d’un cantonnement, dans un baraquement, nous couchions sur des treillages en fil de fer qui nous séparaient du sol. Les rats pullulaient. Ils vous passaient sur le corps la nuit, on se cachait la figure sous sa couverture pour s’en  protéger. On suspendait les boules de pain par des ficelles attachées aux poutres supérieures. Les rats essayaient d’atteindre les pains en desendant le long des ficelles, mais presque  toujours, ils tombaient sur le  ventre des dormeurs et s’enfuyaient…

(PS: Weitere sehr eindrucksvolle kurze Erfahrungsberichte von deutschen und französischen Verdun-Kämpfern: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-schlacht-um-verdun-erster-weltkrieg-so-furchtbar-kann-nicht-einmal-die-hoelle-sein-1.2839558-7)

 Welche Diskrepanz zu der auf beiden Seiten weit verbreiteten anfänglichen Kriegsbegeisterung, wie sie von Bildern ausrückender Truppen veranschaulicht wird:

waggon Mir juckt die  säbelspitze

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Aber die Hoffnung auf einen kurzen erfolgreichen Krieg hat sich nicht nur im Ersten Weltkrieg als Illusion erwiesen. Beispiele dafür liefert die Geschichte in Fülle – bis auf unsere heutige Zeit….


Drei  deutsch-französische Texte zum Thema

1. Gedenken in neuem Kleid:

Wiedereröffnung des Mémorial von Verdun

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent Paris[2]

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun, die zum Symbol des Massentötens im ersten Weltkrieg wurde. 1969 wurde die Gedenkstätte, das „mémorial“, auf Initiative der Veteranen gegründet. Nun ist das Museum restauriert, erweitert und umgebaut worden.

In modernem Gewand kommt das neue „Mémorial de Verdun“ daher – sein monumentaler, auf Wunsch der Veteranen 1967 errichteter  Vorgängerbau  war vor allem Gedenkstätte gewesen – nicht zum Andenken an „die Gefallenen“, sondern zum Andenken an die gefallenen Franzosen, von einer „nationalen Weihestätte“ zu sprechen, ist nicht übertrieben. Thierry Hubscher, der Direktor des „Mémorial de Verdun“:

„In Verdun haben ungefähr drei Viertel der französischen Truppen gekämpft… Diese Schlacht hat sich bei allen Familien eingeschrieben, jeder hat irgendwie in Verdun gekämpft. Und: Verdun war im 1. Weltkrieg die erste… industrielle Schlacht.“

Materialschlacht, Stellungskrieg, von exzessiver Gewalt, unglaublicher Brutalität und dabei militärisch, schaut man auf das Ergebnis: sinnlos. 310.000 Tote  – schätzt man –  167.000 auf der französischen, 143.000 auf der deutschen Seite, etwa 400.000 Verwundete, insgesamt wurden fast vier Millionen Soldaten in die Schlacht geschickt.

Vieles erhalten, Entscheidendes verändert

 Verdun – ein mythischer Ort für Frankreich – umso mutiger die Entscheidung, den alten Bau zugunsten eines neuen fast völlig verschwinden zu lassen. Im Inneren blieben nur die Betonkonstruktion und der Haupteingang stehen, letzteren ließ das Architektenbüro Brochet-Lajus-Pueyo in einem Erdwall verschwinden: man betritt das Mémorial von unten, wie durch einen Schützengraben, darüber, den Umriss des Vorgängerbaus aufgreifend, ein gläserner Neubau. Man habe, so Thierry Hubscher, den Geist des Mémorial von 1967  unbedingt erhalten wollen – wenn auch etwas Entscheidendes sich geändert habe:

„Das Mémorial war und bleibt ein Ort, dafür bestimmt, der Kämpfer von Verdun zu gedenken. Aber wir sprechen heute von den Kriegsteilnehmern, den Kämpfern von Verdun, es ist egal, welcher Nationalität sie waren. Das ist der rote Faden: „die“ Kämpfenden von Verdun. Und insofern ist das Mémorial von heute auch ein Instrument, um die Schlacht von Verdun darzustellen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, Verdun ist Geschichte geworden  – und also ist es wichtig, der jungen Generation die Schlacht von Verdun zu erklären und zwar mit Mitteln, die sie auch verstehen.“

Die Ausstellungsräume der Szenographen Christian Le Conte und Geneviève Noirot sind schwarz gehalten:

„Man muss die Einzelheiten herausstellen, um ein Nachdenken zu ermöglichen, ein gutes, ruhiges Lesen; man muss mit den Objekte Gruppen bilden, da ist alles französisch, hier ist alles deutsch – um so einen Blick zu ermöglichen auf die eine, wie auf die andere Seite – und so eben auch: einen Parcours durch das Ganze zu schaffen.“

Man folgt den Schritten der Kämpfenden – Granatsplitter, Menschenknochen,  Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Alltagsgegenstände. Erst Uniformen und Gewehre, dann Geschütze, deutsche wie französische, ebenso: Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer – die Schlacht wird „industrieller“:  im Zentrum des Gebäudes: eine von Schaukästen eingefasste 3D-Karte des Schlachtfeldes, Fotos kämpfender  Soldaten mosaikartig auf Bildschirmen, Filme. Im ersten Stock wird das Hinterland der Schlacht erfahrbar gemacht. Fotos, Dokumente, Schautafeln: Der Alltag des Führungsstabes, Grundzüge der Gefechtsführung, die Arbeit der Ärzte in den Lazaretten, das Leben der Zivilisten, die schwierige Kommunikation, die mühsame Nachschubbeschaffung. Leihgaben kommen auch aus deutschen Museen; wahrlich beeindruckend dieses Mémorial de Verdun: eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Im zweiten Stock dann steht man ganz oben und sieht rundherum: das Schlachtfeld – einhundert Jahre danach, hügelig, bewaldet, unendlich groß.


2. Leitartikel von Libération vom 21.2.2016

Laurent Joffrin:  Verdun, le crime nationaliste

Témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû, c’est rappeler les dangers du souverainisme et la nécessité de continuer à construire une Europe unie.

ÉDITO  Verdun ? Le symbole même de l’absurdité de la guerre ! Trois cents jours de bataille, quelque 300 000 morts, des souffrances sans nom et une débauche d’héroïsme pour revenir, un an plus tard, aux mêmes positions, dans une boue de terre, de sang et d’ossements. En Allemagne et en France, on célèbre le centenaire d’un carnage aberrant, né de la sanglante folie des hommes, décuplée par la puissance meurtrière de l’industrie. Pourtant, cette lecture édifiante ne suffit pas. A beaucoup d’égards, elle est même trompeuse et peut endormir une vigilance politique dont nous avons plus que jamais besoin.

D’abord parce que l’invocation de la simple folie n’épuise en rien les explications du massacre. Les soldats qui sont morts à Verdun n’étaient pas des fous, pas plus que les généraux qui les ont conduits à l’abattoir dans le fracas des canons et le crépitement des mitrailleuses. Les historiens ont longuement analysé la motivation des combattants. Ils ont écarté les interprétations bien-pensantes, de droite ou de gauche. Les poilus de Verdun, pas plus que les «Feldgrau» allemands, ne sont pas allés se faire tuer dans l’enthousiasme patriotique qu’on a décrit. Mais leur courage sous le feu n’est pas seulement né de la contrainte imposée par des ganaches ivres de gloire et de revanche. Le sacrifice a été largement consenti, comme un devoir civique qu’on estimait légitime et inévitable, sans joie mais sans colère. Ni fanatiques ni simples marionnettes… Les «mutins» eux-mêmes, justement réhabilités par Lionel Jospin, Jacques Chirac et François Hollande, n’étaient ni des lâches, ni des déserteurs, ni des objecteurs de conscience. Ils refusaient de monter à l’assaut pour rien. Mais ils ne fuyaient pas le champ de bataille.

Et surtout, tous ces soldats sacrifiés pensaient se battre pour un idéal. Les Français se croyaient engagés dans une «guerre du droit» que les exactions allemandes du début de la guerre semblaient justifier ; les Allemands étaient mus par la peur de l’encerclement que l’alliance franco-russe avait matérialisée. Des deux côtés, la cause semblait juste. Pour ces raisons, les combattants de Verdun méritent le respect dû au sacrifice, et non la commisération désinvolte accordée aux victimes ou aux simples d’esprit.

Un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie

L’affaire, en fait, est bien plus politique. Verdun, comme la Somme ou le Chemin des Dames, n’est pas né de la folie mais de l’idéologie. Verdun, c’est le paroxysme infernal du nationalisme. La montée en puissance des Etats-nations, qu’aucune sagesse internationale n’a réussi à dompter au XIXsiècle, a créé le nationalisme, le militarisme, la volonté de conquérir, la domination de la raison d’Etat sur les droits universels, la paranoïa des gouvernants qui pensent que l’ennemi veut les détruire à la première occasion, parce qu’ils remuent envers lui des pensées analogues. La peur de Poincaré et des généraux russes face à la puissance allemande a pour pendant la panique de Guillaume II ou des généraux autrichiens devant l’impérialisme russe ou l’esprit de revanche des Français. Ces logiques sont irrésistibles, comme le montre le formidable livre de Christopher Clark (1). Volontaires ou non, conscients ou irresponsables, les leaders européens ont conduit comme des somnambules le continent à l’abîme, ruinant des nations entières, tuant des millions d’hommes et de femmes, brutalisant les sociétés modernes, annonçant d’autres carnages de masse, faisant naître dans la convulsion les deux totalitarismes, nazi et stalinien, qui ont ensanglanté le XXe siècle.

Or, on n’a trouvé qu’un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie, qui écarte pour des générations le spectre de la guerre. Cette Europe même qui se défait aujourd’hui sous la poussée des souverainistes, impuissante devant la crise migratoire, incapable de rassurer les peuples et de contenir l’effrayante renaissance des fanatismes identitaires. On dira que nous sommes loin d’un conflit armé, que les populismes européens ne sont pas militarisés, qu’aucune volonté de conquête n’anime les sociétés européennes. On dira en un mot que nul ne songe à se battre. C’est faire preuve d’un aveuglement stupide. L’Histoire, dont la cruauté éclate à Verdun comme dans tant de lieux, montre qu’une fois le diable nationaliste sorti de sa boîte, il n’y rentre pas sans de grands massacres. On croit la paix établie, on vit dans l’oubli de la guerre. Pourtant, sous nos yeux, à quelques centaines de kilomètres de Paris, le nationalisme soudain ressuscité par la chute du communisme a ravagé les Balkans il y a vingt ans et il a déclenché une guerre en Ukraine qui est toujours en cours. La guerre impossible ? Dangereuse naïveté à l’échelle de l’Histoire ! C’est donc une irresponsabilité insigne que de laisser dépérir l’idéal européen sous prétexte de difficultés transitoires à l’échelle du temps long, comme les migrations ou la crise de l’euro. Le souverainisme est criminel. Il faut le rappeler inlassablement : l’union du continent est notre seule parade contre la violence constitutive des sociétés et des nations. C’est la seule manière de témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû.

  • Christopher Clark, «Les Somnambules, comment l’Europe a marché vers la guerre», Flammarion

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3. Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis in Deutschland und in Frankreich

Contribution de Wolf Jöckel  à la réunion de la GIAA du 24.5.14

La première guerre mondiale ne joue pas –contrairement à la France- un grand rôle dans notre mémoire. Pour moi c’est frappant et touchant, de voir avec quelle intensité on se souvient de cette guerre-là en France. Il n’y a  rien de comparable en Allemagne.

L’historien Nicolas Offenstedt, un des spécialistes   français de la première guerre mondiale, a établi une typologie des différentes formes de mémoire de la première guerre mondiale.  D’après lui il s’agit en France d’une  mémoire sociale, c’est à dire une mémoire bien ancrée dans la société. En Allemagne par contre c’est une mémoire occultée.

La différence est déjà visible dans la terminologie. En France on parle de la Grande Guerre, en Allemagne on utilise uniquement l’expression  la première guerre mondiale.

Cette  différence  devient évidente si l’on compare les lieux de mémoire: En France les monuments aux morts sont  implantés au milieu de toutes les villes et tous les villages, en Allemagne ils se trouvent  plutôt installés dans les cimetières ou dans les églises, en tout cas ils sont moins visibles. (Lors de ma visite récente dans la ville allemande, où j’habite/j’ai habité 30 ans -Oberursel, près de Francfort-, j’ai découvert qu’il y a aussi un monument pour les morts de la première guerre mondiale : Une grande colonne avec un Jésus grandeur nature près de l’église protestante- donc pas un lieu très centrale,  parce que la ville était jusqu’à la deuxième guerre mondiale une ville presque exclusivement catholique. Jusqu’à maintenant je n’ai pas remarqué la destination de cette colonne ni l’inscription : Pour honorer la mémoire des morts, pour que les vivants se souviennent et que la jeunesse comprenne/apprenne.  1914- 1918. (Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung, der Jugend zur Lehre.)

Il y a plusieurs explications pour cette différence:

  • L’Allemagne a perdu la guerre- donc aucune vénération de l’héroîsme victorieux des combattants était
  • La guerre ne se déroulait pas sur le sol allemand – à quelques exceptions- contrairement en France où la guerre s’est creusée dans le paysage et où elle a laissée d’ innombrables lieux de mémoire– comme à Verdun, dans la Marne ou dans la Somme.
  • Mais surtout et c’est décisif : pour nous, Allemands, la seconde guerre mondiale  c’est la grande guerre –même si on n’emploie pas cette expression. Parce qu’elle a eu des conséquences atroces et énormes: les provinces à l’est de l’ Oder furent  annexées par la Pologne et l’Union soviétique (la Silésie, la Poméranie, la Prusse orientale, dont la population fut expulsée), il y a eu un nettoyage ethnique en Europe centrale et en Europe de l’Est –au total plus de 12 millions d’Allemands ont dû fuir ou furent expulsés; toutes les grandes villes allemandes furent détruites par les bombardements, le pays fut occupé et divisé, des familles déchirées, l’Allemagne était devenue  le théâtre d’une éventuelle troisième guerre mondiale et les Allemands ont dû vivre avec la culpabilité pour cette guerre terrible et pour l’extermination des juifs.

Mais qu’est-ce qui reste quand même de la première guerre mondiale dans la mémoire collective allemande, qu’est-ce qui est encore présent de cette guerre dans le débat public allemand?

A mon avis ce sont trois aspects:

  1. La réserve de l’Allemagne quant aux engagements militaires
  2. Le traumatisme de l’inflation
  3. La question de savoir où sont les responsabilités  pour le déclenchement de cette guerre

Ad 1:  L’anti-interventionnisme militaire allemand  est certainement surtout un produit de la seconde guerre mondiale. Mais la première guerre mondiale a aussi   contribué à cette réticence allemande. Les deux guerres sont souvent mises en relation  sous le titre d’une autre  guerre de trente ans,  à l’origine de laquelle il y aurait  l’impérialisme allemand et le  militarisme prussien. Le changement radical de cette tradition allemande était un but primordial des alliés et on peut dire qu‘il fut internalisé par les Allemands et surtout par les jeunes Allemands d’après-guerre grâce à une éducation antifasciste et démocratique.

Donc  il est bien compréhensible que l’Allemagne soit  très réservée au sujet des actions militaires par ex. en Irak, en  Libye,  au Mali ou en Centrafrique.  Contrairement à la France où le  président  Sarkozy s’enorgueillit d’envoyer  des avions Mirage à la Libye et où le président  Hollande parle d’une „belle mission” en Centrafrique. Un discours pareil serait totalement impossible en Allemagne. Pour nous la mission de la Bundeswehr était longtemps limitée à la stricte défense  des frontières allemandes où de l’OTAN.  Pour justifier le premier  engagement extérieur de la Bundeswehr,  dans les Balkans,  le ministre des affaires étrangères de cette époque, Joschka Fischer, a parlé de la nécessité d’empêcher un nouvel  Auschwitz! Donc  un „plus jamais ça“  allemand –celui de plus jamais Auschwitz- était appliqué pour contourner  le principe de la stricte réticence militaire allemande.  (En France la situation est bien différente  à cause de la tradition coloniale de la « grande nation », de la conception française de l’intervention humanitaire et, bien-sûr, du traumatisme de « Munich »)

Ad 2:  Deuxième aspect: Le traumatisme allemand de l’inflation: L’inflation a déjà commencée pendant la guerre, mais elle était surtout une conséquence; conséquence du financement de la guerre (le slogan allemand : J’ai donné de l’or pour le fer) les réparations énormes dictées par les vainqueurs et l’occupation de la Ruhr par les troupes françaises 1923.  Mon grand -père n’a jamais parlé de la première guerre mondiale. Mais il a souvent parlé de l’inflation de 1923, et cela m’a beaucoup impressionné: Au début de l’année,  il  touchait son salaire chaque mois comme d’habitude. En novembre il était payé chaque jour et c’étaient tellement de billets  que mon grand-père  devait prendre un caddie pour les transporter.  Et, après avoir reçu l’argent,  il s’est précipité dans le magasin le plus proche, pour acheter hâtivement quelque chose, avant que l’argent reçu n’ ait déjà perdu sa valeur.  Quand j’étais enfant  je collectionnais des timbres et je pouvais très bien voir combien le coût d’une lettre a évolué: Au début de l’année c’était un Reichsmark, puis cent, puis mille, puis dix mille, et en novembre enfin un milliard!  Il faut s’imaginer ça!

La conséquence de ce processus était l’expropriation et la paupérisation des couches moyennes surtout, qui ont perdu toutes leurs économies, ce qui a favorisé l’essor de Hitler. Et cette inflation joue un rôle majeur dans la mémoire allemande.  Parmi les angoisses des Allemands  – d’après des sondages d’opinions actuels-  la première place est tenue par la peur de l’inflation, après c’est la peur de l’endettement de l’Etat même si  le budget de l’Etat allemand est équilibré et  si l’endettement de l’Etat  diminue. Et c’est encore plus étonnant  parce qu’on parle actuellement en Europe beaucoup d’un danger de déflation. Mais les Allemands ont depuis 1923 peur d’une nouvelle inflation… tellement cet événement et ses conséquences sont ancrées dans la mémoire.  (En France  par contre- la peur primordiale est la peur de chômage et au deuxième rang  la peur d’une dégradation de la situation économique). La traumatique peur allemande de l’inflation explique aussi  le statut spécifique de la BCE: La France  avait demandé l’introduction de l’Euro en échange de son consentement à la réunification. Pour l’Allemagne une condition sine qua non pour renoncer au Deutsche Mark  était que la BCE soit construite d’après le modèle de la Bundesbank – et au lieu de la Bundesbank, à Francfort-  avec la tache primordiale de garantir la stabilité des prix. (Et par conséquence  le financement des états membres était exclue – parce que potentiellement source d’inflation).

Ad 3: Troisième aspect: La question de la responsabilité pour la première guerre mondiale. S’ il y a quelque chose, qui joue un rôle dans cette année de commémoration en Allemagne, c’est cette question. Elle était déjà posée pendant la guerre elle-même et surtout après la guerre, à cause de l’article 231 du Traité de Versailles, qui a attribué à l’Allemagne et l’Autriche la seule culpabilité pour cette guerre.  Les Allemands ont dans leur grande majorité vécu cette article comme une des injustices du „diktat de Versailles“. Pour la plupart des Allemands,  cette guerre était une guerre défensive, d’où  l’approbation des crédits de guerre par la majorité des socialistes dans le Reichstag. Et l’historiographie allemande a vu dans les années vingt son devoir –plutôt politique- de prouver, que l’Allemagne n’était pas le seul responsable de la guerre. Mais c’était similaire dans d’autres pays, que l’historiographie était au service de la politique. On sait par ex., qu’ en France même des documents furent retouchés pour soutenir le rôle strictement défensif du pays  et que le grand historien français de la Grande Guerre dans les années vingt, Pierre Renouvin,  a reçu des moyens du gouvernement français pour prouver la justesse de l’article 231.

Au début des années 60,  il y eut en Allemagne une polémique très vive sur les thèses du professeur Fritz Fischer, qui a voulu prouver la seule responsabilité de l’Allemagne pour la première guerre mondiale. D’après lui l’Allemagne a déclenché la guerre pour devenir une puissance mondiale comme la Grande Bretagne ou même en la dépassant.  Cette thèse était pour nous jeunes étudiants très appropriée pour nos discussions avec la génération de nos pères. Mais Fischer s’était  totalement concentré sur l’Allemagne et s’est appuyé seulement sur des documents allemands. Aujourd’hui on sait, qu’aussi l’Autriche-Hongrie,  la Russie, la Serbie, même la Grande Bretagne  et bien-sûr la France ont joué un rôle important dans le déclenchement de la première guerre mondiale. Maintenant il y a des monographies sur ces sujets. Et il y a „Les Somnambules“, le grand exposé de l’historien australien Clark sur les responsabilités partagées. Le livre de Clark, publié l’année dernière, était et reste un succès énorme en Allemagne.

L’intérêt actuel pour les origines de la Grande Guerre en Allemagne n’est pas seulement une conséquence du centenaire de 1914. Et non plus seulement de la volonté, de libérer l’Allemagne d’un complexe de culpabilité pour toutes les catastrophes du siècle dernier. Mais ce succès a ses origins aussi dans  la crise ukrainienne, où on parle déjà d’une troisième guerre mondiale. On sait que John F. Kennedy a lu pendant la crise des missiles à Cuba le livre de Barbara Tuchman “August 1914”. Et maintenant en lisant le livre de Christopher Clark on peut se demander s’ il n’y pas parmi les acteurs de la crise pas mal de somnambules, qui n’ont pas assez de conscience de ce qu’ils font.  Et je crois, que le très fort engagement allemand d’encourager une solution pacifique de cette crise, vient aussi de la volonté de n’être pas en 2014 un somnambule comme cent ans avant.

Anmerkungen:

[1] François-Guillaume Lorrain:  Un mythe français. Pourquoi et comment cette bataille a si vite marqué nos mémoires? In: Le Point 1916. Mémorial de Verdun, 100 ans après. Édition spéciale

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/gedenken-in-neuem-kleid-wiedereroeffnung-des-memorial-von.2165.de.html?dram:article_id=34606

[3] Aus: Weimarer Republik. Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln. Berlin 1977

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